
Predigten von P. Franz Seraph Barz, Altötting
17. 09. 2000
Gerechtigkeit für alle
In der neutestamentlichen Lesung des 26. Sonntags im Jahreskreis, die dem Jakobusbrief (6,1-6) entnommen ist, wird den Menschen, die irdische Güter im Überfluß besitzen, das unerbittliche Strafgericht Gottes angedroht. Ausschlaggebend für dieses harte Urteil ist weniger der Reichtum als solcher, sondern die Art und Weise, wie dieser große Besitz erworben wurde, und wie die Wohlhabenden mit ihm umgehen. In drastischen Worten schildert der Verfasser unserer Lesung das betrügerische Verhalten der Reichen und ihren verschwenderischen Lebensstil. Sie hängen so sehr an ihrem Vermögen, daß sie nicht einmal bereit sind, ihren Arbeitern einen angemessenen Lohn zu bezahlen. Das aber wird bereits im Alten Testament als eine himmelschreiende Sünde bezeichnet.
Dieses Verhalten wird den Wohlhabenden allerdings zum Verhängnis. Die Hilferufe der Notleidenden dringen zu Gott empor und finden in Ihm einen unbestechlichen Richter. Durch Seinen menschgewordenen Sohn ließ Er uns nicht nur die Botschaft des Heils verkünden, sondern uns auch ein- für allemal offenbaren, welche Forderungen Er an das Zusammenleben der Menschen in Gerechtigkeit und Hilfsbereitschaft stellt. Wer nicht bereit ist, diese Weisungen Gottes zu befolgen, muß damit rechnen, daß Gott ihm einmal die Aufnahme in Seine ewige Gemeinschaft verweigert und ihn vom Himmel ausschließt. Die Reichen sind deshalb gut beraten, sich vor der Vergänglichkeit alles Irdischen warnen zu lassen und sich zu einem verantwortungsbewußten Verhalten zu bekehren.
Diese Sätze wollen auch uns veranlassen, die Haltung zu überprüfen, die wir selbst gegenüber den Gütern der Erde einnehmen. In unserer Lesung geht es nämlich nicht nur um die Höhe des Kontostands, über die ein Mensch verfügen kann, sondern um die grundsätzliche Einstellung zu den materiellen Werten, die auch bei weniger wohlhabenden Menschen verkehrt sein und ihnen den Zugang zum ewigen Leben erschweren oder ganz verschließen kann. Wir müssen uns deshalb selbstkritisch die Frage stellen, ob wir gegenüber den Gütern der Erde die von Gott geforderte innere Unabhängigkeit besitzen. Im Gleichnis vom großen Weltgericht (Mt 26,31-46) erklärt Jesus unmißverständlich, daß Er uns danach beurteilen wird, wie wir uns gegenüber notleidenden Menschen verhalten haben: "Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch Mir nicht getan."
Gott will also, daß die Menschen füreinander Sorge tragen und einander zu Hilfe kommen. Er verlangt Verhältnisse, die wir mit einem modernen Begriff als "soziale Gerechtigkeit" bezeichnen: angemessene Entfaltungsmöglichkeiten und menschenwürdige Lebensbedingungen für alle Bewohner der Erde. Die irdischen Güter dürfen nicht nur einigen wenigen vorbehalten bleiben. Schon im Gesetz des Mose mahnt Gott das Volk Israel: "Eigentlich sollte es bei dir gar keine Armen geben; denn der Herr wird dich reich segnen in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt" (Deuteronomium 16,4). Gott hat die von Ihm geschaffene Erde so reich mit Gütern ausgestattet, daß niemand hungern und Not leiden müßte. Aber die Wirklichkeit in der heutigen Welt sieht in erschreckendem Ausmaß anders aus! Vor allem auf der südlichen Halbkugel der Erde ist ein Großteil der Menschen dazu verurteilt, ein Leben in entwürdigender Armut zu führen. Die warnenden Worte unserer Lesung, die uns in ähnlichen Formulierungen auch in zahlreichen anderen Stellen der Heiligen Schrift begegnen, sind für uns eine Aufforderung, uns mit allem Nachdruck dafür einzusetzen, daß auf unserer Erde Verhältnisse entstehen, die mit den Gesetzen des Gottesreichs übereinstimmen.
Unser Auftrag als Christen darf sich nicht auf die Verkündigung des Evangeliums und die Spendung der Sakramente beschränken, sondern wir sind darüber hinaus verantwortlich für die gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse in unserem Staat und auf der ganzen Erde. Der christliche Glaube muß sich auch in unseren Tagen als Sauerteig erweisen. Versuchen wir deshalb, durch unser Verhalten Zeichen zu setzen, durch die benachteiligte und notleidende Menschen die Liebe Christi erfahren!
| Du sollst lieben!
Am 31. Sonntag im Jahreskreis schärft die Lesung aus dem Buch Deuteronomium (6,2-6) wie zahlreiche andere Stellen des Alten Testaments die gewissenhafte Befolgung der Gebote Gottes ein. Dieses ständige Pochen auf die treue Erfüllung der mosaischen Gesetzesvorschriften hat den Eindruck erweckt, die jüdische Religion sei eine Religion des Rechts, und Gott sei ein strenger Richter, der unerbittlich über die Einhaltung Seiner Weisungen wacht. Jahwe war für das Volk Israel der einzige Gott. Er hat die Welt erschaffen und erhält sie ständig im Dasein. Er hat die Israeliten aus allen Völkern erwählt und sie als Sein Eigentum angenommen. Er hat sie aus der Unterdrückung in Ägypten befreit, sie sicher durch alle Gefahren der Wüste geführt und am Berg Sinai einen immerwährenden Bund mit ihnen geschlossen. Auch in späteren Zeiten durften die Israeliten Gottes Schutz spürbar erleben. Sie waren sich deshalb bewußt, daß ihre Existenz und ihr Glück vom Wohlwollen Gottes abhingen. Die Furcht vor diesem überragenden Gott, Seine Anbetung und die Erfüllung Seiner Forderungen waren für die Israeliten selbstverständlich. Aber das genügt dem Alten Testament noch nicht. Da die Israeliten von Gott geradezu väterlich umsorgt wurden und sich in Seinem Schutz geborgen fühlen durften, mußten sie das durch eine tiefe Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Deswegen findet unsere Lesung ihren Höhepunkt in der eindringlichen Aufforderung: "Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft!" Wie aber sollte der Erweis der Furcht und Liebe, des Gehorsams und der Dankbarkeit im Alltag konkret aussehen? Diese Frage bewegte die Juden auch zur Zeit Jesu. Ihr Leben war durch eine Unzahl von einzelnen Vorschriften geregelt. In diesem verwirrenden Gestrüpp konnte sich ein theologisch nicht gebildeter Jude unmöglich zurechtfinden. Aus diesem Grund versuchten die Schriftgelehrten zur Zeit Jesu, die zahllosen Einzelgebote in wenigen Grundsätzen zusammenzufassen. Sie stellten auch die Frage nach dem größten Gebot, das dann das Fundament bilden sollte, auf dem sich das gesamte Gesetzeswerk des Alten Testaments aufbaute. Die Ansichten darüber gingen aber erheblich auseinander. Als ein Gesetzeslehrer Jesus dazu nach Seiner Meinung befragt (Mk 12,28b-34), stellt auch Er die vorbehaltlose Liebe zu Gott an die oberste Stelle. Wenn Gott die Ursache unseres Lebens, seine Sinndeutung und Vollendung ist, dann ergibt sich daraus mit zwingender Notwendigkeit, daß wir uns Gott in Liebe zuwenden und an Seinem Willen ausrichten müssen. Sonst verfehlen wir unvermeidlich den Auftrag unserer irdischen Tage. Doch Jesus bleibt dabei nicht stehen, sondern fügt noch eine zweite Forderung hinzu: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!" In diese Nächstenliebe muß auch der Fremde ohne Einschränkung einbezogen werden. Damit beschreitet Jesus den umgekehrten Weg wie die damaligen frommen Juden, die das Bestreben hatten, den Bereich des Nächsten und damit die Verpflichtung zur Nächstenliebe immer stärker einzuengen. Das überraschend Neue liegt darin, daß Jesus die beiden Forderungen der Gottes- und Nächstenliebe verbindet und sie als eine untrennbare Einheit zum wichtigsten aller Gebote im Gesetz des Mose erklärt. Allein von diesem Doppelgebot her bestimmt sich für Jesus der Wert sämtlicher anderen Gebote. Damit führt Er das alttestamentliche Gesetz auf seine ursprüngliche Absicht zurück: die Übung der Liebe als Abglanz jener Liebe, die Gott gegenüber Seiner Schöpfung empfindet. Erst durch den Nachvollzug dieser Liebe erweist sich der Mensch als Abbild Gottes. Durch die Verwirklichung der Liebe erhalten die einzelnen Vorschriften des Gesetzes untergeordnete Bedeutung. Dadurch wird zugleich das Gesetz des Mose im Grunde genommen überflüssig; denn an seine Stelle tritt die von Jesus verkündete neue Heilsordnung. Wollen wir uns die Forderung der Liebe immer vor Augen halten, wenn wir uns bemühen, unseren christlichen Glauben im Alltag in die Tat umzusetzen! 10. 12. 2000 Gottes Heil schauen "Alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt." Dieser Satz bildet nicht nur den Höhepunkt des Evangeliums, das wir am 2.Advents-Sonntag vernehmen (Lk 3,1-6), sondern er beinhaltet auch alles, was das gesamte Neue Testament über das Wesen und Wirken Jesu aussagen kann. Gott hat in Seinem Sohn menschliche Gestalt angenommen. In Jesus von Nazareth ist Er aus Seiner Verborgenheit herausgetreten und hat uns Sein innerstes Geheimnis geoffenbart. Aus der Verkündigung Jesu erfahren wir, welche Absichten Gott mit uns Menschen und der ganzen Schöpfung hat. Jesus belehrt uns auch darüber, welche Forderungen Gott an uns stellt und was das letzte Ziel unserer irdischen Tage ist. In Jesus bietet uns Gott Sein Erbarmen, Seine Liebe, Sein göttliches Leben an. Wer in Jesus dem liebenden und barmherzigen Gott begegnet ist, dessen Leben kann nicht mehr so bleiben, wie es bisher war - vielmehr muß er ein anderer, neuer, erlöster Mensch werden. Wer an Jesus als den Sohn Gottes und Retter der Welt glaubt, der übernimmt damit auch die Verpflichtung, das Vorbild und die Weisungen Jesu in seinem eigenen Verhalten in die Tat umzusetzen. Nur dann, wenn wir durch unser Handeln das Erlösungswerk Jesu zum Leuchten bringen, können unsere Mitmenschen erfahren, daß mit dem Kommen Jesu das Reich Gottes auf unserer Erde tatsächlich angebrochen ist. Allerdings besitzen wir das Heil, das Jesus uns immer wieder von neuem schenkt, noch nicht endgültig und noch nicht in seiner ganzen Fülle. Die wenigsten Christen leben ihren Glauben so konsequent und sind so fest mit Christus verbunden, daß es ihnen nur um den Aufbau des Reiches Gottes geht; vielmehr haben sie auch ihre persönlichen Interessen - sie streben nach Anerkennung, Erfolg und Wohlstand. Angesichts dieser Haltung kann sich der Heilige Geist mit Seinen Gnadengaben nicht mehr ungehindert entfalten. Deshalb fordert uns Johannes der Täufer in diesen Tagen des Advents wieder zur Buße auf. Wenn von Buße die Rede ist, fühlen sich die meisten Christen unangenehm berührt; sie sind nämlich der Ansicht, die Buße wolle unsere Freiheit einengen und uns alle Freude am irdischen Dasein nehmen. Buße meint aber keine negative Einstellung gegenüber dem Leben. Die Aufforderung zur Buße verlangt von uns lediglich die ehrliche Bereitschaft, unsere geistige Haltung gegenüber der Welt und unser Handeln regelmäßig am Willen Gottes zu überprüfen. Inmitten der unzähligen Angebote der modernen Zivilisation, die uns angeblich helfen wollen, uns selbst zu verwirklichen und zu immer größerer "Lebensqualität" zu gelangen, sollen wir ganz bewußt innehalten und uns besinnen, wieweit unser Denken noch von der Botschaft Jesu bestimmt ist und wieweit unser Lebensstil noch Seinem Vorbild entspricht. Wenn wir das Wort und die Gestalt Jesu auf uns wirken lassen, bleibt uns nicht verborgen, wie oberflächlich und fragwürdig die Angebote unserer modernen Zivilisation oft genug sind. Uns wird dann bewußt, daß wahres Leben mehr ist als ein hoher Kontostand und die Annehmlichkeiten der heutigen Welt. Für uns gilt es deshalb, die materiellen Güter so zu gebrauchen, daß wir durch den Umgang mit ihnen unser ewiges Heil nicht verlieren. Jesus klopft an Weihnachten auch in diesem Jahr wieder an die Pforte unserer Seele, aber Er verschafft sich nicht mit Gewalt Zugang zu ihr. Wenn wir Ihm nicht freiwillig öffnen, schreitet Er an uns vorüber und wir verfehlen dadurch Sein einzigartiges Angebot der Erlösung. Nur dann, wenn wir uns gewissenhaft der Aufgabe der Besinnung, der Selbstüberprüfung und der Umkehr stellen, kann das Weihnachtsfest für uns zu einem Tag der Gnade und des Heils werden. Wollen wir darum bereitwillig und freudig die Konsequenzen ziehen, die sich aus der Menschwerdung des Sohnes Gottes für unseren persönlichen Lebensstil und unser Verhalten gegenüber den Mitmenschen ergeben! 14. 01. 2001 Vom Wunder zum Glauben Wenn Jesus Aussätzige gesund macht, wenn Er Blinden das Augenlicht schenkt oder sogar Tote ins Leben zurückruft, dann kann man das deuten als Taten des Mitleids und der Barmherzigkeit. Aber was sollen wir mit dem Wunder im Evangelium des 2.Sonntags im Jahreskreis anfangen (Joh 2,1-12), bei dem Jesus Wasser in Wein verwandelt? Weiß Jesus nichts wichtigeres zu tun, als einem Brautpaar aus der Verlegenheit zu helfen, das sich in der Menge des benötigten Weins verkalkuliert hat? Unterstützt Er mit der ungewöhnlich großen Menge des von Ihm herbeigezauberten Weins nicht die Unmäßigkeit der Hochzeitsgäste? Eine Hilfe für die richtige Deutung des Geschehens bietet uns einer der letzten Sätze des Evangeliums-Textes. Dort heißt es nämlich: "So tat Jesus Sein erstes Zeichen und offenbarte Seine Herrlichkeit." Der Engpaß, der während der Hochzeitsfeier in Kana für die Brautleute entstand, bietet Jesus die willkommene Gelegenheit, den Menschen Einblick in die verborgenen Tiefen Seines Wesens zu schenken. Der Glaube versichert uns, daß Jesus von Nazareth nicht nur ein Mensch war wie wir, sondern daß Er Gottes Sohn ist, der aus der Ewigkeit der himmlischen Welt auf unsere Erde kam und auch als Mensch dasselbe Wesen besaß wie der Vater. Die göttliche Natur in Jesus überfordert allerdings unsere Fassungskraft. Um uns durch Seine göttliche Macht und Heiligkeit nicht zu erdrücken, hat sich Jesus in die Gestalt eines gewöhnlichen Menschen gekleidet, der so unauffällig und anspruchslos lebte, daß wir Seine göttliche Herkunft nicht einmal erahnen können. Um uns auf sie aufmerksam zu machen, vollbringt Jesus Wunder. Sie sind allerdings keine zwingenden Beweise für das göttliche Wesen Jesu, sondern nur eindringliche Hinweise. Aus diesem Grund nennt das Johannes-Evangelium die Wunder Jesu mit Vorliebe "Zeichen". Die von Jesus vollbrachten Wunder besitzen also keine selbständige Bedeutung; sie sind vielmehr hingeordnet auf eine größere Wirklichkeit, von der sie erst ihre letzte Bestätigung erhalten. Deshalb spricht Jesus auf der Hochzeit von Kana zu Seiner Mutter: "Meine Stunde ist noch nicht gekommen." Mit dieser Stunde, die noch bevorsteht, meint Er Sein Sterben am Kreuz zur Erlösung aller Menschen und Seine Auferstehung, durch die Er die Macht des Todes endgültig besiegen wird. Mit dem Hinweis auf diese beiden entscheidenden Heilsereignisse macht Jesus deutlich, worum es Ihm eigentlich geht. Er ist nicht gekommen, um einen wundertätigen Weinlieferanten zu spielen oder Menschen, denen Er zufällig begegnet, von ihren Krankheiten und sonstigen irdischen Nöten zu befreien, sondern Er möchte uns allen ein umfassendes Heil schenken. Er wird durch Seine Auferstehung die Türe zum ewigen Leben aufstoßen und uns dadurch ein Leben in Fülle bereiten - ein Leben, das unzerstörbar ist und kein Ende findet, auch wenn nach wie vor alle Menschen über die Schwelle des leiblichen Todes schreiten müssen. Auf die Absicht, den Menschen die Augen für die Erkenntnis der verborgenen Herrlichkeit Jesu und Seines Heilsangebots zu öffnen, ist auch der Bericht vom Weinwunder in Kana ausgerichtet. Aus der Darstellung des Evangelisten wird aber deutlich, daß Jesus Forderungen stellt, wenn wir in den Besitz des von Ihm angebotenen Heils gelangen wollen. Die meisten Gäste führte die Verwandlung des Wassers in Wein zu keinem tieferen Nachdenken; sie staunten lediglich über die gewaltige Menge und die hervorragende Qualität des Weins. Damit war für sie die Angelegenheit erledigt. Sie spürten in diesem Zeichen nicht das Wirken Gottes. Nur bei einer kleinen Gruppe der Anwesenden hatte das Wunder die von Jesus beabsichtigte Wirkung: "Seine Jünger glaubten an Ihn." Sie allein besaßen die Fähigkeit, hinter die Oberfläche des äußeren Vorgangs zu blicken und ihn in seiner eigentlichen Bedeutung zu erfassen. Dadurch erkannten sie die in Jesus verborgene Herrlichkeit und fanden zum Glauben an Ihn als das fleischgewordene Wort des himmlischen Vaters. Zu der Erkenntnis, daß Jesus der Sohn Gottes und Erlöser aller Menschen ist, will das Wunder von Kana auch uns führen! 18. 02. 2001 Bewährung des Glaubens Was Jesus im Evangelium des 7. Sonntags im Jahreskreis (Lk 6,27-38) fordert, ist nahezu unmöglich zu erfüllen: "Liebet eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch mißhandeln. Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halte auch die andere hin." Der Christ wird immer damit rechnen müssen, daß ihm von Mitmenschen wegen seines Glaubens Unrecht zugefügt wird. Er muß aber nach der Anweisung Jesu darauf verzichten, Gegenwehr zu leisten; außerdem verlangt der Herr noch von ihm, das erlittene Unrecht mit Taten der Liebe und mit Fürbittgebeten an den himmlischen Vater zu beantworten. Sind diese Forderungen Jesu nicht wirklichkeitsfremd? Liefern sie die Menschen, die aufrichtig nach dem Guten streben, nicht hilflos dem Zugriff böswilliger und gewalttätiger Menschen aus? Man hat deswegen immer wieder versucht, diesen unbequemen Sätzen Jesu ihre Schärfe zu nehmen. Man stellte diese Forderungen als bewußte Übertreibung Jesu hin, die nicht wörtlich zu verstehen sei. Man behauptete, das Gebot der vorbehaltlosen Liebe, die sogar den Feind einschließt, überfordere die sittliche Leistungsfähigkeit eines gewöhnlichen Menschen und könne deshalb nicht für alle Christen im gleichen Ausmaß verbindlich sein. Für den "normalen" Christen genüge eine abgeschwächte, der nüchternen Wirklichkeit des Lebens angepaßte Befolgung dieser harten Forderung. Jesus ruft Seine Jünger auf, dem verhängnisvollen Kreislauf von Ungerechtigkeit und Gewalt dadurch ein Ende zu bereiten, daß sie sich gegen das Böse nicht mit den gleichen Mitteln zur Wehr setzen, sondern dadurch, daß sie das Böse durch die Liebe von innen her aufweichen. Einer muß immer den ersten Schritt tun, um eine verhärtete und von Feindseligkeit vergiftete Atmosphäre abzubauen und durch die Bereitschaft zur Versöhnung zu heilen. Diesen ersten Schritt verlangt Jesus unerbittlich von uns; denn er ist die unerläßliche Voraussetzung dafür, daß das Reich Gottes auf unserer Erde Wirklichkeit werden kann. Jesus selbst hat noch am Kreuz unter qualvollen Schmerzen Seinen Feinden verziehen. Da Er eine Situation anspricht, die für die ganze Menschheit kennzeichnend ist, hat die Forderung einer vorbehaltlosen Liebe uneingeschränkte Geltung und darf nicht abgeschwächt oder auf den Kreis der eigenen Freunde und christlichen Gesinnungsgenossen eingeengt werden. Das bringt Jesus unmißverständlich zum Ausdruck. Seine Liebesforderung gilt deshalb in vollem Umfang für jeden Christen! Die Liebe im Sinne Jesu, die eine völlige Loslösung von jedem irdischen Nützlichkeitsdenken voraussetzt, ist nichts anderes als der Nachvollzug jener Liebe, die Gott uns Menschen schenkt. Der schwache, unvollkommene, immer wieder versagende Mensch hätte von Gott an und für sich das Gericht zu erwarten. Jesus aber wird nicht müde zu betonen, daß Gott uns Sein verzeihendes Erbarmen ständig offen hält, daß Er schon darauf wartet, uns in Seine Gemeinschaft aufzunehmen und uns zu Seinen Kindern zu machen. Wie weit Seine Liebe geht, hat Gott uns im Schicksal Seines Sohnes auf das deutlichste gezeigt: bis zur Auslieferung Jesu in den Tod. Der Mensch darf allerdings nur dann damit rechnen, das Erbarmen Gottes zu erlangen, wenn auch er bereit ist, über die Fehler seiner Mitmenschen hinwegzusehen und ihnen mit der Großzügigkeit und dem Wohlwollen Gottes zu begegnen: "Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist! Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden... Nach dem Maß, mit dem ihr meßt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden." In dem Maß also, in dem ein Christ die Liebe lebt, wird er dem Vater im Himmel ähnlich und damit zum Kind Gottes. Er erfüllt dann die Forderung Jesu: "Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist" (Mt 5,48). Diese grundlegende Weisung Jesu für das Handeln Seiner Jünger ist der Prüfstein für die Echtheit unseres Glaubens. Versuchen wir deshalb, unser Verhalten regelmäßig an diesem Hauptgebot Jesu zu überprüfen, Gott in Seiner überströmenden Liebe nachzuahmen und dadurch die Glaubwürdigkeit unseres christlichen Strebens zu beweisen! 25. 03. 2001 Gottes unendliches Erbarmen Lk 15, 1-3. 11-32 1 Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören. 2 Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen. 3 Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte: 11Ein Mann hatte zwei Söhne. 12 Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf. 13 Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. 14 Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land, und es ging ihm sehr schlecht. 15 Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. 16 Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon. 17 Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um. 18 Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. 19 Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner. 20 Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. 21 Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. 22 Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an. 23 Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. 24 Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern. 25 Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. 26 Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. 27 Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat. 28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. 29 Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. 30 Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet. 31 Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. 32 Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Je länger Jesus öffentlich lehrte und wirkte, desto mehr nahmen zahlreiche Juden - vor allem Schriftgelehrte und Pharisäer - an ihm Anstoß und überhäuften ihn mit Vorwürfen. Wie konnte Jesus es wagen, von Gott und seiner Gerechtigkeit zu reden, wenn er in ärgerniserregender Weise mit Zöllnern und Sündern verkehrte und sich mit ihnen sogar an einen Tisch setzte? Das Verhalten Jesu ging so weit, dass man ihn einen "Fresser und Säufer, dieser Freund der Zöllner und Sünder" (Mt 11,19) nannte. Jesus wies diesen Vorwurf mit aller Entschiedenheit zurück. Er betonte, dass er völlig unverfälscht das Handeln Gottes widerspiegelt. Er wendet sich deshalb an die Sünder und gibt sich mit ihnen ab, weil auch sein himmlischer Vater ihnen die Möglichkeit zur Umkehr offen hält und ihnen durch Ihn die Verzeihung ihrer Sünden anbietet. Jesus rechtfertigt sein Verhalten gegenüber den Sündern im Evangelium des 4. Fastensonntags in ergreifender Weise durch ein Gleichnis (Lukas 15,11-32). Ein wohlhabender Vater hatte zwei Söhne. Eines Tages ließ sich der jüngere sein Erbteil auszahlen und begab sich ins Ausland, wo er ein zügelloses und verschwenderisches Leben führte. Als er in Not geriet, beschloss er, in die Geborgenheit seines Vaterhauses zurückzukehren und den Vater um Verzeihung für sein Fehlverhalten zu bitten. Er ist sogar bereit, in Zukunft bei ihm die Stellung eines Tagelöhners einzunehmen. Als der Vater seinen leichtlebigen Sohn von weitem kommen sah, eilte er ihm entgegen, nahm ihn voll Freude in seine Arme und erteilte den Knechten die Anweisung, ein Festmahl zu bereiten. So großzügig wie dieser Vater, so liebevoll und grenzenlos barmherzig verhält sich Gott gegenüber jedem Sünder, der sich besinnt und wieder zu Ihm zurückkehren möchte! Jesus fordert die frommen Juden auf, sich diesem Heilshandeln Gottes nicht zu verschließen, sondern sich zu freuen, wenn ein Mensch sich von der Sünde abwendet und von neuem die Gnade Gottes geschenkt erhält. Die Juden aber waren nicht bereit, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Im Gegenteil: Die Ausführungen, die Jesus in seinem Gleichnis macht, mussten für sie wie ein schwerer Schlag vor den Kopf wirken. Welche Empfindungen das großzügige Verhalten des Vaters bei ihnen auslöste, wird durch den älteren Sohn zum Ausdruck gebracht. Als dieser müde von der Feldarbeit kommt und erfährt, dass sein jüngerer Bruder heimgekehrt ist und dass sein Vater aus Freude darüber ein Fest veranstaltet, gerät er in Zorn und macht dem Vater bittere Vorwürfe. Er hat sein ganzes Leben lang pflichtbewusst gearbeitet, sich nie den Anordnungen des Vaters widersetzt und sich auch sonst nichts zu Schulden kommen lassen. Aber kein einziges Mal hat der Vater für ihn ein Festmahl veranstaltet. Solch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit! Der Vater dagegen weist seinen älteren Sohn darauf hin, dass er immer das Glück hatte, in seinem Haus zu leben und dass ihm der väterliche Besitz uneingeschränkt zur Verfügung stand. Darum hat er keinen Anlass zur Beschwerde; er soll sich vielmehr darüber freuen, dass sein Bruder nach der Erkenntnis seines Irrwegs und der Reue über seinen leichtfertigen Lebenswandel wieder nach Hause zurückgefunden hat. Dieses Gleichnis musste auf alle gesetzestreuen Juden niederschmetternd und zugleich empörend wirken. Sie meinten es ernst mit Gott und waren eifrig bemüht, seine Gebote zu erfüllen - auch wenn es sie spürbare Opfer kostete. Viele fromme Juden konnten wie der ältere Sohn ehrlich zu Gott sprechen: "So viele Jahre diene ich Dir schon, und nie habe ich gegen Deine Befehle gehandelt." Ihnen, denen an Gott und der Befolgung seines Willens wirklich etwas lag, werden nun die Sünder in der Gestalt des jüngeren Sohnes offensichtlich vorgezogen. Sie fühlen sich deshalb zurückgesetzt und zutiefst verletzt. Sie sind der Ansicht, dass sie sich als Gegenleistung für ihre treue und gewissenhafte Erfüllung der Gebote Gottes einen festen Anspruch auf seine Gnade erworben haben. Sie erwarten ebenso, dass Gott die Sünder, die sich unbekümmert über seine Forderungen hinwegsetzen, hart und unnachsichtig bestraft. Sie können das grenzenlos gütige Entgegenkommen, wie es Jesus in seinem Gleichnis ausspricht und es auch bei anderen Gelegenheiten unmissverständlich betont, beim besten Willen nicht verstehen und lehnen es deswegen entschieden ab, mit den von Gott wieder angenommenen Sündern Beziehungen aufzunehmen. Mit solchen Menschen stellen sie sich nicht auf eine Stufe! Gott aber nimmt seine Grundsätze nicht zurück. Er anerkennt zwar die gewissenhafte Gesetzeserfüllung der Frommen; aber er betont auch, dass niemand ein Anrecht auf seine Gnade besitzt. Denn kein Mensch - mag er noch so fromm und rechtschaffen sein - ist ohne Fehler. Vor Gott sind alle Menschen Sünder. Daher darf niemand selbstbewusst mit Forderungen vor Gott hintreten, sondern jeder ist auf sein Erbarmen angewiesen. Somit hat auch niemand das Recht, auf andere herabzusehen. Dem Jünger Jesu ist es deshalb grundsätzlich untersagt, seine Mitmenschen zu verurteilen; er soll vielmehr das liebevolle und großzügige Verhalten Gottes nachvollziehen. Im Handeln der Christen soll die Güte Jesu aufstrahlen und es den Menschen leichter machen, zum Glauben an Ihn und zur Gemeinschaft mit Gott zu finden. Besinnen wir uns in diesen Tagen vor Ostern wieder darauf, in wieweit wir diese grundlegende Forderung Jesu verwirklichen. Denken wir aber auch darüber nach, wie es mit unserem persönlichen Verhältnis zu Gott steht. Vielleicht kann eine sorgfältige Osterbeichte wieder ein neuer Anfang oder eine weitere Vertiefung in unserem christlichen Denken und Streben sein. 03. 06. 2001 Der Beistand von oben Pfingsten. Die Apostelgeschichte (Apg 2, 1-11) ---------------------- Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. 2 Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. 3 Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. 4 Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. 5In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. 7 Sie gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? 8 Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: 9 Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, 10 von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, 11 Juden und Proselyten, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden. ------------------------Das Pfingstfest will uns an ein Heilsereignis erinnern, das für die Apostel und die anderen Jünger wegweisende Bedeutung besaß. Die Apostelgeschichte schildert in 2,1-13 das Kommen des Heiligen Geistes als ein gewaltiges Brausen, das man mit einem heftigen Sturm oder einem verzehrenden Feuer vergleichen kann. Wenn wir einen Vergleich ziehen zwischen diesem deutlich wahrnehmbaren Wirken des Heiligen Geistes an den Aposteln und der Art und Weise, wie der Geist Gottes sich in unserem Dasein bemerkbar macht, dann kommen wir uns geradezu benachteiligt vor; denn in unserem Leben ist von einem auffallenden Eingreifen des Heiligen Geistes meistens wenig oder überhaupt nichts zu spüren. Deshalb ist Er für uns das unergründliche Geheimnis und der unbekannte Gott. Die Theologen erklären zwar den Heiligen Geist als die Liebe, die zwischen Vater und Sohn herrscht und die so stark ist, dass dadurch im einen göttlichen Wesen eine dritte Person entsteht -aber trotz dieses Wissens stehen wir Ihm auch weiterhin recht hilflos gegenüber. Für unser Verhältnis zum Heiligen Geist ist es allerdings nicht entscheidend, dass wir Sein Wesen erkennen, sondern welche Wirkungen Er in uns hervorbringt. Jesus versprach den Aposteln im Abendmahlssaal: "Ich werde den Vater bitten und Er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll... Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in Meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was Ich euch gesagt habe" (Joh 14,16.26). Dieses erleuchtende Wirken des göttlichen Geistes braucht sich nicht in spürbarer und lautstarker Weise zu vollziehen. Schon der Prophet Elija durfte in einer für ihn bedrohlichen Situation erfahren, dass Gott weder im Sturm, noch in einem Erdbeben, noch im Feuer gegenwärtig war, sondern in einem feinen, sanften Säuseln. Genauso vollzieht sich das Wirken des Heiligen Geistes auch in uns: unsichtbar, unauffällig, kaum wahrzunehmen. Er ist für uns nicht zu erkennen und doch ist Er stets zugegen. Es stimmt, was Jesus einmal gegenüber dem Pharisäer Nikodemus geäußert hat: "Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist" (Joh 3,8). Welche tiefgreifenden Änderungen der Heilige Geist im Leben eines Menschen zustande zu bringen vermag, das sehen wir an den Aposteln. Sie hatten mehrere Jahre in einer engen Gemeinschaft mit Jesus verbracht; aber nach Seinem Tod, als sie sich auf eigene Füße gestellt sahen, merkten sie sehr schnell, dass sie das eigentliche Anliegen Seines Erlösungswerkes immer noch nicht erfasst hatten. Jesus hatte sich wiederholt veranlasst gesehen, Seine Jünger zu tadeln oder sie sogar scharf zurechtzuweisen, weil sie Seine Worte und Sein Verhalten gründlich missverstanden hatten. Sie hielten Jesus zwar für den Messias; aber sie waren auch der Ansicht, Er werde mit militärischen Machtmitteln das Reich Gottes auf der Erde errichten. In diesem kommenden Reich erwarten sie dann für sich maßgebliche Stellungen. Noch die letzte Frage, die die Jünger unmittelbar vor der Himmelfahrt an ihren Meister richteten - "Herr, stellst Du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her?" (Apg 1,6) -, beweist mit aller Deutlichkeit, dass sie auch noch nach Ostern in diesem Irrtum befangen waren. Aber nicht nur Missverständnisse, sondern auch Mutlosigkeit und Versagen waren vor Pfingsten kennzeichnend für das Verhalten der Jünger. Als Jesus verhaftet wurde, entzogen sie sich einem ähnlichen Schicksal durch die Flucht. Nach der Kreuzigung verbargen sie sich aus Furcht vor Verfolgung hinter verschlossenen Türen. Das Bild, das uns das Neue Testament von den Jüngern in der Zeit vor Pfingsten zeichnet, ist also alles andere als beeindruckend und überzeugend. An Pfingsten vollzog sich dann die entscheidende Wende im Leben der Apostel. Nach der Herabkunft des Heiligen Geistes schien es ihnen, als würde von ihren Augen ein dichter Vorhang weggezogen. Alles, was ihnen im Verhalten und in der Verkündigung ihres Meisters bisher unverständlich gewesen war, wurde ihnen nun klar. Plötzlich erkannten sie die heilsgeschichtliche Linie, die sich vom Alten Testament bis zu Jesus hinzog. Sie erkannten, dass alle Verheißungen, die die Propheten im Lauf der Jahrhunderte über den Messias gemacht hatten, in Jesus Wirklichkeit geworden waren - allerdings auf überraschende Weise. Die Apostel verstanden jetzt, dass das Ende Jesu am Kreuz nicht das Scheitern Seines Erlösungswerkes bedeutete, sondern dass Sein gewaltsamer Tod im Heilsplan Gottes von vornherein feststand. Sie erkannten durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes ebenso, dass Jesus durch Seinen Tod und Seine Auferstehung den endgültigen Sieg über die Macht des Bösen und der Vergänglichkeit errungen hatte und dass dadurch für das Schicksal der gesamten Menschheit ein einschneidender Neubeginn erfolgt war: die Türe zum ewigen Leben im Reich des himmlischen Vaters steht seitdem für jeden Menschen offen. So wurde der Geist Gottes für die Apostel zur erleuchtenden Kraft, die sie die Botschaft und das Leben ihres Meisters mit ganz neuen Augen sehen ließ. Diese Einsicht schenkte den Aposteln die Fähigkeit zu einem unerschrockenen Zeugnis für Jesus. Seit dem Pfingst-Ereignis verkündeten sie mutig und unbeirrbar das Evangelium von Jesus Christus, dem gekreuzigten und auferstandenen Sohn Gottes. Darin ließen sie sich weder durch Drohungen noch durch Verhaftung und Lebensgefahr einschüchtern. Der Heilige Geist, den wir bei der Taufe und vor allem im Sakrament der Firmung geschenkt erhielten, möchte auch uns Einsicht in das Heilshandeln Gottes gewähren und dadurch unsere vielfältigen Fragen über das Wesen Gottes, über die Geheimnisse des Daseins, über den Sinn und Auftrag unserer irdischen Tage beantworten. Er lässt uns erkennen, dass in Jesus von Nazareth Gottes Güte und Barmherzigkeit auf unserer Erde aufgestrahlt sind. Der Inhalt unseres Lebens kann sich deswegen nicht darauf beschränken, dass wir immer und überall Erfolg haben, dass uns sämtliche Wünsche in Erfüllung gehen, dass wir uns alles leisten können. Der Mensch kann nur dann zu einem sinnerfüllten Dasein gelangen, wenn er in seinem Denken und Handeln dem Bild entspricht, das sich Gott bei der Schöpfung von ihm gemacht hat. Wenn wir durch die Eingebung des Heiligen Geistes erkennen, dass wir nach dem Urbild des liebenden Vaters im Himmel geschaffen sind, dann wissen wir auch, dass wir den verpflichtenden Auftrag haben, auf unserer Erde Verhältnisse der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Güte und der Hilfsbereitschaft aufbauen zu helfen. Dieses Bemühen wird allerdings bei zahlreichen Mitmenschen, denen es nur um ihren persönlichen Vorteil geht, auf Unverständnis und Ablehnung stoßen. Außerdem versucht die unerlöste Welt, in uns Wünsche zu wecken und uns einen Lebensstil aufzudrängen, der mit der Botschaft der Erlösung und der Gnade in Widerspruch steht. Dadurch laufen wir Gefahr, dass wir den Anregungen des Heiligen Geistes nicht mehr genügend Beachtung schenken und dass schließlich Sein helles Licht in uns verdunkelt wird. Deshalb bedeutet Pfingsten nicht nur ein Angebot Gottes an uns, sondern zugleich auch einen Anruf. Wir müssen uns regelmäßig prüfen, ob wir noch so offen sind für das Wirken des Heiligen Geistes, dass Er sich ungehindert in uns entfalten und uns auf den Wegen des Heiles leiten kann. Dabei können die Apostel unsere Vorbilder und Lehrmeister sein. Vergessen wir nicht, dass Gottes Geist in einem Augenblick auf sie herabkam, als sie sich zum Gebet versammelt hatten und den auferstandenen Herrn um die Erfüllung Seiner Verheißungen baten. In der gehetzten und lautstarken Welt von heute können wir die Gegenwart des Heiligen Geistes nicht wahrnehmen. Erst dann, wenn es in unserer Seele still geworden ist, vernehmen wir sein leises Wehen. Erst dann verstehen wir, was er uns sagen möchte und was er von uns verlangt; erst dann werden wir fähig, Seinen Weisungen Folge zu leisten und sie mit Seiner Hilfe in die Tat umzusetzen. Die Apostel ließen sich von Gottes Geist so führen, dass sie nicht mehr umzukehren brauchten. Vertrauen deshalb auch wir uns Seiner Erleuchtung und Führung an! Wenn wir Pfingsten in derselben bereiten Haltung wie die Apostel begehen, wird dieser Tag auch für uns zu einem Fest des Heiligen Geistes werden. 08. 07. 2001 14. Sonntag im Jahreskreis Der Segen des Kreuzes Der Brief an die Galater (Gal 6, 14 - 18) -------------------------14 Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. 15 Denn es kommt nicht darauf an, ob einer beschnitten oder unbeschnitten ist, sondern darauf, dass er neue Schöpfung ist. 16 Friede und Erbarmen komme über alle, die sich von diesem Grundsatz leiten lassen, und über das Israel Gottes. 17 In Zukunft soll mir niemand mehr solche Schwierigkeiten bereiten. Denn ich trage die Zeichen Jesu an meinem Leib. 18 Die Gnade Jesu Christi, unseres Herrn, sei mit eurem Geist, meine Brüder. Amen. -------------------------Zahllose Menschen fordern heute einschneidende Reformen in sämtlichen Bereichen des Lebens. Alles nur Mögliche und Denkbare soll besser werden. Wer tiefer schaut, der er- kennt allerdings, dass eine Änderung der äußeren Verhältnisse allein nichts wesentlich Neues bringen kann. Soll wirklich etwas besser werden auf unserer Erde, dann müssen die Menschen zuerst einmal nach den eigentlichen Ursachen von Fehlentwicklungen und Missständen fragen, die wohl nicht zuletzt im Egoismus und in verhärteten Herzen zu finden sind. Dringend erforderlich ist deswegen eine innere Wandlung der Menschen - die Bereitschaft zu mehr Verständnis füreinander, zu mehr Ehrlichkeit, zu sachlicheren Urteilen, zur Überwindung von erstarrten Gegensätzen. Aber gerade dieser Aufgabe stellen sich viele Menschen nur ungern. Bereits am Anfang ihrer Existenz waren sie unzufrieden mit der Stellung, die Gott ihnen zugedacht hatte. Es genügte ihnen nicht, ihr Leben in Harmonie mit ihrem Schöpfer und ihrer Umwelt zu führen. Sie versuchten vielmehr, die Grenzen zu sprengen, die Gott ihnen gesetzt hatte. Durch diese Überheblichkeit verfehlten sie nicht nur das Ziel, das sie erreichen wollten - die Schlange hatten ihnen zugeflüstert: "Ihr werdet sein wie Gott" (Genesis 3,5) -, sondern sie verstanden auf einmal auch sich selbst nicht mehr. Die Menschen sind seitdem mit nichts mehr zufrieden, ihre Wünsche sind ins Unermessliche gewachsen, eine hemmungslose Jagd nach materiellen Gütern bestimmt weitgehend das Leben auf unserer Erde. Diese Ziele kann man häufig nur dann erreichen, wenn man seine Mitmenschen benachteiligt, sie betrügt, sie rücksichtslos an die Wand drückt oder sie sogar in den Tod treibt. So leben wir heute in einer Welt, die zutiefst von Hass, Unrecht und Gewalttaten gekennzeichnet ist. Das irdische Dasein ist weitgehend zu einem Kampf aller gegen alle geworden. Die Aufgabe unzähliger Menschen in unserer Gegenwart besteht lediglich darin, einer kleinen Minderheit in ihrem unersättlichen Streben nach Erfolg, Macht und Reichtum dienstbar zu sein. Angesichts dieser abschreckenden Situation stellen sich zahlreiche nachdenkliche und verantwortungsbewusste Menschen die Frage: Lohnt es sich überhaupt, nach dem Guten zu streben, da sein Einfluss offensichtlich viel zu schwach und der Macht des Bösen unterlegen ist? Ist es da nicht das beste, sich zuerst einmal selbst in Sicherheit zu bringen und die übrige Welt ihrem Schicksal zu überlassen? Der heilige Apostel Paulus behauptet dagegen in der Lesung des 14.Sonntags im Jahreskreis, die seinem Brief an die Galater entnommen ist (6,14-18), dass der Kreuzestod Jesu Christi der Welt eine neue Kraft geschenkt hat, deren Wirkung Paulus als eine "neue Schöpfung" bezeichnet. Das Kreuz ist wohl das Zeichen, das das Wesen der christlichen Religion am treffendsten zum Ausdruck bringt. Der indische Religionsstifter Gautama Buddha forderte von seinen Anhängern die völlige geistige Lösung von der Welt und ihren Gütern als Voraussetzung für den Eintritt in das Nirwana, einen Zustand endgültigen Verlöschens. Mohammed verlangte die Unterwerfung der Menschheit für den einzigen Gott Allah durch Gewalt. Jesus von Nazareth dagegen nahm zur Erlösung aller Menschen freiwillig den qualvollen Tod am Kreuz auf sich. Mit diesem Sühnetod wurde etwas grundsätzlich neu in der geistigen Haltung der Menschheit. In der Zeit des Alten Bundes und im gesamten Altertum hatte man für stellvertretendes Leiden zu Gunsten anderer kaum Verständnis. Der Tod am Kreuz galt sogar als eine besondere Schmach. Zu dieser Hinrichtungsart wurden nämlich nur solche Verbrecher verurteilt, die niedrigen Gesellschaftsschichten angehörten. Verurteilte, die vornehmer Abstammung waren oder das römische Bürgerrecht besaßen, wurden mit dem Schwert getötet oder man gab ihnen die Möglichkeit, Selbstmord zu begehen. Das Leben Jesu endete wie das eines gemeinen Verbrechers. Nach den Wertmaßstäben von damals war somit Sein Lebenswerk gescheitert. Aber dieser Tod bedeutete in Wirklichkeit die entscheidende Wende für das Schicksal der ganzen Menschheit. Im Augenblick Seiner tiefsten Erniedrigung vollbrachte Christus durch Seine Auferstehung den überragendsten Sieg: Er überwand die Macht des Todes und öffnete für alle Menschen das Tor, das zum unvergänglichen Leben führt. Dieser Sieg war allerdings nur dadurch möglich, dass der Sohn Gottes gemäß dem Willen Seines Vaters Sein Leben in den Tod hingab. Am Kreuz zeigte sich die Wahrheit des Wortes, das Jesus gegen Ende Seines Lebens gesprochen hatte: "Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht" (Joh 12,24). Durch den Tod Seines Sohnes hat Gott wieder einmal bewiesen, dass Seine Gedanken und Wege ganz anders sind als die der Menschen (Jesaja 55,8f). Gottes Horizont ist viel weiter, umfassender, großartiger als das kleinliche, engstirnige, verblendete Denken der Menschen. Die Juden warteten auf einen Messias, der mit unwiderstehlicher Waffengewalt die Römer aus Palästina vertreiben und alle Menschen zwingen würde, die Gebote Gottes zu befolgen. Jesus dagegen ging den Weg der Gewaltlosigkeit und Selbsterniedrigung bis zur allerletzten Konsequenz. Aber gerade durch Seinen Tod am Kreuz erschütterte Er die Mächte dieser Welt in ihren Fundamenten und sprengte die Kette des Unheils. Er hat durch Sein Vorbild den Kräften der Gerechtigkeit, der Güte, des Verzeihens und des Friedens freie Bahn geschaffen und sie unüberwindlich gemacht. Diese Kräfte sind gleichsam zu einer Quelle geworden, die hinüberströmt in das ewige Leben (Joh 4,14) und dort zur Vollendung gelangen wird. Das Geheimnis des Kreuzes lässt den Glaubenden das Leben mit ganz anderen Augen sehen. Die Erde ist für ihn kein Gefängnis mehr, dem wir Menschen nicht entrinnen können. Das irdische Dasein ist für ihn vielmehr ein Zustand der Vorbereitung. Der Christ strebt einem höheren Ziel entgegen, das er nicht mit seinen eigenen Kräften erreichen kann - mag er sich noch so sehr anstrengen und bemühen; dieses letzte Ziel bietet ihm Gott als Geschenk an. Der Jünger Jesu erwartet somit die Vollendung seiner Persönlichkeit und die Erfüllung seiner Wünsche von einer kommenden Welt, die jenseits des Sichtbaren liegt. Das Kreuz lehrt uns die Vergänglichkeit unseres Lebens und aller irdischen Werte. Das macht uns innerlich unabhängig von den Maßstäben und Lebensgewohnheiten unserer Zeit. Der Christ hat es deshalb nicht nötig, den Tanz um das goldene Kalb mitzumachen. Er sollte frei sein von der Jagd nach Wohlstand und Lebensqualität. Für unzählige Menschen wurde im Lauf von fast zwei Jahrtausenden das Kreuz zur befreienden Sinndeutung ihres irdischen Daseins. Gerade die großen Heiligen haben im Kreuz das einzigartige Angebot Gottes erkannt, ihr Leben auf einem unerschütterlichen Fundament aufzubauen. Sie haben verstanden, dass die Aufforderung Jesu: "Wer Mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir nach" (Mt 16,24), keine unangenehme, einengende, drückende Last bedeutet. Diese Forderung ist vielmehr eine selbstverständliche Konsequenz aus der Selbstlosigkeit, mit der Jesus das eigene Leben hingegeben hat. Im Tod Seines Sohnes hat Gott uns einen tiefen Einblick in Sein Innerstes gewährt, das geprägt ist von einer überwältigenden, sich selbst verschenkenden Liebe. Wer sich von einem Strahl dieser göttlichen Liebe getroffen weiß, der kann gar nicht mehr anders, als sich angestrengt zu bemühen, in seinem eigenen Leben das Vermächtnis zu verwirklichen, das Jesus Seinen Jüngern im Abendmahls-Saal hinterlassen hat: "Ein neues Gebot gebe Ich euch: Liebt einander! Wie Ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben" (Joh 13,34). In diesem Bemühen dürfen uns weder persönliche Enttäuschungen, noch Hass und Gewalt auf der gesamten Erde unsicher machen. Denn das Kreuz Jesu schenkt uns die Gewissheit, dass Gott jede Not und jedes Leid in Seinem ewigen Reich einmal in unvergängliches Heil und Freude verwandeln wird. 16. 09. 2001 24. Sonntag im Jahreskreis Die rechte Erkenntnis Der erste Brief an Timotheus (1Tim 1, 12 - 17) -----------------------------Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat: Christus Jesus, unserem Herrn. Er hat mich für treu gehalten und in seinen Dienst genommen, 13 obwohl ich ihn früher lästerte, verfolgte und verhöhnte. Aber ich habe Erbarmen gefunden, denn ich wusste in meinem Unglauben nicht, was ich tat. 14 So übergroß war die Gnade unseres Herrn, die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte. 15 Das Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der erste. 16 Aber ich habe Erbarmen gefunden, damit Christus Jesus an mir als erstem seine ganze Langmut beweisen konnte, zum Vorbild für alle, die in Zukunft an ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen. 17 Dem König der Ewigkeit, dem unvergänglichen, unsichtbaren, einzigen Gott, sei Ehre und Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen. Wiederholt wirft sich der heilige Apostel Paulus in seinen Briefen vor, er habe vor seiner Bekehrung Jesus gelästert, Seine Jünger verfolgt und sie misshandeln lassen. Der fanatische Pharisäer Paulus war einst der schärfste Gegner der aufblühenden christlichen Urgemeinde. Er wollte seine Kräfte restlos für die Ehre und Verherrlichung Gottes einsetzen, so wie er sie auffasste. Er glaubte, wenn er mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, einen unerbittlichen Kampf gegen die Anhänger Jesu führte, damit Gott einen Dienst zu erweisen. In Wirklichkeit aber tat er genau das Gegenteil: in seiner Verblendung stellte er sich gegen das Heilshandeln Gottes und wurde dadurch vor Ihm zum Sünder. Paulus hatte allerdings seinen Kampf gegen Christus so selbstlos und konsequent geführt, dass er offen blieb für eine höhere Erleuchtung. Als der Auferstandene ihm vor Damaskus erschien und ihn zum Apostel berief, bedeutete das die entscheidende Wende seines Lebens. In diesem Augenblick erkannte er, dass seine angestrengten Bemühungen verfehlt gewesen, dass sein Kampf gescheitert war. Fortan war Paulus zutiefst geprägt von der Einsicht, dass er sich getäuscht hatte. Auch der Umstand, dass er in ehrlichem Glauben und in bester Absicht gehandelt hatte, konnte an seinem Schmerz und Schuldgefühl über sein verblendetes Verhalten nichts mehr ändern. Gleichzeitig aber wurde diese große Schuld seines Lebens bedeutungslos, weil Gott selbst ihn in Seine Gnade aufgenommen und dadurch seine Sündenlast getilgt hatte. Paulus wusste sich von nun an getragen von der Güte Gottes und Seinem unendlichen Erbarmen. Was Paulus in Zukunft redete und tat, war zutiefst geprägt von dem, was Gott an ihm vollbracht hatte. Die neutestamentliche Lesung des 24.Sonntags im Jahreskreis, die dem 1.Timotheus-Brief entnommen ist (1,12-17), findet deshalb ihren Höhepunkt in der Aussage: "Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der erste. Aber ich habe Erbarmen gefunden, damit Christus Jesus an mir als erstem Seine ganze Langmut beweisen konnte - zum Vorbild für alle, die in Zukunft an Ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen." Dafür, dass Gott so großzügig an ihm gehandelt hat, gibt es für Paulus nur eine Erklärung: "Wo die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden" (Römer 5,20). Sein Schicksal ist ein lebendiger Beweis für die Wahrheit des Wortes Jesu: "Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten" (Mt 9,13). Das Leben des heiligen Apostels Paulus stellt uns lebhaft vor Augen, dass kein Mensch sich für so sündig und verloren zu halten braucht, dass ihn das Erbarmen Dessen nicht erreichen kann, der Seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, um alle Menschen zu erlösen und zum ewigen Heil zu führen. Die Lebensgeschichte des heiligen Apostels Paulus sollte uns nachdenklich stimmen. Denn sie ist ein eindringliches Warnzeichen für uns, auf welche verfehlten Wege wir geraten können, wenn wir aus einer verkehrten religiösen Grundhaltung heraus versuchen, anderen Menschen unsere Ansichten aufzuzwingen. Wir können aber ebenso auf Irrwege gelangen, wenn wir zu gleichgültig sind und unser persönliches Verhalten und die Ereignisse auf dem Erdball nicht regelmäßig an den Worten Jesu und Seinem Vorbild überprüfen. Zahlreiche Menschen haben sich daran gewöhnt, Entwicklungen und Verhältnisse widerspruchslos hinzunehmen, die man zunächst empört ablehnte, die man dann aber nicht zum Besseren beeinflussen konnte. Wir finden uns schließlich mit Missständen ab, obwohl wir genau wissen, dass sie dem Willen Gottes und Seiner Schöpfungsordnung widersprechen. Weil wir resigniert haben, weil wir mutlos geworden sind, bemühen wir uns meistens auch nicht mehr, wenigstens in der kleinen Umgebung, in der sich unser Alltagsleben abspielt, an der Beseitigung von mangelhaften Verhältnissen mitzuwirken. Zuerst geht es uns um die Sicherung unserer eigenen Existenz; die übrige Menschheit soll eben den Lauf nehmen, den sie eingeschlagen hat und an dem wir nun einmal nichts ändern können. Nur dann und wann überkommt uns noch ein Unbehagen, wenn wir aus den Ereignissen im Weltgeschehen mit Erschrecken erkennen müssen, zu welchem Ausmaß von Grausamkeit und Verbrechen einzelne Menschen und politische oder wirtschaftliche Machtblöcke fähig sind, um ihre Ziele durchzusetzen. Mit einer christlichen Demut und Passivität, die alles ohne Widerspruch hinnimmt, was in der Welt ungerecht, missglückt, gewalttätig und friedlos ist, leisten wir weder unseren Mitmenschen noch unserem christlichen Auftrag einen Dienst. Wenn wir zu nachgiebig sind, wenn wir uns zu stark von den Ansichten und vom gängigen Lebensstil unserer Umgebung beeinflussen lassen, wenn wir uns bei allem anpassen und grundsätzlich den Weg des geringsten Widerstands gehen - wenn wir schließlich sogar versuchen, Fehlentwicklungen theoretisch zu rechtfertigen, um unser Gewissen zu beruhigen, dann laufen wir Gefahr, dass wir - wie der heilige Apostel Paulus - eines Tages vor dem Scherbenhaufen eines verfehlten Lebens stehen. Die Ausführungen von Paulus können uns als hilfreicher Wegweiser vor Irrwegen bewahren. Bei seinen theologischen Erklärungen über menschliche Schuld und Gottes Gnade bleibt er nicht bei einzelnen Verfehlungen gegen die Gebote Gottes stehen, er blickt vielmehr auf die grundsätzliche Einstellung. Das bedeutet aus seiner Sicht selbstverständlich keine Geringschätzung der täglichen Pflichterfüllung und Mühen. Paulus betont aber, dass der Mensch sich zuerst darüber Klarheit verschaffen muss, welche Auswirkungen die Weisungen Jesu für ihn persönlich zur Folge haben, innerhalb welcher Grenzen sich sein Leben bewegen muss. Wie für Paulus öffnet auch für uns die Begegnung mit der Botschaft Jesu eine neue, ungeahnte Zukunft. Der Glaube lässt uns unsere Fehler und unser Versagen im Licht der Heiligkeit Gottes scharf und unmissverständlich erkennen; der Glaube versichert uns aber auch, dass Gott über unsere Schwächen und Sünden nicht unerbittlich richtet. Unser Versagen ist vielmehr hineingenommen in die Liebe des Sohnes Gottes, der zur Erlösung aller Menschen das eigene Leben in einen qualvollen Tod hingegeben hat. Der Glaube lässt uns erkennen, dass die Güte und das Erbarmen Gottes unendlich viel größer sind, als wir Menschen uns vorstellen können und es verdient haben. Die Gewissheit, dass Gott uns trotz unserer Mängel als Seine Kinder angenommen und zum ewigen Leben berufen hat, schenkt uns die Kraft zu einer Sicht des Daseins, in der Unsicherheit, Mutlosigkeit und Resignation keinen Platz mehr haben. Unser Lebensweg wird zwar auch weiterhin von Fehlverhalten gekennzeichnet sein, aber Gott gewährt uns die Möglichkeit, uns zu überprüfen, zu korrigieren und zu bessern. Die Bereitschaft, uns ständig von neuem aufzumachen, ist ein Zeichen dafür, dass wir um unsere Unzulänglichkeit wissen. Wir bringen dadurch aber auch zum Ausdruck, dass wir am Leben nicht verzweifeln, sondern von der unzerstörbaren Hoffnung getragen werden, dass Gott uns einmal endgültig vollenden wird. Unser Glaube enthält die Aufforderung, dass wir dieses letzte Ziel unserer irdischen Tage nie aus den Augen verlieren, sondern es unbeirrt mit allen Kräften anstreben. Wir sollen uns allerdings auch bewusst sein, dass wir unsere Vollendung nicht durch unseren Einsatz erreichen, sondern dass wir sie in der Haltung der Demut und Dankbarkeit von Gott als Geschenk entgegennehmen müssen. Der Mut zu einem ständigen Bemühen in der Nachfolge Jesu entspringt also nicht einem wirklichkeitsfremden Optimismus oder einer Täuschung über die menschlichen Fähigkeiten. Diesen Mut erhalten wir vielmehr aus dem Bewusstsein, dass unsere eigenen Anstrengungen die Antwort auf das Angebot Gottes sind, unsere unfertigen Leistungen gut zu machen und durch Seine Gnade zu vollenden. Dieses Wissen zeigt unserem Weg durch das irdische Dasein eine klare Richtung und bewahrt uns vor den Enttäuschungen eines verfehlten Lebens. Das ist die trostreiche Botschaft unserer Lesung. 25. November 2001 Christkönigssonntag Der verborgene Herrscher Das Evangelium nach Lukas (Lk 23, 35-34) --------------------------23.35 In jener Zeit verlachten die führenden Männer des Volkes Jesus und sagten: Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen, wenn er der erwählte Messias Gottes ist. 36 Auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten vor ihn hin, reichten ihm Essig 37 und sagten: Wenn du der König der Juden bist, dann hilf dir selbst! 38 Über ihm war eine Tafel angebracht; auf ihr stand: Das ist der König der Juden. 39 Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, verhöhnte ihn: Bist du denn nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und auch uns! 40 Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. 41 Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42 Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst. 43 Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. Der letzte Sonntag des Kirchenjahres, das Christkönigs-Fest, lenkt unseren Blick auf die letzten Ereignisse der Weltgeschichte, wenn Christus wiederkommt, um eine neue Schöpfung zu errichten, die ganz von der Heiligkeit und Vollkommenheit Gottes geprägt sein wird. Diese letzten Ereignisse werden alle menschlichen Bemühungen und Erfolge im Bereich der Politik, der Wirtschaft, der Technik, der Kultur und des Geisteslebens endgültig abschließen. Nach dem vielfältigen Gegeneinander der Ansichten und Machtverhältnisse auf unserer Erde wird sich dann unwiderruflich zeigen, wer der wahre Herr der Welt ist und wer das letzte Wort über die Menschheit zu sprechen hat. Der Christkönigs-Sonntag erhebt zugleich auch den Anspruch, dass Jesus Christus bereits jetzt der verborgene, aber eigentliche Herrscher der Welt ist - mögen die Menschen handeln, wie sie wollen, mögen sie sich dem Willen Gottes noch so sehr widersetzen. Christus als den höchsten Herrn unseres persönlichen Lebens anzuerkennen, in der Gemeinschaft mit Ihm den tragenden Sinn und Halt unseres irdischen Daseins zu erblicken, dazu fordert uns das Christkönigs-Fest wieder auf. Was wir allerdings Tag für Tag durch die Medien aus der gesamten Welt erfahren, das macht einen ganz anderen Eindruck auf uns. Man spürt hier recht wenig von der Herrschaft Christi über die Schöpfung. Wir stehen vielmehr in einer Zeit, die zutiefst geprägt ist von Egoismus, Gewinnsucht, Hass, Grausamkeit und Gewalttaten, in der Millionen Menschen an Hunger leiden und an Unterernährung sterben. Wir erleben in unserer Gegenwart die Bedrohung der Menschheit durch Atomwaffen und Chemikalien, eine immer stärker verschmutzte Umwelt, das angestrengte Suchen nach neuen Energiequellen, die Sorge um das Weiterfunktionieren der Wirtschaft, eine viel zu hohe Zahl von Arbeitslosen. Unsere Einstellung zum Leben ist somit bestimmt von ernsten Sorgen um die Existenz und die Zukunft der Menschheit. Diese gefährdete Welt ist der Schauplatz unseres Glaubens und unserer Hoffnung, aber auch unserer bangen Fragen, manchmal sogar unserer Zweifel an der Wahrheit bestimmter Verheißungen des christlichen Glaubens. Wo bleibt angesichts solcher beängstigenden Verhältnisse die Herrschaft Christi über die Menschen? Wo bleiben die Erlösung und die Verklärungsherrlichkeit der Auferstehung? Die Machtstrukturen des modernen Lebens, denen wir ausgeliefert sind, sind größtenteils undurchschaubar und vom Bösen bestimmt. Die Wirklichkeit der heutigen Welt lastet oft schwer auf den Glaubenden, wenn sie sich bemühen, ihr Verhalten von der Botschaft Jesu her zu gestalten. Angesichts der tatsächlichen Situation auf unserer Erde scheint die Herrschaft Christi aussichtslos zu sein. Aber der Christ weiß auch, dass die Königsmacht Jesu nicht von dieser Welt stammt. Jesus lehnte es während Seines irdischen Wirkens stets mit Entschiedenheit ab, sich als Messias bezeichnen zu lassen, weil die Juden mit diesem Titel politische Machtansprüche verbanden. Sie erwarteten nämlich vom Messias, er werde sie mit Waffengewalt von der Herrschaft der Römer befreien und Israel wieder zu seiner früheren Größe und Bedeutung führen. In diesem kommenden Reich würde dann einzig und allein der Wille Gottes die bestimmende Kraft sein. Zu diesen Vorstellungen sagte Jesus Sein entschiedenes und unmissverständliches Nein. Wenn die Juden Seine Worte und Sein Verhalten in diesem Sinn auffassten, wies Er sie scharf zurecht. Nur ein einziges Mal erhob Er den Anspruch, ein König zu sein: als Er vor Pontius Pilatus, dem höchsten Vertreter der römischen Besatzungsmacht in Palästina, stand. Aber in diesem Augenblick waren Missverständnisse ausgeschlossen. Jesus stand als Angeklagter vor dem römischen Statthalter und wie die Dinge lagen, war für Ihn das Todesurteil unausweichlich. Jetzt konnte Er sich ruhig als König bezeichnen. Er betonte aber auch, dass Seine Machtbefugnisse nicht von dieser Welt stammen. Obwohl Pilatus in den Glaubensüberzeugungen der jüdischen Religion nicht bewandert war, verstand er trotzdem, dass Jesus einen Herrschaftsanspruch erhob, der über die Befugnisse irdischer Machthaber und sogar noch über die des römischen Kaisers weit hinausging. Was Jesus im Verhör sagte, stimmte Pilatus so nachdenklich, dass er plötzlich die Frage stellte: "Was ist Wahrheit?" Wäre die Herrschaft Jesu von dieser Welt gewesen, dann hätte Er in dieser für Ihn ausgesprochen gefährlichen Situation zur Gewalt gegriffen und sich von Seinen Anhängern mit Waffen schützen lassen. Aber dieser Art der Machtausübung hatte Er bereits am Beginn Seines öffentlichen Wirkens eine klare Absage erteilt, als Ihn der Teufel in der Wüste dreimal versuchte. Und noch früher hatte Jesus zu erkennen gegeben, wie Er Seine Herrschaft über die Menschen auszuüben gedachte: Seine Geburt erfolgte nicht in der Pracht eines Königspalastes, nicht im Komfort eines wohlhabenden Bürgerhauses, sondern in der Armseligkeit eines Stalles - völlig unbeachtet von den maßgebenden Menschen der damaligen Zeit. Dieser Grundhaltung ist Jesus treu geblieben bis zum Ende Seines Lebens. Als Jesus vor Pilatus stand, wusste Er, was auf Ihn wartete, welches Ausmaß von Grausamkeit, Schmerzen und Qualen in den nächsten Stunden auf Ihn zukommen würde. Trotzdem zögerte Er nicht, diesen Weg entschlossen zu gehen. Jesus ging in vollkommenem Gehorsam gegen- über dem Willen des himmlischen Vaters Seinen Lebensweg konsequent zu Ende. Bei Ihm war nichts zu spüren von einem Jagen nach Macht, wie man es bei den Herrschern unserer Erde bis zu den Politikern unserer Gegenwart so gut beobachten kann. Er schaute nicht kleinlich und eifersüchtig darauf, ob die Menschen die Ihm zustehende Ehrerbietung erwiesen. Er zeigte auch keinerlei Angst davor, dass Ihn jemand aus Seiner Stellung drängen könnte; Er ließ sich vielmehr in aller Ruhe und Gelassenheit an die Wand drücken. Deshalb nennt Ihn das letzte Buch des Neuen Testaments, die Offenbarung des Johannes, den treuen Zeugen: Jesus ist der treueste Zeuge für Gottes Wahrheit und Seinen Heilswillen. Die Herrschaft Jesu ist dadurch gekennzeichnet, dass Er die Menschen liebt und sie zum Heil führen will. Deswegen machte Er sich zum Diener aller und war bereit, das eigene Leben hinzugeben, um dadurch allen Ihm Anvertrauten das unvergängliche Leben zu schenken. Durch diese Selbstlosigkeit stellte Jesus sämtliche irdischen Machtverhältnisse auf den Kopf. Aber gerade durch diese Selbsterniedrigung und Hingabe zur Erlösung anderer hat Jesus Seine unzerstörbare Macht bewiesen: Er zerbrach die Fesseln des Todes und kehrte in die Welt zurück, aus der Er gekommen war. Dort herrscht Er nun mit dem göttlichen Vater auf ewig über die Schöpfung. Durch Seine Auferstehung von den Toten und durch Seine Himmelfahrt hat Jesus bewiesen, dass Er stärker ist als alles Planen und Handeln der Menschen und stärker als alle Anwendung von Gewalt. Durch den Sieg Jesu steht der Ausgang der Weltgeschichte, steht das endgültige Schicksal der Menschheit bereits unwiderruflich fest, auch wenn die Dunkelheit auf der Erde und die Macht des Bösen immer mehr zu wachsen scheinen. Niemand mehr kann Christus, den Lebensquell und das Licht der Menschen, wieder zum Erlöschen bringen. Er ist der wahre, wenn auch noch verborgene Herrscher der Welt. In Jesus erhebt Gott unwiderruflich den Anspruch, der höchste Machthaber über das Weltall zu sein. Die Herrschaft Gottes beschränkt sich nicht auf die Räume unserer Kirchen, sondern Gott besteht grundsätzlich darauf, den Menschen für ihren Alltag verbindliche Weisungen zu erteilen und konkrete Forderungen an sie zu stellen. Der auferstandene Sohn Gottes wird einmal in der Macht und Herrlichkeit Seines Vaters wiederkommen, um endgültig die Herrschaft Gottes über die Schöpfung zu errichten. Dann wird Er die Wahrheit ans Licht bringen und unbestechlich Recht sprechen. Wenn Christus wiederkommt, wird Er aber auch jedem Menschen den Frieden mit Gott anbieten und in Seinem Erbarmen so weit gehen, wie Er bei Seinem Tod am Kreuz gegangen ist. Er wird nicht niederreißen und zerstören, sondern heilen und vollenden. Damit wird die Ge- schichte unserer Welt ihren krönenden Abschluss erfahren. Stellen wir deshalb durch ein bewusstes christliches Handeln unser Leben unter die Herrschaft dessen, dem von Gott alle Macht und Hoheit übertragen wurde und dessen Reich niemals mehr untergeht! 3. 02. 2002 4. Sonntag im Jahreskreis Gottes Gerechtigkeit suchen Mt 5,1-12a In jener Zeit, als Jesus die vielen Menschen sah, die ihm folgten, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie. Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen. Selig, die Frieden, stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Selig die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Den Texten aus dem Alten und aus dem Neuen Testament, die wir am 4. Sonntag im Jahreskreis vernehmen (Zefanja 2,3; 3,12f; l Korinther 1,26-31; Matthäus 5,1-12a), ist das eine gemeinsam, daß in ihnen den Schwachen, den Unterdrückten, denen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen, ein Trostwort zugerufen und ihnen versichert wird, Gott selbst werde einmal ihr Schicksal wenden. Die Lesung aus dem Buch Zefanja ist hineingesprochen in die Zeit um 630 vor Christus und damit knapp fünfzig Jahre vor der Zerstörung Jerusalems. Damals war zwar bereits der fromme und politisch außerordentlich erfolgreiche König Joschija an der Regierung, aber die Bevölkerung hatte noch schwer zu leiden unter den Folgen der brutalen Herrschaft seiner beiden Vorgänger Manasse und Amon, die gezeichnet war von Rechtsbeugung, Ausbeutung und Justizmorden; außerdem hatten sie die heidnischen Kulte stark begünstigt. Zahlreiche Menschen fragten sich, warum Gott nicht eingriff, der Seinen Getreuen in früheren Zeiten schon so oft beigestanden war und sie aus Nöten und Gefahren befreit hatte. Viele Angehörige des Gottesvolks waren damals geneigt, auf eigene Faust zu handeln und sich ihr Recht selbst zu verschaffen. Aber gerade in diese Situation hinein mahnt der Prophet, nicht eigenmächtig vorzugehen. Die Benachteiligten sollen vielmehr im Bewußtsein ihrer eigenen Unzulänglichkeit, Begrenztheit und Fehlerhaftigkeit in Demut ihre Gerechtigkeit beim Herrn suchen. Die Formulierung im hebräischen Urtext, die im Deutschen so nicht wiedergegeben werden kann, zeigt in eindringlicher Deutlichkeit, daß dieses Gottsuchen mit der Hingabe der ganzen Persönlichkeit erfolgen soll. Es ist überraschend, daß ausgerechnet jene Menschen, die Unrecht erleiden müssen und für deren Belange und Lebensrechte die Propheten sonst so entschieden eintraten, von Zefanja aufgefordert werden, ihr Geschick nicht selbst in die Hand zu nehmen, sondern ausschließlich bei Gott ihr Heil zu suchen. Das geschieht in dem unerschütterlichen Vertrauen darauf, daß Gott gerecht ist, daß Er auf der Seite der Bedrängten steht und ihnen Hilfe und Rettung verschaffen wird. Wenn ein Mensch die ihm zustehende Gerechtigkeit bei Gott sucht, wird ihm ein viel umfassenderer Erfolg geschenkt, als er ihn sich selbst mit Gewalt verschaffen kann. Zefanja verheißt denen, die in Demut beim Gott Israels Schutz suchen, Frieden, Glück und Heil. Dieses Glück wurde von den Israeliten allerdings ausgesprochen irdisch, materiell und politisch-national verstanden. Wie sehr diese Vorstellungen noch einer Korrektur und Ergänzung bedurften, lassen uns die Seligpreisungen Jesu erkennen, die wir in der Formulierung des Matthäus-Evangeliums vernehmen. Diejenigen, die in der ersten Seligpreisung - wörtlich übersetzt - als die "Armen im Geiste" bezeichnet werden, denen die Gemeinschaft mit Gott, die Aufnahme in das Himmelreich und die Teilnahme an der Gottesherrschaft verheißen wird, sind genau jene Menschen, die im Alten Testament als "Demütige" bezeichnet werden. Matthäus hat dieses Wort, das bei den Juden eine außerordentlich tiefe religiöse Inhaltsfülle besaß, zum besseren Verständnis für die Menschen, die dem griechisch-römischen Kulturkreis angehörten, mit dem Begriff "Arme im Geiste" umschrieben. Mit ihnen sind selbstverständlich nicht Menschen gemeint, denen es an Intelligenz fehlt, sondern jene, die vor Gott offen und ehrlich ihre Geschöpflichkeit, ihre Unzulänglichkeit, ihre Abhängigkeit von Ihm eingestehen, die sich Seiner Allmacht unterwerfen und Seiner schützenden Führung vertrauen. Gemeint sind damit jene Menschen, die inmitten der Ungerechtigkeit, die sie erdulden müssen, trotzdem ihre eigene Unvollkommenheit, Begrenztheit und ihr Versagen erkennen, die sich nicht verhärten, in keinen blinden Haß hineinsteigern und sich nicht zu unüberlegten Handlungen fortreißen lassen, sondern die trotz aller bitteren Erfahrungen ihres Lebens ihr Heil von Gott erwarten und in Demut Seine Gnade suchen. Sowohl das Alte wie auch das Neue Testament stimmen also darin überein, daß das Geringsein vor Gott, die richtige Einschätzung der eigenen Unzulänglichkeit, der einzige Weg zur Erlösung und zum Heil ist. Die prophetische Verheißung des Alten Testaments erfährt durch die Seligpreisungen Jesu eine Steigerung und Vollendung. Denn Jesus sieht die Gerechtigkeit, die Gott dem armen und unterdrückten Menschen gewährt, nicht darin, daß Gott ihm irdisch-materiellas Wohlergehen schenkt, sondern vielmehr darin, daß er in die beseligende Gemeinschaft mit Gott aufgenommen wird. Das bedeutet aber nicht, daß Jesus uns auf das Jenseits und damit auf die-Zeit nach dem Tod vertröstet. Da seit-,der Menschwerdung Jesu die Kräfte des Gottesreichs auf unserer Erde wirksam sind, erhalten wir bereits hier Anteil an der Gemeinschaft mit Gott und das Geschenk Seiner Gnade. Wer durch die Taufe in diese Gemeinschaft aufgenommen ist, der darf sich freuen, jubeln und frohlocken, auch wenn er sein Leben unter äußeren Bedingungen zubringen muß, die alles andere als angenehm sind. Dieser Mensch befindet sich auf einem Weg, der keiner einschneidenden Umkehr und Korrektur mehr bedarf; er geht vielmehr geradlinig auf Gott zu und erfährt seine Vollendung nach dem Tod, wenn er vor Gottes Angesicht tritt. Eine solche Einstellung, die sich nicht auf die eigene Kraft und Leistungsfähigkeit verläßt, wird von irdisch denkenden Menschen oft negativ beurteilt. Aber der heilige Apostel Paulus zeigt uns im 1. Korintherbrief, daß gerade das Schwache und Wehrlose von Gott in besonderer Weise auserwählt wird, um das Starke und Selbstbewußte zu beschämen. Der Starke und Mächtige glaubt, daß die Geschicke der Menschheit in seinen Händen liegen und von seinen Entscheidungen abhängen; aber er scheitert meistens an seiner Überheblichkeit und Kurzsichtigkeit. Paulus macht dagegen die Mitglieder der Gemeinde von Korinth darauf aufmerksam, daß sich in ihr nur wenige Christen befinden, die nach irdischen Maßstäben erfolgreich und bedeutend sind, daß aber unter ihnen in großer Zahl charismatische Gaben blühen. Die für uns erstaunliche Tatsache, daß Gott häufig gerade solche Menschen erwählt, die im Urteil der Welt nichts gelten, wird bereits im Alten Testament immer wieder betont. Das Buch des Propheten Jesaja enthüllt uns die Ursache dieses Geheimnisses: "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht Meine Wege - Spruch des Herrn" (55,8). Auch Paulus durfte aus dem Mund des auferstandenen Christus die Worte vernehmen: "Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit" (2Kor 12,9). Diese Erkenntnis wurde für ihn zur maßgebenden Richtschnur seines Denkens und Handelns. Von dieser Einsicht ließ er sich zeit seines Lebens leiten. Am beeindruckendsten zeigt sich dieses Verhalten Gottes, das Schwache stark und unüberwindlich zu machen, in Seinem eigenen Sohn. Gott hat Jesus nach einem Leben voller Anfeindungen dem qualvollen Tod am Kreuz ausgeliefert; aber gerade durch diese äußerste Erniedrigung und Schwachheit erfolgte die entscheidende Schicksalswende für die ganze Menschheit. Das Sterben Jesu bedeutete nicht das Scheitern Seines Erlösungswerks,-sondern Er überwand die Macht des Todes und brach gleichzeitig den Einfluß des Bösen in unserer Welt. Durch diesen schmachvollen Tod Seines Sohnes hat Gott uns mit sich versöhnt. Der heilige Apostel Paulus formuliert dies so: "Gott hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in Ihm Gerechtigkeit Gottes würden" (2Kor 5,21). Wir werden heute aufgefordert, die Gerechtigkeit Gottes zu suchen. Das Wort suchen beinhaltet, daß wir dem Leben nicht tatenlos gegenüberstehen, sondern daß wir die uns von Gott geschenkten Kräfte einsetzen, um die Forderungen der Seligpreisungen in die Tat umzusetzen. Jesus redet nicht von Hungern und Dürsten nach der eigenen Gerechtigkeit, sondern nach der Gerechtigkeit Gottes, das heißt nach Seinem Erbarmen und Seiner Gnade. Wir müssen nun im täglichen Leben unter Beweis stellen, daß wir von der Gerechtigkeit Gottes geprägt sind. Hilfsbereitschaft, Mitmenschlichkeit, ein Gefühl der Verbundenheit mit den Entrechteten und Ausgebeuteten, den Armen und Notleidenden sind die Zeichen dafür, daß wir das Anliegen Jesu verstanden haben. Denn mit den Seligpreisungen erhebt Er zugleich schärfsten Protest gegen Verhältnisse, die den Weisungen Gottes und Seiner Schöpfungsordnung widersprechen und fordert uns auf, dagegen gewaltlosen Widerstand zu leisten. Wir Christen sollen Gerechtigkeit üben; das bedeutet, daß wir jedem Menschen das zubilligen, was ihm von Gott zugedacht ist: daß jeder die gleichen Entfaltungsmöglichkeiten erhält, unabhängig von seiner Religionszugehörigkeit, Rasse oder seiner sozialen und gesellschaftlichen Stellung. Die Hingabe Jesu in den Tod am Kreuz hatte für die Menschheit umwälzende Auswirkungen. Der Glaube an den Sieg des Kreuzes schenkt uns eine Sicht des irdischen Daseins, die uns weiterhilft. Dieser Glaube kann unser eigenes Leben deuten, ihm einen ganz neuen Sinn und eine klare Richtung geben. Wir werden denn nicht mehr unsicher angesichts der Vielzahl von Meinungen und Weltanschauungen, die ständig auf uns zukommen. Die verhältnismäßig kleine Schar von Menschen, die sich bemühen, ihr Leben aus dem Geist des Evangeliums zu gestalten, soll inmitten einer Welt des Egoismus, des Unrechts, des Hasses und der Grausamkeit Zeugnis ablegen von der unüberwindlichen Kraft Jesu, die auch heute noch die Verhältnisse auf der Erde tiefgreifend zu verwandeln mag. Denn Gott erwählt das Schwache und schenkt ihm Seine Gnade nicht dazu, damit die Welt so bleibt, wie sie ist, sondern damit sie von uns Christen zu einer neuen Schöpfung nach dem Bild Seines menschgewordenen Sohnes umgestaltet wird. 14. April 2002 3. Ostersonntag Emmaus Am gleichen Tag waren zwei von den Jüngern auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist. 14 Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte. 15 Während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus hinzu und ging mit ihnen. 16 Doch sie waren wie mit Blindheit geschlagen, so daß sie ihn nicht erkannten. 17 Er fragte sie: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet? Da blieben sie traurig stehen, 18 und der eine von ihnen - er hieß Kleopas - antwortete ihm: Bist du so fremd in Jerusalem, daß du als einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist? 19 Er fragte sie: Was denn? Sie antworteten ihm: Das mit Jesus aus Nazaret. Er war ein Prophet, mächtig in Wort und Tat vor Gott und dem ganzen Volk. 20 Doch unsere Hohenpriester und Führer haben ihn zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen lassen. 21 Wir aber hatten gehofft, daß er der sei, der Israel erlösen werde. Und dazu ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist. 22 Aber nicht nur das: Auch einige Frauen aus unserem Kreis haben uns in große Aufregung versetzt. Sie waren in der Frühe beim Grab, 23 fanden aber seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, es seien ihnen Engel erschienen und hätten gesagt, er lebe. 24 Einige von uns gingen dann zum Grab und fanden alles so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber sahen sie nicht. 25 Da sagte er zu ihnen: Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. 26 Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? 27 Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht. 28 So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wolle er weitergehen, 29 aber sie drängten ihn und sagten: Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt. Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben. 30 Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen. 31 Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr. 32 Und sie sagten zueinander: Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloß? 33 Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück, und sie fanden die Elf und die anderen Jünger versammelt. 