
In jener Zeit sprach Jesus zu den Hohenpriestern und den Ältesten des Volkes: 28Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Sohn, geh und arbeite heute im Weinberg! 29Er antwortete: Ja, Herr!, ging aber nicht. 30Da wandte er sich an den zweiten Sohn und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn, und er ging doch. 31Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der zweite. Da sagte Jesus zu ihnen: Amen, das sage ich euch: Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr. 32Denn Johannes ist gekommen, um euch den Weg der Gerechtigkeit zu zeigen, und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen, und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt.
Im Evangelium zum 26. Sonntag im Jahreskreis werden wir erneut mit einem Gleichnis aus dem Weinberg konfrontiert. Bereits letzten Sonntag griff Jesus auf ein Gleichnis aus dem Weinberg zurück, als er den Menschen ein Verständnis für Gottes unermessliche Liebe nahe bringen wollte, die sich auf nicht berechenbare Weise - nach menschlicher Rechnung gar ungerechtfertigt - auf alle niedersenkt, die guten Willens sind. Im heutigen Weinberggleichnis liegt nun der Akzent anders als im vorigen Sonntagsevangelium. Es scheint mir, zwei Dinge werden uns heute vorwiegend vor Augen geführt: 1) Wer Christus nachfolgen will, wer sein Leben mit ihm und aus ihm heraus gestalten will, der kann nicht bei einem bloßen Lippenbekenntnis stehen bleiben. Zum Christ-sein gehört unabdingbar nicht nur das Wort, sondern auch die Tat. Es genügt nicht, wie der eine Sohn im Evangelium zu sagen: Ja, ja, ich gehe schon und dabei bleibt es aber dann auch. Es reicht wohl nicht aus zum Christ-sein in der Jesusnachfolge nur sein Wort am Sonntag fromm und andächtig in der Kirche zustimmend zu hören. Eine soziale, mitmenschliche Komponente, sie läßt sich nicht absprechen vom Christentum. Das Evangelium muß praktisch werden. Die Praxis im konkreten, gelebten Alltag, sie erst wird es zeigen, wie ernst es mir ist mit dem Evangelium, mit meinem Glauben. Ich als Mensch muß einen Weg beginnen, heute - nicht erst später oder irgendwann einmal. Wir können nicht Gott lieben wollen und dabei unseren Bruder, unsere Schwester außer Acht lassen. So heißt es ja schon im 1.Johbrief: "Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott - und haßt seinen Bruder, der lügt. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er vor Augen hat, kann unmöglich Gott lieben, den er nicht sieht. Das ist die Ordnung, die wir von ihm haben: Wer Gott liebt, soll auch seinen Bruder lieben." (1Joh 4,20-21)
Gottes- und Nächstenliebe, sie gehören untrennbar zusammen, ja sie sind identisch. Gott lieben und nachfolgen, können wir nur, wenn wir unseren Nächsten lieben und im Auge behalten, weil Gott in uns daheim ist. Der Kirchenvater Augustinus sagt einmal treffend: "Kein leichtsinniger Mensch lasse sich täuschen und glaube, Gott zu kennen, wenn er ihn nur mit einem toten Glauben, das heißt ohne gute Werke bekennt."
Und im Jakobusbrief legt der Apostel gerade darauf großen Wert, daß das Lippenbekenntnis allein nicht ausreicht: "Was nützt denn, wenn jemand sagt, er glaube, daß es einen Gott gebe, sein tatsächliches Leben aber geschieht, als ob er es nicht glaubte? (...) So ist es mit dem Glauben: wenn er sich nicht auswirkt, ist er praktisch nicht das. Nun könnte einer kommen und sagen, er habe das Bessere, nämlich den Glauben, ich aber das Geringere, nämlich die bloße Tat. Aber zeige mir doch einmal deinen Glauben! Wo ist er denn, wenn er sich nicht sichtbar auswirkt? Ich will die gerne meine Taten zeigen, daß sie nicht möglich gewesen wären ohne den Glauben. (...) Der Glaube ist tot, wenn er sich nicht in Sichtbarem bewährt." (Jak 2,14.17-18.26b)
Und da sind wir auch schon beim 2. Punkt, den uns das Evangelium des heutigen Sonntags nahe bringt. Die Frage, wie denn tatsächlich ein erster Schritt hin zu solch einer Haltung aussehen könnte. Es geht dabei nämlich jetzt nicht um einen blinden Aktionismus im frommen, caritativen kopflosen Gewand. Es geht nicht um ein schnelles "Drauf-los-wurschteln", um ein Handeln um jeden Preis, nach dem Motto: Hauptsache das Evangelium wird in die Tat umgesetzt, egal wie, sondern es geht um ein ständiges Wachsen und Reifen, um einen Prozess, der das Evangelium langsam immer mehr verinnerlicht. Es geht darum, immer mehr die Worte des Evangeliums durch unser Herz hindurch zu lassen, in unser Herz aufzunehmen auf unserem Lebensweg. Die erste Lesung des heutigen Sonntags, sie kann uns einen Hinweis für einen ersten Schritt geben. Ezechiel sprach da heute von der Umkehr. D.h. das erste ist die selbstlose, demütige Selbsterkenntnis und Selbsteinschätzung. Der erste Schritt ist der, ehrlich einzusehen, daß wir in unserem Leben immer wieder aus unserer vermeintlichen Selbstsicherheit herauskommen und anerkennen, daß wir alle immer wieder der Umkehr bedürfen. Umkehr, Neubeginn, Neuanfang - auch nach einem Scheitern - ist keine Schwäche, sondern Größe. Das heißt zuallererst, ehrlich zu sich selbst sein, sich selbst gegenüber berechenbar bleiben, sich nicht in einer Selbstgenügsamkeit und Überheblichkeit zu wiegen. Es ist der demütige Augenblick in dem wir bekennen, daß wir zwar das große Wort geführt haben, aber doch nur beim Lippenbekenntnis stehen geblieben sind. Es ist die ehrliche Einsicht, daß wir in unserem Leben immer wieder feststellen, wie Wollen und Tun in der alltäglichen Realität auch auseinanderklaffen.
Was aber ist die Grundlage dafür, daß wir zur richtigen Selbsteinschätzung kommen, daß wir einen Weg erreichen und finden können von dem Wort hin zur Tat? Es ist die Berechenbarkeit Gottes selbst. Sein Verhalten uns gegenüber ist richtig, so beteuert Ezechiel, oder wie es Martin Buber treffender übersetzt, Gottes Weg ist abzumessen. Buber übersetzt so: "Nicht abzumessen ist der Weg meines Herrn! Hört doch Haus Israel! Ist's mein Weg, der nicht abzumessen ist? Sind es nicht eure Wege, die nicht abzumessen sind?" Gott bleibt berechenbar und sein Handeln ist abzumessen, denn, so endet das Kapitel im Buch Ezechiel der heutigen Lesung: "Denn ich habe nicht Gefallen am Sterben dessen, der sterben muß, ist's meines Herrn, sein Erlauten: kehret um und lebet!"
Gott, der Freund des Lebens, will, daß auch wir leben und berechenbar bleiben, im Reden und Tun. Gottes Weg aber, der stets abzumessen und berechenbar ist, von ihm darf man sagen, was der Schreiber des Weisheitsbuches bekennt: "Doch du unser Gott, bist gütig und getreu. Mit Langmut und Liebe regierst du das All. Auch wenn wir sündigen, gehören wir dir, denn wir kennen deine Macht. Doch wollen wir nicht sündigen im Bewußtsein, daß wir dir gehören." (Weis 15,1-2) Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, die richtige Selbsteinschätzung, als Weg der Umkehr, das ist der erste Schritt hin zur Tat, der Schritt hin in den Weinberg. Mir fällt dabei Franziskus ein, der Kleine und Armselige Bruder, der die Größe der richtigen Selbsteinschätzung hatte und ehrlich seinen Weg stets abzumessen bereit war. Und er, von dem man doch sagen würde, wenn einer das Evangelium gelebt hat, dann er, dieser Mann bekennt am Ende seines Lebens dies: "Brüder, nun wollen wir anfangen, Gott dem Herr zu dienen; denn bis jetzt haben wir wenig oder kaum Fortschritte gemacht. Er glaubte nicht es schon ergriffen zu haben; und unermüdlich ausharrend in dem Streben nach neuer Heiligkeit, lebte er in der Hoffnung, immer wieder von vorne anfangen zu können." (1Cel, 103)
Auch wir dürfen immer wieder neu anfangen, unsere Wege und unser Leben auszumessen. Wir dürfen anfangen, Worten des Evangeliums neu Leben zu verleihen durch unser Leben und Wirken. Geh und wirk' in meinem Weinberg. Ja Herr, ich mache mich wieder neu auf den Weg, um durch mein Wirken Deine Güte und Menschenfreundlichkeit erfahrbar werden zu lassen in dieser Welt, die in Sehnsucht Ausschau hält nach etwas mehr Frieden und weniger Streit, nach etwas mehr Güte und weniger Neid, nach etwas mehr Hilfe nicht so zimperlich und viel mehr Blumen des Lebens. Amen!
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden von ihm zusammengerufen werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Erde für euch bestimmt ist.
Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.
Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?
Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.
Dann wird er sich an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht.
Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen?
Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben.
Am letzten Sonntag im Jahreskreis feiert die Kirche das Fest Christkönig. Dieses Fest ist ein relativ junges Fest in der liturgischen Geschichte der Kirche. Es wurde erst 1925 von Papst Pius XI eingeführt, als die Kirche des Ersten Allgemeinen Konzils von Nizäa gedachte, das 1600 Jahre zuvor abgehalten wurde. Ursprünglich wurde dieses Fest am Sonntag vor Allerheiligen gefeiert. Im Zuge der Liturgiereform wurde es 1970 auf den letzten Sonntag des Kirchenjahres verlegt. Soweit einmal kurz der historische Hintergrund. In allen Sonntagsmessen, wenn wir das Gloria singen, bekennen wir Christus als den "König des Himmels", den wir rühmen und dem wir danken. Jeder Sonntag ist also gleichsam ein Christkönigsfest. Jesus Christus ist der Herr der Welt, der Herr über Zeit und Ewigkeit, das Alpha und das Omega, "alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen, in ihm hat alles Bestand" (Kol 1,16-17).
