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Predigten Br. Bernd Kober, Salzburg

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20. Februar 2011
7. Sonntag im Jahreskreis

Nicht profitorientiert

38 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. 39 Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. 40 Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. 41 Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm. 42 Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab. 43 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. 44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, 45 damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. 46 Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? 47 Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? 48 Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist Mt 5,38-48

‚Das Himmelreich ist nahe!‘, mit dieser Zusage beginnt Jesu öffentliche Verkündigung. Vor einigen Sonntagen wurde uns diese Zusage gegeben. Aber: Was ist das Himmelreich? - Etwas, das in unsere Nähe gekommen ist, nicht mehr fern und unerreichbar. Was nahe ist, kann ich berühren, betasten, spüren: ich kann ihm begegnen. Das Himmelreich will uns begegnen und es hat ein Gesicht: das Gesicht des Menschgewordenen. Seit es den Menschen gibt, macht Gott sich auf den Weg, diesem Menschen zu begegnen. Er will uns finden, uns bergen in seiner Nähe und uns beschenken mit seiner Gegenwart. Seit Jesus geboren wurde, hat diese Nähe Gottes sein Gesicht. Er, der Lebendige, ist das Himmelreich in Person: wenn wir ihn berühren, finden wir Gottes Nähe.

An diesem Sonntag hören wir wieder einen Abschnitt aus der Bergpredigt. Jesus lehrt die Menschen, die zu ihm kommen. Sie kommen, weil sie noch nicht satt sind. Sie haben Hunger nach mehr Leben und Erfüllung. Ihr Herz ist arm und offen genug, um sich Zeit zu nehmen, auf sein Wort zu hören. Wenn wir noch nicht übersättigt sind, stehen die Chancen gut, daß sein Wort auch bei uns ankommt. In der Bergpredigt dürfen wir erfahren, was es bedeutet, dem Himmelreich zu begegnen und in der Nähe Jesu zu leben.

‚Es ist euch gesagt worden: Auge für Auge und Zahn für Zahn‘. Nach diesem Gesetz geschieht vieles in unserem Leben: Wir geben, wenn wir wissen, dass wir dabei nicht draufzahlen. Schließlich will keiner von uns zu den Verlierern zählen. So schauen wir, dass unter dem Strich unseres Handelns zumindest kein Minus herauskommt. Vernünftig ist das – auf jeden Fall. Aber: Sieht so erfülltes Menschsein aus?

‚Ich aber sage euch‘, sagt Jesus mit ganzer Autorität. Und dann wird es unvernünftig: er fordert, mehr zu geben, als die Vernunft gebietet und nicht gierig auf die Gegenleistung zu starren. Da kann es leicht passieren, dass wir im Minus landen. Das macht Angst. Auch Jesus selbst hat diese Angst in der Nacht am Ölberg grausam durchlitten. Er hatte alles hergegeben: Ansehen, Macht, Erfolg … was er noch hatte, war einzig das nackte Leben – und das stand jetzt auf dem Spiel.

Wenn wir heute Jesu Wort wirklich an uns heranlassen, wenn wir uns von ihm und seinem Reich berühren lassen, erfahren wir, wovon die Welt und wir selbst eigentlich leben: von der Verschwendung. Ohne zu zählen gibt Jesus sich her, gibt er sich immer neu dazu her, den ersten Schritt auf uns hin zu wagen. Davon leben wir und von nichts anderem. Ohne zu zählen investieren Menschen sich selbst immer neu, ohne nachzurechnen. Davon leben Freundschaft, Partnerschaft, Gemeinde und Gesellschaft. Die Buchhaltung des Himmelreichs ist nicht profitorientiert. Sie rechnet immer mit dem Menschen, in den mehr investiert werden muss, als sich rechnerisch lohnt. Wenn das nicht geschieht, wird es kalt in unserer Gesellschaft – und diejenigen haben immer weniger Platz, die noch nichts oder nichts mehr ‚leisten‘ können, die nur von verschwenderischer Zuwendung leben können. Freilich: Wer so lebt, zieht manches Mal den Kürzeren. Er darf dabei aber auch einen Reichtum entdecken, der kostbarer ist als aller zählbare Gewinn.

Ängstlich treten wir ein in die Nachfolge Jesu, zaghaft vertrauen wir diesem ‚neuen Gesetz‘ des Himmelreichs. Aber sehr tief im Innern spüren wir vielleicht das ‚Mehr an Leben‘, das solche Verschwendung hervorbringt. Und wir spüren, wie sehr dieses Gesetz antwortet auf die Sehnsucht des Menschen, ohne Bedingung Ansehen und Zuwendung zu erfahren.

Wer der Weisung der Bergpredigt folgt, darf erkennen, wovon wir alle zehren und was satt macht. Er wird immer neu vor die Frage gestellt, was er für sich festhalten und besitzen muss, was unveräußerlich ist – und was er dem Bruder, der Schwester freigebig schenken darf. Immer fürchten wir uns vor dem ‚Minus‘. Doch ‚alles, was uns genommen werden kann, ist nicht Gott‘, schreibt Karl Rahner - in dem großen Vertrauen, auch im allerletzten Verlust von Gott gehalten zu sein.


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10. April 2011
5. Fastensonntag

Komm!

Ev. Joh. 11, 1-45

Ein Mann war krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf, in dem Maria und ihre Schwester Maria ist die, die den Herrn mit Öl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar abgetrocknet hat; deren Bruder Lazarus war krank. Daher sandten die Schwestern Jesus die Nachricht: Herr, dein Freund ist krank.
Als Jesus das hörte, sagte er: Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen, sondern dient der Verherrlichung Gottes: Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden. Denn Jesus liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus. Als er hörte, dass Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt.
Danach sagte er zu den Jüngern: Lasst uns wieder nach Judäa gehen. Die Jünger entgegneten ihm: Rabbi, eben noch wollten dich die Juden steinigen, und du gehst wieder dorthin? Jesus antwortete: Hat der Tag nicht zwölf Stunden? Wenn jemand am Tag umhergeht, stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht; wenn aber jemand in der Nacht umhergeht, stößt er an, weil das Licht nicht in ihm ist. So sprach er.
Dann sagte er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken. Da sagten die Jünger zu ihm: Herr, wenn er schläft, dann wird er gesund werden. Jesus hatte aber von seinem Tod gesprochen, während sie meinten, er spreche von dem gewöhnlichen Schlaf. Darauf sagte ihnen Jesus unverhüllt: Lazarus ist gestorben. Und ich freue mich für euch, dass ich nicht dort war; denn ich will, dass ihr glaubt. Doch wir wollen zu ihm gehen. Da sagte Thomas, genannt Didymus (Zwilling), zu den anderen Jüngern: Dann lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben.
Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen. Betanien war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt.
Viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten. Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus. Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben. Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Marta sagte zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Letzten Tag. Jesus erwiderte ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das? Marta antwortete ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.
Nach diesen Worten ging sie weg, rief heimlich ihre Schwester Maria und sagte zu ihr: Der Meister ist da und lässt dich rufen. Als Maria das hörte, stand sie sofort auf und ging zu ihm. Denn Jesus war noch nicht in das Dorf gekommen; er war noch dort, wo ihn Marta getroffen hatte.
Die Juden, die bei Maria im Haus waren und sie trösteten, sahen, dass sie plötzlich aufstand und hinausging. Da folgten sie ihr, weil sie meinten, sie gehe zum Grab, um dort zu weinen.
Als Maria dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füßen und sagte zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, war er im Innersten erregt und erschüttert. Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh! Da weinte Jesus.
Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte! Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb?Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt, und er ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war.
Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, entgegnete ihm: Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag. Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? Da nahmen sie den Stein weg.
Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herum steht, habe ich es gesagt; denn sie sollen glauben, dass du mich gesandt hast.
Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden, und lasst ihn weggehen!
Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn. Joh. 11, 1-45

