Predigten von
P. Karl Kleiner, Rosenheim
10. 09. 2000
Hören auf Gott und die Menschen
Nach den Worten des Evangeliums war die Zahl derer, die von Jesus geheilt wurden, sehr groß. Selten jedoch erfahren wir etwas über die einzelnen Krankheiten, mit denen die Menschen zu ihm kamen. Im Evangelium des Sonntags wird erzählt, wie der Herr einem Tauben das Gehör schenkt, verbunden damit erwacht die Gabe des Sprechens. Das Volk, das in großer Zahl versammelt war, sollte dem Mysterium der Heilung ferngehalten werden. Jesus nahm den Taubstummen und führte ihn weg von den Leuten. Die Jünger allein waren offensichtlich Zeugen dessen, wie er mit den Fingern das Ohr berührte und etwas Speichel auf die Zunge strich. In der medizinischen Praxis der damaligen Zeit, waren diese Handlungen ganz gewöhnlich. Doch es war nur ein einziges Wort, das die wundervolle Heilung herbeiführte: Effata, deutsch: Öffne dich! Wenn Jesus verbietet, die Kunde davon weiterzureichen, so könnte dies vielleicht von der Erfahrung getragen sein, daß etwas erst recht überall herumerzählt wird, wenn es mit dem Siegel der Verschwiegenheit belegt wird. Jesus wußte darum, wie die Leute reagieren, wenn ihnen ein Geheimnis anvertraut wird. Hinter vorgehaltener Hand werden vertraute Dinge weitererzählt.
Mit der Heilung des Tauben wollte Jesus noch auf mehr hinweisen als nur auf körperliche Gesundung. Gott hat dem Menschen das Ohr eingepflanzt. Seien wir uns dieses köstlichen Geschenkes bewußt! Fortlaufend sind wir der Gefahr ausgesetzt, abgestumpft alles für selbstverständlich hinzunehmen, auch das Gehör. Der Prophet Jesaija schreibt über das Geschenk des Hörens folgende Zeilen: "Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich auf ihn höre wie ein Jünger. Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. Ich wehrte mich nicht und wich nicht zurück." Das Gehör macht uns zu einem Gemeinschaftswesen. Fehlt dieses Organ, dann sind wir behindert in der Mitteilung an andere und in der Entgegennahme von Botschaften.
Der Taube kann nur behelfsmäßig mit Gesten und Zeichen sich verständlich machen. Mißtrauen schleicht sich ein. Jeder Taube denkt, nicht ausreichend viel vernommen zu haben. Jedes Sprechen ist eingefärbt durch einen besonderen Klang. Der Klang bezieht den ganzen Menschen mit ein. An der Farbe des Tones erkennen wir meist den Sprecher, auch wenn wir ihn nicht zu Gesicht bekommen. Laute Diskomusik und aufgedrehte Kopfhörer schädigen das Organ. In früheren Zeiten verursachten überaus lärmende Maschinen in großen Fabrikhallen eine anwachsende Taubheit. Es gibt das gequälte Ohr. Von hohem Wert ist zweifellos die Ruhe. Zu ihr gesellt sich der leise Ton. Laotse stellt fest: "Eine große Offenbarung liegt in der Stille."
Der Prophet Elija durfte am Berg Horeb den Vorübergang Gottes erfahren. "Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriß und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle." Gott, der Herr, war vorübergegangen. Er ging auf leisen Schritten.
Worte, die an unser Ohr dringen, werden im Innern des Menschen aufgenommen. Es gibt ein äußeres und ein inneres Hören. Die innere Aufnahmefähigkeit kann abgeschaltet werden, zuweilen auch die äußere. Vom Diakon Stephanus berichtet die Apostelgeschichte, daß er seinen Gegnern die Ereignisse um Jesus verkündete. Sie aber reagierten auf eigene Weise: Sie hielten sich die Ohren zu, stürmten gemeinsam auf ihn los, um ihn zu steinigen. Stephanus sank tot zusammen. Die Gegner hatten in sich eine Barrikade aufgerichtet, um so den Worten des Diakons nicht zu erliegen.
Das Hören des Menschen ging als Geschenk aus der Hand des Schöpfers hervor. Das Unglück beginnt dort, wo das Geschöpf nicht hören will. Effata, sagte er zu dem Tauben. Effata sagt er zu uns allen.
15. 10. 2000
Ich habe dieses Haus erwählt
In der Hansestadt Lübeck hatten fünf evangelische Geistliche den Entschluß gefasst, sich vom Turm der Sankt Petri-Kirche abzuseilen. Ein gefährliches Unterfangen! Hatten sie einen besonderen Anlaß für eine derartige Aktion? Sie hatten ihn! Mit ihrem aufsehenerregenden Kletterstück wollten sie auf ihre Kirche aufmerksam machen, deren Besucherzahl immer mehr dahinschwand. Ob die vielen, die als Zuschauer gekommen waren, auch die Türe zum Innern des Gotteshauses gefunden haben, darüber wurde nicht weiter berichtet.
Die katholischen Christen feiern in diesen Tagen das Kirchweihfest. Die Festlichkeiten haben in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr abgenommen. Die bäuerliche Kultur im süddeutschen Raum präsentierte immer mit Stolz ihre große oder kleine Kirche inmitten des Dorfes. Löst sich dieser innige Bezug zum Gotteshaus auch in unseren Dörfern? Die Texte für die Liturgie des Kirchweihfestes sprechen auch vom Tempel in Jerusalem, dem Ausgangspunkt für unsere christlichen Heiligtümer. König Salomon war es gewesen, der im Jahr 931 vor Christus in Jerusalem den Tempel weihte und ihn Gott dem Herrn, übergab. Salomon hatte in seiner Zeit alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um Gott ein würdiges Heiligtum zu bereiten. Gott der Allmächtige war anwesend, er, der sich in der Geschichte des Volkes so wundervoll gezeigt hatte. Der Tempel galt als einmalig und einzigartig. Von überall her kamen die Juden als Wallfahrer. Sie wollten in diesem Heiligtum Gott anbeten und verehren. Vom zwölfjährigen Jesus berichtet der Evangelist, daß er im Haus seines Vaters in Jerusalem zurückblieb und von Maria und Josef gesucht wurde.
Der heilige Tempel von Jerusalem wurde im Monat August des Jahres 686 vor Christus zerstört von den Babyloniern und das Volk der Juden erlebte die große Wegführung. Es begannen die Jahre der Verbannung. Den Tempel hatten die Babylonier niedergebrannt und das Königreich Juda vernichtet. Einen schriftlichen Niederschlag über das traurige Geschehen finden wir in den Klageliedern. Das Schicksal Jerusalems wird betrauert mit den Worten: "Weh, mit seinem Zorn umwölkt der Herr die Tochter Zion. Er schleudert vom Himmel zur Erde die Pracht Israels... Über dich klatschen in die Hände alle, die des Weges ziehen, sie zischeln und schütteln den Kopf über die Tochter Jerusalem: Ist dies die Stadt, die man die Allerschönste nannte, die Wonne der ganzen Welt?"
Im März des Jahres 616 vor Christus begannen die zurückgekehrten Juden den Tempel wieder notdürftig aufzubauen. Freilich, dem Heiligtum fehlte die einstige Schönheit und der frühere Glanz. Erst Herodes war es, der sich an einen Neubau heranwagte. Im Jahr 19 vor Christus begannen die Arbeiten. Bereits im Jahr 70 nach Christus wurde der neue Tempel durch die Römer in Schutt und Asche gelegt. Traditionsbewußte Bürger Israels warten fortwährend auf den Tag, an dem sie den Tempel neu errichten können. Allerdings, ohne Krieg sind diese Pläne nicht durchzuführen.
Jesus kündet die Zerstörung des Tempels an - zum großen Ärger seiner Landsleute. In Jesus ist Gott, der Herr, inmitten der Menschen anwesend. "Reißt diesen Tempel nieder und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufbauen". Es gibt eine Weiterentwicklung, eine Höherführung der Religion der Bibel. Nach der Zeit der Verfolgung im Römerreich gingen die Christen daran, Kirchen zu bauen, Stätten der Versammlung und des Gottesdienstes. Auch der Glaube der Christen bedarf einer Heimat, eines Hauses. Unsere Gotteshäuser übernehmen eine wichtige Funktion. Jene, die meinen, die Kirchen wären überflüssig geworden, täuschen sich. Der Gläubige und auch der Ungläubige werden durch die Türme und Glocken an Gott erinnert. Die Kirche wirbt so auf ganz eigene Weise für den allmächtigen Gott. Im Kirchenraum findet die Gottesbegegnung statt. Wir bauen Gott ein Haus und er beschenkt uns mit seiner besonderen Anwesenheit.
19. 11. 2000
Wir finden im Christentum häufig - einmal stärker, ein andermal weniger stark - die Erwartung des letzten Tages der Weltgeschichte. Jesus sprach davon, daß er zu einem bestimmten Zeitpunkt für alle sichtbar in der Höhe des Himmels erscheinen werde. Unmittelbar nach seinem Weggang von der Erde, nach seiner Himmelfahrt, waren seine Jünger voll Erwartung. Sie vermuteten, daß dieses Ereignis unmittelbar bevorstehe. Auch in unseren Tagen gibt es Gruppierungen, ob in Sekten oder bei frommen Christen, die vom baldigen Ende der Welt reden. Als Kommentar dazu kann das Wort eines weisen Menschen angeführt werden, der zu diesem Thema die Bemerkung machte: "Junge Leute meinen, mit ihnen beginne die Menschheitsgeschichte und sie müssten alles neu erfinden, und alte Leute sind zuweilen der Ansicht, daß mit ihrem persönlichen Sterben auch die ganze Welt abtreten müsse." Es ist gut, daß wir den Tag und das Jahr des Weltendes nicht kennen. Gott wußte sehr wohl, warum er dieses Datum im Verborgenen ließ. Angenommen, dieser große Tag der Wiederkunft Christi und damit das Ende der Weltgeschichte wäre bekannt, die Menschheit würde verrückt spielen. Das gleiche gilt für den persönlichen Sterbetag eines Menschen. Wäre er vom Anfang des Lebens an bereits bekannt, die Last wäre so groß, daß viele des Lebens unfähig würden. Es ist gut, daß es den Schleier des Nichtwissens über vielen Dingen gibt.
Auch Jesus wurde bedrängt, er solle doch Tag und Jahr kundtun. Seine Antwort lautet: "Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater." Sehr wohl aber weist der Herr hin auf Zeichen, die dem Ende vorausgehen. So wie Knospen und Blüten den Frühling anzeigen, so gibt es auch Hinweise für das Weltende. Die Erfahrung freilich lehrt, daß hier Vorsicht angebracht ist. Bis herein in unsere Tage waren die Alarmrufe für das Weltende allesamt zu früh angesetzt. Und alle, die über diese Erde gingen, erlebten zuerst ihr persönliches Sterben. Für sie waren vielleicht Martinshorn und Blaulicht die Signale ihres letzten Tages. An dem vom Schöpfer eingesetzten Herrn der Welt, Jesus Christus, der auf den Wolken des Himmels kommen wird, gibt es am letzten Tag keinen Zweifel mehr. Keiner kann sich darauf hinausreden, daß er ja nichts gewußt hätte, und daß er über seine Zweifel nie hinausgekommen sei. Im Evangelium wird ein Vorgang besonders hervorgehoben, es ist dies die Sammlung all derer aus allen Kontinenten der Welt, die sich im Glauben und in der Taufe Jesus verschrieben haben. "Und er wird die Engel aussenden und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels." Es ist auch von Sonne, Mond und den Sternen die Rede. Offensichtlich wird der ganze Kosmos miteinbezogen in das Geschehen am Ende. Jesus spricht nicht vom Kälte- oder Wärmetod, nicht von kosmischen Unfällen und von keiner Wasserstoffbombe als Ursache des Endes.
Für uns erwächst aus dem Evangelium eine wichtige Botschaft, nämlich: Alles Geschehen der Menschheitsgeschichte ist zielgerichtet. Wir durchlaufen einen von Gott vorgezeichneten Weg und begegnen am entscheidenden Punkt Jesus Christus. Dies gilt es zu bedenken. Eine kluge Frau kommentierte dies mit den Worten: "Ich glaube, daß dieses unbefriedigte Gefühl, das Menschen heute haben, daher kommt, daß es als Sinn des Lebens einfach zu wenig ist, nur Geld zu verdienen und Karriere zu machen."
Christen wollen in ihrem Leben dem Herrn entgegengehen, um bei ihm zu sein am Ende der Zeit. Unser Leben hat einen Sinn, wenn durch uns mehr an Güte und Liebe in die Welt kommt, ein wenig mehr Licht und Wahrheit.
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24. 12. 2000
Die amerikanische Schauspielerin und Sängerin Barbara Streisand gab vor einigen Jahren ein Konzert unter freiem Himmel, im Central Park von New York. 130 000 Menschen waren gekommen, um in einer warmen Sommernacht dieser Veranstaltung beizuwohnen. Gegen Ende des Konzertes stimmte die engagierte Jüdin ein christliches Weihnachtslied an, das die Zuhörer überraschte: "Silent night, holy night - Stille Nacht, heilige Nacht". Im Central Park wurde es still. Die Radiotechniker fanden, daß die Stille beim Singen dieses Liedes ganz außergewöhnlich war. Am Ende dieser weltbekannten Komposition brach ein Jubel aus, der mit seiner großen Begeisterung ebenfalls überraschte. Viele waren an diesem Abend der Meinung, daß durch dieses Weihnachtslied bei allen Menschen guten Willens eine Stelle ihres Herzens angerührt wurde.
In der Tat, es handelt sich um etwas Eigenartiges, wenn es um die Stimmung derer geht, die den Heiligen Abend feiern. Ob allein, oder in familiärer Gemeinschaft, immer entsteht ein festtägliches Empfinden. Kerzenlichter werden angezündet, der Christbaum gibt dem Zimmer eine besondere Note, Krippenfiguren wurden aufgestellt und Geschenke liegen auf dem Gabentisch. Die Wochen des Advents regen uns zur Vorbereitung an. Allerdings, es sollte ein Advent sein, der im Trubel der Kaufhäuser nicht untergeht. Die Vorbereitung frischt unser Wissen auf mit Texten aus dem Alten Testament. Wir verstehen die Menschwerdung Jesu Christi erst, wenn wir auch seine Vorbereitung in der Geschichte des jüdischen Volkes in Erwägung ziehen. In einer deutschen Grundschule stellte der Lehrer in einer ersten Klasse die Frage: Was feiern Christen eigentlich an Weihnachten? Ein Drittel der Kinder wusste nichts vom Geschehen der Heiligen Nacht. Die Deutung ging vorwiegend dahin, daß sich Menschen mit vielen Gaben eine Freude bereiten.
Seien wir ehrlich, müssen nicht auch wir uns die Frage stellen nach dem Inhalt dieses Festes? Gott ist vor zweitausend Jahren in Jesus Christus Mensch geworden. Sicher, das Eigentliche dieses Mysteriums bleibt unserem irdischen Auge verborgen. Mysterien erschließen sich im Glauben. Die Stadt, in der wir Gott antreffen können, heißt Betlehem. Dort hat er mit seinen winzigen Füßen die Erde berührt, im Stall, bei funzeligem Licht. Die Mutter hat ihn eingehüllt in Windeln. In der Heiligen Nacht begegnet uns Gott, der sich nicht einen glänzenden Palast erwählt hat als ersten Wohnraum, sondern die unbeschreibliche Primitivität der Armen. Hirten, die auf ihren kargen Feldern Nachtwache halten, werden bevorzugt durch Engel eingeladen, damit sie den menschgewordenen Messias bewundern. In der Heiligen Nacht begegnet uns Gott, der von einer jungen Mutter auf den Armen getragen und an ihrer Brust genährt wird. Wir erfahren, daß Gott den Tiergeruch nicht scheut und von einem Zimmermann beschützt wird, der eigentlich gar nicht sein Vater ist. In der Heiligen Nacht begegnet uns Gott, der mit einem Stern gelehrte Männer nach Betlehem weist, Männer, die gar nicht dem bevorzugten Volk der Juden angehören. Mit der Kompaßnadel der Sehnsucht und des Durstes nach Wissen haben sie sich entschlossen, einen gewiesenen Weg zu gehen, einen Weg, der gefahrvoll war. Wir können die Weisen aus dem Morgenland als Spurensucher bezeichnen, Spurensucher die auf der Suche nach Wahrheit in ihrer ganzen Tiefe sind. Sie erleben den Unberührbaren, den Unsichtbaren, der in diesem Kind eine menschliche Natur angenommen hat.
Gott will Mensch werden, um mitten unter seinen Geschöpfen zu wohnen. Er will auch die ganze Entwicklung eines menschlichen Wesens durchmachen, und mit dem Kindsein beginnen. Er betrachtet diese lange Entwicklung nicht als einen zeitraubenden Umweg. Seine Kindheit erscheint ihm ebenso wichtig wie die Zeit eines erwachsenen Mannes. Er sagt Ja zu seiner Unmündigkeit, so wie er seine männliche Reife bejaht.
