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Predigten Br. Jeremias Borgards

20. März 2011
2. Fastensonntag

Heimat geben

von Br. Jeremias Borgards, Kapuziner

1 In jener Zeit nahm Jesus Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg. 2 Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht. 3 Da erschienen plötzlich vor ihren Augen Mose und Elija und redeten mit Jesus. 4 Und Petrus sagte zu ihm: Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. 5 Noch während er redete, warf eine leuchtende Wolke ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören. 6 Als die Jünger das hörten, bekamen sie große Angst und warfen sich mit dem Gesicht zu Boden. 7 Da trat Jesus zu ihnen, fasste sie an und sagte: Steht auf, habt keine Angst! 8 Und als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus. 9 Während sie den Berg hinab stiegen, gebot ihnen Jesus: Erzählt niemand von dem, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist. Mt 17,1-9

Was geht da eigentlich ab – und was hat das mit uns heute zu tun?

Diese Frage stelle ich mir bei so manchem Evangelium. Auch das Evangelium des 2. Fastensonntags ist so eines, bei dem sich mir diese Frage immer wieder stellt, denn es ist in seinen Bildern so umfangreich und anspruchsvoll, daß ich mich dieser Frage nicht erwehren kann. Und dann geht es ja auch nicht nur darum, den Text einfach „hinzunehmen“ und zu glauben. Die Einladung Jesu und der Schreiber der Evangelien an uns ist ja auch immer, dem Ganzen unter den Vorzeichen der Zeit, in der wir leben, „Leben einzuhauchen“.

Da nimmt also Jesus Petrus, Jakobus und Johannes mit beiseite. Drei der Jünger, die schon lange mit ihm unterwegs waren, ihn gut kannten. Die von seinen Gewohnheiten, seinem Vertrauen auf Gott, seiner Hinwendung zu den Armen und Ausgestoßenen, den Suchenden und Sündern so beeindruckt waren, daß sie alles auf eine Karte setzten und ihm nachfolgten. Drei Männer, die fest auf dem Boden der Glaubenstradition des Alten Testamentes standen. Und plötzlich sahen diese Männer Jesus in einem neuen Licht. Sahen ihn in der Tradition der großen geistlichen Führer des Volkes Israel stehen – allein das schon eine Bestätigung, daß sie auf das richtige „Pferd“ gesetzt hatten. Und sie spüren, daß es gut ist, daß sie bei Jesus sind. Sie wollen ihm gleich eine Hütte, eine Wohnung bauen; vielleicht als Zeichen, daß sie ihm einen festen Platz einräumen wollen, nicht nur im Kreis der Propheten, sondern hier auf der Erde, bei sich, ganz konkret im eigenen Leben.

Und dann, nicht genug, daß Jesus in einem ganz neuen Licht erscheint, hören sie auch noch eine Stimme, die sie noch einmal aus ihren Gedanken und zu Boden reißt, ja ihnen sogar Angst macht. Eine Stimme, die Jesus nicht als Propheten bestätigt, sondern ihn als Gottes geliebten Sohn auszeichnet.

Das übersteigt für einen Augenblick die Kraft der Jünger, doch Jesus holt sie wieder zurück, nimmt ihnen die Angst. Und als die Angst genommen war, sie wieder aufrecht standen, da sahen sie „nur noch Jesus“. Der Mensch Jesus stand wieder vor ihnen. Und die Jünger? Sie waren sozusagen um eine Erfahrung reicher. Und das Erstaunliche: auch wenn sie Jesus in ganz neuem Licht, mit ganz neuen Augen gesehen hatten, blieb der Mensch Jesus doch der Wichtigste. Er, von dem sie nun wußten, woher er die Kraft bezog für all sein Tun; er der bei allem, was er tat, wie er den Menschen begegnete, was er redete, immer den Menschen und sein Heil im Blick hatte. Er der in seinem Handeln, in seinen Begegnungen nie in göttliche, fromme Sphären abhob, sondern Gott den Menschen nahe brachte, damit der Mensch sich Gott zuwenden kann.

Wir stehen mitten in der Fastenzeit und wenn ich mir diese drei Jünger, Petrus, Jakobus und Johannes so anschaue, dann fordern die schon heraus, über die eigene Beziehung zu Jesus Christus nachzudenken. Da schleicht sich schon zu recht die Frage ein, kenne ich Jesus wirklich so gut wie diese drei? Sind mir seine Gewohnheiten, seine Art der Hinwendung zu den Menschen, seine Form der Gottesbeziehung so bekannt, daß sie auch mir zu Eigen geworden sind oder immer mehr werden können? Aber auch die Frage nach der eigenen Glaubenstradition, danach, ob sie mir den klaren Blick auf Jesus Christus verstellt, so wie er ja für die drei Jünger auch zunächst verstellt war, da sie ihn in der Reihe der großen Propheten Israels beheimatet sahen. Sören Kierkegaard, an dessen Gedanken der folgende Text angelehnt ist, könnte uns Inspiration sein, darüber nachzudenken, wie ich Christus sehe und von ihm rede:

Laßt uns nun ganz ungeniert von ihm sprechen,
genau wie die Zeitgenossen von ihm geredet haben,
und wie man von einem Zeitgenossen,
einem Menschen wie wir anderen,
den man im Vorbeigehen
auf der Straße trifft,
redet,

von dem man weiß, wo er wohnt,
in welchem Stock,
was er ist, wovon er lebt,
wer seine Eltern sind und seine Verwandten,
wie sein Gesundheitszustand ist,
wie er sich kleidet, mit wem er umgeht,
kurz,
wie man von einem Zeitgenossen spricht …
denn es ist Gotteslästerung,
gedankenlose Ehrerbietung vor dem zu haben,
an den man entweder glauben oder über den man sich ärgern muß.

Das Faszinierende beiden Jüngern ist für mich, daß sie die göttliche Seite Jesu gesehen haben, sie ihnen offenbart wurde, aber die drei deshalb nicht abgehoben sind, sondern nach der Offenbarung „Das ist mein geliebter Sohn!“ wieder den Menschen Jesus im Blick hatten, den der seine Jünger und uns Freunde nennt und der jedem Menschen auf Augenhöhe begegnet ist. Die Jünger sind der Einladung Jesu auf den Berg, in die Einsamkeit gefolgt. Auch uns gilt diese Einladung: Nimm Dir Zeit, geh mit Jesu in die Einsamkeit, beschäftige Dich mit seinem Leben, seinem Glauben und Handeln, dann wirst Du wie die Jünger sicher noch neue Seiten an ihm entdecken. Und vielleicht haut dich ja die eine oder andere neue Sichtweise auf Jesus sogar um, läßt ihn für dich in neuem Licht erscheinen. Die Fastenzeit könnte eine gute Zeit dafür sein! Zumal wir ja an Ostern Christus als das Licht der Welt feiern!

Aber es gibt noch einen faszinierenden Aspekt, den wir für unseren gelebten Glauben, unsere Frömmigkeit bei den Jüngern abschauen können. Für sie war Jesus auch nach der Offenbarung als Sohn Gottes Mensch geblieben. Sie haben weiterhin seine menschliche Seite gesehen und nicht einen abgehobenen Blick auf ihn bekommen. Das kann uns sicher auch mahnen, in unserem Sprechen von Jesus, Beten und Verkünden nicht abzuheben. Wie oft tun wir uns doch schwer, die richtigen Worte zu finden, über unseren Glauben miteinander zu sprechen. Und wenn wir dann noch in einem Umfeld sind, das mit Glaube überhaupt nichts anfangen kann, da die Worte zu finden, die alle verstehen und die Jesus lebendig werden lassen, so daß seine Person fasziniert – das ist vielleicht nur dann möglich, wenn wir mit der menschlichen Seite Jesu beginnen. Wie oft wird von Christus, Glaube und all dem geredet, wie oft werden Glaubenswahrheiten formuliert, die zu verstehen vielen Gläubigen sogar schwer fällt.