Alles kommt vor in diesem Abschnitt aus dem Johannesevangelium, was uns an die Bildschirme fesselt und uns schrecklich fasziniert: Emotionen und Spannung, Freundschaft und Mißverstehen, Trauer und Tränen, Krankheit und Tod, plötzlich aufflackernde Hoffnung und ein ungeahntes, unvorhersehbares Finale.

Eine packende Erzählung liefert uns Johannes hier ab. Aber ist das, was wir an diesem Sonntag lesen, tauglich, für einen reifen und erwachsenen Glauben? Ist das nicht zu phantastisch, daß da einer aus dem Grab herausgerufen wird? Wissen wir nicht längst, daß die Dinge anders laufen? "Wenn du hier gewesen wärest …", Martha und Maria, beide formulieren dieses Wort angesichts des Leids, das über sie hereingebrochen ist. Auch der tiefgläubige Mensch entgeht dem Sog dieser Frage nicht: Wo ist Gott, wenn die Welt leidet, wenn Schmerz und Unglück über das Leben hereinbrechen und scheinbar niemand den massiven Felsblock wegwälzt, der die Finsternis der Grabeshöhle mit ganzer Wucht endgültig macht? Martha und Maria stehen in diesem Fragen dicht neben uns, sind darin unsere Schwestern.

Eine anstößige Erzählung liefert uns Johannes hier ab. Was sollen wir daraus für unser Handeln als Christen ableiten? - Für unser Handeln zunächst einmal gar nichts, möchte ich antworten. Und darin entspricht dieses Evangelium dem Kern unseres Glaubens. Christentum und Kirche sind keine Erziehungsanstalt, um Menschen und Welt zu verbessern. Ethik können wir auch anderswo lernen. Unser christliches Kerngeschäft ist nicht die Moral. Der von Tod und Leichentüchern gefesselte Lazarus weist uns tiefer, tiefer hinein in den Sinn unseres Glaubens. Er verweist uns an die Plätze unseres Lebens, wo menschliches Handeln nichts mehr ausrichtet; wo keine Pastoralpläne mehr greifen; wo uns die Worte fehlen, die begründenden, erläuternden, entschuldigenden Worte; wo wir hilflos schweigen und uns die Hände gebunden sind - und wo wir darum versucht sind zu kapitulieren und die Flucht zu ergreifen.

Eine hoffnungsfrohe Erzählung liefert uns Johannes hier ab. "Komm!", so ruft Jesus ins Lazarusgrab, ins scheinbar unveränderliche Dunkel menschlicher Todverfallenheit und Hoffnungslosigkeit. Von Anfang an hat er Menschen mit diesem Ruf in seine Nähe geholt: die suchenden Jünger, die schließlich alles verlassen und ihm folgen; den ganz und gar in den Sog von Gewinn und Profit verstrickten Zöllner Matthäus wie auch Zachäus, der seine Landsleute ausbeutet; den voller Angst auf die stürmischen Wogen starrenden Petrus, der dann dennoch das Boot verläßt und den Fuß auf daß tobende Wasser setzt, nicht wissend, ob es wirklich trägt. "Kommt!", so ruft er die fünftausend zu bleiben, obwohl nach menschlicher Rechenkunst viel zu wenig Brot da ist, um alle zu sättigen. Der schleichende Tod, der unser Leben leise durchdringt, hat viele menschliche Gesichter: Suchende, die die Hoffnung auf Sinn fast schon aufgegeben haben; in Schuld Verstrickte, die auf Kosten anderer aus dem Leben herausholen, was zu holen ist; Angstvolle, deren Leben erstarrt und erstirbt in diffuser Angst; Menschen, die berechnend zu zählen beginnen, und vergessen, daß die Hingabe immer verschwenderisch ist. "Komm!" - immer neu hat dieser Ruf Jesu Menschen in Bewegung gesetzt und Grenzen in Frage gestellt, die für unüberwindbar gehalten wurden. Unser Leben wird gewandelt, wenn wir glauben, daß das letzte ‚Komm!' uns der Grenze des Todes entreißt. Von daher wächst eine Gelassenheit in uns, im Umgang miteinander und mit den Begrenztheiten unseres Lebens. Wir müssen plötzlich nicht mehr alles an uns reißen und krampfhaft festhalten. Die fesselnden Binden werden uns gelöst. Unsere Hände werden plötzlich frei - sie werden zur Einladung ‚Komm!' und strahlen selbst das Wort Jesu aus, das in unserem Innern zu klingen beginnt. Wir werden frei, miteinander dieses Leben voller offener Fragen zu tragen, hoffend auf die ungeahnten Möglichkeiten Gottes, der einen Anfang setzt, wo wir versucht sind, nur ein Ende zu sehen.


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29. Mai 2011
6.Sonntag der Osterzeit

Tiefer schauen

von Br. Bernd Kober, Kapuziner

Joh 14, 15-21

15 Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. 16 Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. 17 Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. 18 Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch. 19 Nur noch kurze Zeit, und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und weil auch ihr leben werdet. 20 An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch. 21 Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren

Nicht jeder sieht gleich gut. Mancher braucht eine Brille. Und selbst dann: unterschiedliche Menschen sehen oft im Gleichen Verschiedenes. Der eine sieht nur das, was ihm nützlich ist. Der andere sieht den Mitmenschen als den, über den er Macht ausüben kann. Der dritte sieht nur den Geldwert der Dinge. Der Vierte prüft alles darauf, ob es seinem Leben mehr Spaß und Lust bringen könnte. Jeder hat seinen eigenen Blick, sein eigenes Bild von Welt und Menschen, sein eigenes Weltbild.