Als im Reich der Römer ein Tag gesucht wurde, an dem alle Welt Christi Geburt feiern könnte, fiel die Wahl auf den Tag der winterlichen Sonnenwende. Die Sonne versiegt nicht, trotz ihres Untergangs. Sie kommt neu empor, sie ist unbesiegbar. Eben diese Unbesiegbarkeit wurde übertragen auf das Kind von Betlehem. Er ist das Heil aus Gottes Herrlichkeit. Ein amerikanischer Weltraumfahrer sprach nach seiner Rückkehr den bemerkenswerten Satz: "Daß ein Mensch seinen Fuß auf den Mond setzte, das war eine große Sache. Daß Gott in Jesus Christus seinen Fuß auf die Erde setzte, war unvergleichlich größer."
28. 01 2001
Sie gerieten in Wut
Die Bewohner des Dorfes Nazaret waren ganz außerordentlich neugierig als es hieß, Jesus, der Sohn des Zimmermanns komme wieder in seine Heimat. Sie hatten viel gehört von dem, was er getan und geredet hatte in Kapharnaum. Und in der Tat, nirgendwo hat Jesus so viele Zeichen gewirkt und so ausführlich gesprochen als gerade in dieser belebten Stadt Kapharnaum. Wie es jedem erwachsenen Juden zusteht, nahm er als Besucher der Synagoge die Heilige Schrift, las daraus und erläuterte den gelesenen Text. Die Erwartung der Versammelten ging offensichtlich nicht auf. Ihr Verhalten erinnert an König Herodes, der während des Schnellverfahrens gegen Jesus vom Angeklagten etwas besonderes erhofft hatte. "Herodes freute sich sehr, als er Jesus sah; schon lange hatte er sich gewünscht, mit ihm zusammenzutreffen, denn er hatte von ihm gehört. Er stellte ihm viele Fragen, doch Jesus gab ihm keine Antwort."
Es ist ganz offensichtlich nicht die Art Gottes, Neugierigen erstaunliche Zeichen anzubieten. Eine Neugierde dieser Art verrät ein beachtliches Maß an Oberflächlichkeit, die der Größe Gottes nicht gerecht wird. Jesus wusste darum, dass er in seiner Heimat auf taube Ohren stieß. Es ist nun einmal so, dass herausragende Personen in ihrer Heimat immer die bleiben, die man bereits in der Kindheit und in der Jugend kannte, deren Vorfahren mit all ihren Schwächen noch zu gut in Erinnerung sind. Jesus erzählt in der großen Stunde der Erwartung inmitten der Synagoge von Nazaret von zwei Geschehnissen, die in der Bibel aufgezeichnet sind. Zum einen ist es die Witwe von Sarepta. Der Prophet Elija beschenkte sie in großer Hungersnot durch sein wundervolles Wirken. Das jüdische Volk hatte erwartet, dass eine einheimische Frau aus eigenem Volk beschenkt würde und nicht eine jenseits der Grenze. Zum andern erinnert Jesus an den Propheten Elischa, der ausgerechnet einen Syrer vom Aussatz heilte. Es hätte doch in Israel Patienten dieser Art genug gegeben.
Die Wege Gottes sind für Menschen nicht immer einsichtig. Gott ist der Herr aller Geschöpfe, auch wenn das Volk Israel eine besondere Erwählung erfahren durfte. Mit diesen Beispielen der Erwählung durch Gott hat Jesus die Bewohner des Dorfes Nazaret gewaltig herausgefordert. "Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus." Seine Landsleute waren bereit kurzen Prozess mit ihm zu machen. Sie waren bereit ihn zu töten. Souverän schreitet Jesus durch die zusammengerottete Menge. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat Jesus im Anschluß an diesen Mordversuch Nazaret nicht wieder betreten. Kapharnaum wurde nun sein endgültiger Aufenthaltsort. In Nazaret war die Stunde seines Sterbens noch nicht gekommen. Im Garten Getsemani verlaufen die Dinge ganz anders. Am Gründonnerstag hat für ihn die Stunde geschlagen, in der er gefangengenommen und getötet wird. Ausgerechnet in seinem Heimatdorf musste Jesus die Vertreibung und den Mordversuch erleben. Seine Apostel und viele der Verkünder seiner Botschaft gerieten in ähnliche Bedrängnis.
Es ist immer schon riskant gewesen im Auftrag Gottes in die Städte und Dörfer zu gehen. Aus dem Martyrologium sei ein Beispiel angeführt. Der Bischof Vincentas Boriscevicius wurde 1946 verhaftet und in den Kellern des KGB im litauischen Wilna auf das grausamste gefoltert. Zwischendurch wurde er in eine Jauchengrube gehalten und erst, wenn er das Bewusstsein verlor, wieder herausgezogen. Das Gericht wollte ihn zwingen erlogene Anklagen zu unterschreiben. Als man ihn abführte, leuchtete auf seinem gepeinigten und ausgemergelten Gesicht Friede und Ruhe. Ein Student, der mit ihm in der Todeszelle saß und wie durch ein Wunder am Leben blieb, erzählte, dass der Bischof allen seelischen Trost schenkte und alles verteilte, was er an Lebensmitteln bekam. Während er gedemütigt und gequält wurde, war er immer zur Vergebung für die Folterer bereit. Wenn ihn die Schergen zum Verhör abführten, schritt er hinaus, als wäre es der letzte Gang zur Hinrichtung. Über alle zeichnete er das Segenskreuz. Zuweilen schleiften ihn die Bewacher bewusstlos in die Zelle zurück. Einmal nun, zeichnete er das Kreuz ein letztes Mal über alle in der Zelle. Er kehrte nicht mehr zurück. Alle wussten, was geschehen war.
Die Zahl derer, die im abgelaufenen Jahrhundert um des Glaubens willen und der Botschaft Jesu willen in den Tod getrieben wurden, geht in die Tausende. Zurecht fragen wir uns: woher kommt der Haß gegen die Christen? Sind die Henker nicht allesamt Werkzeug des Satans? Die Antwort wird recht verschieden ausfallen. Sie läuf aber immer auf das nämliche Ergebnis hinaus.
04. 03. 2001
Versucht vom Teufel
Es klingt fast unglaublich, aber die Fastenzeit, die mit dem Aschermittwoch beginnt, hängt aufs engste zusammen mit den Tagen des Faschings und Karnevals. Die Christen wollten noch einmal in aller Ausgelassenheit essen und trinken, ehe die ernste Zeit des Verzichtes anbricht. In unseren Tagen ist es zumeist so, dass der Fasching in großer zeitlicher Ausdehnung gefeiert wird, dass die Fastenzeit aber der Vergessenheit anheimfällt. Hier soll der Fasching mit all seinen Späßen nicht madig gemacht werden. Einzig das Vergessene soll wieder in Erinnerung gerufen sein.
Essen und Trinken hat in unseren Fernsehprogrammen einen ausgedehnten Platz erobert. Die Bilder von erlesenen Speisen regen den Appetit der Zuschauer an. Wenn die Leibesfülle ungewohnte Ausmaße angenommen hat, dann wird vom Schönheits- und Gesundheitsfasten geredet. Die Fastenzeit der Kirche will etwas mehr. Sie will, dass wir die Macht über unsere Leiblichkeit neu erfahren und einüben. Es ist angebracht, die Frage zu stellen: wer ist Herr im Haus meiner eigenen Person? Sind es die verschiedenen Triebe, oder hat der Geist und der Wille wirklich noch die Oberhand?
In einer Präfation der Fastenmesse wird der Sinn der Fastenzeit zusammengefasst: "Durch das Fasten des Leibes hältst du die Sünde nieder, erhebst du den Geist, gibst uns die Kraft und den Sieg durch Jesus Christus."
Im Fasten steckt mehr als nur eine Schlankheitskur.
Im Evangelium des Ersten Fastensonntags hören wir von der Versuchung Jesu durch den Satan. Er, der Gottmensch setzt sich der Versuchung aus, um uns auf diese Weise etwas mitzuteilen. Als erstes lädt ihn der Satan ein, aus Steinen Brot zu machen. Ein verlockendes Angebot, wenn sich die Zeit der Fasten über Wochen hinzieht. Und überhaupt, die beiden Brotvermehrungen im Norden Israels werden es bestätigen: Jesus könne einen Zulauf sondergleichen erleben, wenn er dem Volk Brot in Fülle schenkt. Ja. sie wollten ihn damals zu ihrem König machen. Es ist dies nicht der Weg, den Gott in seiner Weisheit gehen will. Der Mensch braucht mehr als nur Essen und Trinken.
In der zweiten Versuchung zeigt der Teufel dem Menschensohn alle Reiche dieser Welt, ja, er bietet sie an in einer Vision. Die geforderte Gegenleistung klingt alles andere als bescheiden: "Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören." Jesus könnte sich das mühsame Werben um Menschen ersparen, wenn er auf dieses Angebot eingeht. In der Weltgeschichte hat er immer wieder Herrscher gegeben, die das, was der Satan anbietet mit Krieg und Unterdrückung erreichen wollten. Das Ende war in jedem dieser Fälle grausam. Jesus will nicht Herr der Welt sein durch Satans Gnaden.
In der dritten Versuchung schließlich, führt ihn der Teufel in seiner Vision auf die Zinne des Tempels von Jerusalem. In der Überlieferung der Juden herrschte die Vorstellung: wenn der Messias kommt, dann wird er sich in der Heiligen Stadt zeigen. Er kommt vom Himmel herab und erscheint dem Volk Israel als der von Gott Gesandte. Die Armseligkeit von Betlehem und die Dürftigkeit von Nazaret könnte auf diese Weise mit einer glanzvollen Offenbarung überdeckt werden. Satan hat sich getäuscht. Der Messias wird auf den Wolken des Himmels erscheinen, aber erst, wenn er am letzten Tag dieser Weltgeschichte wiederkommt.
Zuerst geht Jesus solidarisch mit den Menschen den Weg durch das Erdenleben. Der Menschensohn erfährt hautnah, woran die Welt krankt. Als Gottessohn ist Jesus für den Satan unantastbar. Als einer, der die menschliche Natur angenommen hat, ist er allen vorstellbaren Widerwärtigkeiten ausgesetzt. Das Böse ist hier nicht ausgenommen.
Nach der dritten Versuchung weist der Herr den Teufel ab mit Worten, in denen seine Gottheit aufscheint: "Du sollst den Herrn, deinen Gott nicht auf die Probe stellen." In Goethes "Faust" präsentiert Mephisto seine Visitenkarte, mit der Aussage: "So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, mein eigentliches Element." "In den drei monotheistischen Religionen ist Luzifer das vollkommene Wesen. Das Böse ist fast gleichberechtigt mit dem Guten, nur eine Stufe niedriger. Luzifer ist bloßes Geschöpf, kein Kind Gottes mehr." (R.Panikkar).
Jesus hat in der Wüste gefastet und wurde so ein Opfer der Versuchung. Versuchungen sind nicht immer mit dem Fasten verknüpft. Wir sind eingeladen, die Wochen der Fastenzeit nicht inhaltslos verstreichen zu lassen.
13. 05. 2001
Die Welt lebt von der Liebe
Predigt zum 5. Sonntag der Osterzeit
Joh 13, 31-33a.34-35
Das Evangelium nach Johannes
-----------------------------31Als Judas hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht. 32 Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen, und er wird ihn bald verherrlichen. 33a Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. 34 Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. 35 Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.
-----------------------------Jeder, der meint, Jesus habe die Gebote des Propheten Mose aufgehoben, der irrt. Er hat vielmehr ihren eigentlichen Kern ans Tageslicht befördert. Wenn er sagt, dass er gekommen sei, das Gesetz zu erfüllen, dann meint er damit jenes Gebot, das er betont und hervorhebt und das als das Seine bezeichnet wird, es heißt "Liebe".
Es ist nicht so, dass Liebe in den Geboten vom Sinai nicht vorkomme, es wurde nur überdeckt durch äußerliche Formalitäten. Das Wort "Liebe" kann als Urwort der Menschheit bezeichnet werden. Liebe bringt es fertig, ungeheuer viel zu bewegen.
Unter frommen Juden wird folgende Geschichte erzählt. Ein Mann fragte seinen Freund:
"Sage mir, liebst du mich?"
"Sicher, was zweifelst du, ich liebe dich doch".
"Weißt du, mein Freund, was mir weh tut?"
"Wie kann ich denn wissen, was dir weh tut?"
"Wenn du nicht weißt, was mir weh tut, wie kannst du sagen, dass du mich lieb hast? Weißt du, lieben, wirklich lieben, heißt wissen, was dem anderen weh tut."
Liebe muss sich mit dem Nächsten in seiner ganzen Person befassen. Sie muss auch mehr sein als nur ein Strohfeuer. das sich an der Schönheit des anderen entzündet und im Lauf der Zeit mehr und mehr erlischt bis nur noch Asche übrig bleibt.
Meister Ekkehard (+973), ein Mönch von St. Gallen, wurde einmal gefragt, welches der wichtigste Mensch sei, die wichtigste Stunde und die wichtigste Tat im Leben. Ohne großes Nachdenken antwortete er: "Der wichtigste Mensch ist der, der dir jetzt begegnet, die wichtigste Stunde, das ist die gegenwärtige, und die wichtigste Tat, das ist eine Tat der Liebe, die du jetzt und heute tun kannst. Morgen könnte es bereits zu spät sein." Das Wirken Jesu kann als Wirken aus aufmerksamer Liebe bezeichnet werden. Seine Worte besitzen heilenden Charakter. Diese Worte tasten sich vor in die innerste Kammer des Herzens. Sein Auflegen der Hände ist mit dem Streicheln eines Menschen gleichzusetzen. Wenn der Herr mit anderen zu Tisch sitzt und ein Mahl einnimmt, dann wird eine Gemeinschaft gefeiert, nach der sich selbst Zöllner und Sünder sehnten.
Der Mensch hungert förmlich nach Liebe, auch wenn er sie dort sucht, wo sie in Bruchstücken anzutreffen ist oder nur in billigem Glanz. Wer kann all die Filme zählen, die von glücklicher oder unglücklicher Liebe handeln? Wer kann die Liebeslieder zählen, die Tag und Nacht über die Radiosender angeboten werden?
Lew Kopelew, der aus der Sowjetunion verbannt wurde, sagte einmal: "Aus allem, was ich erlebt und erfahren habe, wuchs die Überzeugung, dass die Bergpredigt der höchste, der reinste Gipfel ist, den der Mensch zu erreichen vermag. Die Friedensbotschaft der Bergpredigt verkündet die Liebe, Liebe selbst zu den hassenden Feinden."
Professor Pinchas Lapide, der bekannte jüdische Gelehrte, wurde von Benediktinern in Neresheim gefragt, wie er dazu gekommen sei, als Jude das Neue Testament zu studieren? Da erzählte er, dass er zeitweise im Diplomatischen Dienst seines Landes tätig gewesen sei, als Konsul in Mailand. Eines Tages wurde eine italienische Ordensfrau mit einer hohen italienischen Auszeichnung geehrt, weil sie während des Weltkrieges politisch Verfolgten geholfen hatte. Da auch Juden darunter waren, sei er als Vertreter Israels zu diesem Festakt eingeladen gewesen. Als er der Ordensfrau vorgestellt wurde, hat sie ihn angeredet: "Ich bin eine alte Frau und habe kein gutes Gedächtnis. Zu welcher Gruppe haben sie gehört: zu den Kommunisten, zu den Juden oder zu den Faschisten?" Da habe ich mich gefragt: Woher kommt diese Haltung? Und ich kam zum Ergebnis: Das kommt aus dem Neuen Testament. Daraufhin habe ich mich entschlossen, das Neue Testament zu studieren. In der Tat, die wortlose Ausübung der Nächstenliebe hat sich immer als eine sehr gute Werbung für das Christentum erwiesen. In dieser stillen Liebe steckt eine Kraft, der der Mensch nur schwerlich widerstehen kann.
Die Botschaft von der Erlösung des Menschen ist eine Botschaft der Liebe. Und alle Liebe, selbst die Liebe Gottes, ist eine wundentragende, eine kreuztragende, eine gekreuzigte Liebe.
22. 07. 2001
16. Sonntag im Jahreskreis
Sie hörte auf sein Wort
Das Evangelium nach Lukas (Lk 10,38 - 42)
Sie zogen zusammen weiter, und er kam in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn freundlich auf. 39 Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. 40 Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! 41 Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. 42 Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.
Nach dem Verlassen seines Heimatortes Nazaret zog Jesus als Rabbi, der das Volk religiös unterweist, durch das Land Israel. Kapharnaum wurde sein Ausgangspunkt. Im Evangelium wird von einem Haus berichtet, das von den beiden Frauen Maria und Marta bewohnt wird. Sie laden Jesus ein, den sie offensichtlich bereits kannten. Er soll sich bei ihnen stärken. Der Gast nimmt die Einladung an. Was sich aber in einem Gespräch herauskristallisiert, ist von solcher Bedeutung, dass es der Evangelist Lukas aufschreibt. Wir haben keine Angaben, in welchem Dorf das gastfreundliche Haus zu suchen ist. Wir wissen auch nicht, ob Maria und Marta Bezug zu anderen Ereignissen des Evangeliums haben. Marta wird uns als tüchtige Hausfrau geschildert. Maria fühlt sich angesprochen von den Worten Jesu. Beim Abwägen, was mehr Gewicht hat, Jesu Worte oder die Tüchtigkeit einer Gastgeberin, fällt das Ergebnis recht eindeutig aus: Jesus begrüßt jede Offenheit für Gottes Wort ohne den hausfraulichen Dienst Martas gering zu schätzen.
Über die Kunst des rechten Hörens gibt es eine Geschichte, die sich in den Vereinigten Staaten zugetragen hat.
