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15. 04. 2001

Lieber "Ostern statt Western"

Der Brief an die Kolosser (Kol 3, 1-4)

1Ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. 2 Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische! 3 Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott. 4 Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit.

Lieber "Ostern statt Western"

Eine merkwürdige Überschrift für eine Betrachtung zum Osterfest. Zugegeben. Diesen ersten Eindruck könnte man zweifelsohne beim Lesen dieser Überschrift schon bekommen. Junge Leute gebrauchen heutzutage gerne solche Schlagwörter, sprich "Slogans", um irgendeinen Sachverhalt auf den Punkt zu bringen. Und Sie, liebe Leser und Leserinnen, mögen es mir verzeihen - auch wenn ich nicht mehr der Jüngste bin -, dass ich diese Sprache hier verwende. Anhand einer Geschichte möchte ich versuchen diesen Sachverhalt von ",Ostern und Western" näher zu erläutern.

"Eine Fabel erzählt das Gespräch zwischen einer Libellenlarve, die immer wieder den unwiderstehlichen Drang nach oben hat, um neue Luft zu schöpfen, und einem Blutegel, der sagt: 'Hab' ich vielleicht jemals das Bedürfnis nach dem, was du Himmelsluft nennst?' 'Ach', erwiderte die Libellenlarve, 'ich hab' nun einmal die Sehnsucht nach oben. Ich versuchte auch schon einmal, an der Wasseroberfläche nach dem zu schauen, was darüber ist. Da sah ich einen hellen Schein, und merkwürdige Schattengestalten huschten über mich hinweg. Aber meine Augen müssen wohl nicht geeignet sein für das, was über dem Teich ist. Aber wissen möcht' ich's doch!' Der Blutegel krümmte sich vor Lachen: '0 du phantasievolle Seele, du meinst, über dem Tümpel gibt es noch was? Las doch diese Illusionen. Glaub' mir als einem erfahrenen Mann: Ich hab' den ganzen Tümpel durchschwommen. Dieser Tümpel ist die Welt - und die Welt ist ein Tümpel. Und außerhalb dessen ist nichts!' 'Aber ich hab' doch den Lichtschein gesehen und Schatten!?' 'Hirngespinste! Was ich fühlen und betasten kann, das ist das Wichtigste', erwiderte der Blutegel. Aber es dauerte nicht lange, bis sich die Libellenlarve aus dem Wasser heraushob, Flügeln wuchsen ihr, goldenes Sonnenlicht und blauer Himmelschein umspülten sie, und sie schwebte schimmernd über den niedrigen Tümpel davon."

Das Schlagwort "Western" aus der Überschrift steht für den Tümpel in der Geschichte, die sogenannte "Realität". Da klingt sehr viel Pessimismus durch, wenngleich sich dieser Blutegel aus der Geschichte für einen Realisten hält, der die Wirklichkeit zu kennen meint. "Ostern", das Gegenteil dazu, spricht von einer tiefen Sehnsucht nach dem ewigen Leben, die in jedem (!) Menschen schlummert, auch in den Herzen der "Realisten". Dies behaupte ich hier einmal. Tatsache ist: Aber dieses Verlangen nach ewigen Leben scheint in vielen Herzen erloschen zu sein. Man traut sich die Frage nach dem ewigen Leben, bzw. nach dem, was nach dem Tod kommt, nicht mehr stellen, weil man/frau ja ein "realistischer" Mensch ist. So akzeptieren viele die Vergänglichkeit dieser Erde.

Auch die Heilige Schrift kennt solche pessimistischen Menschen, aber mit dem Unterschied, dass sie dem "Western" die Botschaft von "Ostern", der Auferstehung Jesu und damit aller Menschen, entgegensetzt. Gott hat Jesus von den Toten auferweckt und damit, um noch einmal im Bild der erwähnten Fabel zu sprechen, einen hellen Schein über die Wasseroberfläche gesetzt, die Morgenröte des Osterfestes. Die Botschaft von der Auferstehung und die damit verbundene Verheißung: Auch ihr werdet leben! ist kein Hirngespinst, wie dieser Blutegel aus der Geschichte angibt. "Ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt." Diese Zusage und Aufforderung des Apostel Paulus an die Kolosser gilt auch uns heute. Nach dem streben, was oben ist, heißt nun, die Hoffnung nicht aufzugeben wie diese Libellenlarve.

Sich für die Botschaft von der Auferstehung Jesu zu entscheiden heißt, sich für das Leben, für die Freude und für die Hoffnung zu entscheiden gegen den weitverbreiteten Pessimismus derer, die die Welt als Tümpel betrachten mit trüben Aussichten. Die Botschaft von der Auferstehung fordert jeden und jede von, sich zu entscheiden. Fällt die Entscheidung auf "Western", dann wird die Traurigkeit dieser Welt noch trauriger. Wer sich für "Ostern", sprich das Leben, entscheidet, für den letzten Sinn, wie er uns erst durch Jesu Auferstehung klargemacht wurde, für den wird das Leben hell und froh. Wer sich für die Auferstehung entscheidet und diese Entscheidung im Alltag lebt, dem werden, wie dieser Libellenlarve, auch einmal Flügeln wachsen, und er wird dem niedrigen Tümpel davon schweben direkt in die Arme Gottes.

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17. 06. 2001
11. Sonntag im Jahreskreis


"Gott vergibt uns, wie auch wir vergeben"

Das Evangelium nach Lukas

Lk 7, 36 - 8, 3

Jesus ging in das Haus eines Pharisäers, der ihn zum Essen eingeladen hatte, und legte sich zu Tisch. 37 Als nun eine Sünderin, die in der Stadt lebte, erfuhr, dass er im Haus des Pharisäers bei Tisch war, kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechendem Öl 38 und trat von hinten an ihn heran. Dabei weinte sie, und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit dem Öl. 39 Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, dachte er: Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren lässt; er wüsste, dass sie eine Sünderin ist. 40 Da wandte sich Jesus an ihn und sagte: Simon, ich möchte dir etwas sagen. Er erwiderte: Sprich, Meister! 41 (Jesus sagte:) Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner; der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig. 42 Als sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, erließ er sie beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben? 43 Simon antwortete: Ich nehme an, der, dem er mehr erlassen hat. Jesus sagte zu ihm: Du hast recht. 44 Dann wandte er sich der Frau zu und sagte zu Simon: Siehst du diese Frau? Als ich in dein Haus kam, hast du mir kein Wasser zum Waschen der Füße gegeben; sie aber hat ihre Tränen über meinen Füßen vergossen und sie mit ihrem Haar abgetrocknet. 45 Du hast mir (zur Begrüßung) keinen Kuss gegeben; sie aber hat mir, seit ich hier bin, unaufhörlich die Füße geküsst. 46 Du hast mir nicht das Haar mit Öl gesalbt; sie aber hat mir mit ihrem wohlriechenden Öl die Füße gesalbt. 47 Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe. 48 Dann sagte er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben. 49 Da dachten die anderen Gäste: Wer ist das, dass er sogar Sünden vergibt? 50 Er aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! 1 In der folgenden Zeit wanderte er von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und verkündete das Evangelium vom Reich Gottes. Die Zwölf begleiteten ihn, 2 außerdem einige Frauen, die er von bösen Geistern und von Krankheiten geheilt hatte: Maria Magdalene, aus der sieben Dämonen ausgefahren waren, 3 Johanna, die Frau des Chuzas, eines Beamten des Herodes, Susanna und viele andere. Sie alle unterstützten Jesus und die Jünger mit dem, was sie besaßen.

"Gott vergibt uns, wie auch wir vergeben" Wieder einmal ist das Sonntagsevangelium sehr bekannt, so dass es Gefahr läuft, dass wir beim Hören gar nicht richtig zuhören, oder beim Lesen nach den ersten Sätzen abwinken mit der Bemerkung: Kennen wir schon." Es lohnt sich aber doch, genauer hinzuhören bzw. hinzusehen.

Jesus ist bei einem Pharisäer eingeladen, einem Vertreter der "High Society" von damals. Und da passiert es: Eine stadtbekannte Sünderin kommt in das Haus, eine, über die man die Nase rümpft, mit der man nicht spricht, aber über die man redet. Die vornehmen Eingeladenen würden ja "so etwas" nie tun. Überhaupt unerhört, dass sie die da hier her traut.

Und die Sünderin? Eine Heilige ist sie beileibe nicht, und das weiß sie auch, und das wissen die anderen. Aber was keiner weiß, dass sie unter dieser Situation leidet. Sie wäre gerne anders, wenn sie die "anständigen Leute" anderes werden ließen. Sie möchte so gerne herauskommen aus dem Teufelskreis von Sünde und Ablehnung - aber wie. So kommt sie zu Jesus, sagte kein einziges Wort, spricht nur die Sprache ihrer Zeichen und Gesten und vertraut: Er wird sie schon verstehen. Und Jesus Versteht ihre wortlose und dennoch so vielsagende Bitte um Verzeihung. Er versteht die Zeichen ihrer Reue und er verzeiht. "So einer", mit der niemand etwas zu tun haben will, verzeiht er. Und nicht ein einziges Wort hat er dazu sprechen müssen. Und was die Höhe ist: Er stellt die Sünderin als Vorbild und Beispiel für die Anständigen hin, die sich wundern und darüber murren.

Nun sind 2000 Jahre vergangen, und die "murrenden Gäste" sitzen immer noch da. Sie murren z.B. über die Ausländer, die Asylanten, die Friedensmarschierer, die Polizisten, die Demonstranten, die Aussiedler, die Arbeitslosen, die Obdachlosen, die Alten, die Jungen, die Konservativen, die Progressiven, die Amerikaner, die Russen, die Roten, die Grünen, die Schwarzen, die Braunen, die Rechten, die Linken, die Soldaten, die Zivildienstleistenden, die Homosexuellen, die Alkoholiker, die wiederverheirateten Geschiedenen... Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Es ist heute nicht anders als damals. Freilich, manche haben wirklich Schuld auf sich geladen und manche macht man zu Sündenböcken, um selber gut dazustehen. Hauptsache, dass man ja selber zu den anständigen Leuten gehört. Die anderen sind schuld.

Viele der "murrenden Gäste" lassen sich darüber hinaus Christen nennen und sitzen gar oft in den ersten Reihen der Kirche. Sie sind angesehen, weil sie ja mit "denen da" nichts zu tun haben und ihre weiße Westen rein halten wollen. Jesus denkt da ein wenig anders. Er sucht den Kontakt mit denen, vor denen man die Nase rümpft. Er fordert auf, Vorurteile abzubauen und Feindbilder zu durchbrechen und dort, wo Menschen wirklich Schuld auf sich geladen haben, zu verzeihen. "Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." Irgendwie kommt uns dieser Satz bekannt vor. Beten wir doch oft mehrmals am Tag das Vater unser. Bitte wir da Gott wirklich um Vergebung? Oder ist diese Bitte, wie leider oft der ganze Text des Vater unseres schon so abgedroschen, dass wir gar nicht mehr mitdenken?

Die Erfahrung aus vielen Gesprächen und Begegnungen lehrt, dass es viele Sachen unter Menschen gibt, die oft schnell wieder gelöst werden. Es gibt aber auch die Erfahrung, dass oftmals Feindschaft und Hass - auch unter "guten Christen" entstehen und wachsen, weil ja immer der andere Schuld hat. Es gibt Feindschaften zwischen Nachbarn, weil der seine Garage so und nicht anders hingebaut hat, weil der eine den anderen nicht durchfahren lässt. Es gibt Feindschaften zwischen Schwiegereltern und Schwiegerkindern, weil die Alten alles verkehrt gemacht haben, bzw. weil die Jungen alles neu machen und hinten und vorne keine Ahnung haben. Es entstehen Feindschaften unter Geschwistern, weil der eine um 100,- DM mehr geerbt hat.... Und dann stellt man die Streithähne zur Rede und bekommt die Antwort, dass der andere Schuld hat und den Anfang machen soll. Selber will man ja keinen Streit, aber sein Recht. Und übrigens muss man sich nicht alles gefallen lassen. Tatsache aber jedoch ist, dass bei einem Streit oder einer Feindschaft nie einer allein Schuld hat. Zum Streiten gehören mindestens zwei. Es besteht natürlich kein Zweifel darüber, dass der eine mehr und der andere weniger Schuld haben kann. Aber jeder muss zunächst bei sich anfangen, seine eigenen Schuld eingestehen, sie zugeben und Konsequenzen ziehen. Das Beichten hat z.B. keinen Sinn, wenn ich weiterhin wegschaue und nicht grüße, wenn ich den Andern weiterhin verwünsche, wenn ich nur dann zum Verzeihen geneigt bin, wenn der andere demütig "zu Kreuze kriecht" und um Verzeihung bittet. Ich muss den ersten Schritt machen, wenn ich mich schon als Christ bezeichnen lasse. So wie ich vergebe, so vergibt Gott! So wie ich vergebe... Müsste da nicht dem Einen oder der Andern ganz anders werden, auch wenn sie alle vier Wochen zum Beichten gehen?

"Wenn dir einfällt, dass dein Bruder/deine Schwester etwas gegen dich hat, dann geh erst hin, versöhne dich damit und dann komm und opfere deine Gaben." Berührt mich diese Mahnung überhaupt? Oder gilt sich, wie all die anderen Mahnungen Jesu, auch wieder nur den anderen, weil ich ja anständig und kreuzfromm bin? Wenn ich vor der Vergebung und Verzeihung reche, dann muss ich sie auch tun und nicht nur daherreden.

Bei der Aufführung eines dörflichen Passionsspieles sticht der Hauptmann Longinus mit seiner Lanze in die falsche Seite, die keineswegs, wie die andere vorsorglich gepolstert ist. Darauf ruf der leidende Heiland vom Kreuz herab: "Wart nur, bis i runter komm. Und dann werd ich 's dir scho zoagn, du damischer Lackl!"

Die Botschaft des Gekreuzigten war keine Botschaft der Rache und Vergeltung. Es selbst vergibt am Kreuz seinen Peinigern. Es hat uns die Kultur des Vergebens beigebracht, er versuchte es zumindest und fordert uns auf, selber Vergebung zu gewähren, damit die Vergebung Gottes an uns nicht vergeblich ist.



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H

26. 08. 2001
21. Sonntag im Jahreskreis
"Alle sind eingeladen, aber jede/r muss sich bemühen"


Das Evangelium nach Lukas (Lk 13, 22 - 30)

Auf seinem Weg nach Jerusalem zog er von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und lehrte. 23 Da fragte ihn einer: Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden? Er sagte zu ihnen: 24 Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen. 25 Wenn der Herr des Hauses aufsteht und die Tür verschließt, dann steht ihr draußen, klopft an die Tür und ruft: Herr, mach uns auf! Er aber wird euch antworten: Ich weiß nicht, woher ihr seid. 26 Dann werdet ihr sagen: Wir haben doch mit dir gegessen und getrunken, und du hast auf unseren Straßen gelehrt. 27 Er aber wird erwidern: Ich sage euch, ich weiß nicht, woher ihr seid. Weg von mir, ihr habt alle Unrecht getan! 28 Da werdet ihr heulen und mit den Zähnen knirschen, wenn ihr seht, daß Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes sind, ihr selbst aber ausgeschlossen seid. 29 Und man wird von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen. 30 Dann werden manche von den Letzten die Ersten sein und manche von den Ersten die Letzten.

Von folgender Begebenheit in meinem Leben, die sich wirklich so abgespielt hat, möchte ich zu Beginn erzählen:

Als vor einiger Zeit unser bayerische Ministerpräsident im Zelt in Altötting gesprochen hat, da hätte ich mir die Rede auch gerne live angehört. Aber die Karten waren sehr schnell vergriffen, und ins letzte Eck wollte ich mich auch nicht drücken. So ging ich halt wieder nach Hause, bzw. war eben im Begriff, das zu tun. Da redete mich der Einsatzleiter der Polizei an, mit dem ich gut befreundet bin, und fragte. "Gehst du nicht ins Zelt?" Da erzählte ich ihm, dass ich keine Lust hätte, ganz hinten zu stehen. Da sagte der gute Mann: "Das ist überhaupt kein Problem." Und bis ich mich versah, lotste er mich an der Warteschlange vorbei ganz vorne an die Bühne. Auf der eine Seite war's mir zwar peinlich, aber angenehm war es doch. Beziehungen muss der Mensch haben, dann bringt er es zu etwas. Heute sagt man dazu salopp: "Vitamin B" braucht der Mensch. Ob es da jetzt um berufliches Fortkommen geht, oder um den Erwerb von Eintrittskarten für ein Konzert oder eine Sportveranstaltung mit "Vitamin B" kommt man erst an solche Tickets heran. Manche nutzen ihre Beziehungen, dass z.B. der Sohn nicht zum Militär muss, oder den begehrten Job erhält. Manche benutzen ihr Geld als Schlüssel für versperrte Türen und sichern sich so ihr Fortkommen. So wird es für die einen Gott sei Dank und für die Ausgeschmierten leider immer so sein - zumindest auf dieser Welt. Und so pflegt man seine Beziehungen, damit man - nötigenfalls auch gegenüber den anderen- seine eigenen Interessen durchsetzen kann. Für nicht wenige ist das ein Anlass zum Ärger und zur Empörung.

Nun, wie steht's nun mit den "Eintrittskarten" in den Himmel? Brauchen wir da auch Beziehungen, Geld oder Sonderpositionen? Wer darf alles hinein, und wie lange dauert das? Dürfen da schon alle hinein? Und da sind wir schon bei der Frage der Jünger an Jesus auf dem Weg nach Jerusalem. "Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden?" Jesus gibt keine direkte Antwort auf diese Frage: "Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen", auch wenn sie mit ihm gegessen, getrunken und ihm zugehört haben. Und dann sagt er noch Und man wird vom Osten und Westen und vom Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen. Den Himmel vergleicht Jesus also mit einem Festsaal; aber es führt eine enge Tür hinein.

Da wollen natürlich viele hinein, und das Gedränge ist dementsprechend groß. Da gibt es keinen Hintereingang, und auch gute Beziehungen zum Türsteher helfen da gar nichts. Also muss ich, wenn ich da hineinkommen will, mich gefälligst selber anstrengen. Es gibt keine faulen Tricks und auch keine Freikarten. Schön "brav" sein und dabei die Hände in den Schoß legen bringt mich auch nicht hinein. Weder die Taufurkunde, noch die Tatsache allein, dass ich Ordenschrist bin genügt.

Auf einer alten Darstellung des sogenannten jüngsten Gerichts sieht man, wie eine große Schar zur Rechten Jesu in den Himmel einzieht, ohne Rücksicht auf Herkunft und Stand. Zur Linken ziehen die Verdammten in den Rachen des Drachen, und da ist auch ein Papst, ein Bischof, eine Klosterfrau und ein König dabei. Es genügt also nicht irgendwas zu sein oder viel zu haben, sondern das Kriterium ist: Habe ich versucht und versuche ich tagtäglich nach besten Kräften den Willen Gottes zu erfüllen. Und da kommt es auch nicht auf den Ort an. Überall begegnet er mir: in der Natur, in der Kirche, in der Arbeit, im Mitbruder ...

Das Evangelium endet sehr hoffnungsvoll: Alle sind eingeladen. Rasse und Hautfarbe, Geschlecht und Stand, ob vom Osten, oder vom Westen, von Süd, oder Nord - alle sind eingeladen. Nicht nur die Christen, sondern auch die Nichtchristen - alle bekommen die gleiche Chance, wenn sie nur versuchen, den Willen Gottes zu leben. Aber wozu brauche ich dann ein Christ zu sein oder gar ein Ordenschrist? Ganz einfach, weil es so leichter ist, durch Jesus den Willen Gottes klarer zu erkennen. Die Aufforderung zum Bemühen könnte aber auch zu dem Trugschluss führen, dass ich mir den Himmel durch religiöse Höchstleistungen verdienen und erarbeiten könnte. Wir können nie sagen: Der liebe Gott kann ja gar nicht anders, er muss mich ja hineinlassen. Nein so wie wir den Himmel nicht durch Beziehungen erreichen können, so können wir ihn uns auch nicht erkaufen, und wenn wir kilometerlange Auflistungen von Gebeten etc. vorweisen könnten.

Die letzte Entscheidung liegt immer bei Gott - wir sind immer nur die Beschenkten von seiner grenzenlosen Liebe. Das heutige Evangelium ist zwar ernst, aber es ist wirklich eine Frohbotschaft: man kann nicht hinten herum ins Reich Gottes kommen, es gibt keine Privilegierten, alle sind eingeladen, auch die, bei denen wir geneigt sind, die Nase zu rümpfen. Der Himmel ist jedoch ein Geschenk, das uns nicht so mir nichts dir nichts in den Schoß fällt, oder etwas, was einem nachgeworfen wird (zu Billigpreisen). Man muss schon was tun, sich einsetzen, und das "mit allen Kräften", und dann können wir Gott um dieses Geschenk auch bitten und ich denke, dann wird er sich sicherlich nicht zweimal bitten lassen.

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H 04. 11. 2001
31. Sonntag im Jahreskreis
Gott im Vorruhestand?

Das Evangelium nach Lukas (Lk 19, 1-10)

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Dann kam er nach Jericho und ging durch die Stadt. 2 Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich. 3 Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein. 4 Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste. 5 Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein. 6 Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf. 7 Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt. 8 Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück. 9 Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. 10 Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

Die Frage, wann die Menschen nach einem arbeitsreichen Leben in Rente oder Pension gehen sollen, wird immer wieder diskutiert. Sollen wir bis zum 65. Lebensjahr in unserem Beruf aushalten oder dürfen wir uns früher zur Ruhe setzen? Das Thema der Vorruhestandsregelung wird von zwei Seiten angegangen. Der Arbeitnehmer sagt: ich werde älter, und das Leben wird beschwerlicher; deshalb möchte ich rechtzeitig aufhören, um noch etwas vom Leben zu haben. Mich reizen Reisen, Sport, Garten, Hobbys. Der Arbeitgeber findet eine andere Begründung: Wir haben keine Arbeit mehr für dich; darum musst du ausscheiden. Auch Gott macht in unserer Zeit die Erfahrung einer Ruhestandsregelung. Zwar ist er ewig jung, so dass das Argument des Älterwerdens bei ihm entfällt. Aber die andere Begründung ist hochaktuell: Die Menschen, bei denen Gott "angestellt" ist, erklären ihm, sie hätten für ihn keine Arbeit mehr. Für die noch verbleibenden Probleme auf der Erde brauchten sie ihn nicht mehr. Die Mediziner kümmern sich um den Leib, die Psychologen um die Seele. Mit hervorragend ausgebauten Sicherheitssystemen würden sie sich gegen Gewalten und Feinde von innen und außen schützen können. Außerdem verfügten sie über soviel Geld und Reichtum, dass sie jedes noch nicht gelöste Problem meistern könnten. Früher hat Gott viele dieser Arbeiten übernehmen müssen, heute aber schaffen wir das alles allein.

Ähnlich hätte auch der oberste Zollpächter Zachäus im Evangelium reagieren können. Er war zwar nicht sonderlich beliebt, aber in gesicherter Position. Der Evangelist schreibt: "Er war sehr reich" (Lk 19, 2). So hätte er auf eine Begegnung mit diesem sagenhaften Jesus verzichten können. Wie sollte dieser Wanderprediger ihm schon sein Leben zusätzlich bereichern können?

Dennoch war Zachäus neugierig; aus seiner Neugierde wurde Begegnung. Er spürte, dass er in ihm einen Menschen fand, dem er alles sagen konnte. Und was er noch nie in seinem Leben vorher erlebt hatte, wurde ihm jetzt bewusst: Es gibt noch andere Reichtümer als die, die er bisher kennen gelernt hatte. Er erfuhr ein neues Glück, das ihm durch die Begegnung mit diesem Jesus geschenkt wurde.

Dietrich Bonhoeffer hat aus dem Gefängnis an einen Freund geschrieben: "Noch zehre ich fast ununterbrochen von deinem Besuch. Es war wirklich eine Notwendigkeit. Es gibt einen geistigen Hunger nach einer Aussprache, der viel quälender ist als der leibliche. Was haben wir in eineinhalb Stunden alles berührt und voneinander zu erfahren bekommen. Ich danke dir sehr dafür."

So hätte auch Zachäus schreiben können. Er durfte in seinem Gespräch mit Jesus sogar das Heil erfahren. Was ihm keiner schenken konnte, hat Jesus ihm geschenkt. Vielleicht müssen wir neu darüber nachdenken, welche Arbeit in der Welt Gott verbleibt, die nur er leisten kann.

An eine Mauer war das Wort gesprüht: "Gott ist tot (Nietzsche)", und darunter: "Nietzsche ist tot (Gott)". Gott stirbt nicht, solange wir wie Zachäus nach Gott ausschauen; aber wir hören auf, Menschen zu sein, wenn wir Gott in den Ruhestand schicken.

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01. 01. 2002
Hochfest der Gottesmutter Maria
"Gott wirkt Rettung"

Das Evangelium nach Lukas 2,16-21

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In jener Zeit eilten die Hirten nach Betlehem und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie, was ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Und alle, die es hörten, staunten über die Worte der Hirten. Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach. Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für das, was sie gehört und gesehen hatten; denn alles war so gewesen, wie es ihnen gesagt worden war. Als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden sollte, gab mm ihm den Namen Jesus, den der Engel genannt hatte, noch ehe das Kind im Schoß seiner Mutter empfangen wurde.

Als bei uns in Altötting noch die kleinen Schwestern einen kleinen Verkaufsladen hatten, da gab es auch wunderschöne Weihnachtskrippen aus Ton zu verkaufen. Und irgendwas war an diesen Krippendarstellungen anderes als wir es gerade hier in Bayern gewohnt sind. Mir ist aufgefallen, daß dort das Jesuskind in den meistens Darstellungen nicht in der Krippe lag. In den meisten Fällen fand sich dort eine andere Darstellung: Maria, wie sie ihr neugeborenes Kind im Arm hält. Sie hält es aber nicht so im Arm, wie es eine Mutter mit einem neugeborenen zu tun pflegt, ganz nah an ihrem Herzen, um ihm so Geborgenheit und Nähe zu schenken. Ganz im Gegenteil. Sie hält es mit ausgestreckten Armen dem Betrachter entgegen - von sich weg. Da liegt es, das Kindlein, auf ihren offenen Händen. Die Krippenfigur der Maria tut das nicht, weil sie ihr Kind ablehnt und es möglichst weit weghält, in der Hoffnung, irgendwer möge ihr das Windelpaket doch bitte abnehmen. Es ist vielmehr so, als wollte Maria der Welt ihr Kind präsentieren, denn sie lächelt dabei. Es ist so, als wollte sie uns sagen: "Seht her ! Hier ist er!" Es ist ihr berechtigter Mutterstolz, nach einem beschwerlichen Weg unter ungünstigsten Umständen doch ein gesundes Kind zur Welt gebracht zu haben. Es ist ihr Mutterglück, die Begeisterung, das Aufatmen: Es ist gesund und wohlauf. Wie könnte man ihr diesen Ausdruck der Freude verdenken, die Freude, die Eltern angesichts des nur wenige Stunden alten neuen Erdenbürgers, ihres Kindes empfinden? Aber wenn das allein der Grund für diese Geste Marias gewesen wäre, würden wir heute, am 1. Januar des neuen Jahres wohl nicht ihr Hochfest als Gottesmutter feiern. Es muß da noch einen anderen Grund gegeben haben, einen Grund, der vielleicht nicht ganz so offensichtlich ist, den aber das heutige Evangelium erhellt.

Am Anfang dieses Abschnittes aus der Kindheitserzählung des Evangelisten Lukas haben wir es mit einer etwas verdrehten Situation zu tun. Da tauchen plötzlich, kurz nach der Geburt, fremde Leute auf. Und anstatt daß sie Rücksicht auf die Eltern nehmen und der jungen Mutter etwas Ruhe und Erholung gönnen, erzählen sie den beiden etwas über das Kind, das da eben erst das Licht der Welt erblickt hat. Die kommen nicht nur einfach, um den Eltern zu gratulieren und das Kind anzuschauen, so wie wir es tun, wenn wir uns über den Kinderwagen von Bekannten beugen. Die sagen da ganz unerhörte Dinge, die sie selbst eben erst angeblich aus dem Munde eines Engels gehört haben wollen: dieses Kind sei etwas ganz Besonderes, der Rettet der Menschheit, der Messias. - Nun ja, das sind eben Hirten, gemeines Lumpenpack, deren Meinung nichts zählte bei den "anständigen Leuten" - Lumpenpack also.

Man möchte angesichts dieser Worte fast annehmen: Wahrscheinlich werden sie kräftig einen über den Durst getrunken haben. Eine solche Reaktion wäre durchaus nicht ungewöhnlich gewesen. Aber Maria reagiert anders. Sie lehnt das, was sie da über ihr Kind hört, nicht ab. Sie staunt und bewahrt es in ihrem Herzen. Dieses "Bewahren im Herzen", das kann bedeuten: ich behalte etwas, halte es zurück, stelle es gewissermaßen in einen geschützten Raum und schließe ihn ab. Damit bewahre ich die Weit vor etwas, enthalte ihr etwas vor. Bewahren, das kann auch heißen: ich beschütze etwas, schirme es ab und lasse nichts von außen heran kommen, was dies bedrohen könnte. Damit bewahre ich etwas vor der Welt, ich schließe die Welt aus. Das "Bewahren im Herzen", wie Maria es tut, ist anders. Das, was sie von den Hirten hört, verschließt sie nicht in ihrem Herzen, damit es auch ja nie wieder gehört wird. Sie überdenkt das, was ihr auf diese Weise offenbart wird. In ihrem Herzen schlägt es Wurzeln und reift heran. Ebenso, wie ihr Kind heranreifen wird. Was sie in ihrem Herzen bewahrt, bewegt sie, ihr Kind nicht abzuschirmen vor der Welt.

Aus ihrem Herzen heraus findet Maria zur Geste der Krippenfiguren. Sie streckt das Kind der Weit entgegen. Denn in ihrem Herzen hat sie begriffen, daß sie der Welt den Retter nicht vorenthalten darf. Und sie hat verstanden, daß sie dem Retter die Welt auch nicht vorenthalten darf. Wenn Maria das Kind beherzt mit weit ausgestreckten Armen der Welt entgegenhält, so zeigt sie nicht nur der Welt das Kind, sondern auch dem Kind die Welt: Da hinein bist du geboren. Hier hinein geht deine Sendung, deine Aufgabe. Das hat, wie wir im Nachhinein wissen, schmerzliche Konsequenzen. Ihr Sohn wird die Familie verlassen, wird sich sogar von ihr lossagen. Und sie wird miterleben, wie ihr Kind den Kreuzestod stirbt. Aber davon hat Maria zu diesem Zeitpunkt wohl noch nichts gewusst. Wie alle Eltern aber dürfte auch sie sich Gedanken über die Zukunft ihres Kindes gemacht haben. Und in die Ungewißheit der Zukunft dieses Kindes legt Maria ihr Vertrauen in die Offenbarung Gottes. Und zusammen mit Josef geht sie den Weg dieses Vertrauens.

Das, was Maria im Herzen bewahrt, machen die Eltern zum erkennbaren Zeichen nach außen im Namen, den sie ihrem Kind geben. Sie geben dem, was Gott mit den Menschen vorhat, ihren Segen: Sie nennen das Kind Jesus - "Gott wirkt Rettung". In Jesus Christus legt Gott seinen Namen auf die gesamte Menschheit. In Jesus Christus wendet sich Gott uns zu und schaut uns ins Angesicht: Jesus Christus wird für uns alle zum Segen. Und dieser Segen hat seine Anfänge genommen, weil Maria die Botschaft der Hirten in ihrem Herzen so bewahrt hat, daß sie sich bewahrheiten konnte. "Gott wirkt Rettung". - Dieser Segen Gottes für die Menschheit, der Name Jesus, liegt auch am Beginn dieses neuen Jahres auf uns. Wir wissen nicht, das dieses neue Jahr bringen wird - Gott sei Dank. Aber was es auch bringen wird, positives wie negatives - eines bleibt: "Gott wirkt Rettung". Nehmen wir ihn auf in unsere Herzen und bewahren wir ihn dort. Wenn wir den Glauben im Herzen tragen, dann können wir Jesus Christus auch im kommenden Jahr unseren Mitmenschen und unserer Welt entgegenhalten.

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24. 02. 2002
2. Fastensonntag
Tabor-Erfahrungen

Mt 17,1-9

In jener Zeit nahm Jesus Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg. Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht. Da erschienen plötzlich vor ihren Augen Mose und Elija und redeten mit Jesus. Und Petrus sagte zu ihm: Herr, es ist gut, daß wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Noch während er redete, warf eine leuchtende Wolke ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören. Als die Jünger das hörten, bekamen sie große Angst und warfen sich mit dem Gesicht zu Boden. Da trat Jesus zu ihnen, faßte sie an und sagte: Steht auf, habt keine Angst! Und als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus. Während sie den Berg hinabstiegen, gebot ihnen Jesus: Erzählt niemand von dem, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.

Eines Tages war Gott der Menschen überdrüssig. Ständig plagten sie ihn, wollten alles Mögliche von ihm. Also sprach Gott: "Ich werde weggehen und mich eine Weile verstecken."Er versammelte alle seine Ratgeber um sich und fragte: "Wo soll ich mich verstecken?" Einige rieten: "Verstecke dich auf dem höchsten Berggipfel der Welt." Andere hingegen: "Nein, verbirg dich lieber am tiefsten Meeresgrund, dort werden sie dich nie suchen." Wieder andere empfahlen: "Verstecke dich auf der dunklen Seite des Mondes, das ist das sicherste Versteck. Wer sollte dich dort finden?" Schließlich wandte sich Gott an seinen klügsten und intelligentesten Engel: "Was rätst du mir, wo soll ich mich verstecken?" Und der kluge und intelligente Engel erwiderte lächelnd: "Verstecke dich im menschlichen Herzen! Das ist der einzige Ort, auf den sie niemals kommen!" (Anthony de Mello)

Sicher, Gott braucht keinen, der ihm einen Rat gibt. Und trotzdem gefällt mir diese Geschichte sehr gut. Sie meint: Gott ist in uns, wie er in Jesus war. Jahrelang war Jesus mit seinen Jüngern durch das Land gezogen, und sie hatten Gott in ihm nicht entdeckt. Bis er sich an einem Tage drei Jüngern auf einem Berg offenbarte und sie die Herrlichkeit Gottes schauen ließ. Wir sprechen hier von der "Verklärung des Herrn". Da gewahrten die Drei, was eigentlich im Menschen steckt; sie erfuhren, dass Gott und Mensch untrennbar zusammengehören.

Gott ist in uns, und wir wissen es nicht, obwohl wir in der Taufe erfahren haben, dass er von uns Besitz ergriffen hat und in den Sakrementen immer wieder neu in uns Wohnung nimmt. Am deutlichsten kommt das wohl im Sakrament der Eucharistie, der Kommunion (= Gemeinschaft) zum Ausdruck, wo wir Jesus leibhaft in uns aufnehmen dürfen. Gott lebt nicht neben oder über oder unter uns, sondern in uns, aber sehen können und wollen wir ihn bisweilen nicht. Nur manchmal haben wir den Eindruck, er würde nach außen treten und unsere gott-menschliche Beziehung sichtbar machen. In einem solchen Augenblick erfahren wir, was menschliche Größe ist. So dürfen wir zuweilen auch etwas von der göttlichen Herrlichkeit in uns spüren. Diese Glücksgefühle nennen wir "Tabor-Erfahrungen". Der Schriftsteller Helmut Zöpfl drückt das mit den Worten aus: "Geh weiter Zeit, bleib steh'n". Es sind dies Augenblicke, die wir festhalten möchten, wo wir uns, wie Petrus, am liebste niederlassen und "Hütten bauen" wollen.

Wir brauchen "Tabor-Erfahrungen", damit wir nicht resignieren und unsere Hoffnung aufgeben. Gründe dazu gibt es zuhauf. "Tabor-Erfahrungen" sind Ermutigungen zum Weitergehen. Wer niemals Erfolg hat - im Beruf, in der Liebe, in der Freundschaft -, der verliert die Lust am Leben; er zieht sich zurück und wird einsam und verbittert. "Tabor-Erfahrungen" sind Motivationen; sie schenken neue Hoffnung und Kraft und die Gewißheit, dass nichts verloren ist. Wer auf dem "Berg Tabor" steht, wer den Gipfel eines Berges erreicht hat und den herrlichen Blick ins weite Land genießen darf, der kann mit neuem Lebensmut wieder hinab ins Tal steigen, auch wenn es ein Abstieg in den oft so grauen Alltag ist. "Tabor-Erfahrungen" sind Glücksmomente in der Lebensgeschichte eines Menschen. Sie werden zwar nicht von Dauer sein, aber sie eröffnen uns doch den Blick auf das Lebensziel, die ewige Gemeinschaft mit Gott.

Weil Gott sich in unserem Herzen versteckt hat, darum ist auch in uns Verklärung jederzeit möglich. Glücklich sind alle diejenigen, die ihn dort entdecken und aus dieser Begegnung zu leben versuchen.


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16. Juni 2002
11. Sonntag im Jahreskreis
"Auf Adelers Fittichen sicher geführet"

2 Sie waren von Refidim aufgebrochen und kamen in die Wüste Sinai. Sie schlugen in der Wüste das Lager auf. Dort lagerte Israel gegenüber dem Berg. 3 Mose stieg zu Gott hinauf. Da rief ihm der Herr vom Berg her zu: Das sollst du dem Haus Jakob sagen und den Israeliten verkünden: 4 Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe, wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und hierher zu mir gebracht habe. 5 Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde, 6 ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören.

Vielleicht kennen Sie den Werbespruch: "red bull verleiht Flügel!" Natürlich will ich hier keine Schleichwerbung betreiben. Dies ist nur ein Beispiel für viele Werbesprüche, die behaupten, nichts sei schöner als Fliegen. Die Sehnsucht fliegen zu können ist uralt. Ob es sich dabei um Otto Lilienthal handelt oder um die Brüder Mongolfier, ist einerlei. Immer wieder haben Menschen daran gearbeitet, und immer verrücktere Fluggeräte bis hin zu den Raketen sind dabei herausgekommen. Daß an dieser Sehnsucht etwas Wahres daran sein muß, bestätigt eine sehr dramatische Begebenheit. Da saßen ein paar Kinder vor dem Fernsehen und schauten die an sich harmlose Sendung: "Biene Maja" an. Im Anschluß an die Sendung öffnete ein kleines Mädchen das Fenster und sprang in den Tod, weil es, wie ihr großes Vorbild, auch fliegen wollte. Und aus der Kulturgeschichte der Völker wissen wir, daß es ein uralter Menschheitstraum war, sich in die Lüfte erheben zu können. Manche von Ihnen kennen sicher auch die Erzählung aus der griechischen Mythologie von Dädalus und Ikarus, die sich Flügel gemacht haben.

Wir verspüren wohl alle die Sehnsucht, endlich einmal dem mühevollen, beschwerlichen, grauen und manchmal angstvollen Gehen im Alltag zu entkommen und statt dessen auf Flügeln getragen zu werden. Unsere Wünsche nach Geborgenheit und Nähe, nach Leichtigkeit und Beweglichkeit, nach Vorankommen und neuen Erfahrungen, wären sie doch allesamt erfüllt! Die Werbepsychologie in Sachen Fliegen weiß das genau. Einerseits lockt sie mit dem Reiz des Wagnisses, andererseits beruhigt sie mit dem Hinweis auf den hohen Sicherheitsstandard. Vor allem aber präsentiert sie Fotos, die uns ein Gefühl grenzenloser Freiheit vermitteln wollen. Ob diese Versprechungen und unsere Erwartungen dann auch erfüllt werden, steht auf einem anderen Blatt.

Das Werben Gottes um sein Volk vollzieht sich jedoch auf festerem Boden. Auf Gottes Wort ist Verlaß. Er verheißt keine Luftschlösser. Seine Verheißungen sind auch nicht in den Wind gesprochen. Sie sind wahr und werden offenbar. In der heutigen Lesung aus dem Buch Exodus wird in dichter Sprache ausgesprochen, was sich heilsgeschichtlich ereignet und bewahrheitet hat: Gott, der Herr, hat Israel, wie versprochen, aus der Knechtschaft befreit und mit Mose an der Spitze aus Ägypten herausgeführt. Er hat die Seinen am Schilfmeer gerettet und durch die Wüste geführt. Er hat ihren Durst mit Quellwasser gestillt und hat ihnen Brot vom Himmel regnen lassen. Schließlich hat er die Israeliten durch die Wüste Sinai zum gleichnamigen Gottesberg geführt.

Für all dies steht das herrliche Bildwort "Ich habe euch auf Adlerflügeln getragen."! Kann man besser, zutreffender und schöner ausdrücken, wie groß der Herr an seinem Volk gehandelt hat? "Auf Adlerflügeln getragen.", d.h. für die Seinen ist ihm der größte und stärkste Flieger gerade gut genug. "Auf Adlerflügeln getragen." d.h. auch, darauf darf man mit Recht stolz sein. "Auf Adlerflügeln getragen." d.h. für die Seinen spannt Gott die weitesten Flügel des Vertrauens aus. "Auf Adlerflügeln getragen." das bedeutet größtmögliche Sicherheit und Geborgenheit.

Ja, Gott hat wirklich Großes an seinem Volk getan. Er hat seine Not gesehen und seinen Aufschrei gehört. Er hat sich seiner erbarmt und die Initiative zu seiner Rettung ergriffen. Er hat die Führungsrolle übernommen und sein Volk zum Gottesberg Sinai gebracht, d.h. in seine unmittelbare Nähe und Gegenwart also. Alle Voraussetzungen sind jetzt erfüllt, damit es zu einem geeinten und starken Volk werden kann. Jetzt ist es da, ihm gegenüber, bereit, das Bundesangebot Gottes zu hören und darauf zu antworten.

Zunächst ist es Mose, der Berufene, der Gottes Stimme hört, der an die Heilsgeschichte erinnert wird und dem das Bundesangebot, die Verheißungen und die Erwartungen, unterbreitet wird. Und so lautet es: "Wenn Israel auf das Wort Gottes hört und es befolgt, wird es unter allen Völkern eine Sonderrolle einnehmen. Es ist auserwählt, Gottes besonderes Eigentum" zu sein. Das hat nichts mit besser oder elitär zu tun. Es geht vielmehr um eine spezielle Funktion, um einen ganz besonderen Dienst. Gott will an Israel seine beglückende Herrschaft, sein Reich sichtbar machen, an seinem Volk zeichenhaft vorwegnehmen, wonach alles Geschaffene, Himmel und Erde, unterwegs sind: zu endgültigem Heil, zu unendlicher Freude, zu Leben in Fülle.

