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22. 04. 2001


Der Auferstandene und seine verängstigten Apostel


Das Evangelium nach Johannes (Joh 20,19-31)

19 Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. 21 Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! 23 Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. 24 Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. 26 Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt, und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! 27 Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. 30 Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. 31 Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.

Dem Apostel Thomas hat die christliche Tradition den Beinamen "der Ungläubige" zugedacht. "Der ungläubige Thomas" ist ja sprichwörtlich geworden. Ob es nun wirklich richtig ist, nur ihm diesen Beinamen zu geben? Hätten die anderen Apostel an seiner Stelle denn alle tatsächlich so anders reagiert? Aber es war nun einmal Thomas, der nicht dabei war, als Jesus am Auferstehungstag seinen Aposteln erschien.

Was war geschehen? Die Situation war für die Apostel überaus hoffnungslos: Jesus ist am Kreuz gestorben. Er ist begraben worden. Er ist tot. Und Tote kommen nicht wieder. Fasst nicht Thomas das in Worte, was die anderen Apostel doch auch gedacht haben? Auch sie waren verschreckt und voller Angst, zurückgezogen hinter verschlossenen Türen und ohne Hoffnung, was ihr Setzen auf diesen Jesus aus Nazareth betrifft.

Die anderen Apostel hatten nur dem Thomas voraus, dass sie eine Woche eher als er Jesus sehen durften. Denn Jesus, der Auferstandene, kam zu ihnen. Die "Ungläubigkeit" des Thomas besteht mehr darin, dass er am Zeugnis der anderen Apostel gezweifelt hat. Das, was die Apostel durchgemacht hatten, war ja auch überaus brutal. Und jetzt diese Botschaft für Thomas: Jesus lebt!

Wir haben uns nur vielleicht schon viel zu sehr an diese Aussage gewöhnt: Jesus, der tot war, lebt! Ist denn diese Nachricht in dieser unserer dem Tod geweihten Welt nicht tatsächlich unglaublich? Also, ich verstehe den Thomas: "Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht".

Weil ich also die Haltung des Thomas verstehe, bezieht sich die folgende Erzählung auch auf mich. Und sie ist überaus tröstlich!

Jesus erscheint acht Tage später noch einmal. Man hat den Eindruck: extra wegen Thomas. Denn nach dem Friedensgruß, der allen gilt, wendet er sich ausschließlich dem Thomas zu:

"Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!" Jesus versteht den Thomas in seiner Glaubensschwierigkeit und Glaubensnot. Jesus versteht den Thomas - und er versteht mich. Weil eben diese Erzählung auch für mich aufgeschrieben wurde, deshalb lädt mich der Schreiber des Evangeliums ein, mit Thomas auszurufen: "Mein Herr und mein Gott!"

Ich kann mir vorstellen, dass Thomas Jesus gar nicht mehr berührt hat. Er ist überwältigt von dieser Begegnung. Und - er formuliert als erster der Apostel (er, der Ungläubige!) das schönste und kürzeste Glaubensbekenntnis: Mein Herr und mein Gott!

Ich möchte so sagen: Ich habe einen Thomas in mir, in meinem Herzen, einen Thomas, der zweifelt und nach Beweisen und sinnlicher Erfahrung verlangt. Jesus nimmt auch meine Glaubenszweifel ernst und er nimmt mich in meiner Glaubensnot an. Er sagt dem Thomas und indirekt auch mir: "Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben."

Dieser Makarismus, also diese Seligpreisung, ist die Schnittstelle zwischen der Zeit, in der der Auferstandene sich zeigt, und der Zeit, in der der auferstandene Jesus auf Erden nicht mehr sichtbar erscheinen wird.

Der Wunsch nach sinnlicher Erfahrung ist verständlich, aber sinnliche Erfahrung ist letztlich nicht so wichtig. Viel wichtiger ist der Glaube. Doch das muss einem erst einmal aufgehen!

Die Perikope vom ungläubigen Thomas will uns dabei helfen. Dies ist die Aussageabsicht des Evangelisten: "Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen."

Die Auferstehung Jesu Christi von den Toten gibt uns neue Zuversicht. Aber: wie kann unser Glaube vertieft werden? Genügt uns die Perikope vom ungläubigen Thomas? Oder fällt es uns doch noch schwer - auch wenn wir es eigentlich gerne möchten - an die Auferstehung der Toten zu glauben?

Thomas hat es doch schön gehabt, so könnten wir denken. Er hat Jesus, den Auferstandenen, sehen dürfen. Aber wir?

Gibt es in unserer Zeit vielleicht eine Möglichkeit, dem Auferstandenen zu begegnen oder bleibt uns allein das Bauen auf die Seligpreisung derer, die nicht sehen und doch glauben?

Ich meine, dass die Seligpreisung ganz bestimmt das Entscheidende ist. Denn ohne das Glauben gibt es kein Schauen. Beim körperlichen Schauen ist Vorsicht geboten: Die Augen des Leibes können sich auch täuschen. Außerdem: Sinnliche Erfahrung muss nicht unbedingt zum Glauben führen. Ich kann mir auch etwas einreden nach dem Motto: Was nicht sein soll, das nicht sein darf! Menschliche Wahrnehmung kann auch der Täuschung unterliegen. Jemand könnte sich in seinem Schmerz in etwas hineingesteigert haben, so dass er Halluzinationen hat und meint, etwas oder jemanden gesehen zu haben. Oft hört man ja auch diesen Satz: Die Apostel wollten es nicht wahrhaben, dass Jesus tot war, und haben ihn auferstehen lassen.

Es ist daran festzuhalten, dass Erfahrungen letztlich nicht mitteilbar sind. Wenn ich etwas nicht persönlich erfahre, bleibt es außerhalb meiner Erlebniswelt und meiner inneren Wahrnehmung. Ein anderer kann mir zwar von seinen Erfahrungen und Erlebnissen und Einsichten erzählen, aber ohne Glauben bleibt alles fern von mir. Ich muss dem anderen glauben, was er mir erzählt, dann erst kann ich wahrhaft mit ihm kommunizieren. Doch es kann natürlich Blockaden geben. Wie bei Thomas. Sein Schmerz und seine Trauer und seine Erfahrungen haben ihn blockiert. Diese Blockaden wurden erst durch das Erscheinen des Auferstandenen gelöst. So können auch Menschen unserer Tage Blockaden haben, die sie einfach daran hindern, an den Auferstandenen zu glauben. Dies kann ein schmerzliches Erlebnis sein, ein Todesfall, ein Unglück, eine Krankheit, eine miterlebte Naturkatastrophe und ähnliches. Auch diese Menschen bräuchten eine Begegnung mit dem Auferstandenen. Aber wie soll das heute noch möglich sein?

Ich glaube ganz fest, dass auch in unseren Tagen eine Begegnung mit dem Auferstandenen möglich ist. Jeder Mensch reagiert natürlich anders. Bei dem einen kann das Hören der Thomaserzählung bereits diese Blockade lösen. Bei einem anderen kann es vielleicht ein Gespräch über den Glauben sein. Bei einem dritten kann es die Mitfeier des Gemeindegottesdienstes bewirken. Wieder ein anderer erfährt vielleicht im Sakrament der Versöhnung diese Begegnung mit dem Auferstandenen. Vielleicht ist es bei einem anderen auch das Lesen in der Heiligen Schrift oder das persönliche Gebet. Doch bei allen Gegebenheiten gilt: der Glaube ist das Entscheidende. Ohne diesen Glauben kann alles auch anders gedeutet werden. Ohne Glauben bleibt alles fremd. Auch in Thomas war dieser Glaube vorhanden in Form einer tiefen Glaubenssehnsucht. Er wollte glauben, konnte es aber nicht so einfach aufgrund der Aussagen von anderen. Er brauchte seine eigene Jesusbegegnung. Aber diese Begegnung konnte nur zum Glauben führen, weil in ihm schon dieses Glaubenwollen vorhanden war.

Aus der Thomaserzählung kommt mir noch ein ganz wichtiger Punkt entgegen: Jesus erscheint Thomas nicht im Privatraum - auf seinem Zimmer. Thomas erlebt Jesus als den Auferstandenen im Kreis der Apostel. Dies heißt für mich: Ich erfahre Jesus im Kreis derer, die schon an Jesus glauben. Wer sich schwer tut mit dem Glauben, darf sich nicht abkapseln. Er muss auf die Gemeinde zugehen. Im Kreis der Jesusjünger wird jemand auch zum Jünger. Natürlich hat Gott viele Wege zum Menschen. Nur eines ist sicher: wenn jemand auch im stillen Kämmerlein zum Glauben finden sollte, dann wird ihn dieses Glaubenserlebnis zur Gemeinde führen. Er wird Kontakt suchen mit denen, die wie er Jesus suchen. Glaube strebt nach der Gemeinschaft.

Jesus sagt in der Lesung aus der Offenbarung des Johannes: "Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, doch nun lebe ich in alle Ewigkeit, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt."

Ich wünsche uns allen, dass diese Worte Jesu tief in unsere Herzen eingeschrieben sind und dass uns diese Zusage Jesu ein Leben lang begleitet. Sicherlich wird es auch im Leben eines Christen Schweres und Hartes geben. Aber wer Jesus an seiner Seite weiß, der erfährt in seinem Leben einen tiefen Sinn und eine Freude, die ihm nichts und niemand nehmen kann.

Es sei mir gestattet, eine weitere Seligpreisung anzufügen: "Selig, wer dies glauben kann, dass Jesus nicht tot ist, sondern lebt und sich als Weggefährte durch dieses Leben anbietet!"




24. 06. 2001

Jesus und Johannes der Täufer

Das Evangelium nach Lukas

Lk 1, 57 - 66. 80

Für Elisabet kam die Zeit der Niederkunft, und sie brachte einen Sohn zur Welt. 58 Ihre Nachbarn und Verwandten hörten, welch großes Erbarmen der Herr ihr erwiesen hatte, und freuten sich mit ihr. 59 Am achten Tag kamen sie zur Beschneidung des Kindes und wollten ihm den Namen seines Vaters Zacharias geben. 60 Seine Mutter aber widersprach ihnen und sagte: Nein, er soll Johannes heißen. 61 Sie antworteten ihr: Es gibt doch niemand in deiner Verwandtschaft, der so heißt. 62 Da fragten sie seinen Vater durch Zeichen, welchen Namen das Kind haben solle. 63 Er verlangte ein Schreibtäfelchen und schrieb zum Erstaunen aller darauf: Sein Name ist Johannes. 64 Im gleichen Augenblick konnte er Mund und Zunge wieder gebrauchen, und er redete und pries Gott. 65 Und alle, die in jener Gegend wohnten, erschraken, und man sprach von all diesen Dingen im ganzen Bergland von Judäa. 66 Alle, die davon hörten, machten sich Gedanken darüber und sagten: Was wird wohl aus diesem Kind werden? Denn es war deutlich, dass die Hand des Herrn mit ihm war.
80 Das Kind wuchs heran, und sein Geist wurde stark. Und Johannes lebte in der Wüste bis zu dem Tag, an dem er den Auftrag erhielt, in Israel aufzutreten.

Wir feiern den Geburtstag eines heiligen Mannes. Es gibt nur zwei Männer im liturgischen Kalender, deren Geburtstage gefeiert werden - der Geburtstag Jesu (Weihnachten) und der des Johannes des Täufers. Die einzigartige Stellung Jesu Christi ergibt geradezu zwangsläufig eine "Geburtstagsfeier". Seine Geburt bezeichnet ja für die Christen die Zeitenwende. Bei Johannes soll durch die Feier seiner Geburt seine Bedeutung herausgestellt werden. Im Normalfall gedenkt man des Todes eines heiligen Menschen, weil der Todestag sozusagen der Geburtstag für den Himmel ist. Den Todestag des heiligen Johannes des Täufers begehen wir übrigens auch, am 29. August. Allerdings wird ebenfalls von einer großen Frau, der Gottesmutter Maria, neben dem Todestag (15. August: Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel) noch der Geburtstag als liturgisches Fest ( 8. September) begangen.

Wir feiern den Geburtstag eines heiligen Mannes, über dessen Geburt das Lukasevangelium in seinen so genannten Kindheitserzählungen ausführlich berichtet. Wir erfahren von der "Verkündigung" an seinen Vater Zacharias; wir erfahren von der Stummheit des Zacharias, der an die Zeugung dieses Sohnes nicht mehr glauben konnte; wir erfahren von den Umständen der Geburt und von der Namensgebung; wir hören den Gesang des Benedictus, den Zacharias anstimmt; wir erfahren vom Auserwähltsein dieses Kindes.

Wir feiern den Geburtstag eines heiligen Mannes, der gerne von den Predigern als "Bindeglied" zwischen Altem und Neuem Testament dargestellt wird: er gehöre eigentlich noch ins Alte Testament, weil er noch kein Jünger Jesu sei und durch seine Botschaft die alttestamentliche Prophetentradition fortsetze. Er gehöre dann aber doch wieder zum Neuen Testament, weil er eben im Neuen Testament dargestellt werde und weil er schon auf Jesus Christus hinweise und ihn erkenne, ihn, "der nach ihm kommt und ihm doch voraus ist" (vgl. Joh 1, 30).

Meines Erachtens gehört der Täufer unbedingt ins Neue Testament: Weil er eben eine zentrale Rolle in den Evangelien spielt und weil Jesus die Wirksamkeit des Täufers anerkannt hat. Er hat sich von Johannes taufen lassen. Diese Tatsache bringt ja viele in Verlegenheit. Viele können die Taufe Jesu nicht recht einordnen. Warum die Taufe durch den Täufer Johannes? Einige Forscher nehmen an, dass Jesus zunächst ein Jünger des Täufers gewesen ist. Ich möchte hier nicht in die wissenschaftliche Diskussion einsteigen. Die Befürworter bringen ihre Argumente vor, die Gegenposition hat natürlich auch ihre Erklärung. Joachim Gnilka versucht in seinem Buch "Jesus von Nazaret. Botschaft und Geschichte" einen Mittelweg. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Jesus die Täuferbewegung akzeptierte, sich ihr anschloss, indem er sich von Johannes taufen ließ, aber nicht sein Jünger wurde (8. 85). Die Befürworter der Meinung, dass Jesus zunächst ein Johannesjünger war, müssen erklären, warum sich Jesus vom Täufer getrennt hat. Die Ablehner dieser Meinung müssen erklären, warum Jesus sich der Taufe des Johannes unterzogen hat. Warum geht Jesus eigens zu Johannes an den Jordan und dann wieder zurück nach Galiläa, wenn er diesen Johannes nur als "vorläufig" ansieht? Hat er sich vielleicht doch zunächst mehr von Johannes erwartet?

Zu dieser Diskussion möchte ich folgendes sagen: Es ist oft für bestimmte Christen schwer zu akzeptieren, dass Jesus eine Entwicklung in seiner Religiosität mitgemacht hat. Sie lehnen es strikt ab, da bei Jesus dies nun einmal nicht möglich sein könne, er sei ja Gottes Sohn. Dabei übersehen sie die Wahrheit unseres Glaubens von der Inkarnation. Jesus Christus -und dies ist mir ein ganz wichtiges Faktum unseres Glaubens - ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Jesus ist wirklich Gott. Wir bekennen im so genannten Großen Glaubensbekenntnis: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott ( diese Wahrheit bezeugen die Väter auf dem Konzil von Nizäa im Jahre 325). Aber er ist auch wirklich Mensch. Die Väter auf dem Konzil von Chalcedon im Jahre 451 bezeugen: unvermischt und unverwandelt, ungeteilt und ungetrennt Und das Geheimnis der Menschwerdung wird oft "zugunsten" der Gottheit Jesu Christi vernachlässigt. Zugegeben: es ist schwer. beides miteinander zu denken. aber wir sollten uns von unserem Glaubensbekenntnis dazu auffordern lassen! Als wahrer Mensch hat Jesus wie alle Menschen eine Entwicklung durchgegangen. Jesus ist nicht losgelöst von der alttestamentlichen Prophetentradition zu denken.

Jesus ist selbstverständlich nicht losgelöst zu denken vom Judentum. Aber er hat nicht stur das Gesetz des Mose verkündet und gelebt, sondern er hat den Geist des Gesetzes den Menschen nahe gebracht. Natürlich hat er etwas Neues gebracht, aber nicht völlig losgelöst vom Alten. Das Neue war seine unmittelbare Beziehung zu Gott als dem Vater, das Neue war seine Vision von der Sammlung des Gottesvolkes mit ihm als den Guten Hirten und das Neue war sein unausrottbarer Glaube an die Liebe. Unser Glaube sagt uns, dass dieses menschliche Suchen und die Entwicklung Jesu nie in die Irre gehen konnten, weil eben in diesem Mann aus Nazareth der Sohn Gottes selbst Menschennatur angenommen hat.

Jesus schließt sich dem Täufer (wenn auch offen bleibt, in welcher Intensität) an, da er - wie die Evangelien bezeugen - diesen Weg der Umkehr als Weg zum Himmelreich aufzeigen will. Von daher erklärt sich auch die Tatsache, dass Jesus sich hat von Johannes taufen lassen und dass die Evangelien täuferfreundlich berichten.

Die Taufe ist ja eine wunderbare Symbolhandlung, gerade das Ganzkörperuntertauchen in einem Fluss. Gerade das fließende Wasser eines Baches oder Flusses ist ja wesentlich. Der Mensch wird untergetaucht. Er wird reingewaschen. Und der Schmutz wird weggeschwemmt. Weit weg, bis hinein ins Meer, bis man nichts mehr vom schmutzigen Wasser sieht. Gerade dies ist die Symbolträchtigkeit der Taufe. Und deshalb soll fließendes Wasser bei der Taufe verwendet werden. Es soll zum Ausdruck kommen, dass die Sünden weit weg geschwemmt werden. Johannes tauft im Jordan und nicht in einem Wasserloch. Eine Taufe in einem Becken mit stehendem Wasser entbehrt voll und ganz der beabsichtigtet Symbolik. Wenn man auftaucht, steht man immer noch im "Dreckwasser". Das Wasser soll doch den Dreck wegspülen und wegtragen! Der Mensch soll es an sich geschehen lassen. Er selbst kann und muss dazu seine Bereitschaft mitbringen. Der Handelnde ist er nicht. Deshalb ist auch die Rolle des Taufenden nicht zu unterschätzen. Der Täufling kann sich nicht selbst das Heil schenken, indem er sich selbst untertaucht. Er bedarf eines Taufenden, eines Täufers. Er muss sich das Heil und die Sündenvergebung schenken lassen. Das besagt der Taufende: Gott schenkt das Heil! Deshalb hat Jesus die Symbolhandlung der Taufe geschätzt und auch selbst praktiziert. Und deshalb haben auch die Christen nach Ostern in der Taufe den besten Ritus gesehen, den Beginn des Christsein und das Geheimnis der Sündenvergebung auszudrücken. Natürlich kommt noch hinzu, dass das Untertauchen ein Begrabenwerden symbolisiert und das Auftauchen ein Auferstehen. Gerade die christliche Taufe - so sagt uns die theologische Wissenschaft - geht eindeutig auf die Johannestaufe zurück.