Da war das mit den Jüngern schon geschickter: Sie sollten erst nach der Auferstehung wieder von Jesus erzählen und hinausgehen in alle Welt. Mir stellt sich da die Frage nach dem „Warum?“.

Vielleicht, weil es eine gewisse Zeit braucht, um zu verstehen! Vielleicht, weil es gilt, zunächst einmal im eigenen Herzen zu bewahren und zu erwägen, was Jesus getan hat, was das für mein Leben bedeutet. Mit anderen Worten: warten, bis der Glaube so ausgegoren, so erwachsen geworden ist, daß er geboren werden kann, als reife Frucht unserer persönlichen Jesus- und Gottesbegegnung; warten, bis wir Jesus und seiner Lehre den richtigen Platz gegeben haben – er wirklich bei uns wohnt, wir ihm eine Heimat, eine Hütte gebaut haben. Nur wenn Jesus bei uns wirklich zu Hause ist, können wir auch anderen helfen, ihm eine Hütte zu bauen, Heimat zu geben in ihrem Leben. Nur dann können wir, wie die Jünger nach Ostern, hinausgehen und ihn als Menschen verkündigen, der es geschafft hat, das Göttliche und das Menschliche in seinem Leben zu ganz zu leben und uns deshalb Vorbild, Heiland Retter – eben zum Christus geworden ist.

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08. Mai 2011
3.Sonntag der Osterzeit

Miteinander reden

13 Am gleichen Tag waren zwei von den Jüngern auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist.
14 Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte.
15 Während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus hinzu und ging mit ihnen.
16 Doch sie waren wie mit Blindheit geschlagen, so dass sie ihn nicht erkannten.
17 Er fragte sie: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet? Da blieben sie traurig stehen,
18 und der eine von ihnen - er hieß Kleopas - antwortete ihm: Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist?
19 Er fragte sie: Was denn? Sie antworteten ihm: Das mit Jesus aus Nazaret. Er war ein Prophet, mächtig in Wort und Tat vor Gott und dem ganzen Volk.
20 Doch unsere Hohenpriester und Führer haben ihn zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen lassen.
21 Wir aber hatten gehofft, daß er der sei, der Israel erlösen werde. Und dazu ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist.
22 Aber nicht nur das: Auch einige Frauen aus unserem Kreis haben uns in große Aufregung versetzt. Sie waren in der Frühe beim Grab,
23 fanden aber seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, es seien ihnen Engel erschienen und hätten gesagt, er lebe.
24 Einige von uns gingen dann zum Grab und fanden alles so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber sahen sie nicht.
25 Da sagte er zu ihnen: Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben.
26 Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?
27 Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht.
28 So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wolle er weitergehen,
29 aber sie drängten ihn und sagten: Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt. Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben.
30 Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen.
31 Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr.
32 Und sie sagten zueinander: Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?
33 Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück, und sie fanden die Elf und die anderen Jünger versammelt.
34 Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen.
35 Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach. Lk 24,13-35

Reden - wie viele Menschen können das heute nicht mehr. Ja sogar in vielen Familien und Partnerschaften herrscht oft eine große Sprachlosigkeit. Und auch bei seelsorglichen Gesprächen oder Gesprächen mit Interessenten für das Ordensleben, aber auch in Gruppierungen von Pfarreien stelle ich immer wieder fest, dass vieles, was innerlich und vom Glauben her bewegt, nicht ins Wort gebracht werden kann. Dabei ist reden, miteinander reden, die Dinge aussprechen etwas so Wichtiges und Befreiendes.

Anders bei den beiden Jüngern auf dem Weg in das Dorf Emmaus! Sie redeten miteinander über all das, was sie zu Innerst bewegte, was sich rund um Jesus, der ihnen sehr wichtig geworden war, ereignet hatte. In ihrer Trauer gesellte sich ein dritter zu ihnen und befragte sie über das, was sie miteinander besprachen. Und sie erzählten noch einmal, was sie als Jünger Jesu in den letzten Tagen alles erlebt und durchlitten hatten. Und in ihr Erzählen hinein fragt der Fremde ganz brutal, ob sie denn nicht begriffen, was da passiert ist.

Eine Frage, die auch für uns heute wichtig sein sollte! Haben wir begriffen, was da rund um Jesus geschehen ist, was er damals - auch für uns heute - getan hat? Oder anders gefragt: Was haben wir vom Leben Jesu, von seiner Grundhaltung Gott und den Menschen gegenüber begriffen? Was haben wir (noch) nicht begriffen, wo finden wir keinen Zugang, weil wir es nicht verstehen, es uns schwer fällt, all das zu glauben, was da durch Jesus und an Ostern um ihn herum geschehen ist?

Miteinander ins Gespräch kommen, all das teilen, was uns bewegt, die Jünger haben es getan - und sie haben all das dem Fremden erzählt - einfach so. Mich motiviert dieses Evangelium geradezu, all das, was meinen Glauben, mein Christusverständnis und mein Unverständnis anbelangt, mit anderen zu teilen; es zur Sprache zu bringen um Christus lebendig werden zu lassen im eigenen und im Leben der anderen. Denn eines können wir aus dem Evangelium lernen: da wo die Sache Jesu zur Sprache gebracht wird, wo über "all das, was sich ereignet hatte" gesprochen wir, da wird der Auferstandene gegenwärtig. Es ist eine Sache, zu glauben, für sich, privat und es ist eine andere Sache miteinander darüber ins Gespräch zu kommen, ja sogar Fremden zu erzählen, was mich gerade in Bezug auf Jesus Christus bewegt. Aber genau das ist so wichtig in unserer Zeit: von ihm zu erzählen. Soll Christus auch in unserer Zeit lebendig sein und bleiben, soll er in die Herzen der Menschen dringen, so braucht es uns. Braucht es Menschen, die von ihm erzählen, so wie die Jünger auf dem Weg nach Emmaus einander erzählt haben, um miteinander zu teilen, was sie bewegt. und es braucht Menschen, die sich trauen, Fremde an dem, was sie bewegt teilhaben zu lassen.

Mit Blindheit geschlagen - waren die beiden Jünger. Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken, ob wir heute das nicht auch sind. Wir blicken oft zurück auf das was früher war, auf die Zeit, als die Kirchen voll waren, als die Volksfrömmigkeit so selbstverständlich war, daß kaum einer über den Glauben nachgedacht hat, geschweige denn Christen miteinander über den Glauben ins Gespräch gekommen sind. Im Zurückblicken vergessen wir aber oft, daß wir im Hier und Jetzt leben. Es erscheint fast so, als wären wir durch das Zurückblicken mit Blindheit geschlagen für die heutige Realität, für das Wirken Gottes in unserer Zeit.

Als österliche Menschen leben heißt sicher auch, den Mut zu haben, Christus zu verkündigen, den Mut zu haben, von ihm zu sprechen, nach seinem Beispiel zu handeln und miteinander zu fragen, was in unserer Zeit Not tut, wo wir wie Christus Zeugen der Frohen Botschaft sein können. Dazu gilt es, die Dinge im eigenen Leben und um uns herum so anzuschauen, wie die Jünger die Geschehnisse damals angeschaut haben. Da werden auch wir vieles nicht begreifen, da werden auch wir auf unsere blinden Flecken verwiesen. Aber im Hinschauen, im Erzählen und im Teilen des Glaubens und des Brotes wird Christus lebendig sein - mitten unter uns, mal unerkannt, mal erkannt und: er wird uns dann, wie den Jüngern die Augen öffnen. Miteinander ins Gespräch kommen - wir Christen sollten es können - um der Frohen Botschaft, um Jesu Christi und um des Heiles der Menschen willen!

