
Predigten von P. Guido Kreppold, Augsburg
Predigten zu (fast) allen Sonntagen der Lesejahre A bis C:
12. 04. 2001
Gedanken zum Gründonnerstag
Das Evangelium nach Johannes (Joh 13,1 - 15)
1 Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung. 2 Es fand ein Mahl statt, und der Teufel hatte Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, schon ins Herz gegeben, ihn zu verraten und auszuliefern.
3 Jesus, der wusste, dass ihm der Vater alles in die Hand gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott zurückkehrte, 4 stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch. 5 Dann goss er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Leinentuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war. 6 Als er zu Simon Petrus kam, sagte dieser zu ihm: Du, Herr, willst mir die Füße waschen? 7 Jesus antwortete ihm: Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; doch später wirst du es begreifen. 8 Petrus entgegnete ihm: Niemals sollst du mir die Füße waschen! Jesus erwiderte ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir. 9 Da sagte Simon Petrus zu ihm: Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt. 10 Jesus sagte zu ihm: Wer vom Bad kommt, ist ganz rein und braucht sich nur noch die Füße zu waschen. Auch ihr seid rein, aber nicht alle. 11 Er wusste nämlich, wer ihn verraten würde; darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein.
12 Als er ihnen die Füße gewaschen, sein Gewand wieder angelegt und Platz genommen hatte, sagte er zu ihnen: Begreift ihr, was ich an euch getan habe? 13 Ihr sagt zu mir Meister und Herr, und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. 14 Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. 15 Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.
Heute ist für viele ein Reisetag. Auf den Bahnhöfen sehen wir manche Abschiedsszene. Menschen umarmen sich; bewegte Gesichter, oft Tränen in den Augen. Der Abschied lässt Gefühle aufsteigen, die sonst nicht so da sind.
Noch bewegender ist es, wenn uns ein nahestehender Mensch endgültig verlässt. In der kurzen noch verbleibenden Zeit kann der Gehalt eines ganzen Lebens spürbar werden. Was hat er oder sie mir bedeutet? Was einmal an Gemeinsamkeit war, in einer solchen Stunde ist es verdichtet anwesend. Der Gründonnerstag ist geprägt von einer solchen Atmosphäre des Abschieds.
Jesus feiert mit seinen Freunden ein Mahl, das "letzte Abendmahl". "Er wusste, dass seine Stunde, seine letzte, gekommen war", so hören wir es heute. Weiter heißt es im Text: "Da er die Seinen liebte, liebte er sie bis zur Vollendung." Mit einiger Vorsicht könnte man sagen: Jesus fühlte den nahen Tod und es war ihm, als ob er jeden einzelnen noch einmal hätte umarmen wollen.
Statt der Umarmung wählt Jesus die Fußwaschung, eine Geste, mit der er nicht nur die Nähe, sondern den Respekt vor der Würde und Eigenart jedes einzelnen zum Ausdruck bring. In dieser Handlung - so darf man annehmen - ist sein Wesen, sein absolutes, bedingungsloses Ja zu jedem.
"Begreift doch" will er den Jüngern sagen, als er ihnen die Füße wäscht, dass ich nichts für mich will. Mir geht es nur darum, euch einzuladen zur großen Liebe Gottes. Jedes Leben ist in seinen Augen unsagbar wertvoll und die Würde eines jeden ist unaussprechlich. Deshalb knie ich mich vor einem jeden von euch nieder. Das Glück eines Menschen geht mir über alles.
Nehmen wir an:
An diesem Abend dachten die Jünger an die kostbare Zeit mit Jesus in Galiläa, an die herrlichen Sonnenaufgänge, wo Jesus selbst zur Sonne wurde, an das Wandern von Dorf zu Dorf, an den Hunger, den Durst, den Jesus mit ihnen teilte. In der Erinnerung werden die dankbaren Gesichter der Geheilten lebendig, die leuchtenden Augen der Kinder, die Hoffnung in den Blicken der Männer, die Frauen, die von einem neuen Glück angesteckt sind.
Jeder Tag voller Überraschungen!
Wie sie als seine Jünger weggingen zu den Armen und Leidenden, zu denen, um die sich niemand kümmerte; ohne Beutel und Tasche nur mit der Kraft, Menschen zu heilen und Frieden zu stiften und der Gewissheit einer großen Zukunft und dass Gott gerade den Menschen im Elend am nächsten ist. Wie es dazu an nichts gefehlt hat; wie das Brot für alle reichte; wie das Rechnen, Kümmern und Sorgen überflüssig wurde. Der Frühling war mit ihm eingezogen, als er in Galiläa anfing, in der Öffentlichkeit zu reden. Er war die Sonne, die sich der Erde mit ihrer Wärme naht. Wie sich die Knospen öffnen, so taten sich bei Jesus die Herzen auf. Kälte und Angst wurden verscheucht. Die Regeln der Macht, der Habgier, der Rechthaberei wurden in Frage gestellt.
An diesem Abend ist das noch einmal greifbar nahe. Sie hören beim Brechen des Brotes: "dies ist mein Leib für euch". Er gab seinen Leib hin: dem Aussätzigen, den er gegen die Vorschrift berührte, dem Zöllner, den er in seiner Einsamkeit aufsuchte, der Sünderin, die seine Füße salbte und allen, die von ihm Zeit und Zuwendung wollten.
Und er gibt seinen Leib in den Abgrund des Todes und in den Abgrund Gottes. An diesem Abend geht Jesus hinaus in die Finsternis. Es ist mehr als die Dunkelheit der Nacht. Der Evangelist Matthäus berichtet: "In der Mittagszeit trat Finsternis über das ganze Land": Es ist das Bild für den Tod Jesu. Mit ihm geht die Sonne - das Licht, die Wärme, das Leben unter. Im Abgrund Gottes aber bereitet sich ein neuer Aufgang vor. Nichts von alle dem, was mit Jesus im Sterben verschwindet, ist für immer verloren. Erst nachdem die Jünger mit ihm durch das Meer des Leids gegangen sind, werden sie begreifen, dass sein Tod ihnen zum Geschenk wurde. Eine neue Welt tut sich für sie auf jenseits von Angst, Trauer, Verzweiflung und Tod.
Das Mahl dieser Nacht werden die Jünger nicht mehr vergessen. Es ist der Angelpunkt von Erinnerung und Hoffnung. Jedes Mal, wenn sie zusammen kommen und erzählen, wie es war, wird Vergangenes gegenwärtig, so als ob es jetzt geschähe. Wenn sie das Brot brechen und es austeilen, dann ist es, als ob es Jesus selbst täte. So war es in den Anfängen. Es kann genauso heute geschehen überall, wo seine Jünger wach sind und sich vom Gehalt des Lebens Jesu anstecken lassen.
10.06. 2001
Predigt zum Dreifaltigkeitssonntag
Das Evangelium nach Johannes
Joh 16, 12-15-----------------------------
12 Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. 13 Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, son-dern er wird sagen, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird. 14 Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden. 15 Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden.
-----------------------------"Über Gott zu reden ist gefährlich" hieß das Büchlein, mit dem die russische Schriftstellerin Tatjana Goritschewa vor 20 Jahren großes Aufsehen erregte. Es war faszinierend und beglückend zugleich mitzuerleben, wie sie in der damaligen Sowjetunion als überzeugte Atheistin zu Gott fand und welche Risiken sie dabei auf sich nahm.
"Über Gott zu reden ist langweilig", sagt der größte Teil der Bevölkerung auch der Getauften in unserem Land und meidet betulichst am Sonntag die Kirchen. Die russische Philosophin beweist, daß es auch anders sein kann. Vieles spricht dafür, daß wir Theologen es verlernt haben, wie Jesus über Gott menschlich zu reden mit Bildern und Worten, die aus dem Leben genommen sind. Statt dessen üben wir uns in abstrakten Formeln.
Vor dieser Alternative stehen wir auch am heutigen Sonntag, der der Heiligsten Dreifaltigkeit, dem Gott in drei Personen, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist geweiht ist. Fangen wir einmal an, menschlich über Vater und Sohn zu reden, wie jeder es verstehen kann, der einen Sohn hat. Einen Vater hat schließlich jeder Mensch. Wenn wir an den Vater denken - vorausgesetzt es verlief alles normal - dann war er der, der mit seinem Namen, mit seiner Arbeit und mit seinen Überzeugungen die Familie nach außen vertrat. Solange der Sohn noch klein ist, bewundert er den Vater und fühlt sich bei ihm sicher. Sobald aber der Sohn größer wird und anfängt, selbständig zu werden, ist es aus mit der Harmonie. "Einen so dummen Vater wie ich hat doch niemand", kann man hören. "Dieser Mann hat mir nichts mehr dreinzureden." Es ist überraschend und schmerzlich, daß der geliebte Sohn, auf den der Vater soviel Hoffnung gesetzt hat, plötzlich ganz anders ist. Dabei vergißt der Vater, wie er in demselben Alter, in dem jetzt der Sohn ist, mit seinem Vater umging, wie er ihn herausforderte und verärgerte. Es gibt sogar Heilige, die ihren Vater bis zur Weißglut reizten - der bekannteste davon ist der heilige Franziskus. Er ging sogar soweit, daß sein Vater sich gezwungen sah, das Gericht zu Hilfe zu rufen.
Außer Brüdern können wohl kaum Menschen so zerstritten sein wie Vater und Sohn, gerade wenn beide starke Persönlichkeiten ("Dickschädel") sind. Im Grunde spürt der Sohn instinktiv, daß er nicht die Kopie des Vaters sein kann und seine ganz eigene Geschichte schreiben muß. Wie immer die Dinge laufen, Jahre später denken beide über die Konflikte anders. In den meisten Fällen ist es so. Je mehr der Sohn selbst in die Rolle des Vaters hineinwächst, umsomehr fängt er an, seinen eigenen Vater zu verstehen und zu schätzen.
Es entsteht etwas Neues zwischen den beiden - anders, als der Sohn klein war. Der Sohn ist nicht mehr Anhängsel des Vaters, sondern seine eigene Persönlichkeit. Der Vater ist nicht mehr auf den Sohn fixiert. Jeder achtet den andern in seinen Entscheidungen. Es ist ein Zustand, der unerwartet und beglückend eintritt vor allem für die Mutter, die die Konflikte recht schmerzlich miterleben mußte. Gewiß nicht jede Familiengeschichte endet auf diese Weise. Aber ihr glücklicher Ausgang darf mitschwingen, wenn von Vater und Sohn die Rede ist. Sie steht im Hintergrund, wenn wir unser Bekenntnis zu Gott, dem Vater und dem Sohn und dem Hl. Geist ablegen. Gewiß wir brauchen uns Gott Vater und Gott Sohn nicht als streitende Personen vorstellen, wohl aber ist es unsere Erfahrung mit Gott, die uns solche Wandlungen erleben läßt. Gott zeigt sich uns auf ähnliche Weise.
Er ist über uns, er ist vor uns und er ist unter uns. Er ist der, der uns einen festen Grund gibt, auf dem wir uns fallen lassen können. Er ist die Sicherheit, die Ruhe, die absolute Stille, der Anfang, dem wir alles verdanken.
Er ist zugleich die Dynamik, die uns in Bewegung setzt und uns anders als bisher denken, fühlen, reden und handeln läßt.
Gott ist zugleich der Punkt und die Kraft in uns, wo wir bei aller Dynamik wieder zur Ruhe kommen, wo wir anders sind und uns doch in andere hineinversetzen können, sie achten und schätzen.
Wenn wir daran festhalten, daß Gottes Sohn dem Vater im Wesen gleich ist, heißt das auf die menschliche Ebene übertragen: Der Aufstand gegen den Vater ist genauso wichtig wie die bisherige Harmonie. Das Anderssein und das Eigensein ist das große Geschenk, das uns Jesus, der Sohn Gottes bringt. Erst wenn wir zu diesem Sein neugeboren sind, wenn wir im tiefsten Herzen wir selbst geworden sind, sind wir zu den guten Taten fähig, zu denen wir aufgerufen werden. Der Sohn Gottes geht mit uns sogar in den dunkelsten und verwirrtesten Situationen Wir dürfen seinem Geist vertrauen, der in uns wohnt und uns weiterführt auf dem Weg der Wandlung. Wir kommen dort an, wo jeder er selbst sein kann, wo eine Nähe ist, in der Freiheit zugleich möglich ist, ein Glück, in dem Schuld und Unglück ihren Platz in der Lebensgeschichte haben dürfen; ein Friede, wie er nur in Gott sein kann.
15. 08. 2001
Fest Mariä Himmelfahrt
Der erste Brief an die Korinther (1 Kor 15, 20 - 27a)
20 Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen. 21 Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Men-schen auch die Auferstehung der Toten. 22 Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. 23 Es gibt aber eine bestimmte Reihenfolge: Erster ist Christus; dann folgen, wenn Christus kommt, alle, die zu ihm gehören. 24 Danach kommt das Ende, wenn er jede Macht, Gewalt und Kraft vernichtet hat und seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt. 25Denn er muß herrschen, bis Gott ihm alle Feinde unter die Füße gelegt hat. 26 Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod. 27 Sonst hätte er ihm nicht alles zu Füßen gelegt.
"Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen" war einst das Kennwort der Aufklärer, und so denken auch heute die meisten.
Der Himmel ist für die Menschen unserer Tage leer geworden. Zwar kreisen dort die Satelliten, aber da ist kein Christus mehr, der seine Mutter liebevoll aufnimmt und kein Gott-Vater mehr, der die Tochter freudig begrüßt, und kein Heiliger Geist, der sich auf Maria niederlässt, wie es in vielen Kirchen zu sehen ist. Man könnte noch hinzufügen: für den Modernen lacht auch die Sonne nicht mehr, dürstet die Erde nicht mehr nach Regen, wecken die Wolken keine Sehnsucht, gibt es statt des Himmels nur noch den bloßen, eiskalten Weltraum.
Als vor mehr als 50 Jahren der damalige Papst die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel verkündete, folgte ein Sturm der Entrüstung. Kaum ein Ereignis hat die sogenannte gebildete Welt so herausgefordert und gereizt wie dieser Glaubenssatz.
Das Missverständnis ist, als müssten wir Dinge glauben, die offensichtlich unmöglich sind, an den blauen Himmel über uns, von Engeln und Heiligen bevölkert, in dem Gott ganz wörtlich auf seinem Thron sitzt.
In Wirklichkeit geht es um Bilder einer anderen Welt, und die ist in der Tiefe des eigenen Herzens. "Der Himmel ist in dir! Suchst du ihn anderswo, du fehlst ihn für und für", sagt der Mystiker des Barock, Angelus Silesius, und er weiß, was er sagt.
Wenn für einen Menschen der Himmel nicht mehr lacht, dann hat er tatsächlich nichts mehr zu lachen, dann hat er seine Seele verloren, dann ist nichts mehr in ihm, worüber er sich freuen könnte. Die Bilder, die wir zum heutigen Festtag in so vielen Kirchen sehen, sind nicht nachgestellte Aufnahmen eines historischen Vorgangs, sondern Symbole der Vollendung. Sie wollen verschlüsselt die Antwort geben auf die Frage: Was kommt auf mich zu? Was oder wer erwartet mich?
Die häufigste Darstellung des heutigen Festes auf den Hochaltären ist die Szene, in der eine jugendliche Frau nach oben schwebt, unter ihr das leere Grab, umgeben von den 12 Aposteln, mit Rosen bedeckt. Die Jünger Jesu sind hingerissen von dem Wunder, das mit Maria geschehen ist. Sie können sich nicht fassen vor der Tatsache, dass ein Mensch das Grab verlässt und nach oben getragen wird. Es ist wie bei Jesus, der nach dem Bericht des Lukas emporgehoben wurde.
Bleiben wir bei der Vorstellung, dass wir emporgehoben werden und nicht in eine unendliche Tiefe fallen. Damit verbindet sich die Gewissheit, dass wir aufgehoben sind, sogar sehr gut mit unserer Sehnsucht nach Leben, nach Erfüllung, nach Überwindung der Angst und Einsamkeit.
Beeindruckend auf den Bildern zur Himmelfahrt Mariens sind die drei göttlichen Personen. Die Freude auf ihren Gesichtern, mit der sie Maria erwarten! Christus, der Sohn des Vaters und Marias, breitet seine Arme aus, um sie um seine Mutter zu schließen; Gott-Vater lächelt voll des Glücks, beide halten eine Krone, um sie Maria aufs Haupt zu setzen. Der Heilige Geist schwebt als Taube über der Szene in der Absicht, sich niederzulassen und alles neu zu machen.
Es sind menschliche, vielleicht allzu menschliche Bilder von einem Geschehen, das wir nie angemessen in Worte fassen können. Aber es sind Bilder der menschlichen Seele, Ausdruck dessen, was mit uns sein wird und sich schon ereignet.
Lassen wir noch einmal die Vorstellung auf uns wirken: Am Ende von allem, wenn nichts mehr hält und alles zerbricht, ist jemand, der sich freut, dass wir kommen, jemand, der uns in die Arme schließt, jemand, der alles neu macht und uns die Jugend wiedergibt. Wir dürfen sagen: Es sind Bilder. Aber der Trost und die Hoffnung, die von ihnen ausgehen, sind und bleiben Wirklichkeit.
21. 10. 2001
29. Sonntag im Jahreskreis Kirchweihfest
Das erste Buch der Könige (1 Kön 8, 22-23.37-30
--------------------------Dann trat Salomo in Gegenwart der ganzen Versammlung Israels vor den Altar des Herrn, breitete seine Hände zum Himmel aus 23 und betete: Herr, Gott Israels, im Himmel oben und auf der Erde unten gibt es keinen Gott, der so wie du Bund und Huld seinen Knechten bewahrt, die mit ungeteiltem Herzen vor ihm leben. 27 Wohnt denn Gott wirklich auf der Erde? Siehe, selbst der Himmel und die Himmel der Himmel fassen dich nicht, wie viel weniger dieses Haus, das ich gebaut habe. 28 Wende dich, Herr, mein Gott, dem Beten und Flehen deines Knechtes zu! Höre auf das Rufen und auf das Gebet, das dein Knecht heute vor dir verrichtet. 29 Halte deine Augen offen über diesem Haus bei Nacht und bei Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast, dass dein Name hier wohnen soll. Höre auf das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte verrichtet. 30 Achte auf das Flehen deines Knechtes und deines Volkes Israel, wenn sie an dieser Stätte beten. Höre sie im Himmel, dem Ort, wo du wohnst. Höre sie, und verzeih!
"Kirchen sind zu Museen geworden", könnte man sagen, wenn man die Scharen betrachtet, die als Touristen interessiert, fasziniert oder auch ratlos und gelangweilt durch die altehrwürdigen Räume strömen. So gesehen hat die Zahl der Kirchenbesucher - im ganz wörtlichen Sinn - nicht abgenommen. Die Kirche als historisch wertvolles Gebäude erfreut sich immer noch großer Beliebtheit.
Sofort steigt natürlich der Einwand auf, dass diese Art, mit einer Kirche als Gotteshaus umzugehen doch recht oberflächlich ist und der eigentliche Sinn und Zweck doch gar nicht erfasst wird. Im Sinne der Bergpredigt sollten wir mit unserem Urteil eher vorsichtig sein. Die Frage ist tatsächlich zu stellen, ob bei diesen scheinbar nur kunsthistorisch Interessierten nicht doch noch tiefere Motive verborgen sind, nämlich die Suche nach einer geheimen Kostbarkeit, nach dem Mysterium. Man darf mit gewissem Recht sogar annehmen, dass die oft unwillkommenen Besucher einer Spur nachgehen, die sie selbst nicht recht benennen können, aber in einer gotischen Kathedrale z.b. unmittelbar wahrnehmen. Deshalb ist es einmal ganz gut, noch bevor man in einer Kirche den Kunst- oder Kirchenführer zur Hand nimmt, sich erst einmal hinzusetzen, zur Ruhe zu kommen, einige Atemzüge mit geschlossenen Augen zu tun, sich selbst einmal aushalten, den Raum einfach auf sich wirken lassen. Es könnte einem aufgehen, was man im Innersten sucht: die Stille, den Frieden, das Zuhause, die Geborgenheit, die Tiefe und Weite der Seele; man könnte sogar etwas von dem entdecken, was größer und mächtiger ist als wir selbst und was uns der inneren Verworrenheit und Leere entreißt. Wir könnten sogar zu der Einsicht gelangen, dass die Schätze, die wir in den heiligen Räumen bewundern, in uns selbst sind.
Über die Kirche als Institution hört man meist nur Unverständnis und Ablehnung, wenn nicht Feindseliges. Ob es nicht davon kommt, dass für die meisten der Ort der Stille, die Stätte des Heiligen in ihnen selbst verschüttet ist? Es sollte zu denken geben, dass Zen - Kurse, das heißt Meditation im absoluten Schweigen heute gerade bei jüngeren Erwachsenen äußerst beliebt, dass Veranstaltungen dieser Art sehr bald ausgebucht sind und ständig neue buddhistische Zentren entstehen. Dies spricht dafür, dass die Stille als solche eine Anziehung hat. Man könnte von der Kraft des Nicht - Denkens und des Nicht - Tuns sprechen; in Wirklichkeit aber wird durch das absolute Still - halten und Still - sein das Tor für eine Dynamik geöffnet, die nicht aus der Welt des Alltäglichen ist. Es ist das Erlebnisfeld des Heiligen, das uns auf einen anderen Standpunkt stellt, die Dinge zu sehen und zu hören; das unsere Emotionen ins Gleichgewicht bringt, beruhigt und sie im wahrsten Sinn des Wortes erlöst.
Der heilige Franziskus sagt in seinem Testament, dass er sehr gern in armen und verlassenen Kirchen weilte. Warum wohl? Man darf annehmen, dass in ihm die Freude aufgestiegen ist, die ihn auf den Weg gebracht, ihn ständig begleitet hat und die als unsagbar oder als unfassbar bezeichnet wird. Wenn er ein Gotteshaus betrat, auch wenn es alt und baufällig war, sprach er: "Wir beten dich an, Herr Jesus Christus und preisen dich. Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst."
Dieses Gebet war für ihn keine fromme Übung, sondern es kam ihm vom Herzen. Es war tiefste Überzeugung. Er hat gespürt, was erlöst sein heißt: daheim sein bei allen Geschöpfen, die Menschen lieben können, auch wenn arm, schmutzig oder eklig sind, die Kraft in sich zu tragen, Einsamkeit, Ablehnung, Zorn und Neid zu überwinden, dem Leid, der Krankheit und selbst dem Tod in die Augen zu schauen. Es ist die Kostbarkeit der Gottesnähe, die das eigene Leben und die Welt in einem anderen Licht erscheinen lässt. Wer wie Franziskus Gott in sich selbst gefunden hat, wird auch die Schätze entdecken, die in der vielgeschmähten alten Kirche seit zweitausend Jahren verborgen sind. Er könnte sogar soweit kommen, dass er statt mit bloßer Kritik einmal auch mit Freude auf diese Gemeinschaft der Glaubenden schaut.
25. Dezember 2001
Predigt zur Christmette
Und das Wort ist Fleisch geworden
Das Evangelium nach Johannes (Joh. 1,1 - 18)
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. 2 Im Anfang war es bei Gott. 3 Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst. 6 Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes. 7 Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. 8 Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht. 9 Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. 10 Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. 11 Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12 Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. 14 Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. 15 Johannes legte Zeugnis für ihn ab und rief: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war. 16 Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. 17 Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. 18 Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.
Fast verwirrend erscheint uns der gelesene Text zum heutigen Festtag. Dabei ist es Absicht der Liturgie, uns in die tiefere Bedeutung der Menschwerdung einzuführen. Da ist vom "Wort" die Rede, Zeile für Zeile, bis es sich wandelt in "Fleisch", das man sehen, greifen und essen kann.
Ein Wort" wollen wir verstehen; was zunächst abstrakt, fernab vom Leben, unverständlich ist, soll "Fleisch" bekommen; es soll das unsrige werden, so dass wir damit umgehen können; wo wir das Unsrige wiederfinden: unsere Geschichte, unser Leid, unsere Hoffnung, unsere Mühen, einfach so wie unser Leben ist.
Ein Wort, das unser Erleben ausdrückt, trifft uns. Es kann tief bewegen; es kann verletzen, entwerten und entmutigen oder heilen, bestätigen, trösten, befreien und beglücken. Ein gutes Wort kann eine Stimmung ändern, kann uns den Glauben an uns selbst, an die Menschen sogar an Gott wiedergeben. Es kann die Herzen füreinander öffnen und die Gesichter erhellen. Das schönste Wort, nachdem sich doch die meisten Menschen im Innersten sehnen, ist: Ich liebe dich.
Es kann ein Leben verändern, wenn es von dem Menschen spontan kommt, der uns etwas bedeutet. Worte können uns so unser eigenes Wesen zurückgeben, uns bestätigen als die, die wir sind. Denken wir einmal an all die Worte, die wir zu Weihnachten einander gesagt oder geschrieben, voneinander gehört oder gelesen haben. Nehmen wir einmal alles weg, was bloße Konvention oder sogar bloßes Geschäftsinteresse ist, so bleiben doch bei jedem einige Worte, die echt waren, die aus tiefer Überzeugung kamen. Wo wir spüren, welchen Platz andere in unserem Herzen einnehmen. Lassen wir diese guten Worte in unserem geistigen Ohr noch einmal nachklingen oder das Geschriebene vor unserem Auge vorbeiziehen. Vielleicht in einer stillen Stunde in diesen Tagen. Es ist beglückend, wenn wir durch alle Formulierungen, durch alle weihnachtlichen Spruchweisheiten hindurch das eine Wort vernehmen:
Es gibt Menschen, die mich mögen und die ich mag, die mir wichtig sind und denen ich etwas bedeute. Wir sollten begreifen, dass der Grundton dieser vielen Worte etwas von dem Wort ist, von dem heute das Evangelium spricht.
Das griechische Wort Logos, das hinter dem deutschen "Wort" steht, meint diesen geistigen Grund, der uns Menschen trägt, zusammenhält und uns Sinn und Zukunft verleiht; er ist das, was im Evangelium "Licht" genannt wird.
Deshalb ist auch der "Stern von Bethlehem" mit der Geburt Christi unmittelbar verbunden. Wer über seinem Leben einen Stern sieht, der hat Ziele, für die es sich lohnt zu leben, der hat Hoffnung und Zuversicht.
Umgekehrt: "Wenn die Sterne vom Himmel fallen", d.h. wenn es keine Ziele mehr gibt, dann öffnet sich der Abgrund und es verfinstert sich der Himmel, so heißt es in der Geheimen Offenbarung (Offb. 6,13; 9,1). Es ist ein Wort, das auf so viele Menschen unserer Zeit zutrifft. Die sogenannte große Befreiung aus den engen Maschen der Tradition und des Glaubens hat ihnen nicht das erhoffte Glück gebracht. Die ehemals hohen Ideale z.B. das einer unverbrüchlichen Partnerschaft sind verblasst und an ihrer Stelle ist das bloße Nichts getreten.
Vielen ist der letzte Grund, der Logos, verlorengegangen. Das bedeutet: Worte, selbst noch so gut gewählte und gesprochene, greifen nicht mehr; Worte von Nähe und Güte, von Zukunft und Zuversicht sind leer und hohl geworden, weil das Ur-Wort, die Urüberzeugung vom guten und erhellenden Sinn verloren ging
.Fleischwerdung des Wortes heute heißt, dass selbst in der entlegensten Ecke eines verfinsterten und verzweifelten Herzens ein Funke des Lichtes vorhanden ist, das "jeden Menschen erleuchtet"; dass auch dieser Rest von Helligkeit zum großen Feuer wird, wenn es auch viel Aufmerksamkeit, Bereitschaft, Einsicht und Zeit braucht. Wir sollten auf den Raum in unserem Inneren, in dem der göttliche Funke wirkt, besonders achten, ihn umhegen und schützen.
Es kann das Wunder geschehen, dass dieser Funke unser ganzes Wesen ergreift. Der Text des heutigen Tages nennt das: aus Gott geboren werden. Wir können als Erwachsene noch einmal beim Anfang, d.h. beim Ursprung, beim Licht des Wortes noch einmal beginnen. Das gute Wort, seine Kraft und sein Wesen, wohnt in uns, sagt der Evangelist. Kinder Gottes sind wir - wir sollten erwachsen werden, große Söhne und Töchter. Das heißt: Dem kleinen Stück heilen Lebens, das schon in uns ist, sollten wir die Chance des Wachsens geben.
Verheißen ist uns: Wir werden einmal wie Johannes staunen über so viel Reichtum und so viel Glück, wenn das Wort in uns "Fleisch" angenommen hat.
10. März 2002
4. Fastensonntag
Blick in eine andere Welt
In jener Zeit 1 sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. 2 Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, sodass er blind geboren wurde? 3 Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden. 4 Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann. 5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.
6 Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen 7 und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Schiloach heißt übersetzt: Der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen. 8 Die Nachbarn und andere, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte? 9 Einige sagten: Er ist es. Andere meinten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich. Er selbst aber sagte: Ich bin es. 10 Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen geöffnet worden? 11 Er antwortete: Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen und sagte zu mir: Geh zum Schiloach und wasch dich! Ich ging hin, wusch mich und konnte wieder sehen. 12 Sie fragten ihn: Wo ist er? Er sagte: Ich weiß es nicht.
13 Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern. 14 Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte. 15 Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden sei. Der Mann antwortete ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen; dann wusch ich mich und jetzt kann ich sehen. 16 Einige der Pharisäer meinten: Dieser Mensch kann nicht von Gott sein, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sagten: Wie kann ein Sünder solche Zeichen tun? So entstand eine Spaltung unter ihnen. 17 Da fragten sie den Blinden noch einmal: Was sagst du selbst über ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet. Der Mann antwortete: Er ist ein Prophet. 18 Die Juden aber wollten nicht glauben, dass er blind gewesen und sehend geworden war. Daher riefen sie die Eltern des Geheilten 19 und fragten sie: Ist das euer Sohn, von dem ihr behauptet, dass er blind geboren wurde? Wie kommt es, dass er jetzt sehen kann? 20 Seine Eltern antworteten: Wir wissen, dass er unser Sohn ist und dass er blind geboren wurde. 21 Wie es kommt, dass er jetzt sehen kann, das wissen wir nicht. Und wer seine Augen geöffnet hat, das wissen wir auch nicht. Fragt doch ihn selbst, er ist alt genug und kann selbst für sich sprechen. 22 Das sagten seine Eltern, weil sie sich vor den Juden fürchteten; denn die Juden hatten schon beschlossen, jeden, der ihn als den Messias bekenne, aus der Synagoge auszustoßen. 23 Deswegen sagten seine Eltern: Er ist alt genug, fragt doch ihn selbst.
24 Da riefen die Pharisäer den Mann, der blind gewesen war, zum zweiten Mal und sagten zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist. 25 Er antwortete: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehen kann. 26 Sie fragten ihn: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet? 27 Er antwortete ihnen: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht gehört. Warum wollt ihr es noch einmal hören? Wollt auch ihr seine Jünger werden? 28 Da beschimpften sie ihn: Du bist ein Jünger dieses Menschen; wir aber sind Jünger des Mose. 29 Wir wissen, dass zu Mose Gott gesprochen hat; aber von dem da wissen wir nicht, woher er kommt. 30 Der Mann antwortete ihnen: Darin liegt ja das Erstaunliche, dass ihr nicht wisst, woher er kommt; dabei hat er doch meine Augen geöffnet. 31 Wir wissen, dass Gott einen Sünder nicht erhört; wer aber Gott fürchtet und seinen Willen tut, den erhört er. 32 Noch nie hat man gehört, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat. 33 Wenn dieser Mensch nicht von Gott wäre, dann hätte er gewiss nichts ausrichten können. 34 Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus.
35 Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn? 36 Der Mann antwortete: Wer ist das, Herr? (Sag es mir,) damit ich an ihn glaube. 37 Jesus sagte zu ihm: Du siehst ihn vor dir; er, der mit dir redet, ist es. 38 Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder. 39 Da sprach Jesus: Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden. 40 Einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten dies. Und sie fragten ihn: Sind etwa auch wir blind? 41 Jesus antwortete ihnen: Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.
Es scheint zunächst unbegreiflich,was Jesus mit dem Blinden macht.Als er ihm die speichelnasse Erde auf die Augen streicht und ihm befielt,sich im Teich zu waschen,sieht das nach einer magischen Handlung aus.Wir fragen uns:Hatte Jesus das nötig?Wird hier Jesus in eine Reihe mit Medizinmännern, mit Regenmachern und Zauberern gestellt?
Um der Erzählung gerecht zu werden,sollten wir beachten,daß die recht eigenartige Behandlung auf etwas Bedeutenderes und Tieferliegendes hinweisen will.
Es ist vielleicht so,wenn wir uns vor etwas Unerwartetem und Unglaublichem die Augen reiben und uns fragen:Sehe ich richtig? Die seltsame Prozedur will sagen:Es ist , wie wenn bis zu dieser Stunde eine Staubschicht oder Straßenkot auf den Augen des Blinden gelegen wäre und er jetzt davon befreit wäre.
Für den Mann, der, seit er denken konnte, nur Nacht um sich wahrnahm, tat sich die Welt der Farben ,des Lichts ,der Schönheit auf. Es war,als ob sich für ihn der Himmel öffnete. Doch dem Erzähler geht es um mehr als um den Vorgang einer Blindenheilung.Das Eigentliche wird am Schluß gesagt,als der Geheilte bekennt : "Ja , ich glaube."
In demMoment, als er Jesus in die Augen schaut, gehen ihm die eigenen erst wirklich auf! Er war in die Atmosphäre Jesu eingetreten und das war,wie wenn ihm wie im Teich Shiloach aller Schmutz von den Augen abgewaschen worden sei.
Das Wunder ,daß er Menschen, Bäume,den Himmel,die Sonne sehen konnte,war nur das Vorspiel zu dem ,was ihm in der Begegnung mit Jesus widerfuhr.
Vielleicht war es etwas von dem Erleben,das von Franziskus berichtet wird, als er auf dem Weg durch das nächtliche Assisi wie gebannt stehen blieb . Es heißt, daß Gott ihn berührt hatte.Danach gefragt, woran er denn gedacht und was er denn gesehen habe, etwa eine Frau,die er heimführen wolle, gestand er: "Ja, eine Frau, die edler, reicher und schöner ist,als ihr je eine gesehen habt." Was dann geschah,ist bekannt: Franziskus änderte sein Leben. Es fiel ihm leicht, auf das väterliche Erbe zu verzichten, auf Wohlstand und Ansehen und ein Leben in Einfachheit und Härte zu wählen. Der Blick in die andere Welt wurde der Beginn zu einer durchgreifenden Wandlung.
