Bayerische Kapuzinerprovinz





Predigten Br.Georg Greimel, Altötting


Predigten von Br. Georg Greimel, Altötting





06. Oktober 2002
27. Sonntag im Jahreskreis
"Erntedank: Teilen schafft Gerechtigkeit"

Hört noch ein anderes Gleichnis: Es war ein Gutsbesitzer, der legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land. 34 Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seinen Anteil an den Früchten holen zu lassen. 35 Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den andern brachten sie um, einen dritten steinigten sie. 36 Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erstemal; mit ihnen machten sie es genauso. 37 Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben. 38 Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn töten, damit wir seinen Besitz erben. 39 Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um. 40 Wenn nun der Besitzer des Weinbergs kommt: Was wird er mit solchen Winzern tun? 41 Sie sagten zu ihm: Er wird diesen bösen Menschen ein böses Ende bereiten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist. 42 Und Jesus sagte zu ihnen: Habt ihr nie in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; das hat der Herr vollbracht, vor unseren Augen geschah dieses Wunder? 43 Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen; auf wen der Stein aber fällt, den wird er zermalmen. 44 Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt.

1. Weinberg als Inbegriff

In der Bibel steht der Weinberg als Inbegriff von Leben und Fruchtbarkeit. Dort, wo ein Weinberg gedeiht, ist er ein paradiesischer Ort der Vitalität und Lebensdichte. Das kann klingen wie die Geschichte vom verlorenen und wieder gewonnenen Paradies. Aber nicht überall blüht und trägt die Erde Frucht. Viele Menschen bekommen nicht ihren Anteil an der Ernte dieser Erde. Es geht ihnen schlecht, sie stecken sprichwörtlich im Dreck. Die Armenviertel dieser Welt werden nicht weniger, sondern mehr.

II. Jesus nicht Richter oder Erbteiler aber Ratgeber

Jesus ist kein Ideologe. Er geht immer vom Menschen aus, den er vor sich hat. Da kommt einer, der Jesus zum Schlichter in Erbschaftsfragen haben will. Jesus lehnt ab. Er meint, der Mensch solle seine Hausaufgaben schon selber erledigen. Aber er nimmt diese Situation zum Anlass einen evangelischen Rat zu geben. Sein guter Rat bleibt zeitlos. Er betrifft auch uns heute.

II.1 Habgier

In der ersten Septemberwoche bin ich auf dem Schwäbischen Jakobsweg von Ulm nach Konstanz am Bodensee gepilgert. Eine Strecke des Weges nach Santiago de Compostela ist wieder geschafft. Es war eine dankbare Jahreszeit; denn die verschiedensten Früchte am Wegrand, von Äpfeln bis Weintrauben, machten den Pilgerweg sympathisch. Und wenn es da hieß: "Himbeeren bitte selber pflücken", so übertrug ich das alte Recht des Pilgers, wie es in Spanien seit vielen Jahrhunderten gebräuchlich ist, auch auf das Schwabenland: die Früchte am Wegrand darf der Pilger zur Stärkung verzehren.

Auf dem Weg fielen mir an den Gehöften verstärkt polnische Autos auf. Und ich traf polnische Erntearbeiter in den Äpfel und Birnenplantagen. Wahrscheinlich waren es billige Arbeitskräfte, beschäftigt unter dem Lohnniveau einheimischer Arbeiter. Haben die Plantagenbesitzer das nötig? Sind die Obstpreise zu niedrig, die ausländische Konkurrenz zu stark? Ich wollte nicht zu viel darüber nachdenken, um mich nicht unnötig zu belasten. Ich schleppte schon selber genug an Ballast im Rucksack und in meinen Gedanken mit mir.

Aber mir wurde bewusst, dass die meisten von uns heute den Vorgang der Ernte nur noch sehr bedingt oder gar nicht mehr miterleben. Die Ernte zeigt sich für den modernen Menschen zumindest in unseren Breitengraden zumeist an den Resultaten: d.h. fast alles zu jeder Zeit haben zu können. Da hat sich mit dem Wohlstand etwas eingeschlichen, was wir Habgier nennen können. Sie lässt sich auf das menschliche Grundbedürfnis der Lustbefriedigung zurückführen, aber sie hat sich ins Extrem gesteigert und ist in Egoismus ausgewachsen. Und der ist nicht bloß ein Teil unseres Verhaltens, sondern unseres Charakters. Das hat zur Folge, dass ich alles für mich haben möchte; dass mir nicht Teilen, sondern das Haben und Besitzen Spaß macht. Jesus weiß darum und rät deshalb: "Seht zu und hütet euch vor aller Habsucht. Denn für keinen habe er auch im Überfluss hängt sein Leben an seinem Hab und Gut." (Lk 12,15).

Das Gleichnis vom Mann mit der überreichen Ernte zeigt etwas sehr deutlich. Er sieht nur und zuerst eine Lösung. Und ich denke, jeder wirtschaftlich vernünftig denkende Mensch überlegt sehr ähnlich. Die winzige Lösung: die alten kleinen Scheunen abreißen und neue größere bauen. Wir dürfen dem Mann nicht zuerst Habgier unterstellen. Sein Probelem ist: Er sieht keine andere Möglichkeit. Er übersieht die soziale Verpflichtung des Eigentums: abzugeben und zu teilen, natürlich zu vernünftigen und gerechten Bedingungen.

So aber kann immer habgieriger werden wollen oder müssen zur Haltung werden, denn wenn "Haben" mein Ziel ist, bin ich um so mehr, je mehr ich habe. Logischerweise muss ich dann jene beneiden, die mehr haben als ich, und mich möglicherweise vor jenen fürchten, die weniger haben. Der nagende Wurm am sozialen Frieden wird bald die mit Angst verbundene Habgier sein.

II.2 Änderung der Einstellung

Auf weltweiter Ebene mögen Untersuchungen nachdenklich machen. Die wirtschaftspolitischen Berichte des "Club of Rome" kommen zu dem Schluss: nur drastische ökonomische und technologische Veränderungen können eine "große, letztlich globale Katastrophe" verhindern. Jesus sagt dem Mann im Ev.: Mensch, wer hat mich zum Richter und Erbteiler über euch eingesetzt? Die eigenen Hausaufgaben müsst ihr Menschen selber erledigen. Es ist unsere Aufgabe, Grundwerte zu erkennen und die rechte Einstellung gegenüber dem Eigentum und der Schöpfungsordnung zu finden. Diese kann nur dann entstehen, wenn sich die Charakterstruktur des Menschen grundlegend wandelt; denn es scheint so, dass zum ersten Mal in der Geschichte das physische Überleben des Menschen von einer radikalen inneren Wandlung abhängt. Jesus kritisiert das Habenwollen: Seht zu und hütet euch vor aller Habsucht! Das Eigentum muss gerecht verteilt werden. Damit fordert Jesus genau das, was sich notwendigerweise verändern muss. Er erinnert daran, dass Gott der Eigentümer des fruchtbaren Gartens Erde ist. Damit setzt Jesus die Besitzansprüche ins rechte Verhältnis.

Die schlimmste Angst des Menschen ist die Angst, etwas oder jemand zu verlieren. Dazu gehört auch die Angst, den Lebensstandard zurückschrauben zu müssen. Mit dem Zusammenwachsen in Europa und dem Euro spüren wir bereits etwas davon. Innereuropäischer Ausgleich und Angleichung des Lebensstandards fordert eine Solidarität, die nicht ohne Opfer abgeht. Aber da sind wir recht empfindlich. Jesus will unsere menschliche Angst ausräumen, es könnte uns etwas Lebensnotwendiges genommen werden. Gleichzeitig beseitigt er damit auch den Zwang, immer noch mehr konsumieren zu müssen. Jesus wendet sich gegen diesen Haltung. Sie gebiert immer wieder Unrecht. Voreinander und vor Gott bleiben wir verantwortlich. Das Gleichnis will zeigen, wie gefährlich es ist, sich zum Herrn der Erde und der Ernte zu machen. Zugleich macht es deutlich, wie fruchtbar es ist, die eigenen Grenzen des Habens und Konsumierens anzunehmen.

III. Ernten zielt auf gerechtes Verteilen der Güter

Ernten ist heute ein vielschichtiger Begriff. Er beinhaltet das rechte Verhältnis zum Menschen und zu Gott zu haben. Gradmesser dafür sind: Gerechtigkeit zu erkennen als lebensnotwendigen Wert, der auch notwendig ist, um weltweit einen gerechten sozialen Frieden zu schaffen. Sinn für das Leben und Verantwortung für die Schöpfung zu haben und anzuerkennen: Gott ist Herr der Schöpfung. Auf diese Früchte wird es wohl ankommen. Irgendwann werden wir nicht mehr sagen können, wir hätten nichts davon gewusst.


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08. Dezember 2002
2. Adventssonntag
Den Weg bereiten

Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes: 2 Es begann, wie es bei dem Propheten Jesaja steht: Ich sende meinen Boten vor dir her; er soll den Weg für dich bahnen. 3 Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! 4 So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf und verkündigte Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden. 5 Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen. 6 Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften, und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig. 7 Er verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren. 8 Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.

Liebe Schwestern und Brüder,

die Fußgängerzone in der Münchner Innenstadt ist in der Regel sehr stark bevölkert. Der Menschenstrom steigert sich stark in der Vorweihnachtszeit. An einem Wochentag im Advent des letzten Jahres war ich dienstlich in München. Ich nützte die Gelegenheit, um den Christkindlmarkt zu besuchen. Eine Tasse Glühwein nach Großmutterart ist da schon drin. Gleich hinter dem Karlstor am Stachus fiel mir ein Mann auf. Sollte ich stehen bleiben? - Ich verweile ein wenig. Ein Mann steht da, nicht außergewöhnlich gekleidet, aber er fällt auf und mit dem, was er tut, erinnert er mich stark an den Wüstenprediger Johannes den Täufer. Mit erhobener Stimme ruft er in die Passanten hinein. Er fordert sie zu einer Umkehr auf. Ihr Leben ändern sollen sie im Namen eines Jesus von Nazareth; um Gottes willen ruft er sie auf: umkehren sollen sie, ehe es zu spät ist. Die Menschenmassen wälzen sich an ihm vorbei wie ein satter, zugleich unruhiger und unaufhaltsamer Strom, der jeden heranfließenden Bach in sich verschluckt. - Der moderne Prediger steht da in einer bedauernswerten, fast armseligen Position.

Und wie ergeht es Johannes dem Täufer damals am Jordan? Er wird vom Evangelisten Markus an den Anfang seines Evangeliums gestellt wie ein Paukenschlag zu Beginn eines neuen Geschichtsabschnittes, wie ein Fanfarenstoß vor dem Einzug des Königs oder des Präsidenten der Republik. Angekündigt wird der Anfang der Frohen Botschaft von Jesus Christus, dem Sohn Gottes.

Johannes der Täufer wird zu einer Persönlichkeit mit Breitenwirkung. Mit seinen Worten elektrisiert er die Massen. Er wird für die Menschen zum Hoffnungsträger. Es ist die Zeit, in der das Volk Israel zwar immer noch einen religiösen Messias erwartet, der aber die Färbung eines politischen Befreiers trägt. Das hängt zusammen mit der politischen Landkarte von damals. Die Römer hatten das Imperium Romanum auf den gesamten Mittelmeerraum ausgedehnt und beherrschten darüber hinaus die ganze damalige bekannte Welt. Mit der Einverleibung vieler Völker in das römische Weltreich ging tatsächlich eine gewisse Friedenszeit einher. Aber mit dem Wohlstand litten die Sitten und die Religionen ebenso; sie wurden zwar offiziell anerkannt, die Götterbilder der abhängig gemachten Völker wurden im Pantheon in Rom aufgestellt. Alle hatten Platz und alle waren gleich gültig. Aber der römische Kaiser lief den Göttern den Rang ab und forderte selber göttliche Verehrung.

In einem Winkel des Großreiches brachte Johannes der Täufer das Volk in Bewegung. Sein Ruf drang hinein in die Erwartung des Volkes nach einem politischen Befreier von der römischen Abhängigkeit.

Immer wenn eine gute Zeitepoche umkippt oder gar zuende geht, wenn der Lebensstandart absinkt, wenn es Menschen wieder wirtschaftlich schlechter geht, fallen sie in eine gewisse Lethargie oder gar Depression. Sie fühlen sich ohnmächtig und erwarten eine starke Führerpersönlichkeit. Der Ruf nach dem starken Mann hat etwas Irrationales an sich; er erfasst am ehesten Menschen, deren Gottesbild längst verblasst ist zugunsten moderner Götter, die gesichtslos und unpersönlich sind. Profitgierige Scharlatane nützen dies aus und verkaufen allerlei Sinnantworten. Dazu gehört immer wieder der Glaube an die Wissenschaft, die angeblich alles fertig bringt, die den perfekten, gesunden und ewig jungen Menschen schaffen kann. Die Anti-Aging-Welle ist einer der jüngsten Auswüchse dieser Entwicklung und scheint ein "Auswuchs von Egoismus" zu sein (Süddt. Zeitung vom 2. Sept. 2002). Die Suche nach dem starken Mann, nach der starken Frau, wird hier fündig nur in sich selber und äußert sich in dem Zwang, sich immer jung zu halten und stets gut auszusehen. Und dieser Ruf nach dem starken Typen äußert sich darin, dass Menschen die objektiv ausreichende und zufrieden stellende Antwort auf die Frage nach dem Sinn ihres Lebens nicht mehr außerhalb von sich selber finden. Es fehlt eine Antwort, die Orientierung gibt, die sagt, wonach ich mein Leben ausrichten kann, welchen Werten ich Vorrang einräumen muss in der Gestaltung meines Lebens, damit es gut geht, hier in dieser Welt und über den Horizont meiner Vorstellung hinaus.

Zwei Botschaften des Johannes lassen uns heute noch aufhorchen:

Erstens: "Lasst euch taufen!" - Getauft sind wahrscheinlich die meisten Leser dieser Zeilen. Gemeint ist: Lasst euch eintauchen in Gottes gute Gegenwart in dieser Welt. Dazu gehört die positive geistliche Bewegung in meinem Leben: Ich erkläre mich bereit, täglich mein Leben nach Gott auszurichten; er ist uns gezeigt in Jesus, dem Christus, dessen Vorläufer Johannes der Täufer war. Ich greife täglich nach dieser Quelle meines Lebens und schöpfe daraus die Energie, die ich brauche, um meinen Tag und die Woche zu bestehen. Und falls es nötig ist, richte ich die Antenne neu aus oder ändere meine Einstellung. Ich stelle mich darauf ein, dass Jesus Christus mein Leben bestimmen darf, dass er das Spruchrecht hat über mein Leben, dass ich tue, was er mir sagt.

Zweitens: "Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!" Wenn ich an den adventlichten Prediger am Stachus denke, sehe ich die Massen von Menschen, wie sie in großer Eile vorbeiströmen. Sie rennen wie viele andere Menschen an vielen Orten. Vielleicht gehöre ich auch zu dieser fließenden Masse ohne prophetische Gestalten, die gegen den Strom schwimmen. Die Straßen sind geebnet, die Fußgängerzone breit; sie saugt die Menschen auf, die schauen und kaufen wollen. Mitten drin entdecke ich eine Oase der Stille: die Bürgersaalkirche mit dem Grab des seligen P. Rupert Mayer lädt ein zu Gebet und kurzem Verweilen. Hier kann man hören auf die innere Stimme, in der Gott sich äußern will mitten drin am Rande der geschäftigen Welt. Ich wünsche mir solche Orte der Ruhe auch in meiner Alltagswelt daheim.

Wenn ich Gott den Weg bereiten will, brauche ich Zeit. Zeit - ein adventlichtes Reizwort. Wege bauen braucht Zeit, wenn es gut begehbare Wege sein sollen. Das rennende Volk verkörpert die moderne Krankheit "Zeitnot". Für die Seele bleibt keine Zeit. Gebet und Dinge des Herzens haben keine Chance, der Arbeits-Alltag und die Geschäftigkeit verdrängen die innerlichen Dinge immer mehr im einzelnen Menschen und in seinen Lebensbeziehungen Partnerschaft und Familie. In der Atemnot der Seele ist es schwer, für Gott einen Weg zu bereiten. In der Atem-Not der Seele haben auch Menschen oft keinen Platz.

Auf dem Rückweg ist der selbsternannte Prediger immer noch bei seinem Geschäft. Da kommt mir in den Sinn, für wen er eigentlich stehen kann. Der moderne Johannes der Täufer am Stachus steht für alle, die rufen, aber nicht gehört werden: für die hungernden Kinder irgendwo in Afrika, die keine Kraft mehr haben zum Rufen; für das alte Mütterchen in einer Münchner Straße, die wegen der überhöhten Miete ausziehen muss. Der Rufer steht auch für den lautlosen Hilfeschrei der Hilflosesten in unserer Gesellschaft, zumal die Kinder im Mutterleib, die vor ihrer "Abtreibung" keinen Menschen haben, an den sie ihren Schrei nach Lebensrecht richten können. Oder für den Ruf der vielen einsamen alten Menschen in unseren Senioren- und Pflegeheimen, die auf eine Ansprache warten, und das besonders in der emotionsgeladenen Advents- und Weihnachtszeit. Und für viele andere mehr.

Wie Recht hat der Rufer am Rande. Umkehren sollen die Menschen, nachdenken darüber, welche Prioritäten sie im Advent setzen. Aber er findet kein Gehör. Die wenigen, die ihm, kurz innehaltend, etwas von ihrer kostbaren Vorweihnachtszeit schenken, werden ihn eher bedauern als seinen Aufruf zur Umkehr ernstnehmen. Nachdenklich, ja betroffen gehe ich zum Bahnhof. - Wir stehen bereits in der zweiten Woche des Advent 2002. Ich wünsche allen Lesern einen gesegneten Weg durch den Advent und möchte beten: Guter Gott, Menschen haben vor 2000 Jahren erkannt, dass du Johannes als Boten vorausgesandt hast. Ob Menschen, die uns begegnen, auch erkennen, das wir Boten sind, die du heute zu den Menschen schickst? Gib, dass unsere Worte und Taten echt sind und glaubwürdig von dir Zeugnis geben, dem menschenliebenden Gott.

Amen.

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Predigten Br.Georg Greimel, Altötting 09. Februar 2003
5.Sonntag im Jahreskreis
Ins Reine kommen

40 Die Heilung eines Aussätzigen: Mk 1,40-45
Ein Aussätziger kam zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde. 41 Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es - werde rein! 42 Im gleichen Augenblick verschwand der Aussatz, und der Mann war rein. 43 Jesus schickte ihn weg und schärfte ihm ein: 44 Nimm dich in acht! Erzähl niemand etwas davon, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring das Reinigungsopfer dar, das Mose angeordnet hat. Das soll für sie ein Beweis (meiner Gesetzestreue) sein. 45 Der Mann aber ging weg und erzählte bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die ganze Geschichte, so dass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte; er hielt sich nur noch außerhalb der Städte an einsamen Orten auf. Dennoch kamen die Leute von überallher zu ihm.

Standpunkt beziehen - ein Spiel

Wir sind mit einer Gruppe unterwegs in Assisi, der Stadt des hl. Franziskus. Wir gehen wie der Poverello aus der Stadt hinaus und steigen hinunter in die Ebene. Wir steigen ein und spielen die historisch bezeugte Schlüsselszene im Leben des kleinen, ganz großen Heiligen nach: Franziskus begegnet dem Aussätzigen, umarmt ihn, küsst ihn, gibt ihm ein Geldstück. Die Gruppe junger Erwachsener wird plötzlich und unvorbereitet mit der Szene konfrontiert. Mehr noch: Sie werden vom Spielleiter aufgefordert, dem Aussätzigen gegenüber einen Standpunkt zu beziehen; mehr noch: jeder soll seinen Standpunkt und seine Nähe oder Distanz zum Ausgegrenzten im Dialog begründen. Äußerst interessante Aussagen und Erfahrungen treten zutage. Eine alte Problematik wird z. T. biographisch aufgearbeitet: das Verhalten und der Umgang mit aussätzigen, unheilbar kranken Menschen.

Die Methode - der Ernst

Angst vor Ansteckung treibt Menschen um seit alter Zeit. Darum entwickelte er Methoden: einfach und wirksam war Absonderung. Im Buch Levitikus wird geschildert: der Priester soll den Kranken untersuchen, ihn für unrein erklären, und unter Einhaltung einer Kleiderordnung wird er ausgesondert: "Außerhalb des Lagers soll er sich aufhalten." - Im 12./13. Jahrhundert, der Zeit des hl. Franziskus, gab es eine eigene liturgische Feier zur Überführung des Aussätzigen in das Leprosenheim außerhalb der Stadt. Die Feier, die einem Bestattungsritus glich, war Zeichen eines menschlichen Umgangs mit den Kranken. Dazu mussten Angesteckte und Gesunde strenge Sicherheitsvorkehrungen beachten. - In Zeiten, da die Pest in Europa viele Tausende hinwegraffte, ergriff die Menschen irrationale Angst vor Ansteckung. Angesteckte Häuser kennzeichnete man in unseren Landstrichen mit dem Strohkranz. Aber bloßes Meiden der Infizierten half oft genug nichts.

Irrational wie die Angst selbst waren oft die Reaktionen auf die Krankheit. Man suchte Sündenböcke. Ungeliebte Minderheiten wurden leichtfertig als verantwortlich herangezogen und ausgestoßen. Damit vergrößerte sich neben der Geißel der Krankheit menschliches Leiden.

Unsere Zeit kennt dieselbe Thematik. In einer Welt mit stetig sinkender Sozialkontrolle und betont individueller Freiheit haben ansteckende Krankheiten leichtes Spiel. Lepra, Aids, BSE, Geschlechtskrankheiten, Süchte. Reaktionen darauf sind nicht neu. Massenhysterie gibt es ebenso wie ignorantes, rücksichtsloses Verhalten. Auch wir sind nicht gefeit vor irrationalem Denken und Tun. Zum Glück fehlt auch heute nicht die Gelassenheit vernünftiger Menschen. Die Krankheit an der Wurzel erkennen, helfen statt nur zu isolieren, verstehen statt kriminalisieren. Wir leben in einer Spannung zwischen Angst und Vorsicht. Mitmenschliche Kräfte und das Göttliche in uns muss auch heute zum Zug kommen.

Jesus - das therapeutische Modell

Jesus liefert uns ein modellhaftes Verhalten, wie er mit Aussätzigen seiner Umgebung umgeht. Menschen waren Aussätzigen ausgeliefert und Aussätzige unterlagen bekannten Reaktionen. Der Evangelist Markus schildert einen, der diese selbstverständliche Reiz-Reaktionskette unterbricht. Ein neuer Weg kommt in den Blick, es ist der Weg des Arztes. Er überwindet die Distanz. Er streckt seine Hand aus, um den Kranken zu berühren. Damit wird der Isolierte in die menschliche Gemeinschaft aufgenommen. Zugleich wird deutlich, wie dieser Aussätzige von Gott angenommen ist. "Ich will es, werde rein!" Auf diesen Satz hin wird er gesund. Ausgegrenzte Menschen sind im Unreinen mit sich, Mitmenschen, vielleicht auch mit Gott. Hier kommt er ins Reine.

Wo Jesu Geist unter uns lebt und wirkt, da kommen wir ins Reine. Wo ein Mensch mit seiner Krankheit angenommen und getragen wird, darf er leben - menschlich und göttlich. Darin finden wir das neue Gesetz Gottes. Die Bestätigung der Heilung soll allen zeigen, dass mit Jesus Gottes neue Zeit angebrochen ist, ein heilvolle Zeit. Ein neuer Geist der gotterfüllten Menschlichkeit macht sich breit. Wenn wir uns von Gott in den Sakramenten, in den sichtbaren Zeichen berühren lassen, kommen wir mit uns selbst ins Reine, dürfen wir einen neuen Anfang setzen.


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06. April 2003
5. Fastensonntag
Die Zeit, um Frucht zu bringen

Die letzte öffentliche Rede Jesu - Die Stunde der Entscheidung:
Joh 12,20-36
20Auch einige Griechen waren anwesend - sie gehörten zu den Pilgern, die beim Fest Gott anbeten wollten.21 Sie traten an Philippus heran, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und sagten zu ihm: Herr, wir möchten Jesus sehen.22 Philippus ging und sagte es Andreas; Andreas und Philippus gingen und sagten es Jesus.23 Jesus aber antwortete ihnen: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird.24 Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.25 Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.26 Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren.27 Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen.28 Vater, verherrliche deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn schon verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen.29 Die Menge, die dabeistand und das hörte, sagte: Es hat gedonnert. Andere sagten: Ein Engel hat zu ihm geredet.30 Jesus antwortete und sagte: Nicht mir galt diese Stimme, sondern euch.31 Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden.32 Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.33 Das sagte er, um anzudeuten, auf welche Weise er sterben werde.

Den Superstar sehen

Wir erleben eine Inflation von Superstars. In den verschiedensten Disziplinen gibt es Superstars. Dann kommt er in die eigene Stadt. Menschenmassen laufen zum Event auf den Marktplatz. Sie wollen den Superstar sehen. Er stellt sich vor, wird medienwirksam präsentiert. Viele haben ihn gesehen. Sie haben ihre Wünsche und Sehnsüchte mit hinausgetragen, haben sie gleichsam in ihn hineinprojiziert: Wer will nicht ein Star sein, im Rampenlicht stehen, entsprechende "Kohle" einschieben. Das ist wie beim Sternschnuppen. Wer in einer klaren Julinacht das seltene Glück hat, eine Sternschnuppe zu sehen, kann seine Sehnsucht zu ihr hinaufschicken und sich in diesem Augenblick etwas wünschen, es wird erfüllt werden. So lernten wir in Kindertagen. - Zum Osterfest in Jerusalem strömen Leute verschiedener Sprache zusammen. Darunter sind auch Griechen. Bei diesem Osterfest haben sie einen besonderen Wunsch. Sie wollen Jesus sehen. Er ist prominent. Sie haben von ihm gehört. Sie fänden es super, wenn sie ihn auch noch live sehen und erleben könnten.

Die unerwartete Nachricht

Jesus verglüht nicht wie eine Sternschnuppe; bei ihm kommt es auch nicht zu einem Wunschkonzert, nicht zu einem Ratespiel mit schnellem Gewinn. Die neugierigen Griechen kommen gerade im unrechten Augenblick. Als Jesus von ihrem Wunsch hört, da bringt er einen eher schockierenden Vergleich. Es ist für ihn persönlich die Stunde, in der das Weizenkorn in die Erde gesenkt wird. Die Zeit der Aussaat ist zugleich der Augenblick, in dem Absterben beginnt. Das Schicksal des ausgesäten Weizenkornes ist besiegelt. Jesus kleidet auch die kommenden Ereignisse seines Lebens in ein Gleichnisbild, wie er es immer gewohnt war, und womit er von den Menschen, zumal den normalen, unverbildeten Leuten leicht verstanden wurde. Wieder einmal schockt er und regt zum Nachdenken an. Er bleibt aber nicht bei einem Gesichtspunkt stehen. Es folgen weitere unbeliebte Aussagen. Er spricht vom Verlieren und vom Dienen. Wer will heute schon auf der Seite der "Looser", der Verlierer stehen? Wer ist schon freiwillig bereit, einen Beruf zu ergreifen, bei dem in erster Linie vom Dienen die Rede ist?

Jesus spricht davon, das Leben nicht gar so wichtig zu nehmen. Wenn man Dinge und Menschen krampfhaft festhält, muss man sie doch einmal loslassen - und man wird sie eher verlieren. Das Leben soll im rechten Verhältnis gesehen werden zu dem, was uns am letzten Ziel des Lebens erwartet. Es geht ums Ganze - Trostpreis ausgeschlossen Bei Jesus gibt es keinen Trostpreis. Sein Spiel ist ernst, aber nicht schicksalhaft ungewiß und fatal. Denn auch in seiner Erschütterung und Angst vor den sich anbahnenden Ereignissen sieht er sich gehalten vom Vater im Himmel. In entscheidenden Stunden seines Lebens erfährt er, dass sein himmlischer Vater seinen Weg bestätigt und bestärkt. Dadurch wird er seinen Weg gehen können. Und jeder, der seinen Weg mitgeht, darf sich in gleicher Weise in Gottes Nähe wissen und von ihm als getragen erfahren. Was am Ende herauskommt, ist eine reiche Ernte. Es ist das Leben in Fülle. Bei Jesus geht es ums Ganze. Wenn es ums Ganze geht, dann ist es auch sehr viel wert, dann hat es auch seinen hohen Preis.

Am Passionssonntag verhüllen wir die Kreuze in unseren Kirchen. Der am Kreuz für uns gestorbene Erlöser verbirgt sich vor unseren Augen wie das Weizenkorn, das in die Erde gelegt wird. So möchte ich den Lesern ein Segensgebet formulieren:

Segenswunsch des Lebens

Der Segen des Absterbens
erschrecke dich nicht vor dem Vergehen,
er lehre dich loszulassen.
Der Segen des Aufbruchs
nehme dir die Angst vor der Trennung,
er mache dich frei und offen für Neues.
Der Segen der Fruchtbarkeit
überfordere dich nicht, wenn er sich einstellt,
er schenke dir Kraft zum Leben.
Der Segen der Dienstbereitschaft
zehre dich nicht gänzlich aus,
er verleihe dir beständige Ausdauer.
Der Segen der Hingabe
bewahre dich vor unfruchtbarer Einsamkeit,
er bringe in dir reiche Frucht. Amen


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25. Mai 2003
6. Ostersonntag
"Nur die Liebe baut auf"

Johannes, 15, 9-17:

Das Poster an der Tür

In der Zeit, als ich im Kapuzinerseminar St. Konrad Burghausen selber Schüler war, - es war in den oberen Klassen - hatte ich an meine Zimmertür ein großes Poster gehängt. Es war herausgegeben vom päpstlichen Werk für geistliche Berufe. Das Porträt darauf zeigte den Minoritenpater Maximilian Kolbe. Am 10. Oktober 1981 ist er heiliggesprochen worden. Unter dem Bild, das die ganze Türbreite ausmaß, stand ein Satz aus dem Evangelium vom 6. Sonntag der Osterzeit, der 1. Vers aus Johannes 15: "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt." P. Maximilian Kolbe hat dieses Wort aus Joh 15,13 aus seinem Leben heraus wirksam gemacht für ein anderes Leben. Am 31. Juli 1941 hat er dieses Wort mit Leben erfüllt, als er im KZ Auschwitz für seinen Landsmann, den Familienvater Franciszek Gajownicek in den Hungerbunker ging und dort am 14. August als "Märtyrer der Nächstenliebe" starb. Das Bild und der Text hat mich damals sehr beeindruckt.

"Nur die Liebe baut auf"

In der Ansprache bei der Seligsprechung am 17. Oktober 1971 sagte Papst Paul VI.: "Ein Wort von P. Kolbe erhellt wie ein unauslöschliches Licht sein Lebensopfer und die furchtbare Tragödie jener Jahre: «Nur die Liebe baut auf.` Ein Wort, das alle Politik, den Egoismus, die Anmaßung, die Grausamkeit und die Ruhmsucht der Menschen, die ohne das Evangelium leben, hoch übersteigt und tief in unsere Herzen und in die neue Geschichte der Welt eingeschrieben werden muß. Es ist ein Wort, das P. Kolbe noch heute die Menschen in der Nachfolge Mariens lehrt und von jetzt an für immer der Kirche und der Welt zuruft." - Wir kennen und sehen um uns viel Destruktives, Zerstörerisches. Menschen werten sich gegenseitig ab und mobben einander aus dem eigenen Gesichtsfeld. Für viele herrscht in der Partnerbeziehung ein Abbau des Miteinander und Füreinander. Viele sehen keine rosige Zukunft mehr, im Gegenteil, sie erkennen nur dunkle Wolken und darin nicht einmal mehr den fruchtbaren Regen, der sich in diesen Wolken verbirgt. Wir hören von der organisierten Gewalt von Diktatoren, die auf grausame Weise menschliches Leben zerstören. Wir sehen kriegerische Gewalt, die niederbombt und um`s Leben bringt. Wir hören von Großkapitalisten, die Geld anhäufen und menschenverachtend lebensnotwendige Arbeitsplätze wegfusionieren, dabei aber selber ihr Schäfchen ins Trockene bringen. An Menschen, die ohne das Evangelium leben, richtet sich dieses Wort des großen Märtyrers der Nächstenliebe. Es ist angeboten als konstruktiver Impuls, um über das Wichtigste im Leben und für das Leben nachzudenken: Nur die Liebe baut auf.

In der Hingabe bleiben

Nur die echte Liebe zum Menschen hat konstruktive Züge. Es ist der einzelne Mensch, es sind oft genug die kleinen Leute des alltäglichen Lebens, die etwas von dem erfüllen, was Jesus erwartet: "Bleibt in meiner Liebe!" Bleiben ist ein Lieblingswort im Johannesevangelium, das sehr oft vorkommt. Die Mutter, auch der Vater, wird wachsam bleiben in der Nacht für das kleine Kind, das unruhig schläft und zu unregelmäßigen Zeiten daherkommt. Der Arzt hat Bereitschaft für den Menschen in leiiblicher Not. Viele Frauen und Männer halten in jahrelanger Geduld aus, um ihre alten Eltern zu pflegen. Das geht bis an den Rand der Kräfte und zehrt die Substanz auf. Viele Jahre ist von Urlaub keine Rede, der fahre ist von Urlaub keine Rede, der f, der für die meisten so selbstverständlich ist. Darin verwirklicht sich die Hingabe des Lebens. Nur Ausnahmen ist es gegeben, das Leben in einem Augenblick für andere hinzugeben. Die "Märtyrer des Alltags" tun es scheibchenweise in langer Geduld. Bleiben und nicht davonlaufen, wenn es schwierig wird oder gar als unerträglich empfunden wird, ist das Gebot der Stunde für Menschen mit Zivilcourage und Charakter: Auftreten statt austreten, einstehen für die Überzugung, dass Bleiben notwendig ist, um Leben und die auftretenden Probleme miteinander zu bewältigen. Ich möchte den Lesern in diesem Zusammenhang einen Text zur persönlichen Meditation vorlegen, der es wert ist, beachtet zu werden. Jörg Zink hat uns diesen wunderbaren Text geschenkt: "Was bleibt, stiften die Liebenden.

Die Liebe ist langmütig und freundlich. Die Liebe nimmt es in Kauf, dass sie getäuscht wird. Sie nimmt es in Kauf, dass man ihr Vertrauen ausbeutet und ihre Geduld ausnützt. Sie lässt es sich geduldig sagen, sie unterschätze die Bosheit und ihre Macht. Sie sei naiv und erkenne die harte Wirklichkeit nicht.

Sie lässt es sich sagen, weil sie die Wirklichkeit anders kennt, und von einer anderen Seite her, als der Hass und die Menschenverachtung die Wirklichkeit zu kennen meinen. Sie ahnt, wie Gott die Menschen sieht und was Gott mit ihnen gemeint hat. Sie lässt sich lieber betrügen als dass sie Misstrauen hegte, denn nichts ist so sehr gegen die Wahrheit wie der böse Verdacht und das vorschnelle Urteil.

Die Liebe gibt niemanden auf. Sie rechnet mit Wundern. Wer sollte in dieser Welt mit Wundern rechnen, wenn nicht die Liebe? Sie rechnet vor allem immer und immer wieder mit dem Wunder, dass ein Mensch sich wandelt, gegen alle Befürchtungen und Prognosen. Sie hält jedem Menschen den Raum frei, in dem er sich wandeln kann, und kennt keine hoffnungslosen Fälle. Sie setzt keine Fristen. Sie resigniert nicht und lebt im Frieden rnit der langen Zeit. Die Liebe ist frei von Gewohnheiten und von Konventionen. Sie muss nicht tun, was man tut. Sie darf nicht immer nur, was man darf. Sie hat ihre eigenen Wege, ungewöhnliche manchmal und gefährliche, und manchmal liebt sie gegen das Recht und gegen die Sitte. Um eines Menschen willen.

Aber die Liebe verstößt niemals ohne Not gegen den Takt und die Zartheit, auf die die Menschen so sehr angewiesen sind. Und oft wird sie ein Wort nicht sagen, obwohl es wahr ist. Die Liebe wird immer wieder, was falsch läuft unter den Menschen, beim Namen nennen. Aber nicht, um recht zu haben. Und sie wird unermüdlich neu beginnen und kein Gedächtnis haben für erlittenes Unrecht. Suchen wir nach der höchsten aller Künste, so wird es die Liebe sein: Es ist die Kunst, die in unserer Zeit, der Zeit der Mutlosigkeit und der Depressionen, vor anderen nötig ist und die nur die Liebe beherrscht: Mut zu geben für den nächsten Tag.

Es ist die Kunst, den Anderen lieben, ohne ihn zu beherrschen, ihm nahe sein, ohne ihn verschlingen zu wollen. Ihm Freiheit zu geben, ohne ihn zu verlassen und bis ans Ende bei ihm zu bleiben.

Es ist die Kunst, die in unserer Zeit der fehlenden Maßstäbe nur die Liebe beherrscht: den Anderen nicht der Ratlosigkeit und der Verwirrung zu überlassen und dennoch ihn nicht an Grundsätze zu binden. Grundsätze sind häufig genug Sätze, an denen der Andere zugrunde geht.

Ohne Grundsätze dennoch zeigen, welche Ordnungen und Proportionen Gott dem Dasein eingestiftet hat, und dann helfen, in ihnen zu leben, das ist der Liebe vorbehalten.

Alle Künste, dem Menschen verliehen, von Menschen geschaffen, werden vergehen. Was bleibt, stiften die Liebenden."

Damit diese hohe Kunst möglich ist, setzt Jesus auf einen Perspektivenwechsel, der auch imText von Jörg Zink angesprochen ist: Es ist sein Wunsch, sein Herzensanliegen, sein Auftrag, vom anderen her zu denken und zu fühlen, letztendlich von Gott her zu spüren, was Gott sich für den anderen Menschen ausgedacht hat, was die Liebe verlangt. Für Maximilian Kolbe war das Leben des Familienvaters wichtiger als das seine. So wurde die gebrachte Frucht eine bleibende für seinen Landsmann und für die Nachwelt. So kann die gebrachte Frucht eine bleibende sein und werden. Amen.


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13. Juli 2003
15. Sonntag im Jahreskreis
"Erfüllte Geschichte"

zur 2. Lesung: Epheser 1, 3-14

Auf der Terrasse

Ich stelle mir vor, dass Sie als geneigter Internetbesucher und Leser auf der abendlichen Terrasse sitzen, am sommerlichen Balkon oder in ihrem blumigen Garten. Und sie nehmen Sonntagsschott oder Bibel zur Hand und führen sich die Texte des 15. Sonntags im Jahreskreis zu Gemüte. Sie sind bei der 2. Lesung angekommen. Gerade an dieser Lesung bin auch ich hängen geblieben. Auch wenn Sie von den Ephesern, den Einwohnern dieser blühenden Stadt im ersten nachchristlichen Jahrhundert nicht viel wissen, - oder Sie waren auf einer Reise durch die heutige Türkei schon an historischer Stätte, - so werden sie sich doch innerlich mit den Adressaten des Epheserbriefes verbinden zu einem staunenden Lobpreis, zu einem innerlichen Gebet. Sie staunen mit den ersten Christen in Ephesus darüber, dass Gott die ganze Schöpfung zusammennimmt und ihrem Ziel zuführt. Sie schauen sich vielleicht um, betrachten den abendlichen Himmel und die satt wachsende Erde und versuchen, diese biblische Zusage zu begreifen.

Seit Ewigkeit gesegnet

Von einer völligen Vorherbestimmung sollten wir nicht so leichtfertig reden. Das ist schnell mißverständlich angesichts der großen Freiheit und Verantwortung, die wir Menschen auch haben. Aber es gibt Worte, die weiten unseren Blick, die führen über die sichtbaren Grenzen hinaus in eine andere Sphäre, die brechen unsere alltäglichen Gedanken auf, übersteigen unser Verstehen und führen zu dem einem großen Ziel der Welt. Gott hat uns "mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel." Der Kern dieses Segens besteht darin, dass wir von ihm erwählt sind schon vor der Erschaffung der Welt. Die Auserwählung ist nicht Selbstzweck, sondern hat ein Ziel, "damit wir heilig und untadelig vor Gott leben." Das drückt schon aus, was Gott von uns erwartet. Aber dieser Wille Gottes begründet sich hier nicht in dem, was Jesus für uns am Kreuz getan hat, sondern in dem, was er für uns seit Ewigkeit beschlossen hat. Ausgedacht hat er sich von jeher, dass wir zu Christus gehören werden. Dieser Gedanke weist letztendlich darauf hin, dass Gott souverän und überzeitlich handelt, damit wir zum Leben kommen, hier auf dieser Welt und in einem überzeitlichen Sinn.

Das Geheimnis seines Willens

Wie oft beten wir das Vater unser, täglich mehrmals oder nur sonntäglich einmal! Im Herrengebet, in diesem großen Gebet der Gemeinschaft der Christen, stimmen wir zu bzw. bitten wir darum: Dein Wille geschehe! Der Einzelbeter des Vater unser oder die sonntäglichen Beter im Gottesdienst erbitten für sich eher, dass in ihrem persönlichen Leben das zum Tragen kommt, was Gott will. Und sie wünschen sich vielleicht auch, dass ihr Wollen mit dem Willen Gottes in Einklang geht, dass ihr Leben einfach gut geht.

Im Epheserbrief dagegen wird bezüglich des Willens Gottes ein kosmisch-heilsgeschichtliches Geheimnis bestätigt: Durch die Gnade des Sohnes hat er "uns das Geheimnis seines Willens kundgetan, wie er es gnädig im voraus bestimmt hat." Gnade und gnädig, also aus Freundschaft, unverdient und in tief freundschaftlicher Absicht hat er uns gezeigt, was er will. Die sogenannte Einheitsübersetzung mildert hier ab, wenn sie von "reich beschenkt" spricht. Gott "handelt im Überfluß" an uns; das ist eigentlich gemeint. Der Schreiber läßt uns wissen, was Gott mit dieser Welt vorhat!

Der Verfasser des Epheserbriefes nimmt mit großen Worten die Geschichte Gottes mit seinen Menschen in den Blick und umfaßt alles, was war, was ist und was kommen wird. Alles fließt zusammen zu einer großen Symphonie in Dankbarkeit und Freude. Das sind große und weite Worte, die über die Grenzen menschlichen Verstehens hinausführen.

Der Lobpreis als Erbe

Alles in diesem großen Plan Gottes läuft darauf hinaus, zusammengefasst zu werden in Jesus Christus. In ihm ist das, was Gott will, konkrete Geschichte geworden, in ihm wird die Geschichte der Welt und der Menschen eine "erfüllte" Geschichte. Spüren wir, wie wichtig es ist, sich an Jesus Christus zu halten!? - Die feierliche Atmosphäre der Worte in diesem Abschnitt des Epheserbriefes ist begründet durch den Lobpreis. Das hat er uns als Auftrag und Erbe hinterlassen. "Wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt." Das wird noch einmal ergänzt mit "die wir voraushoffend in Christus sind". Wir Christen werden beschrieben und qualifiziert vor allem als hoffende Menschen. Christus ist der "personifizierte Raum", in dem unsere eigentliche Hoffnung erst möglich geworden ist.

Diese Botschaft spricht der Schreiber auch uns zu, wenn er in seinem Brief vom "wir" zum "ihr" übergeht. Da erinnert er auch uns heute an ein wesentliches Merkmal, das den Christen ausmacht und zum Christen werden läßt: Menschen zu sein mit der begründeten Hoffnung, dass das Leben gut geht. -

Vielleicht sitzen Sie jetzt anders da, womöglich ruhiger, nachdem Sie über diese zweite Lesung des Sonntags ein wenig nachgedacht und darüber meditiert haben. Alle kleinkarierten Gedanken, alle drückenden Sorgen oder möglicher Ärger der vergangenen Woche oder des Tages, vielleicht mit dem Chef oder dem ungeliebten Nachbarn, werden von Ihnen abfallen. -

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31. August 2003
22. Sonntag im Jahreskreis
"Rein" und "unrein"

Mk 7, 1-8.14-15.21-31

Die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren, hielten sich bei Jesus auf. Sie sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen. Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Handvoll Wasser die Hände gewaschen haben, wie es die Überlieferung der Alten vorschreibt. Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen? Er antwortete ihnen: Der Prophet Jesaja hatte recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir. Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen. Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen. Dann rief er die Leute wieder zu sich und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage: Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, .Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein.

Die Unterscheidung - der reine Kult - das eine Herz

Was Gott nahe gebracht und geopfert werden durfte, wurde "rein" genannt. Diese Tiere durften auch vom Volk Jahwes, des Gottes Israels, verzehrt werden. Manche Tiere, die in einer anderen Kultur eine bestimmte Rolle spielten, oder Tote, Aussätzige und Menschen, die sich durch Vergehen "verunreinigt" hatten, all das hieß "unrein".