Es schwingt viel an Machtgehabe und Pomp mit, wenn wir so hochherrschaftlich vom König Christus sprechen und man kann nicht verleugnen, daß das Fest selber bei seiner Einführung im Zuge einer progressiven Säkularisierung des damaligen öffentlichen Lebens am Anfang des 20. Jahrhunderts mit einem gewissen Machtanspruch die Anerkennung der Herrschaft Christi in Familie, Gesellschaft und Staat unterstreichen wollte. Diese Art der Machtdemonstration gewann dann noch einmal mehr an Bedeutung, als dieses Fest zu Zeiten des Nationalsozialismus - besonders bei der damaligen Jugend - als Gegengewicht zum totalen Machtanspruch des Staates und der NS-Ideologen gefeiert wurde.
Und selbst heute denken wir bei dem Wort König sofort an Pomp, Reichtum, Glanz und Gloria, wir denken an "Die-da-Oben". Wie wenig dies dem Leben Jesu, seinem Wirken, seinen Worten und Taten entspricht, erahnen wir aber ebenso schnell, wenn wir die Erzählungen der Evangelien hören und lesen. Der Weg, den Jesus ging, die Botschaft, die er verkündete, war alles andere als königlich und herrschaftlich im weltlichen Sinne. Es kam ihm nicht darauf an, die Machtverhältnisse neu zu ordnen, weder im profanen, noch im religiösen Bereich. Jesu Weg ist alles andere als ein Königsweg, es ist vielmehr ein Weg des Dienens, der Demut: "wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht." (Mt 20,26). Und er selbst bekennt: "Ich aber bin unter euch wie der Dienende." (Lk 22,27)
Das Vermächtnis Jesu scheint am Ende einfach und simpel und bei aller Schlichtheit doch so schier unrealisierbar für uns zu sein, in einer Welt der Unausgeglichenheit, des Zwanges, der Formen, der guten Meinung, in unsere beständigen Sorge, den Schein wahren zu müssen. Der Dienende zu sein, hat da eher den Beigeschmack, am Ende der Dumme zu sein. Wie aber soll das Dienen denn ausschauen? Christus trägt uns hier als sein Vermächtnis nur eines auf: "dies trage ich euch auf: liebt einander." (Joh 15,17) Als König weiß und versteht Jesus sich selber nur ein einziges mal, wenn er am Ende seines Lebens, als er verraten und angeklagt dem Tode nahe stand, eindrucksvoll vor Pilatus bekennt: "Ja, ich bin ein König" (Joh 18,37), aber nur ein König in dem Sinne, Zeugnis für die Wahrheit abzulegen, d.h. für die Wahrheit, die die Liebe ist, für die Wahrheit, daß Gottes Liebe einem jeden Menschen zugesagt ist und wir Menschen aus dieser Liebe heraus überhaupt erst leben und handeln können. Dies heißt doch im Grunde nur eines: In Jesus hat die Liebe ein Gesicht bekommen, ihr schönstes und ihr unverfälschtes wahres Gesicht. Er hat der Liebe ein Gesicht gegeben und jedem Menschen ein liebevolles und wertvolles Gesicht zurückgegeben, den Armen und Ausgestoßenen, den Schwachen und Notleidenden, all denen, die wie auch immer, unter der Last des Lebens zu ersticken drohten.
Am heutigen Sonntag, scheint das Evangelium überhaupt nicht so recht zum Christkönigssonntag zu passen, denn es spricht vom Ende aller Zeiten, vom jüngsten Tag, an dem Christus wiederkommt und der als der entscheidende Tag über Heil und Unheil, über Tod und Leben geschildert wird. Und doch steht dieses Evangelium in engster Verbindung mit dem königlichen Wirken Jesu in der Welt. Gott schenkt jedem Menschen Würde und Ansehen ohne Vorbedingungen und Gegenleistungen, das ist sein Wirken als König und Herr der Universums und mit einem male bin ich, sind wir alle mit hinein genommen und angesprochen von der königlichen Sendung Jesu. Aus der Zusage Jesu, daß jeder Mensch von Gott her in Liebe angeblickt und von ihm zum Leben berufen ist, daß wir alle von Gott her Würde und Ansehen erhalten, ist erst die ganze Schöpfung, sind wir alle königliche Menschen vor Gott und berufen, der Liebe Gottes in unserer Welt ein Gesicht zu geben. Es ist Sache aller Menschen zusammen in der Lebendigkeit des Denkens und Handelns neue Perspektiven auf das Ganze und für das Leben zu eröffnen.
Das Christkönigsfest in der Verbindung mit dem heutigen Evangelium, einem König, der nackt, obdachlos, gefangen, krank, hungrig und durstig ist, bringt das soziale und religiöse Leben in eine geheimnisvolle Wechselbeziehung. Wer seinen Nächsten nicht mehr hört, hört auch Gott nicht mehr, und wer Gott nicht hört, hört auch seinen Nächsten nicht mehr (vgl. 1Joh 4,20-21). Als Herr und König der Welt fordert Christus nur eines von mir: Erweise an deiner Nächstenliebe deine Liebe zu mir. Aus dem Evangelium dürfen wir jedoch dabei wohltuend eines vernehmen. Nicht die großen Schreier sind gefragt, nicht die, die meinen, an ihrer Tat, so gut sie auch gemeint sei, würde die Welt genesen, nicht die, die am lautesten Brüllen und Applaus bekommen, sind die, die recht haben, sondern allein die, die im menschlichen Miteinander die Würde und Größe jedes einzelnen erkennen und zur Entfaltung bringen. Dies geschieht aus einer gewissen fast nicht wahrnehmbaren Selbstverständlichkeit und Selbstlosigkeit heraus, ganz ohne Berechnung und ohne Kalkül. Das Evangelium heute nennt ausdrücklich, daß keiner der Menschen gewahr wurde, daß er der Liebe Gottes ein Gesicht gegeben hatte und er dabei Christus selbst begegnet war (vgl, Mt 25,37-40). Erklärungen, Verordnungen, Verpflichtungen sind der Liebe fremd und würden nur Verkrampfungen und Verschrobenes zum Vorschein bringen. Deswegen kann es uns als Christen weder um eine Selbstbewahrung, noch um eine macht- und einflussreiche Selbsttradierung gehen, sondern allein um die Wandlungsmöglichkeit der Welt und des menschlichen Herzens, auch wenn Gestalt und Gegenwart Christi dabei unerkannt bleiben: Herr, wann haben wir dich gesehen? Niemand weiß es, weil er immer unscheinbar und unmerklich wahrhaft präsent ist, wo wir uns als Liebende und Barmherzige begegnen, wo wir uns als Beschenkte erfahren, die dann nicht das Ihrige, sondern das Empfangene weitergeben.
Das Christkönigsfest ist kein Fest der Macht und einer triumphalen Selbstdarstellung, sondern die Einladung an uns, wie Jesus von der Wahrheit der Liebe Gottes zu seiner Welt Zeugnis zu geben, d.h. die Königswürde aller Menschen zu entdecken. Wer Vertrauen und Liebe in diese Welt hineinträgt, der hilft mit, daß die Menschen wieder in der Liebe zu Hause sein, in ihr wohnen dürfen. Jedes gute Vertrauen, das wir anderen schenken, ist ein Abbild des großen Vertrauens, das Gott selber uns entgegenbringt.
Der Welt ein Gesicht der Liebe geben, das macht die Königswürde Jesu aus, daraus erwächst auch unsere Würde und wird unser "Von-Gott-geliebt-Sein" erfahrbar, daraus dürfen wir den Mut und das Zutrauen wagen, daß wir als Werdende und nie Fertige Menschen gemeinsam auf dem Weg sind und ein königliches Licht der Liebe Gottes erstrahlt, wenn wir uns als Menschen begegnen in Würde und Verantwortung füreinander, so daß still und fast unbemerkt, die Welt ein Gesicht der Liebe erfährt und wir dabei Gott / Christus - vielleicht unbemerkt - begegnen aus dem und auf den hin die ganze Schöpfung ist. Dieser Königsweg Christi führt nicht zu Macht, Ruhm, Reichtum, Pracht und Hoheit im weltlichen Sinn, aber er führt zur Erfüllung und zur Fülle der Liebe und des Lebens. Das Gebet, das dem Hl. Franziskus zugeschrieben wird, kann uns vielleicht auf diesem Weg begleiten und uns stärken.
Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,Evangelium: Joh 1, 1-18
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst. Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. Johannes legte Zeugnis für ihn ab und rief: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war. Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.
Der zweite Sonntag nach Weihnachten stellt und noch einmal den Prolog des Johannesevangeliums vor Augen, den wir bereits am Weihnachtstag gehört haben. Die Weihnachtstage sind vorbei, der Jahreswechsel hat stattgefunden und wir gewöhnen uns ganz langsam daran, daß wir nun 2009 schreiben müssen. Am Weihnachtstag hatten wir vielleicht gar nicht die Ruhe, uns tiefer mit dem Geheimnis der Heiligen Weihnacht zu befassen. Zu viel mußte und wollte vorbereitet sein, so daß es uns jetzt vielleicht gelingt in einem Moment der Ruhe diesem Geheimnis nachzuspüren. Deshalb will ich in dieser Predigt noch einmal ein paar Gedanken zum Weihnachtsfest zur Besinnung anbieten.
Wir haben also wieder einmal Weihnachten gefeiert, so wie wir es gewohnt sind. Wir haben uns ebenfalls schon an die Geschichte aus Bethlehem gewöhnt, an das Wort, das in unser Fleisch und Blut gekommen ist, damit alle, es uns Licht sei für unser Leben. Wir kennen die Erzählung der Christnacht, daß da eine arme Familie einen beschwerlichen Weg gehen muß, verzweifelt eine Unterkunft sucht und weil die Niederkunft nicht mehr auf sich warten lassen wollte, mußte man sich mit einem Stall begnügen, zwischen Ochs und Esel sollt es geschehen, die einzigen Zeugen vielleicht, die zugegen waren, als das Wort Gottes selbst Fleisch wurde, um in unsere Welt zu kommen.