Es gibt viele, denen Ähnliches geschah.So verschieden die Berichte auch sein mögen,sie treffen sich an dem einen Punkt: Die Welt, die sich ihnen in diesem Moment auftat, war so gewaltig, so faszinierend schön und so wirklich zugleich, daß es ihnen vorkam,als seien sie bis zu dieser Stunde blind gewesen.
12. Mai 2002
7. Sonntag der Osterzeit
Die Stunde ist gekommen
Dies sagte Jesus. Und er erhob seine Augen zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht. 2 Denn du hast ihm Macht über alle Menschen gegeben, damit er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben schenkt. 3 Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast. 4 Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast. 5 Vater, verherrliche du mich jetzt bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war. 6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie gehörten dir, und du hast sie mir gegeben, und sie haben an deinem Wort festgehalten. 7 Sie haben jetzt erkannt, daß alles, was du mir gegeben hast, von dir ist. 8 Denn die Worte, die du mir gegeben hast, gab ich ihnen, und sie haben sie angenommen. Sie haben wirklich erkannt, daß ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, daß du mich gesandt hast. Für sie bitte ich; nicht für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir. 10 Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht. 11 Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt, und ich gehe zu dir.
"Die Stunde ist gekommen" können wir sagen, wenn wir in eine entscheidende Prüfung gehen, aber auch , wenn uns eine Nachricht trifft, die uns umzuwerfen droht. Dies kann sein, daß der Mensch, der uns am nächsten steht, ernsthaft erkrankt ist, oder daß wir selbst von einer gefährlichen Krankheit bedroht sind., oder daß uns der Mensch, auf den wir alles gesetzt haben, zutiefst enttäuscht hat.
In solchen Momenten gibt es kein Ausweichen, kein Aufschieben und Beiseiteschauen. Wir können uns dem Ernst der Situation nicht mehr entziehen. Wir sind unmittelbar betroffen. So war es bei Jesus, als er diese Worte sprach. Er war sich des Ernstes der Situation voll bewußt.Genau an dieser Stelle sagt er: "Vater". Bei dem Wort "Vater"werden wir erinnert an die Sätze Jesu vom Vater, der für die Vögel des Himmels und für die Lilien des Feldes sorgt, der darum weiß,wann ein Spatz vom Himmel fällt, der es auch für die Sünder regnen läßt, der seine Sonne auch den Gottlosen gönnt Wir denken an den Vater, der am Tor steht und nach seinem Sohn Ausschau hält und dessen Freude so groß ist, daß er das beste Kalb schlachten läßt. Mit der Anrede "Vater" öffnet Jesus eine Welt der Güte, des Vertrauens und der absoluten Geborgenheit.
Es ist, als ob eine innere Sonne aufgehen würde, wenn Jesus dieses Wort in den Mund nimmt. Von dem russischen Einsiedler und Mystiker Seraphim von Sarov wird berichtet, daß einmal ein Besucher wissen wollte, was die Kraft des Heiligen Geistes sei. Der Starze-so wurden die russischen Einsiedler genannt- sagte auf den Wunsch hin nur: "Schau mir ins Gesicht! Was siehst du?" Der Besucher blickte in diesem Augenblick in eine Sonne. Aus den Augen des alten Mannes fuhren Blitze. Wir dürfen vermuten, daß den Worten Jesu "Verherrliche du mich!" eine ähnliche Erfahrung zugrunde liegt. Was spricht eigentlich dagegen, daß es bei Jesus solche Erscheinungen wie die bei dem russischen Mystiker und bei vielen anderen gegeben hat? Der Evangelist Mathäus berichtet sogar, daß auf einem Berg das Gesicht Jesu wie die Sonne leuchtete (Mt.17,1-9).
Wenn Jesus sagt, daß er Macht über jeden Menschen hat , dann ist nicht an eine Macht zu denken, mit der er anderen seinen Willen aufzwingt und für seine Zwecke einspannt "Ewiges Leben" nennt Jesus das, was er dem einzelnen schenken will.
"Ewiges Leben "ist heute gar nicht gefragt. Eher schon "langes Leben" und "gesund leben." Die meisten meinen ,"ewig" habe nur mit dem zu tun, was nach dem Tod kommt. Das ist weit weg und darum brauche ich mich heute noch nicht zu kümmern. Was Jesus mit "ewigem Leben" meint, ist tatsächlich dem Aufgehen der Sonne vergleichbar. Es geschieht nicht erst nach dem Tod, sondern im Hier und Jetzt .Es vollzieht sich in dem Augenblick unseres Lebens, wo wir unser Inneres öffnen und uns von der Atmosphäre Jesu ergreifen lassen. Es wird hell und warm in uns selbst und bei den Menschen, denen wir uns zuwenden. Weil wir mit uns selbst im Reinen sind, können wir eine wohlwollende und verstehende Güte ausstrahlen .Wir lassen uns nicht von dunklen Emotionen anstecken, selbst wenn unsere moralische Entrüstung über geschehenes und bestehendes Unrecht berechtigt erscheint. Wir bekommen wie die aufgehende Sonne eine andere Sicht der Dinge. Wir sind nicht mehr dem ,was auf der Erde geschieht, unmittelbar verhaftet. Wir müssen uns nicht mehr in Rechthabereien, in Streitigkeiten um Vorteile und Positionen verheddern. Wir bekommen wie die aufgehende Sonne einen Weit-und einen Überblick.Wir nehmen einen anderen Standpunkt ein.
Der Schwerpunkt unserer Interessen ist ein anderer geworden. Es ist eine Wandlung vom Grund unseres Daseins aus, in den Wurzeln unserer Existenz. So war es bei Paulus, der in seinen Briefen ausführlich über seinen inneren Weg zu Christus berichtet. So war es bei Franziskus, der nur aufgrund des geschenkten neuen Lebens das Außergewöhnliche tun konnte. Von ihm sagen seine Freunde, daß sein Leben wie der Einzug des Frühlings in die Welt war, der Zeit glich, wo sich die Sonne der Erde nähert.
Der Glaube, daß Jesus Macht über uns hat, besagt nicht, daß wir uns einer fremden Autorität unterwerfen müssen, sondern, daß er in uns- ähnlich wie im Gesicht des russischen Starzen -die Sonne aufgehen lässt. Sie wird aber-anders als die im Weltall- nicht mehr untergehen.
28. Juli 2002
17. Sonntag im Jahreskreis
Der Schatz im Acker
44Die Gleichnisse vom Schatz und von der Perle: 13,44-46 Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte den Acker. 45 Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. 46 Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte sie. Weiter ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Netz, das man ins Meer warf, um Fische aller Art zu fangen. 48 Als es voll war, zogen es die Fischer ans Ufer; sie setzten sich, lasen die guten Fische aus und legten sie in Körbe, die schlechten aber warfen sie weg. 49 So wird es auch am Ende der Welt sein: Die Engel werden kommen und die Bösen von den Gerechten trennen 50 und in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen. Habt ihr das alles verstanden? Sie antworteten: Ja. 52 Da sagte er zu ihnen: Jeder Schriftgelehrte also, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt.
Es ist noch nicht aus der Mode gekommen, dass Verliebte von einander als von ihrem "Schatz" reden. Ein solches Wort sollte man sehr ernst nehmen. Es ist tatsächlich die Entdeckung einer wunderbaren Kostbarkeit, wenn zwei Menschen spüren, wie viel sie einander bedeuten, wie sie in der Nähe des andern aufleben, wie kostbar und beglückend allein schon der Gedanke an den andern sein kann. Es hat sich etwas ereignet, was das Leben verändert. Man ist bereit, seine Zeit, seine Interessen, seine Arbeitskraft, sein Vermögen einzusetzen, um jener entdeckten Kostbarkeit gerecht zu werden. Man weiß auch, dass es so richtig ist.
Es scheint heute den meisten fast unglaublich, dass es Menschen gibt, die ähnliches mit Gott erlebt haben. Sie sagen, es sei gewesen, wie wenn sie einen Schatz gefunden hätten, unbezahlbar, aber so reich, dass man alles andere leicht dafür hergeben konnte.
Es gab sie in der Geschichte diese Entdeckungen. Es gibt sie immer noch.
Eine Frau erzählte in einem Selbsterfahrungskurs von einem Erlebnis in einer Kirche, das so gewaltig und beglückend war, dass sie selbst nach 25 Jahren nur unter Tränen darüber reden konnte Gerne bewundern wir den heiligen Franziskus wegen seiner radikalen Armut Aber es wäre purer Masochismus gewesen, ein Leben in gesichertem Wohlstand aufzugeben und sich einer ungewissen Zukunft auszuliefern, wäre da nicht eine Entdeckung im Leben des Heiligen, die sein Leben veränderte Die Lebensbeschreibungen können nur andeuten, was in dem jungen Mann in der Zeit seiner Wandlung vor sich ging. An einer Stelle heißt es, dass er auf einem nächtlichen Streifzug mit seinen Freunden durch die Stadt plötzlich stehen blieb, weil ihn Gott berührt hatte. Auf die Frage, woran er denn gedacht habe, etwa an eine Frau, die er heimführen wolle, sagte er: Ja eine Frau. Sie ist edler, reicher und schöner, als ihr euch vorstellen könnt. Er meinte seine neu entdeckte Nähe zu Gott, ein Empfinden, das er nicht adäquat schildern konnte, das aber alles übertraf, was er je erlebt hatte selbst die Schönheit einer Frau.
An einer anderen Stelle ist die Rede von "einer wunderbaren Süsse, von einem überwältigendem Glücksgefühl, das ihn weiter und weiter lockte und ihn sein ganzes Leben nicht mehr verließ". Franziskus erkannte, dass die innige Hingabe im Gebet, das Leben in äußerster Strenge, die Trennung von jedem Besitz die einmal gefundene Freude immer neu entfachten und verstärkten. Je mehr er von sich weggab, desto reicher wurde er.
So war es für Franziskus. So stimmte es für ihn.
Ganz so einfach ist es nicht für uns. Es hat den Anschein, als ob die Nachfolge Jesu ihren Glanz verloren hätte. Entscheidungen, für Christus alles auf eine Karte zu setzen, sind äußerst selten geworden. Man sagt, der Rahmen, in dem das Reich Gottes gestellt wird, sei zu eng, zu lebensverneinend, zu mühsam. Sind es nur Ausreden für den eigenen Egoismus? Ob es nicht doch mehr an Entdeckungen gibt, als wir meinen? Und ob nicht der Rahmen, in den sie eingebracht werden sollten, tatsächlich zu klein geworden ist?
Eines ist gewiss: Man muss erst den Mut zum Entdecken des ganz Eigenen, der Wahrheit seines Lebens finden. Das bedeutet nach innen zu schauen, sich zu fragen: Was ist mit meiner Unzufriedenheit, mit meiner Einsamkeit? Wie erfüllt ist mein Leben? Wie leer ist es?
Es gilt, eine Spur zu entdecken, die mich anlockt, die Interesse weckt, das mich nicht von mir selbst ablenkt. Man darf neugierig sein, was im Untergrund meines Lebens alles vorhanden ist. Die geheimen Zusammenhänge, Motivationen für mein Fühlen, und Denken, die noch nicht ausgeschöpften Möglichkeiten. Das wichtigste von allem: Dort liegt ein Schatz, der auf Entdeckung wartet. Die kostbare Perle ist nicht auf dem Markt zu finden, sondern in uns selbst.
Das Reich Gottes erfordert nicht von heute auf morgen einen moralischen Kraftakt, in dem wir Gewichte hochstemmen, die für uns zu groß sind, sondern die Aufmerksamkeit für das, was unser Leben gelingen lässt, und die Bereitschaft, uns auf eine Entdeckungsreise und Schatzsuche zu begeben.
29. September 2002
26. Sonntag im Jahreskreis
Das gute Beispiel der Dirnen
28Das Gleichnis von den ungleichen Söhnen: 21,28-32 Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Sohn, geh und arbeite heute im Weinberg! 29 Er antwortete: Ja, Herr!, ging aber nicht. 30 Da wandte er sich an den zweiten Sohn und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn, und er ging doch. 31 Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der zweite. Da sagte Jesus zu ihnen: Amen, das sage ich euch: Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr. 32 Denn Johannes ist gekommen, um euch den Weg der Gerechtigkeit zu zeigen, und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen, und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt. "
Zöllner und Dirnen kommen eher in das Reich Gottes als ihr" (Mathäus 21, 31). Diesen Satz spricht Jesus zu Menschen, die eine hohe Position in der Öffentlichkeit einnehmen, die hohes Ansehen genießen, die Verantwortung für das ganze Volk tragen, zu denen man aufschaut, deren Wort etwas gilt, die Religion und deren Ordnung hochhalten.
Heute ist man allerdings an Provokationen gewöhnt und es fehlt unter den Leserzuschriften einer Tageszeitung kaum eine, welche mit ähnlich harten Worten mit der Kirche ins Gericht geht und sich dabei sogar auf Jesus beruft. Zudem sind Bestrebungen im Gange, den "Stand" der Prostituierten aufzuwerten und als ganz normalen "Dienstleistungsberuf" anzuerkennen. Man kann heute oft hören, dass Jesus auch auf deren Seite stand. Wir dürfen allerdings auch fragen: Sollten wirklich die sogenannten Biedermänner, die wie die Zöllner damals die Ehrlichen und Gutgesinnten skrupellos um ihr sauer Verdientes bringen, und die Frauen aus dem Rotlichtmilieu, die ihren Körper verkaufen, noch dafür belohnt werden?
Wer sich gerne auf Jesus beruft, sollte nicht übersehen, dass die Dirnen dem Johannes, dem Mann mit der harten Lebensweise, geglaubt haben. Jesus geht es um die radikale Wandlung der Einstellung, um die persönliche Umkehr, nicht um die Umkehrung der moralischen Normen.
Die viel beschworene Umkehr ist allerdings nicht nur eine Sache des guten Willens. Es ist ein Prozess in uns selbst vergleichbar einem Sturm, der uns aufwühlt, dem Wirken des Salzes in den Speisen, des Sauerteigs im Mehl, dem Wachsen der Saat auf dem Acker. Es ist etwas, was wir nicht selbst machen, sondern was mit uns geschieht. Es tritt nur dann am ehesten ein, wenn wir verunsichert sind, den Boden unter den Füßen verloren haben, wenn wir nicht mehr weiter wissen, wenn uns bewusst ist, dass wir Hilfe brauchen. Genau in einer solchen Situation sind wir mit unserem Innersten verbunden und dessen Kräfte kommen in Bewegung. Da brauchen wir keine Ablenkung, weil sie uns nichts mehr bedeutet. Menschen in Krisen sind für jede Hilfe dankbar und für Neues aufgeschlossen. Für viele öffnet sich in einer schwierigen Lebenssituation oft nach recht schmerzlichen Erlebnissen die Welt des Glaubens.
Jesus sieht in den Zöllnern und Dirnen eher das Elend, das ihre Lebensgeschichte bestimmt, als die verwerfliche Tat. Gerade aber das schwere Schicksal wurde bei denen, die Jesus erwähnt, Anlass zur Umkehr. Wer nur vom Leben bestätigt wird, wer in guter Position und sattem Wohlstand lebt, wer sich im Religiösen nichts vorzuwerfen braucht, hat keinen Grund, sich in Frage stellen zu lassen und Neues, Ungewohntes zu suchen.
Ganz anders ist es bei Menschen, die am Rande des Zusammenbruchs sind und alle Kräfte auf das bloße Überleben konzentrieren müssen. Im Evangelium nach Lukas wird uns eine Frau geschildert, die als Sünderin bezeichnet wird, also zu denen gehört, die Jesus lobt. Es ist etwas vom Mut der Verzweiflung, wenn sie es wagt, sich vor der versammelten Festgesellschaft Jesus zu nähern und sich den durchbohrenden, missbilligenden Blicken der anwesenden, ehrenwerten Männer auszusetzen. Es geht ihr um das Ganze; das eigene Elend ist ihr Antreiber zum letzten Einsatz. Aus diesem Impuls sind ihr Weinen und ihre Gesten der Hingaben zu verstehen. Es mag wohl gewesen sein, dass sie in der Nähe Jesu eine überströmende Dankbarkeit und ein Glück verspürte, das sie buchstäblich fassungslos machte.
Das gute Beispiel der Sünderin und des verlorenen Sohnes besteht darin, dass sie sich der Dunkelheit ihres Lebens stellten, die Frau beim vornehmen Gastmahl, der junge Mann im Schweinestall. Die Umkehr, die Jesus meint, beginnt nicht bei den gewaltsamen Vorsätzen sondern beim demütigen Blick ins Innere. Wer der eigenen Bedürftigkeit nicht mehr ausweicht, weckt die Kräfte, die ein neues Leben beginnen lassen.
01. Dezember 2002
1. Adventsonntag
Die Zeit, die uns erwachen lässt
24Vom Kommen des Menschensohnes: 13,24-27
Aber in jenen Tagen, nach der großen Not, wird sich die Sonne verfinstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen;
25 die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.
26 Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen.
27 Und er wird die Engel aussenden und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.
Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, wisst ihr, dass der Sommer nahe ist.
29 Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr (all) das geschehen seht, dass das Ende vor der Tür steht.
30 Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles eintrifft.
31 Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.
32 Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.
33 Seht euch also vor, und bleibt wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.
34 Es ist wie mit einem Mann, der sein Haus verließ, um auf Reisen zu gehen: Er übertrug alle Verantwortung seinen Dienern, jedem eine bestimmte Aufgabe; dem Türhüter befahl er, wachsam zu sein.
35 Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt, ob am Abend oder um Mitternacht, ob beim Hahnenschrei oder erst am Morgen.
36 Er soll euch, wenn er plötzlich kommt, nicht schlafend antreffen.
37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Seid wachsam!
Schon längst, bevor es soweit ist, haben uns Advent und Weihnachten eingeholt im grellen Licht der Geschäfte und Straßen. Bei vielen steigt schon Überdruss auf, bei ernsthaften und nachdenklichen Menschen Wehmut und die Sehnsucht nach einem tieferen Erleben, nach etwas, was stärker ist als der oft sograue Alltag. Die Kraft dieser Zeit, die Herzen anzurühren, scheint für viele erloschen zu sein.
Die Älteren erinnern sich noch an das adventliche Singen nach der abendlichen Tagesschau, wo man sich noch in die festliche Zeit einstimmen lassen konnte, an die Kerze mit Tannenzweigen, an Lieder die etwas von Not und Hoffnung sangen, an eine wohltuenden Stille, der man sich überließ. Der Trend der Zeit ging dann in die Richtung, dem Zuschauer rund um die Uhr immer mehr Abwechslung, Ablenkung und Überraschungen zu bieten. Es wird ja auch so gewünscht, weil es der angenehmere Weg ist. Man nennt es Entspannung, weil man die Anstrengungen des Tages und den Druck, unter dem man steht, vergessen kann. Es kostet sehr viel Selbstkritik und Mühe, einzusehen, dass man sich im Grunde einem fremden Denken und den Erfahrungen anderer überlässt, anstatt selbst nachzudenken, sich selbst zu spüren und sich mit dem Schatten des eigenen Lebens statt dem der Gesellschaft zu konfrontieren.
Erst wenn uns plötzlich eine Krise überfällt, wenn die Sicherheit einer Bindung von vielen Jahren zerbricht, wenn wir feststellen müssen, dass die Liebe schon längst beim andern erloschen ist und wir eigentlich wie in einem Traum gelebt haben, merken wir, dass es auch noch eine Rückseite des Lebens gibt.
Doch muss es nicht unbedingt eine existentielle Katastrophe sein, die uns aus den Illusionen der Oberflächlichkeit holt, bei manchen tut es die eigene Seele. Es gibt Träume, die so erschreckend, so eindrucksvoll und auch so überwältigend schön sein können, dass sie einen aus dem Schlaf reißen. Es kann sein, dass uns ein Einbrecher bedroht, sogar Gewalt antut, dass wir in einen Abgrund stürzen, oder dass andere schlimme oder gewaltige Ereignisse uns aufwecken. Eine Frau träumte von der Umarmung mit einem liebenden Wesen und weinte nach dem Erwachen vor Glück. Dieses Erlebnis gab ihrem Leben die große Wende.
Sie kam aus ihrer inneren Lähmung heraus. Sie konnte ihr Leben, das so bedrückend und unglücklich verlief, neu begreifen und von sich aus gestalten. Sie gewann den Mut und die Freude, am Leben zu sein, zurück.
Das Erwachen aus einem Traum ist deshalb ganz wörtlich zu nehmen. Wir werden aus der Traumwelt eines rein vordergründigen Lebens, der vergänglichen und brüchigen Erfolge, aus den Verlockungen einer wohlfeilen Spaßgesellschaft, aus einer eintönigen und belastenden Alltagsatmosphäre herausgeholt. Unser Leben bekommt bei einem richtigen Verstehen des Traums eine neue Perspektive. Das Vorher und das Nachher einer solchen Wende wird oft beschrieben wie der Wechsel von der Nacht zum Tag. Es ist, wie man bisher nur geschlafen hätte. Man sieht die Dinge anders, man hat Mut und schöpferische Kraft zum Handeln. Selbst ein anscheinend niederschmetterndes Unglück verliert von seinem bedrückenden Charakter. So berichten es Menschen, die es erlebt haben. Sie sagen, sie würden nun das Echte, das Eigentliche und Wesentliche spüren, das sie ausfüllt und von dem sie zu leben vermögen. Was ihnen widerfuhr, war für sie die große Befreiung. Sie hätten in dieser Zeit des Umbruchs erst angefangen, bewusst und sinnvoll zu leben. Sie könnten sich nicht mehr vorstellen, in den alten Zustand zurückzukehren.
Betrachten wir auf diesem Hintergrund die Texte zum ersten Adventssonntag! Es fällt auf, dass uns Jesus eindringlich zum Wachen ermahnt. Ein Missverständnis wäre es, in ständiger Anspannung zu leben und sich keine Ruhe und Erholung zu können. Eher ist daran zu denken, dass die Menschen, die Jesus begegnet sind, dies wie ein Erwachen aus tiefer Dunkelheit, Verwirrung, Einsamkeit und Ungenügen empfanden. Für sie war es der Unterschied von Tag und Nacht, ihr Wandlungsweg der Übergang von einer Zeit zu andern, der Anbruch des Tages und das Erscheinen des Lichts, ein Vorgang, der auch heutigen Menschen vertraut sein kann.
Paulus, der wie kaum ein anderer die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn in ihrer umwerfenden Wucht erfahren hat, meint dieses Erlebnis, wenn er die Adressaten seiner Briefe und sich selbst am meisten " Kinder des Lichts und des Tages" nennt. So dürfen wir bei dem so oft gehörten Wort von der Offenbarung Jesu Christi, die heute in der Lesung angesprochen wird, eher an ein inneres Erwachen als an ein äußeres Kommen denken. Nach den Worten des Apostels wohnt ja Christus schon in ihm(Gal 2,20) und in jedem, der an ihn glaubt. Er ist die Mitte, die trägt, die Orientierung gibt, die mit dem einhergeht, was wir das Echte, das Wesentliche und das ganz Eigene nennen.
Den Advent richtig gestalten heißt denn auch, uns den Raum und die Zeit zum Erwachen zu geben. Im Grunde ist es dasselbe, was man bisher Besinnung genannt hat. Es ist aber mehr, als sich einer nostalgischen Stimmung auszusetzen, einer Sehnsucht nach Geborgenheit und Heimat, die sich dann doch nicht erfüllt.
Es geht auch weniger darum, unser Inneres statt mit den Sensationen des Tagesgeschehens mit frommen Inhalten anzufüllen. Wir haben den Auftrag Jesu eher verstanden, wenn wir wachsam sind gegenüber uns selbst, wenn wir die eigene Situation bewusster anschauen. Wie geht es mir wirklich ganz in meinem Innersten? Von welcher Not, von welcher Leere bin ich geplagt? Oder von welcher Hoffnung bin ich beseelt? Wenn es uns gelingt, die eigene Befindlichkeit und die eigenen Gefühle wahrzunehmen, sie vielleicht einem guten Menschen anzuvertrauen oder wenigstens dem Tagebuch, haben wir viel für uns selbst und für andere getan. Ein Stück unserer Sehnsucht nach dem Größeren in uns selbst kann in Erfüllung gehen, weil wir den Grund bereitet haben, auf dem Christus uns entgegengeht.
5.Sonntag im Jahreskreis
Jesus heilt
29Die Heilung der Schwiegermutter des Petrus: 1,29-31 Sie verließen die Synagoge und gingen zusammen mit Jakobus und Johannes gleich in das Haus des Simon und Andreas. 30 Die Schwiegermutter des Simon lag mit Fieber im Bett. Sie sprachen mit Jesus über sie, 31 und er ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr, und sie sorgte für sie. Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus. 33 Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt, 34 und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Und er verbot den Dämonen zu reden; denn sie wussten, wer er war. In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten. 36 Simon und seine Begleiter eilten ihm nach, 37 und als sie ihn fanden, sagten sie zu ihm: Alle suchen dich. 38 Er antwortete: Laßt uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen. 39 Und er zog durch ganz Galiläa, predigte in den Synagogen und trieb die Dämonen aus.
Kranksein kann bitter sein. Es kann einen treffen, plötzlich, unerwartet. Zuerst kleine Beschwerden. Nach der Untersuchung heißt es: Es sei eine Operation nötig. Und dann der kalte Schauder, die nackte Wahrheit! Kranksein bedeutet, aus dem ganz normalen Alltag herausgerissen zu werden, in ein Loch zu fallen, dessen Boden unbekannt ist.
Kranksein ist ein Schlag gegen das eigene Wertgefühl gerade bei solchen Menschen, die ihre Freude daran hatten, für andere zu sorgen. "Wer bin ich noch? "so steigt es einem auf, "wenn ich nichts mehr für sie tun kann?" Manchmal, wenn die Selbstzweifel übermächtig werden, kommt noch das Gefühl hinzu, den Angehörigen zur Last zu fallen oder auch ohnmächtig ihrem oft schwankenden Mitleid ausgeliefert zu sein.
Solche Menschen begegnen Jesus. Eine davon ist die Schwiegermutter des Petrus. Was Jesus ihr schenkt, ist mehr als dass sie aufstehen kann. Indem er sie bei der Hand nimmt und aufrichtet, nimmt er von ihr auch die Bitterkeit Er gibt ihr die Gewissheit, leben zu dürfen, die zu sein, die sie ist. Sie findet ihre Freude wieder. Man kann sich vorstellen, wie leicht es ihr fällt, die Gäste zu bedienen und den Haushalt zu versorgen.
"Freude, Freude, Tränen der Freude!" Diese Worte, mit denen der Philosoph Blaise Pascal seine überwältigende Gotteserfahrung ausdrückt, könnten alle gesagt haben, die Jesus begegnet sind und denen er seine Zeit, seine Aufmerksamkeit und Nähe schenkte. Von der Gestalt Jesu, von seinem Blick, von seiner Berührung, muss eine so wohltuende Kraft und Atmosphäre ausgegangen sein, dass Menschen in seiner Nähe vor Glück geweint haben. So wird es an einer anderen Stelle berichtet. Es war die Frau, die als Sünderin galt und bei Jesus das gefunden hat, wonach sie sich immer gesehnt hatte und was sie nie mehr vergessen wird: ganz und gar angenommen zu sei, ganz gleich, wie verworren die eigene Geschichte war.
Die Heilungsgeschichten um Jesus haben zum Inhalt, dass sie alle eine positive Wende nehmen. Aber wie ist es, wenn wir uns nicht unter den Geheilten befinden, wenn uns vielmehr ein ganz anderer Ausgang erwartet?
Hier sollten wir den zweiten Teil der Wunder Jesu näher anschauen. Sie geschehen an den Besessenen, an denen, die von Dämonen gequält werden. In der aufgeklärten Gesellschaft überlassen wir das Thema mit Teufeln und Dämonen eher der Esoterik. Als Gebildete, die vom Gebrauch ihrer Vernunft etwas halten, haben wir es nicht mehr nötig, an naive Vorstellungen einer archaischen Welt zu glauben, so meinen wenigstens die meisten. In Wirklichkeit geht es gar nicht um irgendwelche abstruse Fantasien von jenseitigen bösen Wesen, sondern um eine alltägliche Erfahrung. Es sind die Mächte, die uns im Griff haben, die unser Zusammensein stören, die immer dazwischenfunken, wenn wir uns nach Harmonie sehen, vor allem sind es die Ängste, die unser Leben vergiften. Zu diesen scheinbar unbezwingbaren Dämonen gehört die Wirkung, die eine medizinische Diagnose auslösen kann. Wie froh wären wir, wenn uns jemand die niederdrückende Stimmung nehmen und diesen Dämon austreiben könnte.
Genau das hat Jesus getan. Er hat die Mächte, die heute wie damals die Menschen unter ihrer Kontrolle halten, entwaffnet. Konkret heißt das: Er hatte die Kraft, die sogenannten Besessenen von der grausamen Erfahrung, unheimlichen Mächten ausgeliefert zu sein, zu befreien. Er gab ihnen den Mut und die Zuversicht zurück, sie selbst zu sein, den Sinn für ihre eigene Würde. In der Atmosphäre Jesu ist nichts mehr von Angst, von quälenden und bedrängenden Gefühlen, von fremden Mächten, die stärker sind als wir.
Eine Krankheit kann unseren Körper überwältigen, sogar zerstören, nicht aber uns selbst, weil wir vom Geist Jesu wie von einer schützenden Hülle umgeben sind.
Voraussetzung ist allerdings, dass wir uns in seine Atmosphäre eintauchen lassen, dass wir den Raum des Erlebens, in dem er seine oft so unverständlichen Sätze formulierte, seine Geschichten und Gleichnisse erfand und seine bewunderten Taten vollbrachte, betreten. Das heißt mit anderen Worten: dass wir wie er den Wert der absoluten Stille entdecken, dass wir uns wie er ins Gebet vertiefen, dass wir wie er eins werden mit dem Urgrund in uns selbst, mit dem "Vater", von dem alles kommt. Es kann sein, dass sich uns wie Jesus der Himmel öffnet.
1. Juni 2003
7. Ostersonntag
Der Name Gottes
(Joh 17,6; 12 - 19)
In jener Zeit erhob Jesus seine Augen zum Himmel und betete: Vater; Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt, und ich gehe zu dir. Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir. Solange ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast. Und ich habe sie behütet, und keiner von ihnen ging verloren, außer dem Sohn des Verderbens, damit sich die Schrift erfüllt. Aber jetzt gehe ich zu dir. Doch dies rede ich noch in der Welt, damit sie meine Freude in Fülle in sich haben. Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin. Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst. Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt. Und ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind.
Es gibt Namen, die uns leicht über die Lippen gehen; wir denken an die Namen derer, die uns am Herzen liegen, denen wir etwas bedeuten; der Menschen, die unser Leben teilen, die einen wichtigen Platz in unserem Herzen einnehmen. Jeder Name weckt Erinnerungen, enthält Geschichten von Schicksalen, von Leid, Zuversicht und Hoffnung. Ein Name, der nur dem Innersten vertraut ist, den man gerne vor sich hersagt, vielleicht nur mit Scheu und Zurückhaltung ausspricht, vertritt das Glück eines Menschen; etwas, was er nicht gerne preisgibt; etwas, was seinem Leben eine andere Richtung gab. Ein Name - so dürfen wir sagen - ist ein Geheimnis, das sich nur im engsten Raum des Vertrauens öffnet.
Geschichten um den Namen
Als Jesus auf die gemeinsame Zeit mit seinen Jüngern zurückblickt, fasst er das Geschehene in dem Satz zusammen: 'Ich habe ihnen deinen Namen geoffenbart' (Joh 17,6). Der Name Gottes wurde für die, die das Leben Jesu teilten, lebendig, neuem Inhalt und Kraft gefüllt. Für sie verbinden sich mit dem Namen, in dem Jesus auftrat, Geschichten voller Aufregungen und Überraschungen, und die Aussicht auf eine hoffnungsvolle Zukunft.
Da ist die Geschichte von ein paar Fischern. Sie waren missmutig, als sie Jesus trafen. Der See hatte nichts hergegeben. Doch das Wort Jesu, in dem der Name Gottes aufleuchtete, ist so stark, dass sie es noch einmal wagen. Das Ergebnis ist bekannt: erschüttert und beglückt geben sie alles auf und gehen mit Jesus (Vgl Lk 5, 1-11). Es ist ein Einbruch in ihr Leben. Und damit beginnt ein Aufbruch, der niemals enden wird. Der Name Gottes verwebt sich mit ihrer persönlichen Geschichte; Was sie täglich mit Jesus erleben, die vielen Begegnungen mit Menschen, sein überraschendes Handeln in ausweglosen Situatio-nen, sein überzeugendes Reden, bei dem Menschen stundenlang zuhören, öffnet ihr Inneres für die Welt Jesu. Und diese Welt ist geprägt von einer ungebrochenen, absoluten Güte, welche Jesus in seiner Berührung mit Gott erfährt. Sie dürfen dabei sein, wie "handgreiflich" Jesus diese Güte weitergibt. Gottes Liebe ist manchmal tatsächlich zum "Greifen" nahe. Darauf weist die Erzählung hin, die bei Matthäus im Anschluss an die Bergpredigt überliefert ist (Mt 8, 1-4). Als Jesus vom Berg heruntersteigt, begegnet ihm ein Aussätziger. Man muss dazu bemerken, dass ein Aussätziger zur Zeit Jesu und auch heute noch in vielen Ländern der Dritten Welt nicht zu den Kranken gehört, denen die besondere Fürsorge und Nähe der Angehörigen gilt. Er ist vielmehr ein Ausgestoßener, einer der die Leute vor sich selbst warnen muss. Ein solch armer Mensch trifft Jesus. Er spürt seine gütige Hand und hört die Worte, die ihm gut tun. Er weiß nach langer Zeit wieder, dass er Mensch sein darf, gesund, bei seinen Angehörigen.
Wenn solche Dinge geschehen, preisen die Menschen Gott. Sein Name beginnt wieder zu leuchten. Durch Jesus wird der Name Gottes umgeschrieben; er heißt nicht mehr: Du musst etwas tun, sondern du darfst leben. Die Kraft dazu geht von Jesus aus.