Es ist oft rührend, wenn man beobachtet, wie sich Prediger und Theologen winden, wenn sie erklären müssen, warum sich hat Jesus taufen lassen, er, der Sündenlose. Wenn man die Tatsache der Taufe Jesu durch Johannes nicht so einseitig theologisch überfrachten würde, käme man wohl der Absicht Jesu näher: Jesus hat sich nicht unbedingt selbst als Sünder sehen müssen, wenn er einen Weg als den grundsätzlich richtigen vor Gott für seine Volksgenossen aufzeigen will. Eine geeignete Lösung dieser Frage scheint mir zu sein, wenn man annimmt, dass sich Jesus zu diesem Zeitpunkt eben mit der Botschaft des Täufers identifizieren konnte und deshalb - in welcher Intensität auch immer - in der Täufergemeinde leben wollte. Dafür spricht auch der Vergleich der Botschaft des Johannes mit der Botschaft Jesu. Sie gleichen sich eben bis aufs Wort: "Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe!" Dies ist die matthäische Zusammenfassung der Botschaft des Johannes (Mt 3, 2) und auch der Botschaft Jesu (Mt 4, 17). Was genau die Gründe gewesen sind, warum Jesus sich beim Täufer doch nicht richtig aufgehoben wusste, ist sehr schwer zu eruieren. Sicherlich kann man festhalten: Bei Jesus hat sich eine andere Sicht des Weges ins Himmelreich Bahn gebrochen. Die Grundbotschaft war die gleiche, aber wie der Weg ins Himmelreich verläuft, da scheinen sich Jesus und Johannes dann doch auseinander entwickelt zu haben. Soweit es für uns noch nachvollziehbar ist, dürfte der größte Unterschied darin bestanden haben, dass auf der einen Seite Johannes auf das kommende Gericht hingewiesen hat und auf einen, der dieses Gericht vollzieht (ob er dabei an Jahwe selbst oder an einen von Jahwe gesandten Richter gedacht hat, ist nicht ganz sicher; wahrscheinlich war es ihm selber noch unklar), dass aber auf der anderen Seite Jesus fest davon überzeugt war, seinen Zuhörern in der Einstellung zu seiner eigenen Person die Annahme oder Ablehnung des Himmelreiches anheim zu stellen.

Die Gefangennahme des Johannes scheint der Anlass gewesen zu sein, dass Jesus sich "selbständig" gemacht hat. Dies erfahren wir aus den Evangelien (Mt 4, 12; Mk 1,14). Auch Lk 4,14 und Joh 1,43 wissen um die Rückkehr Jesu nach Galiläa, wenngleich sie sie nicht in Verbindung mit der Inhaftierung des Täufers bringen. Es beginnt nun sein öffentliches Wirken. Dieses stellen die Schreiber der Frohbotschaft verständlicherweise in den Mittelpunkt. Ferner sind die Evangelien bemüht, den Täufer gegenüber Jesus deutlich abzusetzen und ihn als den "Vorläufer Jesu" aufzuzeigen. Die Johannesjünger waren darüber wohl nicht sonderlich begeistert, aber die Jesusjünger konnten nicht anders: Für sie ist Jesus der Messias! So geht es den Tradenten darum, die Jesusbewegung überdeutlich von der Täuferbewegung abzugrenzen, damit die Bedeutung Jesu herausgestellt wird. Es ist ja auch ganz normal: wenn ich von Jesus begeistert und vom Glauben an den Auferstandenen erfüllt bin, ist er der, der schlechthin der Retter der Welt ist. Wir müssen von Ostern her denken. Der auferstandene Christus ist die Mitte des Glaubens der Jesusjünger. Von Ostern her steht das Leben Jesu in einem anderen Licht da. Jesu Leben und Tod erlebt eine Sichtwende vom Osterglauben her. Die Evangelien sind nachösterliches Künden vom vorösterlichen Wirken Jesu. Wen wundert es, dass die Auferstehung Jesu Christi alles andere in den Schatten stellt bzw. dass der Osterglaube alles überstrahlt? Der Auferstandene ist der Messias! Durch die Auferweckung Jesu Christi hat Gott ihn als seinen Messias bestätigt. Und dies spiegelt sich wider in den Schriften der Evangelien und im ganzen Neuen Testament.

02. 09. 2001
22. Sonntag im Jahreskreis
Der Mensch soll Gott verherrlichen

Das Evangelium nach Lukas (Lk 14, 1, 7 - 14)

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1 Als Jesus an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen kam, beobachtete man ihn genau. 7 Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, nahm er das zum Anlass, ihnen eine Lehre zu erteilen. Er sagte zu ihnen: 8 Wenn du zu einer Hochzeit eingeladen bist, such dir nicht den Ehrenplatz aus. Denn es könnte ein anderer eingeladen sein, der vornehmer ist als du, 9 und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen. 10 Wenn du also eingeladen bist, setz dich lieber, wenn du hinkommst, auf den untersten Platz; dann wird der Gastgeber zu dir kommen und sagen: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen. 11 Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. Dann sagte er zu dem Gastgeber: Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, so lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich ein, und damit ist dir wieder alles vergolten. 13 Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein. 14 Du wirst selig sein, denn sie können es dir nicht vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.

"Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr!" - Wir kennen alle dieses Wort, wenngleich es sicherlich eine ironische Bemerkung ist. Denn der Volksmund kennt beileibe andere Worte zum Thema Bescheidenheit. Und trotzdem - wenn wir ehrlich zu uns sind: oft handeln wir danach. Dieses nicht gerade schöne Sprichwort beinhaltet doch die Erkenntnis, dass ein Mensch, der sich in Bescheidenheit übt, im Sinne dieser Welt keine Karriere machen kann. In dieser unserer Welt zählt das Durchsetzungsvermögen, das Selbstbewusstsein, die Ellenbogenmentalität. Zumindest sagt man es sich so lange vor, bis man es selber glaubt!

BESCHEIDENHEIT IST EINE ZIER

Insgeheim freut sich der Mensch aber doch über die Bescheidenheit. Bei den anderen allerdings! Oft hört man Menschen über andere sagen: "Der ist so sympathisch, weil er so bescheiden ist"; "Er macht nichts aus sich"; "Er lässt sich seine Position nicht heraushängen"; "Er benutzt seine Stellung nicht zum eigenen Vorteil". Frage: Steckt nicht doch mal wieder der Egoismus dahinter, dass Bescheidenheit bei anderen deshalb so beliebt ist, weil sie mir nutzt? Aber ich selbst? Lieber nicht!

BESCHEIDENHEIT UND DEMUT

In der Ersten Lesung zum 22. Sonntag im Jahreskreis, die aus dem Buch Jesus Sirach genommen ist, wird uns folgender Rat gegeben: "Mein Sohn, bei all deinem Tun bleibe bescheiden, und du wirst mehr geliebt werden als einer, der Gaben verteilt. Je größer du bist, um so mehr bescheide dich, dann wirst du Gnade finden bei Gott. Denn groß ist die Macht Gottes, und von den Demütigen wird er verherrlicht." -

Jesus Sirach gibt zunächst einen Rat für den zwischenmenschlichen Bereich. Wer bei den Mitmenschen geachtet werden will, soll nicht angeberisch und hochnäsig daherkommen, sondern gerade mit allen dadurch gut auskommen, dass er nichts aus sich macht, sondern auf den anderen eingeht. Aber Jesus Sirach sieht auch im Umgang mit Gott die Bescheidenheit als beste Helferin. Was haben wir Menschen denn vor Gott letztlich vorzuweisen? Und je höher gestellt der einzelne sein mag um so mehr trägt er Verantwortung und ist um so mehr auf Gottes Gnade angewiesen. Doch Jesus Sirach ist fest davon überzeugt, dass Gott dem Bescheidenen seine Gnade nicht verwehren wird. Doch Gottes Gnade können wir uns nicht erschwindeln. Gott können wir nichts vormachen. Vor den Menschen mag es uns gelingen, dass sie es uns nicht anmerken, wenn wir Bescheidenheit vorheucheln, vor Gott brauchen wir es gar nicht erst zu probieren. Er kennt unsere Herzen.

In unserem Text wechselt auf einmal der Begriff "Bescheidenheit" in "Demut": "Je größer du bist, um so mehr bescheide dich, dann wirst du Gnade finden bei Gott. Denn groß ist die Macht Gottes, und von den Demütigen wird er verherrlicht." Bescheidenheit und Demut ergänzen sich, sind aber nicht unbedingt beliebig austauschbare Begriffe. Meiner Meinung nach sind sie zwei Seiten einer Medaille. "Bescheidenheit" steht für "sich mit wenig zufrieden geben; nicht alles haben müssen; sich nicht überheben" und "Demut" für "eine edle Gesinnung anderen gegenüber haben; sich abhängig wissen von jemandem (im religiösen Sinn: von Gott); dankbar akzeptieren, dass man von anderen lebt (und insbesondere von Gottes Güte)". Den wahrhaft Bescheidenen erhöht Gott. Und der Demütige verherrlicht ihn. Warum? Weil er durch seine bescheidene Haltung deutlich macht, dass der Mensch allein Gott alles verdankt.

ÜBERMUT TUT SELTEN GUT!

Der Volksmund formuliert: "Übermut tut selten gut!" Jesus Sirach fasst es in diese Worte: "Für die Wunde des Übermütigen gibt es keine Heilung, denn ein giftiges Kraut hat in ihm seine Wurzeln. Ein weises Herz versteht die Sinnsprüche der Weisen, ein Ohr, das auf die Weisheit hört, macht Freude."

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Jesus Sirach stellt ganz selbstverständlich den Übermütigen dem Weisen gegenüber. Demzufolge ist also der Übermütige nicht weise und der Weise auf keinen Fall übermütig. Im Übermut handelt der Mensch nicht überlegt und besonnen. Er ist zu sehr emotionsgesteuert. Dies kann auf Dauer nicht gut gehen. Der Mensch hat von Gott die Vernunft bekommen. So sollte er vernünftig handeln. Übermut ist ein giftiges Kraut. Wir sollten diesem Kraut keinen Nährboden geben!

RATSCHLAG ZUR BESCHEIDENHEIT FÜR DIE GÄSTE

Jesus sagt im Evangelium nach Lukas: "Wenn du zu einer Hochzeit eingeladen bist, such dir nicht den Ehrenplatz aus. Denn es könnte ein anderer eingeladen sein, der vornehmer ist als du, und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen. Wenn du also eingeladen bist, setz dich lieber, wenn du hinkommst, auf den untersten Platz; dann wird der Gastgeber zu dir kommen und sagen: Mein Freund, rück weiter hinauf! Dies wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen."

Der Rat Jesu kann missverstanden werden. Auf den ersten Blick hört sich der Ausspruch Jesu so an, als ob man berechnend vorgehen sollte bei aller Bescheidenheit, oder sagen wir besser: bei aller gespielten Bescheidenheit. Jesus geht es aber nicht um gespielte Bescheidenheit, um geheuchelte Demut. Das Verhalten, das er hier schildert und anrät, erwächst aus einer tiefen Erfahrung: Bescheidenheit ist immer geboten, dann erfreut man sich der "Erhöhung". Und wenn man nicht für den Ehrenplatz bestimmt ist, blamiert man sich wenigstens nicht, weil man ja sowieso am letzten Platz sitzt. Es geht Jesus ganz bestimmt nicht um eine berechnende, gespielte Bescheidenheit, sondern um eine, die aus tiefstem Herzen kommt, die aber auf menschlicher Erfahrung beruht. Man kann Bescheidenheit auch lernen und einüben, was nichts mit gespielter Bescheidenheit zu tun haben muss.

RATSCHLAG ZUR BESCHEIDENHEIT FÜR DEN GASTGEBER

Dann sagte er zu dem Gastgeber: Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, so lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich ein, und damit ist dir wieder alles vergolten. Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein. Du wirst selig sein, denn sie können es dir nicht vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten."

Was Jesus bei Einladungen anspricht, stimmt natürlich. Aber ebenso ist es doch bei fast allen anderen Dingen auch. Vielleicht nervt es Sie auch, lieber Leser, dass man immer so genau auf das schauen muss, was man geschenkt bekommt, damit man ungefähr den selben Wert bei nächster Gelegenheit zurückschenkt. Ein ewiges Geben und Nehmen ist es bei den Menschen und jeder schaut genau hin, ob auch das Seine entsprechend abgegolten ist. Das lässt sich wohl nicht ändern solange die Welt besteht. Es ist für sich betrachtet ja auch nicht schlecht. Warum soll man unter Verwandten, Freunden, Kollegen und Nachbarn sich nicht einladen. Es wird aber dann problematisch, wenn man nur noch darauf schaut, dass ja alles ungefähr den gleichen Wert hat, oder wenn man nicht mehr bereit ist, auch einmal jemanden zu beschenken oder einzuladen, von dem man nichts zurückbekommen kann, weil er es einfach nicht vermag auf Grund seiner Möglichkeiten. So ein Mensch wäre grundsätzlich ausgeschlossen aus der Gesellschaft, im Abseits. Und hier sollte ein Jünger Jesu nicht mitmachen! Er soll ja gerade - wie sein Meister - die Barrieren zwischen den Menschen durchbrechen. Die Nächstenliebe soll eben nicht halt machen vor denen, die nichts haben und deshalb auch nichts wiedervergelten können. Im Geist der Bergpredigt soll der Christ gerade diese Menschen in seine Liebe einschließen.

WIR SPRECHEN MIT DEN WORTEN DER LITURGIE

Beten wir mit dem Tagesgebet, das uns am 22. Sonntag im Jahreskreis angeboten wird:
"Allmächtiger Gott, von dir kommt alles Gute.
Pflanze in unser Herz die Liebe zu deinem Namen ein.
Binde uns immer mehr an dich, damit in uns wächst, was gut und heilig ist.
Wache über uns und erhalte, was du gewirkt hast!"


11. 11. 2001
32. Sonntag im Jahreskreis
Auf Christus warten?


Lesung aus dem 2. Thessalonicherbrief (2,16 - 3,5)

2.16 Jesus Christus aber, unser Herr, und Gott, unser Vater, der uns seine Liebe zugewandt und uns in seiner Gnade ewigen Trost und sichere Hoffnung geschenkt hat, 17tröste euch und gebe euch Kraft zu jedem guten Werk und Wort. 3.1Im übrigen, Brüder, betet für uns, damit das Wort des Herrn sich ausbreitet und verherrlicht wird, ebenso wie bei euch. 2Betet auch darum, dass wir vor den bösen und schlechten Menschen gerettet werden; denn nicht alle nehmen den Glauben an. 3Aber der Herr ist treu; er wird euch Kraft geben und euch vor dem Bösen bewahren. 4Wir vertrauen im Herrn auf euch, dass ihr jetzt und auch in Zukunft tut, was wir anordnen. 5Der Herr richte euer Herz darauf, dass ihr Gott liebt und unbeirrt auf Christus wartet.

GOTT HAT UNS SEINE LIEBE ZUGEWANDT

Jesus Christus aber, unser Herr, und Gott, unser Vater, der uns seine Liebe zugewandt und uns in seiner Gnade ewigen Trost und sichere Hoffnung geschenkt hat, tröste euch und gebe euch Kraft zu jedem guten Werk und Wort.

Für mich ist dieser Vers einer der schönsten im Neuen Testament, ja in der gesamten Bibel: Gott hat uns seine Liebe zugewandt in Jesus Christus!

Gerade auch in der gegenwärtigen Weltsituation zweifeln viele Menschen an dieser Aussage. Wo ist sie denn sichtbar, diese liebevolle Zuwendung Gottes? So fragen sie. Auch kennen wir die Frage: Kann man nach Auschwitz noch an einen guten Gott glauben? Der 11. September steckt uns allen noch in den Knochen. Außerdem hören wir ständig von allen möglichen Katastrophen. Und diese Frage nach dem großen Warum ist sehr ernst zu nehmen. Es ist ja die große Frage der Theodizee, der stärkste Einwand gegen Gott zu allen Zeiten: Wenn Gott die Welt und die Menschen auf ihr liebt, warum dann das Leid? Es gibt keine Antwort auf diese Frage in den Begrifflichkeiten und Denkschemata dieser Welt, es gibt aber eine Antwort im Glauben: Die Antwort Gottes auf das Leid ist sein Sohn am Kreuz!

Paulus schreibt in einem anderen Brief, im 2. Brief an die Gemeinde in Korinth: Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

Einer - leider weiß ich nicht, wer es war - hat einmal gesagt: "Gott ist nicht gekommen, um das Leid zu erklären, sondern um es mit seiner Gegenwart zu erfüllen." Die Theologie des Kreuzes versucht herauszufinden, was es mit dem Kreuz auf sich hat. Warum hat Gott seinen Sohn hängen lassen? Warum lässt Gott heutzutage die Menschen leiden? Warum schaut er all dem Leid auf dieser Welt zu?

Gott gibt eine Antwort auf das Leid. Keine Antwort allerdings für den Verstand, keine Antwort allerdings, die für jeden einsichtig wäre. Es ist eine Antwort für den Glaubenden: Egal was passiert, egal was die menschliche Freiheit und die Boshaftigkeit des Menschen noch hervorbringen mag, egal was Naturgewalten noch anrichten werden, Gott ist bei seiner Schöpfung (und in der Menschwerdung seines Sohnes zeigt er es uns: er teilt das Los des Menschen in dieser seiner Schöpfung), er geht mit ihr solidarisch und reißt sie heraus aus dem Leid und aus der Gewalt des Todes: Christus Jesus ist am Kreuz gestorben und er ist wirklich auferstanden von den Toten! Dies ist die Antwort Gottes auf das Leid! Nur dem Glaubenden allerdings ist diese Antwort zugänglich. Wir werden - wie immer auf dieser Erde, wenn es ums Wesentliche geht - auf den Glauben verwiesen. Ein Mensch kann zwar den Glauben verweigern in seiner Freiheit wie er auch das Böse anrichten kann mit dieser seiner Freiheit, aber was bleibt dann so einem Menschen noch übrig? Muss er nicht an der Welt und am Leid letztlich verzweifeln wie Albert Camus?