Die ganze Weihnachtsgeschichte scheint einem alles in allem doch eher unglaubwürdig. Sollte wirklich keiner Mitleid gehabt haben mit diesem jungen Paar, mit der hochschwangeren Frau, sollte wirklich niemand aus dem Stamme Davids in Betlehem seinem Stammesgenossen zur Hilfe geeilt sein? Es scheint unser hochheiliges Paar ist in der Masse am Ende vielleicht doch untergegangen, so daß das Kindlein eben unbemerkt und ärmlich Einzug in diese Welt hielt. Es könnte so gewesen sein. Es könnte! Ist dies eine glaubwürdige Erzählung?
Aber was bewegt uns noch alles in diesen Weihnachtstagen? Nehmen wir die Schlagzeilen als Stimmungsbarometer für unser Befinden, dann sind diese sehr ernüchternd: Finanzkrise seit Wochen, das Weihnachtsgeschäft war ein voller Erfolg, an Silvester wurden wiederum gewaltige Summen in die Luft gejagt, so hört man, ach ja und in Zimbabwe herrscht die Cholera, rafft zigtausend hinweg. Die Schlagzeilen sind so unglaublich, so unverständlich, wie das Geheimnis der Weihnacht selbst. Wer kann diese Gegensätze verstehen? So unverständlich unsere eigene Welt ist, in der wir leben, in die wir gekommen sind, wofür die Schlagzeilen nur ein konkretes leidiges Gleichnis für unsere eigene Zerrissenheit und dunkle Gegensätzlichkeit sind; aber noch viel unverständlicher, ja unbegreiflicher, daß genau in dieser Welt der Gegensätze, einer Welt des Schreckens, einer heillosen, zerrütteten, unverständlichen Welt, Gott Mensch wird. Aber so heißt es im heutigen Evangelium kurz und prägnant: "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnet."
Dies ist am allerwenigsten zu verstehen und am allerwenigstens läßt es sich auch vorstellen, wie denn das wirklich geschehen sollte. Was bedeutet dies für uns? Wir müssen schon genau hinlauschen, um zu verstehen, was wir da eigentlich feiern an Weihnachten. Betrachten wir ein wenig das Geschehen genauer.
Das ewige Wort Gottes kommt nicht pompös daher, nicht als zur Schaustellung von Macht und Glorie, sondern das ewige Wort Gottes läßt sich von Anfang an gleichsam in unsere Geschichte hinein fallen, es läßt sich fallen bis in die unterste, unwürdigste Struktur unseres Daseins hinein, es fällt in eine Futterkrippe, um uns gleichsam mit allen Fasern unseres Daseins, einen Weg zu ebnen, der die Antwort auf die Zusage und Mitteilung, die Liebe Gottes selbst, aufweist und ermöglicht. Weihnachten ist kein Fest der Vertröstung, des Übertünchens und des Überspielens, für einen Moment die heile Welt entstehen zu lassen, sondern Weihnachten heißt die Annahme des Lebens, des eigenen Lebens mit all seiner Unbegreiflichkeit, weil Weihnachten der Anfang des geretteten Todes ist, Weihnachten heißt die unverbrüchliche Treue Gottes zu erleben, daß da ein Mensch beginnt sich so zu entäußern, daß er all sein Hoffen, Lieben und Sehnen bedingungslos in die Hände des unbegreiflichen Gottes übergibt und wir in dem Kind in der Krippe staunend erahnen dürfen, daß da das Wort Gottes und die Antwort des Menschen in einer Einheit da sind. Denn das Kind in der Krippe, aus dem morgen der Mann Jesus wird, der all die steinigen und stauben Straßen des irdischen Menschenlebens mit uns durchwandert, bis zum Äußersten aller Finsternis am Kreuz, ist der Mensch Jesus, der nicht sich verkündigte, sondern das Reich Gottes und die Liebe des Vaters zu den Menschen und seiner Schöpfung. Dies tut er von Anfang an in einer Haltung des von sich Absehens und Entäußern, in einer Geste des sich Fallen Lassens und Hingebens, kurz in der Haltung des Dienens. Dieser Mensch Jesus ist gerade darum der reine Mensch schlechthin, das Beispiel von geglücktem Menschseins, weil er sich selbst über Gott und den nach Menschen ausschauenden Heils vergisst und nur in diesem sich Vergessen und sich Hingeben, dem sich Schenken und Fallenlassen, dem "Dasein-für" existiert er. Mit einem Wort, weil er die gelebte Liebe ist. Dieses Wort Gottes, das in die Welt kam, ist kein Wortschwall, kein Geplapper, das uns wie in einem Film einmal hinter die Kulissen unseres eigenen fragwürdigen Daseins blicken ließe, ist keine Sonderinformation für eine kleine Schar Eingeweihter, sondern in und durch das eigene Leben sagt dieses Wort eigentlich wenig und doch alles, denn es sagt 'nur' das siegreiche Erbarmen und die Liebe Gottes den Menschen zu, das die ganze Geschichte der Menschen mit all ihrer Schuld und all den Verzweigtheiten und Ausweglosigkeiten umfasst, und Gott selbst als die absolute Zukunft, die Rettung und das Leben, dem Menschen aus- und zusagt.
Das Wort Gottes, das Fleisch wird, sagt nur eines: Anfang und Ende, Herkunft und Zukunft des Menschen sind nicht gedankenloser, planloser Zufall, chaotische bio-chemische Physik, sondern Herkunft und Zukunft der Menschen, der Welt, des Universums sind gewollte bedingungslose Liebe, Kraft, Licht und Leben. Weihnachten läßt die Welt so wie sie ist, aber das Volk, das im Dunkeln sitzt, sieht ein helles Licht. Dieses Licht ist uns an Weihnachten erschienen, dieses Licht ist Gott selbst, seine Liebe, seine Nähe, seine Solidarität mit den Menschen. und bei der Betrachtung des Wortes Licht, das in und bei uns erschien, kommt das eigentliche Geheimnis der Weihnacht zum Ausdruck. Das Wort besteht nur aus fünf Buchstaben, es beginnt mit einem L und endet mit einem T, dazwischen tut sich der Mensch selbst auf, das ICH kommt zum Vorschein, zwischen L wie Leben und T wie Tod ist eingespannt das Ich, und ist dennoch in seiner Fülle und Ganzheit zusammen nur eines, nämlich Licht. Genau dieses Licht kam in die Welt, ist dort zu Hause, wo wir zu Hause sind, um dieses "Ich", uns alle, jeden einzelnen zu führen und zu leiten durch die Nacht hindurch zum Licht.
Das Leben ist in seinen Gesetzen und Spannungen geblieben. Aber Gott selbst hat sich diesen Spannungen unseres Daseins ganz unter- und eingeordnet. Unser Dasein wird getragen auf geheimnishafte Weise von dem uns nahen Gott, der unser Leben durchwärmt und durchlichtet bis hin in die innersten und intimsten Fasern unseres eigenen Daseins. Wo wir zaghaft und vorsichtig vielleicht unser Herz - einen Augenblick nur - in Stille dafür öffnen, spüren wir diese Nähe und Liebe Gottes, die auch uns durchströmt, aus der wir überhaupt erst leben. Der sich selbst als Atheist bezeichnende Existenzphilosoph Jean Paul Sartre hat 1940, als er im Kriegsgefangenenlager inhaftiert war für die Weihnachtsfeier im Lager ein Theaterstück (Barjona) geschrieben, das sein Ringen und seine Not um einen Glauben an Gott deutlich zum Ausdruck bringt, auch wenn er freilich den Schritt des vertrauenden Glaubens nicht gehen konnte oder wollte. In dem Stück heißt es: "Wenn Gott Mensch würde für mich, dann würde ich ihn lieben, ihn ganz allein. Dann wären Bande zwischen ihm und mir, und für das Danken reichten alle Wege meines Lebens nicht; ein Gott, der Mensch würde aus unserem liebenswerten, elenden Fleisch, ein Gott, der das Leid auf sich nähme, das ich heute leide. Ja, wenn Gott Mensch würde für mich, dann würde ich ihn lieben." Die Antwort, die der Atheist Sartre zwar im Konjunktiv gibt, hat aber das Eigentliche erfasst, denn wenn Gott Mensch wird, wenn das ewige Wort des Vaters Fleisch wird, dann wäre menschliche Liebe richtig eigentlich nur dies eine, Gottesliebe. Die Pflicht des Menschen wäre dann Hoffnung. Selbst unser Tod und unsere Dunkelheit wären von der Freude und dem Licht überstrahlt.
Wir spüren das fleischgewordene Wort des Vaters, es verlangt nach einer Antwort, die nur wir geben können und müssen. Es mag eine suchende Antwort sein und bleiben, es mag eine hoffende Antwort sein und bleiben, es muß nur eine Antwort der Liebe aus dem Herzen sein, eine Antwort, die nichts anderes beinhaltet, als die Bewegung des Wortes, als es in diese Welt hineinkam, eine Antwort die es schafft von sich wegzugehen, um sich in die Arme des liebenden und Gottes, des Lichtes und des Lebens fallen zu lassen. Es braucht allein die Offenheit des Herzens, die den Hirten, die zum Stalle kamen eigen war. Es waren Menschen, deren Seelen warm wurden bei der Erinnerung an die alten Verheißungen, es waren Menschen, die noch des Wunders fähig waren, die die wache Lebendigkeit der Seele noch in sich trugen und eine spontane, hurtige Bereitschaft, dem Ruf zu folgen, von sich weggehend hin zum Stall, wo inmitten der unsäglichen Nacht, das Licht erschien. Weihnachten will auch uns dahin führen, dieses Licht zu sehen, damit es uns Stärke in Glaube, Hoffnung und Liebe und in uns die Gewißheit neu entzünde, daß da ein Gott ist, der uns in seiner Vaterhand geborgen hält. Weihnachten sagt uns, daß die oft schmerzlich vermeintliche Ferne Gottes nur die Unbegreiflichkeit seiner alles durchdringenden Nähe ist. Gott ist zärtlich nahe, er ist da, er rührt mit seinem Wort der Liebe sanft an unser Herz und sagt uns, die wir inmitten einer Welt der Gegensätze leben, die uns auch oft dunkel erscheint: Früchte Dich nicht! Ein Moment der Stille, des Schweigens, des anbetenden Staunens vor der Geheimnishaftigkeit unseres Daseins und vor dem geheimnishaften Eintreten unseres Gottes in die Mitte unseres Lebens als Mensch und Weggefährte, schenke uns Mut und Zuversicht auch in diesem neu begonnenen Jahr auf den Straßen unseres Lebens, gleich wie sie verlaufen, weiterzugehen in der Gewißheit, daß ER selbst mit uns ist. Jesus Christus, als Mensch mit uns Menschen unterwegs, als Gott, er selbst das Ziel!