"Vater" meint Güte
Er nennt dieses Wunderbare, das er in sich spürt und das doch anders und größer ist als er selbst, fast kindlich Vater, Vater im Himmel. Wir haben Scheu, als Erwachsene das Wort Vater mit Überzeugung, Hingabe und Vertrauen auszusprechen. Einmal, weil wir uns nicht als Kinder fühlen können, zum andern, weil die Erfahrung mit dem eigenen Vater doch bei den meisten nicht eindeutig, sondern eher gebrochen ist. Jene absolute Güte aber, die Jesus Vater nennt, hat sich in den Geschichten um Jesus und um all die Menschen, die sich darauf eingelassen haben, als größer als alles, was Menschen erleben und denken, erwiesen. Wir brauchen uns deshalb nicht zu scheuen, von Gott als von unserem Vater zu reden als von dem, der jeden von uns will und mag, der Ja sagt zu unserem Glück, der über allem steht, was uns bedrängt und bedrückt.
Als Jesus von seinen Freunden weggeht, als bei ihnen Wehmut und Angst aufsteigt, stellt er sie unter den Schutz und die Geborgenheit dieser absoluten Güte. "Bewahre sie in deinem Namen", (Joh 17,11) heißt sein Gebet für sie. Sie sollten sich erinnern, was in seiner Nähe, als Gottes Namen offen lag, schon geschehen war, an das Wunderbare, das ihnen Schutz und Hoffnung gab. Einmal hatte Jesus seine Jünger darauf hingewiesen, dass ihre Namen im Himmel aufgeschrieben sind (Vgl. Lk 10,20). Gott kenne ihren Namen, weil sie den seinen kannten. Da sei der eigentliche Grund zur Freude. Diese Grundaussage wiederholt Jesus in der Stunde seines Abschieds. "Sie sollten seine Freude in Fülle in sich haben" (Joh 17,13). Damit bräuchten sie keine Angst zu haben vor der Zukunft, vor der Frage, wie es ohne ihn weitergehen soll.
Namen die wir kennen
Sollten wir nicht damit beginnen, die Namen, die wir unter den Schutz Gottes stellen wollen, zu meditieren, uns an die Geschichten mit ihnen zu erinnern; daran, wie wichtig, wie reich sie für uns geworden sind. Wir werden merken, dass hinter jedem Namen etwas von der Schönheit und Güte des Namens Gottes auf-leuchtet.
Dies kann ein Schritt werden zum Wunder von Pfingsten, wo eine neue Art zu sehen, zu hören und zu reden beginnt. Wo wir im Namen und im Geiste Gottes Worte neu aussprechen lernen; wo der Name Gottes und Namen von geliebten Menschen zu leuchten beginnen.
14. September 2003
24. Sonntag im Jahreskreis, Fest Kreuzerhöhung
Das Kreuz
In jener Zeit sprach Jesus: Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen außer dem, der vom Himmel herabgestiegen ist: der Menschensohn. Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muß der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der (an ihn) glaubt, in ihm das ewige Leben hat. Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.
Das Kreuz - eine Herausforderung
Vor einigen Jahren erregte das Urteil des Bundesgerichtshofes über das Kreuz in den Schulen großes Aufsehen, sogar im Ausland. Ein grausam gequälter Körper sei dem unbefangenen Gemüt eines Kindes nicht zuzumuten, sagen manche Eltern. Im Grund sei es das Symbol für die lebensfeindliche und depressive Seite des Christentums. Der Verdacht ist schwer auszuräumen, dass im Raum der Kirche echter Lebensfreude misstraut wird. Das Wort Jesu: "Wer mein Jünger sein will, verleugne sich selbst, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach" zählt zu den Aussagen, die man zur Zeit weniger hört und vor denen man ziemlich ratlos ist (Vgl. Markus 8, 34). Der Vorwurf lautet, man habe das Wort vom Kreuz dazu verwendet, um sich selbst und andere unter Druck zu setzen. Es sei zum Anlass geworden, sich selbst und das Leben falsch zu verstehen.
Man muss nicht ein Feind des Christentums sein, um sich an einem weiteren Satz zu reiben: "Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat." (Johannes 3, 16).
Es geht einfach gegen jedes menschliche Empfinden, dass ein Vater seinen Sohn auf solch barbarische Weise umkommen lässt, um seine Pläne - seien sie noch so edel - zu verwirklichen. Die Verwirrung wird noch größer, wenn man in demselben Kapitel bei Johannes einige Zeilen weiter lesen kann: "Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gelegt." (Johannes 3, 35). Eines ist sicher: mit der Logik des Alltags kommen wir hier nicht weiter. Wir sollten gegenüber einem christlichen Dokument des Glaubens dieselbe Achtung aufbringen, die C. G. Jung gegenüber dem Tibetanischen Totenbuch fordert. Der Psychologe - so Jung - sollte sich bewusst sein, dass ein heiliger Text wie dieser einen unschätzbaren religiösen und philosophischen Wert darstellt, der nicht durch profane Hände entweiht werden sollte. Wir sollten berücksichtigen, dass es sich um Texte handelt, in denen sich tiefe religiöse Erfahrungen niedergeschlagen haben. Ihr Inhalt entzieht sich einem Rahmen des Verstehens, der vom bloßen Intellekt bestimmt ist. . Es gibt nicht nur ein Verstehen durch die Vernunft sondern durch das Leben! Es gibt gute Gründe, einen solchen Ratschlag im Umgang mit der östlichen Weisheit aber auch mit den Texten des Christentums für brauchbar zu halten.
Wenden wir das Gesagte auf das Thema vom Kreuz und Kreuztragen an, heißt das: nur das gelebte Leben auf dem Grund des Glaubens kann uns jenes Symbol, das soviel Widerstand hervorruft, öffnen und verständlich werden lassen. Dazu brauchen wir Zeit, Jahre, oft Jahrzehnte.
Das Kreuz: Schnittpunkt der Gegensätze
Das Kreuz stellt den Schnittpunkt der Linien dar, die menschliche Existenz ausmachen und in die sich Jesus hineingestellt hat Man könnte sich vorstellen, Jesus hätte als Einsiedler irgendwo in Galiläa mit seinem Gott und mit ein paar Schülern gelebt. Wahrscheinlich hätte ihm niemand etwas getan. Aber dass er die Herzen der Menschen unmittelbar für Gott öffnete und damit die Öffentlichkeit in Aufregung versetzte, dass er gerade Jerusalem aufsuchte und sich der Führung des Volkes stellte, das hat ihn in die Mitte aller damals möglichen Spannungen gebracht und ihm das Leben gekostet.
Sein Kreuz auf sich nehmen heißt: der Wahrheit ins Auge schauen.
Um noch einmal Missverständnisse abzuwehren: Sein Kreuz auf sich nehmen kann nicht heißen: immer das Schwerere wählen, nur an den dunklen Seiten des Lebens Geschmack finden, sich neue, noch drückendere Lasten aufladen, sondern der Wahrheit ins Auge schauen, anders gesagt: den Sinn für die Wahrheit des eigenen Lebens entwickeln. Dies gelingt nur dann, wenn wir nicht vor den uns gestellten Problemen davon laufen und in ständige Ablenkung und oberflächliche Bedürfnisbefriedigung ausweichen.
Denn es ist die Wahrheit, dass unser Leben durchkreuzt wird. Damit sind unsere Pläne, Erwartungen und Hoffnungen gemeint, die so häufig und so brutal vom Schicksal, von unserem eigenen Unvermögen, von der Art und Weise der Menschen um uns gebremst, enttäuscht oder sogar zerbrochen werden.
Wir werden in die Gegensätze, welche die Dynamik des Lebens mit sich bringt - Nähe und Verlassenheit, Freundschaft und Ablehnung -, hineingezogen. Ohne dass wir es absichtlich wollen, sehen wir uns plötzlich mit dem Leid konfrontiert.
Unser Glaube an die Erhöhung des Kreuzes und des Gekreuzigten besagt, dass es einen Punkt in uns selbst gibt, in der Mitte unserer Existenz, der stärker ist als jeder Druck von außen, jede Angst und Dunkelheit.
Genau in diesen Punkt ist Jesus eingetreten und durchgegangen, und mit ihm die vielen, die wie er für die Wahrheit eingetreten sind.
Die Kraft des Kreuzes: Wer ist der Stärkere?
Was Überwindung von Leid und Todesangst sein kann, dafür liefern die Widerstandskämpfer des Dritten Reiches überzeugende Beweise. Neben den bekannten Namen wie Dietrich Bonhoeffer und Alfred Delp sei ein Mann angeführt, der als Rechtsanwalt in die Verschwörung des 20. Juli verwickelt war und Justizminister eines neuen Deutschlands werden sollte. Als gläubiger Katholik hatte er nach dem Fehlschlag mit seinem Leben abgeschlossen und eine solche innere Sicherheit und Überlegenheit erlangt, dass er dem Vorsitzenden des Volksgerichtshofes, dem berüchtigten Roland Freisler offen widersprach, sogar so anschrie, dass es diesem die Sprache verschlug und ihm den Satz entgegenhielt: "Wenn ich hänge, müssen Sie mehr Angst haben als ich!"
Wer dies im Angesicht des Todes sagen kann, war "durch", war an dem Punkt, der jenseits von Tod und Leben liegt. Dass wir es sind, die durch - müssen, daran soll uns das Kreuz, das in unseren Kirchen, Wohnungen, auf Berggipfeln und öffentlichen Plätzen und Einrichtungen steht, erinnern.
18. Januar 2004
2. Sonntag im Jahreskreis
Die Hochzeit in Kana und der Geschmack des Lebens
Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut! Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungsvorschrift der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist. Sie brachten es ihm. Er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn.
Der Geschmack des Leben
Wer Jesus mit den Augen des hohen idealistischen Anspruchs sieht, wird heute etwas enttäuscht. Es ist gar keine spektakuläre Tat für die Armen, nicht einmal die Heilung eines Kranken, auch nicht die Befreiung eines Gefangenen, welche Jesus an den Anfang seines öffentlichen Auftretens setzt.
Ein kritischer Beobachter könnte fragen: Was ist das schon, wenn auf einer ganz gewöhnlichen Hochzeit die Stimmung gerettet wird, die Brautleute vor einer öffentlichen Blamage bewahrt bleiben? Ist der Anlass es wert, dass Jesus etwas von seiner Macht gebraucht, während er sonst so zurückhaltend ist?
Das Wunder auf der Hochzeit wird als Ereignis dargestellt, durch das der Mann aus Nazareth beginnt, in der Gegend bekannt zu werden und durch das seine Jünger anfangen, an ihn zu glauben. Um die Geschichte zu verstehen braucht es so etwas wie eine hohe Achtsamkeit für das, was die ganz gewöhnlichen Menschen, die ganz kleinen Leute beschäftigt, für das, was ihr Leben ausmacht, für ihre Sehnsucht, für ihre Freude und Hoffnung.
Hochzeiten sind nichts Außergewöhnliches. Aber für die beiden Menschen, die sich dabei das Jawort geben, ist es je ihre Hochzeit, das Ereignis, das in ihr Leben zutiefst eingreift und, wenn es gelingt, ihr Glück begründet. Eine Hochzeit -vorausgesetzt sie wird in ihrem tiefsten Sinn erfasst - ist wie ein Ankommen in der Heimat, in einem Raum der Wärme, Geborgenheit und Vertrautheit. Es ist, wie wenn man an die Mitte des Lebens mit neuen Erlebnis und Bewegungsräumen, aber auch mit neuen Erwartungen und Ansprüchen angeschlossen würde. Es kommt ein Gefühl auf, dass das, was bisher gefehlt hat, jetzt endgültig da ist: das Ja des andern, das einen im Innersten erreicht und dem Ungenügen und der Einsamkeit entreißt. So kann es bei einem Paar sein, dessen Entscheidung für einander aus ihrem wahren Kern heraus getroffen wurde. Ihre Liebe ist deshalb groß, weil das Eigene des einen mit dem des andern übereinstimmt, weil man vom Wesen des andern berührt wird. Es ist die Erfahrung von beglückenden Kräften, die einen ergreifen, sogar erschüttern, die wir aber nicht unmittelbar lenken können. Eine Frau erzählte, dass sie und ihr Mann nach dem Tag der Hochzeit vor Glück geweint hätten.
Selbst wenn Erlebnisse dieser Art eher seltener zu werden scheinen, die geheime Vorstellung davon und die Sehnsucht danach sind überall gegenwärtig.
Wir dürfen annehmen, dass es dem Schriftsteller mit der Geschichte von der Hochzeit darum geht, einen Erlebnishintergrund aufzuzeigen, auf dem das Wirken Jesu beginnt und in den es einmündet. Mit anderen Worten: Das, was zwei Menschen im tiefsten Einssein erfahren, ist dem ähnlich, was Jesus den Menschen bringen will; es kann eine Ahnung von dem vermitteln, wohin der Glaube an Jesus führen will. Es ist das bedingungslose Ja eines andern zu mir, eines Wesens, das mir näher ist als ich mir selbst, und doch größer ist als ich.
Weil menschliche Liebe das Edelste und Kostbarste, das Menschen in diesem Leben erreichen können, darstellt, wird in der Geheimen Offenbarung, dem letzten Buch der Heiligen Schrift, "Hochzeit" zum Inbegriff der Erlösung und Vollendung.
Von den hohen Vorstellungen zurück zur Geschichte von Kana in Galiläa. Es wird gesagt, dass "der Wein ausging". Dies ist die Brücke zu unserem konkreten Alltag. Den Wein dürfen wir sehen als die Lebensfreude, als die Zuversicht und die Kraft, welche die Liebe nährt. Die traurige Erfahrung so vieler Paare ist, dass dieser Wein so nach und nach schwindet oder gar nicht mehr da ist. Es herrscht so oft lähmende Ratlosigkeit. Viele ziehen die Konsequenzen, trennen sich und leiden doch an der Bitterkeit der Situation, daran, dass von dem, was einmal als große Verheißung begann, nichts mehr vorhanden ist als Enttäuschung und gegenseitige Vorwürfe.
In der Erzählung vom Weinwunder ist Jesus der, der über der Situation steht, sie auffängt, und die allgemeine Ratlosigkeit nicht erst aufkommen lässt. Dies ist ermutigend und vermittelt uns ein Stück Hoffnung.
Bei dem ganzen Vorgang geht es nämlich um etwas Wichtigeres, als dass aus Wasser Wein wird. Es will heißen, dass sich auch eine aussichtslose und verzweifelte Lage umkehrt, wenn sich Menschen auf die heilende Kraft Jesu einlassen. Das Wunder von Kana kann sich auch in unserer Zeit ereignen in dem Sinn, dass neue Quellen der Lebenskraft und der Zuversicht erschlossen werden. Im letzten meint die Wandlung des Wassers die Wandlung der Herzen. Konkret heißt das: Man kann aus einer Ehe- und Lebenskrise als ein/e andere/r hervorgehen, als ein Mensch, der den Dunkelheiten des Daseins ins Auge geschaut hat, für den ein neues Licht aufgegangen ist, der Bitterkeit und Enttäuschung hinter sich lassen kann.
Bleibt noch eine kurze Bemerkung zum Speisemeister, der den Wein kostet. Es ist eine Kostbarkeit, die er auf der Zunge spürt. Auch wir dürfen ihn spüren als den Geschmack des Lebens, den Jesus allen, die ihn verloren haben, wiederherstellen will.
28. März 2004
5. Fastensonntag
Die verhinderte Steinigung
Jesus aber ging zum Ölberg. Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es. Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du? Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!
Das Wort " Steinigung" löst Entsetzen aus. Man erinnert sich: Vor kurzer Zeit ging solcher Fall durch die Weltpresse. Eine Frau aus Nigeria sollte dieses Schicksal erleiden. Sie konnte nur aufgrund von Protesten durch internationale Menschenrechtsorganisationen davor bewahrt werden. Die Vorstellung: da ist eine junge, hübsche Frau in einer Grube, die Hände auf den Rücken gebunden, schutzlos einer aufgebrachten Menge ausgeliefert. Es werden Felsbrocken auf sie geworfen. Sie wird getroffen am Rücken, an den Schultern, am Kopf...... Der Gedanke, dass solche Schreckensbilder in manchen moslemischen Ländern durchaus noch üblich sind, lässt einen erschaudern.
Es ist, als ob mit dem Wort "Ehebruch" die ganze Unterwelt mit ihren Schrecken, Ängsten, Lügen, mit ihrem Hass und Vernichtungswahn aufgerissen würde. Auch heute verbinden sich damit noch Unsicherheit und eine gewisse Peinlichkeit. Es ist ein Gebiet, auf dem eine klare Ausrichtung und eindeutige Entscheidung leicht verloren gehen. Man kann auch hören: Was ist schon Ehebruch, wenn ein Drittel der Ehen geschieden werden, wenn das Zusammenleben immer schwieriger wird, wenn das Versprechen vor Gott das heißt die religiöse Begründung einer Norm immer unbedeutender wird, wenn der individuelle Anspruch immer mehr Vorrang bekommt?
Heute steht man dem Problem ziemlich ratlos gegenüber. Niemand wagt es, strengere Richtlinien auf diesem Gebiet anzumahnen. Wer will schon als prüde, gehemmt, lebensfeindlich verschrien werden? Gerade auf die Unsicherheit, welche Gefühle auslösen, haben die alten Kulturen mit umso größerer Härte geantwortet und ihre für uns unverständlichen, unmenschlichen und grausamen Regeln mit dem Willen Gottes begründet.
Es sollte auch bedacht werden, wie in orientalischen Ländern auch heute noch Ehen geschlossen werden; dass die Väter die Wahl treffen und nicht die Zuneigung der jungen Leute. Könnte es bei einem "Ehebruch" nicht auch so gewesen sein, dass bei einer jungen Frau zum ersten Mal ihr echtes Gefühl erwacht war, während sie sonst ihrem Mann in allen Bereichen nur zu dienen hatte? Diesen Hintergrund sollten wir im Auge behalten, wenn wir uns mit der Erzählung befassen. Auch Jesus dürfte die Tragödie manches Mädchens aus nächster Nähe mitbekommen haben. Aber nehmen wir einmal an: diese Frau hatte tatsächlich einmal ihrem Mann die Treue versprochen, sie aber wurde treulos und hat sich leichtsinnig mit einem andern eingelassen. Wie immer es gewesen sein mag: Jesus wird mit einer Situation konfrontiert, die ihm sehr peinlich, und auf die er im Augenblick nicht vorbereitet ist.
Er kam vom Ölberg. Es war der Ort, wohin er sich gerne zurückzog, wo er in die Atmosphäre Gottes eintauchte, wo er einige Tage später gefangen genommen wurde, wo er diese Erde endgültig verlassen hat. Noch ganz erfüllt vom Glück der Nähe Gottes geht er in den Tempel, um den Menschen etwas davon mitzuteilen.
Da kommen die, welche das Gesetz Gottes auslegen. Korrekt, folgerichtig haben sie alle Argumente auf ihrer Seite. Sie sind allerdings von der Welt, aus der Jesus kommt, Millionen Lichtjahre entfernt, wie ein moderner Schriftsteller sagen würde. Was wissen sie von der Größe und Großzügigkeit Gottes, von der Achtung und dem Respekt vor jedem Menschen, von der nicht mehr zu fassenden Liebe?
Das Denken dieser Leute ist ihm so fremd, dass er kein Argument dagegen findet. Es würde auch jedes abprallen. Er schweigt und lässt sie reden. Er widerspricht ihnen nicht aber er führt ihre messerscharfe Logik konsequent weiter. Er fordert sie gerade zu dem, was sie vertreten, auf, aber sie sollten dabei sich selbst nicht ausnehmen. Jesus hebt das Gesetz nicht aber denkt es bis zur letzten Konsequenz durch und gibt ihm den eigentlichen Sinn zurück. Das Gesetz, wie Jesus es versteht, ist mehr als eine äußere Richtschnur, an der man sich hält oder nicht, alles andere als eine Waffe, mit der man andere niederknüppelt. Wenn es schon der Wille Gottes sein soll, betrifft es nicht nur die Vorderseite unseres Daseins, das Verhalten, das man wahrnehmen und beurteilen kann, sondern noch mehr die Rückseite, wo unsere geheimen Wünsche , Antriebe und Begehrlichkeiten und Sehnsüchte sitzen. Es geht um jenen Teil von uns, der nicht so recht in das Bild eines gesetzestreuen Juden noch weniger eines frommen Christen passt. Es ist der Schatten, den wir an uns selbst nicht sehen aber sehr schnell und sicher bei den andern finden.
Jesus gelingt es, sie mit sich selbst so zu konfrontieren, dass sie mit ihrer eigenen dunklen Seite in Kontakt kommen. Er hat sie genau an der Stelle getroffen, an dem sich alles umdreht. An der Stelle der Frau steht nun ihr eigener Schatten in der Mitte des Gerichtsplatzes. Das verändert alles. Sie selbst sind nun die Betroffenen, auf die das Gesetz angewendet wird. Sie müssen einsehen, dass sie selbst nicht die ganz Reinen sind. Sie, die vorher so selbstsicher und siegesbewusst aufgetreten waren, werden nun verlegen, nachdenklich und kleinlaut. Die Peinlichkeit, die sie auf Jesus abgeladen hatten, liegt nun auf ihnen. Sie, die andere unter Druck gesetzt hatten, stehen nun selbst unter Druck. Die Entscheidung, die sie Jesus aufdrängten, müssen sie nun selbst fällen. Um nun auch für die Gegner Jesu zu sprechen: Sie sind zurückhaltender, klüger und wahrhaftiger geworden und lassen von ihrem Eifer, dem Gesetz nach außen überall Geltung zu verschaffen. Sie kehren sich nach innen. Sie bekennen sich zu ihrem Schatten.
Die Geschichte endet mit einem Freispruch. Er ist möglich, weil alle Beteiligten um ihren Schatten wissen. Selbst Jesus hatte mit den dunklen Mächten gerungen.
Die Frage heute ist, inwieweit unsere Geschichten, die wir miteinander haben, mit einem Freispruch enden. Wenn Konflikte nicht gelöst werden, wenn Beziehungen zerbrechen, wenn das eigene Elend nicht mehr durchschaubar und steuerbar ist, dann sucht man Verantwortliche. Es sind die andern, die lange Zeit ein Teil unseres Lebens waren: der Vater, die Mutter, die Frau, der Lebenspartner, die Vorgesetzen, die Kirche, die Gesellschaft. Wir halten über sie Gericht und sind dabei Ankläger und Richter in einer Person. Solche Prozesse enden durchwegs mit einer Verurteilung, weil uns die Affekte, die uns überschwemmen, auch die Argumente liefern. Meistens ist es so, dass die andere Seite genau zu dem entgegen gesetzten Urteil kommt. So sind wir in der Sackgasse der gegenseitigen Beschuldigungen.
Eine Lösung ist dann möglich, wenn wenigstens ein Beteiligter damit beginnt, einen Blick in sein eigenes Inneres zu werfen und den Würgegriff am andern zu lockern. Die Erzählung von heute kann uns den Trost und die Zuversicht geben, dass es einen Punkt gibt, wo sich alles umkehrt und dass uns Jesus zu ihm hinführt.
15. August 2004
20. Sontag im Jahreskreis
Mariä Aufnahme in den Himmel
„Ich
bin so froh, dir begegnet zu sein“. Es gibt kaum etwas Schöneres, als wenn
jemand, den wir mögen, ein solches Wort zu uns sagt.
Es ist
wahr, ein anderer Mensch kann in uns etwas wachrufen, was bisher unbekannt
war, so beglückend und bereichernd, dass man das Essen und andere sonst
wichtige Dinge vergisst. Eine Begegnung kann unser Innerstes öffnen. Vom
heiligen Franziskus und der der heiligen Klara wird erzählt, dass sie
sich im Kloster Portiunkula
zu einem Mahl getroffen hatten. Als es so weit war, wurde ihr Gespräch so
intensiv, dass die Umstehenden meinten, es sei ein Feuer
ausgebrochen.
So
könnte es auch gewesen sein, als Maria das Haus ihrer Verwandten betrat. Es war, wie wenn ein
kleines Kind vor Freude hüpft. Elisabeth drückt ihr kaum fassbares Gefühl in dem Lobpreis aus: du bist
gepriesen unter den Frauen. Mit anderen Worten: Von dir geht eine Freude aus wie von keiner anderen
Frau.
Das
Wichtigste bei solchen seelischen Ereignissen ist, dass auf der Gegenseite
das Echo auf derselben Ebene zurückkommt. Dies geschieht, als Maria ihre Stimmung in die Worte fasst: Meine Seele preist
die Größe des Herrn. Es ist etwas überwältigendes Schönes, eine Atmosphäre, in der man nur
danken kann für so viel Glück.
Es ist
wohltuend in einer solchen Situation, den mit Namen zu nennen, von dem
dieses große Geschenk kommt, nicht nur das eigene, sondern das von
vielen.
Jede
Tat Gottes, die angeführt wird, ruft das Empfinden des Dankes und der
ungetrübten Freude erneut wach.
Man
darf sogar sagen: hier ist etwa voraus genommen, was später im Leben der
beiden noch nicht Geborenen immer dichter und deutlicher zu Tage treten wird.
Sie werden Menschen sein, durch die
Gott unmittelbar spürbar ist. Jesus bezeichnet Johannes, den Sohn
der Elisabeth als den Größten der Menschen (Mathäus
11,11), weil er in seiner Nähe die Größe Gottes
wahrnimmt.
Wir
dürfen an jene Szene am Jordan denken, als Jesus betete und sich Himmel
öffnete; aus dem Leben Jesu steht uns weiter das Ereignis auf dem Berg vor
Augen, als sein Gesicht während des Betens zu leuchten anfängt. Noch mehr darf man sich an den
Jubel der Jünger Jesu
erinnern, die nach seinem Tod einander die Botschaft zuriefen:“ Der Herr
ist wahrhaft auferstanden“(Lukas 24,34).
Die
ersten Christen haben die Erzählung von der Begegnung der beiden Frauen aus
der Sicht der Auferstehung Jesu verfasst und gelesen. Maria und Elisabeth
sind bereits eingetaucht in
den Jubel des Ostermorgens, an dem die Jünger Jesus als den Herrn
erkannten.
Nun
feiern wir heute das Fest der Himmelfahrt Mariens und meinen damit ihre
Existenz nach ihrem leiblichen Tod im Grund ihre Auferstehung. Sie ist in
ihrer Ganzheit, ohne den Leib wie ein Kokon zurück zu lassen, in die
Vollendung Gottes eingegangen.
Als
vor 54 Jahren die uralte Überzeugung von Papst Pius dem XII zum Dogma
erhoben wurde, hat dies viel Widerstand und Ärger ausgelöst. Heute ist es
eher so, dass das Leben im Jenseits eher die Esoterik-Leute interessiert
als die Theologen, schon gar nicht die Masse der Bevölkerung. Den Grund
dafür darf man in der
Auffassung vermuten, dass ein
Leben nach dem Tod als etwas total Lebensfernes betrachtet wird. Es ist etwas, das
mit dem, was hier und jetzt geschieht, schon gar nichts zu tun hat. Warum
soll ich mich um das Jenseits kümmern, wo doch das Diesseits alle Kräfte
in Anspruch nimmt? Ein angesehener Theologe sagte: „Uns ist der Vorwurf,
wir würden die Menschen auf das Jenseits vertrösten, so in die Knochen
gefahren, dass wir von Ewigkeit, von Himmel oder gar von Hölle nicht mehr zu reden
wagen“.
Die
Meinung ist immer noch weit verbreitet, der Testfall für den Glauben sei
doch erst nach dem Tod und darauf möchte man sich nicht
einlassen.
Wer
etwas von den Schriften der ersten Christen verstanden hat, kommt zu einem
ganz anderen Schluss. Der Text des heutigen Tages sagt uns: das, was mit
Himmel gemeint ist, beginnt schon hier und jetzt.
Für
Maria hat sich der Himmel in
der Begegnung mit Elisabeth
geöffnet. Dem Erleben nach ist es bereits eine Aufnahme in den
Himmel. Wir sollten von der Vorstellung lassen, das Leben nach dem Tod sei
so etwas wie eine Verlängerung des bisherigen, auf das man auch gut
verzichten könne.
In
Wirklichkeit beginnt das Gemeinte schon hier und jetzt immer dann, wenn
wir zu innerst berührt, angesprochen und aufgewühlt sind, wenn wir
etwas entdeckt haben, von dem wir sagen: dafür lohnt es sich zu leben.
Nicht zuletzt, wenn uns jemand sagt: Es ist schön, dir begegnet zu sein.
Das, was wir mit Himmel
meinen, nicht außerhalb
dieser Welt, in einem Zustand jenseits dieses Lebens, sondern in der Tiefe unserer Existenz, das heißt
in der Mitte des Lebens. Es
gibt Menschen, die
offenkundig
in ihrem Leben diesen Punkt erreicht hatten. Es sei an den heiligen Franziskus erinnert, der
die Angst vor dem Tod verloren hat und ihn seinen Bruder nennt, der wie
kein anderer die Menschen und die Schöpfung liebte.
Wie
sollen wir aber nun das verstehen, was vom Leib Mariens ausgesagt wird?
Kann es sein, dass er nicht verwest ist? Darüber lässt sich historisch
- wissenschaftlich kaum etwas
sagen. Für den Glaubenden ist aber bedeutsam, dass dieser Leib und seine
Frucht gepriesen werden. Das
heißt aber nichts anderes, als
dass er hinein genommen wird in die Freude der Nähe Gottes. Es ist
doch eine allgemeine Erfahrung, dass echte Lebensfreude auch dem Leib
zugute kommt. Wenn wir
richtig froh sind, geht alles viel leichter selbst eine sonst
anstrengende Arbeit. In solchen Momenten könnte man tanzen und springen
und die ganze Welt
umarmen.
Was
uns vom heutigen Tag bleiben sollte, ist dies: es möge sich für jeden der
Himmel öffnen, so wie er sich für Maria geöffnet hat- jetzt und in der Stunde unseres
Todes.
28. November 2004
1. Adventsonntag
Die Zukunft in der Gegenwart gewinnen
"Die Sonne wird sich verfinstern, der Mond nicht mehr scheinen, die Sterne werden vom Himmel fallen." Fragen wir uns einmal, wie uns nach der Rede Jesu von der großen Weltkatastrophe zumute ist. Von der Seite der Naturwissenschaft aus bräuchten wir nicht ängstlich sein. So bald wird die Sonne ihre Kraft nicht verlieren. Nach den Forschungen sind erst 2 bis 3 % ihrer vorhandenen Energie verbraucht. Man spricht von einer Lebensdauer von noch etwa 2 Milliarden Jahre.
Aber eigentlich haben wir gar keine Lust, uns auf die großen Ereignisse einzulassen. Wir sind genug eingedeckt mit unseren alltäglichen Sorgen, mit dem, was Jesus von den Zeitgenossen des Noes sagt, dem Essen und Trinken, mit dem Geschäfte Treiben und Heiraten. Die hohen Reden über die Zukunft greifen nicht mehr so recht, anders als vor dreißig Jahren, als Visionen einer besseren Welt junge Menschen zur Begeisterung trieben, als heiße Debatten und blutige Auseinandersetzungen um das bessere Konzept geführt wurden. Heute ist es um die großen Entwürfe stiller geworden. Die Machtbereiche eines verordneten Glücks sind zerfallen. Die sogenannten "Visionen" stellten sich als nicht realisierbare Fantasien heraus. Wenn man heute von Zukunft spricht, hat man eher ganz konkrete Fragen im Blick: die Sorge um den Arbeitsplatz, um eine gesicherte Altersversorgung, um ein friedvolles Zusammenleben der Kulturen.
Allerdings sollte uns auch bewusst sein: Wenn diese Fragen nicht grundlegend und zufrieden stellend gelöst werden gelöst werden, droht eine Katastrophe, für welche die Rede Jesu vom Ende der Zeit als bildhafter Ausdruck durchaus zutreffen kann. Es ist im Bereich des Möglichen, daß bisherige Sicherheiten nicht mehr tragen, solche, die wie die Sonne Gewissheit gaben, dass man morgen auch noch atmen, , in Frieden und Freiheit leben und darüber sich freuen kann. Wer hätte gedacht, dass im Nachbarland Holland, das als Beispiel von Freiheitlichkeit und Toleranz gerühmt wurde, so schreckliche Dinge sich ereignen können? Es sollte uns auch bewusst sein, dass für jedes Opfer der Schreckensszenen vom 11.September in New York, vom Bahnhof in Madrid, vom Irak die Welt tatsächlich unterging.
Wie immer das Bild einer zukünftigen Welt aussehen mag, ob blühend oder zerstört, Jesus will uns darauf hinweisen, dass wir für unser Schicksal etwas tun können, dass wir verantwortlich sind. Er nennt dafür das eine Wort: Seid wachsam!
Aber was ist damit gemeint? Es ist mehr als sich anzustrengen, um die Gebote zu erfüllen oder eher: es ist anders. Nach der großen Katastrophe Deutschlands vor nicht ganz 60 Jahren versuchte man, die Linien der Geschichte zurückzuverfolgen, wo denn die unheilvollen Weichenstellungen waren, die zum Untergang führten. Hinter allen politischen und militärischen Fehlentscheidungen stand doch das eine:
Man hatte den Blick für die Realität und für die Wahrheit an sich verloren, so dass man die Lage falsch eingeschätzt, sich von wirklichkeitsfremden und menschenfeindlichen Ideen hatte einlullen lassen und unkritisch den Emotionen stattgegeben hatte. Man war nicht wach genug für das Wesentliche, für das, was unser eigentliches Wesen als Mensch ausmacht.
Hier wird der Punkt berührt, in dem unser Glück und Unglück, unsere Zukunft und Hoffnung entschieden werden. Es ist der Ort, wo Gott anwesend ist, wo sein Funke zum mächtigen Feuer in uns werden will.
Wer an ihn angeschlossen ist, hat eine andere Perspektive. Er kann gut unterscheiden zwischen dem, was aufgesetzt und aufgebläht, und dem, was echt und tragfähig ist, zwischen dem, was wichtig und unwichtig ist. Wer auf diesem Hintergrund Entscheidungen trifft, bereitet eine andere Zukunft vor als jemand, der dem gegenüber blind ist. Wach sein heißt: diesen Sinn für das Echte erwerben und ihn sich nicht nehmen lassen, heißt: sich nicht ablenken lassen von tausend oberflächlichen Dingen, heißt alles tun, um mit dem Kern seiner Persönlichkeit verbunden zu sein.
Wach sein heißt dann vom Schlaf der Gleichgültigkeit und Trägheit aufstehen zu einer Hoffnung, in der uns äußerst verlockende Ziele offen sind. Es ist etwas, das wir selbst nicht machen, wofür wir uns aber bereithalten können. Es ist die Ankunft Christi in uns. Dafür sollte der Advent die Zeit bieten.
