

Menschenskinder
(Mk 10,13 -16)"Menschenskinder!" Unsere Tageszeitung gratuliert unter diesem Titel fast täglich zum Nachwuchs. Mit einem schönen Foto von Mutter und Kind oder der ganzen jungen Familie und mit einigen Zeilen über die Geburt, die Eltern, Geschwister, Ort und Zeit der Geburt, Größe und Gewicht des Babys und den ersten Beobachtungen wird der langersehnte und von allen geliebte Nachwuchs vorgestellt. Kein schlecht gewählter Name für diese frohe Nachricht: "Menschenskinder!" Und es müssen ja auch wirklich nicht immer nur Politiker oder Pfarrer, lokale Größen oder Sportler, Künstler oder Lebenskünstler, Einser-Absolventen oder gescheiterte Existenzen und auch nicht nur Unfälle oder Todesanzeigen unseren Blätterwald besiedeln.
Menschenskinder - Kinder von Menschen! Schön, daß sie Platz haben nicht nur in der Zeitung, sondern in unseren Familien und in unserer Gesellschaft. Vorsorge wird für sie getroffen, schon vor der Geburt. Und nach der Geburt sind sie eingebunden ins soziale Netz unseres Wohlfahrtsstaates. Doch Kinder von Menschen haben von Anfang an ihr eigenes Profil und sind im Grunde auch schon eigene Persönlichkeiten. Sie wollen beachtet sein. Die einen sind schüchtern, die anderen drängen sich stürmisch vor. Auch ihre Eltern sind stolz auf sie und stellen sie selbstbewußt als ihren Nachwuchs vor.
Menschenskinder -von denen ist auch im heutigen Sonntagsevangelium die Rede. "Da brachte man Kinder zu ihm, damit er ihnen die Hände auflegte. Die Jünger aber wiesen die Leute schroff ab. Als Jesus das sah, wurde er unwillig und sagte zu ihnen: Laßt die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes." Jesus übersah die Kinder nicht, er ließ sie herankommen, er achtete sie. Er wußte, daß sie uns Erwachsenen etwas voraushaben, nämlich, daß sie ganz unvoreingenommen das Reich Gottes annehmen können.
Paulus beschreibt das im Römer-Brief 14,17 so: "Denn wo Gott seine Herrschaft aufrichtet, geht es nicht um Essen und Trinken, sondern darum, daß man von Gott angenommen ist, um den Frieden und um die Freude, die der heilige Geist schenkt." Im Sommer bin ich auf einer Radltour am Sterbehaus des berühmten Erziehers Johann H. Pestalozzi vorbeigekommen und mir fiel dabei wieder sein tiefstes Anliegen ein, daß die Erziehung unserer Kinder in der Achtung jedes Kindes gründen muß. Da fehlt es weit. Nicht nur, daß weltweit viele Kinder als billige Arbeitssklaven eingesetzt werden oder als Kindersoldaten Brutalitäten erleben müssen, oder daß Kinderprostitution ein trauriger Wirtschaftsfaktor ist: nein, auch hierzulande werden Kinder nicht geachtet, werden mißbraucht und vor den Karren unserer ausufernden Gesellschaft gespannt. Auch werden ungesund verwöhnte Kinder geradezu neurotisiert und antiautoritär (v)erzogene Kinder werden um eine schöne, maßvolle und frohe Jugendzeit betrogen.
Menschenskinder - Kinder der Menschen, ihr verdient ganz unverdient unsere Achtung und Liebe: ihr, die ihr noch nicht geboren seid und ihr, die ihr uns mit eurem kindlichen Lachen erfreut; ihr, die ihr uns schulische und erzieherische Sorgen macht und ihr, die ihr krank oder behindert seid. Ihr, die ihr sogenannte "Wunschkinder" seid, oder ihr, die ihr uns überrascht oder auch vor nicht geringe Probleme gestellt habt. Ihr, die ihr getauft wurdet und Jesu eigenes göttliches Leben bekommen habt und auch ihr, deren Eltern leider noch warten, die Kinder "zu Jesus zu bringen". Im heutigen Evangelium wird Jesus sogar unwillig, nicht über die Eltern, sondern über seine Jünger, die die Menschen und damit auch die Kinder schroff abwiesen. Die Jesus-Litanei im Gotteslob nennt dich, Jesus, nur mit ganz frommen Attributen. Du aber verdienst auch diese Anrufung: Du unwilliger Jesus - erbarme dich unser! Denn du hast die Kinder auf deine Arme genommen, ihnen die Hände aufgelegt und sie gesegnet. Jesus, du Gottes- und du Menschenkind!
nach obenJesus hat anders reagiert: "Er rief seine Jünger zu sich und sagte: Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle anderen. ...sie hat alles gegeben, was sie besaß." Alles geben! Wirklich alles? Diese Frau, "die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt". Wörtlich gemeint! "Alles geben" - ja, das ist Liebe. Jesus hat sein Leben für uns hingegeben. Und diesem Beispiel sind auf je eigene Art zu allen Zeiten Menschen gefolgt.
"Alles geben", das bedeutet mehr als seinen Geldbeutel zu leeren oder sein Bankkonto zu plündern für eine gute Sache. "Alles geben" kann auch beinhalten, daß jemand für seine Überzeugung und für sein Gewissen auf sein Ansehen verzichtet und sich dem Kopfschütteln und Unverständnis seiner Mitmenschen aussetzt, daß er seinen Rang, Beruf oder Namen dem Gespött der Leute preisgibt. Dieses "Alles geben" hat Jesus uns durch seine Menschwerdung gezeigt; Paulus weist darauf im Philipper-Brief 2,6-8 hin: "Er war wie Gott, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich, wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich...".
Dieses "Alles geben" hat auch im Leben des Franz von Assisi eine krasse Szene ausgelöst: Sein Vater fand über die unerklärliche Verwandlung seines Sohnes keine Worte mehr und wollte ihn deshalb durch einen gerichtlichen Entscheid von seinen Verrücktheiten abbringen. Bischof Guido von Assisi forderte ihn auf, das Geld dem Vater zurückzugeben. Er aber legte dazu auch noch seine Kleider ab und sagte: "Bis jetzt nannte ich Pietro Bernardone meinen Vater. In Zukunft will ich sagen: Vater unser, der du bist im Himmel." Durch diesen Verzicht war Franz zur untersten gesellschaftlichen Stufe abgestiegen. Er hat "Armut" umfassend wörtlich gemeint. Auf meinem langen Fußpilgerweg hinüber nach Vorarlberg und in die Schweiz, wo der heilige Kapuziner Fidelis von Sigmaringen lebte und als Märtyrer starb, kam mir oft die Frage, weshalb dieser Mann seine Juristenkarriere aufgegeben hat. Ausschlaggebend war wohl, daß er die Falschheit und Ungerechtigkeit seiner Kollegen schmerzlich spürte, aber nicht ändern konnte. So folgte er dem nach, der von sich mit Recht sagen konnte: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" (Joh 14,6).
Dieser besagte Pilgerweg führte mich auch hinüber zu Klaus von der Flüe. Viele verstehen ihn bis heute nicht, diesen hochangesehenen hageren Mann, Familienvater und Bauer, Politiker und Richter. Gerade in diesen öffentlichen Ämtern, die mit Geld, Paragraphen, Einfluß und Macht zu tun haben, mußte er Lügen und Korruptheit erleben. In seinen Idealen zwar unterlegen, folgte er dem Rufe Gottes in die Einsamkeit des Ranft und wurde von dort unten aus zum gesuchten Berater, Friedensstifter und Beter für sein Volk. Er hat es wörtlich gemeint und danach gehandelt: "Und wer um meines Namens willen Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder, Äcker oder Häuser verlassen hat, wird ein Vielfaches dafür bekommen und das ewige Leben gewinnen"(Mt 19,29).
Und Bruder Konrad: Auch er hat den Ruf Gottes gehört und wörtlich gemeint und seinen großen Venus-Hof im Rottal verlassen. Viele meinten, er wäre nicht ganz bei Trost. Doch er hat alles gegeben, was er besaß. Und so kann er seinen Geschwistern von unserem Altöttinger Kloster aus schreiben: "...ich mußte alles verlassen, was mir lieb und teuer war ...ich konnte nicht anders.", nun "bin ich ganz glücklich und zufrieden". Auch die Witwe im Evangelium weiß nichts von ihrer Größe. Sie ist glücklich, daß ihre Gabe angenommen wurde. Und Jesus hat sie gesehen.
nach obenIrgendwo gibt es immer die Stelle in unserem Leben, wo wir am liebsten davonlaufen möchten. Einmal etwas ganz anderes tun! Oder aus Verärgerung, Enttäuschung, Zorn, Aussichtslosigkeit wegrennen. Oder: Noch einmal ganz von vorne anfangen wenn das nur ginge! Oder: Wir sind plötzlich von einer Idee begeistert und möchten gerne heute noch dazu aufbrechen.
Im Evangelium des 3. Adventsonntags heißt es: "Die Leute fragten den Johannes den Täufer: Was sollen wir also tun?" Und Johannes, der Prophet, der dem Messias voranging, gab den Leuten drei Antworten. Mit diesen Antworten mahnte er sie zugleich zur Umkehr und wies sie auf den Größeren, der nach ihm kommen sollte, hin.
l. Teilen: "Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso (3,11)." Ich denke: Die gutgesinnten Menschen in unserem Land und besonders auch in unserer Kirche, in unseren Pfarreien, Gruppen und Familien schaffen insbesondere in der vorweihnachtlichen Zeit dieses "millionenschwere Wunder" und teilen mit den Armen hier im Land und in der weiten Welt. Dazu kommen die vielen stillen Geber, auf die das Wort Jesu zutrifft: "Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut. Dein Almosen soll verborgen bleiben, und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten (Mt 6,3f)". Ein ganz herzliches Vergelt´s Gott allen Gebern und Helfern!
2. In Ordnung leben: Zöllner, die sich taufen lassen wollten, fragten Johannes: "Meister, was sollen wir tun? Er sagte zu ihnen: Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist (3,12f)." Jede menschliche Gemeinschaft braucht ihre Ordnung. Wo Menschen die Normen, die Gebote und Verbote, zum eigenen scheinbaren Vorteil übertreten, stören oder zerstören sie die Ordnung, die auch ihrem Leben rechten Bestand gibt. In diesen Bereich gehören auch viele Belange der Moral: des politischen Anstandes, der gerechten Güterverteilung, der Ehrfurcht und Achtung menschlicher Sexualität, der Unantastbarkeit des Lebens, der Bewahrung der Schöpfung und des Bemühens um Gerechtigkeit und Wahrheit, Toleranz und Freiheit.
3. Die Menschenwürde achten: Vielleicht hätte es auch den Soldaten, die ihn fragten "Was sollen denn wir tun?" gefallen, wenn Johannes gesagt hätte: Tretet aus der Truppe aus, desertiert, verweigert den Militärdienst, taucht unter! Dann wäre ihnen ihre Entscheidung über ihr Verhalten als Besatzungssoldaten abgenommen worden. Aber Johannes sagte, sie sollten bleiben, wo sie sind: "Mißhandelt niemand, erpreßt niemand, begnügt euch mit eurem Sold! (3,14)." Wir leben in einer Zeit, wo in vielen Ländern dieser Welt Mißhandlung, Folter und Todesstrafe zur täglichen brutalen Wirklichkeit gehört. Die Exzesse im jüngsten Balkankrieg oder in den kriegerischen Auseinandersetzungen in Afrika mit Schändungen und Vergewaltigungen, KZ-Methoden und massenhaften Hinrichtungen erschütterten die Menschen; doch auch bei uns tobt der Krieg und die Unmoral über die Bildschirme und entlädt sich in vielen unterschiedlichen Greueltaten. Wie viele Menschen werden auf oftmals subtile Weise erpreßt und wissen nicht mehr ein noch aus. Und wieviele Menschen begnügen sich nicht mehr mit ihrem "Sold": Immer mehr, immer gekonnter, schlauer und raffinierter kassieren sie ab. Glücksspiele und kriminelle Methoden, Aktienfieber und unmoralische Gehälter wie in manchen Sportarten und im Showbusiness verderben den Charakter. Überall, wo wir stehen, müssen wir uns für die Menschenwürde einsetzen.
Die Menschen um Johannes den Täufer spürten, daß sich irgendetwas in ihrem Leben ändern mußte; darum ihre Frage: "Was sollen wir tun?" Er aber weist sie hin auf Jesus, "der stärker ist als ich" und der kommen wird, "um die Spreu vom Weizen zu trennen" (3,16f). Auf ihn, den wahren Erlöser der Welt, warten wir in diesen Wochen. Er zeigt uns in Wort und Tat, was wir tun sollen.
nach obenDie Heimat hat für den Menschen eine ganz große Bedeutung. Nicht nur ein Denkmal, nicht nur manche Tafel an einem Gebäude erinnert an das Geburtshaus oder an das Haus, wo ein berühmter Mensch aufgewachsen ist, sondern auch kleine Orte und große Städte sind stolz darauf, als Heimat bedeutender Persönlichkeiten zu gelten. So entdeckte ich auf einer Wanderung durch den Bregenzer Wald das Geburtshaus Hermann Gmainers, des Gründers der internationalen SOS-Kinderdörfer, im Pfaffenwinkel abseits des Wanderweges das des berühmten Barockbaumeisters J. B. Zimmermann und Salzburg profitiert bis heute von seinem weltbekannten Sohn W. A. Mozart. Auch der hl. Franziskus kehrte immer wieder in seine geliebte Heimatstadt Assisi zurück und hat sie vor seinem Sterben noch gesegnet. Und heute hören wir im Evangelium vom 3. Sonntag im Jahreskreis, daß auch Jesus nach Nazareth zurückkehrte, wo er aufgewachsen war. Dort wollte er seine Sendung verkünden.
In der Synagoge von Nazaret muß eine gespannte Atmosphäre geherrscht haben. Der Sohn dieser Stadt, der schon überall bekannt war und von vielen gepriesen wurde, spricht nun zum ersten Mal in ihrem Gotteshaus. Was wird er ihnen, seinen Mitbürgern, sagen? Man reicht ihm das Buch des Propheten Jesaja. Und hier findet er die Stelle, wo über den Gesalbten Jahwes geschrieben wird: "Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe" (4,18f).
Gesalbt: Wieviel denken wir an die Salbungen der Kirche in unserem Leben? Katechumenenöl, Chrisam und Krankenöl werden vom Bischof während der Karwoche in einem festlichen Gottesdienst unter Teilnahme möglichst vieler Priester geweiht. "So wird der Brunnen des Öls für ein Jahr gefüllt" (Kapellari). Und aus diesem Brunnen wurden wir getauft und gefirmt und wir können gestärkt werden für den letzten großen Weg. Der in Taufe und Firmung an Scheitel und Stirn gesalbte Christ erhält Anteil an der königlichen und prophetischen Priesterwürde Christi. Priester und Bischöfe werden für ihr hohes Amt gesalbt. Aber auch Kirchen, Altäre und anderes heiliges Gerät werden gesalbt. Bischof Kapellari schreibt: "Die Sprache des Ölsymbols versteht in ihrer Tiefe wohl nur, wer eine Stunde lang in einem Olivenhain still verweilt hat. Eine solche Stunde wäre auch die Zeit einer Besinnung auf die eigene Taufe und Firmung und einer Erneuerung der Kraft dieser Sakramente."
Gesandt: Jesus fährt im Text weiter: "Er hat mich gesandt." Gesandt, den Armen die Heilsbotschaft zu bringen durch Hilfsbereitschaft und Barmherzigkeit, durch Wahrheit und Liebe. Gesandt, um den Gefangenen die Freiheit zu bringen im Gewirr der Verstrickungen und der Schuld des Lebens. Gesandt, um den Blinden das Augenlicht zu verkünden: das heißt doch, ihnen überhaupt erst zu sagen, daß sie Sehende sein können; einander die Augen öffnen, d. h. einen guten Weg zeigen und wieder ins Licht führen. Gesandt, die Zerschlagenen wieder in Freiheit zu setzen; ihnen zu sagen, daß sie als freie Kinder Gottes in seinen Händen ruhen können. Gesandt, ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen - nicht nur im Jahr 2000, sondern auch 2001.
Mit dem Gnadenjahr des Herrn können wir täglich beginnen. Für das, was der Herr uns in seinem Programm gesagt hat und was er uns durch sein Leben vorgelebt hat, für diese Nachfolge des Herrn ist es nie zu spät. Gnade heißt: Wohlwollen, Gunst und das Herabneigen Gottes zum Menschen - aber auch all das, was daraus an Gutem und an Liebe entstehen kann. Gewiß ist dieser Weg nicht immer leicht; er war es auch für Jesus nicht. Darum gilt: "Der Jünger steht nicht über dem Meister." Aber wenn wir immer auf Jesus blicken, dann brauchen wir uns in unserem Tun nicht irritieren zu lassen, dann geht er mit uns. Und er bleibt bei uns das ganze Leben lang - von der Heimat bis zur Ewigen Heimat in seinem Vaterhaus.
Die Betrachtung zum 8. Sonntag im Jahreskreis möchte ich mit einer Tierfabel beginnen: Eine Elster fand auf einem ihrer Streifzüge ein kleines kunstvolles Nest. Als sie aber erfuhr, daß es dem kleinen Zaunkönig gehörte, lachte sie verächtlich und rief: "Was für ein erbärmliches Nest!" Ein anderes Mal bemerkte sie auf einer Felsplatte einen Haufen Reisig, Laub und Federn. Man sagte ihr, das sei das Nest des Adlers. Da rief sie voll Bewunderung: "Welch kunstvoller Bau!"
Jeder spürt bei dieser Fabel: Der Elster geht es in dieser Angelegenheit nicht darum, wie groß, schön und kunstvoll das Nest ist, sondern es geht ihr letztlich um den Besitzer. Wie oft urteilen auch wir Menschen ungerecht und wie oft bestimmt auch unser "Vorurteil" das "Urteil". Und meistens merken wir es gar nicht. Wie oft trifft auch auf uns selber zu, was in der 1. Lesung dieses Sonntags aus dem Buch Jesus Sirach zu lesen ist: "Im Sieb bleibt, wenn man es schüttelt, der Abfall zurück; so entdeckt man die Fehler eines Menschen, wenn man über ihn nachdenkt (27,4)."
Auch das heutige Evangelium, das aus einer großen Rede Jesu genommen ist, mahnt uns zur Vorsicht. Drei Bilder gebraucht Jesus: das Bild vom Blinden, der den Blinden führt, das Bild vom Splitter und Balken und das Bild vom guten und schlechten Baum mit ihren entsprechenden Früchten. Mit diesen Bildern ermahnt Jesus seine Jünger, sich immer wieder an ihm zu orientieren und ihr Leben nach ihm auszurichten. Was Jesus den Jüngern sagt und sagen muß, das muß auch für uns heute gelten. Man kann nicht den Willen Jesu und die Weisungen der Schrift und die Liebe predigen, ohne sich zu bemühen, dies alles selber zu erfüllen. Es geht nicht an, bei anderen Fehler zu kritisieren und selbst ganz frech weiterhin Dinge zu tun, die nicht in Ordnung sind. Es muß zumindest das Bemühen spürbar sein, daß Worte und Taten übereinstimmen, sonst ist die Predigt und jedes pädagogische Bemühen unglaubwürdig und wird keinen Erfolg haben. Im Kinderspiel oder im Faschingszug mag es eine lustige Nummer sein, wenn Blinde Blinde führen - im manchmal recht ernsten und beschwerlichen Alltag geht das nicht: Da fallen beide in die Grube.
Auch das nächste Bild Jesu trifft auf uns zu und trifft uns: das Bild vom Splitter im Auge deines Bruders. Die Splitter im Auge des anderen erscheinen uns riesig; seine Fehler und Schwächen sind offensichtlich und - so meinen wir - wären doch so leicht zu bekämpfen. Unsere eigenen Fehler aber - so verteidigen wir uns gerne selber - sind nicht so schlimm - und schließlich können wir ja nicht aus unserer Haut! Darum läuft unser Denken etwa so: Wenn ich etwas von anderen Menschen wissen will und Leute über sie befrage, dann ist das von notwendigem Interesse. - Wenn du über "liebe Mitmenschen" redest, dann tratschst du, dann ziehst du ja die anderen nur durch. Oder: Fast stellen wir es wie eine Tugend heraus: Ich bin sensibel und verletzlich, aber du bist gleich eingeschnappt, krankhaft-mimosenhaft und ewig-nachtragend. Oder: Ich gönne mir gelegentlich etwas, man gönnt sich ja sonst nichts. - Du aber, du bist verschwenderisch, du kennst keinen Bahnhof und wirfst dauernd das Geld beim Fenster hinaus. Oder: Ich bin impulsiv und muß halt mal Dinge richtig stellen. - Du aber wirst in deinem Jähzorn vom Teufel geritten, du bist ein Gifthaferl und Choleriker. Oder: Ich bin halt schlau und mich kann man nicht so leicht über´s Ohr hauen, aber du bist raffiniert, hinterhältig und ein Betrüger. Oder: Ich bin objektiv, beurteile die Lage nach Fakten und Zahlen und bleibe stets korrekt; ich bin also ein gradliniger Mensch, ganz zum Wohl der anderen. - Du aber, du willst lediglich deine eigenen Vorstellungen durchsetzen und mit dem Kopf durch die Wand. - Und so weiter...
Wem fällt da nicht dieser kleine Vers ein, der spöttisch die Eigenart von uns Menschen kritisiert: "Die Menschen sind schlecht, sie denken an sich, nur ich denk an mich!" Jesu treffende Kritik will aber den Menschen nicht zerstören, auch nicht im dritten Bild vom "guten und schlechten Baum", aber sie mahnt uns, im Herzen das Gute zu fördern, dann wird ein guter Mensch auch immer Gutes hervorbringen.
Joh 8,1-11
1 Jesus aber ging zum Ölberg. 2 Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es. 3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte 4 und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. 5 Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du? 6 Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 7 Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie. 8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. 9 Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. 10 Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? 11 Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!
Eine Errettungsgeschichte ganz eigener Art erzählt uns das Evangelium vom 5. Fastensonntag, dem Passionssonntag: Die Geschichte von Jesus und der ehebrüchigen Frau. Mag diese Geschichte allzu Strengen nicht in den Kram passen, weil der Herr gegenüber dieser Frau so gütig ist, so ist sie doch für uns sündige Menschen notwendig. Die Heilige Schrift zeigt nämlich, dass jede Schuld als Ehebruch gegenüber Gott, dem Getreuen, gilt.
So auch hier: Ein konkretes Versprechen, wie zum Beispiel ein Eheversprechen, zur Disposition zu stellen oder zu brechen, ist eine Sünde. Jesus nennt Sünde noch Sünde: "Geh hin und sündige nicht mehr!" Er relativiert also nicht, er ist nicht tolerant, er lässt die Frau nicht einfach großzügig in ihrem Lebensstil gewähren. Aber Jesus stellt sich nicht in die Reihe der Verurteiler, sondern gegen diese mit der Frage: "Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe als erster einen Stein auf sie." Da wird die Frage zur Gewissenserforschung. Es stellt sich heraus, dass wir alle vorsichtig sein müssen.
Die Geschichte mit der Ehebrecherin ist aber auch notwendig, weil es noch einen Aspekt gibt, auf den der berühmte, große Theologe Karl Rahner in der Betrachtung dieses Evangeliums hinwies. Er sagt: Die Kirche ist diese Frau, die immer wieder ehebrüchig wird und damit im Sinne der Heiligen Schrift eben Schuld auf sich lädt. Diese Kirche ist in der Tat eine Kirche der Sünder, vom Haupt bis zu den Gliedern. Es ist aus diesem Grund nicht korrekt, dass die Kritik an der schuldbeladenen Kirche heute in der Öffentlichkeit und in den Massenmedien, aber auch bei kirchlichen Gruppierungen, meist bei der Hierarchie der Kirche ansetzt. Sünder sind wir alle.
Wenn die Kirche diese Frau ist, dann muss sie sich gefallen lassen, dass sie vor das Forum der "Gerechten" gezogen wird. Die Gerechten kennen die Gesetze und sie wissen, wo's lang geht. Die Gerechten haben natürlich in vielen Dingen recht, sie sind gescheit, vielseitig und meist hochstudiert. Aber weil sie nun so sicher sind, heben sie die Steine auf, um ihr manchmal gnadenloses Urteil gegen die Kirche zu vollziehen. Da steht sie da, die sündige Frau Kirche. Ihre Geschichte ist belastet von so manchem Treuebruch gegen Gott: Machenschaften und Ämterschiebung, Geldgeschäfte und Machtanspruch, Inquisition und Kreuzzüge, Hexenverbrennung und Frauenfeindlichkeit und anderes mehr. Da vertritt sie Positionen, wo vielen Zeitgenossen im besten Fall ein mitleidiges Lächeln kommt: von der Jungfrauengeburt bis zum Zölibat. Darum möchten viele diese Kirche am liebsten steinigen.
