Predigten von P. Dr. Jan Bernd Elpert, München
28. September 2008
26.Sonntag im Jahreskreis
Gottes Weg ist abzumessen (Mt, 21,28-32)
In jener Zeit sprach Jesus zu den Hohenpriestern und den Ältesten des Volkes: 28Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Sohn, geh und arbeite heute im Weinberg! 29Er antwortete: Ja, Herr!, ging aber nicht. 30Da wandte er sich an den zweiten Sohn und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn, und er ging doch. 31Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der zweite. Da sagte Jesus zu ihnen: Amen, das sage ich euch: Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr. 32Denn Johannes ist gekommen, um euch den Weg der Gerechtigkeit zu zeigen, und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen, und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt.
Im Evangelium zum 26. Sonntag im Jahreskreis werden wir erneut mit einem Gleichnis aus dem Weinberg konfrontiert. Bereits letzten Sonntag griff Jesus auf ein Gleichnis aus dem Weinberg zurück, als er den Menschen ein Verständnis für Gottes unermessliche Liebe nahe bringen wollte, die sich auf nicht berechenbare Weise - nach menschlicher Rechnung gar ungerechtfertigt - auf alle niedersenkt, die guten Willens sind. Im heutigen Weinberggleichnis liegt nun der Akzent anders als im vorigen Sonntagsevangelium. Es scheint mir, zwei Dinge werden uns heute vorwiegend vor Augen geführt: 1) Wer Christus nachfolgen will, wer sein Leben mit ihm und aus ihm heraus gestalten will, der kann nicht bei einem bloßen Lippenbekenntnis stehen bleiben. Zum Christ-sein gehört unabdingbar nicht nur das Wort, sondern auch die Tat. Es genügt nicht, wie der eine Sohn im Evangelium zu sagen: Ja, ja, ich gehe schon und dabei bleibt es aber dann auch. Es reicht wohl nicht aus zum Christ-sein in der Jesusnachfolge nur sein Wort am Sonntag fromm und andächtig in der Kirche zustimmend zu hören. Eine soziale, mitmenschliche Komponente, sie läßt sich nicht absprechen vom Christentum. Das Evangelium muß praktisch werden. Die Praxis im konkreten, gelebten Alltag, sie erst wird es zeigen, wie ernst es mir ist mit dem Evangelium, mit meinem Glauben. Ich als Mensch muß einen Weg beginnen, heute - nicht erst später oder irgendwann einmal. Wir können nicht Gott lieben wollen und dabei unseren Bruder, unsere Schwester außer Acht lassen. So heißt es ja schon im 1.Johbrief: "Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott - und haßt seinen Bruder, der lügt. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er vor Augen hat, kann unmöglich Gott lieben, den er nicht sieht. Das ist die Ordnung, die wir von ihm haben: Wer Gott liebt, soll auch seinen Bruder lieben." (1Joh 4,20-21)
Gottes- und Nächstenliebe, sie gehören untrennbar zusammen, ja sie sind identisch. Gott lieben und nachfolgen, können wir nur, wenn wir unseren Nächsten lieben und im Auge behalten, weil Gott in uns daheim ist. Der Kirchenvater Augustinus sagt einmal treffend: "Kein leichtsinniger Mensch lasse sich täuschen und glaube, Gott zu kennen, wenn er ihn nur mit einem toten Glauben, das heißt ohne gute Werke bekennt."
Und im Jakobusbrief legt der Apostel gerade darauf großen Wert, daß das Lippenbekenntnis allein nicht ausreicht: "Was nützt denn, wenn jemand sagt, er glaube, daß es einen Gott gebe, sein tatsächliches Leben aber geschieht, als ob er es nicht glaubte? (...) So ist es mit dem Glauben: wenn er sich nicht auswirkt, ist er praktisch nicht das. Nun könnte einer kommen und sagen, er habe das Bessere, nämlich den Glauben, ich aber das Geringere, nämlich die bloße Tat. Aber zeige mir doch einmal deinen Glauben! Wo ist er denn, wenn er sich nicht sichtbar auswirkt? Ich will die gerne meine Taten zeigen, daß sie nicht möglich gewesen wären ohne den Glauben. (...) Der Glaube ist tot, wenn er sich nicht in Sichtbarem bewährt." (Jak 2,14.17-18.26b)
Und da sind wir auch schon beim 2. Punkt, den uns das Evangelium des heutigen Sonntags nahe bringt. Die Frage, wie denn tatsächlich ein erster Schritt hin zu solch einer Haltung aussehen könnte. Es geht dabei nämlich jetzt nicht um einen blinden Aktionismus im frommen, caritativen kopflosen Gewand. Es geht nicht um ein schnelles "Drauf-los-wurschteln", um ein Handeln um jeden Preis, nach dem Motto: Hauptsache das Evangelium wird in die Tat umgesetzt, egal wie, sondern es geht um ein ständiges Wachsen und Reifen, um einen Prozess, der das Evangelium langsam immer mehr verinnerlicht. Es geht darum, immer mehr die Worte des Evangeliums durch unser Herz hindurch zu lassen, in unser Herz aufzunehmen auf unserem Lebensweg. Die erste Lesung des heutigen Sonntags, sie kann uns einen Hinweis für einen ersten Schritt geben. Ezechiel sprach da heute von der Umkehr. D.h. das erste ist die selbstlose, demütige Selbsterkenntnis und Selbsteinschätzung. Der erste Schritt ist der, ehrlich einzusehen, daß wir in unserem Leben immer wieder aus unserer vermeintlichen Selbstsicherheit herauskommen und anerkennen, daß wir alle immer wieder der Umkehr bedürfen. Umkehr, Neubeginn, Neuanfang - auch nach einem Scheitern - ist keine Schwäche, sondern Größe. Das heißt zuallererst, ehrlich zu sich selbst sein, sich selbst gegenüber berechenbar bleiben, sich nicht in einer Selbstgenügsamkeit und Überheblichkeit zu wiegen. Es ist der demütige Augenblick in dem wir bekennen, daß wir zwar das große Wort geführt haben, aber doch nur beim Lippenbekenntnis stehen geblieben sind. Es ist die ehrliche Einsicht, daß wir in unserem Leben immer wieder feststellen, wie Wollen und Tun in der alltäglichen Realität auch auseinanderklaffen.
Was aber ist die Grundlage dafür, daß wir zur richtigen Selbsteinschätzung kommen, daß wir einen Weg erreichen und finden können von dem Wort hin zur Tat? Es ist die Berechenbarkeit Gottes selbst. Sein Verhalten uns gegenüber ist richtig, so beteuert Ezechiel, oder wie es Martin Buber treffender übersetzt, Gottes Weg ist abzumessen. Buber übersetzt so: "Nicht abzumessen ist der Weg meines Herrn! Hört doch Haus Israel! Ist's mein Weg, der nicht abzumessen ist? Sind es nicht eure Wege, die nicht abzumessen sind?" Gott bleibt berechenbar und sein Handeln ist abzumessen, denn, so endet das Kapitel im Buch Ezechiel der heutigen Lesung: "Denn ich habe nicht Gefallen am Sterben dessen, der sterben muß, ist's meines Herrn, sein Erlauten: kehret um und lebet!"
Gott, der Freund des Lebens, will, daß auch wir leben und berechenbar bleiben, im Reden und Tun. Gottes Weg aber, der stets abzumessen und berechenbar ist, von ihm darf man sagen, was der Schreiber des Weisheitsbuches bekennt: "Doch du unser Gott, bist gütig und getreu. Mit Langmut und Liebe regierst du das All. Auch wenn wir sündigen, gehören wir dir, denn wir kennen deine Macht. Doch wollen wir nicht sündigen im Bewußtsein, daß wir dir gehören." (Weis 15,1-2) Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, die richtige Selbsteinschätzung, als Weg der Umkehr, das ist der erste Schritt hin zur Tat, der Schritt hin in den Weinberg. Mir fällt dabei Franziskus ein, der Kleine und Armselige Bruder, der die Größe der richtigen Selbsteinschätzung hatte und ehrlich seinen Weg stets abzumessen bereit war. Und er, von dem man doch sagen würde, wenn einer das Evangelium gelebt hat, dann er, dieser Mann bekennt am Ende seines Lebens dies: "Brüder, nun wollen wir anfangen, Gott dem Herr zu dienen; denn bis jetzt haben wir wenig oder kaum Fortschritte gemacht. Er glaubte nicht es schon ergriffen zu haben; und unermüdlich ausharrend in dem Streben nach neuer Heiligkeit, lebte er in der Hoffnung, immer wieder von vorne anfangen zu können." (1Cel, 103)
Auch wir dürfen immer wieder neu anfangen, unsere Wege und unser Leben auszumessen. Wir dürfen anfangen, Worten des Evangeliums neu Leben zu verleihen durch unser Leben und Wirken. Geh und wirk' in meinem Weinberg. Ja Herr, ich mache mich wieder neu auf den Weg, um durch mein Wirken Deine Güte und Menschenfreundlichkeit erfahrbar werden zu lassen in dieser Welt, die in Sehnsucht Ausschau hält nach etwas mehr Frieden und weniger Streit, nach etwas mehr Güte und weniger Neid, nach etwas mehr Hilfe nicht so zimperlich und viel mehr Blumen des Lebens. Amen!
23. November 2008
34. Sonntag im Jahreskreis
Christkönig Evangelium (Mt 25,31-46)
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden von ihm zusammengerufen werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Erde für euch bestimmt ist.
Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.
Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?
Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.
Dann wird er sich an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht.
Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen?
Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben.
Am letzten Sonntag im Jahreskreis feiert die Kirche das Fest Christkönig. Dieses Fest ist ein relativ junges Fest in der liturgischen Geschichte der Kirche. Es wurde erst 1925 von Papst Pius XI eingeführt, als die Kirche des Ersten Allgemeinen Konzils von Nizäa gedachte, das 1600 Jahre zuvor abgehalten wurde. Ursprünglich wurde dieses Fest am Sonntag vor Allerheiligen gefeiert. Im Zuge der Liturgiereform wurde es 1970 auf den letzten Sonntag des Kirchenjahres verlegt. Soweit einmal kurz der historische Hintergrund. In allen Sonntagsmessen, wenn wir das Gloria singen, bekennen wir Christus als den "König des Himmels", den wir rühmen und dem wir danken. Jeder Sonntag ist also gleichsam ein Christkönigsfest. Jesus Christus ist der Herr der Welt, der Herr über Zeit und Ewigkeit, das Alpha und das Omega, "alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen, in ihm hat alles Bestand" (Kol 1,16-17).
Es schwingt viel an Machtgehabe und Pomp mit, wenn wir so hochherrschaftlich vom König Christus sprechen und man kann nicht verleugnen, daß das Fest selber bei seiner Einführung im Zuge einer progressiven Säkularisierung des damaligen öffentlichen Lebens am Anfang des 20. Jahrhunderts mit einem gewissen Machtanspruch die Anerkennung der Herrschaft Christi in Familie, Gesellschaft und Staat unterstreichen wollte. Diese Art der Machtdemonstration gewann dann noch einmal mehr an Bedeutung, als dieses Fest zu Zeiten des Nationalsozialismus - besonders bei der damaligen Jugend - als Gegengewicht zum totalen Machtanspruch des Staates und der NS-Ideologen gefeiert wurde.
Und selbst heute denken wir bei dem Wort König sofort an Pomp, Reichtum, Glanz und Gloria, wir denken an "Die-da-Oben". Wie wenig dies dem Leben Jesu, seinem Wirken, seinen Worten und Taten entspricht, erahnen wir aber ebenso schnell, wenn wir die Erzählungen der Evangelien hören und lesen. Der Weg, den Jesus ging, die Botschaft, die er verkündete, war alles andere als königlich und herrschaftlich im weltlichen Sinne. Es kam ihm nicht darauf an, die Machtverhältnisse neu zu ordnen, weder im profanen, noch im religiösen Bereich. Jesu Weg ist alles andere als ein Königsweg, es ist vielmehr ein Weg des Dienens, der Demut: "wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht." (Mt 20,26). Und er selbst bekennt: "Ich aber bin unter euch wie der Dienende." (Lk 22,27)
Das Vermächtnis Jesu scheint am Ende einfach und simpel und bei aller Schlichtheit doch so schier unrealisierbar für uns zu sein, in einer Welt der Unausgeglichenheit, des Zwanges, der Formen, der guten Meinung, in unsere beständigen Sorge, den Schein wahren zu müssen. Der Dienende zu sein, hat da eher den Beigeschmack, am Ende der Dumme zu sein. Wie aber soll das Dienen denn ausschauen? Christus trägt uns hier als sein Vermächtnis nur eines auf: "dies trage ich euch auf: liebt einander." (Joh 15,17) Als König weiß und versteht Jesus sich selber nur ein einziges mal, wenn er am Ende seines Lebens, als er verraten und angeklagt dem Tode nahe stand, eindrucksvoll vor Pilatus bekennt: "Ja, ich bin ein König" (Joh 18,37), aber nur ein König in dem Sinne, Zeugnis für die Wahrheit abzulegen, d.h. für die Wahrheit, die die Liebe ist, für die Wahrheit, daß Gottes Liebe einem jeden Menschen zugesagt ist und wir Menschen aus dieser Liebe heraus überhaupt erst leben und handeln können. Dies heißt doch im Grunde nur eines: In Jesus hat die Liebe ein Gesicht bekommen, ihr schönstes und ihr unverfälschtes wahres Gesicht. Er hat der Liebe ein Gesicht gegeben und jedem Menschen ein liebevolles und wertvolles Gesicht zurückgegeben, den Armen und Ausgestoßenen, den Schwachen und Notleidenden, all denen, die wie auch immer, unter der Last des Lebens zu ersticken drohten.
Am heutigen Sonntag, scheint das Evangelium überhaupt nicht so recht zum Christkönigssonntag zu passen, denn es spricht vom Ende aller Zeiten, vom jüngsten Tag, an dem Christus wiederkommt und der als der entscheidende Tag über Heil und Unheil, über Tod und Leben geschildert wird. Und doch steht dieses Evangelium in engster Verbindung mit dem königlichen Wirken Jesu in der Welt. Gott schenkt jedem Menschen Würde und Ansehen ohne Vorbedingungen und Gegenleistungen, das ist sein Wirken als König und Herr der Universums und mit einem male bin ich, sind wir alle mit hinein genommen und angesprochen von der königlichen Sendung Jesu. Aus der Zusage Jesu, daß jeder Mensch von Gott her in Liebe angeblickt und von ihm zum Leben berufen ist, daß wir alle von Gott her Würde und Ansehen erhalten, ist erst die ganze Schöpfung, sind wir alle königliche Menschen vor Gott und berufen, der Liebe Gottes in unserer Welt ein Gesicht zu geben. Es ist Sache aller Menschen zusammen in der Lebendigkeit des Denkens und Handelns neue Perspektiven auf das Ganze und für das Leben zu eröffnen.
Das Christkönigsfest in der Verbindung mit dem heutigen Evangelium, einem König, der nackt, obdachlos, gefangen, krank, hungrig und durstig ist, bringt das soziale und religiöse Leben in eine geheimnisvolle Wechselbeziehung. Wer seinen Nächsten nicht mehr hört, hört auch Gott nicht mehr, und wer Gott nicht hört, hört auch seinen Nächsten nicht mehr (vgl. 1Joh 4,20-21). Als Herr und König der Welt fordert Christus nur eines von mir: Erweise an deiner Nächstenliebe deine Liebe zu mir. Aus dem Evangelium dürfen wir jedoch dabei wohltuend eines vernehmen. Nicht die großen Schreier sind gefragt, nicht die, die meinen, an ihrer Tat, so gut sie auch gemeint sei, würde die Welt genesen, nicht die, die am lautesten Brüllen und Applaus bekommen, sind die, die recht haben, sondern allein die, die im menschlichen Miteinander die Würde und Größe jedes einzelnen erkennen und zur Entfaltung bringen. Dies geschieht aus einer gewissen fast nicht wahrnehmbaren Selbstverständlichkeit und Selbstlosigkeit heraus, ganz ohne Berechnung und ohne Kalkül. Das Evangelium heute nennt ausdrücklich, daß keiner der Menschen gewahr wurde, daß er der Liebe Gottes ein Gesicht gegeben hatte und er dabei Christus selbst begegnet war (vgl, Mt 25,37-40). Erklärungen, Verordnungen, Verpflichtungen sind der Liebe fremd und würden nur Verkrampfungen und Verschrobenes zum Vorschein bringen. Deswegen kann es uns als Christen weder um eine Selbstbewahrung, noch um eine macht- und einflussreiche Selbsttradierung gehen, sondern allein um die Wandlungsmöglichkeit der Welt und des menschlichen Herzens, auch wenn Gestalt und Gegenwart Christi dabei unerkannt bleiben: Herr, wann haben wir dich gesehen? Niemand weiß es, weil er immer unscheinbar und unmerklich wahrhaft präsent ist, wo wir uns als Liebende und Barmherzige begegnen, wo wir uns als Beschenkte erfahren, die dann nicht das Ihrige, sondern das Empfangene weitergeben.