34 Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen. 35 Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach. Am Ostertag befanden sich zwei der Jünger Jesu auf dem Weg von Jerusalem in ein nahegelegenes Dorf namens Emmaus. Was ihre Gedanken erregte, war der überraschende Tod ihres Meisters (Lukas 24,13-35). Die erste Begegnung mit Jesus von Nazareth war für sie ein tiefer Einschnitt gewesen, sie war in das Innerste ihrer Seele gedrungen und entscheidend geworden für ihren weiteren Lebensweg. Sie waren Jesus nachgefolgt, um Zeugen Seiner Lehre und Seiner Wundertaten zu werden; sie hatten sich Ihm angeschlossen in der Überzeugung, Er sei der verheißene Messias und werde Sein Volk aus der Unterdrückung durch die Römer befreien. Aber dann war alles ganz anders gekommen. Die beiden Jünger mußten den erbitterten Kampf erleben, den die religiösen Führer der Juden gegen Jesus führten, und waren Zeugen Seines qualvollen Endes am Kreuz geworden. Damit war für sie eine Welt voller Hoffnungen jäh zusammengebrochen; sie fühlten sich in ihrer Messias-Erwartung restlos enttäuscht. Der plötzliche Tod Jesu hatte sie in eine unvorhergesehene Situation gestellt, aus der sie im Augenblick noch keinen Ausweg wußten. Während sie auf dem Weg darüber sprachen, was in den letzten Tagen über sie hereingebrochen war, und wohl auch über ihre Zukunft nachdachten, gesellte sich Jesus in der Gestalt eines fremden Reisenden zu ihnen - aber sie erkannten Ihn nicht. Unser Text bemerkt ausdrücklich: "Doch sie waren wie mit Blindheit geschlagen, so daß sie Ihn nicht erkannten." Wiederholt erfahren wir aus den Auferstehungsberichten der Evangelien, daß die Jünger, die jahrelang in enger Gemeinschaft mit Jesus gelebt hatten, und auch die Frauen aus Seiner Gefolgschaft ihren Meister nicht sofort erkannten, wenn Er ihnen nach Ostern unerwartet erschien. Das läßt uns erahnen, welche starke Veränderung am irdischen Leib Jesu durch die Auferstehung erfolgt sein muß. Die geheimnisvolle Andersartigkeit des verklärten Leibes Jesu ist für uns eine stillschweigende Aufforderung, nicht in irdischen Werten aufzugehen, im Strom unserer Zeit mitzuschwimmen, uns unauffällig an den Lebensstil unserer Mitmenschen anzupassen, sondern nach dem zu streben, "was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt" - wie sich die Lesung des Ostersonntags aus dem Kolosserbrief ausdrückt (3,1). Gott möchte uns ja bereits hier auf Erden in erlöste Menschen verwandeln. Wenn wir dazu oft so wenig Neigung und Bereitschaft verspüren, wenn wir mit den Aussagen des Glaubens für die Bewältigung unseres Lebens manchmal so wenig anfangen können, dann liegt das wohl nicht zuletzt daran, daß wir unseren Glauben nur oberflächlich kennen. Wir nehmen uns eben zu wenig Zeit, um Jesus zu begegnen, um unser Verhalten an Seinen Worten auszurichten; wir bemühen uns zu wenig, tiefer in unseren Glauben einzudringen, ihn verstandesmäßig besser zu erfassen und unsere Erkenntnisse im Alltag in die Tat umzusetzen. Das Bild von den beiden Jüngern, die nach Emmaus wanderten, ist ein Gleichnis für die Situation unseres eigenen Lebens. Wir alle gehen durch die Welt auf ein Ziel zu, das wir nicht kennen. Mit Sicherheit wissen wir nur, daß wir eines Tages sterben müssen. Auf dieser Reise tauchen zahlreiche Fragen auf; wir geraten in tiefes Dunkel, aus dem wir zunächst keinen Ausweg wissen,- die Last des Daseins drückt uns manchmal fast zu Boden. Wir verstehen vieles nicht, was uns trifft. Bisweilen haben wir sogar den Eindruck, auch Gott habe uns verlassen. In solchen schwierigen Augenblicken sollten wir dieselbe Haltung einnehmen wie die beiden Jünger auf ihrem Gang nach Emmaus. Durch das gewaltsame Ende Jesu waren sie wie betäubt sie wußten nicht, wie es weitergehen sollte, ihre Herzen waren von Trauer und tiefem Schmerz erfüllt. Und doch waren sie offen für die Worte, die der unbekannte Fremde an sie richtete. Als er ihnen das Verständnis für das eröffnete, was mit Jesus geschehen war, gaben sie seinen Gedankengängen recht. So erkannten sie auf einmal, daß der gewaltsame Tod Jesu im Heilsplan Gottes von vornherein feststand, daß dieses grausame Ende bereits in einigen Stellen des Alten Testaments vorausgesagt worden war, denen die frommen Juden bisher allerdings wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Plötzlich würde ihnen klar, daß Gott Seinen Messias nicht gesandt hatte, um mit Gewalt das Joch der römischen Fremdherrschaft abzuschütteln, sondern um durch die freiwillige Hingabe Seines Lebens die Menschheit von ihren Sünden zu befreien und sie mit Gott zu versöhnen. Wenn wir in bedrückenden Situationen nicht starr an unseren persönlichen Ansichten und den jahrzehntelangen Erfahrungen unseres Lebens festhalten, dann erhalten auch wir die Möglichkeit, durch die Osterbotschaft das Leben in einem neuen Licht zu sehen. Die Auferstehung Jesu bedeutet nicht, daß Gott uns alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumt, daß Er uns ein sorgenfreies, bequemes und glückliches irdisches Dasein schenken möchte. Die Gemeinschaft mit dem auferstandenen und verklärten Herrn hat nicht zur Folge, daß uns alle Wünsche erfüllt werden, daß uns alle Rechnungen aufgehen. Wer zur Vollendung im Reich Gottes gelangen will, muß denselben Weg gehen, den auch Jesus gegangen ist - der Weg des Kreuzes bleibt niemand erspart. Wenn wir dazu bereit sind, dann beginnt die Osterbotschaft unser Leben zu erleuchten. Das Wort von der Auferstehung führt uns aus Ungewißheit und Dunkel zur Erkenntnis der Wahrheit, zum Licht und zum inneren Frieden. Wenn wir die Osterbotschaft in uns aufnehmen, dann wissen wir um unseren Lebensweg, dann erhalten wir eine letzte Antwort auf unsere vielfältigen Fragen, dann bekommen wir klare Maßstäbe, mit deren Hilfe wir die Aufgaben und Probleme des Alltags bewältigen können. Wir fühlen uns dann auch nicht mehr von Gott verlassen. Ostern macht uns klar, daß unser Lebensweg keine Reise in ein ungewisses Schicksal ist. Am Ende unseres irdischen Daseins steht vielmehr Christus; Er wartet auf uns, um uns von den Toten aufzuerwecken und uns zum Vater zu führen. Der auferstandene Gottessohn ist aber bereits jetzt bei uns; Er begleitet uns unsichtbar durch das Leben, wie Er die beiden Jünger auf ihrem Weg nach Emmaus begleitet hat - auch wenn wir das nicht immer spürbar wahrnehmen können. Diese Gewißheit, die uns der Glaube schenkt, ist für uns befreiend und erlösend; sie macht uns zu ganz neuen Menschen. Es ist allerdings eine besondere Eigenschaft der Osterbotschaft, daß nur der Mensch ihre erlösenden Kräfte verspürt, der zur Auferstehung Jesu nicht nur sein theoretisches Ja spricht, sondern der auch sein Handeln im Alltag von ihr prägen und bestimmen läßt. Es war kein Zufall, daß die beiden Jünger ihren Meister gerade in dem Augenblick erkannten, als sie sich anschickten, mit ihrem unbekannten Begleiter das Brot zu teilen. Damit taten sie etwas, was Jesus während Seines irdischen Daseins unzählige Male vollzogen hatte. Jesus häufte keine Reichtümer an, Er übte keine Macht aus, Er ließ sich nicht bedienen, sondern Er war für die anderen da, Er gab sogar das eigene Leben für sie hin. Dieses Vorbild nachzuvollziehen, ist nun unsere Aufgabe. Erlösung, Teilnahme an der Auferstehungsherrlichkeit erreichen wir nur, wenn wir aus dem Gefängnis unseres Ichs heraustreten, wenn wir unseren Egoismus überwinden und versuchen, auf unsere Mitmenschen zuzugehen, sie in ihren Lebensrechten anzuerkennen, wenn wir sie in ihrer Andersartigkeit, ihren Eigenheiten und auch in ihren Fehlern gelten lassen. Wenn wir nicht nur an uns selbst denken, lösen wir uns von uns und erkennen, wie die Welt eigentlich sein müßte, damit sie den Vorstellungen Gottes entspricht und von Ihm endgültig vollendet werden kann. Wenn wir mit anderen unseren geistigen und materiellen Lebensraum teilen, wenn wir ihnen unsere Freundschaft und Hilfe anbieten, denn erfahren wir den Auferstandenen in unserem Alltag. Zugleich aber erleben unsere Mitmenschen den Auferstandenen an uns. Unsere Zeitgenossen geben nicht allzu viel auf das, was geredet wird, sondern sie achten auf das, was im konkreten Tun sichtbar wird. Sie verlangen von uns, daß wir in unserem Verhalten den Glauben an die Auferstehung des Gottessohnes und die Verklärung der Schöpfung überzeugend unter Beweis stellen. Am Ende unseres Lebens wartet Christus auf uns, um mit allen Menschen, die ihr Leben in Seinen Dienst gestellt haben, ein unvergängliches Gastmahl zu feiern. Wir können dieses Mahl in gewissem Sinn bereits hier auf Erden vorwegnehmen, wenn wir in allen Einsamen und Notleidenden, die auf unserer Erde leben, den gekreuzigten Herrn selbst erblicken und Ihn in diesen Mitmenschen zum Mahl einladen. Wollen wir diese Möglichkeit, mit Christus schon jetzt Ostern zu feiern, nicht ungenützt vorübergehen lassen! Wollen wir unsere gesamte Haltung gegenüber dem Leben von der Osterbotschaft erleuchten lassen und unseren Zeitgenossen glaubhaft machen, daß die Kräfte der Auferstehung die Welt auch heute noch tiefgreifend verwandeln können. 23. Juni 2002 12. Sonntag im Jahreskreis Propheten-Schicksal 10 -Jeremia sprach: Ich hörte doch das Flüstern der Vielen: Grauen ringsum! Zeigt ihn an! Wir wollen ihn anzeigen. Meine nächsten Bekannten warten alle darauf, daß ich stürze: Vielleicht läßt er sich betören, daß wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen. 11 Doch der Herr steht mir bei wie ein gewaltiger Held. Darum straucheln meine Verfolger und kommen nicht auf. Sie werden schmählich zuschanden, da sie nichts erreichen, in ewiger, unvergeßlicher Schmach. 12 Aber der Herr der Heere prüft den Gerechten, er sieht Herz und Nieren. Ich werde deine Rache an ihnen erleben; denn dir habe ich meine Sache anvertraut. 11,20 13 Singt dem Herrn, rühmt den Herrn; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter. Jeremia wurde in ungewöhnlich jungen Jahren von Gott zum Propheten berufen. Mit allen Kräften wehrte er sich gegen diesen Auftrag: "Ach, mein Gott und Herr, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung!" (1,6). Aber alles Sträuben half ihm nichts; er mußte dem Ruf Gottes Folge leisten. Damit begann für Jeremia eine lebenslange Tragödie. Von Natur aus feinfühlend und beschaulich, hätte er sich gerne aus den politischen und gesellschaftlich-sozialen Fehlentwicklungen seiner Zeit in die Stille zurückgezogen - aber das war ihm durch seine prophetische Sendung für immer verwahrt. Seine Aufgabe bestand darin, sein Volk im Namen Gottes vor dem nahe bevorstehenden Untergang zu warnen, der mit der Zerstörung Jerusalems und der Wegführung eines Großteils der Bevölkerung in das Babylonische Exil im Jahre 586 vor Christus traurige Wirklichkeit wurde. Jeremia sollte seinen Landsleuten klarmachen, daß sie diesen Untergang durch ihr eigenes Verhalten heraufbeschworen -nicht nur deshalb, weil sie politischen Machtmitteln grundsätzlich mehr vertrauten als der Hilfe Gottes, sondern weil sie diese Mittel kurzsichtig und verblendet gebrauchten. Mit seinen Warnungen stieß Jeremia allerdings nur auf Empörung und Ablehnung. Überheblich pochten die Juden auf die Gegenwart Gottes im Tempel von Jerusalem und fühlten sich dadurch in Sicherheit. Sie überschütteten den sonderbaren Propheten mit Spott und Schmähungen und trachteten ihm sogar nach dem Leben. Sie lauerten ständig darauf, daß er sich durch eine unvorsichtige ƒußerung bloßstellen, daß er gegen die Vorschriften des alttestamentlichen Gesetzes oder der staatlichen Obrigkeit verstoßen würde. Das hätte ihnen die erwünschte Handhabe geboten, ihn als Staatsfeind und Hochverräter anzuklagen und sein Todesurteil zu erwirken. In der alttestamentlichen Lesung des 12. Sonntags im Jahreskreis erfahren wir (Jer 20,10-13), daß sogar die besten Freunde Jeremia verlassen haben und auf seine Vernichtung hinwirken. So hatte die Treue zu seiner prophetischen Sendung für ihn ein leiderfülltes Schicksal zur Folge. Aber wenn Jeremia versuchte, seinen Auftrag wie eine unbequeme Last abzuschütteln, mußte er immer wieder die Erfahrung machen, daß eine geheimnisvolle Kraft ihn förmlich überwältigte: "Sagte ich aber: Ich will nicht mehr an Ihn denken und nicht mehr in Seinem Namen sprechen - so war es mir, als brenne in meinem Herzen ein Feuer, eingeschlossen in meinem Inneren. Ich quälte mich, es auszuhalten, und vermochte es nicht" (20,9). Deshalb warnte Jeremia sein Volk stets von neuem, obwohl er unter der Last der eisigen Ablehnung fast zerbrach. In seiner Einsamkeit und Verzweiflung wandte sich Jeremia hilfesuchend an Gott, der ihm diese undankbare und zermürbende Sendung zugewiesen hatte. Er bat Ihn, an seinen Verfolgern ein unerbittliches Strafgericht zu vollziehen. Jeremia sann allerdings nicht auf persönliche Rache; vielmehr rief er Gott zum Zeugen an, daß er seinen Auftrag gewissenhaft erfüllt hatte. Das sollte Gott ihm durch ein gerechtes Urteil bestätigen. Er verzichtete auch aus dem Grund ganz bewußt darauf, sich eigenmächtig Recht zu verschaffen, weil seine Feinde letztlich der Botschaft Gottes Glauben und Gehorsam verweigerten. Aber Gott hüllte sich in undurchdringliches Schweigen. Er ließ den Propheten allein und lieferte ihn der Wut seiner Verfolger aus. Wiederholt geriet Jeremia in Lebensgefahr und wurde erst im letzten Augenblick auf wunderbare Weise vor dem sicheren Tod errettet. Für kurze Augenblicke durfte er dann die schützende Nähe Gottes erfahren. Aber diese gingen schnell vorüber - danach war er wieder ganz auf sich gestellt. Jeremia wurde deswegen an Gott irre; sein Vertrauen auf Ihn geriet in eine schwere Krise. Er begann, sich gegen Gott aufzulehnen und Ihm harte Vorwürfe zu machen. Es ist erschütternd, seine Anklagen gegen Gott zu lesen, den er als den Unbegreiflichen und alles ‹berragenden erfahren hatte: "Du hast mich betört, o Herr, und ich ließ mich betören; Du hast mich gepackt und überwältigt. Zum Gespött geworden bin ich den ganzen Tag, ein jeder verhöhnt mich" (20,7). Die Verzweiflung Jeremias über sein Schicksal wurde schließlich so groß, daß er sogar den Tag seiner Geburt verfluchte: "Verflucht der Tag, an dem ich geboren wurde; der Tag, an dem meine Mutter mich gebar, sei nicht gesegnet. Verflucht der Mann, der meinem Vater die frohe Kunde brachte: Ein Kind, ein Knabe ist dir geboren, und ihn damit hoch erfreute. Jener Tag gleiche den Städten, die der Herr ohne Erbarmen zerstört hat. Er höre Wehgeschrei am Morgen und Kriegslärm um die Mittagszeit, weil Er mich nicht sterben ließ im Mutterleib. So wäre meine Mutter mir zum Grab geworden, ihr Schoß auf ewig schwanger geblieben. Warum denn kam ich hervor aus dem Mutterschoß, um nur Mühsal und Kummer zu erleben und meine Tage in Schande zu beenden?" (20,14-18). Aber alles Aufbegehren nützte Jeremia nichts - er mußte sich mit seinem Schicksal abfinden. So kämpfte er sich in einem langen, qualvollen Ringen durch den Haß, die Hinterhältigkeit und die Machenschaften seiner Feinde, aber auch durch das Hadern und Aufbäumen seines eigenen Herzens hindurch. Der Prophet erkannte, daß Gott der einzige Halt und Retter seines Lebens war, auch wenn Er ihn noch so oft in undurchdringliches Dunkel führte. Die Gewißheit, daß Gott im entscheidenden Augenblick "das Leben des Armen aus der Hand der ‹beltäter rettet" (20,13), erfüllte ihn mit Ruhe, Sicherheit und Dankbarkeit. Jeremia war jetzt bereit, sich vorbehaltlos der Führung Gottes anzuvertrauen. Die Situation, in der wir Christen heute leben müssen, gleicht in mancher Hinsicht den Verhältnissen, mit denen sich der Prophet Jeremia auseinandersetzen mußte. Wir befinden uns in einer Welt, die längst nicht mehr von der Botschaft des Evangeliums und christlichen Wertvorstellungen geprägt ist. Jeder von uns muß damit rechnen, daß er von seinen Mitmenschen gefragt wird, nach welchen Grundsätzen er sein Leben gestaltet. Dann muß er Auskunft geben über die Aussagen und Forderungen seines Glaubens. Die Antwort der christlichen Religion auf die Frage nach dem Sinn und Auftrag des irdischen Daseins, nach dem Ziel des Lebens, nach einem Weiterleben nach dem Tod, stößt bei zahlreichen unserer Zeitgenossen auf Unverständnis und Ablehnung. Sie halten die Kirche für ein ‹berbleibsel aus einer längst vergangenen Zeit und Kultur Epoche. Deshalb sei die christliche Botschaft überholt und unfähig, zur Bewältigung der gegenwärtigen Menschheitsprobleme einen nennenswerten Beitrag zu leisten. Die Auffassung der Kirche zu vielen Fragen unserer Zeit ruft aus diesem Grund Unverständnis und Empörung hervor. Wenn ein Christ von manchen Mitmenschen als Außenseiter und Angehöriger einer vergangenen Entwicklungsstufe behandelt wird, fühlt er sich abgeschoben und isoliert. Je deutlicher die Ablehnung seiner Umgebung ist, desto mehr sucht er nach einem rettenden Halt. Das Schicksal des Propheten Jeremia wiederholt sich dann in abgewandelter Form auch an ihm. In einer solchen Situation bleibt dem Christen nur noch die Zuflucht zu Gott; nur von Ihm kann er sich Hilfe und Beistand erwarten. Aber wenn er dies zu tun versucht, erwachsen ihm neue Schwierigkeiten. Gott ist so unbegreiflich, daß auch der Christ manchmal bange Zweifel an Ihm bekommt. Vielfältig sind die Fragen, die er an Ihn zu richten hat: Warum gibt es s a viel Unrecht, Haß, Gewalt, Hunger und Elend auf unserer Erde? Warum sind Menschen, die sich angestrengt um die Erfüllung der Gebote Gottes bemühen, oft im Nachteil oder werden von Schicksalsschlägen heimgesucht - während andere, die sich unbekümmert und gewissenlos über den Willen Gottes hinwegsetzen, häufig wesentlich mehr Erfolg und Glück haben? Gott bleibt auch für uns Christen der unendlich Ferne, Geheimnisvolle und Rätselhafte. In Situationen der Unsicherheit bleibt uns nur das bedingungslose Vertrauen auf Gott. Je stärker und selbstbewußter die Persönlichkeit eines Menschen ist, desto mehr ist er geneigt, sich auf seine eigene Einsicht und Kraft zu verlassen, desto schwerer fällt es ihm, sich der Führung durch Gott zu beugen. Aber erst dann, wenn er bereit ist, auf irdische Absicherungen zu verzichten und sich vorbehaltlos Gott zu überlassen, wird er in seiner Ohnmacht die Hilfe Gottes erfahren. Das durfte wiederholt Jeremia erleben, als er in höchster Gefahr den Händen seiner Verfolger entrissen wurde. Das sehen wir am besten am Kreuzestod Jesu, den Seine Feinde nicht vernichten konnten. Zur vollkommenen Unterwerfung unter den Willen Gottes war wohl nur Jesus bereit. Sein Gehorsam kam aus einer letztmöglichen Einsicht in das Wesen Gottes, in Seine Heilspläne, in Seine überströmende und nie endende Liebe zu uns Menschen. Uns ist diese tiefste Einsicht verwehrt. Was uns Jesus verheißen hat: das Ende in Herrlichkeit in der vollkommenen Welt des Vaters, das allerdings nur nach einem bewußten Leben in der Kreuzesnachfolge zu erreichen ist - das sollte uns bereit machen, daß wir trotz allem unser Geschick Gott anvertrauen und uns bei Ihm auch in leiderfüllten Stunden geborgen fühlen. Das schwere Schicksal des Propheten Jeremia, der nach hartem inneren Ringen zur Ruhe in Gott fand, kann uns dabei behilflich sein. 01. September 2002 22. Sonntag im Jahreskreis Der Christ und die Welt 1.Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt; das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst. 2 Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist. Röm 12,1-2 Diese ablehnende Beurteilung der Welt durch Paulus stimmt überein mit anderen Aussagen des Neuen Testaments. Der 1. Johannesbrief fordert die Christen auf: "Liebt die Welt nicht, noch was in der Welt ist" (2,15). Für den Verfasser des Jakobusbriefs bedeutet Freundschaft mit der Welt geradezu Feindschaft mit Gott (4,4), und Jesus warnt uns: "Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt?" (Mt 16,26). Muß darum der Christ das irdische Leben verachten? Sind das Schöne, das die Welt in so mannigfaltiger Fülle anbietet, und die echten Freuden dem Christen grundsätzlich verwahrt? Besteht das Leben auf dieser Erde für ihn nur in Opfer und Verzicht? Sind Mißtrauen gegenüber der Welt, unmißverständlicher Abstand zu ihr und ihre Geringschätzung die einzig richtige christliche Grundhaltung? Neben der negativen Beurteilung der Welt finden wir in der Heiligen Schrift eine zweite Aussagenreihe über sie. Das Alte Testament schildert auf seinen ersten Seiten die Erschaffung der Welt und betont nach jedem einzelnen Schöpfungswerk: "Gott sah, daß es gut war." Nach der Erschaffung des Menschen wird diese Bewertung noch gesteigert: der Mensch ist nicht nur gut, sondern das Abbild Gottes (Genesis 1,27). Er soll die Erde erfüllen und im Auftrag des Schöpfers über sie herrschen. Gott bejaht also die Welt und den Menschen. Aber in diese Welt ist die Sünde eingebrochen, weil der Mensch sich selbstherrlich von Gott abgewandt hat. Der Mensch bejaht zwar die Welt und das Leben in ihr; aber er will nichts mehr von den Grenzen wissen, die Gott ihm gesetzt hat, und beachtet nicht die von Ihm erlassene Ordnung. Er will nicht gehorchen, sondern das Leben nach seinen eigenen Maßstäben gestalten, die sich allerdings immer wieder als kurzsichtig, verfehlt und verhängnisvoll erweisen. Der Mensch will eine Welt ohne Gott er möchte seinen Schöpfer loswerden. Diese Einstellung hat sich im Lauf der Jahrhunderte und Jahrtausende immer stärker herausgebildet, bis sie im Atheismus zu einer systematischen Lebensanschauung geworden ist, die die Existenz Gottes mit Entschiedenheit verneint und deswegen jede Verantwortung gegenüber einem Schöpfer der Welt ablehnt. Der Atheismus erhebt in der Form des Kommunismus sogar den Anspruch, die Menschen und Staaten mit Gewalt nach seinen Vorstellungen zu formen. Gott aber hat die Menschheit trotz ihres Aufbegehrens nicht von sich gestoßen, sondern Er hat ihr durch Seinen Sohn für immer die Möglichkeit der Vergebung und des Heiles geschenkt. Im Tod und in der Auferstehung Jesu wurde die Macht des Satans zwar unwiderruflich gebrochen; aber der Einfluß des Bösen besteht noch weiterhin jede Zeit und jeder Mensch sind deshalb seinen Verführungskünsten ausgesetzt. Auch de Christ läuft dadurch ständig Gefahr, sich von den Einflüssen gottfeindlicher Kräfte anstecken zu lassen und nicht mehr Ihn als die einzige bestimmende Macht seines Denkens und Handelns zu betrachten. Somit stellt der heilige Apostel Paulus mit Recht die Forderung: "Gleicht euch nicht dieser Welt an!" Das Heilsangebot Gottes ist nämlich nicht ein unverbindliches Geschenk, sondern es stellt ganz bestimmte Forderungen. Der Maßstab für das Verhalten des Glaubenden sind darum nicht mehr seine eigenen Neigungen und Wünsche, ebensowenig die Umwelt und ihre gängigen Ansichten, sondern ausschließlich der Auftrag Gottes, den es im Alltag nach besten Kräften zu erfüllen gilt. Es geht im Leben eines Christen eben nicht ohne die entschiedene Bekämpfung der Sünde, die sich trotz der Taufe auch weiterhin bemerkbar macht. Aus diesem Grund richtet Paulus an seine Mitchristen die Aufforderung: "Wandel euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was Ihm gefällt, was gut und vollkommen ist." Die Ausrichtung des ganzen Lebens auf Gott und das ständige Bemühen, Seine Weisungen zu befolgen, ist für Paulus "der wahre und angemessene Gottesdienst". Erst durch diese Bereitschaft wird das Angebot der Erlösung im Getauften volle Wirklichkeit, kann sich der Heilige Geist ungehindert in ihm entfalten und ihn zu einem neuen Geschöpf umgestalten. Das Streben, mit dem Willen Gottes in Einklang zu stehen, ist die tiefste Begründung für die Forderung, daß der Christ zu einer Welt in Abstand gehen soll, die von Gott nichts wissen will und in unüberbrückbarem Gegensatz zu Ihm steht. Wenn wir nach dem Willen Gottes für den jeweiligen Augenblick unseres Lebens fragen, so ist dieser für uns nicht immer klar und eindeutig zu erkennen. Denn die meistens allgemein formulierten Vorschriften des Neuen Testaments erteilen häufig keine unmittelbare Antwort auf die konkreten Fragen, die die Verhältnisse des modernen Lebens für unseren christlichen Lebensstil aufwerfen. Die Welt unserer Tage ist kompliziert geworden viel komplizierter, als es die Welt zur Zeit Jesu oder noch die des Mittelalters war. Der Mensch unserer Tage ist in einen industriellen Arbeitsprozeß eingespannt, der ihm sehr wenig persönliche Entscheidungsfreiheit einräumt und der sein Denken stark beeinflußt, ohne daß ihm das so richtig zum Bewußtsein kommt. Wenn er seinen Lebensunterhalt sichern will, muß er die Bedingungen erfüllen, die ihm von seinem Arbeitgeber gestellt werden. Um gesellschaftlich anerkannt zu werden, muß er sich außerdem weitgehend den gängigen Verhaltensnormen seiner Umgebung anpassen. Der moderne Mensch hat es somit aus vielerlei Gründen sehr viel schwerer als die Angehörigen vergangener Jahrhunderte, den Willen Gottes zu erkennen und ihn im Alltag zu verwirklichen. In unserer Unsicherheit dürfen wir uns an das halten, was der heilige Apostel Paulus in unserer Lesung ausführt: Der Wille Gottes besteht darin, das zu tun, was gut und vollkommen ist. Wenn wir diesen Grundsatz zu verwirklichen versuchen, wenn unser Handeln nicht nur die Erreichung der persönlichen Wünsche und des eigenen Vorteils zum Ziel hat, sondern wenn wir uns auch um die Sorgen und Nöte unserer Mitmenschen kümmern und zum Ausgleich von Gegensätzen beitragen, wenn wir uns um Gerechtigkeit und Frieden unter den Menschen bemühen dann dürfen wir sicher sein, daß wir im Sinne Gottes handeln und Seinen Auftrag erfüllen. Mit einem solchen Bemühen befinden wir uns auf dem Weg, der uns zur Mitte der Botschaft Jesu führt. Er hat ja die unzähligen Forderungen des alttestamentlichen Gesetzes in dem einen Hauptgebot der selbstlosen Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen zusammengefaßt. Dieses Liebesgebot hilft uns am besten, den Willen Gottes zu verstehen; denn in ihm kommt der eigentliche Beweggrund des göttlichen Heilshandelns am reinsten zum Ausdruck Gott hat aus Liebe die Welt erschaffen; Jesus ist aus Liebe zu uns Mensch geworden und für unsere Erlösung in den Tod gegangen. Wer Gott liebt, muß deshalb auch Seine Schöpfung lieben; wer Jesus nachfolgen will, muß wie Er den Menschen in opferbereiter Liebe dienen. Wir verstehen nun, welche Absicht der heilige Apostel Paulus mit seinen Ausführungen verfolgt: Gegenüber einer Welt, in der Wahrheit, Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Frieden herrschen, braucht sich der Christ nicht ablehnend zu verhalten; denn sie verwirklicht den Auftrag Gottes. Am Aufbau einer solchen Welt soll und muß der Christ mit allen Kräften mitwirken. Unser Nein gilt nur einer Welt, die sich Gott und Seiner Schöpfungsordnung mit Entschiedenheit verweigert. 10. November 2002 32. Sonntag im Jahreskreis Das Ende kommt Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen: Mt 25,1-13 Dann wird es mit dem Himmelreich sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen. 2 Fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug. 3 Die törichten nahmen ihre Lampen mit, aber kein Öl, 4 die klugen aber nahmen außer den Lampen noch Öl in Krügen mit. 5 Als nun der Bräutigam lange nicht kam, wurden sie alle müde und schliefen ein. 6 Mitten in der Nacht aber hörte man plötzlich laute Rufe: Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen! 7 Da standen die Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen zurecht. 8 Die törichten aber sagten zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, sonst gehen unsere Lampen aus. 9 Die klugen erwiderten ihnen: Dann reicht es weder für uns noch für euch; geht doch zu den Händlern und kauft, was ihr braucht. 10 Während sie noch unterwegs waren, um das Öl zu kaufen, kam der Bräutigam; die Jungfrauen, die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal, und die Tür wurde zugeschlossen. 11 Später kamen auch die anderen Jungfrauen und riefen: Herr, Herr, mach uns auf! 12 Er aber antwortete ihnen: Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. 13 Seid also wachsam! Denn ihr wißt weder den Tag noch die Stunde. Wir sind nun wieder in eine Jahreszeit eingetreten, in der die Tage kürzer werden, die Blätter von den Bäumen fallen und sich in der Natur noch andere Vorgänge abspielen, die uns an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnern. Außerdem stellen die zahllosen Vernichtungswaffen, das größer werdende Ozonloch und die deutlich zunehmende Zahl der Naturkatastrophen eine Bedrohung für die Menschheit dar. So drängen die gegenwärtigen Verhältnisse auf unserer Erde einen nachdenklichen Menschen unwillkürlich zu der Frage: Wie lange wird die Welt noch bestehen? Das ist ein Problem, das auch die Juden zur Zeit Jesu erregte. Es gab damals zahlreiche Ereignisse, die die Menschen aufschreckten und ihnen Angst einjagten. Deshalb stellten die Jünger eines Tages an ihren Meister die Frage, wann das Ende der Welt eintreten werde und an welchen Zeichen man den bevorstehenden Untergang erkennen könne. Den Jüngern ging es wie vielen Menschen unserer Tage: Sie wollen die Entwicklung voraussehen können, um schon heute die Weichen für morgen und übermorgen zu stellen. Jesus gibt auf die Frage Seiner Jünger die überraschende Antwort: "Jenen Tag und jene Stunde kennt niemand auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater" (Mt 24,36). Gott will nicht, dass wir Menschen das genaue Datum des Weltendes zu erfahren versuchen. Jesus betont auch unmissverständlich, dass weder Kriege noch Erdbeben noch Hungersnöte den Beginn des Endes bedeuten. Der letzte Abschnitt der Weltgeschichte hat mit Seinem Kommen zwar bereits begonnen, der genaue Zeitpunkt des Endes aber ist allein Gott bekannt und entzieht sich somit grundsätzlich jeder menschlichen Berechnung. Der Christ darf sich deshalb nicht mit derartigen Voraussagen befassen; ihm soll vielmehr die Bestätigung Jesu genügen, dass die Welt in ihrer jetzigen Gestalt einmal vergehen wird. Für uns kommt es darauf an, aus diesem Wissen die richtigen Konsequenzen für unser christliches Leben und Sterben zu ziehen. Diese zeigt uns Jesus in mannigfaltigen Bildern und Gleichnissen auf. Am 32.Sonntag im Jahreskreis zum Beispiel vernehmen wir das Gleichnis von den zehn Jungfrauen, die auf das Kommen des Bräutigams warten (Mt 25,1 13). Jesus versichert uns, dass Er eines Tages in der Vollmacht Seines himmlischen Vaters wiederkommen und eine neue Schöpfung errichten wird, die ganz von der Heiligkeit und Vollkommenheit Gottes geprägt ist. Dann wird sich Gott als der eigentliche Herr der Welt und der Geschichte erweisen. Der Mensch mag sich noch so sehr um Fortschritt und materielle Werte bemühen was dabei herauskommt, ist immer wieder Unheil und Zerstörung. Was der Mensch aufbaut, richtet er regelmäßig wieder zugrunde.Trotzdem wird die Welt zu jenem Ziel gelangen, das Gott ihr zugedacht hat; Er allein wird das letzte und entscheidende Wort über Seine Schöpfung sprechen. Der Mensch ist und bleibt ein Wesen, dem hier auf Erden nur die Zeit von wenigen Jahrzehnten ver gönnt ist dann heißt es Abschied nehmen für immer. Da er seine Existenz ausschließlich der Güte und Großzügigkeit Gottes verdankt, besteht sein Auftrag zuerst einmal darin, die Schöpfungsordnung Gottes zu bejahen und Seinen Willen zu erfüllen. Der Mensch soll darum die Herrschaft Gottes über sein Leben bereitwillig anerkennen. Christus wird einmal wiederkommen, um die ganze Menschheit zu richten, um über jeden ein gerechtes Urteil zu fällen. Dann werden auch die verborgenen Gedanken und Handlungen aller Menschen an das Tageslicht kommen; jeder wird für seine Mitmenschen gleichsam durchsichtig, Die unausgeglichenen Neigungen, egoistischen Wünsche und verurteilenden Gedanken in seinem Inneren was sich im Lauf eines langen Lebens an guten und bösen Taten angesammelt hat, das wird für die anderen sichtbar. Wenn Christus zum Gericht erscheint, gibt es kein Verbergen und Täuschen mehr, kein Lügen, Heucheln und Verdrehen. Vor dem unbestechlichen Angesicht des Herrn wird die volle Wahrheit ans Licht kommen. Wenn Christus in der Herrlichkeit des Vaters wiederkommt, wird die gegenwärtige Welt mit allem, was sich in ihr befindet, endgültig vergehen. Aber bereits spätestens bei seinem Tod muss sich jeder Mensch von sämtlichen irdischen Werten trennen, die ihm bisher lieb und teuer waren. Alles, was er auf Erden geliebt, woran sein Herz gehangen hat, worum er sich gemüht, was er aufgebaut und durch Jahrzehnte gestaltet hat, wird ihm von einem Augenblick auf den anderen aus den Händen gerissen. Auf irdische Werte verzichten zu müssen, fällt dem modernen Menschen außerordentlich schwer. Der hohe Lebensstandard und die Überfülle des Angebots haben es mit sich gebracht, dass die Angehörigen der Industriestaaten den Sinn ihres Daseins vor allem in einem möglichst großen Besitz sehen, der ihnen die gewünschte Lebensqualität ermöglicht. Aber eine solche Einstellung widerspricht zutiefst den Forderungen, die Gott an uns stellt. Wer ganz im Irdischen aufgeht, versklavt sich an vergängliche Güter und verliert jede geistige Unabhängigkeit ihnen gegenüber. Ein solcher Mensch muss allerdings damit rechnen, dass Christus ihm einmal erklärt, er habe den Auftrag seines Lebens nicht erfüllt und sei deswegen nicht fähig zur Vollendung im Reich Seines himmlischen Vaters. Das Gleichnis vom reichen Prasser und vom armen Lazarus spricht eine eindringliche und unmissverständliche Warnung aus. Der Mensch sollte angesichts der unausweichlichen Tatsache, dass er bei seinem Tod alles zurücklassen muss, sich nicht den Annehmlichkeiten der Welt ausliefern, sondern die Güter der Erde so gebrauchen, dass er durch den Umgang mit ihnen sein ewiges Heil nicht verliert. Jesus fordert aus diesem Grund Seine Jünger auf: "Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde." Da der Zeitpunkt des Weltendes, aber auch das Ende unseres eigenen Lebens völlig unbestimmt ist, kann der Glaubende daraus nur die eine Konsequenz ziehen, ständig für die Ankunft des Herrn bereit zu sein. Die große Versuchung für die Christen aller Zeiten war und ist die Schläfrigkeit jene Haltung, die sich mit dem Ausbleiben der Wiederkunft Christi abgefunden hat, die Welt so nimmt, wie sie eben ist und sich weitgehend an sie anpasst. Schläfrigkeit bedeutet, zu wenig Entschiedenheit und Mut zu besitzen, um zum Denken und Verhalten der unerlösten Welt klaren Abstand einzunehmen. Schläfrigkeit meint, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen, Wachsamkeit, bewusstes Ausschauhalten nach dem Kommen des Herrn dagegen beinhaltet nichts anderes als die Bereitschaft, Christus nachzufolgen. Jesus forderte Seine Jünger wiederholt auf, täglich ihr Kreuz auf sich zu nehmen. Dadurch erhält das Leben jedes Getauften Anteil am Schicksal seines Meisters. Wie Jesus durch Leiden und Tod gehen musste, um zur Auferstehung und Verklärung zu gelangen, so stellen die Lasten des Daseins in ihren vielfältigen Formen auch für uns den Weg dar, auf dem wir zum neuen, vollendeten Leben mit Christus gelangen sollen. Wenn der Christ diese unangenehmen Situationen bewusst annimmt, erweist er sich als wachend und bereit. Wachsein für das Ende erfordert also, sein Verhalten ganz bewusst am Vorbild Jesu und Seinen Weisungen auszurichten, alle Vorgänge auf der Erde im Licht des Evangeliums zu beleuchten und zu beurteilen. Wachsein bedeutet, durch seinen gesamten Lebensstil ein lebendiges und glaubwürdiges Zeugnis dafür abzulegen, dass die Kräfte der Erlösung seit Ostern auf unserer Erde gegenwärtig sind. Wachsamkeit verlangt außerdem, den Widerspruch derer herauszufordern, die nur ihrem eigenen Vorteil leben und denen die Not der Mitmenschen völlig gleichgültig ist. Niemand von uns weiß, wann er vor Gottes Angesicht treten muss und damit das Ende für ihn gekommen ist. Möge uns Gott aus dieser Welt nicht abberufen, ehe wir uns zu ständiger Wachsamkeit gegenüber Seinem Ruf entschlossen haben! |
2. Sonntag im Jahreskreis
Rede, Herr!
In jenen Tagen waren Worte des Herrn selten; Visionen waren nicht häufig. 2 Eines Tages geschah es: Eli schlief auf seinem Platz; seine Augen waren schwach geworden, und er konnte nicht mehr sehen. 4,15 3 Die Lampe Gottes war noch nicht erloschen, und Samuel schlief im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes stand. 4 Da rief der Herr den Samuel, und Samuel antwortete: Hier bin ich. 5 Dann lief er zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen. Geh wieder schlafen! Da ging er und legte sich wieder schlafen. 6 Der Herr rief noch einmal: Samuel! Samuel stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen, mein Sohn. Geh wieder schlafen! 7 Samuel kannte den Herrn noch nicht, und das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart worden. 8 Da rief der Herr den Samuel wieder, zum drittenmal. Er stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Da merkte Eli, daß der Herr den Knaben gerufen hatte. 9 Eli sagte zu Samuel: Geh, leg dich schlafen! Wenn er dich (wieder) ruft, dann antworte: Rede, Herr; denn dein Diener hört. Samuel ging und legte sich an seinem Platz nieder. 10 Da kam der Herr, trat (zu ihm) heran und rief wie die vorigen Male: Samuel, Samuel! Und Samuel antwortete: Rede, denn dein Diener hört. 19 Samuel wuchs heran, und der Herr war mit ihm und ließ keines von all seinen Worten unerfüllt.
Zu den Zivilisationsschäden unserer Zeit gehört die Abstumpfung des Gehörs. Die Lärmbekämpfung ist deshalb eine wichtige Aufgabe der Gegenwart. Hören ist aber mehr als nur eine körperliche und medizinische Angelegenheit - hören ist eine geistige Haltung, die den ganzen Menschen beansprucht. Hören verlangt zunächst einmal Aufgeschlossenheit und geistige Beweglichkeit. Durch die Sprache versucht der Mensch, anderen seine persönlichen Erfahrungen mit dem Leben mitzuteilen, ihnen bei der Bewältigung des Daseins zu helfen oder Forderungen an sie zu stellen. Hören erfordert außerdem Einfühlungsvermögen; nur so können wir verstehen, was in einem Mitmenschen vor sich geht, was er uns durch seine Worte zu verstehen geben möchte. Nicht zuletzt verlangt rechtes Hören auch Unterscheidungsvermögen. Je schneller die Entwicklung einer Zeit verläuft, je stärker ihre Veränderungen und je größer ihre Probleme sind, desto schwieriger ist auch die Grenzziehung zwischen wahren und verkehrten Standpunkten, zwischen echten und unberufenen Propheten.
Diese Voraussetzungen sind auch unentbehrlich für das richtige Verstehen des Wortes, das von Gott kommt. Gottes Wort nimmt uns in viel höherem Maß in Anspruch als das Wort eines Menschen. Gottes Wort vermittelt uns nicht nur eine unverbindliche Information oder richtet eine Bitte an uns - Gottes Wort stellt uns vielmehr vor eine unausweichliche Entscheidung, es verlangt bereitwilligen Gehorsam. Wenn der Mensch dieses göttliche Wort nicht beachtet, entsteht die Gefahr, dass Gott sich in Schweigen hüllt. Deshalb warnt der Prophet Amos sein Volk Israel eindringlich: "Seht, es kommen Tage - Spruch Gottes, des Herrn -, da schicke Ich den Hunger ins Land, nicht den Hunger nach Brot, nicht Durst nach Wasser, sondern nach einem Wort des Herrn. Dann wanken die Menschen von Meer zu Meer, sie ziehen von Norden nach Osten, um das Wort des Herrn zu suchen; doch sie finden es nicht (8,11f).
Dass Gott mit dieser Drohung wahr machte, dass es für die Israeliten nicht nur Zeiten Seiner Offenbarung, sondern auch Seines undurchdringlichen Schweigens gab, davon berichten zahlreiche Stellen im Alten Testament. So klagt Psalm 74,9: "Zeichen für uns sehen wir nicht; es ist kein Prophet mehr da. Niemand von uns weiß, wie lange noch." Immer wieder führen die Israeliten bewegte Klage, dass Gott auf ihre Gebete und Hilferufe die Antwort verweigert. Der Ruf, den Gott in der Lesung des 2.Sonntags im Jahreskreis an den jungen Samuel richtet (1 Samuel 3,3b-10.19), beendete eine lange Zeit, in der Gott beharrlich geschwiegen hatte. Das unmittelbar von Gott an einen Menschen gerichtete Wort war damals so ungewohnt und überraschend, dass nicht nur der Knabe Samuel nicht merkte, dass Gott zu ihm sprach; auch der hochbetagte Priester Eli erkannte erst nach dem dritten Anruf, dass Gott zu Samuel reden wollte.
Wer diese Begebenheit vernimmt, der wird sich sicher die Frage stellen, wie wir heute das Wort Gottes vernehmen können. Wir glauben, dass die Offenbarung Gottes in der Heiligen Schrift festgehalten ist und dass sie auch für den Christen des 21.Jahrhunderts noch verpflichtende Geltung besitzt. Viele unserer Zeitgenossen geben sich aber mit dieser Antwort nicht zufrieden. Sie möchten dem Wort Gottes nicht nur als theoretischer Belehrung begegnen, sondern als lebendiger Kraft - als "Geist und Leben", wie das Johannes-Evangelium es ausdrückt. Sie möchten erfahren, dass Gottes Wort den Menschen und die Welt grundlegend verändern kann. Tatsächlich erhebt Gott im Buch des Propheten Jesaja den Anspruch, dass Sein Wort machtvoll und unwiderstehlich in die Geschichte eingreift: "So ist es mit dem Wort, das Meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu Mir zurück, sondern bewirkt, was Ich will, und erreicht all das, wozu Ich es ausgesandt habe" (55,11).
Eine Grundvoraussetzung für das Erkennen und Erleben des göttlichen Wortes ist die Bereitschaft zum vorbehaltlosen Hören. Dieses muss allerdings erst gelernt werden. Auch Samuel erkannte den Ruf Gottes nicht sofort, aber er gab auf den Rat des gottesfürchtigen Eli der unbekannten Stimme die Antwort: "Rede; denn Dein Diener hört." Gottes Wort kann einen Menschen nur dann erreichen, wenn sich dieser seine Begrenztheit, seine Unvollkommenheit, sein Versagen ehrlich eingesteht, wenn er durch die Begegnung mit dem Wort Gottes seine Ansichten, sein Planen und Handeln in Frage stellt und bereit ist, sich zu ändern. Selbstsicherheit, das Vertrauen auf die eigene Einsicht und Lebenserfahrung dagegen versperren dem Wirken des göttlichen Wortes den Weg. Wenn ein Mensch durch eine solche Haltung sich den Anregungen dieses Wortes verschließt, wird er vergeblich nach der Stimme Gottes in der Welt suchen.
Mit dem Wort Gottes hat sich an dem von Gott vorgesehenen Zeitpunkt etwas Unerwartetes ereignet: Es ist Fleisch geworden und hat in Jesus Christus menschliche Gestalt angenommen. In Seiner Botschaft und darüber hinaus in Seinem gesamten erlösenden Wirken offenbart sich das tiefste Geheimnis des göttlichen Wortes: Es ist tatsächlich eine unwiderstehliche, die Welt von Grund auf verändernde Kraft -allerdings nicht nach den Maßstäben und Verhaltensweisen der irdischen Welt, die allzu sehr auf äußeren Erfolg ausgerichtet ist und nur zu schnell zur Gewalt greift, um ihre Ziele durchzusetzen. Die Kraft des göttlichen Wortes ist unauffällig, gewaltlos, aber von nachhaltiger Wirkung.
Aus diesem Grund werden wir das Geheimnis des göttlichen Wortes nur dann erfassen, wenn wir es leben. Seine Eigenschaft als Licht auf unserem Lebensweg kann es nur dann entfalten, wenn wir versuchen, unseren Glauben in die Tat umzusetzen. Das Wort Gottes hat beim Menschen immer eine doppelte Wirkung: die Begegnung mit ihm bedeutet den Auftrag, seine Weisungen im Alltag zu verwirklichen. Danach stellt sich dem Christen die Aufgabe, sein Handeln an den Worten und am Vorbild Jesu zu überprüfen. Der regelmäßige Blick auf Jesus, das fleischgewordene Wort Gottes, zeigt uns, was wir hätten besser machen können.
Gottes Wort ist also nicht nur eine Kraft, die uns für ein religiöses und frommes Leben erleuchten und stärken will. Es erteilt uns außerdem einen Auftrag, der sich auf sämtliche Bereiche des irdischen Daseins bezieht. Jesus ist auf unsere Erde gekommen, um sie zu erlösen und zu heiligen - das bedeutet nichts anderes als die Menschen zu lehren, so mit der Welt umzugehen, wie es dem Schöpfungsplan des himmlischen Vaters entspricht. Davon ist selbstverständlich nichts und niemand ausgenommen.
Um diesen Auftrag richtig verstehen zu können, mag uns ein Blick auf die vielfältige Tätigkeit behilflich sein, zu der Gott den Propheten Samuel berufen hat. In einer Zeit des religiösen und sittlichen Niedergangs, in der jeder Israelit tat, was ihm gefiel, wurde Samuel die überragende Gestalt, der die Israeliten vor der drohenden Auflösung ihres Stämmebundes bewahrte. Als Prophet rief er sein Volk unermüdlich zur Treue gegenüber Gott und zur Befolgung Seiner Gebote auf; als oberster Richter wachte er unbestechlich darüber, dass Recht und Gerechtigkeit geübt wurden; er führte die mutlosen Israeliten unerschrocken in den Kampf gegen die Philister; außerdem salbte er trotz eigener Bedenken im Auftrag Gottes Saul und David zu Königen und leitete dadurch eine grundsätzlich neue Entwicklung im staatlichen Leben Israels ein. Die Ergebenheit, mit der sich Samuel dabei von Gottes Wort leiten ließ, will auch für uns ein Vorbild sein. Fallen wir nicht in den Fehler, unsere persönlichen Wünsche und Ziele mit dem Willen Gottes zu verwechseln, sondern geben wir auf den Ruf Gottes dieselbe bereitwillige Antwort wie der junge Samuel: "Rede, Herr; denn Dein Diener hört!"
9. März 2003
1. Fastensonntag
Ein neuer Anfang
12 Danach trieb der Geist Jesus in die Wüste. 13 Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm. Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes 15 und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!
Nach der Taufe im Jordan war Jesus vom Heiligen Geist, der sichtbar auf Ihn herabschwebte, und von der Stimme aus dem Himmel öffentlich vor den Menschen als der verheißene Messias und darüber hinaus als Gottes Sohn bestätigt worden. Anschließend führte der Heilige Geist Jesus in die Wüste. Dort wurde Er vom Teufel versucht.
Dieser Bericht über die Versuchung Jesu wird uns im ersten Augenblick recht merkwürdig vorkommen; denn ein durch den Satan angefochtener Jesus passt nur sehr schwer in unsere gängigen Vorstellungen vom Sohn Gottes. Aber hier zeigt sich, was die Menschwerdung in ihren letzten Auswirkungen bedeutet; außerdem wird dadurch eine entscheidende Eigenschaft der messianischen Sendung Jesu deutlich. Jesus blieb zwar auch nach Seiner Geburt der wesensgleiche Sohn Gottes; aber Er verzichtete auf Seine göttliche Herrlichkeit und teilte das Schicksal der einfachen Menschen mit allen Unannehmlichkeiten, Lasten und Härten. Nur so konnte Er die Not der leidenden Menschen überwinden und sie in endgültiges Heil verwandeln. Aus diesem Grund trat Jesus nicht als Machthaber auf, der überlegen lächelte und sich hoheitsvoll als angeblicher Wohltäter zum sogenannten "einfachen Volk "herabließ, sondern Er reihte sich unter die Unscheinbaren, Benachteiligten, Unterdrückten und Verfolgten ein, um ihre Lebensbedingungen zu teilen. Zu diesem vollen Menschsein gehörte auch, dass Jesus dem Einfluss des Bösen ausgeliefert war.
Unter diesem Gesichtspunkt müssen auch die Versuchungen Jesu während Seines vierzigtägigen Aufenthalts in der Wüste verstanden werden. Markus berichtet im Evangelium des ersten Fastensonntags (1,12-15) nicht, wodurch der Teufel Jesus versuchte. Nähere Einzelheiten erfahren wir aus der Darstellung des Matthäus- und des Lukas-Evangeliums. Der Satan hatte bereits die Gefahr erkannt, die Jesus für ihn bedeutete, und ging deswegen zum Gegenangriff über. Er packte das Problem an der Wurzel an und versuchte, das Verhältnis Jesu zu Seinem himmlischen Vater, das von Vertrauen und Gehorsam gekennzeichnet war, noch vor dem Beginn Seines öffentlichen Wirkens zu erschüttern. Außerdem versuchte er, das Erlösungswerk Jesu dadurch zu vereiteln, dass er Ihn zur Untreue gegen Seinen messianischen Auftrag verleitete. Er drängte Jesus, irdische Machtmittel zu benützen und die Haltung des Kleinseins, des Dienens, der Verbundenheit mit den Benachteiligten und Ohnmächtigen aufzugeben.
Der Satan hielt damit Jesus ein Messias-Ideal vor Augen, das für Ihn viel verlockender, angenehmer und erfolgreicher gewesen wäre als die Ihm vom Vater bestimmte Aufgabe eines leidenden Gottesknechts. Die Entfaltung von Macht und Pracht macht auf sehr viele Menschen einen berauschenden Eindruck. Gerade einen solchen Messias erwarteten die Juden von damals. Wäre Jesus auf die Einflüsterungen des Teufels eingegangen, so wären Ihm sicher die Menschen in Scharen zugeströmt und hätten Ihn zu ihrem König erwählt. Das alles klingt sehr einleuchtend, vernünftig, folgerichtig -wenigstens für "normales" menschliches Denken.
Aber Jesus durchschaute das Ränkespiel des Satans und wies sein Angebot entschieden zurück. Hätte Er sich vom Satan überlisten lassen, hätte Er der Anfechtung nachgegeben und wäre aus der Schar der Wehrlosen und Notleidenden auf die Seite der Herrschenden und Reichen übergewechselt, auf die Seite derer, die das Leben in vollen Zügen genießen können - was hätte Ihn dann noch berechtigt, sich als Heilsbringer und Erlöser der Menschheit auszugeben? Wenn Jesus den Einflüsterungen des Teufels Gehör geschenkt hätte, dann hätte Er die Möglichkeit verspielt, die Not der Menschen an ihrer Wurzel zu heilen, die gefallene Menschheit in die Gemeinschaft mit Gott zurückzuführen und sie für die Kraft der Liebe zu öffnen. Diesem Auftrag wollte Jesus unter allen Umständen treu bleiben. Deshalb ging Er den Weg der freiwilligen Erniedrigung folgerichtig weiter - bis hin zu jenem Augenblick, in dem Sein Leben am Kreuz unter Qualen endete. So blieb Jesus auch weiterhin frei von jedem Ungehorsam gegenüber dem himmlischen Vater, völlig unbelastet von Unvollkommenheit und Sünde. Das berechtigte Ihn, nach Seinem Aufenthalt in der Wüste mit Seinem messianischen Wirken zu beginnen und zu verkünden: "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!" Damit war für alle Menschen eine neue Heilszeit angebrochen.
Was der Teufel Jesus zuflüsterte, waren verlockende Versuchungen, die seit jeher den Menschen zur Gefahr und oft genug auch zum Verhängnis wurden: Der Mensch begnügt sich nicht mit dem berechtigten Wunsch nach Brot, sondern er verlangt darüber hinaus nach uneingeschränktem Besitz der irdischen Güter, nach zügelloser Macht und nach übermenschlichen Fähigkeiten. Dass die Menschheit in bedenklichem und sogar erschreckendem Ausmaß diesen Versuchungen erlegen ist, beweist schon ein kurzer Blick in unsere gegenwärtige Welt.
Auch der Christ unserer Tage läuft Gefahr, von der Haltung der Gleichgültigkeit oder gar der Auflehnung gegen Gottes Auftrag angesteckt zu werden. Er wird durch die bei uns herrschenden Lebensverhältnisse immer wieder in Versuchung geführt, aus der Bereitschaft zum Dienen auszubrechen und sich nach eigenem Gutdünken und ohne nach dem Willen Gottes zu fragen, im Übermaß eine gesicherte Existenz zu schaffen. Er versucht, sich an die Sonnenseite des Daseins emporzuarbeiten und aus einer Stellung des Wohlstands und des Einflusses seinen Mitmenschen gegenüberzutreten. Dadurch verfängt er sich in oberflächlichen Wünschen und läuft Gefahr, den eigentlichen Sinn seines Lebens zu verkennen.
Diese Anfechtungen durch die Macht des Bösen treten an uns Christen in immer neuen Formen heran. Deshalb ist es unerlässlich, dass vor unserem Wollen, Planen, Entscheiden und Handeln zuerst der Blick auf Jesus steht. Nur wenn wir über die Worte Jesu regelmäßig nachdenken und unser Verhalten an Seinem Vorbild ausrichten, können wir unseren persönlichen Auftrag, den Gott uns zugedacht hat, klar erkennen und in die Tat umsetzen. Das Verhalten Jesu gegenüber den Einflüsterungen des Teufels ist darum eine ernste Aufforderung an uns, wieder einmal gewissenhaft zu überprüfen, ob wir uns noch uneingeschränkt auf dem Weg des Heils befinden, den uns Jesus gelehrt hat und vorangegangen ist - ein Weg, der jedem rein irdischen Denken stets unbegreiflich bleiben wird, an dessen Ende aber ein Sieg stand, der die Welt zutiefst verwandelte und Jesus in das ewige Reich des himmlischen Vaters heimführte, in dem die Macht des Satans endgültig überwunden ist. Da wir - im Gegensatz zu Jesus - nicht ungefährdet in der gnadenvollen Gemeinschaft mit Gott stehen, müssen wir regelmäßig durch bewusste Besinnung und Umkehr einen neuen Anfang in unserem Verhältnis zu Gott setzen. Bemühen wir uns deshalb um entschiedenen Widerstand gegen alle Einflüsse, die mit der Botschaft Jesu nicht in Einklang stehen - nicht nur in der jetzt wieder angebrochenen vorösterlichen Bußzeit, sondern an jedem Tag des Jahres!
27. April 2003
2. Ostersonntag
Glauben ohne Beweise
19 Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. 21 Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! 23 Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. 24 Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. 26 Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt, und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! 27 Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. 30 Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. 31 Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.
Das Evangelium vom ungläubigen Thomas, das wir am zweiten Sonntag der Osterzeit vernehmen, zeigt uns mit aller Deutlichkeit, wie schwer es den Aposteln und den anderen Jüngern fiel, die Ereignisse in den Tagen unmittelbar vor und nach Ostern so zu deuten, dass sie mit dem vorausgegangenen Lebenswerk Jesu in Einklang zu bringen waren. Was sich am Karfreitag mit Jesus ereignet hatte, war ein erschütternder Einbruch in das Leben Seiner Jünger gewesen. Einige Tage vorher hatten die Bewohner Jerusalems ihren Meister begeistert empfangen. Dann aber erfolgte völlig überraschend Seine Verhaftung, Seine Verurteilung und Sein qualvoller Tod am Kreuz. Damit brach für Seine Anhänger eine Welt voller Hoffnungen zusammen. Sie hatten geglaubt, Jesus sei der von Gott gesandte Messias. Von diesem erwarteten die Juden, er werde die Römer aus Palästina vertreiben und ihnen wieder zu ihrer ehemaligen politischen Größe verhelfen. Außerdem erwarteten die Juden vom Messias, er werde alle Menschen zwingen, die Gebote Gottes zu befolgen.
Auch die Jünger Jesu waren von diesen Vorstellungen geprägt. Deshalb hatten sie sich ganz in Seinen Dienst gestellt, sie hatten ihre Familie verlassen, ihre gesicherte Existenz aufgegeben und ihre Zukunft dem Rabbi aus Nazareth anvertraut. Mit Seinem unerwarteten Tod schien Sein ganzes Erlösungswerk vernichtet zu sein; sie waren wie gelähmt und wussten nicht, wie es weitergehen sollte. Aus Furcht vor Verfolgung durch die jüdische und römische Obrigkeit verbargen sie sich hinter verschlossenen Türen. Zwar brachten einige Frauen am Ostermorgen die Nachricht, das Grab sei leer und der Leichnam Jesu sei verschwunden; Engel hätten ihnen versichert, ihr Meister würde leben. Aber diese Botschaft verwirrte sie noch mehr. Auch als Jesus selbst ihnen mehrere Male erschien, wussten sie zunächst keine Antwort auf die zahlreichen Fragen, die sich aus diesen seltsamen Ereignissen ergaben.
Als die Jünger dem Apostel Thomas eine Erscheinung Jesu berichteten, die in seiner Abwesenheit stattgefunden hatte, weigerte er sich, ihren Worten zu glauben. Er verlangte handgreifliche Beweise: "Wenn ich nicht die Male der Nägel an Seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in Seine Seite lege, glaube ich nicht." Der zweifelnde Thomas wird sicher die Sympathie eines modernen Menschen genießen; legt er doch eine Haltung an den Tag, die auch kennzeichnend ist für die meisten unserer Zeitgenossen: Er ist kritisch, er lässt nur das gelten, was er mit den Sinnen wahrnehmen, was er überprüfen und beweisen kann. Er weigert sich deswegen, lediglich auf das Hörensagen hin zu glauben, dass Jesus, der erst vor wenigen Tagen am Kreuz gestorben war, von den Toten auferstanden sei und lebe.
Die Zweifel des Thomas sind allerdings ganz anderer Art als die eines modernen Menschen. Dieser zweifelt daran, ob Gott tatsächlich existiert, ob es ein Jenseits gibt, ob ein Weiterleben nach dem Tod möglich ist; denn all das kann er mit den Mitteln der Wissenschaft und Technik nicht nachweisen. Für Thomas dagegen sind die Existenz Gottes und die Auferstehung nach dem Tod eine selbstverständliche und unantastbare Tatsache. Er verlangt allerdings, dass der Glaube an Jesus ihm Einsicht gewährt und seine Fragen beantwortet. Mit einem Jesus, der nach dem Begräbnis spurlos verschwunden ist und Seine Jünger sich selbst überäßt, kann Thomas nichts anfangen. Ein Auferstandener, der zu einem himmlischen Wesen geworden, an dem die Kreuzigung spurlos vorübergegangen ist, ist für ihn bedeutungslos. Thomas kann nur an eine solche Auferstehung glauben, die ihm das ganze Leben und damit auch den Kreuzestod seines Meisters begreiflich macht. Nur so erhält sein eigenes Leben in der Nachfolge Jesu einen Sinn. Daher stellt er die Forderung, dass der angeblich auferstandene Jesus der gleiche ist wie der gekreuzigte. Zum Beweis dafür möchte er Seine Wundmale betasten.
Jesus geht auf die Forderung Seines zweifelnden Apostels ein. Acht Tage später erscheint Er wieder durch verschlossene Türen, zeigt Seine Wundmale und fordert Thomas auf, sie zu betasten. Was auf Golgatha mit Jesus geschehen ist, ist also nicht ausgelöscht, es ist nicht im Dunkel der Geschichte verschwunden, sondern Jesus ist mit Seinem gemarterten Körper in die Herrlichkeit des Vaters eingegangen. Gott hat die Spuren des Kreuzestodes Seines Sohnes nicht getilgt.
Somit sind die Leidensmale, die Jesus auch nach Seiner Auferstehung an Seinem verklärten Leib trägt, das unauslöschliche Zeugnis für den unwiderruflichen Heilswillen und die entscheidende Heilstat Gottes. Sie sind aber auch der bleibende Beweis für die Treue und den Gehorsam Jesu gegenüber dem Auftrag des himmlischen Vaters. Die am Auferstehungsleib Jesu auch weiterhin vorhandenen Wundmale sind ebenso eine ständige Anklage gegen den Unglauben, die Ungerechtigkeit und Grausamkeit der Menschen, die den Sohn Gottes zum Tod verurteilt und Ihn ans Kreuz geschlagen haben. Dass Jesus mit diesem gegeißelten und gequälten Leib in die Vollendung des Himmels eingegangen ist, bedeutet den endgültigen Sieg Gottes über das gehässige Handeln von Menschen, den krönenden Abschluss Seines Heilsplans.
Christus bleibt also auch nach Seiner Heimkehr zum Vater der Gekreuzigte. Das lässt uns erkennen, dass das Kreuz nicht nur einen schmerzlichen Zwischenfall, ein letztes Hindernis vor dem Sieg Jesu über den Tod bildet. Das Kreuz ist vielmehr die Voraussetzung für die Auferstehung - das Zeichen, in dem Jesus Seinen Triumph über die Macht des Bösen errungen hat. Nur der, dem die untrennbare Einheit von Kreuz und Auferstehung klar wird, hat das Erlösungswerk Jesu voll verstanden. Das ist es, worüber Thomas Gewissheit verlangte. Durch die Zusammenschau von Kreuz und Auferstehung erhielt sein Leben einen neuen Sinn. Da er jetzt wusste, welche Bedeutung der gewaltsame Tod im Leben seines Meisters hatte, war er bereit, in Seiner Nachfolge ebenfalls zu leiden und für seinen Glauben sogar zu sterben.
Der auferstandene Herr ging auf die Forderung des Thomas ein; trotzdem spricht Er am Schluss der Erscheinung einen unmiesverständlichen Tadel aus: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!" Mit dieser Mahnung verlangt Jesus aber keinen blinden Glauben. Er hatte während Seines irdischen Daseins den Jüngern die verborgenen Zusammen hänge im Reich Gottes erklärt, Er hatte ihnen wiederholt angekündigt, dass Er in Jerusalem eines gewaltsamen Todes sterben werde, Er hatte ihnen aber auch versichert, dass Er von den Toten auferstehen werde.
Wenn sich Thomas und mit ihm die anderen Jünger auf diese Worte ihres Meisters besonnen hätten, dann wäre ihnen das, was sich zwischen Karfreitag und Ostermorgen ereignete, kein undurchdringliches Rätsel geblieben. Statt dessen waren sie nach dem unerwarteten Tod Jesu wie betäubt. Sie waren einfach unfähig, durch den Rückblick auf Seine Worte zu der Erkenntnis zu gelangen, dass ihr Meister nicht tot, sondern für immer in die Herrlichkeit Seines himmlischen Vaters zurückgekehrt war. Deshalb klammerten sie sich an Lebenszeichen von Ihm, die sie sichtbar wahrnehmen und mit ihren Händen greifen konnten - obwohl es sich dabei auch um Trugbilder handeln konnte, die sie täuschten. Vor diesen gefährlichen Versuchen, sich über das Schicksal ihres Meisters Gewissheit zu verschaffen, warnt Jesus Thomas und damit auch die anderen Jünger eindringlich.
Das Evangelium des Weißen Sonntags mahnt ebenso uns Christen des 21.Jahrhunderts, unseren Glauben auf dem von Gott gewollten Fundament aufzubauen. Verpflichtend und wegweisend für unseren Glauben und unseren Lebensstil sind nicht Zeichen und Wunder, wie Thomas sie forderte, nicht Erscheinungen und Botschaften aus der jenseitigen Welt. Verbindlich für uns ist allein jene Quelle, die bis zum Ursprung der Kirche zurückreicht. Im Neuen Testament begegnet uns Jesus in Seinem Wort und in dem unerreichbaren Vorbild, wie Er sich den Menschen gegenüber verhalten hat. Wenn wir uns regelmäßig auf die Aussagen des Neuen Testaments besinnen und sie auf uns wirken lassen, dann erkennen wir nicht nur, dass Gott Seinen Sohn auf unsere Erde sandte, um uns zur vollen Wahrheit zu führen, sondern wir erkennen auch, dass Jesus Sein Leben zu unserer Erlösung hingegeben hat und dass Er uns durch die Auferstehung als der "Erstgeborene der neuen Schöpfung" in die Welt des himmlischen Vaters vorangegangen ist und dort auf uns wartet. Diese Gewissheit schenkt uns inmitten all der schweren Probleme, denen die heutige Menschheit ausgeliefert ist, das Gefühl der Geborgenheit, der inneren Ruhe und Sicherheit. Vertrauen wir deshalb der Botschaft von der Auferstehung Jesu, auch wenn wir uns bei ihr nicht auf greifbare Beweise stützen können!
15. Juni 2003
Dreifaltigkeits-Sonntag
Das tiefste Geheimnis
Im Glauben an einen Gott in drei Personen haben die Gottesvorstellungen der Menschheit ihre höchste Vollendung erreicht. Aber bis es zu diesem Glauben kam, mussten die Menschen eine geistige Entwicklung von vielen Jahrtausenden zurücklegen. In allen Kulturen treffen wir auf die Überzeugung von einem höchsten Herrn oder von zahlreichen Göttern. Die Menschen waren sich von Anfang ihrer Existenz an bewusst, dass nicht sie die Herren der Welt sind, sondern dass über ihnen ein höchstes Wesen steht, das unsichtbar in die Entwicklung auf Erden eingreift und die Geschicke der Menschen lenkt. Die Vorstellungen der Völker von ihren Göttern waren sehr verschieden. Aber stets versuchten sie, ihre Götter zu verehren und sie durch Opfer gnädig zu stimmen; in Not und Gefahren nahmen sie zu ihnen ihre Zuflucht.
In ihren religiösen Vorstellungen unterschieden sich die Israeliten grundlegend von allen Völkern ihrer Umwelt. Sie kannten nur einen einzigen Gott, der das Weltall ins Dasein gerufen und den Menschen das Leben eingehaucht hat. Er überragt erhaben Seine Schöpfung und ist so heilig, dass es bei Strafe verboten war, ein Bild von Ihm anzufertigen. In späteren Zeiten durften die Israeliten nicht einmal Seinen Namen aussprechen, sondern mussten ihn durch andere Bezeichnungen umschreiben. Niemand kann sich Seiner Allgegenwart entziehen oder ungestraft Seine Gebote übertreten. Wie alle gläubigen Menschen haben auch die Israeliten versucht, ihre Erfahrungen mit Gott in ein System einzuordnen. Doch zerbrachen sämtliche Versuche, Gott mit Hilfe des menschlichen Verstandes genauer zu erfassen, am undurchdringlichen Geheimnis Seines Wesens. Immer wieder brachte das Verhalten Gottes Überraschungen, die alle Erwartungen und Berechnungen der Israeliten zunichte machten.
Erst durch Jesus kam helles Licht in das unergründliche Rätsel Gottes. Er bezeichnete Gott als den Vater, der alle Menschen liebt, der sie in ihrer Unvollkommenheit versteht, sie trotz ihres Versagens annimmt und sie zur Vollendung in Seinem himmlischen Reich berufen hat. Jesus lehrt uns auch, die Welt mit allen Einzelheiten auf Gott zu beziehen. Dadurch können wir unser irdisches Dasein mit ganz neuen Augen sehen und erleben. Jesus steht zu Gott ganz offensichtlich in einem einzigartigen Verhältnis. Er erhob den ungeheuren Anspruch, aus eigenem Wissen den Menschen Kunde über Gott und Seinen Willen zu bringen. Er korrigierte eigenmächtig die Aussagen des Alten Testaments in mehreren wesentlichen Bereichen. Er behauptete sogar, den Menschen ihre Sünden vergeben zu können - eine Vollmacht, die ausschließlich Gott zusteht. Wer Jesus ist, beginnen wir langsam zu erahnen, wenn Er uns sagt: "Wer Mich gesehen hat, hat den Vater gesehen" (Joh 14,9), oder noch deutlicher und unmiesverständlicher: "Ich und der Vater sind eins" (Joh 10,30).
Mit diesen Aussagen hat Jesus eine einschneidende Berichtigung an der jüdischen Gottesvorstellung vollzogen. Er konnte nur deshalb so ungewöhnlich reden und handeln, weil Er selbst Gott ist. Er ist Gottes wesensgleicher Sohn, der aus der Ewigkeit auf unsere Erde gekommen und Mensch geworden ist. Das aber bedeutet, dass der eine Gott nicht als eine einzige Person, sondern als eine Mehrzahl existiert - nämlich als Vater, der die Welt erschaffen hat und sie ständig im Dasein erhält, und als Sohn, der menschliche Gestalt angenommen hat, um uns durch Seinen Tod am Kreuz zu erlösen. In Jesus von Nazareth steht also der unsichtbare Gott selbst vor uns; Er ist das unverfälschte Spiegelbild des himmlischen Vaters.
Jesus spricht in den Abschiedsreden des Johannes-Evangeliums davon, dass Er nun bald die Welt verlassen, dass Er Seine Jünger aber nicht sich selbst überlassen werde: "Ich werde den Vater bitten, und Er wird euch einen anderen Beistand geben, damit Er immer bei euch bleibt ... Der Beistand aber, der Heilige Geist, wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was Ich euch gesagt habe" (Joh 14,16.26). Dieser Heilige Geist überbrückt den Abstand, der zwischen dem irdischen Jesus und uns besteht, und führt uns in die unmittelbare Gemeinschaft mit dem Auferstandenen; Er führt das Erlösungswerk Jesu bis zum Ende der Welt fort.
Der Heilige Geist ist nicht nur eine Kraft, die von Gott und von Christus ausgeht, sondern Er ist ebenfalls Gott. Die Theologen erklären Ihn als die Liebe, die zwischen Vater und Sohn herrscht und die so stark ist, dass dadurch im einen göttlichen Wesen eine dritte Person entsteht. Dieser göttliche Geist befreit uns von der Erbschuld, von unseren persönlichen Sünden und führt uns zum unvergänglichen Leben nach unserem irdischen Tod. Durch den Heiligen Geist erfährt jeder Getaufte, dass der auferstandene Herr auch weiterhin in der Welt gegenwärtig ist; durch Ihn macht Christus uns zu einer neuen Schöpfung.
Der verborgene und unbegreifliche Gott hat sich durch Jesus uns Menschen geoffenbart als der eine Gott in drei Personen. Allerdings hat Er uns dieses Geheimnis nicht deshalb enthüllt, damit wir mehr über Ihn wissen, sondern damit wir an Seinem göttlichen Leben und damit an der Liebe teilhaben, die innerhalb der heiligsten Dreifaltigkeit herrscht. In diesem dreifaltigen Gott hat das Weltall seinen Ursprung; Er wird es auch zur letzten Vollendung führen. Dem dreifaltigen Gott verdankt jeder Mensch sein Leben - der Jünger Jesu aber steht in einem ganz besonderen Verhältnis zu Ihm: Seit der Taufe wohnt die heiligste Dreifaltigkeit in seiner Seele.
Somit hat der angeblich unnahbare Gott sich uns auf eine Weise geoffenbart, wie sie menschlicher nicht sein kann: Er wurde einer von uns. Wir besitzen nun die Gewissheit, dass Gott nicht selbstherrlich über Seiner Schöpfung thront und von uns nur Anbetung und Opfer verlangt. Gott neigt sich vielmehr in Erbarmen und Güte zu uns Menschen herab. Wie weit Seine Liebe geht, beweist Er uns dadurch, dass Er zu unserem Heil den eigenen Sohn einem qualvollen Tod auslieferte. In der Auferstehung Jesu von den Toten versichert uns Gott unwiderruflich, dass Er die Welt und den Menschen nicht dem Untergang preisgeben, sondern dass Er sie in eine neue Schöpfung umwandeln wird, in der alles Böse und Unvollkommene beseitigt ist. Wir leben also nicht mehr in der Finsternis, ausgeliefert den Gefahren der heutigen Zeit und einer ungewissen Zukunft, sondern wir sind geborgen in der überströmenden Liebe des dreifaltigen Gottes. Wer an Ihn glaubt und aus diesem Glauben sein Leben gestaltet, für den gibt es keine Sinnlosigkeit mehr und kein Schreiten in eine bedrohliche Zukunft. Im Glauben an Gottes Allmacht, Barmherzigkeit und Güte findet er Ruhe und Erfüllung.
Daran sollten wir uns jedesmal erinnern, wenn wir ein Kreuzzeichen machen und dabei den Namen der heiligsten Dreifaltigkeit aussprechen. Mit diesem Symbol für einen grausamen Tod bringen wir unsere Überzeugung zum Ausdruck, dass wir Hass, Gewalt, Hunger und Leid, die in so erschreckendem Ausmaß auf unserer Erde wüten, nicht als einen endgültigen Zustand betrachten, sondern dass Einer aus der heiligsten Dreifaltigkeit einen neuen Anfang gesetzt hat, der uns einer vollkommenen Welt entgegenführt, ja dass uns der dreifaltige Gott bereits hier auf Erden Anteil an Seinem göttlichen Leben schenkt. Legen wir deshalb unser Schicksal voll Vertrauen in das Erbarmen und die Güte unseres Gottes!
03. August 2003
18. Sonntag im Jahreskreis
Zeichen Seiner Liebe
24 Als die Leute sahen, daß weder Jesus noch seine Jünger dort waren, stiegen sie in die Boote, fuhren nach Kafarnaum und suchten Jesus. 25 Als sie ihn am anderen Ufer des Sees fanden, fragten sie ihn: Rabbi, wann bist du hierher gekommen? 26 Jesus antwortete ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. 27 Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird. Denn ihn hat Gott, der Vater, mit seinem Siegel beglaubigt. 28 Da fragten sie ihn: Was müssen wir tun, um die Werke Gottes zu vollbringen? 29 Jesus antwortete ihnen: Das ist das Werk Gottes, daß ihr an den glaubt, den er gesandt hat. 30 Sie entgegneten ihm: Welches Zeichen tust du, damit wir es sehen und dir glauben? Was tust du? 31 Unsere Väter haben das Manna in der Wüste gegessen, wie es in der Schrift heißt: Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen. 32 Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. 33 Denn das Brot, das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben. 34 Da baten sie ihn: Herr, gib uns immer dieses Brot! 35 Jesus antwortete ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben. (Joh 6,24 - 35)
Das Evangelium des 18.Sonntags im Jahreskreis schildert die Ereignisse unmittelbar nach der wunderbaren Brotvermehrung. Als die Menschen aus lauter Begeisterung Jesus mit Gewalt zum König machen wollten, entzog Er sich ihnen. Doch sie gaben nicht auf und suchten Ihn so lange, bis sie Ihn am anderen Ufer des Sees von Tiberias fanden. Bei dem Gespräch, das sich zwischen Jesus und ihnen entwickelte, stellte sich allerdings bald heraus, dass sie die eigentliche Bedeutung des Speisewunders nicht erfasst hatten, sondern in Jesus einen Menschen sahen, der sie auf geheimnisvolle Weise gesättigt hatte und von dem sie nun die Befreiung von ihren anderen irdischen Sorgen erwarteten. Jesus aber mahnte sie, sie sollten sich nicht um eine vergängliche Speise sorgen, sondern um die Speise bemüht sein, "die für das ewige Leben bleibt".
Gott hatte in Seiner sorgenden Liebe den Israeliten auf ihrem Zug durch die Wüste in Notsituationen wiederholt Speise geschenkt. Diese diente dazu, den leiblichen Hunger zu stillen; jetzt aber bietet Gott den Juden durch Jesus das wahre Himmelsbrot an: "Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird." Dieses Brot ist Jesus, der menschgewordene Sohn Gottes; Ihn sendet der Vater, um die Menschen hier auf Erden in Seine gnadenvolle Gemeinschaft aufzunehmen und sie zum ewigen Leben zu führen: Das Brot, das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben." In Jesus gibt Gott sich uns zu erkennen und offenbart uns Sein Innerstes. Jesus ist der höchste Beweis der Liebe Gottes und Seiner Heilspläne.
Jesus ist ständig gegenwärtig unter uns durch das Wort des Evangeliums und durch die sakramentale Speise Seines Fleisches und Blutes: Durch sie kehrt Er bei uns ein und verbindet uns mit Ihm; durch sie führt Er uns in die Gemeinschaft mit Gott. Aller Hunger und Durst der Menschen, alle Sehnsüchte, die über die Absicherung der irdischen Existenz hinausgehen, finden in Jesus Sättigung und Erfüllung.
Welche Folgen hat das für uns? Auf die Frage der Menschen, welche Werke Gottes sie vollbringen müssen, um in den Besitz dieser bleibenden Speise zu gelangen, antwortet Jesus: 'Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den Er gesandt hat." Jesus nennt also als einziges Werk den Glauben an Ihn. Wenn ein Mensch zum Heil gelangen möchte, genügt demnach nicht der allgemeine Glaube an einen Gott, der unsichtbar und unzugänglich ist - entscheidend ist vielmehr der Glaube an Jesus. Gott ist also nicht der Unbegreifliche und Unnahbare, sondern Er hat in Seinem Sohn Jesus Christus, der aus dem Geheimnis der göttlichen Welt auf unsere Erde gekommen ist, menschliche Gestalt angenommen. Jesus als unverfälschtes Abbild Gottes bejahen und auf Ihn hören, ist deshalb die unausweichliche Voraussetzung und der grundlegende Schritt auf unserem Weg zu Gott. Wenn wir - um irgendwelche Glaubensschwierigkeiten mit dem geschichtlichen Jesus zu umgehen und unseren Glauben an Gott zu retten - den Glauben an den Gottessohn verkürzen, ihn als nebensächlich oder gar überflüssig betrachten würden, begingen wir einen verhängnisvollen Fehler. Der Glaube an Jesus als menschgewordenen Sohn Gottes und einzigen Erlöser der gesamten Menschheit ist vielmehr die unerläßliche Vorbedingung für den richtigen Glauben an Gott. Jesu Leben, Sein Tod und Seine Auferstehung sind die Grundpfeiler des christlichen Glaubens.
Weil die Juden Jesus nicht als den wesensgleichen Sohn des himmlischen Vaters erkannten und nach der Brotvermehrung noch ein weiteres Zeichen forderten, durch das Er Seine Sendung und Seine Vollmacht beweisen sollte, wurde ihnen keines mehr gegeben. Die Menschen erwarteten ein Zeichen, das ihnen ein angenehmes und sorgenfreies Leben gewährte. Jesus dagegen verlangt, dass wir über die Sicherung unseres irdischen Lebens hinausschauen auf Gott und das ewige Leben, zu dem Er uns berufen hat. Die Wunder, die Jesus vollbrachte, wollen uns nicht überwältigen und uns dadurch gleichsam zum Glauben zwingen, sondern sie wollen in vorsichtig enthüllender Weise die einzigartige Würde Jesu zu erkennen geben. Sie haben deshalb nicht unbedingt den Glauben zur Folge, sie setzen vielmehr die Bereitschaft zum Glauben voraus. Sie erschließen sich nur dem, der sich Jesus voll Vertrauen öffnet. Da dies nicht der Fall war, konnte es geschehen, dass die meisten Juden trotz des Speisewunders nicht zum Glauben an Ihn fanden.
In unserer diskutierfreudigen Zeit besteht die große Gefahr, dass man die theoretische Erörterung theologischer Fragen bereits für den Höhepunkt eines christlichen Lebens ansieht. Es ist aber entschieden zu wenig, in Jesus nur einen uns von Gott gesandten Lehrmeister zu erblicken, der uns Aufschluss gibt über die Geheimnisse des Gottesreichs, über den Sinn und Auftrag des Lebens und über das letzte Ziel unserer irdischen Tage. Das wäre eine verengte Sicht des Auftrags und des erlösenden Wirkens Jesu. Glaube ist nicht nur eine Sache des Verstandes, Christentum bedeutet nicht nur eine tiefere Erkenntnis von Gott und Welt. Jesus will uns nicht nur verkünden, sondern Er möchte uns darüber hinaus das göttliche Leben schenken, das uns in dieser Welt zu Kindern Gottes macht und uns nach unserem Tod vollendet. Sein Erlösungswerk umfußt den ganzen Menschen, den Er in seiner tiefsten Wurzel heilen will.
Jesus erhebt daher Anspruch auf unser ganzes Leben und nimmt es für sich in Beschlag. Unser christliches Streben darf sich nicht auf die Zeit des Gottesdienstes oder unseres persönlichen Betens beschränken, sondern unser gesamtes Verhalten im Alltag muss von den Worten Jesu und von Seinem Vorbild geprägt und durchdrungen sein. Uns stellt sich somit die Aufgabe, unsere innere Einstellung und unseren Lebensstil regelmäßig an den Aussagen und Forderungen des Neuen Testaments zu überprüfen und zu den Ansichten und Gewohnheiten unserer modernen, nicht religiös geprägten Zivilisation in klaren Abstand zu gehen. Nur in der Hinordnung unseres ganzen Daseins auf Jesus ist eine echte, dauerhafte Gemeinschaft mit Ihm möglich.
Bei unserem Bemühen, diesen Auftrag in die Tat umzusetzen, sind wir nicht nur auf unsere menschlichen Kräfte angewiesen. In der Speise des eucharistischen Brotes ist Jesus ständig unter uns gegenwärtig; in ihm kommt Er zu uns und erfüllt uns mit Seinem göttlichen Leben. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass wir zu Ihm kommen und Ihm unser Herz öffnen. Im Empfang der heiligen Sakramente bestätigen wir unsere Abhängigkeit von Gott und sprechen unser Ja zu Seinem Heilsangebot, das Er uns durch Seinen Sohn macht. Wir werden dann erfahren, dass durch das Brot des unvergänglichen Lebens, das Jesus uns schenkt, das tiefste Sehnen unseres Herzens für immer gestillt wird. Deswegen kann der christliche Glaube ohne Wunderzeichen auskommen, aber nicht ohne die Kraft der Sakramente.
Ein Mensch, der an Jesus glaubt, der sich ganz Ihm überantwortet und sich mit Seinem göttlichen Brot beschenken lässt, darf aber nicht damit rechnen, dass er vor den unangenehmen Seiten des irdischen Daseins bewahrt bleibt. Er wird sie genauso zu spüren bekommen wie jeder andere Mensch. Jesus zeigt uns aber den Weg, der aus den Lasten des Lebens herausführt zur ewigen Vollendung bei Ihm; Er schenkt uns die Kraft, die Angst vor dem Leben wie vor dem Tod zu überwinden. So wird wahr, was Jesus uns zusichert: "Ich bin das Brot des Lebens; wer zu Mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an Mich glaubt, wird nie mehr Durst haben."
21. September 2003
25. Sonntag im Jahreskreis
Zum Dienen berufen
Sie gingen von dort weg und zogen durch Galiläa. Er wollte aber nicht, dass jemand davon erfuhr; denn er wollte seine Jünger über etwas belehren. Er sagte zu ihnen: Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert, und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen. Aber sie verstanden den Sinn seiner Worte nicht, scheuten sich jedoch, ihn zu fragen. Sie kamen nach Kafarnaum. Als er dann im Haus war, fragte er sie: Worüber habt ihr unterwegs gesprochen? Sie schwiegen, denn sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer (von ihnen) der Größte sei. Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein. Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen: Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat. ( Mk 9,30-37)
Für den Angehörigen des alttestamentlichen Glaubens erfüllte sich der Sinn seines Lebens hier auf dieser Erde. Die Gnade Gottes erfuhr er in Gesundheit, reichem Kindersegen, Wohlstand und allen nur erdenklichen Formen irdischen Glücks. Das Wohlwollen Gottes allein genügte aber den Juden zur Zeit Jesu nicht. Sie zogen ständig Vergleiche zu ihren Mitmenschen und wollten im Urteil Gottes besser dastehen als andere. Das hatte empfindliche Auswirkungen: Bei jeder Gelegenheit - sowohl im öffentlichen wie im privaten Leben - wurde die Frage gestellt, wer der Frömmere, Gesetzestreuere und damit der Würdigere sei. Die Beurteilung der dem einzelnen zustehenden Ehrerweise und die richtige Einordnung in die gesellschaftliche Rangordnung wurde als eine entscheidende Angelegenheit empfunden.