Ein Indianer besuchte einen weißen Mann in der Großstadt. Die beiden gehen die Straße entlang, Autos hupen und kreischen, große Fahrzeuge jeder Art verursachen einen riesigen Lärm. Da bleibt der Indianer stehen und sagt:" Ich höre eine Grille zirpen!" Der Weiße antwortet: "Hier gibt es keine Grillen, und außerdem würde man sie bei diesem Lärm auch gar nicht hören." Der Indianer geht ein paar Schritte hin zu einer Hauswand, schiebt einige Blätter des wilden Weins zur Seite und siehe, da sitzt tatsächlich eine Grille. Der weiße Mann meinte: "Indianer können eben besser hören als Weiße." "Da täuscht du dich", erwiderte der Indianer und warf unbemerkt eine Münze auf das Pflaster. Sie schlägt leise auf inmitten des ganzen Trubels. Sofort drehen sich die Vorübergehenden um. "Siehst du", sagte der Indianer, "das Geräusch, das das Geldstück verursachte, war nicht lauter als das der Grille. Und doch hören es viele der weißen Männer, die in nächster Nähe sind. Der Grund liegt darin, dass wir alle stets genau das hören, worauf wir zu achten gewohnt sind."
Die amerikanische Geschichte lässt sich übertragen auf das Hören des Wortes Gottes. Der Indianer hatte sein Gehör ausgerichtet und verfeinert auf alle Geräusche, die in der Natur anzutreffen sind. Er vernimmt sie auch dann, wenn unerträglicher Lärm alles übertönt. Sein Gehör hat sich eingeübt von Kindheit an.
Der weiße Mann ist für eine bestimmte Art von Tönen völlig taub geworden. Er hört nur das Klingen der Münzen und das Rauschen der Aktien.
Es gab Zeiten, in denen ein Großteil der Bevölkerung des Lesens unkundig war, aber gleichzeitig alles wusste, was die Evangelien an Lebenswichtigem beinhalten. Sie hörten Gottes Wort beim Gottesdienst, den sie ein Leben lang besuchten. Dort wo die Worte Jesu in unseren Tagen nicht mehr gehört werden, spielen sie auch keine Rolle mehr im Leben - zum Schaden des Betreffenden. Viele haben ihre Antennen auf alles ausgerichtet, was so kunterbunt geboten wird, nicht aber auf das, was Gott uns geoffenbart hat.
In der Kirche des Heiligen Josef in Gladbeck hat eine Künstlerin auf ganz eigene Weise den Kirchenpatron dargestellt. Josef ist eingenickt, er schläft. Was aber in diesem Bild sogleich auffällt, das ist sein rechtes Ohr. Es ist ein Ohr, das in seiner großen Dimension fast aus dem Bild herausfällt. Ein Engel erscheint Josef im Traum und überbringt die Weisung Gottes. Gottes Wort nimmt Josef in großer Aufgeschlossenheit an.
Vom Zimmermann aus Nazaret wurde uns kein einziges Wort überliefert. Wir erfahren aber sehr wohl, dass er ein Mann war, der hörte und gehorchte, wenn Gott ihn anrief. Als Hörer des Wortes, das ihm überbracht wurde, war er fähig, ein Werkzeug Gottes zu sein. Die Heilige Schrift birgt die Offenbarung des allmächtigen Gottes. Durch Jesus wurden uns wichtige Nachrichten übermittelt. Die Gastgeberin Maria war aufgeschlossen für jedes Wort, das aus dem Mund des Erlösers kam.
30. 09. 2001
26. Sonntag im Jahreskreis
Du aber musst leiden
Das Evangelium nach Lukas (Lk 16, 19 - 31)
--------------------------Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte. 20 Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war. 21 Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Statt dessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. 22 Als nun der Arme starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. 23 In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß. 24 Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir, und schick Lazarus zu mir; er soll wenigstens die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer. 25 Abraham erwiderte: Mein Kind, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber musst leiden. 26 Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, so dass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte. 27 Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters! 28 Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen. 29 Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören. 30 Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, nur wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren. 31 Darauf sagte Abraham: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.
Wenn Jesus seinen Zuhörern die Parabel erzählt vom reichen Prasser und vom armen Lazarus, dann will er kund tun, wie er über die Armut und den Reichtum denkt. Und in den Worten Jesu offenbart sich Gott. Zu allen Zeiten gibt es auf der Erde die Wohlhabenden und die Habenichtse. Je nach Ort und Zeit können die Unterschiede sehr krass ausfallen. In unseren Tagen gibt es den ausgleichenden Sozialstaat, der zwar aber einige Kontraste abfängt: die Armen aber bleiben arm und die Reichen bleiben reich. Jesus weist darauf hin, dass es eine Pflicht des Teilens gibt. An anderer Stelle des Evangeliums spricht er davon, dass es schwer ist für den Reichen, in das Reich Gottes einzugehen, ja, er gebraucht das surreale Bild, dass ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr geht als ein Reicher in den Himmel. Ein Sprichwort des Alltags sagt: "Der Besitz macht die Herzen schneller hart als dies bei einem Ei im kochenden Wasser der Fall ist." Das Herz ist ausschlaggebend in den Augen Gottes.
Etwa um das Jahr 710 v. Chr. lebte der phrygische König Midras. Nach einer Legende bat er Dionysos, dass sich alles, was er in die Hand nimmt zu reinem Gold verwandle. Sein Wunsch ging in Erfüllung. Sogleich zeigte sich, dass er fortan weder essen noch trinken konnte. Alles wurde zu Gold. Seinem unersättlichen Wunsch nach Reichtum konnte er nur dadurch entkommen, dass er im Fluss Paktolos baden durfte. Die Fluten versetzten ihn zurück in den ursprünglichen Zustand. König Midras war geheilt.
Bereits in den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte tauchten Gruppierungen auf, die jeglichen Reichtum als Werkzeug des Teufels ansahen. Dieser Einstellung widersprach zu damaliger Zeit ganz deutlich Kyrillus von Jerusalem. Er sagte: " Reichtum, Gold und Silber gehören nicht - wie einige glauben - zur Herrschaft des Teufels. Geh damit nur richtig um, dann ist es nicht zu tadeln. Den zeitlichen Gütern kann es einer sogar verdanken, dass er gerecht ist. Denn es steht geschrieben: Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Dies sage ich der Irrlehren wegen, die Geld und Gut und Leiblichkeit verdammen. Du sollst den irdischen Schätzen nicht dienen, du sollst sie aber auch nicht als Feinde ansehen."
Von den Armen und Bedürftigen sagt Jesus, dass es sie auf der Erde immer geben wird. Offensichtlich existiert kein Rezept, die soziale Frage vollkommen zu lösen. Vielleicht will Gott dieses Gefüge innerhalb der Menschheit belassen, damit die Reichen Gelegenheit haben Nächstenliebe zu praktizieren? Es gibt freilich keinen Automatismus des Heils, der besagt, dass alle Armen in den Himmel kommen und alle Reichen davon ausgeschlossen bleiben. Gefährdet sind die Besitzlosen ebenso wie die Reichen. Die Not, dort, wo sie unabänderlich ist, dann zu einem geduldigen Ertragen führen, sie kann aber auch der Anlass sein, Gott mit allen Flüchen der Erde zu bedecken und für die Mitmenschen nur Hass zu empfinden. Der Arme steht an einer Wegkreuzung, die alle Möglichkeiten offen lässt und an einer nämlichen Wegkreuzung steht der Reiche.
Die Parabel Jesu vom armen Lazarus und dem reichen Prasser endet mit einem interessanten Hinweis. Der Reiche bittet, dass seine fünf Brüder durch die Erscheinung eines Verstorbenen gewarnt werden. Sie sind offensichtlich auf dem besten Weg, ebenfalls von Gottes Herrlichkeit ausgeschlossen zu werden. Er erhält den Hinweis, dass es genügend Wegweiser auf der Erde gibt, dabei nennt er Mose und die Propheten; übersetzt für unsere Zeit heißt dies, dass es genügend Hinweise in der Heiligen Schrift gibt. Es sind Ausnahmen in der Menschheitsgeschichte, wenn die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits geöffnet wird. Auch wenn einer von den Toten wiederkommt und seinen Angehörigen erscheint, ist dies noch lange keine Garantie für eine anschließende Bekehrung. Schnell lassen sich Ausreden und Zweifel finden. Wir leben als Menschen hier auf Erden im Bereich des Glaubens und nicht des Schauens. Diesen Weg der Bewährung hat Gott uns vorgezeichnet.
9. Dezember 2001
2. Adventsonntag
Ernst machen mit der Umkehr
Das Evangelium nach Matthäus (Mt 3,1-12)
In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf und verkündete in der Wüste von Judäa: 2 Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. 3 Er war es, von dem der Prophet Jesaja gesagt hat: Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! 4 Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften; Heuschrecken und wilder Honig waren seine Nahrung. 5 Die Leute von Jerusalem und ganz Judäa und aus der ganzen Jordangegend zogen zu ihm hinaus; 6 sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen. 7 Als Johannes sah, dass viele Pharisäer und Sadduzäer zur Taufe kamen, sagte er zu ihnen: Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt? 8 Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt, 9 und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben ja Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen Kinder Abrahams machen. 10 Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. 11 Ich taufe euch nur mit Wasser (zum Zeichen) der Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe auszuziehen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. 12 Schon hält er die Schaufel in der Hand; er wird die Spreu vom Weizen trennen und den Weizen in seine Scheune bringen; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen.
In einer Zeit, in der es weder Zeitung noch Radio oder Fernsehen gab, konnte ein Bußprediger damit rechnen, dass ihm die Bevölkerung zuströmte, dass er Zuhörer fand. Johannes am Jordan war ein solcher Mann. Sein Publikum fand die Predigten in keiner Weise einschläfernd.
Es gibt in jedem Leben Augenblicke, in denen eigene Taten des Unrechts, der Sünde eingesehen und bedauert werden. Der Betreffende möchte sie gerne ungeschehen machen. Es reicht nicht aus, nur an die Brust zu klopfen. Johannes ruft seine Zuhörer auf: es müssen echte Früchte der Umkehr sichtbar werden. Worte allein und eine kurzlebige Einsicht, sie reichen nicht aus. Vorsicht ist geboten bei oberflächlichen, guten Vorsätzen. Sie gleichen den grünen Früchten der Bäume, die schon abfallen, ehe sie zur Reife gelangen. An den Früchten ist eine echte oder unechte Bekehrung zu erkennen. Jede echte Bekehrung hat auch etwas mit Befreiung zu tun. Der Sünder befreit sich von negativen Seiten seines Lebens, er ist es überdrüssig, der Sklave des Bösen zu sein.
Bei genauem Hinsehen stellen wir fest, dass eigentlich alle Propheten des Alten Testamentes von Gott berufen waren, die Umkehr des Volkes oder der Mächtigen herbeizuführen. Sie haben die Sünde beim Namen genannt und zahlten dafür meist mit dem Leben. Der Ruf zur Bekehrung gehört nicht zu den angenehmen Seiten menschlichen Lebens. Das Volk des Neuen Testamentes kennt sehr wohl eine große Zahl von Bußpredigern. Zu ihnen zählt auch Maria, die Mutter des Herrn. Die Botschaften, die sie bei Erscheinungen mitteilt und durch ausgewählte Personen weitergeben lässt, tragen allesamt diesen Charakter.
Der Dominikaner Johannes Tauler (+1361) stellte bei Exerzitien seinen Zuhörern die Frage: " Warum seid ihr noch nicht heilig? Die Antwort ist einfach. Weil ihr noch nicht umgekehrt seid!" Jeder möchte die Welt verbessern, und jeder könnte es auch, wenn er nur bei sich selber anfangen wollte.
Johannes hat offensichtlich die Erfahrung gemacht, dass sich viele, die sich durch seine Kritik betroffen fühlten, auf ihre frommen Vorfahren hinwiesen. Sie nennen den gläubigen Abraham. Die Antwort des Täufers ist eindeutig. Die fromme Verwandtschaft bietet kein Alibi für eigene Mängel. Heute berufen sich viele auf eine fromme Mutter oder einen frommen Großvater. Sie meinen, dass deren Qualität auf sie übertragbar wäre. Qualität hat sich nicht als vererbbar erwiesen. Geri Die Menschheit, ja jeder einzelne, muß vor dem Urteil Gottes im Letzten Gericht bestehen können. Fjodor Dostojeweskij (+1881), der russische Dichter, der das Elend des 19. Jahrhunderts aus eigenem Erleben kannte, dachte darüber nach, wie dieses Gericht wohl einmal sein wird: " Der dauernd betrunkene Vater von Sonja sagt in einer armseligen Spelunke zu Rodion Raskolnikoff: Er wird der Richter sein allen und wird vergeben, wie den Guten so auch den Bösen, wie den Weisen so auch den Einfältigen... Und wenn er mit allen schon fertig sein wird, dann wird er auch zu uns sprechen: Kommt ihr Betrunkenen, kommt ihr Schwächlinge, kommt ihr Schandkerle! Und wir alle werden vortreten ohne uns zu schämen, und werden dastehen. Er aber wird sagen: Ihr Schweine! Ihr Ebenbilder des Tieres und vom Tier Gestempelten; aber kommt auch ihr! Und die Weisen und die Klugen werden ausrufen: Herr, warum nimmst du denn diese auf? Und er wird sagen: Ich nehme sie auf, ihr Weisen, ich nehme sie auf, ihr Klugen, weil kein einziger von ihnen sich dessen für würdig gehalten hat... Und er wird seine Hände uns entgegenstrecken, und wir werden niedersinken... und werden weinen... und alles verstehen! Dann werden wir alles verstehen... Herr, dein Reich komme!"
Gott sieht in seinem Urteil nicht nur die äußeren Taten und das gesellschaftliche Wohlverhalten. Gott schaut in die Tiefe des Herzens. Der Vater von Sonja hält sich des Himmels für unwürdig. Er ist in Abgründe gesunken, aus denen er sich nicht mehr emporarbeiten kann. Die Kraft fehlt. In seiner Not vertraut er auf Gott und Gott lässt ihn nicht im Stich.
Die Juden feiern den "Versöhnungstag", an dem sie Gott um Vergebung der Schuld bitten. Sie wenden sich aber nicht nur an Gott. Am Vorabend bitten sie auch die Angehörigen, Nachbarn und Bekannten um Verzeihung für alles, was im vergangenen Jahr in ihrem Tun und Reden nicht recht gewesen ist. Im "Vater unser" beten wir: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
17. 02. 2002
6. Sonntag im Jahreskreis
DIE KOSTBARE ZEIT DES FASTENS
Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 4,1-11
In jener Zeit wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt; dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt werden. Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger. Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, daß aus diesen Steinen Brot wird. Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt. Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche da Welt mit ihrer Pracht und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift sieht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen. Darauf ließ der Teufel von ihm ab, und es kamen Engel und dienten ihm.
Nur wenige erinnern sich daran, dass die Tage des Karnevals eng zusammenhängen mit dem Aschermittwoch und der Zeit des Fastens. Karneval gilt als Schlusspunkt der ausgelassenen Fröhlichkeit. Die vierzig Tage des Fastens, die sich anschließen, führen hin zum Höhepunkt unserer Erlösung, den wir im Leiden und Sterben Jesu Christi begehen. Die Evangelien berichten, dass Jesus zum Täufer Johannes an den Jordan ging. Johannes, der gottgesandte Prediger in der Wüste galt als sein Wegbereiter und Vorläufer. Nach dieser Begegnung zog sich der Messias zurück in die Wüste um dort zu fasten. Vierzig Tage verweilte er in der Abgeschiedenheit.
Dort in der Wüste findet eine Begegnung der besonderen Art statt. Der Satan geht in der Verlorenheit der Wüste auf Jesus zu und bietet ihm seine Dienste an. Er will den Messias der Öffentlichkeit vorstellen und zwar viel wirksamer als dies der Täufer konnte. Der Satan weiß, was bei den Menschen ankommt und ihre Aufmerksamkeit hervorruft. Er kommt mit einem ersten Vorschlag: Mache aus Steinen Brot! Mit einem Wunder dieser Art kann jeder rasch die Zuneigung der Welt gewinnen. Diese Methode zur Gewinnung von Freunden ist doch viel einfacher, als sich mit Worten der Predigt mühsam die Herzen der Menschen aufzuschließen. Einige Zeit später, bei der Brotvermehrung, war das Volk derart begeistert, dass sie Jesus zu ihrem König erheben wollten. Er entzog sich der begeisterten Menge. Ihr Wille stimmte nicht mit dem Willen Gottes überein.
Das zweite Angebot Satans fasst den Tempel von Jerusalem ins Auge. Er unterbreitet Jesus den Vorschlag, doch vor den Augen aller von der Zinne des Tempels herabzuschweben auf den großen Platz des Heiligtums. Der Satan spricht von den Engeln, die ihm doch zu Diensten sein könnten. Von einer solchen Herabkunft des Messias träumten viele. Jesu Leben in der engen Welt von Nazaret und Bethlehem könnte so rasch in Vergessenheit geraten. Jesus geht auf den Vorschlag nicht ein.
Im dritten Angebot spielt der Satan seine letzten Karten aus. Offensichtlich in einer Vision zeigt er Jesus alle Reiche der Welt. Es muss dies ein berauschend schönes Bild gewesen sein. Der freche Kommentar des Teufels zu dieser Pracht lautet: "Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest." Das Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf wird damit umgedreht. Nicht der Teufel betet Gott an, der Teufel verlangt, dass der Sohn Gottes niederfällt und ihn anbetet. Jesus reagiert darauf scharf und eindeutig: "Weg mit dir, Satan!"