Das Christkönigsfest ist kein Fest der Macht und einer triumphalen Selbstdarstellung, sondern die Einladung an uns, wie Jesus von der Wahrheit der Liebe Gottes zu seiner Welt Zeugnis zu geben, d.h. die Königswürde aller Menschen zu entdecken. Wer Vertrauen und Liebe in diese Welt hineinträgt, der hilft mit, daß die Menschen wieder in der Liebe zu Hause sein, in ihr wohnen dürfen. Jedes gute Vertrauen, das wir anderen schenken, ist ein Abbild des großen Vertrauens, das Gott selber uns entgegenbringt.
Der Welt ein Gesicht der Liebe geben, das macht die Königswürde Jesu aus, daraus erwächst auch unsere Würde und wird unser "Von-Gott-geliebt-Sein" erfahrbar, daraus dürfen wir den Mut und das Zutrauen wagen, daß wir als Werdende und nie Fertige Menschen gemeinsam auf dem Weg sind und ein königliches Licht der Liebe Gottes erstrahlt, wenn wir uns als Menschen begegnen in Würde und Verantwortung füreinander, so daß still und fast unbemerkt, die Welt ein Gesicht der Liebe erfährt und wir dabei Gott / Christus - vielleicht unbemerkt - begegnen aus dem und auf den hin die ganze Schöpfung ist. Dieser Königsweg Christi führt nicht zu Macht, Ruhm, Reichtum, Pracht und Hoheit im weltlichen Sinn, aber er führt zur Erfüllung und zur Fülle der Liebe und des Lebens. Das Gebet, das dem Hl. Franziskus zugeschrieben wird, kann uns vielleicht auf diesem Weg begleiten und uns stärken.
Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,daß ich liebe, wo man haßt;
daß ich verzeihe, wo man beleidigt;
daß ich verbinde, wo Streit ist;
daß ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
daß ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;
daß ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
daß ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
daß ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
Herr, laß mich trachten,
nicht, daß ich getröstet werde, sondern daß ich tröste;
nicht, daß ich verstanden werde, sondern daß ich verstehe;
nicht, daß ich geliebt werde, sondern daß ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer da stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.
2. Sonntag nach Weihnachten Gott ist zärtlich nahe
Evangelium: Joh 1, 1-18
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst. Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. Johannes legte Zeugnis für ihn ab und rief: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war. Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.
Der zweite Sonntag nach Weihnachten stellt und noch einmal den Prolog des Johannesevangeliums vor Augen, den wir bereits am Weihnachtstag gehört haben. Die Weihnachtstage sind vorbei, der Jahreswechsel hat stattgefunden und wir gewöhnen uns ganz langsam daran, daß wir nun 2009 schreiben müssen. Am Weihnachtstag hatten wir vielleicht gar nicht die Ruhe, uns tiefer mit dem Geheimnis der Heiligen Weihnacht zu befassen. Zu viel mußte und wollte vorbereitet sein, so daß es uns jetzt vielleicht gelingt in einem Moment der Ruhe diesem Geheimnis nachzuspüren. Deshalb will ich in dieser Predigt noch einmal ein paar Gedanken zum Weihnachtsfest zur Besinnung anbieten.
Wir haben also wieder einmal Weihnachten gefeiert, so wie wir es gewohnt sind. Wir haben uns ebenfalls schon an die Geschichte aus Bethlehem gewöhnt, an das Wort, das in unser Fleisch und Blut gekommen ist, damit alle, es uns Licht sei für unser Leben. Wir kennen die Erzählung der Christnacht, daß da eine arme Familie einen beschwerlichen Weg gehen muß, verzweifelt eine Unterkunft sucht und weil die Niederkunft nicht mehr auf sich warten lassen wollte, mußte man sich mit einem Stall begnügen, zwischen Ochs und Esel sollt es geschehen, die einzigen Zeugen vielleicht, die zugegen waren, als das Wort Gottes selbst Fleisch wurde, um in unsere Welt zu kommen.
Die ganze Weihnachtsgeschichte scheint einem alles in allem doch eher unglaubwürdig. Sollte wirklich keiner Mitleid gehabt haben mit diesem jungen Paar, mit der hochschwangeren Frau, sollte wirklich niemand aus dem Stamme Davids in Betlehem seinem Stammesgenossen zur Hilfe geeilt sein? Es scheint unser hochheiliges Paar ist in der Masse am Ende vielleicht doch untergegangen, so daß das Kindlein eben unbemerkt und ärmlich Einzug in diese Welt hielt. Es könnte so gewesen sein. Es könnte! Ist dies eine glaubwürdige Erzählung?
Aber was bewegt uns noch alles in diesen Weihnachtstagen? Nehmen wir die Schlagzeilen als Stimmungsbarometer für unser Befinden, dann sind diese sehr ernüchternd: Finanzkrise seit Wochen, das Weihnachtsgeschäft war ein voller Erfolg, an Silvester wurden wiederum gewaltige Summen in die Luft gejagt, so hört man, ach ja und in Zimbabwe herrscht die Cholera, rafft zigtausend hinweg. Die Schlagzeilen sind so unglaublich, so unverständlich, wie das Geheimnis der Weihnacht selbst. Wer kann diese Gegensätze verstehen? So unverständlich unsere eigene Welt ist, in der wir leben, in die wir gekommen sind, wofür die Schlagzeilen nur ein konkretes leidiges Gleichnis für unsere eigene Zerrissenheit und dunkle Gegensätzlichkeit sind; aber noch viel unverständlicher, ja unbegreiflicher, daß genau in dieser Welt der Gegensätze, einer Welt des Schreckens, einer heillosen, zerrütteten, unverständlichen Welt, Gott Mensch wird. Aber so heißt es im heutigen Evangelium kurz und prägnant: "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnet."
Dies ist am allerwenigsten zu verstehen und am allerwenigstens läßt es sich auch vorstellen, wie denn das wirklich geschehen sollte. Was bedeutet dies für uns? Wir müssen schon genau hinlauschen, um zu verstehen, was wir da eigentlich feiern an Weihnachten. Betrachten wir ein wenig das Geschehen genauer.
Das ewige Wort Gottes kommt nicht pompös daher, nicht als zur Schaustellung von Macht und Glorie, sondern das ewige Wort Gottes läßt sich von Anfang an gleichsam in unsere Geschichte hinein fallen, es läßt sich fallen bis in die unterste, unwürdigste Struktur unseres Daseins hinein, es fällt in eine Futterkrippe, um uns gleichsam mit allen Fasern unseres Daseins, einen Weg zu ebnen, der die Antwort auf die Zusage und Mitteilung, die Liebe Gottes selbst, aufweist und ermöglicht. Weihnachten ist kein Fest der Vertröstung, des Übertünchens und des Überspielens, für einen Moment die heile Welt entstehen zu lassen, sondern Weihnachten heißt die Annahme des Lebens, des eigenen Lebens mit all seiner Unbegreiflichkeit, weil Weihnachten der Anfang des geretteten Todes ist, Weihnachten heißt die unverbrüchliche Treue Gottes zu erleben, daß da ein Mensch beginnt sich so zu entäußern, daß er all sein Hoffen, Lieben und Sehnen bedingungslos in die Hände des unbegreiflichen Gottes übergibt und wir in dem Kind in der Krippe staunend erahnen dürfen, daß da das Wort Gottes und die Antwort des Menschen in einer Einheit da sind. Denn das Kind in der Krippe, aus dem morgen der Mann Jesus wird, der all die steinigen und stauben Straßen des irdischen Menschenlebens mit uns durchwandert, bis zum Äußersten aller Finsternis am Kreuz, ist der Mensch Jesus, der nicht sich verkündigte, sondern das Reich Gottes und die Liebe des Vaters zu den Menschen und seiner Schöpfung. Dies tut er von Anfang an in einer Haltung des von sich Absehens und Entäußern, in einer Geste des sich Fallen Lassens und Hingebens, kurz in der Haltung des Dienens. Dieser Mensch Jesus ist gerade darum der reine Mensch schlechthin, das Beispiel von geglücktem Menschseins, weil er sich selbst über Gott und den nach Menschen ausschauenden Heils vergisst und nur in diesem sich Vergessen und sich Hingeben, dem sich Schenken und Fallenlassen, dem "Dasein-für" existiert er. Mit einem Wort, weil er die gelebte Liebe ist. Dieses Wort Gottes, das in die Welt kam, ist kein Wortschwall, kein Geplapper, das uns wie in einem Film einmal hinter die Kulissen unseres eigenen fragwürdigen Daseins blicken ließe, ist keine Sonderinformation für eine kleine Schar Eingeweihter, sondern in und durch das eigene Leben sagt dieses Wort eigentlich wenig und doch alles, denn es sagt 'nur' das siegreiche Erbarmen und die Liebe Gottes den Menschen zu, das die ganze Geschichte der Menschen mit all ihrer Schuld und all den Verzweigtheiten und Ausweglosigkeiten umfasst, und Gott selbst als die absolute Zukunft, die Rettung und das Leben, dem Menschen aus- und zusagt.
Das Wort Gottes, das Fleisch wird, sagt nur eines: Anfang und Ende, Herkunft und Zukunft des Menschen sind nicht gedankenloser, planloser Zufall, chaotische bio-chemische Physik, sondern Herkunft und Zukunft der Menschen, der Welt, des Universums sind gewollte bedingungslose Liebe, Kraft, Licht und Leben. Weihnachten läßt die Welt so wie sie ist, aber das Volk, das im Dunkeln sitzt, sieht ein helles Licht. Dieses Licht ist uns an Weihnachten erschienen, dieses Licht ist Gott selbst, seine Liebe, seine Nähe, seine Solidarität mit den Menschen. und bei der Betrachtung des Wortes Licht, das in und bei uns erschien, kommt das eigentliche Geheimnis der Weihnacht zum Ausdruck. Das Wort besteht nur aus fünf Buchstaben, es beginnt mit einem L und endet mit einem T, dazwischen tut sich der Mensch selbst auf, das ICH kommt zum Vorschein, zwischen L wie Leben und T wie Tod ist eingespannt das Ich, und ist dennoch in seiner Fülle und Ganzheit zusammen nur eines, nämlich Licht. Genau dieses Licht kam in die Welt, ist dort zu Hause, wo wir zu Hause sind, um dieses "Ich", uns alle, jeden einzelnen zu führen und zu leiten durch die Nacht hindurch zum Licht.
Das Leben ist in seinen Gesetzen und Spannungen geblieben. Aber Gott selbst hat sich diesen Spannungen unseres Daseins ganz unter- und eingeordnet. Unser Dasein wird getragen auf geheimnishafte Weise von dem uns nahen Gott, der unser Leben durchwärmt und durchlichtet bis hin in die innersten und intimsten Fasern unseres eigenen Daseins. Wo wir zaghaft und vorsichtig vielleicht unser Herz - einen Augenblick nur - in Stille dafür öffnen, spüren wir diese Nähe und Liebe Gottes, die auch uns durchströmt, aus der wir überhaupt erst leben. Der sich selbst als Atheist bezeichnende Existenzphilosoph Jean Paul Sartre hat 1940, als er im Kriegsgefangenenlager inhaftiert war für die Weihnachtsfeier im Lager ein Theaterstück (Barjona) geschrieben, das sein Ringen und seine Not um einen Glauben an Gott deutlich zum Ausdruck bringt, auch wenn er freilich den Schritt des vertrauenden Glaubens nicht gehen konnte oder wollte. In dem Stück heißt es: "Wenn Gott Mensch würde für mich, dann würde ich ihn lieben, ihn ganz allein. Dann wären Bande zwischen ihm und mir, und für das Danken reichten alle Wege meines Lebens nicht; ein Gott, der Mensch würde aus unserem liebenswerten, elenden Fleisch, ein Gott, der das Leid auf sich nähme, das ich heute leide. Ja, wenn Gott Mensch würde für mich, dann würde ich ihn lieben." Die Antwort, die der Atheist Sartre zwar im Konjunktiv gibt, hat aber das Eigentliche erfasst, denn wenn Gott Mensch wird, wenn das ewige Wort des Vaters Fleisch wird, dann wäre menschliche Liebe richtig eigentlich nur dies eine, Gottesliebe. Die Pflicht des Menschen wäre dann Hoffnung. Selbst unser Tod und unsere Dunkelheit wären von der Freude und dem Licht überstrahlt.
Wir spüren das fleischgewordene Wort des Vaters, es verlangt nach einer Antwort, die nur wir geben können und müssen. Es mag eine suchende Antwort sein und bleiben, es mag eine hoffende Antwort sein und bleiben, es muß nur eine Antwort der Liebe aus dem Herzen sein, eine Antwort, die nichts anderes beinhaltet, als die Bewegung des Wortes, als es in diese Welt hineinkam, eine Antwort die es schafft von sich wegzugehen, um sich in die Arme des liebenden und Gottes, des Lichtes und des Lebens fallen zu lassen. Es braucht allein die Offenheit des Herzens, die den Hirten, die zum Stalle kamen eigen war. Es waren Menschen, deren Seelen warm wurden bei der Erinnerung an die alten Verheißungen, es waren Menschen, die noch des Wunders fähig waren, die die wache Lebendigkeit der Seele noch in sich trugen und eine spontane, hurtige Bereitschaft, dem Ruf zu folgen, von sich weggehend hin zum Stall, wo inmitten der unsäglichen Nacht, das Licht erschien. Weihnachten will auch uns dahin führen, dieses Licht zu sehen, damit es uns Stärke in Glaube, Hoffnung und Liebe und in uns die Gewißheit neu entzünde, daß da ein Gott ist, der uns in seiner Vaterhand geborgen hält. Weihnachten sagt uns, daß die oft schmerzlich vermeintliche Ferne Gottes nur die Unbegreiflichkeit seiner alles durchdringenden Nähe ist. Gott ist zärtlich nahe, er ist da, er rührt mit seinem Wort der Liebe sanft an unser Herz und sagt uns, die wir inmitten einer Welt der Gegensätze leben, die uns auch oft dunkel erscheint: Früchte Dich nicht! Ein Moment der Stille, des Schweigens, des anbetenden Staunens vor der Geheimnishaftigkeit unseres Daseins und vor dem geheimnishaften Eintreten unseres Gottes in die Mitte unseres Lebens als Mensch und Weggefährte, schenke uns Mut und Zuversicht auch in diesem neu begonnenen Jahr auf den Straßen unseres Lebens, gleich wie sie verlaufen, weiterzugehen in der Gewißheit, daß ER selbst mit uns ist. Jesus Christus, als Mensch mit uns Menschen unterwegs, als Gott, er selbst das Ziel!
01. März 2009
1. Fastensonntag
Die rechte Selbsteinschätzung 1. Fastensonntag (Invocabit) Evangelium: In jener Zeit trieb der Geist Jesus in die Wüste. Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm. Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium! (Mk 1,12-15)
Wir stehen am Anfang der Fastenzeit und wie in jedem Jahr stellt uns das Evangelium des ersten Fastensonntages Jesus in der Wüste vor Augen. In diesem Jahr lesen wir die Version, die Markus uns überliefert hat. Markus weiß darüber nur in kurzen Sätzen zu berichten. Er gibt uns nicht solch einen detaillierten Einblick in das Geschehen, wie es die anderen Evangelisten Matthäus und Lukas uns schildern.
Auch wenn heute allen Ortens die Wüste als spiritueller Ort der Stille und der Gottesbegegnung propagiert wird, Wüstenerfahrungen als Ort religiöser Dimension mit romantisch anmutenden Bildern angepriesen wird, so verkennt dies etwas die harte Realität und den doch gewissen Ernst der Lage, denn die Wüste ist alles andere als ein Idyll und nicht jedes noch so fromme sentimentale Stimmungsgefühl ist gleich ein religiöses Highlight oder eine wohlig kuschelige Wellnessoase. Ein Blick in die Berichte der frühen Mönchsväter oder in die mystischen Aufzeichnungen eines Johannes vom Kreuz oder einer Theresa von Avila würden genügen, um zu erahnen, wie hart und dunkel, wie zermürbend solche Wüstenerfahrungen sind. Wüsten, das heißt Kampf, oftmals schier brutal anmutende Auseinandersetzung mit all den Kräften des Lebens.
Und so ergeht es auch Jesus. Der Widersacher, ja satanische Kräfte versuchen den Herrn und treiben ihr verlockendes Spiel selbst mit ihm. Ist dies nicht etwas seltsam? Ist dies nicht eher entmutigend? Wir haben gerade am Aschermittwoch die österliche Bußzeit begonnen, um uns auf Ostern vorzubereiten und nun hören wir, daß selbst Christus mit Versuchungen zu kämpfen hatte. Wenn schon er, der Herr, solche Auseinandersetzungen zu durchstehen hatte, was sollen denn da wir sagen? Wie vieles läuft in unserem Leben nicht ganz rund, wie oft werden wir vom Leben durchgeschüttelt, so daß die Wellen hoch schlagen, wie oft strengen wir uns, unserem Leben eine genaue Zielrichtung zu geben, um so das Evangelium glaubwürdig ins eigene Leben zu übersetzen? Wir bleiben dahinter zurück, ermatten, erlahmen und lassen uns treiben von inneren, manchmal unverhofften und nicht gekannten Gefühlen, manchmal vom äußeren Strom, in dem wir schwimmen. Und so sind wir es gewohnt, daß wir in der Fastenzeit ermahnt werden, was wir alles tun sollten und müssten, worauf wir verzichten sollten, mit einem Wort: daß wir unseren Lebensstall ausmisten und in Ordnung bringen sollen. Wir kennen das und vielleicht möchten wir das schon gar nicht mehr hören, es langweilt uns und wir winken ab.