Was hier über Israel ausgesagt ist, das gilt auch für das neue Gottesvolk, die Kirche, die Jesus Christus zum Haupt hat. Unüberhörbar ist der Ruf des Auferstandenen, mit dem das Matthäusevangelium schließt: "Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28,20). Eine Zusage, die für die Vergangenheit wie auch für die Zukunft der Christenheit gilt. Freilich, wenn wir auf 2000 Jahre Kirchengeschichte zurückblicken, auf ihre Höhen und Tiefen, eben auch auf die Zeiten furchtbarer Verirrung, menschenverachtender Grausamkeit und abgrundtiefer Gottesferne, können uns da schon Zweifel kommen.

Hätte der Herr seine Kirche nicht durch alle Jahrhunderte hindurch auf Adlerflügeln getragen und sie nicht durch den Mund berufener Propheten und durch die Tat glaubenstreuer Reformer, wie z.B. eines Franz von Assisi immer wieder auf seine Spur gebracht, wäre die Kirche längst gescheitert und untergegangen. Will sie auch in Zukunft ihrer Sendung gerecht werden, Salz der Erde und Licht für die Völker zu sein, wird sie, werden wir, wohl noch intensiver auf die Stimme ihres Herrn hören müssen. Und die Kirche, bzw. wir alle, werden auch ungewohnte Wege gehen und zu neuen, der Evangelisierung dienlicheren Formen bereit sein müssen, wenn er es uns abverlangt. Im Evangelium sagt er es nicht nur den Zwölf, sondern auch uns: "Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus!"

Was Gott für sein Volk getan hat und immer wieder jeden Tag neu tut, das tut er auch für jeden einzelnen und für jede einzelne von uns. Gott nimmt jeden unter seine Fittiche, wenn er oder sie es nur zuläßt. Wer voll Vertrauen auf seinen Anruf hört und bereit ist, in Treue seinen eigenen Weg zu gehen und seine Sendung zu leben, ohne sich ständig mit den anderen vergleichen zu müssen, der gehört dem Herrn ganz, und er wird in der Wahrheit frei. Und wie von selbst wird ihm das Lob Gottes, des "Herren, der alles so herrlich regieret", von den Lippen gehen. Denn er weiß und hat es immer wieder von neuem "verspüret": Er hat mich "auf Adelers Fittichen sicher geführet" Er, der Herr, ist einer, der die Eigenständigkeit der Person achtet. Einer, dem die Freiheit und die Selbstverantwortung des einzelnen am Herzen liegt. Einer, "der dich erhält, wie es dir selber gefällt!"

Wer möchte da nicht der Einladung folgen, auf seinen Schwingen in eine gute Zukunft getragen und geführt zu werden? Kann es Schöneres und Wohltuenderes überhaupt geben?


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22. September 2002
25. Sonntag im Jahreskreis
Unsere Gerechtigkeit - Gottes Gerechtigkeit

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg: 20,1-16
1 Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen sein Haus verließ, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. 2 Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. 3 Um die dritte Stunde ging er wieder auf den Markt und sah andere dastehen, die keine Arbeit hatten. 4 Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist. 5 Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder auf den Markt und machte es ebenso. 6 Als er um die elfte Stunde noch einmal hinging, traf er wieder einige, die dort herumstanden. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum? 7 Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! 8 Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter, und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den letzten, bis hin zu den ersten. 9 Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar. 10 Als dann die ersten an der Reihe waren, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten nur einen Denar. 11 Da begannen sie, über den Gutsherrn zu murren, 12 und sagten: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt; wir aber haben den ganzen Tag über die Last der Arbeit und die Hitze ertragen. 13 Da erwiderte er einem von ihnen: Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? 14 Nimm dein Geld und geh! Ich will dem letzten ebensoviel geben wie dir. 15 Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich (zu anderen) gütig bin? 16 So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten. Welches Gefühl rührt sich bei Euch, wenn man den Schluss dieses Evangelium bewusst anschaut? "So werden die Letzten die Ersten sein und die ersten die Letzten."

Mir kommt da vor allem eine spontane Reaktion: Da ist -gerade für einen Ordenschrist- das Gefühl der Genugtuung. Werden wir nicht oft genug als blöd, als die allerletzten von der Gesellschaft eingestuft. Mehr oder weniger demütig ertragen wir es, wenn wir müde belächelt werden, weil das "Leben" an uns vorbei geht, weil halt wir eben die Dummen sind die Letzten und oft das Letzte. Manche tragen diese Einschätzung schön demütig, weil sie das eben gehörte Evangelium im Hinterkopf haben mit dem Schluss-Satz: "So werden die Letzten die Ersten sein und die Letzten die ersten." Sie empfinden also eine stillschweigende Genugtuung darüber, die sie sich aber tunlichst nicht anmerken lassen -sonst ginge das wieder gegen die Demut- dass das Sprichwort gilt: "Wer zuletzt lacht, der lacht am besten." Dann sind wir dran und die anderen, die gar so hochmütig auf uns herabgeschaut haben, sie müssen draußen bleiben. Gehört ihnen nicht mehr. Gott ist also doch gerecht. Zugegeben, aber recht christlich ist diese Einstellung nicht.

Eine zweite Reaktion kann aber gerade auch als Ordenschrist ebenso aufkommen, weil am Anfang des Evangeliums Jesus klipp und klar sagt, dass die Ersten genauso viel bekommen wie die Letzten. In unseren Augen ist der Besitzer des Weinrechts ungerecht: Da frisst vielleicht bei manchen der "Wurm" des Neides. Da sind manche im zarten Jugendalter ins Kloster eingetreten, haben auf die angenehmen Seiten des Lebens mehr oder weniger schweren Herzen verzichtet, haben Verzicht und Gehorsam auf sich genommen, haben, um es in der Sprache des Gleichnisses zu sagen, vom frühen Morgen an in der Hitze des Tages geschuftet, weil ihnen ein angemessener Lohn versprochen wurde. Und die Arbeit im Weinberg, in den Klöstern ist wahrlich nicht immer einfach. Aber um des versprochenen Lohnes willen, nimmt man alles auf sich. Und jetzt - da schlüpfen kurz vor Torschluss noch ein paar Dahergelaufene herein und bekommen den gleichen Lohn! Wer kann das noch verstehen? Ist das gerecht?

Für diejenigen, die so denken, möchte ich das Evangelium einmal anders vorlesen, durch unsere menschliche Brille gesehen:

Und Jesus erzählte die Geschichte von einem Gutsherrn. "Ja", sagte er, "da war ein Gutsherr, der verließ früh am Morgen sein Haus, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Bald fand er einige, die bereit waren. Und nachdem er mit ihnen einen Denar als Tageslohn vereinbart hatte, wie es üblich war, schickte er sie zur Arbeit in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde, das ist soviel wie 9 Uhr am Morgen, traf er auf dem Markt andere, die noch keine Arbeit gefunden hatten. ,Geht auch ihr in meinen Weinberg', sagte er ihnen, ,ich werde euch geben, was recht ist.' Und sie gingen an die Arbeit. Um die sechste und neunte Stunde, also um I2 und um 3 Uhr, ging er wieder hinaus, und wieder schickte er die Arbeitsuchenden in seinen Weinberg. Am späten Nachmittag, also um 5 Uhr, zur elften Stunde, begegnete er weiteren Männern, die am Marktplatz standen: ,Was steht ihr untätig hier herum?' fragte er. ,Niemand hat uns Arbeit gegeben', sagten sie. Da hieß er auch sie in seinen Weinberg gehen.

Als nun der Abend kam, trug der Gutsherr seinem Verwalter auf: ,Rufe jetzt die Leute zusammen, zahle ihnen den Lohn aus. Und bedenke wohl: Einige waren den ganzen Tag über fleißig, andere haben erst am Nachmittag angefangen, und ein paar haben nur eine einzige Stunde gearbeitet. Rechne das genau aus und gib jedem den Lohn, der ihm zusteht, je nach der Leistung, die er erbracht hat!' Da erhielten die, die am Morgen schon im Weinberg angefangen hatten, den vereinbarten Denar, die anderen entsprechend weniger. Der Lohn wurde ganz gerecht ausbezahlt, und so waren alle zufrieden." Darf ich hier mal kurz unterbrechen. Bis hierher passt noch alles. Aber die Geschichte geht noch weiter.

"Freilich sprang für die, die nur eine einzige Stunde beschäftigt waren, so wenig heraus, dass sie davon nicht einmal ein Brot kaufen konnten, um ihrer Familie daheim ein karges Essen zu bereiten. Da sagte einer der Arbeiter, die für die Arbeit eines ganzen Tages mit einem Denar entlohnt worden waren: ,Jetzt soll sich zeigen, was wir Arbeiter unter Solidarität verstehen und dass unserer Meinung nach nicht die Arbeitsleistung, sondern der Mensch gilt. Ich schlage deshalb vor: Wir legen alle zusammen. Und dann soll jeder von uns den gleichen Anteil erhalten!' Das fanden alle richtig. Und sie teilten, was sie hatten. Und jeder erhielt genau den gleichen Betrag. Das sprach sich alsbald herum in der kleinen Stadt. Natürlich gab es böses Blut, und manche sagten: ,So geht das nicht! Wo kommen wir denn hin, wenn die Letzten den Ersten gleichgestellt werden? Wenn die Leistung nichts mehr gilt?' Und da sprachen die Arbeiter: ,Wir wollen, dass alle gleich viel haben, die Letzten genauso viel wie die Ersten. Oder dürfen wir mit unserem Geld nicht machen, was wir wollen? Seid ihr neidisch, weil wir gut sind zueinander und Solidarität üben?"'

Und Jesus schloss seine Erzählung mit den Worten: "Seht ihr, so, genau so wird es im Himmel Gottes sein: Da sind die Letzten zusammen mit den Ersten. Und alle werden wie Brüder sein und Söhne eines einzigen Vaters"

Der Himmel ist also Lohn und Geschenk zugleich. Die Theologie sagt dazu "Gnadenlohn" Wenn beide miteinander glücklich sein wollen, dann kann man nur erahnen, was beide noch lernen und durchmachen müssen.

Der erste wird erkennen, dass er auf seinen "sauer verdienten Himmel" trotz aller Mühe und Plage keinen Anspruch hat, dass sein Lohn eigentlich auch nur Geschenk ist. Das hilft ihm, gnädig, barmherzig und solidarisch zu sein auch demjenigen gegenüber, der als Letzter im Reich Gottes anfängt, und dass er anfängt, auch ihm den Höchstlohn zu gönnen.

Der letzte wird auch viel lernen. Er schätzt den Himmel gar nicht, wenn er ihm so einfach "nachgeschmissen" wird. Wenn er aber sieht, wie hart sein Kollege für diesen Himmel gearbeitet hat, dann kann ihm das bewusst machen, wie groß das Geschenk ist, das ihm Gott hier macht. Er kann von seinem hohen Ross des Hochmuts heruntersteigen und auf einmal verstehen, dass es dem von der ersten Stunde sehr schwer fallen kann, seinen Lohn als Geschenk anzuerkennen.

Beide werden schließlich erkennen, dass es auch ein Glück ist, wenn man den ganzen Tag, das ganze Leben, im Weinberg des Herrn, das heißt für die Liebe arbeiten und sich einsetzen darf. Amen.

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Predigten Br. Andreas Kaiser, Altötting 05. Januar 2003
2. Sonntag nach Weihnachten
Es braucht Zeit ...

Der Prolog: Jo 1,1-18
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. 2 Im Anfang war es bei Gott. 3 Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfaßt. 6 Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes. 7 Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. 8 Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht. 9 Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. 10 Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. 11 Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12 Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. 14 Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. 15 Johannes legte Zeugnis für ihn ab und rief: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war. 16 Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. 17 Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. 18 Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht."Das Wort, das sie zu Anfang schuf, wird bis ans Ende gelten"

"Im Anfang war das Wort ." - vielleicht ist der Jahres-Anfang der Grund, warum die Kirche uns heute noch einmal nach Weihnachten diese schwergewichtigen steilen Sätze auf die Tagesordnung setzt. Und heute, am ersten Sonntag, der die Jahreszahl 2003 trägt, hat das Wort vom "Anfang" seinen besonderen Klang. "Im Anfang war das Wort" - und am Ende?

Ja, auch und gerade am Anfang dieses Jahres (und Jahrtausends) stehen viele gute Worte und Wünsche, die wir sagen, die man uns sagt. Was wird aus ihnen am Ende? Kommt nicht doch alles so, wie es eben kommt? Am Anfang einer Ehe steht das Ja-Wort, das Mann und Frau sich vor dem Altar geben und das Ja, das Gott dazu spricht Und am Ende? Am Anfang eines Ordenslebens steht auch das Ja-Wort, das wir in die Hände des Oberen bzw. des Bischofs gegeben haben und das Ja, das Gott dazu spricht und zu uns gesprochen hat. - Und am Ende? - Keiner weiß es. Im Sprichwort heißt es ja nicht "Anfang gut, alles gut", sondern "Ende gut, alles gut!"

Das Wort auf Ant-Wort angelegt

Am Anfang von allem jedenfalls war das Wort - sagt das Evangelium Gott schuf nicht einfach bloß die Welt, heißt es auf der ersten Seite der Heiligen Schrift, sondern: "Gott sprach: Es werde Licht!... Gott sprach Das Land bringe Pflanzen hervor!... Gott sprach: Lasst uns Menschen machen nach unserem Bild!" Dieses "Sprechen" Gottes ist ja kein Selbstgespräch in Gottes Bart hinein - es bedeutet vielmehr: Alles, was ist, hat seinen Sinn in der Zusage Gottes, ist getragen von seinem Wort, von seinem Ja, und ist Sprache Gottes und damit auch angelegt auf Ant-Wort. Die Schöpfung ist nicht fertig mit dem letzten Schöpfungstag, sie ist kein Diktat sie kommt erst zum Ziel, wo der Mensch als Krone der Schöpfung in Freiheit Antwort gibt auf diese Zu-Sage Gottes. Auf diesen Dialog ist also alles angelegt.

Das Ja-Wort der Schöpfung

"Am Anfang also war das Wort" - und was ist daraus geworden Die Bibel spricht mehr vom Scheitern als vom Gelingen dieses Dialogs. Aufs Ganze gesehen, geht Gottes Wort ins Leere. "Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf", weiß schon Johannes zu berichten. Die Welt, die Menschenwelt, will Gott nicht, braucht Gott nicht, genügt sich selbst und bleibt so auch in sich befangen.

Reut Gott sein Ja-Wort? Wird er es zurückziehen? Bleibt nur die Scheidung, das Scheitern?

Nein, sagt die Botschaft von Weihnachten. Gott selber startet eine neue Initiative. Gottes Wort "fleischt" sich ein in diese in sich selbst verschlossene Welt. In einem Menschen, dem "Menschensohn" (wie es in biblischer Sprache heißt), bekommt sein Wort Hand und Fuß Er gibt - uns allen voran - die Antwort, auf die die Schöpfung angelegt ist: die Antwort der Liebe! Zwar wird auch dieses Wort abgewürgt, ja ans Kreuz geschlagen. Aber es bleibt eingeprägt in diese Welt wie ein Wasserzeichen - wie ein Licht, das auch von der größten Finsternis nicht zu löschen ist "Und allen, die dieses Wort aufnahmen (und aufnehmen), gab(und gibt) er Macht, Kinder Gottes zu werden:" Alle, die sich dem Ruf Gottes öffnen und ihm Antwort geben verantwortlich leben - sie sorgen dafür, dass diese Schöpfung ihren Sinn und ihre Zusage nicht vergisst und verliert.

Ob die Welt einen Sinn hat und ob sie zu einem guten Ende kommt, ist keine Frage an die Physik, sondern an unseren Glauben. Es ist letztlich die Frage an mich selbst: Nehme ich die Welt, in der ich leben darf, meine Lebenszeit, dieses vor mir liegende Jahr als Ruf Gottes, der auf meine Antwort wartet? "Dem Leben einen Sinn geben" - heißt ein Buch von Saint-Exupery: Wo ich verantwortlich mit meinem Leben und dem der anderen umgehe, da finde ich und erfülle ich den Sinn, den Gott von Anfang an in das, was ist, hineingesprochen hat und hineinspricht.

Bitten wir um Gottes Geist, den Geist der Weisheit, von dem unsere Lesung spricht, damit wir unserer Ver-Antwortung gerecht werden in diesem neuen Jahr. "Im Anfang war das Wort" - und am Ende? Am Ende dieses Jahres, am Ende der Zeit, am Ende unseres Lebens?
"Das All durchtönt ein mächtger Ruf:
Christ A und O der Welten!
Das Wort, das sie zu Anfang schuf,
wird bis ans Ende gelten!"

Am Anfang war das Wort, das Ja Gottes zu dieser Welt - und es wird auch am Ende gelten. Auf dieses Wort dürfen sich auch unsere guten Worte, unsere Ja-Worte am Beginn dieses Jahres berufen.


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23. Februar 2003
7.Sonntag im Jahreskreis
„Seht ich mache alles neu!“

So spricht der Herr 18 Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten. 19 Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht? Ja, ich lege einen Weg an durch die Steppe und Straßen durch die Wüste. 21 Das Volk, das ich mir erschaffen habe, wird meinen Ruhm verkünden. 22 Jakob, du hast mich nicht gerufen, Israel, du hast dir mit mir keine Mühe gemacht. Du hast mir mit deinen Sünden Arbeit gemacht, mit deinen üblen Taten hast du mich geplagt. 25 Ich, ich bin es, der um meinetwillen deine Vergehen auslöscht, ich denke nicht mehr an deine Sünden.

Jes 43,18-19.21-22.24b-25

Der Schriftsteller Lothar Zenetti schreibt einmal: „Die Verhältnisse andern, sagte einer: Die Tapeten wechseln, die Wohnung auf den Kopf stellen, den Haussegen meinetwegen (gibt’s so was bei euch?) mal schief hängen, den Partner oder die Kinder tauschen, den Tageslauf ändern, vereisen, mal was anderes einfach, was neues, das hilft!“ An anderer Stelle schreibt der gleiche Schriftsteller: „Frag hundert Katholiken, was das wichtigste sei. Und sie werden dir antworten: Die Messe. Dann frag hundert Katholiken, was das wichtigste in der Messe sei. Und sie werden Dir antworten: Die Wandlung! Und dann sag hundert Katholiken, dass die Wandlung das Wichtigste ist. Dann werden sie dir sagen: Nein - es soll alles bleiben, wie es ist.

Was lösen bei Ihnen diese Texte aus? Einmal die Aufforderung zum Wandel, zum Neuen? Und ein anderes mal die provozierende Feststellung, dass der Wandel nicht gut sei? Vielleicht folgende Reaktion?

Um Gottes Willen, immer diese neumodernen Sachen. Das Alte hat sich doch bewährt, warum muss immer alles gleich neu werden? So denken, behaupte ich und wage zu behaupten, dass es immer mehr werden, die so denken Aber es gibt auch andere Ansichten - denke ich zumindest, die sagen, dass nicht alles beim Alten bleiben darf, weil es gar nicht bei Alten bleiben kann.

In unserer Welt hat das Wort „neu“ jedoch einen guten Klang. Vor allem, wenn es um Werbung, Mode und Konsum geht. Da hat ein neues Waschmittel plötzlich soviel Reinigungskraft, dass man getrost alles Bisherige (das „Alte“ nämlich) vergessen kann. Und die neue Kopfwehtablette ist weitaus effektiver als alles, was man/frau bis heute geschluckt hat.

Ähnliches gilt vom neuen Roman eines bekannten Bestseller-Autors und von der neuesten Meditations- und Therapiemethode auf dem Psychomarkt.

Warum sind die Menschen vom so Neuen fasziniert? Warum gieren sie förmlich nach Neuheiten, sodass sie eigentlich nie genug davon bekommen können? Sobald sie eine Neuheit haben, ist sie ganz rasch „von gestern“.

Die Philosophen (und Psychologen) sagen: In diesem Drang nach Neuem äußert sich das Bedürfnis der Menschen nach Transzendenz, d. h. ihre Fähigkeit und Neigung, immer über die vorhandene Wirklichkeit hinauszuschauen und zu fragen: Ist das denn alles? Gibt es nicht noch etwas anderes? Etwas Größeres, Schöneres, Interessanteres? Etwas, das uns mehr Freude, Glück und Heil bringt? Diese Fähigkeit und Neigung möchte ich keinen von Ihnen absprechen. Auch denen nicht, die dem Neuen eher kritisch gegenüberstehen.

Dieser Zug des menschlichen Herzens war schon vor zweieinhalbtausend Jahren vorhanden und lebendig. Und an ihm setzt der Prophet Jesaja an, wenn er heute in der 1. Lesung Gott sprechen lässt: „Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergänglich ist, sollt ihr nicht achten. Seht her, nun mache ich etwas Neues! Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?“

Streng logisch (und theologisch) ist Gott natürlich unveränderlich, in seiner absoluten Vollkommenheit immer derselbe. Er ändert sich nicht. Aber das kümmert unseren Propheten nicht.

Er sagt: Gott ist lebendig und in Bewegung und ständig kreativ. Wenn es um seine Kinder geht, um „das Volk, das ich mir erschaffen habe“, hat er immer neue Heilsideen. Die Israeliten so sagt unser Text haben das freilich nicht verdient. Denn sie haben sich für ihren Gott bislang keine besondere Mühe gegeben, sondern ihm höchstens mit ihren Sünden „Arbeit gemacht“. Ich denke, wir machen ihm da auch manchmal viel Arbeit mit unseren Sünden und Fehlverhalten. Aber - so sagt der Prophet auch uns heute: Gott schaut nicht auf Vorleistungen der Menschen. Er macht sein Heilsangebot nicht von ihrer Bekehrung und ihren Bußwerken abhängig, sondern verkündet eine „neue“, nämlich voraussetzungslose und bedingungslose Heilsbotschaft. „Ich vergebe“, sagt er, „den Menschen und rette sie um meinetwillen, d. h. aus meinem großmütigen Herzen, aus meiner schenkenden Liebe heraus.“ „Deine Sünden sind Dir vergeben“, sagt Jesus im heutigen Evangelium zum Gelähmten. (Mk 2, 5) Als äußeres Zeichen kann sich der von Schuld gelähmte wieder bewegen.

Und was ist das äußere Zeichen für Gottes Heilswirken im Text der 1. Lesung?

Unser Text drückt es in einem Symbol aus: „Ich lege einen Weg an durch die Steppe“, verheißt Gott, „und Straßen durch die Wüste“. Wer sich schon einmal in „auswegloser Situation“ befand, bedrängt und gelähmt vor Angst, Verzweiflung und Schuldgefühlen, mehr im Schatten des Todes als im Lichte Gottes lebend, für den ist ein Weg durch die Wüste und aus der Wüste hinaus wirklich ein Sinnbild für Hoffnung, Erlösung und Befreiung.

Und mit diesem Bild vor Augen denken wir unwillkürlich an Jesus, der von sich gesagt hat: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). Und der (ebenfalls im Sinn unserer Lesung) den Sündern Hilfe und Heil gewährte, ohne dass sie Vorleistungen erbringen mussten.

Erinnern wir uns auch an sein berühmtes Wort: „Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder“ (Mk 2,17). Der Gott, der „Neues“, d. h. voraussetzungsloses Heil, versprach, hat also sein Versprechen in der Menschwerdung seines Sohnes eingelöst. Er hat unsere seelischen Wüsten in Stätten verwandelt, in denen man leben und die man durchwandern kann, weil es in ihnen Wege gibt, die ins Licht führen. Dieser Gott wird nie aufhören, für uns „neu“ und im positiven Sinn „überraschend“ zu sein, wenn es um unsere Rettung geht. Noch im letzten Buch und auf den letzten Seiten des Neuen Testamentes hören wir ihn, wie heute bei Jesaja, von seinem Thron her sprechen: „Seht, ich mache alles neu!“ (Offb 21,5).

Ich denke, in diesem Sinne gibt es niemand unter uns, der das „Neue“ nicht will.


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8. Juni 2003
Pfingsten
Der Atem Gottes

Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, daß sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. (Joh 20,19-23)

Liebe Christen!

Mancherorts war es früher Brauch, Ereignisse des Kirchenjahres szenisch darzustellen. So geschah es an Pfingsten, dass während der Messe am Pfingsttag bei einem bestimmten Stichwort durch das Kirchengewölbe durch das sogenannten "Heiliggeistloch" eine Darstellung des Heiligen Geistes in Form einer ausgestopften Taube heruntergelassen wurde. So wollte man das Kommen des Heiligen Geistes bildlich verdeutlichen. Mancherorts streute man auch die Blütenblätter von Pfingstrosen herunter, um so die Feuerzungen zu symbolisieren. So soll sich folgendes Ereignis einmal in einer kleinen Dorfpfarrkirche in Bayern zugetragen haben. (Wenn es nicht so war, so ist es zumindest gut erfunden:) Die Kirche war am Pfingstsonntag bis auf den letzten Platz gefüllt. Als nun die Stelle aus der Heiligen Schrift dran war, an der der Heilige Geist, sprich die ausgestopfte Taube heruntergelassen werden sollte, da passierte nichts. Keine Taube schwebte herab. Da riss dem Pfarrer der Geduldsfaden, und er rief -ganz unliturgisch in Richtung "Heiliggeistloch": "Ja, Wo bleibt denn der Heilige Geist?" Die Antwort des Mesners, der die Taube herablassen sollte ließ nicht lange auf sich warten: "Die Mäuse haben ihn gefressen!"

Nicht nur der Mesner dieses Dorfes hatte seine Probleme mit dem Heiligen Geist. Wir tun uns doch auch manchmal schwer mit dem Heiligen Geist, auch wenn wir andere Probleme mit ihm haben, wie dieser Mesner.. Sehr treffend drückte dies einmal jemand aus als er sagte: "An den Gott Vater und den Gott Sohn kann ich ja glauben. Aber mit dem ‚komischen Vogel' tu ich mich schwer."

In der Tat tun wir uns, wenn wir ehrlich sind, manchmal schwer mit dem Heiligen Geist. Vielleicht kann uns das heutige Festtagsevangelium weiterhelfen. Wir lesen da: "Er hauchte sie an und sagte: Empfangt den Heiligen Geist!" Er haucht sie an!

Vielleicht haben sie schon folgende Erfahrung gemacht: Man kauft sich einen Kugelschreiber. Und da kann es passieren, dass er trotz neuer Mine nicht angeht. Wenn man aber die Spitze anhaucht, dann geht er meistens an. Der Atem macht die Tinte in der Mine geschmeidig. Oder im Winter, wenn uns an den Händen friert, dann hauchen wir auf die Finger, um so die Kälte zu nehmen. Oder man haucht an ein zugefrorenes Fenster, damit man hinausschauen kann. Wenn sich kleine Kinder wehtun, dann muss die Mutter kommen und die lädierte Stelle anhauchen und hinblassen. Gleich wird's leichter mit den Schmerzen. Der Atem des Menschen ist notwendig, lebensnotwendig sogar. Wir beachten ihn kaum. Er kommt und geht ganz selbstverständlich. Wir können ihn zwar eine zeitlang anhalten aber nicht aufhalten. Angeblich, so hab ich neulich gelesen, haben zwei Schotten um eine Flasche Schnaps gewettet. Wer den Atem am längsten anhalten könne, der sei der Sieger. Das Duell ging unentschieden aus. Beide wurden am gleichen Tag begraben. Wie gesagt, dies passierte angeblich. Über kurz oder lang muss jeder wieder Atem holen. Die Mutter ist beruhigt, wenn sie leise ins Kinderzimmer schaut und das Kind gleichmäßig atmen hört. Es ist ein gutes Zeichen für den Arzt, wenn der Kranke ruhig atmet. Wenn man aufgeregt ist, ist es gut, zuvor einmal kräftig durchzuatmen, die Wangen aufzublasen . Dann geht's gleich leichter.

Der Atem ist für den Menschen lebensnotwendig, er gibt Wärme, wenn nötig Kühlung, Geborgenheit und Sicherheit und Ruhe.

Nun, wie ist es mit dem Atem Gottes?

Im Buch Genesis, bei der Erschaffung des Menschen, lesen wir, dass Gott dem Adam seinen Atem in die Nase geblasen hat und ihn so zum Leben erweckt hat. Von den Aposteln wissen wir, dass sie sich nach dem Tod Jesu aus Angst verschanzt hatten. Da kommt Jesus und haucht sie an, d.h. er bläst ihnen den Atem Gottes ein, und ihre Angst ist auf einmal im wahrsten Sinn des Wortes "wie weggeblasen". Sie gehen hinaus, öffnen die Türen und beginnen zu reden. Der Atem Gottes, der Heilige Geist also, gibt ihnen die Kraft und den Mut dazu. Er gibt ihnen auch den Mut, für diesen Jesus den Kopf hinzuhalten. Liebe Christen!

Pfingsten erinnert uns daran: Auch wir haben den Heiligen Geist empfangen. Auch in uns atmet Gott seit dem Tag, an dem wir getauft und gefirmt sind. Und Gott hält seinen Atem nicht an. Dieser Atem Gottes in uns gibt auch uns die Sicherheit: Gott ist da, er ist in uns. So wie das Kind, das im Kinderzimmer spielt, weiß, dass die Mutter in der Küche ist und deshalb unbesorgt spielt, so dürfen auch wir immer wissen, dass Gott, auch wenn wir auch nicht immer an ihn denken. in uns ist. Er gibt uns Sicherheit, Geborgenheit und Wärme. Er lindert die Schmerzen, wie sie die Mutter lindert, wenn sie am Wehwehchen ihres Kindes blasen muss. Er will uns aber auch antreiben, wenn wir, wie die Tinte in der Kugelschreibermine erstarrt sind. Er will uns helfen, das Eis zwischen Menschen zu schmelzen damit wir einander verstehen. Er verbindet uns Menschen untereinander und mit sich.

Dies, so ist mein Wunsch an uns alle, soll das heurige Pfingstfest bewusst machen: Wir sind nicht allein auf der Welt, Gott ist es, der in uns atmet und uns so ein Leben gibt, dass uns kein Mensch mehr nehmen kann.

"DU, Atem der Freiheit atme in mir
DU Strom des Lebens, ströme in mir,
DU Blitz der neuen Welt, blitze auf in mir,
DU Donner der Gerechtigkeit, dröhne in mir,
DU Rose des Friedens, blühe in mir,
DU frischer Wind, wehe in mir,
DU göttlicher Drang, bedränge mich."
Amen
(Anton Rotzetter, Gott, der mich atmen lässt, Freiburg - Basel - Wien, 1985, 117f.)

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07. September 2003
23. Sonntag im Jahreskreis
Öffne dich

Jesus verließ das Gebiet von Tyrus wieder und kam über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Gebiet der Dekapolis. Da brachte man einen Taubstummen zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren. Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Taubstummen: Effata!, das heißt: Öffne dich! Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit, und er konnte richtig reden. Jesus verbot ihnen, jemand davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr machten sie es bekannt. Außer sich vor Staunen sagten sie: Er hat alles gut gemacht; er macht, daß die Tauben hören und die Stummen sprechen. Mk 7,31-37

Pfarrhaushälterinnen wird ja oft zu Unrecht böses nachgesagt. Sicher, es gibt Ausnahmen, wie bei jedem Berufszweig. Viele Pfarrhaushälterinnen, aber auch Ehefrauen, bekommen oft das Lob: "Du bist eine Perle!" Aber nicht nur in Pfarrhaushälterinnen und Ehefrauen liegen Perlen. In jedem Menschen liegen Perlen verborgen, die uns der Himmel geschenkt hat. Aus diesen Schätzen, unseren Talenten und Fähigkeiten, dürfen wir leben und unsere Welt bereichern.

Zugleich aber stehen wir in der Gefahr, uns krampfhaft zu verschließen, wie eine Perlmuschel, wenn uns z.B. eine Krankheit trifft oder ein Unglück. Dann sind wir oft niedergeschlagen, voller Angst und Misstrauen, kreisen wir noch um uns selber mit dem Vorwurf auf den Lippen "warum gerade ich?". In solchen Situationen sind wir gleichsam taub und stumm für die Mitmenschen und für Gott. Wir kreisen nur noch um das eigene Elend. Wir verlieren dann schnell den Kontakt zur Außenwelt und versinken wie der Taubstumme im Evangelium - in der Einsamkeit.

Hier begegnet ihm Jesus. Der Taubstumme spürt: Er nimmt mich an, so behindert wie ich bin. Vor Jesus brauche ich mich nicht zu verstecken, in seiner Nähe keine Angst zu haben. Das gibt ihm den Mut, sich zu öffnen. Dieses Geschenk der Nähe Gottes erfuhren wir bereits in der Taufe. Da berührte Jesus durch die Hand des Priesters unsere Ohren und unseren Mund und sprach: "Effata! Öffne dich!" Öffne dich auch für das, was das Leben an Herausforderungen und auch an Leid für dich ,bereithält. Öffne dich immer wieder, wenn du geheilt werden willst.

Es ist im menschlichen Leben oft wie mit einer Auster. In ihr liegt eine Perle verborgen. Von außen wirkt die Schale rau, kantig und abweisend. Wer ihr zu nahe kommt, kann sich verletzen. Vielleicht kennen Sie auch solche Zeitgenossen. Jesus ging unglaublich nahe an den Taubstummen heran, sah an den Spitzen und Kanten vorbei, auch an der Angst, wertlos zu sein, blickte tiefer, sah auf seine inneren Schätze, die Perle, und sagte: Öffne dich! Und umgekehrt: Weil der Taubstumme geheilt werden wollte und sich für Jesus öffnete, wurde er gesund.

So ist Heilung immer wieder möglich: Aufeinander zugehen, Vorurteile abbauen, sich nahe kommen, sich vertrauensvoll füreinander öffnen und so aus der Isolation herausfinden.

In einer Geschichte klagt eine Auster: "Ich habe Schmerzen; es ist, als trüge ich eine Kugel aus Blei in meinem Leib. Was wird aus mir bloß werden?" Die andere Auster erwiderte stolz: "Ich fühle mich kerngesund, bin munter und fidel. Du wirst an deiner Kugel noch sterben; ich habe das Leben noch vor mir!" Eine Krabbe, die dem Gespräch der beiden gelauscht hatte, meinte: "Was verstehst du stolze Auster schon vom Leben? Du meinst, Jugend, Schönheit und Gesundheit seien alles. Sie hat zwar Schmerzen, aber sie trägt eine Perle in sich eine große, voller Glanz."

Wir kennen den Vorgang: Zunächst dringt ein spitzes Sandkorn in die Auster ein, das ihr den Tod bringen kann. Sie setzt sich aber mit dem auseinander, was ihr Leben bedroht, und legt eine feine Perlmutterschicht um das Sandkorn. So wächst langsam eine Perle heran.

Diese "Perlmutterschicht" um das Sandkorn bedeutet übertragen für mich: Ich klammere in meinem Leben Leid und Schmerz nicht aus, auch nicht Verzweiflung und Verletzungen. Ich setze mich vielmehr damit auseinander, bis etwas Stück für Stück wächst.

Diese Prozess erfordert viel Wille und Geduld, ist ein dornenreicher Weg voller Zweifel und Rückschläge, und oft hadern wir dabei mit unserem Nächsten, mit uns selbst und mit Gott. "Warum? Warum gerade ich?" Orientieren wir uns dabei nur an denen, die das Leben noch in vollen Zügen genießen dürfen, denen es -vielleicht äußerlich gesehen- gut geht, dann überhören ;wir leicht die Worte Jesu: "Öffne dich für den Weg, den ich gegangen bin."

Jesus ganz nahe an sich heranzulassen, bedeutet doch, mit Ihm zu leiden, das Kreuz nicht auszuklammern, heißt auch, an Ihm orientiert, die Perle reifen zu lassen.

Vielleicht bekomme ich mein Unglück oder meine Krankheit nie ganz in den Griff, aber ich lebe anders damit, weil ich mich für Ihn öffne und mich von Ihm berühren und so heilen lasse.


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12. Oktober 2003
28. Sonntag im Jahreskreis
Der sicherste Weg ins Paradies

Als sich Jesus wieder auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen. Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter! Er erwiderte ihm: Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt. Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach! Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen. Da sah Jesus seine Jünger an und sagte zu ihnen: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! Die Jünger waren über seine Worte bestürzt. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Sie aber erschraken noch mehr und sagten zueinander: Wer kann dann noch gerettet werden? Jesus sah sie an und sagte: Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich. Da sagte Petrus zu ihm: Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Jesus antwortete: Amen, ich sage euch: Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen: Jetzt in dieser Zeit wird er Häuser, Brüder, Schwestern, Mütter, Kinder und Äcker erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben.

Wenn wir das Evangelium aufmerksam durchgelesen haben bzw. am Sonntag hören werden, dann muss es uns eigentlich genauso ergehen, wie es den Jüngern ergangen ist: Wer kann da noch gerettet werden? Man muss feststellen: Mit der Aussage vom Kamel und dem Nadelöhr, die uns eigentlich allen recht vertraut ist, treibt es Jesus wirklich auf die Spitze. Dieser Abschnitt müsste uns alle unruhig machen, oder sie haben sich gedacht, dass dies nur für diejenigen gedacht ist, die in einem Kloster leben. Ich habe zu diesem Evangelium eine Geschichte aufgetrieben, die uns allen diesen Abschnitt etwas aufschlüsseln und damit näher bringen kann.

Ein Einsiedler saß vor seiner bescheidenen Hütte und blickte über das weite Tal. Da trat ein junger Mann an ihn heran und fragte: "Gibt es einen sicheren Weg, um ins Paradies zu gelangen?" Der Einsiedler dachte eine Weile nach, ohne sich von seinem Platz zu erheben. "Ja, es gibt einen Weg", sagte er, aber sie müssen sehr sportlich sein." "Das bin ich", lachte der junge Mann. "Schauen sie nur!" Und der ließ seine Muskeln spielen und zeigte seine durchtrainierten Beine. "Gut, gut", bemerkte der Einsiedler. "Das ist ja ausgezeichnet. Ja, dann schauen wir also, ob sie den sichersten Weg ins Paradies finden werden."

In der Nähe der Einsiedelei befand sich ein kleines Feld. Der Einsiedler maß den sandigen Grund ab und unterteilte ihn in Abschnitte von je einem halben Meter. "Für jeden Besitz, an dem sie hängen, oder Sache, an die sie ihr Herz hängen, werden wir dreißig oder fünfzig Zentimeter werten", eröffnete der Einsiedler dem verdutzten jungen Mann. "Ich darf doch davon ausgehen, dass sie ein Auto haben?" "Natürlich, wer hat das nicht?", entrüstete sich der Besucher. Der Einsiedler markierte eine Wegstrecke von fünfzig Zentimetern. "Sind sie Hausbesitzer?" "Ja, von meines Vaters Seite besitze ich ein Mietshaus." Der Einsiedler steckte die entsprechende Strecke im Sand ab. "Natürlich werden sie einen Fernsehapparat mit Videogerät haben und eine Stereoanlage?" "Aber sicher! Wer hat denn so etwas heutzutage nicht? Schließlich bin ich ein moderner Mensch." "Eben", bemerkte der Einsiedler und maß die entsprechende Strecke ab. "Sicher gehen sie gerne mit Freunden weg." "Ich lebe doch nicht hinter dem Mond." Und so fragte der Einsiedler weiter und weiter und erhielt Auskunft, und er maß den Boden ab nach dreißig oder fünfzig Zentimetern Distanz. Je nach dem die Dinge für den jungen Mann wichtig waren.

Als sie fertig waren, hatte er neuneinhalb Meter auf dem Boden markiert. "So," forderte der Einsiedler den Gast auf, "Jetzt springen sie darüber." "Springen?" rief der junge Mann, "über neuneinhalb Meter? Ich habe zwar gesagt, dass ich sportlich bin und tu auch sehr viel dafür, aber einen Weltrekord im Weitsprung kann ich bei Gott nicht aufstellen!" "Bei Gott - möchten sie aber doch einmal sein", erwiderte der Einsiedler sanft, "denn sie haben mich nach dem sicheren Weg ins Paradies erkundigt!" Der junge Mann blickte den Einsiedler ungläubig an. Was hat denn mein Besitz mit einer Entfernung von neuneinhalb Metern zu tun?" Der Einsiedler zuckte die Schultern. "Sie haben es also nicht begriffen?. Je mehr sie Herz an irdische Dinge hängen, um so weiter müssen sie springen. So einfach ist das." Und als der Besucher ihn verblüfft anschaute, ergänzte er: "Der Besitzlose und der ohne Leidenschaften braucht nur einen Schritt zu tun, und er ist im Paradies. Es ist der sicherste Weg, um dorthin zu gelangen. Heiß es nicht in der Schrift: Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden leidet an seiner Seele?" Und der Einsiedler wandte sich ab und blickte wieder in das weite Tal hinaus. (Herkunft unbekannt)

Es geht in dieser Geschichte nicht um eine Verteufelung von Auto, Video, Haus, Vergnügen... All diese Dinge sind an und für sich gut. Es geht vielmehr darum: Wieweit hänge ich mein Herz an diese Dinge. Besitze ich die Dinge so als besäße ich sie nicht, oder besetzen die Herrlichkeiten dieser Welt mein Herz so stark, dass für mehr, für Gott einfach kein Platz mehr ist. Bin ich so von den Schätzen diese Welt eingenommen, dass für den wirklichen Schatz kaum ein Fleckchen bleibt? Dazu ein Beispiel: Für den einen ist das Auto ein Fortbewegungsmittel, um von A nach B zu gelangen; für den anderen wird es geradezu vergöttert und z.B. gerade am Sonntag - wenn die andern beim Gottesdienst sind - wird es gewaschen und liebevoll poliert. Auch eine Art von Gottesdienst - oder?

Der junge Mann wollte den sichersten Weg ins Paradies d.h. ins Reich Gottes. Das hat z.B. ein Franz von Assisi begriffen, der so radikal arm war, wie kein anderer und doch so reich. Letzte Woche haben wir übrigens sein Fest gefeiert. Oder wenn sie wollen, können wir hier durchaus auch einen hl. Bruder Konrad erwähnen. Wie gesagt: Dies ist ein Weg unter vielen, zwar der sicherste und der kürzeste - wenn auch nicht der leichteste aber daneben gibt es viele andere Wege. Durch manche Vorentscheidung kann ich diesen Weg gar nicht gehen. Wenn ich z.B. verheiratet bin und für eine Familie sorgen muss, dann kann ich diesen speziellen Weg gar nicht gehen, den Jesus hier aufzeigt. Der Weg ins Paradies wird für jeden ganz persönlich verlaufen. Die Frage bleibt: Was ist dir am wichtigsten, woran hängst du dein Herz am Herz. Und dabei kommt es nicht auf die Menge an. Wenn ich auf Gott vertraue, dann brauche ich nicht die Sicherheiten dieser Welt, auch wenn ich wirtschaftlich und finanziell abgesichert bin. Wer aber so von wirtschaftlichen und finanziellen Sicherungen besessen ist, oder auch von seine Arbeit der wird es schwer haben, den Blick auf Gott nicht zu verlieren. Wenn wir ihn auch im tagtäglichen Leben im Auge haben und darauf vertrauen, dass er es gut mit uns meint, dann wird er uns schon den Weg zeigen.