Wer also wert darauf legte, mit Gott Gemeinschaft zu haben und zu behalten, der hütete sich vor allem Unreinen. Wollte jemand wieder gemeinschaftsfähig werden, musste er sich reinigen durch rituelle Waschungen oder liturgische Opfer.

Diese Unterscheidung von rein und unrein galt verständlicherweise in erster Linie für die Priester und Leviten. Leviten waren Helfer der Priester mit verschiedenen Aufgaben im heiligen Zelt und im Tempel. Als es für die Israeliten nicht mehr selbstverständlich war, gerade dem Volk ihres Gottes Jahwe anzugehören, änderte sich diese Vorstellung. Das war seit dem babylonischen Exil und unter dem Einfluss des Hellenismus der Fall. Wie früher die großen Propheten so machten sich vor allem die Heimkehrer aus dem Exil in Babylon große Sorgen um den rechten Glauben und den Gehorsam gegenüber Gott. Sie versprachen, alle Gebote und Satzungen ihres Gottes zu halten und den rechten Glauben aufrechtzuerhalten.

Fremder Einfluss

Für andere lockerte sich diese Sicht. Fremder Einfluss tat das seine dazu. Die Griechen waren mit Alexander dem Großen nach Palästina gekommen und hatten das Land nicht nur mit Handel, sondern auch mit ihrer Philosophie und einer "weiten Welt" in Berührung gebracht und konfrontiert. Dazu kamen Babylonier und Perser, Ägypter und Römer - sie alle machten vielen Juden tagtäglich bewusst, dass man auch anders als nach dem Glauben der Väter leben und ein "anständiger Mensch" sein kann. Diese Tendenz finden wir heute in unserer multikulturellen Welt des westlichen, einst christlichen Europa allenthalben und ganz deutlich wieder. - So begann ein beträchtlicher Teil im Volk des Gottes Israels damit, sich auf das heidnische Gedankengut einzulassen. Andere widersetzten sich dieser Entwicklung. Je länger die Auseinandersetzungen um den rechten Weg des Volkes anhielten, um so überzeugter wurden die Frommen im Volk: So wie es jetzt bei uns aussieht, kann es nicht mehr lange weitergehen. - So denken in unserem Land heute wieder ganz viele und sie haben in bestimmter Hinsicht recht damit. - Daher schrieen die einen nach einem König nach Art des Königs David oder Salomo, die anderen zogen sich in die Wüste zurück, um dort den rechten Weg Gottes zu gehen durch ein streng religiös-asketisches Leben, andere riefen das Volk zum bewaffneten Widerstand gegen die Feinde des orthodoxen Glaubens auf.

Durch den Einfluss von außen geprägt, fragte sich vor allem der "Laie", ob er auf die Gemeinschaft mit Gott tatsächlich Wert legen sollte. Wenn ja, musst er sich anstrengen und sich den priesterlichen "Reinheitsvorschriften" anschließen und unterziehen.

Die neue Sicht Jesu

Jahrhunderte später kam ein Johannes der Täufer. Er rief seine Landsleute dazu auf, sich taufen zu lassen, um sich von der Unreinheit zu reinigen. In seinen Augen hatten alle diese Taufe der Umkehr nötig. Es gab für ihn keinen Unterschied zwischen Gottlosen und Frommen. Alle im Volk sollten sich von ihren Sünden abwenden. Damit hatte er einen Schritt gemacht zu der Sicht, die Jesus selber vertreten hat. Den jesuanische Ansatz hat er angedeutet.

Jesus sah den Menschen immer in der Gefahr, in eine veräußerlichte Frömmigkeit zurückzufallen. Gerade der fromme Mensch neigt dazu, sich ein Alibi zu suchen, um selber nicht umkehren zu müssen: Die Überbetonung äußerlicher Formen und Riten auch in der Liturgie kann ablenken vom wahren Gottesdienst. Betriebsamkeit kann den Blick für das Wesentliche versperren. Jesus nennt Menschen, die sich so verhalten, Heuchler und die Art und Form ihres Gottesdienstes bezeichnet er als sinnlos.

Kein "liturgisches Doppelleben" - kein gespaltenes Herz Ob Jesus heute nicht auch die meint, die auf alte Vorschriften zurückgreifen und anderen die Zerstörung einer überkommenen Liturgie vorwerfen? - Bei Jesus geht es aber um mehr und wichtigeres als um die Äußerlichkeiten althergebrachter Kleiderordnungen, die heute von vielen wieder hochgespielt werden.

Nicht das Händewaschen steht bei Jesus zur Debatte, sondern die Traditionen. Es sind die gemeint, die sich innerhalb des frühen Judentums herausgebildet hatten. Die Pharisäer setzen Gottes Wort außer Kraft. Sie versperren mit ihren Vorschriften der rituellen Waschungen den Blick dafür, dass das Böse nicht von Speisen kommt, sondern aus dem Herzen des Menschen. Nur das eigene Herz kann den Menschen von Gott wegführen und die Seele von Gott entfremden.

Jesu radikale Kritik zielt darauf, das sich der ganze Mensch umwandelt, von innen heraus. Diese radikale Sicht galt natürlich nicht nur für die Juden, sie traf auch die Heidenchristen. Sie hatten es in gewisser Weise leichter, sich auf den Kern der jesuanischen Botschaft zu konzentrieren. Denn sie waren nicht gehalten, alle jüdischen Formen und Riten zu übernehmen, wie z. B. die Beschneidung. Auch das war nicht selbstverständlich. Das erste Apostelkonzil in Jerusalem musste sich gerade mit diesen Fragen beschäftigen. Auf Vorschlag des Apostels Jakobus hin wurden die sogenannten Jakobusklauseln für die Heidenchristen festgelegt (Apg 15, 19.20.28.29).

Auch das ist ein Teil des Evangeliums, das uns heute verkündet wird und uns, vielleicht gerade ängstlichen Mitchristen zum Trost gesagt sein soll: Wo Traditionen dazu führen, dass aus falscher Ehrfurcht vor Gott die Liebe zu Gott verstellt und unerfahrbar wird, müssen wir keine Vergehen fürchten, wenn wir uns durch solche "Satzungen der Menschen" nicht mehr gebunden fühlen, selbst wenn sie sich auf die Bibel berufen. -


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19. Oktober 2003
29. Sonntag im Jahreskreis, Kirchweihsonntag
Ja, was ziehe ich denn an?

Evangelium Markus 10, 35-45

Wenn sich ein Bekannter als Sonntagskind entpuppt und noch dazu als ein Kind des Kirchweihsonntag, dann freut mich das; denn wir haben etwas gemeinsam! An diesem Tag denke ich zuerst an meinen Geburtstag am 19. Oktober vor viereinhalb Jahrzehnten. Es ist ein Tag der Freude und des Dankes, der zuerst meinen Eltern gilt. Dazu mischt sich Freude und Dank über die Mutter Kirche: Sie ist etwas Großartiges. Über den herrlichen Kirchenbauten und den glanzvollen Leistungen der dienenden und liebenden Kirche braucht es aber auch viel Selbstbesinnung. Denn die Kirche ist nicht vollendet, sie ist auf dem Weg, sie besteht immer noch aus uns sündigen Menschen und bedarf deshalb stets der Erneuerung, vor allem der inneren. Wenn Verantwortliche in der Kirche, aber auch normale Christen zu viel sitzen oder dort sitzen wollen, wo es ihnen nicht zusteht, und wenn sie sich gar nicht mehr bewegen wollen, wenn sie in festen Vorstellungen erstarren, dann mag sie das heutige Sonntagsevangelium in heilsame Unruhe ver-setzen.

Während die Apostel Jakobus und Johannes auf die künftige Sitzordnung spekulieren und sich dabei für den Ernstfall die besten und wichtigsten Plätze sichern wollen, hat Jesus etwas ganz anderes im Auge. Er nützt diese Gelegenheit wieder einmal zu einer Jüngerunterweisung. Jesus als guter Meister hat an diesem Tag nicht die besten Schüler vor sich. So dreht er ihre Vorstellung um: Das Reich Gottes hat eine andere Ordnung als ein staatliches Gebilde. Im Reich Gottes kann nur der wirklich Verantwortung übernehmen, der bereit ist, den anderen zu dienen. Und das kann auf die Dauer ganz schön hart werden. Diakonie und Dienen gehört wesentlich zu Sendung und Auftrag der Kirche zu allen Zeiten.

Als eine Unterweisung für uns Christen heute dürfte auch die Seligsprechung von Mutter Teresa von Kalkutta dienen. Agnes Gonxa Bejaxhiu, wie sie mit weltlichem Namen heißt, stammt eigentlich aus Skopje/Albanien. Wenn sie am Kirchweihsonntag selig gesprochen wird, dann ist sie nicht nur ein Musterbeispiel für das an diesem Sonntag treffende Evangelium. Sie setzt auch einen entscheidenden Wegweiser für die Kirche von heute. Als Präses der Marianischen Männerkongregation Altötting darf ich darauf hinweisen, dass sie von früher Jugend an auch Sodalin der Marianischen Kongregation gewesen ist.

Ein reicher Moslem, der bei den Jesuiten studiert hatte, wandert aus und überläßt sein Grundstück Mutter Teresa. Dort entsteht das Mutterhaus der "Missionarinnen der Nächstenliebe". Teresa ist sehr nüchtern, aber mit einem Strahlen im Gesicht lässt sie alle, die bei ihr um Aufnahme anfragen, keinen Augenblick im Zweifel darüber, dass sie ein hartes Leben erwartet. Ja, sie möchte gleichsam alle Mädchen und jungen Frauen, die zu ihr kommen, fragen: Könnt ihr den Kelch trinken? Sie ermahnt die jungen Schwestern zu bedenken, dass der größere Teil ihres Lebens noch vor ihnen liegt. Sie definiert das Armutsgelübde eindeutig: Nur und immer den Armen dienen, nie den Reichen! So hilft sie ihren Schwestern, gleichsam in ein "göttliches Milieu" des armen Christus einzutauchen. Teresa wird zu einem Akkumulator, der Liebeskräfte weckt, sammelt, speichert, um sie dann sofort einzusetzen. Sie hält ihre Liebeskraft nicht zurück und hebt sie nicht auf für morgen oder übermorgen. Sie sagt: Wir verschwenden unsere Zeit, indem wir an morgen denken; und heute lassen wir den Tag vergehen, und gestern ist vorbei." Indem sie für die Ärmsten der Armen Räume erbittet und erhält, "unterwandert" sie friedlich, wo sonst niemand den Versuch unternehmen würde, eine Gesellschaft zu unterwandern.

Mutter Teresa wird zu einer Symbolfigur der Barmherzigkeit. Es ist ihre besondere Berufung, Friede und Freude zu geben mit einem Leuchten in den Augen, das selbst hartgesottene Menschenverächter anrührt. Wenn sie die Kranken und Sterbenden mit dem Brot der Menschenwürde speist, verkörpert sie die Menschenrechte.

Auf einer Tafel im Empfangszimmer des Mutterhauses der "Missionarinnen der Nächstenliebe" stehen folgende Gebete:

"Mach uns würdig, Herr, unseren Mitmenschen in der ganzen Welt, die in Hunger und Armut leben und sterben, zu dienen. Gib ihnen durch unsere Hand heute ihr tägliches Brot und durch unser Verstehen Liebe, Friede und Freude." Und: "Lass jede Schwester in der Person des Armen Jesus Christus sehen; je abstoßender Arbeit und Person sind, desto größer müssen auch ihr Glaube, ihre Liebe und ihre freudige Hingabe sein, wenn sie unserem Herrn in dieser jammervollen Verkleidung dient."

Kleider machen Leute. Sie legt den Habit der Loreto-Schwestern ab und wählt den weißen Sari mit blauer Borte, die Kleidung der niedrigsten Kaste in Bengalen, um deutlich zu verstehen zu geben, wo sie hingehört. Dieses Kleid wird später ihre typische Ordenstracht. Sie lässt sich von Gott auf den letzten Platz stellen. Sie ist, was ihr Gewand bezeugt. Kleidung ist in Indien, wo ihr großartiges Wirken begonnen hat, eine archaische und selbstverständliche Identifikation.

Ja, was ziehen wir denn an? Mit welchem Kleid dient man am besten den Armen in dieser Welt? Mutter Teresa, die in ihren heute etwa 4500 Schwestern in 130 Ländern und den mehr als 500 Mitgliedern des männlichen Zweiges in zwanzig Ländern lebendig ist, hält uns mit einem strahlenden und abgeklärten Lächeln den Mantel der Barmherzigkeit hin, damit ihn auch wir zur rechten Zeit anziehen. Amen.


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07. Dezember 2003
2.Adventsonntag
Das Heil kommt von Gott

Lesung: Baruch 5, 1-9 - Evangelium: Markus 10, 35-45

Der kleine Prophet Baruch kommt am 2. Adventssonntag wieder zu Wort. Der geschichtliche Baruch war der Sekretär des Propheten Jeremia. Um 605 vor Christus hat er in Jerusalem gewirkt. Das Buch Baruch, das wir in unserer Bibel des Ersten Testamentes vor uns haben, ist eine Sammlung von jüngeren Texten. Jünger heißt nach dem babylonischen Exil, also im fünften vorchristlichen Jahrhundert und später. Man hat diese Texte einer älteren Person zugeschrieben; damit bekamen sie mehr Gewicht und größere Autorität.

Wie der Prophet tröstet und was er mahnt, das gilt den Israeliten in der Diaspora; es sind Juden, die sich äußerlich mit der Verschleppung abgefunden haben. Sie sind in der Fremde geblieben, auch als es den Juden gestattet war, nach Jerusalem zurückzukehren. Freilich fühlten sich viele innerlich stark mit der heiligen Stadt ihrer Väter und vor allem mit dem Tempel verbunden. Man stand mit der Jerusalemer Gemeinde in Briefkontakt, man pflegte eine Gebetsgemeinschaft und man schickte in die alte Heimat immer wieder Geldspenden. Daran hat sich bis heute grundsätzlich nichts geändert

Der Prophet wechselt die Blickrichtung. Er wendet sich an die heilige Stadt Jerusalem. Er spricht sie als Person an. In der Antike wurden Städte oft als mütterliche Wesen aufgefasst; die Menschen sind in ihr geborgen und werden genährt wie von einer Mutter. Die "Mutter Jerusalem" möge jetzt an ihre Kinder in der Verbannung denken; sie mag damit rechnen, dass sie alle mit Gottes Hilfe möglichst bald aus der Fremde heimkehren werden. Wenn es so weit ist, wird es eine Freude sein. Die Heimkehr wird als ein Triumphzug geschildert. Wie von Gott gelenkt, wird die Schöpfung diese herrliche Prozession mit Naturwundern begleiten. Die Berge werden sich senken, die Täler sich heben, damit ein ebener Weg entsteht. Und Wälder und duftende Bäume werden Schatten spenden. Gott selber wird das ganze Geschehen beleuchten, ein Feuerwerk seiner Herrlichkeit wird er abbrennen. In einer "Heimkehr-Vision" sieht der Prophet: Gott selber ist es, der hier am Werk ist: Er bewirkt, dass sie heimkehren können.

Dasselbe Bild finden wir im Evangelium zitiert. Mit Johannes dem Täufer erfüllt sich, was der Prophet Jesaja gesagt hatte: Die Stimme in der Wüste fordert dazu auf: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken. Auch hier ist das Ziel der ebene Weg, die gangbare Straße. Die Absicht, die dahintersteckt, ist auch hier: Gott will in der Welt ankommen. Er will nur Heilsames mit dieser Welt und den Menschen. Daran ist ihm gelegen.

Jeder Israelit, der den Propheten Baruch sprechen hört oder von ihm liest, denkt im Unterbewussten an die Ur-Heimkehr des eigenen Volkes: den Auszug aus Ägypten. Das ist der geschichts-theologische Hintergrund der Heimkehr aus dem Exil von Babylon.

Aber der kleine Prophet Baruch sprengt den Rahmen und überschreitet die historischen Grenzen. Er sieht vor seinem geistigen Auge nicht nur die verschleppten Israeliten, wie sie aus dem Osten kommen; er sieht alle Kinder Jerusalems vom Untergang der Sonne bis zu ihrem Aufgang. Ja, alle Völker werden in Jerusalem ihre geistige Heimat erkennen; sie werden dorthin pilgern.

Mit dieser Heimkehr-Vision von allen als Kinder Jerusalems und mit dem theologischen Hintergrund "Auszug aus Ägypten" spielt der Prophet deutlich an auf die kommende Heilsgestalt.

Was Mose für die Israeliten, das ist Jesus als der neue Mose für alle Christen - was alle Kinder Jerusalems sind, das werden Menschen von verschiedenster Herkunft aus allen Völkern sein. Die Vision von der Wallfahrt aller Völker erfüllt Jesus, wenn er sie zusammenführt zum einen neuen Gottesvolk. Im 3. Hochgebet der Hl. Messe heißt es:

" ... und in der Kraft des Heiligen Geistes erfüllst du die ganze Schöpfung mit Leben und Gnade. Bis ans Ende der Zeiten versammelst du dir ein Volk, damit deinem Namen das reine Opfer dargebracht wird vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang." Was hat das mit uns zu tun?: Wir gehören zum neuen Gottesvolk. Als solches glauben wir, dass an Weihnachten Jesus Christus, der neue Mose, in unsere Geschichte eingetreten ist. An der Krippe von Bethlehem werden zwei Bewegungen zusammenstoßen, werden zwei Wahrheiten zusammenkommen: Das Heil kommt von Gott her in unsere Welt. Und das Heil trifft auf uns Menschen, die wir ständige Pilger sind in dieser Welt, die wir auf dem Durchzug durch die Wüste des Lebens unterwegs sind, ja uns oft dahinschleppen. - Beides kommt zusammen: Was Gott anzubieten hat und was wir Menschen tun.

Wir sind also betroffen. Und auf diesem Weg trifft uns das Wort des Jesaja: wir sollen Täler auffüllen und Hügel abtragen, damit Gott kommen kann.

Gehen wir einen Schritt weiter: Schauen wir unsere persönliche und gesellschaftliche Situation an. Hügel abtragen, Täler auffüllen: Was sind das für Hügel und welche Täler? Vielleicht ein Berg voller Zukunftsangst, ein Hügel voller Sorgen um die Kinder, der Berg der Alterspyramide, das Tal der Kinderkrise, ein Jammertal von Krankheit und seelischen Nöten, Schuldenberge und ein Mangel an geistlicher Orientierung.

Und schauen wir auf die politische Entwicklung Europas. Die europäische Union weitet sich aus. Völker werden politisch zusammengeführt und -gebunden. Europa wird kein Gottesstaat werden. Aber eine EU-Verfassung, die nicht einmal in die Präambel den Bezug auf den Gott der Christenheit zulassen will, ist eine Zumutung. Da tun sich in aller Öffentlichkeit tiefe Abgründe auf. Man braucht kein Prophet zu sein, um über die Zukunft eines Europa ohne den Gott der Christenheit vorauszusagen. Eines erscheint sicher. Das alte, neu geeinte Europa wird keinen Bestand haben, wenn es seine christlichen Wurzeln abtrennt, wenn es keine gemeinsame, auf den christlichen Glauben fundierte Basis anerkennt, wenn es auf eine Lebenseinstellung aufbaut, die eine diffuse Mischung darstellt von Vertrauen auf Geld und Kapital, aber ohne Glauben an Gott.

Vielleicht muss die abendländische Christenheit mit Johannes dem Täufer noch einmal in die Wüste hinaus und erfahren, was dies bedeutet: Wir lernen deutlicher wahrzunehmen, lernen klar zu unterscheiden und können dann ernsthaft Hand anlegen. - Was uns nicht weiterhilft, ist ein ständiges Sicherinnern an die große Schuld, ein nicht Verzeihenkönnen und ein Mahnmal nach dem anderen. Was uns fehlt, sind die kleinen und großen Propheten wie Baruch oder Johannes der Täufer! - Zuerst notwendig ist ein Klopfen an die Brust, nicht für längst vergebene Schuld, sondern für die aktuellen Sünden, die unser Volk begeht. Dann kann das Gebet folgen: Herr, mache uns zu Menschen, welche die Zeichen der Zeit erkennen. Amen.


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25. Januar 2004
3. Sonntag im Jahreskreis
Heute! - Nur für heute!

Lesung: Nehemia 8, 2-4a.5-6.8-10; Evangelium: Lukas 1, 1-4; 4, 14-21

Zu Beginn des neuen Jahres wollte ich mehr Ordnung in meinen Arbeitsstil bringen. Vor allem das Vielerlei der anstehenden Arbeiten sollte klarer eingeteilt sein in "sofort, mittelfristig und langfristig zu erledigen". Das sofort wollte ich verstehen als gleich oder am besten heute oder heute noch!

Wer die liturgischen Texte des 3. Sonntags im Jahreskreis aufmerksam liest, dem sticht ein Wort ins Auge. Das Wort "heute" erinnert an die Weihnachtsbotschaft, die verkündet: "Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren" (Lk 2,11). Ähnlich heißt es in der ersten Lesung: "Denn heute ist ein heiliger Tag zur Ehre des Herrn" (Nehemia 8, 10). Es gibt in der Geschichte des Volkes Israel mit seinem Gott besondere Stunden und Augenblicke. Solch eine Sternstunde war gewesen, als Gott das Volk Israel am Sinai zusammengerufen hatte. Durch den Bundesschluß hatte Gott das Volk sich als sein Volk zu eigen gemacht. - Der Lauf der Geschichte hat den Bund mit Gott immer wieder auf vielfältige Weise gefährdet und von Seiten des Menschen her in Vergessenheit geraten lassen. Gewalteinwirkung von außen und Untreue von innen sind Phänomene, die immer wieder vorkommen. - Jahrhunderte später kehrte ein Rest des heiligen Volkes Israel aus der babylonischen Gefangenschaft zurück. Es kam eine ähnlich geschichtlich bedeutsame Stunde. In der heiligen Versammlung werden die Gebote Gottes vorgelesen und in Erinnerung gebracht; und dann wird der Bund mit Gott erneuert.

Als Jesus beginnt, öffentlich aufzutreten, bekommt das "heute" eine ganz neue Aktualität und eine göttliche Dichte. Die lange Reihe der Propheten hatte ihre Aufgabe erfüllt; zuletzt, an der Zeitenwende war Johannes der Täufer aufgetreten. Es beginnt ein neues Zeitalter für die Menschheit: die Zeit Jesu Christi und die Zeit der Kirche. Schon als Jesus zum ersten Mal auftritt, bezeichnet der Evangelist diese Zeit als eine Zeit des Geistes: "Erfüllt vom Heiligen Geist kehrte er nach Galiläa zurück, wo er aufgewachsen war." Das Zitat aus dem Propheten Jesaja bezieht Jesus selber auf sich. "Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt." Die Freundschaft Gottes mit seinem Volk nimmt ganz neue Formen an, wenn wir "Gnade" einmal mit "Freundschaft" übersetzen wollten; denn heute wird wahr, was da steht. Der da kommt, verwirklicht eine ungeheuere Botschaft.

Der da kommt, scheint auch heute für viele von einem anderen Stern zu sein, wenn er voller Liebe behutsam mit jedem Menschen umgeht, wenn er Kranke heilt und Zukurzgekommene segnet, wenn er mitten zwischen Ellbogen und Mobbing die Schwachen mitkommen lässt und den "glimmenden Docht nicht auslöscht", wenn er die ausgepowerten und ausgbrannten Mitarbeiter aufatmen lässt und Mut gibt zum Weitermachen, wenn er gleichsam eine Zeit der Amnestie schenkt, ohne die viele nicht weitergehen könnten. Und auch dann, wenn er die normalen gesunden, vielleicht zu ernst gewordenen Menschen auch einmal zum Lachen bringt.

Mit dem seligen Papst Johannes XXIII. darf ich das "heute" aufgreifen und auch uns ans Herz legen, vielleicht als Programm für die kommende Zeit:

"NUR FÜR HEUTE werde ich mich bemühen, den Tag zu erleben ohne das Problem meines Lebens auf einmal lösen zu wollen. -
NUR FÜR HEUTE werde ich mich den Gegebenheiten anpassen, ohne zu verlangen, dass sich die Gegebenheiten an meine Wünsche anpassen.-
NUR FÜR HEUTE werde ich etwas tun, wozu ich eigentlich keine Lust habe. -
NUR FÜR HEUTE werde ich nicht danach streben, die anderen zu kritisieren oder zu verbessern - nur mich selbst. -
NUR FÜR HEUTE werde ich eine gute Tat vollbringen. -
NUR FÜR HEUTE werde ich zehn Minuten Zeit einem guten Buch widmen. -
NUR FÜR HEUTE werde ich keine Angst haben. -
NUR FÜR HEUTE werde ich ein genaues Programm aufstellen. Vielleicht halte ich mich nicht genau daran, aber ich werde es aufsetzen. Und ich werde mich vor zwei Übeln hüten: Vor der Hetze und der Unentschlossenheit.
NUR FÜR HEUTE werde ich glauben - selbst wenn die Umstände das Gegenteil zeigen sollten - dass Gott für mich da ist, als gäbe es sonst niemand auf der Welt. Ich will mich nicht entmutigen lassen durch den Gedanken, ich müsste dies alles mein ganzes Leben lang durchhalten.
HEUTE ist mir gegeben, das Gute während zwölf Stunden zu wirken." (nach: Dekalog der Gelassenheit)

Heute das Rechte zu tun, es nicht zu verschieben, ist sicherlich auch dem Wirken des Hl. Geistes zuzuschreiben. Vielleicht beginnt das "Heute Gottes" und mein erneuertes persönliches Bündnis mit Gott tatsächlich damit, wenn ich es fertig bringe, den eigenen Arbeitsstil zu kultivieren, um damit der Zeit gerechter zu werden, die mir von Gott gegeben und aufgetragen ist. -


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14. März 2004
3. Fastensonntag
Dieses Jahr noch!

Lesungen: Exodus 3; 1-8a.13-15; Korinther 10, 1-6.10-12; Evangelium: Lukas 13, 1-9

Umkommen ist ein brutales Wort. Sehr viele Menschen kommen auch heute um - ums Leben - auf vielerlei Weise, in der Arbeit, auf der Straße, durch Seuchen, Selbsttötung oder Mord und Totschlag. Galiläer kommen um, gewaltsam. Pilatus lässt sie hinschlachten, während sie im Tempel in Jerusalem opfern. Davon wird Jesus berichtet. Seine Reaktion fordert uns heraus. Jesus erklärt weder, warum diese Menschen hingemetzelt werden, noch geht er auf das von Pilatus angeordnete Massaker an seinen Landsleuten ein. Die Leute wissen nicht, warum Pilatus das tut. Umso mehr richten sich alle Aggressionen auf diesen brutalen Despoten. Jesus tut dagegen wieder einmal etwas Unerwartetes. Er nimmt Pilatus überraschenderweise aus dem Schussfeld. Dafür sollen die Zuhörer darauf hingewiesen werden, dass sie selber genauso gefährdet sind: "lhr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt".

Bei Jesus ist das zuerst eine Gesinnung, die "ent-feindet", d.h. er nimmt das Feindbild aus der Blickfeld. Wenn man kein richtiges Feindbild mehr hat, sucht man sich bald ein neues. Hier ist man ermuntert, sich mit der Gefahr in sich und dem Feind um sich und dem eigenen Scheiternkönnen auseinanderzusetzen. Die Gier nach tagespolitischen Katastrophenmeldungen und Beurteilungen sollten wir nach Jesu Worten beiseite lassen. Wie Besetzer und Imperialisten zu allen Zeiten sind auch die römischen Besatzer ein großes Problem; gefährlicher aber erscheint es in den Augen Jesu, wenn beim Menschen auch nur die Spur der Selbstkritik fehlt; denn sie führt auf den rechten Weg, auf dem man sich bessern kann.

Dramatischer noch und unberechenbarer ist das zweite Beispiel. Der einstürzende Turm erschlägt achtzehn Bewohner Jerusalems. Unglücksfälle und Naturkatastrophen ereignen sich auch heute ständig, zu bestimmten Zeiten scheinbar gehäuft. Angesichts der Katastrophe bleibt die Frage der Schuld nachgeordnet. Ob Galiläer oder Jerusalemer, ob schuldig oder nicht schuldig, darüber zu spekulieren ist im nachhinein müßig. Denn der Ruf umzukehren, gilt den einen wie den anderen. Die Überlebenden haben neu die Chance, die Tatsache eines plötzlichen Todes ernstzunehmen, den Aufruf zur Umkehr wahrzunehmen, um zum wahren Leben zu kommen, bevor der eigene Tod die endgültige Entscheidung fällt.

Es gibt Blicke, die man nur schwer aushält. Dazu gehört der Blick auf die eigene Gefährdung. Um diesen Blick aushalten zu können, um nicht in Angst zu erstarren, erzählt Jesus ein Gleichnis. Seinen Zuhörern sind Weinberg und Feigenbaum als Bilder für Juda und seine Bewohner vertraut. Regelmäßig und reichhaltig trägt ein Feigenbaum Früchte. Um so mehr ärgert ein unfruchtbarer Feigenbaum. Das Volk Israel selbst ist der Weinberg des Herrn und es weiß, dass es gefährdet ist. Jesus denkt radikal, von der Wurzel her zur Frucht hin. Nach drei Jahren seines öffentlichen Wirkens sucht er nach Früchten. Die großen Blätter des Feigenbaumes, die in der Mittagshitze kühlen Schatten spenden, genügen ihm nicht. Es geht ihm um das Ganze. Dazu gehört wesentlich umzukehren und sich zu versöhnen. Ein Jahr ist noch Zeit, ein Jahr besteht noch die Möglichkeit dazu.

Bei allem Ernst darüber, was alles passiert, bei der drohenden Kürze eines Jahres, das schnell vergeht, macht Jesus seinen Zuhörern Mut mit der Verteidigungsrede des Weingärtners. Dieser will es noch einmal versuchen, will den verkrusteten Boden aufhacken, dem ausgelaugten Boden Dünger geben; er setzt Hoffnung in ihn. Der Weingärtner glaubt an die Bekehrung und will Energie freisetzen helfen, damit er wieder zupackt, damit etwas Sinnvolles aus ihm herauskommt.

Ein Bild mit einer ganz ähnlichen Aussage habe ich auf dem Jakobsweg von Nürnberg nach Rothenburg o. d. T. in Heilsbronn entdeckt. (Übrigens ist dieser wunderschöne Weg sehr zu empfehlen und auch von älteren Herrschaften leicht zu meistern). Das herrliche Münster von Heilsbronn, seit 1132 Klosterkirche der Benediktiner und später der Zisterzienser ist heute noch als evangelisch-lutherische Pfarrkirche Maria und Jakobus d. Ä. geweiht. Im wunderschönen Marienaltar, entstanden in den Jahren zwischen 1511-13, findet man unter anderen Darstellungen das sogenannte "Heilsbronner Rechtfertigungsbild" aus dem Jahr 1151 von Sebastian Dayg aus Nördlingen. Auf die Fürbitte Mariens greift Christus dem richtenden Gottvater in das Schwert; er hat es bereits über die geistlichen und weltlichen Herrscher auf der rechten Bildhälfte erhoben. Der Hl. Geist lässt sich auf dem Schwert nieder. Jesus ist hier der Auferstandene, er ist als der Weingärtner der Fürsprecher und Anwalt. Er räumt uns noch mal eine Chance ein: Lass sie dieses Jahr noch gehen, dann werden wir sehen. Maria stellt sich als Fürsprecherin hin und unterstützt mit ihrem Schutzmantel maßgeblich den Vorgang der Verschonung.

Bei Streitigkeiten und kriegerischen Auseinandersetzungen machen wir von außen schnell einen Sündenbock ausfindig. Und doch ist es erstens nicht so leicht, Ursachen und Verursacher so einfach zu benennen, und zweitens scheint es angebracht, darüber nachzudenken, welche Rolle wir selber spielen als Nachbarn oder als Mitglieder einer Industrienation, die z. T. auf Kosten anderer Länder einen hohen Lebensstandard besitzen, und drittens erscheint es immer konstruktiver und aufbauender, nach Wegen der Versöhnung zu suchen und sie zu gehen und anderen vorzumachen. Man kann eine Berliner Mauer einmal beispielhaft friedlich abbauen. Dass andere sich offensichtlich nur durch eine Mauer voreinander, vor Gewalt und Terror schützen können, stimmt uns schon recht nachdenklich. Je größer das Feindbild, umso höher muss die Mauer sein. Was Jesus dazu sagen und wo er ansetzen würde, ist klar. Amen.


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02. Mai 2004
4. Sonntag der Osterzeit
"Damit Gott ins Spiel kommt! ..."

Apostelgeschichte 13, 14.43b-52; Offenbarung 7, 9.14b-17; Johannes 10, 27-30

Gedanken zum Weltgebetstag für geistliche Berufe am 2. Mai 2004

... "Nachfolge wagen - Berufung leben" steht unter der Überschrift "Damit Gott ins Spiel kommt." Das Zentrum für Berufungspastoral der deutschen Bischofskonferenz in Freiburg hat diesen Absichtssatz zum Weltgebetstag für geistliche Berufe ausgesprochen. Dieser Satz, diese Absicht steht am Anfang: Damit ...! Damit Gott ins Spiel kommt! Gemeint ist eine mehrfache Zielrichtung: Gott soll ins Spiel der Kirche und der Welt, ins Spiel meines persönlichen Lebens und in das Leben vieler junger Menschen kommen.

Das klingt spielerisch, so als wäre mein Leben ein Spiel, so als wäre es ein Kinderspiel, auf die weite Bühne eines geistlichen Berufes zu treten - in einer Kirche, deren Botschaft viele christliche Zeitgenossen als viel zu ernst oder wenig hilfreich empfinden. Das Spiel gehört zum Menschsein. Der Mensch ist wesentlich ein "homo ludens", ein Spielender. Ich sehe heute noch deutlich die verschmitzten Züge im Gesicht unseres Philosophieprofessors vor mir, wie er dieses Wort in den vollen Hörsaal gesprochen hat. Es war wie eine professorale Offenbarung gedacht, gerade so, als hätten wir damals als seriöse Studenten diese Wahrheit längst vergessen gehabt. - Am Ostermontag war ich daheim bei meiner Familie. Unwillkürlich kam mir das Wort Jesu in den Sinn: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder. Das Spielen und Scherzen mit den kleinen Nichten vertreibt Anspannung und allerlei Sorgen des Alltags, Ernst und Mühe der vielen Stunden im Beichtstuhl in den vorösterlichen Wochen.

"Damit Gott ins Spiel meines Lebens kommt." Gott will mit ins Spiel kommen bei denen, die er zu einem geistlichen Beruf braucht. Wer sich auf einen geistlichen Beruf einlässt, muss wie im Spiel die Karten gut sortieren, immer die richtige Karte ausspielen, die Trümpfe passend einsetzen und letztlich alles auf die beste Karte setzen. Nehmen wir "Karte" als Synonym für "Begabung". Wer die Nachfolge wagt, muss alles auf die eine Begabung setzen, die "Liebe zur Kirche" heißt und die dem Wort des Guten Hirten vertraut. Er sichert uns ewiges Leben zu; es besteht darin, das wir zum Vater im Himmel gehören, jetzt schon.

Jemand sagte einmal bei einer Fortbildung für Katecheten und Religionslehrer: In diesem Beruf muss man bereit sein, zehn Prozent mehr Einsatz zu zeigen. Jede Mutter mit kleinen und großen Kindern bringt mindestens diesen Mehreinsatz; ebenso alle, die alte und kranke Angehörige daheim über lange Zeit pflegen. Dieses "Mehr" gehört aber auch wesentlich charakteristisch zum sog. geistlichen Beruf. Vielleicht bleibt es auch deswegen ein Wagnis: "Nachfolge wagen - Berufung leben".

"Damit Gott ins Spiel kommt" meint neben dem eigenen Leben das Leben in dieser Welt und dieser Kirche. Das sieht aus nach der Zeit des Sämann, der Zeit zur Aussaat. Wir sind da, um zur rechten Zeit auszusäen. Gott wird dann wachsen lassen. Auch das hat etwas Kindliches und Spielerisches an sich, schauen und warten zu können, bis der Frühling in der Kirche Früchte zeitigt.

Die heilige Sr. Benedikta vom Kreuz Edith Stein drückt diesen Vorgang des Säens mit folgenden Worten aus: "Je tiefer jemand in Gott hineingezogen wird, desto mehr muss er auch in diesem Sinn ´aus sich herausgehen`, d.h. in die Welt hinein, um das göttliche Leben in sie hineinzutragen." Das klingt nach einem spannenden, interessanten Leben, das dem Göttlichen und der Wirkung Gottes in dieser Welt dient.

In einem Impuls für den Gebetstag heißt es: Das Motto "erinnert uns an den Ursprung und Grund unserer Berufung. Gott hat sich in seinem Sohn so sehr in das Spiel der Welt und der Menschheit eingebracht, dass wir es selber wagen können, uns ganz einzubringen. Das "Spiel", das Christus bis zum Ende gespielt hat, aus dem er nicht ausgestiegen ist, ist für uns Christen der Maßstab, die Vorgabe unseres Lebens." - Nachfolge Christi ist für alle Christen ein Wagnis, damit Gott immer mehr ins Spiel kommt. Seit Ostern wissen wir, dass sich dieses Spiel wirklich lohnt, dass wir es ganz wagen können. Nachfolge heißt in erster Linie, die Begabung, die Gott einem gibt, um das geistliche Leben leben zu können, anzunehmen und ernst zu nehmen.

In einer Geschichte kommt etwas von diesem Wechselspiel gut zum Ausdruck.

"Die Kugeln

Es war einmal ein großer weiser Mann. Der holte eines Tages einen kleinen Jungen zu sich und wollte ihm das schönste Spiel beibringen, denn er liebte den Jungen. Er sammelte Kugeln aus herrlichem buntem Glas und sagte zu ihm: "Sieh her, ich werde dir jetzt eine Kugel nach der anderen zuwerfen. Jede hat eine andere Farbe und einen anderen Namen. Diese heißt Freude, die dort Arbeit, die da drüben Friede, diese Leid. Und du sollst mir jede sofort zurückwerfen, das ist der Sinn des Spieles: Das Geben und Nehmen im Wechsel. Nur im Flug glänzen die Kugeln so hell wie sie sollen".

Und das Spiel begann und zwischen Geben und Nehmen schimmerten die Farben der Kugeln. Und das Spiel war sehr gut. Aber dann wollte der Junge die schönste Kugel festhalten. Er drückte sie fest an sich, sie zerbrach. Vor Schreck vergaß er die nächste zu fangen; sie lag in tausend Scherben am Boden. Und je mehr er versuchte, die Kugeln zu halten, desto größer wurde der Haufen Scherben um ihn herum. Dabei zerschnitten sie ihn und er blutete. Das tat dem Mann, der ihn liebte, sehr leid. Er beugte sich und trug die Scherben weg. Und jede Wunde, die er selbst dabei bekam, heilte eine Wunde des Jungen. Schließlich war er so zerschnitten, dass eine Fortsetzung des Spieles unmöglich schien.

Doch er stand auf, bereit um weiterzuspielen. Diesmal hatte der Junge begriffen. Als die Freude kam, warf er sie wieder dem Mann zu, und sie glitzerte herrlich im Flug. Als das Leid kam, machte er es ebenso. Jede Bewegung des Jungen war nun auf den Mann ausgerichtet. Und siehe, das Spiel war sehr gut."

Zum Wagnis des geistlichen Berufes gehört es nach dieser Geschichte, dass wir auf Gott ausgerichtet bleiben, dass wir Gott immer wieder zurückgeben, was er uns an Begabungen und Zumutungen zuspielt. Das drücken wir zuerst aus in den alltäglichen Spielregeln des gläubigen Christen. Das Gebot der Stunde scheint mir zu sein, die einfachen Beziehungsregeln wieder zu entdecken. In persönlichen Zeiten des Gebetes, Tischgebet, Morgen- und Abendgebet, der Engel des Herrn beim Zwölfuhrläuten oder dreimal am Tag, der Gottesdienstbesuch am Sonntag. Beten meint also, Gott etwas von der vielen Zeit zurückzugeben, die er einem jeden schenkt; seiner Berufung als Christ gerecht zu werden, hat die Absicht, die Beziehung zu Gott täglich neu zu verlebendigen. Vor allem dadurch wird das Selbstbewusstsein des Christen gestärkt. Dies scheint mir bei vielen Christen notwendig zu sein.

Wenn die Mehrzahl der Gläubigen nicht mehr nach den Spielregeln des praktizierten Glaubens das Spiel spielt, was wird dann mit denen, die Gott zu einem besonderen Dienst beruft, die den Ruf zum Beruf werden lassen? Sie empfangen mehr, müssen mehr leisten und eine intensivere Beziehung zu Gott pflegen.

Wo im alltäglichen Leben werden Menschen dazu befähigt, diese Beziehung zu Gott zu gestalten? Das ist die Voraussetzung für den geistlichen Beruf. Wo im Spiel des Lebens werden junge Menschen gestärkt? - Stärkung und Förderung der Nachfolge Christi fordert den Einsatz nicht nur einzelner "Profis", sondern aller Christen. -


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20. Juni 2004
12. Sontag im Jahreskreis
Für wen hältst du mich?

Sacharja 12, 10-11; 13, 1: Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben
Galater 3, 26-29: Wir sind auf Christus getauft. Wir haben ihn als Gewand angelegt
Lukas 9, 18-24: Du bist der Messias. Der Menschensohn muss vieles erleiden

1. Gott zuschauen lassen - da sein vor ihm

Bei Exerzitien im Alltag werden acht Wochen lang geistliche Übungen praktiziert. Zuerst geht es darum, sich einzuüben in etwas, das uns eigentlich selbstverständlich sein sollte: Ich bin da vor dir, o Gott. - Den Teilnehmern wird folgende Geschichte als Impuls zugemutet:

Zum Erzbischof von Petersburg kommt eine ältere Dame: "Herr Erzbischof, ich habe jahrelang das Jesusgebet gebetet und habe dabei nie die Nähe Gottes erfahren. Dabei ist sie solchen Betern doch versprochen, oder nicht? Der Erzbischof, der sie und ihre Lebensumstände näher kennt, gibt zur Antwort: "Gute Frau, beten sie ab heute das Jesus-Gebet nicht mehr. Ich rate ihnen etwas anderes:

Wenn sie am Morgen Kaffee getrunken haben, räumen sie ihr Zimmer auf. Rücken sie ihren Lehnstuhl zurecht, so dass sie in den Garten schauen können. Und dann legen sie ihr Strickzeug bereit. Setzen sie sich dann in den Lehnstuhl und schauen sie im Zimmer umher. Freuen sie sich daran, welch schönes Zimmer sie haben. Dann schauen sie in den Garten hinaus: alles blüht - freuen sie sich darüber. Greifen sie dann zum Strickzeug und fangen sie an zu stricken. Stricken sie dann eine Viertelstunde lang vor dem lieben Gott. Lassen sie ihn dabei zuschauen. Mehr brauchen sie nicht zu tun. Ja, ihn bloß beim Stricken zuschauen lassen. Jeden Tag eine viertel Stunde lang." Die Frau ist verwundert, bedankt sich und geht. Nach einem halben Jahr kommt sie wieder: "Herr Erzbischof, ich danke ihnen. Was ich ein Leben lang gesucht habe, habe ich nun gefunden: die Nähe Gottes!"

2. Der Geist des Gebetes ist ausgegossen - von Gott her

Es könnte sein, dass mancher von uns an ein falsches Gottesbild erinnert wird: Gott als das große Auge, das uns andauernd beobachtet, vor dem ich Angst haben muss. Die Exerzitien im Alltag wollen die Teilnehmer durch diese Geschichte bereit machen, um in Stille, Schweigen und Ruhe empfangsbereit zu werden - für die Gegenwart Gottes und dafür, was Gott ihnen sagen will! Aber, die Geschichte führt weiter, auch ohne das ständige Jesusgebet "Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner" ist Gott ständig bei mir, in meiner Gegenwart dabei.

Die Geschichte von der alten Frau drückt aus, was der rote Faden im Ersten Testament ist: Gott ist der erste, der spicht, der handelt, der erschafft, der da ist. Der Prophet Sacharja spricht in den letzten Kapiteln darüber hinaus ein interessantes Wort aus: Ich werde über die Einwohner Jerusalems den Geist des Mitleids und des Gebetes ausgießen: sie werden wissen, in der Not kommt das rettende Wort und die helfende Tat von Gott - Bewegungsrichtung ist von ihm zum Volk hin - das ist das erste. Das soll das Volk wissen, bedenken und daran erinnert werden. - Bei Sacharja folgt dann im folgenden Abschnitt, wie die falschen Propheten vernichtet werden und die verkehrten Götzenbilder ausgemerzt werden. Das letzte Wort hat im letzten Kapitel "der Tag des Herrn".

Als erstes Lehrstück: Gott gibt diese Haltung - offen sein, empfangsbereit für ihn - hier besonders in der Not. Gott soll bei uns, zumindest am Sonntag, am Tag des Herrn, das letzte Wort haben. Der Sonntag ist in geistlicher Hinsicht der erste und letzte Tag der Woche zugleich. An ihm soll Gott das Sagen haben - und nicht falsche Götterbilder.