Schauen wir nun wieder auf Jesus, der in den Sand schreibt. Was dieses "in den Sand schreiben" damals alles bedeutet hat, weiß ich nicht. Aber ein Einfall ist mir beim Nachdenken darüber gekommen: Die Schriftgelehrten und Pharisäer greifen zu den harten Steinen, Jesus aber bückt sich und schreibt auf die Erde, d.h. in den weichen Sand. Jemand hat dazu folgende Verse gedichtet: "Du schreibst auf die Erde, während die anderen die Sünde anprangern, die zum Himmel schreit. - Du schreibst auf die Erde, während die anderen sich auf das Gesetz berufen. - Du schreibst auf die Erde, während die anderen eine Handhabe gegen dich suchen. - Du schreibst auf die Erde, unbeirrbar, immer wieder, auch heute auf diese Erde, auf der wir leben: VERSÖHNUNG!"
Jesus und die Ehebrecherin, Jesus und die Schuld und Sünde der Menschen, Jesus und seine Kirche, Jesus und so viele verfahrene Situationen bei uns armseligen Menschen - Jesus, der das Wort VERSÖHNUNG schreibt. Unser Papst hat dieses Versöhnungsgebot aufgenommen in seine Ehe-Enzyklika "Familiaris consortio" (Nr.84) und die Seelsorger und alle Gläubigen ermahnt, "den Geschiedenen in fürsorgender Liebe beizustehen, damit sie sich nicht als von der Kirche getrennt betrachten, da sie als Getaufte an ihrem Leben teilnehmen können, ja dazu verpflichtet sind." Wenn wir in den kommenden Wochen des Leidens und Sterbens Christi gedenken, dann möchte uns die Frau und Mutter Kirche Jesus wieder nahe bringen, der dem Menschen in seiner Unvollkommenheit und seiner Schuld Gottes Barmherzigkeit und Frieden durch seinen Tod und seine Auferstehung bringt.
nach obenDas Evangelium nach Johannes (Joh 10, 27 - 30)
-----------------------------27 Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir. 28 Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreißen. 29 Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle, und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen. 30 Ich und der Vater sind eins.
-----------------------------Sie wollte Schäferin werden, eine Tochter des Dr. Dr. Oberstudiendirektors meines ehemaligen Gymnasiums. Ihre Eltern legten der jungen Abiturientin nichts in den Weg. Schäferin zu werden ist kein leichter Beruf. Von wegen "Aussteigen" oder Romantik! Sie musste viel lernen, sich auskennen mit den Schafen und Böcken, mit dem Wetter und den Weiden, mit dem Gebären und dem Sterben, mit dem Pelz und der Wolle, mit den Hunden und mit allen Vorschriften und schließlich auch mit ihrer eigenen Sicherheit und der ganzen Lebensweise in der Natur. Einmal schrieb die junge Frau einen Artikel "Meine Schafe" - und als der evangelische Landesbischof diesen las, schrieb auch er einen Artikel "Meine Hirten". Von Jesus und dem "guten Hirten" und von den "Schafen" ist auch im heutigen Evangelium die Rede.
Dieses Evangelium passt zum heutigen "Weltgebetstag für geistliche Berufe". Das Anliegen ist, im starken und beständigen Gebet den Herrn zu bitten, dass er Arbeiter in seine Ernte schicke. Die Ernte ist schließlich groß und der Arbeiter sind wenige, so sagte es Jesus zu seinen Jüngern, damals, als er die vielen Menschen sah und Mitleid mit ihnen hatte, "denn sie waren müde und erschöpft, wie Schafe, die keinen Hirten haben" (vgl. Mt 9,36-38).
Gewiss, die Menschen wollen sich nicht gern als "Schafe" betiteln lassen und zu den "Hirten" sind heute auch "Hirtinnen" dazugekommen; allein das Aufgabenfeld und der geforderte Dienst sind seit Jesu Zeiten geblieben: "Jesus zog durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen verkündete das Evangelium vom Reich und heilte alle Krankheiten und Leiden"(Mt 9,35). Heute nun "weiden" nicht nur Priester und Ordensleute die "Herde", heute arbeiten mit Fachwissen, Engagement und großer Liebe auch viele Berufene in Geistlichen Gemeinschaften und viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im kirchlichen Dienst mit unterschiedlicher Ausbildung in unseren Pfarrgemeinden und Schulen in geistlichen Häusern und kirchlichen Ämtern - und ohne sie würde sehr viel nicht möglich sein oder ganz zusammenbrechen. Schon der hl. Paulus weist in 1 Kor 12,4-11 darauf hin, dass es im "gleichen Geist" verschiedene Gnadengaben, Dienste und Kräfte gibt, die wirken, aber nur einen Gott: er wirkt alles in allem. Den Hirten und Hirtinnen sind wir zu großem Dank verpflichtet.
Was geblieben ist, ist dennoch die Sorge um geistliche Berufe. Aber es ist nun nicht so sehr unsere Aufgabe dauernd zu jammern, dass zu viele Schafe zu wenige Hirten haben oder zu wilde Böcke schärfere Schäferhunde bräuchten, sondern dass es gilt, auch in unserer Zeit die vom Herrn Berufenen zu entdecken, gesund zu fördern und mit unserem beständigen Gebet vertrauensvoll zu begleiten. In einem bestimmten Alter taucht die Frage auf: Was soll ich werden? Was ist der richtige Beruf für mich? Dann reden viele mit und geben Ratschläge. Und selbst hat man auch Vorstellungen, was man tun will. Meine Mutter fragte mich auf einem kleinen Spaziergang vom Hof zu unserem Wald nur ganz kurz und ohne alles penetrante Hineinreden: "Willst du Priester werden?" Mehr nicht! Diese Fragen sind wichtig. Eine gute Berufswahl entscheidet viel im Leben. Ich selber aber muss mich fragen: Wer bin ich? Was lebt in mir? Welche Fähigkeiten und Gaben habe ich? Dann kann ich auch leichter entdecken, was ich werden will. Der "rote Faden" unseres Lebens, das Geheimnis, das in uns lebt, nennt man auch Berufung. Gott schaut uns an und ruft Uns, ganz unverwechselbar und einmalig: Du bist wichtig! Zum Anruf Gottes: Das ganze JA.
Berufung ist ein Weg mit wichtigen Stufen: Die Berufung zu mir selber, die Zugehörigkeit zu Jesus und zur Gemeinschaft der Kirche und schließlich der Dienst bei den Menschen. Dazu ist es wichtig, dass seelisch und religiös gesunde Menschen sich vom Guten Hirten ansprechen lassen, damit nicht die Häuser und Schulen, die auf die kirchlichen Dienste vorbereiten, die "reinsten Reparaturwerkstätten" sein müssen. Ich denke: Neben einer guten geistlichen Begleitung und einer möglichen Therapie von Verletzungen in der Lebensgeschichte ist das Wichtigste: Mut und Kraft, Gebet und Gottvertrauen. Einer unserer erfahrenen Erzieher sagte: "Buam, seids gscheid - Buam, habts a Freid - Buam, habts a Schneid!" Gebe Gott, dass so die Herde nicht ohne Hirten bleibe.
nach obenDas Buch Deuteronomium (Dtn 30, 10 - 14)
-----------------------Denn der Herr wird sich, wie er sich an deinen Vätern gefreut hat, auch an dir wieder freuen. Er wird dir Gutes tun, 10 wenn du auf die Stimme des Herrn, deines Gottes, hörst und auf seine Gebote und Gesetze achtest, die in dieser Urkunde der Weisung einzeln aufgezeichnet sind, und wenn du zum Herrn, deinem Gott, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele zurückkehrst. 11 Denn dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. 12 Es ist nicht im Himmel, so dass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? 13 Es ist auch nicht jenseits des Meeres, so dass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? 14 Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.
------------------------Das Evangelium nach Lukas (Lk 10, 25 - 37)
Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? 26 Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort? 27 Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. 28 Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach, und du wirst leben. 29 Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? 30 Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen. 31 Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. 32 Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter. 33 Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, 34 ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. 35 Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. 36 Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde? 37 Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!
-------------------------Liebesgeschichten
"Du, ich liebe Dich!" Wenn ein Mensch einem anderen Menschen dieses Wort ehrlich und aus dem Herzen kommend ins Ohr flüstert, dann kann das das Leben dieses Menschen grundlegend verändern. In der ersten Lesung aus dem alttestamentlichen Buch Deuteronomium 30,14 heißt es: "..., das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten." Dieses Wort, das Gebot Gottes, "geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir". Ich muss nicht zum Himmel hinaufsteigen und ich muss nicht übers Meer fahren, um dieses Wort, das sich im Gebot Gottes zeigt, herunter- und herüberzuholen, nein, dieses Wort ist ganz nahe bei dir. Gott hält den Menschen nicht fest und hämmert ihm mit Gewalt sein Liebesgebot ein, sondern er lädt ihn ein, auf seine Stimme zu hören "und auf seine Gebote und Gesetze zu achten". Damit kann der Mensch gut leben.
"Du, ich liebe dich!" Wenn ein Mensch einem anderen Menschen dieses Wort unehrlich und aus Berechnung ins Ohr flüstert, dann kann das das Leben dieses Menschen zerstören. Im heutigen Evangelium Lk 10,25-37 wollte ein Gesetzeslehrer mit der Frage, wie man das ewige Leben gewinnen kann, Jesus auf die Probe stellen. Jesus verweist ihn auf das Hauptgebot der Liebe. Den Wortlaut dieses Liebesgebotes konnte der Theologe natürlich sofort aufsagen. Da sagte Jesus zu ihm: "Du hast richtig geantwortet. Handle danach, und du wirst leben." Soweit - so gut; doch "... wer ist mein Nächster?" Diese Frage des Gesetzeslehrer wollte nun Jesus nicht rein theoretisch be- antworten, sondern er erzählte eine Liebesgeschichte besonderer Art, eine Liebesgeschichte schlechthin: Es ist die Geschichte vom BARMHERZIGEN SAMARITER.
"Du, ich liebe dich?" Wenn Menschen einen anderen Menschen überfallen, ausplündern und zusammenschlagen, dann ist das ein Gewaltverbrechen. Dieser Mensch, ein Mann der von Jerusalem nach Jericho ging, blieb halbtot am Wegrand liegen. Gott sei Dank, möchte man sagen, dass auf diesem Weg einige Leute an dem Verbrechensopfer vorbeikamen. Zuerst ein Priester. Gewiss hatten die Priester damals keinen Pastoraldienst im heutigen Sinne zu leisten, aber ihnen oblag der gesamte Verkehr mit Gott. Sie waren der "Mund Jahwes", belehrten und unterwiesen die Leute in den Gesetzen und führten den Altardienst aus. Gut ausgebildet im Umgang mit den heiligen Schriften und gekonnt in der Verkündigung, waren sie doch keine Menschen der Liebe; wenigstens der eine Priester nicht, von dem es heißt, dass er zwar den Schwerverletzten sah, aber dennoch weiterging. Und genauso reagierte auch der Levit, der vorbeikam. Ihm war zwar der Kultdienst übertragen, aber dem notleidenden Nächsten zu helfen, davon wollte er auch nichts wissen." Er sah ihn und ging weiter."
Jesus möchte uns sagen: Man kann auch als "Priester und Levit" zwar einen erhabenen und heiligen Dienst im Tempel tun und Gottes Wort meisterlich verkünden, die Tat der Liebe, auf die es ankommt, kann dennoch auf der Strecke bleiben. Auch die schönsten Lobreden und die frömmsten Predigten bleiben hohl, wenn sie sich nicht in der konkreten Tat der Liebe bezeugen.
"Du, ich liebe Dich!" Dann kam ein Mann aus Samarien. Beim Anblick des geschundenen Menschen erfasste ihn Mitleid. Er gießt Öl und Wein auf die Wunden und verbindet sie. Er bringt ihn mit seinem Reittier zur nächsten Herberge. Er sorgt für ihn und zahlt, dass dort für ihn gesorgt wird. Und er kümmert sich weiter um ihn.
Die Samariter galten bei den Juden als Heiden und Ausgestoßene, als kultisch unrein angesehenes Mischvolk und die Feindschaft beruhte auf Gegenseitigkeit. Deswegen wird die Frage Jesu an den Gesetzeslehrer ganz brisant: "Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste erwiesen?" Und der Gesetzeslehrer musste zugeben: "Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat." Jesus aber stellt ihn nicht bloß, sondern gibt ihm den Rat der Liebe: "Dann geh und handle genauso!" Dies letzte Wort gilt jedem von uns, wie unser Leben immer auch aussieht. Lothar Zenetti sagt es so: "Wofür sollen wir leben, sag uns wofür? So viele Gedanken, welcher ist wichtig? So viele Programme, welches ist richtig? So viele Fragen! Nur die Liebe zählt."
Das Evangelium nach Lukas (Lk 16,1-13)
--------------------------Jesus sagte zu den Jüngern: Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Diesen beschuldigte man bei ihm, er verschleudere sein Vermögen. 2 Darauf ließ er ihn rufen und sagte zu ihm: Was höre ich über dich? Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung! Du kannst nicht länger mein Verwalter sein. 3 Da überlegte der Verwalter: Mein Herr entzieht mir die Verwaltung. Was soll ich jetzt tun? Zu schwerer Arbeit tauge ich nicht, und zu betteln schäme ich mich. 4 Doch - ich weiß, was ich tun muß, damit mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich als Verwalter abgesetzt bin. 5 Und er ließ die Schuldner seines Herrn, einen nach dem andern, zu sich kommen und fragte den ersten: Wieviel bist du meinem Herrn schuldig? 6 Er antwortete: Hundert Faß Öl. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich gleich hin, und schreib «fünfzig». 7 Dann fragte er einen andern: Wieviel bist du schuldig? Der antwortete: Hundert Sack Weizen. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, und schreib «achtzig». 8 Und der Herr lobte die Klugheit des unehrlichen Verwalters und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes. 9 Ich sage euch: Macht euch Freunde mit Hilfe des ungerechten Mammons, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es (mit euch) zu Ende geht. 10 Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen. 11 Wenn ihr im Umgang mit dem ungerechten Reichtum nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen? 12 Und wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann euer (wahres) Eigentum geben? 13 Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben, oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.
"Abschied ohne Weihrauch", so überschrieb ein Rettungssanitäter folgendes Erlebnis: Nachtdienst im Rettungswagen. Gegen 22 Uhr müssen wir einen Schwerkranken in die Klinik fahren. Nichts Außergewöhnliches, wenn dieser Patient nicht eben ein Olympiasieger gewesen wäre. Unzählige nationale und internationale Erfolge. Die Krönung: Olympisches Gold! Der Sportler wusste ganz genau, dass er zum Sterben ins Krankenhaus gefahren werden sollte. Wir banden ihn auf der Trage fest, damit wir ihn die steile Treppe nach unten bringen konnten. Wir mussten durch den "Salon", wo in vielen Vitrinen Pokale aufgestellt waren, Medaillen hingen an den Wänden, unzählige Urkunden und Ehrengeschenke legten Zeugnis ab von den großen Erfolgen. Unten angekommen, bäumte sich urplötzlich der Mann mit ungeahnter Kraft auf und bat mit beschwörender Stimme: "Könnten wir nicht noch einmal zurückgehen? Bitte, noch ein einziges Mal in den Salon!" Zurück, die steile Treppe noch einmal hinauf und in den Salon. Langsam, ganz langsam trugen wir ihn um den massiven Eichentisch herum... "Wissen Sie", sagte er damals zu uns, "von alledem kann ich jetzt nichts mitnehmen, überhaupt nichts. Ich danke Ihnen, dass ich das alles noch einmal sehen durfte." Der Olympiasieger ist noch in derselben Nacht im Krankenhaus gestorben.
Wenn das Leben eines Menschen zu Ende geht, da wird es wohl etwas eigenartig um den Menschen - da wird's auch um uns selber einmal anders werden. Jetzt können wir noch nicht ganz mitreden. Auch Franz von Assisi ließ auf dem Weg von Assisi nach Portiunkula die Krankenbahre nochmals absetzen und schaute auf seine geliebte Vaterstadt zurück und segnete sie, bevor erstarb. Und auch Bruder Konrad stand, als er die Pfortenglocke hörte, von seinem Sterbebett nochmals auf, hielt einen Leuchter mit brennender Kerze und wollte zur Pforte gehen. Doch vorbereitet und ohne Angst vor dem Sterben sagte er: "Wie, Gott will!"
Manche wollen ihr Leben vor Gott noch in Ordnung bringen und rufen nach dem Priester; andere versöhnen sich mit ihren Mitmenschen oder geben noch ihren letzten Willen kund. Wieder andere, deren Herz im Materialismus und Egoismus stecken blieb, möchten noch alles "mitnehmen". Doch wenn das Leben eines Menschen zu Ende geht, dann bleibt in der Bewertung doch nur, was er an Hilfsbereitschaft und Gemeinschaftssinn gezeigt hat, an innerer Aufrichtigkeit und Freundlichkeit und was er an Glauben, Barmherzigkeit und Liebe aufzuweisen hatte.
Im Sonntagsevangelium wird im Gleichnis vom ungerechten Verwalter dieser von seinem reichen Herrn aufgefordert: "Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung!" Wir müssen für alles Rechenschaft ablegen - und zwar nicht nur am Ende, sondern täglich, auch vor unserem Gewissen. Dabei dürfen wir das ewige Ziel nicht aus dem Auge verlieren. Gott wird uns schon einmal fragen: Uns Priester nach den Menschen, die Eheleute nach ihren Partnern, die Eltern nach ihren Kindern und die Kinder nach ihren Eltern, die Lehrer nach ihren Schülern und umgekehrt, den Chef nach seinen Mitarbeitern, die Politiker nach ihren Wählern und uns alle nach den Mitmenschen, der Welt und der Kirche und wie wir mit der Schöpfung umgegangen sind.
Freilich sollten wir uns aber auch nicht täuschen, wir könnten Gott am Ende unseres Lebens mit ein paar guten Werken bestechen. Wir müssen schon in unserem ganzen Leben großzügig sein und dabei schon im Umgang mit den kleinsten Dingen zuverlässig und gewissenhaft sein - wie ein guter Verwalter. Jesus lobt im Gleichnis nicht die Gaunereien des ungerechten Verwalters, sondern dass er die kritische Situation doch noch begriffen hat und entsprechend gehandelt hat. Unser Leben hat sich dann gut erfüllt, wenn wir - wie im 1. Petrusbrief geschrieben - als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes dienen, jeder mit der Gnade, die er empfangen hat. Und da sind wir reich Beschenkte.
nach obenDer Brief an die Römer (Röm 13, 11-14a)
11 Bedenkt die gegenwärtige Zeit: Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. Denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. 12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. 13 Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht. 14 Legt (als neues Gewand) den Herrn Jesus Christus an, und sorgt nicht so für euren Leib, dass die Begierden erwachen.
Millionen Lichter - bald werden sie wieder brennen! In der ersten Hälfte des Novembers, in der ich diese Gedanken zum Advent schreibe, beginnen die Geschäfte die Weihnachtsdekoration zu installieren. Das ist gewiss nicht nur in den Fußgängerzonen Aschaffenburgs so, das ist überall so. Die Mesner überprüfen die Lichterketten für den weihnachtlichen Kirchenschmuck und die häuslichen Vorbereitungen beginnen in wenigen Wochen. Und dann stecken Sie die gelben, roten oder violetten Kerzen auf die Adventskränze oder zieren die Adventsgestecke. Ein Licht nach dem anderen wird entzündet, bis schließlich jene Feier davon kündet, dass uns DAS WAHRE LICHT DER WELT geboren wurde, das wirkliche Licht unter den abermillionen Lichtern, die alle unsere Sinne ansprechen sollen.
Was lässt eigentlich die adventliche und weihnachtliche Stimmung in uns aufkommen? Im ganzen Lichterzauber ist es eher ein schwaches Kerzenlicht, das aus oder in der Finsternis strahlt. Da ist es beglückend und erstaunlich, wie ein kleines, schwaches Licht die Finsternis vertreiben kann - auch die Finsternis in uns selber. Dieses Licht ist das Gute. Gutes in jeder Form und Gestalt: gute Gesinnung, guter Blick, gutes Wort, guter Gedanke, gute Tat! Schließlich das höchste Gut, von dem alles Gute kommt. Dieses höchste Gut in kleiner, schwacher Kindesgestalt, als Licht, das in die Finsternis leuchtet.
Oft haben wir den Eindruck, dass wir als Kinder doch am besten Advent und Weihnachten erlebt hätten. Wir haben manchmal das Verlangen nach diesem kindhaften Erleben. Was macht die Schönheit dieses Erlebens aus? Ist es nicht der Reiz des Neuen, des noch nie so Erlebten? Und dabei auch das unbewusste Ahnen einer verborgenen Wirklichkeit, die dahinter steht? Geheimnis nennt man das. Können wir als erwachsene Menschen nicht mehr Neues und Geheimnis erleben? Ja, haben wir nicht oft Angst vor dem Neuen? Und davor, dass es Dinge gibt, die wir schon lange kennen - und es wird uns gesagt, wir kennen sie nicht, weil sie unsagbar, eben Geheimnis sind. Gerade das trifft zu auf alles, was wir von Gott aussagen und zu wissen glauben.
Franziskus konnte in bezaubernder Kindlichkeit als erwachsener Mann immer wieder neu die Schönheit der Welt entdecken und mehr noch die Schönheit Gottes. Das Weihnachtsfest von Greccio, bei dem Franz von Assisi mit den armen und ärmsten Menschen jener Gegend die Geburt Christi feierte, war solch ein Erlebnis. Auch die heilige Klara von Assisi verstand das so. Deswegen wollte sie noch auf dem Sterbebett etwas Neues von Gott hören.
Geht uns eigentlich noch ein Licht auf, anders gesagt, können wir ebenso staunen über die Neuheit Gottes, über das, was uns in heutiger Zeit und in unserem jeweiligen Lebensalter entsprechend unserem Fassungsvermögen vom Geheimnis des Glaubens aufgeht. LICHT IN DER FINSTERNIS! Augen, die sich aus Blindheit auftun! Zugleich demütiges Erkennen und Zugeben, dass wir vieles noch nicht sehen und wohl nie ganz verstehen werden. Wollen wir Gott nicht sein Geheimnis, auch seine verborgenen Pläne mit uns selber und mit dieser unserer Welt lassen? Aber wir dürfen voll Vertrauen sein, dass ER Licht ist, alles weiß, alles vermag und alles tut in großer Liebe.
Vom wunderbaren Licht, das in der Finsternis leuchtet, ist in diesen Tagen viel die Rede - und wir spüren, das sind nicht die mehr oder weniger kunstvollen Weihnachtsdekorationen in unseren Innenstädten oder in unseren Wohnungen, nicht einmal in unseren Kirchen. Über das Lichtermeer jedoch nur zu spotten oder zu schimpfen macht aber auch keinen Sinn. Denn auch diese Lichter könnten uns hinführen zu dem wunderbaren Licht, das in der Finsternis leuchtet. Eine gewaltige Idee - menschgeworden im Kind Jesus Christus - hat angefangen, ihren Weg durchs Dunkel zu suchen. Der Mensch, den diese Idee Gottes erfüllt, ist von ihr unauslöschlich gezeichnet. Unsere Lichter werden bald nach Neujahr wieder verschwinden und von den grellen Faschingsdekorationen abgelöst werden. Einer aber bleibt und überdauert alle Zeiten, einer, der von sich selbst sagen konnte: ICH BIN DAS LICHT DER WELT!
nach obenAus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 5,13-16
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern mm stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.
Dieser Winter hatte es bisher in sich. Für Fußgänger und Verkehrsteilnehmer war doppelte Vorsicht geboten. Dennoch passierten so manche Unfälle auf den vereisten Wegen, Straßen und Autobahnen. Wenn auch das Streusalz vom ökologischen Standpunkt her nicht das optimale Mittel gegen Glatteis ist und wenn auch die Hausfrauen oder das Reinigungspersonal in unseren Kirchen über die Auswirkungen des Salzes jammern, so sind wir doch froh, wenn wir enteiste und möglichst trockene Gehsteige und Fahrbahnbelage vorfinden. - Das Salz freilich hat noch viele andere gute Eigenschaften.
