Die Sonntagspredigt
20. Mai 20127. Sonntag der Osterzeit
Aus österlichem Antrieb
von Bernd Kober, KapuzinerIn jener Zeit erhob Jesus seine Augen zum Himmel und betete: Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir. Solange ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast. Und ich habe sie behütet und keiner von ihnen ging verloren, außer dem Sohn des Verderbens, damit sich die Schrift erfüllt. Aber jetzt gehe ich zu dir. Doch dies rede ich noch in der Welt, damit sie meine Freude in Fülle in sich haben. Ich habe ihnen dein Wort gegeben und die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin. Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst. Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt. Und ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind. Joh 17,6a.11b-19
Hatten Sie als Kind Angst im Dunkeln? … abends im Bett, wenn die Mutter das Licht ausgeschaltet hatte und gegangen war? „Bitte, lass die Tür einen Spalt weit offen!“ Wie oft haben Kinder wohl schon darum gebeten – wie oft haben Eltern dann die Tür nicht ganz geschlossen, sondern nur angelehnt, damit ein wenig Licht – nur ein ganz wenig reicht schon! – sichtbar bleibt, wie von ganz weit her.
Nicht nur als Kinder suchen wir dieses Licht , wir suchen es ein Leben lang. Wir bitten um den Türspalt in den Nächten und Dunkelheiten unseres Lebens: wir bitten einander, wir bitten Gott. Wir bitten um Licht und Orientierung, um Halt und Wärme; wir bitten um Trost und Treue, um Achtsamkeit und Verständnis, um Nähe und Zuwendung, wenn es dunkel wird in uns und um uns, wenn das Lebenslicht schwächer und bedrohter wird, wenn wir uns selbst nicht mehr auskennen mit unserem Lebensweg, mit seinen Sackgassen und Wendungen. Wir wollen den Weg sehen, wollen Halt finden in der dunklen Haltlosigkeit des Lebens, das uns immer wieder entgleitet; das unkontrollierbar und das erstaunlich ist und bleibt bis zum letzten Atemzug - und das uns schließlich endgültig zwischen den Fingern zerrinnt.
Allmächtiger Gott, wir bekennen, dass unser Erlöser bei dir in deiner Herrlichkeit ist. Erhöre unser Rufen und lass uns erfahren, dass er alle Tage bis zum Ende der Welt bei uns bleibt, wie er uns verheißen hat, so beten wir an diesem Sonntag im Tagesgebet mit der Kirche. Wir stehen in der Zeit nach Himmelfahrt. Wir hören im Evangelium Jesu Wort, das er zum Vater spricht: Jetzt gehe ich zu dir (V. 13). Die Liturgie zwischen Christi Himmelfahrt und dem Fest des Kommens des Geistes ist eine Zwischenzeit, eine Wartezeit. Es ist die Zeit, in der wir uns hoffend ausstrecken nach der Gabe des Geistes, dem Beistand, den Jesus verheißt. Wann und wo wird uns Beistand geschenkt? Wo ist Er in den Nächten des Lebens, wann kommt Er; warum lässt Er so sehr auf sich warten und weshalb erfahren wir oft so wenig von Seinem Bei-uns-Bleiben? Vielleicht ist gerade diese Zeit sehr dicht an der Erfahrung unseres Glaubens, der doch oft auch ein Vermissen und Erbitten der Nähe Gottes ist – mehr als ein Besitzen. Was gibt uns Jesus in dieser Zeit mit auf den Weg?
Ich habe ihnen dein Wort gegeben (V. 14). Wort für uns: rufend, tröstend, bewegend und heilsam spricht Jesus zu den Menschen seiner Zeit wie zu uns. Er selbst ist Trost und Berührung und Mahnung und Offenbarung. Er steht vor uns – und er fordert uns heraus, Stellung zu beziehen ihm gegenüber. Er ruft in die Entscheidung, ob wir uns von seinem Wort bewegen lassen oder ob es abprallt am dicken Fell unserer Festgefahrenheit. Wer Begegnung wagt mit ihm und dem Wort, der muss sich auf Veränderung gefasst machen: der hat plötzlich einen neuen Vater – und Jesus als Bruder an seiner Seite. Diese neuen Familienverhältnisse binden, verpflichten, formen – und wollen Halt geben.
Dein Wort ist Wahrheit (V. 17). Wer das Wort wirklich hört, dessen Leben ordnet sich neu. Je tiefer dieses Wort dringt und klingt, desto weniger kann es fortan Doppelbödigkeiten und Vorbehaltenes geben, desto gründlicher wird mehr und mehr alles geprüft, ob es mit dem Wort zusammenklingt – oder ob es Disharmonien und Missklänge erzeugt. Das Leben steht in einer neuen Wahrheit, in einer neuen Klarheit. Feste Beziehungen verändern das Lebensgefüge: so will auch die Beziehung zu diesem Wort, zum Menschgewordenen selbst unser Leben wahr und ganz werden lassen. Alles wird ins Licht des Wortes geholt, ins Licht der Barmherzigkeit, ins Licht der Orientierung und Wahrheit.
Nicht von der Welt – nicht aus der Welt (vgl. VV. 14-15). Beziehung fordert Entscheidung. Im Leben mit dem Wort ist nicht mehr alles möglich. Entscheidung und Unterscheidung werden zum Thema. Unterscheidung heißt hier nicht Absonderung: Jesus möchte seine Jüngerinnen und Jünger nicht aus der Welt nehmen (vgl. V. 15) - er möchte dass sie - wie er - berührbar sind, erfahrbar, weltzugewandt und bereit zu Begegnung und Dialog. Aber er weiß auch um das, was die Entscheidung der Jünger gefährdet, verwässert und schwächt. Bewahre sie vor dem Bösen, bewahre sie in deinem Namen (vgl. VV. 11.15). Der Gottesname soll über ihnen und in ihnen leuchten und brennen, der Gottesname, der schon am Dornbusch Licht und Feuer war: Ich bin der Ich-bin-da. Das ist mein Name für immer (Ex 3, 14.15).
Gott spricht sein Wort zu uns. Und in seinem Wort leuchtet sein Name. Dieses Vertrauen dürfen wir stärken – in diesem Vertrauen dürfen wir die Schrift lesen und auch unseren Alltag leben, ihn ab-hören nach dem, was Er uns darin zu sagen hat. Karl Rahner bemerkt zur Gegenwart Gottes in den alltäglichen Dingen: Wer als Mensch die kleine Zeit an das Herz der Ewigkeit nimmt, die er selbst in sich trägt, der merkt plötzlich, dass auch die kleinen Dinge unsagbare Tiefen haben, Boten der Ewigkeit sind, ... wie Wassertropfen, in denen sich der ganze Himmel spiegelt. Der Himmel spiegelt sich im Wort des Evangeliums wie in einer Geste der Zuwendung, die uns im Alltag geschenkt wird: so wird die Welt zum Sakrament, in dem die Tür einen Spalt weit offensteht – und Ewigkeit verheißt für den, der glaubt.
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