Dieses Problem war auch im Kreis der Jünger und dann in der Urkirche lebendig. Wiederholt ist in den Evangelien davon die Rede, dass die Jünger miteinander stritten, wer von ihnen der Größte sei. In späteren Zeiten ging es um die Rangordnung in den Gemeinden.
Durch diese Einstellung macht Jesus im Evangelium des 25.Sonntags im Jahreskreis (Mk 9,30-37) einen dicken Strich. Die Jünger waren der festen Überzeugung, dass in Jesus die Verheißungen der Propheten über den kommenden Messias Wirklichkeit geworden waren. Die Juden stellten sich damals den Messias als eine gewaltige Gestalt vor, der ihr Volk von der römischen Besatzungsmacht befreien und anschließend die ganze Menschheit zwingen wird, die Gebote Gottes zu befolgen. Jesus dagegen verkündet im vertrauten Kreis Seiner Jünger zum zweiten Mal die niederschmetternde Botschaft: "Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert, und sie werden Ihn töten; doch drei Tage nach Seinem Tod wird Er auferstehen." Jesus war sich sicher, dass Er eines gewaltsamen Todes sterben werde. Offensichtlich sah Er Sein Schicksal in den Weissagungen vom leidenden Gottesknecht im Buch des Propheten Jesaja vorgezeichnet. In allen Leidensankündigungen betont Jesus die Unumgänglichkeit Seines gewaltsamen Endes: "Der Menschensohn muss leiden." Durch diese Formulierung wird im Sprachgebrauch der Juden angedeutet, dass Gott selbst Seinem Sohn dieses grausame Schicksal zumutet.
Die Jünger aber reagieren auf diese Ankündigung entsetzt: Was Jesus hier voraussagt, zerstört ihre Vorstellungen vom Messias und lässt für sie eine Welt großartiger Hoffnungen zusammenbrechen. Aber obwohl sie den tieferen Sinn Seiner Worte nicht verstehen können, scheuen sie sich, ihren Meister nach ihm zu fragen.
Jesus ist nicht nur der überragende Lehrer, der den Menschen die Gesetze und Geheimnisse des Reiches Gottes offenbart, sondern Er verpflichtet Seine Jünger auch auf das Vorbild Seines Handelns und verlangt von ihnen, Ihm auf dem Weg des Kreuzes nachzufolgen. Das hat für ihr Verhalten ganz bestimmte Auswirkungen zur Folge, von denen nach sämtlichen Leidensankündigungen die Rede ist. Wieder einmal war es unter den Jüngern zu einem Rangstreit gekommen: "Sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei." Darauf erteilt Jesus ihnen die grundsätzliche Weisung: "Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein." Diese Forderung begründet Er mit Seinem eigenen Vorbild: "Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und Sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele" (Mk 10,45).
Wie soll nun diese Bereitschaft, den Mitmenschen zu dienen, konkret aussehen, in welcher geistigen Haltung soll sie erfolgen? Muss der Christ grundsätzlich bereit sein, seinen Mitmenschen bei der Erreichung ihrer Wünsche und Ziele behilflich zu sein? Ein Blick auf Jesus schenkt uns Klarheit bei der Beantwortung dieser Frage. Er hat sich von niemand für selbstsüchtige Zwecke und fragwürdige Ziele einspannen, Er hat sich von niemand auf eine niedrige Ebene herabziehen lassen, sondern Er blieb Seiner einzigartigen Würde als menschgewordener Sohn Gottes stets treu - Er war und blieb eine überlegene und erhabene Gestalt. Sein Dienst an den Menschen bestand darin, ihnen die Botschaft des Heils zu verkünden, sie von ihren Sünden und auch körperlichen Leiden zu befreien und ihnen den Weg voranzugehen, der nach dem Tod zur Auferstehung und Vollendung in der Ewigkeit des Himmels führt. Diesen Auftrag hat Jesus unter Verzicht auf irdische Absicherungen uneingeschränkt und kompromisslos verwirklicht - für ihn war Er sogar bereit, das eigene Leben in einen qualvollen Tod hinzugeben. Jesus fühlte sich allein Seinem Vater verantwortlich.
Wenn wir das Vorbild Jesu auf uns wirken lassen, dann erkennen wir, wie wir im Auftrag Jesu unseren Mitmenschen zu dienen haben und wo die Grenzen unseres Entgegenkommens liegen. Dienstbereitschaft im Sinne Jesu verlangt nicht, dass der Christ seinen Mitmenschen für alles zur Verfügung stehen muss. Dienen im neutestamentlichen Sinn bedeutet nicht, sich eine doppelte Moral gefallen zu lassen, sich als wehrloser Abhängiger ausbeuten, sich als sozial Schwacher, als Gastarbeiter, als Ausländer zum Bürger dritter Klasse abstempeln zu lassen. Christsein bedeutet noch lange nicht, sich grundsätzlich in die untere Ebene der gesellschaftlichen Stufenleiter einweisen zu lassen. Auf der anderen Seite sind leitende Stellungen in Politik, Wirtschaft und in den vielfältigen Bereichen der Gesellschaft häufig geprägt von Machtmissbrauch und dem Streben nach finanziellem Gewinn. Gegen dieses Verhalten muss der Christ seine Auffassung von Verantwortung stellen. Dienen im Sinne Jesu verlangt, nicht seinen eigenen Vorteil und eine persönliche Machtposition anzustreben, sondern seine Fähigkeiten und Kräfte einzusetzen für den Aufbau einer Welt, die den Weisungen Gottes entspricht, sowie ein wachsames Auge und ein mitfühlendes Herz zu haben für die Anliegen, Sorgen und Nöte der Mitmenschen. Nicht das Streben nach Eigennutz, sondern der Einsatz zum richtig verstandenen Wohl anderer ist das verpflichtende Vermächtnis, das Jesus Seinen Jüngern hinterlassen hat. Das meint Er, wenn Er uns zum Dienen auffordert.
Zahlreiche Menschen unserer Tage, denen es nur um irdische Erfolge geht, fühlen sich durch diese Einstellung der Christen verurteilt und angegriffen und holen zum Gegenschlag aus: Sie antworten auf die Moral der Christen mit Ablehnung und Anfeindung. Dann bekommt der Jünger Jesu in seinem Leben das Kreuz deutlich zu spüren. In dieser Situation ist der Christ darauf angewiesen, das Kreuz Jesu auf seinen tiefsten Sinn zu befragen. Schon ehe der heilige Apostel Paulus seine Briefe verfasste, wurden in der Urkirche wunderbar formulierte Sätze verkündet: "Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, w.-a Gott zu sein, sondern Er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis. zum Tod am Kreuz. Darum hat Ihn Gott Über alle erhöht und Ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesus und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr - zur Ehre Gottes, des Vaters" (Philipper 2,6-11). Jesus lebte also seit Ewigkeit in der Herrlichkeit Gottes; aber Er hat sich in der Menschwerdung selbst erniedrigt und wurde gehorsam bis zum Tod. Deswegen hat Gott Ihn verherrlicht, so dass Er nun auch als Mensch der Kyrios, der Herr ist.
Markus hat sein Evangelium so aufgebaut, dass die gesamte Verkündigung Jesu, Seine Wundertaten und sämtliche anderen Ereignisse in Seinem Leben ihre letzte Bestätigung erst durch das Oster-Ereignis erhalten. Jesus hat durch Seine Auferstehung die Macht des Bösen und der Vergänglichkeit grundsätzlich überwunden. Der Evangelist Markus sieht deshalb Kreuz und Auferstehung, Erniedrigung und Erhöhung Jesu als eine Einheit. An Ostern ist die entscheidende Wende für das Schicksal der ganzen Menschheit erfolgt. Somit lautet das Messias-Geheimnis bei Markus: Erst durch die Auferstehung können wir erkennen, wer Jesus eigentlich ist. So erhält auch das gewaltsame Ende Jesu am Kreuz eine überraschende Deutung.
Diese Erkenntnis ließ dem heiligen Apostel Paulus alles andere in seinem Leben und in der Welt als nebensächlich, ja geradezu als bedeutungslos erscheinen. Wenn der Christ die Unannehmlichkeiten, Enttäuschungen und Härten seines Lebens als eine unzumutbare Last empfindet, dann versichert ihm der Glaube, dass hinter dem Kreuz bereits die Strahlen der Auferstehung und Verklärung aufleuchten -in der Erniedrigung Jesu erfolgte unsichtbar schon die Erhöhung. Dadurch schenkt die Botschaft von Ostern den Lasten und Leiden unseres irdischen Daseins eine völlig neue Deutung.
In diese Selbsterniedrigung Jesu, die durch Sein Dienen bis zum Tod zur Besiegung des Todes und zu Seiner Herrschaft über das Weltall führte, ist die gesamte Menschheit einbezogen. Für den Glaubenden hat inmitten aller Schwierigkeiten und Trübsale dieser Welt die Auferstehung bereits begonnen. Sie vollzieht sich dadurch, dass wir durch die Taufe und das Wirken der Gnade zu erlösten Abbildern unseres Schöpfers werden - der heilige Apostel Paulus spricht von einem neuen Geschöpf, vom Tempel des Heiligen Geistes. Bei dieser Neugeburt des glaubenden Christen geht es aber nicht großartig und triumphalistisch zu, sondern verborgen, unauffällig und bescheiden. Gott will auch nicht, dass Seine Kirche sich das Gewand von irdischer Macht- und Prachtentfaltung anlegt. Gott selbst lässt anscheinend Seine Macht die Menschheit ebenfalls nicht spüren, Er rührt sich nicht, Er sieht allem Unrecht und allen Grausamkeiten unbeteiligt zu - manche Menschen haben den Eindruck, als ob es Ihn überhaupt nicht gäbe. Er ist nach der Heimkehr Seines Sohnes wieder in die Verborgenheit, in das Geheimnis Seines göttlichen Daseins eingetreten. Deswegen heißt es jetzt erst recht glauben und vertrauen.
Die Neugeburt und Erhöhung des Menschen erfolgt also nicht als eine machtvolle Glorifizierung, sondern sie steht unter dem Auftrag des Dienens und des Kreuztragens. Die Erlösung des Glaubenden geschieht nicht nur durch die heiligen Sakramente, durch die wir eins werden mit Christus, sondern sie bezieht sich durch unser Verhalten und unsere Taten auch auf unseren ganz gewöhnlichen Alltag. Der auferstandene Herr wird durch das Handeln von uns Christen auf der Erde anderen Menschen sichtbar. Die Art und Richtung unseres Einsatzes wird von den Problemen und Nöten der gegenwärtigen Menschheit bestimmt. Vergessen wir nicht: Jesus hat sich mit den Kleinen und Schwachen identifiziert; durch Ihn wiederum erklärt sich Gott solidarisch mit den Benachteiligten. Entscheidend dafür, dass Ostern in der heutigen Welt Wirklichkeit werden kann, ist, dass die Christen sich weltweit um die Gestaltung einer Gesellschaft bemühen, die von Gerechtigkeit, Hilfsbereitschaft und Frieden geprägt ist, dass sie die Wirtschaft und Industrie so entwickeln, dass sie den Menschen dienen und die Schöpfung nicht gefährden oder gar zerstören, dass sie an gesellschaftlichen und sozialen Verhältnissen arbeiten, die den Weisungen Gottes entsprechen.
Weil der Glaubende erkannt hat, dass durch die Selbsterniedrigung und das Kreuz des Sohnes Gottes die Schicksalswende für die ganze Menschheit erfolgt ist aus der alles Heil und aller Segen strömen, weiß er auch, welche Bedeutung sein Dienst und seine Bereitschaft, das ihm von Gott zugedachte Kreuz zu tragen, für seine persönliche Erlösung und für das Heil seiner Mitmenschen besitzen. Das schenkt ihm Klarheit, Mut und Kraft, den Auftrag Gottes zu erfüllen.
09. November 2003
32. Sonntag im Jahreskreis
Dieser Ort ist heilig
Jakob zog aus Beerscheba weg und ging nach Haran. Er kam an einen bestimmten Ort, wo er übernachtete, denn die Sonne war untergegangen. Er nahm einen von den Steinen dieses Ortes, legte ihn unter seinen Kopf und schlief dort ein. Da hatte er einen Traum: Er sah eine Treppe, die auf der Erde stand und bis zum Himmel reichte. Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder. Und siehe, der Herr stand oben und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks. Das Land, auf dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Deine Nachkommen werden zahlreich sein wie der Staub auf der Erde. Du wirst dich unaufhaltsam ausbreiten nach Westen und Osten, nach Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen werden alle Geschlechter der Erde Segen erlangen. Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst, und bringe dich zurück in dieses Land. Denn ich verlasse dich nicht, bis ich vollbringe, was ich dir versprochen habe. Jakob erwachte aus seinem Schlaf und sagte: Wirklich, der Herr ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht. Furcht überkam ihn, und er sagte: Wie ehrfurchtgebietend ist doch dieser Ort! Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels. Jakob stand früh am Morgen auf, nahm den Stein, den er unter seinen Kopf gelegt hatte, stellte ihn als Steinmal auf und goss Öl darauf. Dann gab er dem Ort den Namen Bet-El (Gotteshaus). Früher hieß die Stadt Lus. Jakob machte das Gelübde: Wenn Gott mit mir ist und mich auf diesem Weg, den ich eingeschlagen habe, behütet, wenn er mir Brot zum Essen und Kleider zum Anziehen gibt, wenn ich wohlbehalten heimkehre in das Haus meines Vaters und der Herr sich mir als Gott erweist, dann soll der Stein, den ich als Steinmal aufgestellt habe, ein Gotteshaus werden, und von allem, was du mir schenkst, will ich dir den zehnten Teil geben.
Wenn Pilger aus allen Ländern der Welt nach Rom strömen, dann besuchen sie meistens zuerst den Petersdom, der seit Jahrhunderten die riesige Repräsentativ-Kirche des Papstes ist. Oft übersehen sie ganz, dass die eigentliche Kathedrale des Bischofs von Rom die Lateranbasilika ist. Sie wurde unter Kaiser Konstantin dem Großen erbaut und im Jahre 324 von Papst Silvester I. eingeweiht. Im anschließenden Lateranpalast residierten die Päpste vom 4. bis zum Beginn des 14.Jahrhunderts. Erst nach ihrer Rückkehr aus Avignon zogen sie in den Vatikan um.
Der liturgische Weihetag dieser ursprünglich dem allerheiligsten Erlöser, im 12. Jahrhundert Johannes dem Täufer geweihten Kirche, ist seit alters der 9.November. Deshalb feiern wir in diesem Jahr anstelle des 32.Sonntags im Jahreskreis das Weihefest der Lateranbasilika, die offiziell den anspruchsvollen Titel trägt: "Mutter und Haupt aller Kirchen des Erdkreises".
Das Weihefest dieser für die Christenheit so bedeutenden Kirche soll für uns Anlass sein, einmal darüber nachzudenken, welche Bedeutung jedes Gotteshaus für unser religiöses Leben hat. Das können wir aus einer der ältesten Stellen erkennen, in der im Alten Testament von der Errichtung eines heiligen Ortes die Rede ist. Sie führt uns zurück in die Zeit der Patriarchen (Genesis 28,10-22).
Jakob befindet sich auf der Reise von seiner Heimat zu seinen Verwandten, die in der Stadt Haran im weit entfernten Mesopotamien lebten. Eines Abends nötigt ihn der Sonnenuntergang in einer einsamen Gegend zur Rast. Er legt sich auf die Erde nieder und schläft ein. Da erscheint ihm im Traum eine Leiter, die von der Erde bis in den Himmel reicht und auf der Engel auf- und niedersteigen. Über der Spitze der Leiter steht Gott und versichert Jakob Seines Schutzes: "Ich bin mit dir; Ich behüte dich, wohin du auch gehst, und bringe dich zurück in dieses Land. Denn Ich verlasse dich nicht, bis Ich vollbringe, was Ich dir versprochen habe."
Als Jakob erwacht, erkennt er, dass er überraschend Gott begegnet ist und dass sein Leben fortan unter Seinem besonderen Schutz stehen wird. Er richtet nun einen Denkstein auf und weiht ihn durch die Salbung dem Gott seiner Väter. Dadurch will er sich persönlich an Ihn binden und seine Dankbarkeit Ihm gegenüber zum Ausdruck bringen. Der Stätte, an der Gott ihm erschienen ist und die noch in späteren Jahrhunderten eines der bedeutendsten Heiligtümer des Volkes Israel war, verleiht Jakob den Namen Bethel, das heißt wörtlich übersetzt "Haus Gottes".
Diese Erzählung berichtet von einem großartigen Geschehen, das wir in seiner Trauweite erst dann richtig verstehen können, wenn wir es vor dem Hintergrund der vorausgegangenen Ereignisse sehen. Jakob befand sich nämlich auf der Flucht. Er hatte seinen älteren Bruder Esau durch eine List um sein Erstgeburtsrecht und damit um sein gebracht und seinen hochbetagten Vater Isaak belogen. Esau trachtete ihm deswegen nach dem Leben und Jakob suchte sich der Rache seines Bruders durch die Flucht zu entziehen. Er muss nun alles hinter sich lassen, was bisher der Inhalt seines Lebens war: seine Heimat, seine Eltern, sein Erbe und damit die Sicherung seiner Existenz. Ganz allein und schutzlos wandert er durch die menschenleere Steppe in eine ungewisse Zukunft. Das schlimmste ist, dass er sich eingestehen muss, dass er sein Unglück selbst verursacht hat. Überdies muss er sich vor Gott als großen Sünder bekennen.
Ausgerechnet in dem Augenblick, in dem Jakob durch seine Maßlosigkeit alles verspielt hat und durch eigene Schuld heimatlos umherirrt, da er sich fragen muss, wie das Leben für ihn weitergehen soll, darf er plötzlich die Gegenwart und die Hilfe Gottes erfahren, obwohl er es weder erwartet noch verdient hat. Von Seiten Gottes fällt kein einziges Wort des Vorwurfs und der Verurteilung über das betrügerische Verhalten Jakobs. Gott gibt ihm hingegen die feste Zusicherung, dass die Verheißung an seine Vorfahren ungeschmälert bestehen bleibt: Das Land Kanaan soll Jakobs Land werden; er selbst soll zu einem großen Volk heranwachsen, damit alle Geschlechter und Völker der Erde durch ihn Segen empfangen. Im Glauben an diese Verheißung und im Vertrauen auf den Schutz Gottes kann Jakob jetzt seinen einsamen Weg voller Zuversicht weitergehen.
Wie sich Gott gegenüber Jakob verhalten hat, so handelt Er im Grunde genommen in der ganzen Heilsgeschichte: Er beruft unvollkommene, versagende Menschen. Viele Schlüsselfiguren der Heiligen Schrift weisen empfindliche Mängel und Schwächen auf, und doch werden gerade sie von Gott erwählt und zu Trägern Seines Heilshandelns gemacht. Die Wahl Gottes ist unbegreiflich, und die Bibel versucht deshalb auch nicht, sie dem fragenden Verstand einsichtig zu machen, sondern sie stellt nur die Tatsache fest. Dass aber solche Berufungen durch Gott nicht Willkür und ungerechte Bevorzugung sind, sondern verzeihendes Erbarmen und Gnade, das sehen wir daran, dass Jakob die Strafe für seinen Betrug zu erdulden hat: er muss weiter fliehen und unter demütigenden Bedingungen lange Jahre in der Fremde weilen, ehe er wieder heimkehren kann und die Verheißung Gottes ihre Erfüllung findet.
Dass Gott ausgerechnet den Lügner und Betrüger Jakob erwählt und ihn zum Träger Seines Heils macht, mag auf den ersten Blick anstosserregend und ärgerlich erscheinen. Das kann aber nur solange der Fall sein, wie wir nicht erkennen, was uns dieser Bericht lehren möchte. Die Zusage, die hier Gott dem Jakob macht: "Ich bin mit dir", zieht sich gleichsam wie ein Leitmotiv des göttlichen Handelns durch die gesamte Heilige Schrift, bis sie in dem ihren Höhepunkt und ihre letztmögliche Erfüllung findet, den wir Immanuel (das heißt wörtlich übersetzt: "Gott ist mit uns") nennen: in Gottes menschgewordenem Sohn Jesus Christus. Was sich am Anfang der Geschichte des israelitischen Volkes an Jakob ereignet hat, will uns versichern, dass das Versprechen der Gnade und Hilfe Gottes auch jedem von uns gilt -trotz unserer Unvollkommenheit, unserer Schwäche und unseres Versagens. Dann aber ist das keine anstoßerregende Erzählung mehr, sondern ein Geschehen, das uns aufatmen lässt und uns aus unserer geistigen Not befreit.
Der Angehörige des Neuen Bundes darf somit wissen, dass er trotz seiner Unzulänglichkeit und Schuld von Gott angenommen ist. Diese Heilszusage erfahren wir besonders jedes Mal dann, wenn wir eine Kirche betreten und Gottesdienst feiern. In den Lesungen aus der Heiligen Schrift wird uns die Verheißung des Erbarmens und der Liebe Gottes stets von neuem gegeben, in den heiligen Sakramenten erhalten wir die Gnade Gottes und in der heiligen Kommunion kommt Christus selbst zu uns und schenkt uns dadurch die höchste Möglichkeit der Gemeinschaft und Vereinigung mit Ihm in diesem irdischen Dasein. In der Kirche und ihrem Gottesdienst setzt sich also das fort, was Jesus während Seines Lebens so oft getan hat: Er bittet Sünder an Seinen Tisch und macht ihnen das Angebot der Vergebung und eines ganz neuen Daseins. Für uns gläubige Christen ist deshalb jede Kirche ein sichtbares und in den Alltag hineinragendes Zeichen, das uns immer wieder daran erinnert, dass Gottes Güte größer ist als alle menschliche Schuld und dass Er jeden von uns zur Erlösung und Vollendung in Seinem ewigen Reich berufen hat. Diese Gewissheit wird uns in so manchen Stunden der Unsicherheit und harter Belastungen wieder aufrichten und mit neuem Vertrauen, neuem Mut und neuer Kraft erfüllen. Davon sollen wir durch unser Reden und Handeln unseren Mitmenschen ein glaubwürdiges Zeugnis geben.
28. Dezember 2003
Fest der hl. Familie
<Die Familie Jesu
In der Weihnachtszeit treffen sich häufiger als sonst während des Jahres Familienangehörige und Verwandte. Dann erfahren sie, was es Großes ist um eine Familie, deren einzelne Mitglieder sich als zusammengehörend empfinden. Hier verbindet sie wieder jene Gemeinschaft, die am Beginn ihres Lebens stand. Sie erinnern sich voller Dankbarkeit an jene Jahre, in denen sie in der Geborgenheit einer Familie die ersten Schritte in das Leben tun durften.
Da paßt es gut, daß wir am Sonntag nach Weihnachten die heilige Familie von Nazareth feiern (Evangelium: Lk 2,41-52). Die wenigen Stellen, in denen im Neuen Testament von ihr die Rede ist, zeichnen ein Bild tiefen Friedens und des Glücks, die verursacht waren durch die selbstlose Liebe, die Maria und Josef dem Jesuskind schenkten. Und doch wurde auch diese kleine Familie geschüttelt von den Stürmen des Daseins - denken wir etwa an ihre Flucht nach Ägypten vor den Mordplänen des Königs Herodes, oder an den Kummer, den Jesus Seinen Eltern bereitete, als Er während einer Wallfahrt nach Jerusalem mehrere Tage lang verschwand.
Den Wert einer Familie erkennen wir nur dann, wenn wir sie in unserer Kindheit und Jugend überzeugend erlebt haben. Vielleicht ist in unseren Tagen so manches verloren gegangen von dem, was die Bedeutung einer Familie ausmacht. Vielleicht sind auch manche Christen unsicher geworden durch moderne Vorstellungen, nach denen eine geschlossene Ehe nach Belieben wieder auseinandergehen kann. Solche Ansichten stehen in unvereinbarem Gegensatz zu dem, was uns die heilige Familie vorgelebt hat. Das soll für uns ein Anlaß sein, einmal darüber nachzudenken, welchen Auftrag Gott der Ehe und Familie grundsätzlich zugedacht hat.
Gott hat den Menschen die Verantwortung für die Weitergabe des Lebens übertragen. Dafür hat Er die Ehe eingesetzt und sie durch Seine Gebote vor Willkür geschützt. Im Schöpfungsbericht des Alten Testaments trifft Gott die aufschlußreiche Feststellung: "Es ist nicht gut, daß der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht" (Genesis 2,18). Das bringt zum Ausdruck, daß der einzelne Mensch keine in sich abgeschlossene Persönlichkeit ist, sondern daß Er von Gott auf die Ergänzung durch einen andersgeschlechtlichen Partner verwiesen ist. Ein Partner soll dem anderen in den Nöten und schweren Stunden des Daseins Beistand leisten, aber auch die Freuden mit ihm teilen. Weil der Mensch Hilfe und Ergänzung sein ganzes Leben lang braucht, dürfen wir es nicht als eine einengende Anordnung Gottes betrachten, daß Er die Ehe für unauflöslich erklärt hat, sondern das liegt ganz im Wesen der Ehe begründet. Gott fordert von den Ehepartnern eine lebenslange Gemeinschaft in gegenseitiger Liebe und Treue.
Gott will auch, daß die Kinder in der Geborgenheit einer Familie zu ausgeglichenen und reifen Persönlichkeiten heranwachsen können. Die Kinder leben von der Liebe und Zuwendung ihrer Eltern und von dem Vertrauen, das sie auf diese setzen können. Wo die Geborgenheit und Nestwärme im Elternhaus fehlt, dort haben die Kinder oft genug als Erwachsene ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Umwelt; sie begegnen ihr dann mit Mißtrauen und Aggressivität. In einer Familie erfahren die Kinder auch zuerst das religiöse Leben. Sie sehen die Eltern beten, Gott danken für das empfangene Gute und um Seinen Segen für die Zukunft bitten. Für die religiöse Entwicklung eines Kindes ist es entscheidend, wie überzeugend es den Glauben von den Eltern vorgelebt erhält. Was verantwortungsbewußte und gläubige Eltern ihren Kindern in liebender Zuneigung schenken, das können weder die verschiedenen Institutionen der Gesellschaft noch der Staat leisten. Die Familie ist deshalb der grundlegende und unersetzliche Baustein der Gesellschaft. Wo sie ins Wanken gerät, da ist auch der Staat in Gefahr. Darum muß die Gesetzgebung den Familien helfen, ihre Aufgaben zu bewältigen. Der Staat sollte auch gegen alle Strömungen vorgehen, die sich zerstörend und zersetzend auf das Familienleben auswirken. - Vergessen wir auch nicht, daß das Leben in einer Familie ein Abbild der ewigen Gemeinschaft mit Christus im Himmel ist. Lassen wir uns durch das Vorbild der heiligen Familie von Nazareth anleiten, unser Familienleben so zu gestalten, wie es den Weisungen Gottes entspricht!
15. Februar 2004
6. Sonntag im Jahreskreis
Selig die Armen!
Im Evangelium des 6.Sonntags im Jahreskreis (Lukas 6,17.20-26) teilt Jesus die Menschen unerbittlich in zwei Gruppen ein: "Selig ihr Armen; denn euch gehört das Reich Gottes. Selig, die ihr jetzt hungert; denn ihr werdet satt werden. Selig, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen." Dann folgen unmiesverständliche Drohungen: "Aber wehe euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten. Wehe euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Wehe euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen."
Wer ehrlich und unvoreingenommen bereit ist, sich von den Worten der Heiligen Schrift ansprechen zu lassen, dem wird es angesichts solcher harten Aussagen Jesu genauso ergehen wie den Jüngern, die ihrem Meister nach Seiner vernichtenden Kritik an den Reichen voller Entsetzen die Frage stellten: "Wer kann dann noch gerettet werden?" (Mt 19,25). Diese scharfen Worte Jesu waren für einen Juden nichts Neues und Ungewöhnliches; denn bereits die Propheten hatten den Reichen und Mächtigen, die die einfache Bevölkerung gnadenlos ausbeuteten, das Gericht Gottes angekündigt.
An und für sich war Wohlstand aus der Sicht des Alten Testaments nichts Negatives - im Gegenteil: Erfolg, Reichtum, großer Grundbesitz galten den Juden als sichtbarer Beweis der Gnade Gottes. Dabei mussten sie allerdings eine Einschränkung beachten. Gott hat die Güter der Erde grundsätzlich nicht nur einigen wenigen vorbehalten, die nach Belieben alles an sich reißen und ihre Mitmenschen zu Werkzeugen ihrer unersättlichen Habsucht erniedrigen dürfen. Gott hat Seine Schöpfung vielmehr der gesamten Menschheit zur Bearbeitung und Nutznießung übertragen und jedem ein menschenwürdiges Dasein zugedacht. Deshalb erhielt bei der Einwanderung in Kanaan jeder Stamm des israelitischen Volkes so viel Anteil am Land, dass die Existenzgrundlage sämtlicher Familien gesichert war. Gott sorgt sich eben um jeden Menschen!
Als sich dann - nicht zuletzt durch den Einfluss der gebietsweise auch weiterhin sesshaft gebliebenen kanaanäischen Urbevölkerung - in Israel allmählich doch Großgrundbesitz bildete und die Gesellschaft sich immer stärker in Arme und Reiche spaltete, sah Gott dieser Entwicklung nicht gleichgültig zu. Er ließ durch die Propheten den hartherzigen und unersättlichen Reichen scharfe Strafen androhen und forderte sie auf, wieder gerechte Verhältnisse herzustellen, wie sie im Gesetz des Mose festgelegt waren. Dass Gott der Beschützer der Armen, Witwen und Waisen ist, versichern auch häufig die Psalmen: "Schreien die Gerechten, so hört sie der Herr; Er entreißt sie all ihren Nöten ... Der Gerechte muss viel leiden; doch allem wird der Herr ihn entreißen" (Ps 34, 18.20). Wie soll nun diese Hilfe Gottes aussehen? Nach den Vorstellungen der Propheten wird Gott selbst eingreifen und das Schicksal der Menschen von Grund auf umkehren: die Reichen werden in Unglück und Not gestoßen, die Armen besitzen dann Güter im Überfluss. Auch im Magnifikat des Neuen Testaments spricht Maria die Worte: "Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt Er mit Seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen" (Lk 1,52f).
Wenn Menschen eine solche einschneidende Veränderung der bestehenden Verhältnisse herbeiführen würden, ließe sich das nur durch Gewalt erreichen und würde damit neues Unrecht hervorbringen. Jesus aber schließt das unmiss verständlich aus. Er hat in der Bergpredigt nicht nur gefordert: "Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen ... Wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel" (Mt 5,40.44), sondern Er hat bei Seiner Verhaftung im Garten Gethsemane dem Petrus auch befohlen: "Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen" (Mt 26,52). Aus solchen Worten Jesu geht hervor, dass die Seligpreisungen keine Aufforderung sein können, ungerechte Besitzverteilung und Gesellschaftsstrukturen mit Gewalt zu beseitigen.
Auf welche Weise sollen aber dann die Verheißungen Jesu Wirklichkeit werden? Was hat Er den Armen anzubieten; was gibt Ihm die Möglichkeit, die Hungernden und Weinenden selig zu nennen? Der Schlüssel zum richtigen Verständnis der Seligpreisungen ist der Begriff "Reich Gottes". Jesus verspricht den Benachteiligten und Notleidenden die Aufnahme in die ewige Gemeinschaft mit Gott. Die Vollendung im Reich des himmlischen Vaters wird alles Unrecht aufwiegen, das sie auf Erden erleiden mussten. Das Glück, das Gott den Menschen schenkt, ist also nicht irdisch-materieller Art; es ist vielmehr so unüberbietbar vollkommen, dass dadurch alle Werte dieser Welt übertroffen und alle bisherigen Besitz- und Machtverhältnisse bedeutungslos werden. Die Gemeinschaft mit Gott ist die Erfüllung und zugleich die Entschädigung für alles Unrecht, das die Armen in ihrem irdischen Dasein zu erdulden hatten.
Wenn Jesus den Menschen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen, das besondere Wohlwollen und die ausgleichende Gerechtigkeit Gottes zusichert, wie kommt Er dann dazu, die Wohlhabenden in Bausch und Bogen zu verurteilen und ihnen ewiges Unheil anzudrohen? Jesus geht wohl davon aus, dass die meisten Reichen auf unredliche Weise und damit auf Kosten anderer zu ihrem Besitz gelangen - dadurch, dass sie ihre Mitmenschen betrügen, ausbeuten und an die Wand drücken. Außerdem ist Er der Ansicht, dass die Reichen im allgemeinen wenig Bereitschaft zeigen, ihr Handeln an den Forderungen Gottes auszurichten.
Jesus ist in unsere Welt gekommen, um allen Menschen ohne Ausnahme das verzeihende Erbarmen Gottes und das ewige Leben in Seinem himmlischen Reich anzubieten. Dieses Heil erlangt allerdings nur der, der bereit ist, die Schöpfungsordnung Gottes zu beachten und Seine Gebote zu befolgen. Aber genau das fällt den Wohlhabenden außerordentlich schwer. Besitz und Macht sind für sie unentbehrlich, um ihre gesellschaftliche Stellung zu sichern. Wenn sie ihr bisheriges Handeln in Frage stellen und ein ganz neues Leben nach den Weisungen Jesu beginnen würden, so brächte das die Grundlagen ihrer Existenz ins Wanken.
Durch diese ichbezogene Einstellung droht der Reiche auf Wege zu geraten, die sich eines Tages als verfehlt erweisen. Er sucht den Sinn seines Daseins ganz im Irdischen und liefert sich dadurch unwesentlichen, oberflächlichen, vergänglichen Werten aus. Er wird dadurch zum Sklaven seines Wohlstands und besitzt nicht mehr die Fähigkeit, geistig über seinem Besitz zu stehen und ihn so zu benützen, dass er dadurch reifer wird und Verantwortung für das Allgemeinwohl wahrnehmen kann. Ein solcher Mensch gerät sehr stark in Gefahr, den ihm von Gott gesetzten Auftrag seines irdischen Daseins zu verfehlen. Er muss deswegen damit rechnen, dass Gott ihn einmal verurteilen und ihm die Aufnahme in die ewige Vollendung verweigern wird. Nicht umsonst schreibt der heilige Apostel Paulus in seinem Brief an die Galater: "Täuscht euch nicht! Gott lässt keinen Spott mit sich treiben; was der Mensch sät, wird er ernten. Wer im Vertrauen auf das Fleisch sät, wird vom Fleisch Verderben ernten. Wer aber im Vertrauen auf den Geist sät, wird vom Geist ewiges Leben ernten" (6,7f).
Die warnenden Worte Jesu haben gerade für unsere Zeit entscheidende Bedeutung. Konsum, Genuss, Vergnügen sind in erschreckendem Ausmaß der eigentliche Lebensinhalt für allzu viele Menschen in den Industriestaaten geworden, denen man vorbehaltlos huldigt und ihnen nachjagt. Auch wir Christen laufen Gefahr, dass wir uns zu stark den Ansichten und dem Lebensstil einer gottfernen Menschheit angleichen und uns nicht mehr genügend der Verantwortung bewusst sind, die Gott uns für unser persönliches Leben und für Seine Schöpfung aufgetragen hat. Lassen wir uns deshalb durch die Seligpreisungen und Weherufe Jesu wieder ermahnen, unser Verhalten regelmäßig an Seiner Botschaft zu überprüfen und mit den irdischen Gütern so umzugehen, dass wir durch sie das ewige Heil nicht verlieren!
04. April 2004
Palmsonntag
Er trug unsere Sünden
Im zweiten Teil des Buches Jesaja schildert ein Prophet, dessen Namen wir nicht kennen, eine geheimnisvolle Gestalt, die von Gott den Auftrag erhält, den Menschen Sein Erbarmen und Seine Gnade zu verkünden. Aus den insgesamt vier Weissagungen vom leidenden Gottesknecht vernehmen wir am Palmsonntag und am Karfreitag zwei entscheidende Ausschnitte (Jes 50,4-7; 52,13 - 53,12). Der von Gott Berufene erfüllt gewissenhaft seinen Auftrag; das aber hat für ihn böse Folgen: Wer hat unserer Verkündigung geglaubt? Der Arm des Herrn - wem wurde er offenbar? ... Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Doch er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von Ihm getroffen und gebeugt. Aber er wurde durchbohrt wegen unserer Missetaten, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden wurden wir geheilt ... Doch der Herr fand Gefallen an Seinem zerschlagenen Knecht; Er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab. Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht (53,1.3-5.10f
).Der geheimnisvolle Unbekannte wird verachtet, verfolgt, geschlagen und schließlich getötet; denn die Wahrheit Gottes ist den Menschen unerträglich. Sie glauben, sein Tod sei die Strafe Gottes. In Wirklichkeit aber hat er durch sein Leiden die Sünden seines Volkes auf sich genommen und es mit Gott versöhnt. Deshalb gibt Gott Seinen treuen Diener nicht der Verwesung preis, sondern erweckt ihn zu neuem Leben.
Für die Juden ist der leidende Gottesknecht bis heute ein Rätsel; die Kirche dagegen sah seit ihren ersten Tagen in seinem Schicksal den Lebensweg Jesu vorausgesagt. Gott hat Seinen Sohn auf die Erde gesandt, damit Er den Menschen die Güte des himmlischen Vaters und die Vergebung der Sünden verkünde. Aber mit dieser Botschaft musste Jesus auf Ablehnung stoßen. Die Juden richteten ihren Lebensstil und ihr Handeln an einer seit Jahrhunderten fest gefügten Ordnung aus, deren Grundlage das Gesetz des Mose war. Diejenigen, die die einzelnen Vorschriften dieses Gesetzes mit größter Gewissenhaftigkeit erfüllten, waren ehrlich überzeugt, ihr Verhältnis zu Gott sei bestens in Ordnung. Für das Angebot Jesu von der verzeihenden Liebe Gottes, durch das auch die Frommen als schwache und versagende Menschen gekennzeichnet wurden, hatten sie daher kein Verständnis. Ihre Erwartungen richteten sich vielmehr auf ein irdisches Heil. Sie sehnten sich nach einem unwiderstehlichen Führer, den sie Messias nannten. Er sollte sie vom Joch der römischen Fremdherrschaft befreien und Israel wieder zu der politischen Bedeutung verhelfen, die es unter den Königen David und Salomo besessen hatte. In diesem neuen Reich wollten die Juden dann ungehindert entsprechend ihrem Glauben und seinen Vorschriften leben. Da sie ihre religiösen Überzeugungen und ihre irdischen Hoffnungen durch Jesus gefährdet sahen, verfolgten Ihn ihre Führer mit unerbittlichem Hass. Sie bezeichneten Ihn als Gotteslästerer und ruhten nicht eher, bis Er zum Tod verurteilt war. In ihrer Verblendung erkannten sie auch nach Ostern nicht, dass Jesus Sein Leben für die Sünden anderer hingegeben und ihnen dadurch das ewige Heil erworben hat. Was bewog Jesus, der völlig frei von Sünden war, die Schuld anderer auf sich zu nehmen und für sie zu sterben? Die Juden hatten in ihren Glaubensvorstellungen kein Verständnis für stellvertretendes Leiden. Krankheit, Armut, Schicksalsschläge galten ihnen als Strafe Gottes; in irdischem Wohlergehen dagegen erblickten sie Gottes sichtbare Gnade. Auch wir Christen versuchen, das Leid von uns fernzuhalten, und sehnen uns nach Freude und Glück. Dazu haben wir sogar ein gewisses Recht. Unglück, Sorgen und Not haben nämlich nichts mit der vollkommenen Welt zu tun, die Gott geschaffen hat.
Jesus hat bewusst Unrecht und einen qualvollen Tod auf sich genommen. Sein Sterben war angesichts der Verhältnisse, die damals bei den Juden herrschten, unumgänglich. Die Atmosphäre, in die hinein Er Sein Evangelium verkündete, war erstarrt, ja manchmal geradezu versteinert. Mit Seiner Botschaft musste Jesus Empörung und Widerstand herausfordern, die mit Seiner Hinrichtung endeten. Wenn Er nachgegeben hätte, wenn Er Kompromisse eingegangen wäre, dann wäre es nicht zum Bruch mit den religiösen Führern des jüdischen Volkes gekommen. Aber Jesus erfüllte Seinen Auftrag in restloser Treue gegenüber dem Vater im Himmel. Wenn Er den Heilsplan Gottes durchführen und die Menschen erlösen wollte, gab es keine andere Möglichkeit, als das eigene Leben hinzugeben. Zu diesem Opfertod hat Jesus Sein volles Ja gesprochen.
Durch Seine Auferstehung hat Jesus dann die Kette des Unheils und der Vergänglichkeit zerrissen und das Böse in Güte und Heil verwandelt. Das Kreuz bedeutet aus diesem Grund nicht das Scheitern des Lebenswerkes Jesu, sondern es ist das Zeichen eines endgültigen Sieges. Das Kreuz bedeutet die unwiderstehliche Macht der Gewaltlosigkeit; in ihm erfolgte die grundlegende Umwertung aller irdischen Werte. Unrecht, Gewalt und Tod sind durch das Sterben Jesu zwar nicht aus der Welt verschwunden; aber das Kreuz verleiht ihnen einen neuen Sinn. Es schenkt uns die Gewissheit, dass die Lasten des irdischen Daseins und der unausweichliche Tod nicht unser letztes Schicksal sind. Gott hat uns vielmehr dazu berufen, in der Nachfolge des gekreuzigten und auferstandenen Gottessohnes Anteil an Seiner himmlischen Verklärung zu erhalten.
Das Kreuz ist nicht nur das Zeichen unserer Erlösung, sondern es weist uns auch den Weg, auf dem wir nach dem Willen Gottes das Heil finden sollen - das Kreuz ist Auftrag für unseren Alltag. Die Betrachtung des Leidensweges Jesu weist uns die Richtung für unseren christlichen Einsatz. In unseren Tagen lebt ein erschreckend hoher Prozentsatz der Menschheit in unwürdigen Verhältnissen und in bitterer Armut. Jesus hat stets unerbittlich klargestellt, dass dies der Schöpfungsordnung Gottes widerspricht, und dass Gott denjenigen, die diese Missstände verursacht haben, einmal die Vollendung in Seinem himmlischen Reich verweigern wird. Jesus hat sich mit allen ungerecht behandelten, benachteiligten und gequälten Menschen gleichgesetzt: "Was ihr einem dieser Meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr Mir getan" (Mt 25,40). Somit bedeuten die Gewalt und das Elend, die auf der Erde herrschen, einen Auftrag für unser christliches Handeln. Misshandelte und Not leidende Menschen sollen durch die Hilfe von Christen erfahren, dass durch das Kreuz die Macht des Bösen gebrochen ist. Vielleicht wird unser Bemühen, Menschen zu helfen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen, weil wir in ihnen Christus begegnen, manchmal auch falsch gedeutet. Wer aber nein sägt zu dieser Aufgabe, wer das Leid von Mitmenschen nicht als Anruf für sein eigenes Leben annimmt, der bleibt im Bereich des geistigen Todes und in der Unfruchtbarkeit eines lieblosen Raumes - an dem kann die Erlösung nicht Wirklichkeit werden. Lassen wir uns deshalb durch das Kreuz Sinndeutung für unsere irdischen Tage, aber auch Kraft für unser Bemühen in der Nachfolge Jesu schenken!
23. Mai 2004
7. Sonntag der Osterzeit
In Erwartung des Heiligen Geistes
Mit der Erscheinung an Himmelfahrt hatte der auferstandene Jesus endgültig Abschied von Seinen Jüngern genommen. Damit begann für diese ein schmerzvoller Umstellungsprozeß. Bisher hatte ihre Aufgabe lediglich darin bestanden, ihrem Meister überallhin nachzufolgen. Er hatte ihre Fragen beantwortet, sie in ein tieferes Verständnis Seines Erlösungswerkes eingeführt, und in der Gemeinschaft mit Ihm waren sie geborgen gewesen. Nach Ostern aber standen sie plötzlich ohne Seine schützende Gegenwart da - dazu lastete auf ihnen die für sie ganz neue Verantwortung, Zeugnis abzulegen für Seine Worte und Wundertaten, die sie in ihren eigentlichen Zusammenhängen und Hintergründen immer noch nicht erkannt hatten.
Die Apostel stellten sich nach besten Kräften ihrem Auftrag, das Werk Jesu weiterzuführen. Sie hatten bei Ihm in allen Schwierigkeiten ausgehalten und waren trotz der Verschiedenartigkeit ihrer Charaktere und ihrer Herkunft unter Seiner Leitung zu einer festen Gruppe zusammengewachsen. Nun aber mussten sie zu ihrem Leidwesen feststellen, dass sie mit der ihnen übertragenen Aufgabe restlos überfordert waren.
Noch fehlte ihnen der Schlüssel zum richtigen Verständnis des Geheimnisses der Person und des Wirkens Jesu. Was sie in Seiner Nachfolge erleben durften, war ihnen in seiner entscheidenden Bedeutung bis jetzt verborgen geblieben. Sonst hätte es nicht vorkommen können, dass sie unmittelbar vor der Himmelfahrt an Jesus die Frage richteten: "Herr, stellst Du in dieser Zeit das Reich Israel wieder her?" (Apg 1,6). Diese Frage beweist mit geradezu bestürzender Deutlichkeit, dass trotz Karfreitag und Ostern die Jünger auch weiterhin erwarteten, Jesus werde die Römer mit Gewalt aus Palästina vertreiben und anschließend das Reich Gottes auf Erden errichten.
Außerdem fehlte Judas im Kreis der Apostel. Es bedeutete für sie alles andere als eine moralische Stärkung, dass ausgerechnet ein Jünger aus der engsten Umgebung Jesu zum Verräter geworden war. Auch sie selbst hatten schmerzlich erlebt, wie schwach ihr Durchhaltevermögen war und wie schnell sie in Gefahren versagten. Als Jesus vor ihren Augen im Garten des Landgutes Gethsemane verhaftet wurde, waren sie alle geflohen aus Furcht, es könnte ihnen dasselbe Schicksal zustoßen wie ihrem Meister. Petrus hatte Jesus sogar dreimal verleugnet. Auch befand sich Paulus noch nicht unter ihnen, der mit ausgezeichneten Kenntnissen der jüdischen Theologie, aber auch mit einem großartigen Weitblick und einem tiefen Einfühlungsvermögen in das Denken und Empfinden der heidnischen Welt das richtige Gespür haben wird, wie die sich herausformende Urkirche aus der Enge und Abkapselung des Judentums befreit und zu einer religiösen Gemeinschaft geformt werden kann, die für die berechtigten Anliegen aller Menschen offen ist. So erkannten die Apostel nach Ostern recht bald, dass sie die ihnen von Jesus übertragene Aufgabe mit ihren menschlichen Fähigkeiten allein nicht erfüllen konnten.
Wie die Jünger sich in dieser bedrängenden Situation verhielten, schildert uns die Apostelgeschichte: Nach der Himmelfahrt Jesu "kehrten sie vom Ölberg nach Jerusalem zurück. Als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben ... Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit Seinen Brüdern" (1,12-14). Jesus hatte ihnen für die Zeit nach Seinem endgültigen Weggang von dieser Erde den Geist des Vaters verheißen, der sie stärken und in die volle Wahrheit einführen werde. Auf die Herabkunft dieses Heiligen Geistes bereiteten sich die Jünger nun durch inständiges und beharrliches Beten vor. Da sie ihre Unzulänglichkeit nur zu sehr erkannt hatten, wollten sie ohne den erleuchtenden und stärkenden Beistand von oben keinen Schritt in die dunkel vor ihnen liegende Zukunft wagen. Im Augenblick kannten sie nur den einen Wunsch, dass der verheißene Heilige Geist ihnen möglichst bald geschenkt werden möge.
Das Zusammenkommen der Jünger zum gemeinsamen Gebet darf nicht als Flucht vor ihrem missionarischen Auftrag gedeutet werden. Im Gegenteil: die Jünger folgten dadurch dem Vorbild ihres Meisters. Jesus hatte sich unzählige Male in die Einsamkeit zurückgezogen, um ungestört zu Seinem himmlischen Vater beten zu können. Besonders vor einschneidenden Entscheidungen - etwa der Berufung der zwölf Apostel - verbrachte Er die ganze Nacht im Gebet. Das Ringen mit dem Vater am Ölberg schloss mit der bedingungslosen Unterwerfung Jesu unter den Willen Gottes: "Vater, wenn Du willst, nimm diesen Kelch von Mir! Aber nicht Mein, sondern Dein Wille soll geschehen" (Lk 22,42). Gerade beim Beten Jesu wird unübersehbar deutlich, wie tief Seine Verbundenheit mit Gott war, wie stark Sein Erlösungswirken bestimmt war von dem Auftrag, den Ihm der Vater erteilt hatte. Durch ihr inständiges Gebet wollten die Jünger zum Ausdruck bringen, dass sie nicht auf ihre eigenen Kräfte vertrauten, sondern dass sie sich zuerst einmal von dem Klarheit und Kraft schenken lassen wollten, der sie berufen hatte. Sie überließen sich ganz der Führung durch den auferstandenen und zum Vater zurückgekehrten Herrn. Das Gebet besaß aber auch noch eine andere Bedeutung. Bei jedem Beten erschien vor den Augen der Jünger die Gestalt Jesu. Sie erinnerten sich dann an alles, was Er sie gelehrt hatte; die Wunder, durch die Er Menschen von ihren Leiden befreit hatte, wurden wieder lebendig; die einzigartige Weise, wie Jesus sich gegenüber den Menschen verhalten hatte, empfanden sie als verpflichtendes Vorbild. Dadurch wurde das Gebet zu einer ständig neuen Begegnung der Jünger mit ihrem Meister; ihre Verbundenheit mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn erfuhr so eine weitere Vertiefung.
Die Atmosphäre, die das gemeinsame Beten in der christlichen Urgemeinde hervorbrachte, kennzeichnet die Apostelgeschichte mit dem wunderbaren Wort "einmütig". Trotz aller menschlichen Unterschiede und gegensätzlichen Auffassungen machte die Erinnerung an Jesus die Jünger eines Sinnes und schweißte sie zu einer Gemeinschaft zusammen, die sogar bereit war, für ihren Glauben an den menschgewordenen Gottessohn den Märtyrertod auf sich zu nehmen. So bildete das Gebet die Lebensgrundlage der jungen christlichen Gemeinde nach der Himmelfahrt Jesu.
Diese Einmütigkeit ist der Kirche im Lauf ihrer Geschichte nicht immer gewahrt geblieben, vielmehr waren allzu häufig ausgeprägte Gegensätze und sogar Spaltungen ihr trauriges Schicksal. Hätte man in Krisensituationen sich auf das Verhalten der Urgemeinde in Jerusalem besonnen; hätte man bei Schwierigkeiten und neuen Entwicklungen in der Kirche das eigene Denken und Verhalten bestimmen lassen vom Wort und Vorbild Jesu; wäre man unvoreingenommen offen gewesen für die Erleuchtung und Führung durch den Heiligen Geist, dann wären manche Kämpfe und Fehlentwicklungen in der Geschichte der Kirche zu vermeiden gewesen.
Aus dem Verhalten der Jünger nach Ostern sollten auch wir lernen und uns bereitwillig öffnen für die Erleuchtung und Führung durch den Heiligen Geist. Dann wird uns klar, dass nicht unsere persönlichen Fähigkeiten und Kräfte es sind, die die Kirche am Leben erhalten, sondern Gottes Heiliger Geist, der in jedem Getauften wirkt und der auch heute noch unsichtbar hinter allen Lebensäußerungen der Kirche mit Seiner göttlichen Macht steht.
11. Juli 2004
15. Sontag im Jahreskreis
Liebe ohne Grenzen
Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach, und du wirst leben.
Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?
Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen. Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter. Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goß Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.
Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde? Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!
"Wer ist mein Nächster?" Diese Frage, die im Evangelium des 15.Sonntags im Jahreskreis (Lukas 10,25-37) ein Gesetzeslehrer an Jesus stellt, war nicht aus der Luft gegriffen. Sie bringt vielmehr ein Problem zur Sprache, das damals viele Juden beunruhigte. Nach der Besetzung Palästinas durch die Römer waren in das Land der Juden zahlreiche Fremde eingewandert, die einer heidnischen Religion angehörten. Dadurch entstand die Frage, wie weit ein gewissenhafter, gesetzestreuer Jude mit Heiden Beziehungen eingehen durfte. War es erlaubt, mit ihnen Geschäfte abzuwickeln, mit ihnen zusammen zu essen oder gar ihr Haus zu betreten?
Auf diese unvorhergesehene Situation gab es im Gesetz des Mose keine Antwort. Für einen gläubigen Juden, der daran gewöhnt war, dass sämtliche Fragen seines Lebens durch das Alte Testament geregelt wurden, bedeutete diese Lücke im Gesetz einen unerträglichen Zustand. Aus diesem Grund diskutierten die Gesetzeslehrer zur Zeit Jesu lebhaft darüber, ob ein Jude mit Heiden Gemeinschaft pflegen durfte. Ihre Ansichten gingen durchwegs auf möglichste Zurückhaltung; manche Schriftgelehrte zogen zwischen Juden und Heiden sogar einen scharfen Trennungsstrich.
Jesus nahm zu diesem heiß umstrittenen Tagesproblem mit der Erzählung vom barmherzigen Samariter Stellung. Er knüpft in der Schilderung an die konkreten Verhältnisse an. Die Strecke von Jerusalem nach Jericho galt damals als äußerst gefährlich; erschreckend häufig wurden auf dem einsamen Weg Reisende überfallen, ausgeraubt und manchmal auch umgebracht. Jesus beschreibt mit wenigen Sätzen das Schicksal eines Reisenden, der nach einem Überfall von den Räubern schwerverletzt zurückgelassen wird.
An dem Verwundeten gehen nacheinander ein Priester und ein Levit vorüber, also die amtlichen Vertreter der jüdischen Religion - achtungslos, ungerührt, ohne Hilfe zu leisten. Eine Begründung für dieses befremdende Verhalten der beiden gibt Jesus nicht. Vielleicht meinten sie, der Schwerverletzte sei bereits tot und dachten daran, dass nach Leviticus 21,1 ein Priester einen Leichnam nicht berühren durfte, ohne kultisch unrein zu werden. Oder sie hielten den Überfallenen für einen Sünder, den Gott seiner gerechten Strafe ausgeliefert hatte. Dann handelten sie nach dem Grundsatz von Sirach 12,4-7, wonach man nur einem Frommen, nicht dagegen einem Sünder Hilfe zuteil werden lassen darf. Jesus geht auf diese Möglichkeit in Seinem Gleichnis nicht ein.Danach lässt Jesus eine dritte Gestalt auftreten, nicht einen jüdischen Laien, wie es nahe liegen würde, sondern einen Samariter - ausgerechnet einen Angehörigen jenes Volkes, das die Juden als abtrünnige Ketzer betrachteten und das sie aus vollem Herzen hassten. Als der Samariter den Schwerverletzten in seiner Hilflosigkeit erblickte, fragte er nicht, ob dieser zu jenen Menschen gehörte, denen er gemäß der Vorschriften seines Glaubens helfen durfte. Er hatte auch keine Angst davor, dass die möglicherweise noch in der Nähe sich befindenden Räuber auch für sein Leben eine Gefahr darstellten, sondern er half sofort und umfassend. Er begnügte sich nicht mit der Verbindung der Wunden und einer augenblicklichen Linderung der Schmerzen, sondern er sorgte für den Überfallenen solange, bis seine Verletzungen geheilt waren.
Liebevoll schildert Jesus die Bemühungen des Samariters: "Als er ihn sah, hatte er Mitleid. Er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und pflegte ihn. Am anderen Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn verbrauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme." Als Jesus das Gleichnis beendet hatte, gab der Schriftgelehrte ohne Zögern zu, dass dieser Samariter vollkommene Nächstenliebe geübt hat. Darauf forderte Jesus ihn auf: Mann geh und handle genauso!"
Mit Seiner Erzählung öffnete Jesus zwei Sackgassen, in die sich die Juden verrannt hatten: einmal die Erstarrung des alttestamentlichen Gesetzes und seiner Auslegung, und zweitens die scharfe Absonderung gegenüber allen Nichtjuden. Jesus stellte nicht grundsätzlich die Geltung des Gesetzes in Frage; in Mt 5,17 betont Er unmissverständlich: "Denkt nicht, Ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen."
Jesus wandte sich aber mit Entschiedenheit gegen die Sinnentstellung des mosaischen Gesetzes durch die führenden religiösen Vertreter Seines Volkes. Er erhob gegen die Gesetzeslehrer und Pharisäer wiederholt den Vorwurf, sie hätten durch irreführende Auslegungen den ursprünglichen Sinn der alttestamentlichen Vorschriften und damit den Willen Gottes verfälscht. Für Jesus besteht das Gesetz nicht in einer Unzahl von einzelnen Forderungen, die der Mensch immer und unter allen Umständen erfüllen muss -selbst dann, wenn er unter ihrer Last zusammenbricht. Wie Jesus die grundsätzliche Bedeutung des Gesetzes sieht, hat Er einmal im Hinblick auf den Sabbat folgendermaßen formuliert: "Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat" (Mk 2,27). Gott hat Seine Gebote nicht dazu erlassen, um die Menschen in eine Zwangsjacke zu stecken, sondern um ihnen zu helfen, sich selbst zu erkennen und ihren Auftrag zu verwirklichen.
Welches Ziel das Gesetz des Alten Testaments letzten Endes hat, bringt Jesus mit einem Wort des Propheten Hosea zum Ausdruck: "Barmherzigkeit will Ich und nicht Opfer" (Mt 9,13; 12,7). Der Jünger Jesu soll sich bewusst sein, dass seine Güte und Hilfsbereitschaft ein Spiegelbild jener Liebe sein muss, mit der Gott Seine Geschöpfe liebt. Deshalb ist für Jesus das höchste und wichtigste Gebot im Alten Testament die Liebe zu Gott und zum Mitmenschen; alle anderen sind ihm untergeordnet.
In der Erzählung vom barmherzigen Samariter fällt auf, dass von dem überfallenen Reisenden nicht gesagt wird, aus welchem Land und Volk er stammte, welcher Religion er angehörte - nur seine Lebensgefahr und Hilflosigkeit wird eindringlich geschildert. Dadurch gibt Jesus nachdrücklich zu verstehen, dass von der Nächstenliebe niemand ausgeschlossen werden darf. Er untersagt Seinen Jüngern die Frage, ob ein Mitmensch auf Grund seiner nationalen, religiösen und gesellschaftlichen Zugehörigkeit Anspruch auf ihre Hilfe hat. Ob man einem Mitmenschen zum Nächsten wird, darf also niemals von irdischen Maßstäben abhängen. Sonst könnte Nächstenliebe sehr schnell zur Selbstsucht und zur kalten Berechnung werden, durch die man sich einen persönlichen Vorteil erwartet.
Die Begründung, die Jesus wiederholt für Seine Forderung einer vorbehaltlosen Liebe, die keinen Menschen abweist, gibt, führt uns zur letzten Tiefe und zur einzigartigen Würde des Menschen. Jesus lehrt uns, in allen Menschen die Geschöpfe und Ebenbilder Gottes zu erkennen, die genauso wie wir selbst dadurch zur Erlösung und Vollendung im Reich Gottes berufen sind, dass der Sohn Gottes auf unsere Erde gekommen ist und für alle Menschen am Kreuz Sein Blut vergossen hat. Unserem Auftrag, Werkzeug des Heils für unsere Mitmenschen zu sein, werden wir nicht gerecht, wenn wir uns gegen andere abgrenzen, wenn wir selbstbewusst auf sie herabsehen, wenn wir nur die Menschen unseres Umgangs und unserer Hilfsbereitschaft würdigen, die genauso denken und leben wie wir. Durch unsere bedingungslose Nächstenliebe sollen wir vielmehr versuchen, Mauern der Gegensätzlichkeit abzubauen, erkaltete Herzen zum Schmelzen zu bringen und dadurch einen wichtigen Beitrag leisten zur Überwindung von Unrecht, Hass und Gewalt in der heutigen Welt. Deshalb gilt für jeden von uns die Aufforderung, die Jesus am Schluss des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter an den Gesetzeslehrer richtete: "Geh und handle genauso!"
29. August 2004
22. Sontag im Jahreskreis
Der letzte Platz
1 Als Jesus an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen kam, beobachtete man ihn genau. Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, nahm er das zum Anlass, ihnen eine Lehre zu erteilen. Er sagte zu ihnen: 8 Wenn du zu einer Hochzeit eingeladen bist, such dir nicht den Ehrenplatz aus. Denn es könnte ein anderer eingeladen sein, der vornehmer ist als du, 9 und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen. 10 Wenn du also eingeladen bist, setz dich lieber, wenn du hinkommst, auf den untersten Platz; dann wird der Gastgeber zu dir kommen und sagen: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen. 11 Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. 12Dann sagte er zu dem Gastgeber: Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, so lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich ein, und damit ist dir wieder alles vergolten. 13 Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein. 14 Du wirst selig sein, denn sie können es dir nicht vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.
Soziale Gerechtigkeit, mitmenschliches Verhalten, Hilfsbereitschaft sind Forderungen, auf die man heute großen Wert legt. Wer aber lebt tatsächlich nach diesen Grundsätzen? Denn auf der anderen Seite sind Erfolgsdenken, Durchsetzen der persönlichen Wünsche oder ein möglichst hoher Lebensstandard Schlagworte, die die Interessen des modernen Menschen zutreffend wiedergeben. Damit aber sind Bescheidenheit oder gar Verzicht zugunsten anderer kaum zu vereinbaren. Wenn das Denken und Streben zahlreicher Zeitgenossen sich so stark auf die Güter dieser Welt richtet, woher soll da ein überzeugter Christ die Kraft für die Verwirklichung der eingangs genannten Ideale nehmen?
Im Evangelium des 22.Sonntags im Jahreskreis (Lukas 14,1.7-14) beobachtet Jesus, wie sich während eines Festmahls die Gäste mit Vorliebe die besten Plätze aussuchen. (Nach der damaligen jüdischen Sitte wählte sich jeder Gast seinen Platz nach dem Rang aus, den er sich selbst zusprach.) Das veranlasst Ihn zu einem unmiesverständlichen Tadel: Nenn du eingeladen bist, suche dir nicht den Ehrenplatz aus... Setz dich lieber auf den untersten Platz; dann wird der Gastgeber kommen und zu dir sagen: Mein Freund, rücke weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen." Was Jesus mit dieser Aufforderung zum Ausdruck bringen möchte, wird durch den abschließenden Satz klar: "Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt; und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden."
Jesus nimmt das selbstsüchtige Verhalten der vornehmen und frommen Juden zum Anlass, an die ganz anders gearteten Maßstäbe Gottes und an Sein Urteil im Endgericht zu erinnern. Hier wird ein Mensch, der in seinem irdischen Dasein auf Kosten seiner Mitmenschen zu hohe Ansprüche gestellt hat, von Gott auf die untersten Plätze verwiesen oder von der Teilnahme am himmlischen Mahl ganz ausgeschlossen. Wer dagegen bereit war, hinter anderen auch einmal zurückzutreten und sich mit einem unauffälligen Platz in der gesellschaftlichen Rangordnung zu begnügen, der wird von Gott in Seine ewige Herrlichkeit aufgenommen. Jesus fordert deshalb die Menschen eindringlich auf, sich die Maßstäbe Gottes zu eigen zu machen und ihr Verhalten im Alltag an ihnen auszurichten. Ihrem Inhalt nach wird diese Forderung Jesu mehrmals in den Evangelien ausgesprochen - sie durchzieht Seine Verkündigung wie ein roter Faden. Die Aussagen Jesu über eine völlige Umwertung aller irdischen Werte, die durch Sein Erlösungswerk erfolgt, gehören zu den entscheidenden Forderungen, die Er an uns richtet. Es ist deshalb ratsam, diese Warnungen nicht zu überhören.
Jesus ist den von Ihm geforderten Weg der Selbsterniedrigung bis zur letztmöglichen Konsequenz gegangen. Er hat nicht nur auf die Herrlichkeit verzichtet, die Er bei Gott besaß, sondern Er war sogar bereit, Sein Leben am Kreuz für die Erlösung der Menschheit hinzugeben. Sein Verhalten ist das völlig ungetrübte Spiegelbild der grenzenlosen Liebe Gottes. Gott ließ sich so weit zu uns herab, dass Er sich im Kreuzestod Seines Sohnes dem Hass und der Grausamkeit der Menschen geradezu auslieferte. Deshalb wandte sich Jesus besonders jenen zu, die auf der Schattenseite des Daseins standen - all den Menschen, die von den Mächtigen an die Wand gedrückt wurden und die im Urteil der frommen Juden von der Liebe Gottes ausgeschlossen waren. Ihnen verkündete Er den Anbruch des Gottesreichs auf Erden, Er bot ihnen die Verzeihung ihrer Sünden und einen ganz neuen Anfang ihres Lebens in der gnadenvollen Gemeinschaft mit Gott an.
Die Erkenntnis, dass Gott sich in Seinem Sohn zu einem schmachvollen Sterben erniedrigt hat, lässt den Christen das irdische Dasein mit ganz neuen Augen sehen und beurteilen. Er ist für die Sinndeutung und Erfüllung seines Lebens jetzt nicht mehr darauf angewiesen, sich einen möglichst erfolgreichen und angenehmen Platz unter der Sonne zu erkämpfen. Das Vorbild Jesu lehrt ihn, dass der Inhalt des irdischen Daseins nicht darin besteht, vergängliche Güter anzuhäufen und über andere Menschen Macht auszuüben. Im Handeln des Christen soll vielmehr die selbstlos schenkende Güte Gottes aufstrahlen. Wer die Maßstäbe Gottes verstanden hat, für den ist die Forderung Jesu, anderen Menschen den Vorrang zu lassen und sich selbst mit einem bescheidenen Platz zu begnügen, keine Zumutung und keine unerträgliche Last mehr, die man nur aus Angst vor der ewigen Verdammung erfüllt. Diese Forderung Jesu bietet ihm vielmehr die einzigartige Möglichkeit, in sich die Kräfte der Erlösung zu entfalten und dadurch immer tiefer in die Gemeinschaft mit Christus und dem Vater im Himmel hineinzuwachsen.
17. Oktober 2004
29. Sonntag im Jahreskreis, Kirchweihe
Unterpfand des Heils
Jede Kirche, die wir betreten, gibt uns die Möglichkeit, Gott zu begegnen. In ihr verkündet Gott uns nicht nur Sein offenbarendes Wort, sondern wir dürfen auf geheimnisvolle Weise auch die Gemeinschaft mit Ihm erleben. Am Kirchweih-Sonntag wollen wir die Bedeutung unserer Gotteshäuser für unseren christlichen Glauben und für unser Verhalten im Alltag unter einem dreifachen Gesichtspunkt betrachten.
Wenn eine Kirche nicht in der Nähe von Hochhäusern steht, überragt sie normalerweise schon mit ihrem Schiff, noch mehr mit ihrem Turm die ganze Gegend. Wie viele Gotteshäuser gibt es, durch deren Architektur die umgebende Landschaft eindrucksvoll geprägt wird! Aber nicht das ist es, was letztlich eine Kirche als Bauwerk für uns bedeutungsvoll macht, sondern die geistige Haltung, die dadurch zum Ausdruck kommt. Unsere Kirchen sind gleichsam ein Symbol für die Aufforderung, die die Lesung des Osterfests aus dem Kolosserbrief an uns richtet: "Ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische!" (Kol 3,1f).
Wenn wir die Frage nach Gott stellen, wenn wir nach dem Sinn und Ziel unseres Lebens fragen, werden wir keine gültigen Antworten erhalten, wenn wir uns bei unserem Suchen nur auf das verlassen, was wir mit den Augen wahrnehmen, was wir mit unserem Verstand erkennen und beweisen können. Das irdische Dasein und das riesige Weltall lassen sich nicht aus sich selbst erklären. Wer das zu tun versucht, wird auf Irrwege gelangen und in einer Sackgasse enden. Das hat die Geschichte der Menschheit zur Genüge gezeigt, das hält uns auch die Situation der gegenwärtigen Welt warnend vor Augen. Der moderne Mensch mit seiner Selbstsicherheit, mit seinem übertriebenen Vertrauen auf die Leistungsfähigkeit von Wissenschaft und Technik hat sich zahlreiche Probleme geschaffen, die ihm schon längst über den Kopf gewachsen sind.
Unsere Gotteshäuser weisen uns bei unserer Suche nach Erkenntnis einen anderen Weg. Nicht der Mensch wird zu einer tragfähigen Einsicht gelangen, der sich auf sich selbst verlässt, sondern nur der, der bereit ist, nach oben zu schauen und sich von Gott belehren zu lassen. In Seinem Wort, das Gott uns in der Heiligen Schrift geschenkt hat, erhalten wir eine letzte und oft genug überraschende Antwort auf unsere Fragen und Zweifel. Alle diese Selbstkundgaben Gottes haben ihre Vollendung in der Botschaft Jesu gefunden. Im Jahre 2004 vernehmen wir an den Sonntagen meistens einen Evangeliumstext nach Lukas. Er betont in seiner Darstellung der Verkündigung und des Wirkens Jesu besonders stark Seine Liebe zu den Armen und den Sündern. Lukas spricht auch häufig davon, dass Jesus sich im Gebet in die Einsamkeit zurückzog, und er weist mehr als andere Schriften des Neuen Testaments auf das Wirken des Heiligen Geistes hin. Auch die rasche Vergänglichkeit des irdischen Daseins wird von Lukas immer wieder angesprochen. Durch so manchen Abschnitt aus dem Lukas-Evangelium wird uns unmissverständlich deutlich, worum es Jesus eigentlich ging.
Wer bereit ist, sich den Texten aus der Heiligen Schrift zu öffnen, sie auf sich wirken, sein Denken von ihnen prägen und sein Handeln im Alltag von ihnen bestimmen zu lassen, dem werden langsam die Geheimnisse des Lebens aufgehen, er wird die Verhältnisse auf unserer Erde sicherer beurteilen und schwierige Situationen besser bewältigen können. Dazu ist allerdings nur der Mensch fähig, der eine innere Haltung einnimmt, wie sie uns von jedem Gotteshaus nahegelegt wird: nicht auf die eigene Einsicht vertrauen, sondern nach oben schauen - sich Dem öffnen, der aus der Welt des Vaters kam, um uns Kunde von Gott zu bringen, um uns den Weg zum unvergänglichen Leben zu führen.
Die Gotteshäuser sind aber nicht nur dazu da, um uns den Sinn des irdischen Daseins und das Wesen des Menschen besser verstehen zu lehren. Alles, was die christliche Botschaft dem Menschen verheißt - Befreiung von den Sünden, die Gemeinschaft mit Gott, unzerstörbares, ewiges Leben - ist in jeder Kirche als lebendige Kraft gegenwärtig. In den heiligen Sakramenten wird uns Anteil am göttlichen Leben geschenkt - wenn auch auf geheimnisvolle Weise, die wir nicht sehen und mit unserem Verstand nicht fassen können. Dieses göttliche Leben nimmt in uns seinen ersten Anfang durch die Taufe und wird dann durch die Firmung vertieft und gefestigt. Im Sakrament der Beichte lässt sich Gott mit uns versöhnen, wenn wir in den Anforderungen des Alltags wieder einmal versagt haben. In der heiligen Kommunion kommt der menschgewordene Gottessohn in unsere Seele und wird eins mit uns - und zwar nicht nur als Symbol, sondern in den unscheinbaren Gestalten von Brot und Wein ist Christus wirklich unter uns, als Gott und als Mensch. Wenn wir uns in die Kirche begeben, um miteinander Gottesdienst zu feiern, dann erinnern wir uns nicht nur an den Tod und die Auferstehung des Herrn und darüber hinaus an Sein gesamtes Erlösungswerk, sondern bei jeder Eucharistiefeier wird Christus mit der Hingabe Seines Lebens unter uns volle Gegenwart. In einer Kirche begegnen wir also Gott selbst und erfahren an uns Sein erlösendes Handeln.
Noch eine dritte Bedeutung hat das Gotteshaus für uns - diesmal ergeht an uns ein Auftrag. Wenn wir eine Kirche betreten, um an einem Gottesdienst teilzunehmen, tun wir das nicht als einzelne Personen, die einander nichts angehen und keine Verantwortung füreinander tragen. Wir feiern vielmehr die heilige Eucharistie als eine Gemeinschaft, die miteinander ihren Glauben bekennt, die sich dadurch im Gottesdienst als eine Einheit erlebt. Diese Einheit und Gemeinsamkeit muss auch fortdauern, wenn wir die Kirche wieder verlassen. Dann stellt sich uns die Aufgabe, im Alltag ganz bewusst gemeinsam als Christen zu handeln, die Probleme der heutigen Welt auf der Grundlage unserer christlichen Überzeugung anzupacken und zu lösen versuchen.
Jesus hat unmittelbar vor Seiner Verhaftung beim letzten gemeinsamen Mahl Seinen Jüngern den Auftrag erteilt, dass sie untereinander eins bleiben, wie Jesus mit dem Vater im Himmel untrennbar eins ist. Dieses Einander-Begegnen der Christen in echter Güte und Hilfsbereitschaft soll das Zeichen sein, an dem Menschen, die der Kirche kritisch oder ablehnend gegenüberstehen, die Wahrheit der christlichen Botschaft und die verwandelnden Kräfte der Erlösung erkennen können. Unser Glaube muss auch heute noch die Kraft besitzen, die Verhältnisse auf der Erde nachhaltig zu verbessern.
Besinnen wir uns am Kirchweih-Sonntag wieder darauf, dass Gott in Seinem heiligen Haus durch Sein Wort unser Leben deutet und uns mit Seinen Gnadengaben stärkt. Seien wir aber auch bereit, durch unser Verhalten im Alltag unseren Mitmenschen von diesem Heilsangebot Gottes ein glaubwürdiges Zeugnis abzulegen!
05. Dezember 2004
2. Adventsonntag
Ein neuer Anfang
In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf und verkündete in der Wüste von Judäa: 2 Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. 3 Er war es, von dem der Prophet Jesaja gesagt hat: Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! 4 Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften; Heuschrecken und wilder Honig waren seine Nahrung. 5 Die Leute von Jerusalem und ganz Judäa und aus der ganzen Jordangegend zogen zu ihm hinaus; 6 sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen. 7 Als Johannes sah, dass viele Pharisäer und Sadduzäer zur Taufe kamen, sagte er zu ihnen: Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt? 8 Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt, 9 und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben ja Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen Kinder Abrahams machen. 10 Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. 11 Ich taufe euch nur mit Wasser (zum Zeichen) der Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe auszuziehen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. 12 Schon hält er die Schaufel in der Hand; er wird die Spreu vom Weizen trennen und den Weizen in seine Scheune bringen; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen. (Mt 3,1-12)
Johannes der Täufer steht vor uns als die große Gestalt, die die Zeit des Alten Bundes abschloss und von Gott beauftragt wurde, die Juden auf das Kommen Seines Sohnes vorzubereiten. Die Zeit, in der Johannes auftrat, war voll gespannter Erwartung. Im Jahre 63 vor Christus hatte der römische Feldherr Pompeius Palästina erobert und den jüdischen Staat dem römischen Reich eingegliedert. Seitdem hatten die Juden ihre politische Selbständigkeit verloren und waren auch bei der Ausübung ihrer Religion auf das Entgegenkommen der römischen Statthalter angewiesen.
Es wird uns deshalb nicht in Erstaunen versetzen, wenn wir aus zeitgenössischen Berichten erfahren, dass die Juden mit Ungeduld auf die Ankunft des verheißenen Messias warteten. Nie zuvor war die Sehnsucht nach diesem Boten Gottes so stark gewesen wie in der Zeit, in der Johannes lebte und wirkte. Die Juden waren fest davon überzeugt, der Messias werde sie mit unwiderstehlicher Waffengewalt von der römischen Fremdherrschaft befreien, er werde dann alle Menschen zwingen, die Gebote Gottes zu befolgen und dadurch das Reich Gottes auf der Erde errichten.
Im Evangelium des 2.Advents-Sonntags (Matthäus 3,1-12) dagegen fordert Johannes seine Zuhörer eindringlich auf, gewissenhaft zu überprüfen, ob ihr persönliches Verhältnis zu Gott noch in Ordnung ist. Nach seiner Vorstellung wird der Messias ein unerbittliches Gericht vollziehen, in dem die Lauen und Gleichgültigen, die sich unbekümmert über die Weisungen Gottes hinweggesetzt haben, ohne Nachsicht dem ewigen Verderben überantwortet werden. Um diesem drohenden Strafgericht zu entgehen, sollen die Menschen sich rechtzeitig besinnen und umkehren.
Um seinem Volk den Ernst der Lage eindringlich vor Augen zu führen, stellte sich der Täufer in seiner Kleidung und Lebensweise bewusst abseits der damaligen Kultur und Zivilisation. Dadurch lenkte er den Blick der Juden auf die Wüste und erinnerte sie an die Anfänge ihrer Heilsgeschichte. Während der vierzigjährigen Wanderung durch die Wüste durften die Israeliten immer wieder das rettende Eingreifen Gottes erfahren; hier offenbarte sich ihnen Gott am Berg Sinai, Er verkündete ihnen Seinen Willen und schloss mit ihnen einen immerwährenden Bund. Die Wüste war für Johannes auch der Ort der Stille, wo den Menschen nichts von Gott ablenkt und sich keine trennende Wand zwischen den Menschen und seinen Schöpfer schieben kann. Hierhin konnten die verlockenden Angebote der römischen Kultur nicht vordringen und dem Menschen in seinem Verhältnis zu Gott nicht zur Gefahr werden.
Johannes bezeugt durch seine Verkündigung eine tiefe Einsicht in das Wesen der Sünde. Für ihn ist die Sünde nicht nur eine einzelne Tat, die gegen ein bestimmtes Gebot Gottes verstößt. Sie bleibt auch nicht auf die eigene Person beschränkt, sondern sie wirkt sich unheilvoll auf andere Menschen aus. Vor allem aber ist die Sünde eine verderbliche Macht, die den Menschen blind werden lässt für die Schöpfungsordnung Gottes und für die richtige Einsicht in die Grundfragen des Lebens. Die Sünde ist somit nicht nur Ungehorsam gegen Gott, sondern ein unsachgemäßes Umgehen mit der Schöpfung. Durch sie werden sämtliche Beziehungen im menschlichen Dasein verkehrt: das Verhältnis des Menschen zu sich selbst, zur Umwelt und besonders zu Gott. Die Sünde richtet deshalb mit der Zeit den Menschen geistig und körperlich zugrunde, sie führt sogar ganze Völker und Staaten in Katastrophen und manchmal in den Untergang. Johannes verlangte darum von den Juden die Bereitschaft, durch den Blick auf Gott sich wieder Klarheit über den Auftrag des Lebens schenken zu lassen. Jeder soll sich darüber Gedanken machen, was Gott von ihm ganz persönlich erwartet, und angestrengt versuchen, das Erkannte in die Tat umzusetzen.
Der Angehörige des alttestamentlichen Gottesvolks musste allerdings zahlreiche Gebote erfüllen, ohne dass er jedes Mal das Weshalb und Wozu, den Sinn und die Absichten der einzelnen Vorschriften erkennen konnte. Deswegen war für die Israeliten Gott und Sein Verhalten häufig so unverständlich und rätselhaft. Für ihr Empfinden war Gott der unerbittliche Richter, der jeden Verstoß gegen Seine Forderungen unnachsichtig ahndet.
Durch die Botschaft Jesu erhalten wir die Möglichkeit, einen noch klareren und tieferen Einblick in das Wesen und die Macht der Sünde zu gewinnen. In Ihm ist die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes auf unserer Erde erschienen, Sein Erbarmen und Seine Gnade, Sein Heilsangebot an alle Menschen. Jesus kam nicht, um uns zu verurteilen; Er trug vielmehr unser Versagen und unsere Sünden an das Kreuz. Dadurch hat Er uns erlöst und mit Gott versöhnt. Durch Seinen Sohn hat Gott bewiesen, dass Er nicht der gnadenlose Richter ist, sondern der liebende und verständnisvolle Vater, dem es nicht um unsere Verurteilung, sondern allein um unsere Erlösung und unser ewiges Heil geht.
Sünde ist somit aus der Sicht Jesu nicht nur Ungehorsam gegen Gott, sondern im tiefsten die Weigerung des Menschen, die Güte und Großzügigkeit Gottes durch seine Gegenliebe zu beantworten. Der Ruf zur Umkehr bedeutet auch die Aufforderung, durch unser Verhalten die Liebe Gottes, die wir selbst empfangen haben, an unsere Mitmenschen weiterzuschenken. Die Liebe im Verständnis des Christentums hat also nichts Weltfremdes, Schwärmerisches, Verträumtes an sich; sie beinhaltet vielmehr die Bereitschaft zum nüchternen und angestrengten Dienst an unseren Mitmenschen - vor allem an denen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Das Gebot der Liebe will verhindern, dass wir Christen selbstsüchtig nur unser eigenes Heil anstreben, aber an der Not anderer und den Problemen unserer Zeit gleichgültig vorübergehen. Die Verwirklichung der Liebe hat zur Folge, dass die Verhältnisse auf der Erde ein - wenn auch unvollkommenes Spiegelbild der Heiligkeit Gottes werden.
Die Aufforderung zur Umkehr, die Johannes der Täufer mit großer Eindringlichkeit ausspricht und die in der Verkündigung Jesu ihren Höhepunkt erreicht, bedeutet die erlösende Antwort auf eine Sehnsucht, die unausgesprochen in zahlreichen Menschen lebendig ist. Viele sind mit sich unzufrieden, weil sie im Widerstreit zwischen ihren Idealen und ihrem tatsächlichen Verhalten leben, und möchten gerne aus diesem Zustand herausfinden. Viele leiden darunter, dass ihr Leben in einem Gewirr von falschen Kompromissen dahintreibt. Gerade beim Erleben des inneren Zwiespalts, der Uneinigkeit mit sich selbst, ist die Aufforderung zur Umkehr ein fruchtbarer Anknüpfungspunkt. Dieser Ruf will den Menschen Mut machen, im Vertrauen auf das Heilsangebot, das Gott an sie richtet, die Enge des Versagens und der Sünde zu durchbrechen. Der Ruf zur Umkehr will den Menschen sehend machen für die großen Pläne, die Gott mit jedem einzelnen von uns hat. Diese Aufforderung lädt uns ein, unsere Trägheit und Gleichgültigkeit gegenüber Gott zu überwinden und uns der schöpferischen Kraft des Heiligen Geistes zu öffnen.
Die Botschaft , die wir im Advent vernehmen, möchte uns wieder klar machen, dass Gott auf eine ganz andere Weise zu uns gekommen ist, als die Juden es sich damals vorstellten und wir es im Grunde genommen auch heute noch erwarten. Der Hinweis Johannes des Täufers auf die unmittelbar bevorstehende Ankunft des Messias und die Verwirklichung dieser Ankunft durch Jesus beweist wieder einmal, wie sehr das Handeln Gottes alle Heilserwartungen der Menschen übertrifft. Die Botschaft des Täufers fordert auch uns auf, uns in angemessener Weise auf die Menschwerdung des Sohnes Gottes vorzubereiten, damit Weihnachten für uns ein Fest der Gnade und des Heils werden kann!