"IHR SEID DAS SALZ DER ERDE" (Mt 5,13a). Jesus lebte in einem Land, in dem er wahrlich kein Glatteis zu befürchten hatte. Aber er wußte, daß das Salz gerade in sehr warmen Gegenden eine gesunde und konservierende Eigenschaft und Aufgabe hat. Salz war und ist, ein Sinnbild für Dauerhaftigkeit und schützt vor zu schneller Verwesung. Das gilt auch für menschliche Beziehungen. Bei Hochzeiten z.B. hat es einen alten Brauch gegeben: Den Brautleuten wurde beim Überschreiten der Türschwelle zu ihrer neuen Wohnung Brot und SALZ gereicht. Deshalb wurden Eheschließungen, Freundschaften und Verträge beim gemeinsamen Genießen von Brot und Salz besiegelt. Um der Liebe der Eheleute und um ihrer Kinder Willen, um der Ordensversprechen und der Heiligen Weihen willen, um der guten Freundschaften, Versprechungen und Verträge willen, bräuchten wir alle dieses Aussagekräftige Symbol SALZ besonders in unserer Zeit.
"IHR SEID DAS SALZ DER ERDE", das kann das Eis zum Schmelzen bringen. Wir wissen: Kälte und Eiszeiten gibt es ja nicht nur durch einen strengen Winter, es gibt viel Kälte auch unter uns Menschen. Wir müssen als Christen nun SALZ DER ERDE sein: auflösend - befreiend - vergebend! Des weiteren schützt SALZ vor Fäulnis. Es gibt viele faulen Stellen im Staat und manchmal auch in der Kirche. Wir leiden wohl alle darunter. In diesen Situationen hilft nicht das Jammern und Schimpfen, sondern es hilft, wenn wir uns bemühen, nach dem Evangelium zu leben. Das kann durchaus heißen, wie es Paulus erfahren hat, "wir haben den guten Kampf gekämpft". Im Kol-Br. 4,6 fügt er wohl deshalb hinzu: "Eure Rede sei allezeit ... mit Salz gewürzt."
"IHR SEID DAS SALZ DER ERDE", das den richtigen Geschmack gibt. Was wäre das Essen ohne Salz? Auch des Leben von uns Christen muß neue Würze für unseren Staat und unsere Kirche sein. Gegen die Schalheit, Ausgebranntheit und Verlogenheit. braucht es immer wieder eine Prise SALZ. Was von Glaube, Hoffnung und Liebe beseelt ist, muß ehrlich, mutig und selbstlos sein. Dieser Geschmack zeigt sich in den kleinen Prisen der Freude, der Hilfsbereitschaft, der Wahrhaftigkeit und des Optimismus. Diese Prise SALZ müssen wir Christen den Leuten, besonders den Mitchristen und gelegentlich auch den Weggefährten und Mitstreitern zumuten. An besonders heißen Tagen, an denen wir viel schwitzen, müssen wir salzhaltige Speisen zu uns nehmen, damit der "Haushalt des Körpers" durch den erhöhten Salzverlust nicht durcheinanderkommt. Salz ist zwar sauer, Zucker süß", aber Salz ist gesünder und lebensnotwendiger. Früher wurde bei der heiligen Taufe dem Täufling ein wenig Salz auf die Zunge gegeben - und der Priester sagte dazu: "Empfange das Salz der Weisheit", d.h., gib dem ganzen Menschen Würze, die von Gott kommt.
"IHR SEID DAS SALZ DER ERDE", denn dieses Salz trägt. Vom Toten Meer her kennen wir die Erfahrung, daß man bei einem Salzgehalt von 23% ohne Schwimmbewegungen über Wasser bleibt, ja Zeitung lesen kann. Jesus meint mit dem Bild vom SALZ DER ERDE also auch: Haltet die, die unterzugehen drohen und alle, die mit ihren Problemen nicht fertig werden. Ihr Christen müßt euch gegenseitig halten und viele andere dazu. In einer Welt mit immer mehr vereinsamten Menschen und mit vielen, die mit Schuld beladen sind oder die am Leben hart tragen, braucht es nicht nur das soziale Netz, sondern Menschen, die mitfühlen und mittragen. SALZ trägt! Hoffentlich verliert das Salz nicht. seine Kraft, sonst taugt es zu nichts mehr (Mt 5,13).
Darum habt Salz in euch und haltet Frieden untereinander (Mk 9,49).
"Der ist im Himmel!" so sagten die Leute, als sich die Kunde vom Heimgang des guten Pförtners des Kapuzinerklosters St. Anna in Altötting verbreitete. "Er ist ein Heiliger!", so sagten die Leute, denn sie spürten, dass hier einer das Ziel des Lebens erreicht hat. Und auch im Kloster hielt man den Bruder Konrad für einen vollkommenen Ordensmann. Ja, die Menschen waren überzeugt von seiner Größe und sie sagten: "Wenn der kein Heiliger wird, dann wird es keiner!"
Er, der nie über Altbayern hinausgekommen ist, findet heute eine landesweite und weltweite Verehrung; Nicht nur, daß es in Deutschland über 100 Pfarreien und größere Kirchen und viele Kapellen gibt, die seinen Namen tragen, sondern dass wir sie weltweit finden, das spricht für die Aussagekraft und Beliebtheit dieses Heiligen. War er der große Mann, so wie ein Einstein unter den Wissenschaftlern, ein Adenauer unter der Politikern, ein Beethoven unter den Künstlern, ein Albert Schweitzer unter den Sozialaposteln oder ein Karl Rahner unter den Theologen? Nein, von dieser Strickart war er nicht; in dieser Art versucht man vergebens seine Größe!
Wir können die Größe des hl. Bruder Konrad in weniger spektakulären Tugenden finden, die Ihn aber vor Gott und vor den Menschen groß machten.
Eine 1. Tugend: Die Kapuziner in Altötting nannten ihren Mitbruder Konrad einen CONRADUS SILENTIOSUS, also einen Konrad, der ganz vom Schweigen erfüllt ist. Natürlich mußte er als Pförtner viel reden; schließlich hatten ihm seine Oberen die größte und wichtigste Pforte der bayerischen Kapuzinerklöster anvertraut. Aber zwischen Reden und unnützem Schwätzen ist doch ein großer Unterschied. Reden und doch vom Schweigen erfüllt sein, das ist die große Kunst. Viel reden müssen, und doch verschwiegen sein, das bringen nur wenige fertig. Reden und nicht alles zerreden, sondern lieber in Stille vor Gott hintragen, wer hat schon dazu die innere Kraft? Reden und nicht urteilen oder verurteilen, sondern beten: das war seine Größe. CONRADUS SILENTIOSUS, der schweigsame Bruder Konrad, wird zum Segen fürs Kloster und für die Menschen an der Pforte: Sie spüren es und sie vertrauen ihm ganz.
Eine 2. Tugend: Ein weniger bekanntes Wort unseres hl. Pförtners lautet: "NÜTZT DIE ZEIT - DIE ZEIT IST KOSTBAR!" Konrad spürte wohl: Auch im Kloster kann man die Zeit totschlagen mit Müßiggang, unnützen Beschäftigungen und belanglosem Reden. Konrad ermahnt wohl bestimmte Brüder: "Nützt, die Zeit, die Zeit ist kostbar!" Was würde er uns allen wohl heute sagen? Wie oft hört oder erfährt man von Leuten: "Ich hab' keine Zeit!" Andererseits spricht man heute mehr denn je von der Freizeitgesellschaft. Geschäftemacher wissen das für ihren Geldbeutel zu nützen. Doch wieviel kostbare Zeit schlagen auch wir oft tot.
Konrad würde uns sagen: "Nützt die Zeit für den Menschen an eurer Seite, für ein gutes, vielleicht längst notwendiges Gespräch mit dem Partner, dem Kind, dem Heranwachsenden, dem alten Menschen. Nützt die Zeit für gute Werke und ehrenamtliche Tätigkeiten. Nützt die Zeit für's einsame stille und für's gemeinsame Gebet. Nie wieder kommt die Zeit, die wir sinnlos vertan haben, zurück. Von morgens bis abends tut Konrad seinen Dienst: Aber er beginnt den Tag mit der hl. Messe in der Gnadenkapelle. Wenn niemand an der Pforte läutet, betet er in der Alexiuszelle mit dem Blick zum Tabernakel. In der Mittagspause geht er an die Gräber der Mitbrüder oder er erholt sich einfach beim Spazierengehen im Klostergarten. Bruder Konrad sagt auch uns; "Nutzt die Zeit!"
Und eine 3. Tugend lehrtt er uns noch: "BETET NUR RECHT VIEL!" Die Menschen haben ja seit jeher ihre Sorgen und Nöte. An einer Klosterpforte sammeln sich die Klagen im Übermaß an. Er hat das Beten nicht klein geschrieben. Beten, das muß man tun, aber nicht nur in Notsituationen. Beten, das braucht Vertrauen und Beharrlichkeit, es stärkt und tröstet. Bruder Konrad betet für die Menschen, aber er ermahnt uns auch. "Betet auch ihr recht viel!"
Sein Schweigen, sein Umgang mit der kostbaren Zeit und sein Beten müssen auch uns auf dem Pilgerweg zu Gott begleiten, damit wir heilig werden.
Das Messiasbekenntnis des Petrus und die Antwort Jesu: 16,13-20
13Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn?
14 Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten.
15 Da sagte er zu. ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich?
16 Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!
17 Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel.
18 Ich aber sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.
19 Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.
Das Ziel von Millionen Pilgern: Die vier Hauptkirchen der ewigen Stadt Rom. Unvergeßlich bleibt der Eindruck, den gewaltigen und prächtigen Petersdom zum ersten Mal zu durchschreiten oder das grandiose Bauwerk "Sankt Paul vor den Mauern" auf sich wirken zu lassen. Diese beiden mächtigen Gotteshäuser sind also den Apostelfürsten Petrus und Paulus geweiht. Sie gehören zusammen, haben sie doch als erste der Stiftung der Kirche durch Jesus Christus Gestalt verliehen. Doch diese beiden Heiligen verkörpern Gegensätze, wie sie eigentlich gar nicht größer sein könnten.
DER ERSTBERUFENE
Simon Petrus steht ganz am Anfang der Jüngerberufungen des Herrn. In den Apostelkreis wird er als erster zusammen mit seinem Bruder Andreas bestellt. Das Wort Jesu "Komm und folge mir nach!" ändert radikal sein Leben. So wird aus dem Fischer vom See Genesaret der Menschenfischer. Unbestritten ist trotz seiner Schwächen seine Vorrangstellung im Kreis der Apostel in Jerusalem. Was die sog. Persönlichkeitsstruktur angeht, erleben wir den Petrus als den einfachen Fischer aus Kapharnaum, der wohl mit dem Gedankengut seiner Heimat vertraut ist und auch den Dialekt seiner Heimat spricht. Er ist, auch der Seßhafte, der bis zu der Zeit seines Aufenthaltes und Martyriums in Rom nie seinen Landstrich verlassen hat. In seiner Person verkörpert er das Denken und die Tradition des alten Bundes. Die Weisungen der Väter sind ihm nach wie vor wichtig. Er empfindet es als Schuld und Frevel, wenn die kultischen Vorschriften nicht eingehalten werden. Er spürt, dass er sich in diesen Punkten ändern muß, kommt aber mit sich selber dabei in Konflikt und löst auch bei den hebräischen Glaubensbrüder in größte Schwierigkeiten aus. Und doch schafft er es, den jüdischen Glauben konsequent fortzuentwickeln in einen neuen Weg der christlichen Lehre. Am See von Tiberias fragt Jesus den Simon Petrus gleich dreimal: "Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?" Dieses dreimalige Fragen machte Petrus wirklich traurig. So gab er dem Meister zur Antwort: "Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich lieb habe." Doch Jesus prüft nicht nur, er gibt Petrus auch sein Vertrauen: "Weide meine Lämmer, weide meine Schafe!" (vgl. das Evangelium vom Vorabend des Festes: Joh 21,1.15-19) Und noch einmal prüft er seine Jünger, als er sie fragte: "Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" Weil Simon Petrus so gläubig und überzeugt antwortete: "Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!", darum preist Jesus den Simon Barjona selig und baut auf den Glauben dieses Apostels seine Kirche: "Ich aber sage dir: Du bist Petrus der Fels, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, ... ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben; ..." (vgl. das Ev. vom Festtag: Mt 16,13-19).
DER LETZTBERUFENE
Anders verlief das Leben des Saulus aus Tarsus. Wir erleben ihn zunächst als den beinahe fanatischen Christenverfolger. Doch vor den Toren von Damaskus wird er vom hohen Roß seiner Selbstsicherheit geworfen. Die Frage des lebenden Christus "Warum verfolgst du mich?" beantwortet er mit der Gegenfrage "Was willst du Herr, dass ich tun soll?" Und er predigt überall. Lebenslang verfolgt Paulus auch die Ungewißheit, ob er wirklich zum Zwölferkreis der Apostel gezählt wird. Aus Jerusalem erfährt er eher Ablehnung. Gewiß, er war im Gegensatz zu Petrus ein hochgelehrter Schriftgelehrter. Er kennt sich in den Gedankengängen der Jüdischen, griechischen und römischen Philosophie aus. In den Weltsprachen seiner Zeit ist er zuhause. Er ist ein Weltbürger, der als römischer Staatsbürger über Palästina hinaus dachte und den damaligen Lebensraum bereiste. Paulus stammt zwar aus der jüdischen Glaubensüberlieferung, geht aber die Frage nach der Zugehörigkeit zum Neuen Bund anders an als Petrus. Er spricht von der Freiheit der Christen. Kein Wunder, dass es da zwischen Petrus und Paulus zu heftigen Auseinandersetzungen kam.
Diese Einheit in der Vielfalt gehört zum Wesen der Kirche, denn die Kirche ist kein uniformes Gebilde, in dem alle im Gleichschritt zu marschieren haben. Weder kann das Amt gegen das Charisma, noch das Gesetz gegen die Freiheit ausgespielt werden. Erst im Zusammenwirken der verschiedenen Kräfte lebt die Kirche. Eines aber war den beiden Aposteln gemeinsam: Dem Herrn zu folgen, für ihn auch zu leiden und in der Kraft des Geistes die Kirche aufzubauen.
Das Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl: Mt 22,1-14
Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis:
2 Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der die Hochzeit seines Sohnes vorbereitete.
3 Er schickte seine Diener, um die eingeladenen Gäste zur Hochzeit rufen zu lassen. Sie aber wollten nicht kommen.
4 Da schickte er noch einmal Diener und trug ihnen auf: Sagt den Eingeladenen: Mein Mahl ist fertig, die Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit!
5 Sie aber kümmerten sich nicht darum, sondern der eine ging auf seinen Acker, der andere in seinen Laden,
6 wieder andere fielen über seine Diener her, misshandelten sie und brachten sie um.
7 Da wurde der König zornig; er schickte sein Heer, ließ die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen.
8 Dann sagte er zu seinen Dienern: Das Hochzeitsmahl ist vorbereitet, aber die Gäste waren es nicht wert (eingeladen zu werden).
9 Geht also hinaus auf die Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein.
10 Die Diener gingen auf die Straßen hinaus und holten alle zusammen, die sie trafen, Böse und Gute, und der Festsaal füllte sich mit Gästen.
11 Als sie sich gesetzt hatten und der König eintrat, um sich die Gäste anzusehen, bemerkte er unter ihnen einen Mann, der kein Hochzeitsgewand anhatte.
12 Er sagte zu ihm: Mein Freund, wie konntest du hier ohne Hochzeitsgewand erscheinen? Darauf wusste der Mann nichts zu sagen.
13 Da befahl der König seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße, und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.
14 Denn viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt.
Jeder hat wohl seine mehr oder weniger guten Angewohnheiten. Was mich angeht: Ich kann mir vorstellen, dass ich mit manch' unangemeldetem Besuch Leute gestört habe: Mütter, die am Vormittag schwer in ihrer Hausarbeit hängten oder unter Hochdruck kochten; Väter, die sich eine bestimmte Arbeit vorgenommen hatten; junge Leute, die gerade auf dem Sprung waren, was zu unternehmen - und da kommt der Felix daher!
Gelegentlich werde ich auch selber gestört: Menschen an der Pforte, die ein Gespräch wünschen - und ich wollte meine Predigt machen; Dippelbrüder, die was zu Essen wollen - und ich wollte gerade selber zum Essen oder am Abend zu Bett gehen; Telefonanrufe - und ich wollte gerade einen Brief schreiben oder habe mich auf die Buchführung des Klosters konzentriert. Manchmal möchte ich wirklich "Bitte nicht stören!" rufen oder an die Tür schreiben. Natürlich kann's auch freudige Störungen geben: Wenn ein lieber Mensch ganz unvermutet vorbeikommt oder wenn einem eine gute Nachricht überbracht wird. Doch in der Regel sind Störungen lästig und unangenehm, nicht nur, wenn Strom- und Wasserversorgung gestört sind, Telefon oder Fernseher ihre Tücken zeigen oder wir uns durch Verkehrslärm oder zu laute Musik gestört fühlen. Von irgendwelchen Störungen können wir alle ein Lied singen.
Das Evangelium dieses 28. Sonntags erzählt von einem König, der sich als regelrechter Störenfried erweist. Er schickt einfach seine Diener aus, um Gäste zur Hochzeit rufen zu lassen. Das müsste eigentlich eine Ehre sein, doch die Diener erleben die tollsten Überraschungen: Jeder der Eingeladenen hat etwas Besseres zu tun! Der erste geht auf seinen Acker. Schließlich kann man nicht die ganze Arbeit wegen so einer Feier liegen lassen. Der zweite geht ins Geschäft. Wo gibt's denn so was, seinen Laden im Stich lassen und dafür den ganzen Nachmittag und Abend auf der Hochzeit herumzutanzen. Nein - besser wäre, wir könnten auch am Sonntag aufmachen. Und den Dritten, den Jähzornigen, packt die eiskalte Wut; er macht mit dem Diener kurzen Prozess.
Ist das nicht eine total merkwürdige Geschichte? Merkwürdig, wenn da nicht die Einladung wäre: "Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der die Hochzeit seines Sohnes vorbereitete. Er schickte seine Diener, um die eingeladenen Gäste zur Hochzeit rufen zu lassen. Sie aber wollten nicht kommen" (V. 2f).
Es klingt hart: Aber der liebe Jesus kann auch ein unangenehmer "Störer vom Dienst" sein. Wir wissen: Mit seiner Einladung, sich auf den Weg zum Himmelreich zu machen, ist Jesus auf starken Widerstand gestoßen, auf Faulheit, Bequemlichkeit und Besserwisserei und auch auf ganz offenen Wider- stand, der zu seinem Tode führte. In den Evangelien gibt es dafür eine Fülle von Beispielen: Störungen gab es, wenn Jesus die Pharisäer ermahnte, nicht nur viel Richtiges über den Glauben zu wissen, sondern auch danach zu handeln. Störungen gab es, wenn Jesus Menschen dazu aufforderte, alles liegen- und stehen zu lassen, um ganz dem Ruf Gottes folgen zu können. Störungen gab es in bestimmten Leuten, wenn Jesus Umgang mit Menschen hatte, auf die man ganz schnell und erbarmungslos mit dem Finger zeigte.
Immer wieder lässt sich in den Evangelien entdecken: Der Weg der Nachfolge, der Weg zum Himmelreich, geht nicht ohne eine Störung eingefahrener und überkommener Lebensanschauungen. Die Störungen stellen in Frage, was man immer so getan hat und am liebsten immer so weiter tun möchte. Jesu Störung lautet ganz kurz: "Denkt um! Kehrt um!" Die, Frage muss ernst genommen werden: Wie weit lassen wir uns noch von der Botschaft Jesu stören? Ist Glaube nur das Sahnehäubchen auf dem manchmal tristen Alltagsbrot, Notversicherung für den Fall der Fälle, Dekor für festliche Tage? Das alles wäre viel zu wenig! Ein König lädt ein zum Himmelreich. Einladungen können abgelehnt, Einladungen können angenommen werden. Gott lässt uns die Freiheit der Entscheidung. Aber egal, wie sie ausfällt: Gott wird diese Entscheidung und damit uns selbst ernst nehmen - nicht nur das, was wir sagen, sondern vor allem das, was wir tun. Die grundlegende Frage aber bleibt und geht uns ganz persönlich an: "Lassen Sie sich / lässt du dich von Gott wirklich auch stören?"
Das Lob der tüchtigen Frau: Spr 31,10-31
10 Eine tüchtige Frau, wer findet sie? Sie übertrifft alle Perlen an Wert. 11 Das Herz ihres Mannes vertraut auf sie, und es fehlt ihm nicht an Gewinn. 12 Sie tut ihm Gutes und nichts Böses alle Tage ihres Lebens. 13 Sie sorgt für Wolle und Flachs und schafft mit emsigen Händen. 14 Sie gleicht den Schiffen des Kaufmanns: Aus der Ferne holt sie ihre Nahrung. 15 Noch bei Nacht steht sie auf, um ihrem Haus Speise zu geben [und den Mägden, was ihnen zusteht]. 16 Sie überlegt es und kauft einen Acker, vom Ertrag ihrer Hände pflanzt sie einen Weinberg. 17 Sie gürtet ihre Hüften mit Kraft und macht ihre Arme stark. 18 Sie spürt den Erfolg ihrer Arbeit, auch des Nachts erlischt ihre Lampe nicht. 19 Nach dem Spinnrocken greift ihre Hand, ihre Finger fassen die Spindel. 20 Sie öffnet ihre Hand für den Bedürftigen und reicht ihre Hände dem Armen. 21 Ihr bangt nicht für ihr Haus vor dem Schnee; denn ihr ganzes Haus hat wollene Kleider. 22 Sie hat sich Decken gefertigt, Leinen und Purpur sind ihr Gewand. 23 Ihr Mann ist in den Torhallen geachtet, wenn er zu Rat sitzt mit den Ältesten des Landes. 24 Sie webt Tücher und verkauft sie, Gürtel liefert sie dem Händler. 25 Kraft und Würde sind ihr Gewand, sie spottet der drohenden Zukunft. 26 Öffnet sie ihren Mund, dann redet sie klug, und gütige Lehre ist auf ihrer Zunge. 27 Sie achtet auf das, was vorgeht im Haus, und ißt nicht träge ihr Brot. 28 Ihre Söhne stehen auf und preisen sie glücklich, auch ihr Mann erhebt sich und rühmt sie: 29 Viele Frauen erwiesen sich tüchtig, doch du übertriffst sie alle. 30 Trügerisch ist Anmut, vergänglich die Schönheit, nur eine gottesfürchtige Frau verdient Lob. 31 Preist sie für den Ertrag ihrer Hände, ihre Werke soll man am Stadttor loben.
Während ich diese Zeilen schreibe, wird in der Hauptstadt Berlin die neue Regierung vereidigt. Die Hälfte in der Regierungs mann schaft sind Frauen; so könnten wir also auch mit gleichem Recht von einer Regierungs frau schaft reden. Wie dem auch sei, leicht werden sie es nicht haben. In unserer heutigen Zeit scheinen die Bäume nicht mehr so ohne weiteres in den Himmel zu wachsen. Gewaltige Probleme stehen an. Ob wir die Regierung wollen oder nicht: Zu beneiden ist sie nicht! Manche sprechen jetzt schon vom Scheitern, aber der Machtwille wird sie wahrscheinlich doch wieder am Leben erhalten. Und wie stellen wir Christen uns dazu? Auch von uns sind viele resigniert: Den einen geht die Entwicklung zu langsam, den anderen das Tempo zu schnell. So schauen wir auf die alten und neuen Köpfe in der Regierung und jammern tüchtig mit doch ob das weiterhilft?
Da tritt uns in der 1. Lesung zum 33. Sonntag im Jahreskreis, entnommen dem alttestamentlichen Buch der Sprichwörter, eine "Figur" entgegen, die da ein richtiges Kontrastprogramm zur heutigen Situation zu leben versucht: EINE STARKE FRAU, tüchtig und engagiert, ganz und gar nicht resignierend, also nicht eine, der dauernd die Decke auf den Kopf fällt: Sie ergreift die Initiative und sorgt für sich, für die ihren und auch für die weniger gut gestellten Menschen in ihrer Umgebung und das mit Erfolg. "Sie übertrifft alle Perlen an Wert" (V 10b). Diese Frau, verheiratet und Mutter erwachsener Söhne, wird uns vorgestellt mit dem Prädikat "tüchtig". Sie hat einen Blick für die Realität und für ihre Möglichkeiten. Das heißt: Es steckt power, also Kraft, Fähigkeit und Energie hinter ihrem Handeln.