Durchaus kann man sich hie und da nicht des Eindrucks erwehren, wir müssten in unserem geistlichen Leben höhere und bessere Leistungen und Erfolge erzielen. Wir leben bereits in einer Leistungsgesellschaft, die uns einiges abverlangt und es mag so scheinen, als ob es auch im religiösen Bereich den Hang hin zu einer religiösen Leistungsgesellschaft gibt. Aber dies kann und darf nicht der Sinn der Fastenzeit sein. Nähern wir uns vorsichtig und behutsam dem, wohin uns die österliche Bußzeit führen möchte.
Wir bereiten uns auf Ostern vor und der hl. Paulus fasst das ganze göttliche Heilsgeschehen schön zusammen, wenn er in seinem Brief an die Römer folgendes schreibt: "Adam ist ein Vorausbild des Künftigen. … Wenn durch des einen Verfehlung die Vielen starben, in wie viel größerem Maße strömte dann die Gnade Gottes und das Geschenk der Gnade des einen Menschen - Jesus der Messias - auf die Vielen." (Röm 5, 14b-15)
Wenn wir uns also auf Ostern vorbereiten wollen, dann müssen wir uns dafür bereiten, daß wir ein Geschenk, eine Gabe erhalten. Wir erhalten ein Geschenk, ein Geschenk aus freien Stücken. Wenn wir ein Geschenk gemacht bekommen, dann wird uns das Geschenk aus freien Stücken zuteil. Für ein Geschenk muß ich keine Vorleistung bringen, sondern ich bekomme es einfach so, oftmals sogar unerwartet.
Österliche Bußzeit heißt also, daß wir in uns die Haltung bewahren und einüben, ein Geschenk zu erhalten. Die Gabe mit offenem Herzen ein Geschenk zu erhalten, ist nicht einfach zu erreichen, weil dies von uns ein umdenken fordert. Wir sind gewohnt, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen, selbst für uns zu sorgen, und dabei wollen wir frei sein und bleiben und nicht in Abhängigkeiten hinein kommen. Es braucht eine gewisse Übung, wirklich beschenkt zu werden, ohne daß wir gleich im Hinterkopf haben, wir müssten irgendetwas dafür tun oder uns revanchieren, oder uns fragen, warum habe ich dies gerade verdient.
Die Gabe, die Gott uns schenken will ist das Leben, ein Leben in Fülle. Paulus schreibt weiter: "die, welche das Übermaß der Gnade und das Geschenk der Gerechtigkeit empfangen, werden im Leben König werden durch den einen: Jesus den Messias." Röm 5,17)
Es ist diese immerwährende und nie versiegende Liebe Gottes zu uns Menschen, die uns Menschen auf der Seite des Lebens sehen möchte und nicht auf der Seite des Todes. Beides liegt vor uns und Gott ist an nichts anderem so brennend interessiert, als daß wir das Leben haben und wählen (cf. Dtn 30,19-20). Gott wartet mit diesem Interesse nicht so sehr in drohender und mahnender Gebärde auf, sondern es ist ein durchdringender Schrei der Liebe und der Leidenschaft für uns Menschen. Daß wir dieses Werben Gottes sehen und erspüren, dazu will uns die Fastenzeit anleiten.
Alle unsere Sinne sollen geöffnet werden, damit wir dieses Geschenk der Liebe Gottes erspüren und erahnen. Wie wir uns dafür bereiten, das ist in die Entscheidung jedes Menschen selbst gegeben. Der erste Schritt ist der, daß wir uns von Gott mit dieser Liebe beschenken lassen und wir dem gewahr werden, und dann werden wir fast wie von selbst uns und unser Leben in Frage stellen: wie lebe ich, wer bin ich, wer will ich sein, wohin führt mich mein Leben.
Diesen ernsten und innigsten Fragen dürfen wir uns dann stellen und dabei braucht niemand den anderen zu beurteilen, was oder wie jemand etwas tun sollte und könnte. Jeder darf da ganz bei sich bleiben. In Demut und Bescheidenheit wird jeder sich selbst befragen, wenn er der Liebe Gottes gewahr wurde, wie das eigene Leben sich abspielt. Die größte Versuchung, der wir dabei erliegen können ist die, daß wir uns über andere erheben.
Immer wieder hören wir in den Nachrichten, daß im sportlichen Geschehen, der Mensch versucht, durch Doping sich heimliche Siege zu erschleichen, sich heimlichen Vorteil zu erhaschen. Doping ist die Urversuchung des Menschen, mehr sein und darstellen zu wollen, als man ist. Diese Urversuchung ist nicht nur im Sport lebendig, sie ist eine Versuchung, die uns beständig widerfährt. Die Versuchungen, denen wir in unserem Leben als Christen widerstehen sollen, sind nicht so sehr in erster Linie moralische Versuchungen, sondern die größere Versuchung liegt in einer falschen Selbsteinschätzung, daß wir mehr sein und darstellen wollen, als wir sind.
Auch Jesus hatte sich, diesen Fragen und dieser Versuchung zu stellen. Dabei ist die Fastenzeit kein sportlicher Wettbewerb mit der Frage, wer springt höher, weiter, schneller, sondern die Fastenzeit will uns aufrufen, ehrlich und redlich uns selbst zu fragen: wer bin ich, wohin gehe ich, führt meine Lebensführung wirklich zu Leben oder in den Ruin und bin ich bereit, von Gott ein Geschenk gemacht zu bekommen, das ich mit ehrlichem Herzen aufnehme. Von Jesus dürfen wir dabei lernen, demütig genug zu sein in unserer Selbsteinschätzung. Du sollst Gott, Deinen Herrn, anbeten und ihm allein dienen, so antwortet Jesus auf die letzte Versuchung des Widersachers, die ihn zu einer falschen Selbsteinschätzung führen sollte (cf. Mt 4,10). Der größten Versuchung, der wir erliegen können ist die, mehr sein und darstellen zu wollen, als wir wirklich sind. Dieser Versuchung begegnen wir nur allzu oft in unserem Alltag, die österliche Bußzeit will uns Mut machen, ihr auf die Schliche zu kommen und dieser Versuchung Einhalt zu gebieten. Und dabei gilt, was Paulus wiederum schreibt: "Wer also meint, er stehe: der blicke darauf, daß er nicht falle." (1Kor 10,12)
Bitten wir Gott, daß er uns die Gnade zu einer rechten Selbsteinschätzung schenke, so daß das Leben und die Liebe durch unser Leben scheine und wir der Arroganz widerstehen, mehr darstellen zu wollen, als wir wirklich sind. Die kleine abschließende Meditation kann uns dabei in diesen Tagen hilfreich sein und unser Beten und Tun im Alltag begleiten:Du,
von Dir kommt alles, was gut ist
Ergreife Du die Macht über mich:
über meine Gedanken, dass ich Gutes denke;
über meine Augen, dass ich Gutes sehe;
über meine Ohren, dass ich Gutes höre;
über meinen Mund, dass ich Gutes rede;
über meine Gefühle, dass ich Gutes erspüre;
über mein Herz, dass ich Gutes liebe;
über meine Hände, dass ich Gutes tue;
über meine Füge, dass ich gute Wege gehe;
Ergreife Du die Macht über mich, damit ich gut bin
Ergreife Du die Macht über die ganze Welt, damit das Gute siegt!
31.Mai 2009
Pfingstsonntag
Verstehen lernen
Mit dem heutigen Fest Pfingsten findet die Osterzeit ihren Abschluss. Durch 50 Tage hindurch haben wir uns im Festkreis der Osterzeit bewegt und immer wieder von Christus dem Auferstandenen gehört. Wir sind dem Auferstandenen gefolgt durch die verschiedenartigen Begegnungen des Herrn mit seinen Jüngern. Wir haben erfahren, wie diese immer mehr in die Osterbotschaft hineingewachsen sind, wie aus ängstlichen, verzweifelten Menschen frohe und mutige Zeugen der Auferstehung Jesu wurden. Wir wurden gleichsam mit hinein genommen in diese Bewegung und durften erfahren, daß der Herr zum Vater gehe, nur mit dem einen Ziel, um für immer bei uns zu sein. Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, alle diese Feste atmen denselben Geist. Sie künden uns vom guten Gott, vom Gott der Lebenden, der seinen Sohn nicht im Tod gelassen hat, er ihn vielmehr endgültig bei sich gerettet hat, wir darin die Bestätigung sehen dürfen: wahrhaft dieser Mensch war Gottessohn (cf Mk 15,39). Und dieser Gott will ebenso, daß auch wir leben, endgültige Rettung und Heil erlangen. So haben wir es immer wieder gehört: Gott lebt und wirkt durch und in uns in seinem auferstandenen Sohn.
Was aber Pfingsten auch bewirkt und darauf weist die Lesung des Pfingsttages hin: Pfingsten schafft Beziehung untereinander und bewirkt, daß Menschen sich mit einem male verstehen. Plötzlich werden die Menschen ganz Ohr füreinander. Mit dem verstehen ist es aber so eine Sache. Es ist uns nur all zu gut bekannt, daß wir Menschen uns eben auch nicht verstehen. Tagtäglich holt uns auch diese Realität immer wieder ein. Es gibt genügend Momente, wo wir nicht verstehen, wo wir nicht verstanden werden und der Grund dafür liegt nicht immer nur darin, daß wir zu leise sprechen würden, oder ein anderer zu leise spräche. Wir verstehen einander nicht, weil Worte leer bleiben, Worte ohne Liebe sind, oder weil wir gewisse Botschaften anderer überhaupt nicht verstehen oder wahrnehmen, uns der Zugang für ein Verständnis fehlt. Ja selbst Signale unseres eigenen Körpers, unserer eigenen Leib-Seele-Realität bemerken wir oft nicht mehr und werden darin dann uns selber gar fremd.
Mit dem Verstehen ist es so eine Sache und dies noch mehr heute, wo wir für alles einen Spezialisten haben und brauchen. Wir stehen heute unter dem Zwang, sich spezialisieren zu müssen. Jeder hat seinen Bereich, ist Herr auf seinem Gebiet und alles andere darum braucht uns nicht mehr interessieren, denn dafür gibt es ja wieder einen anderen Spezialisten. Das macht das verstehen aber auf keinen Fall leichter, weil es für jeden Spezialisten einen bestimmten Fachjargon gibt, den der Normalsterbliche nicht mehr entziffern kann. Sie müssen nur einmal einen Bericht eines Arztes über sich selbst lesen und sie werden mir Recht geben, daß ein Laie da gar nichts mehr verstehen kann. Jeder ist gefangen in seinem Bereich und gar den Predigern oder auch der Kirche lastet man an, man könne diese gar nicht mehr verstehen, was die da so sagen. Was der Prediger sage oder was die Kirche meint sagen zu müssen, wäre einfach nicht mehr die Sprache der Menschen und dessen, was sie bewege. Am Ende braucht es vielleicht gar wieder einen Spezialisten, der sich nur darauf versteht, die Beziehungen unter den einzelnen Fachspezialisten wieder herzustellen, um ein Verständnis füreinander zu wecken. Es braucht manchmal einen Übersetzer, der Verbindungslinien schafft und neue Kanäle öffnet, so daß Menschen sich wieder verstehen können. Ein Nebeneffekt unseres Spezialistentums besteht darin, daß wir sehr schnell der irrwitzigen Meinung verfallen können, wir wären in unserem Spezialbereich unersetzlich, wir würden unbedingt gebraucht, ähnlich einem Mann, der ins Taxi gesprungen kam mit der Aufforderung: "Taxi fahren sie mich!" Auf die Anfrage des Taxifahrers, ja wohin denn, kam dann auch prompt die Antwort: "Egal wohin, ich werde überall gebraucht!" Das Spezialistentum gibt uns die Aura der Omnipotenz, der hochgradigen Überlegenheit, denn es sind ja wir, die es so weit und toll gebracht haben, daß wir meinen, wir seien unersetzlich. Pfingsten aber räumt auf mit diesem Imponiergehabe, mit dieser Meinung, wir wären die Herren der Welt, die tollen Hechte. Pfingsten holt uns heraus aus unseren abgeschotteten, spezialisierten Ecken, denn Gottes Geist kommt mit Saus und Braus und er ist es, der Kanäle des Sich-Verstehens neu schafft. Und urplötzlich werden wir befreit aus unseren Gefängnissen und den elfenbeinernen Türmen der Isoliertheit, aus den Gefängnissen der Überheblichkeit, des sich ständig gegen andere profilieren Müssens.
Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche, der "ecclesia". Das ursprünglich griechische Wort bedeutet wörtlich übersetzt: die Herausgerufenen. Wir werden heute herausgerufen, wir werden heute zu Brüdern und Schwestern, zu Kindern des einen Vaters, völlig unerwartet und plötzlich, nicht weil wir rufen oder so laut schreien, sondern weil wir herausgerufen sind. Mit einem Mal leben wir in der Wirklichkeit des Heiligen Geistes und nur hier leben wir tatsächlich in Saus und Braus. Nicht in Saus und Braus eines Materialismus, nicht in Saus und Braus der Isoliertheit und Überheblichkeit, sondern wir leben im Saus und Braus des Geistes Gottes, der in überreichem Maße ausgegossen ist über unser Leben. An uns allein liegt es, daß wir diesen Geist, der Leben schafft, nicht auslöschen (cf 1Thess 5,19).
Egal, wo einer steht, wir Menschen können uns in der Wirklichkeit dieses Geistes verstehen, wir können den anderen verstehen, weil wir alle aus demselben Geist heraus leben. Pfingsten heißt dann, jeder Mensch darf in seiner Sprache reden, ja muß gar die Sprache seines Lebens finden. Dies dürfen wir ohne Angst tun, denn Gottes Geist ist es, der uns miteinander und untereinander verbindet, des es schafft, daß wir uns über Grenzen hinweg verstehen. Wir brauchen keine Einheitsfront. Christen sind keine isolierten Ghettobewohner. Es braucht auch nicht einen standardisierten Gleichschritt, sondern jeder darf aus der Kraft des Geistes heraus er selbst sein, jeder so, wie es seinen Gnadengaben entspricht. Denn dies alles bewirkt immer ein und derselbe Geist, wie Paulus sagt (cf 1Kor 12,1-11). Mit der heiligen Theresia von Lisieux können wir auch sagen: "Lieber Gott, ich will dich preisen mit dem Gesicht, das du mir gegeben hast."
Wir sind herausgerufen mitzubauen an einer Kirche, die kein Fertighaus darstellt, sondern die eine Kirche ist, die immer neu im Werden begriffen ist. Ob wir es fertig bringen, uns in den unberechenbaren Saus und Braus des heiligen Geistes hineinzubegeben?
Heiliger Geist, komm' und erfrische unser Leben, damit wir neuen Schwung im Leben erfahren dürfen, einen Schwung, der uns mit den anderen verbindet. Komm', heiliger Geist und bewirke, daß wir einander verstehen und leben lassen, weil wir alle aus deinem Geistwirken heraus erst leben. Pfingsten sagt uns: ihr dürft leben als Brüdern und Schwestern, als Kirche, wo jeder ein zu Hause haben darf, und wo er Gott preisen dar, mit dem Gesicht und den Fähigkeiten, die Gott einem jeden von uns gegeben hat.
26.Juli 2009
17. Sonntag im Jahreskreis
Hunger nach geglücktem Leben
(Joh 6, 1-15)
Uns allen ist aus dem antiken Rom bekannt, daß die Cäsaren mit der Formel Brot und Spiele die Untertanen bei Laune hielten. Wenn die Leute zu essen haben und ausreichend Unterhaltung finden, sinkt das Interesse für Politik und für ein kritisches Denken allzumal. Es scheint, das ist auch heute nicht viel anders. Es gibt Konsumanreize jeglicher Art, die den Menschen schlechte wirtschaftliche Aussichten vergessen machen sollen. Die Hauptthemen, die öffentliche Aufmerksamkeit finden, sind nach wir vor ein gesichertes Einkommen und die Teilnahme an der Freizeit- und Unterhaltungsgesellschaft. Lediglich die Medien und die Stars der Unterhaltung wechseln je nach Mode.
Das heutige Evangelium mag da angesichts der antiken und immer noch gültigen Formel verblüffen. Die Menschen folgen Jesus nicht in eine Arena von Spielen und versunkener Gedankenlosigkeit, sondern sie folgen ihm in die Wüste. Jenseits allen Glanz und Glimmers führt Jesus sie an einen abgelegenen Ort. Es ist die Wüste, des eigenen Daseins, der Fragen und der Enttäuschungen, der Verzweiflung und der eigenen Leere. Viele Menschen folgen Jesus und hören ihm zu. Er versteht es, sie in seinen Bann zu ziehen. Hinter der Erfolgsstory aber verbirgt sich eventuell eine weniger strahlende Wirklichkeit. Die Menschen, die Jesus nachlaufen haben offenbar keine feste Arbeitsanstellung und damit auch nicht viel zu essen. Jesus bringt ein wenig Abwechslung in ihren Alltag, der auch damals grau war. An das, was man von ihm erzählte, knüpften sie wohl auch vage Hoffnungen auf eine bessere Zukunft.