Wir stehen am Anfang der Fastenzeit und wie in jedem Jahr stellt uns das Evangelium des ersten Fastensonntages Jesus in der Wüste vor Augen. In diesem Jahr lesen wir die Version, die Markus uns überliefert hat. Markus weiß darüber nur in kurzen Sätzen zu berichten. Er gibt uns nicht solch einen detaillierten Einblick in das Geschehen, wie es die anderen Evangelisten Matthäus und Lukas uns schildern.
Auch wenn heute allen Ortens die Wüste als spiritueller Ort der Stille und der Gottesbegegnung propagiert wird, Wüstenerfahrungen als Ort religiöser Dimension mit romantisch anmutenden Bildern angepriesen wird, so verkennt dies etwas die harte Realität und den doch gewissen Ernst der Lage, denn die Wüste ist alles andere als ein Idyll und nicht jedes noch so fromme sentimentale Stimmungsgefühl ist gleich ein religiöses Highlight oder eine wohlig kuschelige Wellnessoase. Ein Blick in die Berichte der frühen Mönchsväter oder in die mystischen Aufzeichnungen eines Johannes vom Kreuz oder einer Theresa von Avila würden genügen, um zu erahnen, wie hart und dunkel, wie zermürbend solche Wüstenerfahrungen sind. Wüsten, das heißt Kampf, oftmals schier brutal anmutende Auseinandersetzung mit all den Kräften des Lebens.
Und so ergeht es auch Jesus. Der Widersacher, ja satanische Kräfte versuchen den Herrn und treiben ihr verlockendes Spiel selbst mit ihm. Ist dies nicht etwas seltsam? Ist dies nicht eher entmutigend? Wir haben gerade am Aschermittwoch die österliche Bußzeit begonnen, um uns auf Ostern vorzubereiten und nun hören wir, daß selbst Christus mit Versuchungen zu kämpfen hatte. Wenn schon er, der Herr, solche Auseinandersetzungen zu durchstehen hatte, was sollen denn da wir sagen? Wie vieles läuft in unserem Leben nicht ganz rund, wie oft werden wir vom Leben durchgeschüttelt, so daß die Wellen hoch schlagen, wie oft strengen wir uns, unserem Leben eine genaue Zielrichtung zu geben, um so das Evangelium glaubwürdig ins eigene Leben zu übersetzen? Wir bleiben dahinter zurück, ermatten, erlahmen und lassen uns treiben von inneren, manchmal unverhofften und nicht gekannten Gefühlen, manchmal vom äußeren Strom, in dem wir schwimmen. Und so sind wir es gewohnt, daß wir in der Fastenzeit ermahnt werden, was wir alles tun sollten und müssten, worauf wir verzichten sollten, mit einem Wort: daß wir unseren Lebensstall ausmisten und in Ordnung bringen sollen. Wir kennen das und vielleicht möchten wir das schon gar nicht mehr hören, es langweilt uns und wir winken ab.
Durchaus kann man sich hie und da nicht des Eindrucks erwehren, wir müssten in unserem geistlichen Leben höhere und bessere Leistungen und Erfolge erzielen. Wir leben bereits in einer Leistungsgesellschaft, die uns einiges abverlangt und es mag so scheinen, als ob es auch im religiösen Bereich den Hang hin zu einer religiösen Leistungsgesellschaft gibt. Aber dies kann und darf nicht der Sinn der Fastenzeit sein. Nähern wir uns vorsichtig und behutsam dem, wohin uns die österliche Bußzeit führen möchte.
Wir bereiten uns auf Ostern vor und der hl. Paulus fasst das ganze göttliche Heilsgeschehen schön zusammen, wenn er in seinem Brief an die Römer folgendes schreibt: "Adam ist ein Vorausbild des Künftigen. … Wenn durch des einen Verfehlung die Vielen starben, in wie viel größerem Maße strömte dann die Gnade Gottes und das Geschenk der Gnade des einen Menschen - Jesus der Messias - auf die Vielen." (Röm 5, 14b-15)
Wenn wir uns also auf Ostern vorbereiten wollen, dann müssen wir uns dafür bereiten, daß wir ein Geschenk, eine Gabe erhalten. Wir erhalten ein Geschenk, ein Geschenk aus freien Stücken. Wenn wir ein Geschenk gemacht bekommen, dann wird uns das Geschenk aus freien Stücken zuteil. Für ein Geschenk muß ich keine Vorleistung bringen, sondern ich bekomme es einfach so, oftmals sogar unerwartet.
Österliche Bußzeit heißt also, daß wir in uns die Haltung bewahren und einüben, ein Geschenk zu erhalten. Die Gabe mit offenem Herzen ein Geschenk zu erhalten, ist nicht einfach zu erreichen, weil dies von uns ein umdenken fordert. Wir sind gewohnt, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen, selbst für uns zu sorgen, und dabei wollen wir frei sein und bleiben und nicht in Abhängigkeiten hinein kommen. Es braucht eine gewisse Übung, wirklich beschenkt zu werden, ohne daß wir gleich im Hinterkopf haben, wir müssten irgendetwas dafür tun oder uns revanchieren, oder uns fragen, warum habe ich dies gerade verdient.
Die Gabe, die Gott uns schenken will ist das Leben, ein Leben in Fülle. Paulus schreibt weiter: "die, welche das Übermaß der Gnade und das Geschenk der Gerechtigkeit empfangen, werden im Leben König werden durch den einen: Jesus den Messias." Röm 5,17)
Es ist diese immerwährende und nie versiegende Liebe Gottes zu uns Menschen, die uns Menschen auf der Seite des Lebens sehen möchte und nicht auf der Seite des Todes. Beides liegt vor uns und Gott ist an nichts anderem so brennend interessiert, als daß wir das Leben haben und wählen (cf. Dtn 30,19-20). Gott wartet mit diesem Interesse nicht so sehr in drohender und mahnender Gebärde auf, sondern es ist ein durchdringender Schrei der Liebe und der Leidenschaft für uns Menschen. Daß wir dieses Werben Gottes sehen und erspüren, dazu will uns die Fastenzeit anleiten.
Alle unsere Sinne sollen geöffnet werden, damit wir dieses Geschenk der Liebe Gottes erspüren und erahnen. Wie wir uns dafür bereiten, das ist in die Entscheidung jedes Menschen selbst gegeben. Der erste Schritt ist der, daß wir uns von Gott mit dieser Liebe beschenken lassen und wir dem gewahr werden, und dann werden wir fast wie von selbst uns und unser Leben in Frage stellen: wie lebe ich, wer bin ich, wer will ich sein, wohin führt mich mein Leben.
Diesen ernsten und innigsten Fragen dürfen wir uns dann stellen und dabei braucht niemand den anderen zu beurteilen, was oder wie jemand etwas tun sollte und könnte. Jeder darf da ganz bei sich bleiben. In Demut und Bescheidenheit wird jeder sich selbst befragen, wenn er der Liebe Gottes gewahr wurde, wie das eigene Leben sich abspielt. Die größte Versuchung, der wir dabei erliegen können ist die, daß wir uns über andere erheben.
Immer wieder hören wir in den Nachrichten, daß im sportlichen Geschehen, der Mensch versucht, durch Doping sich heimliche Siege zu erschleichen, sich heimlichen Vorteil zu erhaschen. Doping ist die Urversuchung des Menschen, mehr sein und darstellen zu wollen, als man ist. Diese Urversuchung ist nicht nur im Sport lebendig, sie ist eine Versuchung, die uns beständig widerfährt. Die Versuchungen, denen wir in unserem Leben als Christen widerstehen sollen, sind nicht so sehr in erster Linie moralische Versuchungen, sondern die größere Versuchung liegt in einer falschen Selbsteinschätzung, daß wir mehr sein und darstellen wollen, als wir sind.