Wenn wir unsere Aufmerksamkeit in die Tiefe unseres Herzens lenken, gewinnen wir Gegenwart und Zukunft zugleich. Wir müssen nicht an eine ferne Zukunft denken oder von ihr träumen, wichtiger ist, dass wir mit dem Gegenwärtigen, auch wenn es die alltäglichen Sorgen sind, so umgehen, dass wir an der große Kraft aus der Tiefe angeschlossen bleiben und sie immer wieder erneuern. Die "große Macht und Herrlichkeit", mit der Christus kommt, ist nicht dem Ende der Zeiten vorbehalten, sondern im Hier und Jetzt möglich. Wir können sogar aus ihr leben und die Zukunft gestalten.
Guido KreppoldDreifaltigkeitssonntag
"So sehr hat Gott die Welt geliebt….."
Stellen wir uns vor, wie es ist, wenn wir jemand lieben: Wir denken gerne an ihn. Unsere Empfindungen und unsere Fantasien kreisen um ihn. Wir möchten, dass der Mensch, der uns nahe steht, das eigene Kind, der Lebenspartner, ein guter Freund, es gut hat, aufatmen kann , dass er aufblüht, dass er das entdeckt, was für ihn richtig ist, dass er sein Glück findet. Wir achten seinen Privatraum, wir üben keinen Druck auf ihn aus, lassen ihm die Freiheit seiner Entscheidungen. Wir empfinden seine Persönlichkeit wie ein Geheimnis, wie eine Kostbarkeit. Wir freuen uns, dass es ihn gibt.
Für uns selbst wünschen wir, dass wir ihn öfters sehen, dass wir uns mit ihm austauschen, mehr von ihm erfahren, sein Geheimnis berühren dürfen.
Stellen wir uns vor: An unserer Stelle steht Gott. Denn schließlich heißt es ja: "So sehr hat Gott die Welt geliebt"(Joh3,16). Und "Gott ist Liebe"(1 Joh 4,8). Er schaut mit diesem Blick auf jeden von uns. Er freut sich, dass wir da sind, er möchte, dass wir lebendig sind, uns des Lebens freuen, uns entfalten, groß und erwachsen werden, ein gereiftes Urteil bekommen, ein kritisches und einfühlendes Denken, immer neue Kostbarkeiten des Lebens entdecken, dass unser Leben interessant und erfüllt wird. Je mehr dieses alles gelingt, umso größer ist die Freude dieses Gegenübers, das wir Gott nennen.
Und noch eines: Wie jeder von uns möchte dieses Wesen, dass der geliebte Mensch nie aus seinem Gesichtskreis verschwindet, dass er nie zugrunde geht, dass er nie aufhört zu sein. So sehr uns diese Vorstellung gefallen mag, Religionskritiker sagen: Man überträgt Menschliches oft auch allzu Menschliches auf eine höchste Instanz, die man sich selbst erschafft. Im Grunde ist dieser Gott, selbst wenn er ein Gott der Liebe und nicht der Angst und der Rache ist, doch nur das Produkt menschlicher Fantasie.
Von der rein psychologischen Seite lässt sich schon einmal sagen: Mit der Vorstellung, im Gesichtskreis eines uns liebenden Wesens zu sein, lässt sich wesentlich besser leben als ohne. Das Dasein eines Menschen würde eine positive, optimistische Ausrichtung bekommen, selbst wenn er nicht ausdrücklich an Gott glaubt. Sein Inneres würde sich verändern. Er könnte es sich erlauben, froher und gelöster zu sein. Er würde anfangen, etwas auszustrahlen, das ihm die Herzen der Menschen öffnet. Würde ihm ein Psychologe die Übung dieser Fantasie empfehlen, wäre er gut beraten. Damit ist aber die Frage noch nicht beantwortet: Geht es hier nur um seelische beziehungsweise psychologische Mechanismen oder entspricht unsere Vorstellung einer Realität? Kehren wir noch einmal zum Text zurück. Es heißt dort: "So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, durch ihn nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat" (Joh3,16).
Wer würde sein eigenes Kind hergeben, selbst wenn die Liebe zu einem anderen Menschen noch so groß wäre? Hier wird etwas angesprochen, was nicht in menschliche Kategorien passt, was jeder menschlichen Erfahrung widerspricht. Das heißt aber: mit der Behauptung, Menschliches wird in den großen Gott hineinprojiziert, muss man etwas zurückhaltender sein. So wie es aussieht, verhält es sich eher umgekehrt: Hinter der Aussage steht eine Wirklichkeit, die menschliches Begreifen übersteigt und unsere kleine Welt sprengt. Unsere Vorstellungskraft wird eher lahm gelegt. Wir sind eher ratlos. Unsere Fantasie versagt eher, als dass sie sich eine solche Aussage ausdenken könnte. Statt von Fantasien zu reden darf man eher davon ausgehen, dass dem Verfasser des Textes eine Erfahrung zuteil wurde, von der er überwältigt war und die er mit den kurzen Sätzen auszudrücken versucht.
Ähnlich hat es wohl auch der heilige Franziskus empfunden, als er vom Kreuz in San Damiano die Stimme des Gekreuzigten vernahm: er war überwältigt von Gewissheit, Freude und innerem Jubel. Jedes Kreuz, an dem er vorbeiging, und jede Kirche, die er betrat, rief in ihm diese erste Begegnung mit Christus wach. So ist es zu erklären, dass ihm dabei spontan die Worte kamen: "wir beten dich an, Herr Jesus Christus hier und in allen Kirchen auf der ganzen Erde; denn durch dein heiliges Kreuz hast du die ganze Welt erlöst." Er war hingerissen von Glück und Dankbarkeit und zugleich getroffen von Schmerz. Er wusste, was er sagte; er wusste, was Erlösung ist.
Wenn wir von Liebe reden, dürfen wir an eine Kraft denken, die Einsame zusammenführt, die genau jene Lücke unserer Existenz ausfüllt, unter der wir leiden. Es ist, als ob uns eine Energie aus einer Quelle außerhalb des Alltäglichen und unseres Denkrahmens überströmen würde; es ist, als ob in diesem alles eins würde, was bisher so schmerzlich getrennt war.
Die großen Mystiker nennen diese Quelle Gott. Für uns könnte das heißen: Jedes Mal, wenn wir das Wort Gott in den Mund nehmen, wird diese Quelle in uns wachgerufen und kommt zum Fließen.
30. Oktober 2005
31. Sonntag im Jahreskreis
Schriftgelehrte und Pharisäer- Anlass zum Missverständnis
1 Darauf wandte sich Jesus an das Volk und an seine Jünger 2 und sagte: Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf den Stuhl des Mose gesetzt. 3 Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun; denn sie reden nur, tun selbst aber nicht, was sie sagen. 4 Sie schnüren schwere Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, wollen selber aber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen. 5 Alles, was sie tun, tun sie nur, damit die Menschen es sehen: Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang, 6 bei jedem Festmahl möchten sie den Ehrenplatz und in der Synagoge die vordersten Sitze haben, 7 und auf den Straßen und Plätzen lassen sie sich gern grüßen und von den Leuten Rabbi (Meister) nennen. 8 Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. 9 Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. 10 Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus. 11 Der Größte von euch soll euer Diener sein. 12 Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.
Die Schriftgelehrten und Pharisäer sind die Namen für die Gegner Jesu, die den meisten von Kindheit an vertraut sind. Auf den ersten Eindruck scheint es heute um eine Art Abrechnung zu gehen, indem Jesus das Grundfalsche ihrer religiösen Einstellung aufdeckt. Als Jünger Jesu stimmen wir ihm wie selbstverständlich zu und fühlen uns wiederum bestätigt, auf der richtigen Seite zu stehen. Aber im Grunde sind wir einem Missverständnis zum Opfer gefallen. Wenn das Evangelium zum Anlass wird, böse, ablehnende Emotionen gegen irgendjemand zu wecken, dann sind wir meilenweit vom eigentlichen Sinn entfernt. Denn die Erzählungen und Worte von Jesus werden nicht deshalb jeden Sonntag vorgelesen, damit wir etwas über die Schlechtigkeit der Menschen der damaligen Zeit erfahren, sondern damit unser eigenes Dasein in das Licht Christi gerückt wird. Wir sollten ein Stück darüber klarer werden, wer wir sind vor allem im Hinblick auf unsere religiöse Einstellung. Die Schriftgelehrten und Pharisäer kommen in der Mahnrede Jesu schlecht weg. Die historische Forschung hat durchaus ein positiveres Bild von ihnen. Die Schriftgelehrten- das waren die Theologen der damaligen Zeit. Die Pharisäer- bei uns ein Schimpfwort - waren die Frommen, die das jüdische Gesetz sehr ernst nahmen. Sie würden etwa dem Stand der Ordensleute entsprechen. Viele glauben nun schon zu wissen, wer heute mit der Mahnrede Jesu gemeint ist. Man deutet gerne auf andere, um sich selbst fein herauszuhalten. Dies führt nicht weiter, vor allem nicht zu einem tieferen Verständnis der Worte Jesu. Wahr ist allerdings, dass wir als Theologen, Priester, Mönche oder Nonnen und ganz allgemein als solche, die ihren Glauben ernsthaft leben wollen, die Kritik Jesu an den Schriftgelehrten und Pharisäern als erste ernst nehmen sollten. Uns will Jesus sagen, dass eine Religiosität, ein theologisches Denken und Lehren auch falsche Akzente haben kann. Es gilt, unsere Frömmigkeit, unsere Vorstellungen und Aussagen über Gott selbstkritisch zu hinterfragen. Dies kann Angst machen und wehtun.
Im Grunde heißt das: nicht alles, was religiös ist, ist deshalb schon christlich, ist schon der Wille Gottes. Jesus will uns aufzeigen, dass es auch Sackgassen des theologischen Denkens und Lehrens und des religiösen Tuns gibt. Der erste Vorwurf lautet, dass die Lehrer des Gesetzes Lasten zusammen schnüren und anderen auferlegen, sich selbst aber davor drücken. Wenn das Gebot Gottes zur Last geworden wird, welche das Leben noch schwerer macht, dann kann etwas im Verständnis des Alten noch mehr des Neuen Testaments nicht richtig sein. Das heißt aber die Art , wie man im Religiösen denkt und wie man es praktiziert, bedarf dringend einer Überprüfung. Schon im ersten Psalm werden das Glück und die Freude gepriesen, die aus dem Gesetz des Herrn kommen. Jesus spricht von einem sanften Joch , wenn er die zu sich einlädt, die unter schweren Lasten keuchen und stöhnen.
Der Vorwurf der schweren Lasten trifft die heute gelehrte Theologie bei gerechter Betrachtung nicht mehr. Man ist oft sogar krampfhaft bemüht, ja keinen Gott zu verkünden, der Angst machen könnte.Allerdings ist es für Außenstehende so, dass sie sich in den Gedankengebäuden der Theologen nicht zurechtfinden. Sie treffen auf eine Sprache , die ihnen fremd ist, eine Art der Argumentation, die sie nicht nachvollziehen können. Man kann gerade von suchenden Menschen hören - von solchen, die eigentlich für das Evangelium offen sind- sie würden sich in ihrer existentiellen Not, in ihrer Einsamkeit, Lebensenttäuschung, Überforderung und Angst von Theologen nicht verstanden fühlen. Und man muss auch zugeben, dass diese Themen in der Theologie gar nicht vorkommen. Die Frage, inwieweit theologisches Bemühen Probleme zu lösen versucht, die man sich selbst ausgedacht hat, an den wirklichen Fragen der Menschen aber vorbeigeht, ist eine ernsthafte Überlegung wert. Eines ist gewiss, Religiosität und denken über Gott und sein Handeln wird dann zur Sackgasse, wenn man die eigene Befindlichkeit draußen lässt. Denn in der Tiefe unserer Existenz sind wir mit allen Menschen verbunden, und nur was wir in uns selbst ausgetragen haben, können wir als frohmachende Botschaft anderen vermitteln. An dem Punkt, wo wir ganz wir selbst sind, wo wir selbst hindurchgegangen sind, entscheidet sich, ob unsere Frömmigkeit und unser Reden über sie echt und überzeugend ist. Jesus kritisiert ein religiöses Tun, das sich am Äußeren orientiert, an der Zustimmung und Belohnung der Umgebung. Es kann sein, dass man bewundert und gelobt wird oder dass man einen Titel annimmt, der Beachtung, Vorrang vor anderen von vorneherein mit einschließt. Jesus bezeichnet diese Einstellung deshalb als falsch, weil man seinen Wert nicht aus der unmittelbaren Beziehung zu Gott, das heißt aber nicht aus dem Ureigensten und Eigentlichen in der Tiefe seiner Existenz bezieht. Die Religion wird verdorben, wenn man sich abhängig macht von dem, was andere sagen oder anders ausgedrückt: sie gelangt nicht zu ihrer Freiheit, Kraft und Ausstrahlung, wenn man nicht die Abhängigkeiten, in die man hineingeboren wurde und hineingewachsen ist, durchbricht. Jesus ist der, welcher alle Abhängigkeiten aufgehoben hat. Er bezieht sein Selbstwertgefühl unmittelbar aus der Nähe Gottes, des "Vaters", in welchem zugleich sein ureigenstes Wesen ruht. Er braucht die Anerkennung und die Zustimmung von Menschen nicht. Weil Gott anders ist, ist auch er ein anderer. Er hat einen anderen Blick, die Dinge zu sehen, von einer anderen Seite, schärfer und zugleich wohltuender. Er handelt seine Geschichte aus, sodass sie für andere zum Guten wird. Weil er sich mit dem Bösen auseinandergesetzt hat, kann er den Dämonen und Unheil bringenden Mächten Einhalt gebieten, weil er sich dem Wirken Gottes ausgesetzt hat, hat er die Kraft zu heilen, weil er den Blick für die letzte Wahrheit hat, kann er ihr zum Durchbruch verhelfen.
Weil er Gott gleich ist, passt er nirgends mehr hinein und wird auf diese Weise zum letzten. Sein Tod, vor allem die Art seiner Hinrichtung verweisen auf den Abstieg, auf den letzten Platz im Rang der Menschheit. Weil sich in diesem Schicksal, das von der letzten Wahrheit bestimmt ist, der neue Raum des Lebens für alle öffnet, ist er zum Diener aller geworden. Auf dieser Linie sieht er seine wahren Jünger.
Die "Selbsterniedrigung", die Jesus meint, kann nicht wörtlich darin verstanden werden, dass wir absichtlich immer nur den letzten Platz einnehmen, vor jedem einen Buckel machen, immer auf andere Acht geben, nie auf etwas stolz sein dürfen, sondern dass wir wie Jesus damit beginnen, zur Wahrheit unseres Lebens zu stehen. Dies wird allerdings die Konsequenz haben, dass wir manchen Rang und manches Ansehen verlieren, dass uns niemand zujubelt, dass es sehr einsam um uns und sehr schwer für uns werden kann. Die Erfahrung Jesu und Ungezählter anderer sagt uns, dass genau hier die Umkehrung passiert, dass die innere Freiheit und Kraft aufbricht, die stärker ist als alles, wohin es Menschen in ihrer Oberflächlichkeit zieht und als alles, wovor sie Angst haben, "Gott hat sie erhöht" ist ein geläufiger Ausdruck in der biblischen Sprache. Weil dieser Satz der Wahrheit entspricht, dürfen wir gelassen den Weg wählen, der zum unteren Platz führt.
12. März 2006
2. Fastensonntag
Die Verklärung Jesu
(Markus 9,2-10)
2 Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; 3 seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann. 4 Da erschien vor ihren Augen Elija und mit ihm Mose und sie redeten mit Jesus. 5 Petrus sagte zu Jesus: Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. 6 Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte; denn sie waren vor Furcht ganz benommen. 7 Da kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören. 8 Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemand mehr bei sich außer Jesus. 9 Während sie den Berg hinabstiegen, verbot er ihnen, irgendjemand zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei. 10 Dieses Wort beschäftigte sie und sie fragten einander, was das sei: von den Toten auferstehen.
Wandlung - nur in der Messe?
In einem Gedicht von LotharZenetti wird die provozierende Feststellung gemacht:
"Frag hundert Katholiken:
"Was ist das wichtigste im Glauben?
sie werden sagen: die Messe!
Frag hundert Katholiken:
Was ist das wichtigste in der Messe?
Sie werden sagen: die Wandlung.
Sag hundert Katholiken, dass
das wichtigste im Glauben
die Wandlung ist,
sie werden sagen:
alles soll bleiben, wie es ist"!
Es ist leicht, uns Katholiken den Vorwurf zu machen, wir seien an neuen Ideen nicht interessiert, wir würden lieber das Alte bewahren, wir seien konservativ.(conservare heißt bewahren), wir hätten weder den Einfall, noch den Mut, die anstehenden Probleme in unserer Gesellschaft und in unserem Land zu lösen. Die Aufforderung, die Dinge, sei es in der Familie oder in der Öffentlichkeit zu verändern, macht irgendwie ratlos. Vor allem: uns selbst zu verändern, scheint am allerschwierigsten zu sein.
Heute wird uns gesagt, dass Jesus selbst vor den Augen seiner Jünger verwandelt wurde. Versuchen wir einmal, uns dem zu nähern, was die drei Begleiter erlebt haben. Sie sind auf dem Gipfel eines Berges, der den Blick frei gibt in die Weite. Vor ihnen Höhen, Täler, im Hintergrund das Meer, die aufgehende Sonne, die Stille, über ihnen der blaue Himmel - es ist ein Erlebnis, das sie alles vergessen lässt, was bisher so wichtig war und sie in eine eigene, wunderbare Welt taucht. Bei dem Ereignis, das Markus berichtet, ist da noch etwas ganz anderes als nur ein herrliches Naturschauspiel. Das Aussehen Jesu hat sich verändert, nicht nur seine Kleider. Sein Gesicht leuchtet wie die Sonne, so steht es bei Mathäus.
Wir dürfen an Situationen denken, wo uns leuchtende Gesichter vertraut sind. Wir kennen strahlende Gesichter am Bahnhof, wenn der ersehnte Mensch auftaucht; wir kennen die leuchtenden Augen der Kinder an Weihnachten und am Geburtstag, wir kennen die Augen, die sich in Liebe gefunden haben. Das erste Lächeln eines Neugeborenen bezeichnen viele Mütter und Väter als das schönste und wichtigste Ereignis ihres Lebens. Ohne Zweifel ist hier ein Licht am Werk, das anders ist als das Licht des Tages oder einer Glühbirne. Es ist ein Licht, das die Herzen zutiefst berührt und in Beschlag nimmt, das Atmosphäre schafft und die Stimmung verändert.
Wenn nun das Gesicht Jesu wie die Sonne leuchtet, dann übertrifft das alles, was je ein Lächeln, was je strahlende Augen und Gesichter empfunden oder ausgelöst haben. Es ist das innere Licht in Jesus selbst, sein Wesen, das mit Gott identisch ist. Was Jesus in sich trägt, sein Ureigenstes, das er seinen Vater nennt, ist nach außen durchgebrochen. Seine Begleiter sind im Innersten getroffen und hingerissen. Petrus kann nur sagen: "Es ist gut, dass wir hier sind". Es ist wunderbar. Ein Glück, das man vor Freude weinen könnte.
Es ist eher ein Gestammel. Sie wissen nicht, was sie sagen sollten. Aber da ist noch ein Satz, der uns zunächst etwas ratlos macht. "Sie waren vor Furcht ganz benommen"(Markus 9,7). Wenn die Freude schon so groß ist, was soll da noch die Furcht? Ist es nicht so, dass die Angst lähmt gerade die Freude?
Hier dürfen wir die Erfahrungen anderer Menschen mit heranziehen, vor allem derer, die uns als die großen Meister der christlichen Glaubensgeschichte bekannt sind. Bekannt ist, dass der heilige Franziskus vor dem Kreuz in dem Kirchlein S. Damiano die Stimme des Gekreuzigten vernahm. "Franziskus, stelle mein Haus wieder her!" Als er dann bebend und staunend seine Zustimmung gibt, erfüllten ihn eine "so hohe Freude und ein so wundersames Licht wegen der Ansprache, die ihm zuteil geworden, dass er in seiner Seele wahrhaft Christus den Gekreuzigten empfand, der zu ihm redete". Dies bedeute aber, dass er auch dessen Schmerz wahrnahm. "Sein Herz wurde wund und weich", so heißt es einige Zeilen weiter, "wenn er an das Leiden des Herrn Jesus dachte". Es war aber zugleich der Schmerz über sein eigenes, durchkreuztes, ungelöstes Leben. Die Wucht dieses Erlebnisses hatte sein Inneres geöffnet und ihn mit seinen Dunkelheiten in Berührung gebracht. Mit diesem Schatten hatte er sein Leben lang zu ringen.
So ähnlich könnte es auch bei den drei Jüngern auf dem Berg gewesen sein. Hier könnte ein Schlüssel sein zu dem schwer verständlichen Satz von ihrer Furcht. Jesus stellt die Vorgänge auf dem Berg in die Nähe seines Todes und seiner Auferstehung, jenes Ereignis, das seine Jünger am schwersten erschüttert und gewandelt hat. Die Wandlung vollzog sich in ihnen nicht, weil sie mit eisernem Willen gegen sich selbst vorgingen, sondern weil sie der Grundproblematik ihres Lebens, dem Licht und dem Schatten, ausgesetzt wurden.
Auf diesem Hintergrund dürfen wir den heiligen Franziskus sehen. An einer Stelle wird berichtet, dass ihn die "Süße", das Hingerissensein von der Nähe Gottes, immer weiter lockte. Man darf dabei nicht vergessen, dass er immer wieder von der dunklen Seite geplagt wurde. Das Licht von San Damiano war aber doch mächtiger als alles andere und wurde zur Quelle, die ihn fortlaufend zu neuen Ideen anregte und für jeden Verzicht belohnte.
Hier ist eigentlich die Spur, auf der wir die eingeforderte Wandlung nachvollziehen könnten. Eines sollte uns von vorneherein bewusst werden: Es geht nicht darum, dass wir uns neben den schon drückenden Lasten noch Schwereres auferlegen. Nur eine Frage sollte uns beschäftigen: Wie kommen wir an das Licht in uns heran, das uns auch in schwierigen Situationen lächeln lässt und das sich nach außen ausbreitet? Wie entsteht die gute Atmosphäre, wo man aufatmen kann, wo Gespräche möglich sind, wo Lasten abfallen dürfen, wo es einfach anders ist als im Gehetze und Getriebe der Arbeitswelt? Es beginnt damit, dass wir den Blick nach innen lenken, zunächst nur schauen, was ist, uns einfach nur betreffen lassen von dem, was uns inspiriert und bereichert und von dem, was uns Angst macht. Auf diese Weise wird es anders in uns. Wir werden ruhiger, gelassener, freudvoller, erfüllter. Wenn wir uns diesem Funken des Neuen in uns voll und ganz zuwenden, schwindet vieles, das uns bisher bestimmt, gequält und bedrückt hat. Wir werden andere Menschen.
28. Mai 2006
7.Sonntag der Osterzeit
Der Name Gottes
In jener Zeit erhob Jesus seine Augen zum Himmel und betete: Vater; Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt, und ich gehe zu dir. Heiliger Va-ter, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, da-mit sie eins sind wie wir. Solange ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast. Und ich habe sie behütet, und keiner von ihnen ging verloren, außer dem Sohn des Verderbens, damit sich die Schrift erfüllt. Aber jetzt gehe ich zu dir. Doch dies rede ich noch in der Welt, damit sie meine Freude in Fülle in sich haben. Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin. Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst. Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt. Und ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind. (Joh 17,6; 12 - 19)
Es gibt Namen, die uns leicht über die Lippen gehen; wir den-ken an die Namen derer, die uns am Herzen liegen, denen wir etwas bedeuten; der Menschen, die unser Leben teilen, die einen wichtigen Platz in unserem Herzen einnehmen. Jeder Name weckt Erinnerungen, enthält Geschichten von Schicksalen, von Leid, Zuversicht und Hoffnung. Ein Name, der nur dem Innersten vertraut ist, den man gerne vor sich hersagt, vielleicht nur mit Scheu und Zurückhaltung ausspricht, vertritt das Glück eines Menschen; etwas, was er nicht gerne preisgibt; etwas, was seinem Leben eine andere Richtung gab. Ein Name - so dürfen wir sagen - ist ein Geheimnis, das sich nur im engsten Raum des Vertrauens öffnet.
Geschichten um den Namen
Als Jesus auf die gemeinsame Zeit mit seinen Jüngern zurückblickt, fasst er das Geschehene in dem Satz zusammen: ,Ich habe ihnen deinen Namen geoffenbart' (Joh 17,6). Der Name Gottes wurde für die, die das Leben Jesu teilten, lebendig, neuem Inhalt und Kraft gefüllt. Für sie verbinden sich mit dem Namen, in dem Jesus auftrat, Geschichten voller Aufregungen und Überraschungen, und die Aussicht auf eine hoffnungsvolle Zukunft. Da ist die Geschichte von ein paar Fischern. Sie waren missmutig, als sie Jesus trafen. Der See hatte nichts hergegeben. Doch das Wort Jesu, in dem der Name Gottes aufleuchtete, ist so stark, dass sie es noch einmal wagen. Das Ergebnis ist be-kannt: erschüttert und beglückt geben sie alles auf und gehen mit Jesus (Vgl Lk 5, 1-11). Es ist ein Einbruch in ihr Leben. Und damit beginnt ein Aufbruch, der niemals enden wird. Der Name Gottes verwebt sich mit ihrer persönlichen Geschichte; Was sie täglich mit Jesus erleben, die vielen Begegnungen mit Menschen, sein überraschendes Handeln in ausweglosen Situatio-nen, sein überzeugendes Reden, bei dem Menschen stundenlang zuhören, öffnet ihr Inneres für die Welt Jesu. Und diese Welt ist geprägt von einer ungebrochenen, absoluten Güte, welche Jesus in seiner Berührung mit Gott erfährt. Sie dürfen dabei sein, wie "handgreiflich" Jesus diese Güte weitergibt. Gottes Liebe ist manchmal tatsächlich zum ,"Greifen" nahe. Darauf weist die Erzählung hin, die bei Matthäus im Anschluss an die Bergpredigt überliefert ist (Mt 8, 1-4). Als Jesus vom Berg heruntersteigt, begegnet ihm ein Aussätziger. Man muss dazu bemerken, dass ein Aussätziger zur Zeit Jesu und auch heute noch in vielen Ländern der Dritten Welt nicht zu den Kranken gehört, denen die besondere Fürsorge und Nähe der Angehörigen gilt. Er ist vielmehr ein Ausgestoßener, einer der die Leute vor sich selbst warnen muss. Ein solch armer Mensch trifft Jesus. Er spürt seine gütige Hand und hört die Worte, die ihm gut tun. Er weiß nach langer Zeit wieder, dass er Mensch sein darf, gesund, bei seinen Angehörigen.
Wenn solche Dinge geschehen, preisen die Menschen Gott. Sein Name beginnt wieder zu leuchten. Durch Jesus wird der Name Gottes umgeschrieben; er heißt nicht mehr: Du musst etwas tun, sondern du darfst leben. Die Kraft dazu geht von Jesus aus.
,,Vater" meint Güte
Er nennt dieses Wunderbare, das er in sich spürt und das doch anders und größer ist als er selbst, fast kindlich Vater, Vater im Himmel. Wir haben Scheu, als Erwachsene das Wort Vater mit Überzeugung, Hingabe und Vertrauen auszusprechen. Einmal, weil wir uns nicht als Kinder fühlen können, zum andern, weil die Erfahrung mit dem eigenen Vater doch bei den meisten nicht eindeutig, sondern eher gebrochen ist. Jene absolute Güte aber, die Jesus Vater nennt, hat sich in den Geschichten um Jesus und um all die Menschen, die sich darauf eingelassen haben, als größer als alles, was Menschen erleben und denken, erwiesen. Wir brauchen uns deshalb nicht zu scheuen, von Gott als von unserem Vater zu reden als von dem, der jeden von uns will und mag, der Ja sagt zu unserem Glück, der über allem steht, was uns bedrängt und bedrückt.
Als Jesus von seinen Freunden weggeht, als bei ihnen Wehmut und Angst aufsteigt, stellt er sie unter den Schutz und die Geborgenheit dieser absoluten Güte. ,,Bewahre sie in deinem Namen", (Joh 17,11) heißt sein Gebet für sie. Sie sollten sich erinnern, was in seiner Nähe, als Gottes Namen offen lag, schon geschehen war, an das Wunderbare, das ihnen Schutz und Hoffnung gab. Einmal hatte Jesus seine Jünger darauf hingewiesen, dass ihre Namen im Himmel aufgeschrieben sind (Vgl. Lk 10,20). Gott kenne ihren Namen, weil sie den seinen kannten. Da sei der eigentliche Grund zur Freude.
Diese Grundaussage wiederholt Jesus in der Stunde seines Abschieds. ,,Sie sollten seine Freude in Fülle in sich haben" (Joh 17,13). Damit bräuchten sie keine Angst zu haben vor der Zukunft, vor der Frage, wie es ohne ihn weitergehen soll. Namen die wir kennen Sollten wir nicht damit beginnen, die Namen, die wir unter den Schutz Gottes stellen wollen, zu meditieren, uns an die Geschichten mit ihnen zu erinnern; daran, wie wichtig, wie reich sie für uns geworden sind. Wir werden merken, dass hinter jedem Namen etwas von der Schönheit und Güte des Namens Gottes aufleuchtet.
Dies kann ein Schritt werden zum Wunder von Pfingsten, wo eine neue Art zu sehen, zu hören und zu reden beginnt. Wo wir im Namen und im Geiste Gottes Worte neu aussprechen lernen; wo der Name Gottes und Namen von geliebten Menschen zu leuchten beginnen.
25. Juni 2006
12. Sonntag im Jahreskreis
Schläft Gott? 12. JK B (Markus 4,35-41)
35 Am Abend dieses Tages sagte er zu ihnen: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren. 36 Sie schickten die Leute fort und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg; einige andere Boote begleiteten ihn. 37 Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass es sich mit Wasser zu füllen begann. 38 Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen? 39 Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich und es trat völlige Stille ein. 40 Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? 41 Da ergriff sie große Furcht und sie sagten zueinander: Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen?
Manche Geschichte von Jesus passt gar nicht in das Bild, das wir von ihm haben. Jesus zeichnet sich dadurch aus - so sagen sozial engagierte Theologen - dass er bei den Armen und Ausgestoßenen, bei allen Gefährdeten ist. Von Solidarität ist viel die Rede.
Nun gibt es die Erzählung vom Sturm auf dem See (Mk 4, 35-41). Während das Boot schon voll läuft und die Jünger um ihr Leben kämpfen, liegt Jesus auf einem Kissen und schläft. Einmal ist da die Frage: Wie ist es möglich, dass jemand bei einem solchen Unwetter und noch dazu bei dem Geschrei und Gebrüll der Ruderer schlafen kann? Zum anderen sieht die Szene gar nicht nach Solidarität mit Menschen in Todesgefahr aus. Mit einigem Recht erheben die Jünger den Vorwurf: Meister kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?
Hier wird ein Stück Wirklichkeit angesprochen, die vielen zu schaffen macht. Wie ist das mit der Anwesenheit Gottes in dieser Welt? In der neueren, biblisch begründeten Theologie ist so häufig davon die Rede, dass Gott mit seinem Volk mitzieht, dass er mitten dabei ist. Der Satz findet sich in vielen Predigten und Traktaten. Vielen geht es aber eher so, dass von dieser Gegenwart wenig zu spüren ist. Es sieht so aus, als ob dieser Gott tatsächlich schlafen würde.
Denken wir an manches harte Schicksal, von dem so viele ohne eigenes Verschulden getroffen werden: an die Kinder, die ohne den Schutz der Eltern aufwachsen müssen, die buchstäblich auf der Straße ums bloße Überleben kämpfen, an die Länder, die täglich vom Terror heimgesucht werden, auch daran, wie in unserem Land mit dem Christentum das gegenseitige Vertrauen schwindet, wie Familien zerbrechen oder gar nicht erst zustande kommen; an das vielfältige Unheil, das die moderne Entwicklung mit sich bringt und von der sich niemand abschirmen kann, an den Verlust des Arbeitsplatzes und des gesicherten Einkommens, an die Angst vor dem, was auf einen zukommen wird.
Mancher würde eher dem Satz aus dem Psalm zustimmen: "Herr warum schläfst du?", als der Aussage, dass er da ist. Das Schweigen und das Nichthandeln Gottes bleibt für Ungezählte ein Leben lang ein Rätsel.
Um dem Unverstandenen auf die Spur zu kommen, sollten wir einmal das Schlafen Jesu von einer ganz anderen Seite sehen. Von den Wirbelstürmen wird gesagt, dass in ihrer Mitte vollkommene Stille herrscht. Jesus kann deshalb schlafen, weil er an die absolute Stille angeschlossen ist, weil er in der Mitte der Stürme und Ängste steht; er ist an dem Punkt, der durch keine Gewalt verrückt werden kann; er ist dort, wo Gott ist. Es ist ein Kennzeichen echter Religiosität, wenn von einem Menschen Ruhe ausgeht. Gerade dieses sagt Jesus von sich: " Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. (Mathäus, 11, 28).
Hier tut sich der Raum auf, wo wir Jesus und uns selbst verstehen lernen. Stille kann wohltuend sein. Wenn wir sie so empfinden, werden wir merken, dass der Punkt der absoluten Ruhe in uns selbst und nur dort zu finden ist.
Heute gibt es viele, gerade intellektuell sehr hoch stehende Menschen, die zum Christentum, wie es in den Kirchen angetroffen wird, keinen Zugang finden, wohl aber zu den Meditationshäusern fernöstlicher Praxis. Wir mögen das bedauern. Aber Tatsache ist, dass sie die Stille, die sie dort antreffen, anzieht.
Es ist in den Räumen eine Atmosphäre zu spüren, die wie von selbst zur Ruhe kommen lässt und gut tut. Die Übung der Meditation besteht eigentlich nur darin, sich bewusst auf ein Wort oder ein Gebet zu konzentrieren. Tatsache ist, dass Menschen nach einigen Tagen verändert weggehen, erfüllt, zuversichtlich, froh, mit neuem Lebensmut, ohne lange Gespräche und Diskussionen geführt zu haben. Für viele ist eine solche Erfahrung die Entdeckung eines neuen Lebensinhalts und sie sind auch bereit, dafür Zeit und Geld zu opfern. Wer diesen Weg über Jahre durchhält, wird ein anderer. Er gewinnt andere Interessen, andere Wertvorstellungen und andere Lebensgewohnheiten. Viele Äußerlichkeiten fallen ab. Er wird wesentlicher. Vor allem aber lösen sich die Fragen, die ihn bisher bedrängt hatten, darunter so manches Rätsel um die Abwesenheit Gottes. Die wahre Stille ist kein tatenloses Schlafen, sondern der Ort, wo sich die ordnende, beruhigende und heilende Kraft Gottes sammelt. Bei Jesus war sie sogar stärker als die aufgewühlten Elemente.