Auf der anderen Seite sehen wir einen ungewöhnlichen Idealisten, der an die Tradition der Propheten anknüpfte, durch seine Redegabe die Leute in seinen Bann zog, sie zu bewegen suchte. Er setzt Zeichen, die in eine bessere Zukunft weisen. Seine Zuhörer finden offenbar Gefallen an seinen Gedanken.
In diese Stimmung hinein setzt Jesus ein neues Zeichen: Wie Moses während der Wüstenwanderung speist er das ganze Volk, das hinter ihn her zog. Alle bekommen genug, es bleibt sogar noch übrig. Die neue Zeit, eine bessere und rosigere Zeit scheint nun endlich angebrochen zu sein. Die Leute haben alles, was sie brauchen und bisher gesucht haben. Sie haben zu essen und sind satt. Ja mehr noch, sie wollen Jesus gar gleich zum König ausrufen. Ein König des Brotes, ein König des Noch-mehr-haben-Wollens und der Spiele. Brot und Spiele, ein Spektakel, das die eigene Lebenswirklichkeit übertünchen soll. Doch Jesus entzieht sich der Menge. Er hat etwas erreicht, was er so nicht erreichen wollte. Was er eigentlich anzielte, kam bei der Menge nicht an. Ihr genügt es, wenn sie satt wird und ein wenig Abwechslung erlebt. Ihm geht es nicht allein um die Sättigung. Christus wollte vielmehr den Anbruch des Reiches Gottes spürbar werden lassen.
Wo aber liegt der Unterschied zwischen einem Aufbruch ins Schlaraffenland und dem Aufbruch in das Reich Gottes? Steht die Kirche heute nicht vor dem gleichen Unverständnis? Sie steht einer Gesellschaft gegenüber, die ihren Hunger nach Brot mehr oder weniger überwunden hat. Jetzt dreht sich fast alles nur noch um die Spiele. Es fehlt nicht an Versuchen, sowohl den Genuß des Brotes, wie auch der Spiele durch größere Raffinesse und Anreize zu steigern. Alles getreu nach dem Motto: "unterm Strich zähl Ich."
Eugen Roth, der kritische und humorvolle Dichter, hält uns in Versform so den Spiegel vor:Ein Mensch gelangt, mit Müh und Not,
Vom Nichts zum ersten Stückchen Brot.
Vom Brot zur Wurst geht's dann schon besser;
Der Mensch entwickelt sich zum Fresser
Und sitzt nun, scheinbar ohne Kummer,
Als reicher Mann bei Sekt und Hummer.
Doch sieh, zu Ende ist die Leiter:
Vom Hummer aus geht's nicht mehr weiter.
Beim Brot, so meint er, war das Glück.
- Doch findet er nicht mehr zurück.
Für eine Kirche, die den Aufbau einer besseren und gerechteren Welt mitgestalten will, lassen sich nur verhältnismäßig wenige gewinnen. Man gibt etwas vom großen Überfluß, man schnallt den Gürtel etwas enger und erschwindelt sich irgendwie die Legitimation für ein banales Brot-und-Spiele-Dasein. Der Hunger, die Fragen, das Leben mit all seinen Fragen und Ungereimtheiten aber bleiben.
Was wollte Jesus aber eigentlich mit seiner Predigt vom Reich Gottes? Warum gibt er sich nicht damit zufrieden, die Menschen mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen, einfach nur der König des Brotes zu sein? Jesus wollte die Menschen zu einer ganz persönlichen Gottesbeziehung, zu Gotteserkenntnis und zur Vertiefung der Beziehungen untereinander führen. Er wollte den Menschen zeigen, daß Gott selbst sich zum Wegbegleiter unseres Lebens gemacht hat, damit wir Frieden und Ruhe für unsere Herzen fänden, damit wir mit all unseren Fragen und Ungereimtheiten einen würdigen Platz hätten und aus der verborgenen Nähe Gottes Kraft fänden für unseren Weg. Er wollte, daß wir tiefer blickten und nicht nur an einem vordergründigen Glück hängen blieben.
Wonach hungern aber Menschen, die satt sind? Wonach hungert mich, wenn ich satt bin? Auch wenn ich meinen Hunger mit noch größerer Raffinesse stille, aus dem grauen Alltag ausbreche und ich mich in immer buntere Farben hineinzwinge. Irgendwann gelangen wir Menschen doch an einen Punkt, wo wir zu fragen beginne: Ist das alles? Neben dem Hunger nach Brot und Spielen, der in uns allen wach ist, spüren wir aber auch den Hunger nach wirklich geglücktem Leben und erfüllten Beziehungen. Beziehungen, die mehr sind als nur ein Kontakt, mehr als nur Erlebnisgemeinschaft, mehr als nur im Strom der Gesellschaft zu schwimmen.
Jesus versteht es, an unser Herz zu rühren, weil er Wege aufzeigt und selbst gegangen ist, wie wir unseren Hunger nach erfüllter Beziehung tatsächlich stillen können. Nicht zufällig sind seine Hauptgebote das Gebot der Gottesliebe und das Gebot der Nächstenliebe. Er hat gezeigt, wie das Bemühen um eine immer tiefere und innigere Gottes- und Menschenliebe das Leben ausfüllen und neue Lebens- und Erfahrungsdimensionen erschließen kann.
Beziehung wird dort als tief erlebt, wo ein Mensch den anderen besser erkennt, begreift, etwas von seinem Geheimnis erahnt. Beziehung hat mit Erkenntnis zu tun. Jesus zieht sich enttäuscht zurück, weil die Menschen ihn nicht wirklich erkannt haben, ihn missverstehen, ihn verkennen. Erkenntnis Gottes bedeutet vertraut werden mit Gott, etwas von ihm begreifen, erahnen. Wo Gott als das Geheimnis des Lebens ergriffen wird, wo ich mich ihm mit allem, was zu mir und meinem Leben gehört mit Vertrauen überlasse, da beginnt das Reich Gottes. D.h. auf das Kommende hin zu leben, in der Reihenfolge der Schritte, die wir, einen nach dem anderen zurücklegen, mit dem Vertrauen und der Hoffnung geführt zu werden, wenn wir auch nicht wissen wohin. In diesem Vertrauen kann es uns gelingen, den Kerker unseres eigen Egoismus zu überwinden und Solidarität mit unseren Mitmenschen zu üben, daß wir einander zum Halt und zur Stärke werden, daß wir uns als Glieder des einen Leibes wiederfinden, der Christus selbst ist und so Gottes Reich lebendig wird in unserer Welt. Ein Lächeln, so heißt ein Sprichwort, das du aussendest, kehrt zu dir zurück. Oder wie es der brasilianische Theologe und Dichter Bischof Dom Helder Camara einmal gesagt hat:
"Es bleibt immer ein wenig Duft in den Händen, die Rosen schenken, in Händen, die sich großzügig zeigen. Ein bißchen geben, von dem, was man hat, dem, der noch weniger besitzt, bereichert den Geber, macht seine Seele noch schöner, Freude, dem Nächsten zu geben, ist so ein einfaches Ding, das in Gottes Augen jedoch die schönste aller Künste ist."
25.Oktober 2009
30. Sonntag im Jahreskreis
Geh, Dein Glaube hat Dir geholfen!
Evangelium (Mk 10, 46-52)
Sie kamen nach Jericho. Als er mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich. Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. Und Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können. Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg.
Das Evangelium vom blinden Bartimäus mutet auf den ersten Blick an, wie eine der zahlreichen Heilungsgeschichten, die uns im Neuen Testament aus dem Leben und Wirken Jesus begegnen. Doch ist dies nur auf den ersten Blick hin so. Die Erzählung vom heutigen Sonntag birgt ganz besondere Eigenheiten, die wir miteinander erkunden wollen.
Als Erstes fällt auf, daß wir den Namen des Geheilten erfahren, was in den synoptischen Evangelien sonst so nie erwähnt wird. Markus nennt ihn beim Namen, ja seine Abstammung gibt er uns gar preis, es ist Bartimäus, der Sohn des Timäus. Der Blinde bekommt ein Gesicht, einen Namen und wir hören von ihm am Ende, daß er Jesus auf seinem Weg folgt (cf. Mk 10,52). Das ist von besonderer Bedeutung, wenn wir uns vor Augen führen, an welcher Stelle uns Markus von dieser Heilung berichtet. Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem, dort - er hat es mehrfach seinen Jüngern angekündigt - wird er leiden müssen, zum Tode verurteilt werden aber nach drei Tagen werde er auferstehen (cf. Mk 8, 31; 9,31; 10,33). Die Jünger verstehen das nicht, sie kommen damit nicht zurecht und reagieren mehr als ungewöhnlich. Zuerst macht Petrus im Namen aller Jesus Vorwürfe, niemals soll das geschehen (Mk 8,32). Nach der zweiten Ankündigung haben die Jünger nichts Besseres zu tun, als das Bärenfell schon mal zu verteilen und zu streiten, wer denn am Ende der Größte unter ihnen sei (Mk 9,33-34). Nach der dritten Ankündigung schließlich wollen sich zumindest Jakobus und Johannes einen Ehrenplatz zur Rechten und Linken des Meisters sichern (Mk 10,35). Wahrlich keine angemessen Reaktion, wenn einer über sein nahes Ende spricht, das wenig verheißungsvoll, im Gegenteil, qual- und schmachvoll sein werden wird. Im Grunde sind die Jünger blind, sie verstehen nichts, sie sehen nichts und das wird so bleiben, bis nach der Auferstehung Jesu. Dann erst werden ihnen die Augen geöffnet werden.
Auf diesem Weg nach Jerusalem tritt nun der blinde Bettler am Straßenrand auf. Er ist physisch blind, aber sein Herz ist tausendmal Jesus näher in diesem Augenblick als die Herzen der Jünger, die zwar physisch sehen können, deren Herz aber blind ist und sich in dunkle Gedanken (Vorwurf gegen Jesus; wer ist der Größte; wer bekommt den Ehrenplatz) verstrickt. Die Jünger haben gehört, was Jesus kurz zuvor gesagt hat: "Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach." (Mk 8,34) Verstanden aber haben sie nichts davon. Der Blinde hatte Jesu Worte nicht gehört, jedoch im Herzen hatte er - wahrscheinlich ganz unbewußt - schon begriffen, was es heißt sein Kreuz, d. i. sein Leben, seine Existenz tapfer und mutig anzunehmen und Jesus zu folgen.
So wird der blinde Bartimäus zum Paradefall und Beispiel für den, der wahrhaft Jesus nachfolgt. Er ist in der ganzen Erzählung stets der einzig Aktive. Er ist der, der alles was er hat, seine ganze Existenz in die Hand nimmt, alle Hoffnung, allen Mut und Zuversicht nimmt er zusammen und vertraut sich ganz Jesus an. Das tut er mit einigen Hindernissen, die aktiv zu überwinden sind.
Er sitzt elend auf dem Boden am Straßenrand, keiner nimmt ihn wahr. Er schreit nach Erbarmen, was die anderen erzürnt. Wie kann einer den Meister und seine Jünger auf dem Weg so stören? Was erlaubt er sich eigentlich, was glaubt er denn, wer er ist. Doch Jesus bleibt stehen, auch er macht keine Anstalten, sich zum Blinden hinzubegeben. Vielmehr sagt er: "dann bringt ihn halt her!" (Cf. Mk 10,49) Fast spöttisch und mit gewissem Zynismus rufen ihm die anderen von Oben herab zu: "nur Mut, geh', er ruft Dich!" (Mk 10,49) Wie zynisch und respektlos, dem Blinden in seiner erbärmlichen Situation zu sagen: "nur Mut, geh, erheb Dich und lauf zu ihm hin." Da ist keiner, der ihm hilft, keiner, der ihn führt!
Es sind nur wenige Worte, die Markus für seine Erzählung braucht. Mit wenigen Pinselstrichen, malt er eine dramatische Situation, die an Sarkasmus kaum zu überbieten ist und die den Leser plastisch hinein nehmen in das ganze Geschehen. Wir spüren hautnah, was da eigentlich vor sich geht. Doch der Blinde springt auf, den Mantel verliert er im Eifer dabei und steht vor Jesus (cf. Mk 19,50). Wieder muß er aktiv werden und selbst Jesus bleibt jetzt passiv in seiner Frage: "Was soll ich dir denn tun? Was willst Du?" (Mk 10,51) Als ob dies nicht offenkundig wäre! Wieder muß er aktiv werden. Er nimmt allen Mut zusammen. Allem Spott und Hohn zum Trotz, fleht er jämmerlich mit erbarmender, ans Herz rührender Inbrunst: "Rabbuni, ich möchte wieder sehen können!" (Mk 10,51)
Und jetzt geht es ganz schnell. Jesus erkennt und sieht das leidgeprüfte brennende Herz des Bartimäus und er sagt nur ein Wort, das Heil und Heilung bringt: "Geh, Dein Glaube hat Dir geholfen!" (Mk 10,52) Sonst erzählen die anderen Wundergeschichten oftmals, wie Jesus heilt, was er tut, hier nicht. Oftmals enden sonst Wundergeschichten mit einem klassischen Lobpreis und dem freudigen Erstaunen der Umstehenden, hier nicht! Vielmehr tritt wieder Bartimäus in Aktion, indem er Jesus auf seinem Weg folgt (cf. Mk 10,52). Und der Weg ist klar, er führt nach Jerusalem, wo Jesus ausgeliefert werden wird, wo er leiden, sterben und auferstehen wird.
Es geht also um zweierlei in der kurzen Geschichte am Wegesrand nach Jerusalem: Bartimäus wird erstens zum Beispiel für einen rechten Jünger Jesu, der aktiv sein Kreuz auf sich nimmt und Jesus auf dessen Weg nachfolgt. Er ist eigentlich der einzig Handelnde in der Erzählung. Und zweitens ist erstaunlich, daß die, die eigentlich sehen können, nicht sehen, während der, der nicht sieht, der Sehende ist, denn er ist es, der tatsächlich im Lichte und auf den Spuren Jesu tapfer geht. So wird die scheinbar harmlose Heilungsgeschichte des Blinden am Wegesrand, die ganz unauffällig und marginal erscheint, zum eindringlichen Beispiel dessen, was Jesus für den, der ihm wahrhaft nachfolgen will zuvor gefordert hatte: Selbstverleugnung und Kreuzesnachfolge. "Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach." (Mk 8, 34)
Der blinde Bartimäus fordert uns heraus, das Wort Jesus nicht nur, so wie die Jünger zu hören nach dem Motto: "zum einen Ohr 'rein, zum anderen wieder 'raus", sondern Bartimäus zeigt uns, daß Nachfolge Jesu, eine eigene, innere Aktivität fordert, denn "der Herr erwartet nicht etwas von uns, er erwartet uns selbst" (Kyrilla Spiecker). Das Kreuztragen heißt nicht, sich blind und resignierend in sein Schicksal zu ergeben, sondern es heißt, sich dem Leben mit all seinen Unebenheiten, mit all seinen positiven wie negativen Verzweigtheiten zu stellen. Das Kreuz tragen hat etwas zu tun mit Mut und Hoffnung, zu der Jesus uns beruft und auffordert. Denn das Kreuz ist für uns Christen ein Zeichen der Hoffnung, ein Zeichen dafür, daß das Leben stärker ist als der Tod, denn einer hat diesen Balken der Schmach und der Qual auf sich genommen und so das Leben für alle erworben.
Der blinde Bartimäus, der nicht sieht und doch sieht, der aktiv alles zusammennimmt, was er hat und ist, er macht uns deutlich, daß wir Menschen uns in unserer Freiheit als einer und ganzer aufgegeben sind. Wir sind uns selbst unsere eine und letzte Aufgabe, die da heißt, die eigene Existenz zu bejahen, mit all dem, was auch kreuz und quer in unserem Leben läuft, mit all dem, was unser Leben je durchkreuzt, was dunkel ist, was wir nicht verstehen, wo wir blind sind. Die eigene Existenz anzunehmen, ein Ja dazu zu sprechen auf eine Hoffnung hin und in eine Hoffnung hinein, die Gott heißt. Die Erzählung vom blinden Bartimäus zeigt uns, daß wir die eigene Existenz wagen können und wagen dürfen in das Geheimnis Gott hinein. Wie aber tut man das?