Die Sehnsucht nach Trost ist groß bei den Menschen, wenn sie sich ihrer Lage bewusst werden. Wer vermag zu trösten? Ich meine, nur der Glaube!

DIE AUSBREITUNG DES WORTES GOTTES

Im übrigen, Brüder, betet für uns, damit das Wort des Herrn sich ausbreitet und verherrlicht wird, ebenso wie bei euch. Dass Gottes Wort sich ausbreite, ist und bleibt das wichtigste Anliegen der Christenheit. Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch! Dies wird oft gerade in unserer Zeit und in unserem Lande übersehen. "Jeder soll nach seiner Fasson selig werden" ist das Motto vieler unserer Zeitgenossen. Doch oft wird dieser Satz von Menschen in diesem Sinn in den Mund genommen: Es ist mir total egal, was der Einzelne glaubt und tut. Und dieses gott- und menschenverachtende Desinteresse verkaufen sie im Namen der Toleranz und der menschlichen Freiheit. Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich bin ich für Gewissensfreiheit und menschliche Entscheidungsfreiheit. Aber damit sich ein Mensch vor seinem Gewissen entscheiden kann, braucht er eine Gewissensbildung. Und woher soll er diese bekommen, wenn nicht durch verantwortete Information. "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!" - dies gilt auch heute noch: wenn ich nichts über eine Person oder eine Sache weiß, berührt sie mich auch nicht. Ich muss doch informiert sein, um mich entscheiden zu können. Es gilt, Menschen in die Entscheidung zu rufen! Und wir Christen bieten der Welt eine Botschaft an, die zum Lebensgewinn beiträgt. Wie sich der andere, der Hörer der Botschaft, dann entscheidet, obliegt selbstverständlich seiner persönlichen Entscheidung, die wir zu respektieren haben.

DIE BITTE UM ERRETTUNG

Betet auch darum, dass wir vor den bösen und schlechten Menschen gerettet werden; denn nicht alle nehmen den Glauben an. Paulus ist sich bewusst, dass die Menschen sich gegenseitig vernichten können, wenn sie von bösen und schlechten Gedanken besetzt sind. Er kommt zu der Folgerung, dass es die Menschen sind, die den Glauben nicht annehmen wollen. Ihm geht es aber bestimmt nicht darum, alle Menschen, die sich nicht entschließen können, Christen zu werden, abzuwerten und zu potentiellen bösen und schlechten Menschen abzustempeln, es geht ihm vielmehr in der damaligen ganz konkreten Situation darum zu sagen, dass es eben die sind, die den Glauben nicht angenommen haben, die den Christen nachstellen und sie vernichten wollen. Und aus dieser Situation will er errettet werden, was wohl sehr leicht nachzuvollziehen ist. Er vertraut dabei auf das Gebet seiner Gemeinde.

VERTRAUEN AUF GOTT

Aber der Herr ist treu; er wird euch Kraft geben und euch vor dem Bösen bewahren. Der Herr in seiner Treue gibt den Glaubenden Kraft, ihre Situation anzunehmen. Paulus vertraut wiederum sehr darauf, dass Gott nicht enttäuscht. Gott wird vor dem Bösen bewahren! Letztlich doch! Sollte das Böse auch in den Augen dieser Welt siegen, vor Gott nie und nimmer: Gott wird dem Guten zum Siege verhelfen! Augenscheinlich hat das Böse und der Tod gesiegt, als Jesus am Kreuz gestorben ist, aber nur augenscheinlich: Jesus ist auferstanden und hat den Tod überwunden!

VERTRAUEN AUF DIE MITGLAUBENDEN

Wir vertrauen im Herrn auf euch, dass ihr jetzt und auch in Zukunft tut, was wir anordnen. Paulus vertraut auch auf seine Mitchristen. Nur Vertrauen schafft das rechte Verhältnis. Der Satz "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" ist keine Basis für ein gelungenes Miteinander. Natürlich weiß dieser Satz um die Schwäche der Menschen. Natürlich weiß auch Paulus um die Schwäche der Menschen. Trotzdem vertraut er nicht auf Kontrolle, sondern auf den Herrn: Im gemeinsamen Vertrauen auf den Herrn kann der Mensch seinen Hang zum Bösen überwinden. Im Schauen auf den Herrn kann sich der Christ aufraffen und seinen "inneren Schweinehund" überwinden. Andererseits ist auch der Herr ganz bestimmt bereit, seinen Glaubenden zu helfen und sie zum Guten anzuspornen.

DIE LIEBE ZU GOTT UND DAS WARTEN AUF CHRISTUS

Der Herr richte euer Herz darauf, dass ihr Gott liebt und unbeirrt auf Christus wartet. Die Liebe zu Gott ist das Hauptanliegen Jesu. Im Hauptgebot der Liebe formuliert er es nach den Worten des Alten Testamentes: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot." Für Jesus ist die Liebe zu Gott (und resultierend daraus die Liebe zum Mitmenschen) wohl deswegen das Wichtigste, weil nur in der Liebe zu Gott Menschen ihr Leben im rechten Licht sehen können und nur aus der Liebe zu Gott ihnen die nötige Kraft zukommt, andere Mitmenschen zu lieben. Nur wer Gott wirklich liebt (oder wenigstens lieben will), kann auch all das annehmen, was ihm widerfährt, sowohl von den so genannten Naturkräften als auch vom so genannten Schicksal und von der Boshaftigkeit der Mitmenschen. Ich denke an die vielen großen Vorbilder unseres Glaubens, die Heiligen, die in allem Leid immer noch einen tiefen Sinn gesehen haben.

Diese Liebe zu Gott im Herzen soll der Christ auf Christus warten. Wo ist er denn, dieser Jesus Christus, wenn wir auf ihn warten sollen? Natürlich ist Christus in uns, natürlich ist er bei uns, wenn wir uns in seinem Namen versammeln, natürlich ist er gegenwärtig in den Sakramenten und handelt er in ihnen an uns. Aber hier geht es Paulus um das Warten der endgültigen Erscheinung Jesu Christi und der Neugestaltung der Welt ohne Leid und Tod. Paulus war erfüllt von der Naherwartung: Jesus wird bald kommen, sehr bald und diese Welt, die im Bösen und im Leid verfangen ist, befreien! Unbeirrt sollen die an Christus Glaubenden diese neue Welt erwarten, die ihr Herr heraufführen wird. Bis es soweit ist, gilt es für die Christen die Liebe zu Gott in sich zu tragen und daraus zu leben, zu ihrem eigenen Heil und zum Heil der ganzen Welt.

Freilich sind seit diesem Brief 2000 Jahre vergangen und Christus ist immer noch nicht gekommen. Aber ob nun Naherwartung oder Fernerwartung, ob nun Christus nach 50 oder nach 5000 Jahren wiederkommt, es geht darum, "unbeirrt" auf Christus zu warten und in der Zeit unseres einmaligen Lebens auf dieser Welt der Liebe Raum zu geben, der Liebe zu Gott und der Liebe zum Mitmenschen, damit Gottes Wort sich immer mehr - auch und gerade durch uns - ausbreite.




06. 01. 2002
Epiphanie
Ein Stern geht auf in Jakob!

Aus dem Evangelium nach Matthäus (Mt 2, 1 - 12)

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1 Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Bethlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem 2 und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. 3 Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem. 4 Er ließ alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes zusammenkommen und erkundigte sich bei ihnen, wo der Messias geboren werden solle. 5 Sie antworteten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht es bei dem Propheten: 6 Du, Bethlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel. 7 Danach rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich und ließ sich von ihnen genau sagen, wann der Stern erschienen war. 8 Dann schickte er sie nach Bethlehem und sagte: Geht und forscht sorgfältig nach, wo das Kind ist; und wenn ihr es gefunden habt, berichtet mir, damit auch ich hingehe und ihm huldige. 9 Nach diesen Worten des Königs machten sie sich auf den Weg. Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen. 10 Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt. 11 Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar. 12 Weil ihnen aber im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land.

DIE WEISSAGUNG DES SEHERS BILEAM

Im Alten Testament lesen wir im Buch Numeri (22,1 - 24,25) vom Seher Bileam. Dort wird folgende Begebenheit erzählt: Balak war König von Moab. Die Israeliten, die aus Ägypten ausgezogen waren, rückten gegen ihn heran. Er bekam große Angst und holte den Seher Bileam, damit er für ihn das Volk Israel verfluche. Aber Bileam war es von Gott verwehrt, das Volk Israel zu verfluchen, er musste es segnen. Dreimal (= Zahl der Fülle) hat er die Israeliten gesegnet. Wütend über den Segen schickte Balak Bileam wieder nach Hause. Aber Bileam prophezeite Balak dennoch die Zukunft des Volkes Israel und sprach: "Ich sehe ihn, aber nicht jetzt, ich erblicke ihn, aber nicht in der Nähe: Ein Stern geht auf in Jakob, ein Zepter erhebt sich in Israel. Er zerschlägt Moab die Schläfen und allen Söhnen Sets die Schädel." Vermutlich gilt diese Prophezeiung dem König David, der ja die Moabiter besiegt hat (siehe 2 Sam 8,2).

Unmittelbar ergeht diese Weissagung wohl über den König David. Die Christen haben aber gerne - sozusagen im übertragenen Sinn - diese Weissagungen auf Jesus Christus bezogen.

WER HABEN SEINEN STERN AUFGEHEN SEHEN!

In der uns vorliegenden Erzählung von den Sterndeutern aus dem Osten spielt der Stern eine entscheidende Rolle. Er wird von den Sterndeutern entdeckt, sie machen sich seinetwegen auf den Weg, sie werden von ihm geführt.

Der Evangelist Matthäus scheint hier die Vision des Bileam mit der des Propheten Jesaja zu verbinden. Der Prophet Jesaja sieht vor seinem geistigen Auge, dass sich alle Völker (die Heiden also) auf den Weg machen und zum Berg Zion wallen: "Das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, in einer Vision über Juda und Jerusalem gehört hat: Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Völker. Viele Nationen machen sich auf den Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion kommt die Weisung des Herrn, aus Jerusalem sein Wort. Er spricht Recht im Streit der Völker, er weist viele Nationen zurecht. Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg." - So kommen also die Sterndeuter nach Jerusalem und erfüllen sozusagen stellvertretend für alle Heidenvölker die "Sternwallfahrt" zum Berge Zion. Sie werden aber weiterverwiesen nach Bethlehem, weil der neugeborene König der Juden ja aus dem Stamm David stammen muss, um einerseits die Tradition des Hauses David fortzusetzen und doch andererseits - sozusagen von der Wurzel her - ein neues, ganz anderes Königtum zu begründen.

DER KÖNIG HERODES UND DER NEUGEBORENE KÖNIG DER JUDEN

Der König Herodes begreift natürlich nichts! Er hat nur Angst. Angst, die ihn blind macht. Er meint, der neugeborene Jesus möchte ihm sein irdisches Königtum streitig machen. So ist er nur machtbesessen und machtversessen. Er hat nur den Erhalt seiner Macht im Sinn und kreist nur um sich selbst, deshalb findet er nie und nimmer zum Kind, das ihn aus der Macht des Bösen befreien will. Hier ist schon grundgelegt, was sich im Laufe des Wirkens Jesu immer deutlicher zeigen wird: Jesus wird nicht verstanden in seinem Messiassein, er soll in die Rolle eines politischen Messias gedrängt werden, was ihm dann ja auch - menschlich gesehen - zum Verhängnis wird.

SICH AUF DEN WEG MACHEN

Die Sterndeuter übernehmen die Weisung des Herodes, nach Bethlehem zu gehen. Sie vertrauen ihm, weil er sich auf die Heilige Schrift beruft und sie der Schrift Glauben schenken. Sie sind die Männer, die sich wegen des Sterns auf den Weg gemacht haben, sie wissen um die Auserwählung des Volkes Israel und um die Bedeutung der Heiligen Schrift dieses Volkes. Hier wird uns deutlich vor Augen geführt, wie Gott sich den Weg mit den Menschen vorstellt: Gott erwählt ein einziges Volk aus allen Völkern. Aber nicht deshalb, weil er nur dieses eine lieb hätte, sondern um den anderen Völkern einen Mittelpunkt zu geben. Israel soll das erste Volk sein, aber nicht das einzige. Im Gegenteil: Alle Völker sollen sich auf den Weg machen ins Gelobte Land, so wie sich Israel ins Gelobte Land auf den Weg gemacht hat von Ägypten her. Hier spüren wir schon etwas von der Universalität des Heils. Im Ersten Testament - so die Vision des Propheten Jesaja, auf die wir oben Bezug genommen haben - soll der Berg Zion Wallfahrtsziel werden für alle Völker, das heißt übertragen: Jahwe soll der Mittelpunkt aller Völker auf dem Erdenrund werden. Der Glaube an den wahren Gott soll alle Menschen verbinden. Im Zweiten Testament soll der Glaube an den wahren Gott, den Jesus Christus im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert, Ziel der Völker sein. Hier liegt zugrunde, was am Ende des Matthäusevangeliums dann in Worte gefasst ist: "Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern!"

DER LOHN DER SUCHE

"Wer sucht, der findet" wird Jesus in der Bergpredigt des Matthäusevangeliums (Mt 7,8) sagen. Hier ist bereits vorweg der Beweis gegeben: die Sterndeuter finden das gesuchte Kind! Sie finden ihren wahren Herrn! Sie huldigen ihm und kehren wieder nach Hause zurück. Noch ist es nicht soweit, noch bleiben sie nicht beim Kind, noch ist die Verheißung nicht am Ziel! Oder doch? In ihrem Herzen tragen sie das Wissen um dieses Kind. Sie haben ihren Retter gefunden und erfahren. Alttestamentlich formuliert könnte man sagen: Der Berg Zion ist ihr Mittelpunkt, auch wenn sie weit weg wohnen. Auch die Juden in aller Welt, egal wo sie sich aufhalten, haben den Berg Zion im Herzen. Neutestamentlich könnte man festhalten: Jesus Christus ist in ihren Herzen. Die Tradition, dass die Sterndeuter als Heilige verehrt werden, macht es ja überdeutlich: Sie haben teil am Heil, das Jesus der Welt gebracht hat. Sie sind im Herzen sozusagen Christen.

DIE HULDIGUNG DER STERNDEUTER

Die Sterndeuter huldigen dem Kinde. Ganz schlicht und kurz wird es geschildert. Sie bringen drei bedeutende Gaben: Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Das Gold steht - so gibt es eine alte Deutung, die auf Origenes zurückgeht - für den König, Weihrauch für den Gott und Myrrhe für das Leiden. Wegen der drei Geschenke ist dann auch die Ansicht entstanden, es wären drei Sterndeuter gewesen. Und weil diese Huldigung (Proskynese heißt es, d. i. das Niederfallen auf die Knie und das Berühren des Bodens mit der Nase) an den Psalm 72 erinnert, hat man dann - so vermutet man - die Sterndeuter zu Königen gemacht. So entstand der Begriff der "Heiligen Drei Könige". In diesem Psalm heißt es nämlich bei Vers 10 und 11: "Die Könige von Tarschisch und von den Inseln bringen Geschenke, die Könige von Saba und Seba kommen mit Gaben. Alle Könige müssen ihm huldigen, alle Völker ihm dienen."

STERNSTUNDEN

Die Sterndeuter haben als erste Heiden Jesus gefunden, weil sie dem Stern gefolgt sind. In der Tätigkeit ihres Berufes, in ihrem Heimatland, in ihrer alltäglichen Beschäftigung ist den Sterndeutern etwas Besonders aufgefallen. Sie hatten aber auch ein Auge für dieses Besondere und hatten auch den Mut, das Wagnis der Reise auf sich zu nehmen. Nur wer offene Augen und Ohren hat für das Besondere, nur wer im Herzen offen ist für eine Botschaft Gottes, für den ist das Besondere im Alltäglichen überhaupt erst erkennbar und beachtenswert. Vielleicht haben viele damals den Stern gesehen, aber keiner kam auf die Idee, ihn als Anruf an sich zu verstehen. Die Sterndeuter machten sich auf den Weg, weil sie im Herzen einen Anruf spürten. Es gilt, im Alltäglichen Gottes "Stern" zu erkennen und dann geht es darum, ihm auch zu folgen, auch wenn dieses Folgen risikobehaftet ist. Ohne Risiko, ohne Wagnis geht es bei Glaubensangelegenheiten nicht. Wer es aber wagt, gewinnt! Dies erzählt uns auch die Geschichte der Sterndeuter aus dem Osten.

Die Sterndeuter hatten eine "Sternstunde" in ihrem Leben erfahren dürfen. Möge Gott auch den Menschen unserer Tage solche "Sternstunden" schenken, in denen sie zu Jesus finden, der ihnen das Heil schenkt. Und möge er denen, die Jesus bereits gefunden haben, die Gnade schenken, in ihrem Herzen stets Jesus zu tragen und aus seiner Kraft zu leben. Möge Jesus stets der Mittelpunkt ihres Lebens sein!




24. März 2002
Wer ist das? - Gedanken zum Palmsonntag

In diesem Lesejahr wird das Matthäusevangelium in der Liturgie verlesen. Matthäus schreibt für Christen, die aus dem Judentum kommen. So muss uns, die wir Matthäus lesen, immer gegenwärtig sein, dass er eben Menschen, die das Judentum kennen und vom Judentum her geprägt sind, ansprechen will und ihnen schildern will, dass sich in Jesus Christus das Alte Testament erfüllt hat. Deswegen bringt er auch immer wieder Prophetenzitate, um dies deutlich zu machen. So soll uns also Matthäus und seine Interpretation der Ereignisse um die Passion Jesu in diesem Jahr Impulse geben für unser persönliches Mitfeiern der Heiligen Woche, die ja mit dem Palmsonntag eröffnet wird. Wir wollen uns auch führen lassen zu einer vertieften Feier der drei österlichen Tage, die dem Leiden, dem Sterben, dem Begräbnis und der Auferstehung unseres Herrn geweiht sind.

Im 21. Kapitel des Evangeliums nach Matthäus lesen wir die Erzählung des Einzugs Jesu nach Jerusalem:

"1Als sich Jesus mit seinen Begleitern Jerusalem näherte und nach Betfage am Ölberg kam, schickte er zwei Jünger voraus 2und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt; dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet sie los, und bringt sie zu mir! 3Und wenn euch jemand zur Rede stellt, dann sagt: Der Herr braucht sie, er läßt sie aber bald zurückbringen. 4Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: 5Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig, und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers. 6Die Jünger gingen und taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte. 7Sie brachten die Eselin und das Fohlen, legten ihre Kleider auf sie, und er setzte sich darauf. 8Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. 9Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe! 10Als er in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Aufregung, und man fragte: Wer ist das? 11Die Leute sagten: Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa."