Es gibt viele Wege zu ihm, der kürzeste aber ist der sicherste, das zeigt uns das heutige Evangelium. Und dieses Evangelium, mit dem es Jesus so stark auf die Spitze treibt soll auch ein "Stachel in unserem Fleisch" sein. Es wäre deshalb sicher eine Überlegung wert: Worauf könnte ich eigentlich leicht verzichten, damit die Strecke nicht all zu lang ist. Und noch was: Wenn ich zu Gott halte, dann wird er mich beim Sprung sicher bei der Hand nehmen, damit ich sicher einmal in seinem Schoß landen werde.


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01. Februar 2004
4. Sonntag im Jahreskreis
Die Liebe hat uns verraten

In jener Zeit begann Jesus ihnen in der Synagoge von Nazaret darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt. Seine Rede fand bei allen Beifall; sie staunten darüber, wie begnadet er redete, und sagten: Ist das nicht der Sohn Josefs? Da entgegnete er ihnen: Sicher werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten: Arzt, heile dich selbst! Wenn du in Kafarnaum so große Dinge getan hast, wie wir gehört haben, dann tu sie auch hier in deiner Heimat! Und er setzte hinzu: Amen, das sage ich euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt. Wahrhaftig, das sage ich euch: In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija, als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und eine große Hungersnot über das ganze Land kam. Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt, nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon. Und viele Aussätzige gab es in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Aber keiner von ihnen wurde geheilt, nur der Syrer Naaman. Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen. Er aber schritt mitten durch die Menge hindurch und ging weg. Lk 4,21-30

Der Dichter Erich Fried schreibt einmal in einem Gedicht über die Liebe:

Die Liebe und wir

Was soll uns die Liebe?
Welche Hilfe
hat uns die Liebe gebracht
gegen die Arbeitslosigkeit
gegen Hitler
gegen den letzten Krieg
oder gestern und heute
gegen die neue Angst
und gegen die Bombe?

Welche Hilfe
gegen alles
was uns zerstört?
Gar keine Hilfe:
Die Liebe hat uns verraten
Was soll uns die Liebe?

Was sollen wir der Liebe?
Welche Hilfe
haben wir ihr gebracht
gegen die Arbeitslosigkeit
gegen Hitler
gegen den letzten Krieg
oder gestern und heute
gegen die neue Angst
und gegen die Bombe?


Welche Hilfe
gegen alles
was sie zerstört?
Gar keine Hilfe:
Wir haben die Liebe verraten

Erich Fried

So wie im ersten Teil des Gedichts mögen die Zuhörer in der Synagoge von Nazaret empfunden haben, als sie Jesus hörten, der ihnen von der Liebe erzählte. Was hat die Liebe bewirkt? Was hat sie verändert? - Nichts: Viele, die ihr gefolgt sind, wurden betrogen; sie hatten nur Nachteile. Jesus konnte und wollte in seiner Heimatstadt den Beweis dafür nicht antreten, wie stark die Liebe ist, weil das Herz der Zuhörer für diese Botschaft nicht offen war. "Alle gerieten darüber in Wut und trieben Jesus zur Stadt hinaus" (Lk 4,28f). Sie hielten an der Auffassung ihrer Väter fest: "Auge um Auge, Zahn um Zahn" (Ex 21,24).

Auch heute fragen viele Menschen, was ihnen die Liebe "bringt". Gegen Raketen und Panzer kommt sie nicht an; insofern ist sie weltpolitisch bedeutungslos. Man/frau kann ja doch nichts machen. Stalins Frage "Wie viele Divisionen hat denn der Papst?" weist in diese Richtung. Waffen und Soldaten sind Machtfaktoren, nicht aber die Liebe. Auch dem, der sie übt, bringt sie nichts. Im Gegenteil, er wird benachteiligt wird ausgelacht und bestenfalls bemitleidet und landet schließlich auf der Verliererstraße. Der Liebende ist der Zu-kurz-Gekommene.

Gegen diese Auffassung damals und heute wollte Jesus seine Botschaft der Liebe stellen. Er wollte den Menschen erklären, dass Gewalt immer zum Tode, Liebe aber zum Leben führt. Der Dichter Fried provoziert uns mit seiner Frage: "Was soll uns die Liebe?" Er zwingt uns, nach ihrem Wert, ihrer Wirkung, ihrem Erfolg zu fragen. Vordergründig hat er Recht; hintergründig gibt es zur Liebe keine Alternative. Diktatoren und Kriege schaffen Hass und neues Unrecht; die vielen "Hitlers", "Sadams", "Bin Ladens" und wie sie alle heißen und die mörderischen Auseinandersetzungen in Israel, Im Irak und in Afghanistan oder in Afrika sind grausame Bestätigungen dieser bitteren Menschheitserfahrung.

Ich möchte dennoch behaupten: Liebe aber versöhnt und heilt und setzt sich am Ende durch. Diese andere Form von Macht den Menschen klarzumachen ist die schwierige Aufgabe der Christen. Wie die Liebe sich letztlich doch durchsetzt und der Welt ein freundliches Gesicht geben kann, zeigt der letzte Satz in diesem Evangelium: Die Leute wollten Jesus den Abhang des Berges hinabstürzen. "Er aber" - die Liebe selbst - "schritt mitten durch die Menge hindurch" (Lk 4,29f). Dieses "Hindurchschreiten" durch die Menge ist eine Voraussage für die gekreuzigte Liebe, die den Tod in die Auferstehung durchschreiten wird. Darum brauchen wir nie kleinmütig zu werden, auch wenn uns nur die "Waffe" der Liebe bleibt. Die Welt sagt: "Die Liebe hat uns verraten", der Glaube aber: "Stark wie der Tod ist die Liebe" (Hld 8,6). Auf sie sollen wir setzen.


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13. Juni 2004
11. Sontag im Jahreskreis
Eine Ohrfeige?

2. Lesung

Wir haben erkannt, daß der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird niemand gerecht.

Wenn nun auch wir, die wir in Christus gerecht zu werden suchen, als Sünder gelten, ist dann Christus etwa Diener der Sünde? Das ist unmöglich! Wenn ich allerdings das, was ich niedergerissen habe, wieder aufbaue, dann stelle ich mich selbst als Übertreter hin. Ich aber bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich für Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat.

Ich mißachte die Gnade Gottes in keiner Weise; denn käme die Gerechtigkeit durch das Gesetz, so wäre Christus vergeblich gestorben. Gal 2,6a.c.19-21

Evangelium

In jener Zeit ging Jesus in das Haus eines Pharisäers, der ihn zum Essen eingeladen hatte, und legte sich zu Tisch. Als nun eine Sünderin, die in der Stadt lebte, erfuhr, daß er im Haus des Pharisäers bei Tisch war, kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechendem Öl und trat von hinten an ihn heran. Dabei weinte sie, und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küßte sie und salbte sie mit dem Öl. Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, dachte er: Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müßte er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren läßt; er wüßte, daß sie eine Sünderin ist. Da wandte sich Jesus an ihn und sagte: Simon, ich möchte dir etwas sagen. Er erwiderte: Sprich, Meister! Jesus sagte: Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner; der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig. Als sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, erließ er sie beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben?

Simon antwortete: Ich nehme an, der, dem er mehr erlassen hat. Jesus sagte zu ihm: Du hast recht. Dann wandte er sich der Frau zu und sagte zu Simon: Siehst du diese Frau? Als ich in dein Haus kam, hast du mir kein Wasser zum Waschen der Füße gegeben; sie aber hat ihre Tränen über meinen Füßen vergossen und sie mit ihrem Haar abgetrocknet. Du hast mir (zur Begrüßung) keinen Kuß gegeben; sie aber hat mir, seit ich hier bin, unaufhörlich die Füße geküßt. Du hast mir nicht das Haar mit Öl gesalbt; sie aber hat mir mit ihrem wohlriechenden Öl die Füße gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie mir so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe. Dann sagte er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben. Da dachten die anderen Gäste: Wer ist das, daß er sogar Sünden vergibt? Er aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Lk 7,36-50

Auf einem Grabstein soll irgendwo einmal folgende Inschrift gestanden sein: "Hier ruht N.N. Er hatte Vorfahrt" D.h. er hatte die Strassenverkehrsordnung, also das Gesetz und Recht auf seiner Seite, und doch hat es ihm nichts genützt.

Den größten seelsorgerlichen Problemen begegnen viele Seelsorgern auch mit dem Kirchenrecht. Normalerweise haben ja die "normalen" Christen damit selten zu tun. Und wer kennt schon die einzelnen Paragraphen? Darüber sollen sich die Gelehrten streiten. Aber wenn es dann zum Beispiel um die Wiederheirat nach einer Scheidung geht, dann greift das Kirchenrecht, und schon ist der Konflikt mit der Kirche da, und das Unverständnis ist groß. Viele schütteln verständnislos den Kopf. Gescheiterte Menschen müssen sich plötzlich wie schwere Sünder fühlen, wie Menschen zweiter Klasse, denen, laut Kirchrecht, ein Neustart in eine zweite Ehe mit kirchlichem Segen verweigert wird.

Wenn Menschen vor den oft unerbittlichen Festlegungen des Kirchenrechts stehen, verstehen sie Gott und die Welt nicht mehr. Auch ich kann, ehrlich gesagt, oft nicht begreifen, wozu ein Gesetz gut sein soll (und noch dazu ein Gesetz der Kirche), wenn es nicht in der Lage ist, eine neue Ordnung zu schaffen und damit neues Leben.

Paulus war an und für sich ein eifriger Verfechter des jüdischen Rechts, das viele Gebote und Verbote kannte, mehr noch als das Kirchenrecht. Aber im Rückblick auf sein früheres Leben stellt er fest - so lesen wir es im übertragenen Sinn in seinem Brief an die Galater , dass ihm das Recht allein nichts gebracht hat. Denn der Glaube braucht vor allem Leben und Liebe. "Die Erfüllung des Gesetzes ist die Liebe." Deshalb kann Jesus von der Sünderin sagen: "Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie so viel Liebe gezeigt hat."

Nicht immer am Gesetz entlang

Unter dieser Vorgabe wirkt das Pauluswort "durch die Befolgung des Gesetzes allein kann kein Mensch vor Gott bestehen" wie eine Ohrfeige für alle, die selbstgerecht das Kirchenrecht an die Spitze all ihres Denkens und Handelns stellen. Paulus räumt dagegen dem Geist die führende Rolle ein: Wer sich vom Geist Gottes getragen weiß, der trägt auch jenes Gespür in sich, das ihm den rechten Weg im Umgang mit den Menschen und ihren Nöten zeigt. Dieser Weg führt nicht immer an den Mauern des Gesetzes entlang.

Aus dem Prozess Jesu kennen wir das harte Wort: "Wir haben ein Gesetz. Nach diesem Gesetz muss er sterben." Wer sich nur an die Gesetze hält, hat es bequem. Er braucht sich nicht um den Menschen zu kümmern. Seine Fragen und Nöte treffen nicht lebendige Herzen, sondern stoßen auf tote Paragraphen. Wen wundert, dass sich daraufhin so viele Menschen enttäuscht von der Kirche abwenden weil Sie mehr als eine oberste gesetzliche Instanz von ihr erwarten.

Ohne Geist ist das Gesetz bedeutungslos

Gestehen wir es uns ruhig zu: Das Gesetz in jeder Form gibt Sicherheit. Denn die Entscheidungen müssen nicht eigens bedacht werden, sie sind bereits getroffen. Es geht dann nur noch um Buchstaben und um die richtige Auslegung. Für Jesus und alle, die ihm folgen, heißt es aber: "Der Buchstabe tötet, der Geist ist es, der lebendig macht." Das bedeutet, dass wir in den Gesetzen der Kirche zuerst nach dem Geist Jesu zu suchen haben, wie er vor allem in der Bergpredigt zum Ausdruck kommt. Ob wir diesem Geist dort immer finden?

2.865 Sätze kennt der Katechismus der Katholischen Kirche, der 1993 erschienen ist. Gewiss sind das nicht alles Gebote und Gesetze; aber zumindest zwischen den Zeilen von A wie Aberglaube bis Z wie Zweifel finden sich Festlegungen, die den Glauben in eine vorgegebene Richtung bringen wollen. In diesem Zusammenhang eine kleine Anekdote: Ein bekannter Bibeltheologe aus Lima, fragte einen befreundeten Priester aus Europa bei einem Besuch kurz nach dem Erscheinen dieses römischen Mammutwerkes: "Hast du schon den neuen Katechismus?" Eifrig antwortete der "ja, selbstverständlich! " Seine lapidare Antwort: "Wozu?"

Wozu? Das möchten wir gerade beim Problem der Wiederverheirateten fragen. Wozu soll es gut sein, dass zwei Menschen ein Neuanfang verwehrt wird? Wird die Unauflöslichkeit der Ehe tatsächlich durch eine solche Prinzipientreue, die sich eher als Härte erweist, gerettet? Wirkt dieses Zeichen für den Willen Gottes nicht auch dann, wenn wir einen Weg der Versöhnung finden?

Kirchenrecht als Ernstfall für Glaubwürdigkeit

Wir sind befreit zur Liebe, damit auch zur Versöhnung. Nehmen wir die Befreiung durch Jesus Christus an, dann wirkt sie in unserem Leben und bewirkt sie, dass andere sich befreit und frei fühlen können oder ist die Angst vor der Freiheit doch größer und wir kehren zur falschen Sicherheit der Gesetze zurück?

Das Kirchenrecht ist der Ernstfall für die Glaubwürdigkeit der Kirche. Jedenfalls stehe ich da vor der nicht immer leichten Gewissensentscheidung, wie ich im konkreten Einzelfall damit umgehe. Auf der einen Seite braucht es ein Gesetz. Das Gesetz scheint wichtig, aber wir dürfen es nicht auf die Spitze treiben und wie einen unveränderlichen Betonklotz empfinden, sondern eher wie einen Fachwerkbau, den wir mit eigenen Gewissensentscheidungen, das heißt mit neuem Leben ausfüllen sollen und dürfen, ja im gegebenen Fall auch müssen. Denn es geht immer so handelt auch Jesus um den Menschen. Denn: "Der Mensch ist nicht für den Sabbat da, sondern der Sabbat ist für den Menschen da.

"

Kirche wozu?

"Wer den Sonntag nicht heiligt wird ausgeschlossen.
Wer die Eltern nicht ehrt wird ausgeschlossen.
Wer abtreibt wird ausgeschlossen.
Wer die Ehe bricht wird ausgeschlossen.
Wer bei der Lüge erwischt wird wird ausgeschlossen.
Wer begierig ist nach Geld und Gut wird ausgeschlossen.
Alle Sünder - werden ausgeschlossen.
Wer braucht dann noch die Kirche?"
(Roland Breitenbach)

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3. Oktober 2004
27. Sonntag im Jahreskreis
"HERR, STÄRKE UNSEREN GLAUBEN!"

Die Apostel baten den Herrn: Stärke unseren Glauben! Der Herr erwiderte: Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, würdet ihr zu dem Maulbeerbaum hier sagen: Heb dich samt deinen Wurzeln aus dem Boden, und verpflanz dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen. Wenn einer von euch einen Sklaven hat, der pflügt oder das Vieh hütet, wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen: Nimm gleich Platz zum Essen? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Mach mir etwas zu essen, gürte dich, und bediene mich; wenn ich gegessen und getrunken habe, kannst auch du essen und trinken. Bedankt er sich etwa bei dem Sklaven, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde? So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.

Eine Geschichte erzählt:

"Ein Mensch hat sich in der Wüste verirrt. Er wird verdursten, wenn keine Hilfe kommt. Da sieht er vor sich Palmen, ja, er hört sogar Wasser sprudeln. Aber er denkt- ‚Das ist nur eine Fata Morgana, meine Phantasie spiegelt mir etwas vor. in Wirklichkeit ist da nichts.' Ohne Hoffnung, halb wahnsinnig, lässt er sich zu Boden fallen. Kurze Zeit später finden ihn zwei Beduinen - tot. ‚Kannst du so etwas verstehen?', sagte der eine zum anderen, ‚so nahe am Wasser, und die Datteln wachsen ihm fast in den Mund! Wie ist das möglich?' Da sagt der andere: ‚Er war ein moderner Mensch!'"

Mir ist diese Geschichte schon länger bekannt, und vielleicht hat auch der eine oder andere von ihnen diese Erzählung schon einmal gehört oder gelesen. Und ich muss zugeben; Bisher hatte ich kein Mitleid mit dem Mann in der Wüste. Das hat er nun davon, dass zuviel von Luftspiegelungen und Phantasievorspielungen gewusst hat. Jetzt nützt ihm sein ganzes Wissen und sein ganzer Verstand nichts mehr. Hätte er doch darauf vertraut, geglaubt, dass es sich bei dieser Oase um Wirklichkeit gehandelt hat, dann wäre er noch am Leben. Manchmal hörte ich diese Geschichte schon in Predigten und Vorträgen von Geistlichen, die dadurch unterstreichen wollten, wie dumm und gefährlich es eigentlich ist, nicht zu glauben und nur seinem Verstand zu trauen, der auch den Glauben an Gott nicht zulässt nach dem Motto: "Glauben heißt nichts wissen".

Und die sehr einfache Moral von der Geschichte ist: Hätte der Mann geglaubt, dann wäre ihm das nicht passiert. Ja, hätte er doch nur geglaubt. So einfach ist das. Das heutige Evangelium -besonders die Verse am Anfang- machten mich jedoch etwas nachdenklich, wenn auch mich darin ertappe, sich so leichtfertig bisweilen über den Glauben oder Unglauben anderer zu erheben. Jesus sagt mir nämlich im heutigen Evangelium: Du, bilde Dir bloß nichts ein auf Deinen Glauben. Überheb Dich nicht. Dein Glaube ist nicht so stark, wie Du Dir gerne einredest. Versuch doch einmal mit Deinem angeblich so starken Glauben, einen einzelnen Grashalm, geschweige denn einen Baum zu versetzen. Dabei bräuchte Dein Glaube nur so stark und groß sein wie ein winzig kleines Senfkorn sein und du könntest einen Baum, ja sogar einen ganzen Berg versetzen.

Diese Warnung Jesu aber gilt aber nicht nur mir: "Wir sagen, dass wir Gott vertrauen. Die Sicherung unserer Zukunft überlassen wir aber doch viel lieber der Versicherungswirtschaft und unserem eigenem Fleiß und Talent. Wir glauben, dass Gott uns erlöst, die Todesmächte besiegt hat. Wie schnell aber ängstigen uns die Mächte dieser Welt und veranlassen uns zu geradezu panischen Reaktionen, wenn Atomgefahr oder Terror oder persönliches Unglück konkret werden. Wir bauen auf Gottes Güte für alle Menschen. Wir teilen aber dennoch diese Menschen ein in Gute und Böse, in Freunde und Feinde und grenzen andere aus. Wir bekennen uns zu Christus als unserem König. Wir erwählen aber immer wieder andere Könige und Herren, wie z.B. Geld und Luxus für unser Leben.

Wir sprechen von Gottes grenzenloser Vergebungsbereitschaft, Wir rechnen aber im Ernstfall kaum mit ihr, sondern versuchen uns selber zu entschuldigen, um mit reiner Weste dazustehen und seine Güte nicht in Anspruch nehmen zu müssen." (Aus Prediger und Katechet Nr. 6/1986, S. 647)

Liebe Christen, wenn ich Ihnen jetzt diesen Text zugemutet habe, so nicht um den Glauben gegen die Alltagserfahrung auszuspielen. Ich möchte damit auch nicht einem blinden und unmenschlichen Vertrauen ohne jegliche Vorsorgepflicht das Wort reden. Der Verstand und die Fähigkeiten des Menschen sind gut und stehen nicht grundsätzlich in Konkurrenz zum Glauben. Unser Glaube ist nicht dazu da, um uns aus unser Wirklichkeit herauszunehmen, damit wir in einer sorgenfreien Scheinwelt leben. Er soll uns nicht aus der Wirklichkeit herausnehmen, sondern er soll und kann uns helfen diese Wirklichkeit, unsere Welt zu verändern. Aus dem Glauben heraus soll sich jeder einsetzen für Gerechtigkeit, Frieden, gerechtere Verteilung der Güter, für den Schutz des Lebens, für ein zwischenmenschliches Miteinander. Die Hände in den Schoß legen nach dem Motto: "Der Pappa wird's schon richten" ist daher nicht die Sache von uns Christen. Durch bloßes Jammern über die angeblich so "schlechte Welt" wird gar nichts besser, wenn ich dabei z.B. nicht einmal in der Lage bin, in meiner Familie die primitivsten zwischenmenschlichen Verhaltensregeln wie Offenheit, Anstand, Zuhörenkönnen, Geradlinigkeit und Vertrauen zu üben.

Der Glaube sagt mir nun: Es kommt nicht nur auf Dich allein an. Im Glauben weiß ich mich gehalten; und so kann ich sicherlich ein Stück weit gelassener der Wirklichkeit ins Auge sehen, wenn ich mein bestmögliches versucht habe.

Aber nun komme ich wieder an den Beginn dieser Überlegungen zurück: Überschätze deinen Glauben nicht. Er ist nicht so stark, wie Du hin und wieder meinst! Genau in dieser Situation treffen wir die Jünger an, die bitten: "Stärke unseren Glauben!" Großspurig haben sie gesagt: "Wir folgen dir überall hin, wohin du gehst." Wo war nun z.B. dieser Glaube als es bei Seesturm drohte und es drunter und drüber ging? Jesus indessen erfüllt ihre Bitte nicht, sondern er bestätigt ihren schwachen Glauben: "Ja , unnütze Sklaven seid ihr." Das ist die Situation der Jünger damals, und das ist auch unsere Situation heute. Mit dieser Situation rechnete Jesus damals, und er tut das auch heute, und er bejaht diese Wirklichkeit. Unser Glaube ist oft wirklich schwach, aber er muss auch gar nicht stärker sein, wenn wir nur den Mut haben und ehrlich sind, dies auch zuzugeben. Wenn wir Menschen uns selber und anderen, auch nicht Gott (bei dem können wir es gar nicht) nichts vorspielen, sondern unsere Not und Schwäche zugeben dann dürfen wir gerade dann wissen: Gott steht zu uns gerade in unserer Schwäche, in unserer Glaubensschwäche.

Mit dem Apostel Thomas dürfen wir immer wieder rufen: "Herr, ich möchte ja gern glauben können, hilf meinem Unglauben und meiner Schwäche.




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Predigten Br. Andreas Kaiser, Altötting 16. Januar 2005
2. Sonntag im Jahreskreis
Hunger und Durst

In jenerZeit sah Johannes der Täufer Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, um Israel mit ihm bekanntzumachen. Und Johannes bezeugte: Ich sah, daß der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb. Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft. Das habe ich gesehen, und ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes. Joh 1,29-34)

Wissen sie, wie einen Esel, der keinen Durst hat, trotzdem zum Trinken bewegen kann? Soll man es mit einem Stock versuchen? Das würde einen Esel wenig scheren. Soll man ihm Salz zu schlucken geben? Das wäre Tierquälerei. Aber wie ihn dann dazu bringen, freiwillig zu trinken? Es scheint nur eine Lösung zu geben: Man muss einen durstigen Esel herbeischaffen, der ausgiebig, mit großem Genuss und Behagen an der Seite seines Artgenossen aus dem Eimer trinkt. Aber ohne jedes Theater, einfach, weil er Durst hat, einen großen unstillbaren Durst. Das wird seinen Eselkollegen nicht unbeeindruckt lassen. Die Lust wird ihn packen, selbst das Maul in den Eimer zu stecken und in tiefem Zug das erfrischende Wasser zu schlürfen. So erzählt uns eine kleine Parabel. Und der Erzähler endet: "Menschen, die Hunger und Durst nach Gott haben, sind für ihre Mitmenschen eine bessere Predigt als viele erbauliche Reden."

Alle Menschen haben Hunger und Durst. Ich meine hier einen anderen Hunger und Durst. Nicht Hunger auf einen knusprigen Schweinebraten, nicht Durst auf ein schönes Glas Bier oder Wein - das alles darf sein, doch das meine ich jetzt nicht.

Haben wir eigentlich, habe ich noch einen Durst und einen Hunger, die tiefer in uns bohren, die uns unruhig werden lassen, die uns auf die Suche schicken? Haben wir überhaupt noch Sehnsucht? Sehnsucht nach Glück, nach Lebendigkeit, nach Erfüllung - Sehnsucht nach Gott? Viele Menschen haben keine Sehnsucht, weil sie meinen, schon alles zu haben, bzw. hier auf dieser Welt erreichen können.

In Johannes dem Täufer begegnet uns so ein durstiger, ein hungriger, ein sehnsüchtiger Mensch. Er ist fast so etwas wie ein Symbol für Hunger, Durst und Sehnsucht: gekleidet nur in ein Kamelfell, ernährt er sich nur von Heuschrecken und wildem Honig und vom Wasser des Jordan. So steht er in der Wüste, im dürren, lechzenden Land, um mit seinem Finger, mit seinen Worten auf Jesus und Gott zu weisen. Er geht nicht zu den Menschen, in ihre Dörfer und Städte, sondern er bewirkt, dass sie sich zu ihm auf den Weg machen, in die Wüste, das Land des Hungers und des Durstes. Er bewirkt, dass sie zu ihm kommen, hinaus in die dürre Landschaft, und sich durch ihn, Johannes, hinführen lassen zu ihrem eigenen Durst, zu ihrem eigenen Hunger, zu ihrer tiefen Sehnsucht. Johannes behauptet nicht von sich, dass er den Menschen irgendetwas zu geben habe, das ihren Hunger stillen könnte. Er gibt nicht vor, selbst der Retter zu sein. Seine Aufgabe ist es, die Menschen um ihn herum mit seinem eigenen Durst, mit seiner eigenen Sehnsucht anzustecken und dann auf den zu weisen, der Durst und Sehnsucht zu stillen vermag: "Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt, seht Gottes Sohn!"

Denken wir noch einmal an unseren Esel vom Anfang: Man gebe ihm einen zweiten durstigen Esel an die Seite, und schon wird er seinen eigenen Durst spüren und wie jener trinken. Wir sehen und spüren immer schmerzlicher in unseren Gemeinden, dass immer weniger Menschen den Weg in unsere Kirchen und Gemeindehäuser hineinfinden. Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, junge Familien suchen nichts mehr bei uns, weil sie offensichtlich auch nichts mehr bei uns erwarten. Was ist es, was uns selbst daran festhalten lässt: ja, hier bin ich richtig, hier finde ich, was ich zum Leben brauche? Was ist es, was mir Antwort gibt auf meine Sehnsucht? Was ist es, dass ich meinen Lebensweg mit Gott und mit anderen Gläubigen gehen möchte "Alles beginnt mit der Sehnsucht" - so hat die Dichterin Nelly Sachs einmal gesagt. "Alles beginnt mit der Sehnsucht" -

Sehnsucht ist der Anfang von allem, der erste Schritt, der mich losgehen lässt, der mich neugierig macht, der mich auf die Suche schickt. Und der mich dann hoffentlich auch den entdecken lässt, der mir Antwort gibt auf meine Sehnsucht, der mir nicht weniger zu bieten hat als ein Leben in Fülle. Vielleicht kann uns das Evangelium heute auf eine neue Spur bringen, nämlich die, dass wir nicht schon für alles eine Antwort haben müssen, sondern dass wir jemanden haben, dem wir unsere Fragen stellen dürfen; dass wir nicht satt und zufrieden sein müssen, sondern dass wir jemanden haben, dem wir unseren Hunger und Durst hinhalten können; dass wir nicht unter dem Druck stehen, mit allem müssten wir gut klarkommen, sondern dass wir jemanden haben, dem wir unsere Not anvertrauen können. Wir haben jemanden; wir haben Jesus an unserer Seite, ihn, auf den Johannes heute so überdeutlich zeigt: Seht, schaut hin - das Lamm Gottes, Gottes Sohn.

Wir haben jemanden; wir haben Gott in unserem Leben, der uns kennt, der um uns weiß, der für uns sorgt.

Gehen wir doch in der kommenden Woche einmal ganz bewusst unserem Hunger, unserer Sehnsucht nach. Und richten wir sie ganz auf unseren Gott, den Lebendigen, vielleicht indem wir uns die Worte eines Beters aus dem Alten Testament zu Hilfe nehmen: "Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott." (Ps 42).

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26. Juni 2005
13. Sonntag im Jahreskreis
"Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch

Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig. Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten. Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist - amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen. Mt 10,37-42

Ein provozierendes Evangelium!

Menschen verachten, um Gott zu preisen? Ich gestehe offen: Dieses Evangelium provoziert mich seit langer Zeit sehr. Ist das nicht so zu verstehen: Wir sollen Vater, Mutter, Sohn und Tochter schön beiseite schieben und ja darauf achten, Gott die Ehre zu geben? Was ist das für ein egoistischer Gott, der so auf seine Ehre durch uns Menschen aus ist? Hört sich das nicht so an, als ob wir uns unbedingt ein großes Kreuz suchen und es hinter Jesus herschleppen müssten, sonst sind wir keine richtigen Christen? Wir sollen auch noch das Leben um seinetwillen wegwerfen. Warum denn? Sind wir doch froh, dass wir leben dürfen!

Dieses Evangelium kann wirklich schnell in den falsche Hals kommen, missverstanden werden und zu Reaktionen führen, wie ich sie eben skizziert habe. Oder man kann es auf die Priester und Ordenschristen beziehen, die ja angeblich alles loslassen sollen.

Wir Menschen sollen weder Vater noch Mutter, noch Tochter und Sohn über Gott erheben, keinen von ihnen zu unserem Gott machen, vergötzen.

Ich glaube, zur Zeit Jesu war die Gefahr größer, dass manche Eltern wie ein Gott vor ihren Kindern aufgetreten sind, so von ganz oben herab. Hie und da kann es das auch bei uns noch geben. Aber bei uns ist oft mehr das Umgekehrte der Fall: Kinder, Söhne und Töchter werden von den Eltern wie kleine Gottheiten verehrt. Für sie ist nur das Allerbeste recht genug. Die Kinder sollen es einmal besser haben wie wir. Alles, was sie wünschen, muss ihnen sofort in Erfüllung gehen. Wehe, wenn sie einmal jemand - ein Lehrer zum Beispiel - härter anfasst. Das ist mein Kind! Was unterstehen sie sich!

Ob wir unseren Kindern tatsächlich so viel Gutes tun, wenn wir sie zu kleinen Menschengöttern machen? Machen wir sie damit nicht unfähig für das Leben? Ich glaube auch nicht, dass wir uns eigens einen große Kreuzbalken suchen und ihn sichtbar einen Kreuzweg schleppen müssen. Auch glaube ich nicht, dass wir das Leben wegwerfen oder gering achten sollen.

Ob nicht dieser Ausdruck "das Leben gewinnen" eher bedeutet: das Leben selber machen, planen, verplanen, so in die Hand nehmen, wie ich das will, selber verfügen über das Leben, keine anderen Kräfte und Geheimnisse mehr akzeptieren wollen. Wer so mit dem Leben umgeht, der wird wohl damit rechen müssen, dass er am Leben vorbeigeht oder zerbricht.

Der Satz "Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf. Wer einen Propheten, einen Gerechten, einen Kleinen aufnimmt, der nimmt mich auf", dieser Satz ermutigt mich, dass ich das Evangelium so verstehen darf: Wer seinen Vater, seine Mutter echt liebt, schätzt, achtet, der liebt in ihnen Gott. Wer seine Tochter, seinen Sohn liebt, auch innig liebt - der liebt in ihnen Gott. Jemanden vergötzen, zu einem Gott machen, das ist etwas ganz anderes. Das hat nichts mit Liebe zu tun. Von daher verstehen wir auch besser das erste Gebot: Du sollst keine fremden Götter neben mir haben.

Wer seinem Mann, seiner Frau in Liebe und Treue begegnet, der liebt im Partner Gott. Ihre Liebe ist ja im Sakrament der Ehe geradezu Zeichen für die Liebe Gottes zu den Menschen. Und wer einfach all das Schwere, das so im Alltag daherkommt, annehmen kann, tragen und durchtragen kann, sich nicht davonstiehlt, der trägt auch am Kreuze unseres Herrn mit. Wir brauchen uns beileibe kein Kreuz suchen. Wir haben genug selber auf dem Buckel und können genug mittragen an den Kreuzen anderer.

Einen Propheten aufnehmen, heißt für mich, wirklich hinhören, wenn ich bei einem Menschen das Empfinden habe: Der sagt, wie es tatsächlich ist, der sagt die Wahrheit. Vom hl. Irenäus stammt das Wort: "Die Ehre Gottes, das ist der lebendige Mensch." Das heißt für mich: Wenn es dem Menschen gut geht, dann geht es auch Gott gut. Er freut sich also, wenn es uns gut geht. Und genau das ist die Ehre Gottes. Wie sich auch Vater und Mutter freuen und es ihnen damit gut geht, wenn es den Kindern gut geht.

Unser Gott ist nicht einer, vor dem wir zittern müssten, der nur darauf aus ist, dass wir ihn ehren, preisen, loben, ihm dienen. Das wäre ein unerträglich selbstsüchtiger Gott. Ganz im Gegenteil. Wenn wir also einen Menschen echt lieben -Vater, Mutter, Sohn, Tochter, einen Propheten, einen Gerechten, einen Kleinen, dann ist das Ehre Gottes. Ist das nicht ein großartiger Gott, an den wir Christen glauben dürfen. Ein Sonntag wie heute macht uns das wieder neu bewusst.

Ich erinnere noch einmal an den spontanen ersten Gedanken vom Anfang: Ein Gott, der so was verlangt - Vater, Mutter verlassen um seinetwillen, Kreuz auf sich nehmen usw. - das muss ein sehr egoistischer Gott sein, mit dem ich nichts zu tun haben will. Heute bin ich froh, dass ich diese ganz andere Seite Gottes in diesem Evangelium entdecken durfte. Ich wünsche auch Ihnen allen, dass sie in diesem Evangelium die Größe Gottes und die Größe des Menschen entdecken dürfen. Die Ehre Gottes, das ist der lebendige Mensch!

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25. September 2005
26. Sonntag im Jahreskreis
"Gehorsam - aufeinander hören"

In diesem Evangelium ist vom Gehorsam die Rede. Beide hören den Wunsch des Vaters, nur das Ergebnis ist unterschiedlich:

Lob des Ungehorsams

Sie waren sieben Geißlein
und durften überall reinschaun,
nur nicht in den Uhrenkasten,
das könnte die Uhr verderben,
hatte die Mutter gesagt.

Es waren sechs artige Geißlein,
die wollten überall reinschaun,
nur nicht in den Uhrenkasten,
das könnte die Uhr verderben,
hatte die Mutter gesagt.

Es war ein unfolgsames Geißlein,
das wollte überall reinschaun,
auch in den Uhrenkasten,
da hat es die Uhr verdorben,
wie es die Mutter gesagt.
Da kam der böse Wolf.

Es waren sechs artige Geißlein,
die versteckten sich, als der Wolf kam,
unterm Tisch, unterm Bett, unterm Sessel,
und keines im Uhrenkasten,
sie alle fraß der Wolf.

Es war ein unartiges Geißlein,
das sprang in den Uhrenkasten,
es wußte, daß er hohl war,
dort hat's der Wolf nicht gefunden,
so ist es am Leben geblieben.

Da war Mutter Geiß aber froh.

Franz Fühmann

Viele Väter und Mütter, Lehrer und Erzieher werden diese Erzählung als unbequem empfinden. Sie leuchtet zwar ein, aber sie passt nicht recht in das pädagogische Konzept. Ja, wo kommen wir hin, wenn wir solchen Gedanken nachlaufen oder sie gar propagieren ? Geht dann nicht alles in der Welt drunter und drüber, wenn jeder tut, was er will? Sollte man eine solche Geschichte nicht besser totschweigen?

Es hat Zeiten gegeben, da haben Vorgesetzte von ihren Untergebenen "blinden Gehorsam" verlangt. (Was sage ich hat , wenn ich mir die Diskussionen, bzw. von beendeten Diskussionen anschaue und anhöre?) Man sollte dem Vorgesetzten, dem Führer, ein solch uneingeschränktes Vertrauen schenken, daß bei allen Anordnungen das Hinsehen und Überprüfen sich erübrigen konnte. Der Vorgesetzte beanspruchte das Recht, für seinen Untergebenen mitzudenken und genau zu wissen, was das Richtige für ihn sei.

Manchmal wurde sogar von "Kadavergehorsam" gesprochen: Der Zu-Gehorchende galt nichts, er hatte meinungslos zu sein, er war wie tot, und ein Toter kann nicht denken und entscheiden. "Das Denken überlassen Sie gefälligst uns."

In Deutschland hat es eine unselige Zeit gegeben, in der viele Menschen gerufen haben: "Führer befiehl, wir folgen!" Sie haben von sich aus ihre Gehorsamsbereitschaft angeboten und auf kritisches Hinterfragen der Führerbefehle verzichtet. Das war auch bequemer so. Dem Volk jedoch ist diese unkritische Einstellung zu seinem Führer bekannterweise nicht gut bekommen; das Ende war Verbrechen, Elend und Untergang.

Es sind aber nicht immer Maschinengewehre, Folter und Konzentrationslager, die Gehorsam erzwingen. Heute sind viel subtilere Formen entwickelt: öffentliche Meinung, Presse, Rundfunk und Fernsehmonopole, heimliches Abdrängen in die Randgruppe, gesellschaftlicher Druck. Da heißt es ganz unverfänglich "man" oder "frau" tut das eben so. Das fängt schon an bei der Mode bis hin zu ganz persönlichen Lebensentwürfen. Zu Tausenden laufen vor allem junge Menschen den vielen Sekten nach. Der einzelne Mensch merkt gar nicht, in welche Richtung er gedrängt und manipuliert wird. Die "geheimen Verführer" sind am Werk und erschleichen sich den Gehorsam ihrer "Objekte". Gehorsam ist hier so selbstverständlich, so angenehm und bequem; er wird gar nicht als etwas empfunden, was den eigenen Gedanken und Plänen zuwiderläuft. Alle Äußerungen der Meinungsbildner werden als mit der eigenen Meinung übereinstimmend, konform empfunden. Man gehorcht dem, man tut das, was alle tun. Von daher sind auch die "restaurativen Tendenzen" in unserer Kirche zu verstehen. Man/frau will nicht denken, will keine Verantwortung übernehmen. Es ist bequemer so. Und dann schwärmen sie von der "guten alten Zeit".

Das eingangs vorgetragenen Gedicht, das uns wohl bekannt ist aus dem Märchen der "Wolf und die sieben Geißlein" trägt die Überschrift: "Lob des Ungehorsams"

Ungehorsam sein kann heißen, aus der Solidarität mit anderen ausbrechen, gegen den Strom schwimmen. Ich möchte an dieser Stelle ganz bewusst auch auf die "Tugend des Ungehorsams" pochen. Es kann auch eine Pflicht zum Ungehorsam geben. Petrus drückt dies so aus: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. (Apg 5,29). Konflikte werden hier angedeutet. Das kann bisweilen schmerzhaft, ärgerlich und verletzend sein. Aber, so fragen viele: Warum soll man sich einen solchen Ärger auf den Hals laden, den dieser berechtigte Gehorsam bringt? Es ist oft leichter, gehorsam zu sein. Und schließlich: ohne Gehorsam geht es nun mal nicht; das gilt für den pädagogischen Bereich und den religiösen Bereich, den Menschen und Gott gegenüber. Aber was heißt eigentlich: Gehorsam wirklich?

Hören lernen

Er ist für mich als eine christliche Tugend auf dem Weg vom Versprechen zum Tun im Alltag ganz wichtig. Leider hat diese Tugend aus oben erwähnten und anderen Gründen in unserer Zeit einen fauligen Beigeschmack bekommen. Jeder weiß, wie sehr mit der Berufung auf den Gehorsam Missbrauch betrieben wurde. Und dennoch steckt in diesem Wort mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Im Gehorsam steckt das Wort hören. .

Wir sind es gewohnt, selbst zu reden und unsere Worte für wichtiger zu halten als die der anderen. Wenn ich mich nach einem Gespräch nur an das erinnern kann, was ich selbst erzählt habe, dann war ich offenkundig ein schlechter Zuhörer. Leider gibt es heute nur wenig gute Zuhörer. Viele Menschen kommen zu mir in den Beichtstuhl und sagen zum Schluss: "Danke, daß Sie mir zugehört haben." Wer nimmt sich denn heute noch Zeit, jemanden zuzuhören? Gehorsam bedeutet für mich an erster Stelle, mich in die Haltung eines Menschen einzuüben, der hören kann. Hören auf Gott, hören auf die Mitmenschen, hören auf die "innere Stimme", hören auf das, was mein Leib mir sagen will.

Diesen Gehorsam kann man auch lernen, indem man/frau versucht, ihn einzuüben. Er hilft mir, daß aus der Spannung zwischen dem Anspruch meines Glaubens und der Wirklichkeit meines Lebens kein Gegensatz wird. Ich möchte drei Übungen zum Gehorsam vorschlagen:

1. Übung: Auf Gott hören

Es ist wichtig, sich täglich von Gott ansprechen zu lassen. Es gibt viele Möglichkeiten, die sich ganz nach unserer Lebenssituation richten können. Auch wenn jemand wenig Zeit hat, so kann er oder sie doch den Spruch aus der Heiligen Schrift, der auf dem Kalender steht, lesen und einige Minuten darüber nachdenken. Vielleicht kann das Evangelium vom Sonntag zum Begleiter für die Woche werden. Ich lese den Schrifttext und lasse ihn auf mich einwirken. Ich denke darüber nach, was er mir in meiner Situation sagen kann. Ich werde still. Ich spreche ein Gebet. In dieser schlichten Form der Schriftmeditation werde ich ganz ein Hörender. Und es ist schön, auf die Stimme Gottes zu hören. Wann habe ich zuletzt eine Bibel in der Hand gehabt? -

2. Übung: Aufeinander hören

Der heilige Benedikt empfiehlt in seiner Regel den Mönchen, sie sollen einander in aller Liebe und mit Eifer gehorchen. Aufeinander hören beginnt damit, den anderen zu Wort kommen zu lassen, ihm wirklich zuhören zu wollen. Aufeinander hören bedeutet darin, über die Gedanken des anderen nachzudenken.

Vielleicht hat er mir auch etwas zu sagen, das mich weiterbringt aber auch stört. Wie viel können wir voneinander lernen! Wenn das eine bewusste Haltung unserer Persönlichkeit wäre, hätte das nicht nur positive Auswirkungen auf unser Zusammenleben, sondern auch auf unsere persönliche Entwicklung. Wenn ich auf den anderen höre, nehme ich mich selber zurück, damit einer meiner Mitmenschen Raum in mir gewinnt. Und nicht selten kann ich dabei die Erfahrung machen, daß mich das verändert und bereichert.