Möge Ihnen das Herz in der Brust brennen, wenn Sie miteinander, mit der Familie, in der Gemeinde oder Ordensgemeinschaft miteinander den Sinn der Schrift zu erschließen und möge Christus Sie dabei begleiten - wie die Jünger damals. Damit auch Sie heute als glaubwürdige Zeugen erzählen können, dass ihr Herz für Christus brennt.

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26. Juni 2011

13. Sonntag im Jahreskreis

Die Liebe erwidern

In jener Zeit sprach Jesus: 37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig. 38 Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig. 39 Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. 40 Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. 41 Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten. 42 Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist - amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen. Mt 10,37-42

Ein nicht ganz einfaches Evangelium, das vom heutigen Sonntag aus dem zehnten Kapitel der Frohen Botschaft nach Matthäus, zumal es aus zwei fast eigenständigen Gedanken besteht! Es erschließt sich wohl nur dem, der das gesamte Kapitel in den Blick nimmt: Zunächst geht es um die Aussendung der Jünger, darum, daß es so viele Menschen gibt, die keinen Hirten haben; niemanden, der den Weg des Lebens mit ihnen geht, sie stützt und ihnen Hoffnung, Mut und Halt gibt. Und Jesus ermutigt und sendet die Jünger, genau dieses zu tun. Das wird aber nur dann gelingen, wenn sie sich ganz auf die Menschen, zu denen er sie sendet, einlassen, für sie da sind und nichts anderes im Kopf oder Herzen tragen. Im Johannesevangelium wird bezeugt, daß Jesus den Simon Petrus sogar dreimal fragt, ob er ihn liebe, beziehungsweise ob er ihn mehr liebe als die Jünger. Und Petrus war schon ganz traurig, weil Jesus ihm wohl nicht zu glauben schien, denn sonst hätte er nicht gleich dreimal gefragt.

Wir wissen es irgendwie alle - als Lehrsatz aus der Schule, aus den Predigten, …, daß Jesus die Menschgewordene Liebe Gottes ist. Wir wissen es eben, aber durchdringt es auch unser Denken und Fühlen, unsere Gottesbeziehung, unsere Perspektive auf Jesus und sein Leben? Das ist die Frage, mit der Jesus wohl wollte, daß sich Petrus auseinandersetzte und die auch uns heute gilt! Nicht das Wissen sondern das Herz ist gefragt! und er, der die Liebe Gottes zu uns Menschen verkörpert, fragt nach der Liebe des Petrus. Und Petrus wird ganz traurig, weil seine Liebe echt ist und Jesus ihm scheinbar nicht glaubt; er antwortet: Du weißt doch, wie sehr ich dich liebe! Und dem, der ihn mehr liebt als alles andere, gibt Jesus nun den Auftrag: Hüte meine Schafe - oder anders ausgedrückt: sei in meinem Namen für alle da, die Hoffnung, Mut und Unterstützung brauchen, bring ihnen meine Liebe - die Liebe Gottes. Dies kann Jesus nur denen Anvertrauen, die ihn über alles stellen. Die wissen, daß nichts, keine Begegnung, kein Trost, kein Hirtendienst, gelingen kann, wenn wir nicht Gott und die Liebe zu ihm an die erste Stelle in unserem Leben setzen. Das heißt nicht, daß wir nicht Frau und Kinder, Mitmenschen und vieles andere Lieben dürfen, aber es bedeutet, daß uns bewußt ist, daß diese Liebe nur echt sein kann, wenn sie von der Liebe zu Gott durchdrungen ist. Ohne Gott zu lieben geht es nicht! Jesus hat ja auch einzig aus seiner Liebe zu Gott heraus uns Menschen so lieben können, wie er es getan hat - man muß ja deshalb nicht gleich ins Kloster gehen oder Priester werden! Für jemanden, der Gott liebt und diese Liebe leben will, gibt es viele Möglichkeiten - jede Begegnung mit den Mitmenschen, jedes menschliche Tun sollte bei uns Christen ein Zeugnis dafür sein, wie sehr wir Gott lieben. Wenn wir Gottes Geschöpfen Liebe entgegenbringen, dann bringen wir sie Gott, dem Schöpfer entgegen.

Und Jesus sendet die Jünger aus, zu den Menschen zu gehen - er sendet aber auch uns aus! Und sie gehen. Sie gehen mit der Liebe zu Gott und zu ihm im Herzen und vollbringen Großes!

Im zweiten Teil des Evangeliums erklärt Jesus den Jüngern sozusagen noch den Zweck der Sendung: Diejenigen, die die Jünger aufnehmen, nehmen ihn auf und werden dafür reichen Lohn erhalten. Wer die Jünger aufnimmt, der hört von ihnen etwas über Gott, der wird von ihnen getröstet, der wird durch sie, durch ihren Glauben gestützt und getragen - für den tun sich neue Perspektiven auf, weil sie Christus, ja Gott selbst aufnehmen. Das ist der Lohn derer, die die Jünger aufnehmen: von Gott und seiner Liebe zu uns Menschen zu erfahren und so ein Leben in Fülle zu erlangen.

Auch an uns ergeht die Frage Jesu: Liebst Du mich? Aber nicht nur die Frage Jesu, sondern auch die Sendung ergeht an uns - eben an alle, die sich in die Nachfolge Jesu stellen!

Mich persönlich - auch als Kapuzinerbruder und Priester - fordert dieses Evangelium immer wieder heraus zu schauen, wo stehe ich eigentlich mit meinem Glauben, mit meiner Liebe zu Jesus Christus? Reduziert sich meine Liebe zu Gott auf den Gottesdienst oder wird sie immer wieder neu sichtbar im Miteinander, in den hoffentlich heilenden und begleitenden, tröstenden und stärkenden Begegnungen mit den Menschen im Alltag. Gott ist die Liebe - er lädt uns ein, diese Liebe zu erwidern, sie in den Beziehungen zu den Mitmenschen zu leben.

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15. August 2011

Mariä Aufnahme in den Himmel

verfasst von Jens Kusenberg, Kapuziner-Postulant

Lk 1,39-56

Nach einigen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet. Als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.
Da sagte Maria: Meine Seele preist die Größe des Herrn,
und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig.
Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.
Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;
er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.
Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen,
das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.
Und Maria blieb etwa drei Monate bei ihr; dann kehrte sie nach Hause zurück.

Früher hatte ich arge Probleme mit dem Fest Mariä Himmelfahrt, das die Kirche am 15. August feiert. Wie kann Maria in den Himmel auffahren, wenn doch Christus alleine in den Himmel aufgefahren ist? Ist das nicht eine Vergottung Mariens? Als ich mich näher mit dem Fest beschäftigte, eröffnete sich mir ein neuer Blickwinkel. Wir sind eingeladen das Fest von Christus, nicht von Maria aus zu denken. Gott nimmt Maria in den Himmel auf, nicht Maria selbst fährt in den Himmel auf. Maria ist die Brücke zwischen Altem und Neuem Bund. Sie ist fest im jüdischen Glauben verwurzelt und hofft auf das Kommen des Messias. Sie glaubt der Botschaft des Engels, der ihr die Geburt Jesu verkündet. Bei der Verkündigung sagt Maria: "Mir geschehe nach deinem Wort." Maria vertraut und glaubt der Frohen Botschaft und bringt in dieser Folge Christus zur Welt. Der Anfang des Weges Mariens besteht aus ihrem Ja. Sie geht ihn weiter. Dazu sind auch wir eingeladen: Christus in Vertrauen auf Gott und mit unserem Ja zu ihm in diese Welt zu bringen.