3. Sonntag im Jahreskreis
Zum Dienen berufen
Sie gingen von dort weg und zogen durch Galiläa. Er wollte aber nicht, dass jemand davon erfuhr; denn er wollte seine Jünger über etwas belehren. Er sagte zu ihnen: Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert, und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen. Aber sie verstanden den Sinn seiner Worte nicht, scheuten sich jedoch, ihn zu fragen. Sie kamen nach Kafarnaum. Als er dann im Haus war, fragte er sie: Worüber habt ihr unterwegs gesprochen? Sie schwiegen, denn sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer (von ihnen) der Größte sei. Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein. Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen: Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat. ( Mk 9,30-37)
Für den Angehörigen des alttestamentlichen Glaubens erfüllte sich der Sinn seines Lebens hier auf dieser Erde. Die Gnade Gottes erfuhr er in Gesundheit, reichem Kindersegen, Wohlstand und allen nur erdenklichen Formen irdischen Glücks. Das Wohlwollen Gottes allein genügte aber den Juden zur Zeit Jesu nicht. Sie zogen ständig Vergleiche zu ihren Mitmenschen und wollten im Urteil Gottes besser dastehen als andere. Das hatte empfindliche Auswirkungen: Bei jeder Gelegenheit - sowohl im öffentlichen wie im privaten Leben - wurde die Frage gestellt, wer der Frömmere, Gesetzestreuere und damit der Würdigere sei. Die Beurteilung der dem einzelnen zustehenden Ehrerweise und die richtige Einordnung in die gesellschaftliche Rangordnung wurde als eine entscheidende Angelegenheit empfunden.
Dieses Problem war auch im Kreis der Jünger und dann in der Urkirche lebendig. Wiederholt ist in den Evangelien davon die Rede, dass die Jünger miteinander stritten, wer von ihnen der Größte sei. In späteren Zeiten ging es um die Rangordnung in den Gemeinden.
Durch diese Einstellung macht Jesus im Evangelium des 25.Sonntags im Jahreskreis (Mk 9,30-37) einen dicken Strich. Die Jünger waren der festen Überzeugung, dass in Jesus die Verheißungen der Propheten über den kommenden Messias Wirklichkeit geworden waren. Die Juden stellten sich damals den Messias als eine gewaltige Gestalt vor, der ihr Volk von der römischen Besatzungsmacht befreien und anschließend die ganze Menschheit zwingen wird, die Gebote Gottes zu befolgen. Jesus dagegen verkündet im vertrauten Kreis Seiner Jünger zum zweiten Mal die niederschmetternde Botschaft: "Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert, und sie werden Ihn töten; doch drei Tage nach Seinem Tod wird Er auferstehen." Jesus war sich sicher, dass Er eines gewaltsamen Todes sterben werde. Offensichtlich sah Er Sein Schicksal in den Weissagungen vom leidenden Gottesknecht im Buch des Propheten Jesaja vorgezeichnet. In allen Leidensankündigungen betont Jesus die Unumgänglichkeit Seines gewaltsamen Endes: "Der Menschensohn muss leiden." Durch diese Formulierung wird im Sprachgebrauch der Juden angedeutet, dass Gott selbst Seinem Sohn dieses grausame Schicksal zumutet.
Die Jünger aber reagieren auf diese Ankündigung entsetzt: Was Jesus hier voraussagt, zerstört ihre Vorstellungen vom Messias und lässt für sie eine Welt großartiger Hoffnungen zusammenbrechen. Aber obwohl sie den tieferen Sinn Seiner Worte nicht verstehen können, scheuen sie sich, ihren Meister nach ihm zu fragen.
Jesus ist nicht nur der überragende Lehrer, der den Menschen die Gesetze und Geheimnisse des Reiches Gottes offenbart, sondern Er verpflichtet Seine Jünger auch auf das Vorbild Seines Handelns und verlangt von ihnen, Ihm auf dem Weg des Kreuzes nachzufolgen. Das hat für ihr Verhalten ganz bestimmte Auswirkungen zur Folge, von denen nach sämtlichen Leidensankündigungen die Rede ist. Wieder einmal war es unter den Jüngern zu einem Rangstreit gekommen: "Sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei." Darauf erteilt Jesus ihnen die grundsätzliche Weisung: "Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein." Diese Forderung begründet Er mit Seinem eigenen Vorbild: "Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und Sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele" (Mk 10,45).
Wie soll nun diese Bereitschaft, den Mitmenschen zu dienen, konkret aussehen, in welcher geistigen Haltung soll sie erfolgen? Muss der Christ grundsätzlich bereit sein, seinen Mitmenschen bei der Erreichung ihrer Wünsche und Ziele behilflich zu sein? Ein Blick auf Jesus schenkt uns Klarheit bei der Beantwortung dieser Frage. Er hat sich von niemand für selbstsüchtige Zwecke und fragwürdige Ziele einspannen, Er hat sich von niemand auf eine niedrige Ebene herabziehen lassen, sondern Er blieb Seiner einzigartigen Würde als menschgewordener Sohn Gottes stets treu - Er war und blieb eine überlegene und erhabene Gestalt. Sein Dienst an den Menschen bestand darin, ihnen die Botschaft des Heils zu verkünden, sie von ihren Sünden und auch körperlichen Leiden zu befreien und ihnen den Weg voranzugehen, der nach dem Tod zur Auferstehung und Vollendung in der Ewigkeit des Himmels führt. Diesen Auftrag hat Jesus unter Verzicht auf irdische Absicherungen uneingeschränkt und kompromisslos verwirklicht - für ihn war Er sogar bereit, das eigene Leben in einen qualvollen Tod hinzugeben. Jesus fühlte sich allein Seinem Vater verantwortlich.
Wenn wir das Vorbild Jesu auf uns wirken lassen, dann erkennen wir, wie wir im Auftrag Jesu unseren Mitmenschen zu dienen haben und wo die Grenzen unseres Entgegenkommens liegen. Dienstbereitschaft im Sinne Jesu verlangt nicht, dass der Christ seinen Mitmenschen für alles zur Verfügung stehen muss. Dienen im neutestamentlichen Sinn bedeutet nicht, sich eine doppelte Moral gefallen zu lassen, sich als wehrloser Abhängiger ausbeuten, sich als sozial Schwacher, als Gastarbeiter, als Ausländer zum Bürger dritter Klasse abstempeln zu lassen. Christsein bedeutet noch lange nicht, sich grundsätzlich in die untere Ebene der gesellschaftlichen Stufenleiter einweisen zu lassen. Auf der anderen Seite sind leitende Stellungen in Politik, Wirtschaft und in den vielfältigen Bereichen der Gesellschaft häufig geprägt von Machtmissbrauch und dem Streben nach finanziellem Gewinn. Gegen dieses Verhalten muss der Christ seine Auffassung von Verantwortung stellen. Dienen im Sinne Jesu verlangt, nicht seinen eigenen Vorteil und eine persönliche Machtposition anzustreben, sondern seine Fähigkeiten und Kräfte einzusetzen für den Aufbau einer Welt, die den Weisungen Gottes entspricht, sowie ein wachsames Auge und ein mitfühlendes Herz zu haben für die Anliegen, Sorgen und Nöte der Mitmenschen. Nicht das Streben nach Eigennutz, sondern der Einsatz zum richtig verstandenen Wohl anderer ist das verpflichtende Vermächtnis, das Jesus Seinen Jüngern hinterlassen hat. Das meint Er, wenn Er uns zum Dienen auffordert.
Zahlreiche Menschen unserer Tage, denen es nur um irdische Erfolge geht, fühlen sich durch diese Einstellung der Christen verurteilt und angegriffen und holen zum Gegenschlag aus: Sie antworten auf die Moral der Christen mit Ablehnung und Anfeindung. Dann bekommt der Jünger Jesu in seinem Leben das Kreuz deutlich zu spüren. In dieser Situation ist der Christ darauf angewiesen, das Kreuz Jesu auf seinen tiefsten Sinn zu befragen. Schon ehe der heilige Apostel Paulus seine Briefe verfasste, wurden in der Urkirche wunderbar formulierte Sätze verkündet: "Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, w.-a Gott zu sein, sondern Er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis. zum Tod am Kreuz. Darum hat Ihn Gott Über alle erhöht und Ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesus und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr - zur Ehre Gottes, des Vaters" (Philipper 2,6-11). Jesus lebte also seit Ewigkeit in der Herrlichkeit Gottes; aber Er hat sich in der Menschwerdung selbst erniedrigt und wurde gehorsam bis zum Tod. Deswegen hat Gott Ihn verherrlicht, so dass Er nun auch als Mensch der Kyrios, der Herr ist.
Markus hat sein Evangelium so aufgebaut, dass die gesamte Verkündigung Jesu, Seine Wundertaten und sämtliche anderen Ereignisse in Seinem Leben ihre letzte Bestätigung erst durch das Oster-Ereignis erhalten. Jesus hat durch Seine Auferstehung die Macht des Bösen und der Vergänglichkeit grundsätzlich überwunden. Der Evangelist Markus sieht deshalb Kreuz und Auferstehung, Erniedrigung und Erhöhung Jesu als eine Einheit. An Ostern ist die entscheidende Wende für das Schicksal der ganzen Menschheit erfolgt. Somit lautet das Messias-Geheimnis bei Markus: Erst durch die Auferstehung können wir erkennen, wer Jesus eigentlich ist. So erhält auch das gewaltsame Ende Jesu am Kreuz eine überraschende Deutung.
Diese Erkenntnis ließ dem heiligen Apostel Paulus alles andere in seinem Leben und in der Welt als nebensächlich, ja geradezu als bedeutungslos erscheinen. Wenn der Christ die Unannehmlichkeiten, Enttäuschungen und Härten seines Lebens als eine unzumutbare Last empfindet, dann versichert ihm der Glaube, dass hinter dem Kreuz bereits die Strahlen der Auferstehung und Verklärung aufleuchten -in der Erniedrigung Jesu erfolgte unsichtbar schon die Erhöhung. Dadurch schenkt die Botschaft von Ostern den Lasten und Leiden unseres irdischen Daseins eine völlig neue Deutung.
In diese Selbsterniedrigung Jesu, die durch Sein Dienen bis zum Tod zur Besiegung des Todes und zu Seiner Herrschaft über das Weltall führte, ist die gesamte Menschheit einbezogen. Für den Glaubenden hat inmitten aller Schwierigkeiten und Trübsale dieser Welt die Auferstehung bereits begonnen. Sie vollzieht sich dadurch, dass wir durch die Taufe und das Wirken der Gnade zu erlösten Abbildern unseres Schöpfers werden - der heilige Apostel Paulus spricht von einem neuen Geschöpf, vom Tempel des Heiligen Geistes. Bei dieser Neugeburt des glaubenden Christen geht es aber nicht großartig und triumphalistisch zu, sondern verborgen, unauffällig und bescheiden. Gott will auch nicht, dass Seine Kirche sich das Gewand von irdischer Macht- und Prachtentfaltung anlegt. Gott selbst lässt anscheinend Seine Macht die Menschheit ebenfalls nicht spüren, Er rührt sich nicht, Er sieht allem Unrecht und allen Grausamkeiten unbeteiligt zu - manche Menschen haben den Eindruck, als ob es Ihn überhaupt nicht gäbe. Er ist nach der Heimkehr Seines Sohnes wieder in die Verborgenheit, in das Geheimnis Seines göttlichen Daseins eingetreten. Deswegen heißt es jetzt erst recht glauben und vertrauen.
Die Neugeburt und Erhöhung des Menschen erfolgt also nicht als eine machtvolle Glorifizierung, sondern sie steht unter dem Auftrag des Dienens und des Kreuztragens. Die Erlösung des Glaubenden geschieht nicht nur durch die heiligen Sakramente, durch die wir eins werden mit Christus, sondern sie bezieht sich durch unser Verhalten und unsere Taten auch auf unseren ganz gewöhnlichen Alltag. Der auferstandene Herr wird durch das Handeln von uns Christen auf der Erde anderen Menschen sichtbar. Die Art und Richtung unseres Einsatzes wird von den Problemen und Nöten der gegenwärtigen Menschheit bestimmt. Vergessen wir nicht: Jesus hat sich mit den Kleinen und Schwachen identifiziert; durch Ihn wiederum erklärt sich Gott solidarisch mit den Benachteiligten. Entscheidend dafür, dass Ostern in der heutigen Welt Wirklichkeit werden kann, ist, dass die Christen sich weltweit um die Gestaltung einer Gesellschaft bemühen, die von Gerechtigkeit, Hilfsbereitschaft und Frieden geprägt ist, dass sie die Wirtschaft und Industrie so entwickeln, dass sie den Menschen dienen und die Schöpfung nicht gefährden oder gar zerstören, dass sie an gesellschaftlichen und sozialen Verhältnissen arbeiten, die den Weisungen Gottes entsprechen.
Weil der Glaubende erkannt hat, dass durch die Selbsterniedrigung und das Kreuz des Sohnes Gottes die Schicksalswende für die ganze Menschheit erfolgt ist aus der alles Heil und aller Segen strömen, weiß er auch, welche Bedeutung sein Dienst und seine Bereitschaft, das ihm von Gott zugedachte Kreuz zu tragen, für seine persönliche Erlösung und für das Heil seiner Mitmenschen besitzen. Das schenkt ihm Klarheit, Mut und Kraft, den Auftrag Gottes zu erfüllen.
06. März 2005
4. Fastensonntag
Wandel im Licht
Denn einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr durch den Herrn Licht geworden. Lebt als Kinder des Lichts! Das Licht bringt lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervor. Prüft, was dem Herrn gefällt, und habt nichts gemein mit den Werken der Finsternis, die keine Frucht bringen, sondern deckt sie auf! Denn man muss sich schämen, von dem, was sie heimlich tun, auch nur zu reden. Alles, was aufgedeckt ist, wird vom Licht erleuchtet. Alles Erleuchtete aber ist Licht. Deshalb heißt es: Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein. Eph 5,8-14
"Einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr durch den Herrn Licht geworden." Dieser Satz ist die entscheidende Aussage in der neutestamentlichen Lesung des 4. Fastensonntags, die dem Epheser-Brief entnommen ist (5,8-14). Wir moderne Menschen des 21.Jahrhunderts können uns allerdings kaum mehr vorstellen, welch gewaltige Wucht hinter diesen Worten steht. Für uns ist es eine Kleinigkeit, durch einen leichten Druck auf den Schalter Dunkelheit in Licht zu verwandeln. Für die Menschen des Altertums dagegen war das eine recht umständliche Angelegenheit. Strahlendes, helles, klares Licht gab es außerdem nur für die Angehörigen der wohlhabenden Gesellschaftsschichten; einfache Leute dagegen mussten sich mit einer ziemlich trüben Funzel zufrieden geben - mehr konnten sie sich nicht leisten. Deswegen ist es nicht erstaunlich, dass für die Menschen der Antike die Finsternis etwas Unheimliches und das Leben Bedrohendes bedeutete.
Vielleicht können wir jetzt erahnen, was der Verfasser unserer Lesung meinte, wenn er das Leben der Christen als einen Wandel im Licht bezeichnet. Durch diese Feststellung zieht er einen scharfen Trennungsstrich zwischen dem Zustand nach der Taufe und dem vorausgegangenen Leben im Heidentum. Durch die Annahme des Glaubens erfährt der Christ eine tief greifende Veränderung, die sich im Heilsgeschehen der Taufe vollzieht. Die Gemeinschaft mit Christus hat zur Folge, dass der Getaufte ganz von der Gnade durchdrungen und dadurch gleichsam ein Licht in ihm entzündet wird, das auch andere Menschen erleuchten möchte.
Uns heutigen Christen kommt dieser Unterschied gar nicht mehr so richtig zum Bewusstsein. Die meisten von uns wurden in den ersten Wochen ihres irdischen Daseins getauft; wir sind in einer christlichen Familie aufgewachsen und leben in einer Umwelt, die noch einigermaßen von christlichen Wertvorstellungen geprägt ist. Ganz anders verlief die Entwicklung bei den meisten Christen des 1.Jahrhunderts. Sie waren ursprünglich Angehörige einer heidnischen Religion und begegneten als Erwachsene eines Tages einem christlichen Glaubensboten, der ihnen versicherte, die ganze Menschheit sei durch den Tod und die Auferstehung des Sohnes Gottes erlöst und zum ewigen Leben berufen. Diese Botschaft schenkte den Fragen ihres Lebens eine so klare Sinndeutung und einen so starken Halt, dass sie sich der Kirche Jesu Christi anschlossen, obwohl diese vom römischen Staat verfolgt wurde. Der neue Glaube hatte auf die Einstellung der Christen zum Leben einschneidende Auswirkungen. Sie entfalteten im Alltag einen Lebensstil, durch den sie sich deutlich von ihrer heidnischen Umgebung abhoben. So nahmen die Christen grundsätzlich nicht an grausamen Zirkusspielen und ausgelassenen Theateraufführungen statt.
Im Gegensatz dazu hat der Glaube bei vielen Christen unserer Tage keine spürbaren Auswirkungen mehr. Ihr Lebensstil unterscheidet sich kaum noch von nichtgläubigen Umgebung. Zahlreiche moderne Christen schwimmen ganz bewusst im Strom der heutigen Zeitverhältnisse mit. Sie gehen den Weg des geringsten Widerstands und passen sich grundsätzlich überall an, um ja nicht aufzufallen, um nirgends anzuecken und nicht in die Gefahr zu geraten, Unverständnis, Benachteiligungen oder gar Anfeindungen hinnehmen zu müssen. Da ist es nicht erstaunlich, dass sich manche Christen die ernstgemeine Frage stellen, wodurch sich ihr Leben eigentlich von dem der nichtglaubenden Mitmenschen unterscheidet.
Dazu kommt noch ein weiteres: Unsere Lesung beschreibt das Dasein des Christen als ein Schreiten im Licht. Aber wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass trotz der Taufe, trotz regelmäßigem Gottesdienstbesuch und Empfang der heiligen Sakramente in uns nach wie vor unausgeglichene Neigungen vorhanden sind, die wir nur schwer oder überhaupt nicht in den Griff bekommen. Mit einem modernen Ausdruck nennen wir das unser "negatives Erbgut"; der heilige Apostel Paulus spricht in diesem Zusammenhang vom alten Adam oder vom alten Sauerteig. Der heutige Leser wird sich deshalb gegen die starke Betonung des Einst und Jetzt, des Gegensatzes zwischen Licht und Finsternis zur Wehr setzen. Wenn der Christ auch noch nach der Taufe gegen Fehler und Versagen ankämpfen muss, welche Wirkung hat dann die Taufgnade in ihm hervorgebracht? Dann ist in Wirklichkeit auch danach alles weitgehend beim Alten geblieben! Mit der Kraft der Gnade, den glaubenden Menschen zu verwandeln, scheint es dann doch nicht recht weit her zu sein. Der Zwiespalt, in dem der Christ sich befindet und den er während seines ganzen Lebens unangenehm zu spüren bekommt, lässt in ihm die grundsätzliche Frage entstehen: Was hat sich durch die Taufe in uns eigentlich geändert? Hat der Verfasser unserer Lesung diesen Tatbestand übersehen oder gar bewusst verschwiegen?
Dieser kennt die Probleme, mit denen sich ein Christ auseinandersetzen und abmühen muss, nur zu genau. Auch der heilige Apostel Paulus macht immer wieder auf die Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen den Forderungen des Evangeliums und mangelhafter oder zumindest unzureichender Verwirklichung im täglichen Leben aufmerksam. Die Taufe hat nicht zur Folge, dass uns der Zustand der Vollkommenheit mühelos in den Schoß gelegt wird. Paulus betont, dass der Mensch durch die Taufe nicht mit einem Schlag und nicht vollständig von den bisher in ihm wirkenden unguten Kräften befreit wird. Die Erlösung ist nicht im Sinn einer sofortigen Verwandlung zu verstehen, sondern sie stellt vielmehr einen lebenslangen Reifeprozess dar, in dessen Verlauf sich der Christ angestrengt bemühen muss, seine Schwächen zu überwinden und sich von der Gnade zu einem besseren Menschen umgestalten zu lassen. Seien wir bereit, uns dieser Aufgabe zu stellen! Dann kann die Gnade ihr Licht ungehindert in uns zum Leuchten bringen.
17. April 2005
4. Ostersonntag
Die Bewältigung des Leids
Wenn ihr aber recht handelt und trotzdem Leiden erduldet, das ist eine Gnade in den Augen Gottes. Dazu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt. Er hat keine Sünde begangen, und in seinem Mund war kein trügerisches Wort. Er wurde geschmäht, schmähte aber nicht; er litt, drohte aber nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter. Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünden und für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt. Denn ihr hattet euch verirrt wie Schafe, jetzt aber seid ihr heimgekehrt zum Hirten und Bischof eurer Seelen. 1.Petrusbrief (2,20b-25)
Die Lesung des 4.Ostersonntags aus dem 1.Petrusbrief (2,20b-25) behandelt das Problem, dass ein Sklave gewissenhaft seine Pflichten erfüllt und trotzdem von seinem Herrn hart behandelt wird - nur aus dem Grund, weil er Christ ist und ein Leben führt, das seinem Glauben entspricht. Die davon betroffenen Sklaven werden aufgefordert, sich ihren heidnischen Herren unterzuordnen und die ungerechte Behandlung ohne Auflehnung hinzunehmen; denn unverschuldete Leiden sind ein besonderes Gnadengeschenk Gottes. Eine solche Aufforderung stellt das menschliche Gerechtigkeitsgefühl allerdings auf eine harte Probe. Als Begründung weist unser Text auf das Vorbild Jesu hin, der geduldig gelitten hat, obwohl Er selbst keine Sünde begangen hatte. Die Ausführungen unserer Lesung gehören zu den tiefsten Aussagen über das Leiden Jesu im gesamten Neuen Testament: "Er hat keine Sünde begangen und in Seinem Mund war kein trügerisches Wort. Er wurde geschmäht, schmähte aber nicht; Er litt, drohte aber nicht, sondern überließ Seine Sache dem gerechten Richter. Er hat unsere Sünden mit Seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünden und für die Gerechtigkeit leben. Durch Seine Wunden seid ihr geheilt."
Der Verfasser knüpft an die Weissagungen des Propheten Deutero-Jesaja vom unschuldig leidenden Gottesknecht an, der die Sünden der Menschen auf sich nimmt und dadurch ihre Erlösung bewirkt. Diese Weissagungen haben im Tod Jesu ihre Erfüllung gefunden. Er hat alle Anfeindungen Seiner Gegner geduldig auf sich genommen, angefangen bei den Schmähungen und Verleumdungen bis zu körperlichen Misshandlungen. Jesus sann nicht auf Rache, sondern Er bat noch am Kreuz den Vater im Himmel: "Vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!" (Lk 23,34)..
Jesus hat durch die freiwillige Hingabe Seines Lebens die ganze Menschheit mit Gott versöhnt. Dadurch hat Er sich als der wahre Hirte der Menschen erwiesen. Durch diese Erlösungstat hat unser irdisches Dasein, das bis dahin ziellos in die Irre lief, einen völlig neuen Sinn und eine klare Richtung erhalten. Wer an diese Botschaft glaubt, ist aufgerufen, Jesus auf dem Weg des Kreuzes nachzufolgen. Geduldiges Ertragen von Unrecht gehört ausdrücklich zur Berufung und Aufgabe eines Christen. Man denke nur an die Bergpredigt, in der Jesus Seine Jünger unmissverständlich auffordert, dem, der ihnen auf die eine Wange schlägt, auch noch die andere hinzuhalten (Mt 5,39).
Die Bereitschaft, mit der Jesus Anfeindungen und einen qualvollen Tod auf sich nahm, passt allerdings nicht zu den Grundsätzen, nach denen der moderne Mensch des 21. Jahrhunderts sein Leben gestalten möchte. Er fordert das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit und eine gerechte Behandlung durch andere. Deshalb drängt sich manchem unserer Zeitgenossen die Frage auf: Werden durch unsere Lesung nicht menschenunwürdige Verhältnisse der Benachteiligung, der Unterdrückung und Ausbeutung mit religiösen Gründen gerechtfertigt und sogar als von Gott gewollt und damit als unabänderlich hingestellt? Hat ein Christ kein Recht, sich gegen ein solches Schicksal aufzulehnen - ausgerechnet in einer Zeit, in der weltweit die Anteilnahme und Empörung wächst, wenn Menschen die grundlegendsten Lebensrechte verweigert werden?
Dadurch, dass unser Text die ungerechte Behandlung von Sklaven als im Gegensatz zum Willen Gottes stehend und damit als Sünde bezeichnet, wird allen Menschen, die ihre Macht und ihren Reichtum zum Schaden und zur Unterdrückung anderer missbrauchen, von vornherein die Möglichkeit genommen, sich zur Rechtfertigung ihres Verhaltens auf das Neue Testament zu berufen. Jesus hat uns nicht beauftragt, ungerechte oder sogar unmenschliche Verhältnisse zu verteidigen; Er hat uns vielmehr zum Dienst an Not leidenden, zur Beseitigung von Unrecht und Gewalt aufgefordert. Der gesamte Lebensweg Jesu lässt sich nur als eine tiefe Verbundenheit mit allen Menschen erklären, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Das Vorbild Jesu muss für unser eigenes Handeln weitreichende Auswirkungen haben; sonst können wir nicht den Anspruch erheben, dass wir das Erlösungswerk Jesu verstanden haben und in Seiner Nachfolge stehen.
So manches Unrecht und Leid auf unserer Erde lässt sich allerdings nicht ohne weiteres ändern. Die Hartherzigkeit und Besitzgier vieler Menschen scheinen unüberwindlich zu sein. Dieser Tatsache gilt die Aufforderung unserer Lesung, als Benachteiligter nach dem Vorbild Jesu Unrecht widerstandslos hinzunehmen. Sie ist aber nicht gemeint im Sinn eines ohnmächtigen Sich-Ergebens in ein Leid erfülltes Schicksal, sondern als Hilfe, Ungerechtigkeiten geistig zu bewältigen. Jesus ist an dem Ihm zugefügten Unrecht nicht gescheitert, sondern Er hat durch Seine Auferstehung Hass, Anfeindungen, Gewalt und Tod für immer überwunden. Jesus hat uns in unseren Nöten nicht allein gelassen, sondern Er hat die Härten des irdischen Daseins mit uns geteilt und sie durch Seinen Tod und Seine Auferstehung in einen Sieg verwandelt. Dadurch erhalten auch die Lasten unseres eigenen Lebens einen tragenden Sinn und einen kostbaren Wert; denn sie sind hineingenommen in den Opfertod Jesu.
Der Christ, der auf Karfreitag und Ostern blickt, erhält dadurch die Kraft, sein persönliches Leid zu meistern. Zahlreiche Menschen werden durch Enttäuschungen und Not verbittert und gehässig. Und doch begegnen wir immer wieder Menschen, die an dem Unrecht, das ihnen zugefügt wurde, nicht zerbrochen sind; das Leid hat sie vielmehr reifer gemacht. Sie strahlen Ruhe, Güte, geistige Überlegenheit aus - der Glaube an den Erlösungstod und die Auferstehung Jesu hat ihnen die Kraft geschenkt, ihr Kreuz anzunehmen. Diese Menschen lassen uns erkennen, welche Bedeutung das Leid für unser Leben besitzt: es verlangt von uns nicht, dass wir uns mit dem auf der Erde herrschenden Unrecht abfinden; es hat nicht den Sinn einer-hilflosen Kapitulation vor Mißständen, Ausbeutung und Gewalt. Das Leid fordert uns vielmehr auf zu versuchen, das Böse durch die Kraft des Guten zu besiegen, zugleich aber auch, uns mit Nachdruck und Entschiedenheit für eine Welt der Gerechtigkeit, des Miteinanders und des Friedens einzusetzen. Seien wir dazu mit Hilfe der Gnade Gottes bereit!
29. Mai 2005
9. Sonntag im Jahreskreis
Gottes Gerechtigkeit
Jetzt aber ist unabhängig vom Gesetz die Gerechtigkeit Gottes offenbart worden, bezeugt vom Gesetz und von den Propheten: die Gerechtigkeit Gottes aus dem Glauben an Jesus Christus, offenbart für alle, die glauben. Denn es gibt keinen Unterschied: Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren. Ohne es verdient zu haben, werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus. Ihn hat Gott dazu bestimmt, Sühne zu leisten mit seinem Blut, Sühne, wirksam durch Glauben Denn wir sind der Überzeugung, dss der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes.
Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt. Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten, und haben wir nicht mit deinem Namen Dämonen ausgetrieben und mit deinem Namen viele Wunder vollbracht? Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Übertreter des Gesetzes! Röm 3,21-25a.28
Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt. Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten, und haben wir nicht mit deinem Namen Dämonen ausgetrieben und mit deinem Namen viele Wunder vollbracht? Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Übertreter des Gesetzes! Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut. Wer aber meine Worte hört und nicht danach handelt, ist wie ein unvernünftiger Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es ein und wurde völlig zerstört. Mt 7,21-27
Wer das Evangelium (Mt 7,21-27) und die Lesung aus dem Römerbrief (3,21-25a.28) am 9.Sonntag im Jahreskreis aufmerksam liest oder hört, dem fällt sicher auf, dass in ihnen zwei Behauptungen aufgestellt werden, die auf den ersten Blick in einem unvereinbaren Gegensatz zueinander zu stehen scheinen. Im letzten Satz unserer Lesung schreibt der heilige Apostel Paulus: "Denn wir sind der Überzeugung, dass der Mensch durch Glauben gerecht wird, unabhängig von Werken des Gesetzes." Im ersten Vers des Evangeliums-Textes dagegen warnt Jesus Seine Jünger eindringlich: "Nicht jeder, der zu Mir sagt: Herr, Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur der, der den Willen Meines Vaters im Himmel erfüllt." Paulus scheint' also die Ansicht zu vertreten, dass der Mensch nur auf Grund seines Glaubens erlöst wird; Jesus aber fordert ausdrücklich konkrete Taten.
Unsere Lesung ist trotz ihrer Kürze das theologische Kernstück des Römerbriefes. In den wenigen Sätzen geht es nämlich um die entscheidende Frage, was der Mensch tun muss, damit sich Gott ihm mit Seinem Erbarmen und Seiner Gnade zuwendet - oder in der theologischen Fachsprache ausgedrückt: damit der Mensch vor Gott gerecht wird. Das führt uns mitten hinein in das Grundproblem unserer Erlösung.
Bis heute hat sich bei uns Christen die Vorstellung erhalten, Gott sei deswegen das Urbild der Gerechtigkeit, weil Er ohne Ansehen der Person das Gute belohnt und das Böse bestraft - so wie jeder es verdient. Davon waren auch die jüdischen Theologen zur Zeit Jesu überzeugt. Um die Gnade Gottes zu erlangen, war es ihrer Ansicht nach notwendig, häufig Almosen zu spenden und andere gute Werke zu vollbringen, zahlreiche Gebete zu verrichten und streng zu fasten. Nach ihrer Lehre erhielt der Mensch durch die gewissenhafte Befolgung der Vorschriften des alttestamentlichen Gesetzes geradezu einen Rechtsanspruch auf Gottes Wohlwollen und Erbarmen.
Gegen diese Auffassung nimmt der heilige Apostel Paulus mit unerbittlicher Schärfe Stellung. Für ihn vermag der Mensch in religiös-sittlicher Hinsicht nicht allzu viel zu leisten. Wer sich auf seine eigenen natürlichen Kräfte verlässt, muss notwendigerweise scheitern. Seit der ersten Sünde ist der Mensch aus der gnadenvollen Gemeinschaft mit Gott, in der er ursprünglich stand, ausgebrochen und hat dadurch das Heil verloren. Seitdem schlummert in ihm eine tief verwurzelte Neigung, sich gegen Gott aufzulehnen und die von Ihm gesetzten Grenzen zu missachten. Wenn Gott den Menschen trotzdem immer wieder entgegengekommen ist und ihnen Seine Gnade geschenkt hat, so war das nicht ihr Verdienst, sondern dieser neue heilvolle Zustand war ausschließlich ein Geschenk der Großzügigkeit und Liebe Gottes.
Mit Recht erhobt deshalb Paulus gegen die Vorstellungen der Gesetzeslehrer und Pharisäer über die Gerechtigkeit Gottes, die sich angeblich nach dem menschlichen Bemühen richtet, scharfen Protest. Das Vertrauen auf die eigenen Leistungen verleitete die Juden nur zu einer verkehrten Selbstsicherheit und Überheblichkeit und täuschte sie darüber hinweg, dass sie ganz auf Gott angewiesen und von Ihm abhängig waren. Die Situation des Menschen ist zutiefst von Sünde und Versagen geprägt; er wird nie fähig sein, den Willen Gottes in seinem vollen Umfang zu erfüllen. Darum kann er das Heil grundsätzlich nur durch das Entgegenkommen und Erbarmen Gottes erreichen.
Der heilige Apostel Paulus begnügt sich aber nicht damit, die Auffassungen der gesetzestreuen Juden radikal abzulehnen, sondern er kann den Menschen eine geradezu beglückende Botschaft verkünden- "Jetzt ist unabhängig vom Gesetz die Gerechtigkeit' Gottes geoffenbart worden ... für alle, die glauben. Denn es gibt keinen Unterschied: Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren. Ohne es verdient zu haben, werden sie gerecht, dank Seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus. Ihn hat Gott dazu bestimmt, Sühne zu leisten mit Seinem Blut, Sühne, wirksam durch Glauben."
Der Gott, den Israel während seiner langen Geschichte immer wieder von neuem als den Verzeihenden und Gütigen erfahren durfte, hat sich in Seinem Sohn Jesus den Menschen zu erkennen gegeben. Jesus war für die Menschen da und lebte unter ihnen nicht wie einer, der sich huldigen und bedienen lässt, sondern vielmehr als einer, der anderen diente. Er nahm das Schicksal eines Verachteten und Ausgestoßenen auf sich; Er war als der absolut Sündenlose sogar bereit, das eigene Leben zur Erlösung der gesamten Menschheit hinzugeben. Aber gerade in Seiner tiefsten Erniedrigung, in Seinem qualvollen Sterben am Kreuz, ereignete sich das Unerwartete: Aus dem Tod entstand unvergängliches Leben, aus der Gottesferne die Aufnahme in die gnadenvolle Gemeinschaft mit dem Schöpfer des Weltalls. Durch den Tod und die Auferstehung Seines Sohnes hat Gott nicht nur das auserwählte Volk Israel, sondern alle Menschen ohne Ausnahme in das Angebot des Heils hineingenommen.
In Jesus Christus wird endgültig und unwiderruflich deutlich, wer Gott ist: nicht der strenge Richter, der die Fehler und das Versagen der Menschen unerbittlich bestraft, sondern der gütige Vater im Himmel, der sich in Seiner überströmenden Liebe verschenkt, der sich den Menschen sogar bis zur Preisgabe Seiner selbst ausliefert. Jesus hat eine Tat vollbracht, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann; ihre Auswirkungen behalten vielmehr ihre Gültigkeit bis zum Ende der gegenwärtigen Welt. Durch Seinen Sohn hat Gott die ganze Menschheit für immer als Seine geliebten Kinder angenommen.
Seit dem Tod Jesu können wir das Heil weniger als je zuvor durch unsere eigenen Anstrengungen erreichen. Der Grund für Gottes Wohlwollen uns gegenüber liegt ausschließlich in der Bereitschaft Jesu, sich selbst gleichsam als Sühnopfer für die gesamte Menschheit hinzugeben. Auf dieses unverdiente Angebot kann der Mensch nur dadurch antworten, dass er es annimmt und sich von Gott beschenken lässt oder - anders ausgedrückt -, dass er an das Erlösungswerk Jesu glaubt. Dies zu betonen, wird der heilige Apostel Paulus niemals müde.
Wenn Paulus vom Glauben spricht, dann meint er selbstverständlich, dass der Glaube nicht im Bereich des Verstandes und der Theorie stehen bleiben darf, sondern er muss seine Auswirkungen auf das gesamte Leben eines Christen haben. Paulus will nur klarstellen, dass die Leistungen eines Menschen keinen Anspruch auf die Gnade Gottes zur Folge haben. Die Bemühungen und der Einsatz eines Christen sind vielmehr die unumgängliche Konsequenz aus der neuen Sicht des Lebens, die ihm der Glaube an Jesus geschenkt hat.
Damit verschmelzen die beiden scheinbar gegensätzlichen Aussagen unseres Evangeliums-Textes und der Lesung aus dem Römerbrief nahtlos ineinander. Zahlreiche Christen verlassen sich zu Recht darauf, dass Jesus die Sünden auch ihres Lebens auf sich genommen und sie dadurch getilgt hat. Sie entschuldigen sich dann aber allzu leicht von der Aufgabe, nach den Forderungen Jesu zu fragen und ihr Verhalten im Alltag von Seiner Botschaft und Seinem Vorbild prägen zu lassen. Deshalb sieht sich Jesus veranlasst, Seine Jünger vor Leichtsinn und Gleichgültigkeit in Seiner Nachfolge zu warnen. Wer sich vor der Erfüllung des Auftrags drückt, den Jesus jedem Jünger erteilt, für den wird es einmal ein unangenehmes oder sogar schreckliches Erwachen geben. Wer sich völlig unbekümmert über die Weisungen Jesu hinwegsetzt, muss im schlimmsten Fall damit rechnen, dass Gott ihm die Aufnahme in Seine ewige Herrlichkeit verweigert. Der davon betroffene Christ wird dann zu spät erkennen, dass er den eigentlichen Sinn seines irdischen Daseins verfehlt hat, weil er sich mit einem bloßen Lippenbekenntnis zu Christus begnügte.
Lassen wir uns durch unsere beiden Texte aus dem Neuen Testament wieder daran erinnern, dass wir unsere Berufung zur Vollendung im ewigen Reich Gottes nur Seiner unendlichen Güte und Barmherzigkeit verdanken. Vergessen wir aber auch nicht, dass sich für uns daraus die Verpflichtung ergibt, nach bester Möglichkeit den Willen Gottes zu erfüllen. Prüfen wir uns regelmäßig, ob und wieweit das in unserem Leben der Fall ist!
10. Juli 2005
15. Sonntag im Jahreskreis
Gottes Wort ist mächtig
Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe Jes 55,10-11.
Nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 586 vor Christus wurde ein Großteil des jüdischen Volkes in die Verbannung nach Babylon verschleppt. Hier, im Exil, gab es für die Juden keinen eigenen Staat mehr, keinen König, keinen Tempel und keinen Kult; die Verbannten mussten in einer heidnischen Umwelt leben. Der gemeinsame Glaube an den Gott ihres Volkes und ihrer Vorfahren war die einzige Stütze, die ihren Zusammenhalt sicherte. Für das auserwählte Volk schien die Lage ziemlich aussichtslos zu sein. Ihre Verbannung wurde deshalb von den Juden als Strafgericht Gottes dafür aufgefasst, dass sie fortwährend gegen die Vorschriften des alttestamentlichen Gesetzes verstoßen und die warnenden Worte der Propheten missachtet hatten. Da trat unter den Verbannten in Babylon ein Prophet auf, dessen Name uns unbekannt ist; seine Botschaft dagegen ist uns in den Kapiteln 40 - 55 des Buches Jesaja überliefert. Der Auftrag, den er von Gott erhielt, bestand darin, seinen Leidensgefährten im Exil Trost und Hoffnung zuzusprechen. In einer für die Juden ausweglosen Situation verkündete er im Namen Gottes: "Wie der Regen und der Schnee vom Himmel fallen und dorthin nicht zurückkehren, sondern die Erde tränken, dass sie keimt und sprosst, dass sie dem Sämann Samen bringt und Brot als Speise, so ist es auch mit dem Wort, das Meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht erfolglos zu Mir zurück, sondern es bewirkt alles, was Ich will, und führt aus, wozu Ich es sende" (Jes 55,10.11). Genau die gleiche belebende und die Existenz der Menschen sichernde Wirkung wie der Regen im trocken-heißen Klima des Vorderen Orients besitzt nach der Behauptung unseres Propheten auch das Wort Gottes. Es geht von Ihm aus, bringt unfehlbar die ihm von Gott zugedachte Wirkung hervor und führt seinen Auftrag gegen jeden menschlichen Widerstand aus. Durch die unwiderstehliche Kraft Seines Wortes erweist sich Gott als der Allmächtige, der über die ganze Erde und alle Völker herrscht, während die heidnischen Götzen in ihrer Ohnmacht und Nichtigkeit sichtbar werden.
Der namenlose Prophet will mit diesem Vergleich die kommenden Heilstaten Gottes ankündigen: Der Gott Israels wird das traurige Schicksal Seines auserwählten Volkes wenden und die Juden in ihr Heimatland heimführen; dort können sie dann wieder ungehindert nach dem Glauben ihrer Väter ihr Leben gestalten. Unser Prophet will begründen, dass Gott keine leeren Versprechungen macht, sondern dass Seine Verheißungen mit absoluter Gewissheit eintreffen, auch wenn dies im gegenwärtigen Augenblick als unmöglich erscheint. Gott ist treu und Er besitzt die Macht, Sein Wort einzulösen; man kann sich auf Ihn verlassen.
Unser Text spricht mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit und Sicherheit von der Wirkkraft des göttlichen Wortes. Ein Misserfolg scheint für den Propheten überhaupt nicht im Bereich des Möglichen zu liegen. Unsere Erfahrungen dagegen, die wir aus der nüchternen Wirklichkeit des heutigen Alltags beziehen, gehen in eine ganz andere Richtung. Wir erleben doch Tag für Tag die Ohnmacht und Vergeblichkeit des göttlichen Wortes. Die Heilsverheißungen, die Jesus verkündet hat, scheinen erdenferne Theorie zu sein. Von einer sichtbaren und spürbaren Wirkung des Wortes Gottes im öffentlichen Leben unserer Zeit ist - auf das Ganze gesehen - recht wenig festzustellen. Der Glaube an Gottes Wart ist zu schwach; er prägt das Denken und Handeln der Menschen nicht mehr in genügendem Ausmaß. Welche Anziehungskraft haben dagegen die Werbung der Wirtschaft, die Massenmedien oder die Angebote der Vergnügungsindustrie!
Wenn wir die Wirkkraft des göttlichen Wortes beurteilen wollen, dürfen wir nicht unsere irdischen Maßstäbe anlegen. Das unauffällige, aber unwiderstehliche Wirken des Wortes Gottes lässt sich wohl am besten am Leben Jesu erkennen, der für den Glaubenden Gottes menschgewordenes Wort ist. Sein irdisches Dasein war nach unseren Wertvorstellungen ein ausgesprochener Misserfolg. Seine Jünger haben Ihn häufig missverstanden und ließen Ihn bei Seiner Verhaftung im Stich. Die religiösen Führer und die politisch Mächtigen lehnten Ihn bedingungslos ab. Sie verfolgten Ihn solange, bis Er schließlich unter qualvollen Schmerzen am Kreuz Sein Leben aushauchte.
Dennoch bedeutete der Tod Jesu den Sieg der Heilspläne Gottes über die Macht des Satans, der Sünde und der Vergänglichkeit. Dadurch, dass Jesus bereit war, den Tod auf sich zu nehmen, entstand für alle Menschen neues, unzerstörbares Leben. Am Kreuz vollzog sich, was die Präfation des Osterfestes so wunderbar ausdrückt: "Durch Sein Sterben hat Er unseren Tod vernichtet und durch Seine Auferstehung das Leben neu geschaffen." Gott hat damit gegen alle menschlichen Widerstände Seine Heilsverheißung wahrgemacht.
Eine andere tiefe Wirkung des göttlichen Wortes erleben wir in der heiligen Eucharistie. Jesus hat beim letzten Abendmahl durch Sein Wort Brot und Wein auf geheimnisvolle Weise in Seinen Leib und Sein Blut verwandelt. Sein allmächtiges Wort schafft so eine Speise für das Heil der Menschen - eine Speise, in der der auferstandene Herr uns Anteil an Seinem göttlichen Leben schenkt. Die Gegenwart Christi mit Seiner Gottheit und Menschheit in den eucharistischen Gaben kann der Mensch mit seinen Sinnen und seinem Verstand nicht feststellen; denn nach außen hin ist an Brot und Wein keine Veränderung wahrzunehmen. Nur der Glaube schenkt uns Gewissheit darüber, was sich bei den Worten der Wandlung vollzieht.
Wenn es uns manchmal so erscheint, als ob Gottes Wort ohnmächtig und wirkungslos verhallt, dann liegt das daran, dass wir nur das feststellen können, was sich vordergründig und an der Oberfläche ereignet. Das Wirken des göttlichen Wortes bleibt uns oft auch deswegen unverständlich und verborgen, weil die Kluft zwischen der Allwissenheit Gottes und unserem begrenzten menschlichen Fassungsvermögen zu groß ist. Auch die Propheten konnten den Inhalt der Botschaft, die Gott ihnen auftrug, häufig nicht bis in ihre letzten Hintergründe verstehen. Allein im Vertrauen auf Gottes Weisung sprachen sie ihre Worte in eine problembeladene Gegenwart und in eine dunkle Zukunft hinein. Oft durften erst spätere Generationen die Erfüllung ihrer warnenden oder auch verheißungsvollen Botschaft erleben.
Im Gegensatz zu den Warten von Menschen erweist sich Gottes Wort stets als wahr und zuverlässig. In ihm kommen Sein Erbarmen, Seine Liebe, Seine Heilspläne auf schönste Weise zum Ausdruck. Die jahrtausendelange Geschichte Gottes mit uns Menschen lehrt uns, dass Gott die Macht besitzt, Seine Verheißungen Wirklichkeit werden zu lassen - wenn auch häufig anders, als wir es uns vorgestellt haben. Öffnen wir deshalb unser Inneres der Weisung und dem Wirken des göttlichen Wortes und vertrauen wir uns ihm auch in Situationen an, in denen wir seine Absicht und seine Bedeutung für unser Leben nicht ergründen können!
21. August 2005
21. Sonntag im Jahreskreis
Du bist Petrus!
Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn? Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten. Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes! Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein. Dann befahl er den Jüngern, niemand zu sagen, daß er der Messias sei. Mt 16,13-20
Jeder Getaufte ist ein Glied am geheimnisvollen Leib des Herrn, der Kirche. Ihre einzelnen Glieder stehen aber nicht gleichberechtigt nebeneinander, sondern nach dem eindeutigen Willen Jesu ist die Kirche hierarchisch geordnet. Das bedeutet: an der Spitze der Kirche stehen Männer, die für die gesamte Kirche oder für Teilbereiche Verantwortung tragen und deshalb mit entsprechenden Vollmachten ausgestattet sind. Diese Amtsträger nennen wir Bischöfe. An der Spitze des Bischofs-Kollegiums steht der Papst.
Das Amt des Papstes als höchste Leitungsgewalt über die ganze Kirche wird in unseren Tagen in seiner Berechtigung vielfach angezweifelt. Die Päpste berufen sich zur Rechtfertigung ihres Anspruchs auf besondere Zusagen, die Jesus einmal dem Petrus gegeben hat, als dessen Nachfolger sie sich fühlen. Kritische Theologen dagegen behaupten, die Stellung, die der Bischof von Rom seit Jahrhunderten in der Kirche einnimmt, sei nicht die Verwirklichung jenes Auftrags, den Jesus dem Petrus erteilt hat, sondern lediglich das Ergebnis einer geschichtlichen Entwicklung, die den Bischof von Rom als der Hauptstadt des römischen Weltreichs auch an die Spitze der Kirche geführt hat. Da der Evangeliumstext des 21. Sonntags im Jahreskreis (Mt 16, 13-20) die erwähnten Verheißungen Jesu zum Inhalt hat, ist das ein willkommener Anlass, dieser Frage nachzugehen.
Jesus war seit längerer Zeit mit Seinen Jüngern in Palästina umhergewandert. Er hatte den Menschen die Botschaft vom Anbruch des Reiches Gottes auf Erden verkündet, Er hatte vor allem die Jünger in die Geheimnisse des Gottesreichs eingeführt und Er hatte zahlreiche Wundertaten vollbracht, die die Menschen in Staunen versetzten. Alle spürten, dass Jesus nicht nur ein außergewöhnlicher Wundertäter war, sondern dass mehr in Ihm steckte. Aber niemand war fähig, dieses Einzigartige an Jesus zu erkennen und mit menschlichen Worten zum Ausdruck zu bringen. Sogar die Jünger tappten im Dunkeln.
Jesus aber wollte wenigstens gegenüber den Jüngern Klarheit über Seine Person schaffen. Deswegen stellte Er eines Tages an sie die Frage: "Für wen halten die Leute den Menschensohn?" Diese antworteten mit vier Beispielen einer falschen Beurteilung Jesu durch die Leute: "Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten." Die Genannten gehören zu den größten Heilsgestalten des Alten Bundes; ihr Wieder-Erscheinen wurde als Zeichen dafür erwartet, dass das Reich des Messias bald anbrechen werde. Man hielt Jesus also mehr oder weniger für den Vorläufer des Messias.
Jesus aber gab sich mit diesen verschwommenen und unzureichenden Auffassungen nicht zufrieden. Ihm kam es darauf an, dass Seine Jünger unmissverständlich erkannten, wem sie sich anvertraut hatten. Die Jünger Jesu unterschieden sich ja von den Schülern der Gesetzeslehrer dadurch, dass Jesus sie nicht nur auf Seine Lehre verpflichtete, sondern sie auch an Seine Person band. Darum war es für die Jünger von entscheidender Bedeutung, dass sie wussten, wer ihr Meister war. Deshalb richtete Er an sie die unausweichliche Frage: "Ihr aber, für wen haltet ihr Mich?"
Da die anderen Jünger schwiegen, machte Petrus sich zu ihrem Sprecher und gab die überraschende Antwort: "Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!" Petrus erkannte damit in Jesus den ersehnten Retter des jüdischen Volkes und darüber hinaus Gottes menschgewordenen Sohn. Jesus machte darauf Petrus eine Verheißung, durch die Er ihm eine umfassende Leitungsvollmacht und Lehrautorität verlieh: "Ich aber sage dir: Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen werde Ich Meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein." Jesus bringt dadurch unmissverständlich zum Ausdruck, dass Er eine Kirche gründen wird, die Seine Botschaft und Sein gesamtes Erlösungswerk an die Menschen weiterreichen soll. In dieser Kirche wird Petrus die Stellung eines Felsenfundaments einnehmen, auf dem sich der ganze Bau erhebt. Petrus soll im Auftrag Jesu die Kirche leiten. Er besitzt damit auch das Recht, Entscheidungen zu treffen, die die anderen Glieder der Kirche im Gewissen verpflichten.
Die Berufung des Petrus zum Oberhaupt der kommenden Kirche ist nach menschlichen Maßstäben ausgesprochen erstaunlich. Petrus war nämlich alles andere als eine überragende Führerpersönlichkeit. Er war zwar sehr begeisterungsfähig und seinem Meister stürmisch zugetan; aber er war auch schwach und versagte in gefährlichen Situationen mehrmals. Ausgerechnet auf ihn will Jesus Seine Kirche bauen und vergleicht den Wankelmütigen mit einem Felsen. Aber auf der anderen Seite hat Petrus als einziger der Apostel auf die Frage Jesu nach dem Geheimnis Seines Wesens die richtige Antwort gefunden. Er ist bis zum tiefsten Kern seiner Persönlichkeit vorgedrungen und hat erkannt, dass Jesus Gottes menschgewordener Sohn ist; er allein konnte diese Erkenntnis verständlich zum Ausdruck bringen. Damit hat sich Petrus in der Frage, die für die Kirche am bedeutendsten ist, als Fels erwiesen. Die Voraussetzung für ihre Unversehrtheit und ihre gnadenvolle Verbundenheit mit Christus ist ja stets das richtig formulierte Glaubensbekenntnis. Jesus hat Petrus die Leitungsvollmacht über Seine Kirche übertragen. Weil Er aber will, dass Sein Erlösungswerk solange weitergeführt wird, bis Er zur Vollendung der Schöpfung wiederkommt, darum glauben wir in der katholischen Kirche völlig zu Recht, dass das Amt des Felsenfundaments und der Schlüsselgewalt mit dem Tod des Petrus nicht erloschen ist, sondern dass es gemäß der Absicht Jesu weiter bestehen soll bis zum Ende der Zeiten. Petrus muss deswegen ständig einen Nachfolger haben! Der jeweilige Papst kann sich also für die überragende Stellung, die er in der Kirche einnimmt, mit Recht auf jenen Auftrag berufen, den Jesus selbst dem Petrus erteilt hat. Wenn uns jemand in unserer Überzeugung von der grundsätzlichen Leitungsgewalt des Papstes über die Gesamtkirche unsicher machen möchte, dann brauchen wir nur auf jene Begebenheit bei Cäsarea Philippi zurückblicken, wo Petrus in einem entscheidenden Augenblick von Gott die Fähigkeit geschenkt erhielt, die Gottessohnschaft Jesu zu erkennen und in klaren Warten zu formulieren. Wir wissen nun, wer im Papst vor uns steht und wie wir uns ihm gegenüber zu verhalten haben!
2. Oktober 2005
27. Sonntag im Jahreskreis
Gottes Weinberg
Ich will ein Lied singen von meinem geliebten Freund, ein Lied vom Weinberg meines Liebsten. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fruchtbaren Höhe. Er grub ihn um und entfernte die Steine und bepflanzte ihn mit den edelsten Reben. Er baute mitten darin einen Turm und hieb eine Kelter darin aus. Dann hoffte er, daß der Weinberg süße Trauben brächte, doch er brachte nur saure Beeren. Nun sprecht das Urteil, Jerusalems Bürger und ihr Männer von Juda, im Streit zwischen mir und dem Weinberg! Was konnte ich noch für meinen Weinberg tun, das ich nicht für ihn tat? Warum hoffte ich denn auf süße Trauben? Warum brachte er nur saure Beeren? Jetzt aber will ich euch kundtun, was ich mit meinem Weinberg mache: Ich entferne seine schützende Hecke; so wird er zur Weide. Seine Mauer reiße ich ein; dann wird er zertrampelt. Zu Ödland will ich ihn machen. Man soll seine Reben nicht schneiden und soll ihn nicht hacken; Dornen und Disteln werden dort wuchern. Ich verbiete den Wolken, ihm Regen zu spenden. Ja, der Weinberg des Herrn der Heere ist das Haus Israel, und die Männer von Juda sind die Reben, die er zu seiner Freude gepflanzt hat. Er hoffte auf Rechtsspruch - doch siehe da: Rechtsbruch, und auf Gerechtigkeit - doch siehe da: Der Rechtlose schreit. Jes 5,1-7
Gott hatte die Israeliten aus allen Völkern der Erde erwählt und mit ihnen am Berg Sinai einen unvergänglichen Bund geschlossen. Er hatte ihnen Seinen besonderen Schutz gewährt und sie sicher durch zahlreiche lebensbedrohliche Situationen geführt. Die Israeliten waren sich ihrer einzigartigen Stellung innerhalb der gesamten Menschheit sehr wohl bewusst und brachten dies unter anderem durch die religiösen Feste zum Ausdruck, die im Tempel von Jerusalem mit großer Pracht gefeiert wurden. Während eines solchen Gottesdienstes geschah etwas Unerwartetes: Der Prophet Jesaja trat vor die Anwesenden und trug ihnen ein Lied vor - das Lied von einem Weinbergbesitzer und seinem Weinberg. Dieses Lied vernehmen wir in der alttestamentlichen Lesung des 27.Sonntags im Jahreskreis (Jes 5,1-7).
Der Besitzer eines Weinbergs lässt diesem jede nur vorstellbare Pflege zuteil werden. Er gräbt den Boden um, um ihn aufzulockern und entfernt die Steine, er umgibt ihn mit einer schützenden Mauer und baut einen Wachturm; dann bepflanzt er ihn mit den edelsten Reben. Aber das Ergebnis ist enttäuschend: Statt der erwarteten köstlichen Trauben erntet er lediglich saure, ungenießbare Beeren. Der empörte Besitzer nimmt daraufhin ein unerbittliches Strafgericht vor. Er lässt die Mauer des Weinbergs niederreißen und den Boden zertrampeln; Dornen und Disteln sollen in Zukunft auf dem Ödland wuchern.
Nach dem Vortrag des Liedes kommt die böse Überraschung. Jesaja enthüllt seinen zunächst verblüfften, dann aber wohl wutentbrannten Zuhörern, daß mit dem Lied sie gemeint sind: "Ja, der Weinberg des Herrn der Heerscharen ist das Haus Israel, und die Männer von Juda sind die Reben, die Er zu Seiner Freude gepflanzt hat. Er hoffte auf Rechtsspruch - doch siehe da: Rechtsbruch, und auf Gerechtigkeit - doch siehe da: der Rechtlose schreit." Deshalb ist Gott über das Verhalten Seines auserwählten Volkes Israel furchtbar erzürnt.
Der Zorn Gottes ist durch die schreienden sozialen Mißstände in Juda und seiner Hauptstadt Jerusalem verursacht. Das Land erlebte zur Zeit des Propheten Jesaja einen ungewöhnlichen wirtschaftlichen Aufschwung. Eine kleine Gruppe von Kaufleuten machte - vor allem durch den Handel mit anderen Staaten - riesige Gewinne und gelangte dadurch zu märchenhaftem Reichtum, den sie auf jede nur denkbare Weise zur Schau stellten - durch prächtige Häuser, Luxus oder rauschende Feste. Aber das genügte ihnen noch nicht. Angesichts der Not der armen Leute blieben sie ungerührt und herzlos und überlegten, wie sie diesen noch die allerletzten Habseligkeiten abjagen konnten. Wenn kleine Bauern durch Unglück mit dem Vieh oder durch eine Missernte in Not geraten waren, dann war für die Wohlhabenden der günstige Augenblick gekommen. Sie ließen die Armen, die ihre Schulden nicht bezahlen konnten, von Haus und Hof vertreiben und sie mit ihrer gesamten Familie in Schuldknechtschaft verkaufen. Bestochene Richter leisteten ihnen dabei willfährige Hilfe. Betrug, Rechtsbeugung und Gewaltanwendung waren damals in Juda an der Tagesordnung. Diese unersättlichen Reichen und Mächtigen verstanden es ausgezeichnet, die Vorschriften des alttestamentlichen Gesetzes, die Gott zum Schutz der einfachen und wehrlosen Bevölkerung erlassen hatte, in ihr Gegenteil zu verkehren.
Die Wohlhabenden und Einflussreichen fühlten sich bei diesem gnadenlosen und gesetzeswidrigen Vorgehen in Sicherheit. Wer konnte es mit ihnen schon aufnehmen; wer konnte sie zur Rechenschaft ziehen?! Da trat überraschend der Prophet Jesaja auf und geißelte hart und unerbittlich dieses frevelhafte Verhalten. Im Auftrag Gottes musste er den Gesetzesbrechern ankündigen, daß sie bald vom Blitzstrahl des göttlichen Zorns getroffen werden. Gott hat sich in Liebe zu den Israeliten herabgeneigt. Deshalb erwartet Er von ihnen, daß sie Sein Wohlwollen durch Mitleid und Großzügigkeit gegenüber Not leidenden Mitmenschen beantworten. Aber gerade hierin hat die Oberschicht Jerusalems und Judas kläglich versagt. Darum nützt es ihnen nichts, daß sie durch hohe Spenden zur Verschönerung des Tempels und zur feierlichen Gestaltung der Gottesdienste beitragen. Weil sie durch ihre Habgier und Skrupellosigkeit nicht nur die Armen vollends in das Elend stoßen, sondern auch die von Gott verfügte Schöpfungsordnung verhöhnen, wird Gott sie dem Verderben überantworten.
Das warnende, ja drohende Wort Jesajas gilt uneingeschränkt auch noch der Heilsgemeinde des Neuen Testaments. Es wäre verkehrt, dem Lied des Propheten seine Bedeutung durch den Hinweis zu nehmen, daß Jesus die Zeit des alttestamentlichen Gesetzes und der Gerichtsandrohung durch das unwiderrufliche Erbarmen Gottes und Seine Liebe zu uns Menschen abgelöst hat. Selbstverständlich ist diese Aussage richtig. Aber unsere Erlösung durch den Tod und die Auferstehung Jesu bedeutet nicht, daß uns das Heil ohne unser eigenes Zutun geschenkt wird. Ganz im Gegenteil: Der Christ ist zu angestrengtem Bemühen aufgefordert - nicht nur deshalb, um als Lohn dafür einmal im Himmel die endgültige Vollendung geschenkt zu erhalten, sondern auch, um die irdische Welt nachhaltig zum Guten zu verändern. Wie Jesus sich den Einsatz Seiner Jünger vorstellt, das zeigt Er uns in Seinen Gleichnissen, etwa in dem vom barmherzigen Samariter oder vom reichen Prasser und vom armen Lazarus. Dadurch wird jedem Getauften eine schwere Verantwortung übertragen. Wir machen uns vor Gott nicht nur dann schuldig, wenn wir die Hände in den Schoß legen, sondern wir werden auch dann schuldig, wenn wir zu dem schweigen, was sich Tag für Tag auf unserer Erde an Unrecht und Grausamkeit abspielt.
Das Lied Jesajas vom Weinbergbesitzer fordert deswegen jeden von uns auf, ernsthaft sein Gewissen zu erforschen und sich unvoreingenommen zu überprüfen, ob wir Christen durch unser Verhalten dazu beitragen, daß so viele unschuldige Menschen Opfer von Erniedrigung, Ausbeutung und Gewalt werden. Gehen uns außerdem die Hilferufe der Millionen, die Jahr für Jahr wegen der Unersättlichkeit anderer verhungern müssen, noch zu Herzen? Das Verlangen nach Genuss und Wohlleben - für zahlreiche Zeitgenossen der eigentliche Inhalt ihrer irdischen Tage - macht die Menschen blind für den tieferen Sinn des Daseins und taub für Gottes Wort und Seinen Anspruch. Gott aber findet sich mit einer solchen Einstellung nicht ab. Die Gerichtsankündigung des Propheten Jesaja ist deshalb auch für uns Christen ein eindringlicher Aufruf zur Besinnung und Umkehr. Achten wir gewissenhaft auf das, was Gott uns durch die Zeichen und Ereignisse der heutigen Zeit zu verstehen geben will!
13. November 2005
33. Sonntag im Jahreskreis
Wie ein Dieb in der Nacht
Über Zeit und Stunde, Brüder, brauche ich euch nicht zu schreiben. Ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. Während die Menschen sagen: Friede und Sicherheit!, kommt plötzlich Verderben über sie wie die Wehen über eine schwangere Frau, und es gibt kein Entrinnen. Ihr aber, Brüder, lebt nicht im Finstern, so dass euch der Tag nicht wie ein Dieb überraschen kann. Ihr alle seid Söhne des Lichts und Söhne des Tages. Wir gehören nicht der Nacht und nicht der Finsternis. Darum wollen wir nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein. 1Thess 5,1-6
Der Mensch ist in seinem Denken und Lebensgefühl auf die Zukunft ausgerichtet. Es genügt ihm nicht, seinen gegenwärtigen Besitz und seine gesellschaftliche Stellung zu sichern, sondern er möchte immer mehr erreichen. Dazu braucht er persönliche Erfolge. Für den angestrebten Fortschritt entwirft er genaue Pläne. Aber alles Vorausdenken und Berechnen wird in Frage gestellt durch das unausweichliche Schicksal, dass er eines Tages Abschied nehmen muss von dieser Erde und dass das Grab seine letzte Ruhestätte wird. Dazu kommt noch die Botschaft unseres Glaubens, dass Gott durch die Wiederkunft Seines Sohnes der Welt einmal ein Ende bereiten wird. Darin wird Gott einen endgültigen Schlusspunkt setzen, an dem alle Menschen innehalten müssen - ob sie dazu bereit sind oder nicht. Dann sind alle irdische Macht und alles menschliche Können zur Ohnmacht verurteilt. Was die Menschen in ihrem bisherigen Leben geschaffen haben, werden sie vor Christus hintragen müssen, um es von Ihm begutachten zu lassen - und Sein Urteil wird unbestechlich sein.
Der Mensch ist aber nicht gerne bereit, sich seinen Besitz nehmen und seine Zukunftspläne durchkreuzen zu lassen. Deswegen versucht er, angesichts der Botschaft vom Ende der Weit für seine eigene Weichenstellung etwas Sicherheit dadurch zu erhalten, dass er den genauen Zeitpunkt erfährt, "wann das geschehen wird, und was das Zeichen für Deine Ankunft und das Ende der Welt" (Mt 24,3) ist. Gelingt ihm dies, so kann ihn Gott nicht mehr überraschen. Das unausweichliche Ende bleibt zwar trotzdem für ihn eine unangenehme Tatsache; aber er weiß dann um die Frist, die ihm noch gewährt ist. So kann er sich rechtzeitig darauf einstellen.
Schon die Apostel haben an Jesus die Frage noch dem Zeitpunkt des Weltendes gestellt. Auch Paulus muss sich im ersten Brief an die Thessalonicher - er ist übrigens die älteste Schrift des gesamten Neuen Testaments - mit diesem Problem auseinandersetzen. Einige beunruhigte Mitglieder der dortigen Gemeinde verlangten von ihm darüber Auskunft. Paulus erteilt ihnen in der Lesung des 33.Sonntags im Jahreskreis (5,1-6) dieselbe Antwort, die bereits Jesus gegeben hat: Die Berechnung des genauen Datums der Wiederkunft Christi und damit zugleich des Endes der Welt ist für uns Menschen grundsätzlich unmöglich. "Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater" (Mk 13,31) - so hat Jesus Seinen Jüngern versichert. Den Tag des Endgeschehens kennt nur Gott, der den Ablauf der Heilsgeschichte in Seiner Allmacht und Allwissenheit festgesetzt hat. Der Versuch mancher Christen, dieses Ereignis vorauszuberechnen, ist deshalb völlig vergeblich.
Da das Fragen nach dem Ende der Welt grundsätzlich verkehrt ist, muss der heilige Apostel Paulus solchen Bemühungen mit Entschiedenheit entgegentreten. Er erinnert die Christen in Thesselonich aber daran, dass ihnen das, was sie über die Wiederkunft Christi wissen müssen, bereits bekannt ist. Noch einmal betont er: Der Herr wird sicher zur Vollendung der Welt wiederkommen - das gehört zum zentralen Kern dessen, was er den Thessalonichern und allen anderen christlichen Gemeinden verkündet hat. Eigentümlich für dieses Ereignis ist auch, "dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. Während die Menschen sagen: Friede und Sicherheit!, kommt plötzlich Verderben über sie wie die Wehen über eine schwangere Frau, und es gibt kein Entrinnen." Die Zeitbestimmung "bei Nacht" darf nicht wörtlich aufgefasst werden - sie will vielmehr das Vorgehen eines Diebes anschaulich machen. Sein Erfolg hängt davon ab, dass niemand mit seinem Einbruch rechnet. So wird auch Christus in einem Augenblick wiederkommen, in dem die Menschen nicht darauf gefasst sind.
Aber gerade diese Behauptung war und ist für zahlreiche Christen ein Anlass zum Widerspruch. So wie uns das Neue Testament die Worte Jesu überliefert hat, durfte eigentlich das Kommen des Herrn nicht lange auf sich warten lassen. Aber inzwischen sind fast zwei Jahrtausende vergangen und wir warten immer noch vergebens auf das Ende der Welt. Die Naturwissenschaftler versichern uns, dass die Welt tatsächlich einmal ein Ende erfahren wird; denn die Energie der Sonne wird eines Tages erschöpft sein, und damit wird jedes weitere Leben unmöglich - aber das wird noch Millionen von Jahren dauern. Somit geht die Welt ihren Gang weiter und es sieht nicht danach aus, dass das Ende plötzlich hereinbricht.
Da es den meisten Menschen unangenehm ist, ihr irdisches Dasein in ständiger Bereitschaft für das Kommen des Herrn und in bewusster Verantwortung vor Seinem Gericht führen zu müssen, leben sie so, als ob es die Botschaft von der Wiederkunft Christi und vom überraschenden Ende der Welt nicht gäbe. Bereits in der Urkirche wurden solche kritischen Stimmen laut: "Wo bleibt denn Seine verheißene Ankunft? Seit die Väter entschlafen sind, ist alles geblieben, wie es seit Anfang der Schöpfung war" (2Petrus 3,4). Diese Menschen fühlen sich in Sicherheit; sie versuchen, auch ihrer Umgebung die Angst vor einem plötzlichen Ende zu nehmen. Aber Jesus warnt Seine Jünger eindringlich: "Wie es in den Tagen das Noach war, so wird es bei der Ankunft des Menschensohnes sein. Wie die Menschen in den Tagen Vor der Flut aßen und tranken und heirateten, bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging, und nichts ahnten, bis die Flut hereinbrach und alle wegraffte, so wird es auch bei der Ankunft des Menschensohnes sein" (Mt 24,38f). Wenn auch das Kommen des Herrn auf sich warten lässt, so weiß doch niemand, wann er persönlich aus dieser Weit von Gott abberufen wird. Niemand hat sein Leben fest in der Hand, niemand kann die Stunde seines Todes selbst bestimmen - deshalb gilt die Warnung Jesu auch heute noch für jeden von uns.
Der heilige Apostel Paulus weist die Frage nach "Zeit und Stunde" als verkehrt zurück. In seelesorglicher Verantwortung leitet er denn zur richtigen Fragestellung über: Welche Konsequenzen muss ein Christ aus der unausweichlichen Tatsache ziehen, dass seine irdischen Tage einmal ein Ende finden? Seine Antwort lautet: Seid allezeit bereit! Die gleiche Maßnahme, die ein verantwortungsbewusster Hausvater gegen die Gefahr eines drohenden Einbruchs ergreift, müssen auch die Christen treffen. Welches konkrete Verhalten die ständige Wachsamkeit erfordert, schildert uns der heilige Apostel Paulus: "Ihr aber, Brüder, lebt nicht im Finstern, so dass euch der Tag nicht wie ein Dieb überraschen kann. Ihr alle seid Söhne des Lichts und Söhne des Tages, Wir gehören nicht der Nacht und nicht der Finsternis - Darum wollen wir nicht schlafen wie die anderen."
In der Finsternis leben oder schlafen bedeutet den Zustand geistiger Stumpfheit; er ist kennzeichnend für die unerlöste Menschheit. Die Christen dagegen sind Kinder des Lichtes. Sie haben in der Taufe das Geschenk des Heiligen Geistes erhalten. Durch Seine Erleuchtung sehen sie das Leben und die Vorgänge auf der Erde mit ganz anderen Augen. Dieses neue Sein in Christus muss nun einen Lebensstil zur Folge haben, der sich deutlich vom Verhalten jener Menschen unterscheidet, die nicht glauben. Das Vorbild Jesu und Seine unmissverständlichen Weisungen sind für uns der alleinige Maßstab, wie wir Christen uns den Mitmenschen und der Schöpfung gegenüber zu verhalten haben. Versuchen wir deshalb, unser Bereitsein für die Wiederkunft des Herrn dadurch zu beweisen, dass wir uns ein feines Gespür für alles bewahren, was nicht dem erlösenden Handeln Jesu entspricht. Dadurch, dass wir in unserem Verhalten im Alltag die Güte und Barmherzigkeit Jesu aufstrahlen lassen, können wir unseren Mitmenschen glaubhaft machen, dass wir bewusst und mit Entschiedenheit auf die von Jesus verheißene vollkommene Welt zugehen!
25. Dezember 2005
Weihnachten
Ein Kind ist uns geschenkt
"Christus, der Retter, ist da!" Das ist die Botschaft, die uns die Kirche an Weihnachten zuruft. Lange Jahrhunderte hatten die Juden auf diesen Augenblick gewartet, denn mehrere Propheten hatten ihrem Volk verkündet, Gott werde eines Tages einen Messias senden, der Israel von allem Leid befreien und auf der ganzen Erde die Befolgung der Gebote Gottes mit unwiderstehlicher Macht durchsetzen werde.
Aber was sich zur Zeit des bedeutenden Kaisers Augustus in einer kleinen Stadt Palästinas ereignete, war so unauffällig, so unscheinbar, dass es in der damaligen Weltöffentlichkeit keinerlei Aufmerksamkeit erregte und nicht die geringste Beachtung fand. Die Geburt dieses Kindes erfolgte weder im Palast eines Herrschers oder Reichen, nicht einmal in einem einfachen bürgerlichen Haus, sondern in der Armseligkeit eines Stalles. Angesichts dieser bedrückenden Szene muss sich uns die Frage aufdrängen: Kann dieses Ereignis wirklich die Erfüllung der prophetischen Verheißungen über den Messias sein? Da der Mensch das rätselhafte ja geradezu sinnwidrig erscheinende Geschehen aus eigener Einsicht nicht erklären kann, ist er auf das deutende Wort Gotte angewiesen. Deshalb ließ Gott durch einen Engel einigen Hirten, die bei ihrer Herde auf dem Feld Wache hielten, verkünden, was sich in dieser Nacht Überraschendes und Weltbewegendes ereignet hatte: "Heute ist Euch in der Stadt Davids der Retter geboren. Er ist der Messias, der Herr" (Lukas 2,11).
Allem gegenteiligen Augenschein zum Trotz ist es also wahr: Dieses wehrlose Kind ist der von den Juden heiß ersehnte Messias. Die Zeit des Wartens ist damit vorbei, das endgültige Heil ist angebrochen. Aber das ist noch nicht alles: Dieses Kind ist nicht nur der Messias, wie die Juden ihn sich vorgestellt hatten; in diesem Kind kam vielmehr Gottes eigener Sohn auf unsere Erde. Er soll allen Menschen Gottes Heiligkeit und Allmacht offenbaren, ihnen aber auch den Frieden bringen. In Ihm strahlt uns die Güte und das Erbarmen Gottes auf. Durch Ihn weitet sich das Heilshandeln Gottes vom auserwählten Volk Israel auf die ganze Menschheit aus. Deswegen wird mit Seiner Geburt der Vater im Himmel verherrlicht.
Durch die Menschwerdung seines Sohnes hat Gott einen Weg eingeschlagen, der sämtliche Vorstellungen der Juden über den kommenden Messias geradezu auf den Kopf stellte. Seit es Menschen gibt, hatten sie schon immer die Neigung, die Grenzen zu sprengen, die Gott ihnen gesetzt hat - sie wollen mehr sein, als sie in Wirklichkeit sind. Das Leben Jesu dagegen verlief nach ganz anderen Maßstäben. Seine Geburt in der Armseligkeit eines Stalles sollte kennzeichnend sein für Seinen weiteren Lebensweg. Dieses Kind in der Krippe ist der, der am Kreuz für uns gestorben ist, der aber durch seine Auferstehung den Tod für immer überwunden hat und am Ende der Zeiten wiederkommen wird, um die Schöpfung in Herrlichkeit zu vollenden.
Für einen Menschen, der sein Leben bewusst auf der Botschaft von Weihnachten aufbaut und es von ihr prägen lässt, kann darum der Inhalt des irdischen Daseins nicht mehr in Wohlstand und in der Ausübung von Macht bestehen - nicht darin, dass er auf der Stufenleiter des Erfolgs immer höher steigt und sich jede Annehmlichkeit leisten kann, die unsere moderne Zivilisation anzubieten hat. Der Glaubende versucht vielmehr, durch den Blick auf Jesus, der einmal als unscheinbares Kind in einer Krippe lag, und mit Hilfe seiner Gnade wieder Mensch zu werden, von dem der Schöpfungsbericht des Alten Testaments feststellen kann, dass er als Gottes Abbild geschaffen wurde.
Somit bedeutet die Botschaft der Heiligen Nacht keine Flucht aus der Gegenwart in die selige Erinnerung an ein Ereignis, das schon längst vergangen ist, Weihnachten versetzt uns vielmehr in die nüchterne Wirklichkeit von heute. Aber wenn sich hinter der Gestalt des hilflosen Kindes von Bethlehem der Erlöser der Welt, ja Gottes eigener Sohn verbirgt, dann ist trotz allem Hass und aller Gewalt, die auch weiterhin in unvorstellbarem Ausmaß auf unserer Erde herrschen, etwas grundsätzlich anders geworden. Wenn Gott selbst in unsere problemgeladene und leiderfüllte Welt gekommen ist, dann muss es auch für uns Hoffnung und einen Ausweg für unsere persönlichen Nöte geben.
Wer an die Botschaft von Weihnachten glaubt, hat deshalb keinen Grund und kein Recht mehr, mutlos zu werden und zu verzagen. Hören wir wieder auf das, was in der Heiligen Nacht begonnen hat! Lassen wir uns durch den armseligen Stall und die Krippe nicht unsicher machen, sondern erkennen wir, dass Gott sich in seinem Sohn vorbehaltlos zu uns Menschen herabgelassen hat, um uns zu erlösen und uns in seinem himmlischen Reich zur Vollendung zu führen. Wenn wir dazu bereit sind, kann der Glaube an die Menschwerdung des Sohnes Gottes auch uns einen unerschütterlichen Halt und dauerhaften inneren Frieden schenken. Dann dürfen auch wir Weihnachten als ein Fest der Gnade, der Dankbarkeit und der Freude erleben!
05. Februar 2006
5. Sonntag im Jahreskreis
Der Sinn des Leidens
Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben auf der Erde? Sind nicht seine Tage die eines Tagelöhners? Wie ein Knecht ist er, der nach Schatten lechzt, wie ein Tagelöhner, der auf den Lohn wartet. So wurden Monde voll Enttäuschung mein Erbe, und Nächte voller Mühsal teilte man mir zu. Lege ich mich nieder, sage ich: Wann darf ich aufstehn? Wird es Abend, bin ich gesättigt mit Unrast, bis es dämmert. Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage, der Faden geht aus, sie schwinden dahin. Denk daran, dass mein Leben nur ein Hauch ist. Nie mehr schaut mein Auge Glück. Ijob 7,1-4.6-7
Im alttestamentlichen Buch Ijob geht es nicht nur um das Einzelschicksal eines vom Unglück verfolgten Menschen. In ihm wird grundsätzlich die Frage gestellt nach der Ursache und dem Sinn des Leidens, das der davon betroffene Mensch nicht selbst verschuldet hat. Das ganze Problem spitzt sich auf die Frage zu: Warum verursacht Gott oder warum sieht Er zu, dass Menschen unschuldig leiden müssen?
Der fromme und wohlhabende Ijob verliert seinen ganzen Besitz, alle seine Kinder kommen ums Leben und außerdem wird er von einer heimtückischen Krankheit geplagt. Die Freunde Ijobs, mit denen es zu einem tiefschürfenden Gespräch über die Ursache seines Unglücks kommt, vertreten den starren Grundsatz: Wer leiden muss, hat auch gesündigt - jedes Leid ist also selbst verschuldet. Gegen diese Vergeltungstheorie protestiert Ijob mit Entschiedenheit; sein Unglück steht in keinem Zusammenhang mit einer Sünde. Er hält unbeirrt an seiner Schuldlosigkeit fest. Wenn sein Glaube in Ordnung sein soll, kann er allerdings nicht auf die Forderung verzichten, dass Gottes Handeln ohne Schwierigkeiten als gerecht zu erkennen ist. Deshalb richtet Ijob an Gott bohrende, ja geradezu vorwurfsvolle Fragen.
In der Lesung des 5.Sonntags im Jahreskreis (7,1-4.6-7) wendet sich Ijob unmittelbar an Gott. Er schildert Ihm in bewegten Warten seine Qualen. Sein Körper zersetzt sich und geht in Fäulnis über. Offensichtlich geht er unaufhaltsam dem Tod entgegen. Ijob erkennt immer klarer: Das Leben ist eben nur ein Hauch - ein Augenblick, der rasch vorübergeht und dahinschwindet. Da ein Tag nach dem anderen vergeht, ohne dass in seinem Befinden eine Besserung eintritt, bleibt Ijob keine Hoffnung mehr. In seiner Not wendet er sich an Gott und bittet Ihn inständig, sein Schicksal zu wenden. Tatsächlich darf Ijob nach einiger Zeit erleben, dass Gott ihm sowohl seine Gesundheit wie auch seinen Wohlstand wiederschenkt.
Mit seinen eindringlichen Fragen und seinen Vorwürfen nimmt Ijob unsere eigenen Empfindungen vorweg. Die Verhältnisse in unserer gegenwärtigen Welt bieten wahrhaft Anlass genug, an Gott nachdenkliche und kritische Fragen zu stellen oder sogar Zweifel Über manche Aussagen unseres Glaubens zu äußern. Wir möchten gerne an Gott als den liebenden Vater im Himmel glauben; aber das wird uns durch die Wirklichkeit des Lebens oft reichlich schwer gemacht. Wenn man das ganze Elend, den Hass und die Gewalt auf der Erde mit ansehen muss, ohne etwas dagegen unternehmen zu können, wird man wahrhaftig versucht sein, an Gott die Frage zu richten, warum Er das alles zulässt.
Aber darf ein Christ Gott so vorwurfsvolle Fragen stellen wie Ijob, darf ein Christ Gott anklagen? Es erscheint uns unmöglich, ja geradezu gotteslästerlich, so mit Gott zu reden und zu rechten, wie Ijob es tut. Unser Gottesbild lässt das einfach nicht zu. Deswegen wurden die Christen von ihren Geistlichen seit jeher dazu angehalten, in stiller Ergebenheit und in Geduld ihr Schicksal und ihr Leid zu tragen - ohne zu murren und zu klagen, nicht zu fragen und nicht zu kritisieren.
Nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift aber darf der Mensch offen aussprechen, was er am Verhalten Gottes und an den Ereignissen auf der Erde beim besten Willen nicht verstehen kann. Die Propheten, die Psalmen und nicht zuletzt das Such Ijob sprechen in dieser Hinsicht eine unmiesverständliche Sprache. Ijob beklagt sich laut und heftig bei Gott über sein Leid, seine Not und die unverständliche Gerechtigkeit Gottes. Auch heute noch dürfen wir Christen Gott unangenehme Fragen stellen angesichts von so viel Ungerechtigkeit, Gewalt und Leid auf der Erde. Voraussetzung ist allerdings, dass unsere Fragen aus einem ehrlich ringenden und leidenden Herzen kommen - dass wir Gott nicht Missstände anzulasten versuchen, die im bösen Willen von Menschen ihre Ursache haben. Auch Jesus hat in Seiner letzten, größten Not am Kreuz ausgerufen: "Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du Mich verlassen?"
Der Gott, den Jesus uns offenbart, ist ein liebender, sich unserer Not annehmender, unser Flehen erhörender Vater. Er ist der Gott, der sich auf den Menschen in seiner Begrenztheit, Vergänglichkeit und Not einlässt. Das hat Er dadurch bewiesen, dass Er Seinen Sohn so sehr Mensch werden ließ, dass Ihm sogar der Tod in Seiner ganzen Schrecklichkeit nicht erspart blieb. Gott gibt uns eine Antwort auf unsere Fragen nach dem Sinn des Leids; aber seit Golgotha ist es stets dieselbe Antwort: Er verweist uns auf Seinen Sohn, der zur Erlösung aller Menschen am Kreuz gestorben ist, der aber durch Seine Auferstehung die Macht des Todes und damit auch das Leid für immer überwunden hat.
Wenn wir trotz der Botschaft Jesu die Ursache und den Sinn des unverschuldeten Leidens im konkreten Einzelfall nicht ergründen können, so schenkt uns doch die Auferstehung Jesu von den Toten die Gewissheit, dass alles Leid einmal in die Teilnahme an der Herrlichkeit Gottes verwandelt wird und dass die ewige Gemeinschaft mit Gott der eigentliche Sinn und das letzte Ziel unserer irdischen Tage ist. Dieser Glaube schenkt uns die Kraft, über das Leid hinwegzukommen und es in der bewussten Kreuzesnachfolge Jesu zu bewältigen. Zugleich nimmt uns dieser Glaube die Angst vor dem Tod und lässt uns ruhig und gelöst der Ewigkeit entgegengehen.