Wir müssen uns dies nicht spektakulär vorstellen, weil dies inmitten unserer Alltäglichkeit oftmals geschieht, ohne daß wir oder andere dies vielleicht merken und sehen. Es kann dies nicht treffender und schöner gesagt werden, als es Karl Rahner in Worte gefasst hat: "Wenn jemand eine letzte Treue zu seinem Gewisse durchhält, auch wenn sie nicht belohnt wird; wenn es jemandem gelingt, Liebe so selbstlos zu verwirklichen, daß es sich in Wahrheit nicht mehr um einen bloßen Ausgleich oder ein Bündnis von Egoismen handelt; wenn jemand gelassen und ohne letzten Protest in der Nacht des Todes sich selbst sich nehmen läßt; wenn das eine Leben eines Menschen trotz aller bösen Erfahrungen und Enttäuschungen ohne Aufhebens für das Licht und das Gute votiert; wenn jemand - vielleicht in scheinbar totaler Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung - dennoch hofft, daß er hofft …" (K. RAHNER, Schr. XIII, 260)
Wir können dies mit Rahner noch weiter konkretisieren: "Da ist einer, der seine Pflicht tut, wo man sie scheinbar nur tun kann mit dem verbrennenden Gefühl, sich wirklich selbst zu verleugnen und auszustreichen, … das ist einer, der einmal wirklich gut ist zu einem Menschen, von dem kein Echo des Verständnisses und der Dankbarkeit zurückkommt, … da ist einer, der schweigt, obwohl er sich verteidigen könnte, obwohl er ungerecht behandelt wird, … da gehorcht einer, nicht weil er muß und sonst Unannehmlichkeiten hat, sondern bloß wegen jenes Geheimnisvollen, Schweigenden, Unfaßbaren, das wir Gott und seinen Willen nennen. Da ist einer, der verzichtet, ohne Dank, Anerkennung, selbst ohne ein Gefühl innerer Befriedigung. Da ist einer, der restlos einsam ist, … der aber dieser Einsamkeit … nicht davonläuft, sondern sie in einer letzten Hoffnung gelassen aushält." (K. RAHNER, Schr. XIII, 240-241)
Die Liste ließe sich noch lange so fortsetzen, aber überall dort nimmt jemand tapfer sein Kreuz auf sich, überall dort wird die mutige Hoffnung vollzogen, die es zur Nachfolge Jesu braucht und dort begegnen wir dem unfassbaren Geheimnis. Wo dies geschieht, da folge ich Jesus nach, da tue ich es dem blinden Bartimäus gleich, der Jesus auf seinem Weg folgte. Dazu sind wir Christen berufen; wir folgen dann Christus wahrhaft nach, wenn wir nicht auf die eigenen Sicherheiten und sozialen Netzte und Gegebenheiten bauen, sondern wir uns in die Geheimnishaftigkeit und Unbegreiflichkeit Gottes hineinfallen lassen, nicht um des Kreuzes willen oder aus schicksalsergebener Resignation, sondern weil dort Gott selbst und seine befreiende Gnade uns begegnet und aufscheint und wir das Leben in seiner Fülle gewinnen, wir unser Ziel erreichen und wir mit und auf Grund des Lebens Jesu mutig hoffen dürfen, daß da eine Hand ist, die uns unbegreiflich und geheimnishaft hält.
20. Dezember 2009
4. Adventsonntag Aufwendig und schleierhaft
Evangelium (Lk 1, 39-45) Nach einigen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth. Als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabeth vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.
Die Zeit eilt dahin und schon sind wir beim 4. Adventssonntag angekommen. Nur noch einige Tage sind es und wir dürfen Weihnachten feiern. Am letzten Adventssonntag präsentiert uns das Evangelium zwei Frauen. Zwei Frauen, die schwanger sind und ein Kind erwarten. Ob sie beide wohl tatsächlich froher Hoffnung waren?
Rufen wir uns noch einmal das Geschick beider Frauen in die Erinnerung zurück, dann werden wir gewahr, daß beide von der plötzlichen Schwangerschaft sehr überrascht waren und diese sie mit Furcht erfüllte. Die eine, Maria, war ziemlich jung, gar nicht verheiratet, die andere, Elisabeth, sie war schon ziemlich alt und konnte bislang - warum auch immer - noch überhaupt kein Kind bekommen. Beides eher eine Schande für die damaligen Kulturumstände im Judentum. So kann man sich vorstellen, daß diese zwei Frauen auch mit Scham auf das blickten, was an ihnen geschehen war und sie wussten beide wohl nicht so ganz recht, was das alles zu bedeuten habe. Aber diese zwei Verwandten, sie treffen und begegnen sich, auch wenn die Reise ins Bergland von Judäa eine kleine Anstrengung bedeutete. Maria macht sich in das Bergland auf und vielleicht wollte sie im Haus ihrer Verwandten ein wenig verstecken, um vor dem unschönen Getuschel der Menschen in ihrem Dorf zu fliehen. Wie dem auch gewesen sein mag, diese zwei Frauen begegnen einander und diese Begegnung wird im tiefsten Innersten zu einem Freudenereignis für beide. Die Freude war gar so groß, daß sie sich auf die Kinder unter ihrem Herzen übertrug. Nun mögen wir sagen, was für eine nette anrührende kleine Geschichte, aber was habe ich denn damit zu tun, was sagt sie denn über mich und mein Leben aus. Es scheint, wir bleiben Außenseiter bei dieser Erzählung. Spüren wir dem Evangelium also etwas nach, um zu sehen, ob sie uns wirklich so fremd bleiben muß und ob wir darin tatsächlich außen vor bleiben müssen. Zwei Dinge sind bezeichnend in dieser Erzählung. Zunächst einmal die Begegnung zweier Menschen und schließlich der bedingungslose Glaube und das bedingungslose Vertrauen, das beide sich entgegenbringen trotz all der widrigen schamvollen Umstände. Beide, Maria und Elisabeth, sagen Ja zu ihrem Leben, auch wenn sie nicht wissen, wohin noch alles führen wird. Sie sagen Ja und nehmen vorsichtig und zaghaft ihr Leben trotz aller Unsicherheiten an.
Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber sagte einmal: "Alles wirkliche Leben ist Begegnung." Die wahre Begegnung schafft Leben und schenkt Lebensraum. Wie viele Menschen treffen wir tagtäglich, wie viele Gesichter huschen an uns vorbei? Jedoch die Beziehung zum Anderen bleibt dabei oft in einer Oberflächlichkeit stecken. Wir sehen und sehen doch nicht, wir begegnen uns und begegnen uns doch nicht, wir hören und hören dem anderen gar nicht wirklich zu, wir sprechen, aber aus dem Mund kommt nur Belangloses, small-talk eben, nicht vom Herzen kommende und erzählende Worte. Dabei wäre es doch genau dies, was wir suchten. Wir sehnen uns nach einem Ohr, das wirklich hört, nach einem Auge, das uns wirklich anblickt, nach einem Wort, das uns wirklich aufrichtet, Mut und Kraft schenkt für unser Leben.
Neues, Hoffnung erfülltes Leben entsteht nur da, wo wir uns wirklich mit einem offenen, wohlwollenden Herzen begegnen. In solch einer herzlichen Begegnung können wir tatsächlich jede Oberflächlichkeit und Vorurteile überwinden. Eine solche Begegnung kann zur Gottesbegegnung führen. Wir sind dazu fähig, weil Gott uns wohlwollend und mit gütigem, offenem Herzen begegnet, ohne daß wir uns dessen reflektiert bewußt sein müssen. Gott hat ein Auge auf uns. Nicht das Auge eines Polizisten und Aufsehers, der nur kontrollieren wollte, ob wir uns gut und ordentlich benehmen, nein, er schaut auf uns in Güte und Liebe. Er schaut auf uns mit einem Blick, der Leben schenkt und ermöglicht. Gott begegnet uns gleichsam auf Augenhöhe mit bedingungsloser Liebe. Wir könnten auch sagen, daß wir alle schwanger gehen mit der Liebe Gottes, die in uns eingegossen ist, so daß wir dieser Liebe zum Leben verhelfen können. Wir sind gleichsam alle die "Mutter Gottes". Wir können diese Liebe auf die Welt bringen, wenn wir uns tatsächlich als Menschen begegnen. Das Doppelgebot Jesu der Gottes- und Nächstenliebe, die beide untrennbar zusammen gehören, hat hier seine Wurzel und seinen Grund. Der expliziten Gottesliebe wird da zum sichtbaren Leben verholfen, wo wir unserer gesamten Wirklichkeit, unserem Nächsten mit dieser vertrauenden Liebe begegnen. Genau das ist in der Begegnung zwischen Maria und Elisabeth geschehen. In der wahren Begegnung regte sich das neue Leben. Dort konnten beide neue Hoffnung schöpfen, dort konnten sie in gutem Zutrauen neu Ja zu ihrem Leben sagen.
Manchmal müssen wir auch Hürden überwinden, um einer solchen Begegnung Raum zu geben, manchmal müssen wir Berge überwinden, wie Maria, die über das Bergland gehen mußte. Es fällt uns nicht immer leicht, dem Anderen zu begegnen, weil wir bisweilen Fronten zwischen uns aufgebaut haben, die uns sprach- und herzlos gemacht haben. Haben wir die Kraft, den ersten Schritt zu tun, diese Fronten zu überwinden?
Es scheint nicht vergebens, wenn wir uns von Zeit zu Zeit, zu solch einem ersten Schritt erneut aufmachen. Aber wenn wir dies tun - und es ist wiederum nur ein Geschenk der Gnade und Liebe Gottes, wenn wir es können - dann schenken wir der Liebe Gottes, die in uns schlummert, neues, sichtbares Leben. Maria lebt uns beispielhaft vor, was es heißt den Weg der Alltäglichkeit und der Beschwerden auf sich zu nehmen und zu gehen, mit ihrem gläubig vertrauenden bereiten offenen Herzen, das "Ja" sagt. Ihre Bestimmung "Gottes Mutter" zu werden, Gott zur Welt zu bringen, mehr und mehr in die Heilsgeschichte Gottes hineinzuwachsen, in Treue und Selbstlosigkeit, ist auch unsere Bestimmung. Angelus Silesius, ein Dichter und Mystiker des 17. Jh. schreibt einmal: "Ich muß Maria sein und Gott aus mir gebären, soll er mich ewiglich der Seligkeit gewähren."
Der erste Schritt dorthin besteht darin, daß wir uns selbst annehmen lernen in Liebe. Es braucht dazu auch die Geduld. Beim eingangs erwähnten Martin Buber lesen wir ebenso: "Wo man um Ursprung und Ziel weiß, da gibt es kein Getriebe: man ist von einem Sinn getragen, den man nicht ersinnen könnte; aber man empfängt ihn nicht, um ihn zu formulieren, sondern um ihn zu leben; und gelebt wird er in der furchtbaren und herrlichen Entscheidungsfülle des Augenblicks."
Genau dies, dürfen wir an Maria und Elisabeth ablesen. Beide sind von einem Sinn getragen, den sie in der Entscheidungsfülle des Augenblicks - jenseits von Betrieb und Alltagsgeschäftigkeit - leben. Beide sind bereit zu empfangen und Begegnung, die Leben ermöglicht, zu schenken. Und hier sind wir am zweiten wichtigen Punkt des Evangeliums von heute angelangt. Sich in diesem Vertrauen, von einer Sinnfülle getragen zu sein und sie anzunehmen, zu üben, dazu will uns der Advent ermutigen. Der ehemalige Generalsekretär der UN Dag Hammarskjöld (1905 -1961) schrieb einmal folgendes in sein Tagebuch: "Ich weiß nicht, wer oder was die Frage stellte; ich weiß nicht, wann sie gestellt wurde. Aber einmal antwortete ich Ja zu jemandem oder zu etwas. Von dieser Stunde rührt die Gewißheit, daß mein Dasein sinnvoll ist und darum mein Leben - in Unterwerfung - ein Ziel hat. Seit dieser Stunde habe ich gewußt, was es heißt, nicht hinter sich zu schauen, nicht für den anderen Tag zu sorgen. Die längste Reise ist die Reise nach innen. Wenn die Zeit reif ist, nimmt Gott das Seine." Zu diesem Ja will uns das heutige Evangelium Mut machen. Das Beispiel von Maria und Elisabeth zeigt uns, daß wir Ja zu uns, und unserem Leben sagen können. Ja zu unserem Weg, den wir gehen, in dem Vertrauen, daß uns ein Licht erschienen ist, das uns führt und der zuversichtlichen Hoffnung, daß uns zur rechten Zeit ein Licht aufgeht, ein Licht am Horizont, ein Licht in der liebenden Begegnung des Herzens, in jedem Dank, in jedem Du, ein Licht, das uns erahnen läßt, daß Gott mit uns und unserem Leben ist.
Gott hat die Welt mit seiner Liebe getränkt, dem dürfen wir trauen und uns anheim geben. In der liebenden Begegnung von Mensch zu Mensch kann etwas von dieser Liebe Gottes und der Freude aufscheinen. Die wahre Begegnung schenkt Leben und Freude, schafft eine neue Perspektive. Maria und Elisabeth wurden davon ergriffen. Adventliche Menschen sind wir, wenn wir der wahren Begegnung fähig werden. Wie schaffen wir dies? Lauschen wir noch einmal dem ehemaligen Generalsekretär der UN und im meditierenden Lesen kann uns ein Weg dazu aufgehen: "Mit Gottes Liebe das Leben und die Menschen lieben - um der unendlichen Möglichkeit willen, warten wie er, beurteilen wie er, ohne zu verurteilen, dem Befehl gehorchen, wenn er ergeht, und niemals zurückschaun - dann kann er dich brauchen - dann, vielleicht, braucht er dich. Und wenn er dich nicht braucht: in seiner Hand hat jede Stunde einen Sinn, hat Hoheit und Glanz, Ruhe und Zusammenhang. "An Gott glauben" heißt in dieser Perspektive an sich selber glauben."
5. Sonntag im Jahreskreis
Gott ist uns nahe
In jener Zeit, als Jesus am Ufer des Sees Genesaret stand, drängte sich das Volk um ihn und wollte das Wort Gottes hören. Da sah er zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Jesus stieg in das Boot, das dem Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück weit vom Land wegzufahren. Dann setzte er sich und lehrte das Volk vom Boot aus. Als er seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus! Simon antwortete ihm: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen. Das taten sie, und sie fingen eine so große Menge Fische, dass ihre Netze zu reißen drohten. Deshalb winkten sie ihren Gefährten im anderen Boot, sie sollten kommen und ihnen helfen. Sie kamen, und gemeinsam füllten sie beide Boote bis zum Rand, so dass sie fast untergingen. Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sagte: Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder. Denn er und alle seine Begleiter waren erstaunt und erschrocken, weil sie so viele Fische gefangen hatten; ebenso ging es Jakobus und Johannes, den Söhnen des Zebedäus, die mit Simon zusammenarbeiteten. Da sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen. Und sie zogen die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten ihm nach.
Eventuell sind wir gewohnt Sonntag für Sonntag zum Gottesdienst zu kommen und doch ist es hoffentlich mehr als nur eine pure Gewohnheit, weil man das eben so macht. Wir ertappen uns doch immer wieder, daß wir mit unserem Leben in Alltäglichkeiten gefangen sind. Es gibt ein gewisses Maß an Routine, mit dem wir unser Leben meistern. Der Existenzphilosoph Albert Camus spricht von solchem Alltagstrott, in dem wir fast mechanisch funktionieren, aber dann beschreibt er in seinem Buch Der Mythos des Sisyphos sehr radikal weiter:
"Eines Tages aber steht das 'Warum' da, und mit diesem Überdruß, in den sich Erstaunen mischt, fängt alles an. 'Fängt an' – das ist wichtig. Der Überdruß ist das Ende eines mechanischen Lebens, gleichzeitig aber auch der Anfang einer Bewußtseinsregung. Er weckt das Bewusstsein und bereitet den nächsten Schritt vor. Der nächste Schritt ist die unbewußte Umkehr in die Kette oder das endgültige Erwachen. Schließlich führt dieses Erwachen mit der Zeit folgerichtig zu der Lösung: Selbstmord oder Wiederherstellung." (A. Camus, Der Mythos von Sisyphos, 16-17)
Eines Tages werden wir hin und her gerissen und wir stehen vor der Wahl: entweder den Kopf in den Sand stecken, besser nicht hinschauen auf das geweckte Bewusstsein, zweite Möglichkeit seinem Leben selbst ein Ende setzen ob der Absurdität des Daseins, dritte Möglichkeit, die Wiederherstellung des eigenen bewussten Lebens. Es scheint mir, die Jünger im heutigen Evangelium erleben genau solch eine Situation. Tagtäglich gehen sie ihrer doch recht harten Arbeit nach, sie sind gefangen in ihrer Routine. Es sind harte gestandene Männer, keine Träumer. Keiner kann ihnen so leicht etwas vormachen. Sie kennen den See mit seinen grausamen Tücken, die er bisweilen kapriolenhaft schlägt und dann eines Tages – ganz unverhofft – werden sie staunend herausgerissen, plötzlich in einem Augenblick erfahren sie durch die Begegnung mit Jesus etwas von der Größe und Güte Gottes, die anziehend und erschreckend zugleich ist.
Was hatte Jesus getan zuvor, daß sie so aufgeschreckt sind? Zuvor hatte er sie erst einmal wieder in das alttägliche Geschäft selbst geführt, geht Fische fangen. Ein etwas unsinniger Auftrag mitten am Tag Fische fangen zu wollen, wo sie doch des Nachts – der eigentlichen Zeit des Fischfangs – bereits nichts gefangen hatten. Jesus führt die Menschen behutsam, er will diesen Fischern etwas anders vor Augen führen.
