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Prediger der Woche ist P. Franz Seraph Barz, Altötting


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Predigtdienst wird weiblicher

Seit Beginn des Jahres 2013 beteiligen sich neben den Brüdern Kapuziner auch einige den Kapuzinern nahestehende Theologinnen am Internet-Predigtdienst auf dieser Seite. Ohne Zweifel werden sie durch ihre weibliche Sicht auf Gottes Botschaft die sonntägliche Auslegung der Hl. Schrift hier spürbar bereichern.
Die Sonntagspredigt

Die Sonntagspredigt

15. März 2015
4. Fastensonntag

Das Angebot der Liebe

von P. Franz Seraph Barz, Kapuziner

In jener Zeit sprach Jesus zu Nikodemus: Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der (an ihn) glaubt, in ihm das ewige Leben hat. Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat. Denn mit dem Gericht verhält es sich so: Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse. Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.

Seit es Menschen gibt, haben sie sich angestrengt bemüht, dem Geheimnis ihres Daseins auf die Spur zu kommen und über die sichtbare Welt hinaus zu dem vorzudringen, was ihren Augen grundsätzlich verborgen ist. Aber alle ihre Bemühungen waren von vornherein zum Scheitern verurteilt; denn "niemand hat Gott je gesehen" - so stellt der Eingangshymnus des Johannes-Evangeliums fest (1,18). Gott blieb sogar für die Angehörigen des auserwählten Volkes Israel, denen Er sich durch Mose und die Propheten in einzigartiger Weise geoffenbart hat, ein unergründliches Geheimnis. Aber eine ungefähre Vorstellung über Gottes Wesen ist für unser menschliches Selbstverständnis unverzichtbar. Wer von Gott und seinem Willen keine Ahnung hat, der versteht auch sich selbst nicht und weiß nichts vom Sinn und Auftrag seiner irdischen Tage.

Das Johannes-Evangelium verkündet uns am 4.Sonntag der Fastenzeit (3,14-21) eine befreiende Botschaft: "Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass Er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an Ihn glaubt, nicht verlorengeht, sondern das ewige Leben hat." Der so unendlich ferne und unbegreifliche Gott hat durch seinen Sohn Jesus Christus uns Menschen sein Wesen enthüllt, uns sein tiefstes Geheimnis zu erkennen gegeben. In Ihm weilt Gott mitten unter uns.

Die Propheten und sogar noch Johannes der Täufer stellten sich den kommenden Messias als einen strengen Richter vor, der im Auftrag Gottes über die Menschen ein unerbittliches Gericht vollziehen und sie zur Befolgung der Schöpfungsordnung zwingen werde. Gott dagegen "hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit Er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch Ihn gerettet wird". In Jesus hat Gott der Welt kundgetan, wer Er ist: überströmende Liebe, die nie endet. Wie Gott Abraham aufforderte, seine Heimat, sein Verwandtschaft und damit seine gesicherte Existenz aufzugeben, um zum Segen für zahlreiche Völker zu werden - so hat Gott seinem einzigen Sohn zugemutet, auf die Herrlichkeit der himmlischen Welt zu verzichten, sich selbst zu erniedrigen und sein Leben mit dem der Menschen zu teilen.

Das Schicksal Jesu lässt uns erkennen, dass die Liebe Gottes sogar vor der völligen Selbstpreisgabe nicht zurückschreckt. Als die Juden sich über die Verkündigung Jesu empörten und Ihn zu verfolgen begannen, zog Gott sein Heilsangebot trotzdem nicht zurück, sondern Er liebte die Menschen bis zur letzten Konsequenz - bis zur Auslieferung seines Sohnes in den qualvollen Tod am Kreuz. Jesus sprach bei seiner Abschiedsrede im Abendmahls-Saal zu seinen Jüngern: "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt" (Joh 15,13). Gott hat durch den Tod seines Sohnes bewiesen, dass wir Menschen seine geliebten Kinder sind, und dass Er diese allergrößte Liebe, von der Jesus spricht, uns unbeirrbar schenkt. Auf Golgotha hat Gott sein unüberbietbares und unwiderrufliches Ja zur gesamten Menschheit gesprochen.