26. März 2006
4. Fastensonntag
Das Angebot der Liebe
In jener Zeit sprach Jesus: Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der (an ihn) glaubt, in ihm das ewige Leben hat. Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat. Denn mit dem Gericht verhält es sich so: Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse. Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind. Joh 3,14-20
Seit es Menschen gibt, haben ein sich angestrengt bemüht, dem Geheimnis ihres Daseins auf die Spur zu kommen und über die sichtbare Welt hinaus zu dem vorzudringen, was ihren Augen grundsätzlich verborgen ist. Aber alle ihre Bemühungen waren von vornherein zum Scheitern verurteilt; denn "niemand hat Gott je gesehen" - so stellt der Eingangshymnus des Johannes-Evangeliums fest (1,18). Gott blieb sogar für die Angehörigen des auserwählten Volkes Israel, denen Er sich durch Mose und die Propheten in einzigartiger Weise geoffenbart hat, ein unergründliches Rätsel. Aber eine ungefähre Vorstellung über Gottes Wesen ist für unser menschliches Selbstverständnis unverzichtbar. Wer von Gott und Seinem Willen keine Ahnung hat, der versteht auch sich selbst nicht und weiß nichts vom Sinn und Auftrag seiner irdischen Tage.
Das Johannes-Evangelium verkündet uns am 4.Sonntag der Fastenzeit (3,14-21) eine befreiende Botschaft: "Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass Er Seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an Ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern .das ewige Leben hat." Der so unendlich ferne und unbegreifliche Gott hat durch Seinen Sohn Jesus Christus uns Menschen Sein Wesen enthüllt, uns Sein tiefstes Geheimnis zu erkennen gegeben. In Ihm weilt Gott mitten unter uns.
Die Propheten und sogar noch Johannes der Täufer stellten sich den kommenden Messias als einen strengen Richter vor, der im Auftrag Gottes über die Menschen ein unerbittliches Gericht vollziehen und sie zur Befolgung der Schöpfungsordnung zwingen werde. Gott dagegen "hat Seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit Er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch Ihn gerettet wird". In Jesus hat Gott der Welt kundgetan, wer Er ist: überströmende, unerschöpfliche Liebe, die nie endet. Wie Gott Abraham aufforderte, seine Heimat, seine Verwandtschaft und damit seine gesicherte Existenz aufzugeben, um zum Segen für zahlreiche Völker zu werden - so hat Gott Seinem einzigen Sohn zugemutet, auf die Herrlichkeit der himmlischen Welt zu verzichten, sich selbst zu erniedrigen und Sein Leben mit dem der Menschen zu teilen.
Das Schicksal Jesu lässt uns erkennen, dass die Liebe Gottes sogar vor der völligen Selbstpreisgabe nicht zurückschreckt. Als die Juden sich über die Verkündigung Jesu empörten, als sie Ihn ablehnten und zu verfolgen begannen, zog Gott Sein Heilsangebot trotzdem nicht zurück, sondern Er liebte die Menschen bis zur letzten Konsequenz - bis zur Auslieferung Seines Sohnes in den qualvollen Tod am Kreuz. Jesus sagte bei Seiner Abschiedsrede im Abendmahls-Saal zu Seinen Jüngern: "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt" (Joh 15,13). Gott hat durch den Tod Seines Sohnes bewiesen, dass wir Menschen Seine Freunde sind und dass Er diese allergrößte Liebe, von der Jesus spricht, uns unbeirrbar entgegenbringt. Auf Golgotha hat Gott Sein unüberbietbares und unwiderrufliches Ja zur gesamten Menschheit gesprochen.
Dadurch, dass Gott Seinen Sohn in die Welt gesandt und Ihn der Misshandlung durch die Menschen preisgegeben hat, ist der geheimnisvolle Gott kein Gott der Philosophen mehr, den man zum Gegenstand hochgeistiger Überlegungen und tiefschürfender Erklärungen machen kann, den man zu durchschauen glaubt und in ein System von Lehrsätzen einzufangen versucht, Gott ist auch kein Trostpflaster, mit dem man die Menschen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen und leiden müssen, auf das Jenseits vertröstet, Gott ist noch weniger ein grausamer Herrscher, mit dem die Mächtigen unserer Erde ihre Gewaltmethoden rechtfertigen können. Gott ist kein Gott der Ideen, sondern der Tat, des konkreten geschichtlichen Handelns, der durch das Sterben Seines Sohnes die ganze Menschheit von der Macht der Sünde und des ewigen Todes befreit hat. Das Kreuz ist deshalb bis zum Ende der Welt das Zeichen, durch das Gott uns das Geheimnis Seines Wesens enthüllt und uns Seine Liebe erweist.
Durch den Opfertod Jesu ist die gesamte Menschheit in die Situation des Heiles hineingestellt und zur Vollendung in der Ewigkeit Gottes berufen. Damit dieses Angebot am einzelnen Menschen Wirklichkeit werden kann, stellt Gott allerdings eine Bedingung, von der Er keine Ausnahme macht: Wir müssen glauben, dass in Jesus von Nazareth Gottes Sohn ans Kreuz genagelt wurde und für unsere Sünden gestorben -ist. Zu dieser Heilstat Gottes ja zu sagen, hat allerdings ein großer Teil der Menschheit keine Neigung. Sie vertrauen auf ihre Intelligenz und Leistungsfähigkeit, sie glauben an ihre Macht Über die Welt, an den Fortschritt und an eine immer großartigere Zukunft, die sie selbst herbeiführen. Die Botschaft von der Erlösung aller Menschen durch die Hingabe des Sohnes Gottes in den Tod widerspricht ihrem natürlichen Empfinden und steht in unvereinbarem Gegensatz zu ihrer grundsätzlichen Lebenshaltung. Viele Menschen gehen noch weiter: Sie setzen sich unbekümmert über die Gebote Gottes hinweg und versuchen mit allen Mitteln, ihre persönlichen Interessen und Ziele zu erreichen.
An diese Menschen richtet Gott eine eindringliche Warnung. Wer seinen Blick nur auf die irdische Welt wirft oder sich bewusst von Gott abwendet, in dem herrscht Finsternis - er ist blind und taub für das Angebot der Liebe, das Lichtes und des Lebens. Ein solcher Mensch legt durch sein Verhalten Zeugnis gegen Gott ab, als wäre Er in Seinem Sohn nicht als der unendlich Liebende auf unsere Erde gekommen, als hätte Er uns durch Ihn nicht zu neuem Leben erweckt. Ein solcher Mensch steht selbstverständlich außerhalb der Gemeinschaft mit Gott und hat keinen Anteil an Seinem Leben. "Weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat", hat er sich durch seine Entscheidung selbst das Urteil gesprochen.
Somit hat das Erlösungswerk Jesu bei den Menschen eine gegensätzliche Auswirkung: "Das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft, betont der heilige Apostel Paulus in seinem 1.Korinther-Brief. Für den Glaubenden dagegen, in dem der auferstandene Herr durch die Gnade ständig gegenwärtig ist, hat die endgültige Zukunft bereits begonnen.
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum zahlreiche Menschen davor zurückschrecken, das Heilsangebot Gottes anzunehmen: Der Glaube begnügt sich nicht damit, mit dem Verstand ein Ja zu sprechen. Die volle Gemeinschaft mit Christus ist nur in der gelebten Nachfolge möglich und nimmt unsere ganze Persönlichkeit in Anspruch. Das mussten schon die Apostel erfahren. Das Geheimnis ihres Meisters enthüllte sich ihnen nur in dem Maß, in dem sie sich bemühten, Seine Weisungen und Sein Vorbild im eigenen Leben zu verwirklichen. Der moderne Mensch dagegen möchte über sich selbst bestimmen, er möchte sein Leben nach seinen Wünschen und Interessen gestalten. Darin erblickt er für sein Dasein einen lohnenden Sinn. Ein Leben im Zeichen des Kreuzes freiwilliger Verzicht, die Bereitschaft, ohne entsprechende Gegenleistung für andere da zu sein oder gar Nachteile hinzunehmen - hat bei ihm keinen Platz. Er setzt sich gegen die Botschaft des Kreuzes mit allen Kräften zur Wehr.
Wer dagegen erkannt hat, dass im Kreuz Jesu uns Menschen die Liebe Gottes in unüberbietbarer Fülle aufstrahlt, der wendet seinen Blick von den vergänglichen Gütern auf das Unsichtbare - auf das, was bleibt, Ein solcher Mensch sucht immer weniger sich selbst und seinen Vorteil, sondern er fühlt sich gedrängt, die Liebe, die Gott ihm schenkt, an seine Mitmenschen weiterzureichen. Wer sich diesem Angebot Gottes öffnet und sich von der Gnade immer stärker läutern und verwandeln lässt, der darf auch die Gewissheit haben, dass Gott ihm einmal die Vollendung in Seinem himmlischen Reich gewähren wird.
14. Mai 2006
5.Sonntag der Osterzeit
Die Liebe tun
Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit. Daran werden wir erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind, und werden unser Herz in seiner Gegenwart beruhigen. Denn wenn das Herz uns auch verurteilt - Gott ist größer als unser Herz, und er weiß alles. Liebe Brüder, wenn das Herz uns aber nicht verurteilt, haben wir gegenüber Gott Zuversicht; alles, was wir erbitten, empfangen wir von ihm, weil wir seine Gebote halten und tun, was ihm gefällt. Und das ist sein Gebot: Wir sollen an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben, wie es seinem Gebot entspricht. Wer seine Gebote hält, bleibt in Gott und Gott in ihm. Und dass er in uns bleibt, erkennen wir an dem Geist, den er uns gegeben hat. 1 Joh 3,18-24
Schon in der Urkirche war man sich bewusst, dass im Leben mancher Christen zwischen dem theoretischen Glauben und dem tatsächlichen Verhalten im Alltag ein beachtlicher Unterschied bestand. Deshalb richtet der Verfasser des ersten Johannes-Briefes, dem eine der beiden Lesungen des 5. Sonntags der Osterzeit entnommen ist (3,18-24), an seine Mitchristen die eindringliche Aufforderung: "Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit. Daran werden wir erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind, und werden unser Herz in seiner Gegenwart beruhigen." Liebe ist eines der meistgebrauchten Schlagwörter der heutigen Zeit. Darunter verstehen viele das Recht, ihre Gefühle und Leidenschaften nahezu unbegrenzt auszutoben und ihre Mitmenschen zur Erfüllung ihrer eigenen Wünsche zu benützen oder sogar zu missbrauchen. Das Wort Liebe bedeutet in unserer Gegenwart häufig nichts anderes als eine Umschreibung für Egoismus und Hemmungslosigkeit.
Zu dieser modernen Auffassung steht in unvereinbarem Gegensatz, was die Heilige Schrift unter Liebe versteht. Das Neue Testament richtet seine Vorstellungen von Liebe am Verhalten Gottes gegenüber den Menschen aus. Gottes Liebe ist sichtbar und greifbar geworden in seinem Sohn Jesus Christus. Von ihr stellt das Johannes- Evangelium fest: "Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an Ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat." (3,16) Gott ging in seiner Liebe zu uns Menschen so weit, dass er seinem Sohn den qualvollen Tod am Kreuz zumutete.
Auf diese einzigartige Heilstat Gottes dürfen wir nicht mit unverbindlichen Reden antworten, sondern Gottes Liebe verpflichtet jeden Getauften zu einem Handeln, in dem die Hingabe Jesu in den Tod überzeugend aufleuchtet. Die gelebte Nächstenliebe ist die unausweichliche Konsequenz unseres Glaubens an das Erlösungswerk Jesu und unserer Bereitschaft, Ihm nachzufolgen. Jesus ist deshalb in seiner Verkündigung nicht bei allgemeinen Aussagen stehen geblieben, sondern er hat ausgesprochen handfeste Beispiele der Nächstenliebe genannt: Hungernde speisen, Obdachlose beherbergen, Kranke pflegen, Einsame besuchen, Trauernde trösten. Wie ernst es Jesus damit meint, das wird unmissverständlich in der Gerichtsrede von Matthäus 25 deutlich, wo die Böcke von den Schafen getrennt werden. Die Verwirklichung der von Jesus gestellten Forderungen der Nächstenliebe entscheidet beim endgültigen Gericht über das ewige Heil oder die ewige Verdammnis.
Ganz im Sinne Jesu steht auch unmittelbar vor Beginn unserer Lesung die beschwörende Mahnung: "Wenn jemand Vermögen besitzt und seinen Bruder Not leiden sieht, und doch sein Herz vor ihm verschließt - wie kann in dem die Liebe wohnen?" (3,17). Die Art und Weise einer solchen Hilfeleistung wird je nach Notlage und unseren persönlichen Möglichkeiten unterschiedliche Gestalt annehmen müssen. Entscheidend ist, dass wir angesichts der vielfältigen Nöte der heutigen Menschheit vor unserem Auftrag nicht ausweichen, sondern dass wir zupacken und nach besten Kräften zu helfen versuchen.
Zu allen Zeiten wurden Menschen, die in Christus der Liebe Gottes begegnet sind, zu außergewöhnlichen Leistungen im Dienst der Nächstenliebe befähigt. Wozu christliche Liebe imstande ist, das wollen wir an Mutter Teresa von Kalkutta betrachten. Sie wurde in Albanien geboren und lebte mehrere Jahrzehnte als Ordensschwester in Indien. Neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin - vor allem für Töchter aus wohlhabenden Familien - lernte sie in diesem Land schreiendes Elend, Ausgestoßensein und menschenunwürdiges Sterben kennen. Mit diesen Verhältnissen konnte sie sich nicht abfinden; so beschloss sie, etwas dagegen zu unternehmen. Mit der Erlaubnis des Papstes trat sie aus ihrer Ordensgemeinschaft aus, ließ sich in einem verfallenen Hindutempel nieder und begann, auf den Straßen die Menschen aufzulesen, die dort buchstäblich am Verhungern waren und nur noch auf den Tod warteten. Die meisten konnte Mutter Teresa nicht mehr retten, aber eines konnte sie ihnen noch schenken: Sie sorgte für eine friedliche Sterbestunde in einer Atmosphäre der Güte und Geborgenheit. Das von ihr gegründete Werk übt inzwischen eine solche Anziehungskraft aus, dass die Zahl ihrer Mitschwestern auf mehr als dreitausend gestiegen ist und ihre Ordensniederlassungen über die ganze Erde verbreitet sind.
Wie kann eine Ordensschwester, die als Lehrerin eine gehobene Stellung einnahm, plötzlich auf den Gedanken kommen, sich nur noch den Verhungernden und Sterbenden zu widmen, obwohl sie auch weiterhin für die heranwachsende Jugend Beachtliches hätte leisten können? Welche Erlebnisse hatte Mutter Teresa, dass sie im Alter von über 50 Jahren den Entschluss fasste, ganz neu anzufangen? Sie hat das ungeheure Leid, dem sie auf Schritt und Tritt begegnete, im Lichte der Liebe Jesu gesehen und das ließ sie nicht mehr zur Ruhe kommen. Die unerschütterliche Konsequenz und Festigkeit, mit der Mutter Teresa dem Ruf des Herrn gefolgt ist, lässt uns ahnen, dass ein Mensch, der fest in der Liebe Christi verwurzelt ist, auch heute noch die Kraft besitzt, die Verhältnisse auf unserer Erde tief greifend zu verändern.
Wenn wir diese überragende Leistung an christlicher Nächstenliebe mit unserem eigenen, meist nur bescheidene Einsatz in der Nachfolge Christi vergleichen, dann regt sich vielleicht in einer stillen, nachdenklichen Stunde unser unruhiges Gewissen. Den Christen, die den Unterschied zwischen Wollen und Vollbringen immer wieder schmerzlich erfahren und sich damit nicht abfinden können, ruft unsere Lesung zu: "Wenn das Herz uns auch verurteilt - Gott ist größer als unser Herz und Er weiß alles." Gott kennt die Begrenztheit unserer Kräfte, Er weiß um unsere Unvollkommenheit und versteht uns. Er nimmt unsere mangelhaften Leistungen in sein liebendes Erbarmen hinein und verwandelt sie durch die Kraft des Kreuzesopfers Jesu in Auferstehung und Vollendung. Wir dürfen auch an das Wort denken, dass Jesus zur Sünderin gesprochen hat: "Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie so viel Liebe gezeigt hat" (LK 7,47).
Gott kennt unserer guten Absichten und weiß, dass sie aus irgendwelchen Gründen häufig nicht in die Tat umgesetzt werden; aber er, der uns bis auf den Grund unserer Seele durchschaut, berücksichtigt unseren ehrlichen Willen. Das Wissen, dass "Gott größer ist als unser Herz", bewahrt uns davor, angesichts unserer Unzulänglichkeit mutlos zu werden. Entscheidend dafür, wie Gott unsere Taten beurteilt, sind also nicht Spitzenleistungen, sondern dass wir unser Leben in den Dienst dessen stellen, der für uns am Kreuz gestorben und auferstanden ist - entscheidend ist, dass wir uns angestrengt bemühen, unseren Glauben im Alltag Wirklichkeit werden zu lassen. Öffnen wir deshalb unser Inneres dem auferstandenen Herrn, damit er es mit seiner Liebe erfüllen kann! Seien wir aber auch von Herzen bereit, die Liebe, die wir selbst geschenkt erhalten, an unsere Mitmenschen weiterzureichen. Die überragenden Vorbilder der Nächstenliebe, die die Kirche in so großer Zahl aufzuweisen hat, wollen uns bei diesem Bemühen Ermutigung und Hilfe sein.
2. Juli 2006
13. Sonntag im Jahreskreis
Hoffnung und Vertrauen
Jesus fuhr im Boot wieder ans andere Ufer hinüber, und eine große Menschenmenge versammelte sich um ihn. Während er noch am See war, kam ein Synagogenvorsteher namens Jaïrus zu ihm. Als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen und flehte ihn um Hilfe an; er sagte: Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie wieder gesund wird und am Leben bleibt. Da ging Jesus mit ihm. Viele Menschen folgten ihm und drängten sich um ihn. Darunter war eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutungen Sie war von vielen Ärzten behandelt worden und hatte dabei sehr zu leiden; ihr ganzes Vermögen hatte sie ausgegeben, aber es hatte ihr nichts genutzt, sondern ihr Zustand war immer schlimmer geworden. Sie hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von hinten an ihn heran und berührte sein Gewand. Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt. Sofort hörte die Blutung auf, und sie spürte deutlich, dass sie von ihrem Leiden geheilt war. Im selben Augenblick fühlte Jesus, dass eine Kraft von ihm ausströmte, und er wandte sich in dem Gedränge um und fragte: Wer hat mein Gewand berührt? Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du: Wer hat mich berührt? Er blickte umher, um zu sehen, wer es getan hatte. Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit. Er aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein. Während Jesus noch redete, kamen Leute, die zum Haus des Synagogenvorstehers gehörten, und sagten (zu Jaïrus): Deine Tochter ist gestorben. Warum bemühst du den Meister noch länger? Jesus, der diese Worte gehört hatte, sagte zu dem Synagogenvorsteher: Sei ohne Furcht; glaube nur! Und er ließ keinen mitkommen außer Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus. Sie gingen zum Haus des Synagogenvorstehers. Als Jesus den Lärm bemerkte und hörte, wie die Leute laut weinten und jammerten, trat er ein und sagte zu ihnen: Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur. Da lachten sie ihn aus. Er aber schickte alle hinaus und nahm außer seinen Begleitern nur die Eltern mit in den Raum, in dem das Kind lag. Er fasste das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum!, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf! Sofort stand das Mädchen auf und ging umher. Es war zwölf Jahre alt. Die Leute gerieten außer sich vor Entsetzen. Doch er schärfte ihnen ein, niemand dürfe etwas davon erfahren; dann sagte er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben. (Mk 5,21-43)
Im Evangelium des 13.Sonntags im Jahreskreis (Mk 5,21-43) kommt eine Frau zu Jesus, die seit langen Jahren an schweren Blutungen litt. Sie war von Arzt zu Arzt gelaufen und hatte alles versucht, um eine Heilung oder wenigstens eine Linderung ihres Leidens zu erreichen. Sie hatte dabei keine Kosten gescheut und ihr ganzes Vermögen ausgegeben. Aber kein Arzt konnte ihr helfen und alle Bemühungen waren vergebens gewesen. Menschlich gesehen war deshalb für sie keine Hilfe mehr möglich. Da hörte die Frau eines Tages von Jesus, der die Fähigkeit besitzen soll, die Menschen sogar von schweren Krankheiten und Leiden zu befreien. Zu Ihm fasst sie Vertrauen; Er ist ihr letzte Hoffnung.
Da die Frau wegen ihrer Blutungen nach den Bestimmungen des alttestamentlichen Gesetzes als unrein galt und sie Jesus nicht ebenfalls unrein machen wollte, schreckt sie vor einer unmittelbaren Begegnung mit Ihm zurück. Sie schleicht sich von hinten an Ihn heran und berührt heimlich Sein Gewand in der Hoffnung, dass die in Jesus wohnende Kraft auf sie überströmt. Ihre Erwartungen gehen in Erfüllung: Die Berührung hat die erwünschte Wirkung, die Frau ist sofort von ihrer Krankheit geheilt.
In noch stärkerem Maße zeigt sich die außergewöhnliche Kraft Jesu im Fall des Synagogenvorstehers Jairus. Auch er tritt - schon vor der kranken Frau - an Jesus in einer Angelegenheit heran, die menschlich gesehen völlig aussichtslos ist; denn seine zwölfjährige Tochter liegt bereits im Sterben. Als seine Knechte ihm nachlaufen und ihm mitteilen, das Mädchen sei soeben gestorben, wird ihm der letzte Hoffnungsschimmer genommen. Dennoch dringt Jairus in beharrlichem, unerschütterlichem Vertrauen weiterhin in Jesus. Normalerweise würde man in einer solchen Situation anders reagieren - etwa so wie die Knechte des Jairus, die ihrem Herrn nahe legen, sich mit dem Tod seiner Tochter abzufinden und Jesus in Ruhe zu lassen. Doch das Vertrauen des Jairus zu Jesus ist unzerstörbar; er hört nicht auf, Jesus um Hilfe anzuflehen.
Jesus begibt sich schließlich in das Haus des Jairus und schenkt durch ein kurzes Machtwort das verstorbene Mädchen seinen Eltern wieder lebendig und gesund zurück. Mit dieser Tat beweist Jesus, dass Seine Kräfte über die Fähigkeiten anderer Wundertäter weit hinausreichen - Er ist sogar imstande, Tote wieder zum Leben zu erwecken, was nur noch von den ganz großen Propheten Elija und Elischa im Alten Testament berichtet wird.
Um die Einzigartigkeit und Größe dessen verstehen zu können, was Jesus hier vollbracht hat, ist es erst einmal notwendig, diesen Bericht in den Gesamtzusammenhang des Markus-Evangeliums einzuordnen. Die einzelnen Wundertaten Jesu besitzen ja keine selbständige Bedeutung, sondern sie erhalten ihre letzte Erklärung erst durch die Osterereignisse. Durch ein einzelnes Wunder ist es noch nicht zu beweisen, dass Jesus mehr war als ein außergewöhnlicher Mensch, dass Er auch nicht nur der Messias nach den Vorstellungen des jüdischen Volkes, sondern dass Er Gottes wesensgleicher Sohn war, der aus der Welt des Vaters auf unsere Erde gekommen und Mensch geworden ist. Erst vom Tod und der Auferstehung Jesu her wird die Tätigkeit Jesu und Seine Verkündigung voll verständlich und in ein letztes klärendes Licht gerückt.
Jesus sah den Auftrag, den Ihm der Vater erteilt hatte, nicht darin erschöpft, leidende Menschen, denen Er auf Seinen Wanderungen begegnete, von ihren Krankheiten und Leiden zu befreien, oder einen Verstorbenen seiner Familie zurückzugeben. Das Wirken Jesu hatte vielmehr das Ziel, alle Menschen in ein umfassendes Heil zu stellen, das über die Grenzen des Todes hinaus fortdauert und in der ewigen Gemeinschaft mit Gott seine letzte Vollendung findet. Was in der Totenerweckung der Tochter des Jairus gleichsam zeichenhaft aufstrahlte, fand dann seine endgültige Bestätigung in der Auferstehung Jesu und in Seiner Heimkehr zum Vater: Jesus hat die Macht des Todes für immer gebrochen und dadurch neues, unvergängliches Leben geschaffen. Er will auch uns nicht dem Zerfall, dem Versinken ins Nichts überlassen, sondern Er schenkt Sein göttliches Leben an uns weiter und wird uns einmal zum ewigen Leben im Reich Gottes auferwecken.
Diese Botschaft ist gerade für die Menschen unserer Tage trostreich und richtungweisend. Denn das Lebensgefühl zahlreicher Zeitgenossen ist trotz der außerordentlichen Errungenschaften, die unsere moderne Welt aufzuweisen hat, von einem tiefen Pessimismus bestimmt. Der Mensch von heute erfährt sehr schnell die Grenzen seiner Möglichkeiten und des Lebens überhaupt. Er kommt sich vor wie in einem langen Gang, der unaufhaltsam enger wird, und am Ende dieses Ganges wartet auf ihn der unausweichliche Tod. Jeder Versuch, diesem Schicksal zu entrinnen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Für einen Menschen, der sein Dasein nicht auf dem Glauben an das Erlösungswerk Jesu aufbaut, bedeutet der Tod den Schritt in eine dunkle, bedrohliche Zukunft oder sogar in ein absolutes Nichts. Damit endet sein Leben in einer ausgesprochenen Katastrophe. Deshalb erscheint vielen Menschen von heute auch das irdische Dasein letzten Endes als bedeutungs- und sinnlos.
Ganz anders dagegen lautet die Botschaft des Neuen Testaments: Auf dem Menschen lastet zwar auch nach Ostern das Schicksal des Todes und sein Leib verfällt der Verwesung, aber Christus wird ihn zu einem neuen, unüberbietbar vollkommenen Leben auferwecken. Diese Verheißung wird allerdings nur an dem Menschen Wirklichkeit, der in seinem Leben die gleiche Haltung gegenüber Jesus einnimmt wie die kranke Frau und Jairus. In aussichtslosen Situationen vertrauten sie unerschütterlich auf Jesus und hofften auf Ihn gegen alle menschliche Vernunft. Sie verwirklichten, was Jesus von Jairus verlangte: "Sei ohne Furcht, glaube nur!"
Wer von Jesus erlöst und auferweckt werden möchte, der muss sich vom Vertrauen auf seine eigenen Kräfte, vom Vertrauen auf seine Lebenserfahrung lösen und sein Schicksal ganz Jesus überlassen - auch in solchen Lagen, die menschlich gesehen völlig ausweglos sind. Der Evangelist Markus lädt uns durch seinen Bericht ein, dieses Vertrauen zu Jesus aufzubringen. Für uns ist das der gegebene Anlass, wieder einmal sorgfältig zu überprüfen, wie es mit unserem Glauben steht, ob wir unser Leben ohne Vorbehalte auf dem Erlösungswerk Jesu aufbauen oder ob wir uns auf andere Kräfte verlassen. Trotz der weitgehenden religiösen Gleichgültigkeit unserer Umwelt wollen wir entschieden an dem Bekenntnis festhalten: Jesus ist der Erlöser aller Menschen, Er ist unser Heil und unser ewiges Leben. Das bedeutet nicht, dass wir Ihn endgültig kennen und verstanden haben. Letztlich wird Jesus für uns ein unergründliches Geheimnis bleiben. Er ist für uns keine fertige Antwort, sondern wir müssen immer wieder von neuem nach dem Sinn Seiner Worte und Taten fragen.
Aus dem Glauben erhalten wir die Gewissheit, dass Jesus die Richtung auch für unser Leben vorgibt; Er ist uns jenen Weg vorausgegangen, auf dem wir Ihm in die Welt des Vaters nachfolgen sollen. Jesus versichert uns, dass in unserem Inneren etwas existiert, was unvergänglich und was dazu bestimmt ist, von Gott vollendet zu werden. Wir dürfen darauf vertrauen, dass auch wir einmal das Wort Jesu vernehmen dürfen: "Ich sage dir, steh auf!" Wenn wir dieses Zeugnis des Evangelisten gläubig annehmen, dann ist unser Leben nicht mehr von Unsicherheit und Angst geprägt, sondern von Hoffnung und Vertrauen; denn unser letztes Schicksal sind nicht Tod und Verwesung, sondern das ewige Leben bei Gott.
20. August 2006
20. Sontag im Jahreskreis
Das Heil der Welt
Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, (ich gebe es hin) für das Leben der Welt. Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben? Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, das sage ich euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag. Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise, und mein Blut ist wirklich ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben. Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Mit ihm ist es nicht wie mit dem Brot, das die Väter gegessen haben; sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit. Joh 6,51-58
Am Sonntag vor drei Wochen haben wir im Evangelium gehört, wie Jesus mit einigen wenigen Broten und Fischen mehrere tausend Menschen speiste. Als die Juden über dieses Ereignis, das auf natürliche Weise nicht zu erklären war, eine Unterhaltung beginnen, löst die Deutung des Wunders durch Jesus eine Reihe von Missverständnissen und unwillige Empörung aus.
So nehmen die Juden Anstoß, dass Jesus von ihnen den Glauben an Seine Person verlangt. Einem Juden war es nur erlaubt, an Jahwe, den einzigen Gott des Volkes Israel zu glauben. Jesus aber behauptet, Er besitze die Vollmacht, aus eigener Einsicht die Vorschriften des Alten Testaments verbindlich auszulegen und dafür Gehorsam zu fordern. Er schiebt die jahrhundertealten Erklärungen der Schriftgelehrten - der offiziellen Fachleute der alttestamentlichen Religion - einfach auf die Seite; Er korrigiert sie aus eigener Vollmacht oder setzt sie sogar ganz außer Kraft. Jesus geht so weit zu behaupten, Er könne Sünden vergeben - ein Recht, das ausschließlich und allein Gott zusteht. Dadurch stellt Er sich mit Gott auf dieselbe Stufe. Jesus macht sich also selbst zum Gegenstand des Glaubens und der religiösen Verehrung der Menschen.
Im Evangelium des 20. Sonntags im Jahreskreis (Joh 6,51-58) geht Jesus über diesen Anspruch noch hinaus- "Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das Ich geben werde, ist Mein Fleisch; Ich gebe es hin für das Leben der Welt." Jesus bezeichnet sich eigenartigerweise als das Brot, das vom Himmel herabgestiegen ist und das die Menschen verzehren müssen - sonst gibt es für sie keine Erlösung und kein Heil. Wir erleben Jesus sonst als den Verständnisvollen, als den Gütigen und Nachsichtigen, der den Menschen in ihrem begrenzten Fassungsvermögen entgegenkommt und sich mit ihnen auf ein Gespräch einlässt, in dem sie offen darüber reden dürfen, was ihnen im Bereich des Glaubens nicht klar ist, was sie mit Unsicherheit und Zweifeln erfüllt (denken wir an den Pharisäer Nikodemus oder die Samariterin am Jakobsbrunnen). Aber als die Juden gegen diese Aussage aufbegehren, bleibt Er hart; Er ist nicht im Geringsten bereit, Seinen Anspruch zurückzunehmen oder wenigstens abzuschwächen. Vielmehr steigert Jesus Seine Äußerung noch: Er spricht jetzt davon, dass der Mensch, der das Heil erlangen möchte, auch Sein Blut trinken muss. Diese Forderung war für einen Juden etwas Ungeheuerliches; denn der Genus von Blut war jedem Juden durch eine Vorschrift des mosaischen Gesetzes bei Todesstrafe verboten. Es ist deshalb verständlich, dass die Zuhörer diesen Worten Jesu hilflos gegenüberstanden und sie letztlich für eine Gotteslästerung halten mussten
Die Religion des Alten Bundes war eine Religion des geoffenbarten Wortes. Gott hatte am Berg Sinai mit den Israeliten einen immerwährenden Bund geschlossen. Die Voraussetzung dafür, dass Gott Seinem auserwählten Volk Seinen Schutz, Seine Gnade und Sein Erbarmen gewährte, bestand allerdings darin, dass die Israeliten Seine Gebote befolgten, die im Gesetz des Mose festgehalten waren. Die Gottesdienste im Tempel von Jerusalem oder später in den Synagogen bildeten lediglich den äußeren Rahmen, in dem das Wort Gottes den Israeliten immer wieder von neuem verkündet, ja geradezu eingehämmert wurde. Das erkennen wir bei den Propheten wie etwa Amos, Hosea oder Jesaja, die unentwegt betonen: Wenn die Israeliten nicht Recht und Gerechtigkeit üben, wie Gott es von ihnen verlangt, wenn sie ihre Mitmenschen ausbeuten und unterdrücken, dann sind ihre glanzvollen Gottesdienste vor Gott wertlos und werden von Ihm verachtet.
Auch Jesus sieht sich im Dienst der Verkündigung des göttlichen Wortes. Er zeichnet uns Gott nicht als den strengen und unerbittlichen Richter, wie Ihn sich das Alte Testament weitgehend vorstellt, sondern Er versichert uns, dass Gott der gütige Vater ist, der uns mit allen unseren Schwächen annimmt. Jesus lehrt uns, wie wir aus der Gottesferne herausfinden, die seit dem Sündenfall im Paradies unser Schicksal ist. Er hilft uns, unser eigenes Wesen zu verstehen; Er verkündet uns den Sinn und Auftrag unserer irdischen Tage und das letzte Ziel unseres Daseins.
Dabei bleibt Jesus aber nicht stehen. Er spricht von Seinem Leib, den jeder empfangen und essen muss, der das Heil zu erlangen sucht. Was sollten die Juden nun mit dieser Aussage anfangen? Es war ihnen zwar klar, woran Jesus anknüpfte. Auf der jahrzehntelangen Wanderung durch die Wüste nach dem Auszug aus Ägypten wurden die Israeliten wiederholt vom Hungertod bedroht, weil ihnen die Lebensmittel ausgingen. Da schenkte ihnen Gott überraschend Manna und Wachteln, die ihren Hunger stillten. Aber was meint Jesus mit der Forderung, Sein Fleisch zu essen? Sollten sie Ihn etwa umbringen und in Stücke hauen? Aus christlicher Sicht wissen wir, wovon Jesus redet: Er denkt an Seinen Leib, den Er am Kreuz in einen qualvollen Tod hingeben wird, um dadurch alle Menschen zu erlösen. Diesen Leib hat Jesus wenige Stunden vor Seiner Verhaftung im Abendmahls-Saal in den Gestalten von Brot und Wein gegenwärtig werden lassen.
Damit hat Jesus in die Religion des Alten Bundes ein ganz neues, bis dahin völlig unbekanntes Element hineingebracht. Er ist nicht nur deswegen vom Himmel gekommen, um uns tiefere Einsichten in das Wesen Gottes und in die Geheimnisse des irdischen Daseins zu schenken, sondern Er besitzt auch als Mensch das Wesen Gottes. Dieses göttliche Leben will Jesus uns nun durch den Empfang Seines heiligen Leibes und Blutes spenden. Er befreit uns aus dem Zustand der Sünde und der Gottferne und verwandelt uns in neue, erlöste Geschöpfe, in einen Tempel des Heiligen Geistes. Das göttliche Leben, das wir von Jesus erhalten, wird in uns zu einer Quelle, die hinüberströmt in das ewige Leben. So formuliert es Jesus selbst in einem Gespräch mit der Samariterin (Joh 4,14). Dieses göttliche Leben kann keine Macht dieser Erde vernichten oder uns rauben.
Dadurch stellt Jesus unser religiöses Verhalten und unsere persönliche Beziehung zu Gott auf eine ganz neue Grundlage. Er korrigiert damit aber auch die Ansichten von zahlreichen unserer Mitmenschen. Sie sind der Ansicht, sie könnten in der Natur Gott genauso gut begegnen, zu Ihm beten und über den Sinn des Lebens nachdenken wie in einer Kirche. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Auch Franziskus von Assisi zog durch die Landschaft und erkannte in jedem Vogel, Baum oder Wasserquell die Gegenwart Gottes und Seines schöpferischen Handelns.
Aber das allein genügt nicht. Gemäß der ausdrücklichen Weisung Jesu müssen wir regelmäßig die Begegnung mit Ihm im Gottesdienst und im Empfang Seines heiligen Leibes suchen. Dadurch werden wir eins mit Ihm und zugleich mit dem dreifaltigen Gott. Durch den Empfang des Leibes des Herrn wachsen aber auch die Glaubenden untereinander zu einer Einheit zusammen. Jesus vertröstet uns in unserer Sehnsucht nach Erlösung und Heil also nicht auf eine ungewisse Zukunft nach unserem Tod, sondern das unvergängliche und unzerstörbare Leben wird uns bereits hier auf Erden geschenkt. Wollen wir deshalb die Teilnahme am Sonntagsgottesdienst nicht als eine drückende Pflicht auffassen, die uns von der Kirche auferlegt wird, nicht als die Erfüllung einer unangenehmen Vorschrift, sondern als das einzigartige Angebot, die heilenden, erlösenden und das ewige Leben schenkenden Kräfte des auferstandenen und verklärten Herrn in uns aufzunehmen. Dann werden wir in unserem Leben erfahren, dass Jesus völlig zu Recht versichert: "Wer Mein Fleisch isst und Mein Blut trinkt, hat das ewige Leben!" Das schenkt uns die Kraft, auch an die andere Verheißung Jesu zu glauben: "Ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag."
8. Oktober 2006
27. Sontag im Jahreskreis
Treue für das ganze Leben
Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und (die Frau) aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet. Mk 10,2-12
Im Evangelium des 27.Sonntags im Jahreskreis übt Jesus am Gesetz des Mose, das den Juden als unmittelbarer und damit unumstößlicher Ausdruck des Willens Gottes galt, schärfste Kritik. Im alttestamentlichen Buch Deuteronomium steht die Anordnung: "Wenn ein Mann eine Frau geheiratet hat und er ihr Ehemann geworden ist, sie ihm dann aber nicht mehr gefällt, weil er an ihr etwas Anstößiges entdeckt hat, so stelle er ihr eine Scheidungsurkunde aus, händige ihr diese aus und schicke sie aus seinem Haus fort." (24,1).
Auf Grund dieser Ermächtigung war das Recht zur Ehescheidung, das wohlgemerkt nur für den Mann galt, für die Juden eine Selbstverständlichkeit. Strittig war nur die Ursache, die für eine Scheidung ausreichte. Die jüdischen Schriftgelehrten zerfielen zurzeit Jesu in zwei Richtungen, an deren Spitze die beiden Gesetzeslehrer Schammai und Hillel standen. Während Rabbi Schammai nur den Ehebruch als Scheidungsgrund anerkannte, gab nach der Meinung von Rabbi Hillel jede geringfügige Ursache dem Mann das Recht, seine Frau zu entlassen. Es genügte schon, wenn die Frau das Essen anbrennen ließ oder auch ganz einfach, wenn dem Mann eine andere Frau plötzlich besser gefiel. Damit hatte der Mann praktisch ein unbegrenztes Recht auf Ehescheidung. Diese laxe Auslegung war zurzeit Jesu die vorherrschende.
Die gewissenhaften Pharisäer dagegen schlossen sich selbstverständlich Rabbi Schammai an und ließen nur den Ehebruch als Scheidungsgrund gelten. Einige von ihnen richteten eines Tages an Jesus eine Frage, die Ihn zwingen sollte, sich für eine der beiden gegensätzlichen Auffassungen zu entscheiden.
Jesus aber geht auf die an Ihn gestellte Frage überhaupt nicht ein, sondern Er antwortet mit dem ungeheuren Vorwurf, dass diese Erlaubnis des mosaischen Gesetzes dem ursprünglichen Willen Gottes widerspricht und deshalb ein Abfall von Seiner Schöpfungsordnung ist. Zur Begründung dieser Behauptung verweist Jesus auf den zweiten Schöpfungsbericht des Alten Testaments, in dem es heißt: "Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch" (Gen 2,24). Aus dieser Aussage zieht Jesus sofort die unvermeidliche Folgerung: "Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen ... Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch." Damit erklärt Jesus die für das ganze Leben geschlossene Einehe als den immer geltenden und deswegen alle Menschen verpflichtenden Auftrag Gottes hinsichtlich der Ehe. Die vom alttestamentlichen Gesetz eingeräumte Möglichkeit der Scheidung ist für Ihn nur Nachgiebigkeit gegenüber der Herzenshärte der Israeliten.
Zahlreiche Menschen behaupten in unseren Tagen, angesichts der Lebensbedingungen unserer modernen Zivilisation und den in ständiger Veränderung sich befindenden gesellschaftlichen Verhältnissen sei die Unauflöslichkeit der Ehe eine unerfüllbare Forderung. Sie bieten deshalb andere Formen des Zusammenlebens an, die angeblich dem menschlichen Wesen mehr entsprechen und seine sexuellen Bedürfnisse besser zufrieden stellen. Alle diese Ansichten unterliegen aber einer tief greifenden Täuschung.
Im Schöpfungsbericht sagt Gott vor der Erschaffung der Frau: "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht" (Gen 2,18). Gott hat den Menschen also nicht als Einzelperson geschaffen, die allein und beziehungslos durch das Leben geht. Vielmehr ist der Mensch ausgerichtet auf die Gemeinschaft mit anderen Menschen. Gott wollte aber die Verwirklichung dieser Gemeinsamkeit nicht dem Zufall überlassen, sondern Er bestimmte die lebenslange Verbindung von Mann und Frau als das Fundament jeden menschlichen Zusammenlebens. In der Ehe erfährt der Mensch die ihm noch fehlende Ergänzung seines Wesens, hier erhält er Hilfe in den Anforderungen und Belastungen des täglichen Lebens.
Eine Ehe wird also nicht nur deswegen geschlossen, damit sich die Partner ihre geschlechtlichen Wünsche erfüllen können, sondern sie ist eine Institution, die sämtliche Bereiche des Daseins umfasst. Wer in der Ehe nur Genuss sucht, wer nur zu seinem Vorteil und auf seine Rechnung kommen möchte, der wird nie das richtige Verhältnis zu seinem Lebensgefährten finden, sich aber auch nie zu einer wertvollen Persönlichkeit entfalten. Denn Liebe bedeutet nicht nur Empfangen, sondern auch Schenken, auf den anderen Eingehen, sich in ihn Hineinversetzen. Das erfordert bei der nie ganz zu überwindenden menschlichen Begrenztheit und Unvollkommenheit der Partner Einfühlungsvermögen, Selbstlosigkeit und Verzicht, treues Aushalten gerade in schwierigen Situationen und gemeinsame Sorge für die aus der ehelichen Begegnung hervorgegangenen Kinder, die ein Recht auf liebevolle Zuwendung, Nestwärme und Geborgenheit haben.
Wie stark die Bindung der Ehepartner aneinander sein soll, das erkennen wir aus der Feststellung der Heiligen Schrift, dass der Mann Vater und Mutter verlässt, um sich an seine Frau zu binden. Was diese Aussage beinhaltet, kann nur der voll ermessen, der die tiefe Ehrfurcht des orientalischen Menschen vor seinen Eltern und seine Einordnung in das Gesellschaftssystem der Großfamilie kennt.
Nach Gen 1,27 hat Gott Mann und Frau in gleicher Weise als Sein Abbild geschaffen. Nach der Aussage von 1Joh 4,16 ist Gott die Liebe. In der gegenseitigen gleichwertigen und gleichberechtigten Zuneigung von Mann und Frau soll sich deshalb die Liebe widerspiegeln, die Gott uns Menschen in jedem Augenblick schenkt. Erst durch diese Liebe verwirklichen wir in vollem Umfang den Auftrag, den Gott uns erteilt hat.
Das Wesen der Ehe in ihrer Einheit und Unauflöslichkeit wird noch deutlicher, wenn wir uns vor Augen halten, dass sie dem Alten Testament als Symbol dient, um den unwiderruflichen Bund Gottes mit Seinem auserwählten Volk Israel zum Ausdruck zu bringen. Dem Neuen Testament gilt die Ehe als Abbild der überströmenden Liebe Christi zu Seiner Kirche und Seiner Einheit mit ihr. Dass die Ehe nicht nur ein Wert in sich, sondern ganz auf die Liebe Gottes hingeordnet ist, sehen wir auch daran, dass Jesus den Menschen, die es fassen können, die Ehelosigkeit um des Himmelreichs willen empfiehlt (Mt 19,12). Auch das gilt es zu beachten.
Die in Treue und Liebe bis zum Lebensende durchgehaltene Ehe bleibt somit eine ständige Aufgabe, die Gott an jeden Menschen und jede Generation neu stellt. Die Menschheit wird nie zur Verwirklichung ihrer selbst gelangen können, wenn sie dieses Ideal aufgibt. Die für ein ganzes Leben geschlossene Ehe wird deshalb für die Gegenwart wie auch für die Zukunft das Leitbild bleiben, an dem jede menschliche Gesellschaft sich auszurichten hat. Sie ist der unentbehrliche Grundstein, wenn ein Staat zu gesunden Verhältnissen gelangen möchte.
26. November 2006
34. Sontag im Jahreskreis
Christkönigssonntag
Der verborgene Herrscher
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: in jenen Tagen, nach jener Bedrängnis, wird die Sonne verfinstert werden und der Mond seinen Schein nicht geben; und die Sterne werden vom Himmel herabfallen, und die Kräfte in den Himmeln werden erschüttert werden Und dann werden sie den Sohn des Menschen kommen sehen in Wolken mit großer Macht und Herrlichkeit. Und dann wird er die Engel aussenden und seine Auserwählten versammeln von den vier Winden her, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels Von dem Feigenbaum aber lernt das Gleichnis: Wenn sein Zweig schon weich geworden ist und die Blätter hervortreibt, erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist. So sollt auch ihr, wenn ihr dies geschehen seht, erkennen, dass es nahe vor der Tür ist. Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis alles dies geschehen ist. Der Himmel und die Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen. Von jenem Tag aber oder der Stunde weiß niemand, auch nicht die Engel im Himmel, auch nicht der Sohn, sondern nur der Vater. Mk 13, 24-32
Der letzte Sonntag des Kirchenjahres, das Christkönigs-Fest, lenkt unseren Blick auf die abschließenden Ereignisse der Weltgeschichte, wenn Christus wiederkommt, um eine neue Schöpfung zu errichten, die ganz von der Heiligkeit und Vollkommenheit Gottes geprägt sein wird. Diese letzten Ereignisse werden alle menschlichen Bemühungen und Erfolge im Bereich der Politik, der Wirtschaft, der Technik, der Kultur und des Geisteslebens endgültig abschließen. Nach dem vielfältigen Gegeneinander der Ansichten und Machtverhältnisse auf unserer Erde wird sich dann unwiderruflich zeigen, wer der wahre Herr der Welt ist und wer das letzte Wort über die Menschheit zu sprechen hat.
Der Christkönigs-Sonntag erhebt auch den Anspruch, dass Jesus Christus bereits jetzt der verborgene, aber eigentliche Herrscher der Welt ist - mögen die Menschen handeln, wie sie wollen, mögen sie sich dem Willen Gottes noch so sehr widersetzen. Christus als den höchsten Herrn unseres Lebens anzuerkennen, in der Gemeinschaft mit Ihm den tragenden Sinn und unerschütterlichen Halt unseres irdischen Daseins zu erblicken, dazu fordert uns das Christkönigs-Fest wieder auf.
Was wir allerdings Tag für Tag durch die Medien aus der gesamten Welt erfahren, das macht einen ganz anderen Eindruck auf uns. Man spürt hier recht wenig von der Herrschaft Christi über die Schöpfung. Wir befinden uns vielmehr in einer Zeit, die zutiefst geprägt ist von Egoismus, Gewinnsucht, Hass, Grausamkeit und Gewalttaten, in der Millionen Menschen an Hunger leiden und an Unterernährung sterben. Wir erleben in unserer Gegenwart die Bedrohung der Menschheit durch Atomwaffen und Chemikalien, eine immer stärker verschmutzte Umwelt, das angestrengte Suchen nach neuen Energiequellen, die zunehmende Machtkonzentration in der Wirtschaft, eine viel zu hohe Zahl von Arbeitslosen. Unsere Einstellung zum Leben ist somit bestimmt von ernsten Sorgen um die Existenz und die Zukunft der Menschheit.
Diese gefährdete Welt ist der Schauplatz unseres Glaubens und unserer Hoffnung, aber auch unserer bangen Fragen, manchmal sogar unserer Zweifel an der Wahrheit bestimmter Verheißungen des christlichen Glaubens. Wo bleibt angesichts solcher beunruhigenden Verhältnisse die Herrschaft Christi über die Menschen? Wo bleiben die Erlösung und die Verklärungsherrlichkeit der Auferstehung? Die Machtstrukturen des modernen Lebens, denen wir ausgeliefert sind, sind größtenteils undurchschaubar und von unguten Zielen bestimmt. Die Wirklichkeit der heutigen Welt lastet oft schwer auf den Glaubenden, wenn sie sich bemühen, ihr Verhalten von der Botschaft Jesu bestimmen zu lassen.
Angesichts der tatsächlichen Situation auf unserer Erde scheint die Herrschaft Christi aussichtslos zu sein. Aber der Christ weiß auch, dass die Königsmacht Jesu nicht von dieser Welt stammt. Jesus lehnte es während Seines irdischen Wirkens stets mit Entschiedenheit ab, sich als Messias bezeichnen zu lassen, weil die Juden mit diesem Titel politische Machtansprüche verbanden. Sie erwarteten nämlich vom Messias, er werde sie mit Waffengewalt von der Unterdrückung durch die Römer befreien und Israel wieder zu seiner früheren Größe und Bedeutung verhelfen. In diesem kommenden Reich würde dann einzig und allein der Wille Gottes die bestimmende Kraft sein.
Zu diesen Vorstellungen sprach Jesus Sein unmissverständliches Nein. Wenn die Juden Seine Worte und Sein Verhalten in diesem Sinn auffassten, wies Er sie scharf zurecht. Nur ein einziges Mal erhob Er den Anspruch, ein König zu sein: als Er vor Pontius Pilatus, dem höchsten Vertreter der römischen Besatzungsmacht in Palästina, stand. Aber in diesem Augenblick waren Missverständnisse ausgeschlossen. Jesus stand als Angeklagter vor dem römischen Statthalter und wie die Dinge lagen, war für Ihn das Todesurteil unausweichlich. Jetzt konnte Er sich ruhig als König bezeichnen. Er betonte aber auch, dass Seine Machtbefugnisse nicht von dieser Welt stammen. Obwohl Pilatus in den Glaubensüberzeugungen der jüdischen Religion nicht bewandert war, verstand er trotzdem, dass Jesus einen Herrschaftsanspruch erhob, der über die Befugnisse irdischer Machthaber und sogar noch über die des römischen Kaisers weit hinausging. Was Jesus im Verhör sagte, stimmte Pilatus so nachdenklich, dass er plötzlich die Frage stellte. "Was ist Wahrheit?" Wäre die Herrschaft Jesu von dieser Welt gewesen, dann hätte Er in dieser für Ihn ausgesprochen gefährlichen Situation zur Gewalt gegriffen und sich von Seinen Anhängern mit Waffen schützen lassen. Aber dieser Art der Machtausübung hatte Er bereits am Beginn Seines öffentlichen Wirkens eine klare Absage erteilt, als Ihn der Teufel dreimal versuchte. Und noch früher hatte Jesus zu erkennen gegeben, wie Er Seine Herrschaft über die Menschen auszuüben gedachte: Seine Geburt erfolgte nicht in der Pracht eines Königspalastes, nicht im Komfort eines wohlhabenden Bürgerhauses, sondern in der Armseligkeit eines Stalles - völlig unbeachtet von den maßgebenden Menschen der damaligen Zeit.
Dieser Grundhaltung ist Jesus treu geblieben bis zum Ende Seines Lebens. Als Jesus vor Pilatus stand, wusste Er, was auf Ihn wartete - welches Ausmaß von Grausamkeit, Schmerzen und Qualen in den nächsten Stunden auf Ihn zukommen würde. Trotzdem zögerte Er nicht, diesen Weg entschlossen zu gehen. Jesus ging in vollkommenem Gehorsam gegenüber dem Willen des himmlischen Vaters Seinen Lebensweg konsequent zu Ende. Bei Ihm war nichts zu spüren von einem Jagen nach Macht, wie man es bei den Herrschern unserer Erde so gut beobachten kann. Jesus schaute nicht kleinlich und eifersüchtig darauf, ob die Menschen die Ihm zustehende Ehrerbietung erwiesen. Er zeigte auch keinerlei Angst davor, dass Ihn jemand aus Seiner Stellung drängen könnte; Er ließ sich vielmehr in aller Ruhe und Gelassenheit an die Wand drücken. Deshalb nennt Ihn das letzte Buch des Neuen Testaments, die Offenbarung des Johannes, den treuen Zeugen: Jesus ist der treueste Zeuge für Gottes Wahrheit und Seinen Heilswillen.
Die Herrschaft Jesu ist dadurch gekennzeichnet, dass Er die Menschen liebt und sie zum Heil führen möchte. Deswegen machte Er sich zum Diener aller und war bereit, das eigene Leben in einen qualvollen Tod hinzugeben, um dadurch allen Ihm Anvertrauten das unvergängliche Leben zu schenken. Durch diese Selbstlosigkeit stellte Jesus sämtliche irdischen Machtverhältnisse auf den Kopf. Aber gerade durch diese Selbsterniedrigung zur Erlösung anderer hat Jesus Seine unzerstörbare Macht erwiesen: Er zerbrach die Fesseln des Todes und kehrte in jene Welt zurück, aus der Er gekommen war. Dort herrscht Er nun mit dem göttlichen Vater auf ewig über die Schöpfung. Durch Seine Auferstehung von den Toten und durch Seine Himmelfahrt hat Jesus bewiesen, dass Er stärker ist als alles Planen und Handeln der Menschen und stärker als alle Anwendung von Gewalt.
Durch den Sieg Jesu stehen der Ausgang der Weltgeschichte und das endgültige Schicksal der Menschheit bereits unwiderruflich fest, auch wenn die Dunkelheit auf der Erde und die Macht des Bösen immer mehr zu wachsen scheinen. Niemand mehr kann Christus, den Lebensquell und das Licht der Menschen, wieder zum Erlöschen bringen. Er ist der wahre, wenn auch noch verborgene Herrscher der Welt. In Jesus erhebt Gott unwiderruflich den Anspruch, der höchste Machthaber über das Weltall zu sein. Die Herrschaft Gottes beschränkt sich nicht auf die Räume unserer Kirchen, sondern Gott besteht grundsätzlich darauf, den Menschen für ihr Verhalten im Alltag verbindliche Weisungen zu erteilen und konkrete Forderungen an sie zu stellen.
Der auferstandene Sohn Gottes wird einmal in der Macht und Herrlichkeit Seines Vaters wiederkommen, um endgültig die Herrschaft Gottes über die Schöpfung zu errichten. Dann wird Er die Wahrheit ans Licht bringen und unbestechlich Recht sprechen. Wenn Christus wiederkommt, wird Er aber auch jedem Menschen den Frieden mit Gott anbieten und in Seinem Erbarmen so weit gehen, wie Er bei Seinem Tod am Kreuz gegangen ist. Er wird nicht niederreißen und zerstören, sondern heilen und vollenden. Damit wird die Geschichte unserer Welt ihren krönenden Abschluss erfahren. Stellen wir deshalb durch ein bewusstes christliches Handeln unser Leben unter die Herrschaft dessen, dem von Gott alle Macht und Hoheit übertragen wurde und dessen Reich niemals mehr untergeht!
14. Januar 2007
2. Sonntag im Jahreskreis
Vom Wunder zum Glauben
Wenn Jesus Aussätzige gesund macht, wenn Er Blinden das Augenlicht schenkt oder sogar Tote ins Leben zurückruft, dann kann man das deuten als taten des Mitgefühls und der Barmherzigkeit. Aber was sollen wir mit dem Wunder im Evangelium des 2. Sonntags im Jahreskreis anfangen (Johannes 2,1-12), bei dem Jesus Wasser in Wein verwandelt? Weiß Jesus nichts Wichtigeres zu tun, als einem Brautpaar aus der Verlegenheit zu helfen, das sich in der Menge des benötigten Weins verrechnet hat? Unterstützt Er mit der ungewöhnlichen großen Menge des von Ihm herbeigezauberten Weins nicht die Unmäßigkeit der Hochzeitsgäste?
Eine Hilfe für die richtige Deutung des Geschehens bietet uns einer der letzten Sätze des Evangeliums-Textes. Dort heißt es nämlich: "So tat Jesus Sein erstes Zeichen und offenbarte Seine Herrlichkeit." Der Engpass, der während der Hochzeitsfeier in Kana für die Brautleute entstand, bot Jesus die willkommene Gelegenheit, den Menschen Einblick in die verborgenen Tiefen Seines Wesens zu schenken.
Welche Kräfte und Eigenschaften im Innersten eines Menschen am Werk sind und sein Denken, Reden und Handeln weitgehend bestimmen, das bleibt für die Mitmenschen unerforschlich. Um wie viel mehr muss Jesus für uns ein undurchdringliches Geheimnis sein! Der Glaube versichert uns, dass Jesus von Nazareth nicht nur ein Mensch war wie wir, sondern dass Er Gottes Sohn ist, de aus der Ewigkeit der himmlischen Welt auf unsere Erde kam, auch als Mensch dasselbe göttliche Wesen besaß wie der Vater - dieselbe Heiligkeit und Vollkommenheit. Die göttliche Natur in Jesus überfordert uns allerdings unsere Fassungskraft. So wenig wir mit bloßem Auge in die Sonne blicken können, ohne geblendet oder ganz blind zu werden, genauso wenig können wir die in Jesus verborgene göttliche Herrlichkeit in unverhülltem Zustand ertragen. Denken wir an die Verklärung Jesu auf einem Berg, wo die anwesenden Apostel vor Schreck zu Boden stürzten. Nicht umsonst sprach Gott im Alten Testament zu Mose: "Du kannst Mein Angesicht nicht schauen; denn kein Mensch bleibt am Leben, der Mich sieht." (Exodus 33,20)
Um uns durch Seine göttliche Macht und Heiligkeit nicht zu erdrücken, hat sich Jesus in die Gestalt eines gewöhnlichen Menschen gekleidet, der so unauffällig und anspruchslos lebte, dass wir Seine göttliche Herkunft nicht einmal erahnen können. Damit wir Sein verborgenes Wesen erkennen, hat Jesus Wunder vollbracht. Sie sind allerdings keine zwingenden Beweise für die Gottheit Jesu, sondern nur eindringliche Hinweise - sie wollen uns aufhorchen lassen und zur richtigen Einsicht führen. Aus diesem Grund nennt das Johannes-Evangelium die Wunder Jesu mit Vorliebe "Zeichen.
Die von Jesus vollbrachten Wunder besitzen also keine selbständige Bedeutung; sie sind vielmehr hingeordnet auf eine größere Wirklichkeit, von der sie erst ihre letzte Bestätigung erhalten. Deshalb sagt Jesus auf der Hochzeit von Kana zu Seiner Mutter: "Meine Stunde ist noch nicht gekommen." Mit dieser Stunde, die noch bevorsteht, meint Er sein Sterben am Kreuz zur Erlösung aller Menschen und Seine Auferstehung, durch die Er die Macht des Todes endgültig besiegen wird.
Mit dem Hinweis auf diese beiden entscheidenden Heilsereignisse macht Jesus deutlich, worum es ihm eigentlich geht. Er fühlt sich nicht als wundertätiger Weinlieferant. Er ist auch nicht gekommen, um Menschen, denen Er zufällig begegnet, von ihren Krankheiten und sonstigen irdischen Nöten zu befreien, sondern Er möchte uns allen ein umfassendes Heil schenken. Er wird durch Seine Auferstehung die Türe zum ewigen Leben aufstoßen und uns dadurch ein Leben in Fülle bereiten - ein Leben, das unzerstörbar ist und kein Ende findet, auch wenn nach wie vor alle Menschen über die Schwelle des leiblichen Todes schreiten müssen. Was Jesus uns anbietet, übertrifft somit alle Güter und Werte der irdischen Welt.
Auf die Absicht, den Menschen die Augen für die Erkenntnis der verborgenen Herrlichkeit Jesu und Seines Heilsangebotes zu öffnen, ist auch der Bericht vom Weinwunder in Kana ausgerichtet. Für das richtige Verständnis dieses Zeichen dürfen wir auch an das Wunder von der Brotvermehrung denken, wo Jesus selbst am Schluss die deutenden Worte spricht: "Ich bin das Brot des Leben. Wer zu Mir kommt, wird nie mehr hungern; und wer an Mich glaubt, wir nie mehr Durst haben (Johannes 6,35). Wie Jesus den Hochzeitsgästen in Kana Wein im Überfluss verschafft hat, so schenkt Er denen, die an Ihn glauben und Seinen Willen befolgen, unvergängliches Leben in Fülle.
Aus der Darstellung des Evangelisten wird aber auch deutlich, dass Jesus Forderungen stellt, wenn wir in den Besitz des von ihm angebotenen Heils gelangen wollen. Die meisten Gäste führte die Verwandlung des Wassers in Wein zu keinem tieferen Nachdenken; sie stauten lediglich über die gewaltige Menge und die hervorragende Qualität des Weins. Sie waren froh darüber, dass Jesus dem Brautpaar aus seiner peinlichen Situation half und die Hochzeitsfeier reibungslos fortfahren konnte. Damit war für sie die Angelegenheit erledigt. Sie spürten in diesem eichen nicht das Wirken Gottes.
Nur bei einer kleinen Gruppe der Anwesenden hatte das Wunder die von Jesus beabsichtige Wirkung: "Seiner Jünger glaubten an ihn." Sie allein besaßen die Fähigkeit, hinter die Oberfläche des äußeren Vorgangs zu blicken und ihn in seiner eigentlichen Bedeutung zu erfassen. Dadurch erkannten sie die in Jesus verborgene Herrlichkeit und fanden zum Glauben an Ihn als das fleischgewordene Wort des himmlischen Vaters. Zu der Erkenntnis, dass Jesus der Sohn Gottes und Erlöser aller Menschen ist, will das Wunder von Kana auch uns führen. Öffnen wir unser Herz dieser Botschaft und lassen wir uns von Christus Heil und unvergängliches Leben schenken!