19. November 2006
33. Sontag im Jahreskreis
Im Innersten der Schöpfung sein
"Die Gerechten werden strahlen, wie der Himmel strahlt"(Daniel1, 3).
In diesen Tagen müssen wir mit Nebel und langen Nächten leben. Das Licht wird immer weniger, es ist, als ob es langsam verlöschen würde. Nach uralten Traditionen ist diese Jahreszeit auf Stille und Ende ausgerichtet. Unser Blick wird nach innen gelenkt. Die Liturgie möchte diese Zeit mit der Botschaft Christi erhellen. Wir haben in diesen Wochen unserer Verstorbenen gedacht. Wer ganz besinnlich wird, wird auch einmal die Frage zulassen: Wie wird es einmal mit mir sein, nach dem Tod?
Hier ist uns eine Tür verschlossen, so ist die aller erste, nüchterne Erkenntnis. Es kann uns niemand darüber eine sichere Auskunft geben. Oder doch?
Wir können zwar kaum etwas sagen, was hinter dem Tor liegt, wohl aber einiges darüber, wie es Menschen ergeht, die unmittelbar davor stehen oder die Erfahrungen mit der Todesgrenze gemacht haben.
Wir dürfen eines nicht einfach übergehen: Der Tod passt gar nicht in eine Vorstellung vom Leben, das eigentlich nur Erfolg, Genuss und Erfüllung sein sollte. Das schlimmste ist, wenn man in der besten Zeit herausgerissen wird. Abschied kann sehr bitter sein vor allem, wenn man ihn nicht erwartet. Er ist nach wie vor mit Schmerz und Angst verbunden.
Andererseits fällt auf, dass sich Sterbebegleitung, wie sie in der Hospizbewegung praktiziert wird, einer überraschenden Beliebtheit erfreut und dass sich Personen sehr gerne zur Verfügung stellen.
Der Vorgang des Sterbens habe etwas Erhebendes und Beglückendes an sich, berichten sie. Er sei gar nichts von einem Schrecken zu spüren. Man sei zuinnerst berührt gewesen von dem, was da mit diesem Menschen geschieht. Es gibt deshalb gute Gründe anzunehmen, dass im Sterben ein Punkt in uns selbst erreicht wird, der stärker ist als der Schrecken und der uns allen gemeinsam ist. Wir sagen ja auch: "Der Tod eines Menschen geht uns nahe". Dies würde dann heißen: Im vordergründigen, so schmerzlichen Abschied wird ein Schritt getan, der uns endgültig zusammenführt.
Als Glaubende sollten wir bei diesem Thema die Erfahrung der ersten Christen mit dem Auferstandenen genauer betrachten.
Überwältigend ist die Begegnung Marias von Magdala mit Jesus. (Johannes, 20,1-18). Der Fremde, der zuerst so weit weg zu sein scheint, kommt ihr plötzlich ganz nahe, als er ihren Namen ausspricht. Die Stimme allein hat ihr die Ohren, die Augen und das Herz geöffnet. Sie war im Innersten getroffen. Dieses Getroffen - Sein war nun kein Schmerz mehr sondern reinste Freude.
Wenn die alte Weissagung bei Daniel lautet: "Die Gerechten werden strahlen wie der Himmel strahlt"(Daniel 1,3), dann dürfen wir uns das Gesicht Marias von Magdala vorstellen, als sie den Aposteln von ihrer Begegnung mit Jesus erzählt.
Andere Berichte schildern die Ereignisse nach dem Tod Jesu auf andere Weise.
Es sei wie ein Erdbeben, wie ein Blitz gewesen, so überwältigend, dass selbst die Bewacher zu Boden stürzten (Matthäus, 28,1-8), es war wie eine andere Luft, welche die Jünger atmeten, als der Auferstandene unter sie getreten war(Johannes 20,19-23), es war nun alles anders geworden. Sie selbst wurden bis ins Innerste gewandelt. Sie verloren ihre Angst und bekamen den Mut, vor der Öffentlichkeit im Namen Jesu aufzutreten. Untereinander wurden sie ein Herz und eine Seele (Apostelgeschichte 4,32).
Paulus, der als Apostel eine ganz andere Geschichte mit Jesus hatte, bezeichnet seine Begegnung mit ihm als Sterben und Auferstehen(Römerbrief 6,1-6). Im gleichen Schreiben betont er, dass er angezogen und geborgen sei von einer Macht, die stärker ist als Tod und Leben. Er nennt sie die Liebe Christi.
Wir dürfen eines festhalten:
Die Ereignisse um den Tod und die Auferstehung Jesu haben die beteiligten Jünger im Innersten gewandelt. Es war, als ob sie von einem gemeinsamen Punkt berührt und gehalten würden. Wir dürfen auch an die Erfahrung mit Sterbenden denken. Dieser Punkt ist der Auferstandene in ihnen selbst. So hat es Paulus verstanden, wenn er bekennt: "Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir"(Galater 2,20).
Diese überwältigenden Erlebnisse haben sich immer wieder dort ereignet, wo christlicher Glaube in seiner ursprünglichen Kraft durchgebrochen ist. So im Leben des heiligen Franziskus. Dem Sonnengesang und anderen authentischen Zeugnissen kann man entnehmen, dass er wie kaum ein anderer Gott, der Schöpfung, sich selbst und den Menschen nahe war und die Angst vor dem Tod überwunden hatte.
Weil uns der Heilige aus Assisi historisch näher steht, können wir aus seiner Geschichte noch deutlicher sehen, was mit einem Menschen geschieht, der von Christus ergriffen ist, in seiner Kraft aufblüht und sich entfaltet. Herausgestellt seien die Freude und die Heiterkeit des Geistes, die Furchtlosigkeit, die Lauterkeit seiner Einstellung.
Was ist nun hinter dem Tor des Todes?
Wir sollten beachten, dass der neue Zustand der Jünger, der als Gabe des Hl. Geistes beschrieben wird, in den Apostelbriefen als Angeld, als Vorauszahlung des Kommenden bezeichnet wird. Das heißt wir dürfen den zukünftigen Zustand als den sehen, als der er bereits bei seinen Jüngern begonnen hat:
Wir werden alle einer gemeinsamen Mitte, Gott nahe sein, uns selbst und einander zugleich, wir werden im Innersten der Schöpfung sein und jubeln wie der heilige Franziskus. Wir werden mit der Freude den Sonnengesang singen, wie ihn der Heilige aus Assisi gesungen hat und das noch mehr.
18. Februar 2007
7. Sonntag im Jahreskreis
(Lukas,6,27-38)
27 Euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen. 28 Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln. 29 Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd. 30 Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand etwas wegnimmt, verlang es nicht zurück. 31 Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen. 32 Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. 33 Und wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun auch die Sünder. 34 Und wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern in der Hoffnung, alles zurückzubekommen. 35 Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. 36 Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist! 37 Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden. Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden. 38 Gebt, dann wird auch euch gegeben werden. In reichem, vollem, gehäuftem, überfließendem Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden.
Feindesliebe: das unerfüllbare Gebot?
Um ehrlich zu sein: nichts ist schwieriger als das Gebot Jesu von der Feindesliebe. Wir tun uns leichter, einen ordentlichen Betrag für Misereor zu spenden, als einen Menschen, der uns Unrecht getan hat, den wir nicht mögen, vorbehaltlos anzunehmen und das auch mit dem Gefühl, mit unserer vollen Zustimmung.
Das Christentum kann eine reiche Geschichte vorweisen, wenn es um Almosengeben, um die Pflege der Kranken, Schwachen und Hilfsbedürftigen geht. Nahezu alle modernen, heute selbstverständlichen sozialen Einrichtungen gehen auf kirchliche Ursprünge zurück. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter, von Franziskus, der den Aussätzigen umarmt und in unserer Zeit von Abbé Pierre hat selbst wieder Geschichte geschrieben. Auf sie dürften wir als Christen stolz sein.
Betrachtet man aber das Verhalten der Christen aus dem Blickwinkel der Worte, die, wir heute von Jesus hören, der Feindesliebe, können Gegner der Kirche eine ganz andere Rechnung aufmachen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem uns nicht die kirchliche Vergangenheit unter den Stichworten Kreuzzüge, Inquisition, Hexenwahn, Glaubenskriege um die Ohren geschlagen wird. Die Kritiker sagen: Die Christen, allen voran die oberste Leitung der Kirche, haben das Gebot der Feindesliebe über Jahrhunderte einfach vergessen. Von anderen kann man hören: Wir wären schon zufrieden, wenn das Gebot eines fairen, menschlichen Umgangs miteinander auch in kirchlichen Kreisen gelten würde. Neue Ansätze
Um der Sache gerecht zu werden, sollten wir die Bemühungen der Päpste in den letzten Jahrzehnten um Aussöhnung und Verständigung mit anderen Konfessionen und Religionen nicht übersehen. Wir dürfen an das feierliche Schuldbekenntnis des Papstes Johannes Paul II aus Anlass des Jubiläumsjahres 2000 denken. Es ist ein demütiges Eingeständnis der Verirrungen der Kirche und der Missachtung der Gebote Jesu.
Unvergessen bleibt Papst Johannes XXIII, der nach Epochen der Abriegelung, der verkrampften und feindseligen Verteidigung die Fenster der Kirche geöffnet hat. Seine Art des Umgangs mit Menschen aus allen religiösen und politischen Lagern kann ein guter Hinweis sein, wie wir dem Gebot Jesu nahe kommen könnten. Was den Papst einer neuen Kirchenzeit, wie man ihn nennen kann, so liebenswürdig machte, war seine einfache und schlichte Weise, auf Menschen zuzugehen. Da war nicht die große Ehrfurcht verlangt, die man dem Vertreter eines so hohen Amtes schuldig sei, sondern da war die wohltuende Begegnung von Mensch zu Mensch. Da schob sich keine Lehre, kein Anspruch, keine Schuldzuweisung und Verurteilung dazwischen, sondern da ereignete sich reine Herzlichkeit. An dieser Stelle darf der Besuch des Schwiegersohnes des sowjetischen Staats- und Parteichefs Nikita Chruschtow und seiner Frau im Vatikan im Jahre 1963 nicht unerwähnt bleiben. "Wir schauen einander in die Augen und da sehen wir ein Licht", sagte der Papst zu seinem Gast aus der kommunistischen Zentrale. Seine Frau, die Tochter des Kremlherrschers, fragte er nach den Namen ihrer Kinder, weil es für ihn das schönste Erlebnis sei, wenn Mütter die Namen ihrer Kinder aussprechen. Beim jedem Namen -Nikita, Alexej, Iwan - wusste er eine Geschichte, besonders interessierte er sich für den Jüngsten, weil er wie er Johannes hieß. Zum Abschied schenkte er ihr einen Rosenkranz, den sie mit großer Dankbarkeit annahm. Aus seiner Zeit als Nuntius in Bulgarien kannte er sowohl die Sprache wie die Art slawischer Menschen.
Es war damals am Höhepunkt des Kalten Krieges, ein halbes Jahr nach der Kubakrise. Die Weltmächte standen sich zur Vernichtung gegenüber. Indem es der Papst mit dem Herausgeber der Moskauer Regierungszeitung Zeitung Iswestija zu tun hatte, war dies ein Ereignis nicht ohne weltgeschichtliche Bedeutung. Es hat das Klima verändert und Geschichte gemacht. Johannes gelang es, viele Gräben zuzuschütten.
Müssen wir uns Gefühle ausreißen?
Die Schwierigkeit mit dem Gebot Jesu liegt in erster Linie darin, dass wir meinen, wir müssten unsere Gefühle noch strenger kontrollieren, sie sogar von heute auf morgen ausreißen oder wir müssten ständig zu heroischen Taten bereit sein. Johannes XXIII lehrt uns, dass der Schlüssel zum Gebot Jesu und zum andern und eigentlich in der absichtslosen, reinen Herzlichkeit liegt. In einem Gespräch kommt auf die Atmosphäre an und nicht, wer recht bekommt. Dies ist mit dem seit dem Konzil sehr häufig gebrachten Wort Dialog gemeint. Auf diese Weise werden Gefühle verändert, welche wiederum die Art der Wahrnehmung und des Handelns bestimmen.
Atmosphäre ist nicht eine momentane Hochstimmung, ein "Event", eine Massensuggestion, selbst wenn sie der Papst auslöste, sondern ein Vertrauen, das Gewissheit, Sicherheit und Geborgenheit schafft. Hier ist nicht die Aufmachung der Medien entscheidend, sondern allein die Lauterkeit der Persönlichkeit, die der durch seine Güte berühmte Papst war. Das Außerordentliche und Heroische lag bei ihm in seiner Einfachheit, in der Freiheit von allem Aufgesetzten, von allen Konventionen, mit denen Ämter und Würden über die Jahrhunderte belastet waren.
Wollen wir das Gebot Jesu von der Feindesliebe ernst nehmen, dann müssen wir uns als erstes um die Echtheit unseres Wesens bemühen. Dies geht einher mit Reife der Persönlichkeit, welche Ängste, Bitterkeit, Verletzungen, Wunden von innen her überwindet. Paradoxerweise beginnt deshalb die Nächstenliebe bei der Sorge um sich selbst. Hass und Feindschaft gehen immer von verbitterten, gekränkten, enttäuschten, unglücklichen Menschen aus. Konflikte müssen nicht immer ausgetragen, alte Rechnungen müssen nicht immer beglichen werden. Vielmehr gibt es eine innere Dynamik, welche den alten Stoff der Feindschaft überwächst und unbedeutend macht.
Von dieser Art war die Persönlichkeit Johannes XXIII und darin lag der Grund des Vertrauens, das ihm zuwuchs.
P.Guido Kreppold15.04.2007
Weißer Sonntag
Der Atem - das Leben Gottes
19 Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. 21 Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! 23 Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. Jesus und Thomas 24 Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. 26 Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! 27 Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Der Epilog: 20,30-31 30 Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. 31 Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.
Wir wären froh, wenn uns in unseren Zweifeln so klar und eindeutig wie dem Thomas die Antwort gegeben würde. Wir müssen uns. abquälen mit unseren Dunkelheiten, mit Verlassenheit, Ängsten und Unsicherheiten und warten oft lange vergebens auf eine klare Sicht, wo wir auch so überzeugt wie Thomas "Mein Herr und mein Gott" sagen könnten. Jedoch eine Spur, um aus unseren verengten und verschlossenen Räumen in die weite und wunderbare Welt der ersten Christen vorzudringen, wird uns in den kurzen Worten aufgezeigt, wo es heißt; "Jesus hauchte sie an und sprach zu ihnen: Empfanget den HI. Geist." (Joh. 20,11).
Ganz offensichtlich wird hier, daß der Geist Gottes etwas mit dem Atem zu tun hat, so wie wir ihn tagtäglich in uns spüren. Deshalb lade ich Sie jetzt ein, für eine Minute nur auf Ihren Atem zu achten;
Stille -
Sie werden bemerkt haben, daß Sie sich selbst verändern, sobald Sie Ihren Atem bewusst wahrnehmen. Die Aufmerksamkeit geht vom Kopf in den Leib, in Brust und Beckenraum; von außen nach innen. Der Fluss der Gedanken kommt zum Stillstand, wir werden ruhiger. Der Atem führt uns in die Innenräume unseres Leibes und wenn wir es lang genug üben in die der Seele.
Es öffnen sich die Augen des Herzens, unsere inneren Wahrnehmungsorgane für die Welt, in die Jesus eingetreten ist. Wir werden die Nähe Jesu, des Auferstandenen, in uns selbst spüren; denn wir dürfen diesen Christus nicht in einem räumlich entfernten Jenseits suchen, sondern in den unbewussten Tiefen unseres Herzens. Dies meint Paulus, wenn er davon spricht, daß nicht mehr er lebt, sondern Christus in ihm (Gal 2,2); oder wenn er sagt, man brauche Christus nicht vom Himmel herunter oder aus der Tiefe der Erde heraufzuholen, vielmehr gelte es, auf die Stimme des Herzens zu achten, weil in ihm Gott zu finden sei. (Vgl. Röm. 10,5 8). Wer mit dem Atem bewusst nach innen schaut, kommt in die Räume die dem Hastigen, dem Oberflächlichen, dem Geschäftigen verschlossen sind. Wir erreichen jenen Punkt in uns selbst, wo die Gefühle und Antriebe ihren Sitz haben. Wenn wir dort einmal angelangt sind, werden wir nicht mehr von falschen Vorstellungen in die Irre geleitet, nicht mehr vom Ärger über andere gequält, von Gefühlen der Minderwertigkeit erniedrigt. Dann haben wir soviel Kraft in uns, daß wir andere lassen können, wie sie sind, weil wir selbst in uns die Gewissheit tragen, daß alles gut wird. Nicht, daß wir mit großer Mühe unsere bösen Empfindungen unterdrücken, sondern sie sind einfach nicht mehr da: die Angst um die Zukunft, die Sorgen, die Verletzungen und enttäuschten Erwartungen. Ich denke daran, mit welcher Erfülltheit, Ausstrahlung und Kraft die Teilnehmer einen Meditationskurs verlassen. Wer einen solchen Weg gegangen ist, der sieht, hört, denkt und redet anders. Im Evangelium heißt dieser Zustand "Friede" und "Vergebung der Sünden". Man kann den Auferstandenen nicht sehen, außer man lässt sich voll und ganz in sein Kraftfeld ziehen und sich die Augen des Herzens öffnen. Wer seinen kritischen Verstand zum ausschließlichen Maß aller Dinge macht, wer sich draußen hält, der sieht gar nichts.
Die Geschichte vom Zweifler Thomas ist die des abgespaltenen Intellekts. Er war nicht dabei, als den andern die Erfahrung des Auferstandenen widerfuhr. Das Eigentliche, die persönliche Begegnung mit Christus, das Aufgewühlt- und Überwältigwerden, kann man nicht erzählen und vermitteln. Sie muss einem jeden selbst geschehen. Sie ist größer als der kalte, "objektiv" urteilende Intellekt. Die persönliche Begegnung, welche das Herz aufschließt, führt in eine Welt, die dem kalten Intellekt verschlossen, aber voller Glück, Größe, Schönheit und Staunen ist. Wer über den Atem, wer vom Geist geleitet, in sein Inneres gefunden hat, für den kommen die Dinge, die wir in Bereiche von Gemüt und Verstand aufteilen, zur Einheit und Harmonie.
Zugleich führt eine solche Erfahrung im Grunde des Herzens alle, die sie gemacht haben, zusammen. Sie atmen dieselbe Luft, werden vom selben Geist, vom Innersten her gelenkt, inspiriert, durchseelt und getragen. Christus, das Zentrum, das allen gemeinsam ist, lenkt alle Aufmerksamkeit auf sich und bindet alle Kräfte ein, ohne die Freiheit zu nehmen. So wie sich die Türen nach innen geöffnet haben, so tun sie sich auch füreinander auf. Von den ersten Christen heißt es, "sie waren ein Nerz und eine Seele" (Apg 4,22 34). Sie konnten ihr Hab und Gut gemeinsam haben, weil ihr höchster Wert, die Erfahrung des Auferstandenen, allen gemeinsam war. Der Weg zueinander beginnt mit dem Weg nach innen, wo wir überraschend auf so viele stoßen, die mit uns unterwegs sind. So möge für uns heute der achte Tag nach Ostern zum Tag des Aufbruchs werden, wie für die ersten Christen der achte Tag zum Ende der alten und zum Anfang einer neuen Welt wurde.
15. Juli 2007
15. Sonntag im Jahreskreis
Der barmherzige Samariter 15.Sonntag im Jahreskreis C (Lukas 10,25- 37)
25 Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? 26 Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort? 27 Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. 28 Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben. 29 Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? 30 Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halb tot liegen. 31 Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. 32 Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter. 33 Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, 34 ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. 35 Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. 36 Was meinst du: Wer von diesen dreien ist dem zum Nächsten geworden, der von den Räubern überfallen wurde? 37 Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!
Die Erzählung vom barmherzigen Samariter hat buchstäblich Geschichte gemacht. Seine Tat wurde zu Tausenden nachgeahmt und hat das Bild des Christentums wesentlich geprägt bis herein in die moderne Versorgung der Unfallopfer und Kranken. In fremden Ländern ist es so: überall dort, wo christliche Kirchen sind, gibt es auch Krankenstationen.
So sehr man aber das gute Werk des Mannes aus Samaria loben muss, darf man nicht vergessen, dass im allgemeinen Verständnis eine wichtige Aussage, wir dürfen sogar sagen, die eigentlich Pointe übersehen wird.
Das Gleichnis will die Antwort sein auf die Frage: "Wer ist mein Nächster?"(Lukas 10,29) Nach der breiten Schilderung des Überfalls und der Hilfeleistung es selbstverständlich der Ausgeplünderte, der Mensch, der unserer Hilfe bedarf. Mit der Fürsorge des Samariters für den Verletzten könnte also die Geschichte zu Ende sein.
Die Frage, die noch anschließt, lautet aber wörtlich: " Wer von den dreien(Priester, Levit, Samariter) ist dem zum Nächsten geworden, der unter die Räuber gefallen war?"(Lukas 10,36). Oder mit anderen Worten: "Wen soll der Überfallene als seinen Nächsten lieben?" Sie müsste nach der herkömmlichen Deutung eigentlich heißen: "Wer ist dem Priester, dem Levit, dem Samariter zum Nächsten geworden? Oder wen hätte jeder von den dreien als seinen Nächsten erkennen müssen?"
Die Frage wird aber umgedreht und auf eine andere Ebene verlagert.
Die Herausforderung: "Wer ist mein Nächster?" wird jetzt so beantwortet: ein wildfremder Mensch aus einem verhassten Volk sogar kann mir seine Güte zeigen und mir dadurch nahe (pläsion =nahe)kommen. Die Erzählung will den Wert eines Menschen, der dem eigenen Volk und Glauben fern ist, herausstellen; er kann mir zum gleichberechtigten Mitmenschen werden; er verdient meine Achtung.
Für diese Auffassung spricht ferner, dass Jesus, der die Geschichte wahrscheinlich erfunden hat, bewusst einen Samariter als Vollbringer der edlen Tat wählt. Man kann sogar sagen, die Hauptrichtung der Erzählung geht dahin, bei der Frage nach dem Nächsten die Zäune um das eigene Volk niederzureißen und den Menschen jenseits davon einer guten Tat für fähig zu halten. Der Nächste ist also nicht nur der Leidende, sondern noch mehr der, der nicht auf der eigenen Seite steht - ob die nun Volk, Glaubensgemeinschaft, politische oder soziale Gruppierung heißt. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter meint mehr als spontane Hilfeleistung am Unfallort- dafür gibt es das Rote Kreuz, die Malteser und andere- es geht vielmehr um das Zuschütten der Gräben zwischen den Parteien, darum, dass sich Menschen aus entgegengesetzten Richtungen nahe kommen. Denn wenn wir nur die lieben, die uns lieben, was tun da Besonderes?(Mathäus 5,46).
Indem Jesus die Geschichte erzählt, hat er ein Vorurteil und eine vorherrschende Emotion durchbrochen. Er hat für die verhassten Samariter um Sympathie geworben.
In unserer Zeit hätte Jesus eine gute Tat von Türken und Arabern erzählt. Ich denke an folgendes, tatsächlich erlebtes Beispiel. An einem Sonntagnachmittag bleibe ich mit dem Auto an einer Kreuzung stecken. Der Motor rührt sich nicht mehr. Ich stelle das Warnschild auf. Kurz darauf kommt ein junger Mann in einem schweren ausladenden Wagen und schleppt mich ab. Er sagte, er komme jetzt gerade aus der Moschee.
Eine andere Episode: Ich bin in Israel allein unterwegs im Bus von Jerusalem nach Nazareth. Neben mir sitzt ein Araber, dem Aussehen nach ein Bauer, der seine Waren auf dem Markt verkauft hatte. Wir wollen ins Gespräch kommen, aber die Sprache funktioniert nicht außer mit Gesten. Als der Bus einmal hält, kauft mir der Fremde ein Eis.
Gutes von den andern erzählen, gerade wenn ständig Schlechtes berichtet wird, ist ein kleiner Schritt zur Versöhnung; es bessert die Meinung von denen, die nicht unserer Art sind, es kann helfen, sie als Gleichberechtigte anzunehmen, als Menschen, in denen Gott genauso Gutes wirken kann. Im Hinblick auf die Zerrissenheit im Lande Jesu heute und auf die Schrecken, die davon ausgehen, wäre es ein Ansatz, der Früchte bringen kann.
9. September 2007
23. Sonntag im Jahreskreis
Die Nachfolge Jesu - der Skandal!
25 Viele Menschen begleiteten ihn; da wandte er sich an sie und sagte: 26 Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein. 27 Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. 28 Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? 29 Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertig stellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten 30 und sagen: Der da hat einen Bau begonnen und konnte ihn nicht zu Ende führen. 31 Oder wenn ein König gegen einen anderen in den Krieg zieht, setzt er sich dann nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegenstellen kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt? 32 Kann er es nicht, dann schickt er eine Gesandtschaft, solange der andere noch weit weg ist, und bittet um Frieden. 33 Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.
Noch einmal steht heute das Thema der Nachfolge vor uns. Wir hören einen Satz Jesu, der etwas abgemildert immer noch schlimm genug ist: Erst wer Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern ja sich selbst gering achtet, kann ein Jünger Jesu sein. Wer nicht gewohnheitsmäßig darüber hinweg liest, hat einiges zu verarbeiten. Dabei ist die Aussage durch die Übersetzung schon etwas abgemildert. Ursprünglich heißt es "wer nicht hasst…". Wer immer diesen Satz ernst nimmt, in dem steigen Unverständnis, Widerstand und Ratlosigkeit auf. "Das kann es doch nicht sein! Mit den nächsten Angehörigen so umzugehen! Und wurden uns nicht die Ehrfurcht vor den Eltern und die Liebe zu ihnen als viertes Gebot eingeschärft?
Es gibt Beispiel aus der Geschichte der Heiligen, die heute noch Zorn und Ablehnung auslösen. Viele, vor allem Frauen fragen sich, wie das mit dem Klaus von der Flühe war, der seine Familie verlassen hat und als Einsiedler seinen mystischen Erfahrungen lebte. Wo blieb da seine Verantwortung für die, für welche er als erstes zu sorgen gehabt hätte? Kann man solche Menschen noch als Vorbild verehren?
Es sieht gerade so aus, als ob man als Nicht-Heiliger seiner rein menschlichen Verpflichtung eher gerecht würde. Nimmt man einmal den Heiligenschein von den großen Gestalten , so kann einem leicht der der Satz aufsteigen: Es war einfach ein Skandal!
So ähnlich dürften auch die Leute von Assisi gedacht haben, als sie den Sohn des wohlhabenden Geschäftsmanns Bernardoni betteln sahen. Es war das Stadtgespräch, man stelle sich das Gerede einmal vor! Das Gespött, das Gelächter, vielleicht auch manches Mitleid mit dem so hart geprüften Vater! Man muss sich einmal in seine Rolle versetzen: Er, der Angesehene, der es zu anständigem Wohlstand gebracht hat und sein Sohn, der anderen Leuten zur Last fällt! Einfach eine Schande! Seine Wut und sein Schmerz sind mehr als verständlich.
Es ließen sich noch viele Beispiele anführen, die wir heute glorifizieren, die aber im Augenblick, als sie auffällig wurden, einfach der Skandal der Familie, des Dorfes oder der Stadt waren und alles andere als bewundert wurden. Betrachtet man die Situation von innen her, sieht man einmal genauer hin, was in solchen Menschen vorging, kommen wir der Sache näher. Es war nicht so, dass Franziskus, als er noch nicht heilig gesprochen war, aus bloßer Laune heraus oder Protest gegen seinen Vater sein Leben zum Skandal machte. Vielmehr ging eine innere Geschichte voller Dramatik voraus.
Als er auf seine Träume achtete, als er vor dem Kreuz in San Damiano die Stimme Christi vernahm, hatte sich für ihn eine neue Welt aufgetan. Was sich in ihm ereignete, war so neu und ungewohnt, so schön und faszinierend, dass für ihn seine früheren Interessen und Vergnügungen gestorben waren. Als erstes der Traum vom Ritter, der er werden wollte, die Heldentaten, die man von ihm erzählen, die Burg, die ihm einmal gehören würde. Er musste erkennen, dass ganz andere Ziele für ihn wichtig wurden, und dass er seinen bisherigen Freunden und Verwandten fremd geworden war.
Seine innere Geschichte hatte ihn aus der Stadt vertrieben. Sein Aufenthalt in den Wäldern und Höhlen war das äußere Bild für den Graben, der sich zwischen ihm und seiner bisherigen Umgebung auftat.
Wir werden an Jesus selbst erinnert, der bei seinem Auftreten in seiner Heimat erkennen musste, dass seine ehemaligen Freunde und Bekannten, sogar seine Familie ihm nicht folgen konnten, weil er ein anderer geworden war.
Diese Kluft zwischen einem von Gott Ergriffenen und den engsten Verwandten ist es wohl, was hinter dem so schwierigen Wort "man müsse sie hassen" steht. Es geht um die emotionale Trennlinie, die das neue Denken, Fühlen und Wahrnehmen nach sich zieht. Hier darf es keine Kompromisse geben, sonst wird das Ganze verwässert. Dies wollte Jesus in aller schärfe zum Ausdruck bringen.
Ähnlich sagt es ein Traum, den der Psychologe Carl Gustav Jung von einem seiner Patienten, der völlig glaubenslos war, zitiert. "Die Religion ist nicht die Steuer, die du bezahlen sollst… Aus der Mitte deines Lebens sollst du deine Religion gebären!"
Es gibt Entscheidungen, die den vollen Einsatz der Persönlichkeit verlangen. Dies gilt wie selbstverständlich von der Liebe zweier Menschen. Jedermann weiß, dass Halbheiten die nächste Krise mit sich bringen.
So wollte es auch Jesus verstanden wissen, als er das Bild vom Turmbau und vom Kriegszug eines Königs verwendete. Es braucht den ganzen Menschen, um das zu verstehen, was er gemeint hat. Andererseits kann jemand so total von der anderen Seite, von dem, was man Anruf Gottes nennt, getroffen sein, dass es für keine andere Wahl mehr gibt.
So muss es auch Klaus von der Flühe erlebt haben. Wir kennen sein ganz und gar zerfurchtes Gesicht. Er hatte die Nähe Gottes in einer solchen Dichte und Wucht erfahren, dass es ihn fast zerriss, hier einmal ganz wörtlich verstanden. Es war keine Laune des Augenblicks und keine Verweigerung der Verantwortung. Das Verlassen seiner Heimat war für ihn der Weg in die Einsamkeit und totale Verlassenheit, er ging in das Elend. Das alles, weil er dazu von innen her getrieben war. Wo ist da die Güte Gottes, wo ist da befreiende Erlösung?
Gott kann in einem Leben zum Rätsel werden wie das zitierte Wort. Wahrscheinlich ist es so, dass wir von der sanften Liebe Gottes erst dann reden können, wenn wir wie Elia zuerst durch den Sturm, durch das Erdbeben und durch das Feuer gegangen sind(Vergleiche 1Könige 19,12).
Kommen wir noch einmal zurück auf das umstrittene Wort Jesu vom Umgang mit der eigenen Familie. Als der polnische Adelige Stanislaus Kostka mit 18 Jahren in den jungen Jesuitenorden eintreten wollte, kamen seine Brüder und wollten es mit Gewalt verhindern. Eine solche Schande könne er seiner Familie nicht antun. Wer aber wüsste heute etwas von den Kostkas, wenn es nicht den Stanislaus gegeben hätte?
9. Dezember 2007
2. Adventsonntag
Die Umkehr: überflüssig oder ohne Alternative?
1.Lesung (Jesaia11,1-10)
1 Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, / ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.
2 Der Geist des Herrn lässt sich nieder auf ihm: / der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, / der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht.
3 [Er erfüllt ihn mit dem Geist der Gottesfurcht.] / Er richtet nicht nach dem Augenschein / und nicht nur nach dem Hörensagen entscheidet er,
4 sondern er richtet die Hilflosen gerecht / und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist. Er schlägt den Gewalttätigen / mit dem Stock seines Wortes und tötet den Schuldigen / mit dem Hauch seines Mundes.
5 Gerechtigkeit ist der Gürtel um seine Hüften, / Treue der Gürtel um seinen Leib.
6 Dann wohnt der Wolf beim Lamm, / der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, / ein kleiner Knabe kann sie hüten.
7 Kuh und Bärin freunden sich an, / ihre Jungen liegen beieinander. / Der Löwe frisst Stroh wie das Rind.
8 Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter, / das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange.
9 Man tut nichts Böses mehr / und begeht kein Verbrechen / auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn, / so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist.
10 An jenem Tag wird es der Spross aus der Wurzel Isais sein, / der dasteht als Zeichen für die Nationen; die Völker suchen ihn auf; / sein Wohnsitz ist prächtig.
Evangelium (Mathäus, 3,1-12)
1 In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf und verkündete in der Wüste von Judäa:
2 Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.
3 Er war es, von dem der Prophet Jesaja gesagt hat: Eine Stimme ruft in der Wüste: / Bereitet dem Herrn den Weg! / Ebnet ihm die Straßen!
4 Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften; Heuschrecken und wilder Honig waren seine Nahrung.
5 Die Leute von Jerusalem und ganz Judäa und aus der ganzen Jordangegend zogen zu ihm hinaus;
6 sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen.
7 Als Johannes sah, dass viele Pharisäer und Sadduzäer zur Taufe kamen, sagte er zu ihnen: Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt?
8 Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt,
9 und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben ja Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen Kinder Abrahams machen.
10 Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.
11 Ich taufe euch nur mit Wasser (zum Zeichen) der Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe auszuziehen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.
12 Schon hält er die Schaufel in der Hand; er wird die Spreu vom Weizen trennen und den Weizen in seine Scheune bringen; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen.
Umkehr- überflüssig oder ohne Alternative?