In der Osternacht haben wir im Dunkel ein Licht entzündet, um besser sehen zu können. Die Osterkerze leuchtet seitdem in unseren Kirchen. Sie erinnert uns an das Licht, das uns allen bei der Taufe entzündet wurde: Licht von Seinem Licht, damit wir besser sehen. So hießen die Neugetauften in der frühen Kirche die Erleuchteten, die Sehendgewordenen. Was aber sieht der Getaufte? Welche neue Brille bekommt er aufgesetzt durch den Glauben, den er bekennt - so wie wir angesichts der Osterkerze erneut unseren Glauben bekannt haben in der Osternacht und an unsere Taufe erinnert wurden?

Das heutige Evangelium sagt uns sehr pointiert: 'Ihr seht etwas, was die Welt nicht sehen kann.' Johannes malt schwarz-weiß (hier die Welt - da der Christ), um uns das Entscheidende vor Augen führen. Den 'Geist der Wahrheit' kann die Welt nicht sehen, und den lebendigen Christus auch nicht. 'Ihr aber seht mich.' Das heißt: Auf gute Augen kommt es in unserem Christsein an, auf den rechten Durchblick: nicht nur Geldwert und Zweck, Nützlichkeit und Spaßeffekt der Menschen und Ereignisse zu sehen, sondern tiefer zu schauen.

Franziskus dichtet in seinem Sonnengesang: Gelobt seist du, mein Herr, durch Bruder Sonne, durch Schwester Wasser, durch den Menschen der verzeiht, ja, sogar durch Bruder Tod. Er sieht hindurch: in allem was ist, sieht er Gott am Werk. Er sieht sich an keiner Stelle seines Lebens und Sterbens von Gott verlassen. In allem entdeckt er den, der dahinter steht. Er entdeckt den lebendigen Gott, den auferstandenen Christus, der ihm in allem zur Seite geht und dessen Blick auf ihm ruht. In allem was geschieht, weiß er sich von IHM angeschaut. Franziskus hat die neuen Augen des Getauften, des Glaubenden, der die Welt nicht als Zufallsprodukt betrachtet - und sein eigenes Leben nicht als seinen oder seiner Eltern Besitz, sondern als Gabe und Geschenk Gottes. Er blickt nicht einfach auf eine naturwissenschaftlich definierbare Umwelt, er blickt in Gottes Augen, wo immer er aufmerksam und achtsam Menschen und Dinge anschaut. Das verwandelt sein Leben.

Augen können sprechen. Und was ein Blick uns sagen kann, geht oft tiefer als viele Worte. Ein Blick kann ins Herz treffen, bewegen, verwunden, beglücken, Halt schenken und Vertrauen wecken. Franziskus vertieft sich in den Blick des Menschgewordenen, wenn er vor dem Bild Jesu und mit dem Wort des Evangeliums betet und meditiert. Er sieht in Jesu Augen, wenn er dem Mitmenschen begegnet, der ihn anspricht, der Not leidet oder Zuwendung sucht. Franziskus vertieft sich in den Blick Gottes, wenn er die über die Schönheit der Schöpfung staunt, und sie Bruder und Schwester nennt. Und Franziskus ruft seine Brüder und Schwestern dazu auf, andere mit den barmherzigen Augen Gottes anzuschauen. In seiner Ordensregel will er die Brüder bewegen, nicht mit verurteilenden und verachtenden Augen auf die Welt zu schauen - und im Brief an einen Bruder im Leitungsamt gibt er die klare Weisung: Keiner soll von die weggehen, ohne in deinen Augen das Erbarmen Gottes entdeckt zu haben.

Unter solchen Blicken verwandelt sich die Welt: unter dem Blick Gottes wie auch unter dem Blick seiner Zeuginnen und Zeugen. Der Mensch steht nicht mehr einsam da im Kosmos, er entdeckt im Glauben, daß er gehalten ist - und daß er berufen ist, seinen Mitmenschen im Auge zu behalten. In diesem Sinne dürfen wir die Zeilen der Dichterin Hilde Domin lesen und beten:

Dein Ort ist,
wo Augen dich ansehn.

Du fielest,
aber du fällst nicht.
Augen fangen dich auf.

Es gibt dich
weil Augen dich wollen,
dich ansehen und sagen,
dass es dich gibt.


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17. Juli 2011

16. Sonntag im Jahreskreis

Lebendiges wächst langsam

24 Und Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. 25 Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg. 26 Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. 27 Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? 28 Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? 29 Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. 30 Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune. Mt 13, 24-30

Wir sind in Eile. Wir warten nicht gerne. Weder an der Kasse aufs Bezahlen, noch bei einer Bestellung auf die Lieferung und schon gar nicht auf die Antwort einer E-Mail, die wir doch eben erst losgeschickt haben. Das Leben ist dringend, es muß schnell gehen, Wartezeit scheint verlorene Zeit zu sein.

Schnell sind manchmal auch die Bilder, die wir uns von anderen machen: eine Schlagzeile, ein Satz, eine Geste, eine Ähnlichkeit. Da erinnert mich einer an schon Erlebtes oder Erlittenes, und schon ist er eingeordnet. Schon komme ich mit meinem Urteil auf den Punkt – und bin fertig mit ihm oder ihr … oder auch: ich mache ihn fertig. Das gilt für die Begegnung mit Einzelnen wie auch mit unserer Gesellschaft: Da ist doch nichts mehr zu retten in dieser säkularisierten Welt, so sagt vielleicht der eine oder die andre. Und schon ist klar, wo wir stehen: wir auf der guten, die andern auf der hoffnungslosen Seite.

An dieser Stelle greift Jesus ein: 'Nein!', so steht es deutlich im Evangelium heute – und Jesus wirft uns dieses 'Nein' direkt auf unseren vorschnell-eiligen Weg. 'Schließt nicht so schnell ab mit dieser Welt und ihren Menschen! Seid nicht so schnell fertig miteinander! Wenn ihr etwas vom Himmelreich verstehen müsst, dann dieses eine: Leben ist Wachstum – und so auch das Himmelreich, der neue Lebensraum, den Gott uns schenkt.' Wo dieses Himmelreich in einem Menschen beginnt, da geschieht Wachstum. Und zum Wachstum gehört Geduld, gehören der Schmerz und das Loslassen, gehören das Wartenkönnen und Wartenmüssen. Wachstum geschieht – ich kann es nicht erzwingen und machen, nur fördern und schützen.