4. März 2007
2. Fastensonntag
Unser letztes Ziel
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Ahmt auch ihr mich nach, Brüder, und achtet auf jene, die nach dem Vorbild leben, das ihr an uns habt Denn viele - von denen ich oft zu euch gesprochen habe, doch jetzt unter Tränen spreche - leben als Feinde des Kreuzes Christi. Ihr Ende ist das Verderben, ihr Gott der Bauch; ihr Ruhm besteht in ihrer Schande; Irdisches haben sie im Sinn. Unsere Heimat aber ist im Himmel. Von dorther erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter, der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der er sich alles unterwerfen kann. Darum, meine geliebten Brüder, nach denen ich mich sehne, meine Freude und mein Ehrenkranz, steht fest in der Gemeinschaft mit dem Herrn, liebe Brüder. Phil 3,17-4,1 In der neutestamentlichen Lesung des 2.Fastensonntags, die dem Philipper-Brief entnommen ist (3,17 - 4,1), geht der heilige Apostel Paulus unerbittlich mit Leuten ins Gericht, die er als 'Feinde des Kreuzes Christi" bezeichnet: "Ihr Ende ist das Verderben, ihr Gott der Bauch ihr Ruhm besteht in ihrer Schande. Irdisches haben sie im Sinn." Paulus wirft ihnen vor, dass sich ihre Interessen einseitig auf die Annehmlichkeiten des irdischen Daseins richten, dass sie ein zügelloses Leben führen und darauf sogar noch stolz sind. In Wirklichkeit aber stellen sie durch einen solchen Lebensstil sämtliche Grundsätze des christlichen Glaubens auf den Kopf. Wer sind nun diese Feinde des Kreuzes Christi? Paulus meint mit ihnen wohl kaum Christen, die vom Glauben abgefallen sind; denn zu der Zeit, in der er seinen Brief an die Gemeinde von Philippi schrieb, fanden noch keine Verfolgungen durch den römischen Staat statt. Die Ausführungen des Apostels erwecken eher den Eindruck, dass die Feinde des Kreuzes nicht außerhalb der Kirche zu suchen sind, sondern dass sie sich in ihrem Inneren befinden. Wahrscheinlich handelt es sich bei ihnen um Irrlehrer, die auch in anderen christlichen Gemeinden wiederholt Verwirrung ausgelöst und die Gefahr von Spaltungen heraufbeschworen haben. Sie führen durch ihre verkehrten religiösen Ansichten und ihren unbeherrschten Lebensstil andere Christen in Versuchung, vom Weg der Kreuzesnachfolge abzufallen. Der Versuch dieser Leute, den Glauben und die Frömmigkeit zu ihrem eigenen Vorteil zurechtzubiegen, hat außerdem zur Folge, dass die Botschaft des Evangeliums und sein Heilsanspruch auf Nichtchristen unglaubwürdig wirken. Deshalb reagiert Paulus auf dieses Fehlverhalten mit Recht so scharf und unnachgiebig. Die Geschichte der Kirche hat immer wieder gezeigt, dass die gefährlichsten Feinde des Christentums nicht die Menschen sind, die die Botschaft von der Erlösung der Welt durch Jesus von Nazareth ablehnen. Die größte Gefahr erwuchs dem Glauben zu allen Zeiten von denen, die sich zwar Christen nennen, das Christentum aber in seiner Lehre oder durch ihr Verhalten im Alltag verfälschen. Wenn die Botschaft des Neuen Testaments von Betrügern verkündet wird, die den Glauben für ihren persönlichen Erfolg missbrauchen, kann dadurch das Aufgehen eines guten Samens nachhaltig verhindert werden. Anfeindungen, Demütigungen, Besitz-Enteignungen, Verfolgungen und Martyrien dagegen waren noch nie imstande, die Existenz der Kirche ernsthaft zu bedrohen und sie fragwürdig erscheinen zu lassen. Angesichts der Bedrohung durch die Feinde des Kreuzes im Inneren der Kirche zeichnet der heilige Apostel Paulus ein ganz anderes Bild vom Inhalt des christlichen Glaubens - vom Wesen des Menschen, vom gottgewollten Auftrag des irdischen Daseins und von seinem letzten Ziel. Er ermahnt die Christen in Philippi eindringlich, sich stets auf diese Grundsätze ihres Glaubens zu besinnen: "Unsere Heimat aber ist der Himmel. Von dorther erwarten wir auch den Herrn Jesus Christus als Retter, der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt Seines verherrlichten Leibes." Paulus lenkt unseren Blick über die gegenwärtige Welt hinaus. Sie ist - wie jeder Mensch unschwer erkennen kann - nichts Endgültiges, Abgeschlossenes und Vollkommenes, sondern etwas zutiefst Unfertiges. Mag es hier auf Erden noch so viele glückliche und erfolgreiche Stunden geben, so bleibt doch für jeden ein schmerzlicher Rest von Enttäuschungen und Leid. Angesichts dieser bitteren Erfahrungen wäre es wirklichkeitsfremd, die Vollendung der menschlichen Persönlichkeit vom irdischen Leben zu erwarten. Der heilige Apostel Paulus macht uns auf ein unvergängliches Glück aufmerksam, das nicht von der Gunst des jeweiligen Augenblicks abhängig ist. Für den Glaubenden besteht das Eigentliche, der Zustand der Vollendung darin, dass Christus ihn vom Tod auferwecken und seinen von der Sünde gezeichneten irdischen Leib Seinem verklärten Leib ähnlich machen wird. Der Christ darf deshalb in seinem Denken und Handeln nicht im Bereich der sichtbaren Welt stehen bleiben, sondern er muss mit Entschiedenheit auf das jenseitige Ziel zugehen in der Gewissheit, dass dort seine wahre und endgültige Heimat ist. Paulus liegt alles daran, dass möglichst viele Menschen die vom Herrn verheißene Verklärung einmal an sich erfahren dürfen. Von diesem Wunsch her ist die abschließende Mahnung unserer Lesung zu verstehen: "Darum, meine lieben Brüder, steht fest im Herrn!" Durch den Glauben an Christus und durch die Taufe ist der Christ für immer den Gesetzen und dem Lebensstil von irdisch eingestellten Menschen entzogen. Für den Glaubenden gilt grundsätzlich eine andere Ordnung: Für ihn sind ausschließlich die Maßstäbe verpflichtend, die Jesus durch Seine Botschaft und durch das Vorbild Seines Handelns aufgezeigt hat. Deshalb macht Paulus Seinen Mitchristen eindringlich klar, dass sie sich vom Verhalten der Heiden deutlich unterscheiden müssen. Durch einen Lebensstil, der sich gewissenhaft am Neuen Testament ausrichtet, gerät der Christ manchmal in Gegensatz zu seinen Mitmenschen und stößt bei ihnen auf Ablehnung oder sogar auf Anfeindung. Er wird sich daher gelegentlich versucht fühlen, sich den Lebensgewohnheiten seiner Umwelt anzupassen; dadurch würde er sich Schwierigkeiten mit anderen und innere Kämpfe mit sich selbst ersparen. Der heilige Apostel Paulus aber warnt beschwörend: Nur dann, wenn wir die Weisungen Jesu treu befolgen, erfüllen wir die Voraussetzung für unsere Aufnahme in die himmlische Herrlichkeit. Die Kraft der Erlösung und das Geschenk der Auferstehung empfangen wir nur durch das Kreuz, an dem der Sohn Gottes für das Heil der Welt Sein Leben beendete. Kreuz und Verklärung gehören untrennbar zusammen. Wollen deswegen auch wir in der bewussten Nachfolge des leidenden und gekreuzigten Herrn dem Ziel unserer ewigen Vollendung entgegengehen und uns in diesem Bemühen von niemand unsicher machen lassen! 22. April 2007 3. Ostersonntag Zur Vollendung berufen Ich sah, und ich hörte die Stimme von vielen Engeln rings um den Thron und um die Lebewesen und die Ältesten; die Zahl der Engel war zehntausendmal zehntausend und tausendmal tausend. Sie riefen mit lauter Stimme: Würdig ist das Lamm, das geschlachtet wurde, Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, Kraft und Ehre, Herrlichkeit und Lob. Und alle Geschöpfe im Himmel und auf der Erde, unter der Erde und auf dem Meer, alles, was in der Welt ist, hörte ich sprechen: Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit. Und die vier Lebewesen sprachen: Amen. Und die vierundzwanzig Ältesten fielen nieder und beteten an. Offb 5,11-14 Zahlreiche Menschen unserer Tage blicken in banger Sorge auf die kommende Entwicklung der Welt. Sie sind unzufrieden oder sogar empört über die Entscheidungen der verantwortlichen Politiker und derer, die in der Wirtschaft die Weichen stellen. Sie sind alles andere als zuversichtlich, dass die kommenden Jahre die Menschheit auf den Weg einer glücklichen Entwicklung führen werden. In unseren Industriestaaten ist das Leben für sehr viele Menschen und Familien unsicherer und belasteter geworden. Wenn wir einen Blick über den gesamten Erdball werfen, müssen wir die bedrückende Feststellung machen, dass die Mehrzahl der Menschen ihr Dasein unter unzumutbaren Bedingungen führen muss. Aus der gegenwärtigen Situation erhalten wir den Eindruck, dass die Menschheit im Verlauf ihrer Geschichte keine nennenswerten Fortschritte gemacht hat. Nach wie vor herrschen au5 unserer Erde Egoismus, schreiendes Unrecht, Hass, Grausamkeit und Gewalt. Diese bedauerliche Feststellung lässt uns die Frage nach dem grundsätzlichen Sinn des Lebens stellen. Durchzieht die Geschichte so etwas wie ein roter Faden? Sind die einzelnen Ereignisse auf der Erde vielleicht auf ein End7iel hingeordnet, von dem her wir Verständnis für den Auftrag und den Wert unseres Daseins erhalten? Aber ob wir nun rückwärts oder vorwärts schauen - nirgends kommt Klarheit in unsere Fragen, nirgends ist ein letzter Sinn zu erkennen, der das Weltgeschehen trägt, oder ein klares Ziel, auf das die Entwicklung zuläuft. Was sich auf der Erde zuträgt, ist eine Summe von Einzelereignissen, die nebeneinander herlaufen oder oft genug gegeneinander gerichtet sind. Mit der Frage nach dem Sinn unseres Lebens und dem Ziel der ganzen Schöpfung befasst sich auch das letzte Buch des Neuen Testaments, die Offenbarung des Johannes. Aus ihr vernehmen wir am dritten Sonntag der Osterzeit einen kennzeichnenden Abschnitt (Off b 5,11-14). Gott sitzt auf Seinem Thron und hält ein Buch in der Hand, das~ mit sieben Siegeln verschlossen ist. In ihm sind die Schicksale aller Menschen aufgezeichnet. Aber niemand ist fähig, das Buch zu öffnen. Da tritt ein Mensch vor den Thron Gottes, den unsere Lesung "das geschlachtete Lamm" nennt. Er empfängt von Gott das Buch, löst seine Siegel und entziffert seine Geheimnisse. Darauf stimmen alle himmlischen Wesen auf das geschlachtete Lamm einen Lobpreis an, durch den Ihm sämtliche Hoheitstitel Gottes zuerkannt werden. Es wird damit verherrlicht und angebetet wie Gott selbst. Dieses geschlachtete Lamm ist der gekreuzigte und auferstandene Jesus Christus. In unserer Lesung wird der Anspruch erhoben, dass Christus der Herr der ganzen Schöpfung ist. Auf Ihn hin bewegt sich die gesamte Geschichte der Menschheit. Er ist das Ziel, das der Welt von Gott gesetzt ist. Gottes Sohn ist auf unsere Erde gekommen, um uns die Liebe und Barmherzigkeit des himmlischen Vaters zu verkünden; Er hat zu unserer Erlösung sogar den qualvollen Tod am Kreuz auf sich genommen. Er hat dann durch Seine Auferstehung und die Heimkehr zum Vater die Macht des Todes und der Vergänglichkeit für immer überwunden. Seitdem besitzt Er vollen Anteil an der Herrschaft Gottes über die Schöpfung. Nach Seinen eigenen Worten wird Er einmal wiederkommen, um über alle Menschen Gericht zu halten und eine neue, vollkommene Welt zu errichten. Durch die Auferstehung Jesu ist der ganzen Menschheit ihr letztes Ziel vorgezeichnet. Jesus versichert uns, dass Sein Schicksal auch unser Lebensweg ist, dass auch wir einmal in jene Welt aufgenommen werden, in der Jesus sich seit Ostern befindet. Wir müssen nur an diese Botschaft glauben und unsere persönliche Sicht des Lebens von ihr prägen lassen. Von dieser Verheißung her erhalten die leidvollen Ereignisse in unserem Dasein und in dem unserer Mitmenschen eine grundsätzlich andere Bedeutung. Durch den Glauben an die Auferstehung erkennen wir, dass unser Leben nicht ins Ungewisse und Sinnlose hineinläuft, sondern dass es getragen wird von der Heilswirklichkeit, die Jesus geschaffen hat. Wir müssen uns allerdings bewusst sein, dass unser Weg zur Vollendung und zur Teilnahme an der Herrlichkeit des verklärten Gottessohnes unausweichlich über das Kreuz führt. Zahlreiche Situationen, die nach irdischen Maßstäben ein Fehlschlag sind, erhalten durch Ostern eine überraschend neue Sinndeutung. Wenn wir diese Botschaft voller Vertrauen annehmen und sie zur Grundlage für unser Denken und Handeln machen, haben wir kein Recht mehr zu dem Eindruck, alles sei sinnlos und vergebens kein Recht mehr, vor dem Leben Angst zu haben. Wir wissen ja, dass Christus die Mächte der Finsternis und des Bösen bereits grundsätzlich besiegt hat. Wir verstehen dann auch, dass es unser verpflichtender Auftrag ist, den gekreuzigten und auferstandenen Gottessohn dankbar anzubeten. Dadurch vollziehen wir das nach, was sich nach der Schilderung unserer Lesung in der Welt des Himmels ohne Unterbrechung vollzieht. Wenn wir dazu bereit sind, stellt sich uns allerdings die Frage, wie wir in unserem Leben Christus verherrlichen, wie wir Seine Herrschaft über uns konkret zum Ausdruck bringen können. Nach den unmiesverständlichen Äußerungen Jesu genügen Worte allein nicht; vielmehr sind von uns Taten gefordert: "Nicht jeder, der zu Mir sagt: Herr, Herr, wird in das Himmelreich eingehen, sondern nur der, der den Willen Meines Vaters tut, der im Himmel ist" (Mt 5,21). Anbetung Jesu im Alltag verlangt nicht zuletzt angestrengte Hilfeleistung für Not leidende Mitmenschen, entschiedenen Einsatz für die, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Dieser Auftrag nimmt für jeden Getauften andere Formen an - entsprechend der Situation, in der der einzelne steht - und lässt deshalb keine allgemeingültigen Vorschriften und Weisungen zu. Es bedarf daher unseres eigenen Nachdenkens, unseres prüfenden Blickes und unserer schöpferischen Phantasie. Wenn wir diese Forderungen nach besten Kräften zu verwirklichen versuchen, dann wird es uns auch ein Bedürfnis sein, die Begegnung mit Christus im Gebet und in der heiligen Eucharistie zu suchen. Hier erhalten wir neue Klarheit zur Erfüllung unseres christlichen Auftrags und die notwendige Kraft für unser Handeln. Wollen wir die Aussagen unserer Lesung als eine Aufforderung verstehen, Christus durch unser ganzes Leben hier auf Erden zu verherrlichen! Wenn wir uns diesem Auftrag ehrlich stellen, dürfen wir auch die Zuversicht haben, dass Er uns dereinst die Vollendung in Seinem ewigen Reich schenken wird. 10. Juni 200710. Sonntag im Jahreskreis Der Gott des Lebens Einige Zeit später ging Jesus in eine Stadt namens Nain; seine Jünger und eine große Menschenmenge folgten ihm. Als er in die Nähe des Stadttors kam, trug man gerade einen Toten heraus. Es war der einzige Sohn seiner Mutter, einer Witwe. Und viele Leute aus der Stadt begleiteten sie. Als der Herr die Frau sah, hatte er Mitleid mit ihr und sagte zu ihr: Weine nicht! Dann ging er zu der Bahre hin und fasste sie an. Die Träger blieben stehen, und er sagte: Ich befehle dir, junger Mann: Steh auf! Da richtete sich der Tote auf und begann zu sprechen, und Jesus gab ihn seiner Mutter zurück. Alle wurden von Furcht ergriffen; sie priesen Gott und sagten: Ein großer Prophet ist unter uns aufgetreten: Gott hat sich seines Volkes angenommen. Und die Kunde davon verbreitete sich überall in Judäa und im ganzen Gebiet ringsum. (Lk 7,11-17) Im Evangelium des 10.Sonntags im Jahreskreis begegnet Jesus mit Seinen Jüngern vor den Toren des Städtchens Nain einem Trauerzug. Eine Witwe geleitet unter großer Anteilnahme der Bevölkerung ihren Sohn zu Grabe. Nach ihrem Mann hat sie nun auch noch ihr einziges Kind verloren. Dadurch steht sie völlig allein da. Jesus wird von Mitleid ergriffen und möchte die Frau von ihrem harten Schicksal befreien. Unbekümmert setzt er sich über die jüdischen Reinheitsvorschriften hinweg und berührt die Bahre, auf der der Tote mit einem Tuch zugedeckt liegt. Als die Leichenträger anhalten, wendet Er sich an den Verstorbenen mit der kurzen Aufforderung-. "Ich befehle dir, junger Mann: Steh auf!" Sofort kommt wieder Leben in den Toten und Jesus schenkt ihn seiner sicher überglücklichen Mutter zurück. Was wollte Jesus mit dieser Totenerweckung den Augenzeugen und zugleich den Menschen aller Zeiten zu verstehen geben? Die Ansicht mancher Theologen, die Tat beweise wieder einmal die überströmende Güte Jesu, Sein unwiderstehliches Bedürfnis, Menschen von ihrem Leid und ihrer Trauer zu befreien, dürfte nicht erschöpfend sein. Zahlreiche Menschen starben zu Lebzeiten Jesu, ohne dass Er sie wieder in das irdische Dasein zurückrief. Einen Anhaltspunkt für ein tieferes Verständnis der von Jesus vollbrachten Totenerweckung erhalten wir aus der Reaktion der Augenzeugen, die am Schluss unseres Textes anklingt: "Alle wurden von Furcht ergriffen; sie priesen Gott und sagten: Ein großer Prophet ist unter uns aufgetreten. Gott hat sich Seines Volkes angenommen!" Die Anwesenden spüren, dass die Erweckung eines Menschen vom Tod ein ganz besonderes Zeichen der Gnade Gottes und Seines Erbarmens bedeutet. Mit dem Wunder an dem Jüngling von Nain reiht sich Jesus unter die prophetischen Gestalten ein. Bereits das Alte Testament berichtet von Totenerweckungen durch die Propheten Elija und Elischa (l Könige 17 und 2 Könige 4). Diese wollten dadurch unter Beweis stellen, dass Jahwe, der einzige Gott Israels, im Gegensatz zu den heidnischen Götzen ihrer Umwelt der allein wahre Gott ist. Er hat in überlegener Allmacht die Welt geschaffen und erhält sie ständig im Dasein. In den Totenerweckungen soll den Israeliten die Leben spendende Macht Gottes sichtbar werden. Aber während Elija in der alttestamentlichen Lesung des 10.Sonntags und auch Elischa erst nach einem längeren Gebet und umständlichen Zeremonien im Namen und in der Vollmacht ihres Gottes die Verstorbenen ins irdische Dasein zurückrufen konnten, vollbringt dies Jesus durch einen kurzen Befehl aus offensichtlich eigener Kraft und Fähigkeit. Er ist damit überlegener Herr über die Macht des Todes. Durch Sein Handeln wird beeindruckende Wirklichkeit, was Jesus selbst in Anlehnung an den Propheten Jesaja als Zeichen für den Beginn der messianischen Zeit ankündigte- "Blinde sehen wieder, Lahme gehen und Aussätzige werden rein; Taube hören, Tote stehen auf und den Armen wird die frohe Botschaft verkündet" (Lk 7,22). Die Wundertaten ganz allgemein und besonders die Totenerweckungen sollen die Botschaft vom Anbruch des Reiches Gottes glaubhaft machen. Dadurch, dass die Wunder -geschehen, die vor allem der Prophet Jesaja für die messianische Heilszeit verheißen hat, können die Menschen erleben, dass Gott Seine Versprechungen wahr macht. Was in den Totenerweckungen des Neuen Testaments aufleuchtet - außer dem Jüngling von Nain hat Jesus noch Lazarus und die Tochter des Jairus in das irdische Dasein zurückgerufen -, ist dann an Ostern zur endgültigen Wirklichkeit geworden: Durch Seine Auferstehung hat Jesus die Macht des Todes für immer gebrochen. An diesem Sieg über die Vergänglichkeit möchte Er uns vollen Anteil schenken: "Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben" (Joh 10,10). An einer anderen Stelle des Johannes-Evangeliums versichert Er: "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an Mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt (11,25) Damit liegt die eigentliche Bedeutung des Wunders am Jüngling von Nain jenseits der sichtbaren irdischen Welt. Es verweist uns auf ein neues Dasein nach unserem Tod. Der Glaubende besitzt die Gewissheit, dass die Verwesung seines Leibes nicht das Ende seiner Existenz bedeutet, sondern den Durchgang zu einem neuen, endgültigen Leben, dessen Herrlichkeit und Vollkommenheit wir nach den Worten des heiligen Apostels Paulus nicht einmal erahnen können. Nach unserem Tod werden die Kräfte der Verklärung uns zu neuen Geschöpfen formen - dann werden wir für immer dem auferstandenen Herrn ähnlich sein. Auf den kommenden Sieg Jesu über den Tod wollen bereits während Seines öffentlichen Wirkens die Totenerweckungen hinweisen. Auch alle anderen außergewöhnlichen Taten, die Jesus vollbracht hat, erhalten ihre eigentliche Erklärung und ihre letzte Bestätigung erst durch die Auferstehung. Ganz bewusst nennt deswegen das Johannes-Evangelium die Wunder Jesu "Zeichen". Somit bedeutet die Auferweckung des Jünglings von Nain gleichsam eine erste Morgenröte der Verheißung, dass der Tod für die Welt und unser persönliches Dasein nicht das letzte Schicksal ist. Durch Ostern ist auf unserer Erde eine unwiderrufliche Zeit des Heils angebrochen: Die Türe zum ewigen Leben steht allen Menschen offen, die an Jesus glauben und sich bemühen, Ihm nachzufolgen. Diese Botschaft schenkt uns eine grundsätzliche Sinndeutung für unsere irdischen Tage, eine unzerstörbare Hoffnung und einen unerschütterlichen Halt. Das Denken und Streben eines jeden Christen muss deshalb stets auf diese allerletzte Zukunft ausgerichtet sein. Wollen wir unserem letzten Ziel in Glauben und Vertrauen bewusst entgegengehen! Damit ist die Absicht und Bedeutung unseres Auferweckungsberichts aber noch nicht abgeschlossen. Lukas geht es nicht nur um eine Glaubensverkündigung grundsätzlicher er will vielmehr zum Ausdruck bringen, was ein Wart oder eine Tat Jesu "heute", das heißt in dem Augenblick, in dem wir davon hören, uns zu sagen hat. Die Auferweckung des Jünglings von Nain ist nämlich nicht nur eine Verheißung für kommende Zeiten. Jesus vertröstet uns mit unserer eigenen Auferstehung nicht auf eine unbestimmte Zukunft, sondern Er schenkt uns Sein göttliches Leben bereits mitten in unserem irdischen Dasein. Seit dem Augenblick der Taufe existiert dieses ewige Leben in uns: "Mit Christus wurdet ihr in der Taufe begraben, mit Ihm auch auferweckt durch den Glauben an die Kraft Gottes... Ihr wart tot infolge eurer Sünden: Gott aber hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht", stellt der Kolosser-Brief fest (2,12f). Auch bei jedem Empfang der heiligen Kommunion senkt Christus einen Funken der Unsterblichkeit in unser Inneres: "Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben" (Joh 6,51). Bei jeder Eucharistiefeier muss uns bewusst werden, dass in ihr nicht 'nur das Kreuzesopfer Jesu gegenwärtig wird, sondern dass uns der auferstandene Herr jenes Leben schenkt, das uns keine Macht dieser Welt wieder entreißen oder gar zerstören kann. Damit ist die Auferweckung zum ewigen Leben nicht nur eine Verheißung für die Zukunft, sondern zugleich ein Angebot für die Gegenwart, aber auch eine Forderung für unser Verhalten im Alltag. Das Geschenk des göttlichen Lebens verlangt, dass wir bereits hier auf dieser Erde zu verwandelten Menschen, zu einer neuen Schöpfung werden. Das erlösende Wirken Jesu muss in unserem Denken, Reden und Handeln zum Durchbruch kommen und für unsere Mitmenschen aufleuchten. Totenerweckungen ereignen sich auch heute noch überall dort, wo Menschen durch die Begegnung mit dem Wort Jesu und Seiner Gnade sich zu einem neuen Geschöpf formen lassen. Der Bericht von der Auferweckung des Jünglings von Nain richtet somit an uns nicht nur die Aufforderung zu glauben, dass Jesus uneingeschränkte Macht über den Tod besitzt, sondern er ist auch ein Anruf, dass wir uns voller Vertrauen, ohne Zweifel und Widerstreben der Führung durch den verklärten Herrn überlassen, damit Er aus uns gleichsam ein neugeborenes Kind machen kann. Dieses Neue ist dann die anfanghafte Vorwegnahme des ewigen Lebens, das Gott uns einmal in seiner ganzen Fülle schenken wird. 29. Juli 200717. Sonntag im Jahreskreis Einer für alle Der Herr sprach also: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer. Ich will hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist. Ich will es wissen Die Männer wandten sich von dort ab und gingen auf Sodom zu. Abraham aber stand noch immer vor dem Herrn. Er trat näher und sagte: Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen? Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort? Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten? Da sprach der Herr: Wenn ich in Sodom, in der Stadt, fünfzig Gerechte finde, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben. Abraham antwortete und sprach: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin. Vielleicht fehlen an den fünfzig Gerechten fünf. Wirst du wegen der fünf die ganze Stadt vernichten? Nein, sagte er, ich werde sie nicht vernichten, wenn ich dort fünfundvierzig finde. Er fuhr fort, zu ihm zu reden: Vielleicht finden sich dort nur vierzig. Da sprach er: Ich werde es der vierzig wegen nicht tun. Und weiter sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich weiterrede. Vielleicht finden sich dort nur dreißig. Er entgegnete: Ich werde es nicht tun, wenn ich dort dreißig finde. Darauf sagte er: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden. Vielleicht finden sich dort nur zwanzig. Er antwortete: Ich werde sie um der zwanzig willen nicht vernichten. Und nochmals sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur zehn. Und wiederum sprach er: Ich werde sie um der zehn willen nicht vernichten. Gen 18,20 - 32Vom Sündenfall im Paradies bis zum Turmbau von Babel hat Gott die sündige Menschheit mmer wieder schwer bestraft, über sie Seinen Fluch ausgesprochen und einmal sogar die meisten Menschen und Lebewesen durch die Sintflut vernichtet. Nachdem Er die Menschheit von Seiner Gemeinschaft ausgeschlossen hatte, begann Er mit Abraham Sein Heilshandeln von neuem: "Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen" (Genesis 12,3). Der Grund für diese Erwählung lag darin, dass Abraham bedingungslos Gott vertraute, dass er sich von Ihm in eine ungewisse Zukunft führen ließ, dass er sogar bereit war, seinen Sohn Isaak Gott als Opfer darzubringen - zusammengefasst in der einen Aussage: weil du auf Meine Stimme gehört hast" (Gen 22,18). In der alttestamentlichen Lesung des 17.Sonntags im Jahreskreis (Gen 18,20-32) wird Abraham in ungewöhnlicher Weise zum Segensvermittler. Die zahlreichen und schweren Sünden der Bewohner der Stadt Sodom haben den Zorn Gottes hervorgerufen und Er hat deswegen ihren Untergang beschlossen. Abraham aber findet sich mit diesem Urteil nicht ab und bedrängt Gott leidenschaftlich, Er möge Sodom nicht vernichten, sondern Barmherzigkeit walten lassen. Letztlich geht es hier um die grundlegende Frage, an welchen Maßstäben sich das Urteil und die Gerechtigkeit Gottes ausrichten. Bestraft Gott die gesamte Stadt wegen der Vergehen der überwiegenden Mehrheit oder vergibt Er ihr wegen der Aufrichtigkeit einiger weniger? Müssen auch die Schuldlosen wegen der Verfehlungen anderer ihr Leben lassen? Abraham fleht Gott an, Sodom nicht zu vernichten, wenn sich in ihr wenigstens eine kleine Zahl von gerechten und gottesfürchtigen Menschen befindet. In einem dramatischen und wagemutigen Ringen handelt er die Anzahl der Gerechten, deretwillen Gott Sodom verschonen soll, von fünfzig immer weiter herunter. Gott kommt den Bitten Abrahams entgegen und am Schluss erfolgt Seine erstaunliche Zusage: "Ich werde sie um der zehn (Gerechten) willen nicht vernichten." Für Gott genügen also einige wenige Fromme, damit das Gericht nicht stattfindet und so auch die Sünder verschont bleiben - Gottes Bereitschaft zu vergeben ist stärker als Sein strafender Wille. Dass Abraham verzichtete, von den zehn Gerechten noch weiter bis schließlich auf einen einzigen herunterzuhandeln, zeigt mit aller Deutlichkeit, dass die zehn für ihn eine äußerste Grenze darstellten, die er nicht zu überschreiten wagte. Diese letzte Konsequenz wurde erst mehr als tausend Jahre später durch den Propheten Deutero-Jesaja in den Liedern vom so genannten Gottesknecht verheißen. Ein einziger gottergebener Mensch genügt in den Vorstellungen Abrahams nicht, um das Vernichtungsurteil Gottes in Verzeihung und Heil zu verwandeln. Abraham besaß damit das richtige Gespür: Erst aus der Botschaft des Neuen Testaments erfahren wir, dass dazu tatsächlich nicht ein einzelner, sondern nur ein einziger, nämlich Gottes menschgewordener Sohn Jesus Christus, imstande war. Das Wort der Vergebung ergeht endgültig und unwiderruflich an uns erst seit dem Augenblick, da Gottes Sohn aus Liebe zu allen Menschen am Kreuz gestorben ist. Wir Christen setzen deshalb unsere Hoffnung allein auf diesen Einen, der für uns Sein Leben hingab und seitdem für immer unser Erlöser und Fürsprecher bei Seinem Vater ist. Diese Gewissheit muss uns zu frohen und dankbaren Menschen machen, weil wir uns in der Liebe Gottes geborgen fühlen dürfen. Das ist auch der Grund, warum Jesus uns lehrt, den unendlichen und allmächtigen Gott, den Schöpfer des riesigen Weltalls, als unseren Vater anzureden. Als Erlöste sollen wir durch unser Verhalten unseren Mitmenschen die Güte und Großzügigkeit Gottes glaubwürdig vorleben, aber auch die ernste Eindringlichkeit der Aufforderung Jesu zu Besinnung und Umkehr. Wir Christen sollen jenen Menschen, die keinen festen Halt besitzen, die geistig umherirren, die nach einer letzten Wahrheit suchen, ein beredtes Zeugnis dafür ablegen, dass Gott durch das Erlösungswerk Seines Sohnes der Welt - trotz aller Verbrechen, die Menschen Tag für Tag auf der Erde begehen - für immer gnädig ist, dass Er ihr Seinen Segen erteilt und jeden Menschen in Seine Gemeinschaft einlädt. So mancher Mensch, der bereits entwurzelt war, bekam durch die Begegnung mit dieser Botschaft wieder neue Sinndeutung und eine unerschütterliche Hoffnung für sein Leben geschenkt. Deswegen nennt Jesus die kleine Minderheit von verantwortungsbewussten Christen "Salz der Erde" und "Licht der Welt". Wollen wir aus Dankbarkeit dafür, dass Gott um Seines gekreuzigten Sohnes willen die ganze Menschheit in Gnaden annimmt und ihr die Sünden vergibt, diesen Auftrag nach besten Kräften zu verwirklichen versuchen! 16. September 200724. Sonntag im Jahreskreis Die rechte Erkenntnis Ich danke unserm Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt, mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben. Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist. Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin. Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben. Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen. 1 Tim 1,12-17 Wiederholt wirft sich der heilige Apostel Paulus in seinen Briefen vor, er habe vor seiner Bekehrung Jesus gelästert, Seine Jünger verfolgt und sie misshandeln lassen. Der fanatische Pharisäer Paulus war einst der schärfste Gegner der aufblühenden christlichen Urgemeinde. Er wollte seine Kräfte restlos für die Ehre und Verherrlichung Gottes einsetzen, so wie er sie auffasste. Er glaubte, wenn er mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, einen unerbittlichen Kampf gegen die Anhänger Jesu führte, damit Gott einen Dienst zu erweisen. In Wirklichkeit aber tat er genau das Gegenteil: In seiner Verblendung stellte er sich gegen das Heilshandeln Gottes und wurde dadurch vor Ihm zum Sünder. Paulus hatte allerdings seinen Kampf gegen Christus so selbstlos und konsequent geführt, dass er offen blieb für eine höhere Erleuchtung. Als der auferstandene Herr ihm vor Damaskus erschien und ihn zum Apostel berief, bedeutete das die entscheidende Wende seines Lebens. In diesem Augenblick erkannte er, dass seine hasserfüllten Bemühungen gegen die Christen verfehlt gewesen, dass damit sein Kampf gescheitert war. Fortan war Paulus zutiefst geprägt von der Einsicht, dass er sich getäuscht hatte. Auch der Umstand, dass er in ehrlichem Glauben und in bester Absicht gehandelt hatte, konnte an seinem Schmerz und Schuldgefühl über sein verblendetes Verhalten nichts mehr ändern. Gleichzeitig aber wurde diese große Schuld seines Lebens bedeutungslos, weil Gott selbst ihn in Seine Gnade aufgenommen und dadurch seine Sündenlast getilgt hatte. Paulus wusste sich von nun an getragen von der Güte Gottes und Seinem unendlichen Erbarmen. Was Paulus in Zukunft redete und tat, war zutiefst geprägt von dem, was Gott an ihm vollbracht hatte. Die neutestamentliche Lesung des 24.Sonntags im Jahreskreis, die dem 1.Timotheus-Brief entnommen ist (1,12-17), findet deshalb ihren Höhepunkt in der Aussage: "Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der erste. Aber ich habe Erbarmen gefunden, damit Christus Jesus an mir als erstem Seine ganze Langmut beweisen konnte - zum Vorbild für alle, die in Zukunft an Ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen." Dafür, dass Gott so großzügig an ihm gehandelt hat, gibt es für Paulus nur eine Erklärung: Wo die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden" (Römer 5,20). Sein Schicksal ist ein lebendiger Beweis für die Wahrheit des Wortes Jesu: "Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten" (Mt 9,13). Das Leben des heiligen Apostels Paulus stellt uns eindringlich vor Augen, dass kein Mensch sich für so sündig und verloren zu halten braucht, dass ihn das Erbarmen Dessen nicht erreichen kann, der Seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, um alle Menschen zu erlösen und sie zum ewigen Heil zu führen. Die Lebensgeschichte des heiligen Apostels Paulus sollte uns nachdenklich stimmen. Denn sie ist ein eindringliches Warnzeichen für uns, auf welche verfehlten Wege wir geraten können, wenn wir aus einer verkehrten religiösen Grundhaltung heraus versuchen, unser Dasein zu gestalten. Wenn wir nicht regelmäßig unser persönliches Verhalten und die Ereignisse auf der Erde an den Worten Jesu und Seinem Vorbild überprüfen, laufen wir Gefahr, dass wir - wie der heilige Apostel - eines Tages vor dem Scherbenhaufen eines verfehlten Lebens stehen. Die Ausführungen des Paulus können uns vor Irrwegen bewahren. Bei seinen theologischen Erklärungen über menschliche Schuld und Gottes Gnade bleibt er nicht bei einzelnen Verfehlungen gegen die Gebote Gottes stehen; er blickt vielmehr auf die grundsätzliche Einstellung. Das bedeutet aus seiner Sicht selbstverständlich keine Geringschätzung der täglichen Pflichterfüllung und Mühen. Paulus betont aber, dass der Mensch sich zuerst darüber Klarheit verschaffen muss, welche Auswirkungen die Weisungen Jesu für ihn persönlich zur Folge haben, innerhalb welcher Grenzen sich sein Handeln bewegen muss. Wie für Paulus öffnet auch für uns die Begegnung mit der Botschaft Jesu eine neue, ungeahnte Zukunft. Der Glaube lässt uns unsere Fehler und unser Versagen glasklar im Licht der Heiligkeit Gottes erkennen; der Glaube versichert uns aber auch, dass Gott über unsere Schwächen und Sünden nicht unerbittlich richtet. Unser Versagen ist vielmehr hineingenommen in die Liebe des Sohnes Gottes, der zur Erlösung aller Menschen das eigene Leben in einen qualvollen Tod hingegeben hat. Der Glaube schenkt uns die Gewissheit, dass die Güte und Barmherzigkeit Gottes unendlich viel größer sind, als wir Menschen uns vorstellen können und es verdient haben. Die Gewissheit, dass Gott uns trotz unserer Mängel als Seine Kinder angenommen und zum ewigen Leben berufen hat, schenkt uns die Kraft zu einer Sicht des Daseins, in der Unsicherheit, Mutlosigkeit und Resignation keinen Platz mehr haben. Unser Lebensweg wird zwar auch weiterhin von Fehlverhalten gekennzeichnet sein; aber Gott gewährt uns die Möglichkeit, uns zu überprüfen, zu korrigieren und zu bessern. Die Bereitschaft, uns ständig von neuem aufzumachen, ist ein Zeichen dafür, dass wir um unsere Unzulänglichkeit wissen. Wir bringen dadurch aber auch zum Ausdruck, dass wir am Leben nicht verzweifeln, sondern von der unzerstörbaren Hoffnung getragen werden, dass Gott uns einmal endgültig vollenden wird. Unser Glaube enthält die Aufforderung, dass wir dieses letzte Ziel unserer irdischen Tage nie aus den Augen verlieren, sondern es unbeirrt mit allen Kräften anstreben. Wir sollen uns allerdings auch bewusst sein, dass wir unsere Vollendung nicht durch unseren Einsatz erreichen, sondern dass wir sie in der Haltung der Demut und Dankbarkeit von Gott als Geschenk entgegennehmen müssen. Der Mut zu einem ständigen Bemühen in der Nachfolge Jesu entspringt also nicht einem wirklichkeitsfremden Optimismus oder einer Täuschung über die menschlichen Fähigkeiten. Die Kraft dazu erhalten wir vielmehr aus dem Bewusstsein, dass unsere eigenen Anstrengungen die Antwort auf das Angebot Gottes sind, unsere unfertigen Leistungen gut zu machen und durch Seine Gnade zu vollenden. Dieses Wissen zeigt unserem Weg durch das irdische Dasein eine klare Richtung und bewahrt uns vor den Enttäuschungen eines verfehlten Lebens. Das ist die trostreiche Botschaft unserer Lesung. 04. November 2007 24. Sonntag im Jahreskreis Das Vorbild der Heiligen Die Kirche ist eine Gemeinschaft, die aus Menschen besteht; deshalb ist sie auch allen Mängeln und Unvollkommenheiten des irdischen Daseins unterworfen. Es wäre aber ver- kehrt, bei dieser negativen Sicht stehenzubleiben. Der Sinn und der Auftrag der Kirche erfüllt sich nämlich nicht auf dieser Erde, sondern er reicht seinem tiefsten Wesen nach hinein in eine ewige, vollkommene Existenz. Am Fest Allerheiligen betrachten wir ganz besonders das Heilige und Unvergängliche an der Kirche. Wenn wir das Wort "heilig" hören, denken wir vielleicht zunächst an unseren Namenspatron, der seinen christlichen Glauben vorbildlich gelebt hat. Oder wir denken an die großen Heiligen, die außergewöhnliche Bußwerke verrichteten, die mit ihrem Lebenswerk hoch über ihre Zeit hinausragten und die Entwicklung der Kirche oft für Jahrhunderte beeinflussten. Wenn wir uns diese überragenden Gestalten vor Augen halten und an die Verpflichtung denken, ihr Vorbild nachzuahmen, dann werden wir wohl im ersten Augenblick mutlos und verzagt; denn wir spüren sofort, dass wir nicht die Kraft besitzen, unseren Glauben so in die Tat umzusetzen, wie sie es getan haben. Wir fühlen uns einfach unfähig, so in unsere Zeit hineinzuwirken, dass dadurch das Erscheinungsbild der Kirche entscheidend geprägt wird. Aber an Allerheiligen gedenken wir nicht nur derer, die von der Kirche offiziell heiliggesprochen und damit zu Vorbildern christlichen Lebens und Strebens erklärt wurden. Allerheiligen ist vielmehr das Fest aller Getauften, die nach einem Leben treuer Christus-Nachfolge bereits zur Vollendung im Reich Gottes gelangt sind. Diese unzähligen Menschen, die ihr Christ sein still und unauffällig verwirklicht haben, machen uns eines klar: Heiligkeit bedeutet nicht, dass wir der Welt den Rücken zuwenden müssen und uns um ihre Probleme nicht zu kümmern brauchen. Heiligkeit verlangt ebenso wenig, dass wir den ganzen Tag auf den Knien liegen, beten und harte Bußwerke verrichten. Heiligkeit fordert zuerst einmal, dass wir versuchen, in der Situation, in die uns das Leben hineinstellt, unsere täglichen Aufgaben nach den Grundsätzen zu erfüllen, die Jesus uns gelehrt hat. Heiligkeit verlangt also nicht überragende Leistungen, sie hat nichts mit Wundern und Ekstasen zu tun, sondern sie besteht darin, offen zu sein für Gottes Anruf und zu Seinem Auftrag ein ehrliches Ja zu sprechen. Den Willen des himmlischen Vaters erfüllt man nicht dadurch, dass man Ihm großartige Opfer darbringt, die man sich selbst ausgewählt hat. Der Christ nimmt die Lasten und die unangenehmen Seiten des Daseins so an, wie sie Tag für Tag auf ihn zukommen, und versucht, sie im Geiste Jesu zu bewältigen. Heiligkeit besteht also nicht darin, die Welt zu verachten, weil die Menschen böse und die Zeiten so schlecht sind; Heiligkeit verlangt vielmehr, den Menschen mit derselben Güte zu begegnen, die Jesus ausgestrahlt hat. Heiligsein fordert, mit beiden Beinen auf dem Boden der Wirklichkeit zu stehen und zu versuchen, das Böse durch das Gute zu überwinden. Heiligkeit meint, inmitten der Unvollkommenheit des irdischen Daseins an die ewige Zukunft bei Gott zu denken und sich zu bemühen, von dieser Hoffnung her den nüchternen Alltag zu gestalten. Die Heiligen haben sich diese Forderungen zu eigen gemacht und dadurch Christus die Möglich- keit gegeben, die Kräfte der Erlösung in ihnen zu entfalten. Die Heiligen haben mit diesen Forderungen ernst gemacht. Ihre geistige Haltung anzunehmen und ihr Vorbild mit unseren bescheidenen Kräften nachzuvollziehen, das ist unser Auftrag. Aber gerade an diesem Punkt beginnen bei uns die Schwierigkeiten. Wir passen uns manchmal zu stark an die Auffassungen und Lebensgewohnheiten unserer Mitmenschen an. Da wir unsere christliche Überzeugung nicht entschieden genug verwirklichen, entsteht in uns ein Zwiespalt zwischen dem, was Gott von uns fordert, und dem, was uns die unerlöste Welt anbietet. Vielleicht sind wir manchmal auch insgeheim der Ansicht, dass der christliche Glaube überholt und wirklichkeitsfremd ist. Denn die Errungenschaften der Technik und des sonstigen modernen Lebens sind dem Menschen nicht von Gott geschenkt worden, sondern sie sind der Erfolg seiner Intelligenz, seines Einfallsreichtums und seines Schaffensdrangs. Und doch zeigen die konkreten Lebensverhältnisse, die in unserer heutigen Welt herrschen, mit aller Deutlichkeit und Schärfe, wie groß die Probleme und Schwierigkeiten sind, mit denen sich die Menschheit auseinandersetzen muss. Das beweist, dass die Menschheit ihren Gang in die Zukunft in eine verkehrte Richtung eingeschlagen hat. Offenkundig fehlen ihr die richtigen geistigen Werte. Dadurch wird unübersehbar deutlich, dass die Menschen nicht von den Politikern und Wirtschafts-Fachleuten leben, noch weniger von den Sportlern, Schauspielern und Sängern, sondern ganz wesentlich von einer letzten Einsicht in die Zusammenhänge des Lebens und von den Kräften der Erlösung, die allein Gott uns schenken kann. 23. Dezember 2007 4. Adventsonntag / Weihnachten Gott hat an uns gedacht An Weihnachten ist alles anders als sonst: Engel verkünden den Frieden Gottes auch in unsere heutige Welt hinein, in der die Waffen nicht schweigen. Immer noch leiden Millionen von Menschen unter Unfreiheit, Gewalt, Vertreibung, Hunger und Not. Deswegen sind zahlreiche Menschen in ihrer Einstellung zum Leben weitgehend geprägt vom Gefühl der Sinnlosigkeit des Daseins, obwohl sie andererseits zumindest in den Industriestaaten - vieles im Überfluß besitzen. Die Menschen leiden unter der Last des Lebens und sehnen sich daher nach einem Retter, der ihnen den Frieden und das Heil bringt. Welche Bedeutung hat nun Weihnachten und damit Jesus für unser Leben und unsere Daseinsbewältigung? Mehrere Propheten hatten ihrem Volk verkündet, Gott werde eines Tages einen Retter senden, der Israel von allem Leid befreien und auf der ganzen Erde die Befolgung der Forderungen Gottes mit unwiderstehlicher Macht durchsetzen werde. In den alttestamentlichen Lesungen der Adventszeit zeichnen die Propheten in großartigen Bildern die Gestalt des kommenden Messias und seines Friedensreiches. Aber was sich zur Zeit des bedeutenden römischen Kaisers Augustus in einer kleinen Stadt Palästinas ereignete, war so unauffällig, so unscheinbar, daß es bei der damaligen Weltöffentlichkeit keinerlei Beachtung fand. Die Geburt dieses Kindes erfolgte weder im Palast eines Herrschers oder Reichen, nicht einmal in einem einfachen bürgerlichen Haus, sondern in der Armseligkeit eines Stalles. Angesichts dieser bedrückenden Szene muß sich uns die Frage aufdrängen: Kann dieses Ereignis wirklich die Erfüllung der prophetischen Verheißungen über den Messias sein? Aus eigener Einsicht kann der Mensch das rätselhafte Geschehen nicht erklären. Darum ließ Gott durch einen Engel einigen Hirten, die bei ihrer Herde auf dem Feld Wache hielten, verkünden, was sich in dieser Nacht Überraschendes und Weltbewegendes ereignet hatte: "Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; Er ist der Messias, der Herr!" (Lukas 2,11). Allem gegenteiligen Augenschein zum Trotz ist es also wahr: Dieses wehrlose Kind ist der von den Juden heiß ersehnte Messias. Die Zeit des Wartens ist damit vorbei, das endgültige Heil ist angebrochen. Aber das ist noch nicht alles: Dieses Kind ist nicht nur der Messias, wie die Juden ihn sich vorgestellt hatten; in diesem Kind kam vielmehr Gottes eigener Sohn auf unsere Erde. Er soll allen Menschen die Heiligkeit und Allmacht Gottes offenbaren, ihnen aber auch den Frieden bringen. In Ihm strahlt uns die Güte und das Erbarmen Gottes auf. Durch Ihn weitet sich das Heilshandeln Gottes vom auserwählten Volk Israel auf die ganze Menschheit aus. Deswegen wird mit Seiner Geburt der Vater im Himmel verherrlicht. Mit der Menschwerdung Seines Sohnes hat Gott einen Weg eingeschlagen, der sämtliche Erwartungen der Juden über den kommenden Messias auf den Kopf stellte. Seit es Menschen gibt, hatten sie die Neigung, die Grenzen zu sprengen, die Gott ihnen gesetzt hat - sie wollen mehr sein, als sie in Wirklichkeit sind. Das Leben Jesu dagegen verlief nach ganz anderen Maßstäben. Seine Geburt in der Armseligkeit eines Stalles sollte kennzeichnend sein für Seinen weiteren Lebensweg. Dieses Kind in der Krippe ist der, der am Kreuz für uns gestorben ist, der aber durch Seine Auferstehung den Tod für immer überwunden hat und am Ende der Zeiten wiederkommen wird, um die Schöpfung in Herrlichkeit zu vollenden. Für einen Menschen, der sein Leben bewußt auf der Botschaft von Weihnachten aufbaut, kann deshalb der Inhalt des irdischen Daseins nicht mehr in Wohlstand und in der Ausübung von Macht bestehen - nicht darin, daß er auf der Stufenleiter des Erfolgs immer höher steigt und sich jede Annehmlichkeit leisten kann, die unsere moderne Zivilisation anzubieten hat. Der Glaubende versucht vielmehr, durch den Blick auf Jesus, der einmal als unscheinbares Kind in einer Krippe lag, und mit Hilfe Seiner Gnade wieder jener Mensch zu werden, von dem der Schöpfungsbericht des Alten Testaments feststellen kann, daß er als Gottes Abbild geschaffen wurde. Somit bedeutet die Botschaft der Heiligen Nacht keine Flucht aus der Gegenwart in die selige Erinnerung an ein Ereignis, das schon längst vergangen ist. Weihnachten versetzt uns vielmehr in die nüchterne Wirklichkeit von heute. Aber wenn sich hinter der Gestalt des hilflosen Kindes von Bethlehem der Erlöser der Welt, ja Gottes eigener Sohn verbirgt, dann ist trotz allem Haß und aller Gewalt, die auch weiterhin in unvorstellbarem Ausmaß auf unserer Erde herrschen, etwas grundsätzlich anders geworden. Wenn Gott selbst in unsere problembeladene und leiderfüllte Welt gekommen ist, dann muß es auch für uns Hoffnung und einen Ausweg für unsere persönlichen Nöte geben.Wer an die Botschaft von Weihnachten glaubt, hat deshalb keinen Grund und kein Recht mehr, mutlos zu werden und zu verzagen. Gott fordert an Weihnachten auch uns Menschen des 21. Jahrhunderts auf, aufzubrechen, die Grenzen unseres Alltagslebens zu überschreiten und Neues zu entdecken. Gott lädt uns zu einem Fest ein, das Leben in Fülle verheißt - ein Leben, das unvergänglich und unzerstörbar ist. Gott möchte uns Seine Gnade und Seine Liebe, ja Sein göttliches Leben von neuem schenken. Er lächelt in dem neugeborenen Kind von Bethlehem auch uns an. Angesichts der vielen Dunkelheiten in der Welt von heute brauchen wir Weihnachten dringend. Dieses Fest möchte uns helfen, die Lasten des Daseins zu tragen und geistig zu bewältigen. Hören wir deswegen wieder auf das, was in der Heiligen Nacht begonnen hat! Lassen wir uns durch den armseligen Stall nicht unsicher machen, sondern erkennen wir, daß Gott sich in Seinem Sohn vorbehaltlos zu uns Menschen herabgelassen hat, um uns zu erlösen und uns in Seinem himmlischen Reich zur Vollendung zu führen. Wenn wir dazu bereit sind, kann der Glaube an die Menschwerdung des Sohnes Gottes auch uns einen unerschütterlichen Halt und dauerhaften inneren Frieden schenken. Dann dürfen wir Weihnachten als ein Fest der Gnade, der Dankbarkeit und der Freude erleben. |
1.Fastensonntag
Die Frage nach Gott
Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten. Sünde war schon vor dem Gesetz in der Welt, aber Sünde wird nicht angerechnet, wo es kein Gesetz gibt; dennoch herrschte der Tod von Adam bis Mose auch über die, welche nicht wie Adam durch Übertreten eines Gebots gesündigt hatten; Adam aber ist die Gestalt, die auf den Kommenden hinweist. Adam, der Gottes Gebot übertreten hat, weist als Gegenbild auf den "Kommenden", d. h. Christus, hin, der gehorsam Gottes Willen erfüllt. Doch anders als mit der Übertretung verhält es sich mit der Gnade; sind durch die Übertretung des einen die vielen dem Tod anheimgefallen, so ist erst recht die Gnade Gottes und die Gabe, die durch die Gnadentat des einen Menschen Jesus Christus bewirkt worden ist, den vielen reichlich zuteil geworden. Anders als mit dem, was durch den einen Sünder verursacht wurde, verhält es sich mit dieser Gabe: Das Gericht führt wegen der Übertretung des einen zur Verurteilung, die Gnade führt aus vielen Übertretungen zur Gerechtsprechung. Ist durch die Übertretung des einen der Tod zur Herrschaft gekommen, durch diesen einen, so werden erst recht alle, denen die Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit reichlich zuteil wurde, leben und herrschen durch den einen, Jesus Christus. Wie es also durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt. Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden. Röm 5,12-19
Das Wort Gott ist für viele unserer Zeitgenossen fremd und unverständlich geworden, weil sie in einer Welt leben müssen, die die Maßstäbe für ihr Denken und Handeln ausschließlich dem Bereich dieser Erde entnimmt. Deshalb ist Gott für zahlreiche Menschen von heute in eine unerreichbare Ferne gerückt, und sie haben auch für Begriffe wie Sünde, Erlösungsbedürftigkeit, Gnade und Heil keinen Zugang mehr. Infolgedessen sind sie ständig auf der Suche nach einem letzten Sinn für ihr Leben und nach einer Kraft, die sie aufrecht hält. Sie suchen umher, ohne das zu finden, was ihnen Sinndeutung, Halt und Stütze bietet.
.Der heilige Apostel Paulus zeigt in seinen Briefen - am tiefschürfendsten wohl in dem an die christliche Gemeinde in Rom - den Menschen aller Zeiten eine Möglichkeit auf, durch die sie eine endgültige Antwort auf sämtliche Fragen ihres Lebens erhalten. Er betont, daß Gott uns viel näher ist, als wir gewöhnlich annehmen. Wir brauchen nach der Ansicht des Apostels keine besonderen Anstrengungen zu unternehmen, um Klarheit über den Auftrag unserer irdischen Tage und ihr letztes Ziel zu erhalten; vielmehr ist Gott uns dadurch entgegengekommen, daß Er Seinen Sohn auf unsere Erde gesandt hat. In Jesus Christus begegnet uns Gott, in Ihm redet Er uns an und bietet uns die Aufnahme in Seine göttliche Lebensgemeinschaft an.
Durch Seinen Sohn hat Gott sich erniedrigt und sich in die Unvollkommenheit unseres irdischen Daseins herabgelassen aber nicht dazu, um in ihm auf und unterzugehen, sondern, um es mit Seinem göttlichen Licht zu erleuchten und sich dadurch unserer Begrenztheit, unserer Hilflosigkeit und unseres Versagens zu erbarmen. Gott ist sogar so weit gegangen, den eigenen Sohn in den Tod zu schicken, um auch noch die Einsamkeit und die Qualen des Todeskampfes mit Seiner Liebe zu durchdringen. In der tiefsten Ohnmacht Jesu hat Gott aber dann durch die Besiegung des Todes Seine überlegene und unwiderstehliche Macht bewiesen. In Jesus erreicht das Heilshandeln Gottes an der Welt Seinen unüberbietbaren Höhepunkt; das Geschehen am Kreuz und die Auferstehung an Ostern stellen die entscheidende Wende in der Geschichte der Menschheit dar. Diese beiden Ereignise sind die unerläßliche Voraussetzung für unsere Erlösung und unser Heil.
Der heilige Apostel Paulus gibt damit auf die Frage nach dem rätselhaften Gott, nach dem Sinn des irdischen Daseins und dem Heilsverlangen der Menschen eine unerwartete Antwort. Gott hat alles getan, um uns aus der Verhaftung an die Sünde und aus der Todverfallenheit zu befreien. Der Lebensweg Jesu beweist uns die unüberbietbare Liebe Gottes, die so weit geht, daß sie sogar den eigenen Sohn dem schmachvollen Tod am Kreuz ausliefert. Sein Wort, das in Jesus an uns ergangen ist, ist somit die endgültige und unwiderrufliche Antwort Gottes auf die nie verstummenden Fragen der Menschen. Durch Jesus werden alle irdischen Vorstellungen über Gott und das Leben korrigiert und außer Kraft gesetzt.
Unser Leben bleibt also nicht der Vergänglichkeit und Hoffnungslosigkeit überlassen, sondern Gott selbst trägt Sorge um uns. In Seiner Gemeinschaft sind wir geborgen, Er möchte uns zu einem neuen, vollkommenen Dasein in Seiner ewigen Herrlichkeit führen. Dieses Angebot Gottes kommt aber nicht unverbindlich auf uns zu. Gott erwartet von uns vielmehr eine Gegenleistung. Wenn Seine Gnade in uns wirksam werden soll, müssen wir erst einmal zu Jesus unser Ja sprechen und Seinen Weg anerkennen mit allen Konsequenzen, die sich aus ihm für uns ergeben. Zum Heil gelangen, verlangt deshalb: an die Botschaft und das Erlösungswerk des Sohnes Gottes glauben und auf die Zeichen achten, die Er durch Sein Handeln gesetzt hat.
Im Glauben an Jesus als den gekreuzigten und auferstandenen Sohn Gottes steht für alle Menschen, ohne Rücksicht auf ihre rassische und staatliche Zugehörigkeit, auf ihre gesellschaftliche und soziale Stellung, das Heil offen. Es genügt aber nicht ein verstandesmäßiger Glaube, das bloße theoretische Ja zu Jesus, sondern Gott fordert für unsere Erlösung als Voraussetzung eine Haltung, die schon das Alte Testament betont: "Darum beachtet Meine Satzungen und Gebote! Wer sie erfüllt, wird durch sie das Leben haben" (Leviticus 18,5). Nur der Mensch, der durch die Tat seinen Glauben an Christus zum Ausdruck bringt, kann in der Heilsgemeinschaft mit Gott bleiben. Wir müssen also unser konkretes Handeln im Alltag von Gottes Forderungen bestimmen lassen.
Jesus verlangt von Seinen Jüngern eine bei den Juden bisher unbekannte, gänzlich neue geistige Haltung. Der fromme Jude erfüllte mit äußerster Gewissenhaftigkeit die im alttestamentlichen Gesetz enthaltenen Forderungen, die als unmittelbar von Gott angeordnet galten. Das machte die gesetzestreuen Juden aber auch stolz, selbstbewußt und sogar gegenüber Gott ausgesprochen selbstsicher. Diese Einstellung weist Jesus mit Schärfe zurück. Er weist darauf hin, daß jeder Mensch alles, was er leistet und worin er Erfolg hat, letztlich Gott verdankt. Außerdem sind wir in unseren Fähigkeiten begrenzt und damit zum Versagen gleichsam verurteilt. Der Mensch soll sich deshalb seiner Unvollkommenheit bewußt sein und dies Gott in aller Ehrlichkeit bekennen.
Außerdem setzt Jesus die einzelnen Vorschriften des alttestamentlichen Gesetzes kurzerhand außer Kraft und faßt Seine Forderungen zu einem einzigen Doppelgebot zusammen: der Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen. Die Liebe kennzeichnet am tiefsten das Wesen Gottes. Der Jünger Jesu soll aus diesem Grund versuchen, die Liebe, die er Tag für Tag in reichem Maß von Gott empfängt, in seinem eigenen Verhalten aufleuchten zu lassen. Der Christ, der diese Zusammenhänge erkannt hat, wird auf seine Leistungen nicht stolz sein, sondern er wird sein Bemühen als Dank für da Wohlwollen empfinden, das Gott ihm immer wieder von neuem schenkt.
Wer diese Botschaft annimmt, der muß seine bisheriger Vorstellungen von Gott und seine Ansichten über das Leben von Jesus in Frage stellen und sie mit einem neuen Inhalt erfüllen lassen. Aber gerade an dieser Forderung scheiterte das Gottesvolk der Juden. Sie sahen sich außerstande, den Weg der treuen Befolgung einzelner Gesetzesvorschriften zu verlassen, und mußten deswegen Jesus folgerichtig ablehnen. Auch der Christ hat mit dieser Forderung seine Schwierigkeiten. Die meisten unserer Zeitgenossen sind sehr stolz auf die Leistungen, die sie in der Wirtschaft, der Technologie und in sämtlichen Bereichen des öffentlichen Lebens erzielt haben. Darüber hinaus versuchen sie, die Welt immer perfekter zu machen. In dieser selbstbewußten Haltung lassen sie sich auch dann nicht beirren, wenn durch ihre Entscheidungen schon manches Unheil und erhebliche Gefahren für die Schöpfung verursacht wurden.
Da der Christ sich aus seiner Umwelt nicht zurückziehen kann, steht er in ständiger Versuchung, von diesen unheilvollen Ansichten angesteckt zu werden und sich ihnen im praktischen Verhalten unbewußt anzuschließen. Dadurch wird in ihm das Gottesbild verdunkelt, das Jesus verkündet hat, und auch seine Einstellung gegenüber dem Sinn des Lebens gerät in eine gefährliche Schieflage. Der Christ muß sich deswegen regelmäßig überprüfen, ob sein Denken und Handeln noch dem Weg entsprechen, den Jesus uns aufgezeigt und vorgelebt hat. Dieser Aufgabe wollen wir uns in den Wochen vor Ostern mit erhöhtem Bemühen stellen!
30. März
2. Ostersonntag / Weißer Sonntag
Glaube, keine Wunder
Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt, und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen. Joh 20,19-31
Was sich am Karfreitag mit Jesus ereignete, war für die Apostel und die anderen Jünger ein schwerer Schlag. Einige Tage vorher hatten die Bewohner Jerusalems ihren Meister begeistert empfangen. Dann erfolgte völlig überraschend Seine Verhaftung, Seine Verurteilung und Sein qualvoller Tod am Kreuz. Damit brach für die Anhänger Jesu eine Welt voller Hoffnungen von einem Augenblick auf den anderen zusammen. Sie hatten geglaubt, Er sei der von Gott verheißene Messias. Von diesem erwarteten die Juden, er werde die römische Besatzungsmacht aus Palästina vertreiben, ihnen wieder zu politischer Selbständigkeit verhelfen und die Herrschaft Gottes auf der ganzen Erde errichten.
Auch die Jünger Jesu waren von diesen Vorstellungen geprägt. Deshalb hatten sie ihre Familie verlassen, ihre gesicherte Existenz aufgegeben und ihre Zukunft dem Rabbi aus Nazareth anvertraut. Mit Seinem Tod sahen sie ihre Hoffnungen schmerzlich enttäuscht - sie waren wie gelähmt und wussten nicht, wie es weitergehen sollte. Aus Furcht vor den Juden und Römern verbargen sie sich hinter verschlossenen Türen. Zwar brachten einige Frauen aus der Gefolgschaft Jesu am Ostermorgen die Nachricht, das Grab sei leer und der Leichnam sei verschwunden; Engel hätten ihnen versichert, Jesus würde leben. Aber diese Botschaft verwirrte sie noch mehr. Auch als Jesus selbst ihnen erschien, fanden sie längere Zeit keine Antwort auf die zahlreichen Fragen, die sich aus diesen seltsamen Ereignissen ergaben.
Als die Jünger dem Apostel Thomas von einer Erscheinung Jesu berichten, bei der er nicht zugegen gewesen war, weigert er sich, das zu glauben (Johannes 20,19-31, Evangelium des 2. Ostersonntags). Thomas verlangt handgreifliche Beweise, wenn er an den auferstandenen Herrn glauben soll: "Wenn ich nicht die Male der Nägel an Seinen Händen sehe und wenn ich meine Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in Seine Seite lege, glaube ich nicht."
Der zweifelnde Thomas wird sicher die Sympathie eines modernen Menschen genießen; legt er doch eine Haltung an den Tag, die kennzeichnend ist für die meisten unserer Zeitgenossen: Er ist kritisch, er lässt nur das gelten, was er mit den Sinnen wahrnehmen, was er überprüfen und beweisen kann. Er weigert sich deswegen, nur auf das Hörensagen hin zu glauben, dass Jesus, der erst vor wenigen Tagen am Kreuz gestorben war, von den Toten auferstanden sei und lebe.
Die Zweifel des Thomas sind allerdings ganz anderer Art als die eines modernen Menschen. Dieser zweifelt daran, ob Gott tatsächlich existiert, ob es ein Jenseits gibt, ob ein Weiterleben nach dem Tod überhaupt möglich ist; denn all das kann er mit den Mitteln der Wissenschaft und Technik nicht nachweisen. Für Thomas dagegen sind die Existenz Gottes und die Auferstehung nach dem Tod eine unantastbare Tatsache. Er verlangt allerdings, dass der Glaube ihm den gesamten Lebensweg Jesu deutet. Mit einem Jesus, der nach dem Begräbnis verschwunden ist und Seine Jünger sich selbst überlässt, kann Thomas nichts anfangen. Ein Auferstandener, der zu einem himmlischen Wesen geworden, an dem die Kreuzigung spurlos vorübergegangen ist, ist für ihn bedeutungslos. Thomas kann nur an eine solche Auferstehung glauben, die ihm das ganze Leben und damit auch den Kreuzestod seines Meisters begreiflich macht. Nur so erhält sein eigenes Leben in der Nachfolge Jesu einen Sinn. Aus diesem Grund stellt er die Forderung, dass der angeblich auferstandene Jesus der gleiche ist wie der gekreuzigte. Zum Beweis dafür will er Seine Wundmale betasten.
Jesus geht auf die Forderung Seines zweifelnden Apostels ein. Acht Tage später erscheint Er wieder durch verschlossene Türen, zeigt Seine Wundmale und fordert Thomas auf, sie zu befühlen. Was auf Golgatha mit Jesus geschehen ist, ist also nicht im Dunkel der Geschichte verschwunden, sondern Jesus ist mit Seinem gemarterten Körper in die Herrlichkeit des Himmels eingegangen. Gott hat die Spuren des Kreuzesleidens Seines Sohnes nicht ausgelöscht.
Somit sind die Leidensmale, die Jesus auch nach Seiner Auferstehung an Seinem verklärten Leib trägt, das unauslöschliche Zeugnis für die entscheidende Heilstat Gottes. Sie sind aber auch der bleibende Beweis für den vorbehaltlosen Gehorsam Jesu gegenüber dem Auftrag des himmlischen Vaters. Die unvergänglichen Wundmale sind ebenso eine ständige Anklage gegen den Unglauben, die Verblendung und die Grausamkeit der Menschen, die den Sohn Gottes zum Tod verurteilt und Ihn ans Kreuz geschlagen haben. Dass Jesus mit diesem gegeißelten und gequälten Leib in den Himmel zurückgekehrt ist, bedeutet den endgültigen Sieg Gottes über das hasserfüllte Handeln von Menschen, die Vollendung Seines Heilsplans.
Christus bleibt also auch nach Seiner Heimkehr zum Vater der Gekreuzigte. Das macht uns klar, dass das Kreuz nicht nur ein letztes Hindernis vor der Überwindung des Todes durch Jesus bildet oder gar das Scheitern Seines gesamten Erlösungswerkes bedeutet. Das Kreuz ist vielmehr die Voraussetzung für die Auferstehung - das Zeichen, durch das Jesus Seinen Sieg über die gottferne Welt und die Macht des Bösen errungen hat. Nur der, der die untrennbare Einheit von Kreuz und Auferstehung erkennt, hat das Erlösungswerk Jesu voll verstanden. Das war es, worüber Thomas Gewissheit verlangte. Durch die Zusammenschau von Kreuz und Auferstehung erhält sein Leben einen neuen Sinn. Da er jetzt weiß, was der gewaltsame Tod im Erlösungswerk Jesu bedeutet, ist er bereit, in der Nachfolge seines Meisters ebenfalls zu leiden und sogar für seinen Glauben das eigene Leben hinzugeben.
Der Auferstandene ging auf die Forderung des Thomas ein; trotzdem tadelt Er ihn am Schluss der Erscheinung: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!" Mit dieser Mahnung verlangt Jesus aber keinen blinden Glauben. Er hatte ja während Seiner irdischen Tage den Jüngern die verborgenen Zusammenhänge im Reich Gottes erklärt; Er hatte zu ihnen wiederholt von der unausweichlichen Notwendigkeit Seines Leidens und Seines gewaltsamen Sterbens gesprochen, ihnen aber auch angekündigt, dass Er von den Toten auferstehen werde.
Wenn sich Thomas und die anderen Jünger auf diese Worte ihres Meisters besonnen hätten, dann wäre ihnen alles, was sich zwischen Karfreitag und Ostermorgen ereignete, kein undurchdringliches Rätsel geblieben. Aber sie waren nach dem unerwarteten Tod Jesu wie betäubt. Sie waren einfach unfähig, durch die Rückbesinnung auf Seine Worte von selbst zu der Erkenntnis zu gelangen, dass ihr Meister nicht tot, sondern für immer in die Herrlichkeit des himmlischen Vaters zurückgekehrt war. Deshalb klammerten sie sich an Lebenszeichen von Jesus, die sie sichtbar wahrnehmen und mit ihren Händen greifen konnten - obwohl die Möglichkeit bestand, dass diese Trugbilder waren, die sie täuschten. Vor diesem gefährlichen Weg, sich über Sein Schicksal Gewissheit zu verschaffen, warnt Jesus Seine Jünger eindringlich.
Das Evangelium vom zweifelnden Apostel Thomas ist auch für uns eine aufrüttelnde Mahnung, unseren Glauben in der von Gott gewollten Weise zu untermauern und zu vertiefen. Gerade in der heutigen Zeit müssen wir uns als Christen nicht nur mit einer Vielzahl von glaubens- und kirchenfeindlichen Äußerungen auseinandersetzen. Auch im Inneren der Kirche gehen die Ansichten weit auseinander und stehen manchmal schroff einander gegenüber. Darum ist es für jeden Getauften von entscheidender Bedeutung, sich Rechenschaft darüber abzulegen, auf welchen Grundlagen er seinen Glauben und seinen christlichen Alltag aufbaut.
Das darf nicht durch Zeichen und Wunder erfolgen, wie Thomas sie forderte; vielmehr müssen wir uns bewusst der Quelle des Ursprungs, nämlich dem Neuen Testament zuwenden und uns von ihm die Botschaft Jesu verkünden und Sein erlösendes Handeln schildern lassen. Dadurch begegnen wir auch ohne Erscheinungen dem auferstandenen Herrn und erkennen, dass Er uns als "Erstgeborener der neuen Schöpfung" in die Welt des himmlischen Vaters vorausgegangen ist, um auch uns nach unserem Tod aufzuwecken und zu vollenden. Dieses Wissen schenkt uns die ersehnte Sicherheit, innere Ruhe und das Gefühl der Geborgenheit in der Liebe Gottes.
18. Mai 2008
Dreifaltigkeitssonntag
Dreifaltig Einer
Das Geheimnis des Festes, das die Kirche am Sonntag nach Pfingsten feiert, hätten wir Menschen niemals zu entdecken vermocht. Die Israeliten glaubten zwar im Gegensatz zu den Völkern ihrer Umwelt nur an einen einzigen Gott, der das Weltall ins Dasein gerufen und den Menschen das Leben eingehaucht hat. Er überragt erhaben Seine Schöpfung und ist so heilig, dass in späteren Zeiten die Israeliten nicht einmal Seinen Namen Jahwe aussprechen durften. Dass dieser eine Gott aber in drei Personen existiert, das blieb auch ihnen verborgen. Diese Erkenntnis wurde uns erst durch Jesus geschenkt, und uns bleibt nichts anderes übrig, als diese Offenbarung gläubig anzunehmen.
Wir Menschen werden immer unfähig bleiben, in das Geheimnis des dreifaltigen Gottes weiter einzudringen und es unserem Verständnis noch mehr zu erschließen. Wir müssen uns mit dem Wissen begnügen, dass der eine Gott existiert als Vater, der das Weltall erschaffen hat und es ständig durchdringt; als Sohn, der die Menschheit durch Seinen Tod am Kreuz und durch Seine Auferstehung erlöst hat; und als Heiliger Geist, der die Liebe zwischen Vater und Sohn ist und der das Erlösungswerk des Sohnes im Raum der Zeit und Geschichte bis zur letzten Vollendung weiterführt. Im Glauben an diesen einen Gott in drei Personen (wobei Welt ist, der das Verhältnis der Dreiheit im einen göttlichen Wesen nur unzureichend zum Ausdruck bringen kann) haben die Gottesvorstellungen der Menschheit ihre höchste Vollendung erreicht.
Dieses tiefste Geheimnis Gottes konnte uns allein Jesus enthüllen, der als Einer aus der heiligsten Dreifaltigkeit auf unsere Erde kam und Mensch wurde. Von Ihm kann deshalb der Eingangshymnus des Johannes Evangeliums feststellen: "Niemand hat Gott je geschaut. Der Eingeborene, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, Er hat Kunde gebracht" (Joh 1,18). Jesus hat uns nicht nur Kunde vom dreifaltigen Gott gebracht, sondern in Seiner unauffälligen menschlichen Gestalt, in Seinem Reden und Verhalten strahlt Gott völlig ungebrochen auf Jesus ist das Spiegelbild des himmlischen Vaters. Die Übereinstimmung zwischen Gott und Jesus ist so vollkommen und unüberbietbar, dass Jesus von sich sagen kann: "Wer Mich gesehen hat, hat den Vater gesehen" (Joh 14,9). Diese Selbstaussage erreicht ihren Höhepunkt in dem für einen gesetzestreuen Juden geradezu gotteslästerlichen Anspruch: "Ich und der Vater sind eins" (Joh 10,30). In Jesus erleben wir also die Eigenschaften des göttlichen Vaters; durch Ihn erfahren wir, wie Gott an uns Menschen handelt und welche Absichten Er mit uns hat.
Jesus hat uns aber das tiefste Geheimnis Gottes nicht deswegen enthüllt, damit wir mehr über Ihn wissen, sondern damit wir an Seinem göttlichen Leben und an der Liebe teilhaben, die innerhalb der heiligsten Dreifaltigkeit herrscht. Dem dreifaltigen Gott verdankt jeder Mensch sein Dasein. Der Glaubende aber steht in einem ganz besonderen Verhältnis zu Ihm: Seit der Taufe wohnt die heiligste Dreifaltigkeit in seiner Seele. Jesus bietet uns an, dass wir bereits hier auf Erden in die Lebensgemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott aufgenommen und dadurch zu Seinen Kindern werden, die nach ihrem Tod zur Vollendung in der Ewigkeit Gottes berufen sind.
Dies gibt dem Glaubenden die Gewissheit, dass Gott nicht selbstherrlich und unnahbar über Seiner Schöpfung thront und von uns Menschen nur Anbetung und Opfer verlangt; Gott neigt sich vielmehr in Erbarmen und Güte zu Seinen Geschöpfen herab. Wie weit Seine Liebe geht, beweist Er uns dadurch, dass Er zu unserer Erlösung und zu unserem Heil Jesus einem schmachvollen und grausamen Tod auslieferte. Durch die Auferstehung Jesu von den Toten versichert uns Gott unwiderruflich, dass Er die Welt und den Menschen nicht dem Untergang preisgeben, sondern dass Er sie in eine neue Schöpfung umwandeln wird, in der alles Unrecht, Hass, Grausamkeit und Gewalt beseitigt sein werden. Die Welt geht somit nicht einem Abgrund entgegen und endet nicht im Chaos, sondern sie wird einmal in einen vollkommenen Zustand einmünden.
Der Glaubende lebt also nicht mehr in der Finsternis, ausgeliefert den Gefahren der gegenwärtigen Welt und einer bedrohlichen Zukunft, sondern er ist geborgen in der überströmenden Liebe des dreifaltigen Gottes. Wer an den dreifaltigen Gott glaubt und aus diesem Glauben sein Leben zu gestalten versucht, für den darf es keine Sinnlosigkeit mehr geben und keine Angst vor dem, was das Leben noch an Lasten und Enttäuschungen an ihn herantragen wird. Im Glauben an Gottes Allmacht und Heilsabsichten findet er Sinndeutung und inneren Frieden.
Daran erinnern wir uns jedesmal, wenn wir ein Kreuzzeichen machen und dabei den Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit aussprechen. Mit diesem Symbol für einen qualvollen Tod bringen wir unsere Überzeugung zum Ausdruck, dass Jesus als Sendbote des dreifaltigen Gottes neues, unvergängliches Leben geschaffen hat. Für den Glaubenden bedeutet der Tod nicht das Verlöschen seiner Persönlichkeit, sondern am Ende seiner irdischen Tage wartet der dreifaltige Gott auf ihn, um ihn endgültig in seine liebende Gemeinschaft aufzunehmen. Legen wir deshalb unseren weiteren Lebensweg und unser letztes Schicksal voller Vertrauen in die Güte dieses Gottes! Machen wir aber auch unser ganzes Leben durch unser Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen nicht zuletzt gegenüber denen, die auf der Schattenseite des Daseins stehen zum Lobpreis der heiligsten Dreifaltigkeit als überzeugenden Ausdruck unserer Dankbarkeit, dass wir in Ihm geborgen sind.
06. Juli 2008
14.Sonntag im Jahreskreis
Wie ein Kind
In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen. Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will. Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht. Mt 11,25-30
Die meisten Menschen unserer Tage möchten ihr Privatleben in eigener Entscheidung gestalten und lehnen es deswegen ab, sich von irgendjemand moralische Weisungen erteilen zu lassen. Dieser Einstellung kommen die Aussagen entgegen, die das Zweite Vatikanische Konzil in einem seiner bedeutendsten Lehrschreiben über die Stellung und Aufgabe der Laien innerhalb der Kirche machte. Dieses betont, dass jeder Mensch, der die Taufe empfangen hat und dadurch in der Nachfolge Jesu steht, ein eigenständiges Glied der Kirche ist. Jeder Getaufte hat den Auftrag, durch den Einsatz seiner Fähigkeiten zur Ausbreitung des Glaubens und damit zum Aufbau des Reiches Gottes auf der Erde beizutragen. Das bedeutet aber auch, dass jeder Christ das Recht besitzt, selbständige Entscheidungen darüber zu treffen, wie er diese Aufgabe am besten verwirklichen kann. Außerdem darf er den kirchlichen Amtsträgern aus seiner persönlichen Erfahrung Anregungen für ihr seelsorgliches Wirken geben. Was im Konzilsdokument über die Stellung der Laien gesagt wird, kann man am treffendsten mit dem Begriff des mündigen Christen wiedergeben.
Zu diesen Aussagen scheinen die Worte, die Jesus im Evangelium des 14. Sonntags im Jahreskreis spricht (Mt 11,25-30), einen unüberbrückbaren Gegensatz zu bilden: "Ich preise Dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil Du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber geoffenbart hast. Ja, Vater, so hat es Dir gefallen." Jesus preist nicht diejenigen selig, die selbstsicher auf ihre eigenen Kräfte vertrauend ihr Leben in die Hand nehmen, sondern ausgerechnet die Schwachen und Unselbständigen. Mit den Unmündigen meint Jesus letztlich das Kleinkind in seiner Unfertigkeit und Hilflosigkeit, das auf den Schutz und die Führung durch die Erwachsenen angewiesen ist. Genau diese Haltung soll ein Christ gegenüber Gott und Jesus einnehmen.
Für einen Christen in der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil kann es keine anstößigere Aussage geben als das Wort von den Unmündigen, an die Jesus bevorzugt Seine Botschaft richtet. Was sollen wir nun mit dieser Aussage anfangen, die uns anscheinend die mühsam überwundene Unmündigkeit wieder aufbürden will, die die Gebildeten und Lebenstüchtigen herabsetzt und gegen die Einfältigen und Unfähigen ausspielt?
Mit dieser Forderung, die der moderne Mensch als eine Zumutung empfindet, weist uns Jesus auf unsere grundsätzliche Situation hin. Kein Mensch hat sich selbst das Leben geschenkt, sondern jeder verdankt es einzig und allein Gott. Daher muss er stets bemüht sein, das Bild zu verwirklichen, das sich Gott bei der Schöpfung vom Menschen gemacht hat, und Seine Weisungen zu befolgen. Allerdings ist es dem Menschen verwehrt, aus eigener Einsicht das Wesen Gottes, den Sinn und das letzte Ziel seiner irdischen Tage zu erkennen. Um uns hierin wenigstens einen kleinen Einblick zu gewähren, hat Gott Seinen Sohn als Sein menschgewordenes Wort auf unsere Erde gesandt. Seiner Botschaft gegenüber muss sich der Mensch wie ein Kind verhalten, das sich voller Vertrauen von seinen Eltern führen lässt. Wer sich diesem Ansinnen verweigert, wer sich auch weiterhin selbstsicher allein auf seine eigene Intelligenz verlässt und das Leben aus eigener Kraft zu bewältigen versucht, der ist dazu verurteilt, auf Irrwege zu geraten und schließlich in einer Sackgasse zu enden. Außerdem läuft er Gefahr, dereinst auch sein ewiges Ziel, nämlich die Vollendung im Reich Gottes, zu verfehlen. Jesus geht es aber nicht darum, Seine Jünger zu schwachen, unselbständigen Menschen zu machen. Gerade unter den Heiligen finden wir zahlreiche Gestalten, die voller Einfallsreichtum, Tatendrang und Zielstrebigkeit waren, die neue Entwicklungen einleiteten, die das Erscheinungsbild der Kirche für Jahrhunderte prägten oder die Werke aufbauten, die noch heute bestehen. Diese herausragenden Christen haben allerdings nicht auf ihre menschliche Einsicht und Kraft vertraut, sondern sie ließen sich vom Heiligen Geist erleuchten und führen. So mancher Heilige, der eine erstaunliche Tatkraft entfaltete, durchlebte zunächst einmal eine Zeit der Stille und Einsamkeit, ja sogar jahrelanger Unsicherheit - denken wir nur an Franziskus von Assisi oder Ignatius von Loyola -, bis er sich endgültig über den Auftrag Gottes im klaren war.
Dadurch, dass Jesus uns Gott als den gütigen Vater im Himmel aufgezeigt hat, der uns trotz unserer Begrenztheit und unseres Versagens als Seine Kinder annimmt und uns einmal in Seinem ewigen Reich vollenden möchte, befreit uns Jesus von verkehrten Bindungen an vergängliche Güter. Er öffnet unser Verständnis für die uns von Gott gestellten Aufgaben und für die Werte, die unzerstörbar sind. Das Wissen um den Sinn und das Ziel unseres irdischen Daseins hilft uns, die Anforderungen des Lebens zu bewältigen und seine Unannehmlichkeiten leichter zu ertragen. Die Bereitschaft, unser Denken und Handeln regelmäßig selbstkritisch in Frage zu stellen, uns von Jesus belehren und uns durch Seine Gnade stärken zu lassen, macht aus uns also nicht unmündige Kinder, die dem Leben hilflos gegenüberstehen. Die Begegnung mit Jesus schenkt uns vielmehr genau die Kraft, die wir brauchen, um unseren Auftrag als Kinder Gottes - und das bedeutet nichts anderes als verantwortungsbewusste und selbständig handelnde Menschen - erfüllen zu können.
O Tiefe der Weisheit
O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege! Denn wer hat die Gedanken des Herrn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Wer hat ihm etwas gegeben, so daß Gott ihm etwas zurückgeben müßte? Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen. Röm 11,33-36
Auf seinen Missionsreisen begann der heilige Apostel Paulus mit der Verkündigung des Evangeliums grundsätzlich immer in der Synagoge seines jeweiligen Aufenthaltsortes. Das war für ihn als geborenem Juden selbstverständlich. Er wollte seinen Glaubensbrüdern nachweisen, dass Jesus von Nazareth der von Gott verheißene Messias ist. Aber stets musste er die enttäuschende Erfahrung machen, dass die meisten Juden sich seiner Botschaft verschlossen, dass sie ihn sogar anfeindeten und bei den römischen Behörden anzeigten, während zahlreiche Heiden den Glauben an Christus annahmen.
Paulus litt darunter, dass sein Volk, das von Gott in einzigartiger Weise erwählt und Jahrhunderte lang durch alle Gefahren geführt worden war, nicht die Fähigkeit besaß, in Jesus Gottes menschgewordenen Sohn zu erkennen und Ihn als Erlöser anzunehmen. Trotzdem bleiben für Paulus die Verheißungen Gottes an Israel auch weiterhin bestehen - Gott hat Sein Volk nicht verworfen. Deshalb haben die Heiden, die zum Glauben an Christus gefunden haben, keinen Grund, die Juden wegen ihrer Verstocktheit zu verurteilen. Die Ablehnung des Evangeliums durch die Juden war vielmehr die äußere Ursache, dass die Apostel sich mit der Verkündigung der Heilsbotschaft an die Heiden wandten. So verdanken die Heiden ihr Heil letztlich den Juden. Seine Dankbarkeit für diese wunderbaren Wege des göttlichen Heilshandelns bringt der heilige Apostel Paulus in der Lesung des 21. Sonntags im Jahreskreis in einem Hymnus zum Ausdruck: "0 Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind Seine Entscheidungen, wie unerforschlich Seine Wege! Denn wer hat die Gedanken des Herrn erkannt? Oder wer ist Sein Ratgeber gewesen? Wer hat Ihm etwas gegeben, so dass Gott ihm etwas zurückgeben müsste? Denn aus Ihm und durch Ihn und auf Ihn hin ist die ganze Schöpfung. Ihm sei Ehre in Ewigkeit!" (Römer 11,33-36).
Dieser Hymnus ist eine der schönsten Lobpreisungen und Meditationen über das Wesen Gottes, die jemals geschrieben wurden. Gott ist die unermessliche und unerschöpfliche Fülle der Weisheit, Erkenntnis und Allmacht. Der Mensch kann Gott nie durchschauen, er kann Seinen Absichten nicht auf die Spur kommen und Sein Handeln nicht vorausberechnen. Gott ist der alleinige, erhabene und unerreichbare Lenker der Welt. Er hält keine himmlischen Versammlungen ab und hat keine Ratgeber, wie das in den religiösen Vorstellungen des Altertums sonst der Fall war, sondern Er allein überblickt die ganze Schöpfung und leitet sie. Gott ist völlig unabhängig; Er braucht weder die Menschen noch die übrige Schöpfung, vielmehr verdankt alles Geschaffene sein Dasein der Güte Gottes. Gott ist deshalb auch niemand Rechenschaft schuldig.
Dieser Gott, dessen Allmacht und Allwissenheit uns Menschen mit Staunen und dem Gefühl der Ohnmacht erfüllt, thront aber trotz Seiner Unbegreiflichkeit nicht unnahbar über der Welt, sondern Er ist der ganz Nahe, der ständig Gegenwärtige. Nach der Erschaffung des Alls hat Er sich von ihm nicht zurückgezogen, sondern Er erhält es ununterbrochen im Dasein. Gott spricht auch zu jedem Menschen Sein Ja und hält gleichsam Seine schützende Hand über ihn. Wo Menschen nachdenken, entscheiden und handeln, tun sie es mit den Fähigkeiten, die Er ihnen geschenkt hat - meistens, ohne sich dessen bewusst zu werden.
Das Weltall verdankt Gott nicht nur seinen Ursprung und sein Dasein, sondern Er ist auch sein letztes Ziel. Die Entwicklung der Erde ist für uns Christen nicht - wie es die Völker der Antike annahmen und auch heute noch manche ostasiatischen Religionen glauben - ein ewiger Kreislauf von Geburt und Tod, von Entstehen und Verlöschen, sondern sie ist eher mit einer Spirale zu vergleichen, die immer höher emporsteigt und in einer Spitze endet. Das entscheidende Kennzeichen des biblischen Weltverständnisses ist darin zu sehen, dass die Schöpfung sich ständig fortentwickelt. Die Geschichte hat eine Richtung und ein Ziel, die ihr von Gott gegeben sind und die außerhalb ihrer selbst liegen, nämlich die Vollendung der gesamten Schöpfung durch Gott. Die Menschen mögen sich immer wieder von Gott unabhängig machen oder sich von Ihm sogar abwenden - in Wirklichkeit bewegen sie sich doch, wenn auch auf mancherlei Umwegen, auf Gott als ihr letztes Ziel zu.
Somit enthält unser Hymnus Aussagen, die auch heute noch jeden von uns betreffen. Vieles von dem, was uns täglich begegnet oder sich auf der Erde ereignet, erscheint uns als rätselhaft und unverständlich. Denken wir etwa an das Problem des Leidens, an die Frage, warum gläubige Menschen, die ihr Leben gewissenhaft an den Geboten Gottes ausrichten, oft so wenig Erfolg haben oder benachteiligt werden, oder warum unschuldige Menschen von schweren Schicksalsschlägen getroffen werden. Manches Unglück entmutigt Menschen so sehr, dass sie meinen, Gott habe sie verlassen. Aber Hass, Unrecht und Gewalt haben nicht in Gott ihre Ursache, sondern im bösen Herzen von Menschen, deren Tun den Weisungen Gottes widerspricht. Warum Gott das alles geschehen lässt, das allerdings bleibt für uns unerklärlich. Trotzdem muss es einen Sinn haben. Vergessen wir nicht, dass Gott Seinen eigenen Sohn nicht geschont, sondern Ihn dem qualvollen Tod am Kreuz ausgeliefert hat! Diese Tatsache ist für uns kein billiger Trost, sondern will uns erkennen lassen, dass in unserer vom Bösen so stark gezeichneten Welt das Ertragen von Unrecht und Leid oft unumgänglich ist, damit sich eine Wende zum Besseren vollziehen kann.
Die begeisterten Worte des heiligen Apostels Paulus schenken uns die Gewissheit, dass Gott nicht nur der Weltgeschichte, sondern auch unserem persönlichen Leben mit allen seinen Lasten, Mühen und Enttäuschungen einen festen Halt schenkt. Alles, was uns an Ungutem widerfährt, wird von Ihm aufgefangen und zu einem guten Ende geführt. Aus der Ablehnung des Messias durch die Juden, die der Anlass war, dass die Apostel den Heiden das Evangelium verkündeten, sollen wir erkennen, dass Gott auch das Versagen und Fehlverhalten von Menschen in Heil verwandeln kann. Da unser Leben in Gott geborgen ist, dürfen wir auch in Stunden, in denen wir an der Gegenwart Gottes und Seinem Schutz Zweifel haben, uns voller Vertrauen Seiner Vorsehung und Seiner Führung überlassen.
12. Oktober 2008
28.Sontag im Jahreskreis
Mit allem zufrieden
Ich weiß Entbehrungen zu ertragen, ich kann im Überfluß leben. In jedes und alles bin ich eingeweiht: in Sattsein und Hungern, Überfluß und Entbehrung. Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt. Trotzdem habt ihr recht daran getan, an meiner Bedrängnis teilzunehmen. Mein Gott aber wird euch durch Christus Jesus alles, was ihr nötig habt, aus dem Reichtum seiner Herrlichkeit schenken. Unserem Gott und Vater sei die Ehre in alle Ewigkeit! Amen. Phil 4,12-14.19f.
In der neutestamentlichen Lesung des 28.Sonntags im Jahreskreis schreibt der heilige Apostel Paulus an die Christen von Philippi: "In jedes und alles bin ich eingeweiht: in Sattsein und Hungern, Überfluss und Entbehrung..." (4,12-14.19f). Sogar dem Tod, der schon mehrere Male die Hand nach ihm ausgestreckt hat, blickt er ruhig in das Auge. Aber Paulus gesteht in aller Offenheit: Die Fähigkeit dazu besitzt er nicht aus sich selbst, sie ist nicht seine persönliche Leistung und nicht sein Verdienst. Wenn er es vermag, die Höhen und Tiefen des irdischen Da-seins mit Gelassenheit zu bewältigen, dann nicht deshalb, weil der Grundsatz der Unerschütterlichkeit, den die Anhänger der griechischen Philosophie der Stoa anstrebten, sein höchstes Tugendideal ist. Die Kraft dazu stammt auch nicht aus der Hilfe der Christen in Philippi, auch wenn sich Paulus veranlasst sieht, ihnen ein hohes Lob auszusprechen: "Ihr habt recht daran getan, an meiner Bedrängnis teilzunehmen". Er freut sich aufrichtig darüber, dass die Gemeinde von Philippi regen Anteil an seinem Schicksal nimmt und ihn mit Geldspenden unterstützt. Üb-rigens sind die gut gestellten Christen von Philippi - der römische Staat siedelte in dieser Stadt seine pensionierten Soldaten an - die einzige Gemeinde, von der Paulus finanzielle Unterstützung annahm. Er wollte sich von niemand nachsagen lassen, dass er aus seiner Tätigkeit als Apostel irdischen Gewinn herauszuschlagen versuche.
Genügsamkeit ist ein Begriff, dem der moderne Mensch mit Misstrauen gegenü-bersteht. Unsere gesamte Wirtschaft ist auf die Produktion und den Verbrauch von Waren aufgebaut. Mit den verlockendsten Bildern weckt die Werbung die Wünsche und Ansprüche der Menschen und steigert sie ins Unersättliche. Schon für viele Kinder ist das Beste nicht mehr gut genug. Wenn wir uns aber in der Welt umsehen, müssen wir die erschreckende Feststellung machen, dass die Verelendung der Menschheit immer größere Ausmaße annimmt. Caritas, Misereor und andere Hilfswerke können zwar so manche Not lindern, aber die völlige Beseitigung des Hungers vermögen sie nicht zu erreichen. Der Ausgleich zwischen unverantwortlicher Verschwendung und der nackten Existenznot von Milliarden von Menschen wird immer schwieriger. Die sozialen Verhältnisse auf unserer Erde sind zutiefst davon gekennzeichnet, dass sie die gesunde Mitte verloren haben.
Wie ganz anders lautet da der Grundsatz, der für Paulus uneingeschränkte Geltung besitzt: "Alles vermag ich durch Ihn, der mir Kraft gibt." Er ist sich bewusst, dass die Kraft, die ihn befähigt, Not zu ertragen, in der Entbehrung nicht mutlos zu werden, im Überfluss nicht verschwenderisch zu sein, sondern auch weiterhin anspruchslos zu bleiben, ausschließlich das Werk dessen ist, der ihn zum Apostel berufen hat und durch Seinen Heiligen Geist ständig in ihm lebt. Paulus hat seine menschliche Schwachheit nur zu oft erfahren - ist er doch schon lange ein schwer kranker Mann. Aber die Gnade Christi ist in ihm zu einer unüberwindlichen Kraft geworden, die ihn befähigt, die Lasten des Daseins in Unerschütterlichkeit zu bewältigen.
Die zentrale Aussage in der Verkündigung des heiligen Apostels Paulus lautet, dass in Jesus Christus der unnahbare Gott sichtbar geworden ist. In Jesus kön-nen wir die überströmende Liebe Gottes erleben; Er bietet allen Menschen bereits hier auf Erden Anteil an der Herrlichkeit Gottes an. In Seinem Tod, Seiner Auferstehung und Seiner Heimkehr zum Vater hat Jesus den Sinn des irdischen Daseins und unser letztes Ziel geoffenbart. Außerdem hat Er uns dadurch den Auftrag unseres Lebens gezeigt: den Vater im Himmel zu verherrlichen und Seinen göttlichen Willen zu erfüllen. Da Jesus vorbehaltlos auf Gott hin lebte, ist in Ihm für uns die allein verpflichtende Ordnung der Werte offenbar geworden. Die Ehre Gottes ist deshalb für Paulus der einzige Inhalt seines Lebens. Von der Botschaft Jesu und Seinem Handeln erhalten die Ereignisse auf der Erde eine gänzlich neue Sicht. Vom Blick auf Jesus denkt, urteilt und handelt der heilige Apostel. Das befähigt ihn auch, nicht durch Besitz und Macht, sondern durch freiwilligen Verzicht innerlich frei und glücklich zu werden.
Paulus steht mit seiner Bereitschaft, seine Abhängigkeit von Gott bedingungslos anzuerkennen, im Gegensatz zur Einstellung des modernen Menschen, der nur schwer bereit ist, seine Geschöpflichkeit einzugestehen. Auf Grund der ungeahn-ten Entwicklung von Wissenschaft und Technik verfällt der Mensch immer stärker der Versuchung, sich als den eigentlichen Herrn der Welt zu empfinden. Sein for-schender und planender Geist verwandelt das Angesicht der Erde. Er ist sogar dabei, die Herrschaft über das Weltall zu ergreifen. Verleiht ihm das nicht das Recht, in schrankenloser Machtausübung über die Welt zu verfügen und sein Le-ben in völliger Freiheit zu gestalten? Paulus aber hat erkannt: Durch die Anerken-nung seiner Abhängigkeit von Gott und die Erfüllung Seines Willens wird der Mensch nicht ab-, sondern vielmehr aufgewertet. Denn in Gott begegnet er dem Urbild, nach dem er geschaffen ist. Die Anerkennung dieser Tatsache hat in Paulus ungeahnte Kräfte freigelegt, die aus der Urkraft Gottes stammen. Das allerdings darf nur der erfahren, der sich uneingeschränkt Gott öffnet und Seine Gnade in sich einströmen lässt.
Von dieser Überzeugung legt der heilige Apostel Paulus den Menschen Zeugnis ab. Dieses besteht für ihn als Apostel in erster Linie in der Verkündigung der Heilsbotschaft. Paulus weiß aber auch: dies allein genügt nicht. Sein Verhalten im Alltag, sein gesamter Lebensstil muss vom Glauben geprägt sein. Beredtes Zeugnis leistet er durch seine persönliche Anspruchslosigkeit. Sein ganzes Leben ist von diesem Zeugnisgeben für Christus so in Anspruch genommen, dass die bei uns heute so gängige Unterscheidung zwischen dienstlich und privat für ihn völlig undenkbar ist. Beide Bereiche bilden für Paulus eine untrennbare Einheit. Sein Zeugnis verlangt aber auch die Bereitschaft, auf die Vorstellungen und Anliegen der Menschen einzugehen. Kein anderer Apostel hat es so großartig ver-standen, an die Denkformen der griechisch-römischen Welt anzuknüpfen und die Inhalte des christlichen Glaubens in deren Sprache zu verkünden.
Zeugnis für Christus zu geben, ist die Aufgabe der Christen zu allen Zeiten und überall auf der Erde. Die Christen müssen auf die nicht glaubende Menschheit zugehen und für sie dasein, ohne in ihr aufzugehen. Es wäre deshalb nicht recht, wenn Christen sich in eine unverbindliche Frömmigkeit flüchten und dadurch ihre Verantwortung für das Heil ihrer Mitmenschen vernachlässigen würden. Gerade heute können wir zahlreichen Menschen, die verunsichert sind, Klarheit und Festigkeit schenken, wenn wir ihnen auf der Grundlage des Neuen Testaments Antworten geben, die unvergänglichen Charakter besitzen. Außerdem können wir Menschen, die heimatlos und entwurzelt sind, durch unsere Anteilnahme und Hilfsbereitschaft einen festen Halt erleben lassen. Nicht zuletzt können wir Menschen, die Angst vor der Zukunft haben, davon überzeugen, dass sie in der unwiderruflichen Liebe Gottes geborgen sind, wenn wir Christen uns angestrengt um mehr Gerechtigkeit und Frieden auf der Erde bemühen. So sind die Möglichkeiten, unseren Mitmenschen die Güte Jesu aufleuchten zu lassen, so vielfältig wie das Leben selbst. Wenn wir dazu nach besten Kräften bereit sind, dann gilt auch für unsere persönliche Haltung, was der heilige Apostel Paulus zum Schluss unserer Lesung feststellt: "Unserem Gott und Vater sei die Ehre in alle Ewigkeit! Amen."
30. November 2008
1. Adventsonntag Der Blick auf das Ende
Wir sind von Kindheit an gewöhnt, die Wochen vor Weihnachten als eine Zeit der inneren Einkehr und Besinnung zu gestalten, in der wir uns in angemessener Weise auf das Geburtsfest unseres Erlösers vorbereiten. Deshalb wird wohl mancher von uns erstaunt sein, dass im Evangelium des 1. Advents-Sonntags nicht vom Kommen Jesu die Rede ist. Jesus spricht vielmehr vom Ende der Welt, vom letzten Gericht und fordert uns eindringlich zu ständiger Wachsamkeit auf (Markus 13,24-37). Die Kirche hat diesen Text mit voller Absicht ausgewählt; denn sie möchte uns durch ihn auf den umfassenden Zusammenhang hinweisen, in dem es die Menschwerdung Jesu stets zu sehen gilt. Zugleich will sie uns auch an die Grundhaltung erinnern, die Weihnachten für jeden gewissenhaften Christen zur Folge haben muss.
Wir glauben, dass Gott in Seinem Sohn Jesus Christus zur unvollkommenen Welt und zur sündigen Menschheit ein endgültiges, unwiderrufliches Ja gesprochen hat. Wir Christen sind ebenso davon überzeugt, dass die Menschheit durch Jesus aus der Macht der Sünde und des Todes befreit wurde und in einen Zustand grundsätzlicher Erlösung geführt worden ist. Wenn wir aber die tatsächlichen Verhältnisse in der Welt von heute betrachten, dann müssen wir die bedrückende Feststellung machen, dass in ihr von der Erlösung recht wenig zu erkennen ist - und das mehr als zweitausend Jahre nach der Geburt Jesu! Unsere Erde ist in einem erschreckenden Ausmaß von Unrecht, Gewalt und Zerstörung gekennzeichnet. Diese Situation lässt zahlreichen unserer Zeitgenossen das Leben als fragwürdig, bedrohlich und häufig sogar als sinnlos erscheinen.
Uns stellt sich die Frage: Besitzt der Christ durch seinen Glauben die Möglichkeit, eine Sicht der Welt und des Lebens zu entwickeln, die ihm die Kraft schenkt, inmitten aller Dunkelheit auf Erden ruhig und gelassen zu bleiben, oder ist er wie alle anderen Menschen hilflos dem Schicksal ausgeliefert? Um im Strom der Ereignisse nicht unterzugehen, müssen wir uns darauf besinnen, welche Auswirkungen das Erlösungswerk Jesu für die ganze Schöpfung hat. Alle Menschen, die zu Christus durch den Glauben und die Taufe ihr Ja gesprochen haben, sind bereits erlöst und stehen in der gnadenvollen Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott. Das ist allerdings nur ein erster Anfang. Das Heil in seiner ganzen Fülle wird uns erst dann geschenkt, wenn Christus zur Vollendung der Schöpfung wiederkommt. Dann werden sämtliche Verheißungen Jesu endgültige und unüberbietbare Wirklichkeit. Deshalb ist unsere gegenwärtige Welt auf die Offenbarung der uneingeschränkten Herrlichkeit Gottes ausgerichtet. Weil der Sohn Gottes Mensch geworden, weil Er für uns gestorben und auferstanden ist, darf der Glaubende die Gewissheit haben, dass Gott auch einmal die verheißene Vollendung herbeiführen wird. Das gilt es in den Tagen des Advents stets im Auge zu behalten.
Damit wir dieses letzte Ziel erreichen, wird von uns gegenüber der Welt und dem konkreten Leben eine geistige Haltung verlangt, die Jesus als ein ständiges und aufmerksames Wachen bezeichnet: Der Christ soll Ausschau halten nach dem zweiten Kommen seines Herrn. Dieses wache Bereitsein für Christus meint aber keinen bestimmten Zeitpunkt, sondern es fordert eine innere Einstellung, durch die sich jeder Getaufte der ständigen Gegenwart des Auferstandenen bewusst ist und die Begegnung mit Ihm sucht. Insofern ist jeder Augenblick unseres irdischen Daseins ein Aufruf, für den Auftrag Christi bereit zu sein. Das Warten auf den wiederkommenden Herrn ist somit kein wirklichkeitsfremdes Starren in eine unbestimmte Zukunft. Der Auftrag des Wachens verlangt zunächst einmal, dass wir die Menschen mit den gleichen Augen sehen und die Vorgänge auf der Erde aus derselben Sicht beurteilen, wie Jesus es getan hat. Das verhindert, dass wir in dem Strom mitschwimmen, in dem ein Großteil unserer Zeitgenossen sich befindet, und einen Lebensstil annehmen, der sich mit der Erlösungswirklichkeit nicht mehr vereinbaren lässt. Dieser kritische Abstand gegenüber der Welt darf den Christen aber nicht dazu verleiten, alles nur negativ zu sehen, zu verurteilen und die Menschheit sich selbst zu überlassen. Die Kirche hat stets mit Entschiedenheit betont, dass der Christ für die Welt einen Auftrag hat und deshalb zum Einsatz der ihm von Gott geschenkten Kräfte und Fähigkeiten verpflichtet ist. Der tiefste Grund für unser Bemühen um die Schöpfung ist das Vorbild Jesu. So wie Er Mensch geworden ist, um allen Menschen das Heil zu schenken, so müsse
n auch wir die heilenden Kräfte Jesu ständig in die Welt hineintragen und auf diese Weise Sein erlösendes Wirken fortführen.Wachen und Bereitsein für den kommenden Herrn bedeutet also nicht nur, die Begegnung mit Ihm im Gebet, in der Heiligen Schrift und in den Sakramenten zu suchen. Der Christ muss durch verantwortungsbewussten Umgang mit der Schöpfung, durch sorgsames Eingehen auf die Probleme und Nöte der heutigen Menschheit und nicht zuletzt durch Taten der Nächstenliebe vor allem kritischen und zweifelnden Mitmenschen glaubhaft machen, dass durch die Menschwerdung des Gottessohnes tatsächlich das Heil auf unserer Erde angebrochen ist. So erweisen wir uns als wachende und aufmerksame Jünger. Wenn wir in der Bereitschaft dazu die Tage des Advents begehen, dienen sie nicht nur der unmittelbaren Vorbereitung auf das Weihnachtsfest, sondern wir werden dann durch den Advent über unsere Gegenwart hinaus auf jenes letzte Ereignis ausgerichtet, das die Geschichte der jetzigen Welt beendet. Dadurch können wir den weiten Bogen spannen vom Beginn unserer Erlösung bis zu ihrer endgültigen Vollendung. Die Gewissheit, dass der menschgewordene Gottessohn seit Seiner Auferstehung stets an unserer Seite, ja sogar in unserer Seele gegenwärtig ist, um uns in die vollkommene Welt des Vaters zu führen, schenkt unserem Leben eine letztmögliche Sinndeutung und einen festen Halt, den auch die schwersten Stürme des Daseins nicht zu erschüttern vermögen.
