Die Sonntagspredigt
05. September 2010
23. Sonntag im Jahreskreis
Franziskanische Freiheit
von Br. Georg Greimel, KapuzinerWeish 9,13-19; Phlm 9b-10.12-17; Lk 14,25-33
Bei der Fahrt mit der Franziskanischen Gemeinschaft Burghausen nach Sachsen-Anhalt und Sachsen kamen wir im August nach Halberstadt und Bautzen. In Halberstadt faszinierte uns die Franziskanerkirche durch ihre schlichte Einfachheit. Die ersten Franziskaner hatten dort noch zu Lebzeiten des hl. Franziskus 1223 Fuß gefasst. Nach den Wirren der Geschichte wurde das Kirchenschiff nach der Wende in den 90er Jahren wieder hergestellt und an den wunderschönen Chorraum angeschlossen. Auf alles Überflüssige wurde verzichtet. So steht jetzt der ausdrucksstarke Sakralraum wohl so da, wie ihn der hl. Bonaventura auf dem Generalkapitel in Narbonne 1260 für die Franziskaner festgeschrieben hatte. Es gibt also einen freiwilligen Verzicht auf scheinbar Notwendiges, wie etwa Säulen, oder auf unnötigen Schnickschnack auch in der Baukunst.
In Bautzen besuchten wir das ehemalige Stasigefängnis, heute Gedächtnisstätte an den Terror des Sozialismus vor allem an den eigenen Bürgern, die dem Regime und dem Unrecht Widerstand leisteten. Da hörten wir in beeindruckender Weise von einem gewaltsamen verzichten Müssen auf die grundlegenden Menschenrechte und -würde. Und es gibt den freiwilligen Verzicht auf schöne und angenehme Dinge des Lebens. Mehr davon hören wir im Evangelium. Freiwillig sollen Menschen verzichten auf ihren ganzen Besitz. Das ist eine zunächst sehr unangenehm erscheinende Bibelstelle am heutigen Sonntag. Was steckt hinter dieser Forderung und was will sie sagen?
Gering achten bedeutet hier nicht verachten, sondern es bedeutet Distanz gewinnen, Abstand halten, sich innerlich und äußerlich trennen von jemandem oder etwas. Sich für gering achten meint und bedeutet hier das Gegenteil von Selbstverliebtheit oder der Neigung, sich selbst nur ins rechte Licht zu setzen. Jesus ruft hier nicht zu etwas Negativem auf, er ermutigt zu einer großen Freiheit. Wir sollen frei werden von der Verflechtung in der Familie, in der alles wie gehabt weitergeht, und frei werden von einer Ich-Verliebtheit, die immer wieder blind macht.
Manchmal vereinnahmt die Familie einen Menschen ganz und gar und schiebt sich zwischen den einzelnen und dem, was Gott von ihm erwartet. Jesus prangert mit einer einzigartigen Treffsicherheit die mögliche Tyrannei der vereinnahmenden Familie an. Das Jesusbild der Evangelien kann durchaus hilfreich sein für junge Menschen, die sich abnabeln und selbständig werden wollen. Denken wir an den zwölfjährigen Jesus im Tempel. Bei Jesus hat dieses Abnabeln eine Perspektive, eine neue Verbindlichkeit, eine von innen her bejahte Bindung an seinen Gott und an die Großfamilie Kirche.
Wer mein Jünger sein will, der nehme sein Kreuz auf sich und gehe hinter mir her. Da gibt es zunächst nichts zu beschönigen. Wer hinter Jesu hergeht, wird seine Last teilen und sein angesehen Werden des letzten Platzes. Alles, was uns etwas wert ist, kommt darin nicht mehr vor, kommt nicht mehr zur Geltung und hilft für das Himmelreich nicht weiter. Hier ist zunächst eine größte Missachtung gemeint. Aber hier geht es nicht nur um die geschundene und missachtete Schöpfung. Hier nimmt der Kreuztragende den Machtmissbrauch, die Vergötzung der eigenen Vorstellung und die Ungerechtigkeit freiwillig an und lässt sie sich auf die Schultern legen. Durch diese freiwillige Übernahme entlarvt er den Missbrauch der Macht, enttarnt er die Vergötterung des Ego und zeigt menschenverachtendes Unrecht auf.
Bei dieser Evangeliumsstelle bekommen wir insgesamt den Eindruck, wir sollen so werden, wie Gott uns haben will. Das klingt positiv gegenüber einem Irrtum, der meinen könnte, das Christentum, das hier im Kapitel 14 bei Lukas erwartet wird, sei leibfeindlich asketisch und damit ausgesprochen freudlos. Aber hier wird kein Wort gegen den Leib oder gegen die Freude verloren. Es scheint hier viel mehr die ?franziskanische? Freiheit auf. Es ist die Freiheit, die der hl. Franziskus von Assisi vor 800 Jahren gegenüber Menschen und Dingen wieder entdeckt hat. Sie bringt ein Höchstmaß von innerem Frieden und Freude hervor. Franziskus konnte nichts mehr verlieren, weil er sich freiwillig von allem getrennt hatte. So wurde er ganz frei und konnte sich kindlich freuen über alles, über jeden Sonnenstrahl und jeden frischen Windhauch, über jeden Menschen, der zu Gott zurückfindet und über jedes Tier, das leben darf. Die Freiheit von der Bindung an die eigene Familie tauschte er ein mit der Bindung an den höchsten, allmächtigen Gott, der ihm in der großen Schar der Brüder - und später Schwestern - eine neue Familie schenkte.
Die Frage nach der richtigen Bindung im Leben, nach der ehrlichen Loyalität und nach Gruppeninteressen läuft immer darauf hinaus, dass wir letztendlich an den einen Gott gebunden bleiben und deshalb für ihn da sind und auf ihn hin leben.
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