Für Maria bleibt das allerdings zunächst eine Hoffnung und unerklärlich. Aber sie glaubt! Und für diesen Glauben preist Elisabeth Maria im Evangelium: "Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ." Marias Antwort darauf ist erstaunlich. Sie rühmt nicht sich und ihren Glauben, sondern sie preist im Magnifikat den Herrn. Er ist es, der alles vollbringt.

Das dürfen auch wir in unserem Leben versuchen. Maria kann uns für unser eigenes Glaubensleben dabei Vorbild sein. Wie sie mit ihrem Ja Christus zur Welt gebracht hat, so können wir mit unserem Ja dasselbe versuchen. Wie sie an die Frohe Botschaft geglaubt hat, so können wir auch glauben und darauf vertrauen, dass Gott uns zur Seite steht. Maria war ein normaler Mensch, der Gott vertraut hat und versuchte seine Berufung zu leben, ganz konsequent. Und unsere Berufung ganz konsequent zu leben, dazu lädt uns der Glaube an Jesus Christus jeden Tag aufs Neue ein. Doch dieser Glaube fordert viel Hoffnung und Vertrauen von uns, spätestens wenn wir an den Tod denken. Dies musste auch Maria schmerzlich erfahren, als ihr Sohn starb.

In dem Moment durfte sie erfahren, dass die Liebe Gottes so groß ist, dass er Jesus von den Toten auferweckt hat. Dies war nur durch den Tod des geliebten Sohnes möglich. Es ist eine Liebe, die stärker ist als der Tod und die über den Tod hinausgeht. Diese Liebe wird ihr dann selbst zuteil, als sie sterben muss. Das feiert die Kirche am 15. August. Wenn Maria in den Himmel aufgenommen wurde, dann dürfen auch wir darauf hoffen, dass wir einmal in den Himmel aufgenommen werden, wenn wir ebenso wie Maria unser Ja zu Gott sprechen und leben.

Marias Ja führte sie näher zu Gott. Maria hat sich in ihrem Leben so auf Gott ausgerichtet, dass Gott sie ganz in den Himmel aufgenommen hat. Und wenn die Kirche sagt, dass Maria mit "Leib und Seele" in den aufgenommen wurde, dann dürfen wir daraus schließen: Sie wurde von Gott ganz in den Himmel aufgenommen, so wie sie ganz zu ihm Ja gesagt hat. Und wir können und dürfen ihrem Beispiel folgen. Ganz ja sagen zu Jesus Christus und der Liebe Gottes ganz Glauben schenken. Wir dürfen hoffen, dass auch wir in seiner Liebe bleiben werden, wenn wir unser Ja zu ihm in der Welt leben.

Dabei ist entscheidend, dass nicht wir durch uns in den Himmel auffahren. Es ist Gott selbst, der uns rufen wird. Ich darf hoffen, dass er uns nicht im Stich lässt. Gott handelt an uns, wenn wir uns auf ihn einlassen. So sagt es auch Maria im Magnifikat: "Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut, der Mächtige hat Großes an mir getan."

Maria kann uns Vorbild sein in ihrer Menschlichkeit, in ihrem Ja zu Gott, auf ihrem Weg und in ihrer Hoffnung im Tod. Sie hat sich zu Gott hingewandt. Mit Blick auf Maria und mit Blick auf Jesus dürfen wir die Hoffnung haben, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, wenn wir uns auf Gott und seine Liebe ausrichten.

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02. Oktober 2011
27. Sonntag im Jahreskreis

"Ich will ein Lied singen von meinem geliebten Freund, ein Lied vom Weinberg meines Liebsten."

Wie ein Liebeslied lesen sich die Worte des Propheten Jesaja. Gott nennt er seinen Freund, ja er nennt ihn sogar seinen "geliebten Freund". Welch eine Gottesbeziehung kommt da zum Ausdruck, wie eng und gut muß doch die Beziehung des Propheten Jesaja zu Gott sein - wie wohltuend und schön hat er wohl die Nähe seines Freundes in seinem Leben schon erfahren dürfen. Glücklich, wer einen Freund hat, den er so in den höchsten Tönen loben kann. Welch eine Freundschaft.

Ach, und gleich kommen mir die vielen Gottesbilder in den Sinn, die uns mit auf den Weg gegeben wurden und die der Erfahrung des Jesaja so sehr wiedersprechen: Gott der Richter; Gott der alles sieht und den man den Kindern drohend präsentiert. Wie oft hört man sogar heute noch die Sätze: Der liebe Gott sieht alles! Dafür wird der liebe Gott dich strafen. Was ist denn da vom "lieben" Gott übrig, wenn der liebe Gott den Eltern als Drohung herhalten muß.

Kein Wunder, daß Kinder, die erwachsen werden, sich irgendwann von Gott abwenden - oder ein verqueeres Gottesbild entsteht. Dabei gilt für uns Christen doch: "Gott ist die Liebe" (1 Joh 4, 16). Papst Benedikt schreibt in seiner Einführung zu "Deus caritas est": " In diesen Worten aus dem Ersten Johannesbrief ist die Mitte des christlichen Glaubens, das christliche Gottesbild und auch das daraus folgende Bild des Menschen und seines Weges in einzigartiger Klarheit ausgesprochen".

Wie wohltuend sind da die Worte des Jesaja. Aber nicht nur von seinem Freund will er ein Lied singen, sondern auch von dessen Weinberg - also von all dem, was Gott, sein Freund, alles so gut und wunderbar gemacht hat. Einfach toll, Gott so erfahren zu dürfen, als Freund, als Liebsten, als einen, der alles so wunderbar gemacht hat und für mich sorgt, so daß ich mich in seiner Nähe, in seinem Weinberg wohl fühle und glücklich bin. Ja, mein Herz davon so sehr übergeht, daß ich sogar Lieder über ihn singe - in den höchsten Tönen. Und Gott? Er hat uns die Freiheit geschenkt, diese Liebe zu erwidern; er hat uns eingeladen, aus Dankbarkeit dafür, süße Trauben zu bringen. Oder ins heute übersetzt: er hat uns eingeladen, diese Liebe in unserem Denken und Tun zu erwidern.

Doch schon bald kam für Jesaja - und auch Gott - die Ernüchterung. Der Weinberg, die Menschen darin, haben diese Liebe nicht erwidert, haben es nicht wirklich geschafft, süße Früchte hervorzubringen. Ihr Reden von Gott, ihr Handeln am Nächsten, ihre Beziehung zur Schöpfung, all das glich eher sauren Beeren als süßen Trauben. Und Gott? Er hat seinen Bund immer wieder erneuert und uns in Christus, dem Menschensohn zeigen lassen, daß es doch geht: die Liebe Gottes zu erwidern und als Mensch süße Trauben hervorzubringen.