Auch Jesus hatte sich, diesen Fragen und dieser Versuchung zu stellen. Dabei ist die Fastenzeit kein sportlicher Wettbewerb mit der Frage, wer springt höher, weiter, schneller, sondern die Fastenzeit will uns aufrufen, ehrlich und redlich uns selbst zu fragen: wer bin ich, wohin gehe ich, führt meine Lebensführung wirklich zu Leben oder in den Ruin und bin ich bereit, von Gott ein Geschenk gemacht zu bekommen, das ich mit ehrlichem Herzen aufnehme. Von Jesus dürfen wir dabei lernen, demütig genug zu sein in unserer Selbsteinschätzung. Du sollst Gott, Deinen Herrn, anbeten und ihm allein dienen, so antwortet Jesus auf die letzte Versuchung des Widersachers, die ihn zu einer falschen Selbsteinschätzung führen sollte (cf. Mt 4,10). Der größten Versuchung, der wir erliegen können ist die, mehr sein und darstellen zu wollen, als wir wirklich sind. Dieser Versuchung begegnen wir nur allzu oft in unserem Alltag, die österliche Bußzeit will uns Mut machen, ihr auf die Schliche zu kommen und dieser Versuchung Einhalt zu gebieten. Und dabei gilt, was Paulus wiederum schreibt: "Wer also meint, er stehe: der blicke darauf, daß er nicht falle." (1Kor 10,12)
Bitten wir Gott, daß er uns die Gnade zu einer rechten Selbsteinschätzung schenke, so daß das Leben und die Liebe durch unser Leben scheine und wir der Arroganz widerstehen, mehr darstellen zu wollen, als wir wirklich sind. Die kleine abschließende Meditation kann uns dabei in diesen Tagen hilfreich sein und unser Beten und Tun im Alltag begleiten:Mit dem heutigen Fest Pfingsten findet die Osterzeit ihren Abschluss. Durch 50 Tage hindurch haben wir uns im Festkreis der Osterzeit bewegt und immer wieder von Christus dem Auferstandenen gehört. Wir sind dem Auferstandenen gefolgt durch die verschiedenartigen Begegnungen des Herrn mit seinen Jüngern. Wir haben erfahren, wie diese immer mehr in die Osterbotschaft hineingewachsen sind, wie aus ängstlichen, verzweifelten Menschen frohe und mutige Zeugen der Auferstehung Jesu wurden. Wir wurden gleichsam mit hinein genommen in diese Bewegung und durften erfahren, daß der Herr zum Vater gehe, nur mit dem einen Ziel, um für immer bei uns zu sein. Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, alle diese Feste atmen denselben Geist. Sie künden uns vom guten Gott, vom Gott der Lebenden, der seinen Sohn nicht im Tod gelassen hat, er ihn vielmehr endgültig bei sich gerettet hat, wir darin die Bestätigung sehen dürfen: wahrhaft dieser Mensch war Gottessohn (cf Mk 15,39). Und dieser Gott will ebenso, daß auch wir leben, endgültige Rettung und Heil erlangen. So haben wir es immer wieder gehört: Gott lebt und wirkt durch und in uns in seinem auferstandenen Sohn.
Was aber Pfingsten auch bewirkt und darauf weist die Lesung des Pfingsttages hin: Pfingsten schafft Beziehung untereinander und bewirkt, daß Menschen sich mit einem male verstehen. Plötzlich werden die Menschen ganz Ohr füreinander. Mit dem verstehen ist es aber so eine Sache. Es ist uns nur all zu gut bekannt, daß wir Menschen uns eben auch nicht verstehen. Tagtäglich holt uns auch diese Realität immer wieder ein. Es gibt genügend Momente, wo wir nicht verstehen, wo wir nicht verstanden werden und der Grund dafür liegt nicht immer nur darin, daß wir zu leise sprechen würden, oder ein anderer zu leise spräche. Wir verstehen einander nicht, weil Worte leer bleiben, Worte ohne Liebe sind, oder weil wir gewisse Botschaften anderer überhaupt nicht verstehen oder wahrnehmen, uns der Zugang für ein Verständnis fehlt. Ja selbst Signale unseres eigenen Körpers, unserer eigenen Leib-Seele-Realität bemerken wir oft nicht mehr und werden darin dann uns selber gar fremd.
Mit dem Verstehen ist es so eine Sache und dies noch mehr heute, wo wir für alles einen Spezialisten haben und brauchen. Wir stehen heute unter dem Zwang, sich spezialisieren zu müssen. Jeder hat seinen Bereich, ist Herr auf seinem Gebiet und alles andere darum braucht uns nicht mehr interessieren, denn dafür gibt es ja wieder einen anderen Spezialisten. Das macht das verstehen aber auf keinen Fall leichter, weil es für jeden Spezialisten einen bestimmten Fachjargon gibt, den der Normalsterbliche nicht mehr entziffern kann. Sie müssen nur einmal einen Bericht eines Arztes über sich selbst lesen und sie werden mir Recht geben, daß ein Laie da gar nichts mehr verstehen kann. Jeder ist gefangen in seinem Bereich und gar den Predigern oder auch der Kirche lastet man an, man könne diese gar nicht mehr verstehen, was die da so sagen. Was der Prediger sage oder was die Kirche meint sagen zu müssen, wäre einfach nicht mehr die Sprache der Menschen und dessen, was sie bewege. Am Ende braucht es vielleicht gar wieder einen Spezialisten, der sich nur darauf versteht, die Beziehungen unter den einzelnen Fachspezialisten wieder herzustellen, um ein Verständnis füreinander zu wecken. Es braucht manchmal einen Übersetzer, der Verbindungslinien schafft und neue Kanäle öffnet, so daß Menschen sich wieder verstehen können. Ein Nebeneffekt unseres Spezialistentums besteht darin, daß wir sehr schnell der irrwitzigen Meinung verfallen können, wir wären in unserem Spezialbereich unersetzlich, wir würden unbedingt gebraucht, ähnlich einem Mann, der ins Taxi gesprungen kam mit der Aufforderung: "Taxi fahren sie mich!" Auf die Anfrage des Taxifahrers, ja wohin denn, kam dann auch prompt die Antwort: "Egal wohin, ich werde überall gebraucht!" Das Spezialistentum gibt uns die Aura der Omnipotenz, der hochgradigen Überlegenheit, denn es sind ja wir, die es so weit und toll gebracht haben, daß wir meinen, wir seien unersetzlich. Pfingsten aber räumt auf mit diesem Imponiergehabe, mit dieser Meinung, wir wären die Herren der Welt, die tollen Hechte. Pfingsten holt uns heraus aus unseren abgeschotteten, spezialisierten Ecken, denn Gottes Geist kommt mit Saus und Braus und er ist es, der Kanäle des Sich-Verstehens neu schafft. Und urplötzlich werden wir befreit aus unseren Gefängnissen und den elfenbeinernen Türmen der Isoliertheit, aus den Gefängnissen der Überheblichkeit, des sich ständig gegen andere profilieren Müssens.
Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche, der "ecclesia". Das ursprünglich griechische Wort bedeutet wörtlich übersetzt: die Herausgerufenen. Wir werden heute herausgerufen, wir werden heute zu Brüdern und Schwestern, zu Kindern des einen Vaters, völlig unerwartet und plötzlich, nicht weil wir rufen oder so laut schreien, sondern weil wir herausgerufen sind. Mit einem Mal leben wir in der Wirklichkeit des Heiligen Geistes und nur hier leben wir tatsächlich in Saus und Braus. Nicht in Saus und Braus eines Materialismus, nicht in Saus und Braus der Isoliertheit und Überheblichkeit, sondern wir leben im Saus und Braus des Geistes Gottes, der in überreichem Maße ausgegossen ist über unser Leben. An uns allein liegt es, daß wir diesen Geist, der Leben schafft, nicht auslöschen (cf 1Thess 5,19).
Egal, wo einer steht, wir Menschen können uns in der Wirklichkeit dieses Geistes verstehen, wir können den anderen verstehen, weil wir alle aus demselben Geist heraus leben. Pfingsten heißt dann, jeder Mensch darf in seiner Sprache reden, ja muß gar die Sprache seines Lebens finden. Dies dürfen wir ohne Angst tun, denn Gottes Geist ist es, der uns miteinander und untereinander verbindet, des es schafft, daß wir uns über Grenzen hinweg verstehen. Wir brauchen keine Einheitsfront. Christen sind keine isolierten Ghettobewohner. Es braucht auch nicht einen standardisierten Gleichschritt, sondern jeder darf aus der Kraft des Geistes heraus er selbst sein, jeder so, wie es seinen Gnadengaben entspricht. Denn dies alles bewirkt immer ein und derselbe Geist, wie Paulus sagt (cf 1Kor 12,1-11). Mit der heiligen Theresia von Lisieux können wir auch sagen: "Lieber Gott, ich will dich preisen mit dem Gesicht, das du mir gegeben hast."
Wir sind herausgerufen mitzubauen an einer Kirche, die kein Fertighaus darstellt, sondern die eine Kirche ist, die immer neu im Werden begriffen ist. Ob wir es fertig bringen, uns in den unberechenbaren Saus und Braus des heiligen Geistes hineinzubegeben?
Heiliger Geist, komm' und erfrische unser Leben, damit wir neuen Schwung im Leben erfahren dürfen, einen Schwung, der uns mit den anderen verbindet. Komm', heiliger Geist und bewirke, daß wir einander verstehen und leben lassen, weil wir alle aus deinem Geistwirken heraus erst leben. Pfingsten sagt uns: ihr dürft leben als Brüdern und Schwestern, als Kirche, wo jeder ein zu Hause haben darf, und wo er Gott preisen dar, mit dem Gesicht und den Fähigkeiten, die Gott einem jeden von uns gegeben hat.
Uns allen ist aus dem antiken Rom bekannt, daß die Cäsaren mit der Formel Brot und Spiele die Untertanen bei Laune hielten. Wenn die Leute zu essen haben und ausreichend Unterhaltung finden, sinkt das Interesse für Politik und für ein kritisches Denken allzumal. Es scheint, das ist auch heute nicht viel anders. Es gibt Konsumanreize jeglicher Art, die den Menschen schlechte wirtschaftliche Aussichten vergessen machen sollen. Die Hauptthemen, die öffentliche Aufmerksamkeit finden, sind nach wir vor ein gesichertes Einkommen und die Teilnahme an der Freizeit- und Unterhaltungsgesellschaft. Lediglich die Medien und die Stars der Unterhaltung wechseln je nach Mode.
Das heutige Evangelium mag da angesichts der antiken und immer noch gültigen Formel verblüffen. Die Menschen folgen Jesus nicht in eine Arena von Spielen und versunkener Gedankenlosigkeit, sondern sie folgen ihm in die Wüste. Jenseits allen Glanz und Glimmers führt Jesus sie an einen abgelegenen Ort. Es ist die Wüste, des eigenen Daseins, der Fragen und der Enttäuschungen, der Verzweiflung und der eigenen Leere. Viele Menschen folgen Jesus und hören ihm zu. Er versteht es, sie in seinen Bann zu ziehen. Hinter der Erfolgsstory aber verbirgt sich eventuell eine weniger strahlende Wirklichkeit. Die Menschen, die Jesus nachlaufen haben offenbar keine feste Arbeitsanstellung und damit auch nicht viel zu essen. Jesus bringt ein wenig Abwechslung in ihren Alltag, der auch damals grau war. An das, was man von ihm erzählte, knüpften sie wohl auch vage Hoffnungen auf eine bessere Zukunft.