3. Das Heil zufließen lassen. Zweiter Lernschritt: Die rechte Blickrichtung

Als zweites: Der Prophet spricht vom Volk - wie die Menschen reagieren: Und sie werden schauen, blicken auf den, den sie durchbohrt haben: Der kleine Prophet stellt hier eine geheimnisvolle Persönlichkeit vor: eine königlich-prophetische Märtyrergestalt. Manche Erklärer denken an den Tod des Gottesknechtes, so wie ihn Jesaja uns vorstellt (Jesaja 53). Nach dem Johannesevangelium 19,37 ist Jesus am Kreuz der, "den sie durchbohrt haben".

Sacharja stellt uns ein Bild vor Augen, das in ferner Zukunft liegt. Es wird für das Volk heilsam sein, dass sie auf ihn schauen. Die Blickrichtung stimmt. Und von ihm her wird etwas zurückfließen: er wird wie eine Quelle sein: die Einwohner werden durch ihn gereinigt wie durch eine frische Quelle. Es ist eine reine Quelle, die klar bleibt, anders als unsere Bäche und Flüsse, die wir schnell und oft unbedacht verunreinigen. - Von ihm her, auf ihn hin, von ihm zurück - es drückt sich eine Wechselbeziehung aus. Der Prophet sieht seine Aufgabe darin, dem Volk das zu sagen.

4. Überprüfung der Identität: Für wen halten mich die Leute?

Einmal wird sich dieses Bild erfüllen. Aber bevor es sich erfüllt - in Jesus am Kreuz - will er selber Auskunft über sich. Er fragt seine Jünger nach der Rolle, die er in den Augen der Menschen hat: Wie schauen mich die Menschen an? Welchen Blick haben sie auf mich,? - Erkennen mich die Leute - jetzt schon - als den, der ich bin? -

Das ist keine neugierige Frage. Die Frage ist Jesus wichtig. Denn sie kommt aus dem Gebet: Er betet in der Einsamkeit - einsam bezogen auf die Jünger, denn sie sind ihm hier keine wirkliche Stütze. Aus dem Gebet kommt diese Frage, also aus einer Zeit, in der er im Dialog, im Gespräch mit Gott bereit und offen ist, die eigene Aufgabe und Rolle klarer zu sehen und anzunehmen. Dazu ist es auch für Jesus hilfreich, mit anderen zu reden, mit Menschen, denen er vertraut, denen er sich anvertrauen kann. Andere können bestätigen und Gesichtspunkte hinzufügen, die ihn darin bestärken, wozu er in diese Welt gekommen ist.

Jesus will über die Meinung der Leute hinaus wissen, was seine besten Freunde sagen: Für wen haltet ihr mich? Über das Gerede der Leute hinaus will er hören, wie ihn seine Freunde beurteilen: eine ganz schön haarige Angelegenheit - wenn ein guter Freund plötzlich fragt: Du, sag einmal, was denkst du wirklich über mich? So eine Frage kann einen erschlagen! Und dann soll man ehrlich sein - das ist gar nicht so einfach. Aber, was andere sagen, kann umso hilfreicher sein, je persönlicher es ist. Diese Erfahrung kennt fast jeder, der es gewohnt ist, ehrlich mit anderen zu reden.

5. Für wen hältst du ihn? - Wie schaust du ihn an?

Diese Frage ist sehr persönlich - geht jeden an - muss jeder für sich beantworten! - Mir ist das wieder stark aufgefallen bei der Radpilgerfahrt nach Parzham, in der Woche nach Pfingsten. Der Venushof in Parzham ist die Heimat unseres heiligen Bruders Konrad, dessen 70. Jahrestag der Heiligsprechung wir dieses Jahr feiern.

Man nimmt vorformulierte Texte mit auf die Fahrt. Da merkt man unterwegs: das geschriebene Wort taugt nicht einfach für die eigene Erfahrung am Weg, nicht nur deshalb, weil es tagelang geregnet hat. Das geschriebene Wort ersetzt nicht die eigene Erfahrung. Was andere vorgedacht haben und vor mir erlebt haben, ist nie ganz mein Ding. Gut geeignet für alle Situationen sind die Psalmen aus dem Alten Testament. Unterschiedliche Beter drücken sehr verschiedene Erfahrungen ihres Lebens im Gebet aus. Und wenn es den ganzen Tag regnet, kann man das eigene Gebet sogar in das notvolle Gebet des Beters vor 2500 Jahren hineinlegen. Jeder erlebt auf seine eigene Weise, jeder nimmt den Weg und die Widerfahrnisse anders wahr. Darum denkt jeder anders von dem gleichen Erlebnis. Das gilt auch für Personen.

Gott fragt mich und dich auch heute: Für wen hältst mich - diese persönliche Frage lässt sich nicht abwälzen. Wie schaust du Gott an? Vielleicht ist die beste Antwort: Dass er mich anschaut! Und: Was hältst du von Gott? Die Antwort: Dass er mich hält!

6. Loslassen - verlieren - um seinetwillen

Dass Gott mich hält, auch dann und gerade dann, wen ich loslassen muss oder wenn ich haltlos bin! Da sind die kleinen Dinge im Alltag, die wir loslassen müssen: Vertraute Gegenstände oder lieb gewordene Gewohnheiten.

Schwerer wird`s dann, vertraute Ansichten abzugeben, wenn wir ent-täsucht werden, oder geliebte Menschen loszulassen, gehen zu lassen. Das gehört zu den schweren, manchmal bitteren Erfahrungen unseres Lebens.

Am Schluß des Ev. gibt uns Jesus noch eine Lebensregel mit auf den Weg: Das, was uns lebendig macht, was unsere Seele, unsere Psyche ist, dürfen wir nicht für uns selbst festhalten. Leben gelingt nur im Austausch. Es wird fruchtbar, wenn wir uns hingeben. Die Liebe gibt sich ganz hin - aber darin kann sie erst empfangen. Und dieser Vorgang ist nie abgeschlossen. Amen


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8. August 2004
19. Sontag im Jahreskreis
Glaube liegt in der Luft

Weisheit 18, 6-9 - Hebräer 11, 1-2.8-19 - Lukas 12, 32-48

Als Herbergsvater und Leiter des Jugendübernachtungshauses St. Magdalena in Altötting treffe ich auf Menschen aus ganz Europa und darüber hinaus. Zwei Pilgerbegegnungen besonderer Art verfolgen mich auch innerlich: Ein Ehepaar aus Frankreich, sie Schweizerin, er Franzose, legen auf ihrer Fußwallfahrt über Pfingsten in der Pilgerherberge drei Ruhetage ein. Sie sind gut im Zeitplan. Sie verfolgen ein europäisches Projekt. Herkommend von Vezelay in Frankreich, dem Grab der hl. Maria Magdalena, wollen sie am Fest des hl. Michael Ende September das Grab der Patrone Europas, der Heiligen Cyrillus und Methodius, in Kiew erreicht haben. Sie wollen Europa verbinden über heilige Stätten und Wallfahrtsorte. Sie glauben daran, die mehr als 4000 km gut zu schaffen, sie glauben an die geistige Idee Europa. Gerne würde ich sie ein Stück begleiten. Inzwischen haben sie mir von unterwegs ein Lebenszeichen in Form einer Postkarte zukommen lassen.

Das zweite Erlebnis betrifft einen jungen Mann. Mit schwerem Rucksack zieht es ihn Richtung Rom. Er ist unterwegs ohne Geld. Bereit, für Verpflegung und Übernachtung Handarbeiten zu verrichten, hofft er auf offene Menschen zu treffen; er glaubt an die Gastfreundschaft des modernen Menschen, der in der Regel auf sich schaut, sich hinter seinem Gartenzaun verschanzt und sich rundherum absichert. Der junge Mann glaubt daran, in Italien Freunde zu treffen und spricht davon, dass er dort einen Esel bekommen wird, der ihm seine Lasten tragen hilft.

Dieser Sonntag und die drei darauf folgenden stehen unter der Überschrift "Glauben". "Glauben ist: Feststehen in dem, was man erhofft, überzeugt sein von Dingen, die man nicht sieht." Zu dieser Kernaussage bringt der Schreiber des Hebräerbriefes Beispiele für Menschen aus der Geschichte, Menschen, die vor Gott richtig dastehen: Abraham und Sarah. Als Urvater und Urmutter des Glaubens vertrauen sie noch im hohen Alter darauf, dass das Leben weitergeht. Sie glauben, dass Gott ihnen eine lebendige Zukunft schenken wird. Der Glaube rückt den Menschen in das rechte Licht. Erst der Glaube macht den Menschen zum ganzen Menschen. Ohne ihn kann der Mensch die weltimmanente Seite nicht überschreiten. Ohne Glaube an Gott ist der Mensch nur ein halber Mensch. Der Glaube äußert sich im Gebet, im Wort, das den sichtbaren Horizont überschreitet.

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass Menschen, die nicht beten, wie schlafende sind, wie Wesen, die einen wichtigen Teil der Wirklichkeit verschlafen. Wenn sie beten würden, wären sie viel wacher, hellwach für das Leben auch in seinen tiefen Schichten. Das Evangelium vom 19. Sonntag im Jahreskreis mag uns so denken lassen. Beten ist der Ernstfall des Glaubens. Betende Menschen sind in der Regel hellwach für das, was um sie herum in ihrem Umfeld und in ihrer Mitwelt geschieht. Wer aufmerksam für Gottes Gegenwart ist, achtet in der Regel auch auf den Menschen um sich.

Ein Text von Lothar Zenetti macht nicht nur mich nachdenklich, er mag auch den interessierten Leser zum Nachdenken anregen: "Es ist nicht zu leugnen: Was viele Jahrhunderte galt, schwindet dahin. Der Glaube, höre ich sagen, verdunstet. Gewiss, die wohl verschlossene Flasche könnte das Wasser bewahren. Anders die offene neue Schale. Sie bietet es an. Zugegeben, nach einiger Zeit findest du trocken die Schale, das Wasser schwand. Aber merke: Die Luft ist jetzt feucht. Wenn der Glaube verdunstet, sprechen alle bekümmert von einem Verlust. Und wer von uns wollte dem widersprechen! Und doch: Einige wagen es trotz allem zu hoffen. Sie sagen: Spürt ihr es noch nicht? Glaube liegt in der Luft!" (aus: Lothar Zenetti, Wir sind noch zu retten).

Geht es vielen von uns im ganz persönlichen Umfeld nicht auch so, mit den eigenen Kindern und Enkeln, mit Freunden und Bekannten, deren Glaube scheinbar verdunstet. Viele Großeltern und Eltern sind darüber tief besorgt. Bei vielen sind die Weihwasserkessel seit langem verebbt und ausgetrocknet. Das mag ein Sinnbild sein für den verdunsteten Glauben. Das Wasser des Glaubens aber will versprengt werden. Trotzdem, hinter allem Jammern und Klagen, bei allem, was ich um mich herum bei genauerem Hinschauen wahrnehme, sehe ich Zeichen eines Neuaufbruches bei vielen Menschen, zumal bei jungen Leuten. Und auch ich habe den deutlichen Eindruck und das Gespür: Glaube liegt in der Luft. Oder nennen wir es Suche nach Sinn, Sehnsucht nach Gott, Verlangen nach etwas, das mein Leben ganz erfüllt. Und natürlich braucht es Menschen, die die Schalen wieder füllen mit dem Wasser des Lebens. Wir brauchen geistliche Menschen, geisterfüllte Menschen, die sich erfüllen lassen vom Wasser des Lebens und es weitergeben und die Luft erfüllen mit Glauben und Leben.

Zum Glauben gehört nach dem Evangelium, das loszulassen, was hinderlich ist bei der Suche nach dem wirklichen Schatz im Leben. Nicht jeder kann bargeldlos und ohne Checkkarte losziehen und in die Fremde gehen. Aber welche Währung hat der vorhin erwähnte junge Mann auf seinem Weg nach Rom im Geldbeutel? Die einen werden denken oder sagen, was er macht, ist unverschämt oder verrückt, andere werden sagen, das könnte ich nie, wieder andere werden seine Offenheit und sein Vertrauen in die Menschlichkeit bewundern. Ich kann mir vorstellen, dass er in der Begegnung mit Menschen Dinge erlebt, die ihm zu bleibenden Gotteserfahrungen werden.

Das Evangelium zielt darum noch auf etwas anderes hin: Geld und Gut dürfen auf unserem Weg durch das Leben den Blick nicht verstellen für das wichtigste im Leben, für Jesus, den Herrn des Lebens. Jeder Augenblick will so gelebt sein, dass er mit dem Ziel etwas zu tun hat, und dass ich mit dem gut durchlebten Augenblick das große Ziel meines Lebens erreiche. -


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26. September 2004
26. Sonntag im Jahreskreis
Unsere Verantwortung

Amos 6, 1a.4-7; 1 Tim 6, 11-16; Lk 16, 19-31

Bereits am Anfang des Evangeliums von 26. Sonntag ergreifen wir eindeutig Partei. Der arme Lazarus tut uns leid, der geizige Reiche geht uns auf die Nerven. Wir ergreifen Partei und verurteilen klar das Verhalten des reichen Mannes. Wir solidarisieren uns mit dem verachteten Armen. Wir haben das Empfinden: So kann`s doch nicht gehen.

Sollten wir nicht ein wenig vorsichtiger, weniger vorschnell sein und genauer hinschauen! Sollten wir nicht behutsamer damit sein, unseren eigenen Standort zu bestimmen! Sicher, wir haben einen Standpunkt, haben eindeutig einen Standortvorteil. Wir leben in einem gesegneten Erdteil und in einem reichen Wohlfahrtsstaat! Gerade deshalb - Vorsicht! Wir erhalten schon zu Lebzeiten unseren Anteil an Gutem und sind allseitig abgesichert. Es gibt aber auch bei uns die Armen vor der Haustüre. Es gibt die verschämten Armen, die sich nicht trauen, um Almosen zu betteln. Ich meine nicht die unverschämten Bettler, die es auch gibt.

Nach dem Evangelium gibt es die ausgleichende Gerechtigkeit am Ende des Lebens. Das bedeutet für jeden einzelnen einen wichtigen Gesichtspunkt seines persönlichen Weltgerichts. Die ausgleichende Gerechtigkeit herbeizuführen, ist und bleibt letztendlich die Sache Gottes. Sie ist aber bereits in unsere Verantwortung mit hineingegeben. Was ich am Ziel meines Lebens erlebe und vorgesetzt bekomme, hat wesentlich zu tun mit meinem gesamten Leben vorher, das bestimme ich bereits dadurch mit, wie ich mich auf den Wegen meines Lebens verhalte. Wer heute von Entwicklungshilfe spricht, muss von gelebter internationaler Solidarität reden. Wer heute wirkliche Hilfe meint, muss mit Hilfe zur Selbsthilfe langfristig unterstützen.

Zum Schluss erwartet der Reiche in seiner Verzweiflung von dem im Leben ausgegrenzten Armen und jetzt Entschädigten ein Wunder. Der arme Lazarus, der sich in seinem Elend nicht selber helfen konnte, der soll jetzt anderen helfen. Er soll von den Toten auferstehen und als mahnender Prophet zur Umkehr aufrufen. Und der Reiche erwartet damit das weitere Wunder, das er im Leben nie für möglich gehalten hatte, dass seine Angehörigen durch dieses wunderbare Erscheinen eines von den Toten Auferstandenen sich bekehren. Sie würden sich, so glaubt er, dadurch ganz anders verhalten als er selber. - Der Schrei nach einem Wunder als Mittel gegen das persönlich Versäumte! Ist das nicht der bleibende Irrtum, dass Menschen durch Wunder plötzlich ganz anders werden. Bei dem einen oder anderen mag ein erlebtes und geglaubtes Wunder tatsächlich eine Veränderung seines Verhaltens einleiten. Aber das gilt wohl nicht für die breite, wundersüchtige Masse.

Hier wird die Eigenverantwortung des Gläubigen ausgedrückt, der weiß, wie er sich zu verhalten hat. Man kann Verantwortung nicht abschieben auf andere. Freilich gibt es Helfer und Wegweiser, Vorbilder und Leitfiguren. Da sind Mose und die Propheten, wir haben unsere Heiligen, wir haben die Mutter des Herrn. Sie weisen uns den richtigen Weg. Aber auch sie brauchen sich nicht ständig als wirksame Helfer neu beweisen. Unser Vertrauen auf die Kraft ihres Vorbilds braucht nicht ständig durch neue Wunder aufgeweckt werden.

Sehr schön hat dies der frühere Verantwortliche für die Heilige Kapelle, Administrator Dr. Dr. Bauer ausgedrückt: "Dieses Vertrauen ist das Lebensprinzip eines Gnadenortes. Es kann immer wieder neu gezeugt werden durch weitere Wunder; es kann auch aus alter Lebenskraft fortleben durch Jahrhunderte hin, ohne dass große neue Wunder zur Weckung des Vertrauens gefordert sind."

Der Prophet Amos warnt: "Weh den Sorglosen, den Selbstsicheren!" Wohlstand und Gutergehen an sich ist nicht verwerflich. Zu verurteilen ist das Leben nur auf Kosten anderer und die Verantwortung für Arme und Benachteiligte zu vergessen.

Basilius von Cäsaräa, der größte unter den drei Kirchenlehrern des Ostens, hat im 4. Jahrhundert ein Wort formuliert, das zeitlos erscheint, das uns heute noch ins Gewissen redet. Es spricht von den wahren Eigentumsverhältnissen Gottes, wie sie sich auf unser Leben beziehen:

"Dem Hungrigen gehört das Brot, das du zurückhältst, den Nackten das Kleidungsstück, das du im Schrank verwahrst, dem Barfüßigen der Schuh, der bei dir verfault, dem Bedürftigen das Silber, das du vergraben hast. Aber du bist mürrisch und unzugänglich, du gehst jeder Begegnung mit dem Armen aus dem Weg, damit du nicht genötigt wirst, auch nur ein weniges abzugeben. Du kennst nur die eine Rede: Ich habe nichts und kann nichts geben, denn ich bin arm. Ja, arm bist du wirklich, arm an Liebe, arm an Gottesglauben, arm an ewiger Hoffnung."

Welche große Hoffnung haben wir als Menschen heute? Es bleibt die Hoffnung, dass wir uns schon jetzt auf dem Weg bewusst und verantwortlich auf unser persönliches Gericht bei Gott vorbereiten. Dass wir die Mittel nützen, die uns jetzt zur Verfügung stehen und nicht auf Wunder warten, die uns nicht automatisch weiterbringen. Eines der Mittel ist, im eigenen Wohlergehen rechtzeitig Barmherzigkeit zu zeigen. Denn Barmherzigkeit ist eine starke Trumpfkarte in "Abrahams Schoß".


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14. November 2004
33. Sonntag im Jahreskreis
Verlieren und Gewinnen

Da ist im Evangelium die Rede von "einigen". Sie unterhalten sich über Kunst, über das tolle Bauwerk, die schönen Wallfahrtsgaben und Opfergeschenke für den Tempel. "Einige" - das könnten auch wir sein, er und sie, Sie und ich. Wir könnten gemeint sein bei einem Ausflug oder auf einer Wallfahrt. Wir könnten angesprochen sein, wenn wir gerade dabei sind, kunstvolle Baudenkmäler und reich geschmückte Kirchen zu begehen und zu bewundern.

Jesus setzt der Bewunderung ein nüchternes Ende. Dieses schlimme Ende ist offensichtlich nichts Außergewöhnliches. Was Jesus sagt, ist eingetroffen für den Tempel in Jerusalem im Jahre 70 nach Christus, und im Lauf der Jahrhunderte für unzählige Heiligtümer und Kirchen, für Häuser und Bauwerke überall auf der Welt. In erschreckender Weise hat sich Jesu Wort unzählige Male ereignet, als kunstvolle kirchliche Bauwerke sinnlos zerstört wurden, sei es aus Hass gegen eine bestimmte Volksgruppe, sei es in Zeiten, in den das Kriegsrecht das Sagen hat, sei es aus blinder Zerstörungswut oder aus schwer nachzuvollziehenden Rachegelüsten.

Die Leute reagieren so, wie fast jeder von uns reagiert - neugierig! Sie wollen den Zeitpunkt wissen und die erkennbaren Anzeichen, die auf das Kommende hindeuten. Die Neugierde ist begründet; denn für die Leute wäre die Zerstörung des Tempels einem Weltuntergang gleichzusetzen. Denn der Tempel ist das zentrale Heiligtum und der Raum, in dem Gott unter seinem Volk wohnt. Die Leute sind getrieben von dem Eifer für das heilige Haus. Etwas mehr von diesem Eifer für das Haus Gottes möchte ich manchen Christen heutzutage wünschen.

Aber Jesus geht es um etwas ganz anderes. Es geht nicht darum, dass wir zu den "loosern", zu den Verlierern gehören aufgrund von Täuschungsmanövern, durch Katastrophen, Kriege, Erdbeben oder ansteckende Krankheiten, Seuchen und Zeiten von Hunger. Freilich, wer will denn heute schon zu den Verlierern gehören? Es geht nicht darum, dass die Zerstörung äußerer Bauwerke uns den Glauben an das Gute im Menschen nicht nimmt. Denn solche Erscheinungen gab es immer und wird es immer wieder geben. Diese Vorgänge sieht Jesus voraus. Ein andermal sagt er dazu: Lasst euch dadurch nicht verwirren.

Aber Jesus lenkt den Blick dieser Leute jetzt auf etwas anderes. Und dadurch wird klar, wer diese "einige" sind. Es sind seine Anhänger, Leute, die mit ihm gehen, die zu seinem Jüngerkreis gehören. Jesus meint damit auch uns Christen, hier und heute, und er spricht uns an.

Die Bedrohung geht gegen seine Anhänger selbst. Darum ist nicht die Vernichtung der Bauwerke das Wichtigste - die immer auch den Menschen selber treffen will - die uns bedroht oder Angst machen soll. Es geht gegen die Menschen selbst, den Anhänger Jesu, gegen den Menschen als dem lebendigen Tempel, in dem Gott wohnt. Die Christen werden persönlich verfolgt werden, von den rechtgläubigen Juden und von den weltlichen Gerichten. Diese Verfolgung wird nicht ausbleiben. Christenverfolgung kennen wir in vielen Ländern, in vielfacher Weise bis auf den heutigen Tag.

Christsein ernst genommen - das hat Folgen bis hinein in die Familien. Auch dort werden sich die Geister scheiden. Die einen praktizieren den Glauben, die anderen distanzieren sich. Die einen führen ein religiöses Leben, die anderen leben so, als ob es Gott nicht gäbe. Die einen erziehen ihre Kinder und Enkel im christlichen Glauben, die anderen sind strikt gegen jede religiöse Praxis, zumal eine katholische, und verhindern sie vehement.

Das Wort Jesu ist zur Zeit leider höchst aktuell. Die sich für eine Glaubenspraxis entscheiden, sehen sich denen gegenüber, die gleichgültig dahinleben. Die Wurschtigkeit der einen kann andere auch im Glauben schwächen und in ihrer Überzeugung demoralisieren. Es kann eine Kraft und Dynamik absterben, die sich einmal in blühenden Pfarrgemeinden ausgewirkt hat. Im geistlichen Sinn, sagt Jesus, werden seine Anhänger aber nicht zu den Verlierern zählen; sie werden ein anderes Leben gewinnen.

Dazu wird eine Versicherung gegeben. Der Heilige Geist zeichnet verantwortlich für das richtige Wort, das in schwierigen Situationen in einer Weisheit ausgesprochen wird, die die Welt so nicht kennt.

Heute reden alle von Toleranz. Man soll alles, was möglich ist, tolerieren, möglichst zu allem ja und amen sagen. Jesus redet von einem Standpunkt. Einen Standpunkt haben, bedeutet hier, standhaft seine Überzeugung weitergeben, vor allem aber, einstehen für Jesus Christus selber. Die Kraft des Geistes Gottes wird helfen, dem eigenen Standpunkt treu zu bleiben.

Am Ende will jeder gewinnen. In der Messe beten wir nach der Wandlung: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit. Damit drücken wir aus, wo unser Gewinn liegt: jenseits der Fassaden und hinter dem Schmuck, den wir jetzt anbringen, sehen und bewundern.

Hier setzt der Glaube ein. Glaube aus Vertrauen in Jesu Wort. Da ist von Hass die Rede und zugleich davon, dass uns nichts passieren wird, dass uns kein Haar gekrümmt werden wird. Bei allem, was hier frag-würdig ist, was einen da verunsichern kann, dürfen wir feststellen: man kann sich für das Vertrauen entscheiden. Ich brauche nicht in erster Linie etwas ertragen und erdulden und tolerieren. Toleranz ist zu wenig. Ich entscheide mich dafür: Ich vertraue Jesus - trotz der schlimmen Dinge, die ich sehe und höre - ich vertraue gerade auf sein Wort hin. Damit wächst mein Glaube - und es wächst auch die Liebe zur Gemeinschaft der Kirche als Raum des Vertrauens. Das sollte mein Standpunkt sein. Das sollte mich als Christen auszeichnen. - Amen.

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Predigten Br.Georg Greimel, Altötting 2. Sonntag nach Weihnachten
Im Anfang war das Wort

Evangelium nach Johannes 1, 1-18

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott,
und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott.
Alles ist durch das Wort geworden,
und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.

Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes.
Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht,
damit alle durch ihn zum Glauben kommen.
Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht.

Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.
Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden,
aber die Welt erkannte ihn nicht.
Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden,
allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut,
nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes,
sondern aus Gott geboren sind.

Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt,
und wir haben seine Herrlichkeit gesehen,
die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.

Johannes legte Zeugnis für ihn ab und rief:
Dieser war es, über den ich gesagt habe:
Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war.
Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade.

Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben,
die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus.
Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.

Verehrte Leserinnen und Leser,

es erfasst mich jedes Mal wieder so etwas wie ein heiliger Schauder, wenn ich den Anfang des Johannesevangeliums höre oder selber als Zelebrant dem Gottesvolk verkünden darf. Diese großartige Literaturschöpfung hat etwas Faszinierendes an sich.

Der Prolog des Johannesevangeliums ist wie eine Ouvertüre zum gesamten Evangelium. Worte der Weisheit wurden mit einem Christushymnus verbunden, der wohl aus dem urchristlichen Gottesdienst stammt. Im Wort, das aus der Ewigkeit heraus gesprochen wird, will Christus sichtbar werden und verstehbar. Ewigkeitswort - Geheimnis unseres Glaubens - ist es uns und wird es bleiben. Dabei hatte bereits die alttestamentliche Wort-Gottes-Theologie Wege geebnet, die mithalfen, um besser zu verstehen, wie das bisher gesprochene und geoffenbarte Wort Gottes auf Christus hin gedeutet werden konnte.

Das Wort, aus der Ewigkeit heraus gesprochen, ist verkörpert im "Logos". Das ist das vom Geist bewegte Wort, das Wort voller Vernunft und Verstand, voller Klarheit und Mitteilung, das Wort voller Kommunikation und göttlicher Logik von Ewigkeit an, das Wort voller schöpferischer Kraft. Ohne dieses Wort hätte die Welt keinen Anfang genommen. Alles beginnt in ihm und dieses Wort erhält alles am Leben. Das entsteht und geht so, weil Gott es so wollte. Und weil Gott es so wollte, wurde dieses Wort auch sichtbar im menschgewordenen Wort Jesus von Nazaret. Er ist zugleich das Ziel von all dem, was geschaffen ist und immer noch geschaffen wird in dieser Welt. Aus der allumfassenden Welt Gottes, aus der unsichtbaren in die sichtbare Welt kommt Jesus. Diese umfassende Sphäre Gottes steht auch am Ende. Sie ist das Ziel der ganzen Weltentwicklung. In sie ist das fleischgewordene Wort zurückgekehrt.

Dazwischen liegt die geschichtliche Tragik, dass dieses Wort abgelehnt und nicht verstanden wurde. Demgegenüber steht die glückseligmachende Erfahrung all derer, die das Wort Gottes aufgenommen und verstanden haben. In dieser tragisch-spannenden Situation befindet sich die Welt bis auf den heutigen Tag: ihn ablehnen und ihn aufnehmen, ihn nicht erkennen und ihn lieben.

Die zentrale Mitte aber bildet eine Einladung: Die Aufnahmekapazität, die in einem jeden steckt, zu aktivieren und das Fleisch gewordene, das in der Heiligen Schrift Wort gewordene, das Brot gewordene, das Eucharistie gewordene Wort in sich aufzunehmen. Wir brauchen Orte und Zeiten, in denen das möglich ist. Solche verdichtete Augenblicke sind zum einen die Sakramente der Kirche. Es sind Zeiten und Zeichen, die der einzelne in der Kirche vollzieht, in denen sich das persönliche Glück ereignet. Es sind zum anderen persönliche Erfahrungen der Nähe Gottes, die sich dem einzelnen erschließen.

Das sind schöne Akte des Glaubens voller Staunen - und ich wünsche uns, dass wir dazu noch fähig sind - wie es kleine, unverdorbene Kinder noch können. Dem Glauben bleibt aber das Nachdenken nicht erspart. Der Evangelist Johannes hat das begriffen, als er einen Weg suchte, den Philosophen, den Denkern und Weisen einen Zugang zu schaffen für das, was die Person Jesus Christus und seine Botschaft für Welt und Menschheit bedeutet. Was bei dem philosophischen Begriff "Logos, Wort" mitschwingt, das kommt den Lesern entgegen. Denn sie sind in der griechischen Philosophie bewandert: Sie wissen etwas von der "Weltvernunft" des Heraklit, sie haben in der "Gnosis" gehört von Mittlerwesen zwischen Gott und Mensch, sie kennen jüdisch-hellenistische Weisheitsspekulationen. Für Johannes erfüllt der "Logos Christus" alle diese z. T. hohen Erwartungen.

Johannes stellt dieses großartige Wort an den Beginn seines Evangeliums, damit von Anfang an kein Zweifel an Jesus aufkommen kann: dass er der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte Gottes mit den Menschen ist. Von Anfang an sollen alle Christen wissen, was sie an Jesus haben: den Sohn Gottes, der ihnen unendlich mehr Glück bringt als die Äußerlichkeiten dieser Welt je geben können. Von Anfang an sollen sie wissen, worauf sie ihren Glauben begründen, wohin sie ihren Verstand lenken, woran sie ihr Herz hängen und wofür sie ihre Kraft einsetzen: es ist Jesus Christus. In unvergleichlicher Weise zeigt uns Johannes diese Person.

Auch heute gibt es wieder verstärkt ähnliche philosophische Richtungen und Versuche der Weltdeutung: die Kabbala, Visionäre und Zukunftsdeuter, das Allwesen im New Age, das Freimaurertum, alle möglichen Formen der Selbstfindung wie autogenes Training und Zen, im politischen Bereich der Neosozialismus, der z. Z. vor allem auf die Familie zugreift und in die Erziehung stark eingreifen will, in der Wissenschaft wieder einmal der Glaube an die All-Machbarkeit. Deutungen vermischen sich heute wie zu Zeiten des Johannes, zu einem bunten Gemisch, zu einem Synkretismus von Weltanschauungen. In allem suchen Menschen Antworten, in allen Bereichen finden sich religiöse Elemente.

All die Begrifflichkeit philosophischer und theologischer Vorstellung und Sinnantwort ist für manche verwirrend und bringt nicht die letzte Orientierung. In der christlichen Weltdeutung bleibt am Ende und als Ziel ein Name: Jesus von Nazaret, der Christus, der Gesalbte.

Mit ihm beginnt unser Glaube begreifbar zu werden, ihn beten wir an mit den drei Weisen, Sterndeutern oder Königen aus dem Morgenland, mit ihm beginnen Menschen, in eine innere und äußere Auseinandersetzung mit der Welt zu treten, wie sie vorher nur andeutungsweise und anfanghaft da war. Das ist so, weil das Wort eine unheimliche Dynamik und Kraft in sich hat und vor allem auch deshalb, weil jemand aus einer unsichtbaren Welt in der sichtbaren Welt gegenwärtig geworden ist.

Den Menschen heute ergeht es ähnlich wie vielen zu Zeiten des Evangelisten Johannes. Den gläubig suchenden Menschen drängt es nach Offenbarung, heute meinen viele damit so etwas wie "Orientierung". Der Mensch will wissen, wohin er sich ausrichten kann. Er möchte - bis ins Detail gehend - wissen, was er zu tun hat, damit sein Leben gut aus geht, als Christen sagen wir, um das ewige Heil zu erlangen. Er möchte wissen, auf welches Wort er sich einlassen und verlassen kann.

Es gibt viele Wege zu Gott. Einen beispielhaften Zugang und Einstieg zeigt uns Johannes im Prolog zu seinem großartigen Evangelium. Jeder von uns hat seine Zugänge zur Bibel und zum Wort Gottes. Ich wünsche einem jeden, dass er sich erfassen lässt von der Faszination dieses Hymnus, den uns Johannes in dieser Form geschenkt hat.

Jeder hat seinen Zugang, z. B. auch Dichter. Ich möchte schließen mit einem recht nachdenkenswerten Gedicht von Rainer Maria Rilke. Er hat es überschrieben mit

Gebet

Ich sprach von Dir als von dem sehr Verwandten,
zu dem mein Leben hundert Wege weiß,
ich nannte Dich: den alle Kinder kannten,
den alle Saiten überspannten,
für den ich dunkel bin und leis.

Ich nannte Dich den Nächsten meiner Nächte
und meiner Abende Verschwiegenheit, -
Und Du bist der, den keiner sich erdächte,
wärst Du nicht ausgedacht seit Ewigkeit.
Und du bist der, in dem ich nicht geirrt,
den ich betrat wie ein gewohntes Haus.
Jetzt geht dein Wachsen über mich hinaus:
Du bist der Werdenste, der wird. Amen.


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13. Februar 2005
1. Fastensonntag

Hat alles nichts genützt?

Römerbrief 5, 12-19; Matthäus 4, 1-11

Viele Christen meinen, heute die Erfahrung zu machen, dass der Glaube nichts mehr bringt. Sie bringen den Glauben der Kirche mit dem ihrigen nicht mehr zusammen. Das gilt auch für den Glauben an die Eucharistie. Das erleben viele Seelsorger als eine große Not. Darum verfallen Menschen der Versuchung, auch die Eucharistie aus den "religiösen Gewohnheiten" hinausflutschen zu lassen. Jeder muss sich fragen: Was bedeutet die Eucharistie für mich?

"Dass alles nichts genützt hat", das meinen manche Eltern im Bezug auf die Anstrengungen der Erziehung, wenn ihre Kinder und Jugendlichen so ganz anders tun, als sie meinen. P. Ingbert Naab, als Karl Naab 1885 in der Saarpfalz geboren, später Kapuziner, und nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten 1935 im Exil in Königshofen bei Straßbourg gestorben, stellt fest, "dass alles nichts genützt hat." Seine deutliche und prophetische Warnung vor dem Untergang Deutschlands anfangs der 30er Jahre ist untergegangen im Geschrei der fanatisierten Massen. Seine Voraussagen und Warnungen wurden nur noch von sehr wenigen wirklich gehört und verstanden.

Ende, Untergang und Kreuz sind ein Aspekt unserer Glaubensgeschichte, aber zugleich der Wendepunkt zum Leben, das weitergeht, weil da einer ist, der sich für andere hingegeben hat. Auf sein Wort hin geben sich viele Menschen in ähnlicher Weise für andere hin.

Stellen Sie sich vor, ein Pilot ist mit einem Flugzeug unterwegs. Plötzlich merkt er, dass die Maschine außer Kontrolle gerät. Entsetzt stellt er fest, dass sie auf eine Schule voller Kinder zu stürzen droht. Obwohl er damit sein Schicksal besiegelt, bleibt er bis zum Schluss in der Maschine, um sie über die Schule zu steuern - und so kommt er beim Absturz ums Leben. Er hätte noch aussteigen können, aber er hat sich geopfert, um die vielen Menschen in der Schule zu retten. Jedes Jahr begeht die Schule mit dem ganzen Dorf eine Gedächtnisfeier, um dem Piloten zu danken. Wesentlich für die Gedächtnisfeier ist das innere Bedürfnis, Danke zu sagen. Selbst wenn sich Musikstücke der Blaskapelle wiederholen und die Rede des Bürgermeisters ungeschickt ist: Die Feier ist ergreifend. Nicht direkt Betroffene dagegen finden diese Feier nicht interessant.

Eine Frage sollte ich mir stellen: Ist Jesus Christus der Pilot, der sein Leben für mich geopfert hat, der nicht der großen Versuchung erlegen ist, aus der Passion, seiner Leidensgeschichte auszusteigen, auch für mich? Bin ich deshalb in der Messfeier? Glaube ich wirklich, dass ich seinem Leiden mein Leben verdanke?

Bei der Messfeier gedenken wir nicht nur des Todes Jesu am Kreuz, sondern auch seiner Auferstehung. Der Opfercharakter der Eucharistie wird in den Einsetzungsworten ausgesprochen: "Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird", und "mein Blut, das für euch vergossen wird" (Katechismus der Katholischen Kirche KKK Nr. 1365). Das Opfer, das Christus am Kreuz gebracht hat - ein für allemal, und das Opfer der Eucharistie sind ein einziges; denn die Opfergabe ist ein und dieselbe, nur die Weise des Opferns ist verschieden (KKK 1367). Auf geheimnisvolle Weise geschieht in jeder Messe diese Erlösung. Mittelpunkt der Eucharistie ist es also, die Erlösung mitzuerleben, das Opfer, das Jesus am Altar bringt, um uns vom Tod zu erlösen. So beten wir im zentralen Teil des Eucharistischen Hochgebets, direkt nach der Einsetzung: "Darum, gütiger Vater, feiern wir das Gedächtnis deines Sohnes. Wir verkünden sein heilbringendes Leiden, seine glorreiche Auferstehung und Himmelfahrt und erwarten seine Wiederkunft. So bringen wir dir mit Lob und Dank dieses heilige und lebendige Opfer dar." (3. Eucharistisches Hochgebet). Wir brauchen die regelmäßige Eucharistiefeier, um im gefährdeten Leben für das Leben in Fülle verschont und bewahrt zu werden.

Es ist nicht einfach zu glauben, dass wir unser Leben tatsächlich Jesu' Opfer verdanken - und dass wir dieses Verdanken und Erhalten des eigenen Lebens in einer knapp einstündigen Feier aktualisieren. Vielleicht spüren wir davon nichts, vielleicht können wir nicht so ganz begreifen, wie das gehen soll. Das muss auch nicht unbedingt sein. Wir versuchen es. Die andere, entscheidende Frage ist also: Möchte ich das glauben? Wenn ja, muss ich immer wieder eingestehen: Herr, hilf meinem Unglauben!

Wie eng das Leben der gläubigen Christen mit Christus verbunden isr, ja geradezu verschmilzt, das wird im Katechismus ausgedrückt. Das Opfer Christi ist auch das Opfer der Glieder seines Leibes, sodass "das Leben der Gläubigen, ihr Lobpreis, ihr Leiden, ihr Gebet und ihre Arbeit mit denen Christi und mit seiner Ganzhingabe vereinigt werden und so einen neuen Wert erhalten" (Nr. 1368).

Alles, was Menschen an Opfern auf sich nehmen, vereinigt sich mit der Hingabe und dem Lebensgehorsam Jesu Christi und macht es wertvoll. Alles, was Eltern für ihre Kinder "leiden", Ehepartner füreinander in Liebe ertragen, Menschen für andere an Zeit und Einsatz erbringen, ist nicht umsonst, sondern gut aufgehoben im Lebensopfer Jesu Christi, das uns als die Eucharistie für immer geschenkt ist.

Der 48. Eucharistische Weltkongress im Oktober 2004 in der Erzdiözese Guadalajara in Mexiko hat uns das Grundsatzdokument geschenkt: "Die Eucharistie, Licht und Leben für das neue Jahrtausend". Darin findet sich ein Glaubensbekenntnis, das als Gebet formuliert ist. Ein Auszug daraus unterstreicht das oben Gesagte:

"6. Wir glauben, dass sich unsere Augen täuschen, wenn sie Brot sehen, und dass sich unsere Zunge irrt, wenn sie Wein schmeckt, denn Du bist ganz gegenwärtig, als Opfer dargebracht, und sich der Welt als Leben schenkend, die immer nach dem Paradies hungert.

7. Damals, in jener Nacht im Abendmahlsaal, als Du Herr das Brot und den Wein in deine Hände nahmst, brachtest du uns für alle diese Gaben dar, in alle Ewigkeit.

8. Mit Dir, Lamm des Neuen Bundes, werden an jedem Altar, auf dem du dich dem Vater darbringst, die Früchte der Erde und der Arbeit des Menschen, das Leben des Gläubigen, der Zweifel der Suchenden, das Lächeln der Kinder, die Pläne der jungen Menschen, der Schmerz der Leidenden und die Opfergabe dessen, der gibt und der sich für die Brüder und Schwestern hingibt, dargebracht.

9.Wir glauben, Herr Jesus, dass deine Güte einen Tisch für die Kleinen und die Großen bereitet hat, und dass wir an deinem Tisch zu Brüdern und Schwestern werden, und sogar unser Leben für unsere Brüder und Schwestern hingeben, wie Du es für uns hingegeben hast."

Der Einsatz eines P. Ingbert Naab - und vieler anderer mutiger Christen besonders vor 60 Jahren in unserem Land war nicht umsonst. Es hat suchende und ringende Menschen vor Jahrzehnten in einer äußerst gefährlichen Zeit gestärkt. Und er zeigt uns heute, dass die Opfer in den dunkelsten Zeiten Zeichen der Hoffnung für andere sind. Das größte und alle anderen Opfer zusammenfassende ist des Opfer Jesu Christi - für uns bis heute. Amen.


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27. März 2005
Ostersonntag
Verwandlung in der Eucharistie
Apg 10, 34-43; Joh 20, 1-18 -

Sie wissen sicher, was ein Prophet ist! Propheten hatten große Bedeutung im gesamten Alten Testament. Propheten sind Menschen, die ihre Existenz ganz von Gott her deuten und auf Gott hin verstehen dürfen. Sie bekommen von Gott einen Auftrag für die Menschen; sie sollen Unheil nicht androhen als etwas unausweichlich Bevorstehendes; sie sind vielmehr von Gott geschickt, um einen Weg für eine gangbare und gute Zukunft der Menschen zu suchen. Es geht ihnen um die Zukunft. Damit diese Zukunft sein kann, sollen die Adressaten der prophetischen Botschaft mithelfen. In der Regel heißt es dann: Wenn ihr euch bekehrt oder nicht bekehrt! Meist ist eine Umkehr im umfassenden Sinn gemeint und gefordert, weil sie notwendig ist.

Der Jesuit P. Josef Bill hat einmal eine Definition versucht. Er sagt: "Prophet ist einer, der sprach-los werden muss, damit er vom alles Entscheidenden reden kann. - Prophet ist einer, der deswegen an Gott leiden kann, weil er ihn liebt." Es gibt auch heute noch prophetische Gestalten.

In dieser Prophetentradition des Alten Testamentes steht Jesus, zugleich überbietet er sie, ja noch mehr: er selber fasst alles in seiner Person zusammen, was jemals Propheten und die Hl. Schriften gesagt und geschrieben haben. Er focusiert wie in einem Brennpunkt in seiner Person, was Gott in dieser Welt tun will:

o Er schweigt, um das alles Entscheidende sagen zu können: er spricht den Menschen los von seiner Schuld. o Er lebt, um das alles Entscheidende tun zu können: er heilt den kranken Menschen. o Er leidet, um die alles entscheidende Liebe zum Vater und den Menschen aus dem Todesleiden am Kreuz heraus in Leben verwandeln zu können.

Propheten sprechen von Zeichen und setzen Zeichen, ja sie selber werden zum Zeichen in Person. Der Prophet Ezechiel hatte einmal am Gerichtstor eine Tonvase zerschlagen und gesagt: So wie ich diese Vase zerschmettere, so wird Gott dieses Volk zerschlagen und in die Verbannung schicken, wenn es sich nicht bekehrt. Oder der kantige Prophet Hosea. Er wirft dem Volk vor, es habe sich von Gott abgewandt und anderen Göttern hingeworfen, wie man sich einer Hure hinwirft. Um dies zeichenhaft zu verdeutlichen, heiratet er selber eine Hure. Propheten setzen Zeichen und werden selber zum Zeichen, das die Menschen eindeutig verstehen können.

Jesus bringt die Sache auf den Punkt. Er vereinigt alle bisher wichtigen Ämter in seiner Person: Er ist König, Prophet und Priester schlechthin. In der Geschichte mit seinem Freund Lazarus haben wir das deutlich gesehen. Die Auferweckung des Lazarus ist das größte der sieben Zeichen Jesu im Johannesevangelium. Jesus macht deutlich, dass er Herr des Lebens ist: als König sorgt er für sein Volk, als Prophet rüttelt er es auf, als Priester ernährt er die Menschen mit einer unvergänglichen Speise, dem Brot der lebendigen Hoffnung auf das unvergängliche Leben: Wer von diesem Brot ist, wird leben in Ewigkeit (Joh 6, 58). Bei seinen Freunden in Betanien steht er vor einem der Gräber, von denen der Prophet Ezechiel gesprochen hatte. Jesus ist der, der im Namen Gottes das Grab öffnet und den Toten aus dem Grab herausholt. Er dankt seinem Vater, dass er ihn auch jetzt erhört.