Wir reden heutzutage viel von der Krise der Kirche, vom Fehlen junger Menschen in der Kirche, vom Glaubensschwund, davon, was katholisch ist und was nicht - jammern wir doch nicht, sondern fragen uns: Wo bin ich in meinem Christsein, in meinem begeisterten Reden von Gott, von Jesus Christus und dem Glauben der mich trägt eigentlich Zeugin und Zeuge der Liebe Gottes? So überzeugend, daß Menschen durch mich einen Gott der Liebe kennenlernen dürfen, dem auch sie ein Liebeslied singen möchten? Hab ich Gott eigentlich schon einmal ein Liebeslied gesungen? Laßt uns doch von Gott als von unserem Freund, unserem Liebsten, unserem guten Vater und unserer liebenden Mutter reden und so handeln, daß all unser Denken, Reden und Tun das Geschenk/ die Antwort an den Freund, den Liebsten, den guten Vater und die liebende Mutter ist - so wie das Lied des Jesaja. Denn so zu antworten auf die Liebe Gottes zu uns, sind die erwarteten Früchte! Das ist glaubwürdiger als jedes Klagen, Kritisieren und jammern - warum blicke ich auf die anderen ; ich habe doch die Freiheit, jederzeit damit anzufangen. Br. Anton Rotzetter fasste das einmal so zusammen: "Gott ist die Liebe. Von einem solchen Gott geht eine Dynamik aus, die jenseits aller Gesetzlichkeit und Unterwürfigkeit steht. Es ist die Dynamik der freien, spontanen, bedingungslosen Antwort der Liebe: `Ejus qui nos multum amavit multum est amor amandus`, sagt Franziskus. Es liegt alle Musik in diesem Satz, alle Sinnlichkeit, alle Beschwingtheit des Lebens: `die Liebe dessen, der uns so sehr geliebt hat, müssen wir so sehr wieder lieben`. Es ist nicht ein Müssen des Gesetzes, sondern ein Müssen des Herzens, ein sich von selbst verstehendes Müssen." Im zweiten Hochgebet beten wir immer wieder: "Wir danken dir, daß du uns berufen hast, vor dir zu stehen und dir zu dienen". Wie oft ergänze ich still für mich oder auch laut in diesem Satz: "Wir danken dir, daß du uns berufen hast, vor dir zu stehen und dir aus Liebe zu dienen.

Wenn all unser Handeln als Christen aus Liebe zu Gott und in Liebe geschieht - dann werden wir süße Früchte hervorbringen und nur dann! Mögen uns die Texte dieses Sonntags herausfordern, unsere Antwort auf die Liebe Gottes zu suchen und zu leben - im hier und jetzt, mit den Mesnchen um uns herum und in den Gegebenheiten unserer Zeit.

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20. November 2011
34. Sonntag im Jahreskreis

"Ich habe keine anderen Hände als die Euren"


31 In jeder Zeit sprach Jesus_ Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. 32 Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. 33 Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken. 34 Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. 35 Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; 36 ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. 37 Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? 38 Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? 39 Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40 Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. 41 Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! 42 Denn ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; 43 ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht. 44 Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? 45 Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. 46 Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben Mt 25,31-46

Liebe Schwestern und Brüder,

"Ich habe keine anderen Hände als die Euren." Das war der erste Satz, der mir bei der Vorbereitung dieses geistlichen Wortes nach dem Lesen der Frohen Botschaft zum Christkönigssonntag einfiel.

Und dann fielen mir gleich wieder all die Meldungen und Erfahrungen der letzten Wochen ein. Geschäfte mit pornographischen Medien in einem Verlag, an dem die Bischofskonferenz beteiligt ist; in der Politik verrechnet man sich mal kurz um ein paar Milliarden (dürfen sich jetzt alle verrechnen, ohne bestraft zu werden?); fast 50% der Manager, welche eh schon zu den Topverdienern gehören, sollen in diesem Jahr mehr an Boni bekommen als im Jahr 2010; ein Teil der Arbeitnehmer bekommt so wenig Lohn für seine Arbeit, daß er davon keine Familie mehr ernähren kann; Banken kaufen Lebensmittel auf und lagern sie ein, um die Preise hoch zu halten und Gewinne zu machen t; beste landwirtschaftlich erzeugte Nahrungspflanzen werden in Biogas umgewandelt! Nein liebe Schwestern und Brüder es soll kein Klagelied werden, aber mal genau hinschauen, das darf sein - und es benennen, das muß sein in dieser so durcheinander geratenen Welt. Warum? Ganz einfach deshalb, weil uns die Frohe Botschaft des heutigen Sonntags dazu einlädt hinzuschauen! Die Menschen im Gleichnis unterscheiden sich durch ihr Handeln oder Nicht-Handeln. Sie unterscheiden sich dadurch, daß sie einen Blick auf die Mitmenschen und die Gegebenheiten um sich herum hatten. Das, was sie sahen, bestimmte ihr Handeln - es spornte sie an oder auch nicht. Und das, was wir sehen, sollte auch unser Handeln bestimmen und anspornen!

Und noch eines ist wichtig, um das Gleichnis ganz zu verstehen: wenn ich die Welt betrachte, dann als Schöpfung Gottes; wenn ich den Menschen betrachte, dann als Geschöpf Gottes. Christus hat in jeder und jedem ein Abbild Gottes gesehen und ist ihm als solchem begegnet - heilend, zuhörend, tröstend, Hoffnung bringend. Er hat aus seiner Gottesbeziehung heraus den Menschen, seine Belange und Bedürfnisse nach heilem Leben in den Mittelpunkt seines Denkens, Redens und Handelns gestellt. Wenn wir heutzutage als Christen das Hochfest Christkönig feiern, dann drücken wir damit aus, daß wir Christus in dem wie er war, wie er seine Gottesbeziehung lebte und wie er den Leuten begegnete, den absoluten Vorrang in allem, was unser Leben ausmacht einräumen!

Diese Vorrang- oder Vorbildstellung, die wir Christus einräumen, muß sich, wenn wir dieses Fest ernst nehmen wollen, in der Art unseres Umgangs mit unseren Arbeitskollegen, unserer Familie, der Schöpfung, unserem Kapital, unseren Unzulänglichkeiten und Wünschen bemerkbar machen. Die Kraft dazu haben wir. Denn auch für uns gilt das, was im Evangelium steht: auch wir sind gesegnete Gottes. Die herausfordernde Frage ist, was machen wir daraus?

Landwirte, Banker, Arbeitgeber, Ordensleute, Singles, Arbeitnehmer, Erzieherinnen und Erzieher, Priester, Gemeindereferenten, Lehrer und noch viele mehr - wenn wir Christkönig feiern: Laßt uns Christus auch wirklich König sein indem wir nicht ausbeuten, übervorteilen, ungerecht benoten und bestrafen, sondern liebevoll allen begegnen und Schwestern und Brüder sind, so wie Christus allen Bruder war, als Kind/ Sohn Gottes, wie es ja auch wir sind!

Denn Christus hat keine anderen Hände, keine anderen Füße, kein anderes Sprachrohr als uns! Möge es uns gelingen, mit Christus im Herzen, im Blick, auf den Lippen nicht zu fragen, "wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und dich aufgenommen oder nackt und dir Kleidung gegeben?" , sondern dort zu handeln, wo wir Menschen obdachlos, hungrig und … sehen.

Mit dem Advent erwarten wir die Wiederkunft Christi, mögen wir zwar für die Welt noch darauf warten müssen, bis Christus in seiner Herrlichkeit kommt, aber dort wo wir aus ihm Handeln, ist er bei uns schon angekommen und kommt er durch uns bei den Menschen an.

Nicht über das klagen, was nicht läuft, sondern dort nicht mitmachen, wo es falsch läuft und es dort, wo wir Einfluß haben, anders machen!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen nicht nur an diesem Christkönigsfest offene Augen, ein Christus liebendes Herz und den Mut Christi, die Liebe zu leben - den Mut, Christus in Ihrem Leben König sein zu lassen! Nicht mehr, aber auch nicht weniger braucht unsere Zeit!

