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Seit Beginn des Jahres 2013 beteiligen sich neben den Brüdern Kapuziner auch einige den Kapuzinern nahestehende Theologinnen am Internet-Predigtdienst auf dieser Seite. Ohne Zweifel werden sie durch ihre weibliche Sicht auf Gottes Botschaft die sonntägliche Auslegung der Hl. Schrift hier spürbar bereichern.
Die Sonntagspredigt

Die Sonntagspredigt

03. Mai 2015
5. Sonntag in der Osterzeit

Zeit der Aussaat

von P. Bernd Kober, Kapuziner

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt. Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich zu euch gesagt habe. Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten. Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet. Joh 15,1-8

Der Frühling motiviert viele Menschen: Die Wärme, die Farben, der Geruch, die Vogelstimmen, das aufbrechende und aufstrebende Leben. Viele zieht es nach draußen, wenn erst Frühlingsspuren sichtbar werden, wenn es wärmer wird nach der Zeit des Winters, da mancher sich einhaust und drinnen bleibt. Schon in diesen kleinen Bewegungen wird sichtbar, wie die Natur zum Bild menschlichen Lebens werden kann, ja, wie der Mensch selbst in die Bewegung der Jahreszeiten und der Natur einschwingt und sich bewegen lässt.

Frühling ist Zeit der Aussaat, des Wachstums. Und Wachstum geschieht in der Natur sehr vielfältig und vielgestaltig. Nie wächst es im Garten und auf dem Balkon hundertprozentig so, wie wir es geplant hatten. Immer ist der Formenreichtum größer, manches wird krumm, anderes bleibt unfruchtbar, drittes will überhaupt nicht zum Vorschein kommen. Die Saat braucht guten Boden, kundige Pflege - und es braucht Geduld, manchmal Jahre, bis das Gepflanzte die ersten Früchte trägt. Wenn wir über das heutige Evangelium nachdenken, könnten uns solche Gedanken in den Sinn kommen, liebe Leserin, lieber Leser. Jesus spricht wieder einmal in Bildern der Natur und des Wachstums von der Wirklichkeit des Menschen, der glaubt. Er spricht von der Rebe, der fruchtbaren, der unfruchtbaren. Und da kommt es ihm auf drei Dinge an: Das Bleiben, die Reinigung, die Fruchtbarkeit.

‚Wo wohnst du?', fragen im ersten Kapitel des Johannes-Evangeliums die suchenden Jünger Jesus. Und sie gebrauchen an dieser Stelle das Wort, das auch hier wiederkehrt: bleiben. Wo bleibst du, so fragen sie eigentlich. In Jesus bleiben, das heißt in ihm zu wohnen, beheimatet zu sein, einen Ort gefunden zu haben, der Halt, Kraft, Geborgenheit und Heimat schenkt. Das ist grundlegend für menschliches Wachstum. Beheimatung begünstigt das gesunde Wachstum, die angstfreie Entfaltung des Menschen. Da fließen lebensstiftende Kraft und Energie, wo einer oder eine wirklich heimatliche Orte und Menschen hat im Leben. In Jesus bleiben heißt, Heimat im Glauben haben: er ist Freund und Gefährte, Bruder und Herr, Menschensohn und Gottessohn - für mich ganz persönlich.

Bleiben wir in Jesus, dann sind wir seine Schwestern und Brüder - mit ihm gehören wir zum Vater. Damit Leben wächst braucht es Geborgenheit. Aber es braucht auch die ‚Reinigung'. Viele Kräfte wirken in uns und um uns herum. Vieles nimmt Kraft und wir sind zerfahren in die unterschiedlichsten Tätigkeiten und Lebenswelten. Reinigung im Bild des Evangeliums meint Konzentration: die Kräfte bündeln, in dem Vielen das Eine Notwendige erkennen, sich entscheiden und auch Nein-Sagen lernen. Das Nein zugunsten eines klaren Ja-Wortes ist der größte Gewinn, den ein Mensch machen kann: das Viele lassen, um sich dem hinzugeben, was Bedeutung hat für mein Leben. Diese Entschiedenheit ermöglicht Tiefe, Sinntiefe, und ist Reichtum - auch wenn wir allerorten motiviert werden, alles haben zu müssen. Die Rebe bringt gute Frucht, wenn die Lebenskraft konzentriert wird und unnütze Zweige abgeschnitten werden ...

Fruchtbarkeit ist das Ziel, zu dem Jesus uns führen möchte: als seine Jüngerinnen und Jünger sollen wir Frucht bringen. Wenn wir allein die zwölf Apostel betrachten, den engsten Jüngerkreis, den uns die Evangelien schildern, dann ist eines ziemlich deutlich: hier gleicht keine Frucht der anderen! Das sind keine normierten, ebenmäßig glänzenden und gleichmäßig farbkräftigen Früchte wie in manchem Supermarkt. So sehr alle dem einen Herrn verbunden sind, aus seinem Wort und seiner Gegenwart leben, so sehr ist doch das Zeugnis der Jünger einmalig und einzigartig: jede und jeder in seiner Art, nach seinem Charakter, mit seinen Talenten. Aus bunten, vielgestaltigen Steinen entsteht das Mosaik der Kirche - keineswegs einförmig und grau. Denn einförmig und grau sind die Gleichnisse und Bilder Jesu an keiner Stelle, denen wir immer neu begegnen, wenn wir sein Wort lesen. Bei ihm ist Frühling zu spüren, nicht Winter: farbiger Aufbruch des Gottesreiches in den tausendfachen Gestalten derer, die ihm folgen.

Kurt Marti, der bekannte Schweizer Dichterpfarrer, schrieb seinerzeit ein kleines Gedicht, das uns nachdenklich machen kann: nachdenklich darüber, wo wir bleiben, wo unsere Wurzeln liegen, woraus wir Lebenskraft und Wachstumskraft schöpfen; nachdenklich auch über die Vielfalt der Fruchtbarkeit, zu der uns Jesus ermutigt. Wie schwer ist es oft, diese Vielfalt zuzulassen, sich entfalten zu lassen bei sich selbst und bei anderen.

Was uns die Bäume lehren
Wer nicht Wurzeln hat,
wächst in keine Zukunft.
Wer eigenen Wurzeln aber nie entwächst,
entfaltet sich nicht zum Neuen,
zum Baum.

Ich wünsche uns allen die Entschiedenheit zu einer tiefen, innigen Christusfreundschaft. Und ich wünsche uns die Weite, Wachstum und Fruchtbarkeit zuzulassen - in den überraschendsten und fantastischsten Formen, wie wir sie in der frühlingshaften Natur in diesen Tagen bewundern und bestaunen können.

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