EINE STARKE FRAU, es muss sie gegeben haben. Solche Persönlichkeiten sind kostbar, so wie Perlen oder Edelsteine. Mit viel Glück ist sie zu finden. Ihrem Mann ist zu gratulieren; er kann sich glücklich schätzen. Auf sie kann und konnte er sich in den gemeinsamen Jahren stets verlassen. Sie ist das große Los, das er im Leben gezogen hat. Sie kümmert sich wirklich für Nahrung und Kleidung, bejaht ihre Verantwortung im häuslichen Bereich, entdeckt, pflegt und fördert die besonderen Fähigkeiten. Sie stellt Gürtel und feine Wäsche her, nicht nur für den Eigenbedarf, sondern auch für den Verkauf. Die Einnahmen aus dem Geschäft investiert sie selber: Sie kauft damit ein Feld und legt einen Weinberg an. Was damals nur Männern vorbehalten war, sie wird sozial tätig: "Sie tut ihre Hand dem Bedürftigen auf" (V 20).
EINE STARKE FRAU, die uns da in der Bibel begegnet. Die Öffentlichkeit ist beeindruckt, ihr Mann ist stolz auf sie und ihre Kinder, "ihre Söhne treten auf und preisen sie glücklich" (V 28). Sie kann mit ihrer weiblichen Rolle souverän umgehen. Keine Spur von Resignation oder Ängstlichkeit. Diese STARKEN FRAUEN sind nicht ausgestorben; Gott sei Dank begegnen sie uns auch heute noch. Da lese ich in unserer Tageszeitung "Main Post" vom 18. Okt. 2002 in einem Leserbrief einer Frau aus Goldbach bei Aschaffenburg folgendes zum Thema Kinder unter drei Jahren Krippenplätze zur Verfügung zu stellen.
"Ist es denn so erstrebenswert, Familien und Erziehungsarbeit immer mehr auf Staat, Länder und Gemeinden und somit auf Außenstehende zu übertragen?... War es denn wirklich so vorbildlich, das Konzept aus DDR Zeiten? ... Warum eigentlich noch eigene Kinder für die kurze Zeit zwischen dem Von der Arbeit heimkommen und dem Zubettschicken? Da reicht doch auch ein Hund oder eine Katze". Das ist ein "Punkt" in unserer Wohlstandsgesellschaft, auch wenn in besonderen Fällen dies notwendig sein kann.
Ohne diese STARKEN FRAUEN nimmt die Gesellschaft fast irreparable Schäden und die Kirche auch. Sie sind nicht die, welche ihren Mund dauernd zu weit aufmachen, um Forderungen zu stellen, sondern "In Weisheit tut sie den Mund auf und von ihrer Zunge kommt freundliche Weisung" (V 26). Eine so starke Frau ist auch die.h1. Elisabeth von Thüringen, unsere Kirchen und Klosterpatronin von Aschaffenburg, deren Fest wir am Dienstag, den 19. Okt. feiern. Ja, du bist so eine POWER FRAU: Heilige Elisabeth, hilf auch uns!
Das Wort des Herrn erging zum zweitenmal an Jona: 2 Mach dich auf den Weg, und geh nach Ninive, in die große Stadt, und droh ihr all das an, was ich dir sagen werde. 3 Jona machte sich auf den Weg und ging nach Ninive, wie der Herr es ihm befohlen hatte. Ninive war eine große Stadt vor Gott; man brauchte drei Tage, um sie zu durchqueren. 4 Jona begann, in die Stadt hineinzugehen; er ging einen Tag lang und rief: Noch vierzig Tage, und Ninive ist zerstört! 5 Und die Leute von Ninive glaubten Gott. Sie riefen ein Fasten aus, und alle, groß und klein, zogen Bußgewänder an. 10 Und Gott sah ihr Verhalten; er sah, daß sie umkehrten und sich von ihren bösen Taten abwandten. Da reute Gott das Unheil, das er ihnen angedroht hatte, und er führte die Drohung nicht aus.
Mal ehrlich, liebe Leser der Internetpredigt, wer von Ihnen hat noch nie in seinem Leben das Gefühl verspürt: Das ist doch zum Davonlaufen! Und vielleicht haben Sie die Erfahrung auch schon einmal gemacht und sind davongelaufen. Ich kann Sie verstehen. Manche Ungereimtheiten des Lebens hält ja der Stärkste kaum aus. Dem Propheten Jona ist es auch so ergangen. Von ihm erzählt die 1.Lesung des 3. Sonntags. Diese ist einem der kürzesten Bücher der Heiligen Schrift entnommen. Nehmen Sie doch das Alte Testament wieder einmal zur Hand; in zehn Minuten haben Sie das Buch Jona gelesen. Es ist eine "erzählende Theologie".
Da gibt Gott dem Jona den Auftrag, der großen Stadt Ninive das Strafgericht anzudrohen. Die Schlechtigkeit und Verdorbenheit der Stadt ist bis zu den Ohren Gottes gedrungen. Doch Jona entzieht sich dem Auftrag und haut mit einem Schiff ab. Aber er hat sich in seinem Gott getäuscht. Gott schickt nämlich einen lebensbedrohenden Sturm. Der Kapitän weckt Jona: "Jona, bet, du jetzt zu deinem Gott; vielleicht hilft er!" Und Jona sagt: "Ach, vor diesem Gott bin ich ja gerade auf der Flucht! Werft mich lieber gleich ins Meer!" Und so warfen die Matrosen Jona über Bord - und der Sturm legte sich sofort. Die Leute bekamen einen heiligen Respekt vor Jonas Gott. Gott aber behält den Jona "an der Angel". Er schickt nämlich einen Walfisch, der Jona verschlingt. Und während er drei Tage und Nächte im Dunkeln des Fischbauches sitzt und in seiner Not betet, schwimmt der Fisch zurück und speit ihn dort wieder an Land, wo er ausgerückt war.
Nun ruft Gott Jona zum zweiten Mal, nach Ninive zu gehen. Diesmal gehorcht Jona und ruft in die sündige Stadt: "Noch vierzig Tage - und Ninive ist zerstört!" Da bekehrt sich die Stadt. Selbst der König geht in Sack und Asche. Weil nun Gott seine drohende Hand zurückzieht, ärgert sich Jona in Grund und Boden. "Das ist doch zum Davonlaufen. Statt dass du dreinschlägst, hast du Geduld und nochmals Geduld mit diesen Leuten!" Jona wird verbittert und zieht sich in die Wüste zurück, Schluss mit diesem Gram! Doch in der Wüste leidet er unsäglich unter der Hitze. Da lässt Gott einen Rizinusstrauch wachsen, der Schatten spendet. Jona lebt wieder auf. Aber als der Baum alsbald wieder abstirbt, gerät Jona in Zorn und Resignation zugleich. Und Gott sagt ihm - das sind die letzten Worte des Buches: "Du ärgerst dich über den Rizinusstrauch. Und ich sollte nicht Mitleid haben mit Ninive, der großen Stadt, in der mehr als 120000 Menschen leben, die nicht zwischen rechts und links unterscheiden können, und soviel Vieh?"
In dieser Geschichte mit Jona und Ninive geht es um das Handeln Gottes. Natürlich muss es über kurz oder lang in den Graben gehen, wenn sich Menschen der Bosheit, der Sittenlosigkeit und dem Unrecht verschreiben. Jahwe kämpft leidenschaftlich dagegen. Aber der springende Punkt der Geschichte ist doch, dass die grenzenlose Güte Gottes dem Propheten Jona zu einem dicken Ärgernis wird. Das treibt ihn in die Resignation. Gottes Handeln aber bleibt im ganzen Auf und Ab des Menschen Jona souverän.
Ist Jona nicht auch "in uns"? Er ist ein Stück von uns. Da kommt mir der Vergleich vor Ort: Aschaffenburg und die umliegenden Orte zählen auch ca. 120000 Einwohner. Auch wenn wohl nicht die Zustände wie damals in Ninive herrschen, so geht-s auch vielfach drunter und drüber - und zwar nicht nur bei den Leuten, die im Gefängnis sitzen, sondern auch bei den lieben Bürgern: Ehescheidungen allüberall, Kinder, die "unter die Räder gekommen sind, Sucht- und Drogenprobleme, gewalttätige Schulkinder und eine Spaßgesellschaft, die die Zeichen der Zeit nicht erkennen will. Warum greift Gott nicht ein?, so fragen nicht nur die ganz Frommen. Und die Antwort? Ich möchte sie mit den Versen von Klaus-Peter Hertzsch aus den Biblischen Balladen "Der ganze Fisch war voll Gesang" (Radius-Verlag, Stuttg.) geben: "Gott sprach zu ihm ein gutes Wort: Da sollte ich nicht traurig werden, wenn meine Kinder dort auf Erden verderben und zugrunde gehn, weil sie mein Wort nicht gut verstehn? Da sollte ich die Stadt nicht schonen, in der so viele Menschen wohnen, so viele Eltern, viele Kinder, so viele arme, dumme Sünder, so viele fröhliche Gesellen - dazu die Tiere in den Ställen! ... Dann denke: So in seiner Höh - freut sich der Herr an Ninive."
Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; 3 seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann. 4 Da erschien vor ihren Augen Elija und mit ihm Mose, und sie redeten mit Jesus. 5 Petrus sagte zu Jesus: Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. 6 Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte; denn sie waren vor Furcht ganz benommen. 7 Da kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören. 8 Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemand mehr bei sich außer Jesus. 9 Während sie den Berg hinabstiegen, verbot er ihnen, irgend jemand zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei. 10 Dieses Wort beschäftigte sie, und sie fragten einander, was das sei: von den Toten auferstehen.
Wie wird er geschwitzt haben, der alte Abraham, als ihm Gott gebot, einen der Berge im Land Morija zu besteigen. Er sollte nicht allein sein, sondern seinen einzigen Sohn Isaak, den er liebte, mitnehmen. Eigentlich ganz beruhigend, so könnte man meinen. Aber ins Schwitzen kam er weniger wegen des Anstiegs, sondern wegen einer inneren Zerreißprobe. Das ist ja immer wieder so eine Geschichte mit unserem Herrgott: Der verlangt doch zwischendrin immer etwas, was wir nicht begreifen. Diesmal ging es um die ganze Zukunft des Vaters Abraham. Alles opfern, auch ihn, seinen Sohn, den Sinn seines Lebens. Und doch hat er auf Gott vertraut - er hat Gott geglaubt. Vater des Glaubens wird man ihn nennen.
Am Beispiel Abrahams und seines Sohnes Isaak sehen wir, dass also Gott selber den Menschen auf den Berg führt. Berg, das hieß für den Menschen damals Ausgesetztheit, Unwirtlichkeit, dem Schicksal Ausgeliefertsein. Berge hatten etwas Unheimliches an sich. Und dort verlangte Gott von Abraham, dass er diesen völlig unverständlichen Wunsch erfülle. Den eigenen Sohn opfern! Und Abraham gehorchte. Auch Isaak ergab sich in diesen Willen Gottes, der vollkommen unbegreiflich war. Doch Gott ließ weder den Vater noch den Sohn zugrundegehen. Gott lässt niemand zugrundegehen, der auf ihn vertraut.
Gott nimmt auch uns mit auf den Berg, stellt auch uns auf die Probe. Ob unser Glaube diese Probe besteht? Ist unser Glaube noch kraftvoll? Lebt unser Glaube noch? Sind wir noch Menschen wie Abraham und Isaak? Das "Gleichnis vom Sämann" kann eine Antwort auf diese Fragen geben. Wie selten zuvor wird der Glaube auf vielfältige Weise und durchaus auch auf moderne Art ausgestreut, d.h. auch mit diversen katechetischen Mitteln unters Volk gebracht. Doch ein Teil unseres Glaubens fällt auf den Weg und wird zertreten; einen anderen fressen die Vögel des Himmels; wieder ein anderer fällt auf Felsen und verdorrt, weil dort keine Feuchtigkeit ist; wieder ein anderer Teil landet mitten unter den Dornen und erstickt; und schließlich fällt auch ein Teil auf guten Boden, geht auf und bringt bis zu hundertfache Frucht. Jesus will uns mit diesen trefflichen Vergleichen sagen: Viele bestehen aus diesen unterschiedlichen Gründen die Proben ihres Glaubens nicht oder nicht mehr, doch auch Abraham und Isaak sind nicht ausgestorben. Auf den Bergen des Lebens leuchten auch heute noch durch starke Menschen weithin sichtbar die Feuer des Glaubens.
Doch gehen wir von Abraham rund 2000 Jahre weiter und von uns 2000 Jahre zurück, da begegnen wir in Jesus Christus einem Menschen unter Menschen, dessen Leben auch mit den Bergen zu tun hatte. Im Evangelium zum 2.Fastensonntag (Mk 9,2-10) wird davon berichtet, wie Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite nahm und sie auf einen hohen Berg führte. Dort wurde er vor ihren Augen verwandelt und seine Kleider wurden strahlend weiß. Vor ihren Augen erschien Elija und mit ihm Mose und sie redeten mit Jesus. In der einführenden Erklärung zu diesem Evangelium heißt es im SCHOTTMESSBUCH: "Dem Bericht über die Verklärung Jesu ging das Bekenntnis des Petrus voraus: Du bist der Messias (Mk 8,29). Und Jesus hat sein bevorstehendes Leiden angekündigt. Beides gehört zur Aussage über Jesus: das Kreuz und die messianische Würde und Herrlichkeit." Ein Berg-Erlebnis von qewaltiger Natur; Petrus wollte sogar auf diesem Berg bleiben und drei Hütten bauen. Und auch die Stimme aus der Wolke "Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören.", durften die Jünger nicht weitersagen, "bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei".
Jesu bevorstehendes Leiden spielt sich wiederum auf einem Berg ab, dem Ölberg; sein Sterben am Kreuz aber geschieht auf dem Kalvarienberg. Gott lässt den Menschen auch in den Ölbergstunden nicht zugrunde gehen. Dem blutschwitzenden Jesus kommt ein Engel, ein Bote Gottes, zu Hilfe. Auch wir Menschen dürfen in unserer Not auf diesen Engel vertrauen. Und unter seinem Kreuz hielten treue Menschen aus. Ja, zu allen Zeiten gehen die Wege des Lebens für die Menschen über die Berge. Doch sind es nicht nur Berge des Leids, sondern auch Berge der Freude.
Hinweis: "Bergerfahrungen" kann man auch mit "Berg-Erfahrungen" wiedergeben.
nach oben35 Als die beiden Jünger von Emmaus zurückgekehrt waren, erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach. 36 Während sie noch darüber redeten, trat er selbst in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! 37 Sie erschraken und hatten große Angst, denn sie meinten, einen Geist zu sehen. 38 Da sagte er zu ihnen: Was seid ihr so bestürzt? Warum laßt ihr in eurem Herzen solche Zweifel aufkommen? 39 Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst. Faßt mich doch an, und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht. 40 Bei diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und Füße. 41 Sie staunten, konnten es aber vor Freude immer noch nicht glauben. Da sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier? 42 Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch; 43 er nahm es und aß es vor ihren Augen. 44 Dann sprach er zu ihnen: Das sind die Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Alles muß in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich gesagt ist. 45 Darauf öffnete er ihnen die Augen für das Verständnis der Schrift. 46 Er sagte zu ihnen: So steht es in der Schrift: Der Messias wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen, 47 und in seinem Namen wird man allen Völkern, angefangen in Jerusalem, verkünden, sie sollen umkehren, damit ihre Sünden vergeben werden. 48 Ihr seid Zeugen dafür.
Das Evangelium des 3. Ostersonntags beginnt mit der Nachricht der beiden Emmaus-Jünger, "was sie unterwegs erlebt und wie sie Jesus erkannt hatten, als er das Brot brach" (V 35). Die elf Apostel und die anderen Jünger werden erstaunt gewesen sein über die persönliche Gegenwart des Auferstandenen. Am BROT-BRECHEN Christus erkennen, das ist auch heute unverzichtbarer Bestandteil des Glaubens der katholischen Kirche. Dieses heilige Geschehen auf dem Höhepunkt der Eucharistiefeier braucht die Gaben von Brot und Wein. Und so betet der Priester zur Gabenbereitung über das Brot: "Gepriesen bist du, Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt. Du schenkst uns das Brot, die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit. Wir bringen dieses Brot vor dein Angesicht, damit es uns das Brot des Lebens werde."
Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit
Wie schön wurden sie doch immer gebacken, die großen und kleinen Hostien. Es war sicher eine eigene Kunst, mit diesen großen zangenartigen Packeisen die hauchdünnen weißen Brote aus reinem Weizenmehl und Wasser zu backen. Das Brot und der Wein gehen aus der Erde hervor, sind Früchte der Erde. Aber beide Gottesgaben brauchen auch viel menschliche Schaffenskraft, Sorge und Pflege. Sie brauchen Menschen, welche die Zusammenhänge des Säens und Pflanzens, Wachsen und Gedeihens, des Erntens und der Verarbeitung kennen. Dieses Brot und diesen Kelch bringen wir, wie es in den Opferungsgebeten heißt, vor Gottes Angesicht, damit sie uns Brot des Lebens und Kelch des Heiles werden. Ja, gerade dadurch: "Gepriesen bist du in Ewigkeit, Herr, unser Gott."
Geheimnis und Wunder zugleich
Die Opfergaben von Brot und Wein legen wir auf den Altar. Sei den Wandlungsworten, gesprochen vom Priester, werden sie zum Fleisch und Blut unseres Herrn. Das ist das größte Geheimnis unseres Glaubens. Niemand kann je ergründen, was Gott hier wirkt. Aber eines wissen wir: Was da geschieht auf unseren Altären, geschieht für uns Menschen. Aus dieser Speise leben die gläubigen Menschen. Und weil sie die göttliche Liebe erfahren, müssen sie die Liebe an ihre Mitmenschen weitergeben. Darum heißt, JESUS IM BROT-BRECHEN ERKENNEN auch die materiellen Güter zu teilen und bei der Kollekte in der Eucharistiefeier das zum Leben Notwendige den Armen zu geben. Der heilige Johannes schreibt in seinem ersten Brief: "Wie kann die Liebe Gottes in dem bleiben, der Vermögen hat und sein Herz vor dem Bruder verschließt, den er in Not sieht? Kinder, wir wollen nicht lieben mit Wort und Zunge, sondern in Tat und Wahrheit" (3,17f). Das Wort des Herrn bei der Speisung der Fünftausend "Gebt ihr ihnen zu essen", haben die deutschen Katholiken in der Nachkriegszeit sehr ernst genommen und Millionen, ja Milliarden den Not leidenden Nächsten und Fernsten gespendet. Welch Zeugnis der Liebe und Solidarität bedeuten doch für die Not leidenden Menschen die kirchlichen Hilfswerke CARITAS, MISEREOR, ADVENIAT, MISSIO, RENOVABIS und viele andere Hilfsaktionen!
Was uns verbindet
Als betroffene und als engagierte Menschen sollen wir nach dem gemeinsamen Mahl und Opfer der heiligen Messe zurück in unseren Alltag gehen. Wir müssen uns bemühen, dass Eucharistie da weiterlebt, wo wir täglich stehen. Als Mann und Frau, als Vater und Mutter, als Priester und Ordensleute, als Junge und Alte. Was wir auf den Altar gelegt haben, wird uns als heilige Speise mitgegeben, stärkt uns und gibt uns Kraft für unseren Alltag. Im Brot des Lebens, das der Auferstandene für uns bricht, erfahren wir Mitgefühl und Versöhnung, neue Hoffnung und Liebe. Wenn wir Brot und Wein zur Opferung auf den Altar legen und unser materielles Opfer dazugeben, dann möge dies durch das Brechen und Teilen, wie es in den liturgischen Gebeten der heiligen Messe heißt, "zum Lob und Ruhme seines Namens, zum Segen für uns und seine ganze heilige Kirche" werden. Und denen, die dieses heilige Brot teilen und nehmen, gelten die Worte des heutigen Evangeliums: "Während sie noch darüber redeten, trat er selbst in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!"
Am Abend dieses Tages sagte er zu ihnen: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren. Sie schickten die Leute fort und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg; einige andere Boote begleiteten ihn. Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm, und die Wellen schlugen in das Boot, so daß es sich mit Wasser zu füllen begann. Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, daß wir zugrunde gehen? Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich, und es trat völlige Stille ein. Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? Da ergriff sie große Furcht, und sie sagten zueinander: Was ist das für ein Mensch, daß ihm sogar der Wind und der See gehorchen?
Manche Erlebnisse bleiben unvergeßlich. Über zwei Jahrzehnte liegt der Besuch des Heiligen Landes zurück. Mit meinen Priester-Kurskollegen durfte ich für zehn Tage das Land besuchen, in dem Jesus lebte. Wir waren natürlich auch am See Gennesaret. Auf der Dachterrasse des Hotels Golan las ich das ganze Markus-Evangelium; das war eine ganz eigene heilige Erfahrung. Da hatte ich nicht nur die Bibel vor meinen Augen und in meinen Händen, da lagen die uralten Orte Chorazin und Kafarnaum im Norden und Magdala und Tiberias im Süden in meinem Blickfeld und meine Augen wanderten immer wieder über den großen See. Ich stellte mir vor, wie Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes hier am See gelebt und gearbeitet haben. Der See kommt im Leben Jesu - wie die Evangelien berichten - ja oft vor. Das Wasser lag damals so ruhig, aber ich konnte mir gut vorstellen, wie die Winde, wenn sie die umliegenden Berge herunterfielen, heftigste Seestürme auslösen konnten.
Im Evangelium zum 12. Sonntag im Jahreskreis wird so ein gewaltiges Naturereignis geschildert. Jesus wollte mit seinen Jüngern eines Abends ans andere Ufer übersetzen. "Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass es sich mit Wasser zu füllen begann" (Mk 4,37). Alle kommen in Not und Bedrängnis, nur Jesus schlief hinten im Boot auf einem Kissen. Als sie ihn weckten und riefen "Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?"(38b), da drohte er dem Sturm. Als dieser sich gelegt hatte und wieder völlige Stille eintrat, da sprach Jesus sie wegen ihres Kleinglaubens an. Und sie sagten zueinander: "Was ist das für ein Mensch?"
Ein Wunder war geschehen. Doch die Auffassungen dazu gehen auseinander. Wir fragen: Wie hat sich das abgespielt? Wie war das ganz genau? Das Evangelium aber stellt diese Fragen nicht. Die Frohe Botschaft möchte uns vielmehr zeigen, dass Jesus Vertrauen zu seinem Vater hatte. Tiefes Vertrauen nimmt ihnen, aber auch uns die Furcht. In der Einleitung des Schott-Messbuches zur Ersten Lesung dieses Sonntags aus dem Buche Ijob steht folgende Überlegung: "Wer Gottes Größe schauen und die Gemeinschaft mit ihm erfahren durfte, der sieht seine Probleme in einem neuen Licht und kann sich mit seinem Leid versöhnen, so wie das aufbrausende Meer sich beruhigt, wenn Gott sein mächtiges Wort spricht."
Je mehr die eigenen Lebensjahre voranschreiten, umso mehr spürt und begreift man, dass die Heilige Schrift nicht einfach Altes oder Wundersames berichtet, sondern dass alle Erzählungen voller Lebensweisheit sind. In den meisten Menschenleben gibt es bedrohlichere Lagen als einen Sturm auf einem Binnensee zu überstehen. STÜRMISCHE ZEITEN im Leben können auch von schweren Krankheiten und Unfällen, von Zerrüttungen und Erpressungen, von Gemeinheiten und "Abrechnungen", von Verfolgungen und Kriegen heraufbeschworen werden. Mir scheint, noch nie konnte der Mensch die Zusammenhänge leicht begreifen, noch nie die Antwort Gottes ohne weiteres verstehen. Dem Ijob, dem vielgeprüften Leidensmann im Alten Testament, antwortet der Herr aus dem Wettersturm u d sprach: "Wer verschloss das Meer mit Toren, als schäumend es Mutterschoß entquoll, als Wolken ich zum Kleid ihm machte, ihm zur Windel dunklen Dunst, als ich ihm ausbrach meine Grenze, ihm Tor und Riegel setzte und sprach: Bis hierher darfst du und nicht weiter, hier muss sich legen deiner Wogen Stolz?" Dieser Text der Ersten Lesung liest sich so kunstvoll - literarisch, doch welche unbändigen Stürme des Lebens mag er als Hintergrund haben?!