Das Wunder, das geschieht ist nicht eigentlich der große Fischfang, sondern das Wunder besteht vielmehr darin, daß Petrus und seine Freund inmitten ihres Alltags Gottes gnadenhaftes Wirken verspüren für einen Moment. Ein Strahl der Liebe Gottes trifft sie mitten ins Herz. Inmitten ihres Lebens verspüren sie, wie nah der unbegreifliche Gott ihnen ist. Diese Erfahrung von Gott geliebt und angenommen zu sein, daß dieser Gott uns mit seiner Unbegreiflichkeit und Unendlichkeit nahe ist, das ist erschreckend und selig zu mal. Es ist eine Grundwahrheit unseres menschlichen Lebens, das was unser Menschsein ur-wesentlich ausmacht: die dauernde Herkünftigkeit von Gott und die radikale Verschiedenheit von ihm. Inmitten des Alltags verspürt Petrus, wie nah der unbegreifliche Gott ihm ist. In diesem Schrecken und dem inneren Spüren, was in diesem Moment gnadenhaft geschieht, der Unsicherheit, daß man nicht weiß, soll man weggehen oder bleiben, sagt er: Herr, geh weg von mir, ich bin ein Sünder. Im Grunde aber sagt er doch: Herr, bleib nah bei mir und sprich dein Wort, das befreit und Leben schenkt, schick mich nicht wieder weg!
Inmitten der Alltäglichkeit des Lebens erspürt Petrus, wie nah der unbegreifliche Gott ihm ist. Indem er und seine Freunde zunächst von Christus wieder in die Alltäglichkeit des Dasein geschickt werden, geht ihnen auf, daß Gott uns ruft, daß er uns auf das eigentliche unseres Dasein stößt. Und in dieser Situation beruft Jesus seine Jünger, diese Nähe und Menschenfreundlichkeit Gottes, die unverhofft und oftmals unerkannt unser Leben begleitet, hinaus in die Welt zu tragen. Auch uns gilt dieser Ruf. Christliche Berufung heißt also, den Abstieg Gottes in das Fleisch hinein nachzuvollziehen. Es ist die Berufung in die alltäglich irdische Gewöhnlichkeit hinein, die Berufung, an das Licht in der Dunkelheit zu glauben. Es ist die Berufung, die Liebe zu verwirklichen, die unbelohnt und unerwidert zu bleiben scheint. Es ist die Berufung sich zu solidarisieren mit den armen und zu kurz gekommenen Brüdern und Schwestern Christi, die ganz und gar nicht elitär sind, sondern viel eher zur Dutzendware der Menschheit gehören.
Berufung zu einem Leben in der Nachfolge Christi geschieht also nicht als elitäres Gehabe, nicht hierarchisch von oben herab, sondern Christus ruft Menschen mit und in ihrer zerbrechlichen Verfaßtheit. Menschen, die mit den anderen suchend und fragend den Weg der alltäglichen Mühe gehen und die mutig das eigene menschliche Dasein annehmen können, weil Gott uns inmitten des alltäglichen Lebens nahe ist und zum Leben ruft. Dazu sind wir alle von Christus gerufen und deshalb beten wir im Hochgebet ja immer wieder: "Wir danken dir, daß uns berufen hast, vor dir zu stehen und dir zu dienen." Und hier sind wir alle gemeint, Jung und Alt, Mann und Frau, Laie und Priester. Als Getaufte bezeugen wir, daß wir pilgerndes Gottesvolk sind. Menschen, die dem Herrn durch die Wirren der Zeit entgegenpilgern und allein von daher lebt die Kirche und entfaltet von da erst her ihre verschiedenen Ämter und Aufgaben.
Und wie lautet der Auftrag Jesu? "Von nun an sollst du Menschen fangen!" Es hört sich etwas fremd und eher schrecklich an, man bekommt fast das Gefühl, daß hier nach Rattenfängermentalität, Menschen übertölpert weden sollen. Was diese Aussage aber eigentlich recht bedeutet, erfahren wir, wenn wir das grch. Wort beachten, daß wir in unserer Bibelübersetzung mit dem Wort fangen wiedergeben. Es heißt 'dsogréo' und bedeutet auf deutsch so viel wie 'sammeln', 'lebendig fangen und leben lassen', 'das Leben schenken', 'lebend in Gewahrsam halten', im Epos wird es gar als 'beleben' verstanden.
Also nicht Menschen fangen, nicht sie einzusperren und zu bevormunden oder gar zu gängeln wie dressierte Zirkuspferde, sondern Menschen beleben, ihnen das Leben ermöglichen. Nicht Fallen und ausgelegte Netze, nicht verordnete Vorschriften von Oben, die einengen und fesseln sind im Sinne Jesu, sondern das Gebot der Stunde heißt: Lebensräume schaffen, die Menschen mit Lebendigkeit begeistern und die Menschen leben lassen. Hier liegt die Geburtsstunde der Christenheit: die befreiende Botschaft, die Leben ermöglicht für alle Menschen und die alle Menschen ruft, sich dem Gott und Vater aller Menschen anzuvertrauen.
Dazu beruft Jesus keine elitäre Sondertruppe, keine Showentertainer, keine Sonderkommando, sondern einen jeden von uns, still und leise inmitten des alltäglichen Geschehens. Was Not tut, sind Menschen, die bereits sind und sich mühen, Lebensräume zu schaffen und zu eröffnen, in Verantwortung vor Gott und seinem Evangelium. Das Christentum lebt nicht von Menschen, die ihre Hände in den Schoß legen und meinen, alles sei schon getan, der Herr wird's schon richten, sondern lebt vielmehr Menschen, die sagen: Herr, weil du es bist und du es sagst, mach ich mich nochmals neu auf den Weg, fahre ich noch einmal auf das Meer des Lebens hinaus, um nach den Spuren des heilmachenden Nähe Gottes Ausschau zu halten, nach dem Licht in der Dunkelheit zu suchen, nach Hoffnung sich ausstreckend inmitten aller Hoffnungslosigkeit, um dem Leben zu dienen, um das Leben zu schenken. Albert Camus sprach von der Wiederherstellung, als Existenzphilosoph war er der Ansicht, der Mensch müsse dies selber aus eigener Kraft alleine tun. Die Botschaft Jesus lautet anders: inmitten der Alltäglichkeit, wo wir wach gerüttelt werden, wartet bereits Gott auf uns mit seiner Güte, Liebe, Nähe und Gnade. Verloren wären wir, wenn wir nur etwas von uns selbst zu erwarten hätten, alles aber, o Herr, dürfen wir von dir erwarten. Schenke uns deine Kraft, um deinen lebensspendenden Ruf zu hören und ihm zu folgen, damit wir so auch in der Welt anderen Menschen das Wort des Lebens und der Befreiung schenken können. Und mit K. Rahner dürfen auch wir beten:
"Unendlicher Gott, die erste und letzte Erfahrung meines Lebens bist du. Ja wirklich du selber, nicht dein Begriff, nicht dein Name, den wir dir gegeben. Denn du bist im Wasser und im Geist der Taufe über mich gekommen. Da habe ich nichts über dich ausgedacht und ausgeklügelt. Da hat mein Verstand mit seinem vorlauten Scharfsinn noch geschwiegen. Da bist du selbst, ohne mich zu fragen, zum Geschick meines Herzens geworden. Du hast mich ergriffen, nicht ich habe dich „begriffen”, du hast mein Sein von seinen letzten Wurzeln und Ursprüngen her umgestaltet, du hast mich deines Seins und Lebens teilhaftig gemacht, dich mir geschenkt, dich selber, nicht bloß eine ferne undeutliche Kunde von dir in Menschenworten. Dich kann ich darum nicht vergessen, weil du ja die innerste Mitte meines Wesens geworden bist. Dein Wort und deine Weisheit ist in mir, nicht weil ich dich in meinem Begreifen erkenne, sondern weil ich von dir erkannt bin zu deinem Sohn und deinem Freund. Wachse in mir, strahle in mir immer mehr auf, erleuchte mich, ewiges Licht. Du allein sollst mir leuchten, du allein mir reden. Alles, was ich sonst noch weiß und lernte, soll mir nichts sein als ein Weggeleite zu dir." (K. Rahner)
21. März 2010
5. Fastensonntag
In den Sand geschrieben
(Joh 8,1-11)
In jener Zeit ging Jesus zum Ölberg. Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es. Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du? Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!
Das Evangelium vom 5. Fastensonntag erzählt uns von einer recht prekären Streitsituation zwischen Jesus und den Pharisäern. Eine Frau wird auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt, sie soll gerichtet - ja mehr noch -, hingerichtet werden. Es verwundert, daß wir diese Erzählung bei Johannes finden, denn Stil und Wortwahl der Geschichte entsprechen gar nicht dem Schreibstil des Johannes. Es scheint, daß dieser Abschnitt irgendwie in das Johannesevangelium hineingerutscht ist. Nicht alle ursprünglichen Handschriften kennen diese Erzählung im Johannesevangelium. Die damalige Begebenheit hatte sich nicht einfach nur im Sand verlaufen, im Gegenteil: sie hat viel Staub aufgewirbelt und landete schließlich im Johannesevangelium.
Da liegt sie da, die Frau am Boden und wir können uns fragen, wen diese Frau sinnbildlich verkörpert? Die Frau, sie kann für die ganze Kirche stehen. Gerade wenn wir an die Vorkommnisse jüngster Zeit denken, die ans Tageslicht kamen. Da liegt sie da die Mutter Kirche in all ihrem Elend, der Scham, der Blöße, des Abscheus, unverständlich. Aber die Frau liegt ebenso da stellvertretend für alle Menschen, dann nämlich, wenn er - der Mensch - überführt wird, wenn alles ans Tageslicht kommt, all das an Ungereimtheiten, an Zwiespältigkeit, an doppeltem Gesicht, was im Leben des Menschen sich zeitigt.
Die öffentlichen Ankläger sind schnell zur Hand mit einem klaren Urteil. Die Frau wurde nicht vor die Stadt getrieben, weil die Männer von dem skandalösen Ehebruch in ihrem Gefühl für Recht und Gerechtigkeit verletzt worden waren, sondern weil sie nach außen eine Härte demonstrieren wollten, damit die eigenen Unzulänglichkeiten verborgen bleiben können. Es ist ja auch leichter, wenn man mit dem Finger auf andere zeigen, wenn man den Schuldigen in voyeuristischer Manier öffentlichkeitswirksam vor sich her treiben kann. Das scheint zu Zeiten Jesu nicht anders zu sein als heute.
Der Fall ist klar und aus diesem Fall läßt sich nun doppeltes Kapital schlagen. Zum einen kann man propagieren, daß man in Saubermannsmanier für Recht und Ordnung eintritt, zum anderen kann man Jesus eine Falle stellen, um seine Predigt der Barmherzigkeit endlich als jenseits aller göttlichen Gesetze und Weisungen zu entlarven. Wie Jesus auch antworten wird, er wird sich in die Bredouille bringen, damit man gegen ihn vorgehen kann.
Jesus geht dieses mal nicht auf Augenhöhe mit seinen Gesprächspartnern, nein er bückt sich nieder und schreibt in den Sand. Kniet sich nieder zu der Frau, die längst abgeschrieben ist. Die Frage, was er da wohl in den Sand geschrieben hat, hat die Christen schon immer beschäftigt. Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, daß Jesus ein Zitat auf dem Propheten Jeremia in den Sand geschrieben haben könnte. Beim Propheten Jeremia heißt es: "Du Hoffnung Israels, Herr! Alle, die dich verlassen, werden zuschanden, die sich von dir abwenden, werden in den Staub geschrieben." (Jer 17,13)
Damit setzt Jesus bereits ein eindeutiges Zeichen, das seine Reaktion auf die Pharisäer und Schriftgelehrten bereits einläutet. Richter kann und darf allein Gott sein, er allein hat das Recht dazu jemanden abzuschreiben, bzw. jemanden - mit den Worten des Propheten - in den Staub zu schreiben. Und so fällt auch seine Antwort aus: "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie." (Joh 8,7) Und wieder bückt er sich nieder und schreibt abermals.
Im sich Niederbücken schlägt Jesus eine Brücke hin zu dem Menschen, der sich verrannt hat in seinem Leben. Jetzt könnte er ein weiteres Prophetenwort geschrieben haben, das dieses Mal nicht den Männern, sondern der Frau gilt.
Bei Jesaia heißt es: "Schüttle den Staub von dir ab, steh auf, du gefangenes Jerusalem!" (Jes 52,2) Er könnte eventuell auch jetzt eher ein Psalmwort geschrieben haben, das ihm ganz präsent im Herzen war: "Wer gleicht dem Herrn, unserm Gott, im Himmel und auf Erden, … der den Schwachen aus dem Staub emporhebt und den Armen erhöht, der im Schmutz liegt?" (Ps 113,5.7)
Jesus liebt nicht die Sünde, aber er liebt den Sünder, wie es Augustinus einmal treffend ausgedrückt hat. Im sich Niederbücken in den Staub, in den er sich selbst drücken lässt am Holze des Kreuzes, schenkt er allen Menschen das Ansehen wieder und kommt damit seiner eigentlichen Sendung nach. Denn Jesus sucht den Menschen und stellt ihn vor Gott in Würde und Ansehen. Ja selbst denen schenkt er noch Würde und Ansehen, die in Hochmut und Selbstgerechtigkeit sich zum Ankläger gemacht haben. Auch sie dürfen weiterleben, werden nicht öffentlich gescholten ob ihrer Doppelmoral, ob ihrer Härte, die nur die eigene Hinlänglichkeit vor sich selbst und den anderen vertuschen soll.
Das Urteil, das Jesus spricht heißt Liebe. Es ist keine Liebe, die sagen würde "ach alles halb so schlimm", denn sein Urteil bedeutet auch, daß man sich nicht vor der Verantwortung des eigenen Lebens drücken könnte. Das eigene Leben wird nicht kaschiert, aber in und mit seiner Liebe schenkt er die Gnade und die Kraft, sich dem eigenen Leben zu stellen. Zurück bleiben also das Elend und die Barmherzigkeit, um noch einmal ein Wort des hl. Augustinus hier aufzugreifen. Die frohe Botschaft des Evangeliums heißt, daß Gottes Gnade, seine Liebe, sein Heilswille größer ist als unsere Sünden je sein können und es mahnt eindringlich, sich nicht zum Richter über andere zu erheben ob ihres Lebens und ihrer Taten. Gottes Gnade und Liebe umfaßt den ganzen Menschen, so wie er ist, auch seine Sünden.
Die Fastenzeit ruft uns zur Umkehr, ruft uns zum Umdenken, zum Überdenken unseres Lebens und unserer Lebenseinstellung in allen Bereichen auf. Wir dürfen wachsen in Glaube, Hoffnung und Liebe, auch wenn wir uns verrannt haben sollten. Das heutige Evangelium will uns dazu ermutigen, denn es gilt, was Karl Rahner einmal gesagt hat: "Wer sich in Gottes Macht weiß und sich ihm hoffend und vertrauend in Demut übergibt, der liebt Gott. Solange er dies aber tut, ist er geborgen in Gottes Gnade. Jede Sünde ist im Grunde ein sich von Gott und seiner Verfügung Zurücknehmen, weil man sich mehr traut als Gott. Und das Mißtrauen Gott gegenüber ist es, das verloren gehen läßt."
Trauen wir Gott und seiner Liebe und Gnade. Ihm können wir mehr trauen als uns selbst mit unserem manchmal auch uns selber unverständlich bleibenden eigenen Leben. Gottes Liebe und Gnade, sie läßt uns nicht verloren gehen, auch wenn wir auf Abwege gekommen sind. In Christus dürfen wir die Wahrheit, Sanftmut und Gerechtigkeit neu erblicken und auch uns sagt er wie der Ehebrecherin: "Auch ich will dich nicht verurteilen; ich habe getilgt, was du verbrochen, beobachte nun, was ich befohlen, damit du findest, was ich verheißen habe." (Augustinus)
13.06.2010
11. Sonntag im Jahreskreis
Im Glanz der Liebe Gottes
von P. Jan Bernd Elpert, Kapuziner(Lk 7, 36-50) In jener Zeit ging Jesus in das Haus eines Pharisäers, der ihn zum Essen eingeladen hatte, und legte sich zu Tisch. Als nun eine Sünderin, die in der Stadt lebte, erfuhr, dass er im Haus des Pharisäers bei Tisch war, kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechendem Öl und trat von hinten an ihn heran. Dabei weinte sie, und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit dem Öl. Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, dachte er: Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren lässt; er wüsste, dass sie eine Sünderin ist. Da wandte sich Jesus an ihn und sagte: Simon, ich möchte dir etwas sagen. Er erwiderte: Sprich, Meister! (Jesus sagte:) Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner; der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig. Als sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, erließ er sie beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben? Simon antwortete: Ich nehme an, der, dem er mehr erlassen hat. Jesus sagte zu ihm: Du hast Recht. Dann wandte er sich der Frau zu und sagte zu Simon: Siehst du diese Frau? Als ich in dein Haus kam, hast du mir kein Wasser zum Waschen der Füße gegeben; sie aber hat ihre Tränen über meinen Füßen vergossen und sie mit ihrem Haar abgetrocknet. Du hast mir (zur Begrüßung) keinen Kuss gegeben; sie aber hat mir, seit ich hier bin, unaufhörlich die Füße geküsst. Du hast mir nicht das Haar mit Öl gesalbt; sie aber hat mir mit ihrem wohlriechenden Öl die Füße gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe. Dann sagte er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben. Da dachten die anderen Gäste: Wer ist das, dass er sogar Sünden vergibt? Er aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden!