Wir tun uns schwer mit diesem Johannes. Schon allein die Bezeichnung sagt uns heute gar nichts. Taufe ist heute ein Familienfest, ein neuer Mensch, ein neuer Name kommt in die gewohnte Welt. Damals war Taufe etwas anderes, Ausdruck dafür, dass man sein Leben anders zu sehen begann, ernster, umfassender, dass man ein neues Verständnis von den letzten Dingen, von Gott erfuhr. Es war etwas Einschneidendes, Gewaltiges, voll und ganz eingetaucht zu werden in das Element Wasser und wieder aufzusteigen als ein anderer. So haben es die ersten Christen erlebt. Es war das Ereignis ihres Lebens, das man nicht vergessen konnte, an das die Schriften der jungen Christenheit ständig erinnern. Es wurde in ihnen etwas wach, wenn sie das Wort Taufe hörten. Der Täufer war der, welcher eine neue Weltzeit ankündigte, eine der Hoffnung, des Aufbruchs, wo Altes zerbricht und Neues im Kommen ist.
Das Schlüsselwort heißt: "Das Himmelreich ist nahe." Und dazu sollten wir umkehren. Auch hier stockt etwas in uns. Haben wir nicht schon genug Mühe und Eifer für den Glauben aufgebracht? Ist es nicht so, dass in der Kirche ständig die Bekehrung der Bekehrten angemahnt wird? Wir sind doch im Glauben aufgewachsen, an die Praxis gewöhnt, was soll da die große Umkehr, dazu noch jedes Jahr?
Vergleichen wir diese Einwände mit dem Text des Mathäus, kommen wir zu einem überraschenden Ergebnis: Die Menschen, an denen sich das harte Wort vom Feuer und Gericht richtet, sind Pharisäer. Es sind genau die Frommen und Eifrigen, die vor Johannes nicht bestehen können und denen er das Strafgericht androht. Um ganz ehrlich zu sein: Die Mahnrede des Johannes sollten wir als die Treuen, vor allem als solche, welche die Religion als Beruf ausüben, als erste ernst nehmen. Religiös sein heißt noch lange nicht, Jesus verstanden zu haben und in seiner Gesinnung handeln. Der Vorwurf vieler an die Verkündiger und deren treue Anhänger lautet: Da ist so viel Routine, da hört man fast nur noch Schablonen von Erlösung und Heil, Worte, die nicht greifen, denen das Packende fehlt. Die Folgen sehe man ja: Die Zahl der Gläubigen, der Priester und Ordensleute, der Pfarreien und Klöster wird weniger und das schon seit Jahrzehnten. Andererseits gibt es spirituelle Aufbrüche außerhalb der Kirche mit einer Intensität, welche auch kritischer Beurteilung stand hält. Es ist tatsächlich die Frage nach der Fruchtbarkeit des kirchlichen Wirkens, nach den Früchten der Umkehr. Hier gilt es, das Wort "Umkehr" und den, der sie einfordert, genauer anzuschauen. Zunächst aber steht das " Himmelreich, das nahe ist" in der Mitte der Betrachtung.
Wir sollten nicht sofort an äußere Ereignisse denken, an Heilung der Kranken, der Blinden und Lahmen, der Aussätzigen. Wir dürfen genauer schauen auf die, die als Gesunde von Jesus verwandelt wurden und das Himmelreich in sich spürten. Erinnert sei an den Zöllner Zachäus, dem eine neue Welt aufging. Es waren innere Vorgänge, die aber nicht im Innern bliebe, sondern als Konsequenzen wie selbstverständlich nach außen gingen.
Für den Mann, der von der Habsucht gelebt hatte, hatte das Geld seine Faszination verloren. Es war in ihm etwas Neues aufgebrochen. Die Freude, die Jesus weckte, hatte eine tiefere Dimension geöffnet, den Grund seiner Seele, der wie der gute Boden der Erde neue Keime hervorbringt.
"Ein junger Trieb aus seinen Wurzeln trägt Frucht", hörten wir am Beginn der Lesung. Was ansteht, ist, an diese Wurzeln heranzukommen, ihnen die Möglichkeit des Wachstums zu geben und sie nicht mit Äußerlichkeiten zuzuschütten.
"Gott ist tot", sagte einst Nietzsche, der einst als Prophet unserer Zeit galt. Gott ist nicht tot, er ist innen, in der Tiefe unseres Herzens. Nur: der Mensch unserer Zeit hat das Organ, ihn zu spüren, von ihm ergriffen zu sein, sich von ihm lenken zu lassen, verloren. Wir müssen hinzufügen: davon sind auch Theologen und alle, die von Berufs wegen von Gott reden, nicht ausgenommen. Die Umkehr, die von den Frommen gefordert wird, besteht darin, die Aufmerksamkeit von außen nach innen zu wenden und den Blick zu schärfen für das, was in einem selbst ist, was in der Tiefe der Seele vorgeht, von welchen Motiven wir beseelt sind und welche Möglichkeit in uns ruhen. Das Himmelreich, Gott selbst in der Tiefe unseres Seins zu suchen. Es ereignen sich dann Wunder, die in den Heiligen Texten beschrieben sind: "Der Wolf wird lagern beim Lamm, der Löwe frisst Stroh, Kuh und Bärin weiden zusammen… " Es ist Friede, weil es die Erkenntnis des Herrn ermöglicht. Damit ist mehr gemeint als ein theologisches Wissen. Eher ist an den Jubel des heiligen Franziskus zu denken, der in seinem Sonnenlied zum Ausdruck kommt. Er ist der, welcher mit dem Wolf von Gubbio Frieden geschlossen und das Lamm vor dem Schlachthof frei gekauft hat. Er war es auch, der Versöhnung zwischen den verfeindeten Parteien stiftete.
Der Mann aus Assisi dürfte etwas von Johannes dem Täufer an sich gehabt haben, schon von seiner Kleidung her, von seinem Auftreten, das die die gewohnte Welt durcheinander brachte. Beide kamen aus der Wüste, aus dem inneren Land, wo die ursprüngliche Kraft des Überlebens Menschen prägt. Diese Kraft ist auch uns zugänglich, wenn wir den Abstieg in die eigene Tiefe wagen.
Darstellung des Herrn
Die Gottesweihe - ein unbekanntes Tun
1.Lesung Maleachi 3,1-41 Seht, ich sende meinen Boten; / er soll den Weg für mich bahnen. Dann kommt plötzlich zu seinem Tempel / der Herr, den ihr sucht, und der Bote des Bundes, den ihr herbeiwünscht. / "Seht, er kommt!" spricht der Herr der Heere. 2 Doch wer erträgt den Tag, an dem er kommt? / Wer kann bestehen, wenn er erscheint? Denn er ist wie das Feuer im Schmelzofen / und wie die Lauge im Waschtrog. 3 Er setzt sich, / um das Silber zu schmelzen und zu reinigen: Er reinigt die Söhne Levis, / er läutert sie wie Gold und Silber. Dann werden sie dem Herrn / die richtigen Opfer darbringen. 4 Und dem Herrn wird das Opfer Judas und Jerusalems angenehm sein / wie in den Tagen der Vorzeit, wie in längst vergangenen Jahren.
2.Lesung Hebräer 2,11-12.1 13c-18 11 Denn er, der heiligt, und sie, die geheiligt werden, stammen alle von Einem ab; darum scheut er sich nicht, sie Brüder zu nennen 12 und zu sagen: Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, / inmitten der Gemeinde dich preisen; 13 und ferner: Ich will auf ihn mein Vertrauen setzen; und: Seht, ich und die Kinder, die Gott mir geschenkt hat. 14 Da nun die Kinder Menschen von Fleisch und Blut sind, hat auch er in gleicher Weise Fleisch und Blut angenommen, um durch seinen Tod den zu entmachten, der die Gewalt über den Tod hat, nämlich den Teufel, 15 und um die zu befreien, die durch die Furcht vor dem Tod ihr Leben lang der Knechtschaft verfallen waren. 16 Denn er nimmt sich keineswegs der Engel an, sondern der Nachkommen Abrahams nimmt er sich an. 17 Darum musste er in allem seinen Brüdern gleich sein, um ein barmherziger und treuer Hoherpriester vor Gott zu sein und die Sünden des Volkes zu sühnen. 18 Denn da er selbst in Versuchung geführt wurde und gelitten hat, kann er denen helfen, die in Versuchung geführt werden.
Evangelium Lukas 2,22-40 22 Dann kam für sie der Tag der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung. Sie brachten das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn zu weihen, 23 gemäß dem Gesetz des Herrn, in dem es heißt: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein. 24 Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben. 25 In Jerusalem lebte damals ein Mann namens Simeon. Er war gerecht und fromm und wartete auf die Rettung Israels und der Heilige Geist ruhte auf ihm. 26 Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Messias des Herrn gesehen habe. 27 Jetzt wurde er vom Geist in den Tempel geführt; und als die Eltern Jesus hereinbrachten, um zu erfüllen, was nach dem Gesetz üblich war, 28 nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten: 29 Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, / wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. 30 Denn meine Augen haben das Heil gesehen, / 31 das du vor allen Völkern bereitet hast, 32 ein Licht, das die Heiden erleuchtet, / und Herrlichkeit für dein Volk Israel. 33 Sein Vater und seine Mutter staunten über die Worte, die über Jesus gesagt wurden. 34 Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. 35 Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen. 36 Damals lebte auch eine Prophetin namens Hanna, eine Tochter Penuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hoch betagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt; 37 nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten. 38 In diesem Augenblick nun trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. 39 Als seine Eltern alles getan hatten, was das Gesetz des Herrn vorschreibt, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazaret zurück. 40 Das Kind wuchs heran und wurde kräftig; Gott erfüllte es mit Weisheit und seine Gnade ruhte auf ihm.
Heute -so ist der Inhalt des Festes der Darstellung des Herrn- bringen die Eltern Jesu das Kind in den Tempel, um es dem Herrn zu weihen. Heute wird im kirchlichen Raum der "Tag des Gott geweihten Lebens" begangen, gemeint ist der Tag der Orden und Klöster. Damit beginnen auch schon die Schwierigkeiten. Es ist eine Tatsache, dass die Orden ein Kloster, eine Niederlassung nach der andern schließen, weil es kaum noch junge Menschen gibt, die dieses Leben für sinnvoll halten. Woran mag es wohl liegen? An der Oberflächlichkeit und Glaubenslosigkeit des heutigen, geistigen Klimas? Oder müsste man das traditionelle Verständnis der gelebten Nachfolge kritisch hinterfragen?
In ihren Ursprüngen waren die Orden an der Spitze der geistigen Bewegungen und Entwicklungen der Zeit und haben sie wesentlich geprägt. Heute scheinen sie eher das Schlusslicht zu sein oder diesen hinterher zu laufen. Die allererste Frage lautet deshalb: Was heißt: "sich Gott weihen?"
Allein schon das Wort "Gott" ist heute nicht mehr selbstverständlich. Ist dieses Wesen ein abstraktes Prinzip, eine Illusion und Projektion, wie aufgeklärte Philosophen und Psychologen meinen, eine Instanz außerhalb der Welt, die mit dem wirklichen Leben nichts zu tun hat? Ist Gott eine Realität, der man sich anvertrauen, sogar ganz übergeben kann? An dieser Gewissheit fehlt es auf breiter Ebene.
Oder ist da doch noch etwas vorhanden, wenn die meisten Eltern ihr Neugeborenes zur Taufe bringen? Es ist gewiss nicht immer die ausgeprägte Tauftheologie, welche Menschen auch heute noch dazu veranlasst; es ist eher das Bedürfnis, dem Kind etwas Gutes zu tun, es in den Raum Gottes zu stellen, wofür das sichtbare, heilige Gebäude, ein Symbol ist. Damals war es der Tempel, heute ist es die Kirche.
Dazu dürfen wir sagen: der äußere Raum entspricht auch einem inneren. Es gibt so etwas wie einen Raum der Seele, in dem Gott spürbar ist. Eine Frau, die Mutter geworden war, aber sonst mit der Kirche keine Verbindung hatte, sagte mir, dass sich ihr in diesem Ereignis ein Raum des Religiösen geöffnet habe.
Es hilft uns weiter, wenn wir uns diesen Raum einmal genauer anschauen. Wie war es bei Menschen, denen Gott zur selbstverständlichen Realität, sogar zur Leidenschaft wurde, die alles hinter sich ließen, um ihr "Leben Gott zu weihen"? Als erstes, fällt auf: sie waren froh. Es war etwas Kostbares und Schönes, zu dem sie Zugang fanden. Es bekam einen solchen Wert, dass sie alles andere aufgeben konnten.
Uns sind die Beispiele der großen Heiligen geläufig, aber nicht auf jeden Fall zugänglich. Der heilige Franziskus wurde der Bruder "Immerfroh" genannt. Aber es bleibt die Frage: Wie kommen wir zu dieser Freude, zu dem "heiteren Herzen", wenn wir nicht solche Erfahrungen aufweisen können wie der Mann aus Assisi, dem die Begegnung mit den Aussätzigen zur Seligkeit wurde. Man kann sich das neue Gefühl nicht einfach herbeiwünschen. Hier ist die Nachahmung eines Heiligen von vorneherein ausgeschlossen. Eher beginnt es mit einem Weg, der uns so nach und nach zum Raum Gottes führt, so wie die Eltern Jesu mit ihrem Kind zum Tempel in Jerusalem gingen.
Es wurde das "froh sein" des Heiligen Franziskus erwähnt. Froh ist man dann, wenn man sich eins, stimmig ist, wenn Sehnsucht und Erfüllung zusammen gehen. Es ist Suche nach dem Echten, nach der inneren Wahrheit, nach dem, wer ich im Letzten bin. Das moderne Wort dafür ist Authentizität. Auf dieser Erlebnisspur liegt das, was wir Erfahrung Gottes nennen oder den Raum Gottes in mir oder Gott in der Tiefe der Seele. Gott ist nicht ein ausgedachtes Prinzip, er ist nicht der Lenker von außen, ohne den wir auch gut auskommen könnten, sondern er ist dort zu finden, wo ich mir selbst am nächsten bin. Dieser Punkt liegt gewöhnlich nicht im Bereich dessen, was uns täglich beschäftigt, worum wir uns sorgen, was uns aufregt, wonach wir trachten. Er liegt ein großes Stück außerhalb. Es kann sein, dass wir ihn manchmal spüren und dann wäre die Gelegenheit, uns für ihn zu entscheiden. Das macht die innere Weihe aus. Sie ist zugleich eine Wandlung von diesem Erlebnisstrom her. Besser gesagt: Die Wandlung ereignet sich dann, wenn wir uns diesem Erlebnisraum öffnen. So berichtet es Ignatius von Loyola von seiner Bekehrung auf seinem Krankenlager. Er las die üblichen Ritterromane und zufällig auch die Geschichte von Jesus und von großen Heiligen. Als er merkte, welche Literatur ihn froher machte, habe er sich entschlossen, ganz und gar den Gedanken und Fantasien nachzugehen, die ihn in dieser Stimmung bestärkten. Sich Gott weihen heißt also, in den Raum Gottes in mir selbst eintreten, mich mit Leidenschaft dem hingeben, was mich echter, wahrhaftiger, authentischer macht, was mich bereichert. Es bedeutet, mich mit dem Sinn für das Kostbare, für die Güte, und für das Schöne in mir selbst, in der Begegnung mit Menschen und mit der Welt zu verbinden, eben mit dem, was mich froher macht.
Wer immer es tut, wird selbst zum kostbaren Menschen, den man gerne sieht, weil er eine wohltuende, beruhigende, erlösende und beseelende Atmosphäre verbreitet. Er wird zu einem Menschen, der wichtig ist. In der Heiligen Schrift steht dafür das Wort "Licht". Er wird zu einem Licht für die andern. Jesus war ein solcher Mensch.
Jesus ist der Mensch, von dem der Raum Gottes ganz und gar Besitz ergriffen hatte. Deshalb schien das Licht Gottes in allem durch, was er sagte, was er tat, wie er auftrat und wie er war, in seinem ganzen Erscheinen. Die beiden Alten hatten es gespürt, dass in diesem Kind die Größe Gottes verborgen ist. Im Text heißt es : Der Heilige Geist hatte es ihnen eingegeben. Es war nicht ihre eigene Erfindung. Niemand hatte es ihnen gesagt. Es war ihre vom Geist Gottes gelenkte Intuition. Man könnte auch sagen: Ihre Freude spiegelt etwa von dem Glück wider, das Menschen in der Begegnung mit Jesus erlebt haben.
nach oben23. März
Ostersonntag
Die Sonne ist aufgegangen
Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen, und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat. Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab; sie liefen beide zusammen dorthin, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als erster ans Grab. Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging aber nicht hinein. Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle. Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. Denn sie wussten noch nicht aus der Schrift, dass er von den Toten auferstehen musste. Dann kehrten die Jünger wieder nach Hause zurück. Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein. Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten. Die Engel sagten zu ihr: Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Man hat meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat. Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen. Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich ihm zu und sagte auf hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister. Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern, und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Maria von Magdala ging zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie richtete aus, was er ihr gesagt hatte. (Joh. 20,1 - 18)
Heute ist der große Tag der Christen, dessen Bedeutung alle Tage des Jahres, sogar alle Zeiten überragt, an dem Vergangenheit und Gegenwart gemessen werden. Es fällt auf, dass die Osterberichte und die Liturgie dem Beginn dieses Tages besondere Aufmerksamkeit schenken. Johannes betont, dass Maria Magdalena zum Grabe kam, als es noch dunkel war, ebenso ist den anderen Evangelisten wichtig zu sagen, dass es früh am Morgen war, als die Frauen zum Grab eilten.
Der Übergang von der Nacht zum Tag, von der Dunkelheit zum Licht hat unmittelbar mit dem zu tun, was mit Auferstehung Christi und unserer eigenen Auferweckung gemeint sein kann. Maria von Magdala war die, aus der Jesus sieben Dämonen ausgetrieben hatte, in der es selbst einmal stockfinstere Nacht war. Es muss für sie wie das Aufgehen der Sonne gewesen sein, als Jesus in ihren Lebensraum eintrat und ihn hell machte.
Wenn wir in unser eigenes Leben schauen; ist es nicht so, dass jeder Mensch, der in unseren näheren Bereich tritt und ihn beglückend ausfüllt, wie eine aufgehende Sonne ist? Wenn zwei Menschen einander als liebenswert und liebenswürdig entdecken, ist doch alles anders geworden. Es ist doch wie ein erweckt werden aus einem Schlaf, in dem unser Wesen bisher dahin dämmerte. Dasselbe können Eltern sagen, denen zum ersten Mal ein Neugeborenes entgegen lächelt.
Auf diesem Hintergrund dürfen wir den Bericht von der Begegnung Marias von Magdala mit dem Auferstandenen verstehen: für sie ist die Sonne aufgegangen, überwältigender und leuchtender als es sich je zwischen Menschen ereignen kann. Das Entscheidende geschieht, als Maria mit ihrem Namen gerufen wird. Vorher waren ihre Augen blind, ihr Wesen von Traurigkeit und Leid verschlossen. Dieser ganz persönliche Anruf war es, der alles verändert hat. Ihr Name, so ausgesprochen, wie von niemand und nie zuvor - das war die Erfüllung ihrer Sehnsucht, das war: endgültig verstanden, endgültig angenommen sein; das war ein Wachwerden in Innenräumen, die sie noch nie zuvor gekannt hatte. Wenn wir je etwas verstehen wollen von dem, was mit Auferstehung gemeint ist, dann das eine: wir werden wie Maria mit unserem Namen gerufen, liebend und verstehend; mit all dem, was unsere Lebensgeschichte ausmacht, mit all dem Leid, den Umwegen und Irrwegen, mit den Enttäuschungen und mit den Hoffnungen. Es wird uns gesagt, dass wir für immer, ohne Einschränkung vom höchsten Wesen erkannt sind, als Frau, als Mann verstanden, bejaht, erfüllt, dass wir die sein dürfen, die wir im Innersten sind, einmalig und doch in der Nähe aller.
Wenn sich so etwas in einem Leben ereignet - wenn die tiefste Sehnsucht erfüllt wird - dann ist es - im Bild gesprochen - einfach Tag geworden im Leben eines Menschen. Deshalb wurde auch Christus die Sonne der Gerechtigkeit genannt. Wir haben dazu unsere Einwände, weil wir immer noch mit unserer Finsternis konfrontiert sind, sogar noch mitten darin stecken in unserer Unsicherheit, Verlassenheit, Traurigkeit wie Maria von Magdala.
Verheißen ist, dass es endgültig, ganz und gar einmal Tag wird. Die Auferstehung Jesu ist der Schlüssel für die letzte Frage des Menschen, die ihn immer wieder quält und umtreibt: Was ist nach dem Tod? Wird es ewig aus sein d. h. ewig Nacht sein? Oder ist da noch etwas, was kommt? Das Undurchschaubare, das Endgültige, das Unumkehrbare ist es, das Angst macht. Die Erfahrung der ersten Christen war die: es gibt einen Übergang von der Finsternis zum Licht, von der Nacht zum Tag; jetzt schon. Dies ist so fest, wie es Lebensprozesse gibt, die uns wandeln, vom Kind zum Jugendlichen, vom jungen Menschen zum Erwachsenen, vom Erwachsenen zum reifen, weisen, erfüllten Alter.
Die frühen Christen haben diesen Übergang erlebt, als sie Christus begegneten. Ihre Überzeugung war, dass der Tod nur mehr der letzte Schritt von vielen schon getanen ist, von der Enge in die Freiheit, von der Verlassenheit in die Nähe und Geborgenheit, vom Schlaf zum Erwachen, von der Nacht in den Tag.
Das ist es, was Paulus mit den Worten sagen wollte: "Ihr seid mit Christus auferweckt" (Kol 3,1). Ihr seid schon wach geworden für die Wirklichkeit, die das Leben ausmacht, für die Dichte und Fülle, für die Kraft, die alles Äußere und Hinfällige überragt.
In Maria von Magdala sind die große Sehnsucht und die große Liebe und die große Erwartung dargestellt. Wenn wir etwas von ihr haben, heißt das: wir freuen uns auf den nächsten Tag, wir sind gespannt, was auf uns zukommen wird, wir lassen uns überraschen. Dies wird Christus tun, dessen können wir gewiss sein.
nach oben22.Jui 2008
12. Sonntag im Jahreskreis
Der verborgene Wendepunkt
1.Lesung (Jer 20.10-13)
2. Lesung Röm 5,12-15
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Fürchtet euch nicht vor den Men-schen! Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird. Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern. Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann.
Verkauft man nicht zwei Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch fällt keiner von ih-nen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.
Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.
Evangelium Mt 10,26-33
Immer wieder treibt uns die Frage um: Was können Menschen in unserer Zeit mit dem Text anfangen? Wir können unseren Glauben frei bekennen, wir brauchen kei-ne Angst zu haben, dafür getötet zu werden; sich zu Christus zu bekennen ist durch-aus gesellschaftsfähig. Ein Wort Jesu lässt sogar eine recht triviale Deutung zu: "Nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird" (Mt10,26). Man kann an die geheime Überwachung von Mitarbeitern bei verschiedenen Firmen denken, an die geplanten Gesetze zur Terrorbekämpfung, an die damit ausgelöste Diskussion um den Über-wachungsstaat und "gläsernen Menschen". Die Intimsphäre eines Menschen wird nach wie vor als hohes Gut betont, obwohl man erleben kann, dass intimste Dinge über das Handy durch das Zugabteil geschrieen werden.
Es ist wahr, es gibt einen Innenraum und einen Außenraum, in dem wir uns bewe-gen. Es scheint ein Kennzeichen unserer Zeit zu sein, dass für viele der Innenraum zum Außenraum geworden ist. Was nach dem Wort Jesu als "verhüllt" bezeichnet und "enthüllt" wird, ist etwas an-deres, als was in manchen Sendungen als Sensation dargeboten wird. Es geht um Erfahrungen, die sich in der Einsamkeit ereignet haben, um Begegnung mit dem tiefsten Geheimnis.
Hier endet bei den meisten schon die Aufmerksamkeit; denn wir betreten damit ein unbekanntes Land, das aber eine Erforschung und auch ein Abenteuer wert ist. Es ist das Gebiet der unbewussten Seele, welche man für bedeutungslos hält, welche aber ohne unser Zutun und Wissen unsere Gefühle, unsere Entscheidungen und unser Glück bestimmt.
In diesem Zusammenhang sind wir gut beraten, einmal auf den Tiefenpsychologen C.G. Jung zu hören, welcher der Meinung war, dass wir im Hinblick auf die Menschheitsgeschichte nur die alleräußerste Oberfläche der Ereignisse sähen. Das eigentli-che geschichtliche Geschehen sei tief verborgen, es sei privates, subjektivstes, seelisches Leben und Erleben. In dieser verborgenen, unbewussten Sphäre des Einzel-nen haben die großen Umwälzungen und Entwicklungen zuerst stattgefunden, wur-den neue Ideen geboren, die dann um sich gegriffen und die Geschichte umge-schrieben haben. Dazu gehören als erste die Stifter der großen Religionen, deren Schriften man als Niederschlag der eigenen Lebensgeschichte lesen kann.
So dürfen wir annehmen, dass Jesus in seinen Reden aus seinem eigenen Leben spricht und etwas von einem ganz geheimen Geschehen offenbart. Denken wir daran, dass sich bei der Taufe Jesu "der Himmel öffnet"(Mt 3,13), dass während des Betens sein Gesicht wie die Sonne leuchtet(Mt17,2),dass nach einer im Gebet ver-brachten Nacht "eine Kraft von ihm ausgeht, die alle heilt"( Mt ). Es ist der Innenraum der Seele, der sich bei ihm auftut und gewaltige Anziehung ausübt. Er muss, von innen getrieben, in die Einsamkeit gehen und das Erlebte verarbeiten- "der Geist trieb ihn in die Wüste" heißt es bei Markus(Mk 1,12)- weil das Erlebte so stark war. Er braucht dafür Zeit, um es zu verarbeiten. Es werden vierzig Tage genannt, eine symbolische Zahl, welche den Abschluss dieses Prozesses ausdrückt. Erst dann kehrt er in seine Heimat zurück. Er war ein anderer geworden, einer, der von seinem Dorf und seiner Familie nicht mehr verstanden wird, einer der anders denkt und in allem anders ist, weil er Gott unmittelbar spürt und darstellt, einer der durch seine Rede Menschen aufwühlt, erschüttert und verwandelt, einer, der Geschichte gemacht hat. Was im Verborgen geschehen war, trat nach außen.
Fast dasselbe wird von Franziskus gesagt. Sein Verlangen, in allem Christus ähnlich zu sein, geht einher mit dem Verlauf seiner inneren Geschichte. Es gab die Einbrü-che in sein Leben, in denen sich ihm der Himmel öffnete. Darauf folgte der Rückzug in die Einsamkeit, aus der er als Neuer hervorging, als einer, dem die "Finsternisse des Herzens" genommen, dem an ihrer Stelle das Licht, die Freude, die Heiterkeit des Herzens und die Kraft der Überzeugung geschenkt wurden. "Er sprach in einfäl-tiger Rede, aber sein Wort aus der Fülle des Herzens ergriff die Zuhörer," berichtet sein Biograph Thomas von Celano. "Sein Wort war wie brennendes Feuer, das in die Tiefe des Herzen drang," heißt es an derselben Stelle. Er ist ein Beweis dafür, wie das, was sich in Abgeschiedenheit ereignet, nach außen dringt und Wirkung zeigt.
Nicht unerwähnt soll bleiben, dass das Unverständnis für jemand, der anders ist und anders denkt, bald in Ablehnung und Hass umschlägt. Hier schließt die Ermunterung Jesu zur Furchtlosigkeit an. Sie ist auf dem Hintergrund zu sehen, dass die Seite des Verborgenen zugleich der Anschluss an die große Kraft Gottes ist. "Wenn alle euch ablehnen, denkt daran, welchen Wert ihr bei Gott darstellt, der euch deshalb nicht zugrunde gehen lassen kann", so könnte man die Mahnung Jesu wiedergeben. Nur dann, wenn die Jünger den Punkt in ihnen, in dem sie mit Christus verbunden sind, vergessen, "ihn verleugnen", wird es für sie gefährlich.
Die Frage bleibt: Was hat all das mit unserem ganz normalen Leben zu tun? Es wird dann aktuell, wenn dieses plötzlich nicht mehr so normal verläuft, wenn es absackt in Verwirrung und Ausweglosigkeit. Man spricht sehr häufig von Krisen. De-ren tieferer Sinn es ist, sich jetzt der noch unbekannten Rückseite des Lebens und der Seele zu zuwenden. Der Schritt nach innen wird dann möglich und fruchtbar, wenn man aufhört, andern die Schuld für das eigene Unglück zuzuschieben, stattdessen die Verantwortung für das eigene Wohlergehen und die eigene Zukunft voll und ganz übernimmt. Man darf sagen: Wenn ich schon an den Umständen nichts ändern kann, so kann mich doch niemand daran hindern, mich selbst zu verändern.
Wer den Schritt zu einem/er Seelsorger/in oder in eine Beratungsstelle wagt, hat jedem, der in derselben Lage dies verweigert, vieles voraus: er sieht ein, daß er Hil-fe braucht und daß eine Besserung der Situation bei ihm selbst beginnt. Bei allem Leid birgt eine Lebenskrise die Chance in sich zu lernen, das Dunkle und Verborgene in Helles zu wandeln und sein Leben mit Verstand zu gestalten. Deshalb ist nichts hilfreicher, als den unangenehmen Dingen rechtzeitig und wachsam ins Auge zu schauen und die Schritte für eine tief greifende Wende mit Entschlossenheit zu tun.
nach oben17. August 2008
20.Sonntag im Jahreskreis
Ein Schrei, der Grenzen sprengt
1.Lesung: Jes 56,1.6-7
1 So spricht der Herr: Wahrt das Recht und sorgt für Gerechtigkeit; / denn bald kommt von mir das Heil, / meine Gerechtigkeit wird sich bald offenbaren. Die Fremden, die sich dem Herrn angeschlossen haben, / die ihm dienen und seinen Namen lieben, um seine Knechte zu sein, / alle, die den Sabbat halten und ihn nicht entweihen, / die an meinem Bund fest halten, 7 sie bringe ich zu meinem heiligen Berg / und erfülle sie in meinem Bethaus mit Freude.Ihre Brandopfer und Schlachtopfer finden Gefallen auf meinem Altar, / denn mein Haus wird ein Haus des Gebets für alle Völker genannt.
2.Lesung: Röm 11,13-15,29-32
Euch, den Heiden, sage ich: Gerade als Apostel der Heiden preise ich meinen Dienst, 14 weil ich hoffe, die Angehörigen meines Volkes eifersüchtig zu machen und wenigstens einige von ihnen zu retten. 15 Denn wenn schon ihre Verwerfung für die Welt Versöhnung gebracht hat, dann wird ihre Annahme nichts anderes sein als Leben aus dem Tod. 9 Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt. 30 Und wie ihr einst Gott ungehorsam wart, jetzt aber infolge ihres Ungehorsams Erbarmen gefunden habt, 31 so sind sie infolge des Erbarmens, das ihr gefunden habt, ungehorsam geworden, damit jetzt auch sie Erbarmen finden. 32 Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um sich aller zu erbarmen.
Evangelium: Mt 15,21-28
21 Von dort zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. 22 Da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. 23 Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Befrei sie (von ihrer Sorge), denn sie schreit hinter uns her. 24 Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. 25 Doch die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! 26 Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen. 27 Da entgegnete sie: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen. 28 Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.
Jesus erscheint uns heute in einer Form, die gar nicht so recht in das herkömmliche Bild passt. Wir sind es gewohnt, ihn als den zuvorkommenden, gütigen Heiland zu sehen. Hier lässt er sich bitten und betteln und gebraucht sogar einen recht abwertenden Vergleich im Hinblick auf die Bittstellerin: sie, die Heidin wird auf die Stufe der Hunde gestellt, die Leute vom eigenen Volk gelten als die Kinder des Hauses, denen man das Brot nicht wegnehmen darf. Die schroffe Abweisung ist für uns nicht leicht nachzuvollziehen.
So wie die Szene geschildert wird, sehen wir Jesus in einem inneren Konflikt: Hier seine Verpflichtung dem eigenen Volk gegenüber, dort die Not und die Bitte einer Frau aus der Fremde, mit einem anderen Glauben, mit anderen Vorstellungen. Es ist da auch für Jesus ein Grenzzaun, der ihn zunächst nicht weitergehen lässt. Es mag ein Hinweis sein, wie tief Jesus als Mensch im eigenen Volk verwurzelt ist und auch unter der traditionellen Auffassung von der übergroßen Kluft zwischen dem Volk Jahwes und den Heiden steht.
Das Auffällige an der Geschichte ist, dass genau die Heidin diese Vorstellung durchbricht. Es beginnt damit, dass sie ihn mit "Sohn Davids" anspricht. Der König, der die Israeliten zu einem mächtigen Staat geeint hatte, war zum Mythos geworden. Er stellt die große Vergangenheit dar und verspricht die große Zukunft. Wen geht der Name schon etwas an als die Juden? Was hat eine Heidin damit zu tun?
Wenn die Frau als eine Außenstehende sich auf den großen Namen beruft, hat sie damit die Tür schon einen Spalt geöffnet. Sie spricht damit Jesus auf die Kraft und Ausstrahlung an, die in ihm als einem Sohn des großen Königs und Volkes vorhanden ist. "Du bist doch einer aus der Reihe derer, deren Ruhm bist heute noch nachklingt. Also kannst Du mir auch helfen!" Solche Gedanken könnten in dem Anruf enthalten sein, die aber bei Jesus nicht anzukommen scheinen. Wenn Jesus die Antwort verweigert, heißt das aber, dass er kein klares Nein sagt, sondern die Entscheidung offen lässt und damit für die Bittstellerin eine Chance besteht.
Das spürt sie und weiß, dass es sinnvoll ist, mit dem Bitten weiter zu machen. Die Begleiter Jesu hören darin nur ein Schreien, das ihnen unangenehm ist und das aufhören sollte.
Von der Seite der Frau ist es ganz anders: sie schreit ihre Not hinaus, sie legt ihre ganze Existenz, ihre Hoffnung und die Zukunft ihrer Tochter in diesen Schrei. Es ist der letzte Einsatz ihrer Person. Sie nimmt keine Rücksicht auf die abwehrenden Gesichter der Apostel. Es ist ihr egal, was die Umgebung Jesu über sie denkt oder sagt.
In dieser Haltung dürfen wir einen Schlüssel für das Gelingen des Gebetes sehen. Wenn es um den ganzen Einsatz, ums Ganze geht, wenn das Gebet keine Nebensächlichkeit ist, hat es auch die entsprechende Wirkung. Der entscheidende Moment liegt darin, dass sich der Betende selbst verändert, dass er ein anderer wird.