Im Evangelium heißt es weiter, dass Engel tatsächlich zur Verfügung standen. Sie boten dem einsamen Jesus ihren Schutz an und brachten Brot.
Aus der Geschichte ist bekannt, dass etwa um das Jahr 400 die Fastenzeit einen Platz in der Christenheit fand. Im Heiligen Land wurde ein Berg über dem alten Jericho ausgemacht, der als Berg der Versuchung gilt. In ihm sahen die Christen ein Gegenstück zum Berg der Verklärung in Galiläa. Schon in dieser frühen Zeit der Kirche ließen sich Einsiedler auf dem Berg der Versuchung nieder und lebten, beteten und büßten dort, abgesondert von aller Welt.
Der Aufruf zur Fastenzeit in unseren Tagen findet nur ein geringes Echo. Schade! Weit mehr Aufmerksamkeit erfahren Ärzte und Gesundheitslehrer. Gesund bleiben ist für jeden ein dringendes Anliegen. In der Fastenzeit aber geht es mehr als um den Gewichtsverlust. Das Wohl des Leibes und der Seele ist ausschlaggebend. Vom jüdischen Theologen Martin Buber stammt das Wort: "Buße ist ein Feuer, das Erdhaftes zu Asche verbrennt und Höheres frei macht für den Aufstieg zum Himmel." Vom Bußprediger Savonarola wird berichtet, dass er im Jahr 1495, zu Beginn der Fastenzeit auf dem Signorenplatz von Florenz eine Pyramide aufrichten ließ und auf ihr die weltlichen Eitelkeiten seiner Zeit zum Verbrennen dem Feuer übergab. Dazu gehörten Kartenspiele, Becher, zierliche Kämme und Spiegel, leichtfertige Bilder und Plastiken. Ein Maler soll auf einem Wagen alle Werke seines Ateliers herbeigeschafft haben. Nichts blieb von der Einäscherung verschont.
Wenn auch solche Veranstaltungen wie in Florenz heute kaum noch unserem Empfinden entsprechen: die Einladung der Kirche zur Mitfeier der Fastenzeit bleibt bestehen.
28. April 2002
5. Ostersonntag
DER WEG ZUM HIMMEL
Das Gespräch über den Weg zum Vater: 14,1-14
Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott, und glaubt an mich! 2 Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? 3 Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. 4 Und wohin ich gehe - den Weg dorthin kennt ihr. 5 Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin die gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen? 6 Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich. 7 Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen. 8 Philippus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns. 9 Jesus antwortete ihm: Schon so lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater? 10 Glaubst du nicht, daß ich im Vater bin und daß der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke. 11 Glaubt mir doch, daß ich im Vater bin und daß der Vater in mir ist; wenn nicht, glaubt wenigstens aufgrund der Werke! 12 Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater.
Jesu Tod am Kreuz war kein Unfall, der aus heiterem Himmel kam, keine Überraschung, die über ihn und seine Freunde hereinbrach. Immer wieder weist Jesus in Anwesenheit seiner Jünger hin auf sein Sterben. Sie hören dies nur ungern. Bei all dem, was sie mit Jesus bisher an mächtigen Zeichen und Worten erlebt hatten, schien ihnen so etwas unmöglich. Sie warteten auf seinen großen Auftritt, in dem er sich dem Judenvolk vorstellen würde. Seine Worte über das eigene Sterben verwirrten sie. Was der Messias aber dann hinzufügte, war damals und ist heute von großer Bedeutung. Er redet davon, dass er hingehen werde, um allen, die in seiner Gefolgschaft stehen, einen Platz zu bereiten. Bei diesem Platz geht es um das, was wir in unserer alltäglichen Sprache als "Himmel" bezeichnen. "Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten."
Was ist der Himmel? Frivol sprach Heinrich Heine davon: "Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen". Als im Jahr 1905 Albert Einstein seine spezielle Relativitätstheorie veröffentlichte, wurde es endgültig offenbar: Niemals wird der Mensch sich mit seinen Sinnen vorstellen können, wie das Universum im ganzen ist. Er kann sich bei bestem Willen das Weltall nur dreidimensional vorstellen. Sein Denken aber sagt ihm: im Universum gibt es eine andere, eine vierte Dimension, die der Vorstellungskraft immer entzogen sein wird. Heute spricht man auch von einer Vielfalt der Dimensionen.
Es waren Heilige, die auf die Frage, was der Himmel sein, die frappierend kurze Antwort gegeben haben: Himmel, das heißt bei Jesus sein. Jesus begleitet uns durch die Erdenzeit; er begleitet uns aber auch durch die Ewigkeit.
Der Herr setzt seine wichtige Aussage fort und spricht davon: "Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch bereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin."
Wenn selbst Christen an einem Leben nach dem Sterben zweifeln " und ihre Zahl ist nicht gering " dann darf man wohl behaupten, dass sie beim Evangelium nie recht hingehört haben. Ein Journalist fragte Heinz Rühmann einmal, ob er an ein Leben nach dem Tod glaube. Zuerst schwieg der Gefragte eine Zeit lang, dann sagte er: "Dieser wundersame Organismus namens Mensch, geschaffen, wie es in der Bibel heißt, als Ebenbild Gottes, und dann Schluss für immer? Das kann ich nicht glauben."
Der Tod des Menschen ist schließlich die Frage aller Fragen. Dort wo dieses Thema weggeschoben wird, wird letztlich keine Antwort gegeben. Jesus will, dass wir dort sind, wo er ist. Dies bedeutet: Wir werden teilnehmen an seiner Auferstehung von den Toten, teilnehmen an der Himmelfahrt, teilnehmen am Heimgang zum Vater. Wenn wir hinübergehen in das andere Leben, brauchen wir unseren sterblichen Leib nicht mehr. Es ist wie am Abend, wenn wir schlafen gehen. Wir ziehen unser Kleid aus und hängen es über den Stuhl. Wenn jemand stirbt, geschieht etwas ähnliches. Der Sterbende zieht seinen Körper aus wie ein Kleid. Das Kleid unseres Leibes legen die Verwandten und Freunde in die Erde. Er hat seinen Dienst getan. Wir bekommen von Gott ein neues Kleid, das schöner ist als das, das uns bisher durch das Leben begleitet hat. Auf den Dorffriedhöfen Irlands gibt es bei der Beerdigung einen uralten Brauch. Beim Ausheben des Grabes wird der Rasen an drei Seiten abgehoben und aufgerollt. Der Sarg wird ins Grab gelassen, anschließend wird der Rasen wieder darüber gerollt. Die Beerdigung gleicht einem "Kaiserschnitt" im Rückwärtsgang.
Wer Jünger Jesu sein will, für den reicht es nicht aus, dass er nur eine gewisse Sympathie hegt für seinen Erlöser. Jesus zeigt uns den Weg, den wir gehen sollen. Ja, er sagt zum Zweifler Thomas: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben". Wenn der Sohn Gottes solche Worte spricht, dann ist es Gott selbst, der mit dieser Aussage eine absolute Selbstdarstellung abgibt. Seine Worte haben ein anderes Gewicht als die irgendeines Menschen, und wäre er noch so groß und bedeutsam. Wenn wir hier in dieser Welt Anteil haben an Christus, dem Haupt durch den Glauben und die Sakramente, dann werde ich auch Anteil haben an ihm, wenn wir mit ihm gestorben sind.
07. Juli 2002
14. Sonntag im Jahreskreis
Von den Unmündigen
Der Dank Jesu an den Vater: 11,25-27
25In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. 26 Ja, Vater, so hat es dir gefallen. 27 Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will. 28Vom leichten Joch Jesu: 11,28-30 Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. 29 Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. 30 Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht.
In den Jahren seines öffentlichen Wirkens bewegte sich Jesus tagtäglich unter recht verschiedenen Leuten. Er traf Menschen, die ihm aufmerksam zuhörten und von ihm beeindruckt waren. Er traf aber auch auf Menschen, die ihn durch das Filter der Ironie betrachteten, die immerfort bemüht waren, seinen Worten Widerstand entgegen zu setzen.
Jesus preist den Vater im Himmel, weil er den Weisen und Klugen die Sinne verschließt. Jesus spricht aus seiner Erfahrung. In seiner Umgebung zählten die Schriftgelehrten zu den Weisen im Lande, zur gebildeten Oberschicht. Mit den Klugen meint er auch die Pharisäer. Bei ihnen handelt es sich um eine Gruppe, die auf das genaueste die Buchstaben des Gottesgesetzes erfüllte und meinte, in diesen Dingen absolut kompetent zu sein. Sie übersahen, dass zur äußerlichen Beachtung des Gesetzes die innere Zustimmung hinzukommen muß.
Die "Weisen und Klugen" hat es zu jedem Jahrhundert gegeben. Aber allen Ernstes fragen wir uns: sind sie wirklich in allem klug und weise?
Einfache Leute wundern sich zuweilen, dass es "studierte Leute" gibt, die unendlich viel Zeit dafür verwenden, wissenschaftlich alles zu durchleuchten und dabei doch glaubenslos und gottlos sind. Es zeigt sich, dass sich einer in einem Teilbereich des Wissens gut auskennen kann, für das Jenseits aber nie einen Gedanken verschwendet hat. Gott kommt in ihrem Leben nicht vor. Ein britischer Biologe des 19. Jahrhunderts schreibt in seinem Stolz: "Die Gott-Hypothese hat für die Auslegung oder Verständnis der Natur keinerlei praktische Bedeutung mehr, sie steht im Gegenteil einer wahren Auslegung oft im Weg. Es wird einem gebildeten und intelligentem Menschen bald sehr schwer fallen, an einen Gott zu glauben..."
Ganz anders treffen wir heute auf große Wissenschaftler, die in Ehrfurcht vor dem großen Geheimnis "Gott" stehen. Für sie hat der Glaube einen anderen Stellenwert als nur den einer Hypothese. Gott ist der Unfassbare, der alles Wissen in sich birgt und zugleich die Macht hat, das Geplante ins Dasein zu setzen.
Im Glauben Fuß zu fassen, fordert auch Demut. Demut ist dort anzutreffen, wo ich von einem Boten Gottes etwas entgegennehme. Gott bedient sich seiner Boten. "In Büchern kann man Gott suchen, aber nur im Gebet lässt er sich finden."
Von den Weisen und Klugen spricht Jesus und setzt sie diametral den Unmündigen gegenüber. Wenn in unserer Sprache von Unmündigen die Rede ist, dann meinen wir meist Kinder. Der Evangelist Lukas überliefert uns ein Wort Jesu: "Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen." Die Hirten, die als erste zur Krippe in Betlehem kamen, zählten zu den Unmündigen. Sie konnten im Normalfall weder lesen noch schreiben. Damit blieben die Bücher der Bibel für sie verschlossen. Das Resultat lautete: Wer Gottes Gesetze nicht kennt, wird sie auch nicht halten und der Betreffende wird somit nie in den Himmel kommen. Nun zeigt Gott in Betlehem, dass die Geringen in der Tat die Bevorzugtesten sind. Die Begegnung mit Unmündigen in den Evangelien ließe sich fortsetzen. Eine Offenheit für seine Worte fand Jesus weit eher bei den einfachen Leuten, nicht aber bei denen, die meinten alle Dinge besser zu wissen.
In den ersten Jahrhunderten der Kirchegeschichte zeigte sich auch, dass Sklaven und arme Leute sich von Evangelium viel eher ansprechen ließen, als die reiche Oberschicht dies tat. In unseren Tagen ist es die Bevölkerung der Dritten Welt, die weit mehr Aufgeschlossenheit zeigt für Jesus Christus und seine Kirche, als die reichen Nationen.
Ein Unmündiger in seiner Art war der heilige Johannes Vianney, der Pfarrer von Ars. Seine Jugend fiel in die Zeit der Französischen Revolution. Als er, der junge Bauer, mit 19 Jahren Priester werden wollte, war er im Studium ein Versager. Im Vorbereitungsseminar war Johannes der älteste Student und hatte die schlechtesten Noten. Nicht dass er unbegabt gewesen wäre. Die Art des wissenschaftlichen Argumentierens blieb ihm fremd. Wegen seiner tiefen Frömmigkeit wurde er trotzdem zum Priester geweiht. Zahllose Menschen kamen zu ihm, um sich Rat zu holen und die Lossprechung von ihren Sünden zu erhalten. Papst Pius XI. ernannte Johannes Vianney zum Patron der Seelsorger. Der letzte wurde zum Ersten. Gott offenbart sich unerwartet durch die Unmündigen.
Ganz gleich, wie die Menschen Jesus Christus einschätzen, es liegt in ihrer nicht ungefährlichen Entscheidung, welche Wertung sie abgeben. Seine Existenz wird von der Meinung der Menschen nicht berührt, seine Heiligkeit bleibt unangetastet.
Wir tun gut, wenn wir uns auf die Seite der Unmündigen stellen und Gott um seine Hilfe bitten.
15. September 2002
Fest Kreuzerhöhung
WER KANN DAS KREUZ VERSTEHEN?
Es geschah in Jerusalem im Jahr 335, Konstantin, der erste christliche Kaiser Roms, ließ über dem leeren Grab Christi einen Rundbau errichten. Daran angefÜgt entstand eine langgezogene Basilika. Einen Tag nach der Kirchweihe, es war der 14. September, ließ er in feierlicher Weise im neuen Gotteshaus der versammelten Christengemeinde das Kreuzesholz zeigen, das Holz, an dem Jesus Christus starb. Der Vorgang wurde "die Erhöhung des Kreuzes" genannt. Die Liturgie der Kirche hat diesen 14. September festgehalten und das Kreuz in den Mittelpunkt gestellt.
Die ersten Christen von Jerusalem kannten mit Sicherheit den Ort der Kreuzigung und Auferstehung und erzählten davon bei den Gottesdiensten. Warum sollten sie, trotz aller Verfolgung, nicht auch den Holzbalken gekannt haben, der für die Hinrichtung Verwendung fand? Die Gläubigen wussten um den Wert dieses Sterbens.
In unseren Tagen haben sich biblische Archäologen auch mit dem Bruchstück einer Tafel befasst, die in Rom aufbewahrt wird und einst über dem Haupt des Gekreuzigten hing. Die Forscher sind von der Echtheit dieser Reliquie in hohem Maß überzeugt.
In den Wohnungen und an den Wegrändern, in den Kirchen und auf den Bergen haben unsere Vorfahren das Kreuz angebracht. Das Kreuz gilt als "Kurzformel" des christlichen Glaubens. Bei der Taufe zeichnen der Priester, die Paten und die Eltern ein Kreuzzeichen auf die Stirne des Täuflings. Am Abend des Lebens, wenn wir uns auf den Weg machen, um von dieser Erde wegzugehen, ist es in der Krankensalbung wiederum das Kreuz, das auf die Stirne gezeichnet wird.
Die Christen der ersten Jahrhunderte standen vor der quälenden Frage, warum er, der sich in der Hingabe an den Vater und sein Volk verzehrt hat, diesen scheinbar so sinnlosen Tod erleiden musste? Sie fanden die Antwort in der Sühne. Der Ruf am Kreuz: "Es ist vollbracht" kann nicht als Verzweiflung gedeutet werden. Es verbirgt sich darin der Anfang seiner Verherrlichung. Jesus hat sein Ziel erreicht. Er legt sein geschundenes menschliches Leben hinein in die Hände des Vaters im Himmel. Dieser Vater nimmt diesen Menschsohn auf und zieht ihn dorthin, wo er als Gottessohn seit Ewigkeit hingehört: an sein Herz.
Es mag verständlich erscheinen, wenn es Juden gibt, die nach Auschwitz nicht mehr an einen allmächtigen und gütigen Gott glauben können. Doch es sei auch die Frage erlaubt: stehen diese ermordeten Männer und Frauen der grausamen Konzentrationslager nicht in einer Reihe mit dem gekreuzigten Jesus? Auch Jesus fühlte die Verlassenheit. Er konnte die Anwesenheit des Vaters im Dunkel des Sterbens nicht mehr spüren. Jesus hat den Tod ganz bitter ausgekostet, jener Tod, von dem kein Mensch ausgenommen ist.
Über lange Zeit hat das Volk der Juden auf dem Tempelplatz von Jerusalem zur Ehre Gottes, zum Dank und zur Sühne wertvolle Tiere geopfert und dem Höchsten dargebracht. Was dieses Opferfeuer nicht fertig brachte, das erwirkte das Opfer des Erlösers am Kreuz, eben die Befreiung von Sünde und Schuld.
Das Kreuz war über Jahrhunderte die überall verstandene "Kurzformel" für den Glauben an Jesus Christus. Freilich, immer gab es auf verschiedenen Seiten auch die Gegner. Sie nannten das Kreuz hässlich und grausam, sie sahen darin einen Widerspruch zum Spaß im Leben. G. K. Chesterton schreibt: "Es fängt damit an, dass man die Kreuze zerstört. Und es endet mit der Zerstörung der Welt."
Die Pointe des Christlichen liegt darin, dass gerade die weltliche Erfolglosigkeit, der Bankrott am Kreuz zum Höhepunkt der christlichen Fruchtbarkeit wird. Das Weizenkorn, das in die Erde gelegt wird, deutet uns zeichenhaft eine Antwort.