18. Januar 2009
2. Sonntag im Jahreskreis
Zeugnis geben
Am Tag darauf stand Johannes wieder dort, und zwei seiner Jünger standen bei ihm. Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes! Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus. Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, fragte er sie: Was wollt ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi - das heisst übersetzt: Meister -, wo wohnst du? Er antwortete: Kommt und seht! Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde. Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren. Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. Messias heisst übersetzt: der Gesalbte (Christus). Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heissen. Kephas bedeutet: Fels (Petrus). Joh 1,35-42
Johannes der Täufer wurde von Gott beauftragt, das jüdische Volk auf die Ankunft des Messias vorzubereiten und es zur Erkenntnis der einzigartigen Würde Jesu hinzuführen. Wie Johannes diesen Auftrag verwirklichte, das erleben wir im Evangelium des 2.Sonntags im Jahreskreis (Johannes 1,35-42). "Johannes stand mit zwei seiner Jünger zusammen. Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf Ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes!" Was möchte Johannes mit diesem inhaltsschweren Wort über Jesus aussagen?
In der Bezeichnung Jesu als Lamm Gottes vereinigen sich zwei Vorstellungen aus dem Alten Testament. Da ist zunächst die geheimnisvolle Gestalt des leidenden Gottesknechtes, die uns viermal im Buch des Propheten Jesaja begegnet. Über ihn lesen wir unter anderem: "Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf, das vor seinem Scherer verstummt, so tat auch er seinen Mund nicht auf... Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein" (53,7.12c). Obwohl persönlich ohne Schuld, nimmt der Knecht Gottes die ihm zugefügten Leiden geduldig auf sich als stellvertretende Sühne für die Sünden anderer. An zweiter Stelle steht der Gedanke an das PaschaLamm, durch dessen Blut die Israeliten von dem Strafgericht verschont blieben, das Gott an den Ägyptern vollzog. Das Gedächtnis an dieses entscheidende Heilsereignis besaß in der alttestamentlichen Liturgie zentrale Bedeutung.
Johannes ließ in seiner Verkündigung zwar keinen Zweifel, dass Jesus der von den Propheten verheissene und damals von den Juden sehnlichst erwartete Messias ist. Wenn er Jesus als das Lamm Gottes bezeichnete, betonte er damit zugleich aber auch, dass dieser Messias ganz anders sein wird, als das jüdische Volk samt seinen religiösen Führern ihn sich vorstellte. Johannes will dadurch zum Ausdruck bringen: Jesus wird kein Messias einer überwältigenden Gewalt sein, sondern Er ist der schuldlos leidende Gottesknecht, wie er im Buch Jesaja geschildert wird. Er ist der Leidensmessias, der die Schuld anderer auf sich nimmt. Dieses Leiden bedeutet aber kein Scheitern; es ist vielmehr die Erfüllung der Jesus von Gott zugewiesenen Sendung. Durch Sein freiwilliges Leiden wird Jesus die Sündenschuld der gesamten Menschheit tilgen.
Dieser Hinweis von Johannes auf Jesus als das Lamm Gottes hat zur Folge, dass zwei seiner Jünger sich Jesus anschließen. Aber damit noch nicht genug: "Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren. Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden." Unter dem Eindruck der Begegnung mit Jesus werden die neuen Jünger selbst zu Zeugen. Simon Petrus wird durch seinen Bruder ebenfalls zum Jünger Jesu. Am folgenden Tag beruft Jesus den Philippus zum Jünger. Durch dessen ausdrückliches Messias Bekenntnis findet dann Natanael zum Glauben an Jesus.
Johannes der Täufer weist die Menschen auf Jesus hin; er darf den ersten Anstoß zu der Erkenntnis geben, wer Jesus ist: der Messias, das Lamm Gottes, Gottes eigener Sohn. Sein Zeugnis für Jesus hat eine weitreichende Wirkung: Nachdem durch ihn die ersten Jünger zu Jesus gefunden haben, führen diese andere zu Ihm. Vom Erkennen geht es also weiter zum Bekennen, zum klaren und unerschrockenen Zeugnis, durch das immer wieder neue Menschen zum Glauben an Jesus gelangen und Seine Jünger werden. So zieht das Zeugnis des Täufers immer weitere Kreise und löst gleichsam eine Kettenreaktion aus.
Durch dieses Ereignis zu Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu wird uns der Blick dafür geöffnet, was es bedeutet, ein Jünger Jesu zu sein: Jeder Getaufte hat die Aufgabe, für Jesus Zeugnis abzulegen und andere Menschen zu Ihm hinzuführen. Zeugnis zu geben für Christus, das ist der tiefste Sinn all dessen, was sich seit den ersten Anfängen der Kirche zugetragen hat. Es ist das eigentliche Ziel der bewegten Geschichte der Kirche mit ihrem Auf und Ab, ihren theologischen Auseinandersetzungen, ihren Konzilien, dogmatischen Entscheidungen und Erneuerungsbewegungen.
Zeugnis für Christus legten die Märtyrer ab, die großen Heiligen aller Zeiten, aber auch unzählige schlichte und unauffällige Menschen, die sich mit ihren Kräften und Fähigkeiten angestrengt bemühten, die Weisungen des Evangeliums in ihrem Leben in die Tat umzusetzen. Es den Menschen unserer Tage durch unser Verhalten leichter zu machen, zu Christus zu finden, das ist auch der ganz persönliche Auftrag, den jeder von uns in den Sakramenten der Taufe und der Firmung erhalten hat.
Wenn wir uns dann die Frage stellen, wie das Zeugnis für Jesus in unserer heutigen Zeit, deren Lebensbedingungen sich gegenüber den lagen Jesu stark verändert haben, aussehen muss, um von unseren Zeitgenossen angenommen zu werden, so gibt es darauf keine allgemein gültige Antwort. Unverzichtbar ist nur die Forderung, dass Jesus mit Seiner Verkündigung und Seinem Handeln in uns modernen Christen überzeugende Gestalt annimmt. Damit wir dazu imstande sind, müssen wir die Begegnung mit Ihm regelmäßig suchen. Bei diesem Bemühen dürfen wir an die entscheidende Aussage von Johannes über Jesus anknüpfen: "Seht, das Lamm Gottes!" Dieses Wort vernehmen wir in jeder Messfeier als Einladung, am eucharistischen Mahl teilzunehmen und den heiligsten Leib des Herrn zu empfangen. In den unscheinbaren Gestalten von Brot und Wein begegnen wir dem, der durch die Hingabe Seines Lebens am Kreuz die Sündenschuld der ganzen Menschheit auf sich genommen und uns dadurch für immer mit dem Vater im Himmel versöhnt hat.
Wir haben deshalb kein Recht, selbstbewusst wegen unserer Leistungen vor Christus hinzutreten. Wir sind vielmehr aufgerufen, mit unserer eigenen Persönlichkeit zurückzutreten und Christus in uns wachsen zu lassen, damit Seine Gnade sich immer stärker in uns entfalten kann. Wir sollen Christus gegenüber dieselbe Haltung einnehmen wie Johannes der Täufer, der einmal das tiefe Wort gesprochen hat: "Jener muss wachsen, ich aber muss geringer werden!" Je mehr wir diese Aufforderung zu verwirklichen versuchen, desto stärker werden unsere Mitmenschen in unserem Reden und Handeln Jesus erkennen können, desto glaubwürdiger wird unser Zeugnis für Ihn sein. Lassen wir deswegen die Verbundenheit mit Christus die bestimmende und prägende Kraft unseres Lebens sein!
08. März 2009
2. Fastensonntag
Strahlen der Verklärung
Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann. Da erschien vor ihren Augen Elija und mit ihm Mose, und sie redeten mit Jesus. Petrus sagte zu Jesus: Rabbi, es ist gut, daß wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wußte nämlich nicht, was er sagen sollte; denn sie waren vor Furcht ganz benommen. Da kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören. Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemand mehr bei sich außer Jesus. Während sie den Berg hinabstiegen, verbot er ihnen, irgend jemand zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei. Dieses Wort beschäftigte sie, und sie fragten einander, was das sei: von den Toten auferstehen. Mk 9,2-10
Jesus befindet sich mit Seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem. Er ist sich darüber klar, daß dort ein gewaltsamer Tod auf Ihn wartet. Bisher haben Seine Jünger so manche Aussage Seiner Botschaft und Sein Verhalten noch nicht richtig verstanden; immer noch tappen sie über das Geheimnis Seiner Person im Dunkeln. Um ihre Unsicherheit angesichts der bevorstehenden Ereignisse nicht noch zu vergrößern, möchte Jesus ihnen einen Einblick in die verborgenen Tiefen Seines Wesens schenken. Im Evangelium des 2.Fasten-Sonntags nimmt Er Seine drei vertrautesten Apostel Petrus, Jakobus und Johannes mit sich auf einen Berg.
Wiederholt hat sich Jesus von den Menschen zurückgezogen, um ungestört zum Vater beten zu können. Aber diesmal ist alles anders: Plötzlich verwandelt sich Jesus, Sein Gesicht leuchtet und Seine Kleider werden weiß wie Schnee. Er strahlt etwas Göttliches aus. Neben Ihm erscheinen Mose und Elija, die beiden bedeutendsten Heilsgestalten des Alten Testaments. Das aber ist noch nicht alles: "Da kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist Mein geliebter Sohn; auf Ihn sollt ihr hören!" Das Erscheinen einer Wolke ist im Alten Testament immer ein Hinweis auf die Anwesenheit Gottes. Gott selbst also bestätigt Jesus als Seinen menschgewordenen Sohn.
Die drei Apostel reagieren zunächst wie immer, wenn ein Angehöriger des Alten Bundes die Gegenwart Gottes erleben darf: "Sie waren vor Furcht ganz benommen." Als zum Beispiel der Prophet Jesaja im Tempel von Jerusalem Gott auf Seinem erhabenen Thron schauen durfte, schrie er laut auf: "Weh mir, ich bin verloren! Denn ... meine Augen haben den König, den Herrn der Heerscharen, gesehen" (6,5). Auch als der auferstandene Christus dem heiligen Apostel Paulus vor Damaskus erschien, fiel dieser vor Schreck zu Boden.
Aber dann finden die drei Apostel doch Gefallen an den Strahlen ihres Meisters. Sie wollen gerne für immer mit Jesus in diesem Zustand auf dem Berg bleiben. Deshalb macht Petrus den Vorschlag: "Rabbi, es ist gut, daß wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen eine für Dich, eine für Mose und eine für Elija." Doch Jesus lehnt ab und führt Seine Apostel zurück in den nüchternen Alltag. Am Fuß des Berges wartet schon die leiderfüllte Wirklichkeit des Lebens auf sie in der Gestalt eines stummen und besessenen Knaben.
Jesus strahlt die Vollkommenheit Gottes aus, aber auch Seine Liebe und Barmherzigkeit. Es ist gut, das zu erfahren; denn Er hat nicht nur gelächelt. Wo Er auf eine selbstsichere und erstarrte Frömmigkeit traf, wie etwa bei manchen Gesetzeslehrern und Pharisäern, konnte Er scharf und unerbittlich tadeln. Aber Jesus hat andererseits die Schattenseiten des Daseins auf sich genommen und war für die Nöte der Menschen da. Er hat ihnen eine letztmögliche Sinndeutung für ihr Leben geschenkt und hat sie dadurch geistig befreit; Er hat ebenso ihre körperlichen Leiden geheilt. Er ist den Weg der Verkennung und Anfeindung gegangen; schließlich hat Er das Kreuz getragen und einen qualvollen Tod auf sich genommen. Aber gerade durch dieses freiwillige Sterben hat Sein irdisches Leben in der Auferstehung eine unvergängliche Strahlkraft erlangt.
Wer den strahlenden Jesus erleben darf und von Ihm erleuchtet wird, dessen Dasein erhält eine ganz neue Chance. Er bekommt die Möglichkeit, sein bisheriges Leben in einem überraschenden Licht zu sehen. Das eigene Leben im Licht der Verklärung anzuschauen und zu deuten, bedeutet nicht, daß wir das Vergangene schönreden, daß wir das Unangenehme auszublenden und die Schattenseiten zu verdrängen versuchen. Verklärung meint, daß wir unser Dasein im Licht des Evangeliums betrachten also im Licht von Weihnachten, des Alltags von Jesus, im Licht des Karfreitags und der Osterbotschaft. Im Licht der Verklärung können wir unsere Begrenztheit, unsere Fehler, Enttäuschungen und Lasten annehmen und geistig bewältigen. Wir können das deshalb, weil der verklärte Jesus selbst den Weg des Leidens gegangen ist.
Wer sich von den göttlichen Strahlen Jesu beleuchten läßt, der wird geheilt und zu einem erlösten Geschöpf verwandelt, er kann ein ganz neues Leben beginnen. Wer sich von der Liebe Jesu anstrahlen läßt, kann selbst Ruhe, Gelöstheit, Güte, Freude und Frieden ausstrahlen wie ein Spiegel, der Strahlen auffängt und sie dann weitergibt. Die Strahlen, die von Jesus ausgehen, können somit nicht nur einzelne Menschen, sondern die ganze Welt zum Leuchten bringen.
Jesus ist mit Petrus, Jakobus und Johannes nicht auf dem Berg geblieben, sondern zusammen mit ihnen in die Ebene zurückgekehrt, wo bereits ein verzweifelter Vater mit seinem kranken Sohn auf sie wartete. Er ging dann den Weg der Verlassenheit und des Leidens nach Jerusalem und ist schließlich in das Reich des Todes hinabgestiegen, um sogar den Verstorbenen das Licht der Verklärung zu bringen. Jesus wußte, daß das Erlebnis der Verklärung eine Versuchung sein kann, sich der Verantwortung für hilfesuchende Mitmenschen zu entziehen. Unsere Begegnung mit dem verklärten Herrn etwa durch ein Wort der Heiligen Schrift oder durch den Empfang der heiligen Sakramente muß immer zwei Haltungen zur Folge haben: Unsere gefalteten Hände richten sich auf Gott und unsere geöffneten Hände wenden sich dem Mitmenschen zu. Wird eines von beiden vernachlässigt, ist unsere eigene Seligkeit einseitig und unvollkommen.
Durch das Evangelium von der Verklärung Jesu sind wir Christen in die Pflicht genommen, so gut wir können, durch unser Handeln anderen dieses göttliche Licht aufstrahlen zu lassen. Helfen wir ihnen, ihr Leben im Licht des Evangeliums, im Licht der Botschaft von Kreuz und Auferstehung zu deuten. Seien wir aber auch bereit, den Mitmenschen, die in irgendeiner Form Not leiden, nach besten Kräften zu Hilfe zu kommen!
26.April 2009
3. Ostersonntag
Der Gekreuzigte lebt
Die beiden Jünger, die von Emmaus zurückgekehrt waren, erzählten den Elf, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.
Während sie noch darüber redeten, trat er selbst in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!
Sie erschraken und hatten große Angst, denn sie meinten, einen Geist zu sehen.
Da sagte er zu ihnen: Was seid ihr so bestürzt? Warum lasst ihr in eurem Herzen solche Zweifel aufkommen? Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst. Fasst mich doch an, und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht. Bei diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und Füße.
Sie staunten, konnten es aber vor Freude immer noch nicht glauben. Da sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier?
Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch; er nahm es und aß es vor ihren Augen.
Dann sprach er zu ihnen: Das sind die Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich gesagt ist.
Darauf öffnete er ihnen die Augen für das Verständnis der Schrift. Er sagte zu ihnen: So steht es in der Schrift: Der Messias wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen, und in seinem Namen wird man allen Völkern, angefangen in Jerusalem, verkünden, sie sollen umkehren, damit ihre Sünden vergeben werden. Ihr seid Zeugen dafür.
Lk 24,35-48
Genauso rätselhaft, wie Jesus während Seines irdischen Daseins häufig auf die Jünger wirkte, genauso unergründlich und geradezu beängstigend war Er für sie nach dem Karfreitag. Mit Seinem Tod waren für die Jünger alle Hoffnungen zusammengebrochen. Ihre Erwartungen, Jesus werde als der verheissene Messias die Römer aus dem Land vertreiben und dann ein mächtiges Reich errichten, das die glanzvollen Zeiten der Könige David und Salomo in den Schatten stellte, waren jetzt unwiderruflich zunichte. Nach menschlichen Maßstäben war das Lebenswerk ihres Meisters mit Seinem gewaltsamen Tod für immer gescheitert.
Der plötzliche Tod Jesu stellte die Apostel und die anderen Jünger in eine unerwartete Situation, aus der sie im Augenblick keinen Ausweg wussten. Aus Angst, von den Gegnern Jesu verfolgt zu werden, verbargen sie sich hinter verschlossenen Türen. Zwar brachten am Ostermorgen einige Frauen die Nachricht, das Grab sei leer und der Leichnam Jesu sei verschwunden aber mit diesen Berichten konnten die Jünger zunächst nichts anfangen. Dann gab Jesus überraschende Lebenszeichen. Obwohl die Türen verschlossen waren, stand Er plötzlich mitten unter ihnen und war ebenso plötzlich wieder verschwunden.
So verhält es sich auch im Evangelium des 3.Oster-Sonntags (Lukas 24,35-48). Als die beiden von Emmaus zurückgekehrten Jünger den anderen berichten, was sie unterwegs erlebt hatten, steht Jesus auf einmal in dem Raum, in dem sie sich gerade befinden. Er zeigt den vor Überraschung und Schrecken erstarrten Jüngern Seine Hände und Füße. An Seinen Wundmalen sollen sie erkennen, dass Er der ist, der am Kreuz gestorben und dass dieser qualvolle Tod nicht spurlos an Ihm vorübergegangen ist. Um den Jüngern die Gewissheit zu geben, dass Er leibhaftig vor ihnen steht und kein Gespenst ist, fordert Jesus sie auf: "Fasst Mich doch an und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei Mir seht." Als sie immer noch nicht glauben können, verlangt Er etwas zu essen und verzehrt vor ihren Augen ein Stück gebratenen Fisch. Damit ist für die Jünger der letzte Zweifel beseitigt: Jesus lebt!
Trotzdem ist ihr Meister nicht mehr derselbe wie vor Ostern. Seit diesem Tag ist Er offensichtlich nicht mehr den irdischen Gesetzen von Raum und Zeit unterworfen. Er ist und bleibt verschwunden und zeigt sich ihnen nur für wenige Augenblicke. Jesus ist ein geistförmiges Wesen geworden, das an einem unbekannten Ort lebt. Ausserdem ist mit Ihm eine merkwürdige Veränderung vor sich gegangen etwas Fremdes und Geheimnisvolles hat der Auferstandene an sich. Wiederholt können die Jünger und die Frauen ihren Meister bei Seinen Erscheinungen nicht sofort erkennen. So meint Maria Magdalena am Ostermorgen zunächst, der unbekannte Mann am leeren Grab sei der Gärtner. Auch die beiden Jünger, die sich auf dem Weg nach Emmaus befanden, erkennen erst an der Geste des Brotbrechens, dass der geheimnisvolle Fremde Jesus ist. Die Apostel, die auf dem See von Tiberias Fische fingen, merken ebenfalls erst nach einiger Zeit, dass die Gestalt am Ufer der Herr ist.
Es dauerte längere Zeit, bis die Jünger fähig waren, die Erscheinungen des Auferstandenen zu deuten, bis sie verstanden, was mit Jesus in der Osternacht geschehen war. Wenn wir gläubig bekennen, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, so bedeutet das nicht, dass Jesus in das irdische Leben zurückgekehrt ist. An Ostern hat sich nämlich nicht dasselbe ereignet wie bei der Auferweckung des Jünglings von Nain, der Tochter des Jairus oder des Lazarus.
Bei der Auferstehung hat Jesus unsere irdische Welt, die von Vergänglichkeit, Tod und Verwesung gekennzeichnet ist, für immer verlassen und ist in das Reich Seines himmlischen Vaters zurückgekehrt. Der menschliche Leib Jesu ist dabei in eine ganz neue Seinsweise übergegangen; die Kräfte der himmlischen Welt haben Ihn völlig durchdrungen und verwandelt wir sagen mit einem theologischen Begriff: Jesus wurde verklärt. Durch Seine Auferstehung hat Jesus die Macht des Todes grundsätzlich gebrochen. Für dieses einzigartige Geschehen fehlen uns Menschen die entsprechenden Ausdrücke; wir haben keine Möglichkeit, es mit Vorgängen unserer irdischen Welt zu vergleichen und genau zu beschreiben. Weil die Auferstehung und der verklärte Leib Christi nicht mehr unserem irdischen Dasein angehören, sind sie auch kein geschichtliches Ereignis, sondern allein ein Geheimnis des Glaubens.
Die Auferstehung von den Toten bedeutet nicht nur den krönenden Abschluss und die Vollendung des Erlösungswerkes Jesu, sondern dieses Ereignis hat für die ganze Welt Auswirkungen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Mit dem menschlichen Leib Jesu ist zum ersten Mal ein Bestandteil unserer irdischen Welt in die unvergängliche Welt Gottes und dadurch in einen endgültigen, vollendeten Zustand eingetreten. Das bedeutet eine ganz neue Schöpfung, einen völligen Neubeginn im Verhältnis der erlösungsbedürftigen Menschheit zu Gott.
Christus besitzt seit Seiner Auferstehung für immer jene Gestalt, zu der Gott jeden Menschen und die gesamte Schöpfung berufen hat. Jesus ist deshalb mit Seinem verklärten Leib das bleibende Unterpfand für unsere eigene Auferstehung und die Vollendung der Schöpfung. Ostern ist darum kein Ereignis, das wieder im Dunkel der Vergangenheit versinken kann; die Auferstehung Jesu ist vielmehr immerwährende Gegenwart und erinnert uns an unsere ewige Bestimmung. Der Auferstandene ist auch ständig in der Welt gegenwärtig Er ist uns viel näher, als Er es während Seines irdischen Daseins jemals sein konnte.
Zur Erkenntnis dieser befreienden, ja beglückenden Wahrheit möchte Christus Seine ratlosen Jünger zwischen Ostern und Pfingsten hinführen. Er erteilt ihnen ausserdem den ausdrücklichen Auftrag, diese Heilsbotschaft allen Menschen zu verkünden. Und noch etwas verlangt Er: Die Menschen sollen umkehren, damit ihre Sünden vergeben werden. In die Gemeinschaft mit dem auferstandenen Herrn treten wir nicht erst nach unserem Tod ein, sondern sie ist bereits hier auf Erden möglich. Wer glaubt und sich taufen lässt, den befreit Gott von den Folgen der Ursünde, von der Schuld jeder persönlichen Verfehlung und macht ihn dadurch zu einem erlösten Geschöpf.
Das sind Aussagen, die für unsere persönliche Einstellung gegenüber der irdischen Welt entscheidende Auswirkungen haben müssen. Die Kräfte der Auferstehung können nur dann in uns zur Entfaltung kommen, wenn wir mit einem deutlich veränderten Denken unserer Umwelt gegenübertreten, wenn wir in Abstand gehen zum gängigen Lebensstil unserer Zeit, wenn wir unser Planen und Handeln bewusst an der Botschaft und am Vorbild Jesu ausrichten. Solange wir den auferstandenen Herrn nicht als den Mittelpunkt unseres Daseins betrachten, solange uns die Angebote dieser Welt wichtiger sind als Er - solange haben wir die Botschaft von Ostern nicht verstanden und befinden uns noch nicht auf dem richtigen Weg. Wir müssen deswegen unser Verhalten regelmäßig überprüfen und berichtigen, immer wieder von neuem anfangen. Öffnen wir darum unser Herz der Osterbotschaft! Sie kann uns eine tiefste Sinndeutung und einen unerschütterlichen Halt für unsere irdischen Tage schenken.
14.Juni 2009
11. Sonntag im Jahreskreis
Vom Tod zum Leben
Wir sind also immer zuversichtlich, auch wenn wir wissen, daß wir fern vom Herrn in der Fremde leben, solange wir in diesem Leib zu Hause sind; denn als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende. Weil wir aber zuversichtlich sind, ziehen wir es vor, aus dem Leib auszuwandern und daheim beim Herrn zu sein. Deswegen suchen wir unsere Ehre darin, ihm zu gefallen, ob wir daheim oder in der Fremde sind. Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat. 2Kor 5,6-10
Jahrhunderte lang sahen die Christen ihrer letzten Stunde mit Furcht und Bangen entgegen; denn der Tod führte sie vor den Richterstuhl Gottes, der von ihnen Rechenschaft über ihr vergangenes Leben forderte. Eine ganz andere Haltung nimmt der heilige Apostel Paulus gegenüber dem Sterben ein. Für ihn bedeutet der Tod die endgültige Vereinigung mit Christus, er verwandelt den Glauben in unverhülltes Schauen. Paulus macht in seinem zweiten Brief an die Korinther, aus dem wir am 11. Sonntag im Jahreskreis einen Abschnitt vernehmen (5,6-10), sogar die ungewöhnliche Feststellung, "dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben, solange wir in diesem Leib zu Hause sind".
Der moderne Mensch nimmt gegenüber dem Tod eine Haltung ein, die sich sowohl von Paulus wie auch von den Christen des Mittelalters beträchtlich unterscheidet. Er ist wenig an Gott interessiert, er frägt kaum nach Seinem Willen und dem Sinn des irdischen Daseins. Der Mensch von heute geht fast ganz in der sichtbaren Welt auf, die er mit den Händen greifen, die er erforschen und in seinen Griff bekommen kann. Er entlockt dem Weltall immer mehr Geheimnisse und macht sie seinen Wünschen untertan.
In dieser Welt vollzieht sich sein Leben; hier arbeitet er und setzt er sich für den Fortschritt ein. In dieser Welt erfährt er auch den Erfolg seiner Anstrengungen. Er gelangt zu Besitz und Wohlstand, er wird von anderen anerkannt, er übt Einfluß und Macht aus. Hier auf der Erde schafft er sich eine Existenz, die sein Arbeiten und Mühen mit Sinn erfüllt. Das Verhältnis des modernen Menschen zur Welt und zum Leben ist somit bestimmt durch zahlreiche Bindungen, die er nicht aufgeben kann und will. Die Erde ist zu seiner Heimat geworden, an der er mit allen Fasern seines Herzens hängt.
Seine Anhänglichkeit an die Welt gibt der moderne Mensch auch dann nicht auf, wenn das Leben mit Enttäuschungen und Schicksalsschlägen an ihn herantritt, wenn er von seinen Mitmenschen keine ausreichende Anerkennung erfährt, wenn die Erde ihm nicht genügend Lebensraum und nur mangelhafte Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Für einen Menschen, der die Welt nicht im Licht des Glaubens sieht, gibt es keine andere Wahl. Für ihn ist die Erde der einzige Ort, durch den er Sinn und Halt erfährt. Deswegen sträubt er sich mit allen Kräften gegen das Sterben und stürzt sich in das Leben und seine vielfältigen Angebote.
Auch der heilige Apostel Paulus weiß um die Werte, die ihm das Leben schenken kann, und um die Schönheiten, die ihm die Schöpfung anbietet. Trotzdem hat er Sehnsucht nach dem Tod. Paulus zieht es vor, "aus dem Leib auszuwandern und beim Herrn daheim zu sein". In seinem Brief an die christliche Gemeinde von Philippi schreibt er: "Denn Christus ist für mich Leben, und das Sterben ist Gewinn... Ich habe das Verlangen, aufgelöst zu werden und bei Christus zu sein; das wäre bei weitem das beste" (1,21.23).
Paulus macht diese Aussagen, die uns im ersten Augenblick sicher überraschen und befremden nicht etwa aus dem Grund, weil er lebensmüde ist, weil er den Pflichten und Anforderungen des Alltags ausweichen oder vor seinen unangenehmen Situationen fliehen möchte. Aber seine Einstellung sowohl gegenüber dem Leben wie gegenüber dem Tod ist grundsätzlich bestimmt von der Überzeugung, dass Gott durch den Tod und die Auferstehung Seines Sohnes alle Menschen von der Sünde erlöst und sie zum ewigen Leben berufen hat.
Die Gemeinschaft mit Christus und die Kräfte Seines Erlösungswerkes kann der Mensch, der an Christus glaubt und auf Seinen Namen getauft ist, bereits hier auf Erden erfahren durch das Wort der Heiligen Schrift, durch die Sakramente, vor allem durch die heilige Eucharistie. So tief die Verbundenheit mit Christus im irdischen Leben auch sein mag, sie bleibt unvollkommen und ist durch die Sünde gefährdet. Erst der Tod bringt die endgültige, vollkommene und ewig dauernde Vereinigung mit Christus. Da Paulus mit allen Kräften dieses Ziel zu erreichen sucht, hat er vor dem Tod keine Angst, sondern er sehnt sich geradezu nach ihm.
Was sich beim Sterben und danach ereignet, entzieht sich unserer Erfahrung; der Christ kann es nur aus dem Glauben erahnen. Auch die menschliche Sprache kann dieses Geschehen nicht in Worten zum Ausdruck bringen. Um seinen Mitchristen wenigstens eine schwache Vorstellung davon zu vermitteln, nimmt der heilige Apostel Paulus Bilder und Vergleiche zu Hilfe. Er vergleicht den Tod mit dem Umzug in ein anderes Haus. Die bisherige Wohnung wird abgebrochen; auf den Verstorbenen wartet ein ewiges Haus im Himmel, das nicht von Menschenhänden erbaut ist. Außerdem gebraucht Paulus das Bild vom himmlischen Kleid, mit dem der Tote bekleidet wird. Paulus seufzt voller Sehnsucht danach, in das himmlische Haus einziehen zu dürfen und mit dem himmlischen Gewand bekleidet zu werden, "damit so das Sterbliche vom Leben verschlungen wird". Für ihn bringt also der Tod den Sieg des ewigen Lebens über das unvollkommene, vergängliche Dasein der irdischen Welt.
Das gesamte Handeln und Streben des heiligen Apostels Paulus ist von dem Wunsch geprägt, einmal die endgültige Vereinigung mit Christus zu erreichen. Das ist geradezu der Inhalt seines Lebens geworden. Paulus ist sich allerdings bewußt, dass sein Wunsch nur dann in Erfüllung gehen wird, wenn er sich hier auf Erden unaufhörlich bemüht, sein Verhalten am Vorbild Jesu auszurichten und nach besten Kräften den Willen Gottes zu erfüllen. Wer auf den Namen Jesu getauft ist, muss in einem neuen Leben wandeln; sein Lebensstil muss sich deutlich von jenen Menschen unterscheiden, die nicht an Christus glauben. Um die Gemeinschaft mit Christus nicht zu gefährden oder sie sogar zu verlieren, tut Paulus alles, um "Ihm zu gefallen".
Paulus weiß, dass auch er nach seinem Tod vor den Richterstuhl Christi treten muss, urn Ihm für sein vergangenes Leben Rechenschaft abzulegen. Der Gedanke an das himmlische Gericht erfüllt ihn allerdings nicht mit Furcht. Obwohl er weiß, dass er nur ein unvollkommener Mensch ist und dass seine Kräfte begrenzt sind, kann er doch behaupten, dass sein Handeln ganz von der Liebe zu Christus bestimmt ist. Aus Liebe zu Christus ist Paulus nicht nur bereit, den Willen Gottes gewissenhaft zu befolgen, sondern auch die Lasten und Leiden des Daseins auf sich zu nehmen, ohne zu murren. Leiden bedeuten für ihn Teilnahme am Schicksal Jesu. Dadurch kann Paulus auch auf diese Weise eins werden mit Christus. Er ist sich gewiß: Wie hinter dem Kreuz und Sterben des Herrn bereits die Auferstehung und das ewige Leben aufleuchten, so kommt auch im Leben eines Christen, der Jesus auf dem Weg des Kreuzes nachfolgt, die Herrlichkeit der Auferstehung zum Durchbruch.
Wenn wir uns diese Betrachtungsweise des heiligen Apostels Paulus zu eigen machen, wird unsere Einstellung gegenüber der Welt und dem Sterben sich grundlegend verändern. Wir erkennen dann, dass wir auf einer Erde leben, die sich Tag für Tag ändert, die uns nichts Endgültiges und Bleibendes bieten kann, die vielmehr ständig mit neuen Forderungen und Belastungen an uns herantritt und uns im Grunde genommen von Gott abzulenken versucht. Erst der Tod bringt das wahre Leben in der Gemeinschaft mit Christus und die Vollendung unserer menschlichen Persönlichkeit. Der Christ braucht deshalb den Tod nicht als ein Ereignis zu fürchten, das ihm alles entreißt, was er in den Jahrzehnten seines irdischen Daseins an materiellen Werten aufgebaut hat. Fassen wir den Tod vielmehr als einen Vorgang auf, durch den wir aus der Vorläufigkeit und Vergänglichkeit der irdischen Welt hinübergeführt werden zur ewigen Herrlichkeit bei Gott. Dann werden wir mit Entschiedenheit auf dieses letzte Ziel hinleben und uns gegenüber den Angeboten der modernen Welt so verhalten, dass wir durch den Umgang mit den irdischen Gütern die ewigen nicht verlieren!
02.August 2009
18. Sonntag im Jahreskreis
Der erlöste Mensch
Ich sage es euch und beschwöre euch im Herrn: Lebt nicht mehr wie die Heiden in ihrem nichtigen Denken! Das aber entspricht nicht dem, was ihr von Christus gelernt habt. Ihr habt doch von ihm gehört und seid unterrichtet worden in der Wahrheit, die Jesus ist. Legt den alten Menschen ab, der in Verblendung und Begierde zugrunde geht, ändert euer früheres Leben, und erneuert euren Geist und Sinn! Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Eph (4,17.20-24)
Der Epheser-Brief, dem die neutestamentliche Lesung des 18.Sonntags im Jahreskreis entnommen ist, malt den Lebensstil der Heiden in den düstersten Farben. Sie haben aus eigener Schuld das Bild von Gott, das jeder Mensch von Natur aus in sich trägt, verzerrt und sich von Ihm abgewandt. Deshalb ist ihr Verstand verfinstert, ihr Denken verblendet und ihr Herz verhärtet. Da sie zu Gott in keiner Beiehung mehr stehen, die ihr Dasein trägt und ihr Handeln bestimmt, haben die Heiden auch keine Einsicht mehr in das Wesen wahren Menschseins. Sie leben sich hemmungslos aus, und zur Erreichung ihrer persönlichen Wünsche schrecken sie vor nichts zurück. Ein solches Leben, das kein letztes Ziel mehr kennt, ist in Wirklichkeit hohl und sinnlos, es verpufft im Leeren und ist der ewigen Verdammnis verfallen.
Von diesem dunklen Hintergrund muss sich das Leben der Christen unverkennbar abheben. Der Jünger Jesu glaubt, dass der Sohn Gottes die Herrlichkeit, die Er seit Ewigkeit beim Vater besaß, aus Liebe zu uns Menschen verlassen hat und auf unsere Erde gekommen ist. Für das Heil aller Menschen war Jesus sogar bereit, Sein Leben in einen qualvollen Tod hinzugeben. Zu dieser Botschaft hat der Christ sein uneingeschränktes Ja gesprochen. Das verpflichtet ihn, von diesem Glauben durch sein Reden und Verhalten im Alltag Zeugnis abzulegen. Wer sich vom Heidentum zu Christus bekehrt hat, von dem wird verlangt: "Legt den alten Menschen ab, der in Verblendung und Begierde zugrunde geht, ändert euer früheres Leben und erneuert euren Geist und Sinn! Zieht den neuen Menschen an, der nach Gottes Bild geschaffen ist, damit ihr wahrhaft gerecht und heilig lebt."
Das Leitbild für den neuen, erlösten Menschen ist allein Jesus. In Ihm ist vollkommene Wirklichkeit geworden, was der Schöpfungsbericht des Alten Testaments über den Menschen sagt: er ist nach dem Bild Gottes geschaffen worden. Deswegen ist Jesus der einzige Lehrmeister und die verpflichtende Lebensnorm für jeden Getauften. Da Er uns der Todverfallenheit des unerlösten Daseins entrissen hat, ist von uns ein Lebensstil gefordert, der das Licht Jesu überzeugend widerstrahlt. Wahrheitsliebe, Gerechtigkeit, verantwortungsbewusste Arbeit, Hilfsbereitschaft und Güte, Verzeihen von Unrecht um Jesu willen das sind die Kennzeichen, durch die ein Mensch beweisen kann, dass er sich mit der Liebe des Herrn bekleidet hat.
Was sich in der Taufe ereignet hat, soll bei jedem Christen voll in Erscheinung treten. Der Jünger Jesu muss aber immer wieder zu seinem Erstaunen und Erschrecken feststellen, dass trotz der Gnadengaben des Heiligen Geistes die Kräfte des unerlösten Menschen in ihm auch weiterhin am Werk sind und ihn bedrängen. Davon blieb auch der heilige Apostel Paulus nicht verschont. Daraus erkennt der Getaufte, dass das Anziehen des neuen Menschen kein einmaliger Vorgang ist, durch den die Erlösung endgültig abgeschlossen ist. Der neue Mensch steht mit der Taufe nicht fertig da, sondern das ist eine Aufgabe, die während des ganzen Lebens in angestrengtem Bemühen verwirklicht werden muss.
Was der Verfasser des Epheser Briefes den Heidenchristen in der Urkirche verkündete, besitzt seine grundsätzliche Bedeutung auch noch unter den stark veränderten Lebensbedingungen der heutigen Zeit. Die Beschäftigung mit der modernen Technik und der Blick auf die Freizeit Industrie mögen anziehender sein als das Streben nach Tugenden, die dem Christen häufig Schranken auferlegen, die ihn im Wettbewerb mit seiner Umwelt benachteiligen und ihn dadurch zu einem Lebensstil nötigen, der anscheinnd veraltet und in der gegenwärtigen Welt überholt ist.
Gerade in dieser Situation gilt es für uns, regelmäßig auf Jesus zu schauen, Seine Worte auf uns wirken zu lassen und nach dem Auftrag zu fragen, den Er uns erteilt hat. Jesus war kein politischer oder sozialer Revolutionär, der die Ordnung auf unserer Erde mit Gewalt umstürzen wollte. Er lenkte vielmehr unseren Blick auf Gott als den Schöpfer des Weltalls und den Urgrund allen Seins; Ihm gegenüber hat alles andere nur untergeordnete Bedeutung. Das tat Er nicht, weil Er ein religiöser Fanatiker war, sondern weil Er wusste, dass die Errungenschaften menschlichen Bemühens stets ihre negativen Begleiterscheinungen haben, dass neue Erfindungen und Entwicklungen meistens nur einem Teil der Menschheit zugute kommen und andere benachteiligen. So wird es trotz aller Fortschritte nie zu ausgeglichenen oder gar idealen Verhältnissen kommen - die Vollendung kann uns nur Gott schenken.
Diese Begrenztheit menschlicher Leistungsfähigkeit gilt es für den Christen ganz nüchtern in sein Welt und Menschenbild einzubauen und die Konsequenzen daraus zu ziehen. Der Christ muss sich an den Maßstäben ausrichten, die Gott in der Schöpfungsordnung gesetzt hat und die uns Menschen behilflich sein wollen, eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens aufzubauen. Das ist der ausschlaggebende Beweggrund, warum wir Christen unbeirrt an unseren Grundsätzen festhalten und uns beharrlich weigern, uns dem Denken und Lebensstil der unerlösten Menschheit anzupassen. Wohin ein solcher Weg führt, das erleben wir seit einigen Monaten in erschreckendem Ausmaß, in denen die Welt in eine Finanz und Wirtschaftskrise geraten ist, wie wir sie seit fast einem Jahrhundert nicht mehr erlebt haben.
Das sollte uns eine ernste Mahnung sein, alles, was uns Tag für Tag begegnet, bewusst auf Jesus hinzuordnen und Ihn zum alleinigen Maßstab unseres Denkens, unserer Entscheidungen und unseres Handelns zu machen. Wenn wir uns gemäß Seinen Weisungen geduldig bemühen und den Weg des Guten nicht verlassen, dann dürfen wir sicher sein, dass wir den neuen Menschen angezogen haben, der nach Gottes Bild geschaffen ist, der nach Heiligkeit und Gerechtigkeit strebt und der der Beginn der endgültigen Vollendung ist, zu der Gott die ganze Schöpfung berufen hat.
20.September 2009
25. Sonntag im Jahreskreis
Gottes Weisheit
Wo nämlich Eifersucht und Ehrgeiz herrschen, da gibt es Unordnung und böse Taten jeder Art. Doch die Weisheit von oben ist erstens heilig, sodann friedlich, freundlich, gehorsam, voll Erbarmen und reich an guten Früchten, sie ist unparteiisch, sie heuchelt nicht. Wo Frieden herrscht, wird (von Gott) für die Menschen, die Frieden stiften, die Saat der Gerechtigkeit ausgestreut. Woher kommen die Kriege bei euch, woher die Streitigkeiten? Doch nur vom Kampf der Leidenschaften in eurem Innern. Ihr begehrt und erhaltet doch nichts. Ihr mordet und seid eifersüchtig und könnt dennoch nichts erreichen. Ihr streitet und führt Krieg. Ihr erhaltet nichts, weil ihr nicht bittet. Ihr bittet und empfangt doch nichts, weil ihr in böser Absicht bittet, um es in eurer Leidenschaft zu verschwenden Jak 3,16-4,3
Die neutestamentliche Lesung des 25.Sonntags im Jahreskreis, die dem Jakobus Brief entnommen ist (3,16-4,3), stellt in scharfen Gegensätzen die irdische und die von Gott kommende Weisheit einander gegenüber. Der Begriff Weisheit spielte im ganzen Altertum eine bedeutende Rolle. Schon bei den Ägyptern, Babyloniern und Sumerern gab es eine sogenannte Weisheitsliteratur. Bei ihnen war Weisheit sehr stark auf irdischen Erfolg ausgerichtet: wie man die Gunst der Mächtigen und Wohlhabenden gewinnt, wie man zu einem angenehmen und sorgenfreien Leben gelangen kann. Diese heidnische Weisheitsliteratur fand auch vor allem seit König Salomo, den das Alte Testament als "Vater der Weisheit" bezeichnet großen Anklang in Israel. Hier hat sie allerdings eine etwas andere Bedeutung erhalten. Die Weisheitslehre wird im Alten Testament auf Gott hingeordnet; sie fordert die Israeliten auf, ein Leben in bewußter Verantwortung vor Gott zu führen und Seine Gebote zu erfüllen. Wenn der fromme Israelit von Weisheit sprach, dachte aber auch er insgeheim an irdisches Glück und Wohlergehen.
Der Verfasser unserer Lesung dagegen zeichnet von der Weisheit, die von Gott stammt, ein Bild, das zu den Grundsätzen der irdischen Klugheit in deutlichem Gegensatz steht: "Doch die Weisheit von oben ist erstens heilig, sodann friedlich, freundlich, gehorsam, voll Erbarmen und reich an guten Früchten; sie ist unparteiisch, sie heuchelt nicht."
Die von Gott kommende Weisheit erkennt man daran, daß sie einen Zustand echten und dauerhaften Friedens herbeiführt. Frieden in der hebräischen Sprache schalam war schon der kennzeichnende Begriff, mit dem die Propheten das bevorstehende Reich Gottes beschrieben. Frieden ist auch der Inbegriff des neutestamentlichen Heils. Dieses Wort erklingt bei der Geburt Jesu als Inhalt der Botschaft, die die Engel den Hirten verkünden: "Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Frieden bei den Menschen Seiner Gnade" (Lk 2,14). Der Frieden ist das Gut, das Jesus Seinen Jüngern hinterläßt: "Frieden hinterlasse Ich euch, Meinen Frieden gebe Ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe Ich euch" (Joh 14,27). Die Botschaft vom Frieden das heißt der Versöhnung der Menschen mit Gott und der Menschen untereinander ist der Leitfaden, der alle Schriften des Neuen Testaments durchzieht.
Der Frieden wird uns aber nicht ohne unser eigenes Bemühen geschenkt. Er hat ein Verhalten zur Voraussetzung, das sich an der Weisheit Gottes ausrichtet diese aber ist im Urteil der Welt Torheit. Deshalb warnt der heilige Apostel Paulus eindringlich: "Keiner täusche sich selbst Wenn einer unter euch meint, er sei weise in dieser Welt, dann werde er töricht, um weise zu werden. Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott. In der Schrift steht nämlich: Er fängt die Weisen in ihrer eigenen List" (iKor 3,18f). Die Weisheit Gottes hat Jesus der Anfeindung, der Mißhandlung und dem Kreuzestod ausgeliefert "für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber Gottes Kraft und Gottes Weisheit" (IKor 1,18f). In der schmachvollen Erniedrigung und im Kreuzestod Seines Sohnes hat Gott für immer Seine überlegene Weisheit und Seine unbesiegbare Macht geoffenbart.
Wie diese Weisheit für den Jünger konkret aussieht, lehrt uns Jesus in der Bergpredigt: "Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen!" (Mt 5,44). Diese verzeihende Liebe muß bereits beim Denken beginnen: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet, und nach dem Maß, mit dem ihr meßt, wird euch zugeteilt werden. Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?" (Mt 7,1 3). Die Forderungen Jesu bleiben nicht bei der inneren Einstellung stehen, sondern sie verlangen die Tat, die auch für einen Christen häufig einen schmerzlichen Verzicht bedeutet: "Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn jemand dich auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin. Und wenn dich jemand vor Gericht bringen will, um dir den Rock wegzunehmen, dann laß ihm auch den Mantel" (Mt 5,39f). Diese Forderungen Jesu sind das genaue Gegenteil dessen, was irdisch gesinnte Menschen als vernünftig und wirklichkeitsnahe betrachten. Sie verlangen deshalb auch vom Christen ein tiefgreifendes Umdenken.
So mancher ehrlich sich bemühende Christ stellt allerdings die Frage, ob die Forderung der vorbehaltlosen Nächstenliebe und der Nachgiebigkeit auch dann noch gilt, wenn dadurch Unrecht, Verleumdung, Betrug, Ausbeutung, Grausamkeit und Gewalt Vorschub geleistet wird. Hier darf sich der Christ an das Wort Jesu erinnern: "Ich bin nicht gekommen, um den Frieden zu bringen, sondern das Schwert" (Mt 10,35). Für Jesus gab es keinen Frieden mit Menschen, die sich selbstsicher für vollkommen hielten oder die Gebote Gottes verdrehten. Er kritisierte zahlreiche Gesetzeslehrer und Pharisäer mit unerbittlicher Schärfe. Er trieb sogar die Händler und Geldwechsler mit Gewalt aus dem Tempelbereich. Darum kann auch unser Einsatz für das Gute und Gerechte manchmal Unnachgiebigkeit und Widerstand verlangen.
Das Bemühen um den Frieden und die Weisheit, die von Gott kommen, bleibt die ständige Aufgabe jedes Christen. Daran prüfen die Menschen außerhalb der Kirche die Aufrichtigkeit unserer Gesinnung und die Echtheit unseres Dienstes an der Welt. Um vor einer Haltung bewahrt zu bleiben, die mit dem Geist Jesu nur noch wenig zu tun hat, müssen wir uns regelmäßig am Vorbild Jesu ausrichten. An Seinen Weisungen und an Seinem Verhalten können wir ablesen, was wahre Weisheit und was friedfertig im Sinne Gottes ist. Vor allem dürfen wir nicht übersehen, daß beim Erlösungswerk Jesu nicht die Gerechtigkeit im irdischen Sinn der Ausgangspunkt ist, sondern die Bereitschaft, aus Liebe zu Gott auch einmal Unrecht hinzunehmen. Jesus selbst hat im entscheidenden Augenblick Sein Leben hingegeben und durch Sein scheinbares Scheitern der ganzen Welt die Erlösung geschenkt.
Eintreten für den Aufbau des Reiches Gottes fordert deshalb auch von uns, daß wir manchmal den kürzeren ziehen, daß wir nach außen hin unterliegen. Aber nur so können wir beweisen, daß wir ehrliche Absichten haben, daß der Glaube für uns kein Hilfsmittel ist, um unsere irdischen Wünsche leichter zu erreichen. Beweisen wir auf diese Weise der Welt, daß wir die "Weisheit von oben" besitzen!
08.November 2009
32. Sonntag im Jahreskreis
Der Weg zum Heil
Christus ist nicht in ein von Menschenhand errichtetes Heiligtum hineingegangen, in ein Abbild des wirklichen, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor Gottes Angesicht zu erscheinen; auch nicht, um sich selbst viele Male zu opfern, (denn er ist nicht) wie der Hohepriester, der jedes Jahr mit fremdem Blut in das Heiligtum hineingeht; sonst hätte er viele Male seit der Erschaffung der Welt leiden müssen. Jetzt aber ist er am Ende der Zeiten ein einziges Mal erschienen, um durch sein Opfer die Sünde zu tilgen. Und wie es dem Menschen bestimmt ist, ein einziges Mal zu sterben, worauf dann das Gericht folgt, so wurde auch Christus ein einziges Mal geopfert, um die Sünden vieler hinwegzunehmen; beim zweitenmal wird er nicht wegen der Sünde erscheinen, sondern um die zu retten, die ihn erwarten. Hebr 9,24-28
Innerhalb und ausserhalb der Kirche wird in unseren Tagen der christliche Glaube fast nur noch unter dem Gesichtspunkt der Mitmenschlichkeit betrachtet. Die Glaubwürdigkeit unseres Anspruchs wird weitgehend danach beurteilt, ob wir Christen uns bemühen, die Not der Menschen zu lindern, die es zweifelsohne in erschreckendem und steigendem Ausmaß auf unserer Erde gibt. Diese Auffassung scheint von Jesus selbst bestätigt zu werden. Denken wir nur daran, dass Er unser Verhalten gegenüber leidenden Mitmenschen in einem Seiner Gleichnisse zum ausschlaggebenden Maßstab für die Aufnahme in Seine ewige Gemeinschaft macht: "Was ihr für einen Meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr Mir getan" (Mt 25,40). Die gleiche Grundhaltung spiegelt das gesamte Neue Testament wider; hier sei nur eine bezeichnende Stelle angeführt: "Wenn jemand Vermögen besitzt und sein Herz vor dem Bruder verschließt, den er in Not sieht wie kann da die Gottesliebe in ihm wohnen? Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit" (1Joh 3,17f). Solchen Aussagen der Heiligen Schrift liegt die Vorstellung zugrunde, dass wir im Mitmenschen Jesus selbst und Seinem Ruf an uns begegnen. Das Heil können wir deshalb nur dann finden, wenn wir an notleidenden Mitmenschen nicht achtlos vorübergehen. Viele unserer Zeitgenossen ziehen daraus die Folgerung, dass die unmittelbare Begegnung mit Gott - etwa im Gottesdienst oder im Gebet - ruhig in den Hintergrund treten kann. Da Gott auf dieser Erde für uns nicht erfahrbar ist, bleibe uns nur der Weg über die Mitmenschen. Nach ihrer Ansicht ist darum der Dienst am notleidenden Nächsten sogar der eigentliche Gottesdienst.
Für unsere Erlösung kann es aber nicht genügen, wenn wir uns nur um unsere Mitmenschen, die Lösung ihrer Probleme und die Linderung ihrer Nöte kümmern. Der Mensch muss stets die ganze Fülle des Daseins im Blickfeld haben und darf dieses nicht auf einen einzigen Bereich einengen. Der Mensch muss sich zuerst einmal von Gott die grundsätzliche Sinndeutung seines Lebens schenken lassen und sich Klarheit verschaffen über den Auftrag Gottes für seine irdischan Tage. Ausserdem muss der Mensch wissen, auf welches letzte Ziel sich sein Lebensweg hinbewegt.
Bereits das Alte Testament verkündete den Angehörigen des Volkes Israel, dass in ihrem Inneren ein Zwiespalt herrscht, der dadurch verursacht wurde, dass die ersten Menschen im Paradies sich gegen den Willen Gottes auflehnten. Da die Israeliten trotz ihrer Erwählung ständig gegen die Weisungen Gottes verstießen, versuchten sie, durch die Darbringung unzähliger Opfer Gott wieder gnädig zu stimmen. Trotz all dieser Bemühungen vermochten sie aber nicht die Kluft zu schließen, die zwischen ihnen und ihrem Schöpfer bestand. Sie sehnten sich deshalb nach einem Zustand endgültigen Heiles.
Die Lesung des 32.Sonntags im Jahreskreis, die dem Hebräer-Brief entnommen ist (9, 24-28), und mit ihr das gesamte Neue Testament, erhebt nun den Anspruch, dass Jesus Christus die von den Juden so heiss ersehnte Versöhnung mit Gott dadurch geschaffen hat, dass Er am Kreuz Sein Leben für die ganze Menschheit hingab. Das Einzigartige Seines Tuns bestand darin, dass Jesus Sein eigenes Blut vergoss. Er ist dadurch Opferpriester und Opfergabe in einer Person. Er überwand durch die Auferstehung unsere vergängliche Welt und erschien mit Seinem gekreuzigten Leib vor dem Vater im Himmel. Dieser nahm die Selbsthingabe Seines Sohnes dadurch an, dass Er Ihm die Mitherrschaft über das Weltall übertrug. Seitdem ist Christus der Erlöser aller Menschen und ihr Mittler bei Gott.
Jesus hat damit das Ziel erreicht, das für die Menschen bis dahin unerreichbar war. Er hat die Macht des Bösen grundsätzlich gebrochen und uns den Zugang zu Gott wieder ermöglicht. Er hat dadurch etwas Unüberbietbares, ewig Gültiges geschaffen, Sein Opfer bedarf keiner Wiederholung. Alle anderen Bemühungen von seiten der Menschen um Erlösung sind deshalb überflüssig und haben ihre Berechtigung verloren.
Da von Christus alles Heil kommt, da Er allein lebenspendende Macht besitzt, ist Er für uns der einzige Heilsweg. Deshalb müssen wir unser Denken, unsere Entscheidungen, unser Handeln und unseren gesamten Lebensstil fortwährend an den Aussagen des Neuen Testaments überprüfen. Es genügt also nicht, wenn wir im Dienst für die Mitmenschen aufgehen, sondern an uns ergeht die Forderung, dass wir uns zuerst im Glauben Christus öffnen, uns an Seinen Weisungen und an Seinem Vorbild ausrichten. Deswegen müssen wir regelmäßig die Begegnung mit Ihm suchen, die uns in Seinem Wort, in der heiligen Messfeier, in den Sakramenten oder im Gebet jederzeit möglich ist. Jesus beauftragt uns zwar mit der Arbeit für das Reich Gottes; Er zeigt uns aber auch klar die Grenzen unseres Einsatzes und unseres Entgegenkommens, die nämlich da liegen, wo die von Gott in der Schöpfungsordnung gesetzten Maßstäbe und Wertordnung in Frage gestellt oder gar verletzt werden. Erst durch den Blick auf Jesus wird uns die richtige Sicht der Welt und des Lebens geschenkt. Die Begegnung mit Christus zu suchen, ist und bleibt deshalb unsere vordringlichste Aufgabe. Sie verleiht uns aber auch die Kraft, durch unser angestrengtes Bemühen Ungerechtigkeit, Not und Leid auf unserer Erde zu lindern, ein glaubwürdiges Zeugnis für Den abzulegen, der durch Seinen Tod und Seine Auferstehung die Welt für immer erlöst hat.
27.Dezember 2009
Heilige Familie
Jesus Maria Josef
Die Eltern Jesu gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem. Als er zwölf Jahre alt geworden war, zogen sie wieder hinauf, wie es dem Festbrauch entsprach. Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der junge Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne daß seine Eltern es merkten. Sie meinten, er sei irgendwo in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten. Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten ihn dort. Nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten. Als seine Eltern ihn sahen, waren sie sehr betroffen, und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht. Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meinem Vater gehört? Doch sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte. Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen. Jesus aber wuchs heran, und seine Weisheit nahm zu, und er fand Gefallen bei Gott und den Menschen. Lk 2,41-52
In der Weihnachtszeit treffen sich häufiger als sonst während des Jahres Familienangehörige und Verwandte. Dann erleben sie, was es Großes ist um eine Familie, deren einzelne Mitglieder sich als zusammengehörend empfinden. Hier verbindet sie wieder jene Gemeinschaft, die am Beginn ihres Lebens stand. Sie erinnern sich voller Dankbarkeit an jene Jahre, in denen sie in der Geborgenheit einer Familie die ersten Schritte in das Leben tun durften.
Da passt es gut, dass wir am Sonntag nach Weihnachten die Heilige Familie von Nazareth feiern (Evangelium: Lk 2,41-52). Die wenigen Stellen, in denen im Neuen Testament von ihr die Rede ist, zeichnen ein Bild tiefen Friedens und des Glücks, die verursacht waren durch die selbstlose Liebe, die Maria und Josef dem Jesuskind schenkten. Und doch wurde auch diese kleine Familie von den Stürmen des Daseins geschüttelt - denken wir etwa an ihre Flucht nach Ägypten vor den Mordplänen des Königs Herodes, oder an den Kummer, den Jesus Seinen Eltern bereitete, als Er während einer Wallfahrt nach Jerusalem mehrere Tage lang verschwand.
Den Wert einer Familie erkennen wir nur dann, wenn wir sie in unserer Kindheit und Jugend überzeugend erfahren haben. Vielleicht ist in unseren Tagen so manches verloren gegangen von dem, was die Bedeutung einer Familie ausmacht. Vielleicht sind auch manche Christen unsicher geworden durch moderne Vorstellungen, nach denen eine geschlossene Ehe nach Belieben wieder aufgelöst werden kann. Solche Ansichten stehen in unvereinbarem Gegensatz zu dem, was uns die Heilige Familie vorgelebt hat. Das soll für uns ein Anlass sein, einmal darüber nachzudenken, welchen Auftrag Gott der Ehe und Familie grundsätzlich zugedacht hat.
Gott hat die Ehe eingesetzt und sie durch Seine Gebote vor Willkür geschützt. Im Schöpfungsbericht des Alten Testaments trifft Gott die folgenreiche Feststellung: "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht" (Genesis 2,18). Das bringt zum Ausdruck, dass der einzelne Mensch keine in sich abgeschlossene Persönlichkeit, sondern dass er von Gott auf die Ergänzung durch einen andersgeschlechtlichen Partner verwiesen ist. Ein Partner soll dem anderen in den Nöten und schweren Stunden des Daseins Beistand leisten, aber auch die Freuden mit ihm teilen. Weil der Mensch Hilfe und Ergänzung sein ganzes Leben lang braucht, dürfen wir es nicht als eine einengende Anordnung Gottes betrachten, dass Er die Ehe für unauflöslich erklärt hat, sondern das liegt völlig im Wesen der Ehe begründet. Gott fordert von den Ehepartnern eine lebenslange Gemeinschaft in gegenseitiger Liebe und Treue.
Gott hat den Ehepartnern auch die Verantwortung für die Weitergabe des Lebens übertragen. Deshalb will Er, dass die Kinder in der Geborgenheit einer Familie zu reifen und ausgeglichenen Persönlichkeiten heranwachsen können.
Kinder leben von der Liebe und Zuwendung ihrer Eltern und von dem Vertrauen, das sie auf diese setzen können. Wo die Nestwärme im Elternhaus fehlt, dort haben die Kinder oft genug als Erwachsene ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Umwelt; sie begegnen ihr dann mit Misstrauen und Aggressivität.
In einer Familie erfahren Kinder auch zuerst das religiöse Leben. Sie sehen die Eltern beten, Gott danken für das empfangene Gute und um Seinen Segen für die Zukunft bitten. Für die religiöse Entwicklung eines Kindes ist es entscheidend, wie überzeugend es den Glauben von den Eltern vorgelebt erhält.
Was verantwortungsbewusste und gläubige Eltern ihren Kindern in liebender Zuneigung schenken, das können weder die verschiedenen Institutionen der Gesellschaft noch der Staat leisten. Die Familie ist deshalb der grundlegende und unersetzliche Baustein der Gesellschaft. Wo sie ins Wanken gerät, da ist auch der Staat in Gefahr. Darum muss die Gesetzgebung den Familien helfen, ihre Aufgaben zu bewältigen. Der Staat sollte auch gegen alle Strömungen vorgehen, die sich zersetzend und zerstörend auf das Familienleben auswirken.
Vergessen wir nicht, dass das Leben in einer Familie ein Abbild der ewigen Gemeinschaft mit Christus im Himmel ist. Lassen wir uns durch das Vorbild der Heiligen Familie von Nazareth anleiten, unser Familienleben so zu gestalten, wie es dem Auftrag Gottes entspricht!
14.Februar 2010
6. Sonntag im Jahreskreis
Selig die Armen
In jener Zeit stieg Jesus mit den zwölf Aposteln den Berg hinab. In der Ebene blieb er mit einer großen Schar seiner Jünger stehen, und viele Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem und dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon strömten herbei. Jesus richtete seine Augen auf seine Jünger und sagte: Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes. Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt werden. Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und aus ihrer Gemeinschaft ausschließen, wenn sie euch beschimpfen und euch in Verruf bringen um des Menschensohnes willen. Freut euch und jauchzt an jenem Tag; euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den Propheten gemacht. Aber weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen. Weh euch, wenn euch alle Menschen loben; denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht. Lk 6,17.20-26
Im Evangelium des 6.Sonntags im Jahreskreis teilt Jesus die Menschen unerbittlich in zwei Gruppen ein: "Selig ihr Armen; denn euch gehört das Reich Gottes. Selig, die ihr jetzt hungert; denn ihr werdet satt werden. Selig, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen..." Dann folgen unmissverständliche Drohungen: "Aber wehe euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten. Wehe euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Wehe euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen..."
Wer ehrlich und unvoreingenommen bereit ist, sich von den Worten der Heiligen Schrift ansprechen zu lassen, dem wird es angesichts dieser harten Aussagen Jesu genauso ergehen wie den Jüngern, die ihrem Meister nach Seiner vernichtenden Kritik an den Reichen voller Entsetzen die Frage stellten: "Wer kann dann noch gerettet werden?" (Mt 19,25). Diese scharfen Worte Jesu waren für einen Juden nichts Neues und Ungewöhnliches; denn bereits die Propheten hatten den Wohlhabenden und Mächtigen, die die einfache Bevölkerung gnadenlos ausbeuteten, das Gericht Gottes angekündigt.
An und für sich war Wohlstand aus der Sicht des Alten Testaments nichts Negatives im Gegenteil: Erfolg, Reichtum, großer Grundbesitz galten den Juden als sichtbarer Beweis der Gnade Gottes. Dabei mussten sie allerdings eine Einschränkung beachten. Gott hat die Güter der Erde grundsätzlich nicht nur einigen wenigen vorbehalten, die nach Belieben alles an sich reißen und ihre Mitmenschen zu Werkzeugen ihrer unersättlichen Habsucht erniedrigen dürfen. Gott hat Seine Schöpfung vielmehr der gesamten Menschheit zur Bearbeitung und Nutznießung übertragen und jedem ein menschenwürdiges Dasein zugedacht. Deshalb erhielt bei der Einwanderung in Kanaan jeder Stamm des israelitischen Volkes so viel Anteil am Land, dass die Existenzgrundlage sämtlicher Familien gesichert war. Gott sorgt sich eben um jeden Menschen!
Als sich dann - nicht zuletzt durch den Einfluss der in manchen Gebieten auch weiterhin sesshaft gebliebenen kanaanäischen Urbevölkerung - in Israel allmählich doch erheblicher Großgrundbesitz bildete und die Gesellschaft sich immer stärker in Arme und Reiche spaltete, sah Gott dieser Entwicklung nicht gleichgültig zu. Er ließ durch die Propheten den hartherzigen und unersättlichen Reichen scharfe Strafen androhen und forderte sie auf, wieder gerechte Verhältnisse herzustellen, wie sie im Gesetz des Mose festgelegt waren. Dass Gott der Beschützer der Armen, Witwen und Waisen ist, versichern auch häufig die Psalmen: "Schreien die Gerechten, so hört sie der Herr; Er entreißt sie all ihren Nöten... Der Gerechte muss viel leiden; doch allem wird der Herr ihn entreißen" (Ps 34,18.20). Wie soll nun diese Hilfe Gottes aussehen? Nach den Vorstellungen der Propheten wird Gott selbst eingreifen und das Schicksal der Menschen von Grund auf umkehren: Die Reichen werden in Unglück und Not gestoßen, die Armen besitzen dann irdische Güter im Überfluss. Auch im Magnificat des Neuen Testaments spricht Maria die Worte: "Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt Er mit Seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen" (Lk 1,52f).
Wenn Menschen eine solche einschneidende Veränderung der bestehenden Verhältnisse herbeiführen würden, ließe sich das nur durch Gewalt erreichen und würde damit neues Unrecht hervorbringen. Jesus aber schließt das unmissverständlich aus. Er hat in der Bergpredigt nicht nur gefordert: "Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen... Wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel" (Mt 5,4044), sondern Er hat bei Seiner Verhaftung im Garten Gethsemane dem Petrus auch befohlen: "Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen" (Mt 26,52). Aus solchen Worten Jesu geht hervor, dass die Seligpreisungen keine Aufforderung sein können, ungerechte Besitzverteilung und Gesellschaftsstrukturen mit Gewalt zu beseitigen.
Wie sollen aber dann die Verheißungen Jesu Wirklichkeit werden? Was hat Er den Armen anzubieten? Was gibt Ihm die Möglichkeit, die Hungernden und Weinenden selig zu nennen? Der Schlüssel zum richtigen Verständnis der Seligpreisungen ist der Begriff "Reich Gottes". Jesus verspricht den Benachteiligten und Notleidenden die Aufnahme in die ewige Gemeinschaft mit Gott. Die Vollendung im Reich des himmlischen Vaters wird alles Unrecht aufwiegen, das sie auf Erden erleiden mussten. Das Glück, das Gott den Menschen schenkt, ist also nicht irdisch-materieller Art; es ist vielmehr so unüberbietbar vollkommen, dass dadurch alle Werte dieser Welt übertroffen und alle bisherigen Besitz- und Machtverhältnisse bedeutungslos werden. Die Gemeinschaft mit Gott ist die Erfüllung und zugleich die Entschädigung für alles Unrecht, das die Armen in ihrem irdischen Dasein zu erdulden hatten.
Wenn Jesus den Menschen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen, das besondere Wohlwollen und die ausgleichende Gerechtigkeit Gottes zusichert, wie kommt Er dann dazu, die Wohlhabenden zu verurteilen und ihnen ewiges Unheil anzudrohen? Jesus geht wohl davon aus, dass die meisten Reichen auf unredliche Weise und damit auf Kosten anderer zu ihrem Besitz gelangen - dadurch, dass sie ihre Mitmenschen betrügen, ausbeuten und an die Wand drücken. Außerdem ist Er der Ansicht, dass die Wohlhabenden im allgemeinen wenig Bereitschaft zeigen, ihr Handeln an den Forderungen Gottes auszurichten.
Jesus ist in unsere Welt gekommen, um allen Menschen ohne Ausnahme das verzeihende Erbarmen Gottes und das ewige Leben in Seinem himmlischen Reich anzubieten. Dieses Heil erlangt allerdings nur der, der bereit ist, die Schöpfungsordnung Gottes zu beachten und Seine Gebote zu befolgen. Aber genau das fällt den Wohlhabenden außerordentlich schwer. Besitz und Macht sind für sie unentbehrlich, um ihre gesellschaftliche Stellung zu sichern. Wenn sie ihr bisheriges Handeln in Frage stellen und ein ganz neues Leben nach den Weisungen Jesu beginnen würden, so brächte das die Grundlagen ihrer Existenz ins Wanken.
Durch diese ichbezogene Einstellung droht der Reiche auf Wege zu geraten, die sich eines Tages als verfehlt erweisen. Er sucht den Sinn seines Daseins ganz im Irdischen und liefert sich dadurch zweitrangigen, oberflächlichen, vergänglichen Werten aus.
Er wird dadurch zum Sklaven seines Wohlstands und besitzt nicht mehr die Fähigkeit, geistig über seinem Besitz zu stehen und ihn so zu benützen, dass er dadurch reifer wird und Verantwortung für das Allgemeinwohl wahrnehmen kann. Ein solcher Mensch gerät in Gefahr, den ihm von Gott gesetzten Auftrag seines irdischen Daseins zu verfehlen. Er muss deswegen damit rechnen, dass Gott ihn einmal verurteilen und ihm die Aufnahme in die ewige Vollendung verweigern wird. Nicht umsonst schreibt der heilige Apostel Paulus in seinem Brief an die Galater: "Täuscht euch nicht! Gott lässt keinen Spott mit sich treiben; was der Mensch sät, wird er ernten. Wer im Vertrauen auf das Fleisch sät, wird vom Fleisch Verderben ernten. Wer aber im Vertrauen auf den Geist sät, wird vom Geist ewiges Leben ernten" (6,7f).
Die warnenden Worte Jesu haben gerade für unsere Zeit entscheidende Bedeutung. Konsum, Genuss, Vergnügen sind in erschreckendem Ausmaß der eigentliche Lebensinhalt für allzu viele Menschen in den Industriestaaten geworden. Auch wir Christen laufen Gefahr, dass wir uns zu stark den Ansichten und dem Lebensstil einer gottfernen Menschheit angleichen und uns nicht mehr genügend der Verantwortung bewusst sind, die Gott uns für unser persönliches Leben und für Seine Schöpfung aufgetragen hat. Lassen wir uns deshalb durch die Seligpreisungen und Weherufe Jesu wieder ermahnen, unser Verhalten regelmäßig an Seiner Botschaft zu überprüfen und mit den irdischen Gütern so umzugehen, dass wir durch sie das ewige Heil nicht verlieren!
28. März 2010
Diener aller Menschen
Nach dieser Rede zog Jesus weiter und ging nach Jerusalem hinauf. Als er in die Nähe von Betfage und Betanien kam, an den Berg, der Ölberg heißt, schickte er zwei seiner Jünger voraus und sagte: Geht in das Dorf, das vor uns liegt. Wenn ihr hineinkommt, werdet ihr dort einen jungen Esel angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat. Bindet ihn los, und bringt ihn her! Und wenn euch jemand fragt: Warum bindet ihr ihn los?, dann antwortet: Der Herr braucht ihn. Die beiden machten sich auf den Weg und fanden alles so, wie er es ihnen gesagt hatte. Als sie den jungen Esel losbanden, sagten die Leute, denen er gehörte: Warum bindet ihr den Esel los? Sie antworteten: Der Herr braucht ihn. Dann führten sie ihn zu Jesus, legten ihre Kleider auf das Tier und halfen Jesus hinauf. Während er dahinritt, breiteten die Jünger ihre Kleider auf der Straße aus. Als er an die Stelle kam, wo der Weg vom Ölberg hinabführt, begannen alle Jünger freudig und mit lauter Stimme Gott zu loben wegen all der Wundertaten, die sie erlebt hatten. Sie riefen: Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe! Da riefen ihm einige Pharisäer aus der Menge zu: Meister, bring deine Jünger zum Schweigen! Er erwiderte: Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien. Lk 19,28-40
Am Palmsonntag war Jesus in Jerusalem eingezogen. Die Menschen hatten Ihm einen begeisterten Empfang bereitet, weil sie Ihn für den verheissenen Messias hielten und nun die Ankündigungen des Alten Testaments sich zu erfüllen schienen. Vom Messias erwarteten die Juden nicht nur, dass Er sie von der römischen Besatzungsmacht befreien werde, sondern sie hofften auch, dass er ihnen den Segen Gottes schenken und dadurch eine Zeit des Wohlstands und des Glücks, der Gerechtigkeit und des immerwährenden Friedens einleiten werde. Deshalb brachen die Juden beim Einzug Jesu in stürmische Hochrufe aus: "Hosanna in der Höhe! Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!"
Jesus aber ließ sich durch den Jubel der Menge nicht täuschen. Er wusste, dass die Uhr Seines irdischen Daseins in wenigen Tagen ablaufen würde und Sein gewaltsames Ende nicht mehr abzuwenden war. Jesus hatte sich nie in das religiöse und gesellschaftliche System einzwingen lassen, das bei den Juden bestand. Er tat von Anfang Seines öffentlichen Wirkens an vieles, was bei den gesetzestreuen Juden Anstoß erregen musste. Er unterhielt ungezwungenen Umgang mit Zöllnern und Sündern und setzte sich mit ihnen sogar an einen Tisch. Seine Jünger kümmerten sich nicht um die Fastengebote und Reinheitsvorschriften, ohne dass ihr Meister etwas gegen dieses frevelhafte Verhalten unternahm. Ausserdem geriet Er wegen der Auslegung des Alten Testaments mit den Schriftgelehrten und Pharisäern in scharfe Auseinandersetzungen, die immer heftiger wurden. Jesus war also alles andere als ein frommer Jude im herkömmlichen Sinn.
Dieses herausfordernde Benehmen zog Jesus die erbitterte Feindschaft der religiösen Führer Seines Volkes zu. Er war sich darüber klar, dass sie nicht eher ruhen würden, bis sie Ihn beseitigt hätten. Er fühlte sicher auch, dass die gleichen Menschen, die Ihm jetzt zujubelten, in wenigen Tagen in den Aufschrei ausbrechen würden: "Ans Kreuz mit Ihm!" Seine Jünger aber wollte Er belehren, dass Sein blutiges Ende nicht das Scheitern Seines Lebenswerkes bedeutete, sondern dessen krönenden Höhepunkt. Um ihnen noch einmal klarzumachen, unter welcher geistigen Grundhaltung Sein bisheriges Reden und Handeln gestanden hatte und um das, was noch kommen sollte, symbolisch vorwegzunehmen, tat Jesus bei der Feier des Pascha Mahls etwas, was alle Anwesenden schockieren musste: Er legte Sein Obergewand ab und wusch den Aposteln die Füße. Was Jesus hier vollbrachte, stand in schärfstem Gegensatz zu allen geläufigen Beziehungen zwischen Herr und Diener. Das Waschen der Füße galt bei den Juden als eine so erniedrigende Tätigkeit, dass sie ausschließlich die Aufgabe von Sklaven war.
Dadurch, dass Jesus Seinen Aposteln die Füße wäscht, stellt Er die bestehende Ordnung wieder einmal auf den Kopf. Petrus sträubt sich deswegen energisch gegen diese Selbsterniedrigung seines Meisters, und auch die anderen Jünger verstehen nicht, was Jesus ihnen mit dieser symbolischen Handlung sagen will. Dass das Sterben Jesu für die Erlösung der Menschheit notwendig ist, werden die Jünger erst später erkennen, wenn nach der Auferstehung und Himmelfahrt der Heilige Geist sie in die volle Wahrheit einführen wird. Mit der Fußwaschung hat Jesus das Entscheidende und für die Juden Überraschende Seines messianischen Auftrags zum Ausdruck gebracht. Er macht noch einmal unmissverständlich deutlich, dass Sein Messiasamt nicht mit der Machtausübung eines irdischen Herrschers verwechselt werden darf. Es bedeutet vielmehr einen entsagungsvollen Dienst, durch den Jesus sich vor den Menschen erniedrigt.
Auf das, was noch vor Jesus liegt, war Seine bisherige Verkündigung und Sein erlösendes Handeln ausgerichtet. Er ist nun bereit, an Stelle des Pascha Lamms sich selbst zu opfern, um durch die Hingabe Seines Lebens die Menschheit von ihren Sünden zu befreien und sie mit Gott zu versöhnen. Jesus bringt Sein Leben nicht deshalb zum Opfer dar, weil Ihn die äusseren Umstände dazu zwingen, sondern weil dies dem Auftrag entspricht, den Ihm der himmlische Vater erteilt hat der Sohn ist bereit, den Leidenskelch zu trinken, den Ihm der Vater darreicht.
Jesus ist also nicht das wehrlose Opfer Seiner Gegner, sondern Er nimmt diesen qualvollen Tod aus freiem Entschluss auf sich, allein im Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters. Hinter diesem Gehorsam steht eine nie endende Liebe zu uns Menschen und eine tiefe Sorge uni unser ewiges Heil. Der Tod bedeutet somit für Jesus nicht das endgültige Scheitern, das Versinken ins Nichts. Sein Tod ist vielmehr das Tor zu einem neuen, verklärten und vollendeten Dasein. Jesus stirbt als das Weizenkorn, das in die Erde gelegt wird und dadurch unvergängliches Leben hervorbringt. Deshalb kann Er dann am Kreuz sprechen: "Es ist vollbracht!"
Jesus hat durch die Fußwaschung nicht nur die Selbstlosigkeit Seines messianischen Wirkens zum Ausdruck gebracht, sondern Er gibt auch Seinen Jüngern zu verstehen, dass der empfangene Dienst jeden von ihnen zum gleichen Tun verpflichtet: "Wenn Ich, der Meister und Herr, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie Ich an euch gehandelt habe." Jesus verlangt damit von allen Jüngern, nach Seinem Vorbild ihren Mitmenschen in Liebe zu dienen, ja sich ihnen geradezu auszuliefern. In der Bergpredigt hat Er diese Forderung folgendermaßen ausgedrückt: "Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch die andere hin. Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel" (Mt 5, 39f).
Nicht nur für die Apostel, sondern für die Christen aller Zeiten ist die Fußwaschung eine Handlung, die gegen die Grundsätze des gesunden Menschenverstandes verstößt. Der angeblich gesunde Menschenverstand lehrt uns, die wenigen Jahrzehnte unseres irdischen Daseins mit aller Klugheit und Kraft zu unserem Vorteil zu benützen. Deshalb soll man nach Erfolg, Wohlstand, Genuss streben. Man muss aus dem Leben herausholen, was überhaupt nur möglich ist. Die meisten Christen empfinden es daher als eine Zumutung, das Vorbild Jesu nachzuvollziehen und sich vor den Mitmenschen zu erniedrigen.
Durch die Fußwaschung und den darauffolgenden Kreuzestod Jesu wird diese innerweltliche Einstellung Jesu zutiefst in Frage gestellt. Angesichts der Fußwaschung werden die Irrtümer des angeblich gesunden Menschenverstandes sichtbar und die Fragwürdigkeit, ja Vergeblichkeit alles rein irdischen Strebens. Jesus lässt uns erkennen, dass wahres und sinnerfülltes Leben nicht in einem Höchstmaß an Erfolg, Besitz, Luxus und ähnlichen Werten besteht, sondern in der Hilfsbereitschaft gegenüber anderen, in der Bereitschaft, mit notleidenden Mitmenschen zu teilen. Die Ansichten des angeblich gesunden Menschenverstands sind deswegen so gefährlich und so verheerend in ihren Auswirkungen, weil sie den Menschen in trügerischer Weise das Gefühl des Glücks und den Eindruck eines sinnerfüllten Daseins vorspiegeln.
Was solche Menschen als Glück betrachten, ist in Wirklichkeit nur eine Scheinfreude, die ihnen eines Tages unter den Händen wieder zerrinnt. Jesus dagegen hat uns zu einem unzerstörbaren Glück und zu einem Leben in Fülle berufen, das in der Vergebung der Sünden und in der gnadenvollen Gemeinschaft mit dem himmlischen Vater besteht. Der Weg zu diesem Ziel ist allerdings beschwerlich; denn er führt unausweichlich über das Kreuz. Aber hinter dem Kreuz steht die Auferstehung und die Teilnahme an der Herrlichkeit des verklärten Herrn. Wollen wir uns durch das Vorbild, das Jesus uns durch Seine Selbsterniedrigung gegeben hat, wieder ermutigen lassen, unseren Lebensweg im Zeichen des Kreuzes zu gehen auch wenn die Mehrheit unserer Mitmenschen nach ganz anderen Grundsätzen denkt und handelt!
09. Mai 2010
6. Ostersonntag
Das neue Jerusalem
Ein Engel entrückte mich in der Verzückung auf einen großen, hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes. Sie glänzte wie ein kostbarer Edelstein, wie ein kristallklarer Jaspis. Die Stadt hat eine große und hohe Mauer mit zwölf Toren und zwölf Engeln darauf. Auf die Tore sind Namen geschrieben: die Namen der zwölf Stämme der Söhne Israels. Im Osten hat die Stadt drei Tore und im Norden drei Tore und im Süden drei Tore und im Westen drei Tore. Die Mauer der Stadt hat zwölf Grundsteine; auf ihnen stehen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes. Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Denn der Herr, ihr Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung, ist ihr Tempel, er und das Lamm. Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm. Offb 21,10-14.22-23
An sämtlichen Sonntagen zwischen Ostern und Pfingsten vernehmen wir in diesem Jahr eine Lesung aus dem letzten Buch des Neuen Testaments, der Offenbarung des Johannes. Dieses Buch unterscheidet sich deutlich von allen anderen Schriften des Neuen Testaments. In ihm geht es weniger darum, den Lesern das Leben Jesu, Seine Verkündigung, Sein Verhalten gegenüber den Menschen nahezubringen. Der Verfasser der Apokalypse lenkt unseren Blick vielmehr auf das Ende der Welt. Durch zahlreiche Bilder kündigt er der Menschheit ein Ende in Schrecken und Zerstörung an. Seinen Ausführungen zufolge wird ein Großteil der Menschen an heimtückischen und unheilbaren Krankheiten sterben. Die Sterne, der Mond und sogar die Sonne werden vom Himmel fallen und weite Gebiete der Erde vernichten. Nach allen Katastrophen, die die Erde heimgesucht haben, verheißt er aber ein Ende in Herrlichkeit.
In der Lesung des 6.Sonntags der Osterzeit (21,1O 14.22f) sieht Johannes in einer Vision die Stadt Jerusalem, die ihm bestens bekannt ist. Was er allerdings hier erblickt, zeigt ihm eine so stark veränderte Stadt, dass er sie zunächst nicht erkennt. In ihr gibt es weder Tag noch Nacht, weder Unrecht noch Leid, weder Krankheit noch Tod. Das irdische Leben mit seinen unangenehmen und leidvollen Seiten ist in ihr für immer überwunden. Dieses Jerusalem ist eine gänzlich neue Schöpfung es ist "die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes".
Der entscheidende Unterschied zum früheren Jerusalem besteht darin, dass es in ihm keinen Tempel mehr gibt. Das Fehlen eines Tempels im irdischen Jerusalem wäre für einen Juden undenkbar gewesen; hätte es die Stadt doch der einzigartigen Gegenwart Gottes im Allerheiligsten des Tempels beraubt. Auch für das Empfinden eines Christen ist diese Feststellung befremdlich. Denn in einer Kirche erhält er durch das Wort Gottes Sinndeutung für sein Leben und bekommt durch die Sakramente neue Kraft für sein Bemühen im Alltag. Dass das himmlische Jerusalem keinen Tempel besitzt, hat einen tieferen Grund: "Denn der Herr, ihr Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung, ist ihr Tempel Er und das Lamm. Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr Licht spenden. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm." Der göttliche Vater und der Sohn erfüllen mit den erleuchtenden und heiligenden Strahlen ihrer Gegenwart die ganze Stadt und durchdringen sie bis in den letzten Winkel. Weil es in ihr nichts Unvollkommenes und Sündhaftes mehr gibt, von dem der Bereich des Heiligen abgegrenzt werden müsste, ist in ihr kein Tempel mehr notwendig. Gott und Sein verklärter Sohn soll ihre einzige Lebensquelle; sie allein bestimmen das Verhalten der Menschen.