3. Übung: Auf die "innere Stimme", auf meinen Leib hören

In der dritten Übung geht es darum, sich selbst gegenüber gehorsam zu sein. Konkret geht es darum, auf meine "innere Stimme" und auf meinen Leib zu hören. Es muss nicht erst eine Krankheit sein, die mich wieder sensibel macht für die Sprache meines Leibes. Es gibt auch andere Anzeichen: Nervosität, Verspannung, Kopfschmerzen und anderes können mich darauf aufmerksam machen, daß irgendetwas nicht stimmt. Und zwar nicht nur mit meinem Leib, sondern auch mit meiner Seele. Umgekehrt empfiehlt es sich, beizeiten Entspannung einzuüben, eine Pause einzulegen, sich Zeit für einen Spaziergang und zum Nachdenken zu nehmen. Wenn ich mich selbst blockiere, kann ich auch kein Hörender sein im Umgang mit meinen Mitmenschen und mit Gott.

Zum Hören auf meinen Leib nehme ich noch das Hören auf meine "innere Stimme" , auf meine Intuition, dazu. Es lohnt sich, die "innere Stimme" bewusst wahrzunehmen. Oftmals regen sich bei einer Begegnung oder vor einem Ereignis intuitive Wahrnehmungen, die uns erst später bewusst werden. Mir scheint, in unserem Inneren sind wir wesentlich sensibler und wahrnehmungsfähiger, als unser Verstand und unser Bewusstsein uns glauben machen wollen. Manche Übungen, wie z. B. ein Tagebuch zu führen oder sich schreibenderweise über eine Situation klarzuwerden, können helfen, der "inneren Stimme" zum Durchbruch zu helfen. Im Evangelium hörten wir von dem Sohn, der die Bitte seines Vaters, im Weinberg zu arbeiten, hört und bejaht, dann aber doch nicht hingeht. So wie der Sohn sein "Jawohl, Herr" sagt, so sagen wir doch in unseren Gottesdiensten auch immer wieder "Amen" so sei es. Und wie bei dem Sohn kennen wir die Gefahr, daß es beim bloßen Bekenntnis bleibt.

Die Tugend des Gehorsam, die Haltung des Hörens möchte die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Wort und Tat überwinden helfen. Das Ziel ist die Tochter oder der Sohn Gottes, welche ja sagen und den Willen des Vaters in einem Leben aus dem Glauben auch tun.

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06. November 2005
32. Sonntag im Jahreskreis
"Seid wachsam!"

Dann wird es mit dem Himmelreich sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen. Fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug. Die törichten nahmen ihre Lampen mit, aber kein Öl, die klugen aber nahmen außer den Lampen noch Öl in Krügen mit. Als nun der Bräutigam lange nicht kam, wurden sie alle müde und schliefen ein. Mitten in der Nacht aber hörte man plötzlich laute Rufe: Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen! Da standen die Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen zurecht. Die törichten aber sagten zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, sonst gehen unsere Lampen aus. Die klugen erwiderten ihnen: Dann reicht es weder für uns noch für euch; geht doch zu den Händlern und kauft, was ihr braucht. Während sie noch unterwegs waren, um das Öl zu kaufen, kam der Bräutigam; die Jungfrauen, die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal, und die Tür wurde zugeschlossen. Später kamen auch die anderen Jungfrauen und riefen: Herr, Herr, mach uns auf! Er aber antwortete ihnen: Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde. Mt 25,1-13

Jesus hat bekanntlich in seiner Zeit viel Widerspruch geerntet. Nicht zuletzt auch deswegen, weil er in seiner Botschaft weniger den richtenden, strafenden, rächenden, allherrschenden, unerreichbaren und unnahbaren Gott, den alleinigen Herrn Israels verkündet hat. Seine Botschaft erreicht ihre Sinnspitze im Gleichnis von barmherzigen Vater, der stets auf die Umkehr und die Zuwendung der Menschen wartet. Das macht ihn auch für viele von uns so sympathisch. Klingt da nicht das heutige Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen als Widerspruch mit der Aussage: "Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht." Wo bleibt da die Liebe , die Jesus sonst immer in Wort und Tat verkündet und auch einfordert? Was meint Jesus wohl mit dieser so hart klingenden Aussage? Hat er es vielleicht gar nicht so gemeint?

Die Situation ist ganz klar: Mit dem Hochzeitsmahl meint Jesus das Reich Gottes. Alle zehn Jungfrauen sind eingeladen. Der Herr lässt auf sich warten. Als der Ruf erschallt: "Geht ihm entgegen!" waren fünf bereit und fünf nicht. Jesus stellt fest: Die einen kommen hinein, die anderen müssen draußen bleiben. Ich frage noch einmal: Passt diese scheinbare Härte und Unerbittlichkeit zur Botschaft Jesu und zu dem, wie er selber mit den Menschen umgegangen ist?

Eines sagt uns Jesus mit diesem Gleichnis sehr deutlich: Das Leben ist nicht der Beliebigkeit unterworfen, und es ist kein Spiel. Es ist ein einmaliges und unwiederholbares Geschenk, von Gott dem Vater. Er hat es uns gegeben, und einmal werden wir darüber Rechenschaft ablegen müssen, wie immer diese Rechenschaft auch einmal aussehen wird.

Mit dem Bild von der Lampe und vom Öl wird dies alles verdeutlicht: Die Lampe ist die Gabe, das Geschenk der Freundschaft mit Gott, gegeben aus freien Stücken in Taufe und Firmung.

Das Öl ist Sinnbild für unseren Glauben, unsere Hoffnung und Liebe. Dieses Öl erst ist Voraussetzung dafür. dass unser Vertrauen zu Gott brennen kann. Der Sinn und Zweck eines christlichen Lebens besteht letztlich darin, dieses Öl anzusammeln, denn niemand weiß, wann der Herr kommt. Vielleicht mag folgendes Gespräch zwischen dem Heiligen Philipp Neri und einem Studenten dies verdeutlichen:

Philipp Neri traf einmal einen Studenten und redete ihn an:. "Wie geht's?" Und der antwortete: "Ich stehe kurz vor der Prüfung und hoffe, dass ich sie bestehe." - "Und was machst du dann?" - "Ich will Rechtsanwalt werden. Alle Leute sagen, ich sei für diesen Beruf wie geschaffen." - "Und dann?" - "Ich werde mir als Rechtsanwalt einen Namen machen; dann kann ich heiraten und ein Haus einrichten und ein reicher Mann werden." - "Und dann?" - "Schließlich, so hoffe ich, werde ich am Gericht in Rom einen hohen Posten bekommen." - "Und dann?" - "Dann werde ich mich eines Tages mit einer hohen Pension zur Ruhe setzen." - "Und dann?" - "Dann? Ja , dann werde ich wohl eines Tages sterben müssen." Und nun, so ist es überliefert, zog der Heilige den Kopf des jungen Mannes ganz nah zu sich heran und flüsterte ihm ganz leise ins Ohr: "Und dann?" Der junge Mann hat dieses Gespräch seiner lebtaglang nicht mehr vergessen.

Damit endet die Geschichte, die sich übrigens genau so gut in unseren Tagen hätte ereignen können. Das Wichtigste blieb zwar unausgesprochen, doch dem jungen Mann ist eines schlagartig klar geworden: Am Ende meines Lebens zählt es nicht, ob ich Karriere gemacht und mir als Rechtsanwalt einen Namen gemacht habe, ob ich gut verheiratet gewesen bin und wie hoch meine Pension war. Am Ende zählt nur eines: Bin ich auf Jesu Kommen vorbereitet oder nicht, sprich: Habe ich, wie die fünf klugen Jungfrauen, im entscheidenden Augenblick einen ausreichenden Ölvorrat in meinem Krug oder nicht? Habe ich auch was getan für meine Beziehung zu Gott? Wer unvorbereitet ist, wie die fünf Törichten, muss draußen bleiben. Die Tür wird eines Tages zugeschlossen. So steht es schwarz azuf weiß da. Jetzt wenden sie bitte daher nicht ein: "Das klingt aber nun doch etwas zu hart. So hart kann Gott doch gar nicht sein."

Es geht in diesem Fall doch nicht darum, ob Gott hart ist oder nicht. Es geht einzig und allein darum: Alle Zehn sind eingeladen in sein Reich. Keine/R ist ausgeschlossen. Alle haben ihre Lampen bekommen! Was kann denn dann Gott dafür, wenn einige kein Öl bei sich haben. Ja, soll er denn für alles sorgen? Ja, ist es denn ungerecht und hart, wenn Gott einem die Freiheit lässt, zu tu und lassen, was er oder sie will?

Es gibt viele, die da sagen: Ich habe nichts gegen Gott und auch nichts gegen die Kirche und zahle deswegen auch meine Kirchensteuer. Ich tue auch nichts böses und bringe auch keinen um. Aber deswegen muss ich doch nicht gleich in die Kirche rennen und beten. Ich bin auch so ein guter Christ. Aber genügt das? Es mag stimmen, dass viele Menschen nichts gegen Gott und die Kirche haben, aber sie haben auch nichts für ihn übrig. Um im Bild zu sprechen: Was nützt die schönste Lampe und sei sie aus einem noch so edlem Material und reich verziert, aber wenn kein Öl drinnen ist. Im Klartext heißt das: Was nützt es mir, wenn ich getauft und gefirmt bin und vielleicht sogar noch einmal pro Jahr zum Beichten und vielleicht auch an den hohen Festtagen in die Kirche gehe? Ansonsten "koche ich meinen Glauben auf Sparflamme." Reicht das? Brennt da was in mir oder ist es nicht eher eine verlöschende Glut?.

Jesus verkündet keine Drohungen und keine Drohbotschaft. Ich möchte das hier auch nicht tun. Aber so viel ist klar. Er verkündet die Botschaft vom liebenden und menschenfreundlichen Gott, der aber ernst genommen werden will und nicht der Beliebigkeit des Einzelnen anheim gestellt ist. Wenn sich zwei Menschen wirklich lieben, dann gehört da auch Ernst dazu, damit daraus eine wirklich tiefe und anhaltende Liebe wird. Wenn sich ein Partner wenig um den andern kümmert, ein sogenanntes "Bratkartoffelverhältnis" pflegt, d.h., das Verhältnis zum ihm oder ihr auf "Sparflamme"kocht und dann sagen würde: "Du, ich hab dich gern!"

Was würde er oder sie darauf für eine Antwort kommen? Vielleicht doch die: "Wenn du dich so wenig um mich kümmerst, und wenn du hundertmal sagt, dass du mich liebst und mich gern hast, dann kannst du mich gern haben!" So wie die Liebe zum Partner eine regelmäßige Pflege braucht, so ist das auch mit der Beziehung zu Jesus Christus. Auch sie will gepflegt sein.

"Seid wachsam!" ist keine i Drohung. Es ist die Aufforderung und Ermunterung, in Kirche und Gesellschaft ernst zu machen mit der christlichen Botschaft. "Seid wachsam!" heißt: in Gebet und in Werken der Liebe zum andern "Ölvorräte" zu sammeln. Es kann nämlich schon einmal passieren, dass wir, wie die Jungfrauen, einschlafen, nicht immer hellwach sind. Aber wenn wir genügend "Ölvorräte" gesammelt haben, dann brauchen wir die Aussage: "Ich kenne euch nicht!" nicht zu fürchten, weil wir dann im entscheidenden Augeblick nicht auf dem "Trockenen" sitzen.

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29. Januar 2006
4. Sonntag im Jahreskreis
Besessenheit?

Sie kamen nach Kafarnaum. Am folgenden Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte. Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der (göttliche) Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten. In ihrer Synagoge saß ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien: Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes. Da befahl ihm Jesus: Schweig und verlaß ihn! Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei. Da erschraken alle, und einer fragte den andern: Was hat das zu bedeuten? Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet. Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl. Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa. Mk 1, 21-28

Der Evangelienabschnitt des 4. Sonntags im Jahreskreis, zeigt uns, dass Jesus schon von seinem ersten öffentlichen Auftreten an in der "Vollmacht Gottes" redete und handelte. Was er lehrte, muss so außergewöhnlich gewesen sein, dass die Zuhörer davon tief betroffen waren. Den einen Mann aber, der zu schreien anfing, regten Jesu Worte offensichtlich auf. Hatte er so böse Gedanken in seinem Herzen, dass es ihm gegen den Strich ging, was Jesus sagte? Im Text wird deutlich, dass sich der unreine, böse Geist in ihm dagegen wehrte; denn der Mann wurde ja als ein Besessener angesehen. In früherer Zeit glaubte man nämlich, dass Dämonen und böse Geister von Menschen Besitz ergreifen könnten. Und wenn die Ursachen ihrer Krankheit nicht bekannt waren, wurden sie oft als Besessene angesehen. Wir "aufgeklärte" Menschen sind heutzutage bei dem Begriff "besessen" etwas vorsichtiger. Zu viel Schindluder wurde mit diesem Begriffe getrieben mit teilweise verheerenden Folgen.

Wir müssen jedoch festhalte: Aber auch in unserer Zeit gibt es Krankheiten, die Menschen und ihr Verhalten verändern. Sie sind dann krank, aber nicht besessen. Doch wissen wir auch, dass Leute von Ehrgeiz, Geldgier oder Machtgier geradezu besessen sein können. Sie können an gar nichts anderes mehr denken. Sie sind davon gefangen. Gerade sie sollte Jesus davon befreien; denn sie richten viel Unheil damit an.

Wenden wir uns wieder dem Evangelium zu. Bei der Befreiung des Mannes von seinem bösen Geist geht es ziemlich dramatisch zu. Der da aus dem Besessenen spricht, wehrt sich gegen Jesus und die Macht, die von ihm ausgeht. Merkwürdigerweise weiß er, dass Jesus der "Heilige Gottes" ist, und er spürt, dass er gegen ihn nicht ankommt. Doch bevor er klein beigibt, zieht er noch eine tolle Schau ab, wie wir dazu sagen würden, unter der jedoch der Mann, den er verlässt, leiden muss.

Auch wenn uns der Text seltsam und nicht in unsere Zeit passend vorkommt, müssen wir doch sehen, dass es im Weltgeschehen viel Böses gibt und seine Macht groß ist. Denken wir nur daran, wie viele Kriege es gibt und was Menschen sonst einander im Großen und im Kleinen antun. Beispiele erübrigen sich an dieser Stelle wohl. Und wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass auch in uns selber das Gute und das Böse manchmal um die Macht streiten. Sagt uns doch unser Gewissen meist recht deutlich, was richtig ist und was wir tun sollten. Trotzdem tun wir oft genau das Gegenteil. Wir sagen dann doch auch selber von uns: "Da hat mich der Teufel geritten." Jesus wird auch uns deshalb immer wieder beistehen müssen, damit wir uns für das Gute entscheiden können.

Wo uns das gelingt, sind wir auf dem richtigen Weg. Ähnlich wie Jesus bewirken wir - ob wir es wissen oder nicht - im Namen Gottes etwas Gutes. Und dadurch verändert sich da, wo wir leben, etwas zum Besseren. Das ist doch etwas! Schon Kleinigkeiten wie ein freundlicher Gruß für einen Nachbarn, den wir sonst einfach übersehen, können viel bewirken; oder das Ertragen einer Macke des Arbeitskollegen; oder das geduldige Hinnehmen des Quengelns des Kindes, das sonst zum "Aus-der-Haut-Fahren" reizt; oder der Besuch bei einem alten oder kranken Menschen, der viel allein ist; oder die Bereitschaft, mit dem Gegner zu reden, sie gütlich zu einigen, statt gleich mit dem Rechtsanwalt zu drohen... Wir alle, die Großen und die Kleinen, können dazu beitragen, dass um uns herum ein guter Geist herrscht und bei Konflikten das Böse nicht überhand nimmt. Doch bei allem Reden über das Böse wollen wir das Gute nicht vergessen, das überall in der Welt und auch durch uns bereits geschieht. Und wir wollen dankbar das bemerken, was andere uns an Gutem tun, und uns darüber freuen und das Gute weitergeben.

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19. Februar 2006
7. Sonntag im Jahreskreis
Strafe muss sein

So spricht der Herr: Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten. Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht? Ja, ich lege einen Weg an durch die Steppe und Straßen durch die Wüste. Das Volk, das ich mir erschaffen habe, wird meinen Ruhm verkünden. Jakob, du hast mich nicht gerufen, Israel, du hast dir mit mir keine Mühe gemacht. Du hast mir mit deinen Sünden Arbeit gemacht, mit deinen üblen Taten hast du mich geplagt. Ich, ich bin es, der um meinetwillen deine Vergehen auslöscht, ich denke nicht mehr an deine Sünden. Jes 43,18f.21f.24b-25

Ja, so ist das im Leben: Von frühester Kindheit haben wir es gelernt: Für Fehler muss man büßen. Strafe muss sein. Wer Schuld auf sich geladen hat, der muss bezahlen, der wird bestraft. Ich denke, wir alle kennen solche Situationen: Da hat jemand etwas weggenommen, was ihm nicht gehört hat - da hat jemand gelogen - da hat jemand seine Geschwister verärgert, verletzt, und so fort und dafür sind wir schon als bestraft worden. Solche Momente sind peinlich - deshalb führen wir sie hier nicht auf. Und selbst wenn man etwas getan hat, das nicht ausdrücklich verboten ist, so spüren wir doch in unserem Inneren, wenn es nicht in Ordnung ist. Und dann, um die Schuld soweit möglich wieder gutzumachen, wird man bestraft. Natürlich macht das das Böse nicht ungeschehen, aber die Strafe soll helfen, die Menschen zu bessern bzw. andere davon abschrecken, dasselbe zu tun.

Autofahrer, die andere durch zu schnelles Fahren oder Alkohol am Steuer andere und sich selbst gefährden, bekommen einen Strafzettel und müssen einen Geldbetrag bezahlen und gegebenenfalls sogar den Führerschein für einige Zeit abgeben. Und wer schlimme oder gefährliche Dinge angestellt hat wie schwerer Diebstahl, Raub oder Mord, der muss sogar ins Gefängnis. Denn, so sagen wir Menschen: Strafe muss sein! Wo kämen wir denn hin, weder jeder ungestraft Dinge tun oder unterlassen kann, die die anderen bedrohen. Stimmt doch?

Im Text der ersten Lesung zum 7. Sonntag im Jahreskreis aus dem Propheten Jesaja steht, dass Gott aber ganz andere Maßstäbe anlegt als wir Menschen: Es ist unglaublich, aber Gott will sein Volk nicht mit Strafen bessern, sondern dadurch, dass er die Schuld vergibt. Er will an das Vergangene nicht länger denken, er will nicht mit unseren Sünden belästigt werden, die uns immer festlegen und festhalten wollen, so dass kein Neuanfang möglich zu sein scheint. Dabei hätte Gott allen Grund gehabt, über sein auserwähltes Volk eine deftige Strafe zu verhängen. Die politisch Mächtigen hatten nämlich nicht auf Gottes Hilfe vertraut, sondern sich mit den Ägyptern verbündet gegen die große Macht der Babylonier. Doch das war eine Fehlentscheidung, und so eroberten die Babylonier Jerusalem, ließen die Stadt und den Tempel in Flammen aufgehen und verschleppten die Oberschicht der Bevölkerung. Wie konnte Gott eine solche Katastrophe zulassen? Und dann erlebten die Israeliten in Babel eine Religion mit riesigen Tempelanlagen und großartigen Götterprozessionen. Kein Wunder, dass sie dachten, Gott hätte sie vergessen. Und das Volk meinte zu Recht, dass Gott sie vergessen habe. Strafe muss eben sein!

Doch da erinnert sie der Prophet, dass schon etwas Neues wächst, dass sich eine Veränderung zeigt, dass das Volk zurückkehren darf ins Gelobte Land; denn Gott will die Schuld vergeben, damit die Menschen frei und aufrecht leben können - und damit wir großzügig denen gegenüber sein können, die unsere Vergebung brauchen.

Das erinnert mich an eine Geschichte eines jungen Mannes, der eine große Dummheit gemacht hatte und dafür einige Jahre ins Gefängnis musste. Im Laufe der Zeit war der Kontakt mit seinem Zuhause immer seltener geworden. Und als nun -nachdem er für seine Schuld gebüßt hatte - seine Entlassung anstand, gingen ihm viele Fragen durch den Kopf. Wie wird es wohl werden, wenn er nach Hause kommt? Werden seine Verwandten ihn wieder aufnehmen? Oder sind sie immer noch böse auf ihn und wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben? Davor hat er große Angst. Und am liebsten möchte er ihnen dabei auch nicht in die Augen sehen müssen.

Nun sitzt er im Zug, der zu seinem Heimatort fährt. Die Frau, die das Abteil mit ihm teilt, merkt ihm seine große Anspannung an und fragt, was ihn denn so nervös macht. Da erzählt er ihr seine Geschichte ... "Wissen Sie, und deshalb habe ich meine Verwandten gebeten, mir ein Zeichen zu geben. Ich könnte die Schande nicht ertragen, von ihnen davongejagt zu werden." - - - "Und was sollen sie tun?" -, fragte die Frau teilnahmsvoll. - -"Auf dem Hügel vor unserer Stadt steht ein Apfelbaum. Der Zug muss daran vorbeifahren, bevor er in den Bahnhof einläuft. ich habe sie gebeten, ein gelbes Band in den Baum zu hängen, wenn ich heimkehren darf. Wenn nun kein Band im Baum hängt, werde ich weiterfahren und mein Zuhause für immer vergessen."

Gespannt starrte der Mann aus dem Fenster - und die Frau mit ihm. Dann schien ihn der Mut zu verlassen. "Können Sie mir sagen, was Sie sehen, wenn der Baum in Sichtweite kommt", bat er und schloss die Augen - so groß war seine Angst vor der Enttäuschung. Da spürte er die Hand der Frau sanft auf seinem Arm. " Sie können die Augen ruhig öffnen - der Apfelbaum ist mit 1000 gelben Bändern behängt. Ich glaube, hier blüht ihnen restloses Verzeihen. Sie können getrost aussteigen. Sie sind sicher willkommen!"

Jesus hat diese Botschaft des Propheten ganz ernst genommen und die Vergebung Gottes den Menschen immer wieder zugesprochen. Auch wenn die Schuld einen noch so niederdrückt, ja sogar lähmt, er verzeiht. Wo wir empört auf die Fehler des anderen zeigen streckt er die Hand zur Vergebung entgegen. So auch im heutigen Evangelium: Zu wissen, dass ihre Schuld vergeben ist, das kann Menschen so glücklich machen, dass sie einfach aufstehen und weggehen - und nicht mehr an das Frühere denken. Und das wünsche ich uns allen.

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9. April 2006
Palmsonntag
Was die Afrikaner von der Palme sagen

Durch eine Oase ging ein finsterer Mann, Ben Sadok. Er war so gallig in seinem Charakter, dass er nichts Gesundes und Schönes sehen konnte, ohne es zu verderben. Am Rande der Oase stand ein junger Palmbaum im besten Wachstum. Der stach dem finsteren Araber ins Auge. Da nahm er einen schweren Stein und legte ihn der jungen Palme mitten in die Krone. Mit einem bösen Lachen ging er nach dieser Heldentat weiter.

Die junge Palme schüttelte sich und bog sich und versuchte, die Last abzuschütteln. Vergebens. Zu fest saß der Stein in ihrer Krone. Da krallte sich der junge Baum tiefer in den Boden und stemmte sich gegen die steinerne Last. Er senkte seine Wurzeln so tief, dass sie die verborgene Wasserader der Oase erreichten, und stemmte den Stein so hoch, dass die Krone über jeden Schatten hinausreichte. Wasser aus der Tiefe und die Sonnenglut aus der Höhe machten eine königliche Palme aus dem jungen Baum.

Nach Jahren kam Ben Sadok wieder, um sich an dem vermeintlichen Krüppelbaum zu erfreuen, den er verdorben. Er suchte vergebens. Da senkte die stolzeste Palme ihre Krone, zeigte den Stein und sagte: "Ben Sadok, ich muss dir danken. Deine Last hat mich stark gemacht." Franz Gypkens

Am heutigen Palmsonntag hören wir zunächst den triumphalen Einzug Jesu nach Jerusalem. Die Palmzweige in den Händen der jubelnden Menschenmenge werden als Zeichen des Sieges und des Triumphes geschwenkt. Dann hören wir die Leidensgeschichte mit dem Tod Jesu am Kreuz..

Der Stein steht für Last, für Leid und Kreuz, das einem anderen auferlegt wird. Jesus selber musste es am eigenen Leib und in der eigenen Seele erfahren: es gibt viel Leid in der Welt, für das menschliche Hände, Fanatismus und menschliche Bosheit verantwortlich gemacht werden müssen. Leider gibt es das immer wieder, dass Menschen nur deswegen so schwer zu tragen haben, weil es andere nicht ertragen können, wenn es ihnen gut geht. Dies ist noch schwerer zu ertragen, als anderes Leid, das nicht durch menschliches Verhalten in die Welt gebracht wird, die Naturkatastrophen im Großen und die Katastrophen aber auch im Kleinen, die nicht minder leicht sind, wenn sie über einen hereinbrechen. Da wissen wir dann oft nicht mehr weiter. Wir fragen nach dem "Warum" und wollen das Leid nicht wahrhaben. Solange es Menschen gibt, haben sie sich daher gegen das Leid gewehrt. Wir dürfen uns auch nie mit dem Leid abfinden, solange es Wege gibt, es zu lindern oder gar zu verhindern. Jede Generation von Menschen hat neue Entdeckungen gemacht, um mit dem Leid fertig zu werden. Aber besiegt wird das Leid nie!

Diese Erfahrung hat die Menschen angeregt, ganz neu über das Leid nachzudenken und nach einem möglichen Sinn zu fragen. Die einen zerbrechen an dieser Frage, die anderen finden Hilfe in der Frage nach dem Sinn des Leidens im Christentum.

Diese Erzählung beschreibt sehr anschaulich, wie das Leid einen Menschen nicht nur unterdrücken kann und verzweifeln lässt. Leid kann einen Menschen auch formen, wenn man das, was einem, gleich ob durch Menschenhände oder durch ein anderes Schicksal auferlegt wird, annimmt, weil es sich beim besten Willen nicht abschütteln lässt. Es ist zwar leicht gesagt, dass man dann den Kopf nicht in den Sand stecken darf. Die Palme hat den Kopf nicht in den Sand gesteckt, sondern ihn der Sonne entgegengehalten, was ihr letztlich zum Segen gereichte. Auf der Suche nach tiefen Quellen erschließen sich neue, ungeahnte Lebenskräfte, die trotz der Last innere und äußere Stärke vermitteln. - Wasser und Sonne.

Herr, Jesus Christus,
du bist das Wasser,
das uns tränkt, und die Sonne,
die uns scheint.
Du kannst Not und Leid
in Wachstum
und Leben verwandeln.

Wir wehren uns gegen das Leid,
das über uns kommt
und uns erdrücken will.
Wir erkennen nicht seinen Sinn
und möchten es deshalb abwerfen.
Wir stöhnen und klagen,
weil es unser Leben stört.

Lass uns von der Palme lernen,
auf der ein schwerer Stein lag.
Sie war dankbar für die Last,
durch die sie groß und stark
und schön geworden war.
Schenk uns ihren Lebensmut
und ihr Verlangen nach dem
Wasser des Lebens
und nach der Sonne
der Gerechtigkeit.
Lass uns in allem Leid
auch deine verwandelnde
Kraft erkennen.

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16. Juli 2006
15. Sonntag im Jahreskreis
Nichts ist zu schwer, sind wir nur leicht

Jesus rief die Zwölf zu sich und sandte sie aus, jeweils zwei zusammen. Er gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben, und er gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen. Und er sagte zu ihnen: Bleibt in dem Haus, in dem ihr einkehrt, bis ihr den Ort wieder verlaßt. Wenn man euch aber in einem Ort nicht aufnimmt und euch nicht hören will, dann geht weiter, und schüttelt den Staub von euren Füßen, zum Zeugnis gegen sie. Die Zwölf machten sich auf den Weg und riefen die Menschen zur Umkehr auf. Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie. Mk 6,7-13

Der Wunsch zu fliegen

Zu einem alten weisen Mann kam eines Tages ein Kind und erkundigte sich, ob es fliegen lernen könne. "Jeder, den ich gefragt habe, hat mich ausgelacht und gesagt, fliegen könnten nur die Vögel, die Flügel haben, oder allenfalls die Engel im Himmel", sagte das Kind enttäuscht.

Der alte weise Mann lächelte und erwiderte, auch der Mensch könne fliegen, wenn er nur die Vorschriften beachte.

Das Kind sah ihn ungläubig an. "Ich weiß", sagte es", "es gab einmal einen Mann, der für sich und seinen Sohn je ein Flügelpaar aus Federn anfertigte. Davon habe ich gehört. Aber der Sohn kam der Sonne zu nah, das Wachs auf den Federn schmolz, und er stürzte ab." "Du hast in der Schule gut aufgepaßt", nickte der weise Mann. "Die Geschichte von Dädalus und Ikarus kennst du also. Aber an einen solchen Flug dachte ich eigentlich nicht.'" "Sondern?" Das Kind hing mit gespannter Aufmerksamkeit an seinen Lippen. "Ich dachte an die Freiheit des Menschen, die zum Flug wird, wenn er alles abgeschüttelt hat, was ihn beschwert. Wenn er leicht, federleicht geworden ist, so daß er vom Windhauch emporgewirbelt wird."

"Das verstehe ich nicht!" rief das Kind. "Federleicht soll ich werden? Dabei wiege ich doch 70 Pfund."

Der Weise lächelte versonnen. "Sag mir, welche Dinge dir gehören und dir viel bedeuten." Das Kind begann aufzuzählen: "Mein Fahrrad, mein Fernsehapparat, meine Möbel, meine Bücher, meine Kleider, meine Schallplatten, meine Kassetten, mein Aquarium, meine Briefmarkensammlung, meine..."

"Es ist genug", unterbrach der Weise das Kind. "Hast du auch Wünsche für morgen, wenn du erwachsen bist?"

"Viele!" rief das Kind. "Zum Beispiel wünsche ich mir ein Auto, wenn ich größer bin, ein gemütliches Haus, einen Garten voller Blumen, ein...." "Es genügt", sagte der weise Mann."Wärst du bereit, deine Wünsche zu vergessen - nur den einen nicht, nämlich zu fliegen?"

Das Kind schwieg einen Augenblick, es legte die Stirn in Falten und dachte nach. "Nein", sagte es dann zögernd und leise, "ich glaube nicht, daß ich auf meine Wünsche verzichten möchte. Sie gehören doch zum Leben, und alle haben sie." "Ja", nickte der alte weise Mann, "alle haben sie, und keiner kann auf den Luxus dieser Welt verzichten. Deshalb, mein Kind, deshalb kann deine Seele auch nicht fliegen lernen..."

Hermann Multhaupt

Kinder denken Utopisches. Sie gewinnen ihre Erkenntnisse in ihrer Umwelt und werden angeregt, sich auch das zu wünschen, was andere besitzen und das zu ersehnen, was andere vermögen. Warum sollte ein Mensch nicht auch fliegen lernen ? Der weise Mann aus der Geschichte denkt nicht an das realistische Fliegen. Er versucht, das Träumen des Kindes auf eine andere Ebene zu heben. Er denkt an die Freiheit des Menschen. Sie ist da nicht möglich, wo irdische Dinge uns "beschweren." Das Kind ist nicht bereit, auf all die schönen Dinge zu verzichten, die ihm wichtig erscheinen: Fahrrad, Fernsehapparat, Kleider, Schallplatten, Auto, Haus. "Es gibt so viele schöne Dinge, die einen mitreißen können - wenn man nicht genügend auf den Himmel ausgerichtet ist. Die Erde kann dich hier auf ewig an sich ziehen" (T. Goritschewa).

Diese materiellen Dinge, die an sich nicht schlecht sind, bedürfen der Übersetzung, weil sie für tiefere "Beschwernisse" stehen, die am Fliegen, an der Gotteshingabe und Gottesbegegnung hindern. Gemeint ist das Verlangen, den Grund seines Selbstwertgefühls in der eigenen Leistung und im Erfolg zu suchen; gemeint ist der Versuch, durch Macht und Reichtum sich absichern zu wollen; gemeint ist eine Gesinnung, die dem Ver-dienen einen größeren Stellenwert als dem Dienen zuspricht; gemeint ist eine Lebensgestaltung, die mehr auf das eigene Planen als auf die Fügungen Gottes vertraut; gemeint sind Augen, die nur den Leib, aber nicht die Seele sehen. Darum konnten bei der Verklärung Jesu nur die seine Herrlichkeit schauen, die ganz gläubig waren..

Jesus gibt den Jüngern den Rat, außer einem Wanderstab nichts mitzunehmen. Alles andere "beschwert" sie nur auf ihrem Weg. Je mehr Reisegepäck wir mitschleppen, um so weniger weit kommen wir. Am Ende ist die Belastung möglicherweise so groß, dass wir völlig unbeweglich werden.

"Warum können die Engel fliegen? hat einmal einer gefragt.. "Weil sie sich leicht nehmen."

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06. August 2006
18. Sonntag im Jahreskreis
Verklärung des Herrn
Die Mitte finden


Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann. Da erschien vor ihren Augen Elija und mit ihm Mose, und sie redeten mit Jesus. Petrus sagte zu Jesus: Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte; denn sie waren vor Furcht ganz benommen. Da kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören. Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemand mehr bei sich außer Jesus. Während sie den Berg hinabstiegen, verbot er ihnen, irgend jemand zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei. Dieses Wort beschäftigte sie, und sie fragten einander, was das sei: von den Toten auferstehen. Mk 9,2-10

In Armenien erzählen sich die Menschen folgende Fabel: Ein Mann besaß eine Geige mit einer Saite, über die er den Bogen stundenlang führte, den Finger immer auf der gleichen Stelle haltend. Seine Frau ertrug dieses Geräusch sieben Monde lang in der geduldigen Erwartung, dass der Mann entweder vor Langeweile sterben oder das Instrument zerstören würde. Da sich jedoch weder das eine noch das andere dieser wünschenswerten Dinge ereignete, sagte sie eines Abends, wie man glauben darf, in sehr sanftem Tone: "Ich habe bemerkt, dass dieses wundervolle Instrument, wenn es andere spielen, vier Saiten hat, über welche der Bogen geführt wird, und dass die Spieler ihre Finger ständig hin und her bewegen." Der Mann hörte einen Augenblick lang auf zu spielen, warf einen weisen Blick auf seine Frau, schüttelte das Haupt und sprach: "Du bist ein Weib. Dein Haar ist lang, dein Verstand kurz. Natürlich bewegen die anderen ihre Finger beständig hin und her. Sie suchen die richtige Stelle. Ich habe sie gefunden."

Wir mögen vielleicht heimlich oder offen über diese Geschichte lachen. Aber wird da nicht eine Frage gestellt, die uns zum Nachdenken bringen kann, die Ihnen genauso wie mir gilt? Nämlich: Habe ich in meinem Leben die richtige Stelle gefunden? Habe ich für mein Leben die Mitte gefunden, den Punkt, der alles zusammenhält? Was die Fabel mir weiter sagt, ist folgendes: Ich muss lange Zeit suchen, bis ich diesen Punkt gefunden habe, der mein Leben zusammenhält. Ich muss viele Stellen ausprobieren, zum Klingen bringen, bis sich für mein Leben Harmonie ergibt, bis sich der Klang ergibt, der mein Leben durchträgt und bestimmt.

Ich möchte Sie einladen, einmal einige Stellen in unserem Leben abzuhorchen und zu fragen, ob sie uns Kraft geben, ob sie unser Leben durchtragen.

Ich kenne vielleicht auch Menschen, die gehen total in ihrem Beruf oder in ihrer Aufgabe auf. Da sind z.B. Lehrer aus Leidenschaft darunter. Da ist nichts zuviel, wenn es um den Beruf geht. Ich hatte einmal einen Lehrer, von dessen Unterricht war ich begeistert. Er hat es verstanden, trockenen Stoff so anschaulich zu bringen, dass wir bei der Sache waren. Und ich traue mich zu sagen: Dieser Mensch hat für sein Leben den Punkt gefunden, der sein Leben zusammenhält, der es in Schwingung versetzt.

Ich kenne eine Frau, die mit einem jähzornigen und unausgeglichenen Mann verheiratet ist. Trotzdem, diese Frau ist immer freundlich, bereit zum Gespräch und hat einen Grund zum Lachen. Sie hat mir einmal erzählt: "Ich lebe jeden Tag bewusst. Denn ich weiß: jeder Tag ist ein einmaliges Geschenk für mich. Ich kann mich über Kleinigkeiten freuen!" Da ist ein Mensch, der in seinem Leben bestehen kann, weil er den Tag als Geschenk sieht. Da hat jemand die Kraft, in den vielen Grautönen des Tages noch die Farbtupfer der Hoffnung zu sehen; in dem Einerlei eines Tages noch die Punkte zu spüren, die man sonst selten beachtet: die Kleinigkeiten, die jedem geschenkt werden, die jeder braucht wie das Salz in der Suppe. Und haben wir es nicht auch schon erfahren: Mein Leben wird heil, weil ich einen Menschen gefunden haben, dem ich vertrauen kann?

Haben wir schon einmal gespürt, wie gut es tut, wenn wir sagen können: Es gibt einen Menschen, der mir die Hände vom Gesicht nimmt, der mir Freund ist? Es gibt Menschen, die sagen: "Ich brauche niemanden!" Wie arm sind solche Menschen. Ich glaube schon, dass das Leben ruhiger und lebenswerter werden kann, wenn es einen Menschen gibt, der mich einlädt, an seinem Leben teilzunehmen. Ich glaube schon, dass jeder einen Menschen braucht, der ihm Sympathie schenkt, der Zeit und Platz für ihn hat. ja, in einer echten Freundschaft, in einer gelungenen Partnerschaft kann ein Mensch den Ort finden, der ihn zur Ruhe kommen lässt.

Jeder sucht für sein Leben die richtige Stelle, wie es in der Fabel erzählt wird. Und jeder hat in seinem Leben vielleicht schon erfahren: Was mich über kürzere oder längere Zeit hinweg hält, ist die Freundschaft zu einem Menschen, oder mein Beruf, oder Kleinigkeiten im Alltag. Trotzdem, damit ist mein Leben noch nicht ausgefüllt. Denn wer öffnet mir die Augen für die Farbtupfer meines Alltages? Wer lässt mich Durststrecken in meinem Beruf durchstehen? Wer fängt mich auf, wenn Freundschaft zerbricht und Partner auseinandergehen? Kann für unser Leben das gelten, was Petrus, Johannes und Jakobus für ihr Leben als die Mitte erfahren haben?

Was uns als Evangelium heute verkündet worden ist, will uns sagen: Da sind Menschen herausgerissen worden aus ihrer Einbahnstraße, die sich zwischen Zweifel und Hoffnung hin und her bewegt. Da haben Menschen gespürt: Seit dieser Rabbi aus Nazaret in unser Leben getreten ist, haben wir die Kraft, die uns über Enttäuschungen hinweghilft, die uns weitergehen lässt. Bei diesem Jesus haben Menschen gespürt: Er nimmt mein Leben in die Hand, bei ihm kann ich Mensch werden.

Es heißt im Evangelium: Mose und Elija waren dabei. Und was soll uns da anderes verkündet werden als das: In diesem Jesus ist die Sehnsucht eines ganzen Volkes in Erfüllung gegangen. Gott hat unsere Erde berührt. Gott hat unseren Teufelskreis für alle Zeiten durchbrochen. Ab jetzt gilt nicht mehr, dass ich von meiner Angst hin und her geworfen werde wie eine Nussschale auf dem Meer. Sondern ab jetzt gilt: Auch für mein Leben heißt die Mitte: Gott liebt dich. Auch wenn es in meinem Leben noch so drunter und drüber geht, wenn ich den Boden unter den Füßen verliere, kann ich den Punkt finden, der mein Leben zusammenhält. Gott ist auf unsere Seite getreten in Jesus von Nazaret.

Die Erfahrung der Jünger kann in unserem Leben nachwirken. Denn es gilt weiter: "Auf ihn sollt ihr hören!" Wir sind eingeladen, bei Jesus das immer wieder zu erfahren, was für Petrus, Johannes und Jakobus so wichtig war wie tägliches Brot: Jesus ist es, der mein Leben stimmig macht.

Gut - unsere Welt bleibt natürlich die gleiche. Aber ich bin überzeugt davon, dass dieser Jesus für mich da ist, wenn jeder andere nein zu mir sagt. Ich glaube sicher, dass er mein Leben zusammenhält, wenn es aus den Fugen gerät.

Auf ihn hören, das heißt: Ich nehme für bare Münze, wenn Jesus sagt: "Was ihr dem Geringsten tut, das habt ihr mir getan!" und: "Ich bin bei euch alle Tage!" So, wie wir miteinander umgehen, da kann es durchleuchten, ob Jesus die Mitte unseres Lebens ist. Ich wünsche uns die Erfahrung, dass bei allem, was unser Leben schön und phantastisch, aber auch schwer macht, Jesus mit uns geht!

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3. September 2006
22. Sontag im Jahreskreis
"Daran hängt mein Herz"

Die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren, hielten sich bei Jesus auf. Sie sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen. Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Handvoll Wasser die Hände gewaschen haben, wie es die Überlieferung der Alten vorschreibt. Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen? Er antwortete ihnen: Der Prophet Jesaja hatte recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir. Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen. Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen. Dann rief er die Leute wieder zu sich und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage: Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein. Mk 7,1-8.14f-21-23

Liebe Christen!

"Daran hängt mein Herz" sagen wir manchmal, wenn uns eine Sache oder Person besonders wichtig ist. Für den einen werden es die Ehe, der Lebenspartner oder die Kinder sein, für den anderen vielleicht die über Jahrzehnte entstandene Briefmarkensammlung, der Dienstagabend im Sportverein, die tägliche Abendbesinnung in der Meditationsecke, der traditionelle Jahresurlaub in einer inzwischen vertrauten schönen Landschaft. Diese Beispiele lassen sich noch weiter fortsetzen. Unser Herz hängt an Personen, die wir lieb gewonnen haben, die uns wichtig sind.

Unser Herz hängt an Dingen, zu denen wir eine besondere Beziehung haben, die unser persönliches Leben lebenswerter machen. Und das ist auch gut so. Unser Leben gewinnt in diesen Beziehungen an Tiefe und Faszination. Und wenn wir in rechter Weise mit ihnen umgehen, dann kann nichts Schlechtes dabei sein im Gegenteil.

Wenn unser Herz an etwas oder jemand hängt, dann zeigen wir, dass wir es mit dieser Beziehung wirklich ernst meinen. Wir sind bereit, diese Personen oder Dinge wichtiger zu nehmen als vieles andere. Das, woran unser Herz hängt, bildet einen wesentlichen Bezugspunkt unseres Handelns. Unser Tun entspringt in solchen Begegnungen und Situationen unserem tiefsten Innern. Und wir sind auch (ganz) bei uns selbst, wenn wir uns auf die Faszination des Gegenübers in rechter Weise einlassen.