03. November 2002
31. Sonntag im Jahreskreis
Der Einklang von Wort und Tat
Karl Kleiner, Kapuziner
231Worte gegen die Schriftgelehrten und die Pharisäer: 23,1-39 Darauf wandte sich Jesus an das Volk und an seine Jünger 2 und sagte: Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf den Stuhl des Mose gesetzt. 3 Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun; denn sie reden nur, tun selbst aber nicht, was sie sagen. 4 Sie schnüren schwere Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, wollen selber aber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen. 5 Alles, was sie tun, tun sie nur, damit die Menschen es sehen: Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang, 6 bei jedem Festmahl möchten sie den Ehrenplatz und in der Synagoge die vordersten Sitze haben, 7 und auf den Straßen und Plätzen lassen sie sich gern grüßen und von den Leuten Rabbi (Meister) nennen. 8 Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. 9 Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. 10 Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus. 11 Der Größte von euch soll euer Diener sein. 12 Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.
Jesus sieht die Dinge seiner Umwelt sehr deutlich. Er weiß wie die Schriftgelehrten und Pharisäer leben und wie sehr sich ihr Lebensstil von dem abhebt, was sie predigen und lehren. Nach ihren Worten, die ganz nach ihrem Gesetzeslehrer Mose ausgerichtet sind, kann sich der Zuhörer sehr wohl richten, keineswegs aber soll er ihr Tun nachahmen. Neben dieser Diskrepanz zwischen Wort und Tat geißelt Jesus auch das honorige Auftreten dieser Personengruppe, er spricht von überdimensionalen Gebetsriemen, von Quasten und den Ehrenplätzen, auf die sie Anspruch erheben. Jesus kritisiert auch den übertriebenen Aufbau von Ämtern und weist hin auf die grundsätzliche Gleichheit aller Menschen. "Der Größte von euch soll euer Diener sein."
Jesu Forderungen treffen die Zuhörer ins Herz. Kam nicht die Mutter der beiden Zebedäusssöhne, um mit Jesus einen Ehrensitz zu seiner Linken und Rechten für sie auszuhandeln?
Was der Herr bei den honorigen Juden verurteilt, das will er auch bei seinen Jüngern ausgemerzt sehen. Das eigene Tun darf keine Diskrepanz aufweisen zu dem was in den Worten gesagt wird. Heutzutage, wenn die Prediger sich an die Gemeinde wenden oder Autoren fromme Bücher veröffentlichen, dann merken die Hörer oder Leser sehr rasch, ob das Wort mit dem Tun des Verkünders übereinstimmt.
Der heilige Bischof Franz von Sales empfiehlt sich und seinen Priestern: "Ich möchte keine phantastische, wirre, melancholische, verärgerte und verdrießliche Gottesnähe, sondern eine milde, sanfte, angenehme, friedliche, mit einem Wort, eine aufrichtige Frömmigkeit, die so ist, dass Gott und dann auch die Menschen sie lieben."
Es wäre zu kurz gegriffen, wollten wir in diesem Kapitel des Evangeliums nur an die Theologen und Priester denken. Es geht hier um eine Haltung, die für jeden Christen von Wichtigkeit ist: Zeige dich, wie du bist, und sei wie du dich zeigst. Der Mensch neigt dazu, die Maske, das Make-up aufzusetzen, um vor den anderen vorteilhaft da zu stehen. Bedenken wir, es handelt sich dabei um eine Tarnung und nicht um eine innere Verwandlung.
Zuweilen kann man eine scharfe Kritik hören über Christen, die eifrig den Gottesdienst besuchen, beim Pfarrer hoch angesehen sind wegen ihrer Spendenfreudigkeit, dabei aber zu Hause oder im Betrieb eher sich gegenteilig verhalten. Wenn solche Vorwürfe das Alibi sind für die eigene Kirchenferne, dann steht der Kritiker um kein Stück besser da. Die beiden Schienen des Verhaltens müssen übereinstimmen.
Eine jüdische Überlieferung kennt das Sprichwort: "Mit der Wahrheit kann man durch die ganz Welt kommen." Ein frommer Jude bemerkte dazu: "Das Wort ist richtig, mit der Wahrheit kann man in der Tat durch die ganze Welt kommen, denn man lässt sie nirgends hinein, Die Wahrheit wird von einem Ort zum anderen verjagt."
Die Deutung dieses Sprichwortes mag recht pessimistisch klingen. Wenn es uns aber zu einer kleinen Gewissenerforschung führt, dann war es am rechten Platz.
25. Dezember 2002
Weihnachten
GOTT SPRICHT DURCH EIN KIND
Die katholischen Christen kennen ein Gebet, an das der Klang der Glocken dreimal am Tag erinnert. Der Kernsatz dieses Gebetes lautet: "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt." Mit einer Kniebeuge, bei der wir die Erde berühren,wird dieses Geschehen mit den Sinnen etwas erfahrbar. Bethlehem ist verknüpft mit dem großen Ereignis der Geburt des Erlösers Jesus Christus.
So unfassbar groß das Geschehen ist, so unscheinbar gering sind die Schauplätze, die die Menschen dem Sohn Gottes zugewiesen haben. Die Grotte von Bethlehem ist im Gedächtnis der ersten Christen des Heiligen Landes eindrücklich haften geblieben. Schon aus dem Jahr 150 gibt es ein schriftliches Zeugnis des Martyrers Justin, der sehr wohl Bescheid weiß, wenn es um die Grotte von Bethlehem geht. Ein anderer, Origenes, schreibt um 248 nach Christus, dass "die Höhle, in der er geboren wurde, und die Höhle der Krippe, in der er in Windeln gewickelt war, gezeigt wird, und auch bei den Gegnern des Glaubens bekannt ist."
Im Jahr 326 ließ Kaiser Konstantin mit seiner Mutter Helena und dem Bischof Makarius eine Basilika über der Geburtsgrotte bauen. Im Wesentlichen blieb dieser Bau bis in unsere Zeit erhalten.
Wir haben noch lebhaft in Erinnerung, wie Panzer rings um die Geburtskirche stationiert wurden und die gegnerischen Erpresser sich in der Geburtskirche verschanzten. Die Geburtsstätte dessen, der die Friedfertigen gepriesen hat, wurde zum Schauplatz gefährlicher Auseinandersetzungen. Es geschieht bei Erpressungen immer wieder, dass unschuldige Personen, ja sogar Kinder als Schutzschild verwendet werden. In Bethlehem wurde das Kind, das in der Höhle geboren wurde, für kriegerische Zwecke missbraucht.
Während des letzten Weltkrieges hat sich eine Geschichte ereignet, die es wert ist, in guter Erinnerung zu bleiben. Die feindlichen Gegner standen sich auf zwei Hügeln gegenüber. Unten im Tal lag ein Bauerhof, über den hinweg über Stunden geschossen wurde. Während dieser kriegerischen Auseinandersetzung öffnete sich die Haustüre des bäuerlichen Anwesens, und ein kleines Kind stapfte unbekümmert heraus und marschierte über die davor liegende Wiese. Da richteten sich die Blicke aller auf dieses Kind. Kein Schuss fiel mehr, und die Sorge, dem Kind möchte doch nichts geschehen, ließ auf beiden Seiten den Krieg ver-stummen, bis das Kind wieder in Sicherheit war. Das Kind war zum Friedensstifter geworden.
Im Jahr 1952 hielt sich ein Pater aus der Schweiz für die Weihnachtstage in Bethlehem auf. Er wollte diesen Festtag an Ort und Stelle erleben. Während die Festlichkeiten in Gang kamen, sah der Priester, wie ein Vater sein verhungertes Kind vor dem Flüchtlingszelt im Morast vergrub. Dass ein Kind in Bethlehem, wo Gottes Liebe Mensch wurde, verhungern musste, hat ihn so erschüttert, dass er spontan, wenn auch unter bescheidenen Verhältnissen ein Kinderkrankenhaus in der Geburtsstadt Christi gründete. In der Nähe des Rachel-Grabes konnte er ein Grundstück erwerben. Heute steht dort ein modernes, gut ausgestattetes Hospital. Die etwa 80 Betten und Brutkästen sind fortwährend belegt. Jesus, das Kind von Bethlehem sagt dem Priester durch ein trauriges Erlebnis, was es sich zu Weihnachten wünscht.
Der Prophet Jesaja verkündet für sein Volk etwa im Jahr 700 vor Christus: "Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens."
Fest der Darstellung des Herrn (Maria Lichtmess)
DIE SUCHE NACH DEM LICHT
Es kam für die Eltern Jesu der Tag der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung. Sie brachten das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn zu weihen, 23 gemäß dem Gesetz des Herrn, in dem es heißt: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein. 24 Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben. 25 In Jerusalem lebte damals ein Mann namens Simeon. Er war gerecht und fromm und wartete auf die Rettung Israels, und der Heilige Geist ruhte auf ihm. 26 Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Messias des Herrn gesehen habe. 27 Jetzt wurde er vom Geist in den Tempel geführt; und als die Eltern Jesus hereinbrachten, um zu erfüllen, was nach dem Gesetz üblich war, 28 nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten: 29 Nun läßt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. 30 Denn meine Augen haben das Heil gesehen, 31 das du vor allen Völkern bereitet hast, 32 ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel. 33 Sein Vater und seine Mutter staunten über die Worte, die über Jesus gesagt wurden. 34 Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Dieser ist dazu bestimmt, daß in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. 35 Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen. 36 Damals lebte auch eine Prophetin namens Hanna, eine Tochter Penuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt; 37 nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten. 38 In diesem Augenblick nun trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. 39 Als seine Eltern alles getan hatten, was das Gesetz des Herrn vorschreibt, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazaret zurück. 40 Das Kind wuchs heran und wurde kräftig; Gott erfüllte es mit Weisheit, und seine Gnade ruhte auf ihm.
Als es 1960 zur Liturgiereform der Kirche kam, erhielt der 2. Februar den Festtitel "Darstellung des Herrn". Gemeint ist damit jenes Ereignis, das uns im 2. Kapitel des Lukasevangeliums überliefert ist. Es war ein frommer Brauch, dass erstgeborene Söhne nach Jerusalem zum Tempel gebracht wurden. Dort erfolgte eine Übergabe des Kindes an Gott den Herrn, dem das ganze Volk gehört. Um den Geweihten wieder auszulösen, war es Brauch, dass eine Spende übergeben wurde.
Als Jesus am 40. Tag nach seiner Geburt zum Tempel gebracht wurde, betrat der menschgewordene Gottessohn das Haus seines Vaters. Der Messias begegnet dem Alten Bund. Zwei Vertreter Israels, erleuchtet vom Geist Gottes, kommen auf das Kind zu. Die beiden heißen Simeon und Anna. Nicht der Hohepriester, nicht die Schriftgelehrten und Pharisäer sind es, die dem Kind ihre Aufwartung machen, es sind alte Leute, die offensichtlich Gott sehr nahe stehen. Gott findet Gehör bei Menschen, bei denen man dies nicht vermutet.
Simeon erkennt im Kind Jesus, den, auf den das Volk Israel durch seine ganze Geschichte gewartet hat, den Erlöser. An ihm werden sich die Geister scheiden. Wie mag Maria erschrocken sein, als von einem Schwert die Rede war, das ihre Seele durchdringt. Von Gott erwählt zu sein, bedeutet nicht von allem Schwerem verschont zu bleiben.
Die Katholische Kirche schaut seit früher Zeit an diesem Festtag besonders auf Maria. Sie gab dem 2. Februar bis in unsere Tage den Namen "Mariä Lichtmeß". Dieser Titel hat sich trotz der Liturgiereform im Volk gehalten. Simeon gibt Jesus den Titel "Licht zur Erleuchtung der Heiden". Das zeichenhafte Licht der Kerzen wurde in den Vordergrund gerückt. Die brennenden Lichter spielen in der Kirche, besonders aber in der Volksfrömmigkeit eine besondere Rolle. Der Theologe Romano Guardini gibt ihnen eine vertiefende Deutung: "Die Kerze... sieh doch, wie sie steht, wankellos auf ihrem Platz, hoch aufgerichtet, rein und adelig. Spüre, wie alles an ihr spricht: ‚Ich bin bereit!' ... Sie verzehrt sich in ihrer Bestimmung, unaufhaltsam zu Licht und Glut...
Laß vor ihr alle edle Bereitschaft erwachen: ‚Herr, hier bin ich!' Laß all deine Bereitschaft zu rechter Treue erstarken. Dann fühlst du: ‚Herr, in der Kerze dort steh ich vor dir!'...Es ist der tiefste Sinn des Lebens, sich in Wahrheit und Liebe für Gott zu verzehren, wie die Kerze in Licht und Glut." Die finstere Nacht war für den Menschen von jeher etwas, das ihm unheimlich vorkam. Er entzündete Feuer, um der Gefährdung zu begegnen. Zu gleicher Zeit ging von der Glut Wärme und Geborgenheit aus. Nicht grundlos hat das Kaminfeuer in unserer Zeit wieder neue Freunde gefunden.
Aus der frühen Geschichte wissen wir, dass in den Tempeln viele Lichter brannten. Die Christen übernahmen diesen Brauch, weil sie darin ein Symbol entdeckten. Der Täufer Johannes predigt seinen Zuhörern: "Der, der nach mir kommt, ...wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen." Das Feuer ist zwiespältig, es kann Hilfe sein, es kann auch Bedrohung bedeuten. Die liturgische Verwendung der Kerze in der Osternacht, Licht und Feuer insgesamt, können zu einem tief empfundenen Erlebnis werden. Wer kennt sie nicht, die vielen kleinen und großen Lichter, die in den Kirchen bei besonderer Verehrung angesteckt werden?
Vor kurzem war eine schwerkranke Frau sichtlich getröstet, als ihr der Sohn mitteilte, dass er beim Bild der Schmerzhaften Gottesmutter eine Kerze für sie angezündet hatte. Sein Licht vor dem Gnadenbild soll Ausdruck seines ständigen Gebetes sein. Die großen Sammlungen von großen und dicken Kerzen an den Wallfahrtsorten werden immer mit Staunen betrachtet.
Im Buche Exodus der Bibel wird uns berichtet, wie Mose sein Volk aus Ägypten herausführte. "Der Herr zog vor ihnen her, bei Tag in einer Wolkensäule, um ihnen den Weg zu zeigen, bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten. So konnten sie Tag und Nacht unterwegs sein. Die Wolkensäule wich bei Tag nicht von der Spitze des Volkes, und die Feuersäule nicht bei Nacht." Sollten wir in unserer Zeit nicht auch Gott den Herrn bitten, dass er uns ein Licht anzündet, dass er uns führt auf unseren Wegen? Wir halten Ausschau nach einer Feuersäule, die den Christen insgesamt und jeden einzelnen durch das Leben führt.
Gott zeigt uns den rechten Weg, wenn wir ihn darum bitten.
23. März 2003
3. Fastensonntag
JESUS SPRICHT VOM TEMPEL
13Das Paschafest der Juden war nahe, und Jesus zog nach Jerusalem hinauf. 14 Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen. 15 Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, dazu die Schafe und Rinder; das Geld der Wechsler schüttete er aus, und ihre Tische stieß er um. 16 Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle! 17 Seine Jünger erinnerten sich an das Wort der Schrift: Der Eifer für dein Haus verzehrt mich. 18 Da stellten ihn die Juden zur Rede: Welches Zeichen lässt du uns sehen als Beweis, dass du dies tun darfst? 19 Jesus antwortete ihnen: Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten. 20 Da sagten die Juden: Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut, und du willst ihn in drei Tagen wieder aufrichten? 21 Er aber meinte den Tempel seines Leibes. 22 Als er von den Toten auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte. 23Während er zum Paschafest in Jerusalem war, kamen viele zum Glauben an seinen Namen, als sie die Zeichen sahen, die er tat. 24 Jesus aber vertraute sich ihnen nicht an, denn er kannte sie alle 25 und brauchte von keinem ein Zeugnis über den Menschen; denn er wusste, was im Menschen ist.
Das Volk Israel hatte in biblischer Zeit eine Vorstellung vom allmächtigen Gott, die sich vom Glauben der umliegenden Völker ganz wesentlich abhob. Sie hielten daran fest: es gibt nur einen Gott und keine Vielzahl von Göttern. Für Israel durfte Gott auch nicht mit irgendeiner bildlichen Darstellung gleichgesetzt werden.
Diesem einen Gott wurde auf Anweisung des Himmels in der Stadt Jerusalem ein Tempel gebaut. Gott war darin in unsichtbarer, geheimnisvoller Weise anwesend. Es gab keinen zweiten Tempel dieser Art irgendwo im Land. Im Jahr 962 vor Christus begann König Salomo mit dem Bau. Doch dreihundert Jahre hindurch fielen immer wieder andere Völker über Jerusalem her und plünderten alles, was ihnen wertvoll erschien. Unvergessen blieb der Eroberungskrieg der Babylonier im Jahr 587. Jerusalem mitsamt dem Tempel wurde zerstört und die Bewohner in die Gefangenschaft verschleppt.
Erst siebzig Jahre später konnten die Juden zurückkehren und mit einem behelfsmäßigen Tempelneubau beginnen. König Herodes der Große beschloss im Jahr 20 vor Christus den Tempel, der vom Prachtbau des Salomo weit entfernt war, in neuer Herrlichkeit erstehen zu lassen. Erst 64 nach Christus konnte der Bau fertig gestellt werden. Das Volk war Stolz auf das Geschenk des König Herodes. Jeder gläubige Jude setzte es sich zum Ziel, wenigstens einmal im Jahr als Wallfahrer in die heilige Stadt zu ziehen.
Aus den Evangelien wissen wir, dass Jesus als erstgeborener Sohn seiner Familie im Tempel dargestellt wurde. Als Zwölfjähriger blieb er in der Stadt zurück zur großen Sorge von Maria und Josef. Bei dieser Gelegenheit spricht er die bedeutsamen Worte: "Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist." Jesus bestätigt damit die Heiligkeit des Jerusalemer Tempels. Immer wieder verweilt er an dieser Stätte und lehrt in den Hallen des Salomo.
Jesus sieht, wie die Geschäftstüchtigkeit der Händler immer mehr um sich greift. Die Söhne des Herodes hatten sich durch den Geldwechsel reiche Einkünfte gesichert. Und dieser Jesus, den wir uns meist überaus sanftmütig vorstellen, gerät in Zorn, packt das bunte Angebot der Händler und zerstreut es auf dem Boden. Die Wächter des Tempels tauchen auf und fragen nach der Legitimation: "Wer hat dir erlaubt...?" Seine Antwort blieb den Zuhörern ein Rätsel: "Reißt den Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichteten." Die Polizei denkt bei dieser Aussage an den großen Prachtbau und findet die Antwort lächerlich. In Wahrheit aber spricht Jesus davon, dass der Tempel, so wie der da steht, durch den Leib des auferstandenen Erlösers abgelöst wird. In der Tat, im Jahr 70 nach Christus, kurz nach der Fertigstellung, zerstörten die römischen Soldaten bei ihrer Belagerung den Tempel.
Heute steht der Felsendom in der Mitte des großen Areals und eine Moschee am Rand des Platzes. Ein Wiederaufbau des Tempels kam nicht mehr zustande.
In der Geschichte des Menschen mit Gott seinem Schöpfer gibt es Stufen der Entwicklung. Die Bibel zeigt dies. Gottes Gegenwart ist in eine neue Phase eingetreten mit der Menschwerdung des Sohnes Gottes und seiner Auffahrt in den Himmel. Jesus hat die Kirche zurückgelassen, die Gemeinschaft der Getauften. Sie trägt den Titel vom "geheimnisvollen Leib Christi". Paulus spricht von der Gegenwart Gottes und Jesu Christi im Heiligen Geist: "Wisst ihr nicht, dass ihr Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben. Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr." Unsere Würde besteht also darin, dass wir nicht mehr in uns selber leben, sondern Christus in uns. Jeder von uns wird zu Christus in seiner Ganzheit.
Unsere Gotteshäuser sind kein neuer Tempel gleich dem von Jerusalem. In ihnen versammeln sich jene, die zu Christus gehören wollen. Diese Tatsache gibt dem Kirchenbau eine besondere Weihe. Jesus ist gegenwärtig, weil wir in seinem Namen versammelt sind.
Der auferstandene Jesus ist unser Tempel geworden, Gott ist gegenwärtig, zugänglich für alle, die zu ihm kommen.
11. Mai 2003
4. Ostersonntag
JESUS WEIST DEN WEG
10 Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für seine Schafe. 11 Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, läßt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander. Er flieht, 13 weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt. 14 Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, 15 wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe. 16 Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muß ich führen, und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten. 17 Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. 18 Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.
Bei der Bevölkerung Israel galt es als Selbstverständlichkeit, dass man allüberall Schafherden begegnete. Sie zogen über die Weiden, über die Straßen von Städten und Dörfern. Bei den umliegenden Völkern war es nicht viel anders. Jesus vergleicht sich mit einem Hirten, der seine Herde anführt. Ihm liegt das Wohl seiner Tiere am Herzen. In unseren Tagen ist der Hirt und seine Herde fast eine Seltenheit geworden.
Dennoch verstehen wir alle, was Jesus meint, wenn er diesen Vergleich gebraucht. Der Herr nennt sich vor seinen Zuhörern der "gute Hirte". Viele stocken bei diesem Vergleich. Hat er dabei nicht zu dick aufgetragen? Verfällt er dabei nicht einer großen Portion von Eigenlob? Genügt es nicht, wenn er sagt, dass seine Qualität als Hirte von beträchtlichem Ausmaß sei? Wir übersehen allzu leicht, dass hier der Sohn Gottes spricht. Er ist die Güte und Liebe in Person. An seiner Größe gibt es keine Einschränkung. In ihm begegnen wir der Vollkommenheit. Wenn sich ein Mensch als guter Hirte benennt, ist es immer angebracht, das Maß zu reduzieren. Nach dem Karfreitag wissen wir, was es bedeutet, für die ihm Anvertrauten in den Tod zu gehen. Angenommen, von uns wird ein Einsatz verlangt, der bis an die Lebenshingabe heranreicht: hätten wir dann nicht sogleich eine Anzahl von Ausreden und Ausflüchten?
Es wird von einem jungen Priester berichtet, der seinem Herrn und Meister als guter Hirte sehr nahe kam. Zeugen erzählen, dass er zu einer Krankensalbung gerufen wurde. Dreizehn Kindern hatte die schwerkranke Frau das Leben geschenkt. Ausgerechnet bei demdreizehnten verliert sie nach einem Kaiserschnitt innerhalb weniger Tage so viel Blut, dass eine Genesung aussichtslos erscheint. Und dann geschah etwas rätselhaftes. Der Kaplan, der gerufen wurde und die Krankensalbung spendete konnte nicht fassen, dass eine Mutter von 13 Kindern sterben sollte. Im Gebet ringt er mit Gott und bittet um das Leben der Mutter. In derselben Nacht erkrankt der kerngesunde Kaplan und stirbt an Darmverschlingung. Er hinterlässt eine Notiz, in der er kund tut, dass er für ein Lebensopfer bereit wäre. Die Mutter überlebte. Wurde das Opfer des Kaplans für eine Mutter und ihre große Zahl von Kindern angenommen?
Wenn Jesus sich als der gute Hirte bekennt, dann folgt logischerweise die Frage, wer ist dann der weniger gute oder gar der schlechte Hirte? Jesus zögert nicht mit einem anschaulichen Beispiel, er spricht von einem Angestellten, dem nichts am Wohl der Tiere liegt. Ein Wolf kommt, reißt und tötet die Tiere. Wir erleben keinerlei Abwehr. Der Angestellte macht sich über alle Berge davon. Ihm liegt das Wohl der Tiere wahrhaft in keiner Weise am Herzen. Für alle, denen eine Gemeinde der Kirche anvertraut ist, mag dies zum Nachdenken führen.
Der Herr verlangt Rechenschaft über die geleistete Arbeit. Der Prophet Ezechiel mahnt die Führer seines Volkes: "Weh den Hirten Israels, die nur sich selbst weiden. Müssen die Hirten nicht die Herde weiden? Ihr trinkt die Milch, nehmt die Wolle für eure Kleidung und schlachtet die fetten Tiere; aber die Herde führt ihr nicht auf die Weide. Die schwachen Tiere stärkt ihr nicht, die kranken heilt ihr nicht, die verscheuchten holt ihr nicht zurück, die verirrten sucht ihr nicht, und die starken misshandelt ihr. Und weil sie keinen Hirten hatten, zerstreuten sich meine Schafe und wurden eine Beute der wilden Tiere."
Jesus erweitert sein Bild und die Aufgabe eines Hirten. Bislang hat er zu seinem Volk, zu Israel gesprochen, jetzt meint er die Völker aus allen Nationen. Für sie hat er vom Vater einen Auftrag. Er wird sie alle zusammenführen, es wird ein Hirt und eine Herde sein. Die Heiden sollen in gleicher Weise zu Gottes Volk werden.
Am Pfingsttag hat Gott bei der Geistsendung die Grenzen durchbrochen. Die Botschaft des Evangeliums wird hinausgetragen in alle Länder. Es ist wundervoll, wie sehr Jesu Evangelium in alle Welt hinausgetragen wurde. Zugleich macht sich in der Missionierung auch die Hinfälligkeit des Menschen bemerkbar. Die Welt hätte sicher noch weit mehr auf Jesus gehört, wenn seine Boten mehr auf ihren Meister gehört hätten. Von Mutter Teresa stammt das bedenkenswerte Wort: "Früher habe ich geglaubt, ich müsse die Menschen bekehren. Jetzt weiß, ich muß sie lieben. Und die Liebe bekehrt, wen sie will."
Es erscheint uns in ferner Zukunft, wenn Jesus von einer Herde und von einem Hirten spricht. Die Menschheit ist immer noch damit beschäftigt, die Kirche Christi aufzuteilen. Doch Gott ist für Überraschungen gut, auch für die Überraschung, die zur Einheit führt. Die Menschheit braucht einen Hirten. Wir bitten Jesus Christus, dass er die Welt anführt und sie zusammenführt. Aus menschlicher Kraft scheint dies unmöglich zu sein.
29. Juni 2003
Fest Peter und Paul
Du bist Petrus, der Fels
Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn? Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten. Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes! Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein. (Mt 16,13-19)
Die Tatsache, dass in diesem Jahr das Fest der Apostel Petrus und Paulus an einem Sonntag gefeiert wird, hebt den Tag in ein besonderes Licht. Ältere Leute erinnern sich noch daran, dass der Tag als Feiertag begangen wurde.
Bei den Orden war es üblich, dass ein Novize bei seinem Eintritt in die Gemeinschaft zu seinem Taufnamen einen neuen Namen hinzu bekam. Damit sollte kund getan werden, dass ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Für Simon, den Fischer am See Gennesaret, begann auch ein neues Leben als Jesus ihm begegnete. Ein gewisser Wankelmut ist zwar diesem Fischer in seinem Charakter nicht abzusprechen. Trotzdem, Jesus bleibt bei seiner Namensgebung. Er hat mit diesem Fischer etwas besonderes vor.
Wer hätte geahnt, dass über dem Grab des Petrus einmal die größte Kirche der Christenheit stehen würde? Petrus hätte einen solchen Bau lebhaft abgewehrt, wenn er bei der Projektplanung ein Wort mitzureden gehabt hätte. Er würde sagen, dass seinem Herrn und Meister die Ehre gebührt. Die heiligen Stätten der Erlösung von Jerusalem sollen Vorrang haben! Kaiser Konstantin hat dem Erlöser und dazu seinen Aposteln die Ehre gegeben. Die Feinde des Christentums haben von der Grabeskirche in Jerusalem nur noch einen armseligen Bau zurückgelassen. Der Streit um die heiligen Stätten von Kreuz und Grab sind bis zur Stunde nicht abgeklungen.
Die Berufung des Petrus war ein symbolträchtiges Erlebnis. Jesus erteilt den Auftrag zum Fischen und dazu, auf die hohe See hinaus zu fahren. Simon als Fachmann äußerte seine Bedenken. Die Nacht zuvor waren sie mit leeren Netzen zurückgekehrt. Gegen alle Überzeugung fahren sie dennoch hinaus. Bei der Rückkehr drohen die Netze zu zerreißen. Andere Fischer kommen zu Hilfe. Beim Anblick dieses Ergebnisses fiel Petrus vor Jesus auf die Knie und sagte: "Geh weg von mir, Herr, denn ich bin ein Sünder!" Und Jesus sagte zu Simon: "Fürchte dich nicht! Von nun wirst du Menschen fangen." Und sie zogen die Boote an Land, verließen alles und folgten ihm.
Es war im Norden des Heiligen Landes, bei Cäsarea Philippi. Dort erhielt Petrus einen neuen Namen. Er wird ihm durch alle Jahrhunderte die besondere Prägung geben. So beiläufig fragt Jesus: "Für wen halten die Leute den Menschensohn?" Sie berichten, dass ihn die Juden für einen Propheten halten. Jesus gab sich mit der Antwort nicht zufrieden. Einer tritt vor und sagt mutig: "Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!" Darauf antwortete der Herr: "Selig bist du Simon, Barjona, denn nicht Fleisch und Blut haben dir das geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein." Es waren ungeheure Worte, die Jesus dort in Cäsarea Philippi gesprochen hat. In die Hände des Fischers von Betsaida wurden Vollmachten gelegt, wie sie kein Herrscher der Welt besitzt. Von dieser Stunde an wurden die Schlüssel zum Erkennungszeichen des Simon Petrus. Er wird zum ewigen Türhüter. "Er ist kein Gefängniswärter. Er ist der Hüter der ewigen Freiheit!" Auch den anderen Aposteln wurde diese Macht zugeteilt, und allen, die in ihrer Nachfolge stehen.
Jesu Tod und Auferstehung läutete für Simon Petrus ein Ende ein, war aber zugleich der Anfang eines neuen Auftrags. In der Kraft des Heiligen Geistes kündet er von dem, was er erlebt hat. Er besucht die Gemeinden und stärkt sie im Glauben, er kommt in den Jahren 41 und 54 nach Rom. In den Morgenstunden des 19. Juli im Jahr 64 veränderte sich die Situation der Christen radikal.
Die Christen wurden beschuldigt, Feuer gelegt zu haben. Als Anführer stand Simon Petrus auf der Liste. Es kam zu Hinrichtung im dicht gefüllten Zirkus des Nero. Der nahegelegene Friedhof nahm seinen toten Leib auf.
Wenn der Papst in der Peterskirche die Heilige Messe feiert an der Confessio, dann steht er über dem Grab des heiligen Petrus. Auf diese Weise wollten die Erbauer der Kirche kund tun, dass der Papst in der Nachfolge des "Felsen" vom See Gennesaret steht.
15. August 2003
Fest Maria Himmelfahrt
Maria in der Vollendung
Nehmen wir an, ein lieber Mensch aus unserer Verwandtschaft oder unserem Freundeskreis ist gestorben. Mit großer Trauer geleiten wir seinen sterblichen Leib auf dem Weg zum Grab. Da geschieht es nun, daß wenige Tage später das Grab leer ist. Der Verstorbene ist aus der Erde als Lebender wieder hervorgegangen. Wären wir nicht fassungslos bei einem solchen Erlebnis?
Wenn wir am 15. August die Aufnahme Mariens, der Mutter Jesu, in den Himmel feiern, dann geht es um ein Ereignis, das dem eben geschilderten sehr nahe kommt. Maria, die ihrem Sohn die Menschheit schenken durfte, wird auf geheimnisvolle Weise in die Auferstehung ihres Sohnes miteinbezogen. Dort, wo eine Frau "voll der Gnade" ist, wo sie Gott so nahe kommt, dort beginnt auch ihre Verherrlichung.
Die Kirche hat von frühen Zeiten an daran festgehalten, daß die Muttergottes mit Leib und Seele in die Herrlichkeit des Himmels aufgenommen worden ist. In der christlichen Tradition gibt es Nachforschungen, ob Maria in Ephesus oder in Jerusalem ihren seligen Heimgang erleben durfte. In diesem Zusammenhang ist ein Ereignis aufschlußreich. Vor einigen Jahren wurde Jerusalem überraschend von Hochwasser heimgesucht. Dabei wurde auch das tiefer gelegene Grab Mariens im Kidrontal in Mitleidenschaft gezogen. Ein Franziskanerpater kam dem orthodoxen Priester des Heiligtums zu Hilfe. Mit vereinten Kräften gelang es ihnen größere Schäden abzuzwenden. Einen Wunsch äußerte der Franziskaner, als ihm der orthodoxe Priester seinen Dank abstatten wollte.
Da er aus dem Fachgebiet der Archäologie kam, bat er, eine Nacht lang im Heiligtum bleiben zu dürfen. Der Franziskaner wollte Zeichen ausfindig machen, die ihm die Garantie geben, daß dieses Grab Mariens in Jerusalem zeitlich aus dem 1. Jahrhundert stammt. Zu seiner großen Freude konnte der kritische Wissenschaftler bestätigen, daß es überzeugende Indizien gibt, für die Benutzung dieser Grabkammer in dieser frühen Zeit. Es spricht vieles dafür, daß an dieser Stelle Maria ins Grab gelegt und vom Herrn über Leben und Tod in das neue Leben gerufen wurde.
Die "Goldene Legende" erzählt in einem außerbiblischen Bericht, daß die Gottesmutter kurz vor ihrem Sterben durch den Engel einen Palmzweig bekam, das Sinnbild des Lebens und des Sieges. Die zwölf Apostel versammelten sich rings um das Sterbebett. Christus erschien mit den Engeln und Heiligen um Mariens Seele aufzunehmen in die Herrlichkeit des Himmels. Bei der Grablegung ging der Apostel Johannes dem Leichenzug voraus. Drei Tage lang verweilten die Apostel am Grab. Und wiederum erschien Christus und führte Mariens Leib und Seele zusammen.
Auf den Ikonen vom Tod Mariens hält ihr Sohn die kindhaft kleine Seele der Mutter auf dem Arm. Engel bereiten sich vor, sie in Empfang zu nehmen. Aus einer Legende stammt auch der Bericht, daß Maria vom Himmel herab dem Zweifler Thomas ihren Gürtel reichte. Sie wollte ihm, dem Zweifler kund tun, daß sie mit Leib und Seele in Gottes Herrlichkeit gegangen ist. Wenn Heilige in den Bildern zum Himmel emporschweben oder von Engeln emporgetragen werden, dann soll kund getan werden, daß sie nach ihrem Erdenleben unmittelbar in das Reich Gottes aufgenommen wurden.
Der Himmel gilt als Wohnung Gottes. Wir Menschen suchen in unserem Vorstellungen die Räumlichkeit. Ein Bild wird häufig verwendet, das des "Himmlischen Jerusalems". Die Offenbarung des Johannes zeigt in gewaltigen Worten, was mit Maria geschehen ist: "Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt."
Im Rosenkranzgebet kennen wir die beiden Gesätze: "Der dich, o Jungfrau, in den Himmel aufgenommen hat" und "Der dich, o Jungfrau im Himmel gekrönt hat." Betend und meditierend werden wir dabei an unser Lebensziel erinnert. Maria ist vorausgegangen. In der Vollendung ihres Lebens wird uns gezeigt, wie der Weg nach dem Sterben weiterführt.
05. Oktober 2003
27. Sonntag im Jahreskreis
Fest des Hl. Franz von Assisi am 4. Oktober
In der Nachfolge Christi
Wenn Papst Johannes Paul die Vertreter der Weltreligionen nach Assisi zu einer Begegnung einlädt, dann geschieht dies nicht von ungefähr. Würde er Rom als Treffpunkt angeben, dann kämen bei einigen Gästen sogleich Ängste auf, ob die römisch-katholische Kirche sie allesamt vereinnahmen wollte. Mit Assisi, der Stadt des heiligen Franziskus, kommen derlei Bedenken nicht auf.
Der Vorabend zum 27. Sonntag im Jahreskreis gilt in diesem Jahr als Festtag des heiligen Franz. Das Einzigartige des Heiligen liegt in seinem Mut zur Unbedingtheit und Folgerichtigkeit. Es sind keine neuen Gedanken oder Ordensregeln, die sein Leben bestimmten. Er wollte in Christus verwandelt werden durch den vollkommenen Gehorsam zu den Worten des Evangeliums.
Von seiner Familie her, war dem jungen Franz ein ganz anderer Weg vorgezeichnet. Geschäft, Handel, Geld und großes Vermögen waren für den Vater die entscheidenden Faktoren. Er wünschte sich von den Kindern nichts inniger, als dass sie den nämlichen Weg einschlugen. Anfangs schien das Gebaren des jungen Franz ganz auf dieser Linie zu liegen. Der Ehrgeiz drängte ihn dazu, in den Adel aufgenommen zu werden. Dies konnte durch hohe Verdienste bei Kriegszügen geschehen.
Der Anruf Gottes in einem Traumgesicht brachte alle bisherigen Pläne durcheinander. "Franz, alles, was du bisher fleischlich geliebt und zu haben gewünscht hast, musst du verachten und hassen, wenn du meinen Willen erkennen willst. Hast du damit begonnen, wird dir das, was dir bisher angenehm und süß erschien, unerträglich und bitter sein; aus dem was dir vorher Erschauern machte, wirst du tiefes Glück und unermesslichen Frieden schöpfen." Eine Stimme, die vom Kreuzbild von San Damiano kam, bestärkte die Aufforderung. Schließlich konnte es nicht anders kommen, als dass der Vater seinen "missratenen" Sohn enterbte. Für Franz wurde fortan der Wille des Vaters im Himmel maßgebend. Das Evangelium wurde seine Ordensregel und diese Regel wollte er wortwörtlich in sein Leben umsetzen.
Es war überraschend, als sich Freunde meldeten, die den tieferen Sinn des neuen Lebensweges begriffen. Um nicht als Sektierer eingestuft zu werden, war es notwendig, dass sie vom Papst die Bestätigung ihrer Gemeinschaft erbaten. Ihr Tagesablauf war so gestaltet, dass das Gebet an erster Stelle stand. Sehr nachdrücklich befahl Franz seinen Brüdern, dass sie angehalten seien, landwirtschaftliche oder handwerkliche Arbeit zu verrichten. Der Müßiggang galt als großes Übel.
Etwas ungewohntes ereignete sich, als Klara di Favarone nachts heimlich das Elternhaus verließ und von Franziskus in der Portiunkulakapelle den Schleier einer neuen Frauengemeinschaft entgegennahm; es entstand der Orden der Klarissen. Ihr Zahl vergrößerte sich rasch. Eine Unterkunft fanden sie in einem Haus nahe der Kirche von San Damiano. Franziskus gab Hinweise, wie die Frauen ihre Leben nach dem Evangelium gestalten konnten. Für Frauen im 13. Jahrhundert gab es keinen Platz für das Wirken in der Öffentlichkeit. Ihre Lebensform musste eine andere sein als die der Männer.
Eigentlich war das, was Franziskus gründete, kein Orden im herkömmlichen Sinn. Was er wollte, das war eine Evangelisationsbewegung. Die frohe Botschaft Jesus zu verkündigen und dies persönliche auch im Leben musterhaft vorzuleben, das war sein Ziel. Einmal nur wollte Franz jenes Land besuchen, in dem der menschgewordene Gottessohn gelebt hatte. Bei seiner Ankunft stellte er fest, dass der Kreuzzug das Heilige Land in ein großes Heerlager verwandelt hatte. Der Pilger aus Assisi war entsetzt über das Morden und Plündern der Kreuzfahrer. Er setzte sich für den Frieden und die Versöhnung ein.
Vom Heiligen Land brachte der Heilige die Idee mit, in recht anschaulicher Weise die Menschwerdung des Gottessohnes zu feiern. Die Heilige Nacht im weihnachtlichen Greccio blieb der Bevölkerung in bleibender Erinnerung. Der Brauch der Weihnachtskrippe hatte darin seinen Anfang genommen.
Das Siegel und die Bestätigung des Erlösers Jesus Christus empfing Bruder Franz, als er sich in die Einsamkeit des Berges La Verna zurückzog. Seine Hände, Füße und seine Seite wurden mit den Wundmalen gezeichnet. An Leib und Seele war nun Franziskus seinem Herrn ähnlich geworden.
Mit seinem Tod bei der Portiunkulakapelle ging sein Wunsch in Erfüllung, ganz bei seinem Gott zu sein. Er sprach das Psalmwort: "Führe meine Seele aus dem Kerker...". Die Christusnachfolge war vollendet.
23. November 2003
34. Sonntag im Jahreskreis
Christkönigsfest
Eine Krone aus Dornen
Es befällt den Menschen unserer Tage ein eigenartiges Gefühl, wenn Jesus Christus als König bezeichnet wird. Es tauchen alle üble Eigenschaften auf, die wir aus den Geschichtsbüchern im Zusammenhang mit Königen kennen. Doch zur Ehrenrettung muss gesagt werden: es gab auch gute und gewissenhafte Regenten.
Vor Jahrzehnten ist ein Roman erschienen, der den Titel trägt "Der Herr der Welt". Gemeint ist Jesus Christus. Im Glauben tragen wir die Gewissheit, dass er nicht nur der Herr der Welt ist, sondern dass ihm auch der Himmel in Anbetung huldigt. Für Jesus Christus sind alle Titel zu tief angesetzt.
Wer ist Jesus? Wenn wir unserem Glauben ein Fundament geben wollen, dann ist es angebracht, bei Grundsätzlichem zu beginnen. Zuerst muss einmal festgehalten werden, dass das Christentum keineswegs an erster Stelle eine Sammlung von Geboten ist, eine Institution oder dargebotene Lehrweisheit. Wenn wir Christen sein wollen, dann steht Jesus im Mittelpunkt, dann ist die Verbindung und die Gemeinschaft mit ihm ausschlaggebend.
Die wichtigste Quelle, um etwas über ihn zu erfahren, ist das Neue Testament. Es gibt auch außerbiblische Texte. Sie sind meist knapp und kurz. Für die Evangelisten war Jesu Auferstehung von den Toten das Schlüsselerlebnis. Vom Ostertag her forschen sie hinein in seine Lebensgeschichte, seine Passion und sein Wirken. Die Berichte von Jesu Kindheit bilden den Abschluss. Der jüdische Philosoph Ernst Bloch schrieb: " Zu einem Kind, das im Stall geboren wurde, wird gebetet... der Stall ist wahr. Eine so geringe Herkunft des Stifters wird nicht erfunden. Eine Sage macht keine Elendsmalerei und sicher keine, die sich durch ein ganzes Leben fortsetzt. Der Stall, der Zimmermannssohn, der Schwärmer unter kleinen Leuten, der Galgen am Ende, das ist aus geschichtlichem Stoff, nicht aus dem goldenen, den die Sage liebt."
Was ist Jesu Botschaft? Er verkündet die Erfüllung der alttestamentlichen Hoffnung, die zugleich die Erwartung der ganzen Menschheit in sich birgt. Durch das Reich Gottes soll allen die Fülle des Lebens geschenkt werden. In der Synagoge von Nazaret stellt sich Jesus vor mit einem Zitat aus dem Propheten Jesaja: "Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe."
In Jesus ist Gott bereit, den Menschen in einen Zustand zu versetzen, der ihn fähig macht, den Himmel zu betreten. Der verlorene Sohn ist es, der in seinem Leichtsinn allen Besitzes verlustig geht. Er will umkehren, zweifelt aber an der Barmherzigkeit seines Vaters. Was bei der Heimkehr auf ihn zukommt, übersteigt alle Erwartungen: "Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden." Für alle Zeiten gilt die Feststellung: Wo ein Mensch den anderen aufnimmt, wo solche Liebe geschieht, da leuchtet das Licht des Himmels im Herzen des Menschen auf. In diesen Tagen konnte man eine Umfrage lesen, bei dem es um den liebsten Menschen ging. Auf Nummer Zwei wurde die Selige Mutter Teresa angeführt, eine Frau, die der Welt ein großartiges Beispiel gegeben hat.
Was bedeuten die Taten Jesu? Die Worte, die der Herr an die Menschen richtete, waren immer auch verbunden mit seinem Tun. Sie bergen in sich alle eine Botschaft. Ein besonderer Platz kommt den Wundern zu. Die alttestamentlich Propheten hatten sie bereits angekündigt: "Blinde sehen wieder, Lahme gehen , und Aussätzige werden rein; Taube hören, Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet." (Lk 7) Jesus will damit seine Zuhörer zum Nachdenken und zum Glauben führen.
In alle dem, was die Schwäche des Menschseins ausmacht, erkennen wir Jesus menschliche Natur, in seinen Wundern wird der Glanz der Gottheit sichtbar. Mächtig ist der Herr, wenn er die Dämonen in die Schranken weist, gütig und barmherzig, wenn er die Sünder annimmt; menschlich war sein Hunger, göttlich die Vermehrung der Brote; menschlich sein Schlaf im Schifferboot, göttlich sein Befehl an das Meer. Menschlich war sein Sterben, göttlich war es, wenn er die Toten erweckte. In seiner Macht trieb er die Händler aus dem Tempel, in seiner Güte nahm er Zöllner und Sünder an. Erbarmen war es, als der Sohn Gottes Mensch wurde und unsere Schwachheit auf sich nahm.
Christus, der König, besitzt die unbegreifliche Macht, sich selbst machtlos zu machen.
11. Januar 2004
Fest der Taufe des Herrn
In den Wassern des Jordans Im Heiligen Land ist der bescheiden dahinplätschernde Jordan geheiligt durch Ereignisse, die sich in der Heilsgeschichte des Alten und des Neuen Testamentes in seiner Nähe zugetragen haben. Heute ist der Jordan auf ein bescheidenes Maß zusammengeschrumpft. Sein kostbares Wasser kommt von den Abhängen des Hermon und fließt in ein Tal unserer Erde, das mit seiner Tiefe unerreichbar ist. Vor etwa zweitausend Jahren erregte das Auftreten des Johannes, des Sohnes der Elisabeth und des Zacharias großes Aufsehen. Einer seiner Zeitgenossen, der Geschichtsschreiber Flavius Josephus, fand ihn so bedeutsam, dass er ihn in seinen Büchern, geschrieben für die Römer, besonders hervorhebt.
"Er war ein ehrenwerter Mann, der die Juden zur Tugendübung begeisterte, zur Gerechtigkeit gegeneinander, zur Frömmigkeit gegen Gott und zum Empfang der Taufe ermahnte. Dann werde, so verkündigte er, die Taufe Gott angenehm sein, weil sie diese nur zur Heiligung des Leibes, nicht aber zu Sühne für ihre Sünden anwendeten; die Seele nämlich sei dann ja schon vorher durch ein gerechtes Leben entsündigt. Um Johannes hatten sich viele versammelt, die durch seine Worte begeistert waren." Manche Forscher glauben, im Lukasevangelium zuverlässige Anhaltspunkte zu finden, für die Annahme, dass sich Johannes im Wüstenkloster von Qumran aufhielt. Bei Lukas heißt es: "Der Knabe aber wuchs heran und war stark im Geiste. Er lebte in der Wüste bis zu dem Tag, da er vor Israel erscheinen sollte."
Es spricht einiges dafür, dass der Priester Zacharias den Männern von Qumran, die alle aus priesterlichem Geschlecht stammten, seinen Sohn Johannes zur Erziehung anvertraute. Johannes tritt als Rufer in der Wüste auf, und in seiner Predigt klingen die großen Themen der alten Propheten Israels wieder, dies sind Gericht und Umkehr. Die wenigen Sätze, die uns aus seinem Mund überliefert sind, lassen seine besondere Fähigkeit erkennen, in packenden Bildern und einprägsamen Formulierungen zu sprechen: "Zu den Scharen, die hinauszogen, um von ihm getauft zu werden, sprach er: Ihr Schlangenbrut, wer hat euch gelehrt, dem kommenden Zorn zu entfliehen?" Es waren die Pharisäer und Sadduzäer, die einen großen Teil seiner Zuhörer ausmachten. Unter den vielen Menschen steht eines Tages auch Jesus von Nazareth. Johannes weiß, wer in dieser Person auf ihn zukommt. Er bezeichnet ihn als den, der stärker ist. Anschaulich ist die Bemerkung: Ich bin nicht wert, ihm die Schuhe aufzulösen.
Es bedeutete eine Stufe seines Herabstiegs vom Himmel, seiner Menschwerdung, wenn Jesus nun unter den vielen Menschen am Jordan steht. Er ist einer von uns geworden, er der Sündelose reiht sich ein bei den Sündern. Der Täufer will ihn zurückhalten. Der Größere, der Messias müsste den Geringeren, dem Johannes die Taufe spenden. Jesus findet es für richtig, dass es so geschieht. Alle, die sich am Jordan versammelt hatten, sollten sehen, dass er der von Gott Gesandte ist. In einer Zeit, in der es keine Massenmedien gab, war die Taufe Jesu eine große Kundgebung. Wer die Geburt eines Kindes erlebt, ist von dem erstaunlichen Vorgang überrascht, dass der Neugeborene mit einem Schwall Wasser den Mutterleib verlässt. Die Embryonalzeit verbringt das Kind in einer Fruchtwasserhöhle, in der Geburt taucht es auf und beginnt sein Erdenleben.
In ähnlicher Weise erfährt Jesus seine Berufung, wenn er aus den Fluten steigt. Er wird der Menschheit vorgestellt als der, auf den die Welt wartet. Den Vorgang am Jordan bei der Taufe Jesu können wir problemlos verfolgen, soweit er für alle sichtbar ist. Schwierigkeiten tauchen auf, wenn es heißt, dass sich der Himmel öffnet und der Heilige Geist in Gestalt einer Taube aus Jesus herabkommt. Der Heilige Geist spielt eine Rolle, der in der Schöpfungsgeschichte über den Wassern schwebt und bei der Verkündigung in Nazareth zugegen ist. In der Kraft des Geistes hat Gott die Welt wunderbar geschaffen und noch wunderbarer erneuert.
Nach dem Pfingstfest und der Herabkunft des Heiligen Geistes übernehmen die Jünger den Auftrag ihres Herrn und spenden die Taufe all jenen, die zum Glauben finden. Für Nikodemus erläutert Jesus in einem nächtlichen Dialog: "Ich sage dir: wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleische geboren ist, das ist Fleisch, was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist." Verknüpft mit der Taufe eine Christen ist die Absage an das Böse und das Glaubensbekenntnis an den dreifaltigen Gott. Der Kreis der Heilsgeschichte, der bei der Taufe am Jordan seinen Anfang nahm, schließt sich immer dort, wo über das Haupt eines Kindes oder Erwachsenen das Taufwasser mit begleitenden Worten geschüttet wird.
29. Februar 2004
1. Fastensonntag
Jesus in der Wüste
Erfüllt vom Heiligen Geist, verließ Jesus die Jordangegend. Darauf führte ihn der Geist vierzig Tage lang in der Wüste umher, und dabei wurde Jesus vom Teufel in Versuchung geführt. Die ganze Zeit über aß er nichts; als aber die vierzig Tage vorüber waren, hatte er Hunger. Da sagte der Teufel zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl diesem Stein, zu Brot zu werden. Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot. Da führte ihn der Teufel (auf einen Berg) hinauf und zeigte ihm in einem einzigen Augenblick alle Reiche der Erde. Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen, und ich gebe sie, wem ich will. Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören. Jesus antwortete ihm: In der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen. Darauf führte ihn der Teufel nach Jerusalem, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich von hier hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich zu behüten; und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Da antwortete ihm Jesus: Die Schrift sagt: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. Nach diesen Versuchungen ließ der Teufel für eine gewisse Zeit von ihm ab. Lk 4,1-13
Zwischen Jerusalem und Jericho breitet sich eine trostlose Wüste aus, die man diesem Abschnitt der Erde im Grunde genommen gar nicht vermuten würde. Bevor das Gelände abfällt in den Jordangraben, ragt nochmals eine Anhöhe empor, die die Bezeichnung trägt "Berg der Versuchung". Seit dem 12. Jahrhundert, seit der Zeit der Kreuzfahrer, hat sich diese Namensgebung eingebürgert. Die Kreuzfahrer hatten, wie es sich immer zeigt, ein sicheres Gespür und gute traditionelle Überlieferung, wenn es um biblische Ortsbestimmungen ging.
Der Abschnitt des Evangeliums wird eingeleitet mit einer wichtigen Bemerkung, die durch eine Wiederholung ihre besondere Verstärkung erfährt: "Voll des Heiligen Geistes kehrte Jesus vom Jordan zurück und wurde vom Heiligen Geist in die Wüste geführt." Was am Jordan geschah kann kaum mit Worten formuliert werden. Hier spielte sich etwas ab zwischen dem Vater im Himmel und den menschgewordenen Sohn. Der Sohn hat Zwiesprache gehalten. Jesus denkt offensichtlich nicht mehr an Speise und Trank. Er ist abgehoben. Dieser Zustand verschwindet wieder, als der Leib sein Recht auf Nahrung fordert.
Nun nützt der Satan die gute Gelegenheit und hofft, dass Jesus auf seine Vorschläge und Pläne eingeht. In dieser Stunde zeigt sich auch, dass Jesus nicht nur der Sohn Gottes ist, sondern auch ein zerbrechlicher Mensch. "Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt." Der Menschgewordene ist den Versuchungen ausgesetzt wie jeder andere Zeitgenosse.
Satan beginnt beim Hunger. "Mach doch aus diesen Steinen Brot." Der Versucher weiß um die Macht Jesu. Bald wird er Tausende mit Broten sättigen. Die Antwort des Herrn kommt klar und unmissverständlich: "Nicht vom Brot allein lebt der Mensch." Dieses Wort hat durch die Jahrhunderte seine Gültigkeit nicht verloren. Immer stehen wir vor der Entscheidung, ob das Brot wichtiger ist, als der Geist, der Körper wichtiger als die Seele. Wie oft genießt das Irdische den Vorrang!
Der Wunschzettel der Römer hieß einst "Panem et circenses" "Brot und Spiele. In unserem Tagen spricht man von der "Spaßgesellschaft". Spaß, Unterhaltung, Freizeit und Vergnügen genießen einen absoluten Vorrang. Bedenken wir: Wer sein eigenes Leben auf das Vergängliche baut, der setzt auf falsche Karten.
In der zweiten Versuchung werden dem Herrn alle Reiche der Welt gezeigt. Es gibt eine Dämonie der Macht, die nicht sagen will, dass "Macht" von Grund auf schlecht ist. Macht kann leicht in die Hände des Bösen gelangen. Das Geschichtsbuch belegt es immer wieder. Stolz und Überheblichkeit gehört zu den Begleiterscheinungen. Die Antwort Jesu auf dieses Angebot lautet: "Du sollst den Herrn deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen." Jede Macht, die nicht Gott dient, ist missbrauchte Macht und dient dem Bösen. Jesus ist gekommen, das Reich Gottes aufzurichten. Aus diesem Grund wird er das Reich Satans zerstören. Im Tode Jesu am Kreuz wird die Macht Satans ihren größten Triumph feiern. Die Tatsache aber, dass sie gerade dann und gerade in dieser Stunde gebrochen wird, zählt zu den Unbegreiflichkeiten Gottes. Das Leben Jesu ist Gottesdienst und nicht Satansdienst. "Du sollst Gott allein anbeten".Wer etwas anderes anbetet, was immer es sei, hat Gott auf der Seite liegen gelassen.
Die dritte Versuchung, in der Jesus in einer Vision auf die Zinne des Tempels gestellt wird, bezieht sich auf den Missbrauch des Wunders als Sensation. "Wenn du der Sohn Gottes bist, so stürze dich hinab". Der Satan ist frech genug, um die Heilige Schrift für seine Ziele zu verwenden. Dort steht: "Seinen Engeln hat er befohlen, dich zu schützen. Auf ihren Händen sollen sie dich tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein anstößt." Des Teufels Absicht ist es, dass vor allem Volk ein Wunder geschieht. Für viele würde sich dann der Glaube erübrigen. Was mit den Sinnen erfasst wird, muss nicht in den Katalog des Glaubens aufgenommen werden. Die Welt ist des harten Glaubensalltags überdrüssig und will fortwährend Wunder sehen. In der Stunde der Versuchung in der Wüste wendet sich Jesus ohne Kompromiss dem Vater im Himmel zu.
Jesus ist erfüllt vom Geiste Gottes. Sein Kampf gilt allem Satanischen, sei es offen oder verdeckt.
Niemand ist der Versuchung derart ausgesetzt, wie der Heilige, wie Jesus, der Heilige Gottes. Heilige leben in besonderer Höhe und darum auch in der Gefahr eines besonderen Sturzes in die Tiefe.
Der Mensch wird nicht aus eigener Kraft und eigenem Vermögen mit den Versuchungen fertig. Jedem ist angeraten, im Gebet den Namen Gottes anzurufen.
18. April 2004
Weißer Sonntag
Eine unglaubliche Begegnung
Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt, und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen. Joh 20,19-31
Wir können uns die Aufregung und Verwirrung kaum vorstellen, die die Jünger Jesu an diesem Ostertag befiel, der dem Karfreitag folgte. Nicht umsonst hatten sie am Abend die Türen verriegelt. Es war durchaus denkbar, dass eine militärische Kohorte kommt und mit den Versammelten kurzen Prozess macht.
Ohne anzupochen, bei verschlossenen Türen steht Jesus mitten unter ihnen. Der Schreck war von anderer Art, als wenn Vollstreckungsbeamte vor der Türe stünden. Aber es war ein Schreck. Die Sprache des Herrn ist auf wesentliche Punkte ausgerichtet. Zweimal wünscht er den Versammelten den Frieden. Er will, dass die Überraschung weicht. Seit dem Morgen des Ostertages wissen die Jünger Bescheid über das leere Grab. Petrus und Johannes hatten die Nachricht bestätigt. An diesem Tag muss etwas besonderes geschehen sein. Die Eindrücke von Jesu Leiden und Sterben sitzen ihnen noch sehr tief im Gemüt.
Der Auferstandene zeigt die Wundmale an seinen Händen und Füßen. Die Zeichen seines Todes sind zum Beweis des Lebens geworden. Will Jesus durch diesen Vorgang den Jüngern vielleicht sagen, dass die Wunden, die uns in einem langen Leben geschlagen werden, auch der Schmuck sein kann, der uns im anderen Leben ausweist als Jünger Jesu? Friede, Glück und Freude halten in dieser Begegnung Einzug. Mit der Auferstehung eröffnet der Vater im Himmel eine neue Dimension des Lebens und des Daseins.
Jesus hält es nicht für notwendig an diesem Abend über das zu sprechen, was in den vorausgegangenen drei Tagen geschehen ist. Dies war bereits ein Thema auf dem Weg nach Emmaus. Die eingeschlossenen Jünger erhalten einen Auftrag für die Zukunft."Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch." Das was Jesus in seinem öffentlichen Wirken in den Städten und Dörfern verkündet hat, soll aufgegriffen werden von denen, die dies alles miterlebt haben. Sie gelten als Augen- und Ohrenzeugen. Die Sendung der Kirche nimmt ihren Anfang. Was den Aposteln in dieser Stunde gegeben wird, ist verknüpft mit einer Gabe von oben, dem Heiligen Geist. Sie können ihren Weltauftrag nicht aus eigenen Stücken umsetzen, er muss bekräftigt werden von Gott.
Nicht immer ist es auf Verständnis gestoßen, wenn es heißt: "Er hauchte sie an." Was soll dieser Gestus? Immer ist das Anhauchen das Zeichen des Lebens. Der Geist Gottes ist belebend und soll wie ein Sturm durch die Welt fahren. Was in dieser Stunden in unsichtbarer Weise geschieht, soll durch ein äußeres Zeichen sichtbar gemacht werden. Hier zeigt sich eine Verbindung zu dem, was uns in den Sakramenten gegeben wurde.
Schließlich wird bei dieser unglaublichen Osterbegegnung den Aposteln die Kraft verliehen, in der Kraft des Gottessohnes die Sünden zu vergeben. Wir wissen, dass die Sündenvergebung einzig Gott zusteht. Gott aber hat seine Macht seinen Vertrauten weitergegeben. Die Priester vergeben die Sünden im Namen des dreifaltigen Gottes, keineswegs aus sich selbst. Sündenvergebung ist ein Geschenk des Ostertages. Die Frage nach dem Vergeben der Sünden und dem Zurückbehalten ist abhängig von der inneren Bereitschaft. Nur wo Reue und innere Buße anzutreffen sind, kann Sündenvergebung sinnvoll und möglich sein. Die Apostel und seine geweihten Priester haben Anteil an der Souveränität Gottes. Sündenvergebung ist ein Geschenk Christi, es ist ein Geschenk, das Freude und Friede schenkt.
"Der auferstandene Christus trägt die neue Menschheit in sich, das letzte herrliche Ja Gottes zum neuen Menschen. Zwar lebt die Menschheit noch im Alten, aber sie ist schon über das Alte hinaus. Zwar lebt sie noch in einer Welt der Sünde, aber sie ist schon über die Sünde hinaus. Die Nacht ist noch nicht vorüber, aber es tagt schon." (Dietrich Bonhoeffer) In der gegenwärtigen Zeit befinden wir uns in einer Zwischenstufe. Wir wissen um die kommende Vollendung Bescheid. Auf dem Weg dürfen wir den Auferstandenen nicht aus dem Auge verlieren.
06. Juni 2004
Dreifaltigkeitssonntag
Te Deum laudamus
Wenn ein Prediger versucht, etwas über die Dreifaltigkeit Gottes darzulegen, wird er recht bald auf taube Ohren oder auf schläfrige Zuhörer stoßen. Einzelheiten über Gott finden geringes Interesse und werden oft für überflüssig gehalten. Gottes Dreifaltigkeit, wie sie uns Jesus, der vom Himmel auf die Erde herabgestiegen ist, geoffenbart hat, ist bei näherer Betrachtung ein beglückendes Geheimnis.
Am Anfang steht der Vater im Himmel. Wenn wir über ihn nachdenken, dann wird uns deutlich, dass Gott der ganz andere ist. Der heilige Augustinus schildert ein Erlebnis, das ihm wie eine Antwort vom Himmel erschien. Er ging am Strand nachdenklich dahin und sah in der Ferne ein kleines Kind. Eilig ging er darauf zu und sah, wie es im Sand eine Grube aushob und bemüht war, Meerwasser mit einer Muschel in die Vertiefung zu schöpfen. Augustinus lachte und stellte die Frage: "Dieses riesige Meer willst du in die kleine Grube schöpfen, niemals wird dir das glücken." Da schaute das Kind auf und sagte: "Und du, Augustinus, willst mit deinem Kopf den unendlichen, unfassbaren Gott verstehen?" Im nämlichen Augenblick war das Kind entschwunden. An einer anderen Stelle seiner Schriften bemerkt der nämliche Augustinus: "Wenn du Gott begreifst, dann ist das nicht Gott." Die Erforschung des Kosmos hat uns mit uns mit Hilfe einer rasant entwickelten Technik zu erstaunlichen Ergebnissen verhoffen. Von einem Forscher stammt das Bekenntnis:. "Ein ernster Naturforscher kann kein Gottesleugner sein, dem wer gleich ihm so tief in die Werkstatt Gottes geblickt und Gelegenheit hat, die ewige Weisheit zu bewundern, der muss vor dem Walten des höchsten Geistes seine Knie beugen!"
Wer meint in Sachen Schöpfung den Zufall einbringen zu müssen, der gleicht einem Menschen, der meint von der Explosion einer Druckerei das Zustandekommen eines Lexikons erwarten zu können. Wenige Meter vom Kloster Sankt Anton in München liegt der Chemiker Justus von Liebig begraben. Von ihm stammt das Wort: "Die Größe und unendliche Weisheit des Schöpfers wird nur derjenige wirklich erkennen, der sich bestrebt, aus dem gewaltigen Buch, das wir Natur nennen, seine Gedanken heraus zu lesen."
An zweiter Stelle des dreifaltigen Gottes nennen wir den Sohn Jesus Christus. Gott ist seit seiner Menschwerdung nicht mehr der Unerreichbare und der Ferne. In seinem Sohn hat sich der Allmächtige mit Schwachheit umgeben und sich zum Gefangenen seiner Geschöpfe gemacht, zu einem, der freiwillig auf die Macht verzichtet. Dass Gott uns Menschen auf der Erde liebt, das wissen wir im Letzten nur durch Jesus Christus. Das Herz Jesu Christi ist der Anfang und das Ende von allem, auch dann, wem süßliche Bilder uns aus dieser Botschaft vertreiben wollen. Die Evangelien künden uns davon, wie der Herr in seinen Worten wahrhaft ein Heilender ist; er liegt als Ausdruck seiner Güte den Menschen die Hände auf, er hält Mahl mit einer Gesellschaft, die mit Gerechten und Sündern durchwachsen ist. Jesus macht deutlich: alle Liebe, selbst die Liebe Gottes wird mit Wunden verletzt, sie trägt das Kreuz, ja, sie stirbt sogar am Kreuz.
In der Anrufung der heiligen Dreifaltigkeit nennen wir an dritter Stelle den Heiligen Geist. Es mag uns schwierig erscheinen, ihm in den Zeichen der Taube und der Feuerzungen wieder zu erkennen. Im Heiligen Geist bleibt Gott den Menschen zu allen Zeiten und auf allen Kontinenten nahe. Ein Patriarch beschrieb sein Wirken mit folgenden Worten: "Ohne den Heiligen Geist ist Gott fern, bleibt Christus in der Vergangenheit, ist das Evangelium ein toter Buchstabe, die Kirche ein bloßer Verein, die Autorität eine Herrschaftsform die Mission Propaganda, die Liturgie eine Geisterbeschwörung und das christliche Leben eine Sklavenmoral."
Jesus hat uns die Botschaft vom dreifaltigen Gott gebracht. Trotz allem, Gott wohnt in unzugänglichem Licht und bleibt für uns nur zugänglich durch die Brücke unseres Glaubens. Wenn ein Kind die Taufe empfängt, geschieht dies im Namen der heiligen Dreifaltigkeit; wenn ein alter Mensch die Erde verlässt, ist es gut, wenn wir in den Sterbesakramenten noch einmal diesen Heiligen Gott anrufen.
25. Juli 2004
17. Sontag im Jahreskreis
Die Schule des Betens
Die Jünger, die sich in der Nähe Jesu aufhielten waren immer tief ergriffen, wenn sie ihren Meister betend erlebten. Es war dies kein Herunterleiern, keine Pflege des herkömmlichen Brauchtums. Keiner konnte so sehr beten aus der Glut des Herzens wie es Jesus tat. Ein wenig von dieser Art des Betens wollten sich die Jünger aneignen. Sie baten ihren Herrn um Belehrung. Im Lukasevangelium ist in knapper Form zusammengefasst, in welche Richtung dieses unser Beten gehen soll.
Vater unser
Wie bei jedem Gespräch rufen wir uns beim Beten ins Gedächtnis, wer uns gegenüber steht, es ist Gott, der Herr des Himmels und der Erde. Wie bedeutungslos sind wir doch vor ihm! Mit dem vertrauten Wort "Vater" knüpfen wir die Verbindung und sind uns seiner Gegenwart bewusst. Durch den Propheten Jesaja lässt Gott sagen: "Kann denn eine Mutter ihr eigenes Kind vergessen? Aber selbst, wenn dies geschähe, Gott wird sein Volk niemals vergessen." Der Mensch kann kund tun, dass ihm Gott gleichgültig ist. Und je mehr er sich von ihm abwendet, um so mehr wächst seine Sorge. Ein frommer Mann formulierte es so: "Gott hat mein Foto vor sich auf dem Tisch liegen. Ich bin ihm immer vor Augen. Er denkt immer an mich."
Dein Name werde geheiligt
Zum rechten Verständnis muss angemerkt werden, dass die Israeliten den Namen "Jahwe" mit großer Zurückhaltung ausgesprochen haben. Zu groß und heilig ist der, der sich mit diesem Namen geoffenbart hat. Durch den Namen soll Gott geehrt werden. Grundsätzlich sollte alles Fluchen verpönt sein, alles Spotten und Lästern. Unser Lobpreis in Wort und Lied ist geeignet, den Namen Gottes zu heiligen. Der Sonntag gilt als gottgeweihter Tag. Die wenigen Minuten des Gottesdienstes dürfen nicht auf dem "Tag des Herrn" gestrichen werden.
Dein Reich komme
Das Reich Gottes kann in seinem Wachstum nicht mit dem Fortschritt der menschlichen Kultur, der Wissenschaft und der Technik vermengt werden. Es besteht in der immer tieferen Erkenntnis der unergründlichen Reichtümer Christi. Das Reich Gottes wächst dort, wo die Hoffnung auf den Himmel wächst. Sie reift dort heran, wo die Liebe Gottes von uns Menschen beantwortet wird.
Gib uns täglich das Brot
Franz von Sales erzählte eine Parabel, in der es um das tägliche Brot geht. Ein Mädchen geht mit seinem Vater spazieren. Mit der linken Hand hält es sich an der Hand des Vaters fest. Doch seine Blicke sind auf der Suche nach Himberen, Brombeeren oder Kirschen. Da und dort pflückt es die gefundenen Früchte ab. Franz von Sales bemerkt: Eine Brombeere oder Kirsche zu nehmen, ist sicher angebracht, gleichzeitig aber muss die andere