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Seit Beginn des Jahres 2013 beteiligen sich neben den Brüdern Kapuziner auch einige den Kapuzinern nahestehende Theologinnen am Internet-Predigtdienst auf dieser Seite. Ohne Zweifel werden sie durch ihre weibliche Sicht auf Gottes Botschaft die sonntägliche Auslegung der Hl. Schrift hier spürbar bereichern.
Die Sonntagspredigt

Die Sonntagspredigt

30. November 2014
1. Adventsonntag

Schlafen wir nicht!

von Bernd Kober, Kapuziner

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Seht euch also vor und bleibt wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. Es ist wie mit einem Mann, der sein Haus verließ, um auf Reisen zu gehen: Er übertrug alle Verantwortung seinen Dienern, jedem eine bestimmte Aufgabe; dem Türhüter befahl er, wachsam zu sein. Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt, ob am Abend oder um Mitternacht, ob beim Hahnenschrei oder erst am Morgen. Er soll euch, wenn er plötzlich kommt, nicht schlafend antreffen. Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Seid wachsam! Mk 13,33-37

"Wer schläft, sündigt nicht", so lautet ein Sprichwort. Ob das stimmt? Für den gewöhnlichen Schlaf vielleicht - aber es gibt viele Formen, zu schlafen und zu verschlafen. Die Augen schließen und verschlafen kann Vermeidung sein oder Flucht, Ausweichen oder Feigheit. Unsere Sinne und unser Geist können schlafen, obwohl wir scheinbar hellwach durch die Straßen gehen - weil wir Sinne und Geist, Gespür und Denken nicht schulen, nicht wachhalten, nicht offen halten für Begegnungen und Berührungen aller Art; weil wir vielleicht der vielen Informationen aus Internet und Nachrichten müde geworden sind. Wer schläft, die Wirklichkeit verschläft, der kann sehr wohl sündigen - durch das bewusste Verschließen der Augen und Ohren und schließlich auch des Hauptorgans des Menschen: des Herzens.

Im Evangelium ist das Schlafen und Verschlafen keine Option. Selbst im Schlaf sind die Menschen hellwach: denken wir an Josef, der immer sensibel ist für seine Träume. Er ist selbst im Schlaf empfangsbereit für den Finger Gottes, der ihn anstößt: Nimm Maria zu dir! - Bring das Kind und seine Mutter in Sicherheit! - Kehre zurück in deine Heimat! Oder denken wir auch an Paulus, der im Traum den Auftrag erhält, sein missionarisches Wirken nach Griechenland zu erweitern. Und die Jünger, die verschlafen aus der Wäsche schauen am Tabor, am Ölberg und auch manches Mal bei der Predigt Jesu - Jesus motiviert sie immer neu: Bleibt wach! - Seht doch! - Erkennt! Ja, wer nicht hellen Auges und wachen Sinnes die Zeichen der Zeit beobachtet und wahrnimmt, wer nicht weitsichtig denkt und erweckten Geistes plant, den könnte es treffen wie die törichten Jungfrauen: sie kommen zu spät, die Tür ist schon geschlossen, die Einladung zum Hochzeitsmahl verwirkt. Man kann das Gottesreich verschlafen. Der lustige Kinderreim zum Advent kann existentielle Bedeutung erhalten: "Advent, Advent, ein Lichtlein brennt ... und wenn das fünfte Lichtlein brennt, dann hast du Weihnachten verpennt."

Unser Evangelium ruft uns deutlich und klar entgegen: Wache! In jedem der fünf Verse kommt das bedeutungsvolle Wörtchen vor: Wache! Am Beginn der Adventszeit werden wir erinnert: "Advent" heißt "Ankunft". Wachbleiben lohnt sich nur, wenn da auch etwas zu erwarten ist. Sich wach halten kann nur, wer unter Spannung steht. Wer schon in Sorge, Angst und dunklem Ahnen Nächte durchwacht hat und keinen Schlaf finden konnte, der weiß, wie sich diese Spannung anfühlt, die nicht schlafen lässt. Christen sollten kaum Schlaf finden können, weil es Spannendes zu erwarten gibtin ihrem Leben - nicht erst am Ende. Wir feiern jetzt Advent - Erwartung. Wir feiern jedes Jahr Weihnachten - Ankunft.

Wenn wir dieses Jahr wieder in den Advent gehen, wenn wir Kerze um Kerze entzünden, dann soll das wachsende Licht verhindern, dass wir einschlafen. Der Herr kommt - nicht fromm im barocken Glanz des Hochamts. Er kommt nicht im Tempel zur Welt. Der Herr kommt als Flüchtling, als Bedürftiger, als Kind, als Bruder, als Schwester, als Mensch. Er schaut uns täglich an - zehnfach, hundertfach ... und er wartet darauf, dass wir die Augen öffnen und endlich seine Augen den unseren begegnen können. Advent heißt, mit offenen Augen durch das Leben gehen, mein Leben öffnen, um dem Nächsten Raum zu schenken. "Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf", so lesen wir wieder festlich im kommenden Weihnachtsgottesdienst. Sein Eigentum sind wir, die Seinen sind wir. Nie geht es um gemauerte Räume und heilige Hallen, immer geht es im Evangelium um den Menschen, um Beziehungen und Begegnungen. Da entstehen geheiligte Räume, wo sich das Dach der Gemeinschaft ausspannt zwischen Menschen, wo das Band der Versöhnung sich breitet von Herz zu Herz, wo Hände sich berühren zum Friedensgruß und Liebende sich umfangen. Dort zwischen den Menschen entstehen Tempel, heilige Räume, in denen Gott ankommt, Mensch wird und lebt. Dann wird der Alltag zum Gottesdienst, der Gottesdienst alltäglich - und Er, Christus, wird geboren und sein Reich greift Raum unter uns. Erwarten wir ihn. Schlafen wir nicht. Es ist Advent. Er will ankommen - hier, in der nächsten Begegnung, bei mir, in diesem Moment. Jetzt.

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