Jesus sitzt im gleichen Boot. Er fährt mit uns auf stürmischer See. Er ist gerade in den schweren Zeiten des Lebens ganz nahe und hält und trägt uns in den Stürmen des Lebens. Sich an ihn halten und auf ihn vertrauen - diesen Glauben fordert er von uns. Es geht nicht um das äußere Wunder, sondern darum, dass ER uns treu zur Seite steht. Der hl. Ignatius sagte einmal: Wenn die Teufel ganz arg um uns herum wüten, dann kommt die Gnadenzeit. Das heißt doch wohl: Stärker als die Angst in STÜRMISCHEN ZEITEN, ist Gottes Liebe dennoch um uns besorgt.
4 In jenen Tagen ging Elija eine Tagereise weit in die Wüste hinein. Dort setzte er sich unter einen Ginsterstrauch und wünschte sich den Tod. Er sagte: Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben; denn ich bin nicht besser als meine Väter. 5 Dann legte er sich unter den Ginsterstrauch und schlief ein. Doch ein Engel rührte ihn an und sprach: Steh auf und iß! 6 Als er um sich blickte, sah er neben seinem Kopf Brot, das in glühender Asche gebacken war, und einen Krug mit Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder hin. 7 Doch der Engel des Herrn kam zum zweitenmal, rührte ihn an und sprach: Steh auf und iß! Sonst ist der Weg zu weit für dich. 8 Da stand er auf, aß und trank und wanderte, durch diese Speise gestärkt, vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottesberg Horeb. (1Kön 19, 4-8)
Urlaubserlebnisse. In diesen Wochen sind ungeheuer viele Menschen unterwegs: Vom Baby und einem ganzen Karton mit Windeln bis zum Opa mit seinem Gehstock. Viele sind auch auf weiten Wander- oder Wallfahrtswegen oder bei schwierigen Bergtouren unterwegs. Manche überschätzen sich oder ihre Kräfte. Manchen macht Wetter oder Natur einen Strich durch die sorgfältige Planung. Obwohl einigermaßen geübt, erprobt und erfahren, bleiben auch mir zwei Touren aus diesen Gründen in bleibender Erinnerung. Manche sagen scherzhaft: Das Schönste ist die Brotzeit - aber der Rucksack ist leer und in der Thermosflasche kein Tropfen. Da gehen einem die Kräfte aus. Man wird mutlos und hat einfach keinen Schwung mehr.
Wenn's nicht andere sagen, sagt man es sich selber: "Reiß dich zusammen, lass dich nicht hängen, beiß die Zähne zusammen, werd' nicht wehleidig. Wenn du dich anstrengst, wirst du es schon schaffen. Es ist ja nicht mehr weit! Das Ziel schaffst du schon noch - wär' doch gelacht!"
Und in Wirklichkeit. Es gibt auch das Andere: Dass wir den Mut verlieren. Dass wir nicht mehr weiterwissen. Dass wir zu schwach und hilflos geworden sind und keine Kraft mehr haben. Natürlich müssen wir uns anstrengen, dürfen nicht zu schnell aufgeben. Natürlich müssen wir manchmal die Zähne zusammenbeißen und bei einer Sache aushalten, auch wenn sie uns zu schwer fällt und uns fast überfordert. Wenn wir in den Spiegel schauen, sehen wir keinen Star, keine Diva oder den Superman, sondern nur unser eigenes müdes Gesicht. Da erfahren wir, dass auch unser eigenes Leben an Grenzen stoßen kann. Und wir erfahren, dass das Menschenleben wie ein Sinnbild ist: EIN WEG mit Siegen und Niederlagen, mit Größe und Versagen, mit Gnade und mit Schuld.
Biblische Gestalten. Zum Glück! Auch die Bibel kennt nicht nur Helden. Selbst der große Prophet Elija hat schwache Seiten. In der Lesung aus dem Ersten Buch der Könige erfahren wir, wie ihn die Kräfte verlassen haben. Nach einem ganzen Tagesmarsch in die Wüste hinein, wird er mutlos. Er setzt sich unter einen Ginsterstrauch und wünscht sich den Tod. "Er sagte: Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben." Doch gerade da zeigt sich, dass Gott ihn nicht im Stich lässt. Ein Engel, der ihm Brot und Wasser bringt und ihm Mut macht, ihn anrührt und sagt: "Steh auf und iss!" und dies auch ein zweites Mal tut, ist ein Zeichen dafür, dass Gott bei ihm bleibt und ihm weiterhilft.
"Hautnahe Erfahrungen". Die Älteren von uns können das wahrscheinlich bestätigen: Gerade in solchen Stunden und Zeiten der Niedergeschlagenheit und der Niederlagen, wo wir meinen, wir sind am Ende, dürfen wir manchmal besonders deutlich die Nähe Gottes spüren. Und wir sind in diesen bedrückenden Situationen dann auch besonders dankbar für die Hilfe der Mitmenschen, die uns aus dem Tief herausholen und uns Mut machen und weiterhelfen. Es ist dann, wie wenn wir die Stimme des Engels hören: "Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich!" Und hoffnungsvoll der Schlusssatz der Lesung: "Da stand er auf, aß und trank und wanderte, durch diese Speise gestärkt, vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottesberg Horeb."
Auch wir müssen nicht allein und mit zusammengebissenen Zähnen unseren Weg ganz allein gehen. Wir dürfen erfahren, dass Gott uns - oftmals auch durch die verschiedenen Engel des Lebens - weiterhilft, wenn unsere eigenen Kräfte versagen. Wir dürfen auf die Hilfe Gottes vertrauen. Diese Hilfe ist nicht zuletzt auch die Speise, von der an diesem Sonntag im Evangelium die Rede ist. Jesus sagt: "Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben"(Joh 6,41). Zur Stärkung mit dem himmlischen Brot gehört aber auch, dass wir selber anderen Menschen, die "Unter dem Ginsterstrauch" liegen und aufgeben wollen, helfen und mit ihnen Brücken bauen, damit sie das rettende Ufer erreichen und weiterleben können. Werner Schaube sagt einmal: "Tod - das heißt, wir sind am Ende. Leben - das heißt, wir haben Zukunft. Wir danken dir, Gott und Vater."
Der Herr kam in der Wolke herab und redete mit Mose. Er nahm etwas von dem Geist, der auf ihm ruhte, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Sobald der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in prophetische Verzückung, die kein Ende nahm. Zwei Männer aber waren im Lager geblieben; der eine hieß Eldad, der andere Medad. Auch über sie war der Geist gekommen. Sie standen in der Liste, waren aber nicht zum Offenbarungszelt hinausgegangen. Sie gerieten im Lager in prophetische Verzückung. Ein junger Mann lief zu Mose und berichtete ihm: Eldad und Medad sind im Lager in prophetische Verzückung geraten. Da ergriff Josua, der Sohn Nuns, der von Jugend an der Diener des Mose gewesen war, das Wort und sagte: Mose, mein Herr, hindere sie daran! Doch Mose sagte zu ihm: Willst du dich für mich ereifern? Wenn nur das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde, wenn nur der Herr seinen Geist auf sie alle legte (Num 11,25-29)
In jener Zeit sagte Johannes zu ihm: Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb; und wir versuchten, ihn daran zu hindern, weil er uns nicht nachfolgt. Jesus erwiderte: Hindert ihn nicht! Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden. Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns. Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört - amen, ich sage euch: er wird nicht um seinen Lohn kommen. Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde. Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen, in das nie erlöschende Feuer. Und wenn dich dein Fuß zum Bösen verführt, dann hau ihn ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Füßen in die Hölle geworfen zu werden. Und wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus; es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes zu kommen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt. Mk 9,38-43.45.47-48
Wie sich doch die Erzählungen vom Alten und Neuen Testament inhaltlich gleichen! Da sagt Josua ganz aufgeregt zu Mose: "Da sind zwei Männer, die sind deinem Ruf zur Gottesbegegnung gar nicht gefolgt. Nun haben auch sie den Geist Gottes empfangen. Da musst du einschreiten, denn sie sind von dir gar nicht autorisiert!" Doch Mose reagiert ganz gelassen, ganz souverän: "Freut euch doch, wenn Gottes Geist auch außerhalb unserer Reihen wirkt. Er weht eben wo er will."
Ähnliches im heutigen Evangelium: Ganz aufgeregt laufen die Jünger zu Jesus: "Da ist ein Mann, der Wunder wirkt. Er beruft sich dabei auf dich. Aber er gehört doch gar nicht zu unserem Kreis! Das kannst du nicht durchgehen lassen! Da musst du einschreiten! Hindere ihn und verbiete ihm das!" Jesus reagiert ganz gelassen und auch ganz souverän. "Lasst ihn gewähren. Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden. Die Hauptsache ist doch, dass meine Sache vertreten wird und unter den Menschen lebendig bleibt, durch wen auch immer es geschieht."
Lebenssituationen. Auch unsere Zeit und unser Leben bringen Situationen mit sich, die diesen Erzählungen der Bibel ähnlich sind, auch wenn sie in einem ganz neuen und aktuellen Kontext stehen. Es ist klar: Nicht alle denken so kirchlich wie wir, die wir sonntäglich, vielleicht sogar werktäglich zur Kirche gehen, Gottes Wort hören, beten und singen, religiös interessiert sind und in der Kirche aktiv mitarbeiten. Viele stehen in Lebenssituationen, die sie mit der Lehre, dem Recht und dem Leben der Kirche in Konflikt gebracht haben. Und manchmal lassen sich diese Konflikte nicht auflösen. Ich erinnere an die Wiederverheiratet-Geschiedenen, an die Fragen bei der religiösen Erziehung, an die Schwierigkeiten, die ausgetretene Priester- und Ordensleute verursachen; ich erinnere an den Wunsch vieler so betroffener Mitmenschen, die den Segen der Kirche, ihre volle Gemeinschaft und die heiligen Sakramente der Beichte und Kommunion wieder ohne Versteckspiel und überhaupt mit ruhigem Gewissen empfangen möchten. Es gibt eine ganze Reihe von Nöten, die wir, die Priester und das gläubige Volk, nicht übersehen oder leicht aburteilen dürfen.
Glaubensstärke und Offenheit. Ich weiß, wir dürfen das Evangelium nicht verraten, wir dürfen auch in "schwierigen Fällen" die damit verbundenen theologischen und kirchrechtlichen Fragen nicht einfach unter den Teppich kehren und wir dürfen auch unserer Kirche nicht in den Rücken fallen. Es stimmt, dass in der Vorbereitung auf den Ehe- oder Priesterstand die Sakramente wahrscheinlich zu wenig als das Gnadenwirken Gottes gelehrt und gesehen wurden. Und doch: Gerade bei den oben umschriebenen Personen habe ich immer wieder einmal einen Glauben gefunden, der mich beschämt hat und der mich erinnert hat an die Frau am Jakobsbrunnen, der Jesus so wissend, so weise und so liebend begegnet ist - oder der mich erinnert hat an den Zachäus, der sich als Zöllner schuldig gemacht hat und sich auch schuldig gefühlt hat: "Zachäus, steig eilends herab, denn heute muss ich in deinem Hause bleiben!"
Jesu Liebe bleibt. Jesus war ein toleranter Mensch. Das lateinische Wort "tolerare" heißt: ertragen, aushalten, erdulden, erhalten, unterstützen, erträglich machen. Gegenüber den übereifrigen Hitzköpfen der Apostel stellt er klar: "Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns." Jesus hat nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, sondern uns ermuntert, die wahren und echten Gesetze zu befolgen. Aber er wurde dabei kein Buchstaben- und Gesetzesreiter und kein Paragraphenfuchser, sondern er rückt das Hauptgebot der Liebe GOTT, DEN NÄCHSTEN UND SICH SELBST ZU LIEBEN in den Mittelpunkt seiner Lehre von Gott seinem Vater. Jesus weiß, dass auch von den Schwachen und Gefallenen viele zumindest insgeheim Gutes tun - auch in einer verborgenen Grundhaltung zu Christus und in mancher Verletzung gegenüber der Kirche. Der ÖKUMENISCHE KIRCHENTAG in Berlin hat viele dieser Wunden gezeigt, aber ich war doch froh dabei gewesen zu sein und Menschen kennen gelernt zu haben, die nicht gegen uns, sondern für uns sind - so jedenfalls sagte es Jesus.
Aber in jenen Tagen, nach der großen Not, wird sich die Sonne verfinstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen. Und er wird die Engel aussenden und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels. Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr (all) das geschehen seht, dass das Ende vor der Tür steht. Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles eintrifft. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater. (Mk 13,24-32)
Worauf läuft eigentlich unser Leben hinaus? Bei dieser Frage, die sich die Menschen immer schon gestellt haben, sind wir für eine Antwort dankbar, die uns Orientierung gibt. Diese Antwort kommt von Gott her und verheißt uns etwas, was unseren Augen noch verborgen ist.
Im Evangelium des heutigen vorletzten Sonntags im Kirchenjahr hören wir eine solche Antwort. Es ist ein Wort Jesu, das Mut macht in Bedrängnis und Dunkelheit; es ist ein Zuruf, der die Richtung weist in eine lohnende Zukunft. Von der Endzeit ist hier die Rede. Endzeit freilich heißt nicht, dass alles zu Ende ist, dass einfach alle Lichter ausgehen oder dass nach einem gewaltigen Endknall alles zerstört ist. Mit dem, was Jesus den Menschen damals gesagt hat, möchte ich ein paar Antworten versuchen.
DAS KOMMEN DES MENSCHENSOHNES. Der Menschensohn tritt aus der Verborgenheit heraus, ein jeder kann ihn sehen, ja, jeder muss ihn sehen. Es gibt keine Ausflüchte mehr, kein Sichentschuldigen, man habe ihn bedauerlicherweise übersehen. Denn das soll das Wort heißen: "Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen"(V 26). Wir Menschen werden IHN also wahrnehmen, ob es uns gelegen oder ungelegen ist.
APOKALYPTISCHE BILDER. Da heißt es, dass große Not kommen wird, die Sonne wird sich verfinstern, der Mond nicht mehr scheinen, die Sterne werden vom Himmel fallen, die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Diese Gedanken und Bilder der Apokalyptik besagten den Menschen damals, dass die, Welt irgendeinmal ihren Daseinszweck erfüllt haben wird. Das heißt nicht, dass es globale Ermüdungserscheinungen geben wird und schließlich alles zum Stillstand kommt. Auch davon ist nicht die Rede, dass Gott diese Welt endgültig satt hat oder schwer bestraft. Es heißt auch nicht, dass die Menschen diesen Erdball sozusagen durch Sonne, Mond und Sterne jagen könnten und dabei alles selber zerstören würden.
Eine Aussage ist allerdings unverkennbar. Unser biblischer Text erteilt dem Gedanken einer stetigen Wiederkehr eine eindeutige Absage. Reinkarnation kommt in der Bibel nicht vor. Unsere Weltgeschichte wird sich nicht pausenlos drehen, wir sitzen nicht fortwährend auf einem Karussell, bei dem die Bremsen versagen oder gar fehlen.
DAS BILD DES SAMMELNS. Jesus möchte uns sagen, es beginnt einmal das Neue, die Zeit der Fülle. Davon spricht ein klarer Satz unseres biblischen Textes: "Und er wird die Engel aussenden und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels" (V 27). Das Bild des Sammelns wird deutlich sichtbar. Der Hirt, der die Seinen um sich sammelt, gewinnt hier eine deutliche Aussagekraft.
DIE SCHEIDUNG DER GEISTER. Und wie steht es mit dem Endgericht? Dies ist doch in anderen biblischen Texten klar ausgesprochen, dass es am Ende der Tage absolut nicht belanglos ist, w i e ein Mensch gelebt hat. In unserem Text ist heute schon von der Scheidung der Geister die Rede. In einem vergleichbarem Text im Buch der Offenbarung ist die Rede von den Auserwählten, die aus der großen Drangsal kommen und die sich dem Ungeist der Gottlosigkeit nicht beugten und die treu blieben.
GOTT BESTIMMT TAG UND STUNDE. Nicht die Sterne beeinflussen und lenken entscheidend das Leben der Menschen; sie werden vom Himmel fallen, verblassen und verglühen. Nicht die Sterne sind die Glücksbringer, sondern der EINE, der wichtiger ist als alle Sterne zusammen: DER MENSCHENSOHN. Er spannt seinen Bogen vom Anfang bis zum Ende. Wir wissen nicht den Zeitpunkt, wohl aber das Eine: Gott lässt sich das Ruder nicht aus der Hand nehmen. Er allein bestimmt Tag und Stunde.
In diesem Vertrauen, erst mit Gott zum Ziel zu kommen, können wir in das Lied einstimmen (GL Nr. 560, 2-4):
"Das All durchtönt ein mächtger Ruf: Christ A und 0 der Welten!Zum Jahreswechsel
Schon ist das neue Jahr 2004 angebrochen. Zum alten Jahr haben wir uns noch einen guten Beschluß gewünscht, wie man hier in Unterfranken sagt. Und was wünschen wir uns nicht alles für das neue Jahr: einen guten Rutsch - Prosit-Neujahr - Gesundheit - Erfolg - Frieden - Gottes Segen! Es soll nicht schlechter werden, das neue Jahr, so prosten wir uns zu. Und mit einem Gläschen Sekt spülen wir die schlechten Erfahrungen und die mißlungenen Versuche des letzten Jahres hinunter. Trotz allem: Stärker ist die Hoffnung auf das Gelingen des neuen Jahres.
Wir wissen, daß wir nicht alles beim alten belassen dürfen. Wir spüren, daß wir bewußter leben müssen und uns gegenseitig mehr wahrnehmen müssen, daß wir mehr miteinander reden und uns besser helfen müssen. Natürlich sieht die Welt um uns herum nicht immer so verheißungsvoll aus, doch den jungen Leuten erweisen wir keinen Dienst, wenn wir immer nur jammern - und das auf relativ hohem wirtschaftlichen und finanziellen Niveau. Das schöne Wort des früheren UNO-Generalsekretärs Dag Hammerskjöld "Dem Vergangenen Dank - Dem Kommenden Ja!" ermahnt uns, dankbarer, bescheidener und zuversichtlicher zu werden.
Wir brauchen wieder viel mehr Optimismus, der ein Vertrauensvorschuß ans Leben ist. Der heilige Paulus drückt es einmal im Brief an die Römer so aus: "Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und mit allem Frieden im Glauben, damit ihr reich werdet an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geistes" (15,13). Und Maria, deren Hochfest die Kirche an Neujahr feiert, sie möge uns gütig begleiten und beschützen und uns treue Fürsprecherin sein in den Unwägsamkeiten des kommenden Jahres. Wir beten doch voller Vertrauen zu ihr: "Wer hat je umsonst deine Hilf' angefleht - wann hast du vergessen ein kindlich Gebet? Drum ruf ich beharrlich im Kreuz und im Leid - Maria hilft immer, sie hilft jederzeit!"
Jede Zeit und somit auch jedes neue Jahr muß uns Anlaß sein, die Zeit zu überdenken, die uns 2003 geschenkt war und die nun unwiderruflich vorbei ist. Jede Zeit und damit auch der Beginn des Jahres 2004 muß uns eine Mahnung sein, mit dieser Zeit ganz sorgfältig umzugehen. Die Zeit wird uns geschenkt, aber sie ist nicht nur unser. So müssen wir die Zeit, die Stunden und Tage, die Wochen und Monate immer gut nützen, denn SEIN IST DIE ZEIT! In diese SEINE ZEIT sind wir hineingestellt, uns zu bewähren auch im Ungewissen. Nur IHM ist nichts verborgen.
So beginnen wir das neue Jahr IM NAMEN DES VATERS. Dieser Vatergott zeigt uns Großmut, dem Mitmenschen Freiheit zu geben; zeigt uns seine Sehnsucht, die den Menschen nicht vergißt oder abschreibt. Gottes Güte erfahren wir, die dem anderen die Tür nicht zumacht; seine Barmherzigkeit, die immer wieder vergibt; seine Freude, wenn wir das Böse mit dem Guten vergelten; seine Liebe, die uns nichts nachträgt.
Wir beginnen das Jahr IM NAMEN DES SOHNES. In Christus ist uns Menschen der Retter erschienen, der uns das Wort Gottes verkündet, die Kranken geheilt, die bösen Geister ausgetrieben und sich der Kinder und der Armen in besonderer Weise angenommen hat. Über Leid, Tod und Auferstehung führt uns sein Weg zum Vatergott zurück. Er ist mit dem Vater eins.
Beginnen wir das Jahr auch IM NAMEN DES HEILIGEN GEISTES. Wir stehen als Kirche und Volk Gottes unter der Führung des Heiligen Geistes. Dieser Geist vermittelt uns Weisheit und Verstand, bekräftigt uns mit Rat und Stärke, schenkt uns die Gabe der Wissenschaft und fördert in uns Frömmigkeit und die Ehrfurcht vor Gott. Dann brauchen wir keine Horoskope und Ersatzreligionen, dann fallen wir nicht auf esoterische Bewegungen und auf die Verführungen eines ausufernden Zeitgeistes herein.
Gott läßt uns nicht allein. Er segnet uns und geht mit uns, wie wir es in der Lesung aus dem Buch Numeri am Neujahrstag hören: "Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über Dir leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil."
Ganz ehrlich gesagt: Eigentlich "juckt" es mich schon, am kommenden Faschingswochenende von Aschaffenburg aus ins relativ nahe gelegene Mainz oder auch die hundert Minuten mit der Bahn ins nicht allzu weit entfernte Köln zu fahren, um dort den Fasching oder Karneval mitzuerleben. Denn abgesehen von den Auswüchsen, die es gerade im Fasching leider in den närrischen Hochburgen, aber auch in kleineren Orten bei uns gibt, hat dieses Treiben für die Menschen auch eine wichtige Bedeutung. Bei echten Späßen und geistreichen Reden in der Bütt, bei einfallsreich geschmückten Wägen und tollen Masken, bei Schunkelliedern und flotten Sprüchen, können die Menschen, wieder auch von Herzen lachen. Und das ist gut so!
Ich habe ihn noch persönlich gekannt, den Innsbrucker Kapuzinerpater mit schwäbischem Blut, den langjährigen Radioprediger Pater Dr. Heinrich Suso Braun. Ihm wird das herzerfrischende Wort nachgesagt, dass wir nicht immer feierliche Gesichter machen und in Sack und Asche Buße tun sollten und dass wir nicht, den Spaß zu der Leimrute des Teufels machen sollten, wenn's um den Tanzboden und das Kartenspiel geht. Es habe ja dem Christentum kaum etwas so geschadet wie die Humorlosigkeit. Und wir kennen das wohl nicht unbegründete Wort des Friedrich Nietzsche, in dem wir den Erzketzer zu sehen gewohnt sind, wenn er dem Christenvolk zum Vorwurf macht: "Erlöster müssten die Christen aussehen und bessere Lieder müssten sie singen, damit man an ihren Welterlöser glauben kann."
Pater Suso fragte wohl sich selber und uns alle: "Denken wir oft genug daran, wie viel Grund zur Freude wir haben, da doch Gott ganz in uns ist und wir in ihm? Wo ist denn da etwas Langweiliges und Trauriges?" Ja, die Verwirklichung christlicher Tugenden sollte auch mit Humor verbunden sein. Denn die Freude gehört zum christlich-religiösen Menschen, ebenso wie die Fähigkeit, über viele kuriose Dinge des Alltags herzhaft zu lachen, statt dauernd über alles zu jammern und zu meckern; es bleibt gewiss noch genügend Ärgerliches für die, die das Schimpfen gar nicht lassen können. Wie wohltuend sind zwei große Vorbilder unserer Zeit: Ein Papst Johannes Paul I., der gewiss die Welt- und Kirchengeschichte schon wegen seines all zu kurzen Pontifikates nicht so viel bewegen konnte wie sein Nachfolger, wird dennoch wegen seines gewinnenden Lächelns in Erinnerung bleiben. Und die zur Ehre der Altäre erhobene Mutter Teresa von Kalkutta, die unendlich viel Traurigkeit, Not und Elend gesehen und mit ihren Händen gespürt hat, sagte einmal: "Christentum beginnt mit dem Lächeln."
"Ein Heiliger, der traurig ist, ist ein trauriger Heiliger." Wie trifft dieses berühmte Wort eines christlichen Geistesmannes den Nagel auf den Kopf! Die Versuchung dazu, trübsinnig zu werden, ist heute manchmal allzu groß, wenn überall gleichsam alles ins Wanken gerät und nichts mehr sicher scheint von dem, worauf unsere christliche Freude gründet: von der Frohen Botschaft über die Auferstehung des Herrn. Doch selbst in der Fastenzeit, die am Aschermittwoch wieder beginnt, feiert die Kirche den Sonntag Laetare und erinnert uns wie in der Adventszeit mit dem Sonntag Gaudete an die Freude und mahnt uns voller Weisheit vor einseitiger Strenge und Ernst.