Der Evangelist Lukas hat eine besondere Gabe, Ereignisse aus dem Leben Jesu feinfühlig zu erzählen, so daß es einen Menschen berührt und der Kern der Erzählung einem sofort in die Augen springen und ans Herz gehen muß. Es ist ja fast schon allerhand, wie diese wohl stadtbekannte Frau sich heimlich ins Haus des Pharisäers schleicht, wo Jesus diesen gerade mit seiner Anwesenheit beehrt. Der Pharisäer Simon darf sich geschmeichelt, geehrt und ausgezeichnet fühlen. Wer wird schon gerne gestört, wenn er gerade etwas für sein Image tun kann, denn Simon gehörte ja als Pharisäer auch nicht gerade zur angesehensten Gesellschaftsschicht. Er ist also gerade dabei etwas für sein Image zu tun, am besten – dies ist uns ja nicht unbedingt fremd – mit illustren Personen, so daß etwas vom Glanz des Gegenübers auch auf ihn selbst zurückfallen mag. Gleichwohl ein Trugschluss! Aber wir meinen ja oft, daß man nur mit den rechten Leuten verkehren muß, daß man die rechten Verbindungen haben und pflegen muß, dann wird auch unsere eigene gesellschaftliche Stellung aufgewertet, dann sind auch wir wer.
Nun wird dieses traute Beieinandersein empfindlich gestört durch einen Eklat, als demonstrativ die Frau Jesus die Füße mit ihren Tränen wäscht, sie mit dem Haar trocknet und anschließend mit kostbarem Öl salbt. Wie aus dieser peinlichen Situation einen Ausweg finden? Der Ehrengast – Jesus – scheint etwas weltfremd zu sein. Weiß er nicht, mit und auf wen er sich hier einlässt. Eine peinliche Situation, wie die Etikette bewahren, wieso lässt der angesehene Wundertäter, ja der doch erhoffte Messias, so etwas zu? Zweifel steigen auf, sollte er doch nicht der Prophet, gar der Messias sein? Dabei ist interessant, daß Jesus keinen der beiden bloßstellt, weder die um Barmherzigkeit flehende Frau, noch den Gastgeber Simon. Im Gegenteil, Jesus bringt Simon und die Frau auf gleiche Augenhöhe, so daß sie sich in die Augen blicken müssen. "Simon, siehst Du diese Frau?" Schau sie an, schau ihr in die Augen. Die Augen des anderen, die sagen: nimm mich doch an, schenke mir Liebe, schenke mir Leben und gib mich nicht dem Tod preis, hab Erbarmen mit mir und meinem verworrenen Leben. Der Blick des anderen sagt immer: töte mich nicht, schenke mir Leben und Liebe. Und doch geschieht es bei uns eben meist so, daß wir mit einem Blick unser Gegenüber einteilen, klassifizieren. Entweder wir schauen geringschätzig herab, oder ängstlich herauf. Jesu Verhalten stellt uns vor Augen, daß wir in solch einer Haltung weder Gott finden, ihm nahe sein können, noch daß wir den Nächsten so richtig sehen können. Ach, wie oft meinen wir, den Anderen zu kennen, von ihm wirklich zu wissen, wie es um ihn steht, das kann leicht ins Auge gehen. Eugen Roth hat dies einmal auf süffisante Weise in Reimform gebracht:
Ein Mensch wähnt manchmal ohne Grund,Der andre sei ein Schweinehund,
Und hält für seinen Lebensrest
An dieser falschen Meinung fest.
Wogegen, gleichfalls unbegründet,
Er einen Dritten reizend findet.
Und da kein Gegenteil erwiesen,
Zeitlebens ehrt und liebt er diesen.
Derselbe Mensch wird seinerseits –
Und das erst gibt der Sache Reiz –
Durch eines blinden Zufalls Walten
Für einen Schweinehund gehalten,
Wie immer er auch darauf zielte,
Daß man ihn nicht für einen hielte.
Und einzig jener auf der Welt,
Den selber er für einen hält,
Hält ihn hinwiederum für keinen.
Moral: Das Ganze ist zum Weinen.
(Eugen Roth)
Ist es nicht zum Weinen wirklich, wie wir bisweilen unser menschliches Zusammenleben so schwierig gestalten, weil wir urteilen und einteilen, beurteilen und verurteilen?
Nicht im Glanz der Anderen, der feinen Gesellschaft, dem guten Ruf, der Achtung und des Prestige dürfen und sollen wir uns sonnen, sondern allein im Glanz der Liebe Gottes, im Glanz der Vergebung und der Annahme als Gotteskind dürfen wir uns sonnen, damit Frieden sei in unseren Herzen, Frieden in unserer Welt, ein Klima in dem Leben und ein menschliches Miteinander gedeihen kann.
Im Reich Gottes herrscht nicht das Gesetz der Vergeltung, der Einteilung und des Sich-über-andere-erheben, sondern allein das Gesetz der Liebe und der Annahme eines jeden Menschen, der guten Willens ist und mit einem aufrechten Herzen das Geschenk der Liebe und Gnade Gottes anzunehmen weiß. In der Gegenwart Gottes gilt allein das Maß der Liebe, der Blick der Liebe, wo niemand das Recht hat ein Urteil zu fällen als Gott allein, der in das Herz des Menschen schaut.
Das heutige Evangelium führt uns vor Augen, daß wir wegkommen müssen von dem urteilenden und beurteilenden Denken, das immer sofort Bescheid wissen will, wie es mit und um uns Menschen steht. Wie gut, daß Gott nicht urteilt und beurteilt, so wie wir Menschen es gewohnt sind. Wie gut für uns und wie gut für den Anderen um uns herum, daß Gott mit dem Maßstab der Liebe mißt. Der sehr scharsinnig beobachtende Philosoph Friedrich Nietzsche bringt es auf den Punkt, wenn er über das menschliche Urteilsvermögen schreibt:
"Alle Urteile über den Wert des Lebens sind unlogisch entwickelt und deshalb ungerecht. Die Unreinheit des Urteils liegt erstens in der Art, wie das Material vorliegt, nämlich sehr unvollständig, zweitens in der Art, wie daraus die Summe gebildet wird, und drittens darin, daß jedes einzelne Stück des Materials wieder das Resultat unreinen Erkennens ist, und zwar dies mit voller Notwendigkeit. Keine Erfahrung zum Beispiel über einen Menschen, stünde er uns auch noch so nah, kann vollständig sein, so daß wir ein logisches Recht zu einer Gesamtabschätzung desselben hätten; alle Schätzungen sind voreilig und müssen es sein." (Friedrich Nietzsche)
Als Christen brauchen wir uns nicht in Selbstsicherheit und Selbstherrlichkeit anmaßend über andere richtend uns ergehen, sondern es genügt, wenn jeder sich eingesteht, was wir als Glaubende sind: wir sind Glaubende mit all der Schwere, dem Wagnis, der Finsternis, der Anfechtung und dem stets neuen Erwerbenmüssen. Dies darf und soll in Liebe geschehen, denn die Liebe, deckt vieles zu, was wir bewusst oder unbewusst Gott und dem Nächsten schuldig geblieben sind. Das Beispiel Jesu lehrt uns, daß unser Glaube zu allererst demütig sein muß. Nicht mit dem schiefen, schälen Blick auf andere haben wir unseren Weg als Christen zu gehen, sondern als Schwestern und Brüder im Glauben auf dem Weg hin zu Gott. Der demütige Glaube kennt weder übertriebene Verzweiflung, noch lähmenden falschen Selbstzweifel. Vielmehr gesteht er sich ehrlich ein, was wir sind: Suchende, Fragende, Angefochtene, manchmal Kleinkarierte, die nach dem guten Wort und guten Gott Ausschau halten, der uns sagt: Geh deinen Weg in Frieden, Du bist angenommen als geliebtes Kind Gottes.
Karl Rahner wurde einmal kritisch angefragt, warum er denn – er war bereits im betagten Alter – oftmals seine Zeit in einem Haus der Caritas in Wien verbringe, wo junge Menschen der Straße und der Gosse – sogenannte Randexistenzen – Zuflucht finden konnten, darauf erwiderte er:
"Ob die Leute in diesem Jugendhaus objektiv gesehen, von einer höheren Warte aus betrachtet, wirklich Geringe sind, ist fraglich. Ob einer, der vom Alkohol gefährdet ist, der nicht recht weiß, was er eigentlich in seinem Leben treiben soll, oder ob der, der vielleicht schon einmal hinter Gittern gesessen hat, wirklich vor Gott und auch nach den Maßstäben einer höheren, echteren, radikaleren Menschlichkeit wirklich der Geringste ist, das ist ja noch die Frage. Ich würde eher sagen: Ich, der ich - ich kann auch nichts dafür - in einer bürgerlichen Wohlanständigkeit aufgewachsen bin, so mein Leben verbrachte und mein Brot verdiente, finde in diesem Jugendhaus der Caritas Menschen, die zwar als die Geringsten von der spießbürgerlichen Gesellschaft betrachtet werden, aber im Grunde genommen - mindestens sehr oft - großartige Menschen sind, die auf ihre Weise, wenn auch nicht nach den Maßstäben unserer Gesellschaft, mit ihrem Leben fertig werden. Menschen, die freundlich sind, die Leute wie zum Beispiel mich ohne Neid betrachten, die liebenswürdig und hilfsbereit sind. (…)Vielleicht ist der hochmütige Antialkoholiker, der sich nie einen Rausch genehmigt, ein im Grunde genommen vor Gott engerer, egoistischerer, schlechterer Mensch als mancher Insasse, auf den der Bürger herabblickt. Und endlich würde ich fragen: Ist es nicht so, daß in dem rauhen, umrißlosen, nebelhaften Land der Vergeblichkeit eigentlich eher Gott wohnt und gefunden werden kann ? Wenn wir großartige Erfolge im Dienste der Menschen aufweisen, dann könnte es ja sein, daß wir nicht den Mitmenschen und auch nicht Gott, sondern uns, unser Gelingen, unseren Erfolg, unser Selbstbewußtsein suchen - und zu unserem Unglück finden. Dort aber, wo scheinbar vergeblich, ohne Dank, ohne Erfolg dem anderen Menschen gedient wird, dort würde ich sagen, wird Gott, den wir doch suchen sollen, eher gefunden als im Lande einer normalbürgerlichen Wohlanständigkeit und Ordnung." (K. Rahner)
Der anmaßende Mensch – das bringt und das Evangelium von heute nahe – der selbstgefällige Mensch ist schon in der Nähe der Kirche immer von Übel, geschweige denn in der Kirche und gar im Namen der Kirche oder als Kirche. Christus ermutigt uns, uns anzunehmen, als das, was wird sind: Kinder des einen Vaters, die alle aus der Liebe und dem Erbarmen Gottes heraus erst leben. Papst Johannes XXIII schrieb sich einmal zehn Gebote der Gelassenheit auf. Eines davon könnte im Sinne des heutigen Evangeliums auch das unsere werden. Es lautet:
"Nur für heute werde ich große Sorgfalt in mein Auftreten legen: vornehm in meinem Verhalten; ich werde niemand kritisieren, ja ich werde nicht danach streben, die anderen zu korrigieren oder zu verbessern – nur mich selbst." (Johannes XXIII)
25.07.2010
17. Sonntag im Jahreskreis
Die Wurzel unseres Glaubens
Jesus betete einmal an einem Ort; und als er das Gebet beendet hatte, sagte einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie schon Johannes seine Jünger beten gelehrt hat. Da sagte er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen. Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung. Dann sagte er zu ihnen: Wenn einer von euch einen Freund hat und um Mitternacht zu ihm geht und sagt: Freund, leih mir drei Brote; denn einer meiner Freunde, der auf Reisen ist, ist zu mir gekommen, und ich habe ihm nichts anzubieten!, wird dann etwa der Mann drinnen antworten: Lass mich in Ruhe, die Tür ist schon verschlossen, und meine Kinder schlafen bei mir; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben? Ich sage euch: Wenn er schon nicht deswegen aufsteht und ihm seine Bitte erfüllt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er braucht. Darum sage ich euch: Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. Oder ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn eine Schlange gibt, wenn er um einen Fisch bittet, oder einen Skorpion, wenn er um ein Ei bittet? Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten.
Es gibt Grundgebete der Christen, die wir alle mehr oder weniger kennen und eventuell sogar tagtäglich beten. Das 'Vater unser' ist gewiß das Grundgebet der Christen schlechthin. Jesus selbst hat es seine Jünger gelehrt. Das heutige Evangelium berichtet davon. Die Bibelausleger sind sich zwar oft nicht einig, wie eine Textstelle einzuordnen und zu verstehen ist, der heutige Textabschnitt aber macht hier eine Ausnahme. Nahezu alle sind sich einig, daß wir hier von tatsächlichen Worten Jesu ausgehen dürfen. Jesus hatte dieses Gebet seinen Jüngern in aramäischer Sprache gelehrt.
Das 'Vater unser' war vielleicht das erste Gebet, das wir gelernt haben und die meisten von uns können es wohl auswendig. Weil wir es so gut kennen, geht es uns vielleicht manchmal auch all zu glatt über die Lippen, so daß wir einmal innehalten können, um uns ausschnitthaft einige Gedanken dazu zu machen.
Dieses Gebet verbindet uns zutiefst mit unseren jüdischen Brüdern und Schwestern. Jeder fromme Jude würde es ohne Abstriche, mitbeten können. Schon allein der Beginn des Gebetes erinnert stark an das jüdische Kaddisch-Gebet, einem der wichtigsten Gebete des Judentums. Es lautet so: "Erhoben und geheiligt werde sein großer Name auf der Welt, die nach seinem Willen von Ihm erschaffen wurde- sein Reich soll in eurem Leben in den eurigen Tagen und im Leben des ganzen Hauses Israel schnell und in nächster Zeit erstehen. Und wir sprechen: Amen! Sein großer Name sei gepriesen in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten. Gepriesen sei und gerühmt, verherrlicht, erhoben, erhöht, gefeiert, hocherhoben und gepriesen sei Name des Heiligen, gelobt sei er, hoch über jedem Lob und Gesang, Verherrlichung und Trostverheißung, die je in der Welt gesprochen wurde, sprechet Amen! Fülle des Friedens und Leben möge vom Himmel herab uns und ganz Israel zuteil werden, sprechet Amen. Der Frieden stiftet in seinen Himmelshöhen, stifte Frieden unter uns und ganz Israel, sprechet Amen."
In beiden Gebeten geht es zu Beginn darum, daß das Verhältnis zwischen Mensch und Gott klar und unmissverständlich hergestellt wird. Gott allein gehört die Ehre, die Ehre seines Namens. Er ist der Schöpfer des Himmels und der Erden, sein Reich komme nach seinem unergründlichen Willen, dem wir uns anheim geben wollen. Das Kaddisch spricht davon, daß Gottes Reich schnell und bald erstehen soll und das bringt uns auch auf die Spur, wie wir die die Bitte "Dein Reich komme" verstehen dürfen. Das endgültige, vollendete Reich Gottes möge kommen dereinst, aber schon heute, jetzt und in der kommenden Zeit, soll bereits ein klein wenig Himmel auf Erden spürbar werden. Daran knüpfen exakt die Bitten des zweiten Abschnitts im 'Vater unser' an. Gottes Reich wird spürbar und lebendig, wo Menschen das tägliche Brot genießen dürfen und es miteinander teilen. Ein wenig Himmel auf Erden wird da spürbar, wo Menschen die Erfahrung machen dürfen, daß ihre Schuld und Sünden vergeben sind von Gott, der will, daß wir Menschen leben können und das Leben finden. Aus dieser Gnade und Dankbarkeit heraus ist es dem Menschen dann auch möglich, anderen ihre Fehler zu verzeihen, ihre Schwächen anzunehmen, weil wir alle von Gott angenommen sind. Gott zu lieben und den Nächsten, dieses christliche Doppelgebot soll lebendig bleiben im Himmel und auf Erden. Die Bitte um Gnade und Vergebung, diese Gabe, wird gleichsam zur Aufgabe für uns. Der Mensch, der die Liebe des Vaters selbst erfahren durfte, soll diese Liebe weiter ausstrahlen durch sein Reden, Denken und Tun.
Das Gebet um das tägliche Brot darf durchaus soweit verstanden werden, daß damit mehr gemeint ist, als nur ein satter Bauch, der etwas zum Verdauen haben muß. Man kann diese Stelle auch so lesen: Herr, gib uns das, was wir existenziell und substanziell zum Leben tatsächlich brauchen und vor allen Dingen, gewähre uns die Gabe der Unterscheidung, was wirklich notwendig - ja Not wendend - für unser Leben und das der anderen ist. "Lebe selbst und nähre andere!" - so lesen wir beim Hl. Augustinus und kämen damit der Bitte um das tägliche Brot tatsächlich nahe.
Das Herrengebet ist im Grunde genommen ein "Ja", das wir zum Leben sprechen, ein "Ja", daß wir unser Leben aus Gottes Hand annehmen, auch wenn wir nicht immer alles verstehen. Wir dürfen gewiß sein, daß Gott ein jedes unserer Worte und Bitten hört und bewahrt, weil die Worte, die wir wirklich aus dem Herzen sprechen, nicht verloren gehen können. Worte der Liebe sind unvergesslich!