Dadurch, dass Gott seinen Sohn in die Welt gesandt und Ihn der Misshandlung durch die Menschen preisgegeben hat, ist der geheimnisvolle Gott kein Gott der Philosophen mehr, den man zum Gegenstand hochgeistiger Überlegungen und tiefschürfender Erklärungen machen kann, den man zu durchschauen glaubt und in ein System von Lehrsätzen einzufangen versucht. Gott ist auch kein Trostpflaster, mit dem man die Menschen, die leiden müssen, auf das Jenseits vertröstet. Gott ist noch weniger ein grausamer Herrscher, mit dem die Mächtigen dieser Erde ihre Gewaltmethoden rechtfertigen können. Gott ist kein Gott der Ideen, sondern des konkreten geschichtlichen Handelns, der durch das Sterben seines Sohnes die ganze Menschheit von der Macht der Sünde und des ewigen Todes befreit hat. Das Kreuz ist deshalb bis zum Ende der Welt das Zeichen, durch das Gott uns das Geheimnis seines Wesens enthüllt und uns seine Liebe erweist.

Durch den Opfertod Jesu ist die gesamte Menschheit in die Situation des Heiles hineingestellt und zur Vollendung in der Ewigkeit Gottes berufen. Damit dieses Angebot am einzelnen Menschen Wirklichkeit werden kann, stellt Gott allerdings eine Bedingung, von der Er keine Ausnahme macht: Wir müssen glauben, dass in Jesus von Nazareth Gottes Sohn ans Kreuz genagelt wurde und für unsere Sünden gestorben ist. Zu dieser Heilstat Gottes ja zu sagen, hat allerdings ein großer Teil der Menschheit keine Neigung. Sie vertrauen auf ihre Intelligenz, sie glauben an ihre Macht über die Welt, an den Fortschritt und an eine immer großartigere Zukunft, die sie selbst herbeiführen. Die Botschaft von der Erlösung aller Menschen durch den Opfertod Jesu widerspricht ihrem natürlichen Empfinden und steht in unvereinbarem Gegensatz zu ihrer grundsätzlichen Lebenshaltung.

An diese Menschen richtet Gott eine eindringliche Warnung. Wer seinen Blick nur auf die irdische Welt wirft oder sich bewusst von Gott abwendet, in dem herrscht Finsternis - er ist blind und taub für das Angebot der Liebe, des Lichtes und des Lebens. Ein solcher Mensch legt durch sein Verhalten Zeugnis gegen Gott ab. Er steht selbstverständlich außerhalb der Gemeinschaft mit Gott und hat keinen Anteil an seinem Leben. "Weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat", hat er sich durch seine Entscheidung selbst das Urteil gesprochen.

Für den Glaubenden dagegen, in dem der auferstandene Herr durch die Gnade ständig gegenwärtig ist, hat die endgültige Zukunft bereits begonnen. Die volle Gemeinschaft mit Christus ist allerdings nur in der gelebten Nachfolge möglich und nimmt unsere ganze Persönlichkeit in Anspruch. Wir erfahren sie nur in dem Maß, in dem wir uns bemühen, die Weisungen Jesu und sein Vorbild im eigenen Leben zu verwirklichen. Wer erkannt hat, dass im Kreuz uns Menschen die Liebe Gottes in unüberbietbarer Fülle aufstrahlt, der wendet seinen Blick von den vergänglichen Gütern auf das Unsichtbare - auf das, was bleibt. Ein solcher Mensch sucht immer weniger sich selbst und seinen Vorteil, sondern er fühlt sich gedrängt, die Liebe, die Gott ihm schenkt, an seine Mitmenschen weiterzureichen, vor allem an die, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Wer sich diesem Angebot Gottes öffnet und sich von der Gnade immer stärker läutern und verwandeln lässt, der darf auch die Gewissheit haben, dass Gott ihm einmal die Vollendung in seinem himmlischen Reich gewähren wird.

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