Auf der anderen Seite sehen wir einen ungewöhnlichen Idealisten, der an die Tradition der Propheten anknüpfte, durch seine Redegabe die Leute in seinen Bann zog, sie zu bewegen suchte. Er setzt Zeichen, die in eine bessere Zukunft weisen. Seine Zuhörer finden offenbar Gefallen an seinen Gedanken.
In diese Stimmung hinein setzt Jesus ein neues Zeichen: Wie Moses während der Wüstenwanderung speist er das ganze Volk, das hinter ihn her zog. Alle bekommen genug, es bleibt sogar noch übrig. Die neue Zeit, eine bessere und rosigere Zeit scheint nun endlich angebrochen zu sein. Die Leute haben alles, was sie brauchen und bisher gesucht haben. Sie haben zu essen und sind satt. Ja mehr noch, sie wollen Jesus gar gleich zum König ausrufen. Ein König des Brotes, ein König des Noch-mehr-haben-Wollens und der Spiele. Brot und Spiele, ein Spektakel, das die eigene Lebenswirklichkeit übertünchen soll. Doch Jesus entzieht sich der Menge. Er hat etwas erreicht, was er so nicht erreichen wollte. Was er eigentlich anzielte, kam bei der Menge nicht an. Ihr genügt es, wenn sie satt wird und ein wenig Abwechslung erlebt. Ihm geht es nicht allein um die Sättigung. Christus wollte vielmehr den Anbruch des Reiches Gottes spürbar werden lassen.
Wo aber liegt der Unterschied zwischen einem Aufbruch ins Schlaraffenland und dem Aufbruch in das Reich Gottes? Steht die Kirche heute nicht vor dem gleichen Unverständnis? Sie steht einer Gesellschaft gegenüber, die ihren Hunger nach Brot mehr oder weniger überwunden hat. Jetzt dreht sich fast alles nur noch um die Spiele. Es fehlt nicht an Versuchen, sowohl den Genuß des Brotes, wie auch der Spiele durch größere Raffinesse und Anreize zu steigern. Alles getreu nach dem Motto: "unterm Strich zähl Ich."
Eugen Roth, der kritische und humorvolle Dichter, hält uns in Versform so den Spiegel vor:Ein Mensch gelangt, mit Müh und Not,
Vom Nichts zum ersten Stückchen Brot.
Vom Brot zur Wurst geht's dann schon besser;
Der Mensch entwickelt sich zum Fresser
Und sitzt nun, scheinbar ohne Kummer,
Als reicher Mann bei Sekt und Hummer.
Doch sieh, zu Ende ist die Leiter:
Vom Hummer aus geht's nicht mehr weiter.
Beim Brot, so meint er, war das Glück.
- Doch findet er nicht mehr zurück.
Für eine Kirche, die den Aufbau einer besseren und gerechteren Welt mitgestalten will, lassen sich nur verhältnismäßig wenige gewinnen. Man gibt etwas vom großen Überfluß, man schnallt den Gürtel etwas enger und erschwindelt sich irgendwie die Legitimation für ein banales Brot-und-Spiele-Dasein. Der Hunger, die Fragen, das Leben mit all seinen Fragen und Ungereimtheiten aber bleiben.
Was wollte Jesus aber eigentlich mit seiner Predigt vom Reich Gottes? Warum gibt er sich nicht damit zufrieden, die Menschen mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen, einfach nur der König des Brotes zu sein? Jesus wollte die Menschen zu einer ganz persönlichen Gottesbeziehung, zu Gotteserkenntnis und zur Vertiefung der Beziehungen untereinander führen. Er wollte den Menschen zeigen, daß Gott selbst sich zum Wegbegleiter unseres Lebens gemacht hat, damit wir Frieden und Ruhe für unsere Herzen fänden, damit wir mit all unseren Fragen und Ungereimtheiten einen würdigen Platz hätten und aus der verborgenen Nähe Gottes Kraft fänden für unseren Weg. Er wollte, daß wir tiefer blickten und nicht nur an einem vordergründigen Glück hängen blieben.
Wonach hungern aber Menschen, die satt sind? Wonach hungert mich, wenn ich satt bin? Auch wenn ich meinen Hunger mit noch größerer Raffinesse stille, aus dem grauen Alltag ausbreche und ich mich in immer buntere Farben hineinzwinge. Irgendwann gelangen wir Menschen doch an einen Punkt, wo wir zu fragen beginne: Ist das alles? Neben dem Hunger nach Brot und Spielen, der in uns allen wach ist, spüren wir aber auch den Hunger nach wirklich geglücktem Leben und erfüllten Beziehungen. Beziehungen, die mehr sind als nur ein Kontakt, mehr als nur Erlebnisgemeinschaft, mehr als nur im Strom der Gesellschaft zu schwimmen.
Jesus versteht es, an unser Herz zu rühren, weil er Wege aufzeigt und selbst gegangen ist, wie wir unseren Hunger nach erfüllter Beziehung tatsächlich stillen können. Nicht zufällig sind seine Hauptgebote das Gebot der Gottesliebe und das Gebot der Nächstenliebe. Er hat gezeigt, wie das Bemühen um eine immer tiefere und innigere Gottes- und Menschenliebe das Leben ausfüllen und neue Lebens- und Erfahrungsdimensionen erschließen kann.
Beziehung wird dort als tief erlebt, wo ein Mensch den anderen besser erkennt, begreift, etwas von seinem Geheimnis erahnt. Beziehung hat mit Erkenntnis zu tun. Jesus zieht sich enttäuscht zurück, weil die Menschen ihn nicht wirklich erkannt haben, ihn missverstehen, ihn verkennen. Erkenntnis Gottes bedeutet vertraut werden mit Gott, etwas von ihm begreifen, erahnen. Wo Gott als das Geheimnis des Lebens ergriffen wird, wo ich mich ihm mit allem, was zu mir und meinem Leben gehört mit Vertrauen überlasse, da beginnt das Reich Gottes. D.h. auf das Kommende hin zu leben, in der Reihenfolge der Schritte, die wir, einen nach dem anderen zurücklegen, mit dem Vertrauen und der Hoffnung geführt zu werden, wenn wir auch nicht wissen wohin. In diesem Vertrauen kann es uns gelingen, den Kerker unseres eigen Egoismus zu überwinden und Solidarität mit unseren Mitmenschen zu üben, daß wir einander zum Halt und zur Stärke werden, daß wir uns als Glieder des einen Leibes wiederfinden, der Christus selbst ist und so Gottes Reich lebendig wird in unserer Welt. Ein Lächeln, so heißt ein Sprichwort, das du aussendest, kehrt zu dir zurück. Oder wie es der brasilianische Theologe und Dichter Bischof Dom Helder Camara einmal gesagt hat:
"Es bleibt immer ein wenig Duft in den Händen, die Rosen schenken, in Händen, die sich großzügig zeigen. Ein bißchen geben, von dem, was man hat, dem, der noch weniger besitzt, bereichert den Geber, macht seine Seele noch schöner, Freude, dem Nächsten zu geben, ist so ein einfaches Ding, das in Gottes Augen jedoch die schönste aller Künste ist."
Evangelium (Mk 10, 46-52)
Sie kamen nach Jericho. Als er mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich. Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. Und Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können. Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg.
Das Evangelium vom blinden Bartimäus mutet auf den ersten Blick an, wie eine der zahlreichen Heilungsgeschichten, die uns im Neuen Testament aus dem Leben und Wirken Jesus begegnen. Doch ist dies nur auf den ersten Blick hin so. Die Erzählung vom heutigen Sonntag birgt ganz besondere Eigenheiten, die wir miteinander erkunden wollen.
Als Erstes fällt auf, daß wir den Namen des Geheilten erfahren, was in den synoptischen Evangelien sonst so nie erwähnt wird. Markus nennt ihn beim Namen, ja seine Abstammung gibt er uns gar preis, es ist Bartimäus, der Sohn des Timäus. Der Blinde bekommt ein Gesicht, einen Namen und wir hören von ihm am Ende, daß er Jesus auf seinem Weg folgt (cf. Mk 10,52). Das ist von besonderer Bedeutung, wenn wir uns vor Augen führen, an welcher Stelle uns Markus von dieser Heilung berichtet. Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem, dort - er hat es mehrfach seinen Jüngern angekündigt - wird er leiden müssen, zum Tode verurteilt werden aber nach drei Tagen werde er auferstehen (cf. Mk 8, 31; 9,31; 10,33). Die Jünger verstehen das nicht, sie kommen damit nicht zurecht und reagieren mehr als ungewöhnlich. Zuerst macht Petrus im Namen aller Jesus Vorwürfe, niemals soll das geschehen (Mk 8,32). Nach der zweiten Ankündigung haben die Jünger nichts Besseres zu tun, als das Bärenfell schon mal zu verteilen und zu streiten, wer denn am Ende der Größte unter ihnen sei (Mk 9,33-34). Nach der dritten Ankündigung schließlich wollen sich zumindest Jakobus und Johannes einen Ehrenplatz zur Rechten und Linken des Meisters sichern (Mk 10,35). Wahrlich keine angemessen Reaktion, wenn einer über sein nahes Ende spricht, das wenig verheißungsvoll, im Gegenteil, qual- und schmachvoll sein werden wird. Im Grunde sind die Jünger blind, sie verstehen nichts, sie sehen nichts und das wird so bleiben, bis nach der Auferstehung Jesu. Dann erst werden ihnen die Augen geöffnet werden.
Auf diesem Weg nach Jerusalem tritt nun der blinde Bettler am Straßenrand auf. Er ist physisch blind, aber sein Herz ist tausendmal Jesus näher in diesem Augenblick als die Herzen der Jünger, die zwar physisch sehen können, deren Herz aber blind ist und sich in dunkle Gedanken (Vorwurf gegen Jesus; wer ist der Größte; wer bekommt den Ehrenplatz) verstrickt. Die Jünger haben gehört, was Jesus kurz zuvor gesagt hat: "Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach." (Mk 8,34) Verstanden aber haben sie nichts davon. Der Blinde hatte Jesu Worte nicht gehört, jedoch im Herzen hatte er - wahrscheinlich ganz unbewußt - schon begriffen, was es heißt sein Kreuz, d. i. sein Leben, seine Existenz tapfer und mutig anzunehmen und Jesus zu folgen.