Die Liturgie der Kirche führt uns hin zum Ausblick auf die eigentliche Bestimmung und zum Ziel unseres Christenlebens, dem in der Frohbotschaft die wahre Freude in Gott verheißen ist, die ewige Freude, die besiegelt wird von Wahrheit und Güte.
In den kommenden Tagen wird wieder viel Humor versprüht werden. Manche sagen: Ich wollte, der Rummel wäre schon vorbei; ich kann an diesem tollen Treiben nichts finden! Natürlich ist es uns nicht immer zum Feiern und zum Gaudimachen, aber keiner sollte dem anderen die Faschingszeit mit ihren Umtrieben von vornherein vermiesen. Das lateinische Wort "humor" bedeutet "Flüssigkeit" und führt uns hin zur Medizin. Für viele unserer Zeitgenossen - auch in der Kirche - wäre es wahrlich eine gute Medizin, wenn sie statt ihrer krankhaften Geschäftigkeit mit furchtbar ernsten Mienen, wieder mehr lachen würden und Humor hätten.
Fred Endrikat hat es so formuliert:
"Humor ist sozusagen unser Senf des Lebens. Er macht ein Stücklein trockenes Brot zum Leibgericht. - Humor ist unser Freund in allen Lebenslagen, weil er dem Herz entspringt und nicht dem Intellekt. Man kann zum Beispiel mit Humor die Wahrheit sagen, so dass sie uns bekommt und halb so bitter schmeckt."
Himmelfahrt und Pfingsten das bedeutet für viele Menschen in Mitteleuropa Ausflüge "ins Blaue" und Kurzurlaub "im Grünen", Tanz in den Mai und Männertour am "Vatertag". Diese Formen der Freizeitgestaltung einer liberal gewordenen Gesellschaft haben übrigens alte Wurzeln, christliche und auch außerchristliche: Immer schon gab es zwischen Ostern und dem Fronleichnamsfest Prozessionen, Ausritte und Begehungen der Felder.
Die deutsche Bezeichnung "Pfingsten" geht auf eine schlichte Zahlenbezeichnung zurück: "Fünfzig" (althochdeutsch: fimfchustin griechisch: pentekoste).
Denn wie das Osterfest nimmt auch Pfingsten die jüdische Tradition auf: Sieben Wochen also 50 Tage nach dem Pessach Fest wird beim Schavuot Fest daran erinnert, wie Mose am 50. Tag nach dem, Auszug der Israeliten aus, Ägypten auf dem Berg Sinai die Tafeln mit den Zehn Geboten erhielt. Die ersten Christen - so wird es in der Apostelgeschichte berichtet - erlebten dieses Fest neu: Wie Moses auf dem Sinai, so verabschiedete sich der Auferstandene Jesus nach vierzig Tagen und entschwand in den Wolken. Und wie Mose erfuhren die ersten Christen die Kraft Gottes wie im Sturm und wie in Feuerflammen. Und sie erlebten, wie diese Kraft die Sprach und Kulturgrenzen zwischen Menschen aufhebt.
Christi Himmelfahrt und Pfingsten bedeuten somit: Himmel und Erde kommen zusammen Christus und die Kirche werden in der Bibel wiederholt als Bräutigam und Braut bezeichnet um ein Neues Volk, Töchter und Söhne Gottes, hervorzubringen. Pfingsten ist in diesem Sinne wirklich "Geburtstag" der Kirche und der Christenheit. Gottes Kraft will in dieser Welt und im Leben jedes Menschen fruchtbar werden. Und es ist nur natürlich, dass diese Kraft "nach draußen" strebt, über alle Grenzen hinweg, "bis an die Enden der Erde".
So ist es zu verstehen, was damit gemeint ist, wenn Menschen davon sprechen, dass es mit dem Wind ähnlich sei, wie mit dem Geist: Man kann es ja beobachten, dass der Wind über Knospen und Blüten weht, dabei .bestäubt, befruchtet und neuem Wachsen dient. Vom menschlichen Geist kann etwas ähnliches gesagt werden. Vor dem Handeln steht der Gedanke und vor dem Tun der Impuls des Geistes. Die Frage ist dabei berechtigt, von welchem Tun sich Menschen leiten lassen, auf welchem Geist man schließen kann, wenn man da und dort leider auch ein Werk der Zerstörung vor sich hat, andernorts aber staunend vor einem prächtigem Kunstwerk steht.
Wenn die Christen Pfingsten feiern, dann erinnern sie sich an ein Ereignis, bei welchem Menschen von einem Sturmwind der Begeisterung erfasst wurden. Sie denken an ein Geschehen mit einer positiven Langzeitwirkung gerade in unserer kurzlebigen Zeit. Pfingsten ist auch für uns ein Sich Öffnen für die Aufgaben, die von Christen in Gegenwart und Zukunft zu erfüllen sind. Der Wind mit seiner befruchtenden Wirkung kann ein Hinweis auf die kreative Kraft des Gottesgeistes sein. Man kann sich dem von Gott kommenden Geist verschließen, man kann aber auch sein Inneres auftun für das Wirken jener Kraft von oben, die eine neue Glaubensfreude weckt, die alle Herzenskälte überwindet und eine spürbare Begeisterung entfacht, die aus guten Gedanken gute Taten werden lässt.
Pfingsten ist ein Fest, an dem wir aufgefordert werden, die Welt und die Kirche neu anzuschauen. Erst wenn wir durch die Oberfläche dringen, erschließt sich uns die Wirklichkeit. Diesen Geist erbitten wir auch für den Katholikentag in gut zwei Wochen in Ulm. Der gleiche Pfingsthauch des Pfingsttages wärmt und kühlt, wirbelt durcheinander und führt zusammen, lässt Altes zusammenkrachen und Neues erstehen. Berechnen lässt er sich nicht. Er fährt dazwischen, wenn man es nicht erwartet, er scheint auszubleiben, wenn er beschworen wird. Zu den fahrigen und aufgeregten Gemütern, die nicht warten und nichts wachsen lassen können, kommt er als Geist der Gelassenheit. Aber zu den verschlafenen und ewig zögernden Wesen, kommt er als der als der bewegende, wachrütelnde und umstürzende Geist, der das Angesicht der Erde erneuern wird.
Der Herr erschien Abraham bei den Eichen von Mamre. Abraham saß zur Zeit der Mittagshitze am Zelteingang. Er blickte auf und sah vor sich drei Männer stehen. Als er sie sah, lief er ihnen vom Zelteingang aus entgegen, warf sich zur Erde nieder und sagte: Mein Herr, wenn ich dein Wohlwollen gefunden habe, geh doch an deinem Knecht nicht vorbei! Man wird etwas Wasser holen; dann könnt ihr euch die Füße waschen und euch unter dem Baum ausruhen. Ich will einen Bissen Brot holen, und ihr könnt dann nach einer kleinen Stärkung weitergehen; denn deshalb seid ihr doch bei eurem Knecht vorbeigekommen. Sie erwiderten: Tu, wie du gesagt hast. Da lief Abraham eiligst ins Zelt zu Sara und rief: Schnell drei Sea feines Mehl! Rühr es an, und backe Brotfladen! Er lief weiter zum Vieh, nahm ein zartes, prächtiges Kalb und übergab es dem Jungknecht, der es schnell zubereitete. Dann nahm Abraham Butter, Milch und das Kalb, das er hatte zubereiten lassen, und setzte es ihnen vor. Er wartete ihnen unter dem Baum auf, während sie aßen. Sie fragten ihn: Wo ist deine Frau Sara? Dort im Zelt, sagte er. Da sprach der Herr: In einem Jahr komme ich wieder zu dir, dann wird deine Frau Sara einen Sohn haben. (Gen 18,1-10a)
Es blieb ja der Nazipropaganda vorbehalten, das Alte Testament ein Buch der Viehzüchter und Zuhälter zu nennen. Doch das Alte Testament beinhaltet neben manchen schlimmen Geschichten sehr viele schöne und tiefe Erzählungen. In der 1. Lesung zum 16. Sonntag im Jahreskreis, genommen aus dem Buche Genesis, lesen und hören wir, wie der Herr dem Abraham bei den Eichen von Mamre erschien. Es ist eine sehr tiefgehende Geschichte von Gott, der auf dem Weg zu den Menschen ist. Und in Abraham findet er einen Menschen, der zur Ruhe gefunden hat, - eine meist notwendige Voraussetzung zu einer echten Gottesbegegnung. In Abraham findet er auch einen Menschen, der ohne Berechnung überaus gastfreundlich ist und wirkliche Freude über den Besuch zeigt. Er kannte ja die Fremden nicht, die in der Mittagshitze an seinem Zelt vorbeikamen, doch wollte er sie nicht weiterziehen lassen, ohne ihnen Gutes zu tun. Abraham konnte sich seine Gäste nicht aussuchen. Er konnte auch nicht berechnen, ob sich seine besorgte Gastfreundschaft fremden Leuten gegenüber jemals lohnen wird. Abraham war einfach offen.
Gott ist auf dem Weg zu uns allen, zu dir und zu mir! Doch wir müssen ihn auch einladen, wenn er an uns vorbeigeht. Gewiss geht er auch an uns oft vorüber oder steht vor uns. Vielleicht laden wir ihn oftmals deshalb nicht, ein, weil wir glauben: Er hält uns ja doch nur auf! Unsere Zeit - so machen wir uns vor - ist zu kostbar; unsere Aufgaben sind zu viel; unsere Verpflichtungen sind zu wichtig. Manchmal verschließen wir uns geradezu und lassen ihn nicht an uns herankommen. Wir "verhärten unser Herz'" (vgl. Ps 95,8). Aber er ist da, nicht nur im Wort Gottes und im Altarsakrament, sondern auch in den Kindern und in den Alten, in den Kranken wie in den Gefangenen, in denen, die zufrieden sind und Frieden halten, in denen, die nach Gottes Geboten leben und dann von ihm "Leben in Fülle" bekommen. Abraham hatte Zeit für seine Gäste und er war sehr zuvorkommend. Da ließ sich Gott bedienen, da kehrte Gott bei ihm ein. Seine Zuvorkommendheit war wie die Sonne, die ihre Wärme einfach ausstrahlt, sonst würde die Welt im Nu erfrieren; war wie die Wolken, die erquickenden Regen spenden, sonst würde die Erde bald vertrocknen.
Bei der Betrachtung der Lesung aus dem Buche Genesis können wir verstehen, dass für den 16. Sonntag das Evangelium von Jesus bei Maria und Marta gewählt wurde. Auch hier kommt Jesus als Gast in das Haus der Freunde und lässt sich bewirten. Er gibt mehr als das, was er empfängt. Dabei hat Maria "schneller als ihre Schwester Marta begriffen, dass der Glaube und die Tat des Glaubens, die Liebe, erst möglich werden durch die Begegnung mit Jesus und das Hören auf sein Wort" (s. Einleitung im Schott). Dem geschäftigen Tun von Marta, die sich beim Besuch Jesu "viele Sorgen und Mühen" machte, zog Jesus das "Hören auf sein Wort" vor. "Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden" (Lk 10,38-42).
Zurück zur Lesung: Gott kommt manchmal mit anderer Gestalt und mit anderem Anspruch, als wir Menschen erwarten. Gott kommt vielleicht auch im ungelegenen Augenblick, mit dem wir nicht rechnen. Wir müssen wach sein! Er kann durch einen Menschen kommen, von dem wir nicht viel halten oder dem wir nichts zutrauen. Bei Friedrich Nietzsche steht das Wort: "Es kann mancher seine eigenen Ketten nicht brechen, und doch anderen ein Erlöser sein." Diese Erfahrung darf ich,der Schreiber des Artikels, auch immer wieder bei gefangenen Männern und Frauen machen, bei Leuten, die ihre Ketten einfach nicht zu brechen vermögen, und die doch auch so viel Liebe haben.
Wer Gott aufnimmt, wird beschenkt mit seiner Liebe. Der Herr sagte zu Abraham: "Über's Jahr, wenn ich wieder zu dir komme, dann wird deine Frau Sara einen Sohn haben" (V. 10a). Was das für Abraham und seine Frau Sara bedeutete, kann nur ermessen, wer kinderlos blieb oder erst sehr spät mit einem Kind beschenkt wurde. Denn ein Kind ist Zukunft - und Gottes Liebe ist ja schließlich Hoffnung und Zukunft und ewiges Leben. In echter Gastfreundschaft - wie bei den Eichen von Mamre - nehmen wir nicht nur Engel auf, sondern wir sind selbst die von Gott Beschenkten.
25 Viele Menschen begleiteten ihn; da wandte er sich an sie und sagte: 26 Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein. 27 Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. 28 Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? 29 Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertig stellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten 30 und sagen: Der da hat einen Bau begonnen und konnte ihn nicht zu Ende führen. 31 Oder wenn ein König gegen einen anderen in den Krieg zieht, setzt er sich dann nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegenstellen kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt? 32 Kann er es nicht, dann schickt er eine Gesandtschaft, solange der andere noch weit weg ist, und bittet um Frieden. 33 Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.(Lk 14,25-33)
Was meinen Sie zu folgender Kritik einer deutschen Tageszeitung an der katholischen Kirche in der Bundesrepublik? "Unter der glänzenden Oberfläche einer funktionierenden Organisation scheint die Substanz des christlichen Glaubens angegriffen. ...bei den sogenannten - guten Katholiken' schwindet die Bereitschaft, sich in den Dienst der Kirche zu stellen und etwa als Ordensschwester, Mönch oder Seelsorger der Gesellschaft das notwendige Korrektiv zu Egoismus, Geistlosigkeit und Konsum zu geben ... Der Kirche in der Bundesrepublik und ihren Katholiken tut der alte christliche Elan wieder Not - und der Gesellschaft wohl auch." Diese Kritik trifft ins Schwarze! Denn der seelsorgliche Notstand wird immer mehr offenkundig. In dieser Lage meine ich durchaus, dass nicht nur die Diskussion um neue Wege zum Priester- und Ordensstand weitergehen muss, dass nicht nur mehr in diesem Anliegen gebetet werden muss, dass aber vor allem die katholischen Familien und Pfarrgemeinden sich für die Sorge um mehr Priester und Ordensleute verantwortlich fühlen müssen. Sie alle gehören ja zusammen.
Das Evangelium vom 23. Sonntag (Lk 14,25-33) weißt uns allerdings auf Bedingungen hin, die wohl manchen Berufenen und ihren Verwandten und Freunden nicht schmecken. Denn - so heißt es -, wer mit IHM gehen will, muss auf Besitz, Familie, Freunde, Ehre, ja auf das eigene Leben verzichten können. Und Gott ruft jeden auf seinem ihm eigenen Weg. Dem größeren Verzicht, der von einzelnen gefordert wird, steht die größere Liebe gegenüber, zu der sie gerufen sind (vgl. Schott-Einleitung). In dieser größeren Liebe stehen die Berufenen selber im Dienst am Glauben und müssen immer neu versuchen, aus dem Glauben zu leben. Wenn sie nicht aus Glauben und Gebet vorleben, was sie predigen, werden sie aller Wahrscheinlichkeit nach scheitern. Sie müssen vom Wort Gottes ergriffen sein und werden dann "Gute Hirten" für die Menschen sein in dem Sinne, wie es einmal der Hl. Petrus Canisius (+1597) umschrieb: "Ein Hirt der Kirche muss nämlich so sein, dass er wie Paulus allen alles wird, dass der Kranke bei ihm Genesung findet, der Betrübte Freude, der Verzweifelnde Vertrauen, der Unerfahrene Belehrung, der Schwankende Klarheit, der Reuevolle Vergebung und Trost, kurz, ein jeder das, was ihm zum Heile notwendig ist."
Freilich müssen die Menschen auch begreifen und als Mitchristen Verständnis haben, dass der Berufene EINER VON UNS ist, mit den Vorzügen und auch Schwächen, wie die Menschen alle. Er glaubt und er kann deshalb auch Glaubensschwierigkeiten haben. Er freut sich und er kann auch leiden.
Er sündigt, das heißt, er hinkt auch hinter dem nach, was wir als Christen sein wollen und sein sollen. Er steht uns nicht in erster Linie gegenüber, sondern er teilt mit allen das menschliche Leben. Er ist also angewiesen, wie wir aufeinander - er ist angewiesen auf die Offenheit der Gläubigen, auf das Vertrauen, auf die Kritik und auf die Mitarbeit aller. Vom Nörgeln und Jammern und Besserwissen hintenherum kann er nicht leben.
Es gibt Christen, die machen es den jungen Menschen schwer, den Priester- und Ordensberuf ins Auge zu fassen, obwohl sie ihre Berufung spüren. Es geht nicht einfach darum, das IDEAL unbedingt zu verwirklichen, es geht schon gar nicht um RECHTS oder LINKS, es geht auch nicht um FROMM oder SOZIAL, es geht nicht um SCHLICHTE BEGABUNG oder BLITZGESCHEIT, sondern es geht darum, dass der Berufene, wie es Paulus vom Amt des Hohenpriesters in Hebr 5,1-6 schreibt: "Denn jeder Hohepriester wird aus den Menschen genommen und für die Menschen eingesetzt zum Dienst vor Gott Der Dienst für die Menschen und der Dienst vor Gott darf aber nach der Mahnung des hl. Karl Borromäus (= 1584) nicht dazu führen, die Sorge für sich selbst zu vernachlässigen. Dann aber gilt, was der Heilige sagt: "Mach, dass du vor allem durch Leben und Tat predigst; man soll nicht sehen müssen, dass du anders sprichst, als du tust, und darum über deine Worte spotten und den Kopf schütteln." Das Meer der Aufgaben ist groß und weit. Aber fürchte dich nicht, denn Gott hat die Kirche "auf Meere gegründet, sie über Strömen befestigt". Es lohnt sich, für diese Berufung und für diese Aufgabe zu leben.
Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Beispiel: Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stellte sich hin und sprach leise dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens. Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden. Lk 18,9-14
Die Erste Lesung aus dem Buch Jesus Sirach (Sir 35 15b ff) und das Evangelium (Lk 18,9-14) vom 30. Sonntag stellen gewisse Ansichten richtig. Zum Beispiel die Ansicht, Gott ist wie die Menschen parteiisch, er hält auch zu den Großen und die Armen und Bedrängten übersieht oder vergisst er; das Schreien der Waisenkinder dieser Welt überhört er und das Klagen der Witwen lässt ihn kalt. Zum Beispiel auch die Ansicht, man muss sich nur selber ins richtige Licht stellen und danken, dass man nicht so geworden ist wie gewisse Leute, die rauben, betrügen, ehebrechen oder andere abzocken, wie es der Zöllner offensichtlich getan hat. Man muss dann nur seine guten Seiten hervorkehren, was man für Opfer bringt und welche guten Werke man schon getan hat und weiterhin tut, dann "passt" es schon.
Lässt Gott sich beeindrucken, lässt Gott sich gar bestechen? Der Sohn Gottes, Jesus Christus, gibt im "Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner" eine anschauliche Antwort. Und da die Bildersprache das wirksamste Mittel ist, eine Aussage deutlich zu machen, bedient sich Christus fast ausschließlich dieser Form der Gleichnisrede. So zeigt er im heutigen Evangelium mit der Gestalt des Pharisäers auf Leute hin, die so sehr von sich eingenommen und überzeugt sind, dass sie für andere Menschen nichts mehr übrig haben, ja auf sie herabschauen und geringschätzen. Sie sind überzeugt, ihre Frömmigkeit wäre nachahmenswert und ihr Gerechtigkeitsempfinden unantastbar. Doch Christus sieht hinter ihre Maske der Selbstgerechtigkeit und ihres sündhaften Egoismus. Er weiß: niemand kann sich vor Gott rühmen.
Die verschiedenen Formen und auch Abarten der Selbstgerechtigkeit gehen auf den Stolz zurück; dieser ist die Wurzel aller Übel. Aus dem Stolz kommen auch die totale Missachtung und Verachtung des Nächsten. Da hat eine Wertordnung, die Gott als den höchsten Herrn und Schöpfer achtet, keinen Platz mehr. Die großen verbrecherischen Entwicklungen des letzten Jahrhunderts, wie Kommunismus und Nationalsozialismus, die unermesslich viel Zerstörung und Leid und Blut über die Menschen gebracht haben, haben im Stolz und in der Verachtung der menschlichen Würde und der Verleugnung Gottes ihre Wurzeln. Hinter der aufgeblähten Haltung der Selbstgerechten, die sich mit Hilfe ihrer äußeren Werke Anerkennung verschaffen wollen, verbirgt sich Hohlheit und Leere. Darum sagt Matthias Claudius mit Recht: "Den leeren Schlauch bläst der Wind auf, den leeren Kopf der Dünkel!"
Nach den Worten Jesu sollen wir das "Licht der Wellt" sein (Mt.5,14), doch gilt es dabei nicht zu übersehen - wie Jörg Zink den Vers 16 übersetzt: "So soll euer Licht vor aller Augen brennen und zeigen, dass ihr in Gottes Auftrag wirkt, dass man euren Vater im Himmel erkennt und seine Herrschaft rühmt." Das ist etwas anderes als sich selber zu loben. Natürlich darf es auch in der Welt und in der Kirche Lob und Anerkennung geben, aber aus dem Munde des Betroffenen selber wirken sie peinlich und deplaziert. Der Philosoph Friedrich Nietzsche sagt dazu: "Anmaßung bei Verdiensten beleidigt noch mehr als Anmaßung von Menschen ohne Verdienst." Ja, so anders ist es: Nichts vermag der Mensch aus sich selber heraus, aus eigener Kraft, alles ist Geschenk und Gnade Gottes. Christus sagt einmal - und in seiner Nachfolge auch unser Ordensvater Franz von Assisi - selbst wenn wir unsere Pflicht und Schuldigkeit Gott gegenüber mustergültig erfüllt haben, so müssen wir uns als nichtsnutzige Knechte betrachten.
Es bleibt ein großer Trost für uns, dass Gott in seiner Allwissenheit und Liebe den Menschen bis auf den Grund seiner Seele durchschauen kann und ihn auch absolut gerecht beurteilen kann. Weil Gott gerecht ist, richtet er sein Urteil nicht nach dem geheuchelten, sondern nach dem wahren Zustand unserer Seele. Es ist gewiss für den Menschen unserer Tage nicht leicht zu bekennen: "Gott, sei mir Sünder gnädig!" Aber es gibt im Reich Gottes keine weltliche Rangordnung, sondern da gilt der letzte Satz des heutigen Evangeliums: "wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden."
2Johannes hörte im Gefängnis von den Taten Christi. Da schickte er seine Jünger zu ihm 3 und ließ ihn fragen: Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten? 4 Jesus antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: 5 Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein, und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet.6 Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt. 7 Als sie gegangen waren, begann Jesus zu der Menge über Johannes zu reden; er sagte: Was habt ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt? 8 Oder was habt ihr sehen wollen, als ihr hinausgegangen seid? Einen Mann in feiner Kleidung? Leute, die fein gekleidet sind, findet man in den Palästen der Könige. 9 Oder wozu seid ihr hinausgegangen? Um einen Propheten zu sehen? Ja, ich sage euch: Ihr habt sogar mehr gesehen als einen Propheten. 10 Er ist der, von dem es in der Schrift heißt: Ich sende meinen Boten vor dir her; er soll den Weg für dich bahnen. 11 Amen, das sage ich euch: Unter allen Menschen hat es keinen größeren gegeben als Johannes den Täufer; doch der Kleinste im Himmelreich ist größer als er. (Mt 11,2-11)
Ein Mensch im Gefängnis - hellwach und brennend interessiert. So wird Johannes der Täufer, der Vorläufer Jesu, uns an diesem 3, Adventsonntag vorgestellt. Dass er im Gefängnis sitzt, ist für ihn offensichtlich nicht das Problem. Nachrichten dringen durch die Mauern zu ihm; er hört von den Taten Christi. Seine Jünger setzt er geschickt als Kuriere ein und lässt durch sie Jesus fragen: "Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?" Und der so angefragte "Jesus antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, WAS IHR HÖRT UND SEHT." Jesus gibt also kein Visitenkärtchen mit und kein wohlmeinendes Referenzschreiben, sondern nur eine knappe Antwort, in der er auf seinen Auftrag und auf sein Wirken verweist.
"BLINDE SEHEN WIEDER!"