DER MESSIAS AUF DER ESELIN

Jesus zieht in Jerusalem ein. Er inszeniert diesen Einzug. Aber er macht ihn auf alternative Art und Weise. Er kündigt ihn nicht groß an - es wirkt fast spontan, wie die Jünger und Menschen reagieren. Er reitet nicht hoch zu Ross, sondern auf einem Esel - und der ist geliehen. Er reitet nach Jerusalem ein, nicht um es in Besitz zu nehmen, sondern um dort verworfen zu werden. Er reitet nach Jerusalem ein, nicht um diese Stadt zu beherrschen, sondern um dort zu sterben. Was für ein Messias! Hier begegnen sich die konträren Messiasvorstellungen: die des damaligen Judentums und die Jesu von Nazareth. Matthäus stellt es seinen Lesern drastisch vor Augen: Jesus ist nicht der Messias wie ihn sich viele der Juden damals erhofften. Jesus ist gekommen, nicht um ein politischer Messias zu sein, sondern ein Messias, der die Menschen befreien will aus der Macht des Bösen - und dies ist doch viel wichtiger! Jesus freilich inszeniert diesen Einzug und weckt dadurch natürlich Hoffnungen auf einen politischen Messias. Warum tut es dies? Jesus will auf der einen Seite nicht der politische Messias sein. Auf der anderen Seite will er aber deutlich machen, dass er der wahre Messias ist, der Messias Gottes. Dies deutlich zu machen geht nur, wenn er gewisse Erwartungen aufgreift, sie aber umdeutet. Auch auf die Gefahr hin, dass er nicht verstanden wird.

DER MESSIAS UND DAS VOLK

Es ist schon eigenartig bestellt mit dem, was gemeinhin als "Volk" bezeichnet wird. Schauen wir auf die Szene des Einzugs nach Jerusalem: dort jubelt das Volk Jesus zu und ruft "Hosianna". Schauen wir auf die Szene der Gerichtsverhandlung vor Pontius Pilatus: auch hier das Volk; diesmal fordert es: "Ans Kreuz mit ihm!" - Immer heißt es "das Volk". Ob es immer dieselbe "Zusammensetzung" war, wird nicht ausdrücklich erwähnt, aber es ist wohl anzunehmen, dass die Mehrzahl dieses "Volkes" identisch ist, weil ja ausdrücklich von "der ganzen Stadt" die Rede ist. Insofern bewahrheitet sich leider hier - wie oft auch anderswo und zu anderen Zeiten -, dass das "Volk" sehr leicht zu beeinflussen ist, dass es sehr leicht in eine bestimmte Stimmung gebracht werden kann und massiv lenkbar ist. Vielleicht kann uns die Betrachtung der Leidensgeschichte aufrütteln und nachdenklich machen, dass wir zu gegebener Zeit wachsam sind und uns nicht zu den Mitschreiern begeben und vielleicht Dinge machen oder fordern, die uns ansonsten gar nicht in den Sinn kommen würden.

DER MESSIAS UND DAS LEIDEN

Die Liturgie des Palmsonntags mutet uns ein Wechselbad der Gefühle zu. Wir feiern den Einzug Jesu nach Jerusalem und wir hören Minuten später die Leidensgeschichte. Doch an keinem anderen Tag wird uns in der Liturgie der Zusammenhang deutlicher: Alles läuft aufs Leiden zu! - Das Leiden ist für Jesus nicht Selbstzweck. Das Leiden wird von Jesus nicht gesucht. Das Leiden wird von Jesus nicht glorifiziert (ich erinnere an die Ölbergstunden!). Aber: Das Leiden wird von Jesus angenommen, ganz bewusst angenommen, wenn es die Konsequenz seines Wirkens und seines Lebens erfordert. Er entzieht sich nicht dem Leiden, er weiß es als Wille seines Vaters im Himmel, weil er im "Ertragen" dieser letzten Konsequenz das Böse im Kern besiegen kann. Nicht indem er sich dem Leiden entzieht, rettet er die Welt aus der Macht des Bösen, sondern indem er bewusst das Leiden auf sich nimmt, das das Böse ihm zufügt, überwindet er das Böse, sprengt es sozusagen von innen her und vernichtet es. Das Leiden Jesu sagt uns, wie Gott ist: konsequent in seiner Liebe, konsequent gegen das Böse. Das Böse darf nicht siegen, das Böse muss überwunden werden durch das Gute!

DER MESSIAS UND PILATUS

Der nichtpolitische Messias wird Opfer derer, die einen politischen wollen bzw. verhindern wollen. Das Volk und etliche Bewegungen im Volk haben einen politischen Messias gewollt, der die verhassten Römer aus dem Land treiben sollte. Andere Gruppierungen wie die Partei der Hohenpriester freilich haben dies zu verhindern gesucht, weil sie damit ihre eigene Macht aufgegeben hätten. Der Hohepriester hat mit den Römern paktiert. Sonst wäre er wohl die längste Zeit Hohepriester gewesen. Übrigens: es gab immer nur einen amtierenden Hohenpriester, aber die ehemaligen Hohenpriester waren auch noch sehr einflussreich. Sie waren eine Gruppierung im Hohen Rat. Pontius Pilatus war der Statthalter des Kaisers. Aus dem historischen Befund wissen wir, dass er die Juden nicht mochte. Auch er war machtbesessen und wollte auf keinen Fall seine Position bzw. seine Karriere aufs Spiel setzen. An den Juden und auch an Jesus lag ihm nichts, aber auch gar nichts. Dass er ihn anfangs nicht hinrichten lassen wollte, darf man wohl eher dahingehend deuten, dass er die Juden ärgern wollte und ihnen nicht nachgeben wollte, weil sie gar so aufdringlich forderten. Bei Mt 27,18 heißt es: "Er (Pilatus) wusste nämlich, dass man Jesus nur aus Neid an ihn ausgeliefert hatte." Die ganze "Gerichtsverhandlung" lässt aber dennoch erahnen, dass er Jesus und die Juden nicht ernst genommen hat, sondern dass er diese Angelegenheit möglichst rasch wieder "vom Tisch" haben wollte. Da kommt ihm eine Idee: Er tut nicht lange herum mit der Schuldfrage, er weiß, dass es sich um rein religiöse Gründe handelt und schlägt vor, die alljährliche Osteramnestie ins Spiel zu bringen. Er war sich wohl sicher, dass doch das Volk nicht diesen Verbrecher Barabbas gegen Jesus eintauschen würde. Doch da hat er sich getäuscht. Das Volk war aufgewiegelt und hat sich für Barabbas entschieden.

DER MESSIAS UND SEINE ERHÖHUNG

Der Palmsonntag ist vorwiegend für uns ein Festtag. Wir begleiten Jesus auf seinem Weg in die Heilige Stadt. Zum Ausdruck bringen wir dies durch die Palmprozession. Wir tragen die Palmkätzchen in Händen und singen Jubellieder. Und das ist gut so: wir sollen ja in der Liturgie die Stationen des Lebens Jesu mitgehen, bewusst mitfeiern, dann wird auch unser Leben dadurch geprägt. Die Karwoche nimmt uns mit, die letzten entscheidenden Tage Jesu mit ihm mitzugehen. Der Gründonnerstag nimmt uns mit in den Abendmahlssaal und an den Ölberg, der Karfreitag stellt uns Jesu Tod vor Augen, der Karsamstag macht uns deutlich, dass Gott bereit ist, in der Menschwerdung seines Sohnes radikal alles Menschliche mit uns zu teilen - auch das Grab. Die Osternacht aber, die Nacht aller Nächte, reißt uns mit in den Jubel des Ostermorgens hinein und in das österliche Halleluja, weil der Tod nicht das letzte Wort Gottes an diese Welt ist, sondern das Leben, das Leben in Fülle, das uns Jesus in seiner glorreichen Auferstehung erworben hat.

WER IST DAS?

Die Frage, die das beobachtende Volk stellt beim Einzug in Jerusalem, wird auch gleich von den Jubelnden beantwortet: "Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa!" Doch dieser Prophet wird nicht akzeptiert, sondern zum Schweigen gebracht! Aber Gott steht zu seinem Propheten: Er lässt ihn nicht im "Tal des Schweigens", er führt ihn hinauf in die Verherrlichung! Jesus ist mehr als nur ein Prophet, er ist der Prophet, er ist der Sohn Gottes. In der Taufe im Jordan spricht Gott selbst dies aus: "Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe". (Mt 3,17) Was hier von Gott bei der Taufe über Jesus gesagt wird, wird bestätigt bei der Auferweckung. Die Auferstehung Jesu Christi von den Toten ist für uns der deutlichste Hinweis auf das, wer Jesus wirklich ist. An uns liegt es, die Antwort dieser Frage an uns ranzulassen und im Herzen anzunehmen. Wer die Frage "Wer ist das?" für sich so beantwortet "Jesus ist der Sohn des lebendigen Gottes" wird erfahren dürfen, dass auch sein Leben eingetaucht ist in das Geheimnis der Auferstehung, auch wenn dieses irdische Leben immer noch vom Tod bedroht ist.




26. Mai 2002
Dreifaltigkeitssonntag
Gott der Dreieine

Das Johannesevangelium ist ein sehr tiefgründiges und theologisch hoch befrachtetes Evangelium. Ihm verdanken wir wohl viele schöne und wunderbare Worte über Gott, über uns Menschen und über die Welt, aber es verlangt von uns auch eine enorme denkerische Anstrengung, all das zu begreifen, was es uns sagen will. Im dritten Kapitel lesen wir:

3 16Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. 17Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. 18Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat.

Lassen wir uns ein auf diesen Abschnitt des Johannesevangeliums und betrachten wir das Geheimnis der Dreieinigkeit Gottes in seinem Licht!

DIE LIEBE

Es ist schon etwas Sonderbares um die Liebe. Wie oft wird dieses schöne Wort im Munde geführt. Dieses Wort "Liebe" ist wohl eines der meistgebrauchten Worte. Und dennoch wird dieses große Wort von uns Menschen so strapaziert! Man hat fast den Eindruck, dass eine eindeutige Definition von Liebe sehr schwierig ist. So fragen wir uns in Anlehnung an die berühmte Frage nach der Wahrheit, die Pontius Pilatus gestellt hat: "Was ist Liebe?"

Wenn wir in einem philosophischen Wörterbuch nachschlagen, um dieser Frage nachzugehen, erfahren wir zwar etwas nüchtern und karg, aber umso aussagekräftiger: "Liebe ist die Annahme einer anderen Person um ihrer selbst willen." Wir können aber auch andersrum formulieren: Liebe ist die bedingungslose Annahme eines Menschen.

DIE LIEBE GOTTES

Gott liebt uns Menschen. Wie mir scheint, sollten wir die Definition der Liebe auch auf die Liebe Gottes anwenden. Gott nimmt uns Menschen bedingungslos an. Er nimmt uns Menschen an einfach deshalb, weil wir seine Geschöpfe sind. Er hat uns gewollt, er steht zu seiner Schöpfung, unabhängig davon, was der Mensch tut und denkt, unabhängig davon, ob der Mensch ihn wiederum achtet, annimmt und liebt. Natürlich - wenn man dieses Wort verwenden darf - ist diese Liebe auf Gegenliebe angelegt, aber nicht die Bedingung. Paulus schreibt im Römerbrief: "Christus ist schon zu der Zeit, da wir noch schwach und gottlos waren, für uns gestorben. Dabei wird nur schwerlich jemand für einen Gerechten sterben, vielleicht wird er jedoch für einen guten Menschen sein Leben wagen. Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht gemacht sind, werden wir durch ihn erst recht vor dem Gericht Gottes gerettet werden." (Röm 5, 6 - 9)

Das Hauptgebot der Liebe zu Gott und den Menschen ergibt sich wie von selbst bei so einem Gottesbild. Gott liebt die Menschen bedingungslos. Aber es ist doch ganz selbstverständlich, dass er von seinen Geschöpfen wieder geliebt werden möchte. Einseitige Liebe, Liebe also, die nicht erwidert wird, die abprallt wie an einer dicken Betonwand, kann auch nichts beim andern bewirken. Sie dringt nicht durch. Doch wahre Liebe, echte Liebe will sich dem anderen schenken ganz und gar. Deshalb heißt es ja auch: Liebe den Herrn deinen Gott aus ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deiner Kraft! Und es ist genauso selbstverständlich, dass Gott will, dass seine Geschöpfe ihre Mitgeschöpfe lieben. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, weil auch sie wie du von Gott geliebt sind!

Unser Gott liebt vollkommen! Die Liebe Gottes schenkt sich uns hin. In Jesus Christus hat Gott sich der Welt geschenkt! Im Heiligen Geist schenkt sich Gott der Welt! Wir fassen es als Christen in die Begrifflichkeiten von "Menschwerdung Gottes in Jesus Christus", "Leiden und Sterben Jesu für die Erlösung der Welt", "Auferstehung und Verherrlichung Christi als Sieg über Sünde und Tod", "Sendung des Heiligen Geistes, um die Menschen mit Gott zu verbinden", um nur einige zu nennen.

Ja, auch im Heiligen Geist schenkt sich uns Gott ganz und gar. Im Glauben an die wahre Gottheit des Heiligen Geistes bekennen wir Christen dieses Geschehen. Gott gibt den Heiligen Geist, seinen Geist. In ihm gibt sich Gott selbst und zeigt uns so seine uns annehmende Liebe. Gott schenkt uns im Heiligen Geist nicht irgendetwas von sich, sondern sich selbst ganz und gar.

DIE LIEBE GOTTES ZUM SOHN

Gott liebt seinen Sohn über alles. Es geht ja folgerichtig gar nicht anders. Wenn Gott schon seine Geschöpfe über alles liebt, dann doch genauso seinen Sohn. Gott liebt seinen Sohn. Und der Sohn liebt den Vater. In vollkommener Liebe lieben sie sich.

DIE LIEBE DER GLAUBENDEN

Gott möchte in Freiheit und ohne Zwang geliebt werden. Um Gott aber lieben zu können, muss man an ihn zuerst einmal glauben. Dies klingt vielleicht banal, aber angesichts der Situation unserer Gesellschaft und der Glaubenslosigkeit in unserer Gesellschaft ist es gar nicht mehr so banal. Glaube und Liebe werden auf einmal zusammen gesehen, ja müssen im Christentum zusammen gesehen werden. Ohne Glauben kann ich Gott nicht lieben und ohne Glauben begreife ich nicht, was Liebe eigentlich ist. Doch dem Glaubenden steht - wie das Johannesevangelium bezeugt - die Rettung offen. Die Antwort des Menschen auf das Angebot Gottes ist der Glaube. Und die Konsequenz des Glaubens ist die Liebe!

GOTT IST DIE LIEBE

Gott liebt. Dies ist eine wunderbare Aussage! Aber der christliche Glaube geht noch weiter. Der christliche Glaube formuliert in nicht mehr zu überbietender Weise: Gott ist die Liebe! Die Liebe ist nicht nur (was sie freilich auch ist) eine Eigenschaft Gottes, die Liebe ist das Wesen Gottes. Und dieses Geheimnis feiern wir am Dreifaltigkeitssonntag. Wir rufen es uns und der ganzen Welt zu: Gott ist die Liebe! Und die Liebe ist vollkommen in Gott verwirklicht. Deswegen die Rede von drei Personen in dem einen Wesen Gottes. Es gibt nur einen einzigen Gott. Wir Christen sind strenge Monotheisten. Wir verehren nicht drei Götter, wir verehren den einen wahren Gott. Ohne wenn und aber. Und dieser eine wahre Gott lebt sein Wesen, nämlich die Liebe.

Liebe kann nicht von einem allein verwirklicht werden, schon gar nicht in vollkommener Weise. Wir sprechen - weil wir es nicht anders können - in menschlichen Begriffen, aber wir fantasieren nicht, wir stützen dieses Reden auf die Offenbarung Gottes an diese seine Schöpfung. Wir glauben, dass der Schöpfer sich den Geschöpfen mitteilt. Er hat sie erschaffen, er liebt sie und deshalb nimmt er auch mit ihnen Kontakt auf. Die Offenbarung Gottes bringt uns Menschen zum Nachdenken. Wir glauben aber auch, dass Gott sich den Menschen so offenbart wie er ist. Der Vater (wir nennen ihn so, weil Jesus ihn so genannt hat) liebt den Sohn (wir nennen ihn so, weil wir Jesus Christus in ihm erkennen) und wird von ihm genauso geliebt. Zur Vollendung der Liebe aber gehört die Offenheit zweier Liebender "nach außen" bzw. die Öffnung der beiden über sich hinaus. Zwei können sich über alles lieben. Aber wenn sie die Welt um sich vergessen, kreisen sie nur um sich selbst. In Gott ist diese Offenheit gegeben im Heiligen Geist. Der Heilige Geist ist das Über-sich-Hinausgehen der Liebe zwischen Vater und Sohn in Gott.

So ist verständlich, dass es auch der Heilige Geist ist, durch den und in dem Gott sich den Menschen mitteilt. Der Heilige Geist ist die "Möglichkeit" Gottes, alle Menschen an seiner Liebe Anteil zu geben. Denn im Heiligen Geist bezieht Gott uns Menschen in seine Liebe ein. Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist! Der Heilige Geist wohnt in uns Christen, um uns zu Gottes Kindern zu machen und zu befähigen, dass auch wir Menschen zu Gott - wie Jesus es getan hat - Vater sagen dürfen!

11. August 2002
19. Sonntag im Jahreskreis
MIT JESUS DIE ÄNGSTE ÜBERWINDEN!

Im 14. Kapitel des Matthäusevangeliums wird uns folgende Begebenheit erzählt:

22 Gleich darauf forderte Jesus die Jünger auf, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken. 23 Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten. Spät am Abend war er immer noch allein auf dem Berg. 24 Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind. 25 In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen; er ging auf dem See. 26 Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst. 27 Doch Jesus begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! 28 Darauf erwiderte ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme. 29 Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu. 30 Als er aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. Er schrie: Herr, rette mich! 31 Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? 32 Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind. 33 Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn.

Der Evangelist Matthäus stellt uns heute Jesus als Betenden vor Augen. Jesus betet lange in der Einsamkeit. Gerade das Beten im Verborgenen, so die Aussage der Bergpredigt im Matthäusevangelium, ist Jesus ein Herzensanliegen, für sich selbst und für seine Jünger. In so einer Situation kann Dialog wachsen, hier kann Gott zum Herzen sprechen.