Vielleicht spüren wir hier: wir habens nicht in der Hand. Das 'Nein', das uns hier entgegengerufen wird, läßt uns die Hand zurückziehen. Wir können das Pflänzchen nicht gewaltsam aus dem Boden ziehen. ER nimmt uns hier etwas aus den Händen. Es ist nicht damit getan, daß unsere Hand hier und da zupackt und ausreißt. Es ist nicht getan mit unserer kurzsichtigen Perspektive, die oft nur kurzschlüssiges Handeln hevorbringt. Hier geschieht etwas Größeres, das unser Leben, unsere Lebenszeit und unseren Horizont weit übersteigt. Es geschieht – mit unserem Zutun, aber nicht aus unserer Kraft. Wir sind nicht die Macher des Himmelreichs – zum Glück. Denn gemachte Himmelreiche auf dieser Erde gab und gibt es schon genug. Immer waren und sind es Konstrukte der Machtgier und der Herrschsucht, die schnell ausreißen, was der eigenen Ideologie entgegensteht.

Die Jünger wie auch wir müssen das lernen: wer glaubt, wer sich auf das Himmelreich Gottes einläßt, dem wird ersteinmal alles aus der Hand genommen. Das ist zu lernen, geduldig, langsam, unter dem Blick Gottes, der sich auf unsere Langsamkeit einläßt. Es ist anstrengend, so geduldig zu sein mit anderen und mit mir selbst. Zur Geduld gehört Kraft, schreibt Romano Guardini. Nur der starke Mensch kann lebendige Geduld üben. Geduld ohne Kraft ist Passivität, flaches Hinnehmen. Und Liebe gehört zur echten Geduld, Liebe zum Leben. Denn Lebendiges wächst langsam, hat seine Stunde, geht mancherlei Wege und Umwege. Wer das Leben nicht liebt, hat mit ihm keine Geduld. Dann kommen die Heftigkeiten und Kurzschlüsse; es gibt Wunden und Scherben.

Lebendige Geduld, aufmerksames Warten und ein achtsamer Blick für das, was zum Leben wachsen will, sind Haltungen dessen, der sich das Leben von Gott aus der Hand nehmen, aber von Gott auch wieder schenken läßt. Es sind Haltungen im Umgang mit uns selbst wie auch im Umgang mit unseren Mitmenschen. Es sind Haltungen, in denen wir auch vor Gott treten als solche, von ihm das Leben ersehnen und empfangen möchten. Was bleibt ist sicher oftmals die Frage nach dem 'Wann?' - wann kommen das Leben, die Gerechtigkeit, die Fülle von ihm her; ja, wann kommt er selbst? Diese Frage kann zur quälenden Frage unseres Glaubens werden. Es ist die Frage des Wartens, des Karsamstags, des zweiten Tags. Wir hoffen auf das Leben und glauben an den dritten Tag, wann auch immer er kommen wird – und unser Handeln soll zeigen, worauf wir hoffen.


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04. September 2011
23. Sonntag im Jahreskreis

Aufbruch zueinander

Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. 16 Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit, denn jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden. 17 Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner. 18 Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein. 19 Weiter sage ich euch: Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. 20 Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Mt 18, 15 - 20

Der heilige Franz von Assisi, auf den wir als Kapuziner als unseren Ordensvater schauen, wollte seine Brüder und Schwestern immer wieder bewegen. Pilger und Pilgerinnen sollten sie sein, so mahnt seine Ordensregel: Menschen, die zurücklassen, aufbrechen, unterwegs sind und nicht festgefahren. Ein Mensch des Aufbruchs zu werden im Sinne des hl. Franziskus aber bedeutet, jeden Tag neu die Schwerkraft zu überwinden - äußerlich wie innerlich. Jeden Tag neu wird unser guter Wille durch die Kräfte der Vernunft, der Konvention, der Sachzwänge und schließlich durch die eigene Schwäche auf den Boden der Realität zurückgezogen. Wir kommen manchmal einfach nicht so richtig vom Fleck mit unserem Leben.

Für Franziskus war diese Schwerkraft, waren Vernunft und greifbare Realität nur eine Seite seines Lebens. Die andere Seite war bei ihm mindestens ebenso stark, wenn nicht stärker: die Frohbotschaft von der Überwindung irdisch-menschlich gesteckter Grenzen; das Evangelium vom Reich Gottes; das Ideal der Nachfolge Christi. Schon damals, zu Beginn des 13. Jahrhunderts musste er von den Vernünftigen, von Eltern und Freunden, von Amtsträgern und Verantwortlichen hören: "Die Nachfolge Jesu leben, wie es im Evangelium steht? - Das ist zu extrem, zu wirklichkeitsfremd." Franziskus blieb beharrlich in seinem Vorhaben. Er polemisierte nicht gegen jene, die ihn als Spinner und Fantasten betrachteten. Er probte nicht den Aufstand gegen die Kirche. Er antwortete schlicht und klar mit dem Beispiel seines Lebens und wagte den Aufbruch auf Jesu Wort hin. Das hatte Kraft.

Jesus und Franziskus sind die Letzten, die uns dazu verführen möchten, einen wirklichkeits-fremden, abgehobenen Glauben zu leben. Das Zugehen auf Welt und Menschen gehört zum Wesen Gottes selbst und darf deshalb niemals aus der Mitte unserer Spiritualität verschwinden. Eines aber wohnt der Botschaft Jesu Christi zutiefst inne: die Wirklichkeit soll nicht die erdrückende und kleinmachende Oberhand in unserem Leben behalten. Das letzte Wort und die letzten Möglichkeiten liegen in der Hand dessen, der alle Schwerkraft überwindet, der nicht von dieser Welt ist, und der uns zu Menschen machen will, die in dieser Welt leben, aber ebenfalls nicht von dieser Welt sind. Der Evangelist Johannes wird nicht müde, dies in seinem Evangelium und seinen Briefen zu betonen.

Und so ermuntert Jesus selbst die Menschen, die in seine Schule gehen, zu Pilgern zu werden. Sie sollen den Blick heben und weiten, und immer neu Ziele jenseits des Horizonts, jenseits menschengemachter Grenzen anstreben. Das erste Ziel für den, der Jesus folgt, ist dabei der Bruder, die Schwester. Das heutige Evangelium betont: Das Miteinander, der Aufbruch zueinander, die Verbundenheit der Menschen untereinander sind grundlegend dafür, daß Gott unter uns wirken kann. Er ist dort, wo Menschen beieinander sind. Wo der Mensch sein Leben nicht aufbricht, sein Ich überschreitet und in seinem Herzen Raum schafft für den Nächsten; wo Menschen nicht einander nachgehen, um einander zu finden, dort kann Gott nicht eintreten in die Mitte derer, die an ihn glauben. Die Bereitschaft, stets neu Wege zueinander zu suchen und einander als Brüder und Schwestern zu finden, ist für Jesus direkt verbunden mit der Fähigkeit, Gott zu suchen und von ihm gefunden zu werden.