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Predigten Br. Jeremias Borgards

8. Januar 2012

Taufe des Herrn

Lesung: Jes 55, 1-11 und Evangelium: Mk 1, 7-11 Zidkija war einundzwanzig Jahre alt, als er König wurde, und regierte elf Jahre in Jerusalem. Seine Mutter hieß Hamutal und war eine Tochter Jirmejas aus Libna. 2 Er tat, was dem Herrn missfiel, ganz so, wie es Jojakim getan hatte. 3 Weil der Herr zornig war, kam es mit Jerusalem und Juda so weit, dass er sie von seinem Angesicht verstieß. Zidkija hatte sich gegen den König von Babel empört. 4 Im neunten Regierungsjahr Zidkijas, am zehnten Tag des zehnten Monats, rückte Nebukadnezzar, der König von Babel, mit seiner ganzen Streitmacht vor Jerusalem und belagerte es. Man errichtete ringsherum einen Belagerungswall. 5 Bis zum elften Jahr des Königs Zidkija wurde die Stadt belagert. 6 Am neunten Tag des vierten Monats war in der Stadt die Hungersnot groß geworden, und die Bürger des Landes hatten kein Brot mehr. 7 Damals wurden Breschen in die Stadtmauer geschlagen. Als der König und alle Krieger das sahen, ergriffen sie die Flucht und verließen die Stadt bei Nacht auf dem Weg durch das Tor zwischen den beiden Mauern, das zum königlichen Garten hinausführt, obwohl die Chaldäer rings um die Stadt lagen. Sie schlugen die Richtung nach der Araba ein. 8 Aber die chaldäischen Truppen setzten dem König nach und holten Zidkija in den Niederungen von Jericho ein, nachdem alle seine Truppen ihn verlassen und sich zerstreut hatten. 9 Man ergriff den König und brachte ihn nach Ribla in der Landschaft Hamat zum König von Babel, und dieser sprach über ihn das Urteil. 10 Der König von Babel ließ die Söhne Zidkijas vor dessen Augen niedermachen; auch alle Großen Judas ließ er in Ribla niedermachen. 11 Zidkija ließ er blenden und in Fesseln legen. Der König von Babel brachte ihn nach Babel und hielt ihn in Haft bis zu seinem Tod. Jes 55,1-11

7 In jener Zeit sprach Johannes der Täufer: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren. 8 Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen. 9 In jenen Tagen kam Jesus aus Nazaret in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen. 10 Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, daß der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. 11 Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden. Mk 1,7-11

Irgendwie, liebe Schwestern und Brüder, hatte ich so einen richtigen Black out, als es darum ging, für das Fest Taufe des Herrn diesen Impuls zu schreiben. Irgendwie wüst und leer. Und dann kam mir eine Bekannte zu Hilfe, der ich auf facebook von meinem Problem erzählt habe. Und wir haben das getan, was oft zu wenig geschieht: wir haben miteinander "Bibel geteilt" - uns über die Botschaft des Markusevangeliums ausgetauscht. Und siehe da, es führte uns zu Jesus selbst. Da geht es nicht um andere, wie sie Jesus sehen. Da geht es um Jesus selbst. Da sendet Gott ihm und niemand anderem eine message. Ist doch toll, wenn Gott einen direkt anspricht - oder? Wenn er einem dabei den Rücken stärkt, wenn er zeigt, daß ich sein geliebtes Kind bin, wenn er mir sagt, daß er an mir gefallen hat. Wie sehr sehnen sich Menschen danach, daß ihnen das einer sagt: ich habe Gefallen an dir, du bist mir wertvoll und wichtig. Das kann Leben verändern!

Um sich taufen zu lassen, mußte Jesus Nazareth, seine Familie, das Gewohnte verlassen. Die Taufe ist das erste, was bei Matthäus, Markus und Lukas von dem erwachsenen Mann Jesus berichtet wird. Jesus hat sich auf den Weg gemacht und verlassen, was ihm vertraut war. Und Gott bestärkt Jesus! Zunächst, so wird bei allen drei genannten Evangelisten berichtet, ist Jesus nach diesem Erlebnis vom Jordan aus mit dieser Zusage Gottes, vom Heiligen Geist getrieben, in die Wüste gegangen. Er blieb dort vierzig Tage - eine Zeit der Klärung: Wo stehe ich eigentlich? Was ist mir wichtig? An wen will ich mich halten? Das macht mir Jesus sympathisch! Da wird mir deutlich, was es heißt, wenn wir im vierten Hochgebet beten: "Er hat wie wir als Mensch gelebt, in ALLEM uns gleich, außer der Sünde". Aber nicht, weil er diese nicht kannte, sondern weil er es in der Wüste geschafft hat, den rechten Standpunkt für sein Leben zu wählen! Das macht mir Mut für mein eigenes Leben, wenn es darum geht, mein Leben zu gestalten in der Nachfolge Jesu. Standortsuche ist auch in unserer Zeit angesagt; altes hinter sich lassen, aufbrechen, Gott suchen und seine Kraft spüren. Allein da könnte man schon gedanklich verweilen. Aber Jesus ist nicht in der Wüste geblieben. Er ist von diesem neu gefundenen Standort in seinem Leben und mit dieser neuen Standortbestimmung wieder aufgebrochen. Hat den Menschen verkündet, daß Gott Gefallen an ihnen hat, daß sie Gott wertvoll und wichtig sind. Und er hat die Menschen, denen er in seinem Leben begegnete, fortan dazu eingeladen, wozu die Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja 55, 1-11 einlädt: Gott zu suchen, anders gesagt: sich auf den Weg zu machen, die Quelle zu suchen und sich nicht mit dem Tümpel zufrieden zu geben.

Und wenn es in der Lesung heißt: "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege", dann sollte uns das schon ermutigen, nicht zu sicher zu sein auf dem Weg, den wir gerade gehen - sicher war sich das Volk Israel, an die diese Worte gerichtet waren, auch - manchmal vielleicht zu sicher. Ob sie dabei nicht so manches Mal Gottes Wort überhört und übersehen haben?

Jesus, vom Heiligen Geist geführt - welche Botschaft gibt mir dieses so dynamische Beispiel Jesu mit auf den Weg? Eine Frage bei unserem Bibelteilen war ganz zentral: "Lassen wir uns von Gott auch in Richtung Wüste bewegen?" Frag ich mich, fragen wir uns als Kirche wirklich, wo wir stehen? Suchen wir unseren Standort in dieser Zeit oder verbleiben wir beim Bekannten, bei dem was Sicherheit gibt, aber vielleicht den Anruf Gottes überhören läßt?

Gott geht nicht nur die Wege seines geliebten Sohnes mit, sondern auch unsere, denn wir sind Kinder Gottes, Töchter und Söhne, und Schwestern und Brüder Jesu. Und wir sind als Christen in seinem Namen angetreten zu leben und zu wirken - Gott zu bezeugen. Da geht es um uns; darum, wie wir heute unseren Mitmenschen zusagen: "Gott hat Gefallen an Dir, Du bist ihm wertvoll und wichtig - bist seine geliebte Tochter, sein geliebter Sohn." Lassen wir uns vom Geist Gottes, dieser mütterlich sorgenden und uns Menschen liebenden Kraft auch in unserer Zeit antreiben. Gefragt ist die froh machende Botschaft mehr denn je - und Menschen, die sich antreiben lassen - wie Jesus selbst.