Ganz anders wird die Situation der Jünger erzählt. Sie rudern sich ab. Sie sind in großer Bedrängnis. Sie haben Angst. Mitten auf dem See werden sie von den Wellen hin und her geworfen. Sie drohen unterzugehen. Diesen Zustand der Jünger kennen wohl auch viele von uns. Die Widrigkeiten des Lebens treiben uns um, schleudern uns hin und her und lassen uns vor Angst laut aufschreien.

Und wo ist Jesus?

Er lässt die Jünger allein. Er hat sie vorausgeschickt und jetzt ist er nicht da und die Jünger sind am Verzweifeln. Auch das kennen wir. Oft meinen wir, wenn es uns dreckig geht, dass Jesus nicht da ist. Nicht, dass wir an seiner Existenz zweifeln würden, aber wir zweifeln daran, dass er an uns Interesse hat. Er ist - unserer Meinung nach - irgendwo in seiner trauten Seligkeit und hört uns nicht. Auch uns liegt es wohl öfter auf der Zunge: Wo bist du, Jesus?

Erst in der vierten Nachtwache, also gegen Ende der Nacht kommt Jesus. Sehr lange hat er die Jünger allein gelassen. Fast die ganze lange lange Nacht. Erst sehr spät hilft er ihnen. Warum wohl?

Weil er den Jüngern zeigen will, dass sie immer noch nicht verstanden haben, worum es ihm geht. Sie brauchen keine Angst zu haben, sie sollen auf Gott und auf ihn ihr Vertrauen setzen. Doch in ihrer Angst vergessen sie darauf. Sie kreisen nur noch um sich selbst und ihre schlimme Situation und besinnen sich nicht auf Jesus.

Natürlich ist ihre Situation bedrohlich, ohne Zweifel. Es geht nicht darum, die Ängste der Menschen nicht ernst zu nehmen oder herunterzuspielen. Ganz im Gegenteil: weil Jesus die Ängste der Menschen ernst nimmt, zeigt er uns in der Begegnung mit seinen Jüngern, dass er da ist und hilft. Aber dennoch bleibt die Anfrage an die Jünger und an uns, die wir an Jesus glauben: Warum habt ihr kein Vertrauen auf mich?

Dies sollten wir immer im Herzen bewahren: Auch wenn wir meinen, Jesus ist irgendwo, aber nicht bei uns, dann sollten wir das Neue Testament zur Hand nehmen und diese Begebenheit vom Sturm auf dem See betrachten: Er ist da, er weiß um uns wirklich und kommt uns zu Hilfe, wenn es an der Zeit ist! Er kommt erst in der vierten Nachtwache, reichlich spät, aber es ist genau seine Zeit.

Wie kommt Jesus?

Er geht auf dem Wasser. Er geht auf dem, was den Jünger so viel Angst bereitet. Er ist der Überwinder und Besieger der Angst. Er ist stärker als die Widrigkeiten des Lebens. Er gebietet dem Sturm und dem See, er gebietet dem Bösen und dem, was uns bedroht und ängstigt.

Haben wir Zuversicht! Jesus ist da in unserem Leben!

Petrus ist natürlich der Mutigste von den Jüngern. Zunächst. Vor Freude, dass Jesus da ist, der geliebte Meister, will er ihm entgegengehen, will wie er auf dem Wasser gehen und stehen. Auf Jesu Wort hin tut er es. Und er kann es. Im Schauen auf Jesus ist er in der Lage, das Angstmachende zu besiegen, auf ihm zu stehen und es zu begehen. Aber bald verlässt auch ihn der Mut. Er bekommt wieder Angst und geht unter!

Wir, die an Jesus glauben, erfahren auch oft solche Momente des Glücks. Wir erkennen Jesus in unserem Leben und sind überglücklich, ihn zu sehen. Mit ihm vergessen wir für kurze Zeit unsere Not. Aber was ist dann?

Petrus geht in dem Moment unter, da er wieder auf das Angstmachende schaut. Er hat Jesus vor sich und trotzdem wird ihm bange. Er vergisst für einen Augenblick sein Vertrauen, einen Augenblick lang schweift sein Blick von Jesus weg und schon geht er unter. Der Blickkontakt zu Jesus darf nie abreißen, sonst gewinnt die Angst wieder die Oberhand.

Doch auch jetzt gibt es eine Rettung. Petrus schreit nach Jesus und Jesus streckt ihm seine rettende Hand entgegen. Jesus ist voll Erbarmen und Liebe. Er reicht dem kleingläubigen Petrus die Hand, er reicht sie einem jeden Menschen. Jesus will nicht den Untergang, er will das Heil!

Freilich muss es sich Petrus und müssen wir es uns zur rechten Zeit gefallen lassen, von Jesus als kleingläubig getadelt zu werden. Aber nur eines zählt: Jesus ist da in unserem Leben und er streckt jedem von uns seine Hand zur Rettung entgegen!

Die Jünger sind wieder im Boot - mit Petrus und mit Jesus. Der Wind legt sich. Das Angstmachende ist vorüber. Aber sie sind noch nicht an Land. Es gilt, ans Ufer zu kommen. Ein Bild für unser Leben: Solange wir auf Erden sind, solange wir auf den Wassern unseres irdischen Lebens in unserem Boot sitzen und rudern, werden wir aus dem grundsätzlichen Gefahrenbereich nicht genommen. Ein erneuter Sturm kann aufkommen. Immer wieder können wir hin und her gebeutelt werden. Aber dies können wir ja vom Evangelium lernen: Jesus ist ganz bestimmt immer da, um uns zu retten!




15. Dezember 2002
3. Adventssonntag
Gott ist treu!

Im 5. Kapitel des ersten Thessalonicherbriefes schreibt der Apostel Paulus seiner Gemeinde folgende Zeilen:

16 Freut euch zu jeder Zeit! 17 Betet ohne Unterlass! 18 Dankt für alles; denn das will Gott von euch, die ihr Christus Jesus gehört. 19 Löscht den Geist nicht aus! 20 Verachtet prophetisches Reden nicht! 21 Prüft alles, und behaltet das Gute! 22 Meidet das Böse in jeder Gestalt! 23 Der Gott des Friedens heilige euch ganz und gar und bewahre euren Geist, eure Seele und euren Leib unversehrt, damit ihr ohne Tadel seid, wenn Jesus Christus, unser Herr, kommt. 24 Gott, der euch beruft, ist treu; er wird es tun.

Die markanten Sätze des Abschnittes aus dem 1. Brief an die Gemeinde von Thessalonich geben eine Gliederung praktisch schon vor:

FREUT EUCH ZU JEDER ZEIT!

Haben wir wirklich Grund zur ständigen Freude? Bietet das Leben denn nur Schönes und Glücklichmachendes? - Wohl leider nicht! Aber Paulus meint ja sicherlich nicht das Oberflächliche. Auch Christen können es ganz schön schwer haben in ihrem Leben. Auch sie werden nicht vor Schwerem verschont. Aber was Paulus meint, ist die Freude tief drin im Herzen! Die Freude über den Glauben an Jesus. Im Johannesevangelium betet Jesus in folgenden Worten zu seinem Vater: "Aber jetzt gehe ich zu dir. Doch dies rede ich noch in der Welt, damit sie meine Freude in Fülle in sich haben." (Joh 17, 13) Die Freude über Jesus, die Freude Jesu ist also gemeint, die den Christen auszeichnet. Und mit dieser Freude im Herzen kann er alles im Leben bestehen und auch überstehen. "Alles vermag ich in dem, der mir Kraft gibt!", schreibt Paulus an anderer Stelle (Phil 4, 13). "Die Freude am Herrn ist eure Stärke!", sagt schon das Alte Testament (Neh 8,10).

BETET OHNE UNTERLASS!

Wie soll denn das gehen? Man kann doch nicht ohne Unterlass beten! - Was meint wohl Paulus mit dieser Aussage? Ich kann mir nur vorstellen, dass er damit sagen will: Unser ganzes Leben soll der Intention nach Gebet sein, egal was wir tun. Gott soll immer die Mitte unseres Lebens sein, die Mitte unseres Denkens, die Mitte unseres Handelns, die Mitte unseres Herzens. Und wir sollen uns üben darin, dass wir Gott alles sagen dürfen. In unserem Herzen sollen wir versuchen, unser ganzes Leben vor Gott zu bringen. Und in unserem Denken und Sinnen sollen wir versuchen, unser ganzes Leben vor Gott zur Sprache zu bringen. Mit unseren eigenen Worten sollen wir mit Gott reden und ihm alles, was wir erleben, tun und denken, erzählen. Es geht hier nicht um Selbstgespräche, die wir fromm verbrämen, nein, es geht um das Bewusstsein, dass wir in Gottes Gegenwart leben und atmen. Deshalb formulieren wir unsere Worte und Sätze vor Gott, deshalb haben wir diese Herzenshaltung!

DANKT FÜR ALLES!

Ein Mensch, der sich von Gott gerufen und berufen weiß, ist immer auch ein dankbarer Mensch. Ein gläubiger Mensch weiß sich verdankt. Er weiß sich als Geschöpf, das einen Schöpfer hat, der ihn über alles liebt. Und dieses Verdanktsein wird ganz bestimmt zur Dankbarkeit. "Was hast du, das du nicht empfangen hättest?" wird so ein Christ mit dem heiligen Paulus ausrufen! (1 Kor 4,7)

LÖSCHT DEN GEIST NICHT AUS!

Und obwohl Paulus seinen Lesern all das, was wir vorhin betrachtet haben, schreibt, weiß er doch auch um die menschliche Schwachheit. Er weiß, dass eine christliche Gemeinde im Allgemeinen aus eigener Kraft wenig vermag oder, wenn sie wirklich Großes vermögen sollte, dann nicht in ausreichender Beständigkeit und Ausdauer. Nur die von Jesus Begeisterten können es vermögen. Der Geist Jesu Christi wird die Christusgläubigen beflügeln und im wahrsten Sinne des Wortes "begeistern". Der Geist Gottes allein vermag den Menschen im Guten zu stärken und zu stützen. Der Geist ist es, der die Gläubigen um Jesus versammelt und zu Jesus und zueinander führt. Deshalb gilt es immer und immer wieder: Lasst den Geist Gottes ständig in euch hinein, lasst euch vom Geist beseelen, lasst euch vom Geist führen! Löscht ihn um Himmels willen nicht aus!

VERACHTET PROPHETISCHES REDEN NICHT!

"Prophetisches Reden" ist wohl ein Reden im Glauben, ein Reden, das aber schon auch vom Geist Gottes inspiriert ist. Sozusagen eine "Rede", ein Zeugnis eines Mitchristen, das den Glauben bestärken will und die Zuhörer ermuntern und ermahnen will. Eine "Rede", die auch gemeindekritisch sein kann, eine "Rede", die das Leben der Gemeinde betrifft, eine Ermahnung, ein Vorschlag, ein Rat, wie der Glaube von der Gemeinde in die Tat umgesetzt werden könnte. Schon die alttestamentlichen Propheten haben ja immer versucht, den Glauben an Gott zu stärken, ihn gegebenenfalls in den Köpfen der Zuhörer zurechtzurücken und vor allem das jeweilige Handeln aus dem Glauben zu fördern. Wenn auch diejenigen, die prophetisch reden, nicht schon Propheten im strengen Sinn sind, so trifft doch auch ein wenig zu, was Propheten ausmacht. Eine "Rede", die sich vielleicht etwas zu sehr inspirieren lässt von eigenen Glaubenserfahrungen und persönlichen Vorstellungen. Aber dennoch legt uns der heilige Paulus ans Herz, dies nicht vorschnell abzutun. "Verachtet prophetisches Reden nicht!" Der Geist Gottes ist auch heute noch am Werk. Freilich brauchen diese "Redner" ein Korrektiv: diese "Redner" müssen sich messen lassen an der Heiligen Schrift, an den Propheten des Alten und Neuen Testamentes, an den Kirchenväter und Kirchenlehrern, an den Großen der Theologie (auch unserer Tage), am Lehramt der Kirche, an ihren eigenen Taten und ihrem eigenen Glaubensleben. "Prophetisches Reden" sollte sowieso mehr ein praktisches Reden über den Glauben sein, nicht so sehr ein theologischer Vortrag, denn im Allgemeinen können das die ausgebildeten Theologen besser. Wir überlassen dieses begeisterte Reden über Gott und über Glaubensdinge allzu schnell und leichtfertig den Sekten und deren "Predigern". Warum eigentlich? Auch unsere Mitglaubenden haben etwas zu sagen, haben den Menschen etwas zu geben. Es geht ja hier nicht in erster Linie um eine lange Rede am Rednerpult, hier ist wohl eher gedacht an ein Wort, das zur rechten Zeit gesagt wird, z. B. beim Pfarrer, im Pfarrgemeinderat, in den Versammlungen, am Arbeitsplatz, in der Familie, bei Freunden und Bekannten. Und die Zuhörer mögen offenen Ohres und offenen Herzens aufnehmen - und dann prüfen!

PRÜFT ALLES UND BEHALTET DAS GUTE!

Damit sind wir schon bei der nächsten Ermahnung. Die Zuhörer und überhaupt die Christen sollen alles prüfen und dann das Gute behalten. Freilich strömt auch auf die Christen alles ein, was so in dieser Welt vorhanden ist, Gutes und Böses. Wir können und sollen uns der Welt nicht entziehen, aber wir sollen prüfen, ob es dem Glauben dienlich ist!

MEIDET DAS BÖSE IN JEDER GESTALT!

Das Böse schleicht sich oft in vermeintlich guter Gestalt ein. Hier gilt es, wachsam zu sein und das Böse vom Guten zu unterscheiden. Auch die Unterscheidung der Geister ist nach dem Apostel Paulus eine zentrale Gabe des Geistes Gottes an seine Gläubigen (vgl. 1 Kor 12). Das Böse darf nicht gefördert werden. Das Böse darf auf keinen Fall geduldet werden: Meidet das Böse in jeder Gestalt! Habt keinen Umgang damit!

GOTT HEILIGE EUCH!

Gott ist der Heilige. Er allein. So beten wir im Zweiten Hochgebet der Heiligen Messe: "Ja, du bist heilig, großer Gott, du bist der Quell aller Heiligkeit!" Nur Gott kann uns aus der Macht des Bösen befreien. Und er hat es ein für allemal getan in Jesus Christus! Jesus hat uns erlöst und befreit. Und jeder wird es erfahren dürfen, dass er von Jesus erlöst und befreit ist, wenn er sich für den Glauben an Jesus entscheidet und in Jesu Nachfolge tritt!

GOTT IST TREU!

Wohl eine der schönsten Aussagen der Heiligen Schrift. Gott hält uns immer die Treue! Er liebt uns und hält an uns fest. Im Zweiten Thessalonicherbrief greift Paulus wieder diesen Gedanken auf: "Aber der Herr ist treu; er wird euch Kraft geben und euch vor dem Bösen bewahren." (2 Thess 3,3)

Im Zweiten Brief an Timotheus (2 Tim 2, 7 -13) können wir nachlesen: "Überleg dir, was ich sage. Dann wird der Herr dir in allem das rechte Verständnis geben. Denk daran, dass Jesus Christus, der Nachkomme Davids, von den Toten auferstanden ist; so lautet mein Evangelium, für das ich zu leiden habe und sogar wie ein Verbrecher gefesselt bin; aber das Wort Gottes ist nicht gefesselt. Das alles erdulde ich um der Auserwählten willen, damit auch sie das Heil in Christus Jesus und die ewige Herrlichkeit erlangen. Das Wort ist glaubwürdig: Wenn wir mit Christus gestorben sind, werden wir auch mit ihm leben; wenn wir standhaft bleiben, werden wir auch mit ihm herrschen; wenn wir ihn verleugnen, wird auch er uns verleugnen. Wenn wir untreu sind, bleibt er doch treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen.

Lasst uns also auf die Treue Gottes unser Leben bauen

Predigten P. Cornelius Heinrich Denk, Rosenheim 2. März 2003
8.Sonntag im Jahreskreis
DIE LIEBE GOTTES ZU SEINEM VOLK

Im Buch Hosea (Hos 2, 16b.17b.21-22) lesen wir:

So spricht der Herr: Ich will Israel, meine treulose Braut, in die Wüste hinausführen und sie umwerben. Sie wird mir dorthin bereitwillig folgen wie in den Tagen ihrer Jugend, wie damals, als sie aus Ägypten heraufzog. Ich traue dich mir an auf ewig; ich traue dich mir an um den Brautpreis von Gerechtigkeit und Recht, von Liebe und Erbarmen, ich traue dich mir an um den Brautpreis meiner Treue: Dann wirst du den Herrn erkennen.

ISRAEL, DIE BRAUT GOTTES

Hosea spricht im Namen Gottes. Gott denkt in diesem wunderschönen Text sozusagen zurück an die Zeit des Auszugs aus Ägypten. Damals hat das Volk Israel die kraftvolle Tat seines Gottes erfahren. Gott hat durch seinen Diener Mose das geknechtete Volk der Israeliten aus der Herrschaft des Pharaos von Ägypten befreit. Damals war die Welt noch in Ordnung für Israel und seinem Gott. - Doch jetzt! Die Braut Gottes ist treulos geworden. Sie hat "die erste Liebe" hinter sich gelassen, sie hat der Lauheit und Gewohnheit nachgegeben, sie hat sich anderen Göttern zugewandt, sie hat das Vertrauen auf Gott vernachlässigt. Oft hilft es in Krisenzeiten "zurückzugehen" an den Anfang. Im Gedenken an die Umstände des Anfanges und an die Motive damals, kann oft wieder die zerrüttete Gegenwart geheilt werden. So will Gott auch vorgehen. Er will Israel an den Anfang der "Liebesbeziehung" zurückführen, um dadurch Israel zurückzugewinnen. Die "treulose Braut" will Gott neu umwerben. Und er ist vom Erfolg seiner Bemühung überzeugt: "Sie wird mir dorthin bereitwillig folgen". Gott gibt nicht auf. Er liebt sein Volk. Er wirbt um seine Braut. Was Gott durch den Propheten Hosea damals versucht hat, das versucht er auch immer wieder neu im Laufe der Geschichte mit den Menschen. Auch heutzutage mit uns. Ist es nicht tröstlich: Auch in meiner ganz persönlichen Lebensgeschichte darf ich wissen: Gott wirbt um mich. Gott gibt mich niemals auf!