Wir feiern das "Jahr der Eucharistie". Das wichtigste am Sonntag ist die Hl. Messe. Das wichtige in der Hl. Messe ist die Wandlung. Mit der Geschichte von Lazarus zeigt Jesus, dass sich mit ihm nach dem Tod das Leben neu herauskristallisiert. Er selber ist die Auferstehung und das Leben. Wenn wir Eucharistie feiern, dann bekennen wir nach der Wandlung feierlich: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit. Die Hl. Messe hat ihren Ursprung in dem, was vor Ostern und an Ostern geschehen ist. Die Eucharistie ist ein österliches Sakrament.

Da feiern wir und bekennen wir eine zweifache Verwandlung: die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi - und die Verwandlung vom Tod in das Leben. Beides ist und bleibt ein Geheimnis. Aber diese Wandlung geht uns alle an, sie geht uns alles an, weil uns der Tod unbedingt etwas angeht und uns einholt, und weil uns die Hoffnung auf das Leben im Innersten betrifft.

Mit Jesus Christus sind wir unterwegs vom Tod zum Leben der Auferstehung. Wenn wir Menschen auch immer wieder versuchen, über das Leben zu verfügen, so ist nicht nur das Leben vor dem Tod, noch viel mehr das Leben nach dem Tod, das Weiterleben mit dem auferstandenen Herrn das Unverfügbare überhaupt.

Wir Altbayern, und dazu rechne ich mich, haben gewisse Vorbehalte gegen all zu schnelle Veränderungen. Und doch weiß ich aus Erfahrung, das Beständigste in unserem Leben ist die Veränderung. Ich selber verändere mich tagtäglich. Ich werde älter. Ich habe plötzlich Erscheinungen, Alters-erscheinungen: Falten auf der Haut, graue Haare, lockere Zähne und brauche gar Ersatzteile. Veränderung geht mich alles an, weil sie mich betrifft an Leib, Seele und Geist. Die Verwandlung dagegen berührt mich in der Person Jesu. Durch ihn bekommt das Leben eine neue Seite, wird anders, lebendiger und intensiver. Der Geist Jesu führt unser Leben in eine andere Tiefe. Jesus bleibt bei uns in der Eucharistie, bis er kommt in Herrlichkeit.

Eucharistie ist das Beispiel für die Wandlung schlechthin. Eucharistie ist darum der bleibende Auftrag, wandlungsfähig zu bleiben. Der innere Auftrag heißt, sich hingeben wie er es tut im Brot des Lebens. Und das wird von uns ständig und täglich neu erwartet, jeden Tag, so wie eine Mutter und ein Vater sich für ihre Kinder hingibt.

Wir reden von einem Geheimnis des Glaubens. Dieses Geheimnis geht alle an. Aber die Eucharistie als hl. Gestalt in der Form des Brotes und des Weines wird sich nur dem erschließen, der sich davon betreffen lässt, der auf ein geistig-geistliche Ebene übersteigen kann. Was durch einen Priester in persona Christi am Altar in seinem Auftrag passiert, wenn Brot und Wein in Leib und Blut Christi umgewandelt wird, ist ein einzigartiger Vorgang, der sich auf allen Altären dieser Welt ereignet.

Wir bekennen, dass etwas Großes geschieht. Der im Tod war, ist auferstanden zum Leben. Er wird am Ende kommen als der Verklärte. Damit deuten wir aus, was sich in der Wandlung in der Hl. Messe ereignet, was ist, was sein wird: Tod und neues herrliches Leben. Die eucharistische Wandlung stärkt dadurch unseren Glauben - und unsere Hoffnung, dass dieses kleine Stück Brot und der Wein gewandelt werden und damit Zeichen und bereits Anfang einer neuen Welt sind.

Wir werden am Ende der hl. Messe entlassen: Gehet hin in Frieden! Dieser Friede kommt aus der Eucharistie. Wir werden in Wortgottesdienst und nachfolgender Eucharistiefeier untereinander und mit Gott versöhnt und am Ende als Versöhnte hinausgeschickt, die den göttlichen Frieden in sich tragen. Gott verzaubert die Welt nicht. Er verwandelt uns. Alles, was Tod bringend ist, will er verwandeln. In seinem Auftrag müssen wir in der Welt die tödlichen Strukturen beseitigen helfen und möglichst zum Guten verändern. Das ist Auftrag und Geschenk. Zu beidem sagen wir am Schluss: Dank sei Gott dem Herrn. Amen.


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8. Mai 2005
7. Ostersonntag
Raum für geistliche Sammlung

Apostelgeschichte 1, 12-14

Ein Wort aus dem Evangelium des 5. Sonntags der Osterzeit geht mir nach, in dem Jesus sagt: "Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater." (Joh 14, 12).

Mit diesem erstaunlichen Wort ermutigt und bevollmächtigt Jesus alle Glaubenden. Die nach seiner Himmelfahrt zurück bleibenden Jünger und Jüngerinnen werden gesendet, für Jesus stellvertretend zu gehen und seine Botschaft in das Leben umzusetzen. Dieses Wort ist ein Wort des Wachstums. Es bewahrheitet sich in erstaunlicher Weise durch das, was durch Christen, durch großartige Männer und Frauen auf der ganzen Welt geschieht über die Verkündigung des Wortes hinaus, in caritativen Werken, in Hilfe füreinander, im organisierten und privaten, im gemeinsamen und persönlichen Einsatz in den Nöten des Menschen, in der Vermenschlichung der Welt.

Aber bevor Menschen hinausgehen in ihren Alltag, in ihre Welt, in die Nöte ihrer Zeit, bevor das geschieht, zieht sich die junge Kirche, die kleine Gemeinde zurück. Sie muss sich sammeln, sie darf sich innerlich vorbereiten auf das, was auf sie zukommt, auf die großen Werke, zu denen sie als Christen gesendet werden. Die Zeit zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten ist der Zeitraum des Innehaltens und Atemholens. Der Abendmahlssaal wird zum Raum der Sammlung vor der Sendung. Dieser Abschnitt ist ein wichtiges Stück unserer Geistesgeschichte.

Inzwischen hat sich der Abendmahlssaal geweitet und ausgedehnt. Er ist nicht mehr ein kleiner Raum, sozusagen für das Gebet oder für eine Gruppenmesse zu besonderen Anlässen. Als Abendmahlssaal erscheint neben den vielen ungezählten großen Kirchen vor allem der Petersdom und der Petersplatz bei Papstrequiem und Papstinthronisation. Der Himmel ist offen - und auch hier bewahrheitet sich das Wort Jesu vom "mehr und größeren". Zu den Anwesenden kommen über die Medien die unzähligen Gläubigen, wir, die geistiger Weise teilnehmen, die wir uns geistlich verbinden und sammeln, die wir uns anstecken und begeistern lassen, die wir gemeinsam die Kirche bilden. Es kommt einem unwillkürlich das Bild einer im Aufbruch befindlichen pfingstlichen Kirche in den Sinn.

Die Kirche ist hier zu sehen als der Raum der Sammlung vor dem Alltag, als die Zeit des Gebetes, um dann hinauszugehen als Kirche unter dem Gesichtspunkt des gelebten Glaubens, der Aktion und der tätigen Nächstenliebe im Alltag. In der Kirche, dem Raum der Zwiesprache mit Gott, rangiert das Innen vor dem Außen, das Spirituelle vor der Aktion. Aber auch bei der Andacht, beim Gebet, beim Hören und Betrachten des Wortes Gottes ist ein aktives Zuhören, ein helles Wachsein und Mitdabeisein für den liturgischen Vollzug und einen geistlichen Gewinn als Voraussetzung wichtig.

Dieser "Zwischenraum" zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten ist ein Teil des liturgischen Kirchenjahres, ist ein wichtiger Abschnitt der Kirche. Diese Zwischenzeit symbolisiert für jeden einzelnen auch die geistlich-spirituelle Atmosphäre des Sonntags, des ersten Tages der Woche, symbolisiert den Freiraum zum geistlichen Auftanken. "Sie verharrten einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu und mit seinen Brüdern." (Apg 1, 14). Die Kraft der Kirche kommt aus dem gemeinsamen Gebet der Gläubigen. Dieses Gebet werden wir an allen Orten finden, an denen Christen zusammenkommen und gemeinsam ihren Glauben im Gebet ausdrücken. Der erste Ort ist die Familie als Lernort des Gebetes, bedeutsame Orte sind unsere Kirchenräume, sind insbesondere auch unsere Wallfahrtsorte mit einer verdichteten Atmosphäre des Spirituellen. Unser Papst Benedikt hat sich als Joseph Kardinal Ratzinger im Gästebuch der Gnadenkapelle verewigt. Bei seinem Besuch in Altötting am 28. August 2002 hat er dort das folgende schöne Wort eingetragen:

"Im Heiligtum der Muttergottes zu Altötting spüren wir die Güte der Mutter, die unbesiegbare Kraft der Mutter Kirche. Bitten wir Maria, daß unserem Land der Glaube erhalten bleibt. Herzlichen Dank allen, die sich an diesem Heiligtum mühen, daß dies weiterhin ein Quellort des Glaubens bleibt."

Wir sind überzeugt, dass unser Wallfahrtsort, mit dem Marienheiligtum ein Quellort und ein Quellgebiet des Glaubens bleibt. In einem Quellgebiet sammelt sich das Wasser im Untergrund und tritt in der Quelle als frisches Wasser an der Oberfläche zutage. So sammelt sich sozusagen an einem Wallfahrtsort, an einem Gnadenort die Güte und Nähe Gottes und tritt ans Licht - durch die Fürbitte der Heiligen, durch die Fürsprache und Nähe der Mutter des Herrn. Ungezählte Menschen kommen und schöpfen aus dieser Quelle.

Ebenso hoffe ich, dass unser Sonntag eine Quellenzeit für den Glauben bleibt, und dass unser Beten immer eine Quelle wird für unser Glaubensleben, dass die Zeit, in der sich besonders Firmlinge auf die Firmung, den Empfang des Hl. Geistes vorbereiten, neu eine Quelle des Glaubens wird für die jugendlichen Christen.

Und bei allem, was wir erleben in der "Zwischenzeit", bleibt zu hoffen, dass viele nach der geistlichen Sammlung den Wahlspruch unseres neuen Papstes Benedikt XVI. ernst nehmen und "cooperatores veritatis", Mitarbeiter der Wahrheit sein wollen und es tatsächlich auch werden. -


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19. Juni 2005
12. Sonntag im Jahreskreis
Annäherung an die Einheit

Römer 5, 12 - 15; Matthäus 10, 26 - 33

In der Urkirche, also im ersten Jahrhundert des Christentums, bildete sich nach den Aposteln bald das Amt des Diakons heraus; dann entstanden die "episkopoi", Bischöfe und schließlich die Priester. Anstelle der Episkopoi leiteten sie die ständig wachsende Zahl der Gemeinden. Die "presbyteroi", die "Älteren oder Ältesten" in der Gemeinde mit einem reichen Wissens- und Erfahrungsschatz wurden zu Priestern bestellt. Sie wurden für den Dienst an den Christen geweiht und mit der Leitung der Gemeinde beauftragt. Soweit eine längere und komplizierte Entwicklung - in sehr groben Zügen dargestellt.

Mag diese urkirchliche Erfahrung und dieses Anfangswissen um die Bedeutung "der Älteren/ Ältesten" beim Konklave nicht ausdrücklich bewusst gewesen sein, so trifft dieses alte Gesetz für die jüngste Papstwahl doch zu (manche haben sich freilich einen jüngeren Papst gewünscht). So gleicht Papst Benedikt einer prophetisch-erfahrenen Gestalt, die messerscharf formuliert, was die Botschaft Gottes an den Menschen ist, was wesentlich zum Christsein, zur Kirche, zur Gemeinschafts- und Einheitsfähigkeit gehört.

In der zweiten Lesung des 12. Sonntags hören wir den großen Völkerapostel Paulus sprechen. Auch er kann die komplizierten Zusammenhänge sehr scharf formulieren. Er bringt ferne Zeiten und Ereignisse miteinander in Berührung: was der Mensch vor langer Zeit getan hat, und was Gott jetzt in der Fülle der Zeit dazu tut durch seinen Sohn Jesus Christus. In den Worten des Paulus berühren sich der alte Adam und der neue Christus. In dieser Berührung entzündet der göttliche Funke quasi einen Urknall. Für Paulus, den größten Theologen seiner Zeit, hat Jesus Christus die größte Bedeutung für die alte Frage von Schuld und Sünde und deren Folgen. Adam steht als Synonym für den Initialzünder des Verhängnisses. In diesen folgenschweren Zusammenhang sind alle Menschen eingestiegen wie in ein verlockendes Boot, das eine schöne Reise verspricht, aber in den Abgrund fährt.

Aus dem verhängnisvollen Zusammenhang, der mit dem Tod endet, musste der Mensch herausgeholt werden. Das Gute, das durch Jesus Christus bewirkt wird, wiegt weit stärker als das, was alle Menschen sündigen können. Wegen Jesus Christus will und wird Gott uns, die Kinder Adams und Evas, von den Folgen der Sünde, vom ewigen Tod, befreien.

Was Jesus Christus als Mensch und Gottes Sohn dabei auszeichnet, ist das Wissen um die Einheit. Jesus hat sein zu Gott Gehören, sein Einssein mit dem Vater im Himmel nie vergessen, verleugnet oder außer Acht gelassen. Er war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Aus der Einheit hat er gelebt, dafür ist er gestorben. Zugleich ist es sein Herzenswunsch für alle Menschen, dass sie eins seien, wie er mit dem Vater eins ist.

Die Einheit aller Menschen - was für ein gewaltiger Gedanke, ist doch die Einheit aller Christen kaum vorstellbar. In den Tagen um das Sterben Papst Johannes Paul II. herum wurde ich von einem Fernsehreporter gefragt, was die Schwerpunktthemen des neuen Papstes sein könnten oder sein werden. Mir war damals klar, dass das Thema Ökumene dazu gehören wird. Tatsächlich setzt Papst Benedikt in dieser Richtung deutliche Akzente und Zeichen.

Die Spaltungen der Kirche haben ihre je eigene Vorgeschichte und Entwicklung. Gerade der jahrhunderte lange Entfremdungsprozess bis zum morgenländischen Schisma, der Trennung in Ost- und Westkirche, liest sich wie ein spannender Roman. Schließlich hat Kardinal Humbert v. Silva Candida in der Mitte des 11. Jahrhunderts die Exkommunikationsbulle gegen den Patriarchen von Konstantinopel Michael Kerullarios auf den Altar der Hagia Sophia in Konstantinopel gelegt, womit das Schisma noch nicht völlig besiegelt, aber auch nicht mehr aufzuhalten war.

Gerade Süditalien mit Apulien entwickelte sich an der Schnittstelle zwischen Ost und West zu einem Zankapfel um lateinische und griechische Riten und Gebräuche, die man gegenseitig verworfen hat. Der Papst, der aus dem Land der Reformation kommt, setzt deutliche Akzente und Zeichen in der Annäherung und möglichen Verbindung der getrennten Kirchen und beginnt zeichenhaft in Süditalien. Damit rückt er gleich dem Völkerapostel Paulus ferne Zeiten und Ereignisse zusammen. Mag es ihm nach mehreren vergeblichen Versuchen in der fernen Vergangenheit gelingen, diese Annäherung auch theoretisch in heutiger theologischer Sprache zu verdeutlichen. Ein interessantes Zeichen setzte Papst Benedikt bei seiner Amtseinführung. Er wählte als Schnitt des Palliums erstmals die Form des ostkirchlichen Omophoriums,. In dieser Art trugen die Päpste des ersten Jahrtausends vor der Kirchenspaltung die typische Wollstola.

Für die Zeichen der Annäherung zu einer Einheit in der Vielfalt braucht Papst Benedikt unser Gebet und unsere Solidarität. Das erste aber, das wir als katholische Kirche für die Ökumene praktisch tun können, ist, eine weitere Kirchenspaltung zu vermeiden und zu verhindern. Äußerlich sichtbares Zeichen bleibt die Einheit der Liturgie, wie sie uns das II. Vatikanische Konzil vorgegeben hat. Denn wer sich zu Jesus Christus bekennt, der muss sich auch zur Einheit bekennen. So können wir für uns beten:

Lass uns in deinem Namen Herr,
die nötigen Schritte tun.
Gib uns den Mut. voll Glauben Herr,
heute und morgen zu handeln. -

Lass uns in deinem Namen Herr,
die nötigen Schritte tun.
Gib uns den Mut, voll Liebe Herr,
heute die Wahrheit zu leben. -

Lass uns in deinem Namen Herr,
die nötigen Schritte tun.
Gib uns den Mut, voll Hoffnung, Herr,
heute von vorn zu beginnen. (K. Rommel).

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31. Juli 2005
18. Sonntag im Jahreskreis
Wunder des Teilens - Wunder des Vermehrens

Jesaja 55, 1-3; Matthäus 14, 13-21

Bei einer Hochzeit erlebte ich einen Zauberer. Den ganzen Abend unterhielt er einzelne Hochzeitsgäste oder eine Gruppe am Tisch und entzückte sie mit kleinen Zauberkunststücken. Es waren Tricks, die wir kennen. Da verschwindet ein kleines rotes Zaubertuch in der linken Hand und taucht anderswo wieder auf. Knoten in Seilen werden rätselhaft aufgelöst. Man meint die Tricks zu durchschauen, und doch kommt man nicht dahinter. Immer raffinierter werden sie. Prominente Gäste der Hochzeitsgesellschaft werden "Opfer" des Zauberers. Selber ist man froh, wenn man vom Zauberkünstler nicht hinters Licht geführt wird. Und so gelingt es dem kleinen Mann, zwischen Tanz und Festmahl eine interessierte Atmosphäre in den Raum zu zaubern. Die Verwunderung wird erhöht, als der Zauberer zum Feuerschlucker wird und seine Haut durch das Feuer der Fackeln keinen Schaden nimmt.

Ist die Hochzeitsfeier schon etwas Schönes, so schafft der Künstler eine Stimmung, in der den Hochzeitsgast die Ahnung davon überkommt: es gibt hinter den Dingen noch viel mehr, als ich jetzt sehe, wahrnehme und verstehe. Die Welt ist wunderbarer als meine graue Alltagswelt erscheint. Zaubern ist etwas faszinierend Wunderbares, aber es ist kein Wunder.

Ich habe mich immer darüber gewundert, dass es Menschen gibt, die nicht an Wunder glauben. Aber ich stelle fest, dass es wieder mehr Menschen gibt, die Wunder für wahr halten. Am größten Marienwallfahrtsort Deutschlands weiß ich, dass Wunder auch heute geschehen. Denn Menschen erzählen von ihren ganz persönlichen Erfahrungen damit. Nicht jedes Wunder wird gleich in Seligsprechungsprozesse mit eingebracht, nicht jedes wird bekannt, aber viele Votivbilder und Votivgaben an der Heiligen Kapelle oder am Heiligtum des Kapuzinerpförtners, des hl. Bruder Konrad in Altötting zeugen davon, auch aus neuerer Zeit.

Ich habe nie verstanden, warum es Menschen gibt, die nicht an Wunder glauben. Vielleicht kann man das auch nicht verstehen. Jesu Wunder in der Bibel sind nicht abstrakt und allgemein, sie sind nicht losgelöst von der Wirklichkeit des Alltags; sie beziehen sich auf den einzelnen Menschen oder Personengruppen und betreffen das Lebensnotwendige. Jesus wirkt Wunder nicht, indem er überflüssige Dinge in Gang setzt oder herzaubert. Wo jemand am Darben ist, wo jemand einen lebensnotwendigen Bedarf hat, greift er ein und zeigt damit an, wer er wirklich ist. Die Selbstoffenbarung Gottes zeigt Jesus als einen Menschen nach dem Herzen Gottes. Er kann die anderen mit ihrem Hunger nicht allein lassen. Mehr als fünftausend Menschen sind bei der wunderbaren Brotvermehrung betroffen. Ihre große Zahl zeigt uns, wie großherzig Gott ist.

Die Pro-Existenz liegt in der Brot-Existenz, das Für-andere-Dasein ist im Dasein des geteilten Brotes ausgedrückt. Die Leute kommen zu Jesus und über dem, was sie sehen und hören, vergessen sie, sich selber zu versorgen. Sie spüren in der Nähe dieses Menschen: da ist einer, der das hat, was sie zum Leben wirklich brauchen. Als äußeres Zeichen dafür erfahren sie: einer gibt, wessen sie jetzt gerade brauchen. Das Dasein Gottes für andere äußert sich im Heilen der Krankheiten und im Dasein des Brotes.

In Antoine de Saint Exuperys "Kriegspilot" stehen folgende Zeilen: "Das Brot spielt so viele Rollen! Wir haben gelernt, in ihm ein Mittel für die Gemeinschaft der Menschen zu erkennen, wenn wir das Brot gemeinsam brechen. Wir haben gelernt, im Brot das Bild für den Wert der Arbeit zu sehen, wenn wir unser Brot im Schweiße unseres Angesichts verdienen müssen. Und wir haben gelernt, im Brot das wichtigste Mittel der Frömmigkeit und des Erbarmens zu sehen, wegen des Brotes, das man in Stunden des Elends austeilt. Der Geschmack des geteilten Brotes hat niemals seinesgleichen." Darin drückt sich aus, was das Wunder des Brotes ausmacht und wie wunderbar es wirkt. Seit 1942, der Zeit der Abfassung dieses Textes, hat sich das Verständnis des Brotes gewandelt, nicht nur an den Klosterpforten, aber auch dort. Bedürftige Menschen verlangen nur noch selten nach Brot. Die Mehrzahl will Geld. Es zeigt eine Verschiebung in der Bedeutung der Werthaftigkeit des Brotes. Scheinbar stillt nicht zuerst Brot den Hunger, sondern Geld, das andere Dinge viel wichtiger erscheinen lässt.

Dem Wunder des geschenkten Lebens geht voraus, dass Gott den Menschen ruft: "Neigt euer Ohr mir zu, kommt zu mir, hört, dann werdet ihr leben." (Jesaja 55,3). Der Aufruf des großen Propheten Jesajas erfüllt sich in der Szene der wunderbaren Brotvermehrung. Die Menschen spüren, zu wem sie gehen müssen. Und es geht die Bitte Jesu voraus: Gebt ihr ihnen zu essen. Diese Bitte bleibt, auch wenn wir Menschen nur wenig zu bieten haben und an unsere Grenzen kommen. Aber oft wird uns erst in dieser Aufforderung bewusst, wie viel wir eigentlich haben und geben können. Im miteinander entdecken wir, welche Möglichkeiten uns zur Verfügung stehen, die wir bisher gar nicht genutzt haben. Wir haben weiterhin zu geben und zu teilen.

Für sein Dasein in der Welt hat Jesus langfristig für alle Menschen die Möglichkeit der Eucharistie gewählt; das Dasein des Brotes wird verwandelt und zeigt und ermöglicht das umfassende Dasein Gottes für den Menschen in seiner geistig-leibhaften Wirklichkeit.

Das Dasein Gottes baut zugleich auf dem Dasein des Menschen für andere auf: Gebt ihr ihnen zu essen. Wunderbar ist beides: Gott ist in der sich verteilenden Brotgestalt gegenwärtig und ganz für uns da. Geheimnis des Glaubens! Menschen sind für andere ganz da: Geheimnis der Sorge und der Treue. Welch Wunder, wenn Menschen ein Leben lang das Brot des Lebens miteinander teilen!

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11. September 2005
24. Sonntag im Jahreskreis
Vergebung annehmen und geben

Jesus Sirach 27, 30 - 28, 7; Mt 18, 21 - 35

Schulden gibt es zu allen Zeiten und Schuldenerlasse werden weiterhin erbeten werden, solange der Mensch Schulden macht und Kredite aufnimmt. Von Schuldenerlassen spricht man häufig im Zusammenhang mit der Tilgung von Schulden in internationalen Beziehungen. Aber da muss man näher hinschauen, was eigentlich gemeint ist, der gesamte Schuldenberg oder nur die Nettokredite oder lediglich die angewachsenen Zinsen? Werden Schulden getilgt, weil kein anderer Weg mehr sichtbar ist oder weil reiche Länder ein historisch gesehen schlechtes Gewissen bestimmten Staaten gegenüber haben? Aus reiner Barmherzigkeit oder purer Selbstlosigkeit bzw. Absichtslosigkeit wird hier in der Regel nicht gehandelt.

Im Evangelium bei Matthäus wird eine ähnliche Geschichte erzählt. Der orientalische Weg, Wahrheiten durch Geschichten deutlich zu machen, findet in Jesus von Nazaret wieder einmal seinen meisterlichen Vertreter. Damit soll dem Zuhörer - damals und heute - das Neue und unterscheidend Christliche vor Augen gestellt werden.

Die Geschichte vom unbarmherzigen Gläubiger ermahnt mich, auf meinem Weg als Christ konsequent zu sein und folgerichtig zu handeln. Ich kann nicht Gott um Vergebung anrufen und gleichzeitig denen, die mich um Verzeihung bitten, nur die eiskalte Schulter zeigen. Es ist beides notwendig: Vergebung annehmen und Vergebung geben. Die Welt ohne Gott lehrt dagegen etwas anderes: um jeden Preis auf den eigenen Vorteil bedacht sein, egal, ob andere einen gut behandeln oder nicht. Dieses harte Gesicht zeigt die Welt, wenn man sie nicht christlich"zähmt". Diese Zähmung ist für die Kirche und für jeden einzelnen Christen eine bleibende Aufgabe. Wenn die Welt, menschlich und göttlich gesehen, anders werden soll, dann darf nicht zuerst offene oder versteckte Gewalt walten, sondern wir müssen Barmherzigkeit zeigen.

Der heilige Kapuziner Bruder Konrad von Parzham ist diesem Programm von Kindesbeinen an gefolgt. Die Glasfenster in der Bruder Konradkirche in Altötting zeigen den beherzten Weg Gottes mit Johannes Birndorfer, dem Mann aus dem Rottal. Eines der Fenster gibt ein Bekenntnis preis: "Von meiner Jugend an wuchs mit mir das Erbarmen." Die Aussage spricht vom Programm Gottes, das er für diesen jungen Mann speziell bereit gehalten hat, das er aber auf angemessene Weise einem jedem von uns Menschen zugedacht hat.

Dem Satz im Glasfenster steht die gnadenlose Praxis des Menschen gegenüber, der im Bild des gnadenlosen Schuldners vor uns steht. Das Programm Gottes mit uns Menschen ist offensichtlich nur sehr schwer praktikabel. Wer setzt es wirklich in die Tat um in den spannungsreichen Situationen des Lebens. Nach der Aussage und den Erfahrungen des heiligen Kapuziners ist barmherzig werden einem Wachstumsprozess unterworfen. Keiner ist plötzlich barmherzig. Das Programm Gottes, das er für uns schreibt, will ins Leben hinein buchstabiert und übertragen werden. Es verhält sich ähnlich wie mit einem Wahlprogramm. Das politische Programm einer Partei ist noch lange keine gute Politik mit zufrieden stellenden Umsetzungen. Abgesehen davon, dass Barmherzigkeit in der Politik sowieso keine gefragte Eigenschaft ist. Da hat keiner was zu verschenken, weder Geld noch Wählerstimmen.

Das stetige, Tag für Tag anhaltende Beispiel des verständnisvollen und gütigen hl. Bruders Konrad an der Tür zwischen drinnen und draußen, das Beispiel von überzeugend gelebter Barmherzigkeit macht ihn glaubwürdig für seine Umgebung. Es bringt trotzdem damals und heute manche zum mitleidigen Belächeln, die eine so selbstverständlich praktizierte Barmherzigkeit für dümmlich halten.

Die Geschichten Jesu haben in der Regel einen bestimmten Kerngedanken. Im Gleichnis vom unbarmherzigen Schuldner ist gemeint: Die Vergebung braucht vor allem Glaubwürdigkeit. Einzelheiten sind nicht auf die Goldwaage zu legen. Dass der Gläubiger hart bestraft wird, gehörte zur Ausübung monarchischer Macht. Heute gehört physische Gewalt zu den Verstößen gegen die Menschenwürde. In der Zeit des Evangelisten Matthäus war es kein Thema. Vergebung braucht heute Glaubwürdigkeit, im Erlass internationaler Schulden, bei Schulden dem Nachbarn gegenüber, ebenso in der Lossprechung bei der Beichte. Mit der Beichte verbunden ist zugleich die Auflage, wieder gut zu machen, was für den Pönitenten machbar ist, im Notfall soll es zumindest zeichenhaft geschehen.

Auch unser Papst Benedikt bittet um Barmherzigkeit. Kurz nach seiner Wahl zum Pontifex hat er um Nachsicht gebeten für die Fehler, die er macht. Diese Bitte ist immer Voraussetzung für die eigene Barmherzigkeit, die man anderen entgegenbringt.

Die Geschichte, die Jesus erzählt, konfrontiert uns, fordert uns heraus. Wenn wir sein Angebot beherzigen, können wir im zwischenmenschlichen Bereich nur profitieren. Bessere Beziehungen in allen menschlichen Richtungen belohnen das eigene Bemühen, nicht nur halbherzig an die Schuld und den schuldig Gewordenen heranzugehen, sondern mit ganzem Herzen zu vergeben und zu verzeihen. -

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23. Oktober 2005
30. Sonntag im Jahreskreis
Weltmissionssonntag
"Die Liebe Gottes auf den Punkt bringen"

Ex 22,20-26: Mt 22, 34 - 40

Ein freundliches Gesicht blickt aus dem Plakat. Der Punkt auf der Stirn der jungen Frau fängt den Blick. Die Gedanken des Betrachters werden hier auf die Region der Erde gelenkt, das der Sonntag der Weltmission, der 23. Oktober, zum Inhalt hat: gemeint ist Indien. Der Subkontinent Indien wird von ungefähr 1,05 Milliarden Menschen bevölkert. Etwa 1,6 % davon sind Katholiken, das sind ca. 17 Millionen Menschen. Die Zahl der katholischen Christen ist im Wachsen begriffen.

Ein Hauptgrund für soziale Ungerechtigkeiten liegt im Kastenwesen. Es verursacht in einem System von streng geregelten Schichten der Bevölkerung gewisse Abhängigkeiten und z. T. grasse Benachteiligungen vor allem in den untersten Schichten. Obere Schichten, die solches verursachen oder nichts zu einer Veränderung beitragen, empfinden dabei keine Schuldgefühle. Diese Umstände sind religiös begründet und darum von Gott gegeben so hinzunehmen, wie sie eben sind.

Das christliche Denken kann das Kastenwesen nur bedingt aufbrechen; die Gleichheit des Menschen vor Gott ist ein Schlüssel, den Christen in der Hand haben, wenn sie praktisch Zeugnis für die Liebe Gottes ablegen. Menschen werden auf den Kern der christlichen Botschaft kommen, wenn sie mit Christen zu tun bekommen.

"Die Liebe Gottes auf den Punkt bringen", ist Thema des Weltmissionssonntags. Das sollte Jesus fertig bringen. Unvermutet wird er aufgefordert, wie ein Prüfling im Fach Kirchenrecht den gesamten Umfang des Gesetzes in einem Satz zusammenzufassen und das Wesentliche auf den Punkt zu bringen. Das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe stellt der so Geprüfte klar heraus. Er macht deutlich, dass es hier zuerst um die Beziehung geht von Gott zum Menschen, vom Menschen zu Gott und von Mensch zu Mensch. Die Gleichwertigkeit der beiden Hauptgebote macht die Sache interessant.

Die Liebe Gottes auf den Punkt bringen: In unserer abendländischen Theologie- und Spiritualitätsgeschichte gibt es sehr schöne theoretische und praktische Beispiele. In der westlichen Mystik hat der hl. Niklaus von Flüe als Einsiedler eines der bedeutendsten Meditationsbilder geschaffen. Sein berühmtes Radbild zeichnet die Beziehung von außen und innen und zeigt sein Bestreben, in dem Punkt in der Mitte ein "einig Wesen" zu finden. Er sucht im innersten seiner Seele den Punkt zu erfassen, der ihn mit Gott eins sein lässt. Die in Gott ruhende und von Gott ausgehende Liebe ist die Grundlage für die Nächstenliebe und die dazugehörenden Werke der Barmherzigkeit. Ein unbekannter Maler hat das Radbild mit Medaillonsbildern erweitert, die diese Werke ausdrücken: Hungernde speisen, Durstige tränken, Kranke besuchen, Heimatlose beherbergen, Gefangene befreien, Tote bestatten. Auch den Weg zum Frieden bringt der hl. Niklaus von Flüe auf den Punkt: "Friede ist allweg ist Gott." Friede ist nur möglich, wenn der Mensch mit Gott in eins geht. Eine klare und unbestechliche Formel.

Lange vor dem heiligen Landesvater der Schweiz stellt der heilige Augustinus seine Betrachtung an über die Gottes- und Nächstenliebe. "Was nützt der bloße Name denen, die sich Christen nennen lassen und es nicht sind; was nützt der bloße Name dort, wo die Wirklichkeit fehlt. Wie viele heißen Ärzte, die nicht zu heilen verstehen! Wie viele heißen Wächter, die die ganze Nacht schlafen! So heißen auch viele Christen und werden doch nicht in Wirklichkeit als solche erfunden: denn sie sind nicht das, was sie heißen, das heißt, sie sind es nicht im Leben, im sittlichen Verhalten, im Glauben, in der Hoffnung, in der Liebe. Was aber habt ihr gelesen, Brüder? "Seht, welch eine große Liebe der Vater uns geschenkt hat, dass wir Kinder Gottes heißen und sind!" (vgl. 1 Joh 3,1).

Noch mehr will uns der große Kirchenlehrer sagen. Die Kunst des Lebens und die Wahrheit liegt immer darin, die Dinge zu unterscheiden. So sagt der hl. Augustinus in einer seiner Predigten: "Die Liebe zu Gott steht in der Ordnung des Gebietens an erster Stelle, die Liebe zum Nächsten aber ist die erste in der Ordnung des Handelns." Der Grund liegt darin, dass der Mensch bezüglich der Gottesliebe ungehindert schummeln kann. Sie ist nicht so leicht und direkt überprüfbar. Bei der Nächstenliebe aber kann der Mensch schneller überführt werden; ob er sie hat oder nicht, wird sichtbar im konkreten Umgang mit dem Mitmenschen.

Die Gesellschaftsform des alttestamentlichen Nomadenvolkes, das in den zwölf Stämmen Israels allmählich sesshaft wurde, hat klar geregelt, wie mit Armen und Witwen in den eigenen Reihen umzugehen ist und wie die Sippe den Fremden begegnen sollte. So erzählt uns das Buch Exodus. Wer sich nicht an die Regeln hielt, musste mit z . T. schwerer Bestrafung rechnen. Denn jeder hatte ein Recht auf Leben, weil der Gott Israels ein Gott des Lebens ist und besonders ein Anwalt der Armen und Rechtlosen ist. Aber nicht die Strafe steht im Vordergrund, vielmehr ist entscheidend, sich daran zu erinnern, dass es ihnen selber einmal schlecht ergangen ist: Denkt daran, dass ihr Sklaven in Ägypten gewesen seid. Die Erinnerung ist nicht zuerst Vergangenheit, Die Erinnerung wird angemahnt nicht um der bloßen Erinnerung willen, sie ist immer zugleich der Grund dafür, Gott zu loben und zu preisen für das, was er für sein Volk im Lauf der Geschichte getan hat. Aus der Erinnerung kommt der Ansporn und die Motivation, hier und heute recht zu handeln und die Nächstenliebe aktuell zu praktizieren.

Was die Hl. Schrift sagt, gilt auch für uns. Der Nächste ist zunächst immer der Mensch neben uns, den wir sehen und dem wir begegnen. Durch die mediale Information in Zeitung, Rundfunk, Fernsehen und Internet rückt uns der benachteiligte Mensch in Indien und die Notleidenden in Katastrophengebieten sehr nahe. Wir erfahren von ihrer oft schlimmen Not. Wir Christen in Westeuropa werden das Kastenwesen in Indien nicht aufheben, auch die Christen vor Ort schaffen dies nicht. Aber sie werden, indem sie selber aus dem System heraustreten, bei den Ärmsten vor allem an den Randzonen der Gesellschaft ansetzen können und wie ein Sauerteig in die Gesellschaft hineinwirken. Denn in den Ärmsten, die wir lieben, so meint Augustinus, schauen wir Gott; denn Gott wohnt im Innersten der Liebe, die wir dem Notleidenden erweisen. Zu einem praktischen Liebeserweis durch finanzielle Unterstützung ruft uns der Weltmissionssonntag auf.

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04. Dezember 2005
2. Adventsonntag
Der Anfang

Jes 40, 1-5.9-11; Mk 1, 1-8

Es beginnt mit einem Menschen, mit einer konkreten Gestalt in einer ganz bestimmten von Gott dafür vorgesehenen Zeit. Der Evangelist Markus schreibt das erste Evangelium. Er hält fest, worin der Anfang und der Beginn des Evangeliums als der Frohbotschaft zu sehen ist. Es beginnt mit Johannes dem Täufer, wie er im Auftrag Gottes redet und wie er tauft. Und das wird die Vorgeschichte zur aktiven Zeit Jesu von Nazaret. In dem, was Johannes verkündet, liegt ein Aufruf zu einer Umkehrbewegung, eine Botschaft, die der Entwicklung der Menschen eine andere Richtung zeigt. Das ist der Angelpunkt für die in dieser Zeit beginnende Welt bewegende Geschichte. Die Bewegung des Geistes beginnt nicht mit einem Erdbeben oder einer Flut; denn auch danach bekehren sich die meisten Menschen nicht automatisch. Die Dynamik des göttlichen Geistes packt einzelne Personen und treibt sie hinaus. Sie wiederum bewegen die Massen.

Die Ausleger der Bibel sind sich einig: Johannes verkündet Gott selbst und stellt die Taufe als Zeichen dar, dass jemand zustimmt: Ja, ich will mich Gott zuwenden. Die Geschichte Johannes des Täufers und die Geschichte Jesu sind sehr eng verbunden. Weil dem so ist, wird nach Tod und Auferstehung Jesu in Johannes der "Vorläufer" gesehen. Das ist er geschichtlich, aber auch inhaltlich.

Jesus hat Johannes als seinen Vorläufer gesehen, als den vor dem Messias wiederkehrenden Elija. Auf dem Hintergrund dieser Vorläufergestalt hat Jesus sein eigenes Messiasamt gedeutet und bestätigt gefunden. Nicht nur viele Menschen, auch Jesus selbst ist von Johannes betroffen. So reiht er sich ein in die Schar der Johannesjünger und lässt sich von ihm taufen.

Botschaften sind immer wieder an ganz bestimmte Personen gebunden. Es gibt Menschen, die bewegen andere und bringen etwas zustande, weil sie die Welt realistisch sehen, so wie sie ist, und weil sie in ihrem Leben mit Gott rechnen und weil sie nicht nur folgerichtig reden, sondern auch konsequent handeln. Es kann gefährlich werden, wenn Botschaften stark an eine bestimmte Person gebunden sind. Die Propagandaforschung verdeutlicht es. Eine Umkehrbewegung muss immer auch kritisch befragt werden auf ihre Inhalte und Ziele hin. Wie stehen die Protagonisten, die Antreiber in einer Bewegung? Können sie auch hinter ihre Person zurücktreten, können sie ein Ziel formulieren jenseits ihrer selbst. Oder erscheinen sie als eine egozentrische "Ich-AG" mit möglicherweise fatalen Folgen. Über jeder Begeisterung für einen Menschen mit einer Sendung müssen die drei W-Fragen gestellt werden: Was sagt er, welche Inhalte also vertritt er? Wie lebt er und wirkt er damit nach außen? Und wem dient das, was er sagt? Und die Antworten auf diese drei Fragen müssen in Übereinstimmung zu bringen sind.

"Rufer in der Wüste" gibt es zu allen Zeiten. Rufer in unserer Zeit ist gewiss Papst Benedikt XVI., vielleicht nicht in allen menschlichen Wüstenlandschaften dieser Welt gleichzeitig. Denn jeder Papst hat seine je besondere Sendung und jeder setzt einen Anfang.

Bereitet dem Herrn den Weg. - Mir klingt ein Wort von Papst Benedikt im Ohr. Auf die Frage, wie viele Wege zu Gott es gebe, antwortet er noch als Kardinal: So viele wie es Menschen gibt. Diese Antwort verblüfft und zeigt seine weite Sicht. Jeder Mensch geht seinen Weg mit Gott ganz persönlich. Jeder ist gerufen und gehalten, seinen Umkehrweg zu Gott selber zu gehen. Die notwendige geistliche Anstrengung kann ihm keiner abnehmen, wie keiner stellvertretend für den anderen den Gang zum Beichtstuhl abnehmen kann - auch wenn manche Leute sonderbarer Weise viel lieber die Sünden der Nachbarin beichten als die eigenen.

Wir kennen Umkehrbewegungen in der Gesellschaft. Die gefährlichen sind die revolutionären Bewegungen, geboren aus sozialen Ungerechtigkeiten und Unzufriedenheit, aus Frustration oder Staatsüberdruß.

Eine geistliche Erneuerung kann nur beginnen auf einem religiösen Hintergrund und aus religiösen Beweggründen, im Sinne des Wüstenpredigers Johannes des Täufers: Wir sind gekommen, um unsere Schuld zu bekennen und uns taufen zu lassen. - "Wir sind gekommen, um ihn anzubeten," ist die Bewegungsrichtung zum Weltjugendtag gewesen. Dem Weltjugendtagskreuz wurde der Weg gebahnt, die Zielrichtung war es, den Herrn selber anzubeten.

Unsere Bischöfe rufen ein Jahr der Berufung aus. Vor jeglichen Aktionen bitten sie die Gemeinden um eine innere Umkehr, sie bitten um das Gebet zum Herrn der Kirche.

Auch der Evangelist Markus ruft die Leser auf, immer wieder zu Jesus zurückzukehren. Betont stellt er an den Anfang und an den Schluss seines Evangeliums den Herrentitel "Sohn Gottes". Jesus ernst nehmen, heißt auch, seine Vorgeschichte ernst zu nehmen. Jesus braucht auch in unserer heutigen Welt.

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15. Januar 2006
2. Sonntag im Jahreskreis
Meister, wo wohnst du? Kommt und seht!

Joh 1, 35 - 42

Es ist interessant und kann sehr hilfreich sein, auf den Anfang zu schauen. Wie hat es angefangen. Sichere, übereinstimmende und gänzlich einheitliche Informationen gibt es auch in den biblischen Überlieferungen nicht. Die Exegeten setzen Aussagen zusammen, vergleichen sie und ziehen ihre Schlüsse. Wie ging es los, wie hat Jesus seine Jünger gewonnen, wie ist der modellhafte Weg der Berufung zum Jünger und Apostel?

Bei den Evangelisten Markus, Matthäus und Lukas hat die Predigt Jesu mit der Taufe im Jordan sozusagen einen offiziellen Anfang genommen. Ab diesem Zeitpunkt tritt Jesus öffentlich auf. Dagegen beginnt im Johannesevangelium das Wirken Jesu anscheinend eher zufällig an diesem Ort der Taufe. Johannes der Täufer erkennt von sich aus, welche Bedeutung Jesus hat. Johannes legt ganz offensichtlich aber keinen Widerspruch ein, er scheint sogar damit einverstanden zu sein, dass zwei von seinen Jüngern von ihm weggehen und aus dem Stand heraus ihren Meister wechseln. Zum andern schließt er sich selber Jesus nicht an, obwohl er ihn als Lamm Gottes bezeichnet hatte. Die Aufgabe des Johannes war eine andere. Ab diesem Zeitpunkt ging die persönliche Sendung des Vorläufers zu Ende.

Jesus wiederum scheint eher überrascht zu sein, plötzlich Jünger zu haben. Auf die eher verlegen klingende Frage: Wo wohnst du? lädt Jesus die beiden spontan ein. Er lässt sie an seinem Leben teilhaben. Und er ist an ihnen persönlich interessiert. Von seiner Person geht eine gewisse Begeisterung aus. Die Begegnung mit Jesus muss so etwas wie ein Aha-Erlebnis gewesen sein. Sogar die Zeit, in der sie Jesus begegnet sind, ist in Erinnerung geblieben; es war am Nachmittag um vier Uhr. Seine Gegenwart scheint wohltuend auf die beiden Männer gewirkt zu haben. Sie bleiben einen ganzen Tag bei ihm. Der Vorgang ist bemerkenswert. Vor einer Belehrung, vor einer ersten Predigt steht die praktische Gemeinschaft, die Leben und Zeit miteinander teilt. Das hat auch immer wieder in der Anfangszeit der Christianisierung seine Wirkung gezeigt. Die praktische Gemeinschaft mit Christen, die guten Erfahrungen im Zusammensein und -leben mit ihnen haben manche Landsleute der Judenchristen oder Menschen aus heidnischen Gebieten zum Glauben der Christen geführt.