So wird der blinde Bartimäus zum Paradefall und Beispiel für den, der wahrhaft Jesus nachfolgt. Er ist in der ganzen Erzählung stets der einzig Aktive. Er ist der, der alles was er hat, seine ganze Existenz in die Hand nimmt, alle Hoffnung, allen Mut und Zuversicht nimmt er zusammen und vertraut sich ganz Jesus an. Das tut er mit einigen Hindernissen, die aktiv zu überwinden sind.
Er sitzt elend auf dem Boden am Straßenrand, keiner nimmt ihn wahr. Er schreit nach Erbarmen, was die anderen erzürnt. Wie kann einer den Meister und seine Jünger auf dem Weg so stören? Was erlaubt er sich eigentlich, was glaubt er denn, wer er ist. Doch Jesus bleibt stehen, auch er macht keine Anstalten, sich zum Blinden hinzubegeben. Vielmehr sagt er: "dann bringt ihn halt her!" (Cf. Mk 10,49) Fast spöttisch und mit gewissem Zynismus rufen ihm die anderen von Oben herab zu: "nur Mut, geh', er ruft Dich!" (Mk 10,49) Wie zynisch und respektlos, dem Blinden in seiner erbärmlichen Situation zu sagen: "nur Mut, geh, erheb Dich und lauf zu ihm hin." Da ist keiner, der ihm hilft, keiner, der ihn führt!
Es sind nur wenige Worte, die Markus für seine Erzählung braucht. Mit wenigen Pinselstrichen, malt er eine dramatische Situation, die an Sarkasmus kaum zu überbieten ist und die den Leser plastisch hinein nehmen in das ganze Geschehen. Wir spüren hautnah, was da eigentlich vor sich geht. Doch der Blinde springt auf, den Mantel verliert er im Eifer dabei und steht vor Jesus (cf. Mk 19,50). Wieder muß er aktiv werden und selbst Jesus bleibt jetzt passiv in seiner Frage: "Was soll ich dir denn tun? Was willst Du?" (Mk 10,51) Als ob dies nicht offenkundig wäre! Wieder muß er aktiv werden. Er nimmt allen Mut zusammen. Allem Spott und Hohn zum Trotz, fleht er jämmerlich mit erbarmender, ans Herz rührender Inbrunst: "Rabbuni, ich möchte wieder sehen können!" (Mk 10,51)
Und jetzt geht es ganz schnell. Jesus erkennt und sieht das leidgeprüfte brennende Herz des Bartimäus und er sagt nur ein Wort, das Heil und Heilung bringt: "Geh, Dein Glaube hat Dir geholfen!" (Mk 10,52) Sonst erzählen die anderen Wundergeschichten oftmals, wie Jesus heilt, was er tut, hier nicht. Oftmals enden sonst Wundergeschichten mit einem klassischen Lobpreis und dem freudigen Erstaunen der Umstehenden, hier nicht! Vielmehr tritt wieder Bartimäus in Aktion, indem er Jesus auf seinem Weg folgt (cf. Mk 10,52). Und der Weg ist klar, er führt nach Jerusalem, wo Jesus ausgeliefert werden wird, wo er leiden, sterben und auferstehen wird.
Es geht also um zweierlei in der kurzen Geschichte am Wegesrand nach Jerusalem: Bartimäus wird erstens zum Beispiel für einen rechten Jünger Jesu, der aktiv sein Kreuz auf sich nimmt und Jesus auf dessen Weg nachfolgt. Er ist eigentlich der einzig Handelnde in der Erzählung. Und zweitens ist erstaunlich, daß die, die eigentlich sehen können, nicht sehen, während der, der nicht sieht, der Sehende ist, denn er ist es, der tatsächlich im Lichte und auf den Spuren Jesu tapfer geht. So wird die scheinbar harmlose Heilungsgeschichte des Blinden am Wegesrand, die ganz unauffällig und marginal erscheint, zum eindringlichen Beispiel dessen, was Jesus für den, der ihm wahrhaft nachfolgen will zuvor gefordert hatte: Selbstverleugnung und Kreuzesnachfolge. "Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach." (Mk 8, 34)
Der blinde Bartimäus fordert uns heraus, das Wort Jesus nicht nur, so wie die Jünger zu hören nach dem Motto: "zum einen Ohr 'rein, zum anderen wieder 'raus", sondern Bartimäus zeigt uns, daß Nachfolge Jesu, eine eigene, innere Aktivität fordert, denn "der Herr erwartet nicht etwas von uns, er erwartet uns selbst" (Kyrilla Spiecker). Das Kreuztragen heißt nicht, sich blind und resignierend in sein Schicksal zu ergeben, sondern es heißt, sich dem Leben mit all seinen Unebenheiten, mit all seinen positiven wie negativen Verzweigtheiten zu stellen. Das Kreuz tragen hat etwas zu tun mit Mut und Hoffnung, zu der Jesus uns beruft und auffordert. Denn das Kreuz ist für uns Christen ein Zeichen der Hoffnung, ein Zeichen dafür, daß das Leben stärker ist als der Tod, denn einer hat diesen Balken der Schmach und der Qual auf sich genommen und so das Leben für alle erworben.
Der blinde Bartimäus, der nicht sieht und doch sieht, der aktiv alles zusammennimmt, was er hat und ist, er macht uns deutlich, daß wir Menschen uns in unserer Freiheit als einer und ganzer aufgegeben sind. Wir sind uns selbst unsere eine und letzte Aufgabe, die da heißt, die eigene Existenz zu bejahen, mit all dem, was auch kreuz und quer in unserem Leben läuft, mit all dem, was unser Leben je durchkreuzt, was dunkel ist, was wir nicht verstehen, wo wir blind sind. Die eigene Existenz anzunehmen, ein Ja dazu zu sprechen auf eine Hoffnung hin und in eine Hoffnung hinein, die Gott heißt. Die Erzählung vom blinden Bartimäus zeigt uns, daß wir die eigene Existenz wagen können und wagen dürfen in das Geheimnis Gott hinein. Wie aber tut man das?
Wir müssen uns dies nicht spektakulär vorstellen, weil dies inmitten unserer Alltäglichkeit oftmals geschieht, ohne daß wir oder andere dies vielleicht merken und sehen. Es kann dies nicht treffender und schöner gesagt werden, als es Karl Rahner in Worte gefasst hat: "Wenn jemand eine letzte Treue zu seinem Gewisse durchhält, auch wenn sie nicht belohnt wird; wenn es jemandem gelingt, Liebe so selbstlos zu verwirklichen, daß es sich in Wahrheit nicht mehr um einen bloßen Ausgleich oder ein Bündnis von Egoismen handelt; wenn jemand gelassen und ohne letzten Protest in der Nacht des Todes sich selbst sich nehmen läßt; wenn das eine Leben eines Menschen trotz aller bösen Erfahrungen und Enttäuschungen ohne Aufhebens für das Licht und das Gute votiert; wenn jemand - vielleicht in scheinbar totaler Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung - dennoch hofft, daß er hofft …" (K. RAHNER, Schr. XIII, 260)
Wir können dies mit Rahner noch weiter konkretisieren: "Da ist einer, der seine Pflicht tut, wo man sie scheinbar nur tun kann mit dem verbrennenden Gefühl, sich wirklich selbst zu verleugnen und auszustreichen, … das ist einer, der einmal wirklich gut ist zu einem Menschen, von dem kein Echo des Verständnisses und der Dankbarkeit zurückkommt, … da ist einer, der schweigt, obwohl er sich verteidigen könnte, obwohl er ungerecht behandelt wird, … da gehorcht einer, nicht weil er muß und sonst Unannehmlichkeiten hat, sondern bloß wegen jenes Geheimnisvollen, Schweigenden, Unfaßbaren, das wir Gott und seinen Willen nennen. Da ist einer, der verzichtet, ohne Dank, Anerkennung, selbst ohne ein Gefühl innerer Befriedigung. Da ist einer, der restlos einsam ist, … der aber dieser Einsamkeit … nicht davonläuft, sondern sie in einer letzten Hoffnung gelassen aushält." (K. RAHNER, Schr. XIII, 240-241)
Die Liste ließe sich noch lange so fortsetzen, aber überall dort nimmt jemand tapfer sein Kreuz auf sich, überall dort wird die mutige Hoffnung vollzogen, die es zur Nachfolge Jesu braucht und dort begegnen wir dem unfassbaren Geheimnis. Wo dies geschieht, da folge ich Jesus nach, da tue ich es dem blinden Bartimäus gleich, der Jesus auf seinem Weg folgte. Dazu sind wir Christen berufen; wir folgen dann Christus wahrhaft nach, wenn wir nicht auf die eigenen Sicherheiten und sozialen Netzte und Gegebenheiten bauen, sondern wir uns in die Geheimnishaftigkeit und Unbegreiflichkeit Gottes hineinfallen lassen, nicht um des Kreuzes willen oder aus schicksalsergebener Resignation, sondern weil dort Gott selbst und seine befreiende Gnade uns begegnet und aufscheint und wir das Leben in seiner Fülle gewinnen, wir unser Ziel erreichen und wir mit und auf Grund des Lebens Jesu mutig hoffen dürfen, daß da eine Hand ist, die uns unbegreiflich und geheimnishaft hält.
Evangelium (Lk 1, 39-45) Nach einigen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth. Als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabeth vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.
Die Zeit eilt dahin und schon sind wir beim 4. Adventssonntag angekommen. Nur noch einige Tage sind es und wir dürfen Weihnachten feiern. Am letzten Adventssonntag präsentiert uns das Evangelium zwei Frauen. Zwei Frauen, die schwanger sind und ein Kind erwarten. Ob sie beide wohl tatsächlich froher Hoffnung waren?