Der Mensch, der den andern sucht, ihm nachgeht, sich ihm schenkt, ist ein lebendiges Zeichen für die Offenheit, die Gott selbst uns entgegenbringt. Ein solcher Mensch wirkt anziehend. Von ihm geht eine Kraft aus, ein Ruf, eine Aufforderung. Er ruft den Andern "zu sich herüber, heraus, hervor, so dass auch er sich öffnet, aus sich herausgeht, hervorkommt aus seinem Ichgehäuse. Wie das Aufspringen einer Kapsel ist das Lächeln auf den Zügen eines Vergrämten" (Heinrich Spaemann), der spürt, dass er geliebt wird und dass da jemand ist, der ihn sucht: ein Bruder, eine Schwester, ja, Gott selbst.


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23. Oktober 2011
30. Sonntag im Jahreskreis

Fremdheit ertragen

Mt 22, 34-40

34 Als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie (bei ihm) zusammen. 35 Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen und fragte ihn: 36 Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? 37 Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. 38 Das ist das wichtigste und erste Gebot. 39 Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. 40 An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.

Eine große Fremdheit umgibt uns. Tagtäglich. Partner, Freunde, Menschen an unserer Seite: wir kennen sie seit Jahren, sind mit ihnen durch manches und Hoch und Tief unseres Lebens gegangen. Doch plötzlich fehlen uns die Worte. Da zeigt der Andere ein Gesicht, eine Reaktion, ein Handeln, das wir nie erwartet hätten. Wir dachten, wir kennen einander. Aber plötzlich wird uns der Andere fremd, plötzlich entsteht eine unheimliche Entfernung zwischen ihm und mir - und wieder neu müssen wir versuchen, eine Brücke zu bauen zwischen uns. Ich baue zu ihm oder zu ihr hin - und er oder sie muß mir entgegenbauen, wenn der plötzlich aufgerissene Graben zwischen uns überbrückt werden soll.

Auch im Glauben umgibt uns diese Fremdheit. Gott schweigt, so empfinden wir vielleicht manchmal. Wo ist Er, sein Wort, sein Handeln, seine Nähe und Zuwendung in meinem Leben? Die Botschaft vom nahen Gottesreich, von der Zuwendung Jesu zu den Armen und Bedürftigen, zu denen die klagen und schreien in der Not dieser Welt, scheint manches Mal wie ein 'Märchen aus uralten Zeiten'. Das Kirchenjahr feiert diese Nähe - aber wieder und wieder klingen die Worte doch fremd und wie aus der Ferne zu uns herüber. Wir hören sie, aber haben sie Bedeutung für unser Leben, unsere Welt? 'Wach auf! Warum schläfst du, Herr? Erwache … Steh auf und hilf uns!' (vgl. Ps 44, 24.27), so betet der Psalmist. Was tun, wenn Gott und sein Handeln oder Nichthandeln, sein Wort und sein Schweigen uns fremd geworden sind?

Und: Was tun, wenn uns gerade im Erleiden dieser Fremdheit das Wort des heutigen Evangeliums trifft: Liebe! Liebe Gott mit deinem ganzen Wesen, mit deinem Tun und Denken; und liebe deinen Nächsten, wie du dich selbst liebst. Jesus legt uns dieses wichtigste Gebot, das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe ans Herz. Wie kann er das, die Liebe gebieten, anordnen, wie kann Liebe ein Gebot sein? Wir spüren sicher schon an dieser Stelle, wie schwierig dieses Wort von der Liebe ist, in wievielen Schattierungen es in unserer Welt herumgeistert. Wir spüren die Vielgesichtigkeit dieses Wortes, wie es gedeutet und verbogen, verzerrt und verunglimpft wird. Was heißt es, zu lieben?

'… wie dich selbst'. Lieben wir uns selbst eigentlich? Es ist eine der Grundfragen unseres Lebens und Glaubens, wie wir zu uns selbst stehen: zu dem, was in uns lebt; zu unserem Gewordensein, unserer ganz persönlichen Lebensgeschichte; zu unseren Talenten und Fähigkeit und zu unseren Schwächen und dunklen, unheimlichen Seiten. Sich selbst lieben kann heißen, eins zu werden mit sich. Ganz zu werden. Nicht mehr diese und jene Seite zu verstellen und zu verdecken, sondern ins Licht zu stellen, wer ich wirklich bin. Anderen spielen wir oft etwas vor - auf Dauer uns selbst etwas vorzuspielen führt nicht zur inneren Einheit. Sich-Lieben steht in direktem Zusammenhang mit dieser Selbsterkenntnis, mit diesem inneren Frieden mit mir, mit dem inneren Versöhntsein, Ganzsein, Sich-Annehmen.

'… deinen Nächsten lieben'. Das Ringen in mir und mit mir, mich selbst zu lieben, wahrhaftig zu sein zu mir und Verwundungen, Enttäuschungen, Erfolge und Gelungenes einzugestehen, hat direkt zu tun mit unserer Fähigkeit, den Nächsten zu lieben. Die Fremdheit des anderen neben mir zu ertragen, hat direkt damit zu tun, die Fremdheit meines eigenen Lebens zu ertragen und manches Mal auch zu erleiden. Die Grenzen meiner selbst ehrlich zu sehen und zu benennen macht mich bereit, die Grenzen des Andern wahrzunehmen, zuweilen auszuhalten und - wenn der Nächste es zuläßt - mit ihm oder ihr zu schultern und zu tragen. 'Einer trage des anderen Last': zur Erfüllung dieses Gesetzes Christi, wie Paulus es nennt, ist der umso mehr fähig, der sich selbst nicht betrügt, der Selbsterkenntnis gewonnen und deshalb Barmherzigkeit mit seinem Nächsten gelernt hat. (vgl. Gal 6, 1-5)

'… du sollst deinen Gott lieben'. Die eigene Fremdheit auszuhalten, die Fremdheit des anderen neben mir zu ertragen und Gottes Fremdheit auch noch zu lieben, ist das nicht zuviel? Hören wir auf die jüdische Tradition, die ihren Glauben oft in Geschichten zu fassen weiß: Bei einem Nachbarn des Rabbi Mosche Löb waren mehrere Kinder nacheinander im zarten Alter gestorben. Die Mutter vertraute eines Tages ihren Kummer der Frau des Zaddik an: 'Was für ein Gott ist denn der Gott Israels? Er ist grausam und nicht barmherzig. Er nimmt, was er gegeben hat.' 'So darfst du nicht reden', sagte die Frau des Zaddik, 'so darfst du nicht reden. Die Wege des Himmels sind unergründlich. Man muß lernen, sein Schicksal anzunehmen.' In diesem Augenblick erschien Rabbi Mosche Löb auf der Türschwelle und sagte der unglücklichen Mutter: 'Und ich sage dir, Frau, man muß sich nicht unterwerfen. Ich rate dir zu rufen, zu schreien, zu protestieren, Gerechtigkeit zu fordern, verstehst du mich, Frau? Man darf es nicht hinnehmen!' - Liebe ringt und ist wahrhaftig, Liebe heißt Kommunikation und manches Mal auch das gute Streiten um etwas, Liebe will immer den Weg zum Leben finden - für sich und den andern. Liebe läßt den andern nicht stehen, sondern setzt sich immer neu seiner Fremdheit aus.