Einer von den beiden Männern der ersten Stunde ist uns namentlich überliefert. Es ist der spätere Apostel Andreas. Er ist durch das, was er hier erlebt, sofort so fest davon überzeugt, den Messias gefunden zu haben, dass er seinen Bruder Simon für Jesus begeistern kann.

Diese Szene steht an dem geistesgeschichtlichen Wendepunkt des Volkes Israel, an dem der lang ersehnte Messias öffentlich auftritt. Diese Szenerie hat auch den gewissen Zauber des Anfangs in sich und zeigt die Wirkung einer ersten Begeisterung. Spätere Berufungsgeschichten zeigen Menschen, denen eine spontane Nachfolge oder überhaupt ein sich begeistern Lassen viel schwerer fällt oder gar nicht gelingt. Das sehen wir zumindest an den zögerlichen oder abwehrenden Reaktionen z. B. des reichen Jünglings, dem es nicht möglich ist zu tun, was Jesus ihm empfiehlt.

In unserer Zeit gehört zu den Konzepten in der Berufungspastoral und Berufswerbung ein vielfältiges Angebot von "Kloster zum Mitleben" und "Kloster auf Zeit". Auch heute dürfen wir Menschen praktisch erfahren lassen, dass Gott sich für ihn interessiert. Auch mit der Einladung "Komm und sieh!" ahmen wir Jesus in unserer Nachfolge nach. Es bleibt die Frage: Welchen Jesus Christus erleben suchende Menschen in Ordensgemeinschaften? Spüren die Interessenten etwas von Jesus? Wir wünschten, die Erfahrung von dem "Und sie blieben jenen Tag" hätte auch heute eine ähnlich begeisternde Wirkung wie damals bei Andreas, dem Bruder des Simon. Von dem anderen Johannesjünger wissen wir nichts näheres. Es ist ähnlich wie heute. Es sind nie hundert Prozent ganz interessiert und zu begeistern; die Hälfte ist schon sehr viel.

Oder ich stelle mir die Berufung zu einer christlichen Ehe und Familie vor. Die gute Vorbereitung dafür läuft in der Regel in der eigenen Familie. Für manche bräuchte es eine Gastfamilie zum Mitleben, um zu lernen, wie eine christliche Familie heute miteinander lebt. Nicht jeder ist dafür richtig vorbereitet.

Ich stelle mir eine Gemeinde vor mit all ihren Gottesdiensten und liturgischen Feiern und mit all den Aktivitäten das Jahr über. Wer sich dazu einladen lässt, welchen Jesus erlebt und spürt er dort? Bekommt das "Kommt und seht!" eine entsprechend angemessene Antwort? Erleben die eigenen Gemeindemitglieder und dazu die Gäste die lebendige Gegenwart Jesu Christi in dem, was die christliche Gemeinde feiert und tut?

Wie oft hören wir diese Einladung, sicher täglich: Komm und sieh! Kommt und seht! Es gibt viele, die an jedem von uns Interesse haben als Konsument, als Verbraucher, als Zuhörer, Zuschauer oder Mitspieler. Wir lassen uns immer wieder einladen, gerade wenn es billige Schnäppchen gibt. Hingehen und hinschauen gehört zusammen. Das gilt auch für uns als Christen und unsere Kirche. Hingehen, hinschauen, zuhören und zusammen feiern, dann erkenne ich mehr und mehr, wer Jesus für mich ist und was er von mir will.

Zum ernsthaften Nachfolgen und Mitmachen formuliert Bischof Klaus Hemmerle für uns alle, für einen jeden von uns folgendes Weg weisende Wort:

"Der zur Weihnacht geboren wurde, hat nicht auf Probe mit uns gelebt, ist nicht auf Probe für uns gestorben, hat uns nicht auf Probe geliebt. ER ist das JA und sagt das JA, ein ganz unwiderrufliches, göttliches JA zu uns, zur Menschheit, zur Welt. Dieses JA kann uns tragen, kann uns herausreißen aus Vorläufigkeiten, Unsicherheiten, Halbheiten, Vergeblichkeiten. Es will uns begleiten und so befähigen, selber JA zu sein, nicht auf Probe, nicht nur zur Hälfte, nicht als "ja aber"! Mögen wir sein JA erfahren in uns, über uns, um uns. Und mögen andere es erfahren durch uns." Amen.

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5. März 2006
1. Fastensonntag
Versuchung - oder das verlorene Paradies

Mk 1, 12 - 15

Am ersten Fastensonntag wird in vielen Diözesen ein Hirtenwort des Bischofs verlesen. So bleibt das Evangelium dieses Tages vielerorts ohne Auslegung. Das Thema ist ja auch nicht besonders beliebt. Wer redet denn noch von Versuchung außer in mehrdeutigen Witzen. Dabei ist die Erzählung von der Versuchung Jesu in der Wüste nicht ohne Grund an den Beginn der österlichen Bußzeit gestellt. Sie ist nicht nur ein wesentlich theologischer Bestandteil am Anfang des Markusevangeliums, sie wirkt auch wie ein Auftakt der österlichen Bußzeit, in dem bereits das große Ziel aufgezeigt wird, das enthalten ist im österlichen Geheimnis der Auferstehung: das durch die Schuld des Menschen verlorene Paradies, das Jesus, der Messias, wiederherstellen wird.

In der Erzählung von der Taufe Jesu hatte der Evangelist Markus Jesus als den geliebten Sohn Gottes geschildert. Aber nicht nur dafür möchte Markus gleich zu Beginn die Augen öffnen; denn Jesus ist nicht nur der Sohn Gottes. Er ist auch ein neuer, ja d e r neue Mensch überhaupt. Um das auszubreiten und zu erschließen, ist die Erzählung von der Versuchung Jesu in der Wüste vorangestellt.

Wenn wir die Versuchungsgeschichten unseres Evangeliums mit den Schilderungen bei Matthäus und Lukas vergleichen, so sehen wir, dass nur die Zeitangabe übereinstimmt. Die vierzig Tage dürfen wir annehmen als eine von Gott bemessene Zeit; so lange hielt sich Jesus in der Wüste auf. Bedeutende Vorbilder sind Mose und Elija: Mose, der vierzig Tage und Nächte auf dem Berg Sinai bei Gott weilt, Elija, der, gestärkt durch die Speise der Engel, vierzig Tage durch die Wüste zum Gottesberg Horeb wandert. In den anderen Punkten entwirft der Evangelist Markus ein eigenes Bild von diesem Geschehen.

Hier wird uns nicht gesagt, wodurch Jesus versucht wird. Es sieht sogar so aus, als habe sich die eigentliche Versuchungsszene nicht erst am Ende der vierzig Tage ereignet; die Situation der Versuchung scheint sich während der ganzen Zeit abgespielt zu haben. Zugleich wurde Jesus in dieser Zeit von den Engeln bedient. Der Unterschied, der am meisten ins Auge springt, liegt jedoch in dem Satz: "Er lebte bei den wilden Tieren." Diese Bemerkung befindet sich nur im Evangelium nach Markus. Genau diese Worte geben uns den deutlichen und hilfreichen Hinweis, um diese Erzählung richtig zu verstehen: Jesus, der in Gemeinschaft mit den wilden Tieren lebt, von den Engeln bedient und vom Teufel in Versuchung geführt wird: Dieses Szenarium erinnert die Leser an Adam im Paradies.

In einer jüdischen Erzählung über das Leben Adams und Evas aus der Zeit Jesu lesen wir beispielsweise, Adam und Eva hätten nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies neun Tage lang etwas zu essen gesucht. "Aber sie fanden nichts der Art, wie sie im Paradies gehabt hatten, sondern nur tierische Speise. Da sprach Adam zu Eva: Das hat der Herr den Tieren und dem Vieh zur Speise gegeben, wir aber hatten Engelspeise." (Das Leben Adams und Evas 4). Diese Erzählung geht davon aus, dass Adam und Eva bis zum Sündenfall selbstverständlich in Eintracht mit allen Tieren und Geschöpfen gelebt hatten. Eva entgegnet jenem Tier, das ihren Sohn Set bekämpft: "Du böses Tier, fürchtest du dich nicht, Gottes Ebenbild zu bekämpfen? Warum öffnet sich dein Mund? Warum erstarken Deine Zähne?" Da muss sich Eva von diesem Tier folgendes sagen lassen: "Eva, nicht gegen uns richte sich deine Anmaßung und dein Weinen, sondern gegen dich, ist doch die Herrschaft der Tiere erst durch dich entstanden. Warum öffnete sich dein Mund, von dem Baum zu essen, von dem zu essen dir Gott verbot? Dadurch haben sich auch unsere Naturen verwandelt." (Das Leben Adams und Evas 10 f). Die Schuld des Menschen hat sich nach dieser Erzählung auch auf die Tierwelt negativ ausgewirkt und sie verdorben.

Vor dem Sündenfall lebten Menschen, Tiere und Engel in einer großen Gemeinschaft friedlich beisammen. Zur Hoffnung auf den erwarteten Messias gehörte es darum in Israel auch, dass er kommen und diesen paradiesischen Zustand wiederherstellen würde. Der Prophet Jesaja hat im 11. Kapitel diesen Zustand geschildert. Wenn der Reis aus dem Baumstumpf Isais hervorsprießt und der Geist des Herrn sich auf ihm niederlässt, "dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein, Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten ..." (Jes 11, 1ff).

Markus schildert seinen Lesern Jesus in Frieden mit der Schöpfung: "Er lebte bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm." Das bedeutet gleichsam, dass Jesus das Paradies wieder herstellt. Der Geist, der Jesus in die Wüste getrieben hat, hat ihn - in das Paradies gelangen lassen! Und Jesus widersteht der Versuchung, das Paradies leichtfertig aufs neue zu verspielen, indem er nicht auf andere Kräfte hört, sondern nur auf seinen Vater im Himmel. Das ist die eigentliche Versuchung, die Jesus bestanden hat.

Das sollen wir als Leser wissen, bevor wir im Markusevangelium weiter lesen und hören, was und wie Jesus gewirkt hat: Jesus ist Gottes geliebter Sohn, dem Gott selbst den Weg bereitet hat. Und in Jesus begegnet uns der neue Mensch. In seiner Gemeinschaft findet die Schöpfung zum wahren Frieden.

Wenn wir das bedenken, erahnen wir bereits, was die christliche Basis der Vorbereitung auf das Osterfest ist: Es ist ein sich Einlassen und ein Gehen mit Jesus und seinen Gedanken und seinen Wegweisungen. Nur mit ihm kann ich einen Weg im Einklang mit meinen Mitmenschen und mit den Mitgeschöpfen gehen, um das verlorene Ziel im Auge zu haben und zu erreichen. Hinter der Versuchung steht das verlorene Paradies. -

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23. April 2006
Zum Weißen Sonntag

1 Joh 5, 1-6; Joh 20, 19 – 31

Es gibt viele engagierte Leute, die gerne Osterkerzen basteln, für sich selber zur Feier der Osternacht oder eine große Osterkerze für ihre Kirche. Manche übersehen im Eifer ihres künstlerischen Schaffens etwas ganz Wesentliches. Es hat zu tun mit unserem Abschnitt des Evangeliums aus Johannes: mit dem Wiedererkennungseffekt. Der auferstandene Herr erscheint vor dem Jüngerkreis. Das überliefern uns alle Evangelisten. Die Schar der Jünger erweckt zunächst den Eindruck eines kleinen verängstigten und von der Welt abgeschlossenen Häufchens. Es ist herrenlos und verwaist. Und darum wirkt das überraschende Erscheinen Jesu wie ein Aufbrechen dieser Isolation und der Furcht. Wie der Frühling den frostigen Boden durchbricht, so löst der auferstandene Herr den in sich erstarrten Kreis der Versammelten. Die Angst der Jünger verwandelt sich in Freude, als Jesus sich zu erkennen gibt. Es ist durchaus erstaunlich, dass die Jünger hier und in vielen anderen Szenen verschiedene Vertraute Jesus nicht sofort wieder erkennen, als er sich ihnen zeigt. Er aber lässt sie hier seine durchbohrten Hände und seine durchstochene Seite sehen. Beim Evangelisten Lukas zeigt er auch die Füße. Sie sind gleichsam das Identifikations- und Erkennungszeichen, das Prägezeichen und der Stempel. Damit besiegelt Jesus seinen Anspruch, den er in diese Welt mitgebracht hat. Der jetzt in einer neuen Weise vor ihnen steht, ist der gleiche, der zuvor gelitten hat. Aber er ist nicht mehr derselbe, er ist in verklärter Leiblichkeit anwesend.

Daraus werden uns zwei Dinge deutlich: Die Wundmale sind quasi das Wasserzeichen seiner Echtheit. An ihnen erkennt man den auferstandenen Herrn. Darum sollten diese wichtigen Zeichen der Wundmale auch an der Osterkerze nicht fehlen. Schließlich wird sie feierlich am Osterfeuer entzündet und in die Osternachtsliturgie hineingetragen. Mit dem Licht der Osterkerze wird die Liturgie festlich eröffnet. Das Licht steht stellvertretend für den Auferstandenen, der zuvor für uns gelitten hat. Darum sind der Gekreuzigte und der Auferstandene auch in unserer Verkündigung nicht auseinander zu dividieren. Wir dürfen in der Predigt nicht nur den Auferstandenen oder nur den Gekreuzigten erwarten ohne bleibenden Bezug zueinander. Eine Einseitigkeit ohne echten Bezug auf den anderen taucht vom Anfang des Christentums an auf. Das ersehen wir z. B. aus dem ersten Johannesbrief. Der Schreiber stellt Jesus als den Sohn Gottes heraus. Mit dem Glauben an ihn verändert sich unser Verhältnis zum Nächsten. Denn auch die Welt ist zweifach besiegelt: durch das Wasser der Taufe und durch das Blut, das für uns geflossen ist auf Jesu Leidens- und Kreuzweg.

Wie an der Osterkerze vergessen wir bisweilen die Wundmale des Lebens. Sie gehören zu unserer Erfahrung. Wir denken am liebsten nur an das Schöne und Gute. Jeder darf froh sein, wenn er etwas Schweres überstanden hat. Aber mit einem gewissen Abstand erkennen wir, dass gerade das Durchstehen des Leidens uns reicher gemacht hat, vielleicht auch reifer im Urteil über das Leben. Zum Leben als Christ gehört nicht nur das Osterhalleluja, es gehören auch die Wundmale dazu. Zu dem, was unser Leben tiefer und intensiver macht, gehört das verwandelte und verklärte Schwere dazu. Was mag das bei jedem einzelnen sein, wenn wir einmal näher hinschauen und nachdenken. Die Jünger erhalten hier einen Auftrag. Auch er hat ein wesentliches Merkmal: er hat ein Vorbild und einen Grund. Diesem Vorbild soll der Auftrag entsprechen: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch, sagt Jesus. Das wird bedeuten, das sowohl der Zweck und das Ziel als auch die Art und Weise, wie die Jünger diese Sendung ausführen, dem entsprechen, wie Jesus seine Sendung in diese Welt ausgeführt hat.

Der Maßstab für das Leben und Handeln als Christ ist Jesus Christus selbst. Der Gesandte repräsentiert den, der ihn sendet, und nicht sich selbst. Die Jünger also sollen von jetzt an den auferstandenen Gekreuzigten vergegenwärtigen. An denen, die in der Kirche in den verschiedenen Ämtern ausgesendet sind, soll man Jesus erkennen, in dessen Auftrag sie leben und handeln. An alen Christen, die auf Jesus, den gestorbenen und auferstandenen getauft sind, soll man Jesus erkennen. Sein Wasserzeichen sind die verklärten Wundmale.

Am ersten Fastensonntag war in Jesus, der in der Wüste in Gemeinschaft mit den Geschöpfen lebte, die Schöpfung zum wahren Frieden gekommen. Hier in der Begegnung mit dem Auferstandenen geht der Sendung der Jünger der Friedenswunsch voraus. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch. Auch das bedeutet eine Entsprechung. Friede meint hier: die Gegensätze Leiden und Freude sind in Jesus verbunden und integriert, in einem verwandelten Menschen, der wirklich den inneren Frieden bringen kann.

In unserer Welt tun sich Leute schwer, das echt Christliche wieder zu erkennen. Menschen kommen mit weltanschaulichen Richtungen und Lehren in Berührung und sind sich nicht im klaren darüber, ob diese mit dem christlichen Glauben noch etwas zu tun haben oder damit vereinbar sind. Der Wiedererkenungseffekt beinhaltet immer wieder beides: ertragenes Leid und tiefe Freude aus dem wiedererlangten Leben. Mit beidem ist der auferstandene Herr innerlich verbunden. – Amen.

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11. Juni 2006
Lobpreis und Segen des Dreifaltigen Gottes

Mt 28, 16 -2

Viele unserer Gebete beginnen mit einem Dank und einem Lobpreis. In der Heiligen Messe oder beim kirchlichen Stundengebet ist das in der Regel der Fall, oft auch im persönlichen Gebet des einzelnen. Ein Beispiel eines Preisgebetes möchte ich uns vorstellen:

"Preis sei dir, o Herr, der du uns von Anbeginn in deiner Freiheit erschaffen hast.
Preis sei dir, o Herr, der du uns zu deinem lebendigen Ebenbild berufen hast.
Preis sei dir, o Herr, der du uns geadelt hast mit den Gaben der Freiheit und Vernunft.
Preis sei dir, du gerechter Vater, der du uns durch die Liebe besitzen wolltest.
Preis sei dir, allheiliger Sohn, der du unseren Leib angenommen hast, um uns zu retten.
Preis sei dir, Geist des Lebens, der du uns mit deinen Gaben beschenktest.
Jeder Mund soll dich loben, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Von den Höhen herab bis zu den Tiefen sei Preis der Dreifaltigkeit durch Zeit und Ewigkeit."

Dieses Lobpreisgebet ist fast eintausend Jahre alt und stammt von Symeon, dem Theologen. Gestorben ist er im Jahre 1022. Die letzten Worte erinnern uns an das Gebet vor dem Entzünden der Osterkerze am Osterfeuer in der heiligen Osternacht. Dort hat der Zelebrant der Osterliturgie von Christus, dem auferstandenen Herrn und lebendigen Gott, verkündet: Er ist Anfang und Ende, Alpha und Omega. Sein ist die Zeit und die Ewigkeit. - Der Gott der Bibel ist der Herr der Zeit. Jesus ist eins mit ihm.

Jeder Lobpreis ist erst vollständig und umfassend, wenn er dem dreifaltigen Gott gilt. Der Sonntag nach Pfingsten, der Dreifaltigkeitssonntag, ist in besonderer Weise dem einen Gott in drei Personen gewidmet. Der Gott der Bibel ist der Gott der Geschichte mit den Menschen. Gott schafft die Gemeinschaft und sucht sie von Anbeginn der Schöpfung an; er sucht sie so sehr, dass er selber nicht anders zu denken ist als eine vollkommene Gemeinschaft in sich.

Dieses Zusammen des Sohnes mit dem Vater bestätigt Matthäus am Ende seines Evangeliums. Die Auferweckung Jesu ist nicht ein privates Ereignis gewesen zwischen Gott dem Vater und Gott dem Sohn. Als Gott Jesus von den Toten auferweckte, hat sich das Wort des Psalmisten erfüllt, dass Jesus sich auf die Einladung Gottes ihm zur Rechten gesetzt hat - und dass alles ihm zu Füssen gelegt wurde (Psalm 110,1). Das heißt nichts anderes, als dass Jesus zum Herrn der ganzen Welt eingesetzt ist, von den Höhen bis zu den Tiefen und über die Guten und auch über alle und alles, was sich gegen ihn stellt. Dieser Jesus ist der Herr der Welt, der "auf dem Berg" begonnen hat, der davon gesprochen hat, dass es auf dem Weg zum Himmelreich anders gerecht zugehen muss als in der Welt sonst; der nichts anderes im Sinn hatte und für den es nichts wichtigeres gab, als den Willen des himmlischen Vaters zu erfüllen; der es nicht ausgehalten hat, sich nur allein um die Menschen zu kümmern, die wie verlorene Schafe ohne Hirten waren; der deshalb seine zwölf Jünger in Pflicht genommen und hinaus gesandt hat, um zu sagen: Das Himmelreich ist greifbar nahe, es hat schon unter euch begonnen. Der den Jüngern zutraut, dass sie noch größere Werke vollbringen als er selbst.

Bevor Christus, der Auferstandene, zu seinem Vater heimkehrt, beruft er deshalb die Jünger, sein Werk fortzusetzen. Die Apostel sollten den Menschen aus allen Völkern und Nationen die Tür öffnen und den Weg frei machen für die Gemeinschaft mit Gott. Denn seine Geschichte war mit seiner Auferweckung und Erhöhung zum Herrn dieser Welt an kein Ende gekommen. Im Gegenteil, sie hatte mit der Sendung des Heiligen Geistes aufs neue und in einer nun intensiveren Weise wie neu begonnen - die Geschichte des Immanuel, des "Gott-mit-uns".

Wenn wir hineingetauft sind in den dreifaltigen Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, dann sind wir eingetaucht in die Fülle Gottes und alle Möglichkeiten, die Jesus hat; denn er ist das Haupt, er hat das Sagen im Himmel und auf Erden, in deinem und meinem Leben.

Immer wieder erkennen Menschen die überfließenden Möglichkeiten Gottes in seiner Welt und Schöpfung. Der verstorbene brasilianische Bischof Dom Helder Camara hat es in ein Gebet gefasst: "Herr, herrscht nicht große Verschwendung in der Schöpfung? Die Früchte wiegen nicht auf, was an Samen verloren geht. Die Quellen versprudeln Wasser im Überfluss. Die Sonne strahlt Fluten des Lichtes aus. Möge doch deine Großherzigkeit mich lehren, was Seelengröße ist. Möge deine Freigebigkeit mich davor bewahren, knausrig zu sein. Damit ich, wenn ich so sehe, welche offene Hand du hast, wie generös und gut du bist, auch meinerseits gebe, ohne zu messen, wie ein Sohn, wie eine Tochter Gottes."

Jede Fülle des Segens kommt aus dem Dreifaltigen Gott. Ich schließe mit einem Segensgebet des bekannten Schweizer Kapuziners Anton Rotzetter. Damit erbitte ich allen Lesern mit ihren Angehörigen und Freunden den Segen Gottes:

Ich segne dich
Der Vater erfülle dich mit Liebe. Du sollst sie erfahren hier und jetzt.
Der Sohn erfülle dich mit Leben. Du sollst leben hier und jetzt.
Der Heilige Geist erfülle dich mit Kraft. Du sollst stark sein hier und jetzt. - Amen

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30. Juli 2006
17. Sonntag im Jahreskreis
Brot - das überragende Zeichen
Mt 28, 16 - 20

Am ehemaligen Franziskanerkloster in Ingolstadt, dem jetzigen Konvent der Kapuziner, hat sich seit einigen Jahren die Ingolstädter Tafel etabliert. Wöchentlich werden überschüssige Lebensmittel angeliefert, im Kreuzgang und anliegenden Räumen sortiert, gekühlt und bereit gemacht für die Verteilung unter bedürftigen Leuten. Es kommen an den zwei Tagen der Ausgabe in etwa fünfhundert Personen.

Hier trifft sich die Wohlstands- und Überflussgesellschaft mit einer Form der Grundbedürftigkeit, es verbindet sich hoch technisierte Lebensmittelproduktion mit dem engagierten sozialen Einsatz zahlreicher Ehrenamtlicher. Gegensätze werden sehr deutlich. Einem Warenüberschuss steht eine gewisse finanzielle Not gegenüber, die durch die Lebensmittelspenden ein wenig gelindert wird. Die Verantwortlichen sind sich freilich dessen bewusst, dass es notwendig ist, im Grad der Bedürftigkeit zu unterscheiden. Und sie wissen, es gibt wie überall einige schwarze Schafe, die das Angebot der Tafel ausnützen.

Diese Einrichtung der Tafel ist ein Zeichen unserer Zeit. Überproduktion auf der einen und ungleiche Verteilung auf der anderen Seite, weil es nach wie vor eine unlösbare Aufgabe bleibt, gerechte Arbeits- und Lebensbedingungen für alle zu schaffen.

Die Vermehrung des Brotes als Symbol des Lebensunterhaltes ist so wichtig, dass es in den Evangelien insgesamt sechsmal überliefert ist. Die Speisung der vielen tausend Menschen im Johannesevangelium ist das Zeichen, nach dessen Bedeutung wir näher fragen müssen. Die Stillung des Hungers hat eine sozialpolitische Komponente. Liebe und Macht gehen damals wie heute durch den Magen. Die nichts oder zu wenig zum Beißen haben, spielen zu allen Zeiten eine gewisse Schlüsselrolle in der Entwicklung einer Gesellschaft. Sie stellen bisweilen das schlechte Gewissen dar für die Reichen eines Landes oder für die Politiker. Sie können politisch gesehen das Zünglein an der Waage ausmachen. Man muss es nicht gleich so krass ausdrücken wie ein Bert Brecht in einem Refrain in seiner Dreigroschenoper: "Zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Moral." Die Stillung des Hungers, die Sorge für die grundlegenden Bedürfnisse der Menschen ist eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass wir uns überhaupt um die so genannten höheren Werte kümmern und auch um das Wort Gottes annehmen können. Und sie ist auch Bedingung dafür, dass Politik in Frieden gemacht werden kann. Das gilt auch für Bevölkerungspolitik. Wenn ich z. B. gegen Abtreibung bin oder sogar öffentlich dagegen anbete, muss ich zu allererst die wirtschaftlichen Voraussetzungen dafür schaffen, dass Kinder etwas zu essen haben.

Jesus durchschaut die Menschen und erkennt den Grund, warum sie ihn zu ihrem König machen wollen: "Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid." Später wird sich - wie in der Passion Jesu - das rein politische Verständnis seiner Sendung als Missverständnis erweisen. Menschen können das Zeichen nicht deuten und wer und was dahinter steht. Sie bleiben bei den Grundbedürfnissen stehen.

Manche sagen, den Menschen, die zur Einrichtung der Tafel kommen, wird die Hilfe zu leicht gemacht. Andere regen sich darüber auf, dass überhaupt zu viele Lebensmittel verderben und weggeworfen werden. Aber jeder weiß, was hier geschieht, ist ein zeichenhaftes Handeln, das Menschen setzen, die wissen: es müsste eigentlich noch etwas anderes verändert werden an einer nicht zufrieden stellenden Situation.

Im Zeichen - so nennt der Evangelist Johannes das Wunder - werden einige Dinge noch einmal verdeutlicht: Bei Johannes ist Jesus die beherrschende Gestalt. Er ist der souveräne Herr der Situation. Gleich zu Beginn ergreift er die Initiative. Seine Frage an Philippus ist nur eine Testfrage. Er selber weiß, was er tun will. Im Unterschied zu den drei Synoptikern Markus, Matthäus und Lukas teilt Jesus hier bei Johannes selber die Brote und die Fische aus. Am Schluss weist er die Jünger an, die übrig gebliebenen Brotstücke einzusammeln. Jesus beherrscht das ganze Geschehen vom Anfang bis zum Schluss.

Jesus will es den Menschen nicht zu leicht machen, will sie nicht abspeisen und er will auch nicht missverstanden werden. Er nimmt den Hunger der Menschenmasse ernst, aber er macht ihnen auch klar, dass es nicht ausreicht, satt zu werden, weil das Reich Gottes nicht zuerst in Essen und Trinken besteht. Etwas später weist Jesus uns deutlich darauf hin, wir sollten nicht bei der Sorge um das tägliche Brot stehen bleiben, so notwendig diese Sorge auch sein mag. "Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird."

Das Zeichen, das er setzt, will also weit mehr sagen. Frühe Kommentare sehen in den Zahlen fünf und zwei einen Hinweis auf das Wort Gottes, von dem wir leben. Die fünf Brote deuten auf die fünf Bücher Mose hin, die zwei Fische auf die zwei Teile der Bibel entsprechend dem Verständnis zur Zeit Jesu: das Gesetz und die Propheten. Jesus zeigt sich hier als Herr über das Gesetz des Mose, er erfüllt es und löst in seiner Person ein, was die Propheten angedeutet hatten. In Jesus zeigt sich Gott als der Brötchengeber, er ist der Erhalter des Lebens in allen Lagen. Davon dürfen wir stets ausgehen.

Das Zeichen der Brotvermehrung und der Speisung so vieler Menschen ist zugleich ein Vorausbild für das Abendmahl; in ihm gibt er sich selber. In seinem Zeichen wird das unmöglich Scheinende möglich: er teilt sich und wird im Brot gebrochen für alle Menschen zu allen Zeiten. Ja, es wird hineinführen als Speise in das ewige Leben. Hier in dieser Welt will das Zeichen aussagen: in einer Gemeinde, die sich zu Jesus bekennt, darf es keine Unterschiede geben zwischen Satten und Hungernden, zwischen Reichen und Darbenden. Es dürfte sie nicht geben. -

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17. September 2006
24. Sontag im Jahreskreis
Unser Gottesbild. Oder: Für wen halte ich Jesus?

Jak 2, 14-18; Mk 8, 27-35

Auf der diesjährigen Etappe "meines" Jakobusweges durch Frankreich musste ich sechs Tage lang pausieren. Es war eine harte Erfahrung; ich hatte damit nicht gerechnet. Die schmerzhafte Sehnenscheidenentzündung verbunden mit einer starken Schwellung am linken Fußrist zwang mich dazu. Ich war zu weit gegangen, hatte mit der Länge der Tagesetappen spürbar übertrieben und so die Entzündung provoziert. Mein unfreiwilliger Aufenthaltsort war Estaing, bekannt als Geburtsort des ehemaligen französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d`Estaing. Die "Hospitalité Saint-Jaques", eine kleine geistliche Laiengemeinschaft, beherbergte mich dankenswerterweise in ihrem Pilgerhospiz, bis ich weitergehen konnte.

Die sechzehn Betten im Schlafsaal der Pilgerherberge waren täglich belegt. Ich sah die Jakobuspilger kommen und gehen; selber aber war ich zum Bleiben verurteilt. Ich kam mit Pilgern ins Gespräch, so weit es die Sprachkenntnisse erlaubten; denn die allermeisten waren Franzosen, die mit Fremdsprachen nicht allzu sehr beschlagen waren.

Da war z. B. eine nette junge Kanadierin aus Quebec, die fließend französisch und englisch sprach. Da sie nicht zu den im Haus angebotenen Gebetszeiten kam, fragte ich sie, ob sie katholisch sei. "Yes, I am, but ... Ja schon, aber ... !" Da war ich gespannt, was jetzt wohl kommt. Sie glaube eher an Gott als eine "great energy", eine gewaltige Energie, die die Welt bewegt und den Menschen antreibt. Und das wichtigste sei, dass ich dem anderen gut begegne und Gutes tue und auch zu mir selber gut sei. Sie brauche dazu die Kirche nicht. Überhaupt, die Hierarchie und die reiche Kirche, das sei etwas, was sie eher hasse. Und die Bibel sei ein von Menschen geschriebenes Werk. Was Gott von ihr erwarte, das könne sie selber erkennen.

Natürlich musste ich einwenden, dass Gott sich den Menschen immer wieder gezeigt hat, dass es eine göttliche Offenbarung gibt, die deutlich macht, was Gott dem Menschen anbietet, was er von ihm erwartet und wohin er den einzelnen Menschen und die Menschheit führen will. Und dass es in der Geschichte eine letzte Äußerung Gottes in Jesus von Nazaret gibt ... usw. usf.!

Ich erzählte ihr von der großartigen Aussage, die unser Papst Benedikt XVI. noch als Kardinal getan hatte. Joseph Kardinal Ratzinger war gefragt worden, wie viele Wege es zu Gott gäbe. Er hatte geantwortet: So viele, wie es Menschen gibt. - Es ist wahr: Jeder Mensch geht seinen ganz persönlichen Weg zu und mit Gott; dafür gibt es keine Stellvertretung. Aber kein Mensch braucht den christlichen Gott noch einmal neu erfinden. Zugleich ist jeder Gläubige gehalten, für sich die Frage zu beantworten: Wie schaut mein Gott der Christenheit für mich aus? Und wer ist Jesus für mich? Für wen halte ich ihn? Wie erfahre ich ihn in meinem Glauben? Wie gehe ich auf ihn zu? Und wie spreche ich mit ihm? Wie bete ich also?

Petrus war ein guter Schüler und wirkte in dem Gespräch mit Jesus als Schlüsselfigur. Er hatte erkannt, dass Jesus der Messias ist, auf den das Volk Israel seit Jahrhunderten wartete. Das Bild des Messias lag in der allgemeinen Erwartung der Zeit, hatte sich aber immer wieder leicht verändert. Wenn Petrus oder irgendein anderer in seinem Volk Jesus als "Messias" bezeichnete, dann bedeutete das für ihn: "Du bist der, der in Gottes Auftrag unserem Volk das Heil bringen soll. Durch dich sollen wir hier jenen Zustand erlangen, indem wir in Frieden nach Gottes Willen leben können." Mit dem Messias wird also eine Art Gottesfriede für das Volk erwartet. Jesus verbindet den Begriff Messias mit der Bezeichnung "Menschensohn". Bei all den verschiedenen Bedeutungen dieses Wortes damals und bei allem unterschiedlichen Verständnis heute können wir festhalten: Überall dort, wo uns der Ausdruck "Menschensohn" für Jesus begegnet, sollen wir auf die Würde aufmerksam gemacht werden, die Jesus als dem zukommt, durch den Gott sein Reich aufrichten und sein Gericht halten will.

Und Jesus sollte dieses große Ziel nur über das Leiden erreichen können? Als Leidenden konnte Petrus sich Jesus wirklich nicht vorstellen. Entsprechend reagiert er. So kommt es zu einer sehr deutlichen Korrektur von Seiten Jesu an seinem besten Schüler. "Geh mir aus den Augen." Die Übersetzung in der Einheitsausgabe verfälscht den Sinn. Denn damit will Jesus nicht sagen: Ich kann dich nicht mehr sehen, geh weg, sondern Jesus ruft zur Nachfolge: Hinter mich, geh hinter mir her, folge mir nach! Und reihe dich ein in meine Gedankengänge.

Angesichts vieler einseitiger Vorstellungen und Bilder von Jesus in der heutigen Zeit wäre eine derartige Orientierung, ein solcher Ruf zur Nachfolge für viele wohl eine Hilfestellung. Es würde ihnen den richtigen Standort und Standpunkt zuweisen und eine Gehhilfe an die Hand geben, wenn sie immer wieder versucht sind, sich vor Jesus hinzustellen und ihm mit recht einseitigen Wünschen oder unausgeglichenen Vorstellungen zu kommen.

Die junge Kanadierin auf dem Jakobsweg hatte von den guten Werken gesprochen. Der Schreiber des Jakobusbriefes fordert ebenfalls dazu auf; denn der Glaube allein kann den Menschen nicht retten. Glaube muss sichtbar werden, nicht allein am Sonntag für eine Stunde in der Kirchenbank. Er soll unser Leben durchziehen wie der rote Faden die Kriminalgeschichte. Zugleich sind gute Taten von dem Glauben an ein klares Gottesbild getragen.

Das Gespräch mit der kanadischen Jakobspilgerin ist ein Stück weit symptomatisch für unsere Zeit und ihre einseitigen Gottesbilder und eine zusammen gewürfelte Religion. Wir leben in einem Zeitalter eines sehr stark ausgeprägten Individualismus. Der emanzipierte Mensch nimmt sich die Freiheit, seinen Gott quasi neu zu erfinden und sich sein Gottesbild und seinen Glauben daran zusammenzubasteln; dabei vermischt er Teile der christlichen Lehre mit gefälligen Elementen aus anderen Religionen und Weltanschauungen - ganz nach Belieben und je nach persönlichen Erfahrungen. Dieses zusammengetragene Wissen und Meinen wird für sich selbst bestätigt mit den Worten: Für mich ist das so passend und es ist gut für mich. Natürlich tut sich jeder von uns schwer, sich Gott als den Leidenden vorzustellen, genauso wie es uns stets neu gegen den Strich geht, den Menschen als Leidenden zu erleben oder selber in Krankheit und Leid zu geraten.

Aber wenn wir uns zu Jesus als dem Christus bekennen, schließt dies auch das Bekenntnis zu einem ganz bestimmten Weg zum Wohl dieser unserer Welt ein. Ungezählte Menschen haben beim Pastoralbesuch unseres Papstes in seiner Heimat miterleben dürfen, wie sehr er uns bei der Hand genommen hat und uns gleichsam vorsichtig wie eine Mutter herangeführt hat an das, was Jesus und mit ihm Gott selber für das Menschsein des Menschen bedeutet. Eines der interessantesten Worte unseres Papstes für mich findet sich in der Predigt beim Gottesdienst in München: "Das Kreuz ist die Rache Gottes." Es durchkreuzt unsere Vorstellungen, es entmachtet die Gewalt. Gott lässt sich auf die Liebe festlegen und er verpflichtet auch uns zur Liebe. Wer mit ihm gehen will, wird es zulassen, dass seine eigenen Vorstellungen von Leben und Lebensbewältigung immer wieder durchkreuzt werden. Manchmal ist das nur eine auf einem gut geplanten Pilgerweg krankheitsbedingte Zwangspause. Ich hatte gemeint, viel Zeit zu verlieren. Aber endlich konnte ich mich einmal richtig ausruhen. -

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05. November 2006
31. Sontag im Jahreskreis
Mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele ... Dtn 6, 2-6; Mk 12, 28 b - 34

Wir haben mit unserer Jugend im Kloster ein kleines Oktoberfest gefeiert. Dazu gehören natürlich Herzen. Mit großem Eifer haben einige Mädchen und Burschen zusammen mit unserer Köchin Lebkuchenherzen gebacken. Die Herzen in allen Größen wurden sorgfältig beschriftet. Möglichst jede und jeder der bei unserem herbstlichen Fest mitmachen würde, sollte ein Herz bekommen. Und die Aufschrift sollte zum einzelnen passen. Namen und Prädikate wechselten sich ab. Da stand der "Sepp" für den typischen Bayern, der "Oberbayer", das war der, der im bayerischen Sprachtest am besten abschnitt, da gab es den "Hacklkönig" als Preis für den besten Fingerhackler und natürlich das "Miss Dirndl" für das fescheste Dirndl samt Gewand. Was auf dem Herzen eingeschrieben stand, das sollte ein Stück vom "bayerischen Wesen" ausdrücken, das den einzelnen ausmacht.

In der Lesung zum einunddreißigsten Sonntag im Jahreskreis aus dem Buch Deuteronomium lese ich: "Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen." Das Oktoberfestherz gibt mir tatsächlich eine Verstehenshilfe zu dieser bildlichen Sprache, ohne zuerst nachzudenken, was das Herz für den alten Israeliten bedeutet hat. - Es geht hier also noch um mehr als "Hand aufs Herz". Die Hand legen wir aufs Herz, wenn wir eine eidesstattliche Erklärung abgeben oder einen Schwur leisten. Was wir sagen und beeiden, soll ein Verstandeswort und ein Herzenswort zugleich sein. Hier in der Lesung geht es noch um mehr. Das Wort soll auf das Herz geschrieben werden, eingraviert oder tätowiert werden. Die Worte sollen nicht nur unter die Haut gehen, sie sollen bis auf die Herzhaut reichen. Dann erst kann der einzelne Mensch sie richtig "beherzigen". Erst das Beherzigen der Lebensworte, der Zehn Gebote ist der Weg, der zu Leben und Wohlergehen führt. Das sich zu Herzen nehmen der Lebensregeln ist die Grundlage für das rechte und gute Handeln des Menschen.

Die verheißungsvolle Rede vom "Land, wo Milch und Honig fließen", bringt diese Hoffnung auf Wohlstand und friedliches Zusammenleben sinnenfällig zum Ausdruck. Israel lässt sich auf dieses göttliche Wort verpflichten, weil Gott der Eine und Einzige ist. Weil er der Eine und Einzige ist, darum soll Israel sich nicht teilweise und nicht von Fall zu Fall und erst recht nicht halbherzig mit Gott beschäftigen, sondern es soll sich ganz an seinen Gott binden. Dabei geht es nicht nur um Israel als Volksgemeinschaft, sondern es geht um jeden und jede einzelne Person. Jeden Menschen bittet Gott um sein Jawort.

Natürlich kennt Jesus dieses Grundwissen seines Volkes. Jeder Israelit bekommt dieses Wissen vom Herzen und der Seele, vom Verstand und von der ganzen Kraft sozusagen fast mit der Muttermilch einverleibt. Und darum ist diese Fangfrage des Schriftgelehrten eigentlich so gar nicht recht zu verstehen. Für Jesus und seinen schriftgelehrten Gesprächspartner - unser Papst Benedikt hat diese Leute einmal die "gebildeten Herrn von damals" genannt - schlägt hier das Herz der Bibel. Dieses biblische Herz sollte auch in uns schlagen, wenn wir nach den wichtigen oder gar den wichtigsten Dingen in unserem Leben fragen und eine fundierte Antworten suchen. Ohne in der Heiligen Schrift nachzumeditieren, bekommen wir nicht den richtigen Blickwinkel. Beim Bibelteilen wird mir immer wieder deutlich, wie das biblisch orientierte Herz Menschen in ihrem Fühlen und Denken prägt.

Gott will auch von uns als gläubigen Menschen und als Christen, dass wir unsere Liebe zu ihm nicht aufteilen zwischen ihm und anderen Göttern und Götzen, an die wir unser Herz und viel Zeit und Geld hängen. Gott lieben heißt, hier und jetzt nach dem fragen, was er von mir erwartet, nicht nur am Sonntag und nicht erst in der Zeit der Rente. Gott lieben heißt, ihm treu sein, in dem, was ich als Christ tue. Zu dieser Priorität setzt Jesus noch etwas dazu. Er stellt es gleichwertig daneben. Die Zuwendung zu meinem Bruder und meiner Schwester steht für Jesus auf einer Stufe mit der Liebe zu Gott. Gott ist nicht der Nächste und der Nächste ist nicht Gott, aber die Liebe zum einen und die Liebe zum andern dürfen nicht auseinander gerissen werden.

Die Liebe ist darum das Erkennungszeichen des Christen. Das soll es tatsächlich noch geben. Eine junge Frau kommt in einen unserer Kreise im Kloster. Sie ist nicht katholisch. Sie erzählt, wie sie auf die katholische Kirche gestoßen sei. Sie sei in ein Frauenkloster gekommen. Eine Ordensfrau hat sie sehr herzlich und verständnisvoll aufgenommen. Durch diese Schwester und ihre liebevolle Art hat sie den Weg zur Kirche gefunden. Und darum sei sie hier. Durch diese Erfahrung ist sie sensibel geworden für das Wesentliche der Kirche: die Liebe.

Papst Benedikt schreibt in seiner ersten Enzyklika "Deus Caritas est": "In seinem Hymnus auf die Liebe lehrt uns der heilige Paulus (1 Korinther 13), dass Liebe immer mehr ist als bloße Aktion: `Wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts` (Vers 3). Dieser Hymnus muss die Magna Charta allen kirchlichen Dienens sein. ... Ich muss dem andern nicht nur etwas von mir, sondern mich selbst geben, als Person darin anwesend sein."

Aber vor diesem Doppelgebot steht noch ein anderes Wort: Das "Höre, Israel!" Das "Sh`ema Israel!" Das Hören ist eine Voraussetzung dafür, die Gebote überhaupt halten zu können. Dieses Hören ist ein Dreifaches: ein biologisches Hören, ein Hören mit dem Verstand, aber noch viel mehr ein Hören mit dem Herzen.

Der neu ernannte Bischof von Eichstätt, Abt Gregor Maria Hanke von Plankstetten, hat es in einem der ersten Interviews aus der benediktinischen Ordensregel zitiert. Auch dort kommt im Geist des heiligen Benedikt das Hören zuerst. "Höre, mein Sohn!" So wolle auch er als Bischof von Eichstätt seinen Dienst antreten und zuerst auf die Menschen hören, die ihm als neuem Oberhirten anvertraut sein werden.

"Mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft." Und wenn man dann ins Lebkuchenherz herzhaft hinein beißt und das darauf geschriebene Wort sich einverleibt, dann weiß man auch, was man ist. Wir Bayern dürften uns eigentlich ganz leicht damit tun, das wichtigste Gebot zu verstehen, so richtig ganzheitlich, wie wir das heute immer betonen. Amen.

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25. Dezember 2006
Weihnachten
Mitten unter uns Menschen Tit 2, 11-14; Lk 2, 1-14

Mehrere Male habe ich es in meinem Leben erfahren, das Hineingeschicktwerden mitten in ein breites Arbeitsfeld mit vielfältigen Beziehungen. Aber in diesem Jahr hat dieses Mitten hinein noch einmal eine andere Qualität und Dichte bekommen: Anfang diesen Jahres bin geschickt worden in ein altes Kloster und zur Seelsorge an eine über 730jährige Kirche mit einer reichhaltigen spirituellen Geschichte des Franziskanerordens. Ein buntes Volk von Gruppen arbeitet in und um diesen Lebensbereich mit und engagiert sich mit großem Einsatz. Das Ganze findet sich in einer aufstrebenden, sich derzeit rasch entwickelnden Großstadt.

