Die Sonntagspredigt
14. März 2010
Der verlorene Sohn bleibt Sohn
von P. Dr. Stefan Knobloch, Kapuziner
Lk 15,1-3.11-32
In jener Zeit kamen alle alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören.
Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen.
Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte:
Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land, und es ging ihm sehr schlecht. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.
Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner.
Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.
Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an. Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern.
Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet. Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.
Es gibt kaum ein zweites Gleichnis in den Evangelien, das so bekannt ist wie das vom verlorenen Sohn. Aber kennen wir es wirklich, bis in seine Feinheiten hinein? Und treffen wir eigentlich seinen Kern, wenn wir es das Gleichnis vom verlorenen Sohn nennen? Denn am Ende ist er alles andere als der verloren Gegangene, als der im Leben Gescheiterte, als der, der sein Leben verspielt hat.
Und das lag nicht allein am Vater, der den nach Jahren zerlumpt und halb verhungert Heimgekehrten mit offenen Armen aufnimmt, in einer Weise, die nicht zu der Art passt, wie wir in einer solchen Situation gehandelt hätten. Nein, das Gleichnis ist so angelegt, dass man auch am verlorenen Sohn selbst erkennt, dass er sich nicht verloren geben wollte. Hintergründig spielen hier Vater und Sohn - bei aller Trennung über die Jahre - zusammen.
Um zunächst beim Sohn zu bleiben: Indem er sich sein Erbteil aushändigen ließ und in den Freiraum seines jungen Lebens zog, tat er nichts Ehrenrühriges, nichts das Leben Gefährdendes. Aber gerade im Streben, vom Leben möglichst viel, möglichst alles mitzubekommen, geriet er auf die schiefe Bahn, verlor er das Maß. Dann kam eine Hungersnot hinzu. Und er ließ sich etwas einfallen, um zu überleben, wenngleich er seine Ansprüche sehr herabgeschraubt hatte: er wurde Schweinehirt. Hauptsache, er hatte etwas zum Fressen. Aber das hatte er exakt nicht. Wir hören vielleicht das Doppelbödige seiner Situation, sich als Schweinhirt über Wasser zu halten, nicht gleich heraus. Auf der einen Seite wollte er überleben, auf der anderen war er bei Schweinen, dem Inbegriff kultischer Unreinheit, gelandet. Da hatte er in der Tat beinahe endgültig abgewirtschaftet, war er am Ende, war er verloren.
Aber eben auch wieder nicht. Ihm fielen die Lebensverhältnisse bei seinem Vater ein. Wie gut es da die Angestellten und Knechte hätten. Er spielte in Gedanken die Begegnung mit dem Vater durch. Nein; den Status des Sohnes, den hatte er verspielt, so beurteilte er seine Situation, das war ein für alle Mal vorbei. Aber den Status eines Knechtes, den könnte ihm der Vater einräumen. Und so macht er sich auf.
Und nun setzt die Rolle des Vaters ein. Er geht dem Heimkehrenden entgegen. Ist voller Mitleid, schließt ihn in seine Armen und küsst ihn. Das verändert auf der Stelle die innere Verfassung des Sohnes. Er kann gerade noch sagen, dass er es nicht mehr wert sei, sein Sohn zu sein. Dazu, dass er sich lediglich als Knecht verdingen wolle, kommt es nicht mehr. Die Umarmung des Vaters hat ihn wortlos, allein durch die Geste, in den Status des Sohnes eingesetzt. Er, der sich selber nie ganz verloren gegeben hatte, er wird nicht nur irgendwie am Leben gehalten, er ist und bleibt Sohn. Und das muss gefeiert werden, überschwänglich und in der Art von tausend und einer Nacht.
Jesus hat das als Gleichnis erzählt, als ein Gleichnis, das von keinem anderen handelt als von Gott, dem Vater. "Ein Mann hatte zwei Söhne…" Immer wenn Gleichnisse so beginnen, … ein Mann …, dann spricht Jesus von Gott, seinem und unserem Vater. Warum spricht er eigentlich in Gleichnissen? Warum nicht direkt? Weil es Gleichnisse an sich haben, durch die Folie der Verfremdung in ihrer unglaublichen Aussage eher angenommen, eher verstanden und akzeptiert zu werden als ohne diese Verfremdung.
Das Gleichnis sagt das Unglaubliche: So wie der Vater, so ist Gott. So wie der Vater den verlorenen Sohn aufnimmt, so geht Gott mit dem Menschen um.
Plötzlich sind wir in dieses Gleichnis involviert. Plötzlich sind wir gefragt, ob wir unsere Situation vor Gott so einschätzen, dass wir allen Grund haben, dankbar ein Fest zu feiern, das Fest unseres Lebens, auch wenn wir noch so viel verbockt haben, auch wenn wir alles andere als eine reine Weste haben. Zu diesem Vertrauen in Gott will uns das Gleichnis herauslocken. Lassen wir uns locken? Oder leiden wir an den Blockaden des älteren Sohnes, der auch noch ins Spiel kommt?
Der versteht die Welt nicht mehr, als er erfährt, was sich auf dem Hof zu Hause abspielt. Zorn packt ihn. Ungerecht behandelt fühlt er sich vom Vater. Er lässt sogar eine Bemerkung fallen, von der bisher im Gleichnis nicht die Rede war: mit Dirnen habe es der Bruder getrieben. Und jetzt dieses Fest! Der Vater versucht ihn umzustimmen. Ob es ihm gelungen ist? Das Gleichnis lässt es offen. Und gibt damit denen zu denken, die sich gewissermaßen in der Rolle des älteren Bruders dünken, in der Rolle der eigentlich nie vom Wege Abgekommenen, derer, bei denen alles immer richtig lief.
Hier öffnet das Gleichnis einen Blick in den Abgrund. Es deutet ihn nur an: Am Ende könnte der ältere Bruder in die fatale Rolle des verlorenen Sohnes geraten, weil er mit dem Vater und seiner Liebe und Barmherzigkeit hadert. Weil er sich weigert, ins Haus zu kommen und zu feiern.
Wo sehen wir uns? Wir mögen Anteile beider Söhne haben. Dann müssen wir darauf achten, nicht in die Falle des älteren Sohnes zu geraten.