Rufen wir uns noch einmal das Geschick beider Frauen in die Erinnerung zurück, dann werden wir gewahr, daß beide von der plötzlichen Schwangerschaft sehr überrascht waren und diese sie mit Furcht erfüllte. Die eine, Maria, war ziemlich jung, gar nicht verheiratet, die andere, Elisabeth, sie war schon ziemlich alt und konnte bislang - warum auch immer - noch überhaupt kein Kind bekommen. Beides eher eine Schande für die damaligen Kulturumstände im Judentum. So kann man sich vorstellen, daß diese zwei Frauen auch mit Scham auf das blickten, was an ihnen geschehen war und sie wussten beide wohl nicht so ganz recht, was das alles zu bedeuten habe. Aber diese zwei Verwandten, sie treffen und begegnen sich, auch wenn die Reise ins Bergland von Judäa eine kleine Anstrengung bedeutete. Maria macht sich in das Bergland auf und vielleicht wollte sie im Haus ihrer Verwandten ein wenig verstecken, um vor dem unschönen Getuschel der Menschen in ihrem Dorf zu fliehen. Wie dem auch gewesen sein mag, diese zwei Frauen begegnen einander und diese Begegnung wird im tiefsten Innersten zu einem Freudenereignis für beide. Die Freude war gar so groß, daß sie sich auf die Kinder unter ihrem Herzen übertrug. Nun mögen wir sagen, was für eine nette anrührende kleine Geschichte, aber was habe ich denn damit zu tun, was sagt sie denn über mich und mein Leben aus. Es scheint, wir bleiben Außenseiter bei dieser Erzählung. Spüren wir dem Evangelium also etwas nach, um zu sehen, ob sie uns wirklich so fremd bleiben muß und ob wir darin tatsächlich außen vor bleiben müssen. Zwei Dinge sind bezeichnend in dieser Erzählung. Zunächst einmal die Begegnung zweier Menschen und schließlich der bedingungslose Glaube und das bedingungslose Vertrauen, das beide sich entgegenbringen trotz all der widrigen schamvollen Umstände. Beide, Maria und Elisabeth, sagen Ja zu ihrem Leben, auch wenn sie nicht wissen, wohin noch alles führen wird. Sie sagen Ja und nehmen vorsichtig und zaghaft ihr Leben trotz aller Unsicherheiten an.
Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber sagte einmal: "Alles wirkliche Leben ist Begegnung." Die wahre Begegnung schafft Leben und schenkt Lebensraum. Wie viele Menschen treffen wir tagtäglich, wie viele Gesichter huschen an uns vorbei? Jedoch die Beziehung zum Anderen bleibt dabei oft in einer Oberflächlichkeit stecken. Wir sehen und sehen doch nicht, wir begegnen uns und begegnen uns doch nicht, wir hören und hören dem anderen gar nicht wirklich zu, wir sprechen, aber aus dem Mund kommt nur Belangloses, small-talk eben, nicht vom Herzen kommende und erzählende Worte. Dabei wäre es doch genau dies, was wir suchten. Wir sehnen uns nach einem Ohr, das wirklich hört, nach einem Auge, das uns wirklich anblickt, nach einem Wort, das uns wirklich aufrichtet, Mut und Kraft schenkt für unser Leben.
Neues, Hoffnung erfülltes Leben entsteht nur da, wo wir uns wirklich mit einem offenen, wohlwollenden Herzen begegnen. In solch einer herzlichen Begegnung können wir tatsächlich jede Oberflächlichkeit und Vorurteile überwinden. Eine solche Begegnung kann zur Gottesbegegnung führen. Wir sind dazu fähig, weil Gott uns wohlwollend und mit gütigem, offenem Herzen begegnet, ohne daß wir uns dessen reflektiert bewußt sein müssen. Gott hat ein Auge auf uns. Nicht das Auge eines Polizisten und Aufsehers, der nur kontrollieren wollte, ob wir uns gut und ordentlich benehmen, nein, er schaut auf uns in Güte und Liebe. Er schaut auf uns mit einem Blick, der Leben schenkt und ermöglicht. Gott begegnet uns gleichsam auf Augenhöhe mit bedingungsloser Liebe. Wir könnten auch sagen, daß wir alle schwanger gehen mit der Liebe Gottes, die in uns eingegossen ist, so daß wir dieser Liebe zum Leben verhelfen können. Wir sind gleichsam alle die "Mutter Gottes". Wir können diese Liebe auf die Welt bringen, wenn wir uns tatsächlich als Menschen begegnen. Das Doppelgebot Jesu der Gottes- und Nächstenliebe, die beide untrennbar zusammen gehören, hat hier seine Wurzel und seinen Grund. Der expliziten Gottesliebe wird da zum sichtbaren Leben verholfen, wo wir unserer gesamten Wirklichkeit, unserem Nächsten mit dieser vertrauenden Liebe begegnen. Genau das ist in der Begegnung zwischen Maria und Elisabeth geschehen. In der wahren Begegnung regte sich das neue Leben. Dort konnten beide neue Hoffnung schöpfen, dort konnten sie in gutem Zutrauen neu Ja zu ihrem Leben sagen.
Manchmal müssen wir auch Hürden überwinden, um einer solchen Begegnung Raum zu geben, manchmal müssen wir Berge überwinden, wie Maria, die über das Bergland gehen mußte. Es fällt uns nicht immer leicht, dem Anderen zu begegnen, weil wir bisweilen Fronten zwischen uns aufgebaut haben, die uns sprach- und herzlos gemacht haben. Haben wir die Kraft, den ersten Schritt zu tun, diese Fronten zu überwinden?
Es scheint nicht vergebens, wenn wir uns von Zeit zu Zeit, zu solch einem ersten Schritt erneut aufmachen. Aber wenn wir dies tun - und es ist wiederum nur ein Geschenk der Gnade und Liebe Gottes, wenn wir es können - dann schenken wir der Liebe Gottes, die in uns schlummert, neues, sichtbares Leben. Maria lebt uns beispielhaft vor, was es heißt den Weg der Alltäglichkeit und der Beschwerden auf sich zu nehmen und zu gehen, mit ihrem gläubig vertrauenden bereiten offenen Herzen, das "Ja" sagt. Ihre Bestimmung "Gottes Mutter" zu werden, Gott zur Welt zu bringen, mehr und mehr in die Heilsgeschichte Gottes hineinzuwachsen, in Treue und Selbstlosigkeit, ist auch unsere Bestimmung. Angelus Silesius, ein Dichter und Mystiker des 17. Jh. schreibt einmal: "Ich muß Maria sein und Gott aus mir gebären, soll er mich ewiglich der Seligkeit gewähren."
Der erste Schritt dorthin besteht darin, daß wir uns selbst annehmen lernen in Liebe. Es braucht dazu auch die Geduld. Beim eingangs erwähnten Martin Buber lesen wir ebenso: "Wo man um Ursprung und Ziel weiß, da gibt es kein Getriebe: man ist von einem Sinn getragen, den man nicht ersinnen könnte; aber man empfängt ihn nicht, um ihn zu formulieren, sondern um ihn zu leben; und gelebt wird er in der furchtbaren und herrlichen Entscheidungsfülle des Augenblicks."
Genau dies, dürfen wir an Maria und Elisabeth ablesen. Beide sind von einem Sinn getragen, den sie in der Entscheidungsfülle des Augenblicks - jenseits von Betrieb und Alltagsgeschäftigkeit - leben. Beide sind bereit zu empfangen und Begegnung, die Leben ermöglicht, zu schenken. Und hier sind wir am zweiten wichtigen Punkt des Evangeliums von heute angelangt. Sich in diesem Vertrauen, von einer Sinnfülle getragen zu sein und sie anzunehmen, zu üben, dazu will uns der Advent ermutigen. Der ehemalige Generalsekretär der UN Dag Hammarskjöld (1905 -1961) schrieb einmal folgendes in sein Tagebuch: "Ich weiß nicht, wer oder was die Frage stellte; ich weiß nicht, wann sie gestellt wurde. Aber einmal antwortete ich Ja zu jemandem oder zu etwas. Von dieser Stunde rührt die Gewißheit, daß mein Dasein sinnvoll ist und darum mein Leben - in Unterwerfung - ein Ziel hat. Seit dieser Stunde habe ich gewußt, was es heißt, nicht hinter sich zu schauen, nicht für den anderen Tag zu sorgen. Die längste Reise ist die Reise nach innen. Wenn die Zeit reif ist, nimmt Gott das Seine." Zu diesem Ja will uns das heutige Evangelium Mut machen. Das Beispiel von Maria und Elisabeth zeigt uns, daß wir Ja zu uns, und unserem Leben sagen können. Ja zu unserem Weg, den wir gehen, in dem Vertrauen, daß uns ein Licht erschienen ist, das uns führt und der zuversichtlichen Hoffnung, daß uns zur rechten Zeit ein Licht aufgeht, ein Licht am Horizont, ein Licht in der liebenden Begegnung des Herzens, in jedem Dank, in jedem Du, ein Licht, das uns erahnen läßt, daß Gott mit uns und unserem Leben ist.
Gott hat die Welt mit seiner Liebe getränkt, dem dürfen wir trauen und uns anheim geben. In der liebenden Begegnung von Mensch zu Mensch kann etwas von dieser Liebe Gottes und der Freude aufscheinen. Die wahre Begegnung schenkt Leben und Freude, schafft eine neue Perspektive. Maria und Elisabeth wurden davon ergriffen. Adventliche Menschen sind wir, wenn wir der wahren Begegnung fähig werden. Wie schaffen wir dies? Lauschen wir noch einmal dem ehemaligen Generalsekretär der UN und im meditierenden Lesen kann uns ein Weg dazu aufgehen: "Mit Gottes Liebe das Leben und die Menschen lieben - um der unendlichen Möglichkeit willen, warten wie er, beurteilen wie er, ohne zu verurteilen, dem Befehl gehorchen, wenn er ergeht, und niemals zurückschaun - dann kann er dich brauchen - dann, vielleicht, braucht er dich. Und wenn er dich nicht braucht: in seiner Hand hat jede Stunde einen Sinn, hat Hoheit und Glanz, Ruhe und Zusammenhang. "An Gott glauben" heißt in dieser Perspektive an sich selber glauben."