Mitten hinein in diese Geschichte sind wir Kapuziner eingetaucht als Vertreter des letzten und wohl stärksten Reformzweiges der Franziskaner. Selten in meinem Leben habe ich dieses "mitten hinein" so intensiv und interessant empfunden: in eine fremde Umgebung mit vielen unbekannten Gesichtern, mit festen Gewohnheiten und zugleich mit Menschen voller Ideen, mit konservativen und progressiven Kirchenbesuchern, mit einem breiten kulturellen Angebot, mit Armen und Reichen, mit verschiedenen ethnischen Gruppen in der Stadt, mit einem großen Anteil von Bürgern mit "Migrationshintergrund", mit einem starken Anteil islamischer Bevölkerung. In dieser veränderten Situation und bunten Welt lese ich das Evangelium von der Heiligen Nacht zuerst mit der Frage, was die Geburt des Kindes damals bedeutete und dann mit der Frage, was sie uns heute mitten in dieser unserer Welt sagt?

Damals vor zweitausend Jahren ließ sich der römische Kaiser vor allem im Osten des großrömischen Reiches als "göttlicher Augustus" verehren. Der römische Dichter Vergil besingt den Kaiser als Friedensfürsten. Das ist ein heilsgeschichtlich gesehen bedeutsamer Anspruch, den sich der römische Imperator anmaßt und ihn auf gotteslästerliche Weise emporhebt. Dem setzt der Evangelist Lukas ein anderes Ereignis gegenüber: die Geburt des Kindes, das mitten hineintaucht in diese politisierte Welt. Die armseligen Umstände dieser Geburt sind die Folgen der römischen Expansionspolitik. Rom lässt die Volkszählung durchführen, um die unterworfenen Völker noch systematischer ausbeuten zu können. Während der hoch gelobte Kaiser Augustus und seine Ideologen sich die Sicherung des "weltweiten" Friedens selber anrechnen, zeigt der römische Friede ein hässliches Gesicht - und das ist leider bis heute an zu vielen Orten dieser Welt ähnlich geblieben: harte soziale Gegensätze und allzu oft nackte militärische Gewalt mit entsprechend vielen unschuldigen Verlierern und Opfern. Doch mittendrin taucht ein anderer auf, der den wahren Frieden in sich trägt. Gottes Hofstaat stimmt den Gesang an auf das wahre Gesicht des Friedens, das Gesicht des im Elend geborenen Kindes der jungen Frau Maria. Die Mutter dieses wahren Friedensbringers steht mit ihm geschichtlich am Wendepunkt der Zeit. Denn in ihm liegt der Beginn einer neuen Menschheit begründet.

Bis heute ist die Grundlage für dieses Neusein des Menschen die Solidarität Gottes mit der Menschheit in seiner Geburt in dem Teil der Herberge, wo die Tragtiere abgestellt werden. Mit seiner Solidarität verbindet er eine reine Absicht: "Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten." Dieses Wort aus dem Brief des Apostels Paulus an Titus ist das Fundament für unser Dasein in dieser Welt. Wie oft hören wir in der Liturgie der Weihnachtszeit das Wort Gnade. Es kommt von "genachen", das heißt zunächst nichts anderes als Nähe. Gott kommt uns ganz nahe, näher als wir es uns hätten vorstellen können. Das Zeichen dafür ist das Kind in der Futterkrippe. Aufgrund seiner Geburt stimmen die Engel ein: "Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade." (Lk 2, 14).

Die Grundlage des Friedens auf Erden ist unsere Entschuldung und die Befriedung der Menschen, die es nur gibt, wenn Gerechtigkeit für alle herrscht. Das erste Kommen Christi setzt die Menschheit frei zu einem Miteinander, das sich an diesem fleischgewordenen Wort Gottes orientiert. Mit ihm dürfen wir immer wieder freudig anfangen. Weihnachten ist nicht das Fest, an dem alles fertig ist. Mit dem Geburtsfest Jesu Christi beginnt erst unsere Bewährungsprobe in dieser Weltzeit. Wenn die Geschenke ausgepackt sind, müssen wir sie auch in der richtigen Weise gebrauchen. Wenn wir die Botschaft von der Geburt des wahren Friedensbringers gehört haben, ist es an uns, in seinem Namen ein friedvolles und gerechtes Zusammenleben zu schaffen.

Darum ist diese große Nähe Gottes zu uns zugleich die Grundlage für unsere Sendung zu den Menschen mitten in einer sich verändernden und offenen Welt. Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann hat in seinem Eröffnungsreferat bei der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz 2005 in Fulda die Situation der Kirche in der Gesellschaft heute überdacht und als Antwort zehn Aufgaben der Kirche für die Zukunft beschrieben. Als einen Punkt nennt er ein "Doppeltes Sich-Überschreiten": "Die Kirche gerade unseres Raumes darf sich nie in sich abschließen. Selbstgenügsamkeit ist für die Kirche der größte Sündenfall. Ihr Name sagt schon, dass sie von Gott berufen und herausgerufen ist in die Zerrissenheit der Welt hinein. Sie wird darum immer auch wie in der Fremde leben. Das Zelt Gottes unter den Menschen ist vielleicht ein besseres Bild als der Betonbunker. Darum muss sich Kirche immer wieder von ihren Sendungen her bestimmen lassen. ... Die Kirche darf nicht Angst haben, sich selbst zu verlassen oder sich selbst preiszugeben."

An Weihnachten feiern wir den Grund dafür. Gott selber hat sich preisgegeben, ist in dem Kind in der Krippe aus sich herausgegangen und hat sich mitten in unsere Welt eingelassen. Darum gibt uns Weihnachten den erneuten Anstoß, in einer menschenfreundlichen Art und Weise auf den Mitmenschen zuzugehen mitten in einer veränderten Welt, in der wir plötzlich neue Fragen des Zusammenlebens zu beantworten haben. Unser Christsein sieht sich ganz neu herausgefordert im Miteinander fremder Kulturen und Gebräuche. Das menschliche Angesicht unseres Glaubens hat dafür angemessene Antworten bereit. Das Gespräch miteinander auf gleicher Augenhöhe, der Dialog unter gleichwertigen Menschen ist einer der Grundlage gelingenden Menschseins und Christseins.

Die Geburt Christi in der Heiligen Nacht dürfen wir als Freudenfest des Anfangs feiern. Es ermutigt alle Menschen guten Willens, es Friede werden zu lassen als die Menschen seiner Gnade; das sind wir, wenn wir in seiner Nähe leben und uns aus seiner Gegenwart Kraft schöpfen. Amen.

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11. Februar 2007
6. Sonntag im Jahreskreis
Ausgleichende Gerechtigkeit Lk 6, 17.20-26

Betroffenheit

Manche Bibelstelle macht einen betroffen. Da spüre ich, hier bin auch ich gemeint. Das hängt u. a. davon ab, in welchem Zustand sich mein Gewissen gerade befindet. Wenn ein Bibelwort auf mein schlechtes Gewissen trifft, hat es in der Regel die größere Chance, mich anzusprechen und möglicherweise eine Änderung meines Lebens zu bewirken. Aber vielleicht sind wir mit dieser moralisierenden Sichtweise bereits auf der falschen Fährte im Blick auf das Evangelium vom 6. Sonntag im liturgischen Jahreskreis.

Hier ist von verschiedenen Personengruppen die Rede. Finde ich mich in einer dieser Gruppen wieder? Ich werde sagen: Ich bin nicht im Kreis der Armen oder ganz Armen, gehöre nicht zu den Hungrigen, nicht zu denen, die ständig weinen müssen. Und ich werde auch nicht verfolgt oder gehasst oder beschimpft, zumindest nicht öffentlich, weil ich am Sonntag in die Kirche gehe, weil ich mich zu Jesus Christus und zum Gott der Christen bekenne. Kleine Scherzrufe hinter einem Kapuziner in der Fußgängerzone wie "Der Fasching ist schon vorbei" sind da nicht so schlimm. Ich muss sagen, Gott sei Dank gehöre ich nicht in den Kreis der Armen, Hungrigen, Weinenden oder Verfolgten. - Und was ist mit den vier Ermahnungen nach den Seligpreisungen Jesu in seiner so genannten Feldrede bei Lukas? Trifft vielleicht der eine oder andere dieser Weherufe auf mich zu? Ich will es nicht hoffen? Oder werde ich stutzig?! Darf ich mich zu den Reichen zählen, gehöre ich zu den Satten, habe ich es nur gut in dieser Welt und kann lachen; oder gehöre ich gar zu den Prominenten, den Angesehenen und werde von allen Seiten gelobt oder beschmeichelt?

Das moralische Gewissen

Jetzt regt sich in mir das moralische Gewissen und schon schlägt meine Faust an meine Brust. Aber wenn ich das tue, dann habe ich den Evangelisten Lukas in seiner Aussageabsicht bereits falsch verstanden. Es fällt bei Lukas auf, dass Armut, Hunger und Weinen nicht im Geringsten spiritualisiert oder moralisiert werden. Jesus fragt nicht danach, warum diese Menschen in einem solchen Zustand sind. Wichtig wird hier nur das eine: Gott wird ihr Geschick der Armut, des Hungers und der Trauer zum Guten wenden. Die Bibel fragt hier nicht nach der Ursache für die Übel, sondern danach, was Gott aus dem machen wird, wozu es aus verschiedenen Gründen gekommen ist. Menschen können für ihren traurigen Zustand vielleicht nichts, dass sie zu den Hartz IV-Empfängern geworden sind oder zum Sozialhilfeempfänger abgerutscht sind, dass sie hungern nach körperlicher Nahrung und Nähe, dass sie in tiefe Trauer und Depression gefallen sind. Noch einmal, Jesus fragt hier nicht nach den Ursachen dafür. Die Bibel erzählt vielmehr, was Gott daraus macht. Als Jesu Freund Lazarus gestorben ist, richtet er ihn auf aus dem Grab, auch die trauernden Schwestern Maria und Marta richtet er tröstend auf. Jesus kehrt extreme Verhältnisse um wie Tod und Leben. Als die schwangere Maria bei ihrer Base Elisabeth zu Besuch ist, besingt sie diesen Gott: "Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen."

Feldrede - mehr als eine moralische Predigt

Anders als bei den Seligpreisungen in der Bergpredigt bei Matthäus geht es hier in der Feldrede des Lukas nicht um den Lohn für ein richtiges Verhalten, z.B. für einen Friedensstifter, oder um die Strafe für ein Fehlverhalten. Lukas thematisiert hier etwas anderes. Bei ihm geht der Blickwinkel von Gott her. Gottes Gerechtigkeit ist das Oberthema. Hier ist ein Gott am Werk, der für den Ausgleich sorgen will. Wenn große Ungerechtigkeit eklatant sichtbar zum Tragen kommt, schreit die Welt nach der ausgleichenden Gerechtigkeit. "Er lässt die Reichen leer ausgehen", so wird von Gott gesagt. Nicht um die Reichen damit zu bestrafen, sondern weil sie schon in Freude und ausgiebig gelebt haben, der Arme aber nicht. Eine Reihe von Namen derer fällt uns ein, die sich auf eine sozial nicht mehr verträgliche Weise bereichert haben, die zu kurz gekommenen Armen aber bleiben namenlos. Wann und wie Gott das üble Schicksal der Armen umkehren wird, bleibt hier zweitrangig; auch sie werden jedenfalls zu ihrem Recht kommen.

Wir möchten also doch gerne den moralischen Zeigefinger erheben. Wir wissen, dass die Wahrheit in der Unterscheidung liegt. Aber diesen Gefallen tut uns der Evangelist Lukas nicht. Darum unterscheiden wir auch hier zwischen den guten und den bösen Reichen. Es könnte hier die Rede sein von der Kirche, in der die einen reich sind, die anderen jedoch arm. Die Reichen werden nicht bestraft für ihren Reichtum, aber Gott lässt auch die Armen zum Zug kommen.

Trost in der Verfolgung Der eigentliche Anlass aber scheint hier in dieser Evangeliumsstelle die Verfolgung der Jünger zu sein: Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um des Menschensohnes willen hassen und ausstoßen. Mit den großen Propheten der Geschichte seid ihr in guter Gesellschaft. Jesus tröstet seine Jünger mit dem Gedanken des gerechten Ausgleichs. Diese Situation kann in ein Glaubensbekenntnis einmünden: Ich glaube daran, dass es eine Gerechtigkeit in der Welt gibt. Ich glaube an den, der das schaffen kann und tun wird. Und dass diese Gerechtigkeit ein Gesicht hat, das Gesicht Jesu Christi. -

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01. April 2007
Palmsonntag
Am Tor zur heiligen Woche Jes 50, 4-7; Phil 2, 6-11; Lk 19, 28 - 40

Die letzte Woche der österlichen Bußzeit beginnt mit dem Palmsonntag. Was die "heilige Woche", die Karwoche, bedeutet, erschließt bereits die Liturgie des Palmsonntags. Zwei Evangeliumstexte werden den Gläubigen verkündet. Am Beginn der Palmprozession wird erzählt, wie Jesus in Jerusalem einzieht. In der heiligen Messe stehen die Leidensgeschichte und der Tod Jesu nach dem Evangelisten Lukas im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit.

Bereits der Palmsonntag lässt erkennen, wie stark die kommenden Tage mit Bildern und Symbolen angereichert sind. In manchen Kirchen gibt es den Brauch des Palmesels, aus Holz geschnitzt und auf Rädern befestigt. Auf dem Esel sitzend ist Jesus dargestellt. Er wird am Tor zur Heiligen Woche bei der Palmprozession zur Kirche mit gezogen. Mancherorts erfüllt ein echter Esel diese Aufgabe. Ein Pfarrkind darf Jesus darstellen und auf dem Esel reiten. Es gibt aber auch den Brauch des Palmesels im übertragenen Sinn in den Familien. Wer am Palmsonntag als letzter vom Schlaf aufsteht, der oder die ist der Palmesel. Dieser Brauch will besagen: Es kann dir passieren, dass du etwas Entscheidendes verschläfst, dass du gegen Ende der Fastenzeit den wichtigen Augenblick versäumst, an dem Jesus als König in Jerusalem einzieht, an dem er als der wahre König und Herr seiner Kirche in jeder Pfarrei, in jede Kirche Einzug hält, um bei den Seinen zu sein. Er ist der Mittelpunkt der Glaubenden, wenn sie die Höhepunkte seines Leidens, Sterbens und Lebens feiern. Es kann sein, dass du verschläfst und dass du zu spät kommst. Vielleicht warst Du in der ganzen Fastenzeit nicht wach genug, hast die österliche Bußzeit, die Vorbereitungszeit auf das höchste Fest im liturgischen Jahr zu wenig genützt. Und so bist du nur bedingt bereit.

Dieser Brauch kann aber auch noch anders interpretiert werden. Wenn du der Palmesel bist, dann bist du "der Letzte". Als demütiger Esel, als der Letzte in der Kirche bleibt dir gerade deshalb im übertragenen Sinn die Aufgabe, Jesus zu tragen. Auch wenn wir als Christen zu spät aufstehen, kommen wir sozusagen nicht ungeschoren davon. Ja vielleicht werden wir durch das Leben Jesus ganz nahe gerückt. Oder er mutet uns zu, wichtiges in seiner Kirche mit zu tragen.

Die Palmzweige bestätigen den wahren König dieser Welt beim Einzug in die Stadt Davids und beim Einzug in all unsere Kirchen. Das Evangelium vor der Palmprozession drückt es aus. Die Jünger rufen: "Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe." Das Rufen gilt dem Gottesknecht, der Gerechtigkeit schaffen wird. Die Ursehnsucht des Menschen nach Gerechtigkeit und Frieden zu erfüllen, diese wichtige und vom Menschen allein nicht zu lösende Aufgabe liegt auf seinen Schultern. Bald wird diese Spannung zwischen Sehnsucht und Erfüllung, zwischen Hoffnung und Verwirklichung, zwischen Himmel und Erde in Form der Kreuzesbalken auf seinen Schultern lasten. Aber dieser letzte Dienst Jesu, als Diener der ganzen Welt das Siegeszeichen zu tragen, wird das wahre Leben bringen. Hoffnung steht am Beginn der Karwoche.

Ein Lied der bekannten Komponistin und Liedtexterin Kathi Stimmer-Salzeder drückt diese Hoffnung aus: "Du wirst den Tod in uns wandeln in Licht, dem Leben gibst du ein neues Gesicht, die Tränen trocknen, die Trauer zerbricht, denn du stehst auf, du bist Leben und Licht." Und in der vierten Strophe heißt es: "Den müden Glauben bestärkst du mit Mut und neue Freude brennt auf aus der Glut. Wir gehen frei, wie die Liebe es tut, denn du stehst auf, du bist Freude und Mut."

Frei zieht der König dieser Welt in Jerusalem ein. Er selber wählt das Transportmittel und akzeptiert den Lobpreis als Bestätigung für sich. Ja, in der gesamten Leidensgeschichte wird er letztlich das Heft nicht aus der Hand geben - wenn es auch ganz anders aussieht. Niemand kann den letzten frei gewählten Weg Jesu verhindern. Und wenn die Jünger und die Menschen am Weg nichts sagen würden oder durch Gewalt zum Schweigen gebracht wären, so würden die stummen Steine laut dem König zujubeln. Wenn wir beim Einzug Palmzweige tragen, nimmt uns auch die Rolle des Palmträgers - ähnlich der Rolle des Palmesels - ins Geschehen mit hinein.

Durch die biblischen Texte wird dem Hörer und Mitfeiernden deutlich, dass Jesus am Beginn seiner Leidensgeschichte ganz gefordert ist. Mit ihm sind auch wir gefordert, Stellung zu beziehen. Wenn ich bei der Palmprozession mitgehe, bin ich nicht nur als Zuschauer dabei, sondern als Aktiver. Wenn ich z. B. bei der Passionsgeschichte in der Liturgie eine Leserolle übernehmen darf, bin ich ganz anders dabei. Es bleibt für jeden die Frage am Eingangstor zur Heiligen Woche: Wo stehe ich am Weg Jesu, an seinem königlichen Leidens- und Gehorsamsweg?

Dieser Weg fordert unsere ganze Aufmerksamkeit und Liebe ein. Es ist ein Weg der Selbsterkenntnis: Wer bin ich in meinem Verhältnis zu dem, auf dessen Namen ich getauft bin, dem ich mit meinem ganzen Wesen verpflichtet bin, der mir alles Wichtige meines Glaubenslebens in dieser Heiligen Woche geschenkt hat? Mit welcher Haltung gehe ich also mit ihm? Es erscheint wichtig, wie ich durch das Tor zur Heiligen Woche eintrete. Die Art und Weise, wie ich es durchschreite, kann die Intensität beeinflussen, mit der ich die Mysterien von Tod und Auferstehung Jesu mitfeiere. - Amen.


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20. Mai 2007
7. Sonntag der Osterzeit
Unter der Haut sind alle gleich d> Joh 17, 20-26

"Wenn dein Herz wandert oder leidet, bring es behutsam an seinen Platz zurück und versetze es sanft in die Gegenwart des Herrn. Und selbst, wenn du im Leben nichts getan hast außer dein Herz zurückzubringen und wieder in die Gegenwart unseres Gottes zu versetzen, obwohl du es zurückgeholt hattest, nachdem du es zurückgeholt hattest, dann hast du dein Leben wohl erfüllt." Kein geringerer als der heilige Franz von Sales schenkt uns dieses Wort. Zu Recht dürfen wir annehmen, dass bei diesem sympathischen Heiligen der Begriff Herz für den ganzen Menschen steht. Das Glück des Menschen hat mit seinem Herzen zu tun. Ist die "Ökologie des Herzens" (Bischof Gregor Maria Hanke von Eichstätt) in einem stimmigen Gleichgewicht, dann kann das ganze Leben gelingen.

Auf das Gelingen des Lebens zielt das Vermächtnis Jesu ab. Die Sätze der heutigen Sonntagsbotschaft sind aus dem Teil des Johannesevangeliums genommen, das als hohepriesterliches Gebet bekannt ist. Biographisch betrachtet sagen wir vielleicht eher "Abschiedsgebet". Denn mit dem Ende dieses langen Gebetes beginnt Jesus seinen Weg in die Passion. Diese Sätze des Abschieds sind so etwas wie ein Vermächtnis oder ein Testament. Solche letzten Worte sind bei den Patriarchen der alten Zeit in ähnlicher Weise bekannt.

Zur Erfüllung seines Lebens gehört es, dass Jesus diese große Bitte an seine Freunde übergibt. Der ganze Mensch gehört zu Gott. Der Mensch ist zur Einheit mit Gott gerufen. Das ist die große Botschaft. Die Einheit der Kinder Gottes ist "ganz oben" festgemacht. nicht am guten Willen der Menschen, nicht an tollen politischen Organisationsformen, sondern an Gott selber. Gott ist das Urbild dieser Einheit. Jesus beschreibt diese Einheit: "dass alle eins seien, wie du, Vater, in mir und ich in dir bin, so sollen auch sie in uns eins sein."

Diese Einheit kommt also von oben - wenn wir schon solche räumlichen Vorstellungen zu Hilfe nehmen wollen - oder sagen wir besser, das Vorbild und die Wirkkraft für diese Einheit kommt aus dem Innersten Gottes. Da kann es nur um das Sakrament der Taufe gehen. Das Wasser der Taufe fließt mit der trinitarischen Formel im Namen des dreifaltigen Gottes und bezeichnet die Einheit der Kinder Gottes. Sie sind zusammengefügt zu einem mystischen Leib durch den einen Heiligen Geist. Er hält sie zusammen und ruft sie zu einer gemeinsamen Hoffnung (Eph 4, 4-5). Da zählt nicht mehr, ob einer Deutscher oder Pole, Spanier oder Italiener, Nigerianer oder Inder ist. Es geht einzig und allein darum, dass wir bestrebt sind, das zu tun, was Jesus uns aufgetragen hat.

Freilich ist unser Herz auch unverbesserlich. Es macht Unterschiede und sieht oft genug nur auf das Äußere. Von meiner Indienreise im Februar dieses Jahres habe ich ein interessantes Wort eines indischen Kapuziners mitgenommen. Es hat sich aus einem Gespräch über die Verschiedenheit der Menschen ergeben. Da sagt er unvermutet: "Unter der Haut sind alle Menschen gleich." Ich habe verwundert geschaut. Es kommt wirklich nicht auf die Hautfarbe an - auch wenn wir gern aufgrund der Hautfarbe Unterschiede machen und sie regelmäßig den Zwängen der Mode unterwerfen. Unter der Haut sind die Menschen gleich. Aber geistlich gesehen wird diese Gleichheit begründet durch das Wasser der Taufe, das bis auf die Herzhaut des Menschen reicht und die Liebe zu allen verlangt.

Dass wir diesen Wunsch Jesu nicht ernst nehmen, das mag der Grund dafür sein, warum die Einheit nicht gelingt und nicht glückt. Glücklose Versuche kennzeichnen den Menschen, Einheit in Frieden und Gerechtigkeit zu schaffen. Das Schicksal des Glaubens und der Erkenntnis Gottes hängt an der Einheit der Christen untereinander. Jesus macht das zur konkurrenzlosen Bedingung. Die Welt wird erst an ihn glauben, wenn sie sieht, dass die Christen untereinander eines Sinnes und eines Herzens sind.

Soll die Einheit der Christen gelingen, wird nichts anderes übrig bleiben, wird kein anderer Weg helfen, als gemeinsam das Herz in die Gegenwart Gottes zu stellen. Die Einheit muss also eine erbetete Herzensangelegenheit aller werden. Das ist schwierig schon seit den Tagen der Reformation. Der Skandal der Trennung erschwert oder verhindert den Glauben. Aber es gibt Wege zur Einheit. Eine Tagebuchaufzeichnung von Peter Faber, einem der ersten Jesuiten, vom 19. November 1541 mag dies ein wenig verdeutlichen: "Am Tag der heiligen Elisabeth kamen mir acht Männer in den Sinn und mich fasste mit viel Andacht das Verlangen, sie recht tief in mein Gedenken aufzunehmen, um ungeachtet ihrer Fehler stets für sie zu beten: der Papst, der Kaiser, der König von Frankreich, der König von England, Luther, der Sultan, Bucer und Philipp Melanchton." (Memoriale von Peter Faber SJ).

Vielleicht sollten wir uns das "tiefe Gedenken" dieses Jesuiten zu Herzen nehmen. Auch heute ist der gute Wille notwendig, aber nicht allein ausreichend. Die wahre Einheit wird, ebenso wie der Friede in dieser Welt, uns nur als Gnadengeschenk Gottes zukommen können. Aber auch dieses muss erbetet werden. -


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08. Juli 2007
14. Sonntag im Jahreskreis
Sicher in der Sendung Lk 10, 1-9

Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie den Urlaub für 2007 längst geplant haben oder kurz vor einer Urlaubsreise stehen. Wer heute verreist, bereitet sich gut vor und plant genau. Möglicherweise verlässt er sich auf ein solides Reisebüro. Neben den notwendigen und sinnvollen Dingen für die Reise können ein paar Brocken der Sprache des Reisezieles sehr hilfreich sein. - Sicher ist sicher.

Dazu kommt, dass man auch schnell einmal verreist und sich keine Komplikationen erlauben kann. Nach dem Kurzurlaub oder der schnellen Dienstreise soll es störungsfrei weitergehen wie vorher. Und selbst auf dem Jakobusweg nach Spanien sichern sich viele Pilger mit allem, was heute üblich, nützlich und sinnvoll ist nach allen Seiten ab. "Ich bin dann mal weg", schreibt Hape Kerkeling verräterisch bereits im Buchtitel über seine Reise nach Santiago de Compostela - möglichst risikolos - und dann einfach wieder da. - Sicher ist sicher!

Wenn das so ist, wie es ist, drängt sich einem Menschen, der geistlich offen bleiben will, die Frage auf: Was kann dann noch geschehen, wenn alles nach allen Seiten vorgesorgt und abgesichert ist? Wenn alles tot sicher gut geht, was wird dann mit den Zeichen und den Möglichkeiten, mit Abenteuern und möglichen Überraschungen die das Leben, die Gott für einen bereit hält?

Bei den 72 anderen Jüngern ist es offensichtlich ganz anders. Zunächst werden sie zu zweit ausgesandt, damit ihr Zeugnis glaubwürdig ist, gemäß dem jüdischen Zeugnisrecht. Aber sie reisen nicht einmal mit leichtem Gepäck, sondern ganz ohne. Selbst auf der Flucht, wo man das Wichtigste nur schnell und notdürftig einpacken kann, hat man mehr dabei. Aber was bedeutet dann diese Anleitung der Jünger?

Es ist keine Reiseanleitung für Christen oder Missionare. Es ist ein Aufruf zur Freiheit und eine inständige Bitte um absolutes Vertrauen. Es soll die Apostel und die gesendeten Jünger auf zwei wesentliche Dinge hinweisen: Die Ausgesendeten dürfen und können sich vorbehaltlos auf Gott verlassen. Und zum anderen: Sie sollen sich ganz auf die dringliche und wichtige Botschaft konzentrieren, mit der sie losgeschickt sind: Das Reich Gottes ist nah.

Berufungsgeschichten sind in der Bibel immer zugleich Sendungsgeschichten. Zu dieser Sendung gehören hier im Lukasevangelium mehrere Gesichtspunkte:

Gesendet wie Schafe mitten unter die Wölfe: drastischer kann man bevorstehende Schwierigkeiten kaum ausdrücken; ja das Unternehmen scheint geradezu unmöglich oder auf ein Scheitern nach den Maßgaben dieser Welt ausgelegt. Jeder kann sich vorstellen, was mit Schafen in einem Wolfsrudel geschieht. Die Missionare werden mit dem Schlimmsten rechnen müssen, mit Verfolgung, Zerreißproben, möglicherweise mit dem Martyrium. Nach unseren gängigen Vorstellungen sind sie nie sicher.

Von einer Ausrüstung bleibt nicht viel übrig und das Verhalten auf dem Weg sei eindeutig: Sie sollen auf Geldbeutel, Vorratstasche und Sandalen verzichten. Grüßen und unnötiges Schwätzen sollen sie nicht aufhalten beim drängenden Missionsdienst.

Es gibt konkrete Anweisungen für die Hausmission, die Stadtmission und für den Fall, dass sie abgelehnt werden. Mit dem Friedensgruß sollen sie Gottes Heil und Segen auf das Haus herab rufen. Gastfreundschaft dürfen sie annehmen. Der Arbeiter hat ein Recht auf seinen Lohn. Hingegen sollen sie unnötiges Herumziehen mit all den bekannten Folgen vermeiden. Bei der Stadtmission sollen sie ebenso die Gastfreundschaft annehmen. Als Zeichen dafür, dass Gott als heilsame Wirklichkeit gekommen ist, sollen sie Kranke heilen.

Jesus grenzt die Jünger in ihrer Missions-Funktion gegenüber den anderen ab. Er bestimmt sie und überträgt ihnen eine offizielle Aufgabe und Predigervollmacht. Er sendet sie als seine Stellvertreter und Helfer aus, weil die Ernte so groß ist. Und weil es nur wenige Arbeiter gibt, fordert er dazu auf, um Arbeiter für die Kirche zu bitten und zu beten.

In unserer Zeit werden immer noch Menschen ausgesendet zur Evangelisierung. Aber Sendung steht auch im Zusammenhang mit der Eucharistiefeier. Am Ende der heiligen Messe werden die Gläubigen hinausgeschickt. "Gehet hin in Frieden!" ist leider eine schwache Übersetzung aus dem Lateinischen. "Ite, missa est!" heißt: Geht, es ist Sendung! Gemeint ist, geht, ihr seid hinaus gesendet in euren Alltag. Allen Christen ist damit Verantwortung übertragen, sie haben Anteil am allgemeinen Priestertum. Die Kirche verbindet die Sendung bewusst mit der Eucharistiefeier. Weil die Zahl der Priesterberufe nach wie vor zurückgeht, ist von daher die Bitte um ausreichend Arbeiter im Weinberg, speziell die Bitte um Priesterberufe weiterhin notwendig. Mission und Sendung und Leben als Christ im Alltag ist ohne Eucharistie nur eingeschränkt möglich. Bei der guten Ausbildung von Priestern und Missionaren und all der guten Versorgung, die wir in unseren Tagen gewohnt sind, brauchen Seelsorger auch heute das Grundvertrauen der 72 Jünger des Anfangs: Bei aller Sicherheit, die sich anbietet, kann ich mich verlassen auf den, der mich sendet. Gerade um dieses Vertrauen dürfen wir beten für alle, die der Herr auch heute noch beruft und aussenden will. -


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26. August 2007
21. Sonntag im Jahreskreis
Die Frage musste kommen
Lk 13, 22 - 30

"Wie weit bist du denn gekommen auf deinem Pilgerweg? Wie viele Kilometer hast du pro Tag geschafft?" Ich wusste es! Diese Frage musste kommen. Sie kommt immer wieder. Denn wir Menschen sind auf das Haben und die Masse aus. Und beim "Haben" zählt Menge und Anzahl, Leistung in Weite und Höhe und Schnelligkeit. Nach dieser zählbaren Größe wirst du schließlich beurteilt. Versager und Leute, die ihr Soll nicht erfüllt haben, halten dem Vergleich nicht stand, werden zurückgestuft - im Betrieb, im Bekanntenkreis, in der Achtung der Gesellschaft. Plötzlich bist du einer der "looser", der Verlierer in der Gesellschaft, und kannst es dir gar nicht so recht erklären, warum.

Im Evangelium des einundzwanzigsten Sonntags kommt Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem durch Städte und Dörfer. Da fragt ihn einer, der namentlich nicht genannt ist: "Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden?" - Diese Frage musste kommen. Man will es wissen. Die Frage nach der Menge, nach der Zahl hat einen Hintergrund: Wenn Jesus das Reich Gottes als etwas Großartiges ankündigt, wie stehen dann die Chancen hineinzukommen, mit dabei zu sein? Wie leicht oder schwer ist der Zugang zu diesem "Event Himmel"? Jesus antwortet indirekt. Denn würde er eine große Zahl nennen, so könnte der Fragende meinen: Es ist eh ganz leicht ins Himmelreich zu kommen, nach dem Motto: "Wir kommen alle, alle in den Himmel, weil wir so brav sind." Wenn Jesus eine sehr kleine Zahl ansetzen wollte, dann würde der Frager vielleicht entmutigt äußern: Ja wenn das so ist, wenn die Schwelle so hoch ist, dann werde ich es kaum schaffen.

Die Frage nach der Menge zielt auf eine erhoffte Bestätigung ab: ich werde mit größter Wahrscheinlichkeit mit von der Partie sein. Natürlich bin ich mit im Boot. - Wir könnten aber auch die Frage erwarten nach dem wie und was! Welche Auflagen muss ich erfüllen, wie viel an Beiträgen muss ich leisten, welche Versicherungspolice abschließen? Wie und was soll ich tun? - Wir kennen die andere Geschichte mit dem jungen Mann, der diese andere Frage stellt: "Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?" (Mt 19,16). Er soll die Gebote halten und das eine tun, das ihm noch fehlt. Aber da gibt er selber die Antwort: Das kann ich nicht, alles verkaufen für den Himmel zugunsten der Armen. Hier sind es also nur wenige, die es bis zum Ziel schaffen. - In der heutigen Stelle antwortet Jesus indirekt - fast mit dem moralischen Appell eines Fußballtrainers: Jungs strengt euch an, jetzt geht`s um die Wurst. Das Runde muss in das Eckige. Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu kommen.

Die Frage geht also in die Tiefe und zielt ab auf unsere Beziehung zur "Sache Jesu", zum Reich Gottes, zum Himmel, zu Gott selber. Wo und wie bemühen wir uns? Wo sind unsere alltäglichen, sonntäglichen Trainingsfelder für das Himmelreich? Der künftige Selige der Katholischen Kirche Franz Jägerstätter aus St. Radegund in Oberösterreich schreibt am Tag vor seiner Hinrichtung, am 8. August 1943: "Ich danke auch unserem Heiland, dass ich für ihn leiden durfte und für ihn sterben darf." Er wollte für Christus sterben und nicht für einen kranken Diktator. Franz Jägerstätter hat sich offensichtlich mit einer inneren Ruhe und Gefasstheit, aber mit allen Kräften seines Körpers und seiner Seele, seines Gemütes und seiner Willenskraft bemüht, durch die enge Tür zu kommen. Die Tür damals was sehr eng. Solch eine Gewissensentscheidung trifft keiner aus dem Handgelenk. So ein geistig-körperlicher Akt muss trainiert werden. Er ist nur möglich aus einem gefestigten inneren Standpunkt heraus. Franz Jägerstätter hat sich bemüht, geübt, trainiert - für den Ernstfall. "Denn viele, sage ich euch, werden versuchen, hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen." (Lk 13, 24) Am 26. Oktober wird er dafür in das Verzeichnis der Seligen eingeschrieben.

Franz Jägerstätter hat seine einsamen Stunden und Ängste ganz allein durchlebt. Durch sie hat er verstanden, warum Jesus so gelitten hat und warum andere so leiden. Viele Menschen sehnen sich heute nach Vorbildern, nach Menschen, die sich selbst gefunden haben, die in der Integration von Leiden und Ängsten die Tiefe des Lebens begriffen haben, die etwas verstanden haben von dem Zusammenhang zwischen Leiden, Wachsen und Reifen.

Wir wollen heute Zugang haben zum Leben, zu den Ressourcen, zu einflussreichen Kreisen, Zugang zum Internet und zu wichtigen Daten. Zugang zu haben erscheint heute wichtiger denn je. Wer Zugang hat, der gehört dazu. Wer keinen Zugang hat, der ist abgeschnitten, kann nicht mitreden, hat keinen Einfluss, kann vor allem nicht mitentscheiden. Das Evangelium lenkt unseren Blick auf einen ganz anderen Zugang. Er ist auf das Ganze unseres Lebens gesehen viel wichtiger. Es geht um Lebensmöglichkeiten, die schon Teil des wahren Lebens sind und zum Leben in Gott hinführen. Aber die Tür zu diesem Leben ist auch heute immer noch sehr eng. Darum sollten wir auch heute nicht nur nach der Menge und dem wie weit verlangen, sondern wir sollten überlegen, mit welchem Trainingsprogramm wir ans Werk gehen können, um im entscheidenden Augenblick jenseits aller Oberflächlichkeit im tiefsten zu unserem Glauben stehen können. Der Volksmund drückt immer wieder diese Wahrheit in einfachen Reimen aus. So finden Sie - bei einem gelegentlichen Besuch in Ingolstadt - in der Poppenstraße im Herzen der Altstadt am Haus Nr. 4 folgenden Reim: "Wir Menschen bauen Häuser fest - darin sind wir nur fremde Gäst. - Doch wo wir sollten ewig sein - da bauen wir so wenig drein." Die Ingolstädter Vorväter haben es mit einer dem Volk eigenen Sicherheit gewusst: Es gibt ein zu wenig. Ein geflügeltes Wort aus unserer Zeit setzt ganz selbstverständlich ein "zu spät" dazu. Den zu spät Gekommen darf dann die Geschichte "bestrafen".

Der große Theologe Romano Guardini betet: "Herr, lehre mich einsehen, dass ohne Gebet mein Inneres verkümmert und mein Leben Halt und Kraft verliert. Nimm das Gerede von Erlebnis und Bedürfnis weg, hinter welchem sich Trägheit und Auflehnung verbirgt. Gib mir Ernst und festen Entschluss, und hilf mir, durch Überwindung zu lernen, was zum Heil nottut. Führe mich aber auch in deine heilige Gegenwart." (Gotteslob 2.1)".

Nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Clique entscheidet darüber, ob wir in Gottes neue Welt gelangen, schon gar nicht, wie gut wir uns verkaufen oder wie erfolgreich wir unsere Mitbewerber verdrängen. Jesus hat von sich selbst gesagt: "Ich bin der Weg" - ja, "ich bin die Tür", der Zugang also. Alles kommt darauf an, wie wir uns zu ihm stellen. -


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14. Oktober 2007
28. Sonntag im Jahreskreis
Einmal Kalkutta und zurück

2 Kön 5,14-17; Lk 17,11-19

Ich lade Sie ein, in Ihrer Fantasie mit mir nach Kalkutta (Kolkata) in Indien zu fliegen. Ich tue es in Erinnerung an meine Indienreise in diesem Jahr. Kaum haben wir den Flughafen verlassen, ergibt sich schon die erste Begegnung mit armen Menschen. Begegnung stimmt so nicht, denn wir sind ehrlich gesagt darauf aus, uns vor diesen Armen zu schützen. Wir wollen nicht übers Ohr gehauen werden mit einem schlechten Wechselkurs. Wir tun uns schwer, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, ja mit ihnen umzugehen. Und so muss ich Sie, liebe Leser, gleich enttäuschen. Von mir und meiner kleinen Reisegruppe können Sie in diesem Moment noch nichts Weiterführendes lernen für den Umgang mit den Armen dieser Welt. Auch auf dem Weg zu unserem Quartier ändert sich das nicht, werden wir doch im Auto durch die Straßen gefahren hin zu unserem Ziel, dem Altenheim St. Joseph`s Home. Die Slums und ihre Bewohner fast überall an den Straßen können wir aus sicherer Distanz im Vorüberfahren beobachten. Dabei stellt sich mir bereits die eine Frage: Wie können die Menschen hier leben, ausgegrenzt von den Segnungen der Zivilisation und Kultur? Es ist ein Leben, aber kein richtig menschliches. Auch sonst werden wir, wie es üblich ist, in diesen drei Tagen in Kalkutta unterwegs auf den Straßen von einem Guide, einem Führer, begleitet, so dass wir einigermaßen sicher, zwar nicht ungerührt, aber fast "unberührt" durchkommen - bis auf einmal, als ein junger Kerl mich recht aufdringlich anbettelt.

In dieser Welt einer aus den Fugen geratenen Großstadt mit einer eigenen Dynamik spüre ich eine Art von Ohnmacht. Die Leute dagegen tragen ihr Schicksal mit einer gewissen Ruhe und Gelassenheit. Erst in dem vom CED (Christlicher Entwicklungsdienst) mit erbauten Altenheim, kommen wir den Menschen näher. Aber eigentlich sind das schon die Gesegneten, mit einem sicheren Platz in einem von Schwestern, den "Little sisters of the poor" hervorragend betreuten Lebensraum. Auch in einem Moloch wie Kalkutta gibt es Unterschiede und die Möglichkeit, den total Ausgelieferten zu helfen. Das Haus von Mutter Teresa mit dem Sarkophag der Seligen steht wie ein Leuchtturm für diese Hilfe. Christliche Werke fallen deutlich positiv auf.

Im Evangelium des 2. Sonntags geht es um ansteckende Krankheiten und den Schutz davor. Wir schauen damit in eine Zeit, in der Aussatz mehr eine soziale Krankheit war. Die Gesellschaft hat sichere Regeln finden müssen zum Schutz vor weiterer Ansteckung. Wir sehen es heute anders. Zum einen setzen sich Menschen leichtsinnig ansteckenden Krankheiten aus, zum andern sind wir sehr unsicher oder aber auch recht eindeutig hart im Umgang mit Menschen, die krankheitsbedingt oder sozial ausgegrenzt sind. Wie schauen wir hin, wie begegnen wir ihnen, wie sieht unser Kontakt aus?

Die alten Menschen im St. Josephs Home in Kalkutta, die wir beim Essen bedienen, bedanken sich mit einem Händedruck oder einem freundlichen Lächeln. Die Bewohner freuen sich über die mitgebrachte Schokolade. Die Gespräche, soweit möglich, sind herzlich. Die Menschen sind sehr dankbar, in einem so schönen Haus sein zu können. Viel näher geht mir einige Tage später der Besuch in einem Heim für obdachlose Frauen in einem Ort in Nordkerala in Südwestindien. Einige Frauen, die aggressiv werden, sind in einem Raum zeitweise verwahrt. Anstelle von chemischen Keulen gibt es hier Einzelverwahrung. Die Hand am Gitter, ein zaghaftes Wort zum Gruß, ein Lächeln durch die Gitterstäbe. Die Kapuziner mit den Ordensschwestern sorgen sich um die Ärmsten und geben ihnen ein Stück Heimat. Die Gesichter der Menschen spiegeln Dankbarkeit. Ein Mädchen greift zum Mikrophon und singt für die Gäste aus Europa ein ergreifendes Lied. Die Kranken und Armen sind sehr dankbar, von der Straße weg zu sein und einen Platz gefunden zu haben, an dem sie versorgt werden und menschenwürdig leben können. Die Armen halten keine Predigt. Aber ihr Dasein wirft Fragen an uns auf: Wie viele Jahre geht es mir schon gut? Und wie und wie oft danke ich dafür? Danke ich für meinen Körper, für die Gesundheit, für ein Leben in Wohlstand und Frieden? - Wir verabschieden uns von Menschen in verschiedenen Alten- und Kinderheimen, in Häusern für Obdachlose und Aidskranke. Menschen fragen, wann wir wiederkommen.

Im Hintergrund all dieser Erfahrungen stehen das heutige Evangelium und darin ein Modell, wie Jesus dem Aussatz und den Aussätzigen begegnet. Genauso wie nach Indien können wir in Gedanken ins Grenzgebiet von Samaria und Galiläa reisen. Dort begegnen Jesus zehn Aussätzige. Sie bleiben in einem Sicherheitsabstand stehen. So schreibt es das Gesetz vor. Aber jetzt rufen sie dem Wanderprediger und Rabbi ihren Hilfeschrei zu. Jesus nimmt sie wahr. Er will, dass niemand ausgesetzt und ausgegrenzt wird. Er will das Heil des ganzen Menschen. Auf sein Wort hin geschieht bei allen die Veränderung. Aber nur einer kommt zurück, der spürt: Der Grund für die Ausgrenzung ist gefallen und damit die soziale Ausgrenzung selber. Er geht auf Jesus zu und bedankt sich.

Um die Aussätzigen und Ausgegrenzten unserer Tage zu erleben, braucht man gar nicht bis nach Indien reisen. Aussatz ist nicht nur Lepra, er hat verschiedene Namen: Aids, Ausländer, Asylant, Obdachloser, Unterschicht, Hartz IV.-Empfänger, Kinderreiche. Manchen sieht man ihr Problem an, andere werden mit unsichtbaren Mauern eingeschlossen in Verachtung, Illegalität, Angst, oder mit einen Vorurteil wie mit einem Stempel versehen. Und wer hilft ihnen weiter?