GOTT, DER UMWERBER

Gott übernimmt in diesem Bild die Rolle des umwerbenden Bräutigams. Er ist sich nicht zu gut. Er gibt nicht auf. Seine Liebe ist so groß! Hosea spricht im Namen Gottes: "Ich traue dich mir an auf ewig; ich traue dich mir an um den Brautpreis von Gerechtigkeit und Recht, von Liebe und Erbarmen, ich traue dich mir an um den Brautpreis meiner Treue." - Schauen wir uns den "Brautpreis" einmal genauer an. Er besteht aus Gerechtigkeit, Recht, Liebe, Erbarmen und Treue. All dies Genannte ist ja die Voraussetzung einer echten Beziehung. Nur in Gerechtigkeit und Recht, in Liebe, Erbarmen und Treue kann eine eheliche Beziehung bestehen und immer wieder neu geheilt werden. Und hier wird ja die eheliche Beziehung im Bild aufgegriffen.

DIE ERKENNTNIS DES HERRN

Die Erkenntnis des Herrn ist das Ziel. Israel soll es erkennen und begreifen: Gott liebt sein Volk. Israel darf sich von Gott geliebt wissen. Der Begriff "Erkenntnis des Herrn" beinhaltet alles: die "Erkenntnis des Herrn" beinhaltet vor allem den Glauben an Gott, was ja das Wichtigste ist, denn ohne Glauben kann überhaupt keine Erkenntnis Gottes, keine Beziehung zu Gott entstehen. Sie beinhaltet ferner das Bemühen, dem Gott, an den man glaubt, dem man vertraut, im Gebet und in der Lebensführung immer näher zu kommen und seinen Willen, den er in der Bibel kundtut und den wir so erkennen können, zu erfüllen. Sie beinhaltet weiter die Liebe und Treue zu diesem Gott, von dem man sich geliebt weiß und von dem man weiß, dass er treu ist. Mögen doch viele viele Menschen den Herrn erkennen, mögen sie erkennen: Auf die Treue Gottes können wir bauen!




06. Juli 2003
14. Sonntag im Jahreskreis
Jesus wundert sich über den Unglauben

Im Evangelium nach Markus wird uns im 6. Kapitel, Verse 1b bis 6 das erste öffentliche Auftreten Jesu in seiner Heimatstadt erzählt. Markus schreibt:

In jener Zeit kam Jesus in seine Heimatstadt; seine Jünger begleiteten ihn. Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, staunten und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen! Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab. Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie. Und er konnte dort kein Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie. Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Und Jesus zog durch die benachbarten Dörfer und lehrte dort.

Jesus beginnt sein öffentliches Wirken nicht in seiner Heimatstadt. Er weiß, dass er dort nicht Fuß fassen kann und dass vor allem sich dort keine Menschen finden werden, die bereit sind, mit ihm durch das Land zu ziehen und die Botschaft von der nahen Gottesherrschaft zu verkünden. "Wo der Pfennig wächst, dort zählt er nichts", sagt der Volksmund ja auch bei uns. Es ist doch bis auf den heutigen Tag so! Auch in unserer Zeit hat sich in dieser Beziehung nicht viel geändert. Und zur rechten Zeit machen wir selbst doch auch mit. Wir geben denen, die wir genau zu kennen meinen und die anders sind oder etwas Besonderes sind, doch auch kaum eine Chance. Wer anders ist als die andern wird immer als Spinner oder Außenseiter gesehen. Etwas anderes ist es, wenn jemand von außerhalb kommt, am besten von weit her, dann kann er nicht ausgefallen genug sein. Im künstlerischen und religiösen Bereich erfahren wir das doch ganz oft. Nur wenige versuchen in der Regel, unvoreingenommen diese Menschen anzunehmen. Es geht mir nicht darum, jedem und allem nach dem Mund zu reden oder alles zu rechtfertigen. Es geht mir darum, zuerst hinzuschauen und zu prüfen und nicht gleich voller Vorurteile an eine Sache oder gar an einen Menschen heranzugehen.

Doch zurück nach Nazareth: Hier tritt auf einmal der Dorfzimmermann auf! Dass es Aufsehen erregt hat und dass seine Familie und das ganze Dorf nicht begeistert waren, wenn Jesus seinen "Betrieb" aufgegeben hat, können wir uns doch lebhaft vorstellen.

Es ist interessant, dass in diesem Zusammenhang nicht von seinem Vater gesprochen wird. Josef spielt keine Rolle in dieser Erzählung. Einige nehmen an, dass Josef zu dem Zeitpunkt, da die Schilderung des Markusevangeliums einsetzt, schon gestorben war. Doch dies ist nicht zu entscheiden. Auffallend freilich ist schon, dass im Markusevangelium Josef keine Rolle spielt. Er wird mit keinem Wort erwähnt.

Weil wir gerade bei den Verwandten Jesu sind. Auch wenn es immer wieder versucht wird: Anhand der Aussagen in diesem Abschnitt des Evangeliums über die Brüder und Schwestern Jesu auf leibliche Geschwister Jesu zu schließen und damit die Jungfräulichkeit Marias anzuzweifeln, ist mit Berufung auf diese Aussagen nicht zu begründen. Mit Brüder und Schwestern können zwar natürlich auch die Geschwister im engeren Sinn verstanden werden, aber es können genauso die anderen Verwandten egal welchen Grades verstanden werden. Man kann sich nun einmal nicht auf die Bibelaussagen berufen, wenn man unbedingt für Jesus noch andere Geschwister annehmen will.

Jesus kommt mit seinen Jüngern nach Nazareth. Sie sind natürlich ein lebendiger Vorwurf für die Bürger seiner Heimatstadt. Er hat welche gefunden, die mit ihm an die herannahende Gottesherrschaft glauben und sie den Menschen verkünden wollen. Er hat welche gefunden, die ihn in seiner wahren Berufung verstanden haben. Anzunehmen, dass Jesus seinen Jüngern seinen Heimatort zeigen wollte, ist wohl etwas zu kurz gegriffen. Meiner Meinung nach wollte Jesus seinen Mitbürgern die Möglichkeit der Annahme des Gottesreiches nicht vorenthalten. Auch wenn er wenig Hoffnung hat, dass die Bewohner seiner Heimatstadt ihn und seine Botschaft annehmen, es soll ihnen die Möglichkeit dazu nicht genommen sein. Sie sollten nicht sagen können: Er hat es ja gar nicht versucht! Ist dies nicht eine wunderschöne Geste und Einstellung Jesu! Auch wenn es aussichtslos erscheint - und sich leider auch dann erweist: Jesus schenkt die Möglichkeit zum Heil und zum Eintritt in das Reich Gottes allen Menschen! Er klammert keinen aus. Und einige, so erfahren wir aus dem Text, schenken Jesus auch Glauben und werden von ihm geheilt. Wenige sind es für Jesus wert, dass er den Spießrutenlauf durch Nazareth auf sich nimmt. Welch frohe Botschaft für uns Menschen: Jesus gibt jedem eine Chance!

Jesus geht am Sabbat in die Synagoge. Es ist seine Gewohnheit. Lukas gestaltet diese Szene sehr ausführlich. Markus begnügt sich wie auch Matthäus mit der kurzen Notiz. Der Synagogengottesdienst ist für Jesus ja immer der erste und vorzügliche Ort der Verkündigung. An jedem Ort. Und da ja beim jüdischen Gottesdienst jeder Mann das Wort ergreifen konnte, konnte auch Jesus dort seine Botschaft weitersagen. Die Juden waren ja die eigentlichen Ansprechpartner Jesu. Das auserwählte Volk sollte neu gesammelt werden.

Jesus zieht weiter in die benachbarten Dörfer. Man merkt förmlich die Traurigkeit Jesu über die Bewohner seiner Heimatstadt. Markus bemerkt ausdrücklich: Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Jesus bleibt eben nichts erspart. Hier lehnen ihn die Bewohner seiner Heimatstadt ab, später die Führer des Volkes, denen es ja dann auch gelingen wird, ihn den Römern zur Kreuzigung zu übergeben. Beim Unglauben bzw. beim Glauben ist Jesus machtlos. Gott hat uns den freien Willen geschenkt. Gott respektiert diesen freien Willen des Menschen. So sehr, dass es dem Menschen freisteht, Gottes Angebot zum Heil entweder anzunehmen oder auszuschlagen. Freilich mit den jeweiligen Konsequenzen.

Beim Niederschreiben dieser Überlegungen kommt mir in diesem Zusammenhang noch der folgende Gedanke in den Sinn: Wie ist das mit dem freien Willen des Menschen und der endgültigen Entscheidung für oder gegen Gott? Dürfen wir das Verhalten Jesu zu seinen Lebzeiten hier auf Erden unter den Bedingungen dieser von Gott gewollten irdischen Situation gleichsetzen mit dem Verhalten Jesu beim Letzten Gericht? Ich bin der Meinung, dass wir zwar das Verhalten Jesu erwarten dürfen, da mir nicht einleuchtet, warum Jesus anders sich verhalten sollte als hier auf Erden. Was aber sicher anders sein wird, ist die Situation. Angesichts der ganzen Situation in der Ewigkeit, wenn uns Menschen auf einmal alles in einem anderen Licht erscheint und wir auch unsere eigene Person und unser eigenes Leben besser begreifen und verstehen, wird sich eine Entscheidung für oder gegen Jesus wohl auf eigene Art und Weise gestalten. Freilich wird dieses irdische Leben nicht einfach aufgehoben. Dazu ist es zu wertvoll und einzigartig. Unsere Entscheidung im Angesichte Jesu wird nicht fallen können und dürfen ohne unsere gelebte Lebensgeschichte hier auf Erden.

Wir stellen uns das Gericht Gottes oft sehr menschlich vor, vielleicht allzu menschlich. Wir sind sehr stark von unserem weltlichen Justizwesen beeinflusst: Jedes Vergehen hat eine spezielle Strafe. Der Richter kann noch abwägen zwischen den festgesetzten Strafmaßen, er kann mildernde Umstände berücksichtigen oder, wenn der Angeklagte keine Reue zeigt, die Höchststrafe verfügen. Zugegeben: Ich tue mich sehr schwer mit so einer Gerichtsvorstellung. Doch bleiben wir ruhig dabei. Wenn Jesus der Richter ist (dies sagt eindeutig die Heilige Schrift, dies bekennen wir im Glaubensbekenntnis), wenn Jesus aber zugleich uns erlöst hat und wenn der Heilige Geist nach Aussage der Heiligen Schrift und nach Aussage der spirituellen Tradition unser Anwalt, unser Advokat, unser Paraklet ist und wenn wir Ernst machen mit unserem Glauben, dass Gott der Dreieinige ist, dann ist also der dreieinige Gott Richter, Erlöser und Anwalt zugleich. Sind wir da nicht in guten Händen!

Das Gericht ist eine zutiefst intime Angelegenheit zwischen Gott und dem Menschen. Natürlich respektiert Gott den freien Willen des Menschen. Natürlich beschränkt er sich sozusagen selbst, nimmt sich selbst zurück, um dadurch dem Menschen zu zeigen, was ihm der freie Wille des Menschen bedeutet. Aber doch nicht so, dass er quasi unbeteiligt zusieht, wie sich nun der Mensch entscheidet. Er liebt doch die Menschen über alles. So sehr, dass er in Jesus Christus selber Mensch geworden ist. Er wird mit größter Liebe mit dem Menschen umgehen. Aber sicherlich kann ich mir nicht vorstellen, dass er den Menschen vergewaltigt und der Mensch sowieso der Liebe Gottes nicht auskommt.

Auf der anderen Seite darf man aber auch wieder nicht die Rolle des Menschen zu wenig berücksichtigen. Nur ist das Leben zu kompliziert als dass man es vereinfachen könnte. Der Mensch bringt sein ganz individuelles Leben mit, das ja wiederum seine Vorgegebenheiten hatte. Kein Mensch kann sich seine Veranlagungen selber aussuchen, kein Mensch kann sich sein Milieu aussuchen, kein Mensch kann sich seine Eltern, seine Geschwister, sein Umfeld aussuchen. Der Mensch wird zunächst mit vielem und in vieles hineingeboren. Und er hat damit umzugehen. Wer das Glück hat, ins Christentum hineingeboren zu werden und vielleicht sogar noch in ein wahrhaft gutes Elternhaus, wer zugleich noch das Glück hat, mit hervorragenden Eigenschaften und Talenten ausgestattet zu sein, wird wohl zunächst anders ins Leben und in den Glauben hineinwachsen wie jemand, dem das nicht zuteil wurde. Im Laufe des Lebens kommen dann viele Dinge hinzu, für die der Mensch zum Teil etwas kann, zum anderen Teil aber nicht. Wer will oft genau auseinanderhallten, was der Mensch schuldhaft verantwortet und was nicht? Wer weiß, warum sich oft ein Mensch hier auf Erden gegen Gott entscheidet? Wer weiß, warum ein Mensch oft so hartherzig und verstockt sein kann? Wer weiß, warum oft ein Mensch so labil und beeinflussbar ist und ein anderer wieder nicht? - Gott allein weiß es!

Und dem Menschen wird es wohl dann im Angesichte Jesu auch deutlicher werden, wie er eigentlich ist und warum er im Leben so oder so gehandelt hat. Wer will beurteilen oder wissen, wie sich dann im Einzelfall Gott und der Mensch entscheiden? Ich bin überzeugt, dass von Gott her - und wohl auch vom Menschen her - alles berücksichtigt und bedacht werden wird, wenn es um die wichtigste aller Entscheidungen geht: Himmel oder Hölle für immer und ewig!




26. Oktober 2003
30. Sonntag im Jahreskreis
Bartimäus

Im Markusevangelium Kapitel 10, Verse 46 bis 52 lesen wir folgende Erzählung:

In jener Zeit, als Jesus mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erhaben mit mir! Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich. Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. Und Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können. Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen und er folgte Jesus auf seinem Weg.

DAS SZENARIUM

Wir befinden uns vor Jericho. Der Evangelist Markus führt uns dorthin. Und er lässt uns quasi Augenzeugen werden. Jesus ist unterwegs. Er kommt gerade aus Jericho heraus. Bei ihm sind seine Jünger und eine große Menschenmenge. Ein großer Menschenauflauf also. Und wir reihen uns ein in die große Schar der Augenzeugen. Bartimäus ist die eine Hauptperson in dieser Erzählung. Die andere ist selbstverständlich Jesus. Fast zufällig - scheint es - sitzt er an der Straße. Doch: Gibt es in wichtigen Situationen des Lebens denn wirklich Zufälle?

DER BLINDE SCHREIER

Der, der da am Wege sitzt, schreit aus Leibes Kräften, so hat man den Eindruck. Bartimäus möchte geheilt werden! Nur der kann wohl Bartimäus verstehen, der selbst ein schweres Leid oder Schicksal zu tragen hatte oder hat. Bartimäus brüllt seine Sehnsucht nach Heilung hinaus. Wir wissen nicht, ob er schon auf viele - vergeblich freilich - seine Hoffnung gesetzt hatte. Nun hört er, dass Jesus vorübergeht. Seine einmalige Chance ist gekommen! Er muss sie nutzen. Er darf sich nicht abhalten lassen. Er darf sich nicht den Mund verbieten lassen. Bartimäus schreit nicht nur seinen Schmerz hinaus. Er ruft nach Jesus: "Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!" Er schreit nicht einfach unverständlich seine Not hinaus, nein, er schreit nach Jesus und in seinem Schrei ist bereits sein Glaube grundgelegt: Er spricht Jesus mit ‚Sohn Davids' an und er überlässt sich voll und ganz dem Erbarmen Jesu.

DIE JESUSBEGEISTERTEN

Viele von denjenigen, die Jesus nachfolgen und mit ihm von Jericho aus unterwegs sind, haben nicht das geringste Gespür für den Blinden. Sie wollen ihm den Mund verbieten. Er stört! Sie wollen mit ihrem Jesus allein sein. Ihr Blick auf Jesus hat ihnen den Blick für den Blinden genommen. Furchtbar! Es kann also passieren, dass man vor lauter egoistischem Schauen auf Jesus den Nächsten vergisst und, obwohl man Jesus räumlich so nah ist, geistig so weit entfernt sein kann. Wir Menschen müssen auf der Hut sein: Jesusnachfolge ist nur dann echt, wenn wir den Nächsten nicht übersehen, sondern im Gegenteil zu Jesus hinführen. Dies werden ja dann einige von den vielen Jesusnachläufern tun. Es sind die wirklichen Jünger. Die Menschen um Jesus sollen von Jesusnachläufern zu Jesusnachfolgern werden!

DAS VERHALTEN JESU

Jesus konnte es gar nicht entgehen, dass sich da etwas entwickelt hat zwischen dem blinden Mann und vielen von denen, die ihm hinterherlaufen. Jesus weiß sich gesandt als Heiland der Menschen, als Heiland der ganzen Welt. Er möchte heilen. Er möchte auch Bartimäus heilen. Deshalb ruft er ihn zu sich, in seine Nähe. Die Nähe Jesu ist heilsam, Jesu Wort ist heilend! Es ist interessant, dass Jesus Bartimäus sein Anliegen, das ja ohnehin so offensichtlich ist, ins Wort fassen lässt. Bartimäus soll sagen, was er von Jesus will. Es ist so wichtig, dass der Mensch sein Anliegen benennt. Natürlich weiß Gott alles. Natürlich weiß Gott um die Menschen. Um jeden Einzelnen. Natürlich weiß Gott, was uns Menschen auf dem Herzen liegt, was unsere Not ist. Und trotzdem ist es für uns Menschen wichtig, Gott die Not zu sagen. Im Reden entsteht Kommunikation, im Reden öffnet sich der Mensch, im Reden entsteht Beziehung.

DAS VERHALTEN DES BARTIMÄUS

Bartimäus springt auf, nachdem er den Ruf Jesu vernommen hatte, und lässt den Mantel fallen. Er lässt das ihn Schützende zurück! Der Mantel war ja für die Nacht so wichtig. Er sieht die Erfüllung seines größten Wunsches gekommen: Er will wieder sehen können. Und Jesus ruft ihn. Einfach wunderbar! So lässt er voller Freude alles, was er hat, zurück und läuft auf Jesus zu. Nur noch dieser Augenblick zählt! Von einigen der vielen, die bei Jesus sind, wird er nun ermutigt, zu Jesus hinzugehen: ‚Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich!' So sollen echte Jünger Jesu sich verhalten! Sie sollen die Menschen zu Jesus hinführen. Sie sollen den Menschen Mut machen: Jesus ruft jeden Notleidenden, ja jeden Menschen zu sich. Der nach ihm ruft, hat die besten Voraussetzungen für den Glauben und für Heilung. Bartimäus kann durch den Glauben an Jesus und an das Erbarmen Gottes wieder sehen!