Welch ungeheuere Freude löst es doch bei den Augenpatienten aus, wenn die moderne Augenmedizin Menschen mit schweren Sehfehlern heilen kann. Doch Jesus meint, gewiss nicht nur die medizinische Seite, sondern auch die seelische. Wie oft sind wir selber die Blinden im Leben! Wir sehen die Not des Nächsten nicht, obwohl wir Menschen noch nie soviel Not und Elend in der Welt gesehen haben wie mittels der modernen Massenmedien. Die Adveniat-Aktion will uns in diesen Tagen des oftmals sinnlosen Konsums die Augen öffnen. In der Lichterwelt unserer Einkaufsmeilen und Geschäftspassagen, dürfen wir die Augen vor den großen Nöten von Menschen dieser Welt einfach nicht zumachen. So viele leiden an Einsamkeit, an körperlichen, psychischen und seelischen Nöten, so viele zerbrechen an zerrütteten Verhältnissen, an Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichen Abstürzen. Nur wenn wir die Augen aufmachen und helfen, wo es Not tut, wird Christi Beispiel zur frohmachenden Botschaft. Dann werden auch Blinde wieder sehen.
"UND LAHME GEHEN!"
Es muss für betroffene Menschen ein ungeheuerer Schlag sein, plötzlich querschnittgelähmt zu sein, nicht mehr gehen oder Rad fahren, bergsteigen oder schwimmen zu können. Noch schlimmer aber muss es sein, keinen Weg zum Nächsten, zum Mitmenschen mehr zu finden. Gelähmt zu sein, was menschliche Beziehungen anbelangt. "Da führt kein Weg mehr zusammen", sagen wir. Sich zum Beispiel nicht mehr befreien zu können aus den selbstgeschmiedeten Vorurteilen. Wenn Lahme wieder gehen, dann heißt das, dass sie den Mut aufbringen, den entscheidenden Schritt aufeinander zuzugehen. Jesus, der von sich sagt, "ICH BIN DER WEG", führt uns den Weg der Versöhnung.
"AUSSÄTZIGE WERDEN REIN!"
Was muss es für eine furchtbare Belastung gewesen sein, zu wissen: Niemand kann mir helfen, "schön" langsam wird mein Körper durch den Aussatz verfaulen und alle müssen die Kontakte mit mir abbrechen. Heute können wir zwar die Lepra-Krankheit, den Aussatz relativ gut heilen, aber die Menschen leiden an einem anderen Aussatz, den Aussatz von Schuld und Sünde. "Aussätzige werden rein", wenn wir uns mit Gott, immer wieder versöhnen und bereit zur Versöhnung im Alltag, mit unseren Mitmenschen werden. Dann wird der ganze Mensch wieder gesünder an Leib und Seele.
"TAUBE HÖREN!"
Man sagt, es ist für den Menschen schlimmer, wenn er nicht hören als wenn er nicht sehen kann. Mit dem Hören hängt auch das Sprechen zusammen. Bei der Taufe berührt der Priester oder Diakon OHREN UND MUND des Kindes und spricht dabei folgende Worte: "So wollen wir den Herrn bitten, dass er diesem Kind helfe, seine Botschaft zu hören und zu bekennen, ... dass du sein Wort vernimmst und den Glauben bekennst zum Heil der Menschen und zum Lobe Gottes." Diese Worte sind auch über uns gesprochen worden, vergessen wir das nicht!
"TOTE STEHEN AUF!"
Was würde mancher Mensch geben, wenn er nicht sterben müsste. Viele wollen dem Tod aus dem Weg gehen. Ja, er ist wirklich sehr schmerzlich und die Trauer muss man aushalten. Doch als Priester erlebt man immer wieder Menschen, die sich gläubig auf Gott freuen und - menschlich gesprochen - auf das Wiedersehen mit ihren Lieben. Denn "verschlungen ist der Tod im Sieg"(lKor 15,54). Mit dieser Auferstehungsbotschaft wird "DEN ARMEN DAS EVANGELIUM VERKÜNDET", das uns Christ, der Retter, bringt, auf den wir in diesen Tagen warten.
nach obenEs kam für die Eltern der Tag der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung. Sie brachten das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn zu weihen, gemäß dem Gesetz des Herrn, in dem es heißt: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein. Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben.
In Jerusalem lebte damals ein Mann namens Simeon. Er war gerecht und fromm und wartete auf die Rettung Israels, und der Heilige Geist ruhte auf ihm. Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Messias des Herrn gesehen habe. Jetzt wurde er vom Geist in den Tempel geführt; und als die Eltern Jesus hereinbrachten, um zu erfüllen, was nach dem Gesetz üblich war, nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten: Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.
Sein Vater und seine Mutter staunten über die Worte, die über Jesus gesagt wurden. Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen.
Damals lebte auch eine Prophetin namens Hanna, eine Tochter Penuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt; nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten. In diesem Augenblick nun trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. Als seine Eltern alles getan hatten, was das Gesetz des Herrn vorschreibt, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazaret zurück.
Das Kind wuchs heran und wurde kräftig; Gott erfüllte es mit Weisheit, und seine Gnade ruhte auf ihm.
Lk 2,22-40
Begegnungen können das Leben verändern. Schade, wenn Menschen resignativ mit dem Leben abschließen - und das sind nicht nur alte Menschen. Umso schöner, wenn Menschen noch einen Blick für die Zukunft haben, vorwärts schauen und dabei doch an Beständigem und Wertvollem festhalten. Gelegentlich höre ich das Wort "früher"; manchmal wird dieses Wort sogar ziemlich inflationär gebraucht. Was heißt das schon? Wir leben doch heute und jetzt! Ja "früher", da war es so und so; da könnt ihr heute gar nicht mehr mitreden; "früher", da war alles ganz anders; "früher"... Ob wahr oder erdichtet, was da über "früher" erzählt wird, es hilft meist nicht weiter. Ich selber lebe mehr von Begegnungen mit Menschen, die in die Zukunft schauen.
Immer wieder gehöre ich zu den Wartenden auf dem Aschaffenburger Hauptbahnhof und freue mich, wenn ich die Zugspitze des ICE einbiegen sehe Richtung Würzburg bzw. Richtung Frankfurt. Dann setze ich mich nach Möglichkeit so, dass ich in Zugrichtung nach vorne blicke. Natürlich kann ich mich auch umgekehrt hinsetzen, dass ich gegen die Fahrtrichtung blicke - und dabei den Blick ständig nach hinten habe. Obwohl die Fahrt nach vorne geht, bleib ich in dem, was hinten bleiben muss. Man kann auch ständig von GESTERN erzählen, obwohl Wb? doch mit vielen interessanten Menschen von HEUTE zusammenleben. Der Altersrundblick mag schön und auch wertvoll sein, das Panorama des Lebens aber erschließt, sich seit unserer Geburt nach vorne.
Das bringt mein Beruf mit sich, dass ich fortlaufend die unterschiedlichsten Menschen kennen lerne. Darunter sind auch alte Menschen, deren Augen noch funkeln, die neugierig sind und offen für Neues, die beim Thema Jugend nicht gleich alle Jalousien herablassen und denen gleich alle Sünden der jungen Leute einfallen. Zu diesen alten Menschen, die die Jugend lieben, gehört auch unser Papst. So stelle ich mir auch die beiden Alten des Evangeliums vom Fest der Darstellung des Herrn vor: Simeon, der Greis, und die hochbetagte Hanna. Von Simeon heißt es, dass er gerecht und fromm war und auf die Rettung Israels wartete. Trotz der Länge seines Lebens hat er sich den Traum seines Lebens auf eine bessere Zukunft noch nicht , abgeschminkt, und trotz so mancher Enttäuschungen hat er nicht aufgehört zu hoffen; er hoffte wider alle Hoffnung. Von Hanna hören wir, dass sie ganz jung geheiratet hatte, aber ihr nur sieben Jahre ihres Eheglücks vergönnt waren. Mit Fasten Beiden ist gemeinsam: Sie waren durch ihr Lebensgeschick nicht bitter geworden, sondern Suchende geblieben. Mag in ihnen auch das alttestamentliche Gottesvolk personifiziert sein, so möchte der Evangelist Lukas die Brücke schlagen vom Volk Israel zu den Heidenvölkern. Die zwei Alten waren "die Wartenden" auf die Rettung des Volkes. Weil sie nach vorne schauten, durften sie den Messias erleben. Mit der ZUKUNFT, mit dem Jesuskind in seinen Armen, lässt der Messias den greisen Simeon die Worte sprechen: "Nun lässt du, Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel" (Lk 2,29-32).
Simeon und Hanna waren noch offen für die verwandelnde Begegnung, denn die zwei alten Menschen hatten gewartet und nicht einfach mit ihrem Leben abgeschlossen. Ihr Warten hat sich gelohnt. Nach dieser Begegnung können sie getrost gehen, getrost Ja sagen zum Ende. Ich habe immer wieder alte Menschen kennen gelernt, die trotz der gelegentlich massiven Einschränkungen durch das Alter, eine Offenheit bewahrt haben, die ich manchem Jüngeren wünschte. Alte Menschen, die eine große Güte ausstrahlen. Alte Menschen, die geprägt waren von vielen Begegnungen, die sie nicht ängstlich und ungenießbar, sondern weit gemacht haben. Alte Menschen, die Schreckliches erleben mussten und doch getrost in die Zukunft blickten. Alte Menschen, die sich nicht einfach einen Panzer angelegt haben, in dem sie letztlich selber zugrunde gingen. Hoffentlich gehören auch wir zu den auf das Heil Wartenden, die in den Begegnungen des Lebens die Spuren von Gottes Gegenwart entdecken und das Licht erfahren dürfen - so wie Simeon und Hanna.
nach obenSo spricht Gott, der Herr: Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. Ich bringe euch zurück in das Land Israel. Wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole, dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin. Ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihr lebendig, und ich bringe euch wieder in euer Land. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin. Ich habe gesprochen, und ich führe es aus - Spruch des Herrn. (Ez 37,12b-14)
Die größte Naturkatastrophe der Neuzeit mit ungefähr einer viertel Million toter Menschen liegt noch keine drei Monate zurück. Was sich am zweiten Weihnachtsfeiertag des Jahres 2004 im Süden Asiens ereignet hat, sprengt alle Vorstellungen über die Gewalt der Natur. Und die Menschen waren hilflos Tod und Verderben ausgeliefert. Leben und Tod, das ist zwar ein Urgeheimnis dieser Welt - da leben Menschen, da sterben Menschen - und an dieser Wirklichkeit kommt keiner vorbei - doch das war ungeheuerlich.
Der 5. Fastensonntag wird auch Passionssonntag genannt. Die Liturgie der Kirche möchte uns vorbereiten auf das Leiden und Sterben des Herrn. Doch die beiden Lesungen und das Evangelium der heutigen Messe bleiben nicht in Leid und Tod stehen. In der ersten Lesung aus dem Buch Ezechiel (37,12b-14) hören wir von Gott, dem Herrn, dass er die Gräber öffnet; das ist ein Stück Hoffnung zum Überleben. Die Lesung ist nur ein Teil eines größeren Abschnittes: Darin sieht der Prophet Ezechiel in einer Vision ein weites Feld von Totengebeinen. Auf Gottes Geheiß ruft er den Geist Gottes Über die Toten und auf seinen Befehl hin überziehen sich die Gebeine mit Fleisch und Haut, werden wieder lebendig und erheben sich. Unsere Lesung sagt: "Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf" (12b). Überall wird der Herr diese Gräber wieder öffnen: dort wo die Kriege herrschten und sich die großen Katastrophen ereigneten, dort, wo unsere stillen Friedhöfe angelegt wurden und dort, wo keiner weiß, wer unter der Erde ist. Überall wird der Herr neues Leben erstehen lassen. Überall wird das Leben siegen, weil Christus Leid und Tod überwand und auferstand zum Leben.
In diesen Monaten denken wir auch an das Kriegsende vor 60 Jahren. Leiden und Tod auf den Schlachtfeldern des mörderischen Krieges und bei den Bombardierungen der Städte, in den Gefängnissen und Konzentrationslagern, bei der Massenvertreibung und der Politik der verbrannten Erde. Doch die Passion ist nicht an solche Horrorzeiten gebunden: Die verschiedenen Arten des Krebses raffen nach wie vor hilflose Menschen hinweg; AIDS bedroht die Gesundheit Einzelner aber auch die Bevölkerung vieler Länder, besonders in Afrika; Kreislauferkrankungen und Infarkte, Arbeits- und Verkehrsunfälle, Suchterkrankungen und der selbstgewählte Tod bringen Trauer und Leid. Und dazu kommen die, die zusammenklappen unter der Last des Lebens, die enttäuscht wurden und verzweifeln und die vom Leben einfach zu hart geprüft werden und aufschreien: Warum! Warum?
Da begegnet uns ein Gott, der die Gräber öffnet, der sein Volk wieder herausholt und befreit, ein Gott, der schon im alttestamentlichen Buch der Weisheit "Freund des Lebens" genannt wird. Dieser lebensspendende Gott begegnet uns in Jesus Christus. Er ruft ins Grab seines toten Freundes hinein: "Lazarus, komm heraus!" (Joh 11,43). Und da kam der Verstorbene heraus. Die Menschen, so heißt es, kamen dadurch zum Glauben an ihn. Darum kann Paulus mit Recht in der zweiten Lesung (Röm 8,8-11) über diesen lebenspendenden Geist schreiben: "Wenn der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird er ... auch euren sterblichen Leib lebendig machen, durch seinen Geist, der in euch wohnt" (11).
Wenn der Mensch an das Leben glaubt, bekommt er immer wieder die Kraft zur Auferstehung. Ich erinnere mich an jene Mutter, die mir ihr schwerstbehindertes Kind ganz verborgen zeigte - und später zeigte sie es her und liebt es über alle Maßen. Ich erinnere mich an manche menschlichen Tragödien in Ehen und Familien, wo die Ausweglosigkeit regierte - und dann gab es wieder Frieden und neues Leben. Ich erinnere mich an Ereignisse, wo die Bitterkeit des Todes besonders spürbar wurde, wo aber auch der Gott des Lebens spürbar eingriff; denn von ihm heißt es ja: "Ich werde eure Trauer in Freude verwandeln" (Joh 16,20). Ich erinnere mich an die Umkehr von Menschen, die durch die Barmherzigkeit Gottes zu neuem Leben, neuer Hoffnung und neuer Liebe befähigt wurden. Oder: Geht es Ihnen nicht auch so: Manchmal meint man, ich schaffe es nicht mehr, ich gehe unter, ich stürze zusammen, ich sterbe?! Doch da ist auch noch der, der gesagt hat: ICH BIN GEKOMMEN, DAMIT IHR DAS LEBEN HABT UND ES IN FÜLLE HABT! Einmal wanderte ich durch einen Ort, wo Tausende umkamen. Da las ich: "E la morte. - E' la vita." Das ist der Tod. - Und das Leben.
nach obenIn den Tagen des Heils sprach Jesus: Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott, und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. Und wohin ich gehe - den Weg dorthin kennt ihr. Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin die gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen? Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen. Philippus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns. Jesus antwortete ihm: Schon so lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater? Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke. Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, glaubt wenigstens aufgrund der Werke! Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater. Joh 14,1-12
Das Evangelium vom 5. Ostersonntag berichtet vom Apostel Thomas, der Jesus nach dem Weg fragt: "Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir denn den Weg kennen?" Und auf diese Frage antwortete ihm Jesus: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich." Da bittet Philippus: "Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns."Da antwortet Jesus: "Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen."
ICH BIN DER WEG.
Wenn wir ein Jahr, eine Woche, einen Tag beginnen, dann fragen wir uns, was diese Zeit wohl bringen wird. Wir wissen, dass, sich der gestrige Tag nicht mehr wiederholen lässt. Die Zeit geht weiter. Wir sind ein Leben lang unterwegs. Da spielt es schon eine Rolle, dass man nicht leichtfertig Irrwege geht.. Es hängt soviel daran dass die Richtung für meinen Lebensweg stimmt-.
Mir bedeutet es in diesem Zusammenhang sehr viel, wenn Jesus von sich sagt: "Ich bin der Weg". Ich meine, es würde sich für uns alle lohnen, dieses Wort so persönlich zu hören und aufzunehmen, als würde Jesus jedem von uns sagen: "Mir kannst du folgen wie einem Weg. Ich führe dich nicht in die Irre. Dieser mein Weg endet nicht im Niemandsland, sondern dieser Weg ist gangbar." Er überfordert dich nicht. Er ist aber auch nicht die breite Straße, die bequem nur bergab geht, als könnte man glauben, alles ginge schon von selber. Nein, diesen Weg muss man sich schon einige Kraft kosten lassen. Aber das Ziel ist es wert.
Es gibt viele Wege auf dieser Erde. Manche von ihnen werden zu mühsamen Umwegen, wenn man zu stolz ist, sich von einem, der sich auskennt, etwas sagen zu lassen. Wir sind auch heute unterwegs. Und wenn wir fragen: Wie geht's weiter, dann sagt er auch uns: Ich bin der Weg. Komm, folge mir!
ICH BIN DIE WAHRHEIT.
Wenn Jesus dies für sich in Anspruch nimmt, will er uns sagen, dass er keinen von uns täuscht, dass er niemand hinters Licht führt, dass er kein doppeltes Spiel treibt. Er ist die Wahrheit. Ist das wirklich wahr, möchte der eine oder andere von uns fragen. Und Jesus sagt, für diese Wahrheit lebe und sterbe ich. Denn die Wahrheit Jesu ist auch die Wahrheit seiner Auferstehung. Es ist die Wahrheit, dass die Menschen von Gott geliebte Geschöpfe sind und in ihnen eine unstillbare Sehnsucht nach Geborgenheit und Friede, Vertrauen und Liebe lebendig ist.
Wenn es bereits unter uns Menschen viel bedeutet, dass einer dem anderen vertrauen kann, dann ist es umso kostbarer, dass Jesus uns sagen kann: Ich täusche dich nicht! Ich führe dich nicht hinters Licht! Bei mir ist Wort und Person, Charakter und Wesen ganz wahrhaftig und übereinstimmend. Ich stehe für dich ein und ich bin auf deiner Seite. Ich gehe mit dir und du kannst mir vertrauen. Wie ich lebe und was ich tue, das ist wahr.
ICH BIN DAS LEBEN.
"Du siehst aus wie das blühende Leben!" Das will schon etwas heißen, wenn man das ehrlich zu jemand sagen kann. Gesundheit steht ja auf unserer Wunschliste ganz weit oben. Natürlich gehören zum menschlichen Glück auch innere Zufriedenheit und seelische Harmonie. Etwas Schönes ist es allemal, wenn einer aussieht wie das blühende Leben. Freilich, um eine Wahrheit kommen wir alle nicht herum, dass auch ein solcher Mensch den Weg alles Irdischen gehen muss: dass er sterben muss.
Wie, wenn einer aufträte und sagte: "Ich bin das Leben." Halte dich an mich; ich lasse dich nicht fallen. Ich gehe mit dir hindurch durch das Dunkel des Todes. Ich schenke deiner tiefsten Sehnsucht Erfüllung. In mir findet alles zeitliche Wachsen und Reifen seine Erfüllung und Vollendung. Beim Sterben von Papst Johannes Paul II. haben sich diese Gedanken in großartiger Weise erfüllt. So ist wohl auch sein Wort auf dem Sterbebett zu erklären: "Ich bin froh, seid ihr es auch." Gläubig sterbend ging er lebend zu Gott. Denn er wusste sich an das Wort Jesu erinnert: Ich bin der gute Hirt. Ich führe euch zu den Wassern des Lebens. Ich bin bei euch, wenn der Weg durch die dunkle Schlucht des Todes führt. Ich schenke euch Lebensfülle, Freude und Geborgenheit auf ewig. Ich bin das Leben, an dem du Halt findest und das dir Mut zu geben vermag inmitten aller Bedrängnis und Angst. Ich will dir das Leben geben - Leben in Fülle geben (Joh 10,10). Denn wir leben ja nicht, um zu sterben, sondern wir sterben, um bei dir das ewige Leben zu erlangen.
Lasst uns streben nach Erkenntnis, nach der Erkenntnis des Herrn. Er kommt so sicher wie das Morgenrot; er kommt zu uns wie der Regen, wie der Frühjahrsregen, der die Erde tränkt. Was soll ich tun mit dir, Efraim? Was soll ich tun mit dir, Juda? Eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der bald vergeht. Darum schlage ich drein durch die Propheten, ich töte sie durch die Worte meines Mundes. Dann leuchtet mein Recht auf wie das Licht. Liebe will ich, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer. Hos 6,3-6
Als Jesus weiterging, sah er einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Da stand Matthäus auf und folgte ihm. Und als Jesus in seinem Haus beim Essen war, kamen viele Zöllner und Sünder und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern. Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen? Er hörte es und sagte: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Darum lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten. Mt 9,9-13
Haben Sie wirklich schon einmal einen Menschen kennen gelernt? Einen Menschen kennen lernen in einer guten Zeit oder in einer Notzeit oder wenn Sie selber etwas falsch gemacht haben - welche unterschiedliche Verhaltensweisen gibt es doch da. Haben Sie wirklich schon einmal eine Gemeinschaft, kennen gelernt? Eine Gemeinschaft kennen lernen wenn's aufwärts geht und alle gut d'rauf sind - oder wenn's abwärts geht und alle nur noch über alles und jedes jammern. Es gibt gute und schlechte Zeiten und Menschen haben nun mal gute und schlechte Seiten. Charaktervoll ist, wer trotzdem dazuhält, nicht davonläuft und wer aushält, auch wenn alles schwierig wird.
Solche Einschätzungen können wir auch bei der Betrachtung der Geschichte des Volkes Israel erkennen. Das Volk spürte die Hand Gottes, als er es aus Ägypten herausgeführt hat und es vertraute Gott, wenn er es in Kriegsnöten nicht verlassen hat. Das Volk Israel glaubte ja nicht an abstrakte Dogmen, sondern es erkennt Gott in seinem heilsgeschichtlichem Tun. Es ist erfüllt von einem absoluten, grenzenlosen Vertrauen zum Herrn der Geschichte. Aber es kamen auch wieder andere Zeiten, so beim Propheten Hosea, etwa 700 Jahre vor Christus; da vermisst der Prophet diese Liebe und Hingabe des Volkes. Die Menschen bekunden zwar ihren Glauben, aber sie erkennen, das heißt, sie lieben Gott nicht mehr. Sie machen sich einen Gott der Philosophie, der Gedanken, der Geisteskonstruktionen, aber keinen Gott mehr, auf den sie vertrauen. Sie vergessen ihren alten Gott der Überlieferung und machen stattdessen magische, falsche Gottesvorstellungen. Deshalb haben sie kein absolutes Vertrauen mehr zu Gott. In der Not bauen sie nicht mehr auf die Hilfe Gottes, sondern auf den Beistand des assyrischen Königs. In dieser Situation ruft Hosea dem Volk die Worte Gottes zu: "Liebe will ich, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer" (Hos 6,6).
Es ist das im Grunde auch unsere Situation am Beginn des 3. Jahrtausends. Auch unser Volk kannte schon gläubigere Zeiten. Wir reden gern über Gott, schreiben unzählige Bücher und Artikel, drehen Berichte und Filme, diskutieren in erlauchten oder auch banalen Runden, wir täuschen Wissen und Gelehrsamkeit vor, aber wir er-kennen, das heißt, wir lieben ihn nicht mehr. Wir verlassen uns auf Geisteswissenschaften, Medizin und Technik, aber wir sind nicht mehr imstande, sich ihm hinzugeben und auszuliefern.
Ganz deutlich wird das im bedrohlichem Schwinden von Geistlichen Berufen und in der Unfähigkeit, sich mit Gottes Hilfe im Sakrament der Ehe ein Leben lang zu binden. Wir können mit manchen Leistungen heutzutage prahlen, vielleicht sogar mit Opfern angeben, aber wir lieben ihn - Gott - nicht mehr so wie früher. "Liebe will ich, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer."
Wer hilft uns? Wer gibt uns ein Beispiel? Es ist der Herr selber. Jesus ist in die Welt gekommen, um die große Liebe Gottes zu bezeugen. Er hat seinen Vater Gott erkannt, ihn geliebt, zu ihm gebetet, seinen Willen erfüllt, seinen Geist und sein ganzes Leben in seine Hände gelegt. Diese Liebe des Sohnes Gottes müssen wir erkennen, das heißt, wir müssen immer wieder nach dem Willen Gottes fragen und uns nicht selber hinter liebgewordenen Vorstellungen verschanzen. Und wir müssen selber immer wieder absolut verfügbar sein. Jesus gibt uns dafür im Sonntagsevangelium ein gültiges und überzeugendes Beispiel. Denn "als Jesus in seinem Haus beim Essen war, kamen viele Zöllner und Sünder und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern." Das gefiel den Pharisäern überhaupt nicht, er aber wies sie darauf hin, dass nicht die Gesunden, sondern die Kranken den Arzt brauchen. Die Zöllner und Sünder haben ihn an seiner Barmherzigkeit erkannt. Ohne Barmherzigkeit verlieren die Opfer ihren Sinn, denn er ist gekommen, "um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten". Eines bleibt gewiss: Wenn wir Gott erkennen dürfen, hat er uns zuvor schon erkannt. Was er bei der Berufung des Propheten Jeremias sagte, gilt weiter: "Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich erkannt, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt" (Jer 1,5).
nach obenUnd Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg. Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune.