Da geht es nicht um andere - da geht es um mich, nicht darum, was man tun könnte, sondern darum, was ich aus dem Geist heraus tue kann und wie ich meinen Weg mit Gott als Getaufte(r) gehe. Mitten im Verfassen dieser Zeilen hat die Glocke zum Gebet gerufen. Und der Hymnus, den wir gebetet haben paßt zu diesen Gedanken: Komm, Heil' ger Geist, vom ew'gen Thron - eins mit dem Vater und dem Sohn - durchwirke unsre Seele ganz - mit deiner Gottheit Kraft und Glanz. Erfüll mit heil'ger Leidenschaft - Geist, Zunge, Sinn und Lebenskraft - mach stark in uns der Liebe Macht - daß sie der Brüder Herz netfacht. Laß gläubig uns den Vater sehn - sein Ebenbild, den Sohn, verstehn - und dir vertraun, der uns durchdringt - und uns das Leben Gottes bringt.

Ein herzlicher Dank an F. H. für das so begeisterte und lebendige Bibelteilen!

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04. März 2012

2. Fastensonntag

Maßstab unseres Handelns

von Jeremias Borgards, Kapuziner

Christian Wulff - Joachim Gauck - Medien. Alles wird durchleuchtet. Der eine hat angeblich alles falsch gemacht - der andere muß schon im Vorfeld ein heiliger sein. Lebensentwürfe, Verhaltensweisen, Taten alles auf dem Prüfstand. Und die Kriterien? Nun gut, es soll hier nicht um Politik und Medien gehen und auch nicht darum, ob Medien DIE moralische Instanz unserer Gesellschaft sind … Aber mich erinnern die Texte des heutigen zweiten Fastensonntags an etwas ganz wichtiges, das mit dem vorher genannten zu tun hat. Es geht um Menschen, um einzelne Menschen und ihr Verhalten, ihre Wertvorstellungen, die Frage nach dem Bezugspunkt für moralisches Verhalten und "Bewerten" - es geht um die Fragen: Wie lebst Du eigentlich? Nach welchen Kriterien richtest Du Dein Leben aus und wem bist Du Rechenschaft schuldig?

Ein Bundespräsident - ob ehemalig oder zukünftig - wird an tausenden von Maßstäben gemessen und er wird es nie allen recht machen können und durch viele Raster fallen, denn die Gesellschaft hat fast so viele Maßstäbe wie Menschen in ihr leben. Aber es gibt auch persönliche Maßstäbe, die jeder Mensch für sich finden muß und nach denen er sich ausrichten sollte, wenn er sich nicht verlieren will - es sei einmal dahingestellt, ob diese Maßstäbe dann immer zu etwas gutem führen, aber zumindest ist Orientierung möglich. Und es tut sich die drängende Frage auf, woher bekommen wir unsere Maßstäbe; sind sie menschengemacht und damit auch der Willkür des Menschen unterworfen oder gibt es einen unverrückbaren Bezugspunkt, von dem wir unsere Wertmaßstäbe ablesen können. Viele in unserer Gesellschaft sagen mittlerweile, daß es diesen Bezugspunkt der außerhalb des menschlichen Zugriffs liegt nicht gäbe. Wir Christen glauben da etwas anderes.

Wir glauben, daß es einen Gott gibt, der alles geschaffen hat, der allem einen Sinn gibt und der somit der Bezugspunkt für unser Handeln ist. Abraham hat so sehr auf Gott vertraut und ihn zum Bezugspunkt seines Handelns gemacht, daß er Gott sogar vertraut hat, als dieser seinen Sohn als Opfer forderte. Für uns unvorstellbar, aber als Beweis des Vertrauens fast einzigartig! Und aus Abrahams Vertrauen wurde Segen für viele - er wurde zum Segen für viele.

Und in der Lesung wird deutlich ausgesagt, daß Gott für uns ist, daß er Gutes für uns will, daß wir uns auf ihn selbst in den größten Herausforderungen verlassen können. Und dann ist da im Evangelium vom Hüttenbauen die Rede. Hütten bauen um den Personen Wohnung zu geben, von denen die Jünger überzeugt waren, bei ihnen wohnt Gott. Und damit wollten sie Gott selbst Wohnung geben.

In der Fastenzeit sind wir eingeladen, auf den Prüfstand zu stellen, ob wir noch die richtigen Bezugspunkte in unserem Leben haben, ob wir uns auf Gott verlassen, ihm vertrauen. Wir sind eingeladen neu hinzusehen, ob unsere Bezugspunkte, unsere Wertmaßstäbe noch stimmen oder ob sie aus dem Ruder gelaufen sind. Letzten Endes sind wir eingeladen, zu schauen, ob Christus bei uns wohnt, ob wir ihm "unsere Hütte" in rechter Weise gebaut haben oder ob wir renovieren müssen. Die Jünger haben drei Hütten gebaut und Wohnung bereitet. Wenn wir in diesem Bild bleiben, so dürfen wir stolz darauf sein, daß wir sogar Tempel Gottes sind, wie der Apostel Paulus sagt. Und wie sich sicherlich Christus, Elija und Mose in den für sie gebauten Hütten wohl fühlen sollten, so soll sich Gott in seinem Tempel, also bei uns wohl fühlen.

Letzten Endes geht es um Glaubwürdigkeit, nicht nur bei der Person, die das Amt des Bundespräsidenten inne hat, sondern auch bei uns Christen. Wenn der Bezugspunkt nicht stimmt, fehlt die Glaubwürdigkeit!

Für uns Christen ist die erste Frage: Ist Gott für uns glaubwürdig? Wenn ja, wie sieht dann unser Handeln aus, unser Denken und Reden? Zeugt es davon, daß wir Gott in seinem Wollen für uns als glaubwürdig erachten? Welche Kriterien legen wir dann bei der Beurteilung des Zeitgeschehens in Gesellschaft und Kirche und im Umgang mit den Mitmenschen, auch den unliebsamen, an? Beispiel: Sehen wir in dem albanischen Flüchtling, der bei uns z. B. stielt und sich illegal aufhält, die große Not, die ihn zwang aus der Heimat zu flüchten und so zu werden, wie er ist? Aus einer Heimat, aus einem Haus, in dessen Wohnraum zwei, drei oder mehr Eimer stehen, damit das Tauwasser des vom Einsturz gefährdeten Daches aufgefangen werden kann und in dem oft bis zu acht Personen leben müssen? Sicher eine provokative Frage, aber durchaus durchdenkenswert, wenn wir davon ausgehen, daß jeder Mensch als Tempel Gottes geschaffen wurde und der Mensch in seiner Not uns vielleicht sogar Schwester oder Bruder im Glauben ist!

Und wenn Gott glaubwürdig ist, dann müssen auch seine Zeugen alles daran setzen, glaubwürdig zu sein oder wieder glaubwürdig zu werden. Daran zu arbeiten und darüber nachzudenken lädt uns die Fastenzeit ein. Zu nicht mehr, aber auch nicht zu weniger! Wir werden wohl kaum irgendwann einmal Präsidenten sein - aber wir wollen viel mehr sein: Glaubwürdige Zeuginnen und Zeugen Jesu Christi!

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29. April 2012
4. Sonntag der Osterzeit

Sich sorgen um...

In jener Zeit sprach Jesus: 11 Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe. 12 Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, lässt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander. Er flieht, 13 weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt. 14 Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, 15 wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe. 16 Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten. 17 Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. 18 Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen. Joh 10,11-18

Die Texte der gesamten Osterzeit, liebe Leserin und lieber Leser durchzieht immer wieder mehr oder weniger stark ein Thema: Das "sich sorgen um" ... .