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11. Dezember 2011
3. Adventsonntag

Zeuge für die Sache Gottes

Joh 1, 6-8.19-28
Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht. Dies ist das Zeugnis des Johannes: Als die Juden von Jerusalem aus Priester und Leviten zu ihm sandten mit der Frage: Wer bist du?, bekannte er und leugnete nicht; er bekannte: Ich bin nicht der Messias. Sie fragten ihn: Was bist du dann? Bist du Elija? Und er sagte: Ich bin es nicht. Bist du der Prophet? Er antwortete: Nein. Da fragten sie ihn: Wer bist du? Wir müssen denen, die uns gesandt haben, Auskunft geben. Was sagst du über dich selbst? Er sagte: Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn!, wie der Prophet Jesaja gesagt hat. Unter den Abgesandten waren auch Pharisäer. Sie fragten Johannes: Warum taufst du dann, wenn du nicht der Messias bist, nicht Elija und nicht der Prophet? Er antwortete ihnen: Ich taufe mit Wasser. Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt und der nach mir kommt; ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren. Dies geschah in Betanien, auf der anderen Seite des Jordan, wo Johannes taufte. Joh 1, 6-8.19-28

Bleiben, das wollen wir alle. Im Gedächtnis bleiben, in Erinnerung bleiben, bedeutsam bleiben, nicht hinten dran bleiben. Dauerhaftigkeit, Bedeutsamkeit, Stellung und Sicherheit sind erstrebenswert. Dafür strengen wir uns an – vielleicht hier und da auch auf Kosten anderer.

So knorrig-urwüchsig wir uns diesen Rufer Johannes in der Wüste auch vorstellen; so stark er auch aufgetreten ist, eines war ihm dabei zutiefst bewusst: Er ist der Zeuge, er ist die Stimme, er vergeht.

Nein. Ich nicht. Nicht so. Nicht mit mir – ohne mich. Niemals. Das geht nicht. – Nein-sagen heißt, sich abgrenzen. Sich-abgrenzen heißt, einen Standpunkt haben und eine Verwurzelung. Ich-Stärke nennen wir das – oder Identität. In jeder noch so engen Beziehung zwischen Menschen kommt der Punkt, wo einer dem andern zum ersten Mal ein Nein entgegenhält. Es spricht von der Reife einer Beziehung, wenn dieses Nein zu größerer Tiefe und zu einem Mehr an gegenseitiger Hingabe führt. Das Ja des andern bedient vielleicht meine Wünsche und erfüllt Sehnsüchte – das Nein fordert mich heraus, den andern ernst zu nehmen, seinem Nein-Wort nachzugehen, ihn tiefer kennenlernen und verstehen zu wollen. Freilich kann am Nein auch etwas zerbrechen. Entscheidung ist gefordert: nachgehen oder weggehen. Johannes war der kraftvolle, herausfordernde Zeuge für die Sache Gottes. Er hat gewagt, Nein zu sagen. Er war nicht Wunscherfüller und -bediener derer, die zu ihm kamen. Er wollte sie herausrufen ins Neue. Wer zu ihm kam, fand nicht zuerst Selbstbestätigung, sondern hörte den Ruf, der ins Ungewohnte und Fremde führt. Wer diesem Ruf folgte, vollzog Buße und Umkehr zum Leben hin. Die anderen gingen weg und blieben im Alten stecken.

Zeugenschaft erfordert den Mut zum Nein-sagen. Wer nicht mit dem Täufer Nein sagen kann, kann nicht Zeuge sein (Kamphaus). Worte sind Schall und Rauch, so sagen wir. Das Wort steigt auf in der Tiefe des Menschen - es formt sich und wird gesprochen – und kaum gesprochen, verhallt es schon und die Stille gibt dem nächsten Wort Raum. Ob es von Bedeutung ist, hängt nicht davon ab, wie laut es gesprochen wird oder wie geschliffen es formuliert ist. Ob ein Wort von Bedeutung ist hängt davon ab, ob es berührt. Und wenn sein Klang, seine Schwingung berührt, dann beginnt in dem, der es hört, etwas zu schwingen. Bewegung entsteht – wir sagen auch Resonanz. Und vielleicht entsteht aus dieser Bewegung ein neuer Gedanke, ein neues Wort, ein neues Handeln. Vielleicht bricht sich etwas Bahn, das bisher unerhört und undenkbar war. Worte können Bahn brechen, Wege bereiten und ebnen, die bisher verstellt waren. Freilich braucht es ein feines Gespür, um die Schwingungen eines Wortes wirklich in aller Tiefe zu hören und aufzunehmen. Und es braucht sensible Sprecher, deren Worte selbst aus der Tiefe kommen – und nicht nur aufsehenerregendes Geklingel sind. Ich bin die Stimme, sagt Johannes, die Wege ebnet für den Herrn. Johannes ist wohl der Mann, der zu sprechen verstand.

Die Stimme sucht den andern zu erreichen; der Zeuge weist auf etwas, das nicht er selbst ist. Johannes nimmt sich selbst aus der Mitte heraus. Er ist nur Hinweis, Anstoß, Hilfe. Nach ihm kommt, worauf es ankommt. Das ist wichtig für seine innere Haltung. Er sonnt sich nicht in der Beachtung, die er findet. Die Mitte lässt er frei für den, der nach ihm kommt. Das erfordert viel an Mut und Vertrauen. Johannes lebt ganz aus der Verheißung auf den Messias. Für ihn gibt er alles, für ihn lässt er die Mitte offen, auf ihn setzt er seine Zeugenschaft, auch wenn sie ihm Gefängnis und Tod einbringen wird. Ob er wohl manchmal gezweifelt hat, dieser Johannes? Ob er sich gefragt hat, ob sich das lohnt, so hinten dran zu stehen und die zweite Geige zu spielen? Aus dem Gefängnis heraus lässt er Jesus durch Boten fragen: Bist du es wirklich, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?

Die Mitte frei machen, Nein sagen lernen, Worte finden, die berühren und so neue Wege erschließen – das geht nur aus der Hoffnung, dass die Mitte nicht leer ist, dass ein Ja-Wort gilt über diese Zeit hinaus und dass ein Wort ist, dass unsere Starrheit immer neu lösen und befreien will. Jesus Christus ist uns Fülle und Mitte. Er ist das Ja-Wort Gottes, das uns hält und er ist es, der uns berühren und lösen will aus aller winterlichen Starre. Warte ich auf ihn?