Er erzählte ihnen ein weiteres Gleichnis und sagte: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte. Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, so dass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.
Und er erzählte ihnen noch ein Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, den eine Frau unter einen großen Trog Mehl mischte, bis das Ganze durchsäuert war.
Dies alles sagte Jesus der Menschenmenge durch Gleichnisse; er redete nur in Gleichnissen zu ihnen. Damit sollte sich erfüllen, was durch den Propheten gesagt worden ist: Ich öffne meinen Mund und rede in Gleichnissen, ich verkünde, was seit der Schöpfung verborgen war.
Dann verließ er die Menge und ging nach Hause. Und seine Jünger kamen zu ihm und sagten: Erkläre uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker. Er antwortete: Der Mann, der den guten Samen sät, ist der Menschensohn; der Acker ist die Welt; der gute Samen, das sind die Söhne des Reiches; das Unkraut sind die Söhne des Bösen; der Feind, der es gesät hat, ist der Teufel; die Ernte ist das Ende der Welt; die Arbeiter bei dieser Ernte sind die Engel. Wie nun das Unkraut aufgesammelt und im Feuer verbrannt wird, so wird es auch am Ende der Welt sein: Der Menschensohn wird seine Engel aussenden, und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gottes Gesetz übertreten haben, und werden sie in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen. Dann werden die Gerechten im Reich ihres Vaters wie die Sonne leuchten. Wer Ohren hat, der höre!
Die politischen Verhältnisse im Vorderen Orient sind seit jeher schwierig. Einer meiner Kurskollegen, der jahrelang in Jerusalem studierte, meinte einmal ganz drastisch, dass sich die Völker dort seit Jahrtausenden "die Köpfe eingeschlagen" haben und dies leider wohl auch in Zukunft sich nicht ändern werde. Die dort lebenden Menschen neigen von Natur aus zu starken Emotionen. Das war in Jesu Tagen nicht anders. Im Evangelium vom 16. Sonntag wird von zwei Männern berichtet: Der eine säte guten Samen auf seinen Acker, doch während seine Leute schliefen, kam der andere, sein Feind, und säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg. Das Unkraut - es war wohl die junge Taumelloch-Pflanze - sieht dem Getreide sehr ähnlich. Da es keine Spritzmittel gab, mussten die Knechte oft jäten. Dabei sahen sie das Unkraut und meldeten es dem Herrn. Dieser meinte: "Das hat ein Feind von mir getan" (V. 28a). Die Knechte wollten es kurzerhand ausreißen. Der Herr aber verbot es ihnen, damit sie nicht zugleich auch den Weizen ausreißen: "Lasst beides wachsen bis zur Ernte (V. 30a)!
Genau an dieser Stelle nimmt das von Jesus erzählte Gleichnis eine unerwartete Wende. Bei Jesus zählt das bloß menschlich kluge Verhalten nicht mehr. JESUS WILL NICHT REINEN TISCH MACHEN! Er weiß, dass die Zeit der Ernte kommen wird. Dann erst wird das Unkraut gesammelt und verbrannt; der Weizen aber wird in seine Scheune gebracht. Er hat den "Längeren Atem". Es gab und gibt ja immer wieder die Heißspornigen und die sektiererischen Geister, die gleich "aufräumen" wollen. Die Pharisäer und andere Richtungen; die Leute von Qumran, die von Söhnen des Lichtes und von Söhnen der Finsternis redeten, d.h. von Engeln und Teufeln, und unzählige Sektierer im Laufe der Kirchengeschichte, deren Schwarz-Weiß-Malerei gelegentlich auch in die Kirche eingedrungen ist. Aber man kann nicht immer Ketzer und Heilige vor der Zeit des Endgerichtes säuberlich voneinander trennen.
Wir Menschen trennen manchmal lieber, als dass wir verbinden. Wie leicht sprechen wir von denen draußen und drinnen in kirchlichen Bereichen. Wie schnell ist "Die Jugend heute" ein Zündstoff seit Generationen und wie schnell ist das Schlagwort von der "Schlechte Welt" über den Lippen. Die Eltern dürfen die jungen Leute nicht an der Türschwelle abweisen und die Jungen dürfen die Alten nicht degradieren. Die Eheleute dürfen sich nicht gleich gegenseitig aufgeben und die Priester- und Ordensleute nicht gleich den Beruf an den Nagel hängen. Wir brauchen wieder mehr Ausdauer, Geduld und Liebe. Nicht immer alles gleich ausreißen, den anderen gleich sterben lassen! Nicht rigoros beim Nächsten, sondern bei sich selber anfangen! Von Jesus können wir besonders in schwierigen Situationen lernen.
Doch verstehen wir ihn nicht falsch. Er sagt nicht, dass alles gut ist. Er ist nicht einfach tolerant - so ungefähr: Jeder kann und soll nach seiner Fasson selig werden. Aber er spricht von seinem himmlischen Vater als einem, der seine Sonne aufgehen lässt über Guten und Bösen und der regnen lässt über Gerechte und Ungerechte. Folglich lässt er auch beides wachsen bis zur Ernte. Dann aber ist der Tag des Gerichts: Dann kommt das eine in die Scheune und das andere ins Feuer. Der Gradmesser für unser Handeln ist und bleibt das Gewissen, von dem Paulus sagt, dass es dem Menschen ins Herz gelegt wurde.
Manche Menschen sagen es immer wieder, manche denken es sich in schweren Situationen: Den guten Menschen geht es schlecht - den schlechten Menschen geht es gut. Doch da erzählt uns Jesus noch ein Gleichnis: "Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, ... Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hochgewachsen ist ... wird es zu einem Baum" (V. 31f). Das Gute wird auch ausgesät: Zwar klein, wird es doch ganz groß. Wir Christenmenschen leben von dieser Hoffnung des Senfkorns. Das ist das Gute, das im Letzten den Sieg über das Böse erringen wird und das sich ausbreiten wird wie der Sauerteig, "den eine Frau unter einen großen Trog Mehl mischte, bis das Ganze durchsäuert war" (V. 33). Ja, wer Ohren hat, der höre!
nach obenDu hast mich betört, o Herr, und ich ließ mich betören; du hast mich gepackt und überwältigt. Zum Gespött bin ich geworden den ganzen Tag, ein jeder verhöhnt mich. Ja, sooft ich rede, muss ich schreien, "Gewalt und Unterdrückung!" muss ich rufen. Denn das Wort des Herrn bringt mir den ganzen Tag nur Spott und Hohn. Sagte ich aber: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen sprechen!, so war es mir, als brenne in meinem Herzen ein Feuer, eingeschlossen in meinem Innern. Ich quälte mich, es auszuhalten, und konnte nicht. Jer 20,7-9
Von da an begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären, er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten vieles erleiden; er werde getötet werden, aber am dritten Tag werde er auferstehen. Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe; er sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen! Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. Darauf sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen? Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommen und jedem Menschen vergelten, wie es seine Taten verdienen. Mt 16,21-27
Auf einem alten Pfarrbrief habe ich folgende kleine Zeichnung entdeckt: Eine Kirche wird von ein paar Leuten getragen. Vorne geht der Pfarrer mit seiner langen Soutane; auf seinen Schultern trägt er den Kirchturm mit einer übergroßen Zwiebelhaube. Dann reckt ein Kind seine Arme zum Boden 'der Kirche hinauf. Eine alte gebückte Frau stemmt eine Stange nach oben. Ein feiner Herr berührt mit seinem Zylinder auf dem Kopf die Kirche von unten. Und schließlich hebt und schiebt noch eine wuschelköpfige junge Frau die ungewöhnliche Last. So gehen sie dahin und plagen sich mehr oder weniger ab. Darüber steht: "Für eine Kirche, die von allen mitgetragen wird: Von Glaubenden und Suchenden - Von Zweifelnden und Hoffenden Von Gesunden und Kranken - Von Jungen und Alten - Von Armen und Reichen Von Frauen und Männern - Von Begeisterten und Bedächtigen - Von Heiligen und Sündern."
Ich denke, alle diese Leute sind Berufene. Und ich glaube, es wird wohl ähnlich gewesen sein wie bei Jeremia, der nicht Prophet geworden ist, weil er wollte, sondern weil er musste. Unter dieser Last ist er fast zerbrochen. So sind die Worte der ERSTEN LESUNG zu verstehen, die aus großer innerer Not stammen und deren Klage auf eine tiefe Krise hindeuten: "Du hast mich betört, o Herr, und ich ließ mich betören; du hast mich gepackt und überwältigt. Zum Gespött bin ich geworden den ganzen Tag, ein jeder verhöhnt mich"(Jer 20,7). Gott hat Jeremia EINFACH ÜBERRUMPELT. So ist auch Nachfolge Jesu nicht der Tag der Ordenseinkleidung oder der Profess, nicht der Tag der Priesterweihe oder der feierlichen Primiz; es ist nicht der Tag, wo von Blitzlichtern beleuchtet und von Kameras erfasst, der Bischof geweiht oder der Papst vor Abermillionen Fernsehzuschauern in das höchste kirchliche Amt eingeführt wird; es ist auch nicht der Tag der schönsten Hochzeit und der übergroßen Freude über die Geburt eines Kindes. Nein - Nachfolge Christi ist der gewöhnliche Alltag im Kloster oder im priesterlichen Dienst, im Bischofs- und Papstamt mit seinen tausend Belastungen, im Ehe- und Familienalltag mit seinen Freuden, Sorgen und Nöten. Alle diese Menschen tragen die Kirche, stützen und halten sie. Weil sie es nicht immer freiwillig wollten , darum wurden sie EINFACH ÜBERRUMPELT.
Paulus wurde ja auch vor Damaskus vom Pferd gestoßen; gewaltsam hat sich so sein Leben vom argen Christenverfolger zum großen Völkerapostel gewandelt. Gottes Gnade hat ihn EINFACH ÜBERRUMPELT. Und so hören wir heute in der ZWEITEN LESUNG aus dem Römerbrief, wie er die "Welt" hinter sich lässt und sich nach dem ausstreckt, was "Gott gefällt". Er schreibt den Römern in die große Weltstadt: "Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist (Röm 12,2). Dass er EINFACH ÜBERRUMPELT wurde, schreibt er dem "Erbarmen Gottes" zu.
Wenn wir nun den Blick auf das Evangelium vom 22. Sonntag (Mt, 16,21-27) werfen, dann sehen wir, wie der Weg Jesu in die Erniedrigung und in den Tod führt. Jesus erklärt seinen Jüngern, "er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten vieles erleiden; er werde getötet werden, aber am dritten Tag werde er auferstehen" (V. 21). Nicht nur für Petrus ist dieser Gedanke unerträglich. Weil es Jesus nicht darum geht, "was die Menschen wollen", darum wandte er sich mit unglaublicher Härte an Petrus: "Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen" (V.23). Jesus sieht seinen Weg nach Jerusalem, sein Leiden und seinen Tod als ein "MÜSSEN" an. Ich trau' es mir kaum sagen, dass Gott auch Jesus EINFACH ÜBERRUMPELT hat, denn Paulus schreibt im Römerbrief: "Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben" (8,32). Gott hat es einfach getan.
In Gottes Heilsplan liegt nicht nur, dass er Jeremias, Paulus und Jesus EINFACH ÜBERRUMPELT hat, sondern dass auch wir Christen, wenn wir seine Jünger sein wollen, uns unter das Kreuz bücken müssen, in der Nachfolge sein Kreuz tragen müssen, damit wir unser Leben nicht verlieren, sondern retten. Nur als solche können wir die Kirche tragen und in ihr als pilgerndes Gottesvolk unterwegs sein.
nach obenJesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der die Hochzeit seines Sohnes vorbereitete. Er schickte seine Diener, um die eingeladenen Gäste zur Hochzeit rufen zu lassen. Sie aber wollten nicht kommen. Da schickte er noch einmal Diener und trug ihnen auf: Sagt den Eingeladenen: Mein Mahl ist fertig, die Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit! Sie aber kümmerten sich nicht darum, sondern der eine ging auf seinen Acker, der andere in seinen Laden, wieder andere fielen über seine Diener her, misshandelten sie und brachten sie um. Da wurde der König zornig; er schickte sein Heer, ließ die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen. Dann sagte er zu seinen Dienern: Das Hochzeitsmahl ist vorbereitet, aber die Gäste waren es nicht wert eingeladen zu werden. Geht also hinaus auf die Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein. Die Diener gingen auf die Straßen hinaus und holten alle zusammen, die sie trafen, Böse und Gute, und der Festsaal füllte sich mit Gästen.
Als sie sich gesetzt hatten und der König eintrat, um sich die Gäste anzusehen, bemerkte er unter ihnen einen Mann, der kein Hochzeitsgewand anhatte. Er sagte zu ihm: Mein Freund, wie konntest du hier ohne Hochzeitsgewand erscheinen? Darauf wusste der Mann nichts zu sagen. Da befahl der König seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße, und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen. Denn viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt. Mt 22,1-14
Zu den Nibelungen-Festspielen vor dem Wormser Kaiserdom bekam ich neulich eine Einladung. Das war ein paar Nummern zu groß für mich, auch wenn mir das Ganze nichts kostete. "Das VIP-Arrangement" mit einem exklusivem Logenplatz, mit der Übernachtung in einem Vier-Sterne-Hotel, mit Empfangscocktail und 4-Gänge-Menü incl. aller Tischgetränke, Shuttle- und Hostessenservice und VIP-Lounge in der Pause. Wie gesagt: Als Kapuziner habe ich mich in solcher Umgebung nicht ganz wohl gefühlt. Aber ich kann mir nun gut vorstellen, welches Gleichnis Jesus im Evangelium vom 28. Sonntag uns nahe bringen will. "Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der die Hochzeit seines Sohnes vorbereitete. Er schickte seine Diener, um die eingeladenen Gäste zur Hochzeit rufen zu lassen. Sie aber wollten nicht kommen"(Mt 22,2f).
Auch heute noch sind Königshochzeiten interessant: Schlagzeilen und Bildberichte in den Illustrierten und am Fernsehen sind Millionen live dabei. So war es wohl auch bei der Hochzeit, die der König im Gleichnis für seinen Sohn ausrichtete. Die Vornehmen des Landes hatten Einladungen bekommen - doch da das Unerhörte: Alle sagen ab. Die "Post" kam wohl an, aber sie sagen auch zum zweiten Mal ab. Ja noch schlimmer: Sie misshandeln und töten die Diener des Königs. Da rächt sich der König und zerstört ihre Stadt. Aber er schickt dennoch nochmals seine Diener aus, die dann Leute von der Straße zum Hochzeitsmahl bringen. Da geschieht etwas völlig Unverständliches: Der König lässt einen dieser Gäste hart bestrafen, nur weil er nicht entsprechend gekleidet war. Das empfinden wir höchst ungerecht, denn wie hätte es der arme Kerl auch sein sollen, als man ihn von der Straße hereinholte.
Mit diesen Ungereimtheiten kommen wir nur klar, wenn wir beachten, dass diese Geschichte ein Gleichnis ist. Jesus war ja immer wieder mit den unterschiedlichsten Menschen bei einem Mahl zusammen: mit den Angesehenen wie mit den Sündern. Damit ließ er sie alle erfahren: Jetzt ist das Reich Gottes zu euch gekommen. Das ist euer Glück, dass euch Gott seine Liebe und sein Heil schenkt. Die Juden hatten zwar seit langem darauf gewartet, aber als es so weit war, wollten sie nichts davon wissen. Weil Jesus anders war, als sie sich ihn vorgestellt hatten, brachten sie ihn um. Dazu passt auch die merkwürdige Episode mit dem Mann, der ohne Hochzeitsgewand erschienen war. Denn Jesus hält mit Guten wie Bösen, mit Heiden wie mit Gläubigen Mahlgemeinschaft und sie erfahren so Heil und Leben, Freude und Glück. Aber das allein genügt nicht. Mit dem Bild vom Hochzeitsgewand, das dem Anlass entsprechen muss, mahnt der Evangelist Matthäus die Christen - und durch ihn spricht Jesus - dann auch entsprechend dieser großen Berufung und Einladung zum königlichen Hochzeitsmahl zu leben. Das geht uns alle an!
Da bin ich wieder mit meinen Gedanken vor der Kulisse des Wormser Domes am Rhein. In der Sage um den Drachentöter Siegfried in der klassischen Textversion von Friedrich Hebbel heißt es: "Wer hier nicht siegt, der stirbt sogleich!" Die Nibelungen-Sage freilich ist für den Menschen nicht lebenswichtig. Lebenswichtig aber ist, dass wir die Krone des Lebens erringen (vgl. Offb. 2,10). Während König Etzel die Burgunder das Fürchten lehrt, wird Jesus Christus, der König, in Gerechtigkeit und Liebe die Menschen zum Leben einladen. Wir müssen keine Sieger-Typen sein, um nicht zu sterben, wohl aber müssen wir, die wir eingeladen sind zum Hochzeitsmahl des Lammes, uns bemühen, so nach Gottes Geboten zu leben, dass wir ein hochzeitliches Gewand an haben, wenn er uns einlädt.
Jetzt ist die Zeit des Festmahls: Jetzt muss ich mich entscheiden, ob ich Gottes Einladung zum Leben annehme oder nicht: ob ich ihm vertraue, ihm glaube und an seinem Tisch mit ihm Gemeinschaft habe. Jetzt ist die Zeit zum Handeln. Es geht nicht um die feinste Einladung, nicht um ein "VIP-Arrangement", nicht um Festspiele, sondern Gott will jetzt sein Fest abhalten. Ob wir gut oder böse sind, jeden bittet er an seinen Tisch. Bin ich bereit? Alois Albrecht schrieb dazu folgenden Liedtext: "Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde, heute wird getan oder auch vertan, worauf es ankommt, wenn er kommt. Seine Frage wird lauten: Was hast du getan um meinetwillen? ... Hast du mich erkannt? Ich war dein Bruder um deinetwillen!"
nach obenZwölf Jahre nach dem großen Krieg wurde ich in der prächtigen Klosterkirche Baumburg hoch über dem Alztal gefirmt. Damals war der Wohlstand noch nicht ganz ausgebrochen und doch wurden wir am Ende des Firmungsgottesdienstes schon gewarnt, nicht jeden Kitsch und frommen Tand zu kaufen; das hätte mit dem Sakrament und mit dem Heiligen Geist nichts zu tun. Und doch wartete ich auf ein Geschenk, das auch mit der Firmung nichts zu tun hat und das mir mein Firmpate aus der Oberpfalz mitbrachte: Auf meine erste Uhr!
Die ersten zwölf Jahre ging's ohne diesen kleinen Zeitenmesser am linken Handgelenk. Die Mutter schickte uns Kinder rechtzeitig zur Kirche und zur Schule, damit Pfarrer und Lehrer mit uns keine Probleme bekamen und wir selber ungeschimpft und ungestraft davonkamen; der Heimweg aber war weniger von den Zeitmaßen der Uhr geprägt. Aber mit der ersten Uhr änderte sich etwas in meinem Leben. Nun musste ich mich darauf verstehen, mit der Zeit umzugehen, sie zu kennen, sie einzuteilen, wie die Großen; über die Zeit zu verfügen, wie die Erwachsenen. Heute, im Abstand von fast fünfzig Jahren, denke ich etwas anders und frage mich: War diese "uhrenlose Zeit nicht doch die glücklichere. Das Leben auf dem Bauernhof erinnerte schon durch die Tiere an Morgen und Abend und die Glocke auf dem Hausdach erinnerte uns alle, zum Mittagessen zu kommen. Doch wie gesagt: Zur Firmung bekam ich eine Uhr - und war stolz darauf, eine einfache, goldfarbene Uhr, Marke "Bifora", "Made in Swiss", mit schwarzem Uhrband. Ja, ich besitze eine Uhr - und heute ist es manchmal so: die Uhr besitzt mich. Längst sind die Zeiten vorbei, wo das Sprichwort gilt: Dem Glücklichen (also dem Felix) schlägt keine Stunde. Heute werde ich oftmals von Zeitmangel und Hektik getrieben, so wie viele meiner Zeitgenossen.
Wenn Uhren Spiegel der Selbsterkenntnis werden, dann lässt sich an ihnen nicht nur die Zeit ablesen, sondern auch, wie wir mit der Zeit umgehen, wie wir unsere Zeit sehen, wie wir uns in unserer Zeit sehen. Denn längst sind wir dem organischen Wechsel der Zeit entwöhnt: Viele Nächte werden zu Tagen in Beruf oder Vergnügen, Sport oder Geschäft. Sonn- und Festtage können sich teilweise nur noch mit Mühe behaupten. Und damit auch der Winter zum Sommer und der Sommer zum Winter wird, rennen wir von einem Land ins andere und jetten von einem Erdteil zum anderen rund um den Globus. Meine erste Uhr hat von all dem noch nichts gewusst und doch hat sie mich mein halbes Priesterleben begleitet. Einmal verlor ich sie auf dem Sportplatz, wo ich sie erst nach einem halben Jahr wieder fand; das Armband war abgefault.
Aber sie war nicht kaputt; als ich die Feder vorsichtig wieder aufzog, tickte sie mutig wieder weiter. Das kann ich von der Nummer 2 und 3 meiner wohl teueren Nachfolge-Uhren nicht behaupten. "Shock- und waterproof" waren zwar eingraviert und sie waren so gut gefertigt und verschlossen, dass zumindest die Nr. 3 nicht mehr repariert werden konnte. Ein Spiegelbild für unsere Wegwerfgesellschaft! Die lieben Leute, die mir die Nr. 3 zum Silbernen Priesterjubiläum schenkten, ersetzten mir das teuere Gerät durch die Nr. 4. Nr. 4 ist super: sie hat bei Bedarf auch Beleuchtung. Vom dunklen Beichtstuhl bis in die Nacht bewährt sich das Licht auf dem Zifferblatt.
Wir erwarten das neue Jahr 2006. Gut, wenn uns nicht nur die Uhr was zu sagen hat, sondern die Zeit selber. Wichtig, dass wir die Zeichen der Zeit erkennen. Gut, wenn uns der Uhrzeiger nicht nur die einzelnen Stunden anzeigt, sondern wenn wir selber im Kreislauf der Schöpfung Gottes leben, so, wie Franz von Assisi in und hinter allem Geschaffenen den Schöpfer sah. Gut, wenn die Tage des Neuen Jahres nicht nur dem Schein nach vergoldet sind, sondern bei Gott wertvoll werden. Gut, wenn wir nicht nur ein glänzendes Uhrband haben, sondern Gott uns mit starker Hand trägt. Gut, wenn wir nicht nur die verlorene Uhr wieder finden, sondern Gott finden und nicht verlieren. Gut, wenn wir die Feder der Uhr nicht überspannen, sondern die Tage in , Frieden leben können. Gut, wenn die Batterie zu schwach wird, dass wir im Glauben sie aufladen und stärken dürfen. Gut, wenn sie wasserfest ist, dass wir wie Petrus zum Herrn rufen dürfen: Herr, rette uns! Gut, wenn sie schlagfest ist, dass wir in SEINER Kraft die kommenden Schläge aushalten können. Gut, wenn das Zifferblatt beleuchtbar ist, dass wir in den dunklen Stunden des Alltags und des Lebens sein Licht und seine Wärme spüren dürfen. Gut, wenn wir, wie unsere Uhren, auch die Uhr unseres Lebens lieben, damit DER jede Sekunde, Minute Stunde, jeden Tag und das ganze Jahr 2006 mit uns geht und - DER unsere Zeit auch im NEUEN JAHR in seinen Händen hält.
Gut, wenn wir immer gesegnet sind - GESEGNETE sind. Der sog. "Aaron-Segen" aus dem Alten Testament (Num 6,25f) ist ein wunderschönes Gebet für den Beginn des neuen Jahres: "Der Herr segne und behüte uns. Der Herr lasse sein Angesicht über uns leuchten und sei uns gnädig. Der Herr wende sein Angesicht uns zu und schenke uns Heil!" So segne er uns und die Zeit, die vor uns liegt. IN GOTTES NAMEN!