BARTIMÄUS KANN UNS VIELES SAGEN

Bartimäus hat durch seinen Glauben Heilung gefunden. Für seine Augen und für seine Seele. So kann er uns ein großes Vorbild sein: Er schreit nach Jesus, er läuft zu Jesus hin, er schenkt Jesus Glauben und er folgt Jesus schließlich nach. Der Glaube war ja schon am Anfang da. Sonst hätte Bartimäus doch gar nicht gerufen!

Begegnung und Heilung durch Jesus kann also so ablaufen:

  • Jesus kommt des Weges (und er kommt jedem Menschen auf seinem Lebensweg entgegen)
  • Der Mensch erkennt seine Chance und ruft nach Jesus (und lässt sich durch nichts abhalten)
  • Jesus ruft ihn zu sich
  • Der Mensch benennt seine Not
  • Jesus kann heilen auf Grund des Glaubens des Menschen

    Der Glaube also ist die Triebfeder und der Vollender des Heils. Jetzt verstehen wir, warum der Glaube so wichtig ist und warum Jesus immer wieder die Menschen zum Glauben aufruft. Zum Glauben und zum Leben aus dem Glauben. Denn die Konsequenz des Glaubens ist die Nachfolge!




    09. Mai 2004
    5. Sonntag der Osterzeit
    Liebet einander!

    Im Johannesevangelium lesen wir im 13. Kapitel:

    In jener Zeit, als Judas hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht. Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen, und er wird ihn bald verherrlichen. Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen , dass ihr meine Jünger seid.: wenn ihr einander liebt.

    DIE VERHERRLICHUNG DES MENSCHENSOHNES

    "In jener Zeit, als Judas hinausgegangen war" - Mit dieser Einleitung werden wir an den Ort des Geschehens geführt. Wir sind im Abendmahlssaal. Jesus hat gerade seinen Jüngern die Füße gewaschen und den Verrat durch einen seiner Jünger vorausgesagt. Judas hat nun den Ort verlassen, um das zu tun, was ihm seine traurige Berühmtheit eingebracht hat: "die Soldaten und die Gerichtsdiener der Hohenpriester und der Pharisäer" zu Jesus zu führen (vgl. Joh 18,3). Mit dem Weggang des Judas nimmt alles seinen Lauf, beginnt die Maschinerie des Bösen und des Todes. - Und das soll zur Verherrlichung des Menschensohnes beitragen?

    Ja, es ist die Verherrlichung des Menschensohnes! Indem sich Jesus der Maschinerie des Bösen und des Todes ausliefert, indem er sich ganz und gar hineingibt, sprengt er sie. Die Verherrlichung des Menschensohnes geschieht in der Hingabe des Lebens und in der Auferstehung. Jesus gibt sein Leben hin und nimmt es wieder. Diese Macht zeigt die Herrlichkeit Jesu!

    DIE VERHERRLICHUNG GOTTES

    Indem Jesu Verherrlichung aufleuchtet, wird auch Gott verherrlicht, weil Jesus ganz und gar den Willen Gottes des Vaters erfüllt und weil Gott der Vater ganz und gar zu seinem geliebten Sohn steht. Die Verherrlichung des Sohnes ist die Verherrlichung des Vaters und die Verherrlichung des Vaters geschieht durch den Sohn. Gott erweist in seinem Sohn uns Menschen seine Liebe. Die Verherrlichung Gottes strahlt auf in seiner Liebe.

    DAS NEUE GEBOT

    Und diese Liebe unseres Gottes, die ihn verherrlicht und uns seine Verherrlichung kundtut, soll sich widerspiegeln in den Herzen der Gläubigen und soll aufscheinen in ihren Taten. Die Liebe soll das Band sein, das alle Christen verbindet. Immer wieder - wo man auch hinblättert im Neuen Testament - stoßen wir auf die Liebe. Jesus wird nicht müde, immer und immer wieder auf sie zu verweisen, sei es im Hauptgebot der Liebe oder sei es in seinen Predigten. Aber er redet nicht nur, er tut es auch. Jesus bringt die Liebe Gottes auf diese Erde. In Jesus wendet sich Gott den Menschen zu. Jesus heilt viele viele Kranke. Er zieht durch die Lande und wendet sich den leidenden, den armen und geknechteten Menschen zu. Es erfüllt sich wirklich der Satz: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab! (vgl. Joh 3,16) Jesus hat diese Welt geliebt, er hat uns Menschen geliebt bis zum Tod am Kreuz. An seiner Liebe sollen wir uns ein Beispiel nehmen. Sein Testament lautet: "Liebet einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben."

    DAS ERKENNUNGSZEICHEN DER CHRISTEN

    Die Liebe ist also das Erkennungszeichen der Christen. Und es darf keinem Christen gleichgültig sein. An der Liebe werden wir erkannt. An Gelegenheiten zur Liebe fehlt es wohl nie. Der Alltag bietet einem jeden von uns viele Augenblicke zur Liebe. Oft sind es ja die kleinen Dinge, die die Liebe erkennen lassen. Oft genügt schon ein Lächeln, ein freundliches Wort, eine kleine Geste der Liebe. Sicherlich bedarf es oft auch einer größeren Anstrengung, um anderen zu helfen und so unsere Liebe zu zeigen. Das ist unbestritten. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist und bleibt das Paradebeispiel der Nächstenliebe. Wir sollen uns immer fragen: Wem bin ich jetzt gerade der Nächste dem, der mich braucht. Sieht man die Not und das Elend vieler vieler Menschen auf unserer Erde an, bedarf es ganz bestimmt mehr als nur unseres freundlichen Wesens. Natürlich! Auch hier sollen wir nach unseren Möglichkeiten helfen. Auch wenn wir vielleicht nicht viel geben können, wenn viele geben, wird es doch viel. Aber im täglichen Umgang ist ganz bestimmt wahr, dass die kleinen Zeichen der Liebe, dass Vergebung und Verzeihung, dass Barmherzigkeit und Güte die Welt verändern.




    19. September 2004
    25. Sonntag im Jahreskreis
    DER MENSCH MUSS SICH ENTSCHEIDEN!

    Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (Lk 16, 1 - 13):

    In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Diesen beschuldigte man bei ihm, er verschleudere sein Vermögen. Darauf ließ er ihn rufen und sagte zu ihm: Was höre ich über dich? Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung! Du kannst nicht länger mein Verwalter sein.
    Da überlegte der Verwalter: Mein Herr entzieht mir die Verwaltung. Was soll ich jetzt tun? Zu schwerer Arbeit tauge ich nicht, und zu betteln schäme ich mich.
    Doch - ich weiß, was ich tun muss, damit mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich als Verwalter abgesetzt bin.
    Und er ließ die Schuldner seines Herrn, einen nach dem andern, zu sich kommen und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig?
    Er antwortete: Hundert Fass Öl.
    Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich gleich hin, und schreib "fünfzig". Dann fragte er einen andern: Wie viel bist du schuldig?
    Der antwortete: Hundert Sack Weizen.
    Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, und schreib "achtzig".
    Und der Herr lobte die Klugheit des unehrlichen Verwalters und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes.
    Ich sage euch: Macht euch Freunde mit Hilfe des ungerechten Mammons, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es mit euch zu Ende geht.
    Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen.
    Wenn ihr im Umgang mit dem ungerechten Reichtum nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen?
    Und wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann euer wahres Eigentum geben?
    Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten.
    Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.

    DER VERWALTER

    Jesus erzählt ein Gleichnis. Die Hauptrolle spielt ein raffinierter Verwalter. Er wird beschuldigt, das Vermögen seines reichen Herrn zu verschleudern. Es ist interessant, dass sich der Verwalter überhaupt nicht dagegen wehrt. Er hat anscheinend tatsächlich seinen Herrn betrogen und verteidigt sich nicht einmal mehr. Er versucht es nicht mit Lügen. Dies ist wohl auch gar nicht mehr möglich, weil die Rechenschaftsablegung eindeutig ergeben wird, dass er das Vermögen seines Herrn verschleudert hat. Er ist entlarvt. Er kann nicht mehr aus!

    DIE RECHENSCHAFTSABLEGUNG

    Die Rechenschaftsablegung ist fällig. Sie wird ergeben, dass der Vorwurf sich als wahr erweisen wird. Der Verwalter muss seinen Posten räumen! In seiner Raffiniertheit - und raffiniert sein ist ja immer auch ein Zeichen von Intelligenz - kommt ihm die tolle Idee, noch einmal so richtig den Herrn auszutricksen und sich dabei Freunde fürs Leben zu schaffen. Er erlässt den Schuldnern seines Herrn einen Teil der Schuld. Es war damals üblich, mit eigener Hand einen Schuldschein zu schreiben und diesen dem Herrn zu überlassen. Dies war sozusagen die Garantie dessen, der den Kredit gewährt, dass er ja mit eigener Handschrift des Schuldners die Schulderklärung vorliegen hatte. Der Verwalter nun tauscht die Schuldscheine aus.

    DIE KLUGHEIT DER KINDER DIESER WELT

    Jesus lobt die Klugheit dieses Verwalters. Die Kinder dieser Welt wissen sich zu helfen. Jesus wünscht sich, dass auch die Kinder des Lichtes in ihrem Bereich diese Klugheit an den Tag legen. So wie die Kinder dieser Welt ihren Kopf aus der Schlinge ziehen, so sollen auch die Kinder des Lichtes ihren Kopf aus der Schlinge des Bösen ziehen durch ihre Klugheit der Lebensführung. Wir Christen sollen uns Freunde schaffen mit Hilfe des ungerechten Mammons. Wir sollen - um es mit den Worten des Johannesevangeliums zu sagen - in dieser Welt sein, aber nicht von dieser Welt. Die weltlichen Dinge sollen so eingesetzt werden, dass wir das Ewige gewinnen.

    DIE ZUVERLÄSSIGKEIT IM KLEINEN

    Jetzt schließt sich die Aufforderung zur Zuverlässigkeit an. Hier merken wir, dass es Jesus nun wirklich nicht um das Loben des Verhaltens des Verwalters geht, sondern um das Loben seiner Klugheit. Das Verhalten des Verwalters ist abzulehnen. Nur die Zuverlässigkeit zählt! Und zwar auch und gerade in den kleinen Dingen. Wer es nicht so genau nimmt, weil es ja nur um Kleinigkeiten geht, der schafft es auch nicht, wenn es um Großes geht, genau zu sein. Wie man mit den weltlichen Dingen umgeht, so wird man auch mit den himmlischen umgehen.

    IM DIENSTE GOTTES STEHEN

    Wir sind in der Welt, aber nicht von der Welt! - Wir stehen im Dienste Gottes. Dies dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren. Jesus weist uns unmissverständlich darauf hin, dass wir uns entscheiden müssen. Wir können einfach nicht zwei Herren dienen: Gott und dem Mammon. Die Entscheidung ist für uns Christen klar: Wir dienen Gott! Und das Weltliche, der Mammon, soll so eingesetzt werden, dass wir das Ziel unseres Lebens erreichen: die ewigen Wohnungen!

    Predigten P. Cornelius Heinrich Denk, Rosenheim 09. Januar 2005
    Fest der Taufe des Herrn

    DER HIMMEL GEHT ÜBER ALLEN AUF!

    Das Fest der Taufe des Herrn lässt uns einen Blick werfen in den Himmel. Dieser steht offen für Jesus, dieser steht offen für uns alle, wenn wir uns an Jesus halten. Der Vater bestätigt Jesus als seinen geliebten Sohn und lädt uns alle ein, diesem seinem Sohn zu folgen.

    Die Lesung aus dem Alten Testament kann uns helfen, den Festgedanken besser zu verstehen, denn gerade diese Stelle aus dem Jesajabuch wird gerne auf Jesus bezogen:

    So spricht Gott, der Herr: Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Völkern das Recht. Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen. Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht. Er wird nicht müde und bricht nicht zusammen, bis er auf der Erde das Recht begründet hat. Auf sein Gesetz warten die Inseln. Ich, der Herr, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein: blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien. Jes 42,5a.1-4.6-7

    Widmen wir uns nun den Gedanken dieses Textes. Natürlich ist er nicht wortwörtlich auf Jesus anzuwenden, aber im Betrachten des Inhaltes wird uns aufgehen, dass tatsächlich vieles auf Jesus zutrifft und dass es sehr verständlich ist, dass dieser Text auf Jesus und seine Botschaft von den Christen angewendet wird.

    Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen.

    Der Gedanke dieser Jesajastelle taucht genau wieder auf beim heutigen Geschehen am Jordan. Gott der Vater bestätigt Jesus als seinen geliebten Sohn. Jesus ist wirklich der Erwählte Gottes. Er ist vom Vater gesandt, Menschen zu Gott zu führen. Er ist von Gott autorisiert. Er ist der, an den wir uns halten können und sollen. Dann werden wir sicher zu Gott gelangen.

    Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Völkern das Recht.

    Der Geist Gottes kommt nach der Taufe auf Jesus "wie eine Taube" herab. Der Heilige Geist ist der Hinweis und auch der Beweis, dass Jesus ganz und gar in die Sphäre Gottes hineingehört. Der Geist kommt "wie eine Taube", das heißt: "von oben", "aus der Höhe", "unbefangen", "frei" - und: wir wissen nicht "woher er kommt und wohin er geht". Er ist freie Gabe Gottes.

    Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen.

    Hier wird ausgedrückt, dass der Erwählte Gottes nicht einer ist, der "rumplärrt", sondern der "etwas zu sagen hat". Jesus hat eine Botschaft, die die Menschen emporhebt und herausreißt aus dem Alltag. Die Botschaft Jesu wird zwar von Jesus nach Art der damaligen Zeit auf den Straßen und Plätzen verkündet, aber sie ist keine marktschreierische Nachricht, die man schnell hört und dann wieder vergisst, sondern sie ist eine wahrhaft gute Nachricht, die das Leben der Hörer verändert. Sie ist eine Nachricht, die in der Stille wächst.

    Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht.

    Jesus ist von Gott gesandt, um sich gerade um die Menschen zu kümmern, die geknickt sind und am Leben und an Gott verzagen, die fertig sind mit ihrem Leben und mit ihrem Gott. Aber: Es gibt immer einen neuen Anfang! Gott zeigt in Jesus, dass kein Mensch aufgegeben ist. Jesus ist gesandt zu den Armen und Kleinen, zu den Sündern und Ausgestoßenen. Jeder Mensch hat immer wieder eine Chance. Gott gibt keinen auf!

    Er wird nicht müde und bricht nicht zusammen, bis er auf der Erde das Recht begründet hat. Auf sein Gesetz warten die Inseln.

    Dieser Satz ist - auf Jesus bezogen - wohl so zu verstehen: Jesus hat sich bis zu seinem gewaltsamen Tod eingesetzt für die Gesetze Gottes, dafür, dass Gottes Gebote und Gottes frohe Botschaft verkündet wird. Jesus ist nicht müde geworden zu predigen von seinem Gott und Vater - gegen alle Angriffe seiner Gegner. Ja, es ist wirklich so: Die Menschen sehnen sich nach einer Botschaft der Liebe und des Friedens. Diese Botschaft hat Jesus verkündet!

    Ich, der Herr, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand.

    Gott der Vater sichert Jesus seine Hand zu. Immer. Der Vater lässt nie von Jesus. Der Vater zieht nie seine Hand zurück. Auch nicht in Angst und Tod, was ja Jesus hat erleiden müssen. Der Vater steht zu Jesus. Und er steht zu denen, die sich an Jesus halten. So dürfen wir aus dem Glauben wissen: Wenn Jesus handelt, handelt Gott selbst. In Jesus nimmt uns Gott selbst an der Hand und führt uns durchs Leben.

    Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein: blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien.

    Ist es nicht schön, Gott kennen zu dürfen, sich von ihm erschaffen und geliebt zu wissen? Jesus zeigt uns deutlich, dass Gott auf der Seite der Menschen steht und alle Menschen zum Heil führen will. Jesus ist der Bundesmittler zwischen Gott und den Menschen. Jesus hat den neuen Bund in seinem Blut gestiftet, einen Bund, der nie von Gott gekündigt wird. Er ist somit das Licht für die Völker der Erde. Wer in der Dunkelheit dieser Erdenzeit Licht sucht für seinen Lebensweg, kann sich an Jesus halten. Wer Jesus kennt, hat das Licht des Lebens. Ja, der Himmel soll über allen Menschen aufgehen, damit jeder Mensch erkennt, zu was für einer Zukunft er berufen ist: auf ewig bei Gott zu sein!




    15. Mai 2005
    Pfingstsonntag
    Der Geist ist es, der lebendig macht

    Im Großen Glaubensbekenntnis drückt die Christenheit aus, was für sie der Heilige Geist bedeutet:

    Ich glaube an den Heiligen Geist,
    der Herr ist und lebendig macht,
    der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht,
    der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird,
    der gesprochen hat durch die Propheten.

    Gehen wir ein wenig dem Glaubensgeheimnis nach:

    Ich glaube an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht

    "Jesus Christus, der Gekreuzigte, ist glorreich auferstanden von den Toten." - "Jesus ist der Sieger über Sünde und Tod." - "Er hat uns bis in den Tod geliebt. Er hat sein Blut für uns vergossen." - Diese Aussagen sollen nicht nur schöne Worte oder fromme Floskeln sein. Nein, sie sollen unser Herz erreichen und unser Leben prägen. Es ist wohl eindeutig ein Zeichen des Wirkens des Heiligen Geistes, wenn ein Mensch sich von Gottes Wort und Taten treffen lässt. Der Heilige Geist (oder vielleicht doch besser: der Heilige Atem Gottes) durchweht die Welt. Er durchdringt sie und ist ihr Herr, das heißt: es gerät ihm die Schöpfung nicht aus dem Ruder. Er ist und bleibt der Herr der Schöpfung und erhält sie am Leben. Er ist eben der Atem, der belebt, der lebendig macht.

    Der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht

    Das Geheimnis Gottes ist seine Dreifaltigkeit. Wir können allerdings nur in menschlichen Worten von diesem großen Geheimnis sprechen. Wir sagen zu den Personen in Gott Vater, Sohn und Geist. Diese Begriffe entnehmen wir der Heiligen Schrift, dem Neuen Testament. Jesus spricht vom Vater und von sich als dessen Sohn. Der Geist ist die Gabe Gottes an die Menschen. Daraus entwickelt sich die Lehre von Gottes Dreieinigkeit: Der Vater zeugt in vollkommener Liebe den Sohn. Und beide hauchen in vollkommener Liebe den Heiligen Geist, den Heiligen Hauch, den Heiligen Atem.