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Predigten Br. Bernd Kober, Salzburg

Predigten von Br. Bernd Kober, Salzburg






02. Februar 2012

Mariä Lichtmess

Tag des geweihten Lebens

Evangelium: Lk 2, 22-40

22Dann kam für sie der Tag der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung. Sie brachten das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn zu weihen, 23gemäß dem Gesetz des Herrn, in dem es heißt: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein. 24Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben.
25In Jerusalem lebte damals ein Mann namens Simeon. Er war gerecht und fromm und wartete auf die Rettung Israels und der Heilige Geist ruhte auf ihm. 26Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Messias des Herrn gesehen habe. 27Jetzt wurde er vom Geist in den Tempel geführt; und als die Eltern Jesus hereinbrachten, um zu erfüllen, was nach dem Gesetz üblich war, 28nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten: 29Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, / wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. wie dein Wort es verheißen hat. 30: Denn meine Augen haben das Heil geschaut, 31: das du geschaffen hast, damit alle Völker es sehen: 32: ein Licht, das die Heiden erleuchtet, / und eine Verherrlichung deines Volkes Israel. 30Denn meine Augen haben das Heil gesehen, / 31das du vor allen Völkern bereitet hast, 32 ein Licht, das die Heiden erleuchtet, / und Herrlichkeit für dein Volk Israel. 33Sein Vater und seine Mutter staunten über die Worte, die über Jesus gesagt wurden. 34Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. 35Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen.
36Damals lebte auch eine Prophetin namens Hanna, eine Tochter Penuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt; 37nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten. 38In diesem Augenblick nun trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. 39Als seine Eltern alles getan hatten, was das Gesetz des Herrn vorschreibt, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazaret zurück. 40Das Kind wuchs heran und wurde kräftig; Gott erfüllte es mit Weisheit und seine Gnade ruhte auf ihm.

Gerade und eindeutig ist das Ausrufezeichen: ein deutlicher Strich, ein klarer Punkt. Sind wir selbst so? Vielleicht, manchmal, sicher aber nicht immer und überall. Was unser Leben ausmacht, bildet sich doch eher ab in den Schlingungen und Kurven des Fragezeichens. Bis wir auf den Punkt kommen mit unserem Leben, geht es hin und her, auf und ab – und auf den Punkt kommen wir im letzten erst sehr spät, ja zuletzt, wenn in der Stunde des Todes das Leben unwiderruflich geworden ist und ganz Gestalt angenommen hat. Ob wir uns mit dieser Gestalt versöhnen können und die Biegungen, Wege und Abwege des Lebens dann in Gottes Hand zurücklegen können, davon hängt viel, eigentlich alles ab. Ob wir dann loslassen können, um dieses verschlungene Leben hineinzulegen in Gottes Herz, damit er den letzten Punkt setze, dies immer neu zu fragen, kann jetzt schon Einübung sein für den letzten Akt des Glaubens, den wir irgendwann zu vollziehen haben.

Wir feiern Mariä Lichtmess, Darstellung des Herrn. Seit einigen Jahren wird dieser Tag auch begangen als ‚Tag des geweihten Lebens‘. Ordensberufung, Ordensfrauen und Ordensmänner rücken in den Blick. Warum heute, warum an diesem Fest, das sich doch selbst genug sein könnte, so fragt vielleicht mancher? Im Evangelium so entdecken wir heute zwei Gestalten, die uns mit unserer Frage vielleicht weiterbringen: Simeon und Hanna. Was können wir sagen über die beiden? Eigentlich nicht viel. Nur so viel, wie nötig:

Simeon und Hanna sind Menschen, die noch nicht abgeschlossen haben; Wartende, Sehnsüchtige; Hanna, eine Frau, deren Hoffnungen und Erwartungen durch den frühen Tod ihres Mannes schon einmal enttäuscht wurden. Sie aber und der alte Simeon sind Wartende geblieben; hoffende Menschen, die wach und aufmerksam beobachten, was geschieht, um den Augenblick ihres Lebens nicht versäumen, in dem sich das Größere, in dem sich der Große zeigt. Diese Offenheit ist das erste, das uns diese beiden Menschen vor Augen führen:nicht Schluß machen mit dem Hoffen; damit rechnen, daß immer noch Größeres geschehen kann in meinem Leben und auch im Leben der Kirche.

Dazu gehört ein Zweites: ein Leben mit wachen Augen und klarem Blick für die Ereignisse der Gegenwart verbietet, wozu das Alter Menschen wie Institutionen immer wieder verführt: in der Vergangenheit zu leben. Sie erinnern sich an die gute alte Zeit, die doch viel goldener und heller war als die Gegenwart. Simeon und Hanna erwarten das Heil nicht von der Vergangenheit, sondern sie erwarten es in der gegenwärtigen Stunde, hier und jetzt. Die ‚Zeichen der Zeit‘ zu lesen und zu deuten, sie als Zeichen gegenwärtigen Heils zu vermuten und zu glauben, davon hängt es ab, ob Christus uns heute begegnen kann. Hoffen, daß das Große erst noch geschehen wird und glauben, daß die Gegenwart der Ort ist, in dem sich Gottes Heil und Zuwendung zeigt, dazu wollen uns Simeon und Hanna verführen.

Simeon nimmt das Kind auf seine Arme: liebevoll und bergend. Und Hanna erzählt, spricht, verkündet die Botschaft dieses Kindes. Christus nah herankommen lassen an mein Leben, Nähe und Freundschaft mit ihm zu pflegen im Gebet, im Lesen und Betrachten des Wortes wie auch in den Sakramenten: diese Nähe will uns Simeon ans Herz legen. Hanna ergänzt, was Simeon tut: wer Nähe pflegt, soll zur Zeugin und zum Zeugen werden für das Kind und seine befreiende Botschaft. Zuwendung zu Gott bringt immer die Zuwendung zur Welt hervor, Nähe zu Christus führt immer in einer Sendung – und die Art dieser Sendung ist so vielfältig und tausendfach verschieden, wie es Männer und Frauen gibt in unserer Kirche. Phantasie ist gefragt!

Wenn heute die Berufung zu Ordensleben ins Blickfeld kommt, dann können wir Simeon und Hanna dabei nicht außer Acht lassen: Ordenberufung zu leben meint, das Leben nie als abgeschlossen zu betrachten, jeden Tag neu auf die große Begegnung zu hoffen; Ordensberufung meint, der Gegenwart zu trauen und Gott zu vertrauen, der sich in unserer Zeit offenbart – und der uns nie auffordert, rückwärtsgewandt aus dem Gestern zu leben, das Heute zu überspringen und auf das Übermorgen als Ort utopischer Heilsphantasien zu starren. Ordensberufung meint Christusfreundschaft und Gefährtenschaft mit den Menschen dieser Zeit. Wenn Ordensleben unter diesen Zeichen steht, steht es mitten in der Welt – als Zeichen für den der jetzt da ist, der heute das Heil bringt und der kommen wird als der, der viel größer und phantasievoller ist als unsere manchmal vielleicht zu konkreten Vorstellung vom Leben in Fülle. Lassen wir uns überraschen.