In diesem kommenden Jerusalem wird der Herrschaftsanspruch volle Wirklichkeit, den Gott bereits jetzt über die gegenwärtige Welt erhebt. Dieser beschränkt sich nicht auf die Gotteshäuser, sondern er richtet sich an die gesamte Schöpfung, die ihr Dasein allein Ihm verdankt. Nichts ist von diesem Anspruch ausgenommen weder der Luxuspalast noch das Elendsviertel, weder der Wohnblock noch die Kaserne, weder die Industrieanlage noch das Bankinstitut, weder Afghanistan noch Zimbabwe. Die jetzige Welt sollte eigentlich ein kleines Abbild jenes vollkommenen Zustandes sein, den Gott selbst einmal schaffen wird. Der Blick auf das himmlische Jerusalem zeigt uns allerdings, wie erschreckend weit wir von diesem Ideal noch entfernt sind.
Das Bild vom neuen Jerusalem schenkt uns Gewissheit über die letzte Zukunft der Welt. Es erleuchtet und deutet zugleich auch unsere Gegenwart. Als Christen haben wir Schwierigkeiten mit der Tatsache, dass auch nach Ostern das Leben auf der Erde weitgehend von Egoismus, Hass, Betrug und Grausamkeit geprägt ist. Die Vision vom himmlischen Jerusalem versichert uns dagegen, dass Gott das Schicksal der Welt fest in Seinen Händen hält. Die Menschheit mag ihren Weg in Verblendung und mit verhärtetem Herzen weitergehen, die Mächtigen mögen durch Fehlentscheidungen Unheil über die Welt bringen Gott lässt sich trotzdem die Herrschaft über Seine Schöpfung nicht entreißen. Er wird das allerletzte Wort über sie sprechen. Die Welt wird trotz aller Widerstände von Menschen das Ende in Herrlichkeit nehmen, das Gott ihr zugedacht hat.
Gott steht somit erhaben über der Geschichte der Menschheit. Er führt die Welt unaufhaltsam auf das von Ihm beschlossene Ziel hin. Was mit der Auferstehung Jesu begonnen hat die Neugestaltung und Verklärung der Schöpfung , lässt sich deshalb nicht mehr rückgängig machen. Seit Ostern wirken die Kräfte der Erlösung auf unserer Erde, allerdings oft kaum wahrnehmbar genau so, wie Jesus es im Gleichnis vom Senfkorn geschildert hat. Die endgültige Vollendung der Schöpfung kann von niemand verhindert werden. Der Blick auf dieses Ende versichert dem Glaubenden, dass seine Bereitschaft, den Auftrag Gottes zu erfüllen, dass sein Bemühen um das Gute trotz allem gegenteiligen Anschein nicht zum Scheitern verurteilt ist, sondern dass dies alles einmal aufgenommen wird in die Herrlichkeit der neuen, vollkommenen Schöpfung. Diese Gewissheit erfüllt den Glaubenden mit Klarheit in der Beurteilung der gegenwärtigen Lebens Situation und lässt ihn gelassen und voll Vertrauen seinem letzten Ziel entgegengehen.
20.06.2010
12. Sonntag im Jahreskreis
Das Auge des Glaubens
Sach 12,10 11; 13,1; Gal 3,26 29; Lk 9,10 24 "Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben. Sie werden um ihn klagen, wie man um den einzigen Sohn klagt; sie werden bitter um ihn weinen, wie man um den Erstgeborenen weint."
Diese Weissagung bildet den Höhepunkt des Prophetenbuchs Sacharja der Prophet trat um 500 vor Christus in Jerusalem auf , dem die alttestamentliche Lesung des 12.Sonntags im Jahreskreis entnommen ist. Die Bewohner von Jerusalem brechen in heftige Klagen über einen Mann aus, den sie offensichtlich zu Unrecht getötet haben. Ihre Reue über diese Freveltat ist so groß, dass die Totenklage sich schließlich auf das ganze Land Juda ausdehnt.
Wer ist dieser Durchbohrte? War er ein Prophet? War er ein Adeliger oder gehörte er sogar zur königlichen Familie? Die Dynastie Davids wird in unserem Text ja ausdrücklich erwähnt. Wurde er heimtückisch umgebracht oder war er das unschuldige Opfer eines Justizmordes? Alle diese Fragen können die Bibelwissenschaftler nicht eindeutig beantworten; denn wir erhalten auf sie weder aus dem Buch Sacharja Klarheit, noch kennen wir aus der Geschichte des jüdischen Volkes nach dem Ende des Babylonischen Exils eine Persönlichkeit, auf die die Aussagen unserer Lesung zutreffen.
Was in der Zeit des Alten Bundes geheimnisvoll und dunkel blieb, das sieht das Neue Testament im Tod Jesu erfüllt. Mit welcher Berechtigung kann es diese Deutung vornehmen? Sein Maßstab ist die Gewissheit, dass in Jesus Christus Gottes Sohn zu uns Menschen gekommen und damit das Reich Gottes auf Erden angebrochen ist. Diese neue Heilszeit wurde dadurch zur endgültigen Wirklichkeit, dass der Sohn Gottes den Tod am Kreuz auf sich genommen hat. Dieses entscheidende Ereignis ist für das Neue Testament der Schlüssel für ein gänzlich neues Verständnis der im Alten Testament ausgesprochenen Offenbarungen. Die Kirche des Neuen Bundes kann deshalb die alttestamentlichen Bücher aus einer völlig anderen Sicht lesen und beurteilen.
So ist es durchaus möglich, dass eine Aussage, die im Alten Testament unverständlich blieb, durch den Blick auf Jesus plötzlich einen klaren Sinn erhält. Manche Stelle im Alten Testament wurde sogar schon in der Voraussicht auf Jesus ausgesprochen. Da ihre Erfüllung noch Jahrhunderte auf sich warten ließ, musste sie für einen Angehörigen des Alten Bundes notwendigerweise dunkel und unerklärlich bleiben. Die Kirche besitzt aus diesem Grund das Recht, den unbekannten Durchbohrten im Buch Sacharja auf Jesus und Seinen Tod am Kreuz zu beziehen.
Trotzdem sieht sich das jüdische Volk bis heute außerstande, in Jesus von Nazareth den von Gott gesandten Messias zu erkennen. Das ist auch nicht erstaunlich. Schon in unserer Lesung finden die Bewohner Jerusalems nicht von selbst zur Erkenntnis des von ihnen begangenen Unrechts. Ihr Gesinnungswandel wird vielmehr von Gott bewirkt: "Über das Haus David und die Bewohner Jerusalems werde Ich den Geist des Mitleids und des Gebetes ausgießen." Erst der Heilige Geist lässt sie ihre Schuld erkennen und darüber Reue empfinden.
Auch zu der Erkenntnis, dass Jesus der von den Propheten angekündigte Messias, ja dass Er sogar Gottes Sohn ist, gelangt der Mensch nicht aus eigener Einsicht. Dass die Erlösung der Welt nach Gottes Willen durch den Tod und die Auferstehung Jesu erfolgte, können wir ebenfalls nur durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes erkennen. Wie wir Zugang zu diesen Glaubensgeheimnissen erhalten, die dem natürlichen Denken und Empfinden der Menschen zutiefst widersprechen, und sie klarer verstehen; wie wir uns grundsätzlich gegenüber den Anregungen und der Führung des göttlichen Geistes verhalten sollen, zeigt uns das Evangelium durch den Hinweis, dass Jesus in der Einsamkeit betete. Häufig zog sich Jesus nicht nur vom Volk, sondern sogar von Seinen Jüngern zurück, um ganz bewusst in der Stille die Begegnung mit Seinem himmlischen Vater zu suchen. Die Klarheit Seiner Verkündigung und die Kraft für Sein erlösendes Handeln schöpfte Er aus der Tiefe Seines Alleinseins mit dem Vater.
Das Gebet gehörte so untrennbar zum Leben Jesu, dass es notwendigerweise auch zum Lebensstil jedes Christen gehören muss. Das ungestörte Beten Jesu bedeutet für uns die Aufforderung, zu der lautstarken und ruhelosen Betriebsamkeit unserer Zeit in Abstand zu gehen und uns bewusst zurückzuziehen, um in der Stille unserer eigenen vier Wände aufmerksam und vorbehaltlos auf das zu hören, was uns Gott durch Seinen Heiligen Geist mitteilen möchte. Das Gebet bedeutet nicht Selbstfindung und die Verwirklichung unserer persönlichen Wünsche, sondern es beinhaltet die Aufforderung, sich dem Anspruch Gottes zu überlassen. Jesus begab sich bewusst in dieses Ausgesetztsein vor Gott. Der Blick auf Ihn, auf Sein Wort und das Vorbild Seines Handelns ermöglicht dem Christen eine Sicht der Welt und des Lebens, wie sie tatsächlich gemäß dem Auftrag Gottes sein sollten. Erst wenn sich der Mensch im Gebet von der Verklammerung an sich selbst löst, wird er fähig, seine eigene Stellung in der Gesamtheit der Schöpfung zu erkennen. Gottes Geist befreit ihn aus seinem geistigen Gefängnis, aus Enge und Erstarrung und führt ihn in eine ungeahnte Weite. Wenn wir uns der Erleuchtung durch den Heiligen Geist öffnen, werden wir mit Sicherheit zu überraschenden Erkenntnissen finden.
01.08.2010
18. Sonntag im Jahreskreis
In Christus leben
Ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische! Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott. Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit. Darum tötet, was irdisch an euch ist: die Unzucht, die Schamlosigkeit, die Leidenschaft, die bösen Begierden und die Habsucht, die ein Götzendienst ist Belügt einander nicht; denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Taten abgelegt und seid zu einem neuen Menschen geworden, der nach dem Bild seines Schöpfers erneuert wird, um ihn zu erkennen. Wo das geschieht, gibt es nicht mehr Griechen oder Juden, Beschnittene oder Unbeschnittene, Fremde, Skythen, Sklaven oder Freie, sondern Christus ist alles und in allen. Kol 3,1-5.9-11
Dem heiligen Apostel Paulus geht es in seinen Briefen ganz wesentlich um die Gemeinschaft mit Christus und um die intensive Nachfolge Jesu. Christus war die tiefste Sehnsucht von Paulus; sein Verlangen nach Ihm war so stark, dass ihm der Tod als Gewinn erschien, weil er dadurch Christus ganz gehören würde. Die tiefe Verbundenheit mit Christus schenkte Paulus, der unter einer schweren Krankheit litt, die nötige Kraft zu seiner rastlosen Tätigkeit als Apostel, und half ihm, die zahlreichen Anfeindungen und Verfolgungen geistig zu bewältigen. Manchmal erhält man den Eindruck, der Apostel habe Tag und Nacht darüber nachgedacht, wie er das Erlösungswerk Jesu durch seinen Einsatz weiterführen könne. Darum geht es auch in der Lesung des 18.Sonntags im Jahreskreis, die dem Kolosser-Brief entnommen ist.
Jesus hat als Gottes menschgewordener Sohn durch Sein Leiden und Sterben, durch Seine Auferstehung und Seine Heimkehr zum Vater die ganze Menschheit erlöst. Aus Liebe zu uns hat Er Sein eigenes Leben in einen qualvollen Tod hingegeben. Dadurch ist Er für uns "alles in allen" geworden. Die Aufnahme in diese neue Heilswirklichkeit vollzieht sich in der Taufe. Hier ereignet sich das geheimnisvolle Sterben des todgeweihten, von der Erbschuld belasteten Menschen. Der Glaubende wird in der Taufe wiedergeboren zu einem neuen Geschöpf, zum erlösten Menschen. Damit beginnt im Grunde genommen seine Auferstehung von den Toten. Gleichzeitig erfolgt in der Taufe die Rückkehr zum Urbild des begnadeten Menschen, wie Gott ihn geschaffen hatte.
In der Taufe sind wir mit Christus gestorben und zu einem neuen Leben in der Gemeinschaft mit Ihm auferweckt. Dieses wartet also nicht in einer ungewissen Zukunft auf uns, sondern es ist bereits jetzt in uns gegenwärtig. Diese neue Existenz ist für uns allerdings noch nicht erfahrbar oder gar mit den Händen zu greifen; vorläufig können wir sie nur im Glauben erfassen - so wie auch der auferstandene Herr erst bei Seiner Wiederkunft in Herrlichkeit für uns erlebbar wird.
Andererseits möchte die von Christus geschaffene neue Heilswirklichkeit schon hier auf dieser Erde klare Formen und eine sichtbare Gestalt annehmen. Jeder Christ muss deshalb die Konsequenzen ziehen, die sich für ihn aus dem Empfang der Taufe ergeben, und durch seine Lebensführung ein unmissverständliches Zeugnis für seine Erlösung ablegen. Unsere Lesung kleidet diesen Auftrag in die Aufforderung: "Ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische! Denn ihr seid gestorben, und euer neues Leben ist mit Christus verborgen in Gott."
Da das neue Leben in Christus noch kein endgültiger und vollkommener Besitz ist, sondern ein Gegenstand des Wachsens und Reifens, entsteht die Gefahr, dass der Getaufte seine geistige Unabhängigkeit verliert, dass er sich in seinem Denken und Verhalten wieder der unerlösten Welt annähert, dass er unbekümmert im Strom seiner Zeit mitschwimmt. Vor diesem Rückfall warnt der heilige Apostel Paulus eindringlich: Ein solcher Mensch muss damit rechnen, dass er die Aufnahme in die ewige Vollendung verfehlt. Der Christ muss seinen Blick auf den auferstandenen Herrn richten, der auf ihn wartet und ihn unsichtbar durch seine irdischen Tage begleitet. Der Christ hat die lebenslange Aufgabe, seine angeborenen unausgeglichenen Neigungen zu überwinden. Einziger Maßstab für seine innere Einstellung, für seine Entscheidungen und sein Handeln sind dabei die Botschaft Jesu und das Vorbild, das Er uns durch Sein Verhalten gegeben hat. Wer sich darum ehrlich und angestrengt bemüht, der führt sein Leben wahrhaft "in Christus".
Einem solchen Christen öffnet sich ein weites Betätigungsfeld. Wir betonen heute mit Nachdruck, dass alle Menschen gleich sind. Wir kämpfen angestrengt gegen soziales Unrecht, gegen die Benachteiligung von Minderheiten, gegen Rassenvorurteile, gegen Terrorismus, gegen die fortschreitende Zerstörung der Schöpfung. Trotzdem werden die Verhältnisse auf unserer Erde nicht gerechter und friedvoller, sondern die Unterschiede und die Gewalt nehmen ständig zu. Unsere Lesung dagegen zeigt den Christen, die sich um ein Leben aus dem Geist des Evangeliums bemühen, eine überraschende Möglichkeit auf: "Wo das geschieht, gibt es nicht mehr Griechen oder Juden, Beschnittene oder Unbeschnittene, Fremde, Skythen, Sklaven oder Freie, sondern Christus ist alles und in allen."
Wer sein Leben an Jesus ausrichtet, der begreift, dass alle Unterschiede, die das menschliche Zusammenleben normalerweise kennzeichnen, letztlich zweitrangig und damit bedeutungslos sind. Wer erkannt hat, dass alle Menschen ohne Ausnahme auf die Großzügigkeit und das Erbarmen Gottes angewiesen sind, der wird auch gerne bereit sein, die eigenen Ansprüche an das Leben zu mäßigen und seinen Mitmenschen die Entfaltungsmöglichkeiten einzuräumen, die diese für ein menschenwürdiges Dasein benötigen. So schafft er durch ein "Leben in Christus" die besten Voraussetzungen für das Entstehen einer gerechteren, friedvolleren und glücklichen Welt. Bleiben wir deshalb in der Verbundenheit mit Christus und versuchen wir, die Welt mit Seinen Augen zu sehen und nach Seinem Vorbild in ihr zu leben und zu wirken!
12. September 2010
24. Sonntag im Jahreskreis
Die rechte Erkenntnis
Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat: Christus Jesus, unserem Herrn. Er hat mich für treu gehalten und in seinen Dienst genommen, obwohl ich ihn früher lästerte, verfolgte und verhöhnte. Aber ich habe Erbarmen gefunden, denn ich wusste in meinem Unglauben nicht, was ich tat. So übergroß war die Gnade unseres Herrn, die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte. Das Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der erste. Aber ich habe Erbarmen gefunden, damit Christus Jesus an mir als erstem seine ganze Langmut beweisen konnte, zum Vorbild für alle, die in Zukunft an ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen. Dem König der Ewigkeit, dem unvergänglichen, unsichtbaren, einzigen Gott, sei Ehre und Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen 1 Tim 1,12-17
Wiederholt wirft sich der heilige Apostel Paulus in seinen Briefen vor, er habe vor seiner Bekehrung Jesus gelästert, Seine Jünger verfolgt und sie misshandeln lassen. Der fanatische Pharisäer Paulus war einst der schärfste Gegner der aufblühenden christlichen Urgemeinde. Er wollte seine Kräfte restlos für die Ehre und Verherrlichung Gottes einsetzen, so wie er sie auffasste. Er glaubte, wenn er mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, einen unerbittlichen Kampf gegen die Anhänger Jesu führte, damit Gott einen Dienst zu erweisen. In Wirklichkeit aber tat er genau das Gegenteil: In seiner Verblendung stellte er sich gegen das Heilshandeln Gottes und wurde dadurch vor Ihm zum Sünder.
Paulus hatte allerdings seinen Kampf gegen Christus so selbstlos und konsequent geführt, dass er offen blieb für eine höhere Erleuchtung. Als der Auferstandene ihm vor Damaskus erschien und ihn zum Apostel berief, bedeutete das die entscheidende Wende seines Lebens. In diesem Augenblick erkennte er, dass seine hasserfüllten Bemühungen gegen die Christen verfehlt gewesen, dass damit sein Kampf gescheitert war. Fortan war Paulus zutiefst geprägt von der Einsicht, dass er sich getäuscht hatte. Auch der Umstand, dass er in ehrlichem Glauben und in bester Absicht gehandelt hatte, konnte an seinem Schmerz und Schuldgefühl über sein verblendetes Verhalten nichts mehr ändern.
Gleichzeitig aber wurde diese große Schuld seines Lebens bedeutungslos, weil Gott selbst ihn in Seine Gnade aufgenommen und dadurch seine Sündenlast getilgt hatte. Paulus wusste sich von nun an getragen von der Güte Gottes und Seinem unendlichen Erbarmen. Die neutestamentliche Lesung des 24.Sonntags im Jahreskreis, die dem 1.Timotheus Brief entnommen ist (1,12 17), findet deshalb ihren Höhepunkt in der Aussage: "Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der erste. Aber ich habe Erbarmen gefunden, damit Christus Jesus an mir als erstem Seine ganze Langmut beweisen konnte zum Vorbild für alle, die in Zukunft an Ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen'
Dafür, dass Gott so großzügig an ihm gehandelt hat, gibt es für Paulus nur eine Erklärung: No die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden" (Römer 5,20). Sein Schicksal ist ein lebendiger Beweis für die Wahrheit des Wortes Jesu: "Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten" (Mt 9,13). Das Leben des heiligen Apostels Paulus stellt uns eindringlich vor Augen, dass kein Mensch sich für so sündig und verloren zu halten braucht, dass ihn das Erbarmen Dessen nicht erreichen kann, der Seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, um alle Menschen zu erlösen und sie zum ewigen Heil zu führen.
Die Lebensgeschichte des heiligen Apostels Paulus sollte uns nachdenklich stimmen. Denn sie ist ein eindringliches Warnzeichen für uns, auf welche verfehlten Wege wir geraten können, wenn wir aus einer verkehrten religiösen Grundhaltung heraus versuchen, unser Dasein zu gestalten. Wenn wir nicht regelmäßig unser persönliches Verhalten und die Ereignisse auf der Erde an den Worten Jesu und an Seinem Vorbild überprüfen, laufen wir Gefahr, dass wir wie der heilige Apostel eines Tages vor dem Scherbenhaufen eines verfehlten Lebens stehen. Völlig zu Recht betont Paulus deshalb, dass der Mensch sich zuerst Klarheit darüber verschaffen muss, welche Auswirkungen die Botschaft Jesu für ihn zur Folge hat.
Wie für Paulus öffnet auch für uns die Begegnung mit Jesus eine neue ungeahnte Zukunft. Der Glaube lässt uns unsere Begrenztheit und unsere Fehler glasklar im Licht der Heiligkeit Gottes erkennen. Der Glaube versichert uns aber auch, dass Gott über unsere Schwächen und Sünden nicht unerbittlich richtet. Unser Versagen ist vielmehr hineingenommen in die Liebe des Sohnes Gottes, der zur Erlösung aller Menschen das eigene Leben in einen qualvollen Tod hingegeben hat. Der Glaube schenkt uns die Gewissheit, dass die Güte und Barmherzigkeit Gottes unendlich viel größer ist, als wir Menschen uns vorstellen können und es verdient haben.
Die Gewissheit, dass Gott uns trotz unserer Mängel als Seine Kinder angenommen und zum ewigen Leben berufen hat, schenkt uns die Kraft zu einer Sicht des Daseins, in der Unsicherheit, Mutlosigkeit und Resignation keinen Platz mehr haben. Unser Lebensweg wird zwar auch weiterhin von Fehlverhalten gekennzeichnet sein; aber Gott gewährt uns die Möglichkeit, uns zu überprüfen, zu korrigieren und zu bessern. Die Bereitschaft, uns ständig von neuem aufzumachen, ist ein Zeichen dafür, dass wir um unsere Unzulänglichkeit wissen.
Unser Glaube enthält die Aufforderung, dass wir das letzte Ziel unserer irdischen Tage nie aus den Augen verlieren, sondern es unbeirrt mit allen Kräften anstreben. Wir sollen uns allerdings auch bewusst sein, dass wir die Vollendung nicht durch unsere Leistungen erreichen, sondern dass wir sie in der Haltung der Demut und Dankbarkeit von Gott als Geschenk entgegennehmen müssen. Der Mut zu einem ständigen Bemühen in der Nachfolge Jesu entspringt also nicht einem wirklichkeitsfremden Optimismus oder einer Täuschung über die menschlichen Fähigkeiten. Die Kraft dazu erhalten wir vielmehr aus dem Bewusstsein, dass unsere eigenen Anstrengungen die Antwort auf das Angebot Gottes sind, unsere unfertigen Leistungen gut zu machen und durch Seine Gnade zu vollenden. Dieses Wissen zeigt unserem Weg durch das irdische Dasein eine klare Richtung und bewahrt uns vor den Enttäuschungen eines verfehlten Lebens. Das ist die trostreiche Botschaft unserer Lesung.
24. Oktober 2010
30. Sonntag im Jahreskreis
Rückblick und Ausblick
von P. Franz Seraph
Bei der Abfassung des 2.Timotheus-Briefes, dem die neutestamentliche Lesung des 30. Sonntags im Jahreskreis entnommen ist (4,6-8.16-18), befand sich der heilige Apostel Paulus im Gefängnis. Er muss sich auf das Todesurteil gefasst machen und sieht somit das Ende seines Lebens nahen. Der Tod wird ihn nicht unvorbereitet finden; denn er hat die Hingabe seines Lebens an Gott geistig schon lange vollzogen. Der bevorstehende Tod gibt ihm aber nun Anlass, auf sein Leben zurückzublicken und Rechenschaft über seine Amtsführung als Apostel abzulegen. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass er mit seiner ganzen Kraft das Evangelium verkündet und seine angegriffene Gesundheit nicht geschont hat. Kampf und Leiden liegen hinter Paulus, sein Lebenswerk ist abgeschlossen. Jetzt richtet er seinen Blick auf den Tag der Erscheinung des Herrn, an dem er sich den Lohn für seine Mühen erwartet. Paulus ist sich seiner Sache sicher. Im Philipper-Brief (3,12-14) sah er das Ziel seines Lebens noch in einiger Ferne; nun ist an die Stelle des Ausschauhaltens die innere Ruhe getreten.
Nach der selbstbewussten Festeilung "Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue bewahrt" gliedert Paulus mit den Worten "Ich werde nunmehr geopfert" sein Lebenswerk ein in den gesamten Heilsplan Gottes. Er sieht nicht nur sich allein, sondern er blickt auf alle, die Christus in Treue nachgefolgt sind und "sehnsüchtig auf Sein Erscheinen warten". In diesem Zusammenhang treten die eigenen Verdienste in den Hintergrund. Paulus gewinnt immer mehr Abstand zur irdischen Welt und aus diesem Blickwinkel findet er zu einem sachlichen, abgeklärten Urteil. Er überlässt sich ganz dem Willen Gottes im Vertrauen auf Seine gütige Führung. Durfte er doch oft in seinem Leben erfahren, dass er trotz Anfeindungen und Lebensgefahr auf wunderbare Weise gerettet wurde; denn sein Verkündigungsauftrag war nach den Absichten Gottes noch nicht erfüllt. Deshalb ist er sich auch für seinen letzten und entscheidenden Schritt, den Eintritt in das ewige Leben, der Hilfe des Herrn gewiss. Paulus hat keine Angst, vor den Richterstuhl Gottes zu treten. Gerade der Rückblick auf sein vergangenes Leben bestärkt ihn in dieser Haltung. Es gibt nichts, was ihn bei seinem Aufbruch in die Ewigkeit belasten könnte. Deshalb befällt den Apostel vor dem Ereignis des Todes weder Unsicherheit noch Angst. Er weiß, dass er nicht in ein namenloses Dunkel hineinschreitet, sondern Christus wartet auf ihn, dem er sich in Liebe zugewandt hat. So ist der Tod für ihn ein "Heimgehen zum Vater". Das schenkt ihm Ruhe und Sicherheit.
Dann denkt Paulus an alle Menschen, die ihn anfeindeten und seine Verkündigung zunichte machen wollten oder die ihn in bedrängten Situationen im Stich ließen. Wie Jesus betet auch er für sie zu Gott: "Möge es ihnen nicht angerechnet werden!" Hier zeigt sich wieder, wie stark das Denken des heiligen Apostels Paulus von der Botschaft Jesu geprägt ist, die uns befiehlt, sogar unsere Feinde zu lieben. Er wächst dadurch voll über sich selbst hinaus und wird eins mit Christus, seinem Herrn und Erlöser.
Am Schluss unserer Lesung spricht Paulus noch einmal Gott seinen tiefempfundenen Dank aus für alle Hilfe und Gnaden, die er van Gott empfangen durfte. Ohne Gottes Beistand wäre die Bewältigung der riesigen Aufgaben, die bei seinem apostolischen Wirken auf ihm lasteten, nicht möglich gewesen. Hit dem Wort Amen am Schluß seiner Ausführungen bringt Paulus seine vollkommene Ergebung in den Willen Gottes zum Ausdruck.
Mit dieser Haltung steht Paulus im Gegensatz zu zahlreichen Christen, die vor dem Sterben schreckliche Angst haben. Das hat eine innere Verkrampfung zur Folge, die bei ihnen auch im täglichen Leben zum Ausdruck kommt. Daher rührt der Vorwurf mancher Gegner des Christentums, dass die Christen in ihrem Benehmen zu wenig erlöst seien. Aber die Angst vor dam Tod und dem richtenden Gott hat auch seine Berechtigung. Denn angesichts der unendlichen Helligkeit und Vollkommenheit Gottes und der menschlichen Begrenztheit und Unzulänglichkeit ist es gewagt, mit ruhigem Gewissen und in selbstsicherer Haltung vor Gatt hinzutraten. Unruhe gegenüber Gott ist sogar ein Zeichen für ein waches Gewissen, das eich über das eigene Versagen nicht hinwegzutäuschen versucht.
Ist nun die Sicherheit, mit der Paulus dem Tod entgegensieht, überheblich und selbstgerecht? Wenn wir genau hinschauen, müssen wir feststellen, dass der Blick von Paulus sich nicht auf die eigenen Leistungen richtet und auf sie vertraut, sondern dass er vielmehr auf Gott sieht, der ihn zum Apostel berufen und ihm die Verkündigung des Evangelium aufgetragen hat. Er hat für diese Botschaft sein Leben eingesetzt. Soll er nun vor diesem Gott Angst bekommen? Gerade jetzt beginnt sich seine Sehnsucht zu erfüllen, dem, der der Inhalt seines Lehens war, van Angesicht zu Angesicht gegenübertreten zu dürfen. Wäre in dieser Situation Angst vor Gott und Seinem gerechten Gericht nicht mangelndes Vertrauen auf die Liebe und Barmherzigkeit Gottes, ja letzten Endes Unglaube? Halten die Christen, die vor dem Tod Angst heben, sich nicht viel zu wenig vor Augen, dass Gott Seinen Sohn nicht zum Gericht, sondern zur Erlösung aller Menschen auf unsere Erde gesandt hat? Gott will uns nicht verurteilen, sondern uns aus unserer verfehlten menschlichen Situation herausführen. Wir brauchen uns nur Seiner Führung anzuvertrauen.
Es ist schlecht um den Glauben eines Christen bestellt, wenn er Gott nicht mehr zutraut, dass er retten und erlösen möchte. Nehmen wir uns deshalb die geistige Haltung zum Vorbild, mit der der heilige Apostel Paulus dem Sterben entgegengesehen hat. Dann werden auch wir mit innerer Ruhe und Gelassenheit erfüllt und werden vor dem Tod keine Angst mehr haben.
05. Dezember 2010
2. Adventssonntag
Ein neuer Anfang
von P. Franz Seraph Barz, Kapuziner
In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf und verkündete in der Wüste von Judäa: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. Er war es, von dem der Prophet Jesaja gesagt hat: Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften; Heuschrecken und wilder Honig waren seine Nahrung. Die Leute von Jerusalem und ganz Judäa und aus der ganzen Jordangegend zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen. Als Johannes sah, dass viele Pharisäer und Sadduzäer zur Taufe kamen, sagte er zu ihnen: Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt? Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt, und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben ja Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. Ich taufe euch nur mit Wasser (zum Zeichen) der Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe auszuziehen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Schon hält er die Schaufel in der Hand; er wird die Spreu vom Weizen trennen und den Weizen in seine Scheune bringen; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen. Mt 3,1-12
Johannes der Täufer steht vor uns als die große Gestalt, die die Zeit des Alten Bundes abschloss und von Gott beauftragt wurde, die Juden auf das Kommen Seines Sohnes vorzubereiten. Die Zeit, in der Johannes auftrat, war voll gespannter Erwartung. Im Jahre 63 vor Christus hatte der römische Feldherr Pompeius Palästina erobert und den jüdischen Staat dem römischen Reich eingegliedert. Seitdem hatten die Juden ihre politische Selbständigkeit verloren und waren auch bei der Ausübung ihrer Religion auf das Entgegenkommen der römischen Statthalter angewiesen.
Es wird uns deshalb nicht in Erstaunen versetzen, wenn wir aus zeitgenössischen Berichten erfahren, dass die Juden mit Ungeduld auf die Ankunft des verheißenen Messias warteten. Nie zuvor war die Sehnsucht nach diesem Boten Gottes so stark gewesen wie in der Zeit, in der Johannes lebte und wirkte. Die Juden waren fest davon überzeugt, der Messias werde sie mit unwiderstehlicher Waffengewalt von der römischen Fremdherrschaft befreien und dann das Reich Gottes auf der Erde errichten.
Johannes der Täufer dagegen fordert im Evangelium des 2.Advents Sonntags die Juden eindringlich auf, gewissenhaft zu überprüfen, ob ihr persönliches Verhältnis zu Gott noch in Ordnung ist. Nach seiner Vorstellung wird der Messias ein unerbittliches Gericht vollziehen, in dem die Lauen und Gleichgültigen, die sich unbekümmert über die Weisungen Gottes hinweggesetzt haben, ohne Nachsicht dem ewigen Verderben überantwortet werden. Um diesem kommenden Strafgericht zu entgehen, sollen die Menschen sich rechtzeitig besinnen und umkehren.
Johannes bezeugt durch seine Verkündigung eine tiefe Einsicht in das Wesen der Sünde. Für ihn ist die Sünde nicht nur eine einzelne Tat, die gegen ein bestimmtes Gebot Gottes verstößt. Sie bleibt auch nicht auf die eigene Person beschränkt, sondern sie wirkt sich unheilvoll auf andere Menschen aus. Vor allem aber ist die Sünde eine verderbliche Macht, die den Menschen blind werden lässt für die Schöpfungsordnung Gottes und für die richtige Einsicht in die Grundfragen des Lebens. Die Sünde ist somit nicht nur Ungehorsam gegen Gott, sondern ein unsachgemäßes Umgehen mit der Schöpfung. Durch sie werden sämtliche Beziehungen im menschlichen Dasein verkehrt das Verhältnis des Menschen zu sich selbst, zur Umwelt und vor allem zu Gott. Der Täufer verlangte darum von seinen Zuhörern die Bereitschaft, durch den Blick auf Gott sich wieder Klarheit über den Auftrag ihres Lebens schenken zu lassen. Jeder soll sich darüber Gedanken machen, was Gott ganz persönlich von ihm erwartet, und angestrengt versuchen, das Erkannte in die Tat umzusetzen.
Der Angehörige des alttestamentlichen Gottesvolks musste allerdings zahlreiche Gebote erfüllen, ohne dass er jedes Mal den Sinn und die Absichten der einzelnen Vorschriften erkennen konnte. Deswegen waren für die Israeliten Gott und Sein Handeln häufig so unverständlich und rätselhaft. Für ihr Empfinden war Gott der unerbittliche Richter, der jeden Verstoß gegen Seine Forderungen unnachsichtig ahndet.
In Jesus dagegen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes auf unserer Erde erschienen, Sein Erbarmen und Seine Gnade, Sein Heilsangebot an alle Menschen. Jesus kam nicht, um uns zu verurteilen; Er trug vielmehr unser Versagen und unsere Sünden an das Kreuz. Dadurch hat Er uns erlöst und mit Gott versöhnt. Durch Seinen Sohn hat Gott bewiesen, dass Er nicht der gnadenlose Richter ist, sondern der liebende und verständnisvolle Vater, dem es nicht um unsere Verurteilung, sondern allein um unsere ewige Vollendung geht.
Sünde ist somit aus der Sicht Jesu nicht nur Ungehorsam gegen Gott, sondern im tiefsten die Weigerung des Menschen, die Güte und Großzügigkeit Gottes durch seine Gegenlieb zu beantworten. Der Ruf zur Umkehr bedeutet auch die Aufforderung, durch unser Verhalte die Liebe, die wir von Gott empfangen haben, an unsere Mitmenschen weiterzuschenken. Die Liebe im Verständnis des Christentums beinhaltet die Bereitschaft zum Dienst an unseren Mitmenschen vor allem an denen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Das Gebot der Liebe will verhindern, dass wir Christen selbstsüchtig nur unser eigenes Heil anstreben, aber an der Not anderer und an den Problemen der Gegenwart gleichgültig vorübergehen. Die Verwirklichung der Liebe hat zur Folge, dass die Verhältnisse auf unserer Erde ein wenn auch unvollkommenes Spiegelbild der Heiligkeit Gottes werden.
Die Aufforderung zur Umkehr, die Johannes der Täufer mit großer Eindringlichkeit aus spricht und die in der Verkündigung Jesu ihren Höhepunkt erreicht, bedeutet die erlösen de Antwort auf eine Sehnsucht, die unausgesprochen in zahlreichen Menschen lebendig ist Viele sind mit sich unzufrieden, weil sie im Widerstreit zwischen ihren Idealen und ihrem tatsächlichen Verhalten leben, und möchten gerne aus diesem Zustand herausfinden.
Der Ruf zur Umkehr möchte den Menschen Mut machen, die Enge ihrer Unsicherheit und Mutlosigkeit zu durchbrechen und sich der schöpferischen Kraft des Heiligen Geistes zu öffnen.
Die Botschaft, die wir im Advent vernehmen, möchte uns wieder klar machen, dass Gott auf eine ganz andere Weise zu uns gekommen ist, als die Juden es sich damals vorstellten. Der Hinweis Johannes des Täufers auf das unmittelbar bevorstehende Kommen des Messias und die Verwirklichung dieser Ankündigung durch Jesus beweist wieder einmal, wie sehr das Handeln Gottes alle Heilserwartungen der Menschen übertrifft. Die Botschaft des Täufers fordert auch uns auf, uns in angemessener Weise auf die Menschwerdung des Sohnes Gottes vorzubereiten, damit Weihnachten für uns ein Fest der Gnade und des Heils werden kann.
Zeugnis für Jesus
Am Tag darauf sah Johannes der Täufer Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, um Israel mit ihm bekanntzumachen. Und Johannes bezeugte: Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb. Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft. Das habe ich gesehen, und ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes. Joh 1,29-34
In Jesus Christus hat der Sohn Gottes - der Logos (auf deutsch: das Wort), wie das Johannes-Evangelium Ihn bezeichnet - menschliche Gestalt angenommen. Aber dieses fleischgewordene Wort Gottes können die Menschen nicht erkennen. Niemand würde ahnen, dass sich in Jesus Gottes wesensgleicher Sohn verbirgt. Außerdem war das Reden und Handeln Jesu so ganz anders, als die Juden sich den kommenden Messias vorstellten. Jesus ist also in Seinem innersten Wesen ein Geheimnis und den Menschen unbekannt. Um Ihn erkennen zu können, mussten sie durch einen anderen auf Seine verborgene Größe aufmerksam gemacht werden. Mit dieser Aufgabe eines Wegbereiters hat Gott Johannes den Täufer beauftragt. Das Evangelium des 2.Sonntags im Jahreskreis (Joh 1,29-34) gibt eines der Worte wieder, die Johannes über Jesus verkündet hat.
Aus seiner menschlichen Erkenntnisfähigkeit heraus konnte Johannes dieses Zeugnis nicht ablegen; denn auch er kannte das Geheimnis Jesu als Sohn Gottes nicht. Das gesteht er in aller Demut ein. Aber der Sinn seiner Sendung liegt gerade darin, dem Volk Israel das Geheimnis Jesu zu offenbaren. Deshalb hat Gott dem Johannes ein Zeichen gegeben, an dem er das Wesen Jesu erkennen kann: "Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem Er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft. Das habe ich gesehen und ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes." Somit ist das Zeugnis des Täufers nicht menschlicher Herkunft und dem Irrtum unterworfen, sondern es ist von Gott selbst eingegeben und daher irrtumsfrei.
Johannes kleidet sein Zeugnis über Jesus in die Worte: "Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt! Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil Er vor mir war." Der Auftrag Jesu besteht also nicht darin, Israel wieder zu seiner früheren politischen Macht zu verhelfen, sondern Er soll wie ein Opferlamm Sein Leben hingeben, um dadurch die Sünden der Welt zu tilgen und die ganze Menschheit mit Gott zu versöhnen. Wenn Johannes feststellt, dass Jesus eher ist als er selbst, so kann sich das nicht auf das Lebensalter beziehen; denn Johannes wurde vor Jesus geboren. Diese Aussage meint vielmehr die Herkunft Jesu aus der Ewigkeit des göttlichen Vaters, durch die Er sich grundsätzlich von jedem Menschen unterscheidet.
Mit diesem Zeugnis erhellt der Täufer die Ungewissheit, die Jesus umgibt. Er deutet Jesus gleich von Beginn Seines öffentlichen Wirkens an als die Erfüllung der zahlreichen prophetischen Verheißungen über den Messias, ja als Gottes menschgewordenen Sohn. In diesem Zeugnis ließ er sich auch dann nicht beirren, als Jesus in zunehmendem Maß auf das Unverständnis und die Anfeindung der gesetzestreuen Juden stieß.
Für den gläubigen Christen besitzt das Zeugnis des Johannes auch heute noch seine Gültigkeit. Allerdings ist es für ihn schwieriger geworden, dieses Zeugnis anzunehmen, weil die geistige Situation der Menschheit heute grundsätzlich anders ist als vor zweitausend Jahren. Er wird sich manchmal die Frage stellen, was uns Jesus in einer Welt bedeuten kann, in der sich die meisten Menschen auf ihre Intelligenz und ihre Leistungen verlassen und aus diesem Grund von Erlösung nichts wissen wollen. Wenn wir uns aber von Johannes ohne Vorbehalte zu Jesus führen lassen, dann strahlt Seine Erlösungswirklichkeit voll auf. Angefangen bei den Heilungswundern Jesu über Sein erstaunliches Verständnis für die Sünder bis zu Seiner scharfen Kritik an der Selbstsicherheit der Pharisäer und Gesetzeslehrer - alles das führt uns zu einem tieferen Verständnis der Heilspläne Gottes. Wir erkennen dann: So wie Jesus sprach und handelte, so verhält sich Gott selbst uns gegenüber. Johannes lenkt unseren Blick hinter die Oberfläche auf den Kern der Persönlichkeit Jesu.
Unsere Aufgabe als Christen beschränkt sich allerdings nicht darauf, das Zeugnis de Täufers anzunehmen, sondern wir sollen selbst Zeugnis von Jesus ablegen. Dieses Zeugnis ist heute notwendiger als in früheren Jahrhunderten. Denn zahlreichen Mitchristen fällt es schwer zu glauben, dass Gottes wesensgleicher Sohn menschliche Gestalt angenommen hat, dass Er nach der Überwindung des Todes mit Seinem irdischen Leib in die Welt Gotte zurückgekehrt, dass Er unter uns Menschen in der heiligen Eucharistie gegenwärtig ist. Andererseits suchen gerade in unseren Tagen viele Menschen nach einem tragenden Sinn für ihr Dasein und nach einem festen Halt, in dem sie sich geborgen fühlen. Aber je schwerer ihnen der Zugang zu Gott wird, je mehr sie Sein Wort überhören, sich von Ihm abwenden oder Ihn gar für tot erklären, desto mehr geraten sie in Ausweglosigkeit und Verzweiflung.
Der Auftrag der Christen besteht deswegen darin, aus der eigenen religiösen Erfahrung suchenden Menschen den Zugang zu Jesus zu erleichtern. Wenn unser Zeugnis das Verhalten und die Botschaft Jesu glaubwürdig widerspiegelt, werden unsere Mitmenschen erkennen, dass Jesus uns nicht nur Heilung von Krankheiten, Gerechtigkeit und Frieden geschenkt hat, sondern dass Er Gottes Sohn ist, der allein die Fähigkeit besitzt, uns den Weg aus der Begrenztheit des irdischen Daseins zu einem umfassenden Heil zu führen.
Johannes der Täufer kann uns bei der Verwirklichung dieses Auftrags behilflich sein. Er hat Jesus als den verkündet, in dem wir Gott selbst begegnen. Wenn wir uns von seinem Zeugnis leiten lassen, werden wir selbst zu einem tieferen, unerschütterlichen Verhältnis zu Jesus finden, aber auch ein feines Gespür dafür erhalten, wie wir unseren Mitmenschen den Weg zu Jesus ebnen können.
17. April 2011
Palmsonntag
Der Mann der Schmerzen
Gott, der Herr, gab mir die Zunge eines Jüngers, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort. Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich auf ihn höre wie ein Jünger. Hören und Verkünden sind Aufgabe des Gottesknechts, der als Prophet das Gotteswort empfängt und weitergibt. Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück. Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und denen, die mir den Bart ausrissen, meine Wangen. Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel. Doch Gott, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden. Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel; ich weiß, dass ich nicht in Schande gerate. Jes 50,4-7
Seht, mein Knecht hat Erfolg, er wird groß sein und hoch erhaben. Viele haben sich über ihn entsetzt, so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen. Jetzt aber setzt er viele Völker in Staunen, Könige müssen vor ihm verstummen. Denn was man ihnen noch nie erzählt hat, das sehen sie nun; was sie niemals hörten, das erfahren sie jetzt. Wer hat unserer Kunde geglaubt? Der Arm des Herrn - wem wurde er offenbar? Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, so dass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm. Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht. Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen. Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf. Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen. Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war. Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab. Er wird Nachkommen sehen und lange leben. Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen. Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich. Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen, und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von und trat für die Schuldigen ein. Jes 52,13-53,12
Im zweiten Teil des Buches Jesaja schildert ein Prophet, dessen Namen wir nicht kennen, eine geheimnisvolle Gestalt, die von Gott den Auftrag erhält, den Menschen Sein Erbarmen und Seine Gnade zu verkünden. Aus den vier Weissagungen vom sogenannten leidenden Gottesknecht vernehmen wir am Palmsonntag und am Karfreitag zwei entscheidende Ausschnitte (Jes 50,4-7; 52,13 - 53,12). Der von Gott Berufene erfüllt gewissenhaft seinen Auftrag; das aber hat für ihn böse Folgen: "Wer hat unserer Verkündigung geglaubt? Der Arm des Herrn - wem wurde er offenbar? ... Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Doch er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von Ihm getroffen und gebeugt. Aber er wurde durchbohrt wegen unserer Missetaten, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden wurden wir geheilt... Doch der Herr fand Gefallen an Seinem zerschlagenen Knecht. Er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab. Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht" (53,1.3-5.lOf).
Der geheimnisvolle Unbekannte wird verachtet, angefeindet, misshandelt und schließlich getötet; denn die Wahrheit Gottes ist den Menschen unerträglich. Sie glauben, sein Tod sei die Strafe Gottes. In Wirklichkeit aber hat er durch sein Leiden die Sünden seines Volkes auf sich genommen und es mit Gott versöhnt. Deshalb gibt Gott Seinen treuen Diener nicht der Verwesung preis, sondern erweckt ihn zu neuem Leben.
Für die Juden ist der leidende Gottesknecht bis heute ein Rätsel; die Kirche dagegen sah seit ihren ersten Tagen in seinem Schicksal den Lebensweg Jesu vorausgesagt. Gott hat Seinen Sohn auf die Erde gesandt, damit Er den Menschen die Güte des himmlischen Vaters und die Vergebung der Sünden verkünde. Aber mit dieser Botschaft musste Jesus auf Ablehnung stoßen. Die Juden richteten ihr Verhalten an einer seit Jahrhunderten festgefügten Ordnung aus, deren Grundlage das Gesetz des Mose war. Diejenigen, die die einzelnen Vorschriften dieses Gesetzes mit größter Gewissenhaftigkeit erfüllten, waren ehrlich überzeugt, ihr Verhältnis zu Gott sei bestens in Ordnung. Für das Angebot Jesu von der verzeihenden Liebe Gottes, durch das auch die Frommen als unvollkommene und versagende Menschen gekennzeichnet wurden, hatten sie daher kein Verständnis.
Ihre Erwartungen richteten sich vielmehr auf ein irdisches Heil. Sie sehnten sich nach dem Messias; er sollte sie vom Joch der römischen Fremdherrschaft befreien und Israel wieder zu der politischen Bedeutung verhelfen, die es unter den Königen David und Salomo besessen hatte. In diesem neuen Reich wollten die Juden ungehindert entsprechend den Vorschriften ihres Glaubens leben. Da sie ihre religiösen Überzeugungen und ihre irdischen Hoffnungen durch Jesus gefährdet sahen, verfolgten Ihn ihre Führer mit unerbittlichem Hass und ruhten nicht eher, bis Er zum Tod verurteilt war.
Was bewog Jesus, der völlig frei von Sünden war, die Schuld anderer auf sich zu nehmen und für sie zu sterben? Die Juden hatten in ihren Glaubensvorstellungen kein Verständnis für stellvertretendes Leiden. Armut, Krankheit, Schicksalsschläge galten ihnen als Strafe Gottes; in Gesundheit und irdischem Wohlergehen dagegen erblickten sie Gottes sichtbare Gnade. Auch wir Christen versuchen, das Leid von uns fernzuhalten, und sehnen uns nach Freude und Glück. Dazu haben wir sogar ein gewisses Recht. Unglück, Sorgen und Not haben nämlich nichts mit der vollkommenen Welt zu tun, die Gott geschaffen hat.
Jesus hat bewusst Unrecht und sogar einen qualvollen Tod auf sich genommen. Sein Sterben war angesichts der Verhältnisse, die damals bei den Juden herrschten, unumgänglich. Die Atmosphäre, in die hinein Er Sein Evangelium verkündete, war erstarrt, ja manchmal geradezu versteinert. Mit Seiner Botschaft musste Jesus Empörung und Widerstand herausfordern. Wenn Er Kompromisse eingegangen wäre, dann wäre es nicht zum Bruch mit den religiösen Führern des jüdischen Volkes gekommen. Aber Jesus erfüllte Seinen Auftrag in bedingungsloser Treue gegenüber dem Vater im Himmel. Wenn Er den Heilsplan Gottes durchführen und die Menschen erlösen wollte, gab es keine andere Möglichkeit, als das eigene Leben hinzugeben. Zu diesem Opfertod hat Jesus Sein volles Ja gesprochen.
Durch Seine Auferstehung hat Jesus die Kette des Unheils und der Vergänglichkeit zerrissen und das Böse in Gnade und Heil verwandelt. Das Kreuz bedeutet deswegen nicht das Scheitern des Erlösungswerkes Jesu, sondern es ist das Zeichen eines endgültigen Sieges. Das Kreuz beweist die unwiderstehliche Macht der Gewaltlosigkeit; in ihm erfolgte die grundlegende Umwertung aller irdischen Werte. Unrecht, Hass, Gewalt und Tod sind durch das Sterben Jesu zwar nicht aus der Welt verschwunden; aber das Kreuz verleiht ihnen einen neuen Sinn. Es schenkt uns die Gewissheit, dass die Lasten des irdischen Daseins und der unausweichliche Tod nicht unser letztes Schicksal sind. Gott hat uns vielmehr dazu berufen, in der Nachfolge des gekreuzigten und auferstandenen Gottessohnes Anteil an Seiner himmlischen Verklärung zu erhalten.
Das Kreuz ist nicht nur das Zeichen unserer Erlösung, sondern es weist uns auch den Weg, auf dem wir nach dem Willen Gottes das Heil finden sollen - das Kreuz ist Auftrag für unseren Alltag. In unseren Tagen leben erschreckend viele Menschen in unwürdigen Verhältnissen der Erniedrigung und bitterer Armut. Jesus hat stets unerbittlich klargestellt, dass dies der Schöpfungsordnung Gottes widerspricht, und dass Gott denjenigen, die diese Missstände verursacht haben, einmal die Vollendung in Seinem himmlischen Reich verweigern wird. Deshalb sollen misshandelte und notleidende Menschen durch den Einsatz von Christen erfahren, dass durch das Kreuz als Symbol der liebenden Hingabe für andere die Macht des Bösen gebrochen ist. Lassen wir uns durch das Kreuz Sinndeutung für unsere irdischen Tage, aber auch Kraft für unser Bemühen in der Nachfolge Jesu schenken!
5.Juni 2011
7. Ostersonntag
Durch Leiden zur Vollendung
13 Schwestern und Brüder, statt dessen freut euch, dass ihr Anteil an den Leiden Christi habt; denn so könnt ihr auch bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit voll Freude jubeln. 14 Wenn ihr wegen des Namens Christi beschimpft werdet, seid ihr seligzupreisen; denn der Geist der Herrlichkeit, der Geist Gottes, ruht auf euch. 15 Wenn einer von euch leiden muss, soll es nicht deswegen sein, weil er ein Mörder oder ein Dieb ist, weil er Böses tut oder sich in fremde Angelegenheiten einmischt. 16 Wenn er aber leidet, weil er Christ ist, dann soll er sich nicht schämen, sondern Gott verherrlichen, indem er sich zu diesem Namen bekennt. 1 Petr. 4,13-16
Das Böse und das Leid sind ein fester Bestandteil unserer Welt, dem sich niemand entziehen kann. Der Mensch hat deshalb seit der Zeit, wo er sein Dasein bewusst zu erfassen und gedanklich zu erklären begann, immer wieder die Frage nach der Ursache des Bösen aufgeworfen und überlegt, was sein letzter Sinn für das menschliche Leben ist. Alle Versuche, das Leid mit Hilfe des Verstandes zu deuten und es in das Weltbild des Menschen einzuordnen, sind bisher vergeblich geblieben. Auch für die Menschen, die an einen persönlichen Gott glauben, ist es unmöglich, das Böse so auf Ihn zu beziehen, dass es im Einklang mit Ihm stehen kann; denn Gott ist der Inbegriff des Guten und der Vollkommenheit.
Nicht einmal die Angehörigen des alttestamentlichen Glaubens vermochten dem Leid einen zufriedenstellenden Sinn abzugewinnen. Für sie war das Böse eine Folge des gestörten Verhältnisses zu Gott, das durch die Sünde verursacht worden war. Das Leid wurde daher von ihnen überwiegend als Strafe für persönliche Sünden oder für die Sünden vorausgegangener Generationen angesehen. Aber so mancher Israelit hat sich gegen diese Deutung aufgelehnt. Zu viele Fromme wurden von Schicksalsschlägen getroffen, ohne daß sie sich einer Verfehlung gegen Gottes Gebote bewusst waren. Sie erhoben deswegen gegen Gott bittere Vorwürfe denken wir etwa an die Gestalt des Hiob. Später sprach man dann vom Erziehungscharakter des Leidens. Es soll den Menschen zu Gott hinwenden und ihn läutern.
Auch die Christen mußten sich mit diesem unangenehmen Problem auseinandersetzen. Sie wurden nicht nur von den Juden angefeindet, sondern auch der römische Staat begann schon bald, sie unerbittlich zu verfolgen. Der tiefste Grund für diese feindselige Einstellung lag wohl darin, dass die Christen sich nicht am ausgelassenen Lebensstil ihrer heidnischen Mitbürger beteiligten und dass sie vor allem den verpflichtenden Kaiserkult ablehnten, wodurch sie im öffentlichen Leben einen Fremdkörper bildeten.
Die Verfolgung der Christen ist für den 1.Petrus Brief aus ihm vernehmen wir am 7.Ostersonntag einen Ausschnitt: 4,13 16 ein willkommener Anlass, darauf hinzuweisen, dass der Jünger Jesu auf dieser Erde grundsätzlich ein Pilger und Fremdling ist; sein eigentliches Ziel ist das ewige Leben bei Gott. Der Verfasser bedauert dieses Schicksal der Christen nicht, sondern er sieht in ihm einen wesentlichen Zug christlicher Existenz. Er bleibt aber nicht bei dieser Feststellung stehen, sondern er gibt den Leiden der Christen durch den Hinweis auf das Leiden Jesu einen grundsätzlichen Sinn. Damit erhebt er zugleich den Anspruch, dass allein der christliche Glaube den Schlüssel zum Verständnis des Leidens besitzt.
Jesus hat zum Heil der ganzen Menschheit Sein eigenes Leben in einen qualvollen Tod hingegeben. Dieser gewaltsame Tod war kein Unfall und bedeutete erst recht nicht das Scheitern des Erlösungswerkes Jesu; im Heilsplan Gottes stand dieses Ende vielmehr von vornherein fest. Jesus sprach wiederholt von der Notwendigkeit Seines Leidens. Zu den beiden Emmaus Jüngern sagte Er: "Musste nicht der Messias all das erleiden und so in Seine Herrlichkeit eingehen?" (Lukas 24,26). Jesus hat uns durch Seinen Tod den Weg zum Vater geebnet. Dadurch ist das freiwillige Erdulden des Bösen zur Voraussetzung für unsere Versöhnung mit Gott und unsere ewige Vollendung geworden.
Der Christ wurde in der Taufe nicht nur auf die Auferstehung des Herrn getauft, sondern er wurde in ihr auch mit Seinem Sterben verbunden. Das prägt sein ganzes Leben. Jesus hat die Menschen in Seine Nachfolge gerufen und von ihnen unmissverständlich gefordert, täglich das ihnen von Gott zugedachte Kreuz auf sich zu nehmen. Die Leiden eines Christen sind deshalb nicht die Strafe Gottes für irgendwelche Sünden, sondern sie hängen mit dem Getauftsein zusammen. Das geduldige Ertragen der Unannehmlichkeiten und Härten des Daseins gehört somit zu einem unverzichtbaren Element unserer christlichen Existenz.
Alle Lasten, die wir im Lauf unseres Lebens wegen unserer Schicksalsgemeinschaft mit dem gekreuzigten Sohn Gottes zu ertragen haben, finden ihr letztes Ziel darin, dass Gott uns dazu berufen hat, in Seinem ewigen Reich "an Wesen und Gestalt Seines Sohnes teilzuhaben" (Römer 8,29). Der Christ, der vom Leid getroffen wird, darf die Gewissheit haben, dass er einmal Anteil an der Verklärung des Auferstandenen erhält. Für ihn gilt der Grundsatz: "Wir müssen mit Ihm leiden, um auch mit Ihm verherrlicht zu werden" (Römer 8,17). Deswegen bedeutet das Leid im recht verstandenen Sinn sogar Grund zur Freude.
Durch die Gemeinschaft mit Christus, der sich für uns kreuzigen ließ, erhalten die Leiden Seiner Jünger eine letzte und tragende Sinndeutung. Der Getaufte weiß, dass die jetzige Welt nichts Endgültiges, sondern dass sie der Vergänglichkeit unterworfen ist. Auf sie wird eine neue Schöpfung folgen, in der es kein Unrecht, kein Leid, keine Tränen und keinen Tod mehr geben wird. Die Erwartung dieser vollkommenen Welt macht aus dem Christen einen Menschen, der nicht an den unzulänglichen Verhältnissen der gegenwärtigen Welt hängen bleibt, sondern der über sie hinausblickt auf die endgültige Vollendung. Der Christ wird deshalb die Wirklichkeit der Welt stets so sehen und beurteilen, wie es den Heilsplänen Gottes entspricht, und Enttäuschungen, Misserfolge, Schmerzen und Leid auf ihr ewiges Ziel hinordnen. Die Kraft zu einer solchen Sicht des Daseins und zu einem folgerichtigen Handeln in der Nachfolge Jesu schenkt ihm der Blick auf den Tod und die Auferstehung Seines Herrn. Diese beiden Heilsereignisse beantworten ihm alle Fragen seines Lebens.
24. Juli 2011
17. Sonntag im Jahreskreis
Die wahre Freude
44. Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte den Acker. 45 Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. 46 Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte sie. 47 Weiter ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Netz, das man ins Meer warf, um Fische aller Art zu fangen. 48 Als es voll war, zogen es die Fischer ans Ufer; sie setzten sich, lasen die guten Fische aus und legten sie in Körbe, die schlechten aber warfen sie weg. 49 So wird es auch am Ende der Welt sein: Die Engel werden kommen und die Bösen von den Gerechten trennen 50 und in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen. 51 Habt ihr das alles verstanden? Sie antworteten: Ja. 52 Da sagte er zu ihnen: Jeder Schriftgelehrte also, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt. 53 Als Jesus diese Gleichnisse beendet hatte, zog er weiter. Mt 13,44-52
Wenn Jesus in Gleichnissen redete, dann wollte Er Seinen Zuhörern die Gesetze des Gottesreichs unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkt erklären. Häufig sprach Er davon, dass mit Seinem Kommen dieses Reich auf Erden bereits angebrochen ist, allerdings auf unsichtbare Weise. Wer aber bereit ist, sich durch die Worte und Wunder Jesu die Augen öffnen zu lassen, der kann es erkennen.
Im Evangelium des 17.Sonntags im Jahreskreis (Mt 13,44 52) vernehmen wir drei kurze Gleichnisse. Die beiden ersten schildern das Verhalten eines Menschen, der mit dem Gottesreich in Berührung gekommen ist: "Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte den Acker. Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte sie."
Jesus fordert kompromisslos, dass ein Mensch, der von Ihm das Angebot erhält, Mitglied des Gottesreichs zu werden, ohne Zögern auf alles verzichtet, was ihm bisher lieb und teuer war. Ein solches Verhalten muss einem Menschen, der mit beiden Beinen auf dem Boden unserer Erde steht, als wirklichkeitsfremd, unklug, ja sogar als verantwortungslos erscheinen. Das Leben in Wirtschaft und Industrie gestaltet sich heute weitgehend als rücksichtsloser Konkurrenzkampf; die früheren solidarischen Bindungen in Familie und Dorfgemeinschaft sind in Auflösung begriffen, so dass jeder gezwungen ist, seine Existenz abzusichern. Außerdem legt uns die moderne Welt eine Einstellung nahe, durch die wir nach unseren persönlichen Vorstellungen und Neigungen frei über uns selbst entscheiden können. Der Sinn des irdischen Daseins erfüllt sich angeblich in Erfolg, Vergnügen, Genus kurz "Lebensqualität" genannt. Deswegen lehnt es der Mensch unserer Tage grundsätzlich ab, sich von Gott Vorschriften machen und in das Ungewisse hinein führen zu lassen.
Die Wirklichkeit des Lebens lehrt uns aber auch, dass jeder Mensch in absoluter Ohnmacht unter dem Gesetz der begrenzten Leistungsfähigkeit und des Todes steht. Angesichts dieser unausweichlichen Situation versichert uns Jesus, dass Gott uns trotz unserer Unvollkommenheit, unserer Fehler und unseres Versagens als Seine Kinder annimmt und uns zum ewigen Leben in Seinem himmlischen Reich berufen hat. Der Glaube an die Botschaft Jesu schenkt dem Menschen eine letzte Sinndeutung und damit auch einen unerschütterlichen Halt. Dieser Glaube befreit ihn vom Zwang zum Erfolg; er hilft ihm, die Enttäuschungen und Lasten des Daseins zu tragen und geistig zu bewältigen. Die Begegnung mit Gott und Seinem Reich verwandelt ihn in ein ganz neues Geschöpf und erfüllt ihn mit einem so tiefen Glück, dass ihm alles andere als zweitrangig, ja als bedeutungslos erscheint. Wer erkannt hat, was das Reich Gottes beinhaltet, ist gerne bereit, diesem höchsten Gut alles unterzuordnen, was vergänglichen Charakter trägt.
Der Christ erhält aber hier auf Erden das Reich Gottes noch nicht in seiner vollendeten Gestalt geschenkt, sondern zunächst nur als winziges, unscheinbares Samenkorn, wie Jesus es in einem anderen Gleichnis so eindrucksvoll schildert (Mt 13,31f). Dieses Samenkorn wächst in uns vorausgesetzt, dass wir selbst keinen Widerstand leisten langsam zu einer beachtlichen Größe heran. Die gottferne Welt versucht allerdings auf jede nur erdenkliche Möglichkeit, das Wachsen dieses Samenkorns in uns zu verhindern. Das bringt die Gefahr mit sich, dass der Christ die Herrschaft Gottes über sein Leben unbewusst in den Hintergrund rückt und den Werten des irdischen Daseins wieder seine Hauptsorge zuwendet. Solche Christen haben weitgehend die Fähigkeit verlernt, auf die Stimme Gottes zu achten. Ihrem Glauben bleiben sie zwar nach außen hin treu, aber in ihrem Lebensstil unterscheiden sie sich kaum mehr von Nichtchristen.
Die Hoffnung auf die kommende Herrlichkeit in ihrer höchsten Vollendung dagegen lehrt uns, unter welchem Blickwinkel wir alle Güter auf der Erde beurteilen müssen: Sie werden uns spätestens bei unserem Tod aus der Hand genommen. Der Glaubende darf sich deshalb nicht im Vorläufigen verlieren, sondern er muss mit allen Kräften danach streben, jene Wirklichkeit, die durch die Taufe in ihm angebrochen ist, in ihrer ganzen Fülle zu erleben. Dazu wollen uns die Gleichnisse unseres Sonntags-Evangeliums eindringlich auffordern.
11. September 2011
24. Sonntag im Jahreskreis
Worauf es ankommt
Die Schriftgelehrten hatten das Gesetz des Mose in genau 613 einzelne Vorschriften zerlegt, die jeder Jude Tag für Tag mit äußerster Gewissenhaftigkeit erfüllen musste. Wir können uns vorstellen, dass ein Mensch, der sich den Pflichten des täglichen Lebens zu stellen hatte, damit restlos überfordert war. Diese riesige Zahl von Geboten konnten nur die befolgen, die sich einen besonderen religiösen Lebensstil zu leisten vermochten also die Priester, Gesetzeslehrer und Pharisäer. Sie bildeten sich auf ihre Leistungen auch sehr viel ein und sahen voller Verachtung auf ihre weniger eifrigen Mitmenschen herab, was Jesus immer wieder scharf anprangerte.
Jesus dagegen verhielt sich ganz anders, als man es von einem gesetzesstrengen Juden gewöhnt war. Er nahm zu jenen Menschen, die es mit der Befolgung der religiösen Vorschriften nicht sonderlich genau nahmen oder gar als öffentliche Sünder galten, nicht den betonten Abstand ein, der sonst für einen Frommen selbstverständlich war. Im Gegenteil: Jesus wandte sich bevorzugt diesen verachteten Menschen zu, Er setzte sich mit ihnen an einen Tisch und behauptete sogar, sie würden eher in den Himmel kommen als die Pharisäer und Schriftgelehrten. Diese Aussagen mussten auf einen gewissenhaften Juden empörend wirken. Jesus sah sich deshalb genötigt, Sein ungewöhnliches Verhalten zu rechtfertigen. Er tat das in zahlreichen Gleichnissen, von denen wir am 24. Sonntag im Jahreskreis eines der beeindruckendsten vernehmen (Mt 18,21-35).
Jesus kommt es zuerst einmal darauf an, den Menschen zu zeigen, in welchem Verhältnis sie zu Gott stehen. Erst wenn diese entscheidende Frage geklärt ist, erhalten wir die Fähigkeit, unser Leben richtig zu beurteilen und auch gegenüber den Mitmenschen die von Gott gewollte Haltung einzunehmen. Jesus geht davon aus, dass alle Menschen schon einmal versagt und sich gegen den Willen ihres Schöpfers verfehlt haben. Dadurch ist zwischen ihnen und Gott eine Kluft entstanden, die sie aus eigener Kraft nicht überbrücken können. Jeder ist somit auf das verzeihende Erbarmen Gottes angewiesen. Deswegen haben die gesetzestreuen Juden kein Recht, religiös nachlässige Mitmenschen zu verurteilen. Jeder soll auf seine eigenen Fehler blicken und Gott für sie um Vergebung bitten.
Jesus bleibt allerdings bei dieser tadelnden Aussage nicht stehen, sondern Er bietet allen Menschen das Erbarmen Gottes an. Wer Gott seine Fehler und sein Versagen ehrlich eingesteht, darf die Gewissheit haben, dass Gott ihn wieder in Gnaden annimmt. Jesus vergleicht das Ausmaß der Barmherzigkeit Gottes mit einem König, der einem seiner Statthalter die Schuld von 10.000 Talenten erlässt. Das entspricht in unserer heutigen Währung dem riesigen Betrag von mehreren 100 Millionen Euro. So unübertrefflich ist Gott in Seiner Großzügigkeit und Güte! Der Christ ist deshalb nicht darauf angewiesen, sein Leben durch eine gefärbte Brille zu betrachten, durch die seine Vergangenheit möglichst fehlerfrei und vollkommen aufleuchtet. Der Christ darf vielmehr in aller Ruhe auf sein bisheriges Leben zurückblicken in dem Bewusstsein, dass Gott trotz seiner Schwächen ja zu ihm sagt und ihn zur Vollendung in Seinem himmlischen Reich berufen hat. Diese Gewissheit lässt den Glaubenden voll Vertrauen auch in die Zukunft blicken, obwohl er sich darüber klar ist, dass er auch weiterhin manches falsch machen wird.
Damit Gott uns die Sünden verzeiht, stellt Jesus eine Bedingung, deren Erfüllung uns manchmal reichlich schwerfällt: Auch wir sollen unseren Mitmenschen verzeihen. Wir sind auf Grund unserer Unvollkommenheit und Begrenztheit geradezu dazu verurteilt, einander misszuverstehen, uns wehe zu tun, aneinander schuldig zu werden oft genug ohne böse Absicht. Gott erwartet nun von uns, dass wir uns nicht an diesen Enttäuschungen festklammern und unseren Mitmenschen ihr Fehlverhalten ständig zum Vorwurf machen, sondern dass wir ihnen versöhnungsbereit die Hand zu einem neuen Anfang reichen. Jesus weist uns darauf hin, dass Gott uns die gesamte Schuld unseres Lebens erlässt, während wir Menschen meistens nur geringfügig in gegenseitiger Schuld stehen. Der Blick auf den unendlich großzügigen und barmherzigen Gott schenkt uns die Kraft, dieses Verhalten Gottes in unserem eigenen Handeln nachzuvollziehen und dadurch anderen Menschen die Liebe Gottes aufstrahlen zu lassen!
30. Oktober 2011
31. Sonntag im Jahreskreis
Aufrichtigkeit
Darauf wandte sich Jesus an das Volk und an seine Jünger und sagte: Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf den Stuhl des Mose gesetzt. Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun; denn sie reden nur, tun selbst aber nicht, was sie sagen. Sie schnüren schwere Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, wollen selber aber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen. Alles, was sie tun, tun sie nur, damit die Menschen es sehen: Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang, bei jedem Festmahl möchten sie den Ehrenplatz und in der Synagoge die vordersten Sitze haben, und auf den Straßen und Plätzen lassen sie sich gern grüßen und von den Leuten Rabbi (Meister) nennen. Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus. Der Größte von euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. Mt 23,1-12
Im Evangelium des 31.Sonntags im Jahreskreis (Mt 23,1 12) wirft Jesus den Schriftgelehrten und Pharisäern vor, dass zwischen ihrem Reden und Handeln ein unvereinbarer Gegensatz besteht. Er bestreitet zwar nicht, dass die Gesetzeslehrer zu Recht auf dem Lehrstuhl des Mose sitzen. Er bestätigt ihnen sogar ausdrücklich, dass sie den Auftrag und die Vollmacht besitzen, das Alte Testament auszulegen und verbindliche Weisungen zu erlassen. Deshalb fordert Jesus die Juden auf, alles gewissenhaft zu befolgen, was die Schriftgelehrten lehren und vorschreiben. Er warf ihnen aber vor, dass sie selbst nicht nach ihren Worten handeln. Aus den Vorschriften des mosaischen Gesetzes leiteten sie immer neue Forderungen ab, die das tägliche Leben der Juden bis in die kleinsten Einzelheiten zu regeln versuchten und dadurch zu einer unerträglichen Last wurden. Bei sorgfältiger Beobachtung konnte man allerdings feststellen, dass sich in diese Auslegungen ihre persönlichen Interessen einschlichen. Sie bogen das Gesetz des Mose so geschickt zurecht, dass sie sich unauffällig der Befolgung jener Vorschriften entziehen konnten, die sie als unangenehm empfanden.
Den Pharisäern sie waren die gesetzeseifrigste Gruppe im damaligen jüdischen Volk wirft Jesus vor, dass sie ihre zahlreichen frommen Werke nicht deswegen vollbringen, um Gott anzubeten und Ihm den schuldigen Dank für Seine Heilstaten abzustatten. Sie wollen dadurch vielmehr die Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen auf sich ziehen und sich bei ihnen Ansehen erwerben. Jedenfalls fielen die Pharisäer dadurch auf, dass sie großen Wert auf ehrende Titel legten und Sonderrechte für sich in Anspruch nahmen, durch die sie eine Vorrangstellung im öffentlichen Leben erhielten.
Somit war die strenge Gesetzeserfüllung der Pharisäer nur egoistischer Selbstzweck und ihre geistige Haltung von einer ausgesprochenen Unehrlichkeit geprägt. Dazu kam noch, dass sie auf die Juden, die es mit der Befolgung der Gesetzesvorschriften nicht so genau nahmen, mit großer Verachtung herabblickten. Mit ihrer Heuchelei täuschten sie ihre Mitmenschen und wogen sich vor Gott in einer falschen Sicherheit. Das ist der entscheidende Punkt, gegen den Jesus fortwährend ankämpft. Da Lehre und Handeln bei den Gesetzeslehrern und Pharisäern nicht übereinstimmen, fordert Jesus das Volk auf, sich nicht an ihren Werken auszurichten.
Der Widerspruch zwischen Theorie und Praxis, den Jesus den religiösen Führern der Juden zum Vorwurf macht, ist eine Fehlhaltung, die überall in der Geschichte der Religionen und der Frömmigkeit anzutreffen ist. Die Menschen erlagen immer wieder der großen Versuchung, sich einen Gott nach ihren Wünschen zu schaffen. Außerdem gab und gibt es zu allen Zeiten Menschen, die ihre Frömmigkeit betont zur Schau stellen, um daraus persönliche Vorteile zu ziehen. Selbstsucht und das Streben nach Vorteilen auf Kosten anderer haben mit einer gewissenhaften christlichen Haltung nichts zu tun. Wie Jesus sich ein Leben in Seiner Nachfolge vorstellt, bringt Er unmissverständlich zum Ausdruck: "Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein; sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern zu dienen und Sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele" (Mt 20,25 28).
Das entscheidende Kennwort für die Nachfolge Jesu heißt also dienen. Der Beginn des Reiches Gottes auf unserer Erde, der mit der Menschwerdung Jesu erfolgt ist, darf nicht missverstanden werden als die Bestätigung unserer bereits vorhandenen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnungen durch Gott. Das Kommen Jesu bedeutet vielmehr die Gegenwart der einzigartigen Liebe Gottes unter uns Menschen, die unsere unzulänglichen irdischen Maßstäbe in Frage stellt. Die Begegnung mit der Güte und Großzügigkeit Gottes muss bei den Menschen ein ganz neues Denken und Handeln zur Folge haben.
Damit das Reich Gottes bis zum Ende der jetzigen Welt fortbestehen kann, fordert Jesus Seine Jünger auf, Sein Vorbild nachzuvollziehen. Deshalb verbietet Er ihnen, sich Vater, Lehrer oder Meister nennen zu lassen. Für alle Menschen gibt es nur einen einzigen Vater, nämlich den im Himmel. Alle Getauften sind untereinander Geschwister; denn sie sind die Kinder des einen himmlischen Vaters. Lehrer und Meister für uns ist allein Jesus. Nur Er als Gottes wesensgleicher Sohn kann uns die Geheimnisse des Lebens offenbaren und uns zur Vollendung in Seinem ewigen Reich führen. Deshalb steht Jesus allen irdischen Lehrern als der Unvergleichliche gegenüber.
Unser christliches Verhalten darf also nicht von Eigennutz bestimmt sein. Angesichts von so viel Gewalt und Not auf der Erde wird der Wahrheits und Erlösungsanspruch der christlichen Botschaft von unseren Zeitgenossen nur dann angenommen, wenn im Verhalten der Getauften etwas sichtbar wird von der Güte und Selbstlosigkeit Jesu. Der Christ, der an leidgeprüften und notleidenden Mitmenschen gleichgültig vorübergeht, beleidigt dadurch auch Gott. Gottesdienst und die Verantwortung für den auf Hilfe angewiesenen Nächsten gehören untrennbar zusammen.
Da wir ständig in Gefahr sind, unsere irdischen Wünsche in den religiösen Bereich hineinzutragen und aus dieser Haltung an das Verständnis der Heiligen Schrift heranzugehen und unseren christlichen Auftrag zu verwirklichen, ist es für uns unerlässlich, unser Verhalten zu überprüfen. Die Warnungen Jesu an die Schriftgelehrten und Pharisäer gelten auch uns. Wir werden durch sie aufgefordert, in einer Welt, in der die christliche Botschaft immer stärker an Ausstrahlungskraft verliert, durch ein Handeln nach dem Vorbild Jesu sowohl Gott unseren Dank abzustatten wie auch vor den Menschen ein glaubwürdiges Zeugnis abzulegen von der Erlöserliebe des allmächtigen Gottes und Seines menschgewordenen Sohnes.
18. Dezember 2011
4. Adventsonntag
Überraschende Erfüllung
In jener Zeit, als König David in seinem Haus wohnte und der Herr ihm Ruhe vor allen seinen Feinden ringsum verschafft hatte, sagte er zu dem Propheten Natan: Ich wohne in einem Haus aus Zedernholz, die Lade Gottes aber wohnt in einem Zelt. Natan antwortete dem König: Geh nur und tu alles, was du im Sinn hast; denn der Herr ist mit dir. Aber in jener Nacht erging das Wort des Herrn an Natan: Geh zu meinem Knecht David, und sag zu ihm: So spricht der Herr: Du willst mir ein Haus bauen, damit ich darin wohne? Ich habe dich von der Weide und von der Herde weggeholt, damit du Fürst über mein Volk Israel wirst, und ich bin überall mit dir gewesen, wohin du auch gegangen bist. Ich habe alle deine Feinde vor deinen Augen vernichtet, und ich will dir einen großen Namen machen, der dem Namen der Großen auf der Erde gleich ist. Ich will meinem Volk Israel einen Platz zuweisen und es einpflanzen, damit es an seinem Ort (sicher) wohnen kann und sich nicht mehr ängstigen muss und schlechte Menschen es nicht mehr unterdrücken wie früher und auch von dem Tag an, an dem ich Richter in meinem Volk Israel eingesetzt habe. Ich verschaffe dir Ruhe vor allen deinen Feinden. Nun verkündet dir der Herr, dass der Herr dir ein Haus bauen wird. Wenn deine Tage erfüllt sind und du dich zu deinen Vätern legst, werde ich deinen leiblichen Sohn als deinen Nachfolger einsetzen und seinem Königtum Bestand verleihen. Ich will für ihn Vater sein, und er wird für mich Sohn sein. Dein Haus und dein Königtum sollen durch mich auf ewig bestehen bleiben; dein Thron soll auf ewig Bestand haben. 2Sam 7,1-5.8b-12.14a.16
In der Adventszeit zeichnet uns vor allem der Prophet Jesaja großartige Bilder vom kommenden Messias. Er ist die überragende Gestalt, der alle Feinde Gottes besiegt und sie zwingt, die Weisungen Gottes zu befolgen. Dann errichtet er ein unvergäng-liches Reich des Friedens, in dem es keinen Hass, kein Unrecht und keine Gewalt mehr geben wird. Wir Christen glauben, dass sich diese Verheißungen in Jesus erfüllt haben. Aber was erleben wir an Weihnachten? Ein winziges, hilf- und wehrloses Kind, das in einem Stall von Bethlehem geboren wurde. Was sich hier ereignete, war so unauffällig, so unscheinbar, dass Gott eigens einen Engel senden musste, der Hirten auf dem Feld darauf aufmerksam machte, was sich soeben Weltbewegendes zugetragen hatte: Gottes ewiger Sohn hat das Licht der Welt erblickt, unbeachtet von den Mächtigen der damaligen Zeit, gleichsam ausgegrenzt aus der menschlichen Gesellschaft.
Kann so die Erfüllung der prophetischen Verheißungen aussehen? Gott hat sich in diesem Kind erniedrigt, um allen Menschen Sein Erbarmen, Seine Gnade, die Erlösung von ihren Sünden und das ewige Leben anzubieten. Der erwachsene Jesus wird Sein Erlösungswerk ebenfalls am Rand der Gesellschaft vollziehen. Er verzichtete so sehr auf irdische Absicherungen, dass Er von sich behaupten konnte: „Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo Er Sein Haupt hinlegen kann“ (Mt 8,20).
Etwas Ähnliches erleben wir in der alttestamentlichen Lesung des 4.Advents-Sonntags (2Samuel 7,15.8b-11.16). König David hatte mit Gottes Hilfe alle Feinde des Volkes Israel besiegt und einen Staat aufgebaut, der zu den bedeutendsten des Vorderen Orients zählte. Die Israeliten hatten damals zum ersten Mal in ihrer Geschichte Sicherheit, Ruhe und Frieden. Das Land nahm einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung mit der Folge, dass die Kluft zwischen den Wohlhabenden und der einfachen Bevölkerung größer wurde. Als Symbol für diesen Aufstieg ließ sich David einen Palast aus kostbarem Zedernholz bauen. Die Bundeslade dagegen, das Zeichen der Gegenwart Gottes unter Seinem auserwählten Volk Israel, wurde noch immer in einem einfachen Zelt aufbewahrt – wie in den Zeiten der Wüstenwanderung und der Eroberung Palästinas.
Das empfand David als unzumutbar und beschloss deshalb, für Gott einen prachtvollen Tempel zu erbauen. Als er seinen Plan dem Propheten Nathan mitteilte, stimmte dieser zunächst zu. Im Gegensatz zu den späteren Propheten, die oft genug wegen ihrer Verkündigung verfolgt wurden und manchmal sogar in Lebensgefahr gerieten denken wir nur an das leiderfüllte Schicksal Jeremias , war Nathan der ständige Berater von König David und besaß dadurch am Hof eine einflussreiche Stellung. In der darauffolgenden Nacht erschien Gott dem Nathan im Traum und teilte ihm Seine Ablehnung eines Tempelbaus mit.
Gott hatte mit Seinem Volk Israel am Berg Sinai einen immerwährenden Bund geschlossen und ihm bestimmte Gebote auferlegt, durch die es Sinndeutung für das irdische Dasein erhielt. Die Vorschriften vom Sinai setzten dem Handeln der Israeliten in moralischer, rechtlicher und mitmenschlicher Hinsicht aber auch klare Grenzen, die sie nicht überschreiten durften. Die Religion der Israeliten ist damit eine Religion des geoffenbarten Gotteswortes. Gott will nicht, dass sich die Israeliten durch einen prachtvollen Tempel und kostbare Gegenstände ablenken lassen, sondern sie sollen ihre volle Aufmerksamkeit auf die Verkündigung des Wortes Gottes richten.
Das Bundeszelt möchte die Israeliten auch an ihre Anfänge erinnern. Ohne Gottes starke Hilfe wären sie der Knechtschaft in Ägypten nicht entkommen. Gott hat sie durch alle Gefahren ihrer jahrzehntelangen Wanderung durch die Wüste geführt, sie vor ihren zahlreichen Feinden beschützt und ihnen die Eroberung Palästinas ermöglicht. Nachdem sie jetzt in gesicherten staatlichen Verhältnissen leben dürfen, sollen sie geistig nicht erstarren und sich nicht in Sicherheit wiegen. Ihr Verhältnis zu Gott darf sich nicht auf bestimmte Glaubensformeln, auf die Befolgung von Vorschriften und Festen beschränken. Die Israeliten müssen vielmehr voll Dankbarkeit auf Gottes Heilstaten blicken. Der Mensch befindet sich immer auf der Wanderschaft; er muss sich ständig überprüfen, korrigieren und neu anfangen. Auf diesem Weg begleitet Gott den Einzelnen wie auch das gesamte Volk Israel immer und überall. Das wird symbolisch zum Ausdruck gebracht durch die Gegenwart Gottes in einem Zelt, das abgebrochen und an einem anderen Ort neu aufgerichtet werden kann.
Gott lehnt den Bau eines Tempels auch deswegen ab, weil Er sich nicht eingliedern lässt in staatliche Feudalstrukturen, in Prachtentfaltung, in Intrigen und Machtkämpfe, die sich bereits unter König David zu entwickeln begannen. Gott ist und bleibt der absolut Erhabene, der Vollkommene, der Überlegene und Überragende.
Gott möchte nicht in einem Tempel wohnen; aber Er wird David ein festes Haus bauen: „Dein Haus und dein Königtum sollen durch Mich auf ewig bestehen bleiben; dein Thron soll auf ewig Bestand haben.“ Gott versichert David, dass seine Dynastie bis zum Ende der Zeiten über Israel herrschen wird. Diese Verheißung hat sich so nicht erfüllt. Als die Babylonier im Jahre 586 vor Christus Jerusalem eroberten, Stadt und Tempel weitgehend zerstörten und den Großteil der Bevölkerung in ein jahrzehntelanges Exil verschleppten, fand auch die Herrschaft des Königshauses David ihr Ende. Die Verheißung Gottes an David wurde erst in Jesus volle Wirklichkeit. Er stammte – menschlich gesehen – aus dem Geschlecht Davids und war deshalb sein Nachkomme. Durch Seine Auferstehung hat Jesus die Herrschaft über die Erde für immer übernommen. Dadurch erhält die Weissagung des Propheten Nathan ihre eigentliche und endgültige Bedeutung.
Die Herrschaft Jesu bedeutet aber nicht willkürliche und brutale Machtausübung, wie so oft bei den Herrschern dieser Welt, sondern sie ist ein Anruf Gottes an alle Menschen guten Willens, ein Angebot Seiner Barmherzigkeit und Güte. Somit lautet die Botschaft der alttestamentlichen Lesung an uns: Lassen wir uns durch den Advents- und Weihnachtstrubel nicht vom Kind in der Krippe ablenken! Denn der menschgewordene Gottessohn möchte auch jeden von uns liebevoll anlächeln und mit Seinem göttlichen Leben beschenken.