An den Wallfahrtsorten gibt es Geschichten von Gebetserhörungen, die der Fürbitte Marias oder eines anderen Heiligen zugeschrieben werden. Wichtiger ist aber der innere Zusammenhang zwischen einer erlebten Notsituation, dem Gebet und dem, was in dem betroffenen Menschen vor sich ging.
In einer dieser Kirchen hängt ein zwei Zentner schweres Kreuz, das ein Russlandheimkehrer auf den Knien dorthin getragen hat. Er hatte diesen ungewöhnlichen Bittgang in der Gefangenschaft im Falle seiner Rettung gelobt. Er wusste, dass er damit öffentliches Aufsehen erregen würde. Aber das war ihm in diesem Moment gleichgültig , sondern nur eines war wichtig, dass er dem Grauen entkommt. Damit zog er alle Energie in diesem einen Punkt der Todesnot und der Hoffnung zusammen. Niemand hat über diesen Mann gelacht, man war beeindruckt, weil man ahnte, was er durchgemacht hatte. Er hat damit die Menschen in der Tiefe erreicht.
Ähnliches dürfen wir auch in der Erzählung von der kanaanäischen Frau sehen. Ihr Schrei aus tiefster Seele hat auch Jesus berührt, eine Begegnung von Mensch zu Mensch geöffnet und die Grenzen Volk und Religion überwunden.
22. Februar 2009
7. Sonntag im Jahreskreis
Ein ungewöhnlicher Eingang
Als er einige Tage später nach Kafarnaum zurückkam, wurde bekannt, dass er (wieder) zu Hause war. Und es versammelten sich so viele Menschen, dass nicht einmal mehr vor der Tür Platz war; und er verkündete ihnen das Wort. Da brachte man einen Gelähmten zu ihm; er wurde von vier Männern getragen. Weil sie ihn aber wegen der vielen Leute nicht bis zu Jesus bringen konnten, deckten sie dort, wo Jesus war, das Dach ab, schlugen (die Decke) durch und ließen den Gelähmten auf seiner Tragbahre durch die Öffnung hinab. Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! Einige Schriftgelehrte aber, die dort saßen, dachten im Stillen: Wie kann dieser Mensch so reden? Er lästert Gott. Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott? Jesus erkannte sofort, was sie dachten, und sagte zu ihnen: Was für Gedanken habt ihr im Herzen? Ist es leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben!, oder zu sagen: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh umher? Ihr sollt aber erkennen, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben. Und er sagte zu dem Gelähmten: Ich sage dir: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause! Der Mann stand sofort auf, nahm seine Tragbahre und ging vor aller Augen weg. Da gerieten alle außer sich; sie priesen Gott und sagten: So etwas haben wir noch nie gesehen. Mk2.1-12
Es ist fast wie bei einer Kriminalgeschichte. Die Täter dringen nicht durch die Türe ein sondern über das Dach. Sie richten einen gewaltigen Schaden an, um zu ihrem Ziel zu kommen. Und das Auffallende ist: Der Hausherr nimmt es ihnen nicht übel. Er hätte auch Grund gehabt, doch etwas empört oder zumindest indigniert zu sein.
Es ist ja schließlich das Haus, in dem er wohnt, wo er auch die nächsten Tage verbringen muss. Die erste Reaktion Jesu wird so wiedergegeben: "als Jesus ihren Glauben sah". Man stelle sich die Szene einmal vor: Da wird geschlagen und gehämmert, da wirbelt Staub auf, da fallen Brocken. Da wird auch Jesus in seinem Reden unterbrochen. Wir dürfen annehmen, dass Jesus bei diesem Tun sofort spürt, worauf es den Eindringlingen ankommt. Für ihn ist auf Anhieb klar, mit welchem Engagement diese Männer für ihren Freund oder Verwandten eintreten. Sie riskieren alles, selbst dass sie zurückgewiesen werden, dass alles daneben geht. Es erinnert an andere Personen, die einen ähnlichen totalen Einsatz wagen. Wir dürfen an den Blinden vor Jericho denken, der auch wegen der vielen Leute nicht zu Jesus kommen kann und der aus Leibeskräften schreit, um Jesus auf sich aufmerksam zu machen.
Ähnlich ist es bei der Frau, die als Sünderin gilt und es wagt, beim Gastmahl der Frommen und Angesehenen aufzutauchen, nur um Jesus Ihre Liebe und Dankbarkeit zu erweisen. Und das mit größter Leidenschaft auch auf die Gefahr hin, mit Bausch und Bogen hinausgeworfen zu werden.
Einsatz mit allen Kräften
Diesen Einsatz mit allen Kräften, dieses Riskieren ohne Rücksicht auf Konvention meint Jesus, wenn er ihren Glauben lobt. Wir können daraus schließen: Jesus fühlt sich solchen Menschen nahe, die sich von seiner Zuversicht, von seiner Kraft und Sicherheit anstecken lassen, die in seine Atmosphäre eintauchen. Hier gelten andere Regeln. Das Sabbatgebot ist nur relativ und selbst der Eingang muss nicht unbedingt die Haustüre sein.
Es gibt Zugänge zum Glauben, die recht ungewöhnlich sind und die sogar kirchlicher Moral widersprechen. Da gibt es die tragische und beeindruckende Geschichte von Etty Hillesum, einer jüdischen Studentin, die sich während des Krieges in Amsterdam abspielte. Sie hatte bei einem aus Deutschland geflohenen jüdischen Psychotherapeuten Stunden genommen. Daraus wurden eine sehr intime Freundschaft und ein gemeinsamer Weg zu Gott. Sie beschreibt in ihrem Tagebuch ihre Stimmungen, ihre inneren Wandlungen und ihren Glauben, der sich so nach und nach zusammen mit ihrem Therapeuten und Freund aufbaut. Sie lesen gemeinsam die Bibel, Texte von Augustinus und aus der Nachfolge Christi von Thomas vom Kempen und beten miteinander. Die junge Frau erfährt in all den Tagen der schrecklichen Schikanen und des Terrors eine so tiefe Gottesbegegnung, dass sie öfters den Impuls hat, sich mitten im Lager niederzuknien und Gott zu danken. Und dies obwohl sie von zu Hause so gut wie nichts von Religion mitbekommen hat. Bei all dem Elend schreibt sie in ihr Tagebuch: " Und dennoch komme ich immer wieder zu demselben Schluss: das Leben ist schön. Und ich glaube an Gott. Und ich will mittendrin in alldem sein, was die Menschen "Gräueltaten" nennen, und dann noch sagen: das Leben ist schön". "Gott und ich sind als einzige übrig geblieben." Sie wird wie Millionen andere in Auschwitz ermordet.
Ihr Freund erkrankt an Krebs. Kurz vor seinem Tod träumt er, dass Christus ihn getauft habe.Wir fragen uns, warum ein solcher Weg heute scheinbar so selten ist. . Warum sich so viele von Kirche und vom Christentum verabschieden.
Der Eindruck täuscht nicht, dass vielen der Zugang versperrt ist, dass sich unüberwindbare Barrieren auftun. Sie finden nicht den Weg zu Jesus über den ganz normalen Eingang: die Sonntagsmesse, die Predigten und andere kirchliche Veranstaltungen.
Aber man sollte doch beachten, mit welchem Einsatz sich manche auf die religiöse Suche machen. In den Meditationshäusern kann man Personen antreffen, die von Kirche weit weg sind, aber den Wert der Stille entdeckt haben und mit höchstem Einsatz ihr Ziel weiterverfolgen.
Überraschend ist auch, welchen Stellenwert der mittelalterliche Pilgerweg nach Santiago in der Öffentlichkeit einnimmt, wie viele Markierungen der St. Jakobus-Muscheln man antreffen kann, wie viele Menschen dieses äußerst beschwerliche Unternehmen riskieren.. Es war beeindruckend, als der Showmaster Kerkeling bei einer Diskussionsrunde von seiner Pilgerschaft erzählte. Es entstand eine Atmosphäre, die man gerade bei Gesprächen um die Religion so selten antrifft. Selbst Atheisten waren berührt und man konnte wahrnehmen, dass sich hier eine Tür ganz leicht geöffnet hat.
Gewissenserforschung und Vergebung
Für uns, die drinnen sind, könnte eine Gewissenserforschung sehr heilsam sein, gerade weil im Text des Evangeliums das Thema der Sündenvergebung angesprochen ist. Wir sollten uns fragen, in wie weit wir eine Art des Glaubens praktizieren, die den Blick auf die letzte Wahrheit eher verstellt, als öffnet.
Wir sollten uns von der Vorstellung trennen, dass wir ja die Guten sind. Ob wir nicht Jesus wie selbstverständlich als unseren Besitz ansehen, aber gar nicht merken, dass wir einen undurchdringlichen Ring um ihn bilden? Den Vorwurf vieler, dass kirchliche Personen und das kirchliche Geschehen eher vom Glauben abhalten als einladen, sollten wir durchaus ernst nehmen.
Wenn wir die kritische Rückmeldung zulassen und nach ihrem Wahrheitsgehalt hinterfragen, tun wir einen wichtigen Schritt zu einer fruchtbaren Begegnung und öffnen den Zugang zu denen, die außerhalb stehen. Es kommt etwas in uns selbst in Bewegung, unser Glaube wird tiefer und macht unser Leben erfüllter.
Wir kommen auf diese Weise einer Einstellung näher, die von unbedingter Echtheit und Wahrhaftigkeit geprägt ist und die heute bei vielen Suchbewegungen und kulturellen Reformbewegungen angestrebt wird. Sie wird als Authentizität bezeichnet. Es wäre etwas von der Umkehr, die Jesus gemeint und die er bei dem Gelähmten und bei seinen Freunden wahrgenommen hat. Er fühlt sich zu dem Wort: " Deine Sünden sind dir vergeben" veranlasst. Es könnte auch heißen: es wird alles wieder gut. Es kommt alles in Ordnung, weil Gott es vom Innersten her ordnet.
nach oben19. April 2009
Weißer Sonntag
Der Atem - das Leben Gottes
Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen. (Joh 20, 19 31)
Wir wären froh, wenn uns in unseren Zweifeln so klar und eindeutig wie dem Thomas die Antwort gegeben würde. Wir müssen uns abquälen mit unseren Dunkelheiten, mit Verlassenheit, Ängsten und Unsicherheiten und warten oft lange vergebens auf eine klare Sicht, wo wir auch so überzeugt wie Thomas "Mein Herr und mein Gott" sagen könnten. Jedoch eine Spur, um aus unseren verengten und verschlossenen Räumen in die weite und wunderbare Welt der ersten Christen vorzudringen, wird uns in den kurzen Worten aufgezeigt, in denen es heißt; "Jesus hauchte sie an und sprach zu ihnen: Empfanget den HI. Geist." (Joh. 20,11).
Ganz offensichtlich wird hier, daß der Geist Gottes etwas mit dem Atem zu tun hat, so wie wir ihn tagtäglich in uns spüren. Deshalb lade ich Sie jetzt ein, für eine Minute nur auf Ihren Atem zu ach-ten.
Sie werden bemerkt haben, daß Sie sich selbst verändern, sobald Sie Ihren Atem bewusst wahrnehmen. Die Aufmerksamkeit geht vom Kopf in den Leib, in Brust und Beckenraum, von außen nach innen. Der Fluss der Gedanken kommt zum Stillstand, wir werden ruhiger. Der Atem führt uns in die Innenräume unseres Leibes und wenn wir es lang genug üben in die der Seele.
Es öffnen sich die Augen des Herzens, unsere inneren Wahrnehmungsorgane für die Welt, in die Jesus eingetreten ist. Wir werden die Nähe Jesu, des Auferstandenen, in uns selbst spüren; denn wir dürfen diesen Christus nicht in einem räumlich entfernten Jenseits suchen, sondern in den unbewussten Tiefen unseres Herzens. Dies meint Paulus, wenn er davon spricht, daß nicht mehr er lebt, sondern Christus in ihm (Gal 2,2); oder wenn er sagt, man brauche Christus nicht vom Himmel herunter oder aus der Tiefe der Erde heraufzuholen, vielmehr gelte es, auf die Stimme des Herzens zu achten, weil in ihm Gott zu finden sei. (Vgl. Röm. 10,5 8). Wer mit dem Atem bewusst nach innen schaut, kommt in die Räume, die dem Hastigen, dem Oberflächlichen, dem Geschäf-tigen verschlossen sind. Wir erreichen jenen Punkt in uns selbst, wo die Gefühle und Antriebe ihren Sitz haben. Wenn wir dort einmal angelangt sind, werden wir nicht mehr von falschen Vorstellungen in die Irre geleitet, nicht mehr vom Ärger über andere gequält, von Gefühlen der Minder-wertigkeit erniedrigt. Dann haben wir soviel Kraft in uns, daß wir andere lassen können, wie sie sind, weil wir selbst in uns die Gewissheit tragen, daß alles gut wird. Nicht, daß wir mit großer Mühe unsere bösen Empfindungen unterdrücken, sondern sie sind einfach nicht mehr da: die Angst um die Zukunft, die Sorgen, die Verletzungen und enttäuschten Erwartungen. Ich denke daran, mit welcher Erfülltheit, Ausstrahlung und Kraft die Teilnehmer einen Meditationskurs verlassen. Wer einen solchen Weg gegangen ist, der sieht, hört, denkt und redet anders. Im Evangelium heißt dieser Zustand "Friede" und "Vergebung der Sünden". Man kann den Auferstandenen nicht sehen, außer man lässt sich voll und ganz in sein Kraftfeld ziehen und sich die Augen des Herzens öffnen. Wer seinen kritischen Verstand zum ausschließlichen Maß aller Dinge macht, wer sich draußen hält, der sieht gar nichts.
Die Geschichte vom Zweifler Thomas ist die des abgespaltenen Intellekts. Er war nicht dabei, als den andern die Erfahrung des Auferstandenen widerfuhr. Das Eigentliche, die persönliche Begegnung mit Christus, das Aufgewühlt- und Überwältigwerden, kann man nicht erzählen und vermitteln. Sie muss einem jeden selbst geschehen. Sie ist größer als der kalte, "objektiv" urteilende Intellekt. Die persönliche Begegnung, welche das Herz aufschließt, führt in eine Welt, die dem kalten Intellekt verschlossen, aber voller Glück, Größe, Schönheit und Staunen ist. Wer über den Atem, wer vom Geist geleitet, in sein Inneres gefunden hat, für den kommen die Dinge, die wir in Bereiche von Gemüt und Verstand aufteilen, zur Einheit und Harmonie.
Zugleich führt eine solche Erfahrung im Grunde des Herzens alle, die sie gemacht haben, zusammen. Sie atmen dieselbe Luft, werden vom selben Geist, vom Innersten her gelenkt, inspiriert, durchseelt und getragen. Christus, das Zentrum, das allen gemeinsam ist, lenkt alle Aufmerksamkeit auf sich und bindet alle Kräfte ein, ohne die Freiheit zu nehmen. So wie sich die Türen nach innen geöffnet haben, so tun sie sich auch füreinander auf. Von den ersten Christen heißt es, "sie waren ein Nerz und eine Seele" (Apg 4,22 34). Sie konnten ihr Hab und Gut gemeinsam haben, weil ihr höchster Wert, die Erfahrung des Auferstandenen, allen gemeinsam war. Der Weg zueinander beginnt mit dem Weg nach innen, wo wir überraschend auf so viele stoßen, die mit uns unterwegs sind. So möge für uns heute der achte Tag nach Ostern zum Tag des Aufbruchs werden, wie für die ersten Christen der achte Tag zum Ende der alten und zum Anfang einer neuen Welt wurde.
nach oben19.Juli 2009
16. Sonntag im Jahreskreis
Der Raum des Aufatmens
(Mk 6,30)
Urlaubsstimmung
Stellen wir uns vor: Wir sind in einer unberührten Landschaft, wir spüren den Wind um uns, es ist angenehm warm und tut uns gut; der Himmel über uns ganz offen, zu unseren Füßen ein Bergsee; die Tiefe des Sees und die Tiefe des blauen Himmels lassen uns still werden; wir sind zusammen mit guten Freunden. Wenn es Zeit ist, kommen gute Gespräche auf. Wir fühlen uns wohl, herausgenommen aus den Verpflichtungen und dem Druck des alltäglichen Lebens. So konnten wir uns den Urlaub vorstellen - so ähnlich könnte es auch gewesen sein, als Jesus mit seinen Aposteln zusammen war.
Jesus ist menschlich
Im Grunde wird heute ein sehr menschlicher Zug Jesu sichtbar, als er seine Freunde zu einer Erholungspause in einer einsamen Gegend einlädt und nicht ungehalten reagiert, als er in dieser Zeit, die für ihn und die Seinen so kostbar ist, gestört wird. Bei dem Wort "menschlich" stockt etwas in uns. Wir haben zwar von klein auf gelernt, dass Jesus wahrer Mensch ist, aber dass er menschlich ist, da müssen wir erst lernen. Denn mit menschlich meinen wir, dass einer Sinn hat für Gefühle; dass einer selbst Schwächen hat und sie anderen nachsehen kann. Gewiss, wir dürfen nicht sagen, dass Jesus Schwächen im Sinne von Fehlern hat, aber er hat sehr viel Verständnis dafür, wie es den Menschen im Innersten geht, was sie brauchen, wonach sie sich sehnen. Er tut Gefühle und Bedürfnisse nicht einfach als belanglos ab, als ob er nur ein großes Ziel vor Augen hätte, dem sich seine Mitarbeiter bedingungslos zu unterwerfen hätten.
Das Religiöse als Erholung
Vielmehr ist es bei Jesus so, dass er mit den Menschen geht. Das, was er ihnen bringen will - das Reich Gottes - lässt sich nicht durch letzten Einsatz aller Kräfte herbeizwingen. Es braucht Zeit. Wie ein Bauer, der gelassen dem Wachsen der Saaten zusieht, sollten seine Jünger sein. Vor allem ist es wichtig, dass es ihnen selbst dabei gut geht: Ein abgehetzter, überarbeiteter, gereizter Verkündiger wirkt nicht überzeugend und ein solcher hätte auch Jesus nicht verstanden. Denn die neue Art, Gott zu begegnen, ist frei von Druck und Zwang. Hier tut eine befreiende Gewissenserforschung für uns Christen tatsächlich not. Ist das Religiöse für uns immer noch eine Form der Pflicht, die wir wie andere Verpflichtungen gegenüber Familie, Arbeitgeber abzuleisten haben oder gehört das Religiöse auf die Seite unseres Lebens, wo wir uns erholen an Seele und Leib, wo wir erfüllt und bereichert werden? Gewiss geht nichts ohne Anstrengung, Aufmerksamkeit und Konzentration, aber sie sind nur dann sinnvoll, wenn sie den Zugang zu den Quellen der Seele öffnen, so wie wir eine mühsame Bergwanderung gerne auf uns nehmen, weil sie uns ein tiefes Erlebnis bringt.
Das Öffnen der Herzen
Jesus geht es darum, dass sich die Herzen der Menschen füreinander öffnen und als erste denkt er dabei an seine Mitarbeiter. Um ihn ist ein Raum der Sicherheit, der Ruhe und des Verstehens, der anregend und wohltuend wirkt. In seiner Nähe können die Jünger erzählen von dem was sie erlebt haben, von ihrem Erfolgen, "dass ihnen sogar die bösen Geister Untertan gewesen seien". (Lk 10,17).
Die Sendung Jesu: Atmen dürfen
Suchen wir nicht auch einen Raum des Aufatmens, wo alle Lasten abfallen, wo wir wieder voll und ganz durchatmen, wo die Seele sich ausbreiten kann und Flügel bekommt, wenn wir es einmal dichterisch so nennen! Genau hier sind wir am Zentralen dessen, was Jesus vermitteln wollte: atmen und leben dürfen. Sich freuen, dass man da ist. Einfach so. Aber keine banale, veräußerlichte Lustigkeit, sondern dieses Atmen verbindet uns mit tieferen Dimensionen unseres Daseins. Es sieht aus, als ob viele Menschen ersticken würden, an der Monotonie, an der Last und an der Leere ihres Lebens. Das Atmen, das Jesus meint, bricht die verfestigte betonierte Oberfläche des Daseins auf. Nicht umsonst lesen wir in den Osterberichten, dass Jesus seine Jünger anhauchte, sodass sie nun denselben Atem mit ihm teilten, dieselbe Art zu denken und zu fühlen. Es ist eine Atmosphäre, wo wir Stille als wohltuend erleben, wo Worte nur sparsam gebraucht, erfüllt sind und vom Eigenen mitteilen. So ist das Religiöse als die Tiefe und Echtheit unseres Seins unauflöslich mit Lebensdichte und Lebensfreude verbunden.
Das ist es, was Jesus den Menschen schenken will. Ganz gewiss haben die es gespürt, die ihm zuhörten. Sonst hätten sie nicht die Mühe eines stundenlangen Weges auf sich genommen, haben.
Die Rede Jesu
Wenn Jesus zu ihnen spricht, ist es für sie, als ob sie ganz im Innern berührt würden, in der tiefsten Falte ihres Herzens. Jeder, der Jesus zuhört, kommt in seinen Reden vor, der Bauer, der aussät und erntet, der Fischer, der mit den Netzen umgeht, der Kaufmann, der Gewinn und Verlust berechnet, die Hausfrau, die Brot bäckt, der Mann, der Schulden hat und nicht bezahlen kann. Es wird jedem zur Gewissheit, dass auch sein Leben in aller Einfachheit reich und bedeutend ist; dass auch die drückendste Not bei Gott aufgehoben ist; dass sogar die geheimste Sehnsucht des Herzens seine Berechtigung hat und ein Schritt zu Gott werden kann. Jesus hat Mitleid mit den Menschen, weil er sich in ihr Inneres einfühlt und das Unausgetragene, Bedrückende und Ungelöste an ihren Gesichtern wahrnimmt. Die Rede Jesu dürfen wir sehen wie eine Fahrt mit dem Boot über unbekannte Gewässer: Wir spüren die Tiefe, fühlen uns aber sicher und aufgehoben und haben die Gewissheit, ans Ziel zu gelangen.
? nach oben13.September 2009
24. Sonntag im Jahreskreis
Der Messias ist anders
1.Lesung
5 Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. / Ich aber wehrte mich nicht / und wich nicht zurück. 6 Ich hielt meinen Rücken denen hin, / die mich schlugen, und denen, die mir den Bart ausrissen, / meine Wangen. Mein Gesicht verbarg ich nicht / vor Schmähungen und Speichel. 7 Doch Gott, der Herr, wird mir helfen; / darum werde ich nicht in Schande enden. Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel; / ich weiß, dass ich nicht in Schande gerate. 8 Er, der mich freispricht, ist nahe. / Wer wagt es, mit mir zu streiten? Lasst uns zusammen vortreten! / Wer ist mein Gegner im Rechtsstreit? / Er trete zu mir heran. 9 Seht her, Gott, der Herr, wird mir helfen.
2.Lesung
14 Meine Brüder, was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten? 15 Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und ohne das tägliche Brot 16 und einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen - was nützt das? 17 So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat. 18 Nun könnte einer sagen: Du hast Glauben und ich kann Werke vorweisen; zeig mir deinen Glauben ohne die Werke und ich zeige dir meinen Glauben aufgrund der Werke. Jes 50,5-9a
Evangelium
27 Jesus ging mit seinen Jüngern in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Unterwegs fragte er die Jünger: Für wen halten mich die Menschen? 28 Sie sagten zu ihm: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für sonst einen von den Propheten. 29 Da fragte er sie: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete ihm: Du bist der Messias! 30 Doch er verbot ihnen, mit jemand über ihn zu sprechen. 31 Dann begann er, sie darüber zu belehren, der Menschensohn müsse vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er werde getötet, aber nach drei Tagen werde er auferstehen. 32 Und er redete ganz offen darüber. Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe. 33 Jesus wandte sich um, sah seine Jünger an und wies Petrus mit den Worten zurecht: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. 34 Er rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 35 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten Mk 8,27-35
Um ganz ehrlich zu sein: Dieser Abschnitt des Evangeliums lässt uns eher ratlos zurück als dass er uns froh macht. Am Anfang scheint etwas aufzuleuchten, das große Hoffnung weckt: Jesus ist der erwartete Messias. Man verband damit die Wende der Zeit und die Wende der eigenen Lebensgeschichte. Endlich heraus aus all den Mühseligkeiten, heraus aus dem Rackern und Plagen, heraus aus Enge und Bedrückung in die Weite und Freiheit. Dann aber die harten Worte an Petrus, der sie so -wie wir meinen- nicht verdient hat, und die harten Worte an uns: von der Selbstverleugnung, vom Kreuz tragen, vom Leben aufgeben…Man könnte den Eindruck gewinnen, als sei das Evangelium doch in erster Linie Forderung, die das Leben schwerer macht, als es schon ist. Dies ist auch der Vorwurf vieler, die ihr Christentum aufgeben und ohne Religion, wie sie sagen, auch ganz gut zurechtkommen. Gerade deswegen sind wir heute herausgefordert, den Mann aus Nazareth umfassender zu verstehen und seine Bedeutung neu zu erfassen. Dies ist mehr, als dass wir daran festhalten, dass er der Sohn Gottes ist. Versuchen wir, einfach genauer zu betrachten, wie er auf die Leute von damals gewirkt hat.
Als die ersten Jünger ihren Freunden und Bekannten berichteten: "Wir haben den Messias gefunden"(Joh1, 41), sagten sie das mit leuchtenden Augen, so darf man annehmen. Es war die Freude, einen Schatz entdeckt zu haben, für den man gerne alles gibt. So kann man sich auch vorstellen, dass dem Petrus die Stimme bebte, als er sein Bekenntnis hervorbrachte. Das Ereignis mit dem reichen Fischfang hatte ihn erschüttert und sein Leben total umgedreht.
Die Leute von Kapharnaum, die Jesus zum ersten Mal erlebten, waren außer sich und fragten einander, was das zu bedeuten habe. Der Eindruck, den Jesus hinterließ, war so gewaltig, dass man an die Geschichten der alten Propheten erinnert wurde. Da war Elija, der den König herausforderte, der Feuer vom Himmel regnen ließ, der im feurigen Wagen in den Himmel fuhr, von dem man glaubte, er werde am Ende ebenso wiederkommen. Unvergessen ist Jeremia, der allein gegen das ganze Volk stand und den Untergang Jerusalems miterleben musste. Und schließlich Johannes der Täufer am Jordan, zu dem die Massen strömten. Wir dürfen sagen: Jesus war eine auffallende Erscheinung, an der die Menschen der Zeit nicht vorbeigehen konnten. Er hatte eine Ausstrahlung und Lebendigkeit, die überzeugte, wo man aufhorchte. Es ging von ihm eine Kraft aus, die heilte: den Aussätzigen, den Blinden, die kranke Schwiegermutter des Petrus; eine Kraft, die Menschen von ihren Dämonen befreite und in eine Atmosphäre des Glücks eintauchte. Das griechische Wort für Kraft ist "dynamis", von dem unser Wort "Dynamik" kommt. Jesus hat eine Dynamik entfacht, die Menschen aufrüttelte und es leicht machte, sich ihm anzuschließen. Er verbreitete eine Atmosphäre, wo man leben konnte anders als vorher.
Die Rede Jesu vom Leiden und bitteren Ende muss wie ein Faustschlag gewesen sein auf eine Stimmung, die gefüllt war von den hohen Messiaserwartungen. Es wird verständlich, dass Petrus das Unvollstellbare zu verhindern versuchte. Die Reaktion Jesu erscheint uns zunächst überzogen. Wie kann man jemand "Satan" nennen, der aus Besorgnis einen guten Rat zu geben meint? Hier stoßen wir an die Grenze unseres herkömmlichen Verstehens.
Jesus kommt von einer ganz anderen Seite. Er hat andere Wertigkeiten und Prioritäten, andere Einschätzungen von dem, was richtig ist. Es ist die absolute Wahrheit oder die Wahrheit des Absoluten, die hinter allem steht und die zugleich die Quelle seiner Kraft ist. Darin liegt das Geheimnis seiner Ausstrahlung und außerordentlichen Wirksamkeit. Jesus spricht vom Vater, dessen Wille ihm über alles geht. Er kann nur auftreten und wirken, wenn er mit dieser Instanz in ihm selbst eins ist. Dieses "eins werden" geschieht im Gebet. Deshalb ist es für Jesus so wichtig, sich nach einem öffentlichen Auftreten in die Einsamkeit zurück zu ziehen und sich immer erneut auf die innerste Stimme auszurichten. Diese sagt ihm, so dürfen wir annehmen, er müsse nach Jerusalem gehen, um sich der Öffentlichkeit und der Führung des Volkes zu stellen. Er ist nicht nur zu den Dörfern in Galiläa sondern zum ganzen Volk gesandt. Dies wird ihm sein Leben kosten. Zu dieser Gewissheit war Jesus gelangt. Es war der Auftrag Gottes. Ihn zu verweigern hätte geheißen, von seiner tiefsten Quelle abgeschnitten zu werden, gegen seine ureigenste Überzeugung zu verstoßen, sein eigenes Herz ausreißen. Es wird verständlicher, dass Jesus ungewöhnlich scharf auf das Ansinnen des Petrus reagiert und ihn sogar auf der Seite Satans sieht.
Dazu finden wir eine Parallele aus unserer Zeit. Gemeint ist der Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter, der für seine Überzeugung 1943 hingerichtet wurde. Aufgrund seiner tiefen Religiosität und seines echten Charakters kommt er zu der Überzeugung, dass der Krieg, den Deutschland begonnen hatte, ungerecht und ein Verbrechen ist. Als Soldat mitzukämpfen heißt für ihn in letzter Konsequenz: sich an einem Verbrechen beteiligen. Diese Einsicht kam den meisten Deutschen erst eine Generation später, wenigen auch schon damals. Aber den allerwenigsten war es so klar wie dem Bauern aus Oberösterreich. Ganz offen erklärt er seine Meinung und weiß, was ihn erwartet. Seine Frau versucht, ihm sein Vorhaben auszureden besonders im Hinblick auf seine Kinder. Er muss einen sehr einsamen Weg gehen gegen seine Frau und seine Kinder, gegen die Gleichaltrigen und die Leute im Dorf, auch gegen kirchliche Stellen, die dafür kein Verständnis haben. Die Tragik seines Lebens erreicht ihren Höhepunkt, als eine Rücksichtnahme auf seine Allerliebsten eine Entscheidung gegen sein eigenes Gewissen und - um es in aller Schärfe zu sagen- für den Satan gewesen wäre. Im Hinblick auf die Gräueltaten, die von den Nazis begannen wurden, und die er mit seinem Einsatz unterstützt hätte, ist dieses Wort nicht unberechtigt. Im Grunde ist es der Inhalt eines Traumes, den Jägerstätter vor seiner Entscheidung hatte: Er sieht einen Zug voll jubelnder Menschen und dieser Zug fährt in die Hölle. Damals hatte man ihn verachtet und beschimpft selbst nach dem Krieg. Sein Name durfte nicht auf dem Kriegerdenkmal des Dorfes erscheinen. Heute wäre man froh, hätte es mehrere solche aufrechte Männer vor allem in den oberen Rängen gegeben. Inzwischen ist seine menschliche Größe und seine heroische Tat in der Öffentlichkeit anerkannt auch in der Kirche. Er wurde am 27.Oktober 2007 im Linzer Mariendom als Märtyrer selig gesprochen.
Kehren wir zurück zu den Worten Jesu, die uns so hart aufstoßen: sich selbst verleugnen, sein Kreuz auf sich nehmen, sein Leben verlieren. Es kann nicht darum gehen, sein Leben noch schwerer machen als es schon ist und dann unter der Überforderung keuchen und stöhnen. Gemeint ist vielmehr: die Wahrheit seines Lebens suchen, die Sensibilität für ihre Anziehung wecken und zu ihr stehen. Das kann hart werden und bittere Entscheidungen verlangen, aber es macht frei und führt zur Quelle der Kraft und Freude.
nach oben22. Februar 2009
7. Sonntag im Jahreskreis
Ein ungewöhnlicher Eingang
Als er einige Tage später nach Kafarnaum zurückkam, wurde bekannt, dass er (wieder) zu Hause war. Und es versammelten sich so viele Menschen, dass nicht einmal mehr vor der Tür Platz war; und er verkündete ihnen das Wort. Da brachte man einen Gelähmten zu ihm; er wurde von vier Männern getragen. Weil sie ihn aber wegen der vielen Leute nicht bis zu Jesus bringen konnten, deckten sie dort, wo Jesus war, das Dach ab, schlugen (die Decke) durch und ließen den Gelähmten auf seiner Tragbahre durch die Öffnung hinab. Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! Einige Schriftgelehrte aber, die dort saßen, dachten im Stillen: Wie kann dieser Mensch so reden? Er lästert Gott. Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott? Jesus erkannte sofort, was sie dachten, und sagte zu ihnen: Was für Gedanken habt ihr im Herzen? Ist es leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben!, oder zu sagen: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh umher? Ihr sollt aber erkennen, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben. Und er sagte zu dem Gelähmten: Ich sage dir: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause! Der Mann stand sofort auf, nahm seine Tragbahre und ging vor aller Augen weg. Da gerieten alle außer sich; sie priesen Gott und sagten: So etwas haben wir noch nie gesehen. Mk2.1-12
Es ist fast wie bei einer Kriminalgeschichte. Die Täter dringen nicht durch die Türe ein sondern über das Dach. Sie richten einen gewaltigen Schaden an, um zu ihrem Ziel zu kommen. Und das Auffallende ist: Der Hausherr nimmt es ihnen nicht übel. Er hätte auch Grund gehabt, doch etwas empört oder zumindest indigniert zu sein.
Es ist ja schließlich das Haus, in dem er wohnt, wo er auch die nächsten Tage verbringen muss. Die erste Reaktion Jesu wird so wiedergegeben: "als Jesus ihren Glauben sah". Man stelle sich die Szene einmal vor: Da wird geschlagen und gehämmert, da wirbelt Staub auf, da fallen Brocken. Da wird auch Jesus in seinem Reden unterbrochen. Wir dürfen annehmen, dass Jesus bei diesem Tun sofort spürt, worauf es den Eindringlingen ankommt. Für ihn ist auf Anhieb klar, mit welchem Engagement diese Männer für ihren Freund oder Verwandten eintreten. Sie riskieren alles, selbst dass sie zurückgewiesen werden, dass alles daneben geht. Es erinnert an andere Personen, die einen ähnlichen totalen Einsatz wagen. Wir dürfen an den Blinden vor Jericho denken, der auch wegen der vielen Leute nicht zu Jesus kommen kann und der aus Leibeskräften schreit, um Jesus auf sich aufmerksam zu machen.