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25. März 2012
5. Fastensonntag

Nähe erfahren

Joh 12, 20-33

Die letzte öffentliche Rede Jesu - Die Stunde der Entscheidung: 12,20-32 20Auch einige Griechen waren anwesend - sie gehörten zu den Pilgern, die beim Fest Gott anbeten wollten. 21Sie traten an Philippus heran, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und sagten zu ihm: Herr, wir möchten Jesus sehen. 22Philippus ging und sagte es Andreas; Andreas und Philippus gingen und sagten es Jesus. 23Jesus aber antwortete ihnen: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird. 24Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. 25Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben. 26Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren. 27Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen. 28Vater, verherrliche deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn schon verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen. 29Die Menge, die dabeistand und das hörte, sagte: Es hat gedonnert. Andere sagten: Ein Engel hat zu ihm geredet. 30Jesus antwortete und sagte: Nicht mir galt diese Stimme, sondern euch. 31Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. 32Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.

Wir kommunizieren. Fast ununterbrochen. Nicht nur mit dem Menschen neben uns, den wir unvermittelt sehen, hören, spüren können. Wir kommunizieren weit über die Grenzen unseres Gesichtskreises hinaus: Telefon, Handy, E-Mail, Skype – die Möglichkeiten der schnellen Information und Kommunikation sind in den vergangenen 20 Jahren rasant gewachsen. Das ist gut und erleichtert vieles, was früher nur mühsam und mit großem Zeitaufwand machbar war. Die Welt ist klein geworden, so sagen wir, auch und gerade durch die Kommunikationstechnologie.

Wir sehnen uns nach Mitteilung. Der Mensch hat den tiefen Wunsch sich mitzuteilen, einen andern Menschen zu seinem Vertrauten und Mitwisser zu machen: zu einem, der mit ihm fühlt, sich mit ihm freut und mit ihm leidet. Gemeinschaft, Freundschaft und Partnerschaft sind lebenswichtig. Der Mensch hat auch den Wunsch, dass ein anderer sich ihm mitteilt, ihm Vertrauen entgegenbringt und Beziehung entstehen und sich vertiefen kann. Vereinsamung und Isolation: davor fürchten wir uns. Ob wir die Möglichkeiten schneller, weltweiter Kommunikation so gebrauchen, dass gute, tiefe, verlässliche Beziehungen gestiftet werden, das hängt von uns selbst ab. Die wirklich lebendige Nähe eines Menschen, seinen Blick und seine Berührung wird die Technik nie ersetzen können. Stets bleibt ein Gefühl von Kühle und Distanz. Wie schön ist es doch, wenn der ersehnte Mensch dann wirklich vor uns steht.

Wie unser Menschsein so leben unser Glaube und auch unsere Liturgie von erfahrbarer Nähe. Der Gottesdienst am Fernsehen ist wertvoll, für die, die den Weg zur Kirche nicht mehr gehen können. Wie viel wertvoller aber ist es, wenn die Kommunion gebracht wird, wenn ein Besucher kommt, wenn Aussprache möglich ist – oder vielleicht auch ein nicht nur mit der Stimme auf dem Bildschirm gebeteter Rosenkranz. In der Eucharistiefeier wird Brot gebrochen. Es wird zerteilt, damit jeder berühren und schmecken kann, damit alle vom gleichen Brot bekommen und damit erlebbar wird, wer Jesus Christus für uns ist: er zerbricht sein Leben, bricht es auf, damit wir ihn berühren und in Beziehung kommen können mit ihm. Im Zeichen des geteilten Brotes bündelt sich, wer Er für uns ist: Vom ersten Tag seines öffentlichen Auftretens an ist er der, der sich nicht verschließt. Er macht sich auf den Weg dorthin, wo wir sind. Er öffnet sich – darum nur kann er verwundet werden. Und je weiter er sein Leben aufbricht für andere, desto tiefer kann die Verwundung gehen. Wir nennen dies Liebe und Hingabe bis zum Tod am Kreuz. Mit seinem Tun zeigt er uns ein für allemal, dass Gott unser tiefes Verlangen nach Annahme und Gemeinschaft kennt, nach einer Liebe, die sich nicht zurücknimmt. Keine Gewalt bringt den Vater davon ab, uns im Sohn seine Liebe und sein Beziehungsangebot offenzuhalten.

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Da ist es wieder, das Wort, das uns den Schrecken einjagt: allein, einsam, isoliert. Wenn es aber stirbt, bringt es reiche, bringt es viel Frucht. Reichtum und Vielfalt stehen dem ängstlich festgehaltenen, einsamen Leben gegenüber. Jesus Christus hat sein Leben gewagt, und hat ganz und gar geantwortet auf die Sehnsucht derer, die in Lieblosigkeit, Formalismus, Krankheit oder Schuld vereinsamt waren. Seine bedingungslose Zuwendung hatte heilende, heilsame Kraft. In der Begegnung mit ihm sind Menschen aufgeblüht und fanden den Mut zur Umkehr ihres Lebens. Fülle, Reichtum, Vielfalt konnten so entstehen von dem her, der allen Menschen das Heilsangebot Gottes bringen wollte. Die Griechen im heutigen Evangelium, die ihn aufsuchen möchten, sind ein Fingerzeig dafür, dass Gottes Heil nicht nur dem auserwählten Volk Israel, sondern allen Menschen offensteht. Gemeinschaft, Begegnung, Heilung und Erlösung hängen engstens miteinander zusammen: Erlösung im christlichen Sinne hat immer mit Öffnung und gelungener Beziehung, mit Gemeinschaft und lebendiger Communio zu tun. Wo Erlösung geschieht, fallen Mauern der Einsamkeit.

Jesus selbst ist die niemals zurückgezogene Hand, die uns der Vater entgegenstreckt. Wer sie ergreift, erfährt die Kraft einer Liebe, die vergibt, die heilt, die nicht weicht. In diesen Tagen jetzt dürfen wir uns neu hineinziehen lassen in die Freundschaft mit Jesus. Und wir dürfen uns neu von ihm prägen lassen: das Saatkorn unseres Lebens aufbrechen, verhärtete Urteile und Meinungen, Pläne und Unbeweglichkeiten sterben lassen, um hier und jetzt Beziehungen zu stiften, die vom Reich Gottes erzählen.

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