Das 'Vater unser' ist die Wurzel unseres Glaubens. Aus dieser Wurzel heraus könnten wir es auch einmal so beten, wie es Karl Rahner einmal formuliert hat: "Vater unser … gib uns heute unser tägliches Brot. Und wir wollen darum nicht Recht bekommen, indem wir ins Gericht gehen mit Gott, sondern wir möchten das Ohr der Barmherzigkeit Gottes finden. Wir wollen nicht die Geheimnisse des Lebens lösen, zu denen auch das Bittgebet gehört, sondern das Bittgebet lernen. Wir wollen nicht noch scharfsinniger sein als die Anklage gegen das Bittgebet. Denn wir wollen nicht den Strick untersuchen, an dem wir über dem Abgrund des Nichts hängen, sondern ihn umklammern, damit wir nicht in den Abgrund der Verzweiflung fallen. Wir wollen nur so viel Licht und Kraft, daß wir weiterbeten, damit das Herz nicht verzweifle und der Mund nicht zu fluchen beginne, weiterbeten bis … ja, bis Gott reden wird und sein Wort das Wort des Erbarmens sein wird und des ewigen Trostes."
17. Oktober 2010
29. Sonntag im Jahreskreis
In der Kreuzesnachfolge stehen
In jener Zeit sagte Jesus ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten: In einer Stadt lebte ein Richter, der Gott nicht fürchtete und auf keinen Menschen Rücksicht nahm. In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Verschaff mir Recht gegen meinen Feind! Lange wollte er nichts davon wissen. Dann aber sagte er sich: Ich fürchte zwar Gott nicht und nehme auch auf keinen Menschen Rücksicht; trotzdem will ich dieser Witwe zu ihrem Recht verhelfen, denn sie lässt mich nicht in Ruhe. Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mich ins Gesicht. Und der Herr fügte hinzu: Bedenkt, was der ungerechte Richter sagt. Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern? Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen. Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde noch Glauben vorfinden?
Das heutige Evangelium von der aufdringlichen und beharrlichen Witwe, die zu ihrem Recht kommen will, stellt ein klippenreiches Gelände dar. Man kann sich die Aufdringlichkeit der armen Witwe gut vorstellen, wie sie Tag für Tag im Haus des skrupellosen, korrupten und bestechlichen Richters vorstellig wird. Steter Tropfen höhlt den Stein, so sagt das Sprichwort und Jesus- so scheint es - unterstreicht mit seinem Gleichnis diese Devise: "Bittet, dann wird euch gegeben!" Und wenn schon dem ungerechten Richter das Geschrei der Witwe das Herz erweicht, um wie viel mehr wird der barmherzige Vater seinen Kindern das geben, was sie notwendig für ihr Leben brauchen. Die Witwe gehört zu den von Jesus seliggepriesenen Armen, denen das Reich Gottes gehört. So beharrlich wie sie bittet, steht sie stellvertretend für die, die trotz aller Ungerechtigkeit in dieser Welt an die Gegenwart und das Kommen des Gottesreiches glauben.
Betet und bittet beharrlich ohne Unterlaß, euer himmlischer Vater wird euch erhören und stets geben, um was ihr bittet, so könnte man den Schluß aus diesem Evangelium ziehen. Aber all das widerspricht doch unserer Erfahrung. Um was haben wir nicht alles schon gebetet, wie sehr haben wir in aller Verzweiflung den himmlischen Vater bestürmt, er möge sich doch unseres armseligen Lebens annehmen, der Himmel aber blieb stumm und um was wir gebeten haben, trat eben nicht ein. Waren wir vielleicht nicht beharrlich genug, hatten wir zu wenig Glauben, will Gott uns doch strafen für vergangene Sünden und läßt uns in unserer Misere einfach sitzen? Also fester glauben, noch mehr beten. In einem kleinen Witz heißt es: "Nach langem Beten hatte er ihn soweit, der liebe Gott folgte ihm aufs Wort!"
Dieser Witz hat eine sehr ernste Seite, denn er macht uns schnell klar, daß wir mit Gott niemals so umgehen können. Wir machen Gott nicht gefügig und er steht uns nicht zur Verfügung wie ein Glücksautomat, der gleich einer Fee uns alle menschlichen Wünsche mit Zauberstab erfüllt.
Das Evangelium wartet am Ende mit einer Frage Jesu auf, die den bitteren Ernst der Lage noch einmal unterstreicht. "Wird der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde noch Glauben vorfinden?" Die Frage Jesus ist bitterernst, denn es besagt doch auch, daß wir Menschen an unserem Glauben durchaus verzweifeln, ja ihn gar verlieren können. Der Weg des Glaubens, der Weg der Nachfolge Jesu ist kein gemütlicher Spaziergang. Der Glaube an Gott besagt nicht, daß von nun an alles wie von selbst ginge und das Leben dann wunderbar und schön wäre, weil man ja Gott den allmächtigen Vater berechenbar auf seiner Seite hätte, nach dem Motto: glaube nur, dann wird das Leben schöner, besser und leichter.
Die Nachfolge Jesu führt über keinen anderen Weg als den, den Jesus selbst gegangen ist. Glauben an Gott heißt, in der Kreuzesnachfolge Jesu zu stehen. Bitten dürfen wir Gott um alles und zu jeder Zeit. Auch Christus hat in seiner Todesangst den Vater darum gebeten, daß er doch diesen Kelch, den bitteren, von ihm nehme, jedoch den Zusatz dürfen wir ebenso wenig vergessen: Nicht mein Wille, sondern der deine möge geschehen. All unser Beten muß stets dahin führen, daß wir im Grunde mit unseren Bitten immer nur darum beten können, daß wir die Kraft geschenkt bekommen, daß wir uns mit unserem Leben selbst loslassen können in die Unbegreiflichkeit Gottes hinein, der all unser Denken übersteigt, denn Gottes Allmacht, die alles gewährt, ist die Macht seiner Liebe, die sich allein in der Ohnmacht der Liebe offenbart, die am Ende nicht einmal in der Lage war, das Kreuz alleine zu schleppen. Der Glaube an Gott, unser Beten zu ihm, beides geht nach rationalem, menschlichem Ermessen nicht auf. Unser Glaube ist somit immer auch ein angefochtener Glaube, ein Glaube, mit und an dem der Mensch auch schier verzweifeln kann. Das Gleichnis Jesu führt uns ebenso auf dramatische Weise dahin, daß Gott stets anders ist, als wir verlangen, daß Gott zu sein habe.
Das Evangelium heute besagt also nicht, daß es uns beständig gut gehen werde, wenn wir an Christus glauben oder stets zu ihm beten, vielmehr besagt die Beharrlichkeit der Witwe, daß Glaube und Beten einander zugehörig sind. Der Glaube wächst durch das beharrliche Gebet, das Gebet wächst durch den beharrlichen Glauben. Das Gebet stellt für Lukas offensichtlich die Kraftquelle dar, die den Glauben bewahren hilft. Beim Hl. Augustinus lesen wir folgendes: "Laßt uns also glauben, um zu beten, und beten, damit uns dieser Glaube nicht fehlt. Der Glaube bringt das Gebet hervor, das aus dem Glauben kommende Gebet verleiht dem Glauben Festigkeit."
Weder am Beten noch am Glauben sollen wir verzweifeln, sagt Jesus. Vielmehr will er uns Mut machen, uns in das unbegreifliche Geheimnis Gott zu bergen. Denn: "Das Christentum ist … nicht die Religion, die alle Welträtsel löst, sondern die Religion, die den Menschen in der Gnade Gottes den Mut macht, sich und sein Leben in das unbegreifliche Geheimnis hineinzubergen, und zu glauben, daß dieses Geheimnis Liebe ist." (K. Rahner)
Den Vater im Himmel dürfen wir um alles Bitten, aber unser Gebet - dazu will uns das Evangelium ermutigen - wird stets in das Gebet des Hl. Nikolaus von der Flüe enden müssen, der betete: "Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir."
09. Januar 2011
3. Sonntag nach Weihnachten
Fest der Taufe Jesu
von P. Jan Bernd Elpert, Kapuziner
Zu dieser Zeit kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. Johannes aber wollte es nicht zulassen und sagte zu ihm: Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir? Jesus antwortete ihm: Lass es nur zu! Denn nur so können wir die Gerechtigkeit (die Gott fordert) ganz erfüllen. Da gab Johannes nach. Kaum war Jesus getauft und aus dem Wasser gestiegen, da öffnete sich der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.
Der liturgische Kalender scheint es eilig zu haben. Gerade erst haben wir die Geburt des Kindes im Stall von Betlehem gefeiert, da präsentiert uns der letzte Sonntag in der Weihnachtszeit bereits einen erwachsenen Mann von ca. 30 Jahren, dessen Weg ihn heute zum Jordan führt. In die Flussebene schreitet er hinunter, um sich von Johannes taufen zu lassen. Den Weg, den Jesus da zurücklegt, er steht beispielhaft noch einmal für das, was uns als Botschaft des Weihnachtsfestes verkündet wurde: Gott stieg in unsere Armseligkeit hinab, er wurde einer von uns und teilte unser aller Menschenlos.
Die Taufe Jesu markiert den Beginn seines öffentlichen Wirkens. Und wie beginnt es? Es beginnt fast peinlich, ja es ist anscheinend derart peinlich, daß keiner der Evangelisten so recht davon erzählen möchte. Alle Evangelisten haben sich bei der Erwähnung dieses Ereignisses auffallend kurz gefasst. Keiner braucht mehr als 3-4 Verse, um uns davon zu berichten. Offensichtlich war die Taufe Jesu für die Evangelisten ein Problem: wie kann der Sohn Gottes, der Messias, sich einer Bußtaufe zur Vergebung der Sünden unterziehen? Er, der in allem uns gleich war, außer der Sünde (cf. IV. Hochgebet u. Hebr 4,15). Dieser Jesus hatte doch bestimmt keine Bußtaufe nötig, die Johannes verkündete, um die Menschen für das Kommen des Messias vorzubereiten. Und selbst Johannes fühlt, daß hier etwas nicht ganz stimmig ist, wenn er meint es wäre doch eher notwendig, daß er von Jesus getauft würde (cf. Mt 3,14). Und Lukas läßt Johannes klar sagen: "nach mir kommt einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren." (Lk 3,16)
Und doch ist es jetzt Jesus, der sich niederkniet, um getauft zu werden. Und in dem Moment, als er so vor Johannes kniet, fällt wie aus allen Wolken unerwartet das Wort: "Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe." (Mt 3,17) Die Stimme Gottes bestätigt Jesus als den geliebten Sohn. In Jesus will Gott ganz an unserem Menschsein teilhaben. Was wir an Weihnachten gefeiert haben, daß Gott und Mensch ganz zusammengehören, daß Gott Mensch wurde, damit wir Menschen göttlich würden, das wird hier konkret und führt uns vor Augen, worum es auch bei unserer eigenen Taufe ging. Taufe bedeutet die konkrete Erscheinung und Verwirklichung des göttlichen Lebens in uns. Im Niederknien Jesu am Jordan wird deutlich, was es mit dem ganzen Leben Jesu auf sich hat. Denn Jesus sagt: "Ich bin unter euch wie einer, der dient." (Lk 22,27)
Von nun an wird er beständig niederknien, um die Schuhe der anderen aufzuschnüren. Er wird sich zu den Dirnen und Ehebrechern hinunterknien, zu den Zöllnern und Sündern, zum Blinden, zum Aussätzigen, zum Kranken und am Ende wird er niederknien, um sich ans Kreuz schlagen zu lassen zum Heil der Welt. Er wird allen Menschen die Schuhe, die zu eng geworden sind, öffnen, damit der Mensch wieder frei laufen kann mit einem befreiten Herzen.
Manchmal stecken wir Menschen uns einander in zu enge Schuhe, schnüren die Senkel so hart zu, daß man daran ersticken könnte. Wir glauben bisweilen von uns selbst, wie müssten diese oder jene Rolle nach außen spielen, aber vor allen Dingen stecken wir andere gerne in zu enge Schuhe, wenn wir unsere Mitmenschen ganz in unsere Vorurteile pressen, wenn wir sie in eine Rolle zwängen, die wir meinen, daß sie sie zu spielen hätten. Wir Menschen haben viele Vorurteile. Gott aber hat nur ein einziges Vorurteil, das er jedem Menschen bedingungslos zuspricht und das lautet: "du bist mein Kind und ich liebe dich." Jesus ist der, der sich niederkniet, um diese zu engen Schuhe zu öffnen, um so neues Leben zu ermöglichen. Jesus bringt dies nicht von oben herab, sondern er bringt dies, indem er sich ganz auf diese Ebene von uns Menschen niederkniet, als der der dient. Der Arzt und Philosoph Viktor von Weizsäcker schrieb einmal, daß wir die achtsame Nächstenliebe nur durch das eigene Erleiden lernen und er endet mit dem Satz: "Wer das Leben verstehen will, muß sich an ihm beteiligen." Und es ist genau dies, was Jesus getan hat. Er war derjenige, der die Liebe gelebt und gelernt hat durch sein eigenes Leiden und dadurch, daß er sich aktiv am Leben aller Menschen beteiligt hat. Durch Leiden hat er den Gehorsam gelernt, wie es im Hebräerbrief (Hebr 5,8) dann heißt.
Die bedingungslose und selbstlose Liebe, die Jesus ganz und gar verkörpert, mit der er sich ganz und gar am Leben der Menschen beteiligt kommt zum Ausdruck darin, daß er nicht lärmt und nicht schreit und seine Stimme nicht lauthals auf der Straße erschallen läßt (cf. Jes 42,2). Jesus streut den Menschen keinen Sand in die Augen durch eine geschickte, werbestrategische äußere Rhetorik, er missbraucht die Menschen nicht für seine Ziele und Zwecke. Vielmehr beteiligt er sich aufrichtend und heilend am Leben seiner Mitmenschen und da zerbricht er auch nicht das geknickte Rohr und er löscht den glimmenden Docht nicht aus (cf. Jes 42,3). Sein Wirken zielt darauf, das Leben zu erhalten, es zu schützen und sanft zu bewahren. Seine Gegenwart allein wirkt heilend. Er beteiligt sich so sehr am Leben der Menschen, daß er in das trübe Wasser des Jordans eintaucht. Er taucht sozusagen in den ganzen Schlamassel der Welt hinein. Sein Programm heißt nicht aus der Welt auszusteigen, der schnöden Welt ade zu sagen, sondern er steigt hinein in unsere Welt. Ja, wer das Leben verstehen will, muß sich an ihm beteiligen. Indem Jesus hinein steigt in unser Leben, kommt der Sinn und das Verständnis des Lebens zum Vorschein. Der Himmel öffnete sich und die Stimme aus der Wolke sprach: "Du bist mein geliebter Sohn." (cf. Mk 1,11) Die Abgründe des menschlichen Daseins sind erfüllt durch die unbegreifliche geheimnisvolle Nähe und Zusage Gottes. Das Leben ist in seinen weltlichen Gesetzen und Spannungen geblieben, aber Gott hat sich diese Gesetze und Spannungen zu Eigen gemacht, damit Zukunft und Hoffnung für alle Menschen aufscheine.
Auch wir wurden einst getauft und wurden durch die Taufe mithineingenommen in diese lebendige Beziehung zwischen Gott und Mensch, denn Christus empfing den heiligen Geist bei seiner Taufe nicht für sich, sondern allein für uns. In unserer eigenen Taufe kam zeichenhaft, sichtbar zum Ausdruck, daß auch wir für Gott ganz wertvoll sind. Wir haben damit teil am Weg Jesus, der ein Weg des Friedens, der Einfachheit, der Unscheinbarkeit, der Liebe und der Sanftmut ist. Damit ist uns allen die Hoffnung auf Heil und Leben geschenkt. Eine Hoffnung die nicht in einem blinden Optimismus besteht, daß alles gut ausgehen, sondern eine Hoffnung, die in der Überzeugung und Gewißheit besteht, daß das Dasein Sinn macht, ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht. Ein Gedanke von Kardinal Basil Hume, dem früheren Bischof von Westminster in England, fasst den Sinn des heutigen Festes treffend noch einmal zusammen:
"Oft scheint eine Wolke zwischen uns und Gott zu liegen. Doch von Zeit zu Zeit bricht ein Lichtstrahl durch die Wolke des Nichtwissens und lässt uns etwas von Gott erfahren - obwohl wir ihn nie direkt sehen oder berühren. Solche Momente können ganz unterschiedlich sein: Vielleicht ist es ein Augenblick ungetrübten Glücks, die Erfahrung wahrer Liebe, die Entschlüsselung von Rätseln des Universums. Umgekehrt kann es geschehen, dass wir gerade in Sorgen und Traurigkeit Gottes Gegenwart erfahren. Wer gelernt hat, hinzuhören und aufmerksam zu sein, nimmt seine unverkennbare Stimme wahr - in Augenblicken großer Freude und tiefen Leids. Der Mensch ist geschaffen nach Gottes Bild und Gleichnis. Jeder Mensch, mit dem ich in Kontakt komme, sagt mir darum etwas über seinen Schöpfer. Mehr noch: Er kann mir zeigen, dass Gott mich liebt. Ich freue mich darüber, dass die Zuneigung und Wertschätzung, die jemand mir erweist, ein Wort der Liebe an mich sind. Wenn einer mir zugetan ist, übermittelt er mir etwas von der Liebe Gottes zu mir." (BASIL HUME, Selig die Suchenden)