Schon am Gründonnerstag erfahren wir, dass sich Jesus um die Jünger Sorgen machte, denn er wusste, dass er zum Vater hinübergehen würde. Und aus dieser Sorge, dass die Jünger ihre liebe Not damit haben würden, wenn er nicht mehr unter ihnen weilen würde und sie sich einsam fühlen würden, hinterließ er ihnen die Feier zu seinem Gedächtnis. In ihr würde er beim Teilen von Brot und Wein in ihrer Mitte sein. So beugt er ihrer Einsamkeit, ihre Hoffnungs- und Orientierungslosigkeit vor. Und gleichzeitig sorgt er dafür, dass die Jünger gestärkt werden und noch einmal seine große Liebe zu ihnen und den Menschen erfahren dürfen - eine Liebe, die über den Tod hinausgeht, gegenwärtig ist, wo Menschen sich an ihn erinnern und wie er an den Mitmenschen handeln. Dann haben sie Anteil an ihm! Oder dann am Ölberg, als Jesus sich Sorgen im sich selbst macht und Angst hat vor dem bevorstehenden Tod; dann aber seine Angst und Sorgen in Gottes Hände legt und ihm die Sorge für sich anvertraut. Selbst als der ganze Trupp, der ihn gefangennehmen wollte kam, sorgte sich Jesus. Er sorgt sich darum, dass mitten in diesem Heil-losen Geschehen und Treiben keiner zu Schaden kommt. Er fordert die Häscher auf, nur ihn zu nehmen und die anderen gehen zu lassen. Auch um den, dem der Petrus das Ohr abgeschlagen hat macht er sich Sorgen - und darum, dass daraus ein Gemetzel entstehen könnte, in dem die Jünger gegen die Soldaten und Häscher angehen und er gebietet Einhalt um des Friedens willen.

Selbst am Kreuz ist seine Sorge und sein Mitleid mit den anderen so groß, dass er seine Mutter dem Jünger empfiehlt, den er liebte und diesen Jünger in seiner großen Einsamkeit seiner Mutter Maria. Jesus hatte seine Angst und Sorge in Gottes Hand gelegt; sie waren selbst am Kreuz noch da, wenn man den Erzählungen des Matthäus und des Markus folgt. Diese berichten beide, dass Jesus seine Angst mit den Worten: "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen" hinausschrie. Und bei Lukas legt er vertrauensvoll seinen Geist in des Vaters (Gottes) Hände. Er lässt das Seine los und vertraut sich Gott an. Und Gott sorgt für ihn! Und wie er für ihn sorgt! Wir haben es an Ostern in den Texten wieder hören dürfen!

Nach Tod und der Grablegung Jesu gingen Kleophas und der andere Jünger in der Sorge darum, wie es wohl weitergehen werde von Jerusalem weg nach Emmaus. Und Jesus? Er tut das, was er ihnen versprochen hat: Wenn ihr euch erinnert bin ich bei Euch - und er geht eine Wegstrecke mit und beim Brotbrechen erkennen sie ihn. Wenn man so will: auch hier sorgt er dafür, dass die beiden nicht allein sind mit ihrer Sorge und sorgt sich um sie. Genauso macht er es mit den anderen Jüngern in den weiteren Erzählungen. Erst stecken sie resigniert die Köpfe zusammen aus Sorge, wie es weitergehen kann und dann erleben sie Jesus in ihrer Mitte und beginnen, diese Erfahrung weiterzusagen: Jesus lebt! Und langsam beginnen sie neu, den Fußspuren Jesu zu folgen; die Botschaft von der Auferstehung Jesu verbreitet sich wie ein Lauffeuer, Sorgen werden genommen und Hoffnung bricht durch - Kirche entsteht. Es entsteht eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die sich aus Sorge darum, dass diese frohmachende Botschaft alle Menschen erreicht, nicht wieder untergeht, zusammenfindet. Es entstand die erste "Gemeinde der Gläubigen", wie sie in der Apostelgeschichte 4, 32 genannt wird. Eine Gemeinde, in der die Mitglieder füreinander sorgen, einander helfen und miteinander teilen, was man zum leben braucht. Die einen geben von ihrem Reichtum und Überfluss, die anderen geben von ihrer Glaubenskraft und Hoffnung weiter. In dem heutigen Ausschnitt der Apostelgeschichte hören wir, dass das nicht immer gern gesehen war, gute Taten zu tun, Kranke zu heilen, blinde sehend zu machen - eben so zu leben und handeln, wie Jesus aus Sorge um die und Liebe zu den Menschen gehandelt hat. Und Petrus gibt erfüllt vom Heiligen Geist, denen, die ihn darüber vernehmen, in wessen Namen sie das alles tun, Auskunft: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers.

All diese Sorge um die anderen kann man mit Hirtendienst bezeichnen: Hirtendienst Gottes, dem sich Jesus Christus anvertraut, in allem, was sein Leben ausmacht; Hirtendienst Jesu an den Menschen, in der Sorge darum, dass sie einen Weg mit Gott für ihr Leben und damit ein Leben in Fülle finden; Hirtendienst der Apostel in der Sorge darum, dass die Frohe Botschaft sich ausbreitet und die entstandene "Gemeinde der Gläubigen" gestärkt wird; Hirtendienst der Gläubigen an ihren Mitmenschen, indem sie füreinander und für all die Sorgen, die der Hoffnung so sehr bedürfen.

Im Evangelium hören wir, dass Jesus von sich sagt, er sei der gute Hirte, der sein Leben hingibt für die Schafe, damit sind nicht etwa unmündige Menschen gemeint, sondern Menschen, die sich Jesus anvertraut haben, Menschen, die der Sorge bedürfen, weil sie ohne Unterstützung und Stärkung, ohne Zuwendung und Heilung den Weg des Lebens nicht mehr allein gehen können. Im heutigen Evangelium wird deutlich, dass Jesu Hirtensorge nicht nur den "Schafen" aus dem Hause Israel, sondern allen Menschen. Jesus ist freiwillig für sie da, weil er Gottes Liebe in sich trägt und spürt.

Auch wir haben uns als Christen spätestens bei unserem ersten bewussten Sprechen des Glaubensbekenntnisses freiwillig für die Sache Jesu entschieden und hineinnehmen lassen in seine und Gottes Sorge für und um die Menschen! Diese Sorge ohne wenn und aber, ohne Aufstellen von Bedingungen an diejenigen, denen wir helfen, diese Sorge aus reiner Liebe zu den Mitmenschen zu leben in der Nachfolge Christi, dazu bekennen wir uns mit dem Glaubensbekenntnis und dazu sagen wir bedingungslos ja - so wie Jesus seinem Vater bedingungslos, aus reiner liebe geglaubt hat und dessen Wege gegangen ist. Die Hirtensorge Jesu bis zu Ende gedacht hat Konsequenzen - auch für uns und unseren Lebensentwurf: in der Art, wie wir miteinander umgehen; in der Art, wie wir übereinander oder besser miteinander reden; in der Art, wie wir unseren Reichtum miteinander teilen; in der Art, wie wir helfend, tröstend und stärkend füreinander da sind; in der Art, wie und wem wir uns hingeben. Da bleibt nicht viel Platz für frommes Gerede und Getue - da wird glaube handfest! Hirtensorge ist Knochenarbeit, sie verlangt Einsatz und Wagemut. Wer sich um andere sorgt, schaut nicht zuerst auf sich - wer Christus folgt und die Konsequenz aus seinem Leben und Ostern umsetzt, der lebt die Liebe, die Hinwendung zum Mitmenschen, aus Sorge um diesen und Liebe zu Gott. Den Glauben auf Grund der Werke sichtbar machen. Wer den Guthirtensonntag feiert muss wissen: jeder und jede, die sich wirklich zu Jesus Christus bekennen, leben seine Hirtensorge weiter, "zum Heil der Menschen und zum Lobe Gottes" (Effata-Ritus).

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