    Die menschlichen Begriffe "zeugen" und "hauchen" stehen für eine Wahrheit, die wir nicht anders ausdrücken können. Man gebraucht den Begriff "zeugen" um zu beschreiben, dass der Sohn aus dem Vater hervorgeht und ihm wesensgleich ist. Wir haben keinen anderen Begriff, um diesen innergöttlichen Vorgang zu beschreiben. So kann man wohl das Verhältnis Vater - Sohn auch am besten ausdrücken. -

    Wenn der Heilige Geist "gehaucht" wird, besagt dies, dass er nicht gezeugt ist, denn dann wäre er ja der Bruder der zweiten Person in Gott bzw. ein zweiter Sohn in Gott, was ja nie ausgesagt worden ist und auch nicht ausgesagt werden will. Der Heilige Geist wird nicht gezeugt sondern "gehaucht", damit klar bleibt, dass er auf eine andere Weise in Gott existiert als der Sohn. Der Geist wird gehaucht, weil auch er nicht geschaffen wird, kein Geschöpf ist, sondern wesensgleicher Gott, aber eben nicht in dem Verhältnis Vater - Sohn, sondern in dem Verhältnis, dass Vater und Sohn in ihm aufs engste verbunden sind, eines Atems sind.

    Der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird

    Die Gottheit des Heiligen Geistes wird von der Christenheit geglaubt. In dieser Aussage des Glaubensbekenntnisses wird uns klar vor Augen gestellt, dass der Geist wie der Vater und der Sohn verehrt wird. Anbetung und Verherrlichung gebührt einzig und allein Gott. Der Heilige Geist ist Gott wie der Vater und der Sohn. Deshalb gilt die Verehrung immer auch ihm.

    Der gesprochen hat durch die Propheten

    Gottes Geist hat schon immer die Welt umfangen. Er ist der Schöpfer Geist. Er erhält die Welt am Leben. Er erhält sie am materiellen Dasein, dass sie nicht im Nichts vergeht, und er erhält sie im Geistigen, dass sie mehr und mehr in die ganze Wahrheit eingeführt wird. Er hat gesprochen durch die Propheten. Er ist der Initiator und Animator des Glaubens schon des alten Israel. Er ist nicht erst am Werk seit Jesu Verherrlichung in Tod, Auferstehung und Himmelfahrt. Er hat schon gewirkt im Alten Bund. Er hat das Volk Israel in den wahren Gottesglauben geführt. Er hat die Jünger zu Jesus geführt. Er hat auch von Anfang an die Kirche geführt. Er wird sie weiterhin führen.

    Was freilich seit Jesu Tod und Auferstehung anders ist: Der Heilige Geist wirkt nicht nur so wie er immer gewirkt hat (das selbstverständlich auch weiterhin), sondern er wohnt den Gläubigen ein, das heißt: er erfasst die Getauften und Gefirmten voll und ganz und prägt sie von innen her. Er verbindet sie mit Gott auf innigste und lässt sie teilhaben an der Dreifaltigkeit. Er macht uns nicht Gott wesensgleich, aber er schenkt uns Anteil am göttlichen Leben. Er selbst ist wahrer Gott, weil er vom Vater und vom Sohn gehaucht ist. Wir sind göttlich, weil es uns von Gott geschenkt ist, weil uns eingehaucht ist dieser Atem Gottes, der Heilige Geist.

    Der Geist ist es, der lebendig macht

    Lassen wir uns vom Heiligen Geist anstecken. Paulus ruft uns entgegen: Löscht den Geist nicht aus. - In der Taufe und in der Firmung haben wir Gottes heiligen Geist empfangen. Decken wir ihn nicht zu, löschen wir ihn um Himmels willen nicht aus, behindern wir ihn doch auch nicht. Wir werden staunen, was er alles in uns bewirken kann!


    19. März 2006
    3. Fastensonntag

    Das Paschafest der Juden war nahe, und Jesus zog nach Jerusalem hinauf. Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen. Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie aus dem Tempel hinaus, dazu die Schafe und Rinder; das Geld der Wechsler schüttete er aus, und ihre Tische stieß er um. Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle! Seine Jünger erinnerten sich an das Wort der Schrift: Der Eifer für dein Haus verzehrt mich. Joh 2,13 - 17

    Gerne wird die Tempelreinigung, die uns heute im Evangelium begegnet, dazu verwendet, um aufzuzeigen, dass Jesus von Nazareth nicht nur der brave Mensch gewesen ist, als der er ja oft und oft dargestellt wird. Es ging ihm auch einmal der Gaul so richtig durch! Aber es geht hier, so meine ich, mehr als nur um einen Aussetzer Jesu, mehr als um einen Ausnahmefall - und dann ist sozusagen wieder alles beim alten. Hier geht es um eine Zeichenhandlung! Hier wird deutlich, um was es Jesus wirklich geht: um die Ehre Gottes und um die Ehre von allem, was mit Gott zu tun hat. Eben und gerade auch das Haus Gottes, in dem Gott seine Gegenwart zugesagt hat. Jesus ist ein Mensch, der fest in seiner Tradition und Religion verankert ist. Er erkennt an, dass der Tempel das "Haus seines Vaters" ist, wenn er auch den Blick immer wieder weitet auf das Herz des Menschen, in dem Gott wohnen will. Denken wir nur an das Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen. Dort sagt Jesus eindeutig, das Gott angebetet werden will im Geist und in der Wahrheit, und dass der Ort zweitrangig ist, ob es nun der Tempel in Jerusalem ist oder der Berg Garizim.

    Jesus kann sich aber doch massiv ereifern, wenn er sieht, wie mit dem, was Gottes ist, unwürdig umgegangen wird. Der Tempel Gottes ist keine Markthalle! Wenn auch für Jesus sicherlich der Tempel als Ort der Gottesverehrung zweitrangig ist, so kann er trotzdem die Heuchelei der Tempeldiener nicht ertragen. Er nimmt die Tempeldiener ernst in ihrer theoretischen Aussage und geißelt die praktischen Auswüchse. Er setzt ein äußeres Zeichen, aber es geht ihm letztlich um das Innere des Menschen. Dies erfahren wir, wenn wir weiter lesen an der Stelle, wo es heißt:

    Da stellten ihn die Juden zur Rede: Welches Zeichen lässt du uns sehen als Beweis, dass du dies tun darfst? Jesus antwortete ihnen: Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten. Da sagten die Juden: Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut, und du willst hin in drei Tagen wieder aufrichten? Er aber meinte den Tempel seines Leibes. Als er von den Toten auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte. Joh 2,18 - 25

    Jesus meint es bestimmt ernst mit dem Übereinstimmen von Wort und Tat, von Äußerem und Innerem, aber es geht ihm um mehr. Er meint auch ganz besonders den Tempel seines Leibes, den die Menschen nicht geachtet haben, sondern ihn am Kreuz gemartert haben. Sie haben den Leib Jesu geschändet, aber er hat ihn wieder aufgerichtet, er ist auferstanden von den Toten mit verklärtem Leib. Gott ist fähig, das Böse zu überwinden und das Gute siegen zu lassen!

    Die Tempelreinigung zeigt deutlich, dass die Tempelkritik Jesu tiefer sitzt als die äußere Tat überhaupt bewirkt hat. Diese Aktion war sicherlich bald behoben. Nicht einmal die Tempelpolizei hat eingegriffen. Wir erfahren zumindest nichts davon. Die Reinigung des Tempels ist wohl im kleinen Kreis geblieben. Beachten wir nur die großen Ausmaße des Tempels. Aber die Tempelkritik hat mehr provoziert als man vielleicht vermuten kann und als man jetzt schon absehen kann. Die Lage wird sich zuspitzen. Das Johannesevangelium setzt die Tempelreinigung im Gegensatz zu den anderen Evangelien an den Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu. Dies ist bedeutsam. Johannes will damit ein Programm andeuten. Jesus setzt sich mehr und mehr ab von der tempelbezogenen Gottesverehrung und will mehr und mehr hinführen zu dem, was später in die Worte gefasst werden wird: Ihr seid der Tempel Gottes, in euch wohnt Gottes Geist!

    Die Christen werden mehr und mehr losgelöst werden von der auf den Tempel bezogenen Gottesverehrung. Vor allem für die Christen aus dem Heidentum ist aus verständlichen Gründen keine Beziehung mehr für die Gottesverehrung im Tempel von Jerusalem zu erkennen. Die Zerstörung Jesusalems - und damit auch des Tempels - im Jahre 70 nach Christus trägt das ihrige dazu bei. Für die Juden freilich ist bis auf den heutigen Tag der Tempel der Mittelpunkt ihrer Sehnsucht, was die Bedeutung der Klagemauer ja zeigt.

    Gott will angebetet werden im Geist und in der Wahrheit. Der Leib des getauften Christen ist der Tempel Gottes. Diese Überzeugung vertritt das Neue Testament. Diese Überzeugung soll uns Christen von heute prägen. Unser Leib hat eine Würde! Wir Christen haben eine Würde, weil wir die Wohnung Gottes sind. In Taufe und Firmung haben wir Anteil am allgemeinen Priestertum aller Gläubigen, das heißt: Die Christen alle miteinander sind als Volk Gottes ein heiliges Volk, ein königliches Priestertum. Die Christen bilden miteinander und jeder auch einzeln den Tempel, in dem Gott wohnt.

    Der 1. Petrusbrief mit seinen Gedanken über das allgemeine Priestertum kann uns dabei eine große Hilfe sein. Vielleicht ermöglicht uns diese Fastenzeit, uns Zeit zu nehmen und einmal den 1. Petrusbrief zu betrachten. Es wäre schön und würde uns sicherlich sehr helfen für unser geistliches Leben.


    15. August 2006
    Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel
    In den Himmel kommen - Wollen Sie das auch?

    In den Himmel kommen zu wollen - so scheint mir - ist für viele Menschen unserer Zeit und in unseren Landen kein Thema mehr, geschweige denn, dass eine Sehnsucht nach dem Himmel im Herzen der Menschen wäre.

    Sich nach dem Himmel zu sehnen bedeutet noch lange nicht, dass ich dieses Leben hier auf Erden nicht ernst nehme. Ganz im Gegenteil: wer nach dem Himmel strebt, versucht hier auf der Erde sein Leben so zu gestalten, dass er sich des Himmels würdig erweist. Schauen wir auf die großen Heiligen. Sie hatten eine große Sehnsucht nach dem Himmel und haben gerade deshalb so Großes auf dieser Erde getan. Sie haben ein Stück weit die Erde zum Positiven gewandelt.

    Maria ist im Himmel. Sie ist mit Leib und Seele bei ihrem Sohn. Sie ist in Gott vollendet. Sie ist bei Gott geborgen und glücklich.

    Wie steht es um uns?

    Maria ist das Urbild der Kirche. So wird sie von uns verehrt. Für mich ist dieser Titel etwas Wunderbares, weil so an Maria abgelesen werden kann, was der ganzen Kirche, was also uns allen verheißen ist und was sich auch an uns erfüllt.

    Maria - die Ersterlöste

    Im Hinblick auf das Erlösungsgeschehen durch Jesus Christus ist Maria schon im zeitlichen Vorgriff erlöst worden. Vom ersten Augenblick ihres Daseins an - also ab der Zeugung durch ihre Eltern - ist Maria von der Erbschuld befreit gewesen und war Kind Gottes. Sie war sozusagen die "Erstgetaufte". Was wir in der Taufe empfangen haben, nämlich die Befreiung von der Erbschuld und die Annahme an Kindes Statt durch Gott, ist Maria geschenkt worden ab dem ersten Augenblick ihres irdischen Lebens. Weil Maria die Mutter Jesu werden sollte, hat sie die Frucht der Erlösung durch Christus schon im Voraus empfangen.

    Maria ist die Mutter Jesu. Ganz frei konnte sie dazu ihr Jawort sagen. Weil Gott wusste, dass sie ihr Ja sagen wird, hat er sie schon im Voraus begnadet.

    Maria - die Vollerlöste

    Maria ist die Ersterlöste und die Vollerlöste. Jesus wollte seine Mutter als erste erlösen, er wollte seiner Mutter auch als erste die Fülle der Erlösung schenken. Der Mensch ist eine Dreieinheit aus Leib, Seele und Geist. Er kann nicht auseinander gerissen werden, sonst ist er eben nicht mehr Mensch. Zur ganzen Erlösung gehört auch die Erlösung des Leibes und des Geistes. Was Jesus in der Auferstehung bewirkt hat, das wird auch Maria - und schließlich auch uns - zuteil. Jesus ist der Erstling der Entschlafenen (wie es in der Schrift heißt), Maria und dann auch wir sind die, die folgen werden. Maria ist sozusagen die Erste von denen, die folgen werden.

    Auch der Leib gehört in den Himmel, wenn freilich auch als verklärter, das heißt, als für den Himmel bereiteter Leib. Übrigens: Nicht nur der Leib muss für den Himmel bereitet, "verklärt" werden. Ich bin der festen Überzeugung, dass auch der Geist und die Seele des Menschen durch den Tod hindurch verklärt werden. Durch das Gezeugtwerden des Menschen wird er für diese Welt bereitet und durch den Tod wird er für das Jenseits bereitet. Mit Geist, Seele und Leib. Eben als ganzer Mensch.

    Gott liebt die Menschen. Er will sie bei sich haben. Jeden einzelnen der Menschen. Freuen wir uns. Ersehnen wir das Bei-Gott-Sein. Streben wir nach dem Himmel und bereichern wir dadurch die Welt!


    25. Dezember 2006
    Weihnachten
    Unsere Tage zu zählen, lehre uns. Dann gewinnen wir ein weises Herz.

    In diesen Tagen hört man wieder allenthalben: Wie doch die Zeit vergeht. Wieder ist ein Jahr vorbei. Wo ist nur das Jahr 2006 geblieben? -

    Es stimmt ja auch wirklich: die Zeit flieht dahin. Auch mir geht es so: Was ist schon ein Tag, eine Woche, ein Monat, ein Jahr? Man nimmt sich so vieles vor und schafft dann doch nur einen Bruchteil davon. Vieles - auch sehr Wichtiges - bleibt unerledigt oder wird schnell erledigt. Es ist keineswegs böse Absicht, aber oft zwingen einen die Umstände dazu. Zeit ist ein ganz wertvolles Gut. Wir wünschen uns oft nur eines: mehr Zeit.

    Da kommt mir aber auch noch etwas anderes in den Sinn. Meine Gedanken gehen in die Krankenhäuser und Altenheime. Meine Gedanken gehen zu vielen einsamen und alten Menschen, die allein in ihren Wohnungen und Häusern sitzen, die nicht mehr aus dem Haus gehen können, weil Behinderung und Krankheit sie daran hindern. Für diese Menschen kann ein Tag - und zu oft wohl auch eine schlaflose Nacht - eine Ewigkeit bedeuten. Diese Menschen haben Zeit, Zeit, die wir Gesunden uns so sehnlich wünschen, und sie werden gehindert, diese Zeit in ihrem Sinne zu nützen, weil Alter, Krankheit und Gebrechen sie eben hindern.

    Doch ob die Zeit für einen dahinrast oder ob sie nicht zu vergehen scheint, für beide Menschengruppen gilt wohl der Vers aus dem Psalm: Unsere Tage zu zählen lehre uns, dann gewinnen wir ein weises Herz.

    Die Jahreswende bietet wie von selbst auch die Möglichkeit des Nachdenkens über unsere Lebenszeit. Junge Menschen werden dies nicht so verstehen, aber wenn man auch nur ein wenig in die Jahre gekommen ist, wird man nachdenklich: Was ist es mit dem Leben? Was bringt die Zukunft? Wie lange wird das Leben noch gehen? Was kommt danach?

    Wenn diese Fragen beantwortet sind, dann können wir eine heilige Gelassenheit entwickeln. Wenn wir uns bei Gott geborgen wissen, mag kommen was mag. Wer seine Tage zu zählen weiß, wird ein weises Herz bekommen, ein Herz, das gläubig sich in Gott versenkt. Weise zu sein bedeutet im Sinne des Alten Testamentes, zu wissen, worauf es ankommt, was wirklich wichtig ist im Leben. Wirklich wichtig ist eigentlich nur eines: Gott. Die heilige Theresia von Avila formuliert aus tiefgläubigem Herzen: Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken. Alles geht vorüber. Nur Gott bleibt derselbe. Gott allein genügt!

    Viele feiern feuchtfröhlich den Silvesterabend. Sie begrüßen das neue Jahr. Doch niemand weiß, was es bringen wird. Mir scheint, wir Menschen können umso unbeschwerter feiern, wenn uns nicht bange zu sein braucht vor der Zukunft, weil wir sie in Gottes Händen wissen. Dietrich Bonhöffer fasst es in die schönen Worte: Von guten Mächten still und treu umgeben, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Er wusste angesichts des Todes, wovon er sprach.

    Wir beschließen das alte Jahr. Wer seine Tage zu zählen weiß, wird dankbar. So schauen wir voll Dankbarkeit zurück auf das alte Jahr. Wir danken unserem Gott für alles, was er uns gegeben hat. Und wir bitten um Vergebung für all das, was wir falsch gemacht haben. Ich kann keine Sekunde meines Lebens wieder bekommen. Sie ist ein für allemal dahin. Ich kann für die schönen Momente danken, für die sündigen um Verzeihung bitten. Bei Gott und bei den Menschen.

    Wir beginnen das neue Jahr. Wir wissen nicht, was es bringen wird. Doch wir legen jede Sekunde der Zukunft in die Hände Gottes, der unsere eigentliche Zukunft ist.

    Wir Menschen sollen uns ganz in Gottes Hände geben. Bedenken wir: Wenn wir unsere Tage zu zählen wissen, dann gewinnen wir ein weises Herz.

    Am Neujahrstag wird als Erste Lesung in der Heiligen Messe der Aaronsegen gelesen. Der heilige Franziskus von Assisi hat diesen Segen sehr geliebt. Dieser Segen begleite auch Sie, liebe Leser dieser Zeilen, im neuen Jahr 2007:

    Der Herr segne und behüte euch.
    Der Herr lasse über euch sein Angesicht leuchten und sei euch gnädig.
    Der Herr wende euch sein Antlitz zu und schenke euch seinen Frieden!
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