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Die Sonntagspredigt

Die Sonntagspredigt

05. Februar 2012

5. Sonntag im Jahreskreis

Der Sinn des Leidens

von P. Franz Seraph Barz, Kapuziner

Ijob ergriff dash Wort und sprach: Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben auf der Erde? Sind nicht seine Tage die eines Tagelöhners? Wie ein Knecht ist er, der nach Schatten lechzt, wie ein Tagelöhner, der auf den Lohn wartet. So wurden Monde voll Enttäuschung mein Erbe und Nächte voller Mühsal teilte man mir zu. Lege ich mich nieder, sage ich: Wann darf ich aufstehn? Wird es Abend, bin ich gesättigt mit Unrast, bis es dämmert. Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage, der Faden geht aus, sie schwinden dahin. Denk daran, dass mein Leben nur ein Hauch ist. Nie mehr schaut mein Auge Glück. Ijob 7,1-4.6-7

Im alttestamentlichen Buch Ijob geht es nicht nur um das Einzelschicksal eines vom Unglück verfolgten Menschen. In ihm wird grundsätzlich die Frage gestellt nach der Ursache und dem Sinn des Leidens, das der davon betroffene Mensch nicht selbst verschuldet hat. Das ganze Problem spitzt sich auf die Frage zu: Warum verursacht Gott oder warum sieht Er zu, dass Menschen unschuldig leiden müssen?

Der fromme und wohlhabende Ijob verliert seinen ganzen Besitz, alle seine Kinder kommen ums Leben und außerdem wird er von einer heimtückischen Krankheit geplagt. Die Freunde Ijobs, mit denen es zu einem tiefschürfenden Gespräch über die Ursache seines Unglücks kommt, vertreten den starren Grundsatz: Wer leiden muss, hat auch gesündigt jedes Leid ist also selbst verschuldet. Gegen diese Vergeltungstheorie protestiert Ijob mit Entschiedenheit; sein Unglück steht in keinem Zusammenhang mit einer Sünde. Er hält unbeirrt an seiner Schuldlosigkeit fest. Wenn sein Glaube in Ordnung sein soll, kann er allerdings nicht auf die Forderung verzichten, daß Gottes Handeln als gerecht zu erkennen ist. Deshalb richtet er an Gott bohrende, ja geradezu vorwurfsvolle Fragen.

In der Lesung des 5. Sonntags im Jahreskreis (7,1 4.6f) wendet sich Ijob unmittelbar an Gott. Er schildert Ihm in bewegten Worten seine Qualen. Sein Körper zersetzt sich und geht in Fäulnis über. Offensichtlich geht er unaufhaltsam dem Tod entgegen. Ijob erkennt immer klarer: Das Leben ist nur ein Hauch ein Augenblick, der rasch vorübergeht und dahinschwindet. Da ein Tag nach dem anderen vergeht, ohne dass in seinem Befinden eine Besserung eintritt, bleibt Ijob keine Hoffnung mehr. In seiner Not bittet er Gott inständig, sein Schicksal zu wenden. Tatsächlich darf Ijob nach einiger Zeit erleben, dass Gott ihm sowohl seine Gesundheit wie auch seinen Wohlstand wiederschenkt.

Mit seinen eindringlichen Fragen und Vorwürfen nimmt Ijob unsere eigenen Empfindungen vorweg. Die Verhältnisse in unserer gegenwärtigen Welt bieten wahrhaft Anlass genug, an Gott nachdenkliche und kritische Fragen zu stellen oder sogar Zweifel über manche Aussagen unseres Glaubens zu äußern. Wir möchten gerne an Gott als den liebenden Vater im Himmel glauben; aber das wird uns durch die Wirklichkeit des Lebens oft reichlich schwer gemacht. Wenn man das ganze Elend, den Hass und die Gewalt auf der Erde mit ansehen muss, ohne etwas dagegen unternehmen zu können, wird man versucht sein, an Gott die Frage zu richten, warum Er das alles zulässt.

Aber darf ein Christ Gott so vorwurfsvolle Fragen stellen wie Ijob, darf ein Christ Gott anklagen? Es erscheint uns unmöglich, ja geradezu gotteslästerlich, so mit Gott zu reden und zu rechten, wie Ijob es getan hat. Unser Gottesbild lässt das einfach nicht zu. Deswegen wurden die Christen Jahrhunderte lang dazu angehalten, in Geduld und stiller Ergebenheit ihr Leid zu tragen ohne zu fragen, zu murren und zu kritisieren.

Nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift aber darf der Mensch offen aussprechen, was er am Verhalten Gottes und an den Ereignissen auf der Erde beim besten Willen nicht verstehen kann. Die Propheten, die Psalmen und nicht zuletzt das Buch Ijob sprechen in dieser Hinsicht eine unmissverständliche Sprache. Auch heute noch dürfen wir Christen Gott unangenehme Fragen stellen angesichts von so viel Ungerechtigkeit, Gewalt und Leid auf der Erde. Voraussetzung ist allerdings, dass unsere Fragen aus einem ehrlich ringenden und leidenden Herzen kommen dass wir Gott nicht Missstände und Fehlentwicklungen anzulasten versuchen, die im bösen Willen von Menschen ihre Ursache haben. Auch Jesus hat in Seiner letzten, größten Not am Kreuz ausgerufen: "Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du Mich verlassen?"

Der Gott, den Jesus uns geoffenbart hat, ist ein liebender, sich unserer Not annehmender, unser Flehen erhörender Vater. Er ist der Gott, der sich dem Menschen in seiner Vergänglichkeit, Begrenztheit und seinem Versagen zuwendet. Das hat Er dadurch bewiesen, dass Er Seinen Sohn so sehr Mensch werden ließ, dass Ihm sogar der Tod in seiner ganzen Schrecklichkeit nicht erspart blieb. Gott gibt uns eine Antwort auf unsere Fragen nach dem Sinn des Leids; aber seit Golgatha ist es stets dieselbe Antwort: Er verweist uns auf Seinen Sohn, der zur Erlösung aller Menschen am Kreuz gestorben ist, der aber durch Seine Auferstehung die Macht des Todes und damit auch das Unrecht und Leid für immer überwunden hat.

Wenn wir trotz der Botschaft Jesu die Ursache und den Sinn des unverschuldeten Leidens im konkreten Einzelfall nicht ergründen können, so schenkt uns doch die Auferstehung Jesu von den Toten die Gewissheit, dass alles Leid einmal in die Teilnahme an der Herrlichkeit Gottes verwandelt und dass die ewige Gemeinschaft mit Gott der eigentliche Sinn und das letzte Ziel unserer irdischen Tage ist. Dieser Glaube verleiht uns die Kraft, das Leid in der bewussten Kreuzesnachfolge Jesu geistig zu bewältigen. Zugleich nimmt uns dieser Glaube die Angst vor dem Tod und lässt uns ruhig und gelassen der Ewigkeit entgegengehen.

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