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Predigtdienst wird weiblicher

Seit Beginn des Jahres 2013 beteiligen sich neben den Brüdern Kapuziner auch einige den Kapuzinern nahestehende Theologinnen am Internet-Predigtdienst auf dieser Seite. Ohne Zweifel werden sie durch ihre weibliche Sicht auf Gottes Botschaft die sonntägliche Auslegung der Hl. Schrift hier spürbar bereichern.
Die Sonntagspredigt

Die Sonntagspredigt

31. August 2014
22. Sonntag im Jahreskreis

Das Kreuz: Gottes Wille?

von P. Dr. Stefan Knobloch, Kapuziner

Mt 16,21-27

In jenen Tagen begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären, er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten vieles erleiden; er werde getötet werden, aber am dritten Tag werde er auferstehen. Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe; er sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen! Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. Darauf sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen? Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommen und jedem Menschen vergelten, wie es seine Taten verdienen. Mt 16,21-27

In unserem Leben bahnen sich bisweilen Entwicklungen an, von denen wir entweder hoffend oder befürchtend, ahnen, welchen Ausgang sie nehmen werden. Das war wohl auch bei Jesus so. Es muss ihm immer klarer geworden sein, dass seine Art des Auftretens und seiner Verkündigung auf eine direkte Konfrontation mit der mächtigen Priesterschaft in Jerusalem hinauslief. Wie würde sie wohl enden? Jesus dürfte darüber lange nachgedacht haben, bevor er sich darin den Jüngern anvertraute. Er ahnte, wie heikel das werden konnte.

Aus dem Evangelium ist das herauszuhören. Denn Jesus "begann" damit, den Jüngern die kommende Konfrontation mit Jerusalem aufzuzeigen. Er begann damit. Er wusste, dass ein schwieriger Prozess bevorstünde, die Jünger in diese Konfrontation mitzunehmen. Die Sätze, die das Evangelium dafür findet, wirken wie gedrechselt, wie geschliffen, wie bearbeitet: Er müsse viel leiden in Jerusalem, werde getötet werden und am dritten Tag auferstehen. Auffallend ist daran mindestens Zweierlei: Zum einen, dass nicht vom Tod am Kreuz gesprochen wird, und zum anderen, mit welcher Selbstverständlichkeit von der Auferstehung am dritten Tag die Rede ist. Als wäre sie eine pure Selbstverständlichkeit. Der Text aber macht deutlich, dass die Jünger allein von der Vorstellung einer Konfrontation ihres Meisters in Jerusalem, die ihn gar das Leben kosten könnte, so schockiert waren, dass sie für den Gedanken an "Auferstehung" überhaupt keinen Raum hatten.

Das zähe Ringen darum, was sich in Jerusalem abspielen könnte, hat sich wohl zwischen Jesus und seinen Jüngern hingezogen. Denn auch von Petrus, dem im vorausgehenden Kapitel des Matthäusevangeliums zum "Fels der Kirche" Erhöhten, heißt es, er "begann" Jesus die erwartete Konfrontation mit Jerusalem nach allen Regeln der Kunst (immer wieder) auszureden. "Meister, Gott ist doch mit dir! Er ist doch gnädig. Da wird nichts passieren!" Diese gedankliche Vorlage war wie schleichendes Gift. Jesus reagiert scharf, ja, mit letzter Schärfe: Hau ab, sagt er zu Petrus. Geh mir aus den Augen! Und er nennt ihn einen Satan. "Du denkst nicht die Gedanken Gottes, du denkst menschliche Gedanken." Die Einheitsübersetzung sagt dafür: "Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen." Eine durchaus problematische Übersetzung, die zu Schlussfolgerungen verleiten kann, die Jesus vollkommen fernlagen. Schnell nämlich hören wir aus dem "was Gott will" heraus, Gott, der Vater, habe exakt den Tod Jesu am Kreuz gewollt. Einen Tod, der in der Römerzeit den Sklaven vorbehalten war. Cicero, der berühmte römische Schriftsteller, nannte die Kreuzigung die ärgste, höchste, grausamste und scheußlichste Todesstrafe. Unter Kaiser Konstantin dem Großen erst wurde sie schließlich abgeschafft.

Du hast nicht im Sinn, was Gott will. So sehr das Kreuz Jesu für uns ein Geheimnis ist und bleibt, und Paulus im Blick auf das Kreuz von Gottes Kraft und Gottes Weisheit spricht (vgl. 1 Kor 2,8), berechtigt das in keiner Weise dazu zu sagen, Gott habe das Kreuz gewollt. Gar in dem Sinn, er habe im schrecklichen Tod seines Sohnes mit uns Menschen versöhnt werden müssen. Die "Gedanken Gottes" waren offensichtlich andere. Ein Einknicken Jesu vor der religiösen Macht in Jerusalem hätte sozusagen den Widerruf seiner gesamten Sendung bedeutet. Es hätte das wiedergewonnene aufkeimende neue Verständnis der Menschen, zumal der Armen, Entrechteten, Unterdrückten, der Liebe, der Nähe, des menschlichen Herzen Gottes in Frage gestellt. Es hätte die Menschen wieder an die alte Fessel strenger, rigoroser und Gott missdeutender Formen der Frömmigkeit gelegt. Eine Gefahr, der freilich auch die Gemeinschaft der Christen - trotz des Lichtes des Auferstandenen - immer wieder erlegen ist und zu erliegen droht.

Wenn uns schließlich das Evangelium dazu auffordert, unser Kreuz auf uns zu nehmen, so ist dies eine Aufforderung der nachösterlichen Gemeinde, die die Erfahrung gemacht hatte, dass das Leben aus dem Glauben kein Zuckerlecken war. Keine Lebensversichehrung, die alle Unbilden des Lebens fernhält. Unser Glaube ist vielmehr das Eintauchen in das Vertrauen auf Gott, auch wenn wir nichts mehr verstehen, auch wenn sich alles verdunkelt, auch wenn alles zum Kreuz wird.

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