Jesus heilte die Aussätzigen damals. Aber er hat heute keine anderen Augen und Ohren, keine Füße und Hände als unsre, um Brücken zu den Ausgesetzten zu schlagen. Das Heil, die Nähe zu Jesus finden wir nicht, ohne selbst etwas zu tun. Ohne auf ihn zuzugehen und das dankbar anzunehmen, was Jesus schenkt. Dankbar zu sein für die Gesundheit oder für sein Zurechtkommen mit der Krankheit ist das eine. Das schafft ein gutes Gefühl. In der Gesundheit oder in der Krankheit Gott am Werk zu sehen, das führt tiefer: Das schafft Beziehung, ist Ausdruck der Liebe. Es lohnt sich, zu den Aussätzigen und Armen heute zu gehen, hinzuschauen, die Hand zu reichen.

Auf dem Rückflug von Indien sitzt ein junger Mann aus München neben mir im Flugzeug. Er erzählt von seiner spannenden Outdoor-trekking-Tour durch indische Wildnis. Als ich ihm vom Zweck meiner Reise mit den Besuchen bei alten und behinderten Menschen erzähle, meint er, das suche er nicht unbedingt. Das ist ihm auch nicht zu verdenken. Aber gerade diese Besuche in verschiedenen Teilen Indiens haben meinen Horizont erweitert und meine Blick wieder geschärft für die einfache, menschliche Begegnung und den zufriedenen und dankbaren Blick der Ärmsten. Ich möchte dankbarer sein für das eigene Wohlergehen und wenn möglich, vor der eigenen Haustüre Brücken zu schlagen zu Menschen, die ausgegrenzt werden. -


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2. Dezember 2007
1. Adventsonntag
Der Traum vom Zug am Berg
Jesaja 2, 1-5

Das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, in einer Vision über Juda und Jerusalem gehört hat. Am Ende der Tage wird es geschehen: der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Völker. Viele Nationen machen sich auf den Weg; sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion kommt die Weisung des Herrn, aus Jerusalem sein Wort. Er spricht Recht im Streit der Völker, er weist viele Nationen zurecht. Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg. Ihr vom Haus Jakob, kommt wir wollen unsere Wege gehen im Licht des Herrn.

Zum Beginn des liturgischen Jahreskreises steht im Mittelpunkt der ersten Lesung zum ersten Adventsonntag das Bild vom Berg Zion. Wegen seiner überragenden Bedeutung wird er zum “höchsten der Berge”. Dieser Text, steht mit dem Bild der Wallfahrt aller Völker zum Berg Zion aber durchaus in einem düsteren Zusammenhang. Der Prophet Jesaja droht seinem Volk im Südreich Juda im 8. Jahrhundert vor Christus ein Gottesgericht an. Denn wieder werden Arme unterdrückt und Schwache ausgebeutet. Dieser Missstand steht den Vorstellungen Gottes direkt entgegen. Darum tritt der Prophet auf den Plan und öffnet seinen Mund. Und doch gibt es zwischen der harschen Kritik und der Androhung immer wieder Bilder, die hoffen lassen, dass es nicht so schlimm kommt. Am Ende der Tage wird es ein “happy end” geben. Denn die Menschen werden doch wieder auf Gott hören.

Als Gegenbild zum Berg Zion erscheint mir das Bild aus dem Wachtraum des neuen Seligen, Franz Jägerstätter aus St. Radegund in Oberösterreich. Seit ich bei seiner Seligsprechung im Linzer Mariendom dabei war, beschäftigt mich dieser Mann, hat er sich doch drei Jahre vor seinem gewaltsamen Tod als Dreiunddreißigjähriger in die Franziskanische Gemeinschaft (damals Dritter Orden) aufnehmen lassen. Und er ist nach Altötting hinüber gekommen, um bei den Exerzitien der Marianischen Männerkongregation teilzunehmen. Zugleich steigt in mir die Erinnerung auf an die ersten Jahre im Kapuzinerseminar St. Konrad in Burghausen. Der alte Direktor, P. Celerin Ries, über 40 Jahre Erzieher, wies uns damals Anfang der 70er Jahre bereits hinüber nach St. Radegund. Für einen 11jährigen waren diese gut sieben Kilometer einfach ins Innviertel hinein ein anstrengender Spaziergang am Sonntagnachmittag. Damals konnte ich die geistige Auseinandersetzung eines Franz Jägerstätter noch nicht erahnen und nicht erfassen, die ihm dieser Wachtraum vom Berg und dem Zug verursachte.

Seit Januar 1938 sah sich der Bauer von St. Radegund durch einen Traum gewarnt vor dem Nationalsozialismus. Er sah einen Berg, der von einem langen Zug umkreist wurde. Die Menschen, jung und alt, drängten sich förmlich, auf diesen Zug aufzusteigen. Der Zug aber fuhr unaufhaltsam in die Hölle. Dieser Zug, der unzählige Menschen ins Verderben führte, “entschleierte” sich Franz Jägerstätter als Partei der Nationalsozialisten mit all ihren Untergliederungen.

Während nach Franz Jägerstätters Wachtraum tatsächlich ungezählte Menschen in Verderben und Unglück gerissen wurden, gibt die Vision bei Jesaja eine positive Zukunft her. Man wird nicht mehr für den Krieg üben, im Gegenteil, die Waffen werden umgeschmiedet und zu friedlichen Mitteln, ja zur Erhaltung der Lebensgrundlagen verwendet. Das Bild der Pflugschar und des Winzermessers stehen als Symbol des friedlichen Zusammenlebens. Aber dies kommt nicht von ungefähr. Es geht hervor aus einem Gottesfrieden. Gott spricht Recht zwischen den Völkern und weist die Nationen auf den Weg des Rechtes. Die Hoffnung, dass es gut ausgeht, knüpft sich daran, dass nicht nur ein Volk, sondern alle Völker bei ihrer Wallfahrt zum Gottesberg auf die Wegweisung Gottes hören und sich befrieden lassen. So wird der Streit zwischen Völkern beigelegt. Das Volk Israel soll allen anderen beispielgebend vorausgehen und diesen Gottesfrieden vorleben. Dauerhafter Friede auf dieser Welt kann demnach in biblischer Sicht nur von gläubigen und gottesfürchtigen Menschen ausgehen. Wer Friede ohne Gott schaffen will, der erliegt irgendwann der Versuchung, auch das Wohl des Menschen dran zu geben.

Aus dem Neuen Testament verbindet sich am ersten Advent mit dem Bild der Wallfahrt aller Völker zum Berg Zion der deutliche Ruf zur Wachsamkeit im Hinblick auf das Kommen Jesu Christi am Jüngsten Tag. Es wird nicht angekündigt, so dass eine Vorbereitung in letzter Minute möglich wäre, so dass man sich bis dahin ausschließlich um alles andere kümmern könnte. Die Begegnung mit dem allmächtigen Gott am Ende kommt plötzlich für jeden Menschen. Es gibt keine Zeit, in der man sozusagen vor der Begegnung mit Gott „sicher“ ist. Es gibt keine Zeit, in der man so leben könnte, es gäbe es Gott nicht. Wer entsprechend lebt, den braucht ein solcher Gedanke nicht ängstigen.

Immer wieder sehen Menschen mehr, z. B. vor 90 Jahren, als in Portugal 70.000 Leute das Sonnenwunder bei der letzten Marienerscheinung von Fatima deutlich gesehen haben. Oder sei es ein Franz Jägerstätter mit seinem Wachtraum Anfang 1938. Ich weiß nicht, wie die vielen Portugiesen damals reagiert oder ihr Leben geändert haben. Franz Jägerstätter aber schreibt: “Wollen wir den Frieden für uns und andere, so müssen wir trachten, gänzlich jenem nachzuahmen, der uns den Frieden gebracht hat.”

Gott hat in der Geschichte am deutlichsten gesprochen durch seinen Sohn Jesus Christus. Er spricht manchmal sehr deutlich in und durch Zeichen, in der Regel spricht er leise in der Stimme des Gewissens. Mit dem Beispiel des sel. Franz Jägerstätter treten die Treue zum Gewissen und der konsequent gelebte Glaube wieder in den Vordergrund. Diese seine Botschaft an uns heute zur Wachsamkeit des Gewissens ist ein aktueller Begleiter durch den Advent: wir feiern ihn als die Vorbereitungszeit auf Weihnachten.

Predigten Br.Georg Greimel, Altötting
20. Januar 2008
2. Sonntag im Jahreskreis
Das Lamm, das die Sünde trägt Jes 49, 3.5-6; Joh 1, 29-34

In jener Zeit sah Johannes der Täufer Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinweg nimmt. Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, um Israel mit ihm bekanntzumachen. Und Johannes bezeugte: Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb. Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft. Das habe ich gesehen, und ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes.

Der Evangeliumstext vom zweiten Sonntag im Jahreskreis ergänzt den Text vom vorausgehenden Sonntag. Aus dem ersten Kapitel bei Johannes können wir nicht direkt herauslesen, dass Johannes Jesus getauft hat. Sicher aber wird Johannes der Täufer zum Zeugen. Er bezeugt deutlich vernehmbar, dass der Geist Gottes auf Jesus ruht. Johannes ist mehrfach Zeuge für Jesus in einem Evangelium, das wie ein Prozessverfahren aufgebaut ist, in dem Zeugen für Jesus eine große Rolle spielen. Ein Beispiel, das diese Zeugenschaft in genialer Weise darstellt, ist der Isenheimer Altar. In künstlerischer Freiheit hat der Meister Matthias Grünewald den Lieblingsjünger durch den Täufer ersetzt. Mit ausgestrecktem Finger zeigt er auf das Lamm Gottes, das in schlimmster Weise von den Wunden der Geißelung und Kreuzigung gezeichnet ist. In unserer Antoniuskapelle der Franziskanerkirche flankieren beide Johannes den hl. Antonius, der mit der Hl. Schrift und dem Kind auf dem Arm dargestellt ist: rechts der Evangelist und links der Täufer. Das Zeugnis beider ist uns eine große Stütze.

Im heutigen Evangelium bezeugt Johannes der Täufer Jesus als das Lamm Gottes. Das hat keine Parallele im Evangelium, wenn auch Analogien in der Sprache der Tierapokalypsen. Der Apostel Petrus nennt Jesus einmal "den Heiligen Gottes" (Joh 6, 69). Auch hier ist die Bezugsperson Gott selbst. Jesus ist von Gott erwählt und bestellt als das Lamm Gottes. Der Begriff allein deutet noch nicht an, dass Jesus stellvertretend für andere gestorben ist. Bei Jesaja (53, 7) sehen wir das Schaf nur stumm vor dem Scherer; damit ist es ein Bild der Wehrlosigkeit.

Hier finden wir aber den Zusatz "das die Sünde der Welt trägt." Im damaligen Judengriechischen kann dieser Ausdruck "die Sünde (weg-)tragen" auch nur im Sinne der stellvertretenden und Sünden tilgenden Fürbitte eines Gerechten vor Gott verstanden werden. Hier geht es freilich um die exklusive, stellvertretende Rolle Jesu für die Schuld der ganzen Welt und Zeit. Wie das Paschalamm an der Schwelle zur Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens steht, so ist Jesus exklusiv mit der Befreiung von der Knechtschaft der Sünde verbunden. Nach dem Johannesevangelium stirbt Jesus in der Stunde, in der die Paschalämmer geschlachtet werden. Jesus verkörpert damit das Bild des Gottesknechtes. Wie ein Lamm wird er zur Schlachtbank geführt und tut den Mund nicht auf. Er stirbt für die Schuldigen und macht so die Vielen gerecht. Diese Prophezeiung eines Jesaja wird im Johannesevangelium bewahrheitet (Joh 1, 29.36). Jesus wird vor Gott und der Welt beglaubigt als der absolute Gerechte. Als Gerechter trägt er und beseitigt er die Schuld der Welt.

Wer kann das alles verstehen? Viele Zeitgenossen haben gerade beim Gedanken der Stellvertretung und der Sündentilgung kritische Fragen und Verständnisschwierigkeiten. Ist aber nicht Stellvertretung das Lebensgesetz des Volkes Gottes? Von Anfang an, gerade durch die Menschwerdung Gottes, sind wir als Geschwister gedacht. Jeder darf und soll für den anderen etwas tun. Das kann soweit gehen, dass einer aus Liebe sein eigenes Leben für andere hingibt. Der Evangelist Johannes überliefert uns dieses Wort: "Es gibt keine größere Liebe als wenn einer sein Leben gibt für seine Freunde." (Joh 15,13). Dass Jesus der Gerechte sozusagen alles für uns bei Gott "herausholen" konnte und es auch getan hat, steckt hinter dem Hinweis "Seht das Lamm Gottes".

Bescheiden Vergleichbares erleben wir in einer großen Familie. Wenn es ganz schwierig wird, wenn etwas Schlimmes angestellt worden ist, oder wenn die Kinder etwas erreichen wollen, dann schicken sie den Jüngsten bzw. den Liebling der Eltern vor. Der die größte Sympathie hat, soll als Stellvertreter der Geschwister mit einem Versöhnungsangebot die aufgebrachten Eltern besänftigen. Weitsichtige Eltern knüpfen dann an eine Versöhnung nicht lange und große Bedingungen. - Im Blick auf Gott kann einer des Anderen Last tragen. Dabei geht es um nichts Geringeres als um die Liebe selber. Gott, der uns Menschen bedingungslos liebt, vergisst darüber jedes Maß an Schuld und vergibt sie radikal.

Das Schlachten des Lammes hat eine symbolische Ausdeutung in der Eucharistiefeier. Die liturgische Teilung der Hostie gerade an der Stelle des Agnus Dei, wobei wir beten: "Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt", meint nach geläufiger Ansicht den Tod des Lammes. Darüber hinaus bedeutet es, sich selbst austeilen. Um für andere dazu sein, muss Jesus sich für alle teilen lassen. Das widerspricht der Todesdeutung nicht, es vertieft sie vielmehr im Sinne von Johannes 12, 24: Nur durch sein Sterben kann Jesus den Vielen mitgeteilt werden. Gerade an dieser Stelle in der Eucharistiefeier darf uns wieder bewusst werden, was hier Großes geschieht, das wir hier miterleben. In diesem Augenblick werden wir Zeugen für das Lamm Gottes, das sich für uns verteilt. Bei der sich anschließenden Kommunion werden wir als Zeugen gestärkt. Mit dem Auftrag "Gehet hin in Frieden" werden wir als Zeugen hinaus gesandt in unseren Alltag.

Wir wünschten uns heute wieder viele Christen, die mit Johannes dem Täufer sagen können: Das habe ich gesehen, und ich bezeuge: "Er ist der Sohn Gottes." -


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9. März
5.Fastensonntag Du gehörst dazu! Glaubst du das?

Ez 37, 12b-14; Röm 8, 8-11; Joh 11, 1-45

Junge Leute aus Bautzen, dem Zentrum der Oberlausitz, sind zu Dreharbeiten in Assisi. Ein Film über die "Klarissen der ewigen Anbetung", die in Bautzen ein Kloster haben, benötigt eine Filmsequenz über die hl. Klara. In dem Filmausschnitt begibt sich die junge Klara mit ein paar in ein Tuch eingewickelten Laib Brot vor die Stadt hinaus. Sie sucht die Aussätzigen. "Kommt, meine Brüder!" So lockt sie sie hervor. Das Brot teilen sie und essen es schweigend.

Die junge Klara zeigt den ausgegrenzten Menschen, die krankheitsbedingt nicht mehr gesellschaftsfähig sind: Ihr gehört dazu, ihr habt ein Recht auf Nahrung und Leben. Ihr seid meine Brüder. So hatte es Franziskus getan, von seinem Geist angeeifert Elisabeth von Thüringen, Hedwig von Andechs und Agnes von Böhmen und eine Reihe weiterer Frauen. Und jetzt die jungen Amateurschauspieler aus Bautzen. Menschen ins Leben zurückholen, Halbtote zu retten, Scheintote lebendig zu bekommen, Menschen im Koma wieder wach zu kriegen, ist ein oft verzweifelter Versuch.

An diesem 5. Fastensonntag hören wir am Beginn der Passionszeit die klassische Erzählung zum Thema Leben. Aber hier geht es um mehr. Die Erzählung von der Totenerweckung des Lazarus ist das große Wunder, das Jesus als unüberbietbares Zeichen wirkt. Eine wohl vorjohanneische Kurzfassung dieser Erzählung wurde durch den Evangelisten Johannes in ihre jetzige Form gebracht, gleichsam zu einem triumphalen Schlussakkord des öffentlichen Wirkens Jesu umgestaltet.

Auffällig ist, dass hier im Unterschied zu anderen Zeichengeschichten die Deutung vorangestellt ist. Denn Jesus hat es hier nicht mit Gegnern zu tun, sondern mit Freunden, denen er vorweg den Schlüssel für das Verständnis des Wunders an die Hand geben will. Der leibliche Tod des Freundes wird zunächst ausgeblendet, selbst das Wunder der Auferweckung wird zunächst nicht erwähnt. Denn durch die Krankheit des Lazarus "soll der Sohn Gottes verherrlicht werden." Das dient letztlich der Verherrlichung Gottes. Damit wird zuerst das Ziel des ganzen Geschehens deutlich an den Anfang gestellt. Freilich wird der Jesus im Johannesevangelium auch die Not der Menschen mildern, letztlich wird er sie lindern, indem er sich selber in den Tod begibt für uns Menschen. So steht hinter diesem Wort Jesu die Botschaft, dass hinter allem, auch allem Leid erfüllten Geschehen ein letzter Sinn steht, auch wenn er uns Menschen weitgehend verborgen bleibt. Jesus, der mit dem Vater ganz eins ist, kennt dessen Willen und verborgene Pläne. Dazu gehört es auch, dass Jesus seinen Weg hinaus zögert, dass er damit den Lauf der Handlung bestimmt, dass er im letzten Herr der Lage ist und bleibt. Das wird auch für seine eigene Todesstunde gelten. Nicht die Juden werden diese Stunde bestimmen, sondern er selber.

So liegt Lazarus schon vier Tage im Grab. Die Juden glauben, dass die Seele gleichsam noch drei Tage lang nach dem Leib des Verstorbenen sucht. Mit dem vierten Tag beginnt unaufhaltsam das Zerfallen des Körpers. Lazarus war also wirklich tot und damit jede Hoffnung abgestorben.

Zwischen der Ankunft Jesu und seinem Eingreifen ins Geschehen kommt es zu dem entscheidenden Gespräch zwischen Jesus und Marta. Über alle Zweifel hinweg enthält ihre Antwort ein urchristliches Glaubensbekenntnis. Es ist der Glaube an die allgemeine Auferstehung der Toten am Letzten Tag. Diesen Glauben haben wir Christen schon aus dem alttestamentlich-jüdischen Erbe und bis heute mit den Juden gemeinsam.

Das feierliche "Ich-bin-Wort" erschließt uns Jesus als "die Auferstehung und das Leben." Jesus, das Leben für die Welt, als zentrale Botschaft des Johannesevangeliums, erreicht in dieser Erzählung einen entscheidenden Höhepunkt. Leben ist in den Ich-bin-Worten der tragende Begriff. "Wer an mich glaubt, wird leben auch wenn er stirbt, und jeder der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben." (11, 25b-26). Sterben meint den irdischen Tod. Leben meint das unvergängliche ewige Leben. Im zweiten Satz ist das genau umgekehrt: Jeder Mensch, der in dieser vergänglichen Welt lebt, aber an Jesus Christus glaubt, wird zwar den natürlichen Tod sterben, aber doch "nicht (wirklich) sterben." "Auf ewig nicht sterben" bedeutet hier das Gleiche wie "leben" im Satz davor.

Jesus lenkt also den Blick von den endzeitlichen Ereignissen auf die Gegenwart. Die alles bestimmende Entscheidung fällt nicht erst am "Letzten Tag", sondern jetzt, im Glaubensakt jedes einzelnen. Wenn wir also im Leben der Gemeinde dem Auferstandenen, dem Herrn über Leben und Tod begegnen, ereignet sich im Glauben gleichsam immer wieder "Totenerweckung". Wer dieses Evangelium hört, ist wie Marta gefragt: "Glaubst du das?" Jeder soll in das Bekenntnis der Marta einstimmen können: "Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll". Dann gehörst du wirklich zu den Lebenden.

Mit dem Machtwort "Lazarus, komm heraus" füllt Jesus das Ich-bin-Wort mit Leben. Was in der Erzählung von der Erweckung des Lazarus weiter passiert, ist zwar dramatisch, aber doch auch bemerkenswert nüchtern. Es veranschaulicht praktisch das Ich-bin-Wort Jesu und will nicht der Wundersucht der Zuschauer und Zuhörer entgegen kommen. Es will den Glauben an den Sohn Gottes ermöglichen und stärken, dem die Vollmacht gegeben ist, lebendig zu machen, wen er will (vgl. Joh 5,20 f).


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27. April 2008
6. Ostersonntag
Heiliger Geist, unser Patron
Joh 14, 15-21

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. Ich werde euch nicht als Waisen zurück lassen, sondern ich komme wieder zu euch. Nur noch kurze Zeit, und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und weil auch ihr leben werdet. An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir, und ich bin in euch. Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden, und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.

Jeder Getaufte hat einen oder zwei Paten. Das gehört für uns Christen von Anfang an dazu. Die Einrichtung des Patrons oder des Paten ist etwas Grundlegendes schon für das frühe Christentum. Das ist eine Person, die für uns eintritt und uns beisteht, die uns begleitet und unterstützt. Sie muss sich mit Herz und Verstand in der Sache auskennen, muss wissen, wo es lang geht, um Orientierung geben zu können. Diese Voraussetzungen gelten bis heute für den Taufpaten und Firmpaten. Jesus Christus tritt im Evangelium auf als der, der beim Vater für uns eintritt. Er ist der Mittler beim Vater. Daneben sind Heilige unsere Schutzpatrone und Fürsprecher bei Gott. Die Paten helfen ihren Täuflingen und Firmlingen und begleiten sie auf ihrem Glaubensweg. So betrachtet ist unsere christliche Religion ein reiches Geflecht von Schutzpatronen und Schützlingen und damit auch ein Netz von Hilfe und Unterstützung.

Von Jesus wird uns noch mehr versichert. Er erbittet für uns den stärksten Beistand, den wirkungsvollsten Paten, den wir uns vorstellen können. Der Heilige Geist ist der Paraklet, er ist der Herbeigerufene, der Beistand. Von ihm wird gesagt, er werde bis zum Ende bei uns bleiben. So bleibt uns mehr als eine Erinnerung an den Menschen Jesus Christus, in dem Gott Mensch geworden ist. Gottes Nähe kennt keine Grenzen mehr, nicht die Grenzen des Raumes noch der Zeit, nicht die der Rassen noch der Konfessionen. Er ist überall und allen Menschen nah. Er lebt und wirkt in uns. Er belebt und bessert uns, sofern der einzelne Mensch das will und zulässt.

Der Heilige Geist kommt von Gott, geht vom Vater, vom "pater" aus, bedeutet hier also "patronus". Der Patron ist der Anwalt. Er ist einer, der spricht, wo man es selbst nicht oder nicht ausreichend kann.

Im Johannesevangelium ist vom Geist der Wahrheit die Rede. Es ist damit die Kraft gemeint, die Christen brauchen in ihrem Zeugnis gegenüber der "Welt". Denn Christen stehen oft wie in einem Prozess, in dem es auf jedes Wort ankommt. Der Heilige Geist erinnert sie an Jesu Worte und wird ihnen helfen, sie im geforderten Augenblick richtig zu verstehen. Er wird ihnen zu ihrem Recht verhelfen und wird die von Gott entfremdete Welt des Unrechts überführen.

In Zeiten der Verfolgung - sie existiert bis heute an vielen Orten - hat die Kirche immer gewusst, dass die wichtigste Stunde die ist, in der Christen vor Gericht Zeugnis geben müssen für ihre Glaubensüberzeugung. Immer wenn die Kirche mit dem Rücken zur Wand stand, wenn Christen vor gottlosen oder scheinheiligen Gerichten ihren Glauben bekannt haben, immer dann war die Kirche am glaubwürdigsten.

Ich denke an den Film "Sophie Scholl - Die letzten Tage" mit den starken Dialogen bis hin zum Wort der Angeklagten am Ende des Schauprozesses, das sie zum Präsidenten des Reichskriegsgerichtes sagt: "Bald werden Sie da stehen, wo wir jetzt stehen." Es ist ein wahres und mutiges, zugleich vorausschauendes Wort dieser zweiundzwanzigjährigen Frau. Heute sind die feindseligen Gerichte in gewisser Weise durch spottende Kabarettisten und gleichgültig applaudierende Zuschauer ersetzt. Wenn früher das Blut der Märtyrer als der Same für neue Christen galt, ist das bei uns inzwischen jedes öffentliche Zeugnis des Glaubens.

Jesus sagt, dass die "Welt" nicht begreifen wird, woher die Gläubigen ihre Kraft dann haben werden. Im Johannesevangelium zeichnet sich der Heilige Geist durch das Worthafte aus. Der Heilige Geist verlängert das Wirken und Sein Jesu, des göttlichen Wortes, bis in unsere Gegenwart herein vor allem im wirksamen Wort: Er lehrt, erinnert, schenkt das Verständnis und er überführt alle Heuchelei.

Für die Zeit, in der Jesus nicht mehr bei den Jüngern ist, gilt für sie vor allem das Sehen. Während die Welt den Geist nicht sieht und nicht kennt, sehen ihn die Christen. Dieses Sehen ist ein Schauen mit den Augen des Herzens, also Sinn und Liebe zu haben für das, was andere nicht sehen.

Jeden Donnerstag bei der "Nacht der offenen Kirchentür" stehen ehrenamtliche Helfer mit mir draußen am Kirchenvorplatz, um die Passanten in die Kirche einzuladen. Wir erleben uns im Gespräch als Vertreter einer Glaubensrichtung unter anderen. Wir werden nicht angefeindet, aber wir erleben Menschen, die den christlichen Geist nicht mehr erkennen oder noch nicht kennen. In manchen Gesprächen geht Menschen etwas auf von dem, von dem wir reden. Dies ist auch die Aufgabe von Paten, dass sie ihre Täuflinge und Firmlinge begleiten, damit immer wieder etwas aufgeht von dem, was mit dem Wirken des Geistes zu tun hat.


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15. Juni 2008
11.Sonntag im Jahreskreis
Passt der Himmel zu mir? Mt 9, 36-10, 8

Manchmal sind die Evangeliumsabschnitte des Sonntags nur schwer zu verstehen, weil sie aus dem Zusammenhang genommen sind. Beim heutigen Evangeliumsausschnitt scheint dies der Fall zu sein. Ja, es irritiert uns heute, wenn wir hören, dass Jesus seine Jünger ausdrücklich "nicht zu den Heiden" schickt. Erzählt nicht Lukas in seinem Evangelium, wie die Apostel "von Dorf zu Dorf" (Lk 9,6) wandern? Für den gesamten Zusammenhang erscheint aber eine andere Frage wichtig: Warum kam es zwischen Jesus und seinen Zeitgenossen zum Zerwürfnis? Unsere einfache Erklärung heißt landläufig, weil sie sich, vor allem die führenden Männer, geweigert haben, Jesus als den Messias bzw. als Gottes Sohn anzuerkennen. Dazu sagen die folgenden Kapitel im Matthäusevangelium aber etwas ganz anderes.

Unser Abschnitt heute ist ein Teil der Abschiedsrede Jesu. Matthäus stellte diese Rede zusammen und schaute dabei bereits auf das missionarische Wirken seiner urchristlichen Gemeinden. Nur in diesem Zusammenhang nennt der Evangelist Matthäus die Zwölf einmal "die Apostel". Das hat einen tieferen theologischen Grund: Was die Apostel tun, ist nicht nur parallel zu dem, was Jesus tut. Vielmehr vergegenwärtigen sie das, was Jesus tut. Sie bekommen die Vollmacht, "die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen". Sie tun damit dasselbe, was von Jesus gesagt wird. Dieses Wort geht wie ein Sammelbericht unserem heutigen Abschnitt voraus: "Jesus zog durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte alle Krankheiten und Leiden" (9,35).

Die Apostel stehen in der Person Jesu da. Weil das so ist, wird er am Ende seiner Aussendungsrede sagen können: "Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat." - Sicher gibt es einen Unterschied zwischen dem, was die Jünger tun, und dem, was Jesus tut. Das ist von Jesus selbst so gewollt. "Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tage, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern" (Mt 10, 27). Was bedeutet dieser geheimnisvolle Satz? Er will sagen: Was die Apostel bewirken, das "vergrößert" sozusagen das Wirken Jesu. Es zeigt nämlich in aller Öffentlichkeit und macht dort deutlich, worauf es Jesus "im Kleinen" angekommen war. Ja, ihr werdet noch Größeres vollbringen, hatte Jesus seinen Jüngern einmal versichert.

Bei diesem Wort Jesu fällt aber einiges auf: Die Jünger Jesu sprechen eine neue Sprache. Nach dem anfänglichen Aufruf, umzukehren, weil das Reich Gottes da ist, geht es für seine Jünger nur noch um das eine Thema: die Gegenwart des Himmelreiches. Es geht nicht mehr darum, zum Gesetz des Mose zurückzublicken, auf den Glauben der Väter zu schauen oder zu den Werten der Vergangenheit zurückzurufen. Das wäre jetzt zu wenig.

Den Menschen sollen die Augen dafür geöffnet werden, dass das Himmelreich wirklich da ist. Darum ist von den Aposteln verlangt, das Himmelreich zu verkünden, ohne auf Lohn zu pochen und ohne sich rundherum abzusichern. Das Himmelreich soll d u r c h s i e glaubwürdig werden.

Im Folgenden wird nämlich unterschieden - wenn Sie im Evangelium bei Matthäus weiter lesen - wer es wert ist, die Apostel aufzunehmen, und wer nicht. Das griechische Wort "axios", das mit "würdig, wert sein, verdienen" übersetzt wird, bedeutet eigentlich "gleichgewichtig, gleichwertig". Es soll also nicht gesagt werden, dass jemand etwas verdient oder dass jemand einer Sache für würdig erachtet wird, sondern dass zwei Dinge oder Menschen einander gleichwertig sind und darum zueinander passen. Das Matthäusevangelium geht ganz selbstverständlich davon aus, dass es in der Welt Menschen gibt, zu denen das Evangelium nicht passt.

Jesus wendet sich mit seiner Botschaft zunächst nicht an alle. Das verlangt er auch von den Aposteln nicht. Denn ob das Evangelium zu einem Menschen passt oder nicht, hängt auch von dessen Lebensstil ab. Menschen, die alles andere mehr lieben, Menschen, die das Leben bereits gefunden haben, die sich nicht mehr auf den Weg machen, die nicht mehr nach dem ewigen Leben fragen, werden das Leben verlieren. Für alle diese Menschen ist Jesus bewusst als Störenfried gekommen. Darum gilt auch uns oder mir die Frage: Passt Jesus zu meinem Lebensstil, passt der Himmel zu meinem Lebensstil? Oder muss ich vielleicht etwas ändern?

Vielleicht verstehen wir es jetzt ein wenig besser, dass das Zerwürfnis zwischen Jesus und seinem Volk andere Gründe hat als die Weigerung, ihn als den Sohn Gottes anzuerkennen. Nicht das ist hier das wichtigste, sondern im Mittelpunkt steht, dass das Reich Gottes wirklich in dieser Welt angekommen ist. Später wird Jesus die Jünger des Johannes zurückschicken mit einer Antwort, die das Reich Gottes ausmacht: Berichtet Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube höre; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet." (Mt 11,4).


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03. August 2008
18.Sonntag im Jahreskreis
Wunder als Teil des Ganzen
Mt 14, 13-21

Dem Elischa, Schüler des Propheten Elija, bringt jemand zwanzig Gerstenbrote und etwas frisches Korn. Elischa ordnet an, es den Leuten zu essen zu geben. Auf die Weigerung des Dieners hin wiederholt Elischa den Befehl und ergänzt: ... "denn so spricht der Herr: ´Essen wird man und noch übrig lassen`." So kommt es dann auch. Diese Speisungsgeschichte (2 Kön 4) aus dem Alten Testament ist der Urtypus, auf den die Erzählungen der Evangelien zurückgehen.

Die neutestamentlichen Geschichten der Brotvermehrung enthalten aber eine Steigerung. Sie sind dem Urtypus sehr ähnlich, doch sie überbieten ihn. Oft handelt Jesus ähnlich wie Elija. Darum wird gefragt, ob nicht etwa er der wiedergekommene Elija sei. Vom Bild der Propheten her ist Jesus auch zu begreifen und in seiner Sendung zu erfassen. Man könnte meinen, damit seien auch diese Geschichten nicht neu, sondern unhistorisch und abgeschrieben. Aber die Offenbarung Gottes ist nicht immer völlig neu, sondern sie überrascht und steigert sich. Bei Wundern in der Art der Brotvermehrung stehen wir direkt Gott gegenüber und begegnen seiner unbegreiflichen Macht selbst.

Die meisten Deutungen der wunderbaren Brotvermehrung haben versucht, das Unbegreifliche auf die Ebene der Moral zu schieben, um den menschlichen Verstand nicht total zu überfordern. Die Jünger hätten dann in einem altruistischen Kraftakt ihr letztes geteilt. In der Geschichte laufe überhaupt alles auf das Teilen hinaus. Soziale Gerechtigkeit ist gewiss die Grundlage menschlich-christlichen Zusammenlebens. Aber wer Wunder nicht zulassen kann, der zeigt seinen kleinen rationalistischen Horizont, der nur gelten lässt, was er begreifen kann.

Jesus zeigt eine andere Art. Er lässt die Wunder geschehen, weil er weiß, dass er darin der unfasslichen Schöpfer- und Erlösermacht Gottes selbst begegnet. Sicher haben Wundergeschichten immer zwei Ebenen: das wirkliche Zeichen und symbolische Elemente. Die Speisung bedeutet, dass Menschen letztlich das Wort Gottes als Leben spendend empfangen; die Heilung des Blinden bedeutet, dass die Augen des Herzens geöffnet werden für das, wer Jesus wirklich ist; die Aufrichtung der Kranken deutet auf den Beginn des neuen, ewigen Lebens hin. Aber alles, was Jesus tut, weist auf ein größeres Geschehen hin. Was er tut, sind keine leeren, losgelösten Zeichen. Das biblisch-jüdische Denken kennt solche nicht, ebenso wenig wie die Trennung von Leib und Seele, kennt nicht die Trennung zwischen leibhaftiger Speisung und dem Annehmen des Wortes Gottes im verinnerlichten Hören. Erst die Neuzeit hat hier eine Trennung vorgenommen.

Die Aussage nur rein symbolisch zu verstehen, ist gelegentlich auch bei der Eucharistie oder der Auferstehung der Toten zu finden. Die Folge davon ist nicht wieder gut zu machen: Gott wird von der Welt entfernt. Bei dieser Vorstellung des "Deismus" ist Gott auch nicht mehr fähig, Welt oder Menschen zu verwandeln. Letztendlich greift er überhaupt nicht mehr ein. Auch diese andere Richtung, eine sozialethische Auslegung, nimmt den Menschen und seinen Hunger ernst. Aber auch sie leugnet, dass Gott in die leibliche Sphäre eingreift. Religion vollziehe sich in sozialem Handeln. Das wichtigste an der Eucharistie sei dann das gemeinsame Erleben.

Diese Evangeliumsstelle hinterfragt das Verhältnis von Gott und Welt genauso wie das Verständnis von Kirche. Wenn ich Wunder nur auf die symbolische Ebene stelle, wird es auch in der Kirche nicht mehr in erster Linie auf den wirklichen Vollzug ankommen. Die Gemeinschaft kann dann auch symbolisch sein, ich brauche nicht hingehen und kann im Wald genauso beten. Wenn nur gilt, was der einzelne meint, geht das an der Bibel vorbei.

Sicher ist es eine Zumutung, dem hungrigen Magen nur das Evangelium zu verkünden, ohne ihn leiblich zu ernähren. Genauso ist es falsch, auf ein Wunder zu warten und die Hände in den Schoß zu legen. Aber Wundergeschichten ruhen in sich und verweisen auf das Größere, das kommen wird. Die Zeichenhandlungen geben als Teil der Verkündigung Jesu immer Einblick in das, was Gott als Ganzes vorhat. Aber auch sie bleiben ein Teil. Jesus hat nicht alle Menschen gesättigt und nicht alle Menschen geheilt. Aber er hat mit seinem wundersamen Tun etwas von Gottes Programm sichtbar gemacht.

Wenn Gottes Wort wirklich ist und tatsächlich wirkt, dann sind auch die Wunder wirklich. Zugleich verheißen sie, dass Gottes Welt einmal für alle greifbar und sichtbar sein wird. -


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21. September 2008
25.Sonntag im Jahreskreis
Platzhirsche und Neubekehrte

Mt 20, 1-16

Oder: Wo liegen die Unterschiede? So könnte ich die Überschrift hier auch betiteln. Ich möchte bei der Erfahrung ansetzen. Einen Teil meines Urlaubs verbrachte ich mit dem Fahrrad auf dem ökumenischen Jakobsweg von Görlitz a. d. Neiße, der östlichsten Stadt Deutschlands, bis nach Gotha. Der Weg folgt der alten “via regia” und der “Romanischen Straße” durch Sachsen, ein Stück Sachsen-Anhalt und Thüringen. Das garantiert bereits ein Erleben beeindruckender Städte, alter Kirchenbauten und bedeutsamer Kunstwerke. Ich kam oft aus dem Staunen nicht heraus. Zugleich werden Unterschiede deutlich. In manchen Städten ist nur noch zu ahnen, wie es vor zwanzig Jahren hier ausgesehen hat. Inzwischen ist sehr viel saniert und renoviert. Unzählige Straßen sind neu, asphaltiert oder gepflastert. Viel alte Substanz erscheint in neuem Glanz. Eine neue Autobahn durchzieht das Land von West nach Ost, von Süd nach Nord. Man muss bisweilen aufkommende Neidgefühle unterdrücken. Die äußeren Unterschiede zwischen der Zeit vor und nach der Wende wurden ganz offensichtlich durch viel Geld und Einsatz geschaffen.

Um Unterschiede geht es auch im Evangelium vom Sonntag. Denn die Pointe des Gleichnisses liegt hier in der Frage, worin jetzt Unterschiede bestehen und worin nicht mehr. Sind wirklich alle gleich und verdienen alle “nur” dasselbe, seit Jesus das Reich Gottes verkündet hat?

Die Unterschiede bestehen nicht in einer unterschiedlichen Belohnung. Der beseitigte Unterschied, die Lohnangleichung, ficht auch uns heute noch an und weckt unser Unverständnis. In einer tatsächlichen Lohnpraxis würde das jeder von uns ablehnen. Denn es geht nicht nehr um unterschiedliche Löhne, nicht um einen garantierten Mindestlohn für bestimmte Lohnempfänger, sondern um den gleichen Lohn, und zwar für alle. Alle werden in gleicher Weise Gott schauen und leuchten wie die Sonne (Mt 13, 43).

Das ist der Blick von außen. Und nur so können wir unser Unverständnis aufbrechen. Wir können diese Frage nicht moralisch lösen, sondern allein theologisch, also indem wir darauf schauen, wie Gott handelt. Alle Menschen sind gleich und zur Heiligkeit berufen. Wie Gott mit dem einzelnen nach der getanen Arbeit umgeht - gearbeitet und etwas geleistet haben alle, wenn auch unterschiedlich lange - und ihn am Ende seiner Lebenszeit behandelt, das müssen wir ihm überlassen.

Neben der Außensicht gibt es die Innenperspektive. Sie wird bestimmt von dem, was wir Menschen tun, wie wir reagieren oder protestieren. Unsere Reaktion wird abgefragt durch das Wort des Gutsbesitzers. Und da gefällt mir die Übersetzung von K. Berger recht gut: “Oder bist du böse, weil ich gut bin? Sei auf der Hut! Denn auf diese Weise können leicht aus den Letzten Erste werden und umgekehrt. Ob einer meine Güte ertragen kann, danach richtet sich in Zukunft, wer Erster und wer Letzter ist. Denn der Lohn ist für alle gleich.”

Es gibt also ganz offensichtlich nach wie vor eine Reihenfolge. Dabei erlebt man menschliche Dinge, leider auch recht unerfreuliche Erscheinungen. Da gibt es die Altgedienten, die schon lange dabei sind. Welcher Platzhirsch gesteht schon einem später Dazugekommenen die gleichen Rechte und den gleichen Rang und den gleichen Lohn zu? Ähnliches sehen wir im Gleichnis vom barmherzigen Vater. Der daheim gebliebene Sohn sieht sich als der Platzhirsch benachteiligt. Er beruft sich auf seine lange und treue Arbeit daheim. Darüber stolpert er; sein Blick wird finster und sein Neid beraubt ihn der Fähigkeit, die Güte des Vaters, die Güte Gottes zu ertragen. Die Reihenfolge bleibt, er bleibt der ältere Sohn. Die Liebe des Vaters gilt beiden in gleicher Weise. Nur ist der jüngere Sohn der bekehrte und spürt im Augenblick die Güte des Vaters intensiver, so wie die Arbeiter der elften Stunde die Güte des Gutsbesitzers mehr erfahren.

Dieses Problem gab und gibt es im Jüngerkreis, in der frühen Kirche und wohl auch heute. Aber das Christentum ist und bleibt eine Bekehrungsreligion. Sie lebt von Bekehrten und neu Dazugekommenen. Auch heute wird in der Kirche viel Energie durch innerkirchliche Reibungsverluste verschwendet. Der Zankapfel, der eine Denar, steht für die Tiefendimension des Gleichnisses: Der Herr des Weinberges sorgt für alle, so dass sie leben können. Die Aufhebung des Unterschieds in der Belohnung bereitet hier die Pointe vor. Dann darf ich mir nicht als der Platzhirsch und damit als etwas Besseres vorkommen. -


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09. November 2008
32. Sonntag im Jahreskreis
Die Kirche Gottes seid ihr 1 Kor 3, 9-17; Joh 2, 13-22

Jeder von uns hat seine eigene Erfahrung mit sich und seiner Kirche. Ich möchte behaupten, dass die offene Gemeinde an unserer Basilika in Ingolstadt einen guten Querschnitt zeigt von dem, was Kirche heute alles ist. Es ist ein buntes Volk von rechts nach links, von gut katholischen Russlanddeutschen bis hin zu Mitgliedern der Bewegung "Wir sind Kirche", von jungen Familien, die geistige Heimat suchen, bis hin zu eingefleischten Ingolstädter Kirchenbesuchern. Die einen beten mehr, die anderen kritisieren und fordern mehr. Die einen suchen bewährte Formen, die andern wünschen sich Aktionen und Kreativität. Die einen wollen Zeitgemäßes, die anderen mögen keine Anpassung an den Zeitgeist.

Lebendigkeit ist da wie dort, wenn man`s nur richtig versteht: Das tiefere geistliche Leben im Rosenkranzgebet oder in der Anbetung in der Schuttermutterkapelle oder bei der Meditation in der Oase der Stille und in der Aktion in der Liturgie der Eucharistiefeier, im täglichen franziskanischen Abendlob, das viele mitgestalten, in der qualifizierten Kirchenführung oder persönlichen Betrachtung einer Ausstellung als einem Stück von Kirchenraumpädagogik: Lebendig werden hier die Steine und die Toten, lebendig wird die Gemeinde und der einzelne, jeder auf seine je eigene Weise.

Wirklich präsent ist überall vor allem Christus als das Haupt, der Schlussstein und die Mitte der Kirche. Die Motive in den Schlusssteinen des Gewölbes im Hochchor stehen alle für Christus: Die Weinrebe (ich bin der Weinstock), der Pelikan, der mit dem eigenen Blut seine Jungen ernährt, die Stigmatisation des hl. Franziskus, der die Wundmal Jesu Christi erhält, der Hirsch, im Mittelalter auch Sinnbild für Christus.

Zugleich ist Christus das Fundament. Paulus schreibt im ersten Brief an die Korinther: "Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus." Dieses Fundament zeigt sich vor allem im Zelebrationsaltar. Wir hatten im letzten Jahr das Glück, den Altar aus dem Ingolstädter Liebfrauenmünster für unsere Basilika zu bekommen; dort wurde ein anderer Altar aufgestellt. So haben auch wir einen stabilen Altartisch mit einer festen Bodenplatte und einer Stehle, die zugleich als Reliquiengrab dient. Der Altar symbolisiert Christus, die Mitte der Kirche, die Mitte der Liturgie der heiligen Messe.

Die Minoriten oder Konventualen, also die schwarzen Franziskaner, die hier 1275 angefangen haben, bauten in das Kirchenschiff eine starke theologische Symbolik ein. Im Verhältnis 1:2 von Breite zu Höhe steht die obere Hälfte für die Kirche des Himmels, die untere Hälfte für die irdische Kirche. Diese erhält ihr Licht von den Fenstern oben. Die irdische Kirche ist noch unterwegs, unfertig, von Sünde gefährdet, von Schuld beladen. Darum finden sich in den Seitenschiffen Beichtzimmer und Beichtstühle. Der Ruf "Kehrt um, das Himmelreich ist nahe" wird von vielen gehört und führt sie von Schuld befreit zurück in die Gemeinschaft der Kirche, die im Mittelschiff betet, singt und feiert. Dann kann wieder sein, was Paulus bei den Christen der Gemeinde in Korinth beschwört: "Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben. Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr."

Damit stellt uns Paulus ein interessantes Kirchenbild vor. Nicht die triumphale Kirche, sondern die heilige Kirche; nicht die Kirche aus Steinen, sondern aus Menschen. Sie wird geheiligt durch die Einwohnung Gottes. Gott wohnt im einzelnen Menschen und in der Gemeinschaft der Glaubenden. In der Wahrnehmung ist das bei vielen Zeitgenossen anders. Sie sehen Kirche nur als Institution und Gebäude. Als solche wirkt sie für viele bedrohlich, und die Kirchen werden leider leerer. Die meisten Menschen in unserer Gesellschaft nehmen kaum mehr wahr, dass die Kirche wächst. Sie wächst - weltweit gesehen - bis auf den heutigen Tag.

Die Lateranbasilika in Rom, die eigentliche Bischofskirche der ewigen Stadt, zeigt an ihrer Fassade eine Steintafel, in die gemeißelt ist: "Omnium Urbis et Orbis ecclesarium Mater et caput". Das heißt übersetzt: "Mutter und Haupt aller Kirchen der Stadt und des Erdkreises." Das ist ein hoher Anspruch. Wenn wir am 9. November den Weihetag dieser "Mutter"-Kirche feiern, erinnern wir uns daran, dass unser Glaube eine Geschichte. Ein geschichtlicher Ablauf ist Zeit und bedeutet darum auch eine Entwicklung; sie hat aber ein bleibendes Zentrum: Jesus Christus. Er hat die Kirche als Gottes Bau auf das Fundament seiner Apostel und Zeugen gegründet.

Der Apostel Petrus ergänzt in seinem ersten Brief den Völkerapostel in wunderbarer Weise, wenn er sagt: "Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft" (1 Petr 2,5).


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28. Dezember 2008
Fest der Heiligen Familie
Außer der Liebe nichts

Kol 3, 12-21
Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen. Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld! Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht.

In eurem Herzen herrsche der Friede Christi; dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Seid dankbar. Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch. Belehrt und ermahnt einander in aller Weisheit! Singt Gott in eurem Herzen Psalmen, Hymnen und Lieder, wie sie der Geist eingibt, denn ihr seid in Gottes Gnade. Alles, was ihr in Worten und Werken tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn. Durch ihn dankt Gott, dem Vater!

Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt. Ihr Männer, liebt eure Frauen, und seid nicht aufgebracht gegen sie! Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem; denn so ist es gut und recht im Herrn. Ihr Väter, schüchtert eure Kinder nicht ein, damit sie nicht mutlos werden.

Wir feiern das Paulusjubiläumsjahr. Es wird da und dort bedacht und mit verschiedenen Akzenten gefeiert. In Ingolstadt z. B. leben und arbeiten die Paulusschwestern im Medienapostolat. Sie haben für ein Jahr eine Predigtreihe angeregt, die dem Völkerapostel Paulus gewidmet ist. Ich durfte Ende September eine Predigt halten über die Lesung des Tages, den sog. Philipperhymnus. Der Philipperbrief gehört zu den echten Paulusbriefen.

Der Kolosserbrief mit der Lesung vom Festtag der Heiligen Familie wurde wohl von Paulusschülern verfasst. Vor 2000 Jahren soll Paulus geboren worden sein. Seine Briefe sind die ältesten Zeugnisse der Christenheit. Sie sind die Grundlage das Neuen Testament.

Der Kolosserbrief ist eng verwandt mit dem Epheserbrief. Er bedient sich einer feierlichen Sprache. Zentrale paulinische Gedanken finden wir aber nicht, wie z. B. die Frage der Rechtfertigung, das Gesetz und die Freiheit. Anlass des Briefes ist eine Irrlehre, die "Philosophie" genannt wird (Kol 2,8). Die Mächte dieser Welt haben darin eine besondere Bedeutung. Man ging aus von einer Hierarchie geistiger Mächte, die das Schicksal der Menschen maßgeblich bestimmen. Der Kolosserbrief stellt diesen Vorstellungen eine kosmisch bestimmte Lehre von Christus entgegen. Christus ist das Haupt des Ganzen und hat die Menschheit aus ihrer kosmischen Gefangenschaft befreit.

Die heutige Stelle ist dreigeteilt. Die ersten drei Verse sind eine streng theologische allgemeine Mahnrede, bezogen auf Gott, den Vater. Die nächsten drei Verse beziehen sich auf Christus mit einem Blick auf den Heiligen Geist. Die folgenden vier Verse bringen etwas Spezielleres: Eine sog. "Haustafel" gibt Mahnungen für das Miteinander von Frauen, Männern und Kindern in einem christlichen Haus. Die ersten beiden Teile leiten fast feierlich zu den Mahnungen für die Familie ein.

Sich bekleiden, anziehen, das erinnert an den Taufritus. Nach der Taufe, bei der der Täufling ganz untergetaucht wurde, durfte er etwas Neuartiges anziehen. Die Adressaten des Briefes werden an die Taufe erinnert; es klingt wie eine sanfte Ethik: Echtes Erbarmen, Güte, Demut Geduld, sich ertragen und vergeben. Das bedeutet konkret, auf Macht, Gewalt und Rache zu verzichten. Nachgiebig zu sein, ist die christliche Lebenshaltung: darin zeigt sich die neue christliche Weisheit, die sich von der Weisheit dieser Welt unterscheidet.

"Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat." Wozu der Schreiber hier auffordert, ist in der heidnischen Welt etwas Neuartiges. In unseren Tagen ist es ebenso immer neu notwendig. Sich gegenseitig ertragen, als alt gewordene Eheleute oder Partner in der Krise, als eifernde Geschwister oder Arbeitskollegen. Dem anderen zu vergeben, das ist überhaupt der beste, sicherste und nachhaltigste Weg, damit das eigene Leben und das Leben miteinander gut geht, gut weiter geht.

Dabei ist beachtenswert: Wir dürfen uns selber Verzeihung schenken lassen und die Vergebung weiter geben, die wir von Gott empfangen haben. Als Christen brauchen wir nicht alles selber leisten, das Wichtigste dürfen wir empfangen. Dann ist Liebe möglich, die - wie das Band das Geschenk - die Gemeinde vollkommen zusammenhält.

Alles geschehe im Namen des Herrn Jesus. Der Teil des Briefes, der sich auf Jesus bezieht, kommt aus der Liturgie oder ist schon zur Liturgie geworden. Das Danksagen (eucharistein) kommt zweimal vor und ist deshalb interessant, weil auch das Herrenmahl so genannt wird. Diese Verse sind von daher bedeutend für die Entwicklung der Eucharistie. Dem "Danksagen", der Eucharistie soll eine Lebenshaltung entsprechen, die von einem ehrlichen Frieden geprägt ist.

Die sog. Haustafel hier wurde früher regelmäßig bei Trauungen vorgetragen. Heute haben viele damit ihre Schwierigkeit. Sie erscheint sicher als einseitig und ungleichgewichtig. Wer aber daraus ableiten wollte, dieser Brief sei als Ganzer veraltet, der hat vielleicht den Nachsatz überlesen, in dem es heißt: "... wie es sich für Menschen geziemt, die im Herrn sind." Paulus denkt hier an eine Rangordnung, die in der Schöpfungsordnung begründet liegt: Gott-Christus-Mann-Frau. Wir sehen heute darin keine absteigende Rangfolge. Wir sind versucht, alle Unterschiede einzuebnen. Aber bei aller Gleichberechtigung wird allzu schnell gleichgemacht. Der Schreiber spricht von aufrichtigem Erbarmen. Vielleicht kommt es heute mehr darauf an, die Unterschiede ehrlich zu achten und ernstzunehmen, und, solange sie interessant sind, sich daran zu freuen, wenn sie langweilig geworden sind, sich gegenseitig zu ertragen, trotz allem aber einander zu lieben. Denn "Liebe ist niemals fertig und vollendet; sie wandelt sich im Lauf des Lebens, reift und bleibt sich gerade dadurch treu."?(PP. Benedikt XVI.) -


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Predigten Br.Georg Greimel, Altötting 15. Februar 2009
6. Sonntag im Jahreskreis
Zum Nutzen aller

1 Kor 10,31 - 11,1
Brüder und Schwestern. Ob ihr esst oder trinkt oder etwas anderes tut: tut alles zur Verherrlichung Gottes! Gebt weder Juden noch Griechen, noch der Kirche Gottes Anlass zu einem Vorwurf! Auch ich suche allen in allem entgegenzukommen; ich suche nicht meinen Nutzen, sondern den Nutzen aller damit sie gerettet werden. Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme. -

Tut alles zur Verherrlichung Gottes! Mit diesem Paulus-Wort aus dem ersten Brief an die Korinther denken wir an den Wahlspruch der Jesuiten: Omnia ad maiorem dei gloriam - alles zur größeren Ehre Gottes. Hier steht dieses Wort zunächst im Zusammenhang mit Essen und Trinken, näher hin mit dem Essen von Fleisch, das von Opfertieren stammt und am Markt verkauft wird. Paulus erweitert den Zusammenhang auf alles, was der Mensch so tut: "Ob ihr esst oder trinkt oder etwas anderes tut: tut alles zur Verherrlichung Gottes." (1 Kor 10,31). Worauf kommt es Paulus hier an?

Paulus hat als einer der gebildetsten Pharisäer seiner Zeit die Geheimnisse der jüdischen Offenbarungsreligion studiert. Jahwe, der Gott Israels, der von den Frommen sieben Mal am Tag besungen, angefleht und verherrlicht wird, steht im Mittelpunkt der Liturgie, des Opferns, des praktischen Denkens und alltäglichen Handelns. Paulus hat sich systematisch in dieses Denken hineinstudiert.

Für ihn dreht sich nun die Geschichte. Alles zur Verherrlichung Gottes. Da meint er den Herrn, da steht der Herr selber im Mittelpunkt: Es ist Jesus, der Auferstandene. Es ist das Gesicht vor Damaskus. Das Gesicht des Jesus von Nazareth bestimmt von nun an wie eine Hintergrundfolie all sein Denken und Handeln. ER hat ihn zum Apostel gemacht und ihn beauftragt; in seinem Namen ist er von jetzt an unterwegs.

Nach seiner Verwandlung vor Damaskus beginnt nicht alles beim Nullpunkt. Vielmehr geht Paulus hier etwas auf. So wie er bisher die Heiligen Schriften und das mosaische Gesetz ausgedeutet hatte, war es nach der Überzeugung seines Berufsstandes richtig gewesen. Aber jetzt nach Damaskus sieht er ein, es gibt eine theoretisch-praktische Deutung der Propheten, der Heiligen Schriften und des Gesetzes durch den Rabbi Jesus. Von jetzt an ist diese Ausdeutung die einzig richtige und wegweisende Auslegung. Ja, dieser Jesus ist selber der Weg, die Wahrheit und das Leben in Person.

"Saul, Saul, warum verfolgst du mich?" Jesus fragt ihn vor Damaskus: Warum verfolgst du das Leben, warum willst du das Leben vernichten? In dieser Person entdeckt Paulus eine neue Freiheit. In dieser neu entdeckten Freiheit kann Paulus mit den praktischen Fragen anders umgehen. Darum propagiert er in den vom ihm gegründeten Gemeinden, in denen Judenchristen und Heidenchristen gemeinsam beten und das Herrenmahl feiern, eine beschneidungsfreie Heidenmission. Sie wird auf dem Apostelkonzil in Jerusalem 49 n. Chr. für gut geheißen. Im Ergebnis dieses ersten Konzils der Kirche finden wir die sog. Jakobusklauseln. Die Heiden, die Christen werden, sollen Götzenopferfleisch, Ersticktes, Blut und die Unzucht meiden.

Worauf kommt es Paulus an? - Paulus weiß, dass man ohne Gefahr und ohne Schaden vom Götzenopferfleisch, das am Markt angeboten wird, essen kann, weil es keine Götzen gibt. Damit hat dieses Fleisch auch keine besondere Bedeutung. Aber er stellt diese Frage in den Zusammenhang der verschiedenen Situation der jungen Christen. Die stark sind im Glauben, verwirren leicht die Schwachen, die noch unsicher sind. Er plädiert dafür, dass die Aufgeklärten, die bereits über der Sache stehen, einen guten Glaubensstand haben und den Götzenzauber durchschauen, auf die Schwächeren Rücksicht nehmen und sie nicht unnötig verwirren sollen. Nicht die eigene subjektive Gewissensüberzeugung steht im Vordergrund, sondern man muss die Gewissensüberzeugung des Bruders oder der Schwester achten und schützen.

Der Christ soll also praktisch nicht auf den eigenen Vorteil bedacht sein, den er aus dem Glauben ziehen könnte. Die Gemeinschaft ist wichtiger als der eigene Nutzen. In der Gemeinschaft der Glaubenden sind alle vereinigt, die gerettet werden sollen. Wer so handelt, der geht auf den Spuren Christi; denn Christus war darauf bedacht, dass alle mitkommen, vor allem die Schwächeren. Auf sie hat er Rücksicht genommen, sie besonders angesprochen, sie bevorzugt wahrgenommen und mit hinein genommen in die Gemeinschaft.

Die knappen Sätze dieser Lesung sind eine Art "Summe der Ethik" des Apostels Paulus. Das Ziel des Verhaltens ist ein ästhetisches: Gott zu verherrlichen bedeutet in erster Linie, dieser Herrlichkeit Gottes entsprechend zu leben. Der Lichtglanz Gottes hat auf dem Antlitz Christi gestrahlt und leuchtet in die Herzen der Glaubenden hinein (2 Kor 4,2f). -


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05. April 2009
Palmsonntag
Alle Knie beugen sich
Phil 2, 6-11; Mk 11, 1-10

Am Beginn der Karwoche steht der Einzug Jesu in Jerusalem im Vordergrund. Die Leidensgeschichte schildert das Ende Jesu. Die zweite Lesung legt den heilsgeschichtlichen Hintergrund des Geschehens dar.

In Philippi gründet der Apostel Paulus auf seiner zweiten Missionsreise etwa um 49 n. Chr. die Christengemeinde. Hier wurde Lydia, eine Purpurhändlerin aus Thyatira, die erste europäische Christin der paulinischen Mission getauft. Paulus war mit der Gemeinde in Philippi eng verbunden durch Geben und Nehmen. In keinem anderen Schreiben gibt der Apostel einen vergleichbaren Einblick in sein persönliches Empfinden.

Paulus liegt in Ephesus in Ketten. Trotzdem finden wir in diesem Gefängnisbrief als durchgängiges Motiv die Freude des Glaubens. Es soll der Gemeinde hilfreich sein, dass sie mit Paulus im Glauben in der Verfolgung verbunden ist. Diese Solidarität hebt Paulus ausdrücklich hervor.

Es kommt ihm nur darauf an, dass das Evangelium verkündet wird. Gegen den Anschein und wider alle Erwartung hat seine schlimme Lage das Evangelium doch vorwärts gebracht. Im Verlauf des Prozesses wird offensichtlich, Paulus war nicht wegen irgendwelcher Vergehen im Knast. Um Christi willen wurde er zum Gefangenen. Das haben viele mitbekommen, die mit seinem Fall betraut waren, aber auch Menschen in einer Zuschauerrolle.

Als Resumee seiner bewegenden einleitenden Worte fordert Paulus im Philipperbrief zusammenfassend: “Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht. Führt ein Gemeindeleben, das des Evangeliums Christi würdig ist!” (Phil 2,5)

Als Glanzpunkt schließt sich der Philipper-Hymnus an: Es ist eines der bedeutendsten Christus-Zeugnisse der Hl. Schrift überhaupt. Christus Jesus wird nicht als Vorbild hingestellt, das man auch wählen könnte wie sonst einen Star. Christus ist die Grundlage christlichen Lebens. Er ist das Fundament, auf dem wir stehen und gehen, in dem wir uns aufhalten und begreifen. Der Schreiber denkt nicht über theologische Fragen nach. Er will Gott dafür preisen, dass Christus aus sich herausgegangen ist, dass er den Weg nach unten gewählt hat. Heute sprechen wir vom “heruntergekommenen Gott”. Der hl. Franziskus konnte nicht genug darüber staunen, dass Gott sich herabgelassen hat, sich klein gemacht hat für uns. Für die Philipper muss das unglaublich geklungen haben: ein Gott, der sich eingelassen hat in ein von Elend und Tod gezeichnetes Menschendasein.

Der Schöpfer dieses Liedes, das wohl ursprünglich aus der liturgischen Tradition stammt, sieht den Tod als den Tiefpunkt im ganzen Vorgang, in dem Gott das Heil für uns schafft. Bei Paulus ist es anders. Er sieht den Tod am Kreuz als Heil stiftendes Geschehen, als “Gottes Kraft und Gottes Weisheit für die, die gerettet werden” (1 Kor 1,24).

Im zweiten Teil des Hymnus wird Jesus erhöht. Gott handelt und heißt damit gut, was der Sohn getan hat. Und er verleiht ihm den Namen, “der größer ist als alle Namen”. Das kann nur der Gottesname sein. Die Folge davon betrifft das ganze Weltall. Vor diesem Namen beugen sich die Knie aller Kräfte in der Schöpfung. Gemeint sind alle Gewalten, nach dem damaligen Weltbild auch die dämonischen und gottfeindlichen Mächte. Sie geben sich geschlagen. Das hat für den gläubigen wie abergläubischen Menschen emanzipatorische Folgen: Der Mensch ist nicht mehr den Mächten des Schicksals ausgeliefert. Die Welt liegt in Händen des erniedrigten und gehorsamen Christus.

Der Hymnus gipfelt in einem Bekenntnis. Alle Kräfte in der gesamten Schöpfung stimmen ein, alle Mächte der damals bekannten Welt, auch der dämonischer Geisterwelt: “Jesus Christus ist der Herr” - zur Ehre Gottes des Vaters.” (2,11).

Mit dem Herrschaftstitel Kyrios wird Jesus Christus das Sagen zuerkannt. Alle anderen Herren haben sich unterzuordnen. In unseren Tagen hat der frühere Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Staatspräsident Michael Gorbatschow, der getaufter Christ war, bekannt, er betrachte Franz von Assisi als seinen geistlichen Schutzpatron. Durch ihn habe er wieder zum Christentum, zur Kirche gefunden. Unten in der Tomba am Grab des hl. Franz in Assisi hat er seine Knie gebeugt und ein halbe Stunde mit seiner Tochter gebetet. Dann kam Glasnost (Transparenz) und Perestroika (Umbruch).

Der gläubige Christ kann sich mit diesem Wissen des Paulus immunisieren gegen jede Form von Aberglauben, aber auch gegen jeden Versuch, die Weltgeschichte umzudeuten und sich unpersönlichen Gottheiten auszusetzen. Denn Jesus Christus ist der Herr, zur Ehre Gottes des Vaters. -


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24.Mai 2009
7. Ostersonntag
In der Königsklasse Joh 17, 6a.11-19

Wir hören in der Messfeier zum siebten Sonntag der Osterzeit einen Abschnitt aus dem Johannesevangelium. Es ist gut gemeint von den Liturgen, aber sie hätten dem Leser bzw. Hörer den weggelassenen Abschnitt durchaus noch zumuten können. Die Kürzung ergibt keinen ersichtlichen, tieferen Sinn.

In seinem "Hohepriesterlichen Gebet" legt Jesus vor Gott, seinem Vater, Rechenschaft ab und formuliert das Ganze als Gebet. Dahinein gehört ebenso die Fürbitte Jesu beim Vater. Wer Rechenschaft ablegt, weiß sich in der Rolle des delegierten Verantwortlichen. In dieser Position sieht sich Jesus zunächst für die Jünger, dann für alle Menschen, die an ihn glauben. Der Verantwortliche ist sich der Einheit mit seinem Auftraggeber bewusst. Bei ihm legt er zusätzlich ein gutes Wort ein. Wir sagen dazu Fürbitte.

Jesu Fürbitte hat ein eindeutiges Ziel. Die Einheit und die Einigkeit ist Thema und Wunsch für die Zurückbleibenden. Das gilt für Abschiedsreden genauso wie für Testamente. Wir nehmen an, dass Jesus bei seinem himmlischen Vater Gehör findet. Wenn wir zielorientiert denken und auf das Ergebnis schauen, müssen wir uns aber vor dem Trugschluss hüten, die Apostel und führenden Männer der Kirche seien bereits allein des Gebetes Jesu wegen immer schon und für immer eins. Jesus hat einen entscheidenden Anstoß gegeben. Aber nach dem Evangelium des Johannes dürfen wir nicht übersehen, dass die Jünger ihren Teil zum Ergebnis beitragen müssen. Ebenso muss jeder Christ und jede Generation von neuem ihre Hausaufgabe machen.

Jesus sieht die Einheit der Jünger von Anfang an gefährdet. Als bei den synoptischen Evangelien, Matthäus, Markus und Lukas, die Jünger um die Rangordnung streiten, muss Jesus dazwischen fahren. Diese Reaktion Jesu steht im Zusammenhang damit, dass er auf das Ende schaut und sein Leiden und seinen Abschied ankündigt. Weg und Ziel werden demnach anders aussehen, als es sich die Jünger vorstellen. Jesu Dazwischenfahren hat auch bei den Synoptikern etwas Testamentarisches.

Jesus, der aus dieser Welt weggeht, hinterlässt die große Sorge um die Einheit. Das vierte Evangelium ist auf Jesus hin konzentriert. Der Evangelist entwickelt seine anspruchsvolle Theologie. Sie lässt keinen Zweifel daran, wer Jesus ist. In ihm begegnet uns Gott. Die Einheit der Christen und der Kirchen ist abhängig davon, wie wir Jesus einschätzen, als was wir ihn sehen und erkennen. Das Evangelium nach Johannes zeigt uns, wie sehr Gott in Jesus wirklich gegenwärtig ist. Gottes Wort hat sich in die Welt herein ereignet. Er lebte als das Fleisch gewordene Wort Gottes. So war er in einzigartiger Weise fähig, die Gegenwart Gottes auf den Menschen hin durchlässig und erfahrbar zu machen. Die Johannestexte werden infolge dessen nicht müde, das Ineinander der Liebe, des Bleibens in Gott und der Erkenntnis der Wahrheit zu beschreiben.

Jesus spricht davon, dass er sich für die Jünger heiligt. Klaus Berger übersetzt: "Und für sie mache ich mich zum Eigentum, damit auch sie dein Eigentum sind in deiner göttlichen Gegenwart." Wer heilig ist, ist Gottes Eigentum, ganz und gar. Und wenn die Jünger geheiligt sind in der Wahrheit, das meint dann die Wahrheit als das Stabile, Verlässliche und Ewige an Gott. Und wer in diesen göttlichen Bereich eintritt, der bekommt Anteil am göttlichen Leben.

Da sind wir wieder beim heiligen Pförtner von Altötting, Bruder Konrad von Parzham. Der 75. Jahrestag seiner Heiligsprechung traf auf den 20 Mai. Am Sonntag, 17. Mai 2009, wurde das zum Teil neu gebaute und generalsanierte Kapuzinerkloster St. Konrad durch den Ortsbischof eingeweiht. Zu diesem Anlass konnten u. a. zwei Räume neben der alten Pforte eröffnet werden, die den hl. Bruder Konrad thematisieren. Ein Raum gilt dem Pförtner, einer dem Beter.

Von Kindesbeinen an ist das Gebet sozusagen eine Leidenschaft des Heiligen. Aber es war für den niederbayerischen Bauernsohn nicht nur ein Kinderspiel. Auch er musste es sich vornehmen und üben. So schreibt er im Noviziat: "Ich will es mir recht angewöhnen, mich allezeit in die Gegenwart Gottes zu stellen." Mit diesem Wort findet der hl. Bruder Konrad die Mitte seines geistlichen Lebens. Mit dieser Übung erreicht er die Königsklasse. So wie Jesus mit Gott, seinem Vater, im Gespräch ist, so ist der heilige Pfortenbruder mit Gott und Jesus in der Gegenwart des Altarsakramentes im Gespräch. Darin wird er Meister.

Bruder Konrad zählt nicht zu den spirituellen Leichtgewichten, weder in seiner Vorgeschichte des Klosterlebens, noch als Kapuzinerbruder. Er spielt sein geistliches Leben im johanneischen Sinn in der Oberliga. Er übt sich in dem Dreischritt, in der Liebe zu Gott, den er intensiv sucht, im Bleiben in Gott durch sein stetes Gebet; und im Blick auf den Herrn im Tabernakel, in dem er den Weg, die Wahrheit und das Leben findet und erkennt. -


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12.Juli 2009
15. Sonntag im Jahreskreis
Spiritualität nicht zum Nulltarif Mk 6, 7-13

Wer das Evangelium vom 15. Sonntag im Jahreskreis hört und darüber nicht erschrickt oder verwundert reagiert, sollte sich fragen, wie es mit dem eigenen Christsein steht. Und sollte der Prediger eine entsprechend gute Predigt hinlegen und trotzdem vielleicht nicht gehört werden, dann wäre es für ihn bibelgemäß angebracht, den Staub von den Füßen zu schütteln und woanders hinzu gehen. Aber dann gäbe es vielleicht eine priesterlose Gemeinde mehr. Und der Oberhirte der Diözese würde möglicherweise erschrecken über die Konsequenz seiner Hirten. Oder sollten wir nicht doch besser den Rabbi und Wanderprediger Jesus von Nazaret selber fragen, welch sonderbare Boten er ausschickt - mit einem einseitigen Auftrag, den heute nur noch extreme Charismatiker ganz ernst nehmen. Die radikal spärliche Ausstattung des Missionars erscheint uns ebenso merkwürdig. Wechselnde Quartiere am Ort könnten Neider und Rivalitäten erwecken.

Beim Bericht über die Missionsarbeit wird von der Umkehr und vom Salben mit Öl und vom Heilen gesprochen. Da denken auch wir an das Heilsame und das, was Kinder und Kranke betrifft. Die Salbung bei der Taufe und beim Sakrament für die Kranken gilt den Kleinsten und Schwächsten, die Christus brauchen, den Heiland der Welt. Jesus setzt offensichtlich die Predigt Johannes des Täufers fort. Die Umkehrpredigt steht am Anfang. Es folgt der Exorzismus und die Salbung. Die Jünger werden ausgestattet mit der messianischen Vollmacht Jesu. Wer von Jesus ausgesendet ist, der muss ernst machen mit seinem messianischen Auftrag. Der Messias Israel besiegt das Bedrohliche, das sind die Krankheiten und die Dämonen. Die Feinde sind schon längst nicht mehr irgendwelche Menschen. Denn die Herrscher der Völker sind höchstens Marionetten, von falschen Vorstellungen besessene Weltregenten. Heute würden wir sagen, geleitet von Ideologien und Nationalismen, z. B. von einem fatalen dualistischen Schwarzweiß-Denken, wie etwa die Achse des Bösen, die Achse des Guten. Wie viele Jahre Krieg und wie viel Leid und Tod ein solches Denken bringt, zeigt u. a. der Irakkrieg. Und wenn die Besatzer abgezogen sind, bleibt offen, welche bedenklichen Folgen nationales Völkerschaftsdenken bringt.

Aber warum die dürftige Ausrüstung der Missionare? Zum einen weist es darauf hin, dass die beginnenden Ortsgemeinden verpflichtet sind, die notwendigen Dinge zu stellen. Zum anderen sehen wir bei den ersten Missionaren eine hohe Mobilität. Der Wanderprediger z. Z. Jesu ist also angehalten, sich frei zu machen von Habgier und Besitz; sein Markenzeichen ist Verzicht auf Heimat, bürgerliche Existenz, Familie und geregelte Einkünfte. Dieses Charakteristikum hat Folgen. Vor uns stehen nach dem Vorbild Jesu Menschen, die etwas abbekommen von der schöpferischen Kraft Gottes. Und sie erhalten geistliche Vollmachten, die sie für andere in geeigneter Weise einsetzen. Das war immer schon der Sinn des eremitischen und monastischen Lebensstiles.

Was heißt das für uns heute? Es wird nicht jeder auf alle irdischen Güter verzichten und etwa ins Kloster gehen müssen. Aber Spiritualität wird es nicht zum Nulltarif geben. Nehmen wir das breit getretene Wort Spiritualität einfach als unsere "christliche Frömmigkeit im Alltag". Ohne Verzicht wird es sie nicht geben, weder stückweise noch ganz. Sie will jeden Tag gelebt sein. Das ist nur möglich, wenn wir verzichten, z. B. auf notorische Überbeschäftigung, auf ständige Ablenkung, auf Besessensein von Medien oder auf Ausreden, die nicht weiter führen.

Da ist noch etwas: Auch der Wandermissionar braucht Gastfreundschaft und den praktischen Nährboben für seine Tätigkeit. Christliche Gastfreundschaft der frühen Gemeinden hat die Weitergabe des Glaubens gefördert. Diese alte Einsicht führt auch heute noch zu einer Belebung der Gemeinde und nimmt so manche Schwellenangst. Allzu dürren Bibelabenden oder Infoveranstaltungen wird das oft gespensterhaft Trockene genommen, wenn Hunger und Durst der Teilnehmer ernst genommen werden.

Vom Blick der Seelsorge aus gesehen, gilt für Ordensleute als mobile Einsatztruppe Gottes - und das trifft auch im dritten Jahrtausend zu - wenn der gerechte Lohn für die Arbeit vorenthalten wird, darf von den Gläubigen Unterstützung angenommen werden.


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30.August 2009
22. Sonntag im Jahreskreis
Bereit, Gott auszuhalten?
Mk 7, 1-8.14-15.21-23

Das Evangelium des 22. Sonntags spricht vom Reinheit und Unreinheit. Auf den ersten Blick könnte man meinen, es handle sich grundsätzlich oder nur um die Frage nach Vorschriften. Dann werde ich das Thema vorschnell verkürzen wie die offiziellen Hüter des geistlichen Lebens und der öffentlichen Ordnung z. Z. Jesu: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten? Auf heute übertragen heißt das: Wie wichtig ist es eigentlich für Gott und für die kirchliche Gemeinschaft, dass wir uns an Vorschriften halten, die unsere Kirche aufgestellt hat? Der Text des Evangeliums spiegelt eine Diskussion wider, die es seit dem Bestehen von Religionen und deren Kulten gibt. Die Frage spitzt sich zu: An welche Vorschriften muss ich mich halten, damit ich noch zur Religionsgemeinschaft gehöre? Das könnte auf den kleinsten gemeinsamen Nenner hinauslaufen, also jemand tut gerade noch das Vorgeschriebene, aber nicht mehr als die notwendigste Pflicht. Am Ende könnte ein "reiner" Formalismus stehen, der höchstwahrscheinlich den Geist auslöscht.

Das Christentum teilt mit dem Pharisäismus das Thema Reinheit. "Selig die reinen Herzens sind, denn ihnen gehört das Himmelreich" gehört nach Jesu Worten zum Kern der Bergpredigt. Das reicht hin bis zur Bitte des beauftragten Liturgen vor der Verkündigung des Evangeliums in der Hl. Messe: "Herr, reinige mein Herz und meine Lippen ..." Vor den zentralen liturgischen Gebeten - in der hl. Messe ist es das Hochgebet - werden die Hände des Priesters gewaschen. In keiner monotheistischen Religion ist das nur ein äußeres Zeichen. Der Ritus des Waschens wird zum Bild für das Reinwerden vor Gott. Das gehört in dieser Weise zur Religionsgeschichte. Gott ist heilig, und die Menschen, die sich Gott nähern und der Gegenwart Gottes aussetzen, die heilige Handlungen vollziehen, müssen sich reinigen lassen.

Damit bedeutet Reinheit in allen Religionen - auch das Christentum hat dies übernommen - die Fähigkeit und Bereitschaft des Menschen zum Kult. Der Mensch muss etwas tun, um sich auf die Begegnung mit Gott vorzubereiten, um die Gegenwart Gottes aushalten zu können. Im alten Israel bis hin zum Mittelalter hatte das Göttliche auch das Erschreckende an seinem Geheimnis, dem man sich nicht so ohne weiteres oder folgenlos annähern konnte.

Sicherlich gehen wir davon aus, dass die Reinheit und die Würde dem Menschen letztendlich von Gott geschenkt werden. Nur die Reinheit ist der Heiligkeit Gottes angemessen. Die Beichte und das Gebet um Sündenvergebung haben immer noch den Sinn, den Empfang der Eucharistie vorzubereiten. Auf der anderen Seite wissen wir, dass der Mensch durch die Gnade Gottes zu dem gemacht wird, was er sein soll. Das widerspricht aber nicht der Bitte des Menschen, sich reinigen zu lassen.

Nach dem heutigen Evangeliumsabschnitt verlegt Jesus diese Frage nach innen, ins Herz des Menschen. Die Unreinheit kommt nicht mehr von außen, indem man durch Berührung mit Menschen oder Dingen verunreinigt oder gar angesteckt würde. Jesus bricht dabei die übertriebene Furcht der Pharisäer auf. Zugleich steht der Lehrer Jesus in der Tradition der prophetischen Kultkritik, die ein Zweifaches aussagt: Die Propheten achten darauf, dass sich Menschen nicht mit der rein kultischen Verehrung Gottes zufrieden geben. Und sie plädieren für eine ganzheitliche Gottesverehrung, die den Kult und das ethische Verhalten meint und beinhaltet.

Jesus geht den Weg der Pharisäer anders. Es geht um eine Verinnerlichung, aber nicht nur das. Es geht auch noch um etwas Aktives oder gar Offensives. Die Pharisäer sind defensiv, fürchten ängstlich, durch den Kontakt von außen verunreinigt zu werden. Dagegen gilt es sich zu verteidigen. Reinheitsvorschriften sollen dazu helfen. Der durchschnittliche Mensch verunreinigt sich immer wieder. Das führt dazu, dass Pharisäer die Neigung entwickeln, sich vom Volk abzusondern. Der Name Pharisäer kommt wahrscheinlich vom hebräischen Wort farasch, d. h. absondern.

Bei Jesus ist es anders. Er ist voll des Geistes Gottes und packt den Menschen von innen her an. Darum braucht er auch keine Angst haben, Unreine oder Besessene, Kranke und sogar Tote anzufassen. Jesu Aktion bezieht sich auf die Gebote und die Aufgabe des ganzen Volkes, sie zu halten. Schon im Frühjudentum betrachtete man die Gebote Gottes im Rahmen des königlichen Priestertums des ganzen Volkes. Wir tun dies heute im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils genauso im Blick auf das allgemeine Priestertum der Gläubigen. Wie Jesus es vorgemacht hat, soll jeder die Gebote von innen heraus ehrlich und mit Überzeugung halten. Dabei muss er gegen allgemeine Ansichten oder Untugenden vorgehen, z. B. gegen Habgier, die einem einredet: dein Geld ist auch mein Geld, deine Frau ist auch meine Frau, deine Firma ist bald meine Firma. Es gilt, sich kompromisslos auf die Seite Gottes zu stellen. Wollten wir Christen das wirklich und ganz konsequent tun, würde die Welt und das menschliche Zusammenleben ein wenig anders aussehen. -


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18.Oktober 2009
29. Sonntag im Jahreskreis
Kirchweihsonntag auf franziskanisch Mk 10, 35-45

Der Kirchweihsonntag ist tief im Volk verankert. Da kommt das Bewusstsein zum Tragen, ich weiß, wo ich hin gehöre, und das spüre ich auch. Das Gefühl von geistig-geistlicher Heimat macht sich breit, wenn wir den Kirchweihsonntag feiern. Dieses Wissen wird die Kirchweih davor bewahren, zu schlichtem Brauchtum abzugleiten oder kulinarisch zu verkommen.

Das Evangelium lenkt unseren Blick auf das Wesentliche. Es geht, bevor von Kirche gesprochen wird, um den Einflussbereich Gottes in dieser Welt. Die Bibel nennt dies Reich Gottes. Die Jünger in der Schule Jesu lernen manchmal langsam. Sie sind in Gefahr, Jesu Vorstellungen mit ihren eigenen zu sehr zu vermischen oder gar zu verwechseln. Jesu Botschaft hat andere Gesetzmäßigkeiten. Sie sind zwar in den Heiligen Schriften bei den Propheten angedeutet und deshalb nachzulesen und vorauszusehen, aber wenn es konkret wird, sieht es anders aus - und die Mitarbeiter können nicht folgen. Sie wollen mitreden und mitentscheiden, sie wollen sich Ränge sichern. Die Plätze links und rechts bedeuten im Blick auf das Ende der Welt auch einen Anteil an der Weltgerichtsbarkeit. Die Zebedäussöhne Jakobus und Johannes stehen stellvertretend dafür. Noch mehr, sie gehören, wenn man ihre anderen Wünsche vom schnell dreinschlagenden Blitz und Donner anschaut, zu denen, die den Weg des kurzen Prozesses möchten. Sie verkörpern so in etwa die Ungeduldigen und Sicherheitsbedürftigen in der Kirche.

Aber Gottes Vorstellungen laufen in anderen Kategorien und haben eine andere Zielvorstellung. Es heißt nicht zuerst den Himmel stürmen oder mit dem Kopf durch die Wand, ohne zu wissen, was einen im Nebenzimmer erwartet! Da ist vom Dienen die Rede und vom Hingeben des Lebens als Lösegeld. Es muss nicht gleich das Extrem des Martyriums sein, für das sich zu allen Zeiten eine Begeisterung gefunden hat oder, wie in anderen Religionen, immer wieder ein starker Fanatismus.

Im 800sten Jahr des Regeljubiläums des Franziskusordens ist ein Schwenk zum heiligen Ordensgründer Franziskus von Assisi sehr hilfreich. In seiner Anfangszeit spiegelt sich das Evangelium vom 29. Sonntag wieder. Damals hat die Kirche durch Franziskus eine Rückbesinnung erfahren dürfen, eine Umwertung der sonst in der offiziellen Kirche propagierten Werteordnung. Dem Papst Innozenz III. begegnete in Franziskus die arme Kirche. Der mächtige Papst der Urkundenlehre, der den territorialen Einflussbereich des Kirchenstaates verdoppelte, musste im Traum schauen, wie seine Lateranbasilika einzustürzen drohte. Er durfte aber auch sehen, wie ein kleiner Bettelmönch sich zwischen das hohe Kirchengemäuer der Papstkathedrale schob, sie stützte und so die mächtige Kirche vor dem Zusammenbruch bewahrte.

Der Große, der sich immer bedienen ließ, begegnete dem Bettelmönch, er erlebte den kleinen Armen von Assisi als den großen Diener und Stützer des Evangeliums. Aufgrund des Traumes bestätigte Papst Innozenz III. die erste Regel des hl. Franziskus 1209. Heute nennt sich der Papst einfacher Diener seiner Brüder.

Natürlich gab es bereits zu Lebzeiten des hl. Franziskus fanatische Brüder, die im Übereifer nach dem Martyrium strebten. Schon 1220 gingen fünf Franziskaner nach Marokko und wurden als verstümmelte Leichen nach Coimbra in Portugal zurückgebracht. Der Augustinermönch Antonius war übrigens von den Martyrern so beeindruckt, dass er zu den Franziskanern übertrat und sich selbst auf den Weg nach Afrika machte, um das Martyrium zu suchen.

Es geht um Wertvorstellungen im Reich Gottes und in der Kirche. Die Rangordnung in der Gemeinde Jesu ist total umgekehrt. Der wirklich Mächtige dient und wird schließlich aufs Kreuz gelegt. Wer das mit trägt, kommt Jesus näher und wird ihm ähnlich. Denn die Herrlichkeit Gottes kann nur in einem deutlichen Gegensatz zu dem sein, was in der Welt als Ehre und Rang gilt. Nicht die Habenstruktur macht reich, sondern das Geben bereichert. Das wird aber nur sinnvoll sein können, wenn Jesus auch in Zukunft sicher der ist, der eine andere Macht hat.

Mit der franziskanischen Bewegung sind die Armen in die Kirche zurückgekehrt - und mit ihnen die Barmherzigkeit, die brüderliche Liebe und neu die Bereitschaft zum Dienen.

Aus diesem Blickwinkel gesehen, ist die Kirche nicht nur eine Kirche der Märtyrer. Wir brauchen regelmäßig den demütigen Blick, um zu sehen, was vor uns ist, die konkrete Not, der Mensch, der uns braucht, für den ich möglicherweise stellvertretend mein Leben in die Waagschale werfen oder etwas Unangenehmes tun oder tragen muss.


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6.Dezember 2009
2. Adventsonntag Aufwendig und schleierhaft
Lk 3, 1-6

Wir fahren mit dem Bus nach Assisi. Die Hinfahrt über Padua verleitet das Busunternehmen, die weitere Strecke über Cesena und das Tibertal zu wählen. Die vornehmlich auf Stelzen gebaute Schnellstraße hinter Cesena entpuppt sich als Sanierungsfall. Der Weg wird nicht nur zur Geduldsprobe für die Reisegesellschaft, sondern auch zur Teststrecke für den fast nagelneuen Bus. Und als aufgrund der Baustelle wir die Straße verlassen und die alte löchrige Gebirgsstraße benutzen müssen, träumen wir weiter von einer schönen, breiten Autobahn. Und das Wort aus dem Evangelium vom 2. Adventsonntag wird voll verständlich und hat urplötzlich einen Sitz im eigenen Urlaubs- bzw. Pilgerunternehmen: "Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist soll gerade werden, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden." Denn wir wollen zügig vorankommen und unbeschadet das Ziel erreichen.

Dasselbe könnte jeder ganz aktuell so lesen, der in Ampfing oder Forstinning an den Baustellen der Autobahn A 94 vorbeikommt. Aber wie ist das im Evangelium wirklich gemeint, was in unseren Ohren wie eine Anweisung zum Autobahnbau klingt?

Der Bau einer Autobahn ist verbunden mit einem großen Aufwand, der einhergeht mit einer Veränderung der Landschaft durch einschneidende, langwierige und kostenintensive Maßnahmen. Im Evangelium ist die Rede vom Kommen des Herrn. Wenn er kommt, ist ein vergleichbar großer Aufwand notwendig. Billiger ist es offensichtlich nicht zu haben.

Es sieht so aus, als ob solche Veränderungen nur in einer Gemeinschaftsleistung zu schultern seien, um einer gemeinsamen Sache zu dienen: in früheren Zeiten einer Regierung, um das Reich zusammenzuhalten und für schnell zu führende Kriegshandlungen, heute wie früher dem Staat, dem Gemeinwesen als schnelle Verbindungsstraßen und praktikable Wirtschaftswege, und heute besonders um dem Wunsch nach Mobilität und freier Entfaltung entgegenzukommen.

Die Straßen Gottes sind seine Wege im Herzen des einzelnen und in den Mitgliedern einer Gemeinde. Die Wege Gottes geht die kirchliche Gemeinschaft und geht der einzelne. Umkehren muss der einzelne, wenn es in seinem Leben nicht mehr weitergeht, wenn er sich verrannt und Berge aufgebaut hat, Berge an Schulden oder tiefe Täler einer Sucht, aus der er allein nicht mehr herauskommt. Wenn es einen Weg nach vorne geben muss, wenn es gut weitergehen soll, braucht es bisweilen eine schmerzliche Veränderung, die nicht nur eine kleine Schönheitsoperation bedeutet. Umkehren muss eine Gemeinschaft, wenn sich schlimme Folgen aus dem Unrecht eines gottfernen und unmenschlichen Verhaltens ergeben.

Es gibt immer einen Zusammenhang zwischen dem Verhalten des einzelnen und dem weltweiten Geschehen zwischen dem egoistischen Fehlverhalten einzelner Menschen und der Not ganzer Gruppen und Völker. Wenn große Not offensichtlich das Problem von ungerechten Wirtschaftsstrukturen ist, kann dann der einzelne wirklich noch helfen? Krieg und Hungersnot wird es immer dann geben, wenn der Mensch Gott ausblendet, sich von ihm entfernt - und damit auch von der Menschlichkeit. So bleiben im Gegenzug die Werke der Barmherzigkeit als "Methode", die persönlichen Schicksalsschläge zu mildern, notwendig für die ganze Welt. Sie zielen auf jeden Menschen in Not und Krankheit. Denn Ziel ist letztendlich Gott selber, der im Menschen, seinem Ebenbild, Hilfe erfährt.

Gott will in die ganze Welt kommen. Aber immer wird er sich dem einzelnen zuwenden. Gottes Weg ist nicht die anonyme Hilfe. Jeder einzelne ist von Gott von Geburt an geliebt. Auf diesem seinem Weg braucht es deshalb immer neu die Bekehrung des Einzelnen zur Liebe, zum Teilen und Helfen. Das Gesetz der Ungleichzeitigkeit wird weiter herrschen. Es frustriert regelmäßig, wie es Regierungen nicht schaffen, Hunger und Not Herr zu werden. Es erstaunt immer wieder, wie sehr sich einzelne Menschen und Gruppen engagieren, um des Menschen und um Gottes willen.

Am Ende wird der Menschensohn auf der Straße dieser Welt kommen, zuerst in Jerusalem, dann für die ganze Welt. Wir wissen, dass er kommt und wo er kommt; das Wie bleibt uns schleierhaft. Im Advent üben wir uns auf dieses Verhülltsein Gottes ein.