Ähnlich ist es bei der Frau, die als Sünderin gilt und es wagt, beim Gastmahl der Frommen und Angesehenen aufzutauchen, nur um Jesus Ihre Liebe und Dankbarkeit zu erweisen. Und das mit größter Leidenschaft auch auf die Gefahr hin, mit Bausch und Bogen hinausgeworfen zu werden.
Einsatz mit allen Kräften
Diesen Einsatz mit allen Kräften, dieses Riskieren ohne Rücksicht auf Konvention meint Jesus, wenn er ihren Glauben lobt. Wir können daraus schließen: Jesus fühlt sich solchen Menschen nahe, die sich von seiner Zuversicht, von seiner Kraft und Sicherheit anstecken lassen, die in seine Atmosphäre eintauchen. Hier gelten andere Regeln. Das Sabbatgebot ist nur relativ und selbst der Eingang muss nicht unbedingt die Haustüre sein.
Es gibt Zugänge zum Glauben, die recht ungewöhnlich sind und die sogar kirchlicher Moral widersprechen. Da gibt es die tragische und beeindruckende Geschichte von Etty Hillesum, einer jüdischen Studentin, die sich während des Krieges in Amsterdam abspielte. Sie hatte bei einem aus Deutschland geflohenen jüdischen Psychotherapeuten Stunden genommen. Daraus wurden eine sehr intime Freundschaft und ein gemeinsamer Weg zu Gott. Sie beschreibt in ihrem Tagebuch ihre Stimmungen, ihre inneren Wandlungen und ihren Glauben, der sich so nach und nach zusammen mit ihrem Therapeuten und Freund aufbaut. Sie lesen gemeinsam die Bibel, Texte von Augustinus und aus der Nachfolge Christi von Thomas vom Kempen und beten miteinander. Die junge Frau erfährt in all den Tagen der schrecklichen Schikanen und des Terrors eine so tiefe Gottesbegegnung, dass sie öfters den Impuls hat, sich mitten im Lager niederzuknien und Gott zu danken. Und dies obwohl sie von zu Hause so gut wie nichts von Religion mitbekommen hat. Bei all dem Elend schreibt sie in ihr Tagebuch: " Und dennoch komme ich immer wieder zu demselben Schluss: das Leben ist schön. Und ich glaube an Gott. Und ich will mittendrin in alldem sein, was die Menschen "Gräueltaten" nennen, und dann noch sagen: das Leben ist schön". "Gott und ich sind als einzige übrig geblieben." Sie wird wie Millionen andere in Auschwitz ermordet.
Ihr Freund erkrankt an Krebs. Kurz vor seinem Tod träumt er, dass Christus ihn getauft habe.Wir fragen uns, warum ein solcher Weg heute scheinbar so selten ist. . Warum sich so viele von Kirche und vom Christentum verabschieden.
Der Eindruck täuscht nicht, dass vielen der Zugang versperrt ist, dass sich unüberwindbare Barrieren auftun. Sie finden nicht den Weg zu Jesus über den ganz normalen Eingang: die Sonntagsmesse, die Predigten und andere kirchliche Veranstaltungen.
Aber man sollte doch beachten, mit welchem Einsatz sich manche auf die religiöse Suche machen. In den Meditationshäusern kann man Personen antreffen, die von Kirche weit weg sind, aber den Wert der Stille entdeckt haben und mit höchstem Einsatz ihr Ziel weiterverfolgen.
Überraschend ist auch, welchen Stellenwert der mittelalterliche Pilgerweg nach Santiago in der Öffentlichkeit einnimmt, wie viele Markierungen der St. Jakobus-Muscheln man antreffen kann, wie viele Menschen dieses äußerst beschwerliche Unternehmen riskieren.. Es war beeindruckend, als der Showmaster Kerkeling bei einer Diskussionsrunde von seiner Pilgerschaft erzählte. Es entstand eine Atmosphäre, die man gerade bei Gesprächen um die Religion so selten antrifft. Selbst Atheisten waren berührt und man konnte wahrnehmen, dass sich hier eine Tür ganz leicht geöffnet hat.
Gewissenserforschung und Vergebung
Für uns, die drinnen sind, könnte eine Gewissenserforschung sehr heilsam sein, gerade weil im Text des Evangeliums das Thema der Sündenvergebung angesprochen ist. Wir sollten uns fragen, in wie weit wir eine Art des Glaubens praktizieren, die den Blick auf die letzte Wahrheit eher verstellt, als öffnet.
Wir sollten uns von der Vorstellung trennen, dass wir ja die Guten sind. Ob wir nicht Jesus wie selbstverständlich als unseren Besitz ansehen, aber gar nicht merken, dass wir einen undurchdringlichen Ring um ihn bilden? Den Vorwurf vieler, dass kirchliche Personen und das kirchliche Geschehen eher vom Glauben abhalten als einladen, sollten wir durchaus ernst nehmen.
Wenn wir die kritische Rückmeldung zulassen und nach ihrem Wahrheitsgehalt hinterfragen, tun wir einen wichtigen Schritt zu einer fruchtbaren Begegnung und öffnen den Zugang zu denen, die außerhalb stehen. Es kommt etwas in uns selbst in Bewegung, unser Glaube wird tiefer und macht unser Leben erfüllter.
Wir kommen auf diese Weise einer Einstellung näher, die von unbedingter Echtheit und Wahrhaftigkeit geprägt ist und die heute bei vielen Suchbewegungen und kulturellen Reformbewegungen angestrebt wird. Sie wird als Authentizität bezeichnet. Es wäre etwas von der Umkehr, die Jesus gemeint und die er bei dem Gelähmten und bei seinen Freunden wahrgenommen hat. Er fühlt sich zu dem Wort: " Deine Sünden sind dir vergeben" veranlasst. Es könnte auch heißen: es wird alles wieder gut. Es kommt alles in Ordnung, weil Gott es vom Innersten her ordnet.
nach oben19. April 2009
Weißer Sonntag
Der Atem - das Leben Gottes
Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen. (Joh 20, 19 31)
Wir wären froh, wenn uns in unseren Zweifeln so klar und eindeutig wie dem Thomas die Antwort gegeben würde. Wir müssen uns abquälen mit unseren Dunkelheiten, mit Verlassenheit, Ängsten und Unsicherheiten und warten oft lange vergebens auf eine klare Sicht, wo wir auch so überzeugt wie Thomas "Mein Herr und mein Gott" sagen könnten. Jedoch eine Spur, um aus unseren verengten und verschlossenen Räumen in die weite und wunderbare Welt der ersten Christen vorzudringen, wird uns in den kurzen Worten aufgezeigt, in denen es heißt; "Jesus hauchte sie an und sprach zu ihnen: Empfanget den HI. Geist." (Joh. 20,11).
Ganz offensichtlich wird hier, daß der Geist Gottes etwas mit dem Atem zu tun hat, so wie wir ihn tagtäglich in uns spüren. Deshalb lade ich Sie jetzt ein, für eine Minute nur auf Ihren Atem zu ach-ten.
Sie werden bemerkt haben, daß Sie sich selbst verändern, sobald Sie Ihren Atem bewusst wahrnehmen. Die Aufmerksamkeit geht vom Kopf in den Leib, in Brust und Beckenraum, von außen nach innen. Der Fluss der Gedanken kommt zum Stillstand, wir werden ruhiger. Der Atem führt uns in die Innenräume unseres Leibes und wenn wir es lang genug üben in die der Seele.
Es öffnen sich die Augen des Herzens, unsere inneren Wahrnehmungsorgane für die Welt, in die Jesus eingetreten ist. Wir werden die Nähe Jesu, des Auferstandenen, in uns selbst spüren; denn wir dürfen diesen Christus nicht in einem räumlich entfernten Jenseits suchen, sondern in den unbewussten Tiefen unseres Herzens. Dies meint Paulus, wenn er davon spricht, daß nicht mehr er lebt, sondern Christus in ihm (Gal 2,2); oder wenn er sagt, man brauche Christus nicht vom Himmel herunter oder aus der Tiefe der Erde heraufzuholen, vielmehr gelte es, auf die Stimme des Herzens zu achten, weil in ihm Gott zu finden sei. (Vgl. Röm. 10,5 8). Wer mit dem Atem bewusst nach innen schaut, kommt in die Räume, die dem Hastigen, dem Oberflächlichen, dem Geschäf-tigen verschlossen sind. Wir erreichen jenen Punkt in uns selbst, wo die Gefühle und Antriebe ihren Sitz haben. Wenn wir dort einmal angelangt sind, werden wir nicht mehr von falschen Vorstellungen in die Irre geleitet, nicht mehr vom Ärger über andere gequält, von Gefühlen der Minder-wertigkeit erniedrigt. Dann haben wir soviel Kraft in uns, daß wir andere lassen können, wie sie sind, weil wir selbst in uns die Gewissheit tragen, daß alles gut wird. Nicht, daß wir mit großer Mühe unsere bösen Empfindungen unterdrücken, sondern sie sind einfach nicht mehr da: die Angst um die Zukunft, die Sorgen, die Verletzungen und enttäuschten Erwartungen. Ich denke daran, mit welcher Erfülltheit, Ausstrahlung und Kraft die Teilnehmer einen Meditationskurs verlassen. Wer einen solchen Weg gegangen ist, der sieht, hört, denkt und redet anders. Im Evangelium heißt dieser Zustand "Friede" und "Vergebung der Sünden". Man kann den Auferstandenen nicht sehen, außer man lässt sich voll und ganz in sein Kraftfeld ziehen und sich die Augen des Herzens öffnen. Wer seinen kritischen Verstand zum ausschließlichen Maß aller Dinge macht, wer sich draußen hält, der sieht gar nichts.
Die Geschichte vom Zweifler Thomas ist die des abgespaltenen Intellekts. Er war nicht dabei, als den andern die Erfahrung des Auferstandenen widerfuhr. Das Eigentliche, die persönliche Begegnung mit Christus, das Aufgewühlt- und Überwältigwerden, kann man nicht erzählen und vermitteln. Sie muss einem jeden selbst geschehen. Sie ist größer als der kalte, "objektiv" urteilende Intellekt. Die persönliche Begegnung, welche das Herz aufschließt, führt in eine Welt, die dem kalten Intellekt verschlossen, aber voller Glück, Größe, Schönheit und Staunen ist. Wer über den Atem, wer vom Geist geleitet, in sein Inneres gefunden hat, für den kommen die Dinge, die wir in Bereiche von Gemüt und Verstand aufteilen, zur Einheit und Harmonie.
Zugleich führt eine solche Erfahrung im Grunde des Herzens alle, die sie gemacht haben, zusammen. Sie atmen dieselbe Luft, werden vom selben Geist, vom Innersten her gelenkt, inspiriert, durchseelt und getragen. Christus, das Zentrum, das allen gemeinsam ist, lenkt alle Aufmerksamkeit auf sich und bindet alle Kräfte ein, ohne die Freiheit zu nehmen. So wie sich die Türen nach innen geöffnet haben, so tun sie sich auch füreinander auf. Von den ersten Christen heißt es, "sie waren ein Nerz und eine Seele" (Apg 4,22 34). Sie konnten ihr Hab und Gut gemeinsam haben, weil ihr höchster Wert, die Erfahrung des Auferstandenen, allen gemeinsam war. Der Weg zueinander beginnt mit dem Weg nach innen, wo wir überraschend auf so viele stoßen, die mit uns unterwegs sind. So möge für uns heute der achte Tag nach Ostern zum Tag des Aufbruchs werden, wie für die ersten Christen der achte Tag zum Ende der alten und zum Anfang einer neuen Welt wurde.
nach oben19.Juli 2009
16. Sonntag im Jahreskreis
Der Raum des Aufatmens
(Mk 6,30)
Urlaubsstimmung
Stellen wir uns vor: Wir sind in einer unberührten Landschaft, wir spüren den Wind um uns, es ist angenehm warm und tut uns gut; der Himmel über uns ganz offen, zu unseren Füßen ein Bergsee; die Tiefe des Sees und die Tiefe des blauen Himmels lassen uns still werden; wir sind zusammen mit guten Freunden. Wenn es Zeit ist, kommen gute Gespräche auf. Wir fühlen uns wohl, herausgenommen aus den Verpflichtungen und dem Druck des alltäglichen Lebens. So konnten wir uns den Urlaub vorstellen - so ähnlich könnte es auch gewesen sein, als Jesus mit seinen Aposteln zusammen war.
Jesus ist menschlich
Im Grunde wird heute ein sehr menschlicher Zug Jesu sichtbar, als er seine Freunde zu einer Erholungspause in einer einsamen Gegend einlädt und nicht ungehalten reagiert, als er in dieser Zeit, die für ihn und die Seinen so kostbar ist, gestört wird. Bei dem Wort "menschlich" stockt etwas in uns. Wir haben zwar von klein auf gelernt, dass Jesus wahrer Mensch ist, aber dass er menschlich ist, da müssen wir erst lernen. Denn mit menschlich meinen wir, dass einer Sinn hat für Gefühle; dass einer selbst Schwächen hat und sie anderen nachsehen kann. Gewiss, wir dürfen nicht sagen, dass Jesus Schwächen im Sinne von Fehlern hat, aber er hat sehr viel Verständnis dafür, wie es den Menschen im Innersten geht, was sie brauchen, wonach sie sich sehnen. Er tut Gefühle und Bedürfnisse nicht einfach als belanglos ab, als ob er nur ein großes Ziel vor Augen hätte, dem sich seine Mitarbeiter bedingungslos zu unterwerfen hätten.
Das Religiöse als Erholung
Vielmehr ist es bei Jesus so, dass er mit den Menschen geht. Das, was er ihnen bringen will - das Reich Gottes - lässt sich nicht durch letzten Einsatz aller Kräfte herbeizwingen. Es braucht Zeit. Wie ein Bauer, der gelassen dem Wachsen der Saaten zusieht, sollten seine Jünger sein. Vor allem ist es wichtig, dass es ihnen selbst dabei gut geht: Ein abgehetzter, überarbeiteter, gereizter Verkündiger wirkt nicht überzeugend und ein solcher hätte auch Jesus nicht verstanden. Denn die neue Art, Gott zu begegnen, ist frei von Druck und Zwang. Hier tut eine befreiende Gewissenserforschung für uns Christen tatsächlich not. Ist das Religiöse für uns immer noch eine Form der Pflicht, die wir wie andere Verpflichtungen gegenüber Familie, Arbeitgeber abzuleisten haben oder gehört das Religiöse auf die Seite unseres Lebens, wo wir uns erholen an Seele und Leib, wo wir erfüllt und bereichert werden? Gewiss geht nichts ohne Anstrengung, Aufmerksamkeit und Konzentration, aber sie sind nur dann sinnvoll, wenn sie den Zugang zu den Quellen der Seele öffnen, so wie wir eine mühsame Bergwanderung gerne auf uns nehmen, weil sie uns ein tiefes Erlebnis bringt.
Das Öffnen der Herzen
Jesus geht es darum, dass sich die Herzen der Menschen füreinander öffnen und als erste denkt er dabei an seine Mitarbeiter. Um ihn ist ein Raum der Sicherheit, der Ruhe und des Verstehens, der anregend und wohltuend wirkt. In seiner Nähe können die Jünger erzählen von dem was sie erlebt haben, von ihrem Erfolgen, "dass ihnen sogar die bösen Geister Untertan gewesen seien". (Lk 10,17).
Die Sendung Jesu: Atmen dürfen
Suchen wir nicht auch einen Raum des Aufatmens, wo alle Lasten abfallen, wo wir wieder voll und ganz durchatmen, wo die Seele sich ausbreiten kann und Flügel bekommt, wenn wir es einmal dichterisch so nennen! Genau hier sind wir am Zentralen dessen, was Jesus vermitteln wollte: atmen und leben dürfen. Sich freuen, dass man da ist. Einfach so. Aber keine banale, veräußerlichte Lustigkeit, sondern dieses Atmen verbindet uns mit tieferen Dimensionen unseres Daseins. Es sieht aus, als ob viele Menschen ersticken würden, an der Monotonie, an der Last und an der Leere ihres Lebens. Das Atmen, das Jesus meint, bricht die verfestigte betonierte Oberfläche des Daseins auf. Nicht umsonst lesen wir in den Osterberichten, dass Jesus seine Jünger anhauchte, sodass sie nun denselben Atem mit ihm teilten, dieselbe Art zu denken und zu fühlen. Es ist eine Atmosphäre, wo wir Stille als wohltuend erleben, wo Worte nur sparsam gebraucht, erfüllt sind und vom Eigenen mitteilen. So ist das Religiöse als die Tiefe und Echtheit unseres Seins unauflöslich mit Lebensdichte und Lebensfreude verbunden.
Das ist es, was Jesus den Menschen schenken will. Ganz gewiss haben die es gespürt, die ihm zuhörten. Sonst hätten sie nicht die Mühe eines stundenlangen Weges auf sich genommen, haben.
Die Rede Jesu
Wenn Jesus zu ihnen spricht, ist es für sie, als ob sie ganz im Innern berührt würden, in der tiefsten Falte ihres Herzens. Jeder, der Jesus zuhört, kommt in seinen Reden vor, der Bauer, der aussät und erntet, der Fischer, der mit den Netzen umgeht, der Kaufmann, der Gewinn und Verlust berechnet, die Hausfrau, die Brot bäckt, der Mann, der Schulden hat und nicht bezahlen kann. Es wird jedem zur Gewissheit, dass auch sein Leben in aller Einfachheit reich und bedeutend ist; dass auch die drückendste Not bei Gott aufgehoben ist; dass sogar die geheimste Sehnsucht des Herzens seine Berechtigung hat und ein Schritt zu Gott werden kann. Jesus hat Mitleid mit den Menschen, weil er sich in ihr Inneres einfühlt und das Unausgetragene, Bedrückende und Ungelöste an ihren Gesichtern wahrnimmt. Die Rede Jesu dürfen wir sehen wie eine Fahrt mit dem Boot über unbekannte Gewässer: Wir spüren die Tiefe, fühlen uns aber sicher und aufgehoben und haben die Gewissheit, ans Ziel zu gelangen.
? nach oben13.September 2009
24. Sonntag im Jahreskreis
Der Messias ist anders
1.Lesung
5 Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. / Ich aber wehrte mich nicht / und wich nicht zurück. 6 Ich hielt meinen Rücken denen hin, / die mich schlugen, und denen, die mir den Bart ausrissen, / meine Wangen. Mein Gesicht verbarg ich nicht / vor Schmähungen und Speichel. 7 Doch Gott, der Herr, wird mir helfen; / darum werde ich nicht in Schande enden. Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel; / ich weiß, dass ich nicht in Schande gerate. 8 Er, der mich freispricht, ist nahe. / Wer wagt es, mit mir zu streiten? Lasst uns zusammen vortreten! / Wer ist mein Gegner im Rechtsstreit? / Er trete zu mir heran. 9 Seht her, Gott, der Herr, wird mir helfen.
2.Lesung
14 Meine Brüder, was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten? 15 Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und ohne das tägliche Brot 16 und einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen - was nützt das? 17 So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat. 18 Nun könnte einer sagen: Du hast Glauben und ich kann Werke vorweisen; zeig mir deinen Glauben ohne die Werke und ich zeige dir meinen Glauben aufgrund der Werke. Jes 50,5-9a
Evangelium
27 Jesus ging mit seinen Jüngern in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Unterwegs fragte er die Jünger: Für wen halten mich die Menschen? 28 Sie sagten zu ihm: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für sonst einen von den Propheten. 29 Da fragte er sie: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete ihm: Du bist der Messias! 30 Doch er verbot ihnen, mit jemand über ihn zu sprechen. 31 Dann begann er, sie darüber zu belehren, der Menschensohn müsse vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er werde getötet, aber nach drei Tagen werde er auferstehen. 32 Und er redete ganz offen darüber. Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe. 33 Jesus wandte sich um, sah seine Jünger an und wies Petrus mit den Worten zurecht: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. 34 Er rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 35 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten Mk 8,27-35
Um ganz ehrlich zu sein: Dieser Abschnitt des Evangeliums lässt uns eher ratlos zurück als dass er uns froh macht. Am Anfang scheint etwas aufzuleuchten, das große Hoffnung weckt: Jesus ist der erwartete Messias. Man verband damit die Wende der Zeit und die Wende der eigenen Lebensgeschichte. Endlich heraus aus all den Mühseligkeiten, heraus aus dem Rackern und Plagen, heraus aus Enge und Bedrückung in die Weite und Freiheit. Dann aber die harten Worte an Petrus, der sie so -wie wir meinen- nicht verdient hat, und die harten Worte an uns: von der Selbstverleugnung, vom Kreuz tragen, vom Leben aufgeben…Man könnte den Eindruck gewinnen, als sei das Evangelium doch in erster Linie Forderung, die das Leben schwerer macht, als es schon ist. Dies ist auch der Vorwurf vieler, die ihr Christentum aufgeben und ohne Religion, wie sie sagen, auch ganz gut zurechtkommen. Gerade deswegen sind wir heute herausgefordert, den Mann aus Nazareth umfassender zu verstehen und seine Bedeutung neu zu erfassen. Dies ist mehr, als dass wir daran festhalten, dass er der Sohn Gottes ist. Versuchen wir, einfach genauer zu betrachten, wie er auf die Leute von damals gewirkt hat.
Als die ersten Jünger ihren Freunden und Bekannten berichteten: "Wir haben den Messias gefunden"(Joh1, 41), sagten sie das mit leuchtenden Augen, so darf man annehmen. Es war die Freude, einen Schatz entdeckt zu haben, für den man gerne alles gibt. So kann man sich auch vorstellen, dass dem Petrus die Stimme bebte, als er sein Bekenntnis hervorbrachte. Das Ereignis mit dem reichen Fischfang hatte ihn erschüttert und sein Leben total umgedreht.
Die Leute von Kapharnaum, die Jesus zum ersten Mal erlebten, waren außer sich und fragten einander, was das zu bedeuten habe. Der Eindruck, den Jesus hinterließ, war so gewaltig, dass man an die Geschichten der alten Propheten erinnert wurde. Da war Elija, der den König herausforderte, der Feuer vom Himmel regnen ließ, der im feurigen Wagen in den Himmel fuhr, von dem man glaubte, er werde am Ende ebenso wiederkommen. Unvergessen ist Jeremia, der allein gegen das ganze Volk stand und den Untergang Jerusalems miterleben musste. Und schließlich Johannes der Täufer am Jordan, zu dem die Massen strömten. Wir dürfen sagen: Jesus war eine auffallende Erscheinung, an der die Menschen der Zeit nicht vorbeigehen konnten. Er hatte eine Ausstrahlung und Lebendigkeit, die überzeugte, wo man aufhorchte. Es ging von ihm eine Kraft aus, die heilte: den Aussätzigen, den Blinden, die kranke Schwiegermutter des Petrus; eine Kraft, die Menschen von ihren Dämonen befreite und in eine Atmosphäre des Glücks eintauchte. Das griechische Wort für Kraft ist "dynamis", von dem unser Wort "Dynamik" kommt. Jesus hat eine Dynamik entfacht, die Menschen aufrüttelte und es leicht machte, sich ihm anzuschließen. Er verbreitete eine Atmosphäre, wo man leben konnte anders als vorher.
Die Rede Jesu vom Leiden und bitteren Ende muss wie ein Faustschlag gewesen sein auf eine Stimmung, die gefüllt war von den hohen Messiaserwartungen. Es wird verständlich, dass Petrus das Unvollstellbare zu verhindern versuchte. Die Reaktion Jesu erscheint uns zunächst überzogen. Wie kann man jemand "Satan" nennen, der aus Besorgnis einen guten Rat zu geben meint? Hier stoßen wir an die Grenze unseres herkömmlichen Verstehens.
Jesus kommt von einer ganz anderen Seite. Er hat andere Wertigkeiten und Prioritäten, andere Einschätzungen von dem, was richtig ist. Es ist die absolute Wahrheit oder die Wahrheit des Absoluten, die hinter allem steht und die zugleich die Quelle seiner Kraft ist. Darin liegt das Geheimnis seiner Ausstrahlung und außerordentlichen Wirksamkeit. Jesus spricht vom Vater, dessen Wille ihm über alles geht. Er kann nur auftreten und wirken, wenn er mit dieser Instanz in ihm selbst eins ist. Dieses "eins werden" geschieht im Gebet. Deshalb ist es für Jesus so wichtig, sich nach einem öffentlichen Auftreten in die Einsamkeit zurück zu ziehen und sich immer erneut auf die innerste Stimme auszurichten. Diese sagt ihm, so dürfen wir annehmen, er müsse nach Jerusalem gehen, um sich der Öffentlichkeit und der Führung des Volkes zu stellen. Er ist nicht nur zu den Dörfern in Galiläa sondern zum ganzen Volk gesandt. Dies wird ihm sein Leben kosten. Zu dieser Gewissheit war Jesus gelangt. Es war der Auftrag Gottes. Ihn zu verweigern hätte geheißen, von seiner tiefsten Quelle abgeschnitten zu werden, gegen seine ureigenste Überzeugung zu verstoßen, sein eigenes Herz ausreißen. Es wird verständlicher, dass Jesus ungewöhnlich scharf auf das Ansinnen des Petrus reagiert und ihn sogar auf der Seite Satans sieht.
Dazu finden wir eine Parallele aus unserer Zeit. Gemeint ist der Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter, der für seine Überzeugung 1943 hingerichtet wurde. Aufgrund seiner tiefen Religiosität und seines echten Charakters kommt er zu der Überzeugung, dass der Krieg, den Deutschland begonnen hatte, ungerecht und ein Verbrechen ist. Als Soldat mitzukämpfen heißt für ihn in letzter Konsequenz: sich an einem Verbrechen beteiligen. Diese Einsicht kam den meisten Deutschen erst eine Generation später, wenigen auch schon damals. Aber den allerwenigsten war es so klar wie dem Bauern aus Oberösterreich. Ganz offen erklärt er seine Meinung und weiß, was ihn erwartet. Seine Frau versucht, ihm sein Vorhaben auszureden besonders im Hinblick auf seine Kinder. Er muss einen sehr einsamen Weg gehen gegen seine Frau und seine Kinder, gegen die Gleichaltrigen und die Leute im Dorf, auch gegen kirchliche Stellen, die dafür kein Verständnis haben. Die Tragik seines Lebens erreicht ihren Höhepunkt, als eine Rücksichtnahme auf seine Allerliebsten eine Entscheidung gegen sein eigenes Gewissen und - um es in aller Schärfe zu sagen- für den Satan gewesen wäre. Im Hinblick auf die Gräueltaten, die von den Nazis begannen wurden, und die er mit seinem Einsatz unterstützt hätte, ist dieses Wort nicht unberechtigt. Im Grunde ist es der Inhalt eines Traumes, den Jägerstätter vor seiner Entscheidung hatte: Er sieht einen Zug voll jubelnder Menschen und dieser Zug fährt in die Hölle. Damals hatte man ihn verachtet und beschimpft selbst nach dem Krieg. Sein Name durfte nicht auf dem Kriegerdenkmal des Dorfes erscheinen. Heute wäre man froh, hätte es mehrere solche aufrechte Männer vor allem in den oberen Rängen gegeben. Inzwischen ist seine menschliche Größe und seine heroische Tat in der Öffentlichkeit anerkannt auch in der Kirche. Er wurde am 27.Oktober 2007 im Linzer Mariendom als Märtyrer selig gesprochen.
Kehren wir zurück zu den Worten Jesu, die uns so hart aufstoßen: sich selbst verleugnen, sein Kreuz auf sich nehmen, sein Leben verlieren. Es kann nicht darum gehen, sein Leben noch schwerer machen als es schon ist und dann unter der Überforderung keuchen und stöhnen. Gemeint ist vielmehr: die Wahrheit seines Lebens suchen, die Sensibilität für ihre Anziehung wecken und zu ihr stehen. Das kann hart werden und bittere Entscheidungen verlangen, aber es macht frei und führt zur Quelle der Kraft und Freude.
nach oben13. Dezember 2009
3. Adventssonntag
Das Feuer der Wachheit
1.Lesung Zef 3,14-17
Juble, Tochter Zion! Jauchze, Israel! Freu dich, und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem! Der Herr hat das Urteil gegen dich aufgehoben und deine Feinde zur Umkehr gezwungen. Der König Israels, der Herr, ist in deiner Mitte; du hast kein Unheil mehr zu fürchten. An jenem Tag wird man zu Jerusalem sagen: Fürchte dich nicht, Zion! lass die Hände nicht sinken! Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt. Er freut sich und jubelt über dich, er erneuert seine Liebe zu dir, er jubelt über dich und frohlockt, wie man frohlockt an einem Festtag.
2.Lesung Phil 4,4-7 Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! Eure Güte werde allen Menschen bekannt. Der Herr ist nahe. Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott! Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren. Evangelium Lk 3,10-18
Da fragten ihn die Leute: Was sollen wir also tun? Er antwortete ihnen: Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso. Es kamen auch Zöllner zu ihm, um sich taufen zu lassen, und fragten: Meister, was sollen wir tun? Er sagte zu ihnen: Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist.Auch Soldaten fragten ihn: Was sollen denn wir tun? Und er sagte zu ihnen: Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold! Das Volk war voll Erwartung und alle überlegten im Stillen, ob Johannes nicht vielleicht selbst der Messias sei.Doch Johannes gab ihnen allen zur Antwort: Ich taufe euch nur mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Schon hält er die Schaufel in der Hand, um die Spreu vom Weizen zu trennen und den Weizen in seine Scheune zu bringen; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen. Mit diesen und vielen anderen Worten ermahnte er das Volk in seiner Predigt.
Wir haben noch den Satz im Ohr: "Die Spreu wird er in nie erlöschendem Feuer Verbrennen" (Lk 3, 1f). Er passt gar nicht in die Stimmung des heutigen Sonntags, wo wir zur Freude aufgerufen werden. Eher werden Ängste wach, alte Ängste von einem zürnenden Gott, vor einem drohenden Gericht, vor dem Feuer der Hölle.
Diesen Satz müssen wir erst einmal verdauen, bevor wir uns dem restlichen Text zuwenden. Das Wort vom ewigen Feuer dürfen wir zunächst einmal als eine Vorstellung aus dem Weltbild der damaligen Zeit sehen; nie mehr sollte es Mittel sein, um Menschen in die Kirche zu treiben. Trotzdem ist es nötig beim Bild des Feuers zu bleiben.
Wenn in einem Haus laut das Wort "Feuer" gerufen wird, werden wir herausgerissen aus unserem Schlaf, aus unserer Arbeit oder aus unserer Freizeit. Jeder weiß, jetzt geht es ums bloße Überleben. Es ist höchster Alarm. So dürfen wir den Ruf Johannes des Täufers als Weckruf verstehen: wir sollten wach werden, hinschauen auf das, was uns auf den Nägeln und im Herzen brennt.
Wir sollten vor den vorhandenen Problemen nicht ausweichen und die Sehnsucht unseres Herzens wahrnehmen. Schauen, was ist, in uns und um uns; wir sollten uns der Situation stellen, in der wir stehen, in der Familie, im Beruf, als Menschen, die von Ängsten gequält werden.
Einmal steht an, dass wir uns nicht ständig von uns selbst ablenken, dass wir andere für uns denken, fühlen -und handeln lassen selbst noch in dem Bereich, der zu unserer freien Verfügung steht. Verfügen wir wirklich darüber oder lassen wir uns wieder hineinziehen vom Angebot der Unterhaltungsindustrie, die uns in unsere Wohnungen geliefert wird? Es geht nicht darum, mit der Predigt von der Hölle Ängste zu schüren, sondern wir sollten uns die schon vorhandenen Ängste vor der Zukunft, vor einander, vor der eigenen Vergangenheit genauer anschauen und sie, wenn es möglich im Gespräch offen legen. Das schafft Nähe und Vertrauen und löst sie auf.
In diesen Tagen dürfen Fragen einen Raum haben, die sonst nicht gestellt werden, die lauten können: Wo bin ich zuhause? Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist mit der Zeit, die so schnell vergeht? Ist sie verloren oder aufgehoben? Wofür lebe ich? Wofür arbeite ich?
Eine tiefere Schicht unseres Herzens sollte in diesen Tagen zum Schwingen kommen; wir werden nur dann mit ihr in Berührung sein, wenn wir es aushalten zu fragen: Worunter leide ich? Bin ich eingeschlossen? Bin ich allein mit meinen Zweifeln? Wem kann ich sie mitteilen?
Wenn wir den Mut aufbringen, unser Leben nach allen Seiten zu betrachten auch nach dem, was mit unserem Tod ist, wie es mit der Zukunft der Menschheit aussieht, wenn wir uns konfrontieren lassen mit den Grundbedingungen unseres Daseins, gelangen wir zu einer heilenden Erschütterung. Wach werden sollten wir für das, wo wir in unserem Leben ohnmächtig sind - gegenüber der Zeit, die uns nicht gehört, gegenüber den Gefühlen, die uns oft überschwemmen, gegenüber der Natur, die unseren Körper regiert - und für das, was unser Leben groß macht: das Vertrauen und die Gewissheit im Leben miteinander, die Zuversicht wegen der Verheißungen Gottes. Es täte uns gut, der Frage nachzugehen: Wer bin ich? Nicht nur dann, wenn wir hintangestellt, übergangen, nicht wahr und nicht ernst genommen werden.
An Weihnachten wird uns eine Antwort gegeben: Söhne und Töchter Gottes; ihm ähnlich; größer als die Zeit, die uns gegeben ist, als der Raum, den wir heute zum Leben haben. Jeder ist eine Kostbarkeit, weil er den Funken Gottes in sich trägt. Wir versehen diese großen Aussagen über uns selbst erst dann, wenn wir in diesen Tagen die Ursehnsucht unseres Herzens aufspüren und sie zu Wort kommen lassen; Ohne innere Offenheit und ohne Erschütterung, kann Gott uns seine Geschenke nicht geben; denn man kann sie nicht so nebenbei mitnehmen.
Wir dürfen noch einmal fragen: Worin besteht sein Geschenk? Worauf sollen wir uns denn freuen, wenn der Herr kommt? Wer einmal in das Feuer, das bedrohende und quälende Fragen, von innen her entfacht haben, eingetaucht wurde und durchgegangen ist, wird bestätigen: es wird alles anders. Man sieht, hört und denkt anders; alles wird leichter, heller, zuversichtlicher. Ein gutes Wort geht leichter über die Lippen, die Verhärtung weicht auf, die Verschlossenheit wird geöffnet, Nähe und Wärme kommen auf. Das Teilen fällt leichter, auch das Mitteilen. Er wird eingetaucht in die Flamme der Liebe wie die Jünger an Pfingsten und in ein Meer von Freude.
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