Das heutige Evangelium stellt dieser Erfahrung als Kontrast eine andere Haltung entgegen. "Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir" (V. 6), zitiert Jesus den Propheten Jesaja. Er kreidet damit die Haltung der Pharisäer und Schriftgelehrten an. Diese nehmen daran Anstoß, dass Jesu Jünger mit ungewaschenen d. h. nach jüdischem Verständnis mit unreinen Händen ihr Brot essen. Entscheidend für den Glauben ist so gibt Jesus diesem Vorwurf gegenüber zu verstehen nicht das "Lippen-Bekenntnis", nicht das äußere Verhalten. Es geht vielmehr um die Frage, ob an Gott wirklich das Herz hängt, ob von Gott als Zentrum des Glaubens alles andere Verhalten der Menschen seinen Sinn erfährt.

Nimmt Gott einen wichtigen Platz in meinem Leben ein? Bin ich bereit, von ihm her mein Tun und Handeln zu verstehen? Oder benutze ich überlieferte Regeln und Vorschriften nur als "Vorwand", um mein Gewissen zu beruhigen, um mich aber letztlich auf keine tiefe Gottesbeziehung einzulassen? Gott könnte ja etwas von mir wollen oder er könnte sogar mich selber wollen.

Dies sind die Fragen, die das eben gehörte Evangelium ganz konkret an unser Leben heute stellt. Gott und sein Liebes-Gebot stehen im Mittelpunkt der christlichen Botschaft. Von ihnen her sind alle anderen Regeln und Überlieferungen her zu verstehen. Sie können sinnvoll sein, müssen aber immer wieder neu von den Zeitumständen und von der jeweiligen Situation her an Gottes Willen rückgebunden werden. Andernfalls riskieren wir, dass sie zu reinen "Selbstläufern" werden, welche die lebendige Botschaft Gottes mehr verschleiern als hervorheben. Man erfüllt das Gesetz um des Gesetzes willen, weil es halt schon immer so war.

"Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein" (V. 15), sagt Jesus weiter. Nicht die schmutzigen Hände, mit denen wir unter Umständen essen, sind das Problem, nicht diese machen uns "unrein". Die falschen Dinge, an denen unser Herz zu sehr hängt, können zum Problem werden. Dann entstehen "böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft" (v. 21ff) und vielleicht noch andere Untugenden, die das Evangelium hier nicht nennt. So fordert uns der heutige Text aus der Heiligen Schrift auf, die tiefste Motivation unseres Handelns immer wieder zu prüfen und kritisch zu hinterfragen. Steht Gott im Mittelpunkt oder gibt es andere "Götzen", an denen in absoluter Weise unser Herz hängt? Dient alles, was wir aus dem Glauben tun, der Verwirklichung seiner Liebe in der Welt oder geht es um eine reine religiöse Selbstbefriedigung?

Von diesem zentralen Anliegen her müssen wir auch die anderen eingangs genannten Menschen und Dinge deuten nicht um sie abzuwerten, sondern um sie in das rechte Verhältnis zum Zentrum unseres Glaubens zu rücken.

Wenn wir an Gott "unser Herz hängen" und an seiner Liebe wirklich unser Handeln ausrichten, dann können wir auch nicht jener Versuchung erliegen, der die Pharisäer und Schriftgelehrten aus dem Evangelium nachgegeben haben. Sie suchen einen Vorwand, um Jesus und seinen Jüngern unrechtes Verhalten vorzuwerfen. Wenn an Gott wirklich unser Herz hängt, dann kann es uns nicht passieren, dass wir Gebote und Regeln verdrehen und sie für unsere eigenen Zwecke und Ränke ausspielen.

"Nehmt euch das Wort zu Herzen, das in euch eingepflanzt worden ist und das die Macht hat, euch zu retten" (V. 21), mahnt die heutige (zweite) Lesung aus dem Jakobusbrief. Wenn wir uns Gottes Wort "zu Herzen nehmen" das Gott selbst uns eingepflanzt hat und in unserem Herzen "hegen und pflegen", am Leben erhalten will dann verheißt es uns gelingendes Leben. Öffnen wir in dieser Feier unser Herz, damit Gott wirklich und immer mehr zum Mittelpunkt unseres Daseins werden kann.

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22. Oktober 2006
29. Sontag im Jahreskreis
Vom Herrschen und vom Dienen Mk 10,35-45

Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sagten: Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst. Er antwortete: Was soll ich für euch tun? Sie sagten zu ihm: Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen. Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde? Sie antworteten: Wir können es. Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde. Doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die diese Plätze bestimmt sind. Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele. Mk 10,35-45

"Bei ARD und ZDF sitzen sie in der ersten Reihe." Fast jedes Kind kennt diesen Slogan. Es stimmt doch: In der ersten Reihe sitzen: Wer möchte das nicht? Den besten Platz ergattern: Wem läge nicht daran? Es ist nur komisch, dass in den allermeisten Kirchen die hinteren Bänke die begehrtesten sind. Aber das nur am Rande.

Zu den Ehrengästen zählen: Wer würde da "Nein" sagen? Dementsprechend wirkt es auch überaus menschlich, wenn zwei Jünger des Jesus von Nazareth ihren Herrn und Meister bitten: "Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen". Wenn man schon mit dem Messias persönlich befreundet ist, dann soll am Ende auch etwas dabei herausspringen. Zumindest ein Ehrenplatz, möglichst im Hofstaat desjenigen, der die Macht hat, der das Regiment führt, dessen Aura auch die Nebenleute in Glanz hüllt.

Viele Herrscher wüssten derart ergebene Wünsche hoch zu schätzen, da ihre eigene Vorrangstellung dadurch erst recht betont würde. Nicht so Jesus von Nazareth. Dieser Mann, den seine Freunde für den lang ersehnten Messias halten, weist das Begehren der beiden Jünger entschieden zurück. Mit deutlichen Worten schiebt er ihrer allzu irdischen Eitelkeit einen Riegel vor. Jesus handelt nicht aus einer momentanen Laune heraus. Nein, er weiß, was er tut. Vor allem spürt er, dass die Erwartungen der Jünger vollkommen in die Irre laufen werden.

Weder die Machtübernahme in Israel noch die Gründung eines neuen Weltreiches steht bevor. Vielmehr wird der Weg, den der Messias zu gehen hat, dornenreich sein, voller Entbehrungen, ohne Glanz. In Jerusalem wartet nicht der Thron auf Jesus, sondern das Kreuz, nicht die Macht, sondern der Tod.

Womöglich ärgert sich Jesus auch über die Einstellung, welche die Jünger an den Tag legen. Sie denken ans Herrschen, nicht ans Dienen. Sie möchten befehlen, nicht ausführen. Sie suchen den Ruhm, nicht die Bescheidenheit. Irgendwie bekannt - oder? Jesus fragt sich vielleicht: Haben die denn gar nicht kapiert, was ich ihnen seit drei Jahren beigebracht habe? Denken sie immer noch in den althergebrachten Bahnen, anstatt die neuen Wege zu sehen, die ich eingeschlagen habe? Wird sich das nie ändern, das menschliche Streben nach Ruhm und Macht?

Jesus hat ja Recht: Der Durchbruch gelingt nur, wenn nicht alle aufs Herrschen erpicht sind, sondern das Dienen verinnerlicht haben. Natürlich nicht als unterwürfige Sklaven, vielmehr als selbstbewusste Helfer derer, die es nötig haben. Natürlich nicht als kriecherische Anpasser, sondern als einfühlsame Begleiter der Enttäuschten. Natürlich nicht im blinden Gehorsam, vielmehr in der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit dem Geist Gottes.

Genau aus diesem Grund schärft Jesus noch einmal ein: "Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein." Der harte Ton, den Jesus anschlägt, hat vielleicht mit seinem Ärger zu tun. Er ist enttäuscht, dass die Jünger seine Botschaft noch nicht so verarbeitet haben, wie er es gewünscht hat. Möglicherweise spielt auch seine langsam wachsende Nervosität eine Rolle. Er ahnt, dass sein öffentliches Wirken dem Ende zugeht, dass in Jerusalem die Entscheidung wartet, und zwar nicht als fröhliches Happening, sondern als schmerzhafter Gang in den Tod.

Der Mann aus Nazareth unterstreicht: "Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele". Beim Ausdruck "Lösegeld" denke ich zuerst einmal an eine Entführungsgeschichte, in der die Kidnapper für die Freilassung ihres Opfers Geld verlangen. Doch bei Jesus geht es nicht um Entführung.

Das liegt auf der Hand. Seine Gegner wollen ihn öffentlich erledigen. Ein geheimes Kidnapping passt überhaupt nicht in ihr Szenario. Manche fragen sich, ob Jesus daran gedacht hat, mit seinem Tod dem eigenen Vater Genugtuung anzubieten, um ihm seinen Groll über die Sünden der Menschen zu nehmen. Doch diese Überlegung liefe auf ein äußerst fragwürdiges Gottesbild hinaus. Denn Gott wäre dann ein beleidigter und rachsüchtiger Herrscher, der großen Wert darauf legt, dass seine Untertanen gefälligst seine Laune aufbessern.

Ein solcher Gott wäre nichts für mich. Daran könnte ich nicht glauben. Womöglich denkt Jesus aber auch ans Alte Testament. Denn im Recht der Israeliten gab es die Möglichkeit, dass jemand, der einem anderen solch schweren Schaden zugefügt hatte, dass er eigentlich sein Lebensrecht verwirkt hatte, doch noch gerettet werden konnte, und zwar dadurch, dass für ihn eine Art Lösegeld gezahlt wurde, damit er nicht dem Tod zum Opfer fiel.

Genau das will Jesus: Die Menschen sollen vom Verhängnis des Todes befreit werden. Er möchte sie vor dem Fall ins Nichts bewahren. Sie sollen eine Chance erhalten, glücklich zu werden, nicht nur vor dem Tod, sondern erst recht danach. Und dieses Glücklich-Werden gelingt nicht dadurch, dass alle nach Ruhm und Macht streben. Viel wirksamer ist der Versuch, einander durch gegenseitiges Bedienen Zufriedenheit zu schenken.

Wenn jeder jedem absichtslos hilft, dann gibt es niemand mehr, der zum Opfer wird, der Unterdrückung erfährt, den die harte Faust der Gewalt trifft. Am heutigen Weltmissionssonntag, soll uns das bewusst werden, dass Missionierung kein von oben nach unten ist, wie es in frühere Zeit -mit den besten Absichten vielleicht- gemacht wurde. Wo die Leute z.B. mit brutaler Gewalt missioniert wurden. Nein Mission heute heißt, einander absichtslos dienen und nicht Macht übereinander auszuüben. Eine kleine Geschichte mit dem Titel Einer dem anderen verdeutlicht dies:

Jemand durfte einen Blick in die Hölle tun. Er sah einen festlichen Saal, strahlend erleuchtet. Die kostbar gekleideten Menschen saßen vor Tischen, die sich bogen unter der Last üppiger Speisen. Aber alle hatten steife Ellenbogengelenke, niemand konnte die Hand zum Munde führen. So geiferten und hungerten alle mitverzerrten Gesichtern. -

Er durfte auch einen Blick in den Himmel tun. Er sah einen festlichen Saal strahlend erleuchtet. Die kostbar gekleideten Menschen saßen vor Tischen, die sich bogen unter der Last üppiger Speisen. Aber alle hatten steife Ellenbogengelenke, niemand konnte die Hand zum Munde führen. Und jeder fütterte seinen Nachbarn, und alle waren glücklich.

Für Gott gibt es keine erste und letzte Reihe. Ehrenplätze sind ihm egal. Gott will, dass alle ihm nahe sind, ohne Abstufungen und Rangfolgen. Auf Erden soll diese himmlische Geschwisterlichkeit bereits beginnen. Und nach dem Tod wird sie vollendet werden. Vom Schöpfer persönlich, mit dem Sohn an der Seite und dem Geist in aller Leute Nähe.

Andreas Kaiser

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10. Dezember 2006
2. Adventsonntag
Das Wegenetz instand halten

Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrarch von Galiläa, sein Bruder Philippus Tetrarch von Ituräa und Trachonitis, Lysanias Tetrarch von Abilene; Hohepriester waren Hannas und Kajaphas. Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias. Und er zog in die Gegend am Jordan und verkündigte dort überall Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden. (So erfüllte sich,) was im Buch der Reden des Propheten Jesaja steht: Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden. Und alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt. Lk 3,1-6

Immer wieder kann man schon in der Adventszeit das Lied hören: "A 'm dreaming of a white Christmas" (Ich träume von weißen Weihnachten). Ja, Schnee zu Weihnachten oder sogar noch früher, darüber freuen sich vor allem die Kinder. Andere winken bei der Vorstellung entsetzt ab, denn dann gibt es wieder viele Staus und Verspätungen auf den Straßen. Manches Sträßchen, das im Sommer keine Probleme macht, ist dann fast unpassierbar, und man kommt nicht zu den Leuten, die man eigentlich erreichen wollte. Im heutigen Evangelium fordert Johannes der Täufer die Menschen auf, Gott den Weg zu bereiten, damit er nicht behindert wird, wenn er bei uns ankommen will.

Da war irgendwo einer, der lebte fernab vom nächsten Dorf auf einem Bauernhof. Nur selten ließ er sich im Dorf blicken, und wenn er dort war, war er wortkarg und kam mit niemandem näher in Berührung. Die Leute im Dorf nannten ihn den "komischen Kerl". Niemand gab sich Mühe, ihn näher kennen zu lernen, und mit der Zeit wurde er immer seltsamer und verschrobener. Er kam noch seltener ins Dorf, um seine wenige Post abzuholen und seine Einkäufe zu erledigen. Er ließ seinen Zufahrtsweg verkommen. Gras und Büsche wuchsen auf ihm. Es gab tiefe Furchen und richtige Hügel darauf, dort, wo ein Unwetter Schlammmassen aufgehäuft hatte. Dem Mann war der Zustand seines Weges egal. Zu ihm kam ja doch nie ein Mensch. Und wenn er den Weg ab und zu benutzte, dann stapfte er halt durch das Gebüsch und den Dreck.

Einmal brachte er von solch einem Ausflug in das nächste Dorf einen Brief mit. Schon lange hatte er, außer der Stromrechnung, keinen richtigen Brief mehr bekommen. Aufgeregt trug er ihn nach Hause, um ihn dort in Ruhe zu lesen. Er setzte sich in seinen Lieblingssessel, machte den Brief behutsam auf und las: "Lieber Freund, viele Jahre ist es her, seit wir uns zuletzt gesehen haben, ich war viel unterwegs, doch jetzt kehre ich in unser Dorf zurück. Hoffentlich wohnst du noch auf deinem Bauernhof, denn wenn ich im nächsten Monat zurückkomme, würde ich dich gerne besuchen." Der Mann stieß einen kurzen Freudenschrei aus. Sein Freund wollte wieder zurück ins Dorf kommen - sein Freund, mit dem er immer so gut reden konnte. Sicherlich würde er bald nach seiner Ankunft bei ihm auftauchen. Aber als er an den Zustand seines Zufahrtweges dachte, erhielt seine Freude einen Dämpfer. Wenn sein Freund den Weg sah, würde er sicherlich umkehren und annehmen, dass der Bauernhof nicht mehr bewohnt sei. Schnell rechnete er aus, wie viel Zeit ihm noch bis zur Ankunft seines Freundes bliebe. Und dann machte er einen Plan, wie er den Weg in dieser Zeit in Ordnung bringen könnte. In den folgenden Tagen rodete er das Unkraut und die Büsche, räumte Steine vom Weg, ebnete die Rillen und Hügel ein und bestreute schließlich die Auffahrt mit Kies, so dass ein Besucher nun mühelos zu ihm gelangen konnte. Und wirklich, gerade als er fertig war und sich seine Arbeit wohlgefällig betrachtete, da kam ihm sein Freund auf dem Weg entgegen.

Der Weg als Bild für die Beziehungen zwischen den Menschen

Sicherlich fällt es auf: Der Zufahrtsweg des Mannes in unserer Geschichte ist ein Symbol für seine Beziehungen zu anderen Menschen. Je mehr er sich von anderen zurückzieht, je gleichgültiger sie ihm werden, desto mehr verkommt der Weg. Wer ihn am Ende dieser Entwicklung besuchen wollte, der musste schon einige Mühen auf sich nehmen, um ihn zu erreichen. Aber da passiert etwas, das ihn veranlasst, den Weg freizumachen: Sein Freund kündigt per Brief seine Rückkehr an. Die Freude über diese Nachricht, die Erwartung der Ankunft seines Freundes bringen den Mann dazu, all die Hindernisse, die Verbitterungen und Enttäuschungen zur Seite zu räumen und den Weg so herzurichten, dass man jetzt bei ihm ankommen kann. Der Weg als Zeichen für das Verhältnis von Menschen zueinander ist ein altes Bild. Heute begegnet es uns im Evangelium in der Predigt des Johannes. (Lk 3,1-6)

Haltet eure Wege in Ordnung

Johannes, der ja der Wegbereiter Jesu genannt wird, ruft den Menschen zu: Bekehrt euch, ändert euer Leben, geht nicht mehr weiter auf krummen Wegen. Hört auf, euch selbst und anderen Steine in den Weg zu legen. Helft mit, Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Sucht nach Möglichkeiten, Abgründe zu überwinden. Seht zu, dass ihr untereinander in Verbindung bleiben könnt, und haltet den Weg frei für Gott, der bei euch ankommen möchte. Er macht sich auf den Weg zu uns. Er kommt nicht wie eine Dampfwalze, die jeden Widerstand überrollt. Er nimmt nur solche Wege, die man für ihn freimacht. Gott sagt: Ich möchte bei dir ankommen. Wird er uns zugänglich finden?

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6. Januar 2007
Erscheinung des Herrn

Sternstunden


von Br.Andreas Kaiser, Kapuziner

Der Bayerische Rundfunk hat im Advent eine Aktion mit dem Namen "Sternstunden" gestartet. Viele Initiativen haben sich dieser Aktion angeschlossen. Es geht darum, Kindern in Not tatkräftig zu helfen, ihnen sozusagen "Sternstunden" zu bereiten. "Sternstunden" sind also Momente, die ein Leben weiterbringen. Sie zeigen die Richtung an, in die man gehen kann, ja förmlich muss, wenn man nicht die Chance seines Lebens verspielen will. Eine "Sternstunde" entschlüsselt also das Dunkel meines Lebens, das noch vor mir liegt. Solche "Sternstunden" braucht jeder für sein Leben und hat sie auch.

Von so einer "Sternstunde" , die Leben in eine ganz neue, völlig fremde Richtung führen kann, erzählt auch das Evangelium vom Fest der Erscheinung des Herrn oder volkstümlich gesagt, der Heiligen drei Könige. Ob es Könige waren und die Zahl drei zutreffend ist, sei dahingestellt. Weise Männer, Sterndeuter werden sie bei Matthäus genannt, sehen dort, wo sie leben, einen Stern aufgehen. Es handelt sich um einen ungewöhnlichen Stern. Und da spüren sie sofort: Hier geht unser Leben weiter; das ist der Weg, der uns dorthin führt, wo unser Ziel ist. Es lohnt sich, auf diesen Stern zu setzen; denn da finden wir, was unser Leben zusammenhält. Und sofort machen sie sich auf den Weg.

Und dieser Stern führt die weisen Männer, die fragenden und suchenden Männer nicht zu den großartigen Prunkbauten der allmächtig scheinenden Herren von Jerusalem, wo sie den neugeborenen König der Juden zunächst vermuteten. Nein, er führt sie zu dem Unscheinbaren und Ohnmächtigen in das kleine Dorf Bethlehem. Dort bleiben sie stehen. Hier wird sich Leben erfüllen, Hier ist die Wende, die aus den vielen Irrwegen, die Menschen oft genug gehen, herausführt zu dem Weg, auf dem ich wirklich das Leben finde. Ein kleines Kind im Kreis seiner Familie gibt den gelehrten Männern die Antwort auf ihre Frage: Wo finde ich das Ziel meines Lebens?

Der Evangelist Matthäus erzählt von Geschenken, die mitgebracht werden: Gold, Weihrauch und Myrrhe - eigentlich alles, was wir Menschen von unserem Wesen her sind, wenn wir uns auf die Weihnachtsbotschaft einlassen.

Gold: Denn mit Jesus zeigt uns Gott, dass ein Mensch, selbst unter noch so vielen Hüllen von Staub und Erbärmlichkeit, von Elend und Versagen, wertvoll ist wie ein Stück echten Goldes. Nie mehr seit jenem ersten Weihnachten darf ein Mensch achtlos beiseite geschoben werden. Darum ist Gold die Gabe der Dankbarkeit. Weihrauch: Mit Jesus hat Gott uns sein menschliches Gesicht gezeigt. Er hat seinen Platz auf unserer Erde eingenommen unter uns Menschen. Das zeigt der Weihrauch. Wo sich Menschen in die Umgebung Jesu begeben, da geht es ihnen auf: Gott nimmt an unserem Leben teil. Er ist wahrhaftig mitten unter uns. Myrrhe: Oft genug sagen Menschen über ihr Leben, dass es mit Schmerz und Enttäuschung durchzogen ist. ja, offensichtlich ist das die Mitgift unseres Lebens. Dass wir solche Erfahrungen tragen können, dass unser Leben trotzdem heil werden kann, das wird im letzten Geschenk, in der Myrrhe gezeigt.

Das kann nur der in seinem Leben wieder spüren, der auch offen ist für diesen neuen Weg Gottes mit uns Menschen. Für die Weisen war die Begegnung mit dem Kind in der Krippe d i e "Sternstunde" ihres Lebens. Und für uns heute, 2007? Wir haben in diesen Tagen wieder einmal Weihnachten gefeiert - wahrscheinlich wie jedes Jahr; ob uns aufgegangen ist, wer unser Leben wirklich weiterbringt? Man kann eine "Sternstunde" auch verschlafen und vertun, wie eine russische Weihnachtsgeschichte zeigt.

Die verpasste Sternstunde

Vor vielen, vielen Jahren, da stand einmal ein kleines Haus ganz allein zwischen den Wiesen und Feldern. Dort wohnte die alte Babuschka. Im Sommer sangen die Vöglein im Apfelbaum, aber im Winter war alles still. Auf den Wiesen und Feldern lag der Schnee.

An einem Wintertag fegte und putzte Babuschka wieder einmal ihr kleines Haus. Weil sie allein war und viel Zeit hatte, fegte und putzte sie oft und lange, bis es allmählich dunkel wurde. Plötzlich blieb Babuschka mitten in der Stube stehen. Durch Schnee und Wind hatte sie deutlich die Stimmen von Menschen gehört. Es mussten sehr viele sein. Babuschka hörte sie näher kommen.

Als Babuschka aus dem Fenster sah, wollte sie kaum ihren Augen trauen. Da kamen zuerst drei weiße Pferde, die einen prächtig geschmückten Schlitten zogen. Drei Männer saßen in dem Schlitten. Sie waren bunt und fremdländisch angezogen. jeder von ihnen trug eine schwere Krone, mit Edelsteinen reich verziert. Dann kamen noch viele Männer zu Pferd oder zu Fuß, es war eine lange Reihe, und die ersten standen schon vor Babuschkas kleinem Haus.

Als es an die Tür klopfte, hätte Babuschka sich gern versteckt. Sie fürchtete sich und wartete lange. Dann aber zog sie den Riegel zurück und trat vor das Haus. Waren es Könige, die vor der Tür standen? Dunkel erinnerte sich Babuschka, dass man Menschen, die eine Krone trugen, Könige nannte. Waren sie streng und böse, wie man ihr erzählt hatte? Aber da lächelte einer der drei Fremden und sagte freundlich: "Fürchte dich nicht! Wir sind einem hellen Stern gefolgt und suchen den Ort, wo ein Kind geboren wurde, das uns allen Freude und Erlösung bringt. Willst du nicht mitgehen, Babuschka? Wir haben den Weg verloren im tiefen Schnee. Hilf uns den Weg wieder finden, damit wir dem Kind unsere Gaben bringen!"

Der kurze Wintertag ging schon dem Ende zu Babuschka sah in das Schneegestöber hinaus. "Kommt in die Stube, und wärmt euch! Ich mache erst noch die Arbeit im Haus fertig. Morgen werde ich gewiss mit euch gehen." Doch die drei Könige wandten sich ab. "Wenn du nicht mitkommen kannst, Babuschka - wir müssen gleich wieder aufbrechen. Für uns gibt es keinen Aufenthalt."

Babuschka sah ihnen lange nach. Mit allen, die bei ihnen waren, zogen sie wieder durch Wind und Schnee über das weite Land. Babuschka war in ihr Haus zurückgekehrt und hatte die letzten Ecken saubergemacht. Noch lange aber saß sie am Tisch und dachte daran, was die drei Könige ihr von dem neugeborenen Kind erzählt hatten: dass es allen Menschen Freude und Erlösung bringen werde. "Wenn ich doch mitgegangen wäre", dachte Babuschka, "ich hätte das auserwählte Kind mit eigenen Augen gesehen." Und sie bereute nun, dass sie zurückgeblieben war. Auch als sie sich zum Schlafen niederlegte, fand Babuschka keine Ruhe. Sie konnte den Morgen kaum erwarten. Tief im Herzen hatte sie nur noch den einen Wunsch, das Kind zu finden und ihm Geschenke darzubringen, wie es die Könige tun wollten.

Schon in der ersten Tagesfrühe machte sich Babuschka auf den Weg. Schritt für Schritt, den Stock in der Hand, wanderte sie von Dorf zu Dorf. Freundlich wurde sie aufgenommen, aber vergeblich fragte sie überall: "Wisst ihr den Weg zu dem auserwählten Kind?"

Und weiter stapfte die alte Babuschka über das schneebedeckte Land. Die Wege sind weit in diesem Land, und niemand weiß, ob sie das Kind gefunden hat. (Aus: Wilh. Böhm, Lieder, Texte und Bilder zum Kirchenjahr I).

Vor lauter anderen Dingen hat die alte Frau ihre "Sternstunde" verpasst. Ich wünsche uns allen hier, dass wir den Weg mit den Weisen zur Krippe nicht verpassen. Denn auch unser Leben kann neu und hell werden hier vor diesem Kind. Und das wäre doch ein schönes Leben - meinen Sie nicht auch?

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28. Januar 2007
4. Sonntag im Jahreskreis
Profil ist gefragt

Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt. Seine Rede fand bei allen Beifall; sie staunten darüber, wie begnadet er redete, und sagten: Ist das nicht der Sohn Josefs? Da entgegnete er ihnen: Sicher werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten: Arzt, heile dich selbst! Wenn du in Kafarnaum so große Dinge getan hast, wie wir gehört haben, dann tu sie auch hier in deiner Heimat! Und er setzte hinzu: Amen, das sage ich euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt. Wahrhaftig, das sage ich euch: In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija, als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und eine große Hungersnot über das ganze Land kam. Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt, nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon. Und viele Aussätzige gab es in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Aber keiner von ihnen wurde geheilt, nur der Syrer Naaman. Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen. Er aber schritt mitten durch die Menge hindurch und ging weg. Lk 4,21-30

Profil ist gefragt

Was ist der Unterschied zwischen einem Christen und einem Autoreifen? - Ein Autoreifen muss wenigstens 3 mm Profil haben. Ironie beiseite, Jesus zeigte in der Synagoge seiner Heimatstadt Profil, er zeigt Flagge, indem er provoziert. Bei manchen Menschen schrillen gleich die Alarmglocken, wenn sie das Wort Provokation hören. Einer, der provoziert ist ein Umstürzler, ein Rebell, einer, der die gewohnte Ordnung in Frage stellt. Das wollen viele nicht. Die Provokation ist aber eigentlich ein positiver Vorgang: Menschen sollen aus eingefahrenen Gewohnheiten, Denkweisen und Traditionen, aus alten Haltungen herausgerufen, bzw. wachgerüttelt werden. Es schadet sicher nicht, hin und wieder das eigene Verhalten zu hinterfragen. Irgendwo habe ich auf einer Spruchkarte gelesen: "Gewohnheiten sind zunächst feine Spinnenfäden, später aber oft Stahlseile." Und darum muss es auch Provokation geben dürfen, die so manche, wenn auch liebgewordene Gewohnheit in Frage stellt..

Profilierung fordert heraus

Profil bei einem Autoreifen heißt: Ich kann mich auf seine Wirksamkeit verlassen. Genau das sollte man von einem Christen sagen können: Ich kann mich auf seine Überzeugung und auf die Reaktionen, die daraus folgen, verlassen.

Das Evangelium vom 4. Sonntag im Jahreskreis mit seinen Herausforderungen und Provokationen will dieses Profil schärfen. Das ist auch der Grund, warum Jesus die Auseinandersetzung mit seinen Landsleuten nicht scheut. Er geht ihnen nicht aus dem Weg. Er stellt sich ihnen. Er profiliert sich und tut das in der Öffentlichkeit der Synagoge. Die Menschen kochen vor Wut. Und wenn die Argumente ausgehen - das ist damals so gewesen, wie heute -, dann greift man eben zu gewalttätigen Mitteln.. Damit begegnet Jesus zum ersten Mal der Gewalt.

Gewalt hat immer das Ziel, den anderen mundtot machen. Gewalt will das Profil zerstören und die Persönlichkeit glatt machen, platt walzen. Dazu braucht man nicht immer Steine und Gewehre-, es gibt andere, ganz subtile Mittel, um Menschen in die Knie zu zwingen. Einige davon kennt auch die Kirche. Aber lassen wir das hier. Es geht um uns. Es geht um unser Profil. Wir haben schließlich die Zeiten überwunden, in denen das Wort Berufung lediglich etwas für Ordensleute und Priester war. Wir alle haben eine Berufung, selbst wenn wir ein Leben lang dazu bräuchten, sie zu entdecken.

Glaube muss durch das Leben gedeckt sein

Wir reden vom guten Profil eines Menschen, wenn er zu dem steht, was ihm wichtig ist und was er als richtig erkannt hat. Jeremia und Jesus haben für ihre Wahrheit, die sie den Menschen auszurichten hatten, Nachteile in Kauf genommen. Jesus schließlich sogar den Tod. Auch wir werden uns nach dem Gewicht unserer Überzeugungen fragen lassen müssen. Wie weit werden sie von unserem Leben gedeckt? "Als er endlich einen Namen hatte, hatte er kein Gesicht mehr." Dieses Wort stammt von Werner Mitsch, dem Meister des Wortspiels. Wer sich in der Welt einen Namen machen will, läuft Gefahr, sein Gesicht, seine Glaubwürdigkeit, sein Profil zu verlieren. Deshalb schauen wir uns nach Hilfe um. Es macht wenig Sinn, allein der Brandung Widerstand zu leisten. Wir glauben in einer Gemeinschaft; deshalb sind funktionierende Gemeinden so überaus wichtig. Ohne Gemeinschaft geht Glaube nicht. In Nazareth stand Jesus offensichtlich damals noch allein da. Darum ging er weg.

Gemeinschaft macht stark.

Wir können heute bleiben. Standhalten. Gemeinsam können wir eine ganze Linie von Wellenbrechem aufbauen und Erfolg haben, wenn wir zusammenstehen. Denn seinem Gewissen zu folgen, den Weg der Gerechtigkeit zu suchen und zu gehen, das kann bisweilen sehr einsam machen und manchmal in bittere Enttäuschungen führen. Wir lassen einander leider zu oft im Stich, mehr aus Gedankenlosigkeit, Gleichgültigkeit oder Feigheit als aus Bosheit. Deshalb erinnern wir uns heute an die Zusage, die Gott dem Propheten Jeremia geben hat: "Ich bin mit dir, um dich zu retten." Und wir dürfen auf das Wort vertrauen, das Jesus bei der Taufe im Jordan von seinem Vater gegeben wurde: "Mein bist du. An dir habe ich mein Wohlgefallen." In beiden Worten steckt das, was unsere Vorfahren - aber deswegen keinesfalls altmodisch "Gottvertrauen" nannten. Dieses Gottvertrauen schenkt uns bei aller Anstrengung und bei allem Kampf die nötige Gelassenheit: Ich muss nicht alles allein machen und ich muss nicht mehr tun, als ich kann. Und: Manchmal darf ich, wie Jesus damals, ganz einfach weggehen. Auch das schadet meinem Profil nicht.

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18. März 2007
4. Fastensonntag
Buße tun

In den Tagen des Heils kamen alle Zöllner und Sünder zu ihm, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und ißt sogar mit ihnen. Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte: Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land, und es ging ihm sehr schlecht. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon. Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner. Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küßte ihn. Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an. Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern. Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet. Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Lk 15,1-3.11-32

Woran denken Sie, wenn Sie das Wort "Buße" hören oder lesen? Abtötung, Opfer, Verzicht...? "Buße" ist auf jeden Fall etwas, das der Mensch leisten muss, um vor Gott bestehen zu können. Am 4. Fastensonntag, mitten in der Österlichen Bußzeit, hören wir wieder einmal das weltberühmte Gleichnis vom verlorenen Sohn - oder sollen wir sagen, vom barmherzigen Vater? Im Zusammenhang mit der Buße können wir uns dazu verleiten, uns Gedanken zu machen über die "Buße" des jungen Mannes, der in die Irre gegangen und nun zerknirscht ist. Wir können uns die Situation des jungen Mannes gut vorstellen, wie er sein Geld verprasst und ein sorgenfreies Leben geführt hat. Aber schließlich können wir uns auch sein Elend vorstellen, wie er im wahrsten Sinn des Wortes "im Dreck" sitzt. Wir erfahren von seiner innerlichen Wandlung, wir hören, wie er seinen Fehler einsieht und sich zerknirscht auf den beschämenden Weg macht, heim zu seinem Vater. Wir hören ihn sagen: "Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein." Also ist hier das klassische Beispiel echter "Buße" bzw. eines wirklichen "Büßers" dargestellt, das da lautet: Sündigen - in sich gehen - bereuen und zerknirscht sein - sich auf den beschämenden Weg der Umkehr machen?

Allzu leicht übersehen wir hier aber, dass Buße nicht die Sache eines einzelnen ist, sondern dass sie immer die Beziehung zwischen zwei Personen betrifft, die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Sünde lieg dort vor, wo das "Tischtuch" zwischen beiden zerschnitten ist, bzw. wo das Band zwischen den beiden gerissen ist. Buße beginnt dann, wenn dieses Band wieder zusammengeknüpft wird. Und zum Zusammenknüpfen gehören immer beide Seiten. Das will heißen: von sich aus, kann der Sünder allein gar nicht Buße tun. Er kann aus eigenem Vermögen -und wenn er sich noch so anstrengt und sich die strengsten "Bußübungen" auferlegt- keine neue Verbindung zu Gott herstellen. Er kann nur seine Bedürftigkeit eingestehen und Hilfe suchend die Hände ausstrecken. Was dann geschieht, müssen wir Gott überlassen.

Und was können wir von Gott erwarten? Schmollt er und straft er wie eine "beleidigte Leberwurst"? Jesus antwortet uns auf diese Frage indem er Gott als einen Vater von überwältigender Güte schildert. Der Vater läuft seinem Sohn entgegen, schließt ihn in die Arme und macht den Schritt auf den "Büßer" hin. Er kennt nur dankbare Freude und verzichtet auf alle Vorhaltungen. Der Vater ist einfach nur glücklich. Er veranstaltet ein großes Festmahl. weil möglichst viele Menschen an seiner Freude teilhaben sollen. Was lernen wir daraus? Von Gott her hat Buße nichts mit Abtötung, Opfer, Verzicht, Zerknirschung und Beschämung oder gar Bestrafung zu tun. Buße hat zu tun mit Wiedersehensfreude und einem großen Fest. Wer das nicht verstehen oder akzeptieren will, der entfremdet sich von Gott, der lebt nach einem selbst gestrickten Moral-System, das in seiner Strenge beeindruckend sein mag. Aber er hat wenig bis gar nichts vom himmlischen Vater verstanden.

Der korrekte ältere Bruder ("So viele Jahre diene ich dir, nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt.") verkörpert diesen moralisch, strengen Menschen. Er nimmt Anstoß am Verhalten seines Vaters, wie damals die Pharisäer und Schriftgelehrten an der Güte und Liebe Jesu zu den Sündern Anstoß genommen haben. Ein solcher Mensch ist nicht fähig zu verstehen, wie frohmachend die Buße sein kann, die den Sohn mit dem Vater verbindet. Letztendlich ist er der Gefährdete. Man muss darum fürchten, dass er sich durch seine selbstgerechte Art vom Fest der Versöhnung ausschließt. In seinem Groll löst er sich vom Vater und wird damit selber zum "verlorenen Sohn".

Wenn wir von Buße sprechen, denken wir, wie eingangs erwähnt, meist nur daran, was wir Menschen tun müssen. Denken wir nur an die Christen-"Pflichten", die mehr oder weniger zähneknirschend erledigt werden. Unsere Gedanken verbinden mit dem Wort "Buße" nur düstere Vorstellungen. Nicht zu unrecht wird den Christen diese Haltung oft vorgeworfen. Vielen Menschen graut deshalb vor dieser Form der "Buße" und lassen sie lieber sein und wenden sich von dieser Kirche ab, die einem die Freude vergält.

Heute dürfen wir voll Dankbarkeit bei dem Wort "Buße" erkennen und erfahren: Gott denkt da ganz anders, und er fühlt auch ganz anders als wir so oft. Er kann gar nicht anders, als dem der Buße tut, entgegen zu laufen. Er kürzt so den beschwerlichen Heimweg ab, indem er den verlorenen Söhnen und Töchtern entgegenläuft und sie überglücklich in seine Arme schließt.

So ist die Rede von der Buße, wie Jesus sie gemeint und verkündet hat eine ganz andere, wie wir sie oft im Munde führen. Die Rede von der Buße ist wirklich ein Evangelium, eine frohe und froh machende Botschaft.

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06.05.2007
5. Sonntag der Osterzeit
"Seht, ich mache alles neu!"

Offb 21,1-5a
Dann sah ich, Johannes, einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.

Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen : Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.

Da treffen sich zwei ältere Personen und die eine jammert: "Nichts mehr ist wie früher. Da war halt noch alles besser." Darauf entgegnet die andere: "S' Weihwasser ist nach wie vor das Beste!" Die eine meint darauf: "Aber ich glaub, sie machen das auch nicht mehr so gut." Ja - "die gute alte Zeit", in der laut "Königlich Bayerischem Amtsgericht "das Bier noch dunkel, die Mädchen sittsam und die Honoratioren a bisserl vornehm waren" wird von vielen beschworen, die einfach nicht mehr mitkommen. Ja, gar viele trauern dieser ja ach so "guten Zeit" nach. Ja früher, da war halt alles ganz anders. "Früher hätte es das bei uns nicht gegeben!" halten Eltern ihren Kindern vor und sind insgeheim - ohne es zuzugeben - neidisch darauf, weil manches jetzt besser ist. Ich habe aber auch schon viele ältere Leute getroffen, die beieiibe nicht von der "guten alten Zeit" schwärmen. Die sehr wohl zugeben, dass früher eben auch nicht alles Gold war, was heute in verstaubten Poesiealben oder sonst wo glänzt.

Dieses Jammern nach der "guten alten Zeit" macht auch vor unserer Kirche nicht halt, wo ja früher angeblich auch alles besser war. Wie schön waren doch die Lieder von damals, die wir kannten und konnten! Die jetzigen Lieder kennen und können wir nicht, auch wenn sie älter sein sollen. Diese modernen "Jazz-Messen" wollen wir schon gar nicht!" Und das Kirchenjahr mit den alten Festen haben wir früher immer mitgefeiert - es war einfach schön! Was aber ist inzwischen wirklich geschehen? Ist wirklich alles anderes geworden, wurde alles von früher über Bord geworfen?

Man hat nur wenige - und vor allem die abgestorbenen - Zweige abgeschnitten. Dafür sind andere gute eingepfropft worden. Im Wesentlichen ist doch alles beim alten geblieben. Das Evangelium, die Grundlage der Kirche, kann man nicht ändern. Und der Herr der Kirche, Jesus Christus, ist derselbe "gestern heute und in Ewigkeit". Freilich, schön war es früher auch deswegen, weil alle immer mitgemacht haben, weil die Kirchen voll gewesen sind. So schwelgt man oder frau heute in schönen Erinnerungen. So ist Wehmut angesagt: "Das Frühere ist vergangen"! Aber geben wir es doch zu: Das Jetzige in unserer Kirche ist doch auch schön! Das erlebe ich aber nur, wenn ich wirklich innerlich dabei bin. Bei der 2. Lesung zum Fünften Sonntag der Osterzeit aus der Offenbarung des Johannes steht der Satz, dass das Frühere, der "erste Himmel und die erste Erde", vergangen ist; aber er trauert dem Früheren nicht nach. Beim "Früheren" zählt Johannes nicht auf: stille heilige Messe mit dem Rücken des Priesters zum Volk, Rosenkranzgebet während der heiligen Messe und lateinische, levitierte Hochämter, die sprichwörtlichen donnernden "Kapuzinerpredigten", wo den Leuten die Hölle heiß gemacht wurde und vieles andere mehr. Johannes zählt auf als das, was "früher war und vergangen ist": Tränen werden abgewischt; der Tod wird nicht mehr sein; keine Klage, keine Mühsal, keine Trauer. Darum geht es! Und dies alles ist weit mehr und wichtiger als liturgische Ausgestaltungen. Da streiten sich Menschen über Hand- oder Mundkommunion. Als ob es nichts Wichtigeres gäbe! Tränen, Mühsal, Tod und Trauer - das alles beschäfttigt die Menschen heutzutage und"haut uns doch um"! Das ist es doch, was uns bedrückt und fertig macht!

Aber genau all das -Tränen, Mühsal, Tod und Trauer- gibt es doch immer noch, wenn wir über unseren Tellerrand hinwegsehen; heutzutage in verstärktem Maße sogar, meinen die Miesmacher. Ich will mich denen nicht anschließen, aber auch keine "Vogel-Strauß-Politik" machen, also nicht den Kopf in den Sand stecken, um nichts zu sehen und zu hören, wenn Gefahr kommt.

Johannes schreibt: "Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen." D. h. Dann dürfen wir Tränen, Mühsal, Tod und Trauer nicht mehr nur von uns aus, also von der Erde aus, sehen, als ob das schon alles wäre. In dieser irdischen und diesseitigen Sichtweise drücken uns diese Dinge tatsächlich oft schwer nieder. Aber jetzt, nach Ostern, sollen, ja dürfen und können wir dies alles, was uns drückt, aus einem anderen Blickwinkel sehen, eben vom Himmel her, von Gott her. Das ist fürwahr kein "Opium für das Volk!" Von der Erde her, vor Ostern, sehen wir nur ein Grab. Das ist der irdische Blickwinkel. Wir sehen nur all das, was es auf der Erde gibt. Nach Ostern sehen wir heute mit Johannes alles anders, eben vom Himmel her. Dort thront Jesus nach dem Irdischen. Und dies verändert absolut nichts und doch alles! Es verändert insofern nichts, denn nach Ostern wird weiter gestorben, haben wir Mühsal und Plage, Klage und Trauer. Und doch hat sich etwas geändert! Nämlich: Die Einstellung hat sich geändert; und das ist sehr wichtig. Und Johannes sieht die "heilige Stadt", das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen "wie eine Braut, die sich geschmückt hat für ihren Mann". Die neue Stadt, das neue Jerusalem, das sind Namen für den Zustand von uns Menschen nach Ostern. Und eine Braut ist die Symbolfigur der Liebe, für Zuneigung, für Freude, für Glück. Nach Ostern herrscht dieses Verhältnis, diese Verfassung in uns, zueinander und zwischen mir und Jesus. Und deswegen ist Tod, sind Mühsal, Trauer und Klage tatsächlich verändert. Ihren Schrecken haben sie verloren. Unsere Einstellung hat sich deshalb verändert, sollte sich zumindest verändert haben. "Ein neues Gebot gebe ich euch!" sagt uns Jesus im Evangelium: "Liebt einander!" Und das ist das Wichtigste überhaupt!

Und es gibt noch eine weitere Veränderung: "Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen; er wird in eurer Mitte wohnen." Wenn ich bei Trauer und Mühsal, bei Klage und beim Tod eines Menschen eingebettet bin in die Gemeinschaft von verständnisvollen, liebenden Menschen, die Jesu "neues Gebot" ernst nehmen, dann kann ich alles leichter und besser ertragen; dann komme ich besser "über Tiefschläge" hinweg. Das ist keine Einbildung, sondern Tatsache.

Heute klagen manche Gläubige, die Majestät des Göttlichen habe durch das letzte Konzil gelitten. Diesen Eindruck mag man vielleicht gewinnen. Doch die Menschheit und Menschlichkeit Jesu ist jedenfalls deutlicher geworden: die Nähe zu Jesus und das Wohnen Jesu in unserer Mitte. Das Eingebettet sein in die Nähe Jesu macht alles anders. Das "Zelt Gottes unter uns Menschen". Wenn wir dabei nicht vergessen die Allmacht und die Göttlichkeit in der neuen Sicht von oben, dann hat die Nähe zu Jesus mir sehr viel gebracht. Einen allmächtigen Gott kann ich "verehren", und das ist gut so und soll nicht verloren gehen; aber mit dem leiblichen Bruder, Jesus, kann ich "verkehren". Wie zwei Liebende sich "zu einem Leib vereinen" so kann ich mich mit Jesus in der Kommunion zu "einem Leib vereinen".

Und wenn ich buchstäblich so mit Jesus "verbunden" bin, dann bin ich mit Jesus "zusammengebunden" - sicher, sowohl im Leid und auf dem Kreuzweg, aber auch in der Auferstehung und Himmelfahrt. Und so können wir dann auch den Schluss der Lesung nachvollziehen: "Er, der auf dem Throne saß - Jesus der Auferstandene - sprach: Seht, ich mache alles neu."

Andreas Kaiser

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17. Juni 2007
11. Sonntag im Jahreskreis
Eine Ohrfeige?

2. Lesung Wir haben erkannt, daß der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird niemand gerecht. Wenn nun auch wir, die wir in Christus gerecht zu werden suchen, als Sünder gelten, ist dann Christus etwa Diener der Sünde? Das ist unmöglich! Wenn ich allerdings das, was ich niedergerissen habe, wieder aufbaue, dann stelle ich mich selbst als Übertreter hin. Ich aber bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich für Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat. Ich mißachte die Gnade Gottes in keiner Weise; denn käme die Gerechtigkeit durch das Gesetz, so wäre Christus vergeblich gestorben. Gal 2,6a.c.19-21

Evangelium In jener Zeit ging Jesus in das Haus eines Pharisäers, der ihn zum Essen eingeladen hatte, und legte sich zu Tisch. Als nun eine Sünderin, die in der Stadt lebte, erfuhr, daß er im Haus des Pharisäers bei Tisch war, kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechendem Öl und trat von hinten an ihn heran. Dabei weinte sie, und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küßte sie und salbte sie mit dem Öl. Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, dachte er: Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müßte er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren läßt; er wüßte, daß sie eine Sünderin ist. Da wandte sich Jesus an ihn und sagte: Simon, ich möchte dir etwas sagen. Er erwiderte: Sprich, Meister! Jesus sagte: Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner; der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig. Als sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, erließ er sie beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben? Simon antwortete: Ich nehme an, der, dem er mehr erlassen hat. Jesus sagte zu ihm: Du hast recht. Dann wandte er sich der Frau zu und sagte zu Simon: Siehst du diese Frau? Als ich in dein Haus kam, hast du mir kein Wasser zum Waschen der Füße gegeben; sie aber hat ihre Tränen über meinen Füßen vergossen und sie mit ihrem Haar abgetrocknet. Du hast mir (zur Begrüßung) keinen Kuß gegeben; sie aber hat mir, seit ich hier bin, unaufhörlich die Füße geküßt. Du hast mir nicht das Haar mit Öl gesalbt; sie aber hat mir mit ihrem wohlriechenden Öl die Füße gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie mir so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe. Dann sagte er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben. Da dachten die anderen Gäste: Wer ist das, daß er sogar Sünden vergibt? Er aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Lk 7,36-50

Auf einem Grabstein soll irgendwo einmal folgende Inschrift gestanden sein: "Hier ruht N.N. Er hatte Vorfahrt" D.h. er hatte die Strassenverkehrsordnung, also das Gesetz und Recht auf seiner Seite, und doch es hat ihm nichts genützt. Den größten seelsorgerlichen Problemen begegnen viele Seelsorgern auch mit dem Kirchenrecht. Normalerweise haben ja die "normalen" Christen damit selten zu tun. Und wer kennt schon die einzelnen Paragraphen? Darüber sollen sich die Gelehrten streiten. Aber wenn es dann zum Beispiel um die Wiederheirat nach einer Scheidung geht, dann greift das Kirchenrecht, und schon ist der Konflikt mit der Kirche da, und das Unverständnis ist groß. Viele schütteln verständnislos den Kopf. Gescheiterte Menschen müssen sich plötzlich wie schwere Sünder fühlen, wie Menschen zweiter Klasse, denen. Laut Kirchrecht, ein Neustart in eine zweite Ehe mit kirchlichem Segen verweigert wird. Wenn Menschen vor den oft unerbittlichen Festlegungen des Kirchenrechts stehen, verstehen sie Gott und die Welt nicht mehr. Auch ich kann, ehrlich gesagt, oft nicht begreifen, wozu ein Gesetz gut sein soll (und noch dazu ein Gesetz der Kirche), wenn es nicht in der Lage ist, eine neue Ordnung zu schaffen und damit neues Leben. Paulus war an und für sich ein eifriger Verfechter des jüdischen Rechts, das viele Gebote und Verbote kannte, mehr noch als das Kirchenrecht. Aber im Rückblick auf sein früheres Leben stellt er fest - so lesen wir es im übertragenen Sinn in seinem Brief an die Galater , dass ihm das Recht allein nichts gebracht hat. Denn der Glaube braucht vor allem Leben und Liebe. "Die Erfüllung des Gesetzes ist die Liebe." Deshalb kann Jesus von der Sünderin sagen: "Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie so viel Liebe gezeigt hat."

Nicht immer am Gesetz entlang

Unter dieser Vorgabe wirkt das Pauluswort "durch die Befolgung des Gesetzes allein kann kein Mensch vor Gott bestehen" wie eine Ohrfeige für alle, die selbstgerecht das Kirchenrecht an die Spitze all ihres Denkens und Handelns stellen. Paulus räumt dagegen dem Geist die führende Rolle ein: Wer sich vom Geist Gottes getragen weiß, der trägt auch jenes Gespür in sich, das ihm den rechten Weg im Umgang mit den Menschen und ihren Nöten zeigt. Dieser Weg führt nicht immer an den Mauern des Gesetzes entlang.

Aus dem Prozess Jesu kennen wir das harte Wort: "Wir haben ein Gesetz. Nach diesem Gesetz muss er sterben." Wer sich nur an die Gesetze hält, hat es bequem. Er braucht sich nicht um den Menschen zu kümmern. Seine Fragen und Nöte treffen nicht lebendige Herzen, sondern stoßen auf tote Paragraphen. Wen wundert, dass sich daraufhin so viele Menschen enttäuscht von der Kirche abwenden weil Sie mehr als eine oberste gesetzliche Instanz von ihr erwarten.

Ohne Geist ist das Gesetz bedeutungslos

Gestehen wir es uns ruhig zu: Das Gesetz in jeder Form gibt Sicherheit. Denn die Entscheidungen müssen nicht eigens bedacht werden, sie sind bereits getroffen. Es geht dann nur noch um Buchstaben und um die richtige Auslegung. Für Jesus und alle, die ihm folgen, heißt es aber: "Der Buchstabe tötet, der Geist ist es, der lebendig macht." Das bedeutet, dass wir in den Gesetzen der Kirche zuerst nach dem Geist Jesu zu suchen haben, wie er vor allem in der Bergpredigt zum Ausdruck kommt. Ob wir diesem Geist dort immer finden?

2.865 Sätze kennt der Katechismus der Katholischen Kirche, der 1993 erschienen ist. Gewiss sind das nicht alles Gebote und Gesetze; aber zumindest zwischen den Zeilen von A wie Aberglaube bis Z wie Zweifel finden sich Festlegungen, die den Glauben in eine vorgegebene Richtung bringen wollen. In diesem Zusammenhang eine kleine Anekdote: Ein bekannter Bibeltheologe aus Lima, fragte einen befreundeten Priester aus Europa bei einem Besuch kurz nach dem Erscheinen dieses römischen Mammutwerkes: "Hast du schon den neuen Katechismus?" Eifrig antwortete der "ja, selbstverständlich! " Seine lapidare Antwort: "Wozu?"

Wozu? Das möchten wir gerade beim Problem der Wiederverheirateten fragen. Wozu soll es gut sein, dass zwei Menschen ein Neuanfang verwehrt wird? Wird die Unauflöslichkeit der Ehe tatsächlich durch eine solche Prinzipientreue, die sich eher als Härte erweist, gerettet? Wirkt dieses Zeichen für den Willen Gottes nicht auch dann, wenn wir einen Weg der Versöhnung finden?

Kirchenrecht als Ernstfall für Glaubwürdigkeit

Wir sind befreit zur Liebe, damit auch zur Versöhnung. Nehmen wir die Befreiung durch Jesus Christus an, dann wirkt sie in unserem Leben und bewirkt sie, dass andere sich befreit und frei fühlen können oder ist die Angst vor der Freiheit doch größer und wir kehren zur falschen Sicherheit der Gesetze zurück?

Das Kirchenrecht ist der Ernstfall für die Glaubwürdigkeit der Kirche. Jedenfalls stehe ich da vor der nicht immer leichten Gewissensentscheidung, wie ich im konkreten Einzelfall damit umgehe. Auf der einen Seite braucht es ein Gesetz. Das Gesetz scheint wichtig, aber wir dürfen es nicht auf die Spitze treiben und wie einen unveränderlichen Betonklotz empfinden, sondern eher wie einen Fachwerkbau, den wir mit eigenen Gewissensentscheidungen, das heißt mit neuem Leben ausfüllen sollen und dürfen, ja im gegebenen Fall auch müssen. Denn es geht immer so handelt auch Jesus um den Menschen. Denn: "Der Mensch ist nicht für den Sabbat da, sondern der Sabbat ist für den Menschen da."

Kirche wozu?

"Wer den Sonntag nicht heiligt wird ausgeschlossen.
Wer die Eltern nicht ehrt wird ausgeschlossen.
Wer abtreibt wird ausgeschlossen.
Wer die Ehe bricht wird ausgeschlossen.
Wer bei der Lüge erwischt wird wird ausgeschlossen.
Wer begierig ist nach Geld und Gut wird ausgeschlossen.
Alle Sünder - werden ausgeschlossen.
Wer braucht dann noch die Kirche?"
(Roland Breitenbach)

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24.Juni 2007
12.Sonntag im Jahreskreis
Im Licht das Dunkel, im Dunkel das Licht

Gerade erst hat der Sommer begonnen, nicht nur nach dem Kalender. Nur der genaue Blick in manche Kalender spricht eine andere Sprache. Denn von diesen Tagen an geht die Sonne fast unmerklich ein klein wenig später auf und ebenso ein klein wenig früher unter.Es ist die Zeit der Sonnenwende.

Wenn man sich das bewusst macht, dann liegt über diesen Tagen eine eigenartige Stimmung. Noch bevor man die Kraft der Sonne, des Lichtes voll und ganz spüren kann, wird das Dunkel schon wieder stärker. Noch bevor das Leben auf dem Höhepunkt ist, kündigen sich bereits Vergehen und Sterben an. Seit frühester Zeit haben die Menschen deshalb diese Tage besonders betont, mit Tänzen, Gesängen und Feuern. Doch niemand kann aufhalten, was geschieht.

Was sich in diesen Tagen ereignet, ist wie ein Spiegelbild dessen, was auch sonst im Leben geschieht. Wer auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft, seiner Leistungsfähigkeit ist, der wird sich in den nächsten Jahren damit abfinden müssen, dass seine Kräfte weniger werden. je mehr gute Jahre man hinter sich hat, desto ernsthafter muss man damit rechnen, dass das nicht für Ewigkeiten so bleiben wird. Nie ist das Glück auf Ewigkeiten angelegt, und oft kündigt sich die Wende schon an, bevor man das Glück voll und ganz ausgekostet hat.

Man kann gegen solche Überlegungen natürlich einwenden, dass man hier und heute leben will und leben soll. "Nutze den Tag!"- das alte römische Motto hat zweifellos seine Berechtigung. "Sorgt euch nicht um das Morgen, jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage" (Mt 6,34). Es gibt wahrscheinlich keinen unangenehmeren Zeitgenossen als den, der beim Fahrradfahren bergab deshalb jammert, weil unweigerlich die nächste Steigung droht. "Nutze den Tag!". Mach dich nicht verrückt mit dem Morgen. Genieße die schönen Stunden, die schlechten kommen ganz von allein. Trotzdem ist das nicht die ganze Wahrheit über das Leben. Es gibt eine übertriebene Sorge um die Zukunft, aber ebenso gibt es auch ein Verdrängen der Zukunft. Niemand hat das Glück für sich gebucht. Niemand wird sein Leben lang auf der Sonnenseite wohnen können. Bei jedem von uns sind die Jahre und Tage gezählt. Niemand stirbt, wie es manche Todesanzeigen unbeholfen formulieren plötzlich und unerwartet im Alter von 92 Jahren. Niemand hat die Zukunft, auf ewig in "trockenen Tüchem" gepachtet.

Das Kirchenjahr feiert an der Sonnenwende Johannes den Täufer. Die Bibel zeichnet ihn als den, der vor allem eines tut: auf Jesus zeigen. Ebenso typisch wie berühmt ist sein überdimensionaler langer Zeigefinger, mit dem ihn Matthias Grünewald auf dem Isenheimer Altar gemalt hat. Er, der Vorläufer Jesu, hat nur eine Aufgabe: hinzuweisen auf das Licht, das heller und wesentlicher ist als das Licht der Sonne: "Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht." (Joh 1,7). Dieses Licht kommt, und auf dieses Licht können wir hoffen. In genau sechs Monaten ist das mit Händen zu greifen. Wenn das Dunkel am stärksten, am mächtigsten geworden ist, feiern wir Weihnachten: die Geburt dessen, der allein die Macht hat, das Dunkel zu erhellen.

So will uns Johannes heute sagen: Ihr müsst nicht die Augen verschließen vor dem beginnenden Dunkel. ihr müsst nicht weglaufen davor, dass nun das Dunkel ganz langsam, aber sicher das Licht besiegen wird. Ihr dürft glauben: Am Ende wartet der auf euch, der jede Nacht erhellt.

Wer glaubt, der muss das beginnende Dunkel nicht wegreden oder vor ihm weglaufen. Wer glaubt, der muss nicht die Augen verschließen vor der Zukunft, gerade wenn sie schwer zu werden droht. Wer glaubt, der kann dem Vergehen und Sterben ins Auge blicken. Unter diesem Aspekt ist Johannes für uns jemand, der zugleich tröstet und ermahnt. Wir dürfen und wir müssen nicht den Blick für die Wirklichkeit und für das beginnende Dunkel verlieren -gerade dann, wenn wir im Licht, in guten Zeiten leben. Vor allem aber sollen wir denen beistehen, sollen wir die trösten und ermutigen, deren Weg unaufhaltsam ins Dunkel zu führen scheint, so unaufhaltsam, wie kein einziger Mensch verhindern kann, dass die Nächte jetzt wieder länger werden. Auch Gott kürzt dieses Dunkel nicht ab. Seine Antwort bleibt bei aller Eindeutigkeit geheimnisvoll. Am Ende, im tiefsten Dunkel, wartet Christus auf uns, der das "wahre Licht ist, das jeden Menschen erleuchtet- (Joh 1,9).

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15. August 2007
Mariä Himmelfahrt

Heutzutage wird, wenn jemand gestorben ist, der Sarg nicht aufgemacht. Früher war es zumindest auf dem Land üblich, dass die Verstorbenen im offenen Sarg aufgebahrt wurden. In einem Dorf in den Bergen starb einmal ein begeisterter "Trachtler". Standesgemäß wurde im in seiner Feiertagstracht - mit Trachtenjanker und Lederhose - im offenen Sarg aufgebahrt. Die Leute gingen vorbei, um einen letzten Blick auf den Verstorbenen zu werfen. Und manch einer konnte trotz des traurigen Ereignisses nicht ein kleines Schmunzeln vermeiden. Der Grund dafür: auf dem Hosenträger konnte man mit kunstvoll eingestickter Schrift lesen: "G'sund samma".

Die Hauptsache ist die Gesundheit. Dieser Satz fehlt bei fast keiner Gratulation, sei es zum Namens- oder Geburtstag oder auch beim Glückwunsch für ein gesundes neues Jahr. Für viele Zeitgenossen ist die Gesundheit das allerhöchste Glück und Gut. Was wird da nicht alles für die Gesundheit unternommen: Beauty und Wellness, Jogging und Nordic Walking, Schwimmen und Sauna. Damit ich jetzt nicht missverstanden werde: Gesundheit ist wichtig, sie ist zweifellos ein sehr hohes Gut? Der Lateiner sagt nicht umsonst, dass nun in einem gesunden Leib ein gesunder Geist wohne. Aber ist die Gesundheit wirklich das allerhöchste Gut? Werden dadurch nicht Alte, Kranke und Behinderte nicht in die zweite Reihe geschoben, wenn nur die Gesundheit zählt? Haben diese Personen dann überhaupt ein menschenwürdiges Leben? Oft genug werden Sie vorschnell abgeschoben in die entsprechenden Einrichtungen. Man/ frau will mit ihnen nicht in Berührung kommen.

Ich denke, dass wir uns hier auf eine Gradwanderung begeben. Auf der einen Seite ist die berechtigte Sehnsucht nach körperlicher und seelischer Gesundheit, schönem jugendlichen Schwung und ewiger Jugend. Auf der anderen Seite hat fast jede/r Angst vor schweren Krankheiten wie z.B. Krebs, AIDS, Alzheimer, um nur einige zu nennen. Wir Leben in einem Widerspruch von Leibvergötzung und Leibverachtung. Ich erwähnte bereits Wellness- und Beautyfarmen auf der einen Seite. Dem stehen gegenüber, dass Kinder, Frauen und unschuldige Menschen geschunden und geschändet werden. Und viele schauen weg, sie wollen eine "heile Welt".

In dieser Zwiespältigkeit werden wir heute, am Fest der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel auf Maria, die Mutter Jesu zu schauen. Wir feiern heute: Sie ist von Gott ganz und gar aufgenommen und angenommen. Ganz und gar, d.h. mit all ihren Ängsten aber auch allen Freuden. Was wir heute von Maria glauben und bekennen, das erhoffen wir für jede und jeden von uns. All unser Glück und Unglück, all unsere Höhen und Tiefen, alle Sternstunden und alle Dunkelheiten, alle Wege und Umwege, das alles und noch viel mehr hat bei Gott seinen Platz und ist dort gut aufgehoben. Gott hat uns nicht nur geschaffen und auf diese Welt gestellt, um sich dann von uns abzuwenden und uns allein zu lassen. Gott ist unser Schöpfer und will unser Leben bei ihm. Keine Angst soll uns blockieren. Er macht uns immer die Zusage: "Fürchte dich nicht, ich bin bei Dir! In Maria ist uns von Gott zugesagt, dass unser oft mühevolles tägliches Leben nicht in einer dunklen Sackgasse endet

Das Fest der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel wird von vielen nicht verstanden und man schüttelt den Kopf über so viel naives Denken. Der Himmel ist natürlich kein Ort über den Wolken. Und dennoch kann diese Ortsbeschreibung, so hinderlich sie auf der einen Seite ist, auch sehr hilfreich sein. Steigen Sie, zumindest in Gedanken, auf einen Berg oder auf einen hohen Turm. Wenn wir da hinunterschauen in dem oft so beschwerlichen Alltag, dann sieht das alles ganz anders aus. Dinge, die uns tagtäglich bedrohen und belasten verlieren, von "oben" her betrachtet ihre Bedrohung. Alles, was groß und wichtig erscheint, wird auf einmal winzig und klein. So Ähnlich hat es Reinhard May in seinem Lied "Über den Wolken" besungen.

Am Fest der leiblichen Aufnahme Mariens nimmt uns Maria gleichsam an der Hand und führt uns an einen "Ort", von dem aus wir hinaussehen können über alle irdischen Grenzen. Von der Warte Mariens betrachtet kann uns keine Krankheit, ja nicht einmal der Tod bedrohen. Wir sind mit Maria aufgehoben bei einem Gott, der unser Leben in die Hände nimmt, es aufhebt und ganz neu schafft.

Dies ist das Bekenntnis der Kirche am Fest Mariä Himmelfahrt, dass dieses Aufgehoben und Angenommensein bei Gott bei Maria bereits vollendet geschehen. So kann die Gottesmutter Maria, die auch unsere Mutter ist, für jeden Menschen auf der Welt, der hofft und noch zuversichtlich nach Vorne schaut zu einem echten Vorbild des erlösten Menschen werden. Könnten wir noch mehr diesem Vorbild nacheifern, würde manches in unserem Leben vielleicht schlichter, dafür aber überzeugender.

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30. September 2007
26. Sonntag im Jahreskreis
Himmel und Hölle

In jener Zeit sprach Jesus:
Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte. Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war. Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. Als nun der Arme starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß. Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir, und schick Lazarus zu mir; er soll wenigstens die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer. Abraham erwiderte: Mein Kind, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber musst leiden. Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, so dass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte. Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters! Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen. Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören. Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, nur wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren. Da sagte Abraham: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht. " Lk 16,19-31

Ein Rabbi bat Gott einmal darum, den Himmel und die Hölle sehen zu dürfen. Gott erlaubte es ihm und gab ihm den Propheten Elia als Führer mit. Elia führte den Rabbi zuerst in einen großen Raum, in dessen Mitte auf einem Feuer ein Topf mit köstlichen Gerichten stand. Aber die Leute sahen blass, mager und elend aus. Es herrschte eisige Stille. Die Menschen an dieser Tafel haben steife Handgelenke. Sie haben Messer und gabeln mit überlangen Stielen. Sie sind ihnen an ihren steifen handgelenke gebunden. - Dann ertönt ein Zeichen, und alle stürzen sich auf die Speisen. Sie fahren mit ihren überlangen Messern und gabeln umher, erreichen aber nichts. Sie werden immer gieriger, aber sie bekommen nichts in den Mund. 'So', sagte der Rabbi, 'scheint mir die Hölle zu sein.'

'Und wie sieht der Himmel aus?' fragte der Rabbi. Dann führte Elia den Rabbi in einen zweiten Raum der genauso aussah wir der erste. Auch darin steht eine Tafel mit erlesenen Speisen. Auch hier haben die Menschen steife Handgelenke, an die, wie im anderen Raum, Messer und Gabeln mit überlangen Stielen gebunden waren. - dann ertönte auch hier ein Zeichen, und alle begannen zu essen. Sie schnitten mit ihren überlangen Messern die Speisen und fütterten sich gegenseitig mit ihren überlangen gabeln an den steifen Handgelenken. Sie essen und feiern miteinander ein Freudenmahl. 'So', sagte der Rabbi, 'scheint der Himmel zu sein.'" (nach Willi Hoffsümmer, 255 Kurzgeschichten, Mathias-Grünewald-Verlag, Mainz, S 140). Von jeher bewegt die Menschen nach dem Ort für die Guten und die Bösen. Das Bedürfnis nach Belohnung für die Guten und die Bestrafung der Bösen findet sich in allen Religionen. Schon immer haben die Menschern daran gelittenen und tun es auch heute, dass es auf dieser Welt keine ausgleichende Gerechtigkeit gibt. Wir erleben es tagtäglich: Die Einen sind reicht und leben in Saus und Braus - die anderen sind arm und leben am Existenzminimum. Die Einen sind gesund, die Anderen sind arm. Und oft scheint es so zu sein, dass gerade die, die nach Gottes Willen zu leben versuchen auf der Schattenseite dieser Erde leben, und die Anderen, die den lieben Gott "einen guten Mann sein lassen", denen geht es gut. Wie wir diese Ungerechtigkeit nicht verstehen können, und weil mir meinen, irgendwann muss es ja eine Gerechtigkeit geben, verlagern sie viele Menschen in die Zeit nach dem Tod. D.h., die Guten kommen dann in den Himmel und die Bösen kommen in die Hölle. Genauso ist es im Evangelium vom reichen Prasser und dem armen Lazarus dargestellt. Er, der im Leben schon alles hatte, muss nun dafür büßen. Das ist doch nur zu gerecht. Oder?

Und wie der Himmel und die Hölle aussehen, dafür gibt es viele mehr oder weniger treffende Bilder, so wie auch die eingangs erwähnte Geschichte so ein Bild anbietet. Wenn die Bibel von der Hölle spricht, dann braucht sie ganz drastische Bilder. Schreckliche Schmerzen gehen einher mit fürchterlichen Qualen. Wir kennen alle künstlerische Darstellungen vom Höllenfeuer, in das die Verdammten geworfen werden, aus denen es kein Entrinnen mehr gibt. Der Begriff Himmel ist da etwas schwieriger zu erfassen. "Himmel" ist auf der einen Seite das Firmament mit Sonne Mond und Sterne. "Himmel" ist aber auch der Ort, an dem Gott wohnt. Später wird Himmel und Gott gleichgesetzt. Wer im Himmel ist, der ist gleichzeitig bei Gott. Die, die das Gute getan haben, werden später einmal ewig bei Gott sein, und die, das Böses getan haben, schmoren in alle Ewigkeit in der Hölle.

Im Sonntagsevangelium lesen wir, dass der reiche Prasser seine Brüder warnen möchte. Damit möchte er auch uns warnen. Er sagt auch uns indirekt: Geht an eure Leben nicht vorbei! Er sieht ein - zu spät, dass er eigentlich sein Leben verfehlt hat. Er merkt, dass er am eigentlichen Leben vorbeigegangen ist. Indem, dass er besessen und beherrscht war vom Geld und Immer- mehr-hauben-wollen, dass er auf seinem Zaster wie eine Bruthenne saß, hat er sein Leben verfehlt. Er hat den Anschluss verpasst und kann nur noch mit dem sprichwörtlichen "Ofenrohr ins Gebirge schauen." Er ist arm dran, einer armer Reicher, weil er das Himmel-Reich verpasst hat. So sagt er Dir und mir heute: Verpass dein Leben nicht, verlier nicht den Anschluss, indem du auf den falschen Zug aufspringst, nur weil die Dinge, die du zu besitzen meinst in Wirklichkeit Dich besitzen. Es kommt dabei nicht auf die Größe des Besitzes an. Ich habe es oft gerade bei denen bemerkt, die sehr wenig ihr Eigen nennen, wie die geradezu besessen sind von dem Wenigen. Wer sich von Gott beschenkt weiß, der wird auch schenken und so das Ziel nicht verfehlen.

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18. November 2007
33. Sonntag im Jahreskreis
Lasst euch nicht erschrecken- standhaft bleiben

Als einige darüber sprachen, dass der Tempel mit schönen Steinen und Weihegeschenken geschmückt sei, sagte Jesus: Es wird eine Zeit kommen, da wird von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleiben; alles wird niedergerissen werden. Sie fragten ihn: Meister, wann wird das geschehen und an welchem Zeichen wird man erkennen, dass es beginnt? Er antwortete: Gebt Acht, dass man euch nicht irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es!, und: Die Zeit ist da. - Lauft ihnen nicht nach! Und wenn ihr von Kriegen und Unruhen hört, lasst euch dadurch nicht erschrecken! Denn das muss als erstes geschehen; aber das Ende kommt noch nicht sofort. Dann sagte er zu ihnen: Ein Volk wird sich gegen das andere erheben und ein Reich gegen das andere. Es wird gewaltige Erdbeben und an vielen Orten Seuchen und Hungersnöte geben; schreckliche Dinge werden geschehen und am Himmel wird man gewaltige Zeichen sehen. Lk 21,5-11

"Lasst euch nicht erschrecken", so heißt es im Evangelium. vom 33. Sonntag im Jahreskreis Dabei wird von Ereignissen berichtet, die sehr wohl Schrecken verbreiten: Kriege und Unruhen, Erdbeben, Seuchen und Hungersnöte. Besonders deutlich wird diese apokalyptische Szenerie darin, dass Jesus von der Zerstörung des Jerusalemer Tempels spricht: "Kein Stein wird auf dem anderen bleiben, alles wird niedergerissen werden." Für jüdische Ohren war das ein unfassbarer Gedanke, der Inbegriff des Weltuntergangs. Aber nicht nur das: Den Jüngern Christi wird prophezeit, dass sie im Namen Jesu festgenommen und verfolgt werden. Vor Gericht werden sie stehen, in Gefängnisse geworfen, um so Zeugnis für ihren Glauben abzulegen. Sogar den nächsten Angehörigen können sie nicht mehr trauen. Eltern und Geschwister, Verwandte und Freunde werden sie verraten und ausliefern. Manche werden zu Tode kommen. Und doch sagt Jesus: "Lasst euch nicht erschrecken." Der redet sich leicht, könnten wir jetzt einwenden.

Jesus spricht nicht nur vom Erschrecken, er fügt hinzu: "Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben haben." - Ruhe und Gelassenheit statt Furcht und Schrecken, standhafter Glaube statt Glaubenszweifel angesichts der bevorstehenden furchtbaren Ereignisse ist also angesagt.

Mit der drohenden Zerstörung des Tempels ist die Frage nach dem Ende der Zeit und der endzeitlichen Wiederkunft Christi verknüpft. "Meister, wann wird es geschehen, und an welchen Zeichen wird man erkennen, dass es beginnt?", fragen die Jünger. Jesus lässt die Frage nach dem Ende offen. Er warnt seine jünger davor, denen Glauben zu schenken, die behaupten, das Ende sei da, oder die sich sogar für den wiederkehrenden Christus ausgeben. All das Prophezeite wird geschehen. Aber letztendlich bleibt es als Zeichen eines Endes unklar in seiner Aussagekraft.

Vielleicht wird es den aufmerksamen Leser oder die aufmerksame Leserin dann auch nicht verwundern, dass der Tempel in Jerusalem schon längst zerstört war, als der Evangelist Lukas diese Zeilen niedergeschrieben hat. Der Tempel war bereits zerstört und die Welt ist dennoch nicht untergegangen. Die Kriege und Unruhen, die Seuchen und Hungersnöte, die Verfolgung und den Verrat aber gab es immer noch. Vielleicht wollte Lukas die Christen seiner Zeit mit der Aufforderung zur Standhaftigkeit auf das nahende Ende vorbereiten. Aber er hat auch den Vorbehalt eingebaut, den Zeichen des scheinbar nahenden Endes nicht blindlings zu vertrauen.

Die Aufforderung Jesu zur Standhaftigkeit bekommt vor diesem historischen Hintergrund eine andere Nuance - nicht mehr: "Seid standhaft im Glauben, weil das Ende naht", sondern: "Seid standhaft im Glauben, obwohl das Ende ausbleibt." Das Schlimme in der Welt passiert und das Ende mit der Wiederkunft Christi zum Gericht lässt auf sich warten. Eine Zumutung für die Glaubenden? Wäre das nicht Grund genug, mit Gott ins Gericht zu gehen? Warum lässt er all die Gewalt, Krankheit, Hunger und Seuchen überhaupt zu? Wieso kommt er nicht, um all die, die dafür Verantwortung tragen, zu richten?

Der Text des heutigen Evangeliums stellt diese Fragen nicht. Vielmehr ermuntert er zu Ruhe und Gelassenheit, zur Standhaftigkeit im Glauben, obwohl das Ende zunächst ausbleibt. Denn Gott ist bereits da. Dies wird an einer der Zusagen Jesu an die jünger besonders deutlich: Christus wird ihnen durch seine Gegenwart die Erfahrung schenken, dass sie nicht für ihre Verteidigung sorgen müssen. Worte der Weisheit werden ihnen eingegeben, so dass alle ihre Gegner nicht gegen sie ankommen können. Es ist die Erfahrung der Gegenwart Gottes trotz des Leides oder im Leid, die diesen Text auch heute aktuell werden lässt. Wie anders soll ein Christ angesichts des Leids heutiger Tage in seinem Glauben bestehen können? Nicht die Hoffnung auf Gott, der am Ende der Zeiten in die Ungerechtigkeit der Welt eingreift, macht den Kern der Frohbotschaft aus. Vielmehr wird der Glaube getragen durch die Hoffnung auf Gott, der da ist, auch in diesen schlimmen Ereignissen. Gott, auf den wir vertrauen dürfen, auch wenn wir in unserer Zeit, in unserem Leben von Ungerechtigkeit und Leid heimgesucht werden. "Seid standhaft und ihr werdet das Leben gewinnen." Eine Verheißung im Leid, nicht nur für die Menschen von damals, sondern auch für die Menschen von heute.

Herr,
rette mich,
damit ich standhaft bleibe,
mache mich standhaft,
damit ich gerettet werde.
(Elmar Gruber)

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Predigten Br. Andreas Kaiser, Altötting
06.01.2008
Fest der Erscheinung des Herrn
Der vierte König

Das heutige Fest hat zwei verschiedene Namen. Offiziell heißt er heutige Festtag: "Erscheinung des Herrn". Bei uns, im bayrischen Raum, ist das Fest eher unter dem Namen "Heilig Drei König" bekannt. In der Bibel steht zwar nichts von Königen, sondern, dass es sich um Weise, Magier aus dem Morgenland, handelte.

Im alten Russland erzählt man sich zu diesem Fest auch eine Geschichte. Allerdings gesellt sich zu den bekannten drei Königen noch ein vierter hinzu.

"Ein mächtiger Mann aus Russland, der von seinen Vorfahren wusste, dass bei der Herabkunft des Allherrschers sich auch ein Spross aus Russland wie die Könige aus dem Morgenland auf den Weg machen würde, um dem König zu huldigen, brach eines Tages zu diesem langen Marsch auf.

Ein großes Gefolge wollte er nicht mitnehmen; das lag ihm nicht. Er wollte sich allein auf die Suche machen. So ließ er sein Lieblingspferd satteln, nahm schöne Geschenke mit, die im Lande entstanden sind Rollen von zartestem Linnen, edelste Pelze, mehrere Säcklein mit Goldkörnern und kostbaren Edelsteinen und ein Glas Honig von der Mutter. Alles war für das Kind bestimmt. So ritt er los, hinter dem Stern her, den er in der weiten russischen Landschaft gesehen hatte. Er zog durch sein ganzes Land und entdeckte viel Neues und Unbekanntes. Nachdem er zwei bis drei Monate geritten war, sah er in der Ferne drei Könige auf Kamelen. Sie kämen aus dem Osten, sagten sie, und wollten zu einem Ort, über dem der Stern nach der Verheißung stehen bleiben sollte. Der russische Wanderer schämte sich vor soviel Glanz und Reichtum. Da konnte er nicht mithalten. Dennoch zogen sie ein Stück gemeinsam; aber den hohen Gesprächen konnte er nicht folgen. Als er eines Abends wiederum in einer Herberge neben seinem Pferd übernachtete, entdeckte er am anderen Morgen ein junges Bettelweib, das ein Kind zur Welt gebracht hatte. Und weil die Frau arm und hungrig war, schenkte er ihr Goldkörner und eine Rolle von dem heimatlichen Linnen.

Inzwischen waren die Könige abgezogen. So ritt er allein weiter. Überall aber, wo er auf Not traf, verschenkte er seine Goldkörner und Edelsteine, und allen Dank gab er weiter an den, für den die Geschenke eigentlich bestimmt waren. Er kaufte Sklaven frei, die von ihren Aufsehern vor seinen Augen gequält wurden; er beschenkte Aussätzige mit dem restlichen Linnen; er half einem Kaufmann, der überfallen und ausgeplündert war. Jetzt hatte er nur noch das Glas Honig; aber die hungrigen Bienen raubten ihm auch dieses Geschenk. Als zuletzt auch sein kostbares russisches Pferd tot zusammenbrach, fragte er sich: Was hat das alles genutzt, Hungrige zu speisen, Nackte zu kleiden, Gefangene zu befreien und alles zu verschenken?" nach Edzard Schaper

Es gibt von dieser Geschichte noch eine andere Fassung. Da endet die Erzählung damit, dass der vierte König, nachdem er alles hergeschenkt hatte gerade noch rechtzeitig zur Kreuzigung Jesu kam. Er zwängte sich durch die Menge, und als er vor dem Gekreuzigten stand, wurde ihm klar, dass dieses der wahre König war. Aber was sollte er ihm schenken? Alles was er für ihn mitgenommen hatte, hatte er auf der Suche nach ihm weggeben. Der sah den Herrn an: "Nimm mein Herz", sagte sein Blick, "nimm es! Es ist alles, was ich habe!"

Das ganze Leben ist ein einziges Suchen nach einem Ziel. Für uns Christen ist das Ziel Gott. Viele suchen ihn (noch) Viele aber haben diese Suche aufgegeben, weil sie ihn nicht gefunden haben. Sie sind enttäuscht, weil er sich nicht sehen und begreifen lässt.

Vielleicht liegt es daran, dass sie an der verkehrten Stelle suchen. Wer würde bei dem Kind in der Krippe Gott vermuten? Gott vermutet man in einem Palast und nicht in einer verfallenen Hütte und schon gar nicht in einer Krippe. Aber genau da ist Gott, wo wir ihn oft nicht vermuten. Das Kind in der Krippe sagt uns: Gott findet sich nicht im Außergewöhnlichen, in großartigen Erscheinungen und Wundern, wobei wir in manchen Wundern der Schöpfung durchaus den Eindruck haben, dass da ein großartiger Gott dahinterstecken muss. Das Kind in der Krippe sagt: Im Alltäglichen liegt das Besondere.

Wer auf dem Weg zu Gott ist, wer ihn finden will, der braucht nicht in den Himmel zu schauen. Tagtäglich begegnet er uns in vielen Menschen. "Was ihr einem der Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan!" sagt Jesus. Vielleicht bleiben uns am Ende unseres Lebens nur noch die leeren Hände. Gott liebt sie mehr denn je, weil sie so viel gegeben haben.

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24.02.2008
3.Fastensonntag
Die Erfahrung der Einsiedelei

Eine alte Geschichte erzählt von einem einem Mann, der von einem Einsiedlermönch gehört hatte. Der Mann konnte nicht verstehen, warum jemand so zurückgezogen und abgeschieden leben konnte. Er machte sich deshalb auf den Weg, um den Mönch nach den Erfahrungen der Einsiedelei zu fragen.

Als er zu der Klause kam und dem Mönch sein Anliegen vorgetragen hatte, führte ihn dieser zu einem Brunnen. Er nahm einen Stein, warf ihn ins Wasser und sagte zu dem Fremden: "Schau in den Brunnen; was siehst du da?" - "Nichts", antwortete der Fremde, "nur Wasser, das sich bewegt und leichte Wellen schlägt."

Der Mönch wartete eine Zeit lang und bat den Fremden, nochmals in den Brunnen zu schauen: "Was siehst du jetzt?"- "Jetzt - sehe ich mich selber. Ich spiegle mich im ruhigen Wasser. Ganz deutlich kann ich mein Gesicht erkennen." - "Siehst du," antwortete der Mönch, "das ist die Erfahrung der Einsiedelei."

Für uns ist es eine Selbstverständlichkeit, dass wir immer und überall fließendes Wasser haben. Wir brauchen für unseren eigenen Bedarf kaum noch einen Brunen in Zeiten der zentralen Wasserversorgung. Aber natürlich wissen wir auch, dass das nicht überall so ist. Wer in Wüstengegenden lebt und durstig herumirrt, der weiß das kühle Nass eines Brunnens sehr wohl zu schätzen. In trockenen Gegenden muss man tief hinunter graben, um an das Grundwasser zu gelangen. und in trockenen Gegenden leben daher kaum Menschen. Aber dort, wo ein Brunnen ist, kommen die Menschen zusammen. So ist der Brunnen -gerade im alten Israel ein Ort der Begegnung. Hier treffen sich die Dorfbewohner und tauschen die neuesten nachrichten aus, und dort erfahren sie neues: Am Brunnen lernt man auch die durchziehenden Fremden kennen, die davon berichten, was sich in der fernen Welt gesehen und erlebt haben.

Es gibt aber auch Menschen. wie unser Einsieldermönch aus der Geschichte, die ziehen sich lieber in die Einsamkeit zurück zu einem Brunnen, wo sie für sich allein sind. Wenn sie dann in den Brunnen schauen, dann entdecken sie ihr wahres Gesicht und erfahren so erst, wer sie selber sind, so wie der Mann aus der Geschichte, der sich erst dann erkennen konnte, nachdem sich das Wasser beruhigt hatte.

Die Fastenzeit lädt uns ein, hin und wieder einen Brunnen auszusuchen, d.h. die Einsamkeit zu suchen, Schweigen, Meditation zu üben, ein gutes Buch zu lesen, aber auch mal eine Kirche zu besuchen und vor dem Allerheiligsten zu verweilen. Einen Brunnen aufsuchen, dem alltäglichen Getriebe und Einerlei zu entfliehen, das täte uns allen ganz gut.

Auch bei uns im Kloster ist das Wort "Stress" bei Vielen kein Fremdwort. Immer auf Achse zu sein, von einem Termin zum anderen hasten, das gibt es auch bei vielen Brüdern in unseren Gemeinschaften. Es gibt aber auch noch eine andere Gefahr, ich nenne sie "Gebets-Stress". Vor lauter Heruntersagen von Formeln kommt man gar nicht mehr zum eigentlichen Beten. So wird selbst das Gebet in das Gegenteil von dem verkehrt, was es eigentlich sein soll. Es wird oft immer mehr Frust als Lust. Auch da brauchen wir Zeiten der Ruhe und der Besinnung. Viele Menschen jedoch, die sagen, dass Zeit Geld ist, werden das nicht verstehen. Der berühmte Schriftsteller Exupéry erzählt in seiner Geschichte vom "kleinen Prinzen" folgende Begebenheit: Der kleine Prinz kam zu einem Händler. "Guten Tag", sagte der kleine Prinz. "Guten Tag," sagte der Händler. Er handelte mit durstillenden Pillen. Man schluckt jede Woche eine und spürt überhaupt kein Bedürfnis mehr, zu trinken. "Warum verkaufst du das?" fragte der kleine Prinz. - "Das ist eine große Zeitersparnis", sagte der Händler. "Die Sachverständigen haben Berechnungen angestellt. Man erspart 53 Minuten in der Woche." - "Und was macht man mit diesen 53 Minuten?" - "Man macht damit, was man will..." - "Wenn ich 53 Minuten übrig hätte", sagte der kleine Prinz, "würde ich ganz gemütlich zu einem Brunnen laufen..."

Alle Menschen brauchen so einen Brunnen, in denen sie von Zeit zu Zeit hineinschauen und sich erkennen müssen. Genau das ist das Problem, dass viele das nicht mehr wollen. Sie wollen nicht mehr zu sich selber kommen, zur Ruhe finden, weil sie sich davor fürchten, mit dem eigenem Ich konfrontiert zu werden. Jede Konfrontationen mit dem eigenen Ich könnte auch Konsequenzen erfordern. Jesus selber ist auch so ein Brunnen, ja, Gott selber ist d e r Brunnen. Wer da hineinschaut, wer auf Gott schaut, der fängt auf einmal an Gott zu kennen und was er mit ihm vorhab: Er ist mein Retter und er will mich zu meinem eigentlichen Ziel hinführen.


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13.04.2008
4. Ostersonntag
Türen

Es war einmal ein Mensch, der hatte einen Traum. Er war allein in einem großen Haus mit vielen Türen. Doch die Türen waren alle verschlossen. Eine geheimnisvolle Stimme rief ihm zu: 'Geh, und suche dein Glück!'. Und so machte sich der Mensch auf den Weg. Er ging durch lange Flure an vielen Türen vorbei.

So kam er zu einer Tür, über der geschrieben stand: REICHTUM. Er öffnete die Tür und fand darin die kostbarsten Schätze, die man sich nur vorstellen könnte: Gold, Silber und riesige Edelsteine. Die Stimme sagte zu ihm: 'Das alles gehört dir, wenn du für immer hier bleibst.' Nein, dachte der Mensch, was soll ich denn hier allein mit all den vielen Schätzen und noch dazu für immer.

Und er ging weiter. Wieder kam der Mensch an eine Tür. Dort stand geschrieben: RUHM UND EHRE. Er ging hinein und fand dort die prächtigsten Gewänder aus Samt und Seide, ja sogar eine goldene Rüstung. Und die Stimme sagte: 'Wenn du diese Gewänder trägst, werden dir alle Menschen zujubeln und dich verehren. Du musst nur für immer hier bleiben.' Nein, dachte der Mensch wieder, immer in solchen kostbaren und unbequemen Gewändern herumlaufen und noch dazu für immer...

Und er ging weiter. Zum drittenmal kam der Mensch an eine Tür; über der stand geschrieben: WO DU HINGEHÖRST. Er öffnete die Tür und ging hinein. Plötzlich sah er da seine Eltern, seine Geschwister, seine Kinder, seine Frau/Mann, alle, die ihm lieb und teuer waren. Und alle warteten auf ihn. 'Wir freuen uns, daß du wieder da bist', sagten alle. Und auf einmal wußte der Mensch, wo er wirklich hingehört. Darüber freute er sich, und natürlich wollte er hier bleiben. Und die Stimme sagte: 'Du hast die richtige Tür gefunden und damit dein Glück.' Der Mensch erwachte aus seinem Traum, und von da an wußte er, wie wichtig es ist, immer die richtige Tür zu finden."

In unserem Leben treffen wir tagtäglich auf Türen, ohne uns groß darüber Gedanken zu machen. Türen kann man öffnen oder schließen. Es tut uns gut, wenn wir bei jemandem offene Türen finden. Wir können eintreten und spüren: Wir sind willkommen. Wir öffnen uns füreinander, begegnen uns und fühl.en uns wohl. Wir pflegen Gemeinschaft miteinander und können Freunde werden. Offene Türen sind ein Geschenk für unser Herz. Die verschlossene Tür schließt uns aus. Wir bleiben draußen stehen und erkennen: Hier bin ich nicht willkommen, hier will jemand nichts mit mir zu tun haben. Verschlossene Türen machen beklommen, machen traurig. Sie können auch nachdenklich machen: Warum Lasst mich der andere nicht ein? Warum Lehnt er mich ab? Warum verweigert er mir die Gemeinschaft? Was habe ich ihm getan? Verschlossene Türen Lassen uns unsicher werden. Wir brauchen den Mut zur offenen Tür. Brauchen wir auch die verschlossene Tür? Um einen Schutzraum zu haben für uns, um zu uns selbst zu kommen, uns nicht zu verlieren?

Es ist doch nicht so, dass unentwegt jemand bei uns eintreten will. Wir haben genug Zeit für uns selbst. Doch wenn einer uns aufsucht, soll er die Türe geöffnet finden.

Es gibt mehrere Türen in unser Inneres. Die äußeren Türen öffnen wir schneller und Leichter. Zugang zu den inneren Türen werden wir so schnell nicht gewähren. Je weiter jemand in uns Einlass erhalt, desto besser wird er uns kennen, auch all das, was wir nicht jedem zugänglich machen wollen. Je tiefer einer eintreten darf, je vertrauter wir ihm werden, umso mehr Macht über uns wird er gewinnen. Es ist eine Frage des Vertrauens.

Jesus sagt: Ich bin die Tür zu den Menschen. Wenn wir Zugang finden wollen zu einem anderen Menschen, kommen wir nicht an Jesus vorbei. Er kennt die Seinen, er ist jedem von ihnen freundschaftlich verbunden, er gibt keinen auf oder verloren. Jeden schaut er mit guten Augen an, weil er es mit jedem gut meint und jedem Gutes zutraut, auch wenn es vielleicht verschüttet ist, Aber das Gute ist da, in jedem, auch in dem, der es von sich selbst nicht mehr glaubt. Nur wer die Menschen mit seinen Augen ansieht, wer sie lieb gewinnt wie er, wer ihnen vergeben kann wie er, wer ihnen Gutes zutraut und an das Gute in ihnen glaubt wie er, wird Zugang finden zu den Menschen. Der Herr selbst ist die Tür.

Wer vor einer Tür steht, weiß nicht, was dahinter ist. Neugierde wird wach, Hoffnung oder Freude, aber auch Angst kann aufkommen. Wer weiß, was mich hinter der Tür erwartet? Viele Laden uns ein, durch ihre Tür zu treten und Locken mit ihren Angeboten, versprechen inneren Frieden oder Glück, Selbstfindung oder Erfolg. Auch Jesus lädt uns ein, bei ihm einzutreten, uns nicht von anderen verlocken und verleiten zu lassen: "Ich bin die Tür, wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden."

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01. Juni 2008
9.Sonntag im Jahreskreis
Worauf baust du?

In jener Zeit sprach Jesus: Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt. Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten, und haben wir nicht mit deinem Namen Dämonen ausgetrieben und mit deinem Namen viele Wunder vollbracht? Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Übertreter des Gesetzes! Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut. Wer aber meine Worte hört und nicht danach handelt, ist wie ein unvernünftiger Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es ein und wurde völlig zerstört. Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt. Mt 7,21-27

Vielleicht sind wir ein wenig verwundert, dass Jesus im Evangelium vom 9. Sonntag so ernste Worte spricht. Er mahnt uns. Er mahnt vor allem diejenigen, die meinen, man könnte Gott mit ein paar Worten beruhigen, als wäre er ein alter Opa, dem man hie und da ein gutes Wort schenkt und dann ist er wieder zufrieden. Damit meint er auch die Christen, die sagen: "ein bisschen beten, am Sonntag in die Kirche gehen, einmal im Jahr zu Beichte und Kommunion gehen und nichts stehlen und keinen umbringen", das genügt. Jesus sagt: Nur "Herr, Herr!" sagen, das ist viel zu wenig!

Er meint damit nicht, dass Beten und Gottesdienst nicht gut und wichtig sind, dass wir darauf verzichten könnten. Er sagt nur: Das genügt nicht. Zur Sonntagspflicht muss auch die Werktagspflicht kommen: Jeden Tag sollen wir als Christen leben. Es genügt also nicht, nur immer von Gott zu reden. Dadurch allein ist man noch kein guter Christ. Und wer meint, er müsse die anderen nur immer mahnen und schimpfen, weil sie zu wenig gute Christen sind, hat erst recht Jesus nicht verstanden. Bei den anderen herummeckern und alles mögliche Böse in ihnen sehen, ist nicht ein Leben, wie es Christus will. In seinem Namen bei den anderen "Dämonen austreiben", ist kein Zeichen eines wirklichen Christen. Denn die Christen sind doch nicht dazu da, die anderen Menschen schlechtzumachen, in ihnen den Teufel zu sehen oder sie gar in die Hölle zu schicken. Bevor man andere kritisiert, muss man selbst etwas tun!

Also viel tun! Vielleicht große Bauten errichten, Tausenden von Menschen helfen, große Aktionen starten? Auch das meint Jesus nicht. Auch das ist nicht das Wichtigste. Wenn wir in seinem Namen wahre "Wunder vollbringen", ist das noch nicht das Wesentliche, das, was entscheidet.

Im Gegenteil: Alle diese selbsternannten Propheten, Dämonenaustreiber und Wunderleute nennt Jesus "Übeltäter"! Das ist hart, das erschreckt uns! Dabei wollten wir doch eine frohe Botschaft hören und jetzt droht Jesus! Wenn wir aber genauer hinhören, was Jesus sagt, ist es doch eine frohe Botschaft. Erinnern wir uns an die Geschichte von dem Mann, der ein Haus baut. Der eine baut es auf Felsen, und es bleibt stehen, wenn der Sturm kommt. Der andere baut es auf Sand, und es stürzt beim Gewitter zusammen. So ist es auch in unserem Leben als Christen: Wir dürfen und sollen auf Felsen bauen und können dann fest stehen, auch wenn es schwer wird, ein Christ zu bleiben.

Was aber ist dieser Fels? Jesus sagt: Den Willen Gottes tun. Das bedeutet: die Liebe Gottes erkennen und weitergeben. In seiner großen Rede, der Bergpredigt, redet Jesus davon. Eine ganz neue Welt will Gott schaffen, und sie ist mit Jesus schon angebrochen: das Reich Gottes. In ihm gibt es Menschen, die den Willen Gottes tun. Sie sind Friedensstifter, sie suchen Gerechtigkeit, sie halten von ihrer eigenen Klugheit recht wenig und verlassen sich ganz auf Gott, sie vertrauen auch dann auf ihn, wenn es schwer wird, wenn sie verspottet und verfolgt werden. Oder noch einfacher: Sie wissen, dass Gott uns Menschen liebt und will, dass auch wir Menschen uns gegenseitig lieben und Gutes tun. Und das ist der Felsen, das Fundament, auf dem unser Leben als Christen ruhen kann und soll. Dieses Fundament entscheidet.

Wenn wir diesen Grund in unserem Leben gelegt haben, dann können und sollen wir darauf aufbauen. Dann wird es gut, wenn wir beten und Gottesdienst feiern. Gut deshalb, weil wir wissen, dass Gott selber zuerst zu uns geredet hat. Weil er uns seine Liebe geschenkt hat in Jesus Christus. In Gebet und Gottesdienst antworten wir ihm auf seine Liebe.

Dann wird es gut, wenn wir von Gott reden, wenn wir wie Propheten sind Gut deshalb, weil wir dann wissen, von wem wir reden und wer uns zu den Menschen schickt: Gott, unser guter Vater.

Dann wird es gut, wenn wir das Böse bekämpfen und die Dämonen austreiben in unserer Welt. Gut deshalb, weil wir wissen, dass Gott sein Reich in dieser Welt bereits hat beginnen lassen. Weil wir schon in diesem Reich leben dürfen und das Böse, das gegen Gottes Reich ist, bekämpfen.

Dann wird es gut, wenn wir Wunder vollbringen. Wunder der Nächstenliebe zum Beispiel, wenn wir Hungernden helfen oder zu Menschen, die keiner mag, gut sind. Gut ist das deshalb, weil wir erkannt haben, dass Gott uns liebt und wir seine Liebe weitergeben sollen.

Alles das wird dann richtig und gut, weil wir den Willen Gottes, wie ihn Jesus uns gesagt hat, erkannt haben und erfüllen. Wir dürfen auf dem Fundament aufbauen, aber nur auf diesem Fundament und nicht auf unserer eigenen Weisheit, Kraft und Heiligkeit. Denn nur das Fundament Gottes trägt und hält.

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20. Juli 2008
16.Sonntag im Jahreskreis
Unkraut im Weizen

Und Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg. Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune. Mt 13,24-30

Täglich werden wir in den Medien mit Terroristen, Selbstmordattentätern, Bankräubern, Kidnappern, Mördern und Erpressern konfrontiert. In der Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst" werden spektakuläre Verbrechen nachgestellt und versucht, so zu rekonstruieren. Da wird uns hautnah vor Augen geführt, wie dreist und unverschämt die Verbrecher vorgehen, wie sie vor nichts und niemandem zurückschrecken und eiskalt handeln. Oft empören wir uns darüber, und viele sagen, man müsse die Todesstrafe einführen. Dann käme so etwas nicht mehr vor. Die nicht so Radikalen fragen angesichts so mancher Verbrechen in ihrer Hilflosigkeit: "Wie kann Gott so etwas zulassen?" Ihnen - und wahrscheinlich den meisten von uns allen - wäre doch am liebsten, Gott würde alles Böse mit Stumpf und Stiel ausrotten. Dann gäbe es keinen Krieg mehr und keine Verbrechen. Dann hätten wir das Paradies auf Erden. Dann wäre sein Reich unter uns schon Wirklichkeit, wenn alle Menschen gut wären und wenn es kein Verbrechen und sonstiges Unglück mehr gäbe. Schöne Träume.... und die sind bekannt Schäume

Es wäre schön, wenn Gott das Böse vernichtete; aber er tut es nicht. Warum? Kann er es nicht? Dann wäre er nicht Gott. Aber warum will er denn nicht? Will er den Zeitungen, den Illustrierten, dem Rundfunk und dem Fernsehen Sensationen liefern und Knüller anbieten? Hat er Angst, es würde uns zu langweilig auf der Welt? Freut er sich am Ende gar, wenn Böses geschieht? - Nein, das kann nicht sein. Gott ist gut, und gut ist alles, was er tut. Gott und das Böse vertragen sich sowenig wie Feuer und Wasser; denn Gott ist das höchste Gut, das eigentliche Gute. Wie das Licht von der Sonne kommt und die Finsternis überall vor ihren Strahlen schwindet, stammt alles Gute dieser Welt von Gott und muß alles Böse vor ihm weichen. Aber er lässt es doch zu, obwohl er es anders machen könnte. Das ist richtig.

Warum? - Er gab den Menschen die Freiheit zu wählen. Aber warum schränkte er dann die Freiheit nicht ein? Er musste doch wissen, dass sie missbraucht wird. Warum machte er dann den Willen nicht so stark, dass keiner der Versuchung zum Bösen unterliegt? Das hätte er doch auch tun können. Gewiss! Die Fragen und die Antworten darauf könnte man noch eine Weile fortsetzen, ohne eine Lösung zu erhalten; es gibt nämlich keine. Gott schuf unsere Welt so, wie sie ist, eine Welt, die sich gegen Gott auflehnt und Böses verübt. Freilich gibt es in ihr auch viel Gutes. So wird es bleiben, solange es Menschen gibt; denn in jedem einzelnen finden wir Gutes und Böses dicht beieinander. Das Gute verblasst leider oft neben dem Bösen. Es ist so schwierig, das Böse auszumerzen. Wo soll man die Grenze ziehen? Gehören wir zu den Guten oder zu den Bösen? Soll man uns noch vernichten, oder soll man uns leben lassen, weil das Gute in uns vielleicht ein bißchen mehr wiegt als das Böse? Daran mag Jesus gedacht haben, als er das Gleichnis erzählte.

Mit dem Unkraut meinte er höchstwahrscheinlich eine Unkrautsorte, die als junge Pflanze dem Weizen sehr ähnlich sieht. Wer will da genau unterscheiden, ob es sich bei den einzelnen Halmen um Unkraut oder Weizen handelt? Solange wir leben, kann niemand eindeutig sagen, ob wir zu den Guten oder Bösen gehören. Das wird sich erst am Jüngsten Tag endgültig herausstellen. Die Schwierigkeit, zwischen Unkraut und Weizen zu unterscheiden, weist noch auf etwas anderes hin: auf die Möglichkeit, dass aus einem schlechten Menschen noch ein Heiliger werden kann. Franz von Assisi war in jungen Jahren alles andere als ein Heiliger. Auf einmal machte er ernst mit dem christlichen Glauben, lebte in äußerster Armut und selbstloser Bescheidenheit. Bis heute geht eine große Wirkung von ihm aus. Viele junge Menschen entschließen sich bis heute, nach seinen Grundsätzen zu leben, ehelos und arm zu bleiben und den verachteten und ausgestoßenen Menschen zu helfen. Was wäre uns entgangen, wenn man das "Unkraut" von damals ausgerissen hätte?

Gott hat einen langen Atem. Er wartet bis zur Ernte. Dann lässt er das Unkraut vom Weizen scheiden, um es ins Feuer zu werfen. Erst dann wird sich das Gute endgültig durchsetzen und siegen. Vorher kann es tausendmal so scheinen, als würde es unterliegen.

Sooft wir im Vaterunser beten "Dein Reich komme" bitten wir um den Sieg des Guten. Gott hat seine Herrschaft schon in dieser Welt errichtet. Als er seinen Sohn sandte, fing er damit an. Das war ein kleiner, aber wichtiger Anfang. Er glich dem Senfkorn oder dem Sauerteig. Aber der Sieg des Guten am Ende der Welt wird groß und herrlich sein.

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07. September 2008
23.Sonntag im Jahreskreis
Christlicher Datenschutz

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit, denn jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner. Mt 18,15ff

Die Datenschutzbestimmungen werden immer strenger. Nach ihnen hat niemand das Recht, persönliche Daten eines anderen der Öffentlichkeit preiszugeben. Wer gegen diese Bestimmungen verstößt, macht sich strafbar. Weil die Gesetzgebung so kompliziert geworden ist, stellen große Behörden eigene Datenschutzbeauftragte ein. Das dahinter stehende Anliegen ist ehrenwert: Das Geheimnis des Menschen, seine Individualität und Würde, seine Herkunft, seine Familie, seine Geschichte und seine persönlichen Umstände sollen geschützt werden.

Ich halte zum Teil diese Bestimmungen überzogen und habe keinerlei Bedenken haben, der Öffentlichkeit mitzuteilen, wann und wo ich geboren wurde, was meine Eltern beruflich getan haben, wie mein eigener Werdegang war und wo ich jetzt wohne und arbeite. Jedoch gibt es Dinge aus meiner Lebensgeschichte, die nicht auf den Markt gehören.

Viele Ereignisse sind so persönlich, so intim, so sehr Geheimnis, dass sie für andere Ohren und Augen nicht bestimmt sind. Da wundert es einem schon, mit welch einer Sensationsgier verschiedene Leute ganz persönliche Lebensdaten an die Öffentlichkeit zerren. Die Klatsch und Regenbogenpresse und riesige Mediengiganten setzen ganze Heere von Spionen in Marsch, um das Allerprivateste schamlos auszukundschaften. Am Schlimmsten ist, wenn sich irgendwer wo einen Fehler leistet. Dann wird das ausgeschlachtet und an die große Glocke gehängt, damit es möglichst viele Menschen erfahren. Das Argument für diese Machenschaften wird gleich mitgeliefert: Die Öffentlichkeit hat ein Interesse daran, sogar einen Anspruch darauf, persönliche Geheimnisse eines Menschen zu erfahren.

Im frühen Mönchtum wurde die Kunst der "brüderlichen Zurechtweisung" gepflegt. Ein lehrreiches und amüsantes Beispiel ist die Erzählung über Abt Ammonas. Diesem Abt wurde von aufgebrachten Mönchen zugetragen, dass sich in der Zelle eines Mitbruders eine Frau aufhalte. Als der Abt samt seinem Gefolge in der Zelle des besagten Mönchs auftauchte, konnte dieser die Frau gerade noch in einem Fass verstecken. Abt Ammonas überblickte sofort die Lage. Er setzte sich aufs Fass und ordnete eine Durchsuchung der Zelle an. Man fand natürlich nichts. Darauf sagte der Abt zu den Mönchen: "Was ist das? Gott soll euch vergeben!" Er ließ ein Gebet verrichten und bat alle hinauszugehen. Dann nahm er den Bruder bei der Hand und sprach: "Gib auf dich acht, Bruder!" Nach diesen Worten ging er weg.

Er hat den Bruder nicht bloßgestellt, ihm aber indirekt eine Lehre erteilt, die der wohl nie mehr vergessen hat. Wie verhalten wir uns gegenüber den Geheimnissen eines Menschen? Sind wir ebenso hemmungslos in der Weitergabe von Schwächen und Fehlern unserer Mitmenschen? Wie schnell kann dadurch der gute Ruf eines Menschen zerstört werden! Steht der "Sünder" aber erst einmal am Pranger, dann können sich alle über ihn lustig machen oder ihn verachten. Auch wenn dann, wie so oft, nichts an der Sache dran ist, so ganz leicht kommt er aus seiner Ecke nicht mehr heraus. "Etwas bleibt schon hängen", hat Voltaire gesagt.

Es gibt auch einen "Datenschutz" des Evangeliums. Schon damals waren die Gemeinden unsicher, wie sie mit Sündern umgehen sollten. Darum wurden Regeln aufgestellt, die bis heute Beachtung verdienen: Den Fall eingrenzen! Ihn nicht an die große Glocke hängen. Jesus empfiehlt das Gespräch unter vier Augen (Mt 18,15); evtl. später ein Gespräch mit einem oder zwei Zeugen (Mt 18,16).

Den Bruder zurückgewinnen wollen! Man darf ihn nicht demütigen, nicht ausgrenzen, ihm nicht die Wahrheit um die Ohren schlagen. Der hl. Paulus rät: "Die Wahrheit in Liebe sagen" (Eph 4,15). Erst wenn diese Bemühungen versagen, dann soll man die Gemeinde einbeziehen, aber dabei nicht den Sünder fertig machen, sondern bedenken: In der Mitte der Gemeinde lebt der barmherzige Gott. Darum soll die Gemeinde für den Sünder beten und, wenn es eben möglich ist, ihm verzeihen.

Aus dem Evangelium können wir einen Datenschutz entnehmen, der moderner und wirkungsvoller ist als jede heutige Gesetzgebung. Wir können ihn auch in ein Gebet von Kurt Weigel kleiden:

Was ich verborgen habe, finde Du in mir.
Was ich verloren habe, suche Du in mir.
Was ich verschwiegen habe, spreche Du in mir.
Was ich verschlossen habe, öffne Du in mir.
Was ich begraben habe, wecke Du in mir.
Was ich begonnen habe, vollende Du in mir.
Was ich bin, sei Du es in mir.

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26. Oktober 2008
30.Sonntag im Jahreskreis
Gottesliebe - Nächstenliebe

Als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie (bei ihm) zusammen. Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.

"Liebe" ist ein Wort, das viele Menschen im Munde führen. Fast jeden persönlichen Brief beginnen wir mit der Anrede: "Liebe(r) XY!" und am Ende unterschreiben dann auch noch viele mit der Floskel: "Mit lieben Grüßen". Doch was hat es nun mit der Liebe auf sich? Jeder versteht etwas anderes darunter. Wenn zum Beispiel ein junges Pärchen sagt: "Lasst uns Liebe machen", meint es bestimmt etwas Anderes als wenn der Pfarrer in der Kirche von der Liebe redet. Und nun wird uns im Sonntsagsevangelium auch das Wort Liebe vor Augen gehalten als das wichtigste Gebot überhaupt. Wie verhält es sich denn damit?

Am Anfang sind es nicht wir, die lieben. Von uns aus sind wir dazu überhaupt nicht in der Lage. Am Anfang steht die Liebe Gottes zu uns Menschen. Er hat "uns zuerst geliebt" (1Joh 4,19). Er liebt uns wie ein liebender Vater und -auch wenn es für manche Ohren ungewöhnlich klingt- wie eine liebende Mutter. Er kann gar nicht anders, als uns Menschen zu lieben. Das ist vielleicht, mit Verlaub gesagt, eine "Schwäche", die sich Gott gegenüber uns Menschen leistet. Je weiter wir mit hochmodernen Fernrohren in die unendlichen Weiten des Weltalls blicken, umso mehr wird uns doch bewusst, dass wir Menschen nicht einmal soviel wie ein Staubkorn in der Wüste und ein Wassertropfen im Ozean sind. Viele meinen zwar, wie wichtig sie doch sind und merken in ihrer Eingebildetheit nicht, dass dem eben nicht so ist. Obwohl wir also nur klein und unbedeutend sind, schenkt uns Gott aber seine väterlich/mütterliche Liebe. Er schenkt sie jedem Einzelnen von uns so, als wäre er oder sie ganz allein auf dieser Welt. Seine ganze aufmerksame liebende Nähe schenkt er uns ganz persönlich. Wir haben sie nicht verdient. Warum das so ist, werden wir nie begreifen. Auf jeden Fall nicht deswegen, weil wir so toll sind. Immer wieder lesen wir in der Heiligen Schrift davon, dass es Gott ist, der den ersten Schritt macht. Er kennt unsere Geschichte von Anfang an. Bei ihm und für ihn sind wir so wichtig, dass sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt sind (Mt 10,30).

Wenn wir also Gott lieben, dann kann diese Liebe nur eine Antwort, eine Reaktion auf Gottes übergroße Liebe zu uns sein. Und weil die Liebe Gottes zu uns grenzenlos ist, soll auch unsere Liebe als unsere Antwort entsprechend ausfallen. Gott lieben, das heißt für uns in der Regel nicht, dass wir große Heldentaten vollbringen müssen. In den kleinen, alltäglichen Dingen wird sich unsere Liebe zeigen. Wer immer nur fragt, was er muss oder nicht zu tun braucht, übersieht, dass die Liebe kein Maß kennt. Maßlose Liebe zeigt sich nicht in Äußerlichkeiten und in religiösem Leistungsdenken, sie spielt sich in unseren Herzen ab.

"Die Liebe geht durch den Magen" sagt ein bekanntes Sprichwort. Dieses Sprichwort gilt auch und vor allem für unsere liebende Vereinigung mit Jesus. Wir sind es gewohnt, uns in der Feier der Eucharistie mit Jesus zu vereinen, wenn mir zur Kommunion gehen. Kommunion geschieht da augenscheinlich und zunächst nur äußerlich. Wirkliche Vereinigung geschieht aber in den Herzen. Das klingt jetzt alles theoretisch. Wir können noch so schöne Worte über die Liebe zu Gott finden, und dennoch sind sie nichts wert, wenn die "Erdung", d.h. die Liebe zum Mitmenschen fehlt. Ich kann nicht behaupten, dass ich Gott liebe und dabei den Mitmenschen neben mir aus den Augen verliere. Und darum sagt uns Jesus sehr deutlich im Hauptgebot der Liebe, dass das Eine, die Gottesliebe, nicht ohne das Andere, die Nächstenliebe, funktioniert. Auf einem Bein kann man nicht stehen, geschweige sich fortbewegen. Wer nur auf einen Bein steht, d.h. vor lauter "Frömmigkeit" alles um sich herum vergisst, der dreht sich nur um sich selber. Dieselbe Rechnung kann ich natürlich auch umgekehrt aufmachen: wer seine ganze Energie damit vertut, dass er nur für andere da ist und dabei Gott aus den Augen verliert, der dreht sich auch nur noch um sich selbst bis er dann nicht mehr kann.

Und dann kommt noch eine sehr wichtige Aufforderung dazu, die wir nicht überhören dürfen. Ohne sie funktioniert unsere Gottes- und Nächstenliebe nämlich gar nicht: Die Selbstliebe. Ja, dürfen wir uns denn selber lieben? Verwechseln wir Selbstliebe nicht mit Egoismus, der auf Kosten anderer ausgelebt wird. Mir müssen uns sogar selber lieben und achten, sonst können wir gar nicht Gott und den Mitmenschen lieben und achten. Wer sich selber nicht mag, der kann unmöglich auf andere zugehen. Ich kenne viele Menschen, die vor lauter falsch verstandener Selbstverleugnung den Blick für den Mitmenschen und somit auch für Gott verloren haben. Es heißt nicht umsonst, "wer nicht mehr genießen kann, der wird ungenießbar " für Gott und die Mitmenschen.

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14. Dezember 2008
3. Adventsonntag
Allzeit bereit

Der Knopfdruck ist zum Symbol unseres Lebens geworden. Außerdem sind wir nach allen Seiten hin durch Versicherungen abgeschirmt. Uns kann nichts passieren. Wir meinen es wenigstens und sind umso mehr überrascht, wenn uns nun doch einmal etwas in die Quere kommt. Was anders ist als wir denken, ist falsch. Deshalb müssen wir protestieren. Gegen alles. Gegen die Regierung. Gegen die Kirche. Gegen die Preise. Gegen den Nachbarn. Gegen Gott. Weil wir protestieren müssen, sind wir unfroh. Protestieren kann man nur mit gerunzelter Stirn. Und das ist eine schlechte Visitenkarte für unser Christentum.

Wenn wir die 2. Lesung des dritten Adventssonntags aus dem Thessalonicherbrief lesen, lassen wir uns gerne einmal sagen: "Freut euch. Freut euch zu jeder Zeit." Warum soll man sich vor Weihnachten nicht schon freuen? Nach Weihnachten werden die Masken in den Schaufenstern liegen und einige andere Dinge. Also freuen wir uns weiter. Und danach liegen die bunten Ostereier in der Dekoration. Anschließend kommen die Prospekte für die Urlaubszeit. Wenn uns bis dahin nichts dazwischen kommt. Und plötzlich fällt uns ein, dass diese Kette von Vergnügen und Freuden meist doch nicht so ganz fahrplanmäßig abrollt. Zwischendurch müssen wir einmal zum Arzt. Oder das Finanzamt hat eine Nachforderung. Es gibt tausend Möglichkeiten, sich zu freuen. Und das Wort des Paulusbriefes bleibt uns dabei im Ohr: " Dankt für alles." Wir haben uns nicht verhört. Für alles, stand da. Wirklich für alles? Also eingeschlossen die Grippe, die gerade in den Tagen kommt, in denen man einmal mit den Skiern ins Gelände fahren könnte. Eingeschlossen die Energiepreiserhöhung, die uns zwingt, einen anderen Wunsch vorerst zurückzustellen.

Danken für alles?! Das ist nicht leicht. Da muss man sich schon einmal überlegen, wieso Gott das alles zulassen kann. Denn er lässt es zu. Wir können ihm nicht einmal die Gründe vorschreiben, warum er es zulässt.

Wir dürfen ganz gewiss einmal darüber nachdenken. Wir sollen sogar alles prüfen. Wir sollen allerdings dabei den Geist nicht auslöschen. Den Geist. Es geht nicht um unsern Geschmack, um unsere Bequemlichkeit. Es geht um das, was Gott vorhat. Das ist nicht immer leicht zu prüfen. Gott hat kein Telefon. Gott unterliegt keinem Warentest. Gott bleibt für uns immer Geheimnis. Und wenn er uns sagen lässt, dass wir das Gute behalten sollen, fragen wir bestürzt und überrascht: Kann denn eine Krankheit etwas Gutes sein? Schon vom Standpunkt des Mediziners aus kann sie das sein. Es ist gut, wenn eine Krankheit etwas aus dem Organismus hinaustreibt, was nicht hineingehört und sonst noch zu schlimmeren Wirkungen führen könnte. Und Gott hat manches aus uns hinauszutreiben. Bei den einen die Gleichgültigkeit, die sich über alles hinwegsetzt und bei den andern die Unbeweglichkeit, die immer am Alten, Herkömmlichen festhalten will, obwohl es oft längst erstarrt und zur Fäulnis geworden ist und wieder bei andern die Oberflächlichkeit, die meint, Gott müsste zufrieden sein, wenn wir nur nichts stehlen, keinen umbringen und am Sonntag in die Kirche gehen. Gott kann nie mit uns zufrieden sein. Es liegt an uns, dass sein Reich so langsam in der Welt vorankommt, weil wir alles oft nur so gewohnheitsmäßig, ohne echte innere Anteilnahme tun. Schließlich kann man Gottes Herrlichkeit wohl nicht mit einem Trinkgeld bezahlen.

Man kann heutzutage Gott sehr leicht vergessen. Das war allerdings früher nicht besser. Nicht einmal in der Zeit, als die Kirchenglocken uns noch in aller Frühe aus dem Schlaf wecken durften. Es war auch nicht besser, als die vielen Prozessionen uns noch etliche Male im Jahr an den vorübergehenden Gott erinnerten. Heute kommt es uns fast so vor, als sei alles gleich. Mohammedaner oder Buddhisten glauben wie wir an Gott. Und es gibt ja nur einen, den einen Gott. Das stimmt. Aber uns hat dieser eine Gott allerdings etwas Besonderes ins Stammbuch geschrieben. Er hat uns berufen. Wir sind Gott in einer ganz besonderen Weise verpflichtet. Gott erwartet von uns etwas mehr als von anderen. Ob er den andern deshalb dereinst ebenso viel von seiner Herrlichkeit schenkt, geht uns nichts an. Es geht uns etwas an, dass er von uns etwas erwartet. Dazu hat er uns nicht gefragt. Das hat er uns kurz und bündig in die Wiege gelegt. Wir können ihm davonlaufen und ihm den Rücken drehen, weil wir keine Lust mehr haben. Das wird allerdings Folgen haben. Damit geben wir uns selbst auf. Das ist sonst nicht unser Lebensstil. Wir sind sonst immer für Fortschritt, Aufstieg, Beförderung und Lohnerhöhung. Übertragen wir das doch einmal auf unser Verhältnis zu Gott. Das muss uns Mut geben zum Leben eines echten Christen. Und das hieße, allezeit bereit zu sein für den, der kommen wird.

Predigten Br. Andreas Kaiser, Altötting 11. Januar 2009
Taufe des Herrn
Getauft für das ewige Leben

Auf, ihr Durstigen, kommt alle zum Wasser! Auch wer kein Geld hat, soll kommen. Kauft Getreide, und esst, kommt und kauft ohne Geld, kauft Wein und Milch ohne Bezahlung! Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, und mit dem Lohn eurer Mühen, was euch nicht satt macht? Hört auf mich, dann bekommt ihr das Beste zu essen und könnt euch laben an fetten Speisen. Neigt euer Ohr mir zu, und kommt zu mir, hört, dann werdet ihr leben. Ich will einen ewigen Bund mit euch schließen gemäß der beständigen Huld, die ich David erwies. Seht her: Ich habe ihn zum Zeugen für die Völker gemacht, zum Fürsten und Gebieter der Nationen. Völker, die du nicht kennst, wirst du rufen; Völker, die dich nicht kennen, eilen zu dir, um des Herrn, deines Gottes, des Heiligen Israels willen, weil er dich herrlich gemacht hat. Sucht den Herrn, solange er sich finden läßt, ruft ihn an, solange er nahe ist. Der Ruchlose soll seinen Weg verlassen, der Frevler seine Pläne. Er kehre um zum Herrn, damit er Erbarmen hat mit ihm, und zu unserem Gott; denn er ist groß im Verzeihen. Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege - Spruch des Herrn. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken. Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe. Jes 55,1-11

In jener Zeit trat Johannes in der Wüste auf und verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren. Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen. In jenen Tagen kam Jesus aus Nazaret in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen. Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden. Mk 1,7-11

Wissen sie was eine "Charme-Offensive" ist? Diese Frage wurde neulich in einer Quizsendung im Fernsehen gestellt. Es gab da vier verschiedene Antwortmöglichkeiten. Die richtige Antwort ging in die Richtung, dass Politiker im Zuge des Wahlkampfes so eine "Charme-Offensive" starten. In einer nicht einfachen wirtschaftlichen Lage, verkünden sie auf einmal rosarote Zeiten. Sie versprechen den so arg gebeutelten Wählern und Wählerinnen auf einmal das Blaue vom Himmel. Dort, wo sonst neue Steuern eingeführt und überlegt wird, wie bestehende Abgaben erhöht werden können, hört man auf einmal, dass die Steuern gesenkt werden müssen. Alle möglichen sonstigen Vergünstigungen werden ins Haus gestellt. Die Absicht, die dahinter steht ist ganz einfach: man/ frau will wieder gewählt werden. Dann ist es oft so, dass sich so manche Wahlversprechen als Seifenblasen erweisen. Auf einmal will man von den angekündigten Erleichterungen und Versprechungen nichts mehr wissen. Die Aussagen seien missverstanden oder verkehrt interpretiert worden. Wen wunderts, dass die Politikverdrossenheit und das Misstrauen der Menschen immer mehr zunimmt. Da helfen dann auch oft auch eine "Charme-Offensive" und die gewieftesten Strategien nicht mehr weiter. In einer Zeit der wirtschaftlichen Rezession und des Rückgangs verlieren auch noch so optimistische Prognosen und Versprechungen ihren Realitätsansspruch.

Wenn wir so in die erste Lesung des Sonntags von der Taufe des Herrn hineinschauen, möchte man auch versucht sein anzunehmen, dass hier der Prophet Jesaja auch eine "Charme-Offensive" startet, die nur aus wohlgeformten Worten besteht, wo aber nichts dahinter steht: "Auf, ihr Durstigen, kommt alle zum Wasser! Auch wer kein Geld hat, soll kommen. Kauft Getreide und esst, kommt und kauft ohne Geld, kauft Wein und Milch ohne Bezahlung!" Was für ein Angebot? "Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube." Bekommen wir wirklich alles, was zu unserem Leben gehört umsonst - ohne Bezahlung? Die Einen sprechen in diesem Zusammenhang von paradiesischen Zuständen, und die Anderen trauen diesen Versprechungen nicht. Spricht doch die harte Wirklichkeit eine ganz andere Sprache. Da heißt es eher: "Umsonst ist nur der Tod, und der kostet das Leben." Können wir also die Worte des Propheten getrost ins Reich der Träume verweisen, weil sie mit der Wirklichkeit noch weniger zu tun haben, als die leeren Versprechungen von so manchen Politikern?

Mit dem Fest der Taufe des Herrn beschließen wir die Weihnachtszeit. Der mittlerweile erwachsene Jesus reiht sich in die Schar der Menschen, ja der Sünder ein, die sich von Johannes im Jordan taufen lassen. Er bringt damit zum Ausdruck dass er ganz und gar auf unserer Seite steht in unserer arg so "buckeligen" Welt mit all ihren Höhen und Tiefen. Er will nichts Besonders sein und ist es doch. "Und als er aus dem Wasser stieg, sah er den Himmel sich öffnen". D.h., das, was an Weihnachten gefeiert haben erhält hier noch einmal seine Bestätigung. Der Himmel kommt auf die Erde. Unser Blick richtet sich heute aber nicht mehr auf das kleine, hilflose Kind in der Krippe, sondern auf den erwachsenen Jesus, der beginnt, seinen Auftrag auszuführen. Sein Auftrag ist es, uns Menschen das neue Leben von Gott her zubringen, das in den Worten des Propheten Jesaja anfangshaft beschrieben und sich einmal vollenden wird. Die Versprechungen so mancher Politiker und anderer Mitmenschen, die den Himmel auf Erden versprechen, erweisen sich als "heiße Luft" und sind meist nur Schall und Rauch. Jesu Wort jedoch "kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht alles, wozu ich es ausgesandt habe." Wir sind mit Jesus mit dem Heiligen Geist getauft für das unzerstörbare Leben.

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01. Februar 2009
Darstellung des Herrn
Mariä Lichtmess

Dann kam für sie der Tag der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung. Sie brachten das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn zu weihen, gemäß dem Gesetz des Herrn, in dem es heißt: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein. Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben. In Jerusalem lebte damals ein Mann namens Simeon. Er war gerecht und fromm und wartete auf die Rettung Israels, und der Heilige Geist ruhte auf ihm. Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Messias des Herrn gesehen habe. Jetzt wurde er vom Geist in den Tempel geführt; und als die Eltern Jesus hereinbrachten, um zu erfüllen, was nach dem Gesetz üblich war, nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten: Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel. Lk 2,22-32

Das Fest der "Darstellung des Herrn", im Volksmund nach wie vor auch vor "Mariä Lichtmess" genannt, ist der 40. Tag nach Weihnachten. Zu früheren Zeiten ging der liturgische Weihnachtsfestkreis bis zu diesem Fest. Auch Krippe und Christbaum hatten bis dahin ihren festen Platz in den Kirchen und Wohnzimmern behalten. Heute ist dieser Tag ein gewöhnlicher Werktag und ein Fest, das auch am Sonntag nicht nachgeholt wird. In vielen Gemeinden bleibt es deshalb mehr und fast unbemerkt, obwohl es, zumindest in Altbayern, in Frömmigkeit und Brauchtum noch fest verwurzelt scheint. In der Ostkirche ist dieses Fest schon um das Jahr 400 bezeugt und trägt dort den bezeichnenden Namen: "Begegnung". Zentraler Brauch dieses Festes im Osten und im Westen ist die Weihe der Kerzen die mit der Lichterprozession verbunden ist. Urgrund ist das Wort des greisen Simeon, das wir an diesem Tag im Evangelium hören: "...ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und die Herrlichkeit für dein Volk Israel" (Lk 2,32)

Was ist in diesen 40 Tagen seit Weihnachten nicht schon alles geschehen? Die Feiertage sind fast vergessen. War es in den Veranstaltungskalendern vor kurzem noch so, dass eine Weihnachtsfeier die andere jagte, so sind an deren Stelle die diversen Faschingsbälle getreten. Von Weihnachten weit und breit keine Spur mehr. Inzwischen hat das neue Jahr begonnen; mit ihm kamen neue Sorgen, neue Probleme, neue Anliegen. Hoffentlich das wünsche ich Ihnen, auch neue Freuden. Was aber ist wirklich neu geworden, 40 Tage nach Weihnachten? Es wäre schade, wenn es nur ein neues Blatt im Kalender wäre. Ob wir selbst ein bisschen neu geworden sind? Ob wir das wohl von uns sagen können: Weihnachten ist nicht spurlos an uns vorübergegangen; etwas von dem, was es bringen wollte, ist geblieben; vielleicht etwas von dem "Frieden auf Erden", von dem an Weihnachten wieder so viel die Rede war?

Ich möchte Ihnen heute ganz bewusst solche Fragen stellen. Gerade heute, 40 Tage nach Weihnachten, am 2. Februar. Das ist ja kein ganz beliebiges Datum. Es hat im Neuen Testament eine besondere Bedeutung. Am 40. Tage nach der Geburt mussten jüdische Eltern einen erstgeborenen Knaben Gott darstellen, weihen; sie brachten für ihn ein Tier- oder Taubenopfer dar. Sie sollten auf diese Weise ihre Dankbarkeit für das Kind bezeugen und deutlich machen, dass ganz Israel Gottes besonderes Eigentum war. Das war uralte jüdische Weisung. So hielten es auch die Eltern des Jesuskindes. Zur Erinnerung daran begehen wir heute das Fest der "Darstellung des Herrn". Im Mittelpunkt dieses Festes steht die bewegende Szene, da der greise Simeon das kleine Jesuskind auf seine Arme nimmt und Gott für diesen abschließenden Höhepunkt seines Lebens preist: "Nun lässt du, Herr, deinen Diener in Frieden scheiden, denn meine Augen haben dein Heil gesehen."

Hier ist eine Begegnung von eigenartigem Reiz: beschrieben: eine Begegnung zweier Generationen, eine Begegnung zweier Zeitalter! Altes verabschiedet sich, Neues bricht auf. Aber das Alte verschwindet nicht einfach, ist nicht einfach aus und vorbei und weicht nicht deshalb zurück, weil es verdrängt worden wäre, sondern weil es erfüllt ist: "Meine Augen haben dein Heil gesehen". Wir feiern diese Begegnung von Altem und Neuem in der Prozession mit den brennenden Lichtern, den Zeichen vom stets neuen Glanz der Herrlichkeit Gottes.

Das Fest der Darstellung des Herrn ist der letzte Ausläufer der weihnachtlichen Feste. Ich möchte uns wünschen Ihnen und mir selbst, dass wir zu all diesen vergangenen Tagen sagen können: "Meine Augen haben dein Heil gesehen." Ganz gleich, ob es gelungene oder misslungene Tage waren, Tage voller Freude und Glück oder überschattet von Leid und Schmerz. Letztlich kann und will alles zu unserem Heil werden, auch das, was wir mit unseren Augen nur als Unheil erkennen können. Von dem Jesuskind, in dem Gottes Herrlichkeit unter der menschlichen Gestalt verborgen ist, soll alle Zeit, alles Geschick schon überstrahlt und in das Licht einer neuen Bedeutsamkeit getaucht sein. Indem dieses Kind Gott dargebracht wird, soll auch unser Leben Gott geweiht sein.

Wenn wir durch die Zeit der vergangenen Festtage ein wenig neu geworden sind, dann können wir getrost in neue Tage, Wochen und Monate gehen; die Prozession ist wiederum unser Zeichen dafür. Auch in diesen neuen Wochen und Monaten werden wir nichts anderes erfahren als Gottes Heil für uns.

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22. März 2009
4. Fastensonntag
Erhöht

In jener Zeit sprach Jesus zu Nikodemus: wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der (an ihn) glaubt, in ihm das ewige Leben hat. Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat. Denn mit dem Gericht verhält es sich so: Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse. Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind. Joh 3,14-21

Von Erhöhung wird immer wieder viel geredet. Die einen hören das Wort gern, für die andern ist es ein Reizwort. Sie regen sich auf und wollen von Erhöhung gar nichts wissen. So fordern z. B. die Gewerkschaften Lohnerhöhung, weil alles teurer geworden sei. Die Erzeuger von Gebrauchsgütern erhöhen die Preise, weil die Herstellungskosten gestiegen seien. Der Staat möchte gern die Steuern erhöhen, weil er Schulden hat. Damit sind wieder die Betroffenen nicht einverstanden: die Unternehmer, die Verbraucher, die Steuerzahler. Und wenn die Ölmultis die Öl- und Benzinpreise erhöhen, stöhnen alle Autofahrer und alle, die zu Hause eine Ölheizung haben.

Im Evangelium ist diesmal auch von einer Erhöhung die Rede, allerdings von einer ganz anderen, von der Erhöhung Jesu am Kreuz. Dabei wird auf eine alte Geschichte aus dem Alten Testament erinnert. Als die Juden mit Mose unterwegs waren und durch die Wüste zogen, mussten sie viele Gefahren, Versuchungen und Prüfungen bestehen. Eines Tages wurden die Juden ihrer langen Wanderung wieder einmal überdrüssig. Sie klagten über das Manna und nannten es eine elende Nahrung (vgl. Num 21,5). "Da schickte Gott Giftschlangen unter das Volk. Sie bissen die Menschen, und viele Israeliten starben" (Num 21,6). Nun erkannten die Juden ihre Schuld, bereuten sie und baten Mose, er möge zu Gott beten, dass er sie von den Schlangen befreie. Auf Gottes Anordnung fertigte Mose eine eherne Schlange und hängte sie an einer Fahnenstange auf. Jeder, der zu dieser Schlange aus Kupfer aufblickte, entging dem Tod.

Um die merkwürdige Erzählung zu verstehen, muss man wissen, dass die Schlange ein Symbol ist und zweierlei bedeutet: Sie ist das Zeichen der Versuchung. Sie ist aber zugleich das Sinnbild des Lebens. Beide Symbole liegen der Geschichte aus dem Alten Testament zugrunde. Sie will uns folgendes sagen: Sucht der Mensch ein Leben ohne oder gegen Gott zu führen, dann trennt er sich von Gott. Er sündigt, und die Folge der Sünde ist der Tod. Darum kamen Giftschlangen, als die Israeliten gegen Gott murrten. Ihr Biss war für viele tödlich. Die erhöhte Schlange aus Kupfer war das Zeichen des echten und wahren Lebens, das von Gott kommt. Wer auf Gott schaut, ihn liebt, der wird leben.

Die Schlange aus Kupfer war nur ein Zeichen für das Leben. Der Menschensohn Jesus Christus ist jedoch selbst das Leben. Aber er musste erst am Kreuz erhöht werden. Erst musste er sterben, um sich ganz und gar uns Menschen zu schenken. Dazu wählte er den Tod am Kreuz, die größte Erniedrigung und Demütigung, die es gab. Am Kreuz wurden nur Verbrecher hingerichtet, die man verfluchte, die man aus der Gemeinschaft ausstoßen wollte, deren Ehre und Würde man zu zerstören suchte. So wurde Jesus dem letzten aller Menschen gleich, um die Schuld aller Menschen auf sich zu nehmen.

Erhöhung am Kreuz bedeutet aber noch mehr. Es schließt Jesu Auferstehung und Himmelfahrt mit ein. Gott, der Vater, nahm Jesu Opfer an. Indem er es annahm, machte er es zur Quelle des ewigen Lebens. Wer auf den erhöhten Jesus schaut, d. h. wer an ihn glaubt, ihm nachfolgt, ihn liebt, sich auf ihn verlässt, wird gerettet und hat das ewige Leben.

Jesus, der am Kreuz erhöht wurde, ist nicht irgendein Mensch, nicht irgendeiner unter ungezählten Milliarden. Wir glauben und bekennen, dass Jesus Gottes Sohn ist, dass also Gott selbst in ihm zur Welt kam, lebte und wirkte. Darum ist auch seine Erhöhung am Kreuz die Tat Gottes. Zugleich ist Jesus aber auch ganz Mensch wie wir alle. Er ist einer von uns. In allem ist er uns gleich geworden, die Sünde ausgenommen. Trotzdem gibt es hier einen wichtigen Unterschied zu uns: Jesus ist der neue Mensch oder - anders gesagt - der erste unter den neuen Menschen.

Der neue Mensch hat alles Alte abgelegt. Das Alte ist die Sünde und alles, was damit zusammenhängt. Jesus, der nichts von diesem Alten an sich hatte, hat stellvertretend für uns das Alte abgelegt, beseitigt, zerstört durch seinen Tod am Kreuz. Er wurde erhöht, und mit ihm und in ihm wurden auch wir erhöht.

Leben, Rettung, Befreiung, wie immer man es nennen will, schenkt uns Gott nicht erst in ferner Zukunft. Er hat uns bereits errettet, befreit und mit Leben erfüllt in der Taufe. Und immer wieder erneuert er dieses Leben im Sakrament der Buße, in der Feier der heiligen Eucharistie, im Gebet oder wenn wir einem andern etwas Gutes tun. Darum kommt es darauf an, aus der Erhöhung nicht wieder hinabzusteigen zu den Giftschlangen, die uns Leben und Freude versprechen, aber nur Unglück und Tod bringen.

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10.Mai 2009
5. Ostersonntag
Gottes Größe

Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit. Daran werden wir erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind, und werden unser Herz in seiner Gegenwart beruhigen. Denn wenn das Herz uns auch verurteilt - Gott ist größer als unser Herz, und er weiß alles. Liebe Brüder (und Schwestern), wenn das Herz uns aber nicht verurteilt, haben wir gegenüber Gott Zuversicht; alles, was wir erbitten, empfangen wir von ihm, weil wir seine Gebote halten und tun, was ihm gefällt. Und das ist sein Gebot: Wir sollen an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben, wie es seinem Gebot entspricht. Wer seine Gebote hält, bleibt in Gott und Gott in ihm. Und dass er in uns bleibt, erkennen wir an dem Geist, den er uns gegeben hat. 1Joh 3,18-24

Ein Astronom hielt einen Vortrag. Bei der sich anschließenden Diskussion fragte jemand: "Wenn unsere Erde so klein ist und das Weltall so groß, wie soll man da noch glauben, dass Gott auf uns achtet?" "Das ", erwiderte der Astronom, "hängt davon ab, wie groß sie sich Gott vorstellen!"

Mit dem Gedanken, dass Gott groß ist, sind wir von Kindesbeinen an vertraut. Vielleicht war es ein Tag in den Bergen oder eine sternenklare Nacht mit dem Gefunkel unzähliger Himmelskörper, die uns etwas von Seiner Größe ahnen ließen. Doch hat sich nicht manchmal in die Betrachtung von Gottes großartiger Schöpfung der leise Gedanke eingeschlichen, dass Gott wohl weit weit weg von uns sein muss, bzw. ist? Taucht nicht beim Blick auf den Sternenhimmel immer wieder das Gefühl der eigenen Bedeutungslosigkeit auf? Unsere Erde: ein unbedeutender Punkt im Weltall; wir: ein gar nicht auszumachender Punkt auf dieser Erde. Ja, machte dieses Gefühl der Bedeutungslosigkeit nicht die Krise einer ganzen Epoche aus? Damals als Kopernikus und Galilei begriffen, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls war. Kein Wunder, dass die Menschen sich gegen diese neue Erkenntnis sträubten, dass sie Galilei zum Widerruf zwangen. Der Mensch, bislang die Krone der Schöpfung, wurde nun im Gefolge der neuen Erkenntnisse zu einer fast zufälligen Spielart tierischen Lebens abgewertet.

Da mutet es schon vermessen an, zu glauben, dass Gott jeden von uns bei seinem Namen kennt, dass er uns in seine Hand geschrieben hat. Aus dieser Stimmung heraus kann ich gut verstehen, dass viele Menschen sich schwer tun mit der Vorstellung eines persönlichen Gottes. Man setzt Gott wohl noch an den Anfang der Welt. Irgendwie muss ja alles angefangen haben. Doch ein Gott, der in mein Leben eingreift, der an meinem Leben Anteil nimmt? Viele glauben nicht daran. "Dazu ist er viel zu beschäftigt!", wenden manche ein, "dass er sich um mein Leben kümmert."

"Das hängt davon ab, wie groß Sie sich Gott vorstellen.", erwiderte der Astronom. Diese Antwort wird zur Frage an uns. Wie groß stellen wir uns Gott eigentlich vor? Ist Gott für mich groß genug, um sich auch um mich Winzling kümmern zu können? Es gibt eine theologische Lehre, die besagt, dass Gott immer noch viel größer ist, als wir ihn uns vorstellen können. All unsere Gedanken sind zu arm, um seine Größe auch nur erahnen zu können. Gott ist immer noch größer! Thomas von Aquin hat erkannt: "Jedes Wort über Gott ist zugleich wahr und falsch. Wahr, sofern es etwas aussagt und Richtung weist, falsch, weil es viel zu klein ist und das ganze Geheimnis Gottes nicht einfangen kann."

Wenn man ein Evangelium einmal im Zusammenhang liest, dann entdeckt man immer wieder neu, dass das Leben Jesu ein einziges, leidenschaftliches "für uns" ist. Dieses "für uns" ist in die Formulierungen des Glaubensbekenntnisses eingegangen. "Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen..."

Wenn wir das Wort Jesu: "Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen" (Joh 14,9b) ernst nehmen, dann gilt das "für uns", "für mich" auch vom Vater. Wenn ich glaube, dass Jesus der Sohn Gottes ist, dann darf ich annehmen, dass der Grund und Sinn der Welt sich für mich interessiert und mich anschaut, mir aufmerksam zuschaut. Nicht um meine Missetaten zu registrieren und um sie mir dann bei Gelegenheit vorzuhalten. Nein. Gott schaut mich an, weil er mein Wohl will und weil er mich liebt. Es ist nicht auszudenken, was das für Konsequenzen hat.

Und hier sind wir dann schon beim zweiten Punkt unserer Überlegungen: Gott ist nicht nur größer als unser Erkennen, Gott ist größer auch als unser Herz. Das aber ist etwas wirklich Frohmachendes und Beglückendes. Gott ist nicht nur unserem denkerischen Vermögen voraus, er ist auch unserem Lieben voraus. Viele Menschen höre ich immer wieder zweifeln: "Ja, ob Gott das denn überhaupt vergeben kann? Ob er mich jetzt noch ansehen will?" Da darf ich immer dieses unsagbar schöne, lösende Wort sagen: "Gott ist größer als unser Herz." Auch da, wo unser Herz anklagt, wo wir unruhig sind über die Größe unserer Schuld, wo wir um die Unmöglichkeit der Wiedergutmachung wissen, selbst da gibt es für Gottes Liebe noch Wege. Denn Gott ist größer als unser Herz! Es gibt noch Wege für die Mutter, die ihr Kind abgetrieben hat. Es gibt noch Wege für den, der seinem alten Vater Unrecht getan hat, und dies, obwohl der Vater vor einer Wiedergutmachung gestorben ist. Es gibt noch Wege für den, dessen Leben endet, ehe er seine Schuld beglichen hat. Gott hat immer einen Weg, wo wir aufgeben. Denn Gott ist größer als unser Herz!

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28.06.2009
13. Sonntag im Jahreskreis
Glaube - Den Sprung wagen

Jesus fuhr im Boot wieder ans andere Ufer hinüber, und eine große Menschenmenge versammelte sich um ihn. Während er noch am See war, kam ein Synagogenvorsteher namens Jaïrus zu ihm. Als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen und flehte ihn um Hilfe an; er sagte: Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie wieder gesund wird und am Leben bleibt. Da ging Jesus mit ihm. Viele Menschen folgten ihm und drängten sich um ihn. Darunter war eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutungen litt. Sie war von vielen Ärzten behandelt worden und hatte dabei sehr zu leiden; ihr ganzes Vermögen hatte sie ausgegeben, aber es hatte ihr nichts genutzt, sondern ihr Zustand war immer schlimmer geworden. Sie hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von hinten an ihn heran und berührte sein Gewand. Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt. Sofort hörte die Blutung auf, und sie spürte deutlich, daß sie von ihrem Leiden geheilt war. Im selben Augenblick fühlte Jesus, dass eine Kraft von ihm ausströmte, und er wandte sich in dem Gedränge um und fragte: Wer hat mein Gewand berührt? Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du: Wer hat mich berührt? Er blickte umher, um zu sehen, wer es getan hatte. Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit. Er aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein. Während Jesus noch redete, kamen Leute, die zum Haus des Synagogenvorstehers gehörten, und sagten (zu Jaïrus): Deine Tochter ist gestorben. Warum bemühst du den Meister noch länger? Jesus, der diese Worte gehört hatte, sagte zu dem Synagogenvorsteher: Sei ohne Furcht; glaube nur! Und er ließ keinen mitkommen außer Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus. Sie gingen zum Haus des Synagogenvorstehers. Als Jesus den Lärm bemerkte und hörte, wie die Leute laut weinten und jammerten, trat er ein und sagte zu ihnen: Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur. Da lachten sie ihn aus. Er aber schickte alle hinaus und nahm ausser seinen Begleitern nur die Eltern mit in den Raum, in dem das Kind lag. Er fasste das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum!, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf! Sofort stand das Mädchen auf und ging umher. Es war zwölf Jahre alt. Die Leute gerieten außer sich vor Entsetzen. Doch er schärfte ihnen ein, niemand dürfe etwas davon erfahren; dann sagte er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben. Mk 5,21-43

Eine Geschichte erzählt: "Im Erdgeschoß eines großen Hotels, eines Gebäudes mit vielen Stockwerken, brach ein Brand aus. Das Feuer verbreitete sich im Nu durch die ganze Etage, fraß sich im Aufwind des Treppenhauses empor, erfasste von dort aus die Korridore der oberen Stockwerke und schnitt einem Gast, den einzigen um diese Tageszeit, den rettenden Ausweg ab. Als der Mann, durch den Brandgeruch alarmiert, auf den Flur stürzte, züngelten ihm bereits kleine Flammen auf der ganzen Breite des Läufers entgegen. Wie eine Herde rötlicher Tiere liefen sie an den Wänden empor. Hastig schloss er die Tür wieder, presste die Hände an die Brust, rannte keuchend ans Fenster, riss es auf und beugte sich, nach einer Feuerleiter, einer Regenrinne suchend, hinaus. Aber da war nichts, nur nackte Mauer und Qualm, der aus den unteren Fenstern quoll, undurchdringlich. Da, als er sich so ratlos hinauslehnt, scheint es ihm, als ob er, durch das Prasseln, Krachen, Fauchen eine Stimme höre, die ihn zum Springen auffordert; zweimal, dreimal: "Springen Sie!" Er meint auch das Wort "Sprungtuch" zu verstehen. Sein Standort ist hoch - tief unten liegt mörderisches Kopfsteinpflaster unter dem quellendem Rauch. So zögert er, trotz seiner Not, angesichts folgender Gedankenkette: Narrt mich die Hoffnung - oder war es wirklich eine Stimme? Und falls es eine Stimme war - habe ich richtig verstanden? Und falls ich richtig verstanden habe - sagt die Stimme die Wahrheit? Und falls sie die Wahrheit sagt - meint sie mich? Das ist die Situation."

Ob nun der Mann springt, davon berichtet die Geschichte weiter nichts mehr. Aber ist das ist nicht auch die Situation der beiden Hauptfiguren aus dem Evangelium vom nächsten Sonntg, von der blutflüssigen Frau und dem Synagogenvorsteher Jairus? Schauen wir auf Jairus: Seine Situation ist im übertragenen Sinn ähnlich. Vielleicht sind ihm auch folgende Gedanken durch den Kopf gegangen: Gut, dieser Wunderheiler aus Nazareth kann wohl Kranke heilen. Es ist möglich, dass er schon davon gehört hat. Aber kann er auch helfen, wenn es um Tod oder Leben geht? Oder ist er nicht nur ein dahergelaufener Scharlatan? Immerhin ist er als Synagogenvorsteher ein angesehener Mann. Wird er nicht Schwierigkeiten mit der geistlichen Obrigkeit, den Pharisäern bekommen, die Jesus fast alle ablehnen? Werden sie ihn dann auch ausstoßen, wenn er sich mit diesem Rabbi da abgibt? Und dann ist da noch die blutflüssige Frau. Bei ihr saßen die Zweifel und Bedenken möglicherweise noch tiefer. Zwölf Jahre ist sie nun von Arzt zu Arzt gelaufen, hat das ganze Vermögen dabei aufgebraucht - Krankenkasse gab es damals noch nich - tund ihr Zustand ist dabei eher schlimmer geworden. Sie, die sie mit ständigen Menstruationsblutungen geplagt ist, ist zudem, ständig kultisch unrein. Als solche hat sie normalerweise jeglichen Kontakt mit anderen Menschen zu meiden. Sie ist in den Augen des Volkes gleichzusetzen mit den Aussätzigen. Sie sehnt sich so sehr nach Nähe, Heilung und Angenommensein - aber wird man sie nicht sofort wegstoßen und in Schimpf und Schande zur Stadt hinaustreiben.

Soll ich, oder soll ich nicht? Vielleicht haben beide, Jairus und die Frau, so gedacht. Aber beide haben den "Absprung" gewagt und - wurden für dieses Wagnis belohnt. Von diesem Wagemut der beiden können wir staunend den Hut ziehen und davon lernen. Diesen Glauben kann man nicht machen, das ist ganz klar, er ist Geschenk für jeden. Aber auch in unserem Leben kann das große "Feuer" ausbrechen, das uns an den Rand des Abgrundes bringen kann: eine Krankheit, ein lieber Mensch stirbt, die Ehe zerbricht, die Arbeit geht verloren, die Abschiebung in ein Heim droht und und... Dann kann ich voller Zweifel - im übertragenen Sinn - an der Fensterbank sitzenbleiben mit der Frage nach dem "Warum" auf den Lippen vom Feuer verzehrt werden. Es gibt noch eine Geschichte: "Im brennenden Haus ist ein kleines Kind, das am offenen Fenster steht und um Hilfe schreit. Der Vater steht unten und ruft: "Spring!" Das Kind sieht zwar keinen Vater, nur Rauch und Flammen und sagt: "Aber Vater, ich sehe dich nicht!" Der Vater ruft: "Aber ich sehe dich, und das genügt, spring also!" Das Kind springt und findet sich heil und gesund in den Armen seines Vaters, der es aufgefangen hat.

Wir tun uns mit unserer Entscheidung leichter, als Jairus und die Frau, weil wir wissen müssten, es steht unser Vater unten und fängt uns auf. Die Beiden sind "gesprungen" ohne diese Gewissheit, und wie fällt unsere Entscheidung aus? Trauen wir uns springen? Wir können noch so tief fallen, aber wir werden immer in die Hände unseres himmlischen Vaters fallen.

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15.August 2009
Mariä Himmelfahrt

In der ersten Klasse einer Volksschule im Schwarzwald fing eines Morgens, bald nachdem der Unterricht begonnen hatte, ein kleiner Junge an zu weinen. Seine Nachbarin sagte es dem Lehrer, dem es noch gar nicht aufgefallen war. Der Lehrer fragte den Jungen: "Sag, warum weinst du?" Der aber wollte zunächst nicht mit der Sprache heraus. Als der Lehrer einige Zeit geduldig und gütig mit ihm redete und fragte: "Wo tut dir denn etwas weh?", da fasste der Kleine Mut und sagte: "Ich hab' vergessen, wie meine Mutter aussieht!" Da lachten alle anderen Kinder. Der Lehrer aber verstand das Kind sofort und sagte gütig zu ihm: "Ah, das Gesicht deiner Mutter hast du vergessen. Das ist freilich schlimm!" Der Junge durfte wieder nach Hause gehen und seine Mutter anschauen. Zufrieden kam er zurück, griff nach seinem Stift und fuhr fort, Buchstaben zu malen. (aus: Hoffsümmer, W. "255 Kurzgeschichten")

"Mutter und Kind" spielen Kinder auch heute noch gern. Dieses Spiel ist sehr schön und wird selten langweilig. Mutter zu sein, das möchten bei diesem Spiel die meisten Kinder. Die Kinder sehen bei diesem Spiel vor allem das Schöne, was eine Mutter tut. Daran hat auch wohl der kleine Knirps gedacht, der vergessen hatte, wie seine Mutter aussah. Das ist aber nicht alles, was eine Mutter tut.

Was tut eine Mutter so alles während eines Tages? Viel fällt uns ein, wenn wir daran: zurückdenken: Sie kocht und putzt, wäscht die Wäsche, hilft bei den Hausaufgaben, kauft ein, spielt Krankenschwester, und und und... Wenn wir von diesen Tätigkeiten, die eine Mutter ausführt, eine aussuchen, welche wäre dann für uns die wichtigste? Dass die Mutter immer da ist, wenn ich sie brauche, dass sie mich tröstet, wenn ich krank oder traurig bin, dass sie zu mir hält, wenn mich andere auslachen. Das alles wird eine Mutter ganz selbstverständlich tun.

Ich weiß nicht, ob manches Kind heutzutage wirklich schätzt, was eine Mutter täglich tut. Wir sind hier nicht in der Schule. Vielleicht aber wäre es wieder einmal wichtig, wenn sich mancher von uns Gedanken machen würde darüber, was eine Mutter jeden Tag tut, bzw. für uns getan hat. Dann werden wir staunen und feststellen, was eine Mutter täglich für uns, für die ganze Familie tut und getan hat. Manche sagen heute noch: "Solang du noch eine Mutter hast, danke Gott und sei zufrieden!"

Vielleicht hätte Jesus von seiner Mutter denselben Satz gesagt. Warum wohl? Sie hat ihn nicht im Stich gelassen. Sie hat ein Leben lang für ihn gesorgt.Sie ist sogar mit ihm seinen Kreuzweg gegangen. Sie hat unter dem Kreuz gestanden, bis er tot war. Dann hat sie ihren toten Sohn zum letzten Mal auf ihren Schoß genommen. Sie hat ihn zu Grabe getragen. Was sie für ihn getan hat, dafür wollte er ihr danken. Daran möchte uns unter anderm das Fest "Aufnahme Marias in den Himmel" erinnern. Wie kleine Kinder sich bei ihrer Mutter "wie im Himmel" fühlen, so wollte Jesus seiner Mutter dieses Geschenk machen und sie zu sich in den Himmel holen, in das Reich Gottes.

"Arm ist der, dem beim Wort 'Mutter' nichts Gutes einfällt", so hat einmal ein Gefängnispfarrer erzählt. Ich glaube, er hat recht damit. Viele der Gefangenen hatten kein gutes Elternhaus und manchmal auch keine gute Mutter.

Wir wünschen uns alle eine gute Mutter. Die meisten von uns haben und hatten wohl auch eine gute Mutter, gute Eltern. Jesus hat auch eine gute Mutter gehabt. Das hat wohl auch die Frau gefühlt, die Jesus einmal zugerufen hat: "Glücklich der Leib, der dich getragen, und die Brust, die dich genährt hat!" Jesus hat sich sicher darüber gefreut, was diese Frau über seine Mutter gesagt hat. Ebenso glücklich werden die, die auf Gottes Wort hören, und auch das tun, was Gott will. Gott möchte, dass sich alle Menschen lieben. Wenn sie das wenigstens versuchen, dann hätten alle Kinder gute Mütter und Väter.

Jesus ist bei dem Wort "Mutter" sicher etwas Gutes eingefallen. Deshalb hat er sie zu sich in den Himmel, in das Reich Gottes geholt. Er hat ihr das geschenkt, was er uns allen versprochen hat, wenn wir an ihn glauben: das ewige Leben bei Gott. Jesus hat nicht vergessen, wie seine Mutter aussah. Das wünsche ich uns allen, dass wir unsere Mütter nicht vergessen, wie Jesus das getan hat. Dann können wir sicher verstehen, was die weisen Leute sagen: "Wenn du noch eine Mutter hast, danke Gott und sei zufrieden!"

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04.Oktober 2009
27. Sonntag im Jahreskreis
Mündig bei den Menschen, unmündig bei Gott

Liebe Christen! "Seid klug wie die Schlangen"! Jesus preist den Vater, weil dieser Weisen und Klugen die Worte der Botschaft verbirgt, den Unmündigen hingegen freien Zugang zur Offenbarung gewährt. Da fällt uns das Verhalten der Kirche ein. Sie verurteilt wohl deshalb Weise wie etwa Niklaus Kopernikus um 1500 mit seiner Feststellung, dass sich die Erde und die Planeten im All bewegen, oder: Galileo Galilei um 1600 wäre beinahe als Ketzer verbrannt worden mit seiner Verteidigung des kopernikanischen Planeten und Weltsystems. Typisch ist auch, dass die Kirche etliche Frauen und Männer für die Zeit ihres Lebens mit dem Bann belegte und einige Zeit nach ihrem Tod zu Heiligen erklärt hat. In neuer Zeit setzte sich Teilhard de Chardin für die Evolutionslehre ein und wurde dafür in die Verbannung nach China expediert. Nach dem Vatikanum II hat ihn die Kirche rehabilitiert. Dies erweckt den Anschein, blinder Gehorsam sei in Jesu Kirche gefragter, als kluges, selbständiges Denken. Fromm scheint demnach, wer seinen Verstand in Demut opfert. Was ist mit jenen, die sich nach Jesu Sinn als 'Unmündige' erklären, sich aber doch oftmals als Weisheit in Person wähnen? Sie meinen klug zu erwägen, leisten aber Sisyphusarbeit, rollen manches in der Kirche auf ihren Berg und dies rollt dann später donnernd bergab.

Offenbar hat 'Unmündigkeit', für die Jesus den Vater preist, nichts gemeinsam mit solch selbstbewusster Unmündigkeit. ER ist die Wahrheit und die Mitte. Nach ihm haben weder Rechts noch Linksextreme das Sagen. Wo und welche sind dann nach Jesus die unbrauchbaren Weisen und Klugen? Niemals disqualifiziert er eine bestimmte Bildungsschicht. Es geht um hochnäsige Haltung. Wäre Jesus gegen die wirklich Gebildeten gewesen, hätte er zuerst sich mit seiner einmaligen Weisheit und seinem höchsten Wissen ablehnen müssen. Es sind die Eingebildeten in vordersten Reihen, die nichts mit göttlicher Weisheit zu tun haben Menschen, die bei jener Klugheit ansetzen, die sie selber meinen und behaupten, genau über Gott Bescheid zu wissen. Mit vermeintlicher Weisheitstiefe wird ein überlegenes Lächeln angeboten, wenn die ach so naiv Unmündigen von Gott, Christus oder Glauben reden, und die Intelligenz dieser Wissenden verniedlicht alles Göttliche und Geheimnisvolle. Jesu Worte und Taten werden mindestens missdeutet. Darum kann der Hl. Geist mit der Tatsache der Menschwerdung Gottes gar nicht in diese Köpfe und Herzen eindringen.

Unmündige, wie Jesus sie meint, sind offen für seine Botschaft. Die Christen sind gerade dadurch bekannt, dass sie des Menschen Abhängigsein von Christus zuoberst auf ihr Ausbildungs und Erziehungsprogramm setzen. Wir dürfen in der Neuzeit ohne Bedenken behaupten, dass Nichtchristen staunend feststellen: Seht, wie sie einander bilden. Dies wäre sogar identisch mit der Feststellung der Urkirche: "Seht, wie sie einander lieben." Wer kann Jesu Preisung verstehen: Vater, den Unmündigen hast du dich oder mich offenbart'? Unmündige, Arme und Letzte sind im Himmelreich gehobene Klasse. Aber: Sind denn bei Gott nicht alle gleich? Das göttliche Prinzip ist wunderbare Vielfalt in der Art heit und Gleich heit der Wertung. Ob dieses Prinzips geraten manche ins Grübeln. Mitten in dieses Suchen meldet sich der Geist der Weisheit. Er gibt jedem Menschen ein, worin Unmündigkeit vor Gott besteht und dass gemäß Jesu Lehre das Unmündigsein zum Menschen gehört. Zur Erkenntnis des eigenen Unmündigseins gelangt der Mensch mit der Weisheit seines Herzens.

Liebe Schwestern und Brüder! Der Salomonische Wunsch taucht in jedem Menschen, der im Heiligen Geist lebt, auf: Gib mir ein weises Herz und die Haltung dazu findet sich zu Füßen Jesu! Die kluge Maria saß zu seinen Füßen und lauschte aus der Tiefe den Worten über das eine Notwendige. Salomonische Weisheit und horchende Klugheit der Maria sind bis heute bei Menschen, welche erkennen, dass die Welt Grenzen hat und ihre eigenen Möglichkeiten begrenzt sind. Gott möchte von jedem Menschen jene Unmündigkeit, die ihm den Weg zu wahrer Weisheit und Klugheit erschließt.

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22.November 2009
34. Sonntag im Jahreskreis
Der Zaunkönig

von Br. Andreas Kaiser, Kapuziner

Es gibt bei uns einen kleinen, braunen, kurzschwänzigen, kaum beachteten Singvogel, der im dichten Gestrüpp lebt. Ihm haben die Menschen den Namen "Zaunkönig" gegeben. Im Jahr 2004 wurde er gar zum "Vogel des Jahres" gekürt. Als ich diesen kleinen unscheinbaren Vogel zum ersten Mal sah und mir der Name des Tieres, Zaunkönig, genannt wurde, habe ich mich erst mal gewundert. Einen König hatte ich mir anders vorgestellt. Wenn wir im Vogelreich bleiben wollen, dann kämen für mich da eher der Adler, der Bussard oder der südamerikanische Kondor mit ihren mächtigen Schwingen viel eher als Königsvögel in Betracht. In vielen Erzählungen trägt der Zaunkönig den Ruf der Schlauheit und List. Diese Nachrede geht auf eine Fabel des Äsop zurück, nach der die Vögel einst beschlossen, denjenigen von ihnen zum König zu machen, der am höchsten flöge. Dies vermochte der Adler, aber dem Zaunkönig gelang es durch eine Hinterlist, diesen zu übertreffen.

Aber warum beschäftige ich mich an dieser Stelle jetzt mit dem Zaunkönig? Wenn wir von Königen hören, dann denken wir zunächst vielleicht an Märchen aus unserer Kindheit, in denen die Könige reich und schön sind, Macht haben und glücklich sind. Oder wir denken an den König Fußball, der Menschen in seinen Bann zieht. Was war das für eine Begeisterung, als die Fußballweltmeisterschaft in unserem Land Hunderttausende in ihren Bann zog; oder wir denken an Toto- und Lottokönige, die plötzlich viel Geld gewonnen haben. Kurz gesagt: König bedeutet immer großes Ansehen, Macht, Geld und Glück.

Christus entspricht dieser Vorstellung nicht

Wenn wir nun unser Evangelium vom nächsten Sonntag betrachten, da treffen wir einen ganz anderen König an, dann erleben wir, dass der Richter Pilatus Jesus zweimal fragen musste, ob er wirklich ein König sei. Pilatus sieht Jesus nicht an, dass er König ist. Deshalb kam mir auch der Gedanke mit dem Zaunkönig. Das soll ein König sein?

Wir wissen, dass die ersten Christen - und nicht nur sie - es schwer hatten, weil sie sich zu dem gekreuzigten Christus bekannten. Ein König am Kreuz? Unvorstellbar! Auf dem Palatin in Rom, der Schule für kaiserliche Pagen, ritzte ein Heide das Bild des Gekreuzigten mit dem Kopf eines Esels in den Putz der Wand. Ein Mann steht anbetend unter dem Kreuzesbalken, und daneben ist in die Wand geritzt: "Alexamenos verehrt seinen Gott." Die Menschen wollten und konnten nicht glauben, dass ein König sich verspotten lässt, am Kreuz stirbt und dennoch Menschen ihm vertrauen. Aber lasst uns doch einmal überlegen: Einem König, der Macht hat, der über Soldaten und Waffen verfügt, muss man gehorchen, ob man will oder nicht. Auch kann es geschehen, dass der Glanz und der Reichtum eines solchen Königs uns blenden.

Jesus will uns Menschen die freie Entscheidung lassen. Er blendet niemanden mit Macht, Reichtum, Ansehen, Glanz und Gloria. Er "glänzt" auch nicht durch die diversen Skandale heutiger Könige. Er lässt keine Soldaten für sich kämpfen. Aber er ist trotzdem ein König.

Christus, dem König, vertrauen wir

Die großen Könige der Geschichte mussten sterben; ihr Geld, ihr Ruhm, ihre Macht haben keine Bedeutung mehr. Aber der König Christus lebt und herrscht in Ewigkeit. Millionen Menschen haben sich zu ihm bekannt, auch wenn dieses Bekenntnis den Tod oder Verlust eines Amtes oder sonst schwere Nachteile bedeutete. Wie ist das möglich?

Diese Menschen haben erkannt, dass Christus in Wahrheit ein König ist. Was nützen Macht, Geld und Ruhm eines Königs, wenn er nicht bereit ist, sich für die einzusetzen, die sich ihm anvertrauen. Das aber hat Christus getan. Er starb für seine Freunde am Kreuz; ganz allein, ganz arm, verlassen von seinen Freunden, ganz blutig. Darum haben Menschen, die in Not sind, die es schwer haben, die verfolgt werden, ein so großes Vertrauen zu ihm. Sie wissen, dieser König blendet nicht mit Macht, sondern er weiß um mich ganz persönlich, denn er liebt mich. "Eine größere Liebe hat niemand, als der, der sein Leben hingibt für seine Freunde."

Oberflächlich gesehen mutet der König Christus wie ein Zaunkönig an: Unscheinbar, unbegreiflich. Darum haben Menschen, die das nicht verstehen konnten, ihn sogar als Esel gemalt. Aber für jeden, der genau hinsieht, zeigt sich, dass Christus in Wahrheit ein König ist: ein König, der sich nicht mit Waffen und Gewalt an der Macht hält, sondern ein König, der für die Seinen da ist, sich für sie opfert. Ja, diesem König wollen wir vertrauen.

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Predigten Br. Andreas Kaiser, Altötting 10. Januar 2010
Taufe des Herrn

Solidarisch mit Sündern

"Dem ärmsten Hund, dem verlassensten Luder wurde er Bruder" (L. Zenetti, Texte der Zuversicht, S. 260). Diese Worte haben mich nachdenklich gemacht. Ich las sie vor kurzem in einem Buch mit Meditationstexten über den christlichen Glauben. Sie wollen etwas über Jesus aussagen: Dem ärmsten Hund, dem verlassensten Luder wurde er Bruder! Luder, das geht zu weit, das sagt man einfach nicht." Aber hätten diejenigen recht, die an dieser Aussage etwas Verwerfliches finden, dann mii1te das heutige Evangelium etwa folgendermaßen lauten: "Johannes predigte am Jordan und sagte, alle Menschen sollten umkehren, ihr Leben ändern und zum Zeichen der Buße sich taufen lassen. Und viele kamen, bereuten ihre Sünden und empfingen die Taufe. Jesus hörte davon und sprach: Habe ich es etwa nötig, hinab zum Jordan zu gehen und mich von einem Menschen taufen zu lassen, der ja selbst über mich sagt: >Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhriemen zu lösen.? Schließlich bin ich Gottes Sohn. Und er empfahl anderen, zu Johannes zu gehen und als Zeichen der Umkehr die Taufe zu empfangen; er selbst jedoch blieb in Galiläa."

Das Evangelium aber lautet anders: "Zusammen mit dem ganzen Volk ließ auch Jesus sich taufen" (Lk 3, 21). Jesus läßt sich von Johannes taufen. Er, der Herr, ordnet sich dem Knecht unter. Er, der Unschuldige, reiht sich ein in die Schlange der Schuldigen, zieht zusammen mit ihnen den Weg der Umkehr zum Jordan hinunter und beugt sich wie jeder andere tief in das Wasser hinab, um sich taufen zu lassen. Er stellt sich mit uns Menschen gleich, auf die unterste Stufe: Dem ärmsten Hund, dem verlassensten Luder wurde er Bruder. Er hat es nicht nötig, sich so zu erniedrigen; aber er tut es, aus Liebe zu uns. Gott bestätigt seine Haltung: "Du bist mein geliebter Sohn, dich habe ich erwählt" (Lk3, 22).

Ein Grundzug unserer Erlösung: Gott nimmt uns an

Jesus stellt sich in die Reihe der Sünder in diesem Verhalten wird ein wichtiger Grundzug unserer Erlösung deutlich: Jesus hat uns gerettet, indem er einer von uns geworden ist. Er hat nicht den Logenplatz einer Gottheit für sich beansprucht, sondern sich zu uns ins Parterre des menschlichen Lebens gesetzt. Er hat uns so angenommen, wie wir nun einmal sind. Er, der Schuldlose, hat sich unter die Sünder zählen lassen und sich mit ihnen solidarisch erklärt: unter Schuldigen läßt er sich taufen, mit Zöllnern und Sündern sitzt er am Tisch, zwischen zwei Verbrechern stirbt er. Das ist der Weg unserer Erlösung: Gott hat uns angenommen, so wie wir sind. Er ist uns gleich geworden in allem, außer der Sünde, sagt Paulus.

Die Haltung des Christen: den Mitmenschen annehmen

In dieser Grundhaltung Jesu, in diesem Grundzug unserer Erlösung finde ich einen Hinweis, wie ich mich als Christ zu meinen Mitmenschen verhalten soll. Den Nächsten lieben, das heißt für mich konkret, ihn so anzunehmen, wie er ist. Wenn der andere sich so verhält, wie ich es gerne haben möchte, dann fällt es mir leicht, ein Ja zu ihm zu sagen. Aber ihn auch dann zu bejahen, wenn er anders ist, als ich ihn mir wünsche da wird Nächstenliebe konkret. Meinen Mitmenschen annehmen, so wie er ist, das bedeutet für mich nicht, alles, was er tut, blindlings billigen. Ich muß ihn schon, wenn er meines Erachtens auf dem falschen Weg ist, mit meiner Meinung konfrontieren; denn nur so werde ich ihm helfen können, sich zu ändern. Aber das vermag ich nicht, indem ich an ihm schulmeisterlich herumziehe, sondern indem ich ihm zunächst zu verstehen gebe: Ich meine es gut mit dir; ich sage ja zu dir, auch wenn du anders bist. Erst wenn er das von mir spürt, wird er bereit sein, einen Rat von mir anzunehmen.

Ein Beispiel soll dies verdeutlichen. Vor einigen Jahren fing in einer Familie der älteste Sohn an, einen anderen Lebensstil zu entwickeln, als die Eltern von ihm erwarteten. Der Sohn wurde der ganzen Familie zur Last. Heute sind die Schwierigkeiten vergessen. Der junge Mann fühlt sich zu Hause wieder wohl, und die Familie ist stolz auf ihn. Seinen Eltern sagte er einmal: Daß ich den Weg nach Hause zurückgefunden habe, das habe ich Euch zu verdanken; denn als ich in meiner kritischen Phase war, habt ihr Geduld mit mir gehabt und mich angenommen, obwohl ihr mein Verhalten nicht billigen konntet. Das hat es mir möglich gemacht, wieder zu mir selbst zu kommen und vernünftig zu werden.

"Dem ärmsten Hund, dem verlassensten Luder wurde er Bruder." Das ist eine wichtige Aussage über Jesus, denn sie beschreibt die Haltung, in der er uns erlöst hat: Gott erklärt sich mit uns solidarisch, er nimmt uns an, so wie wir sind. Und wo sind für uns Menschen, die darauf warten, so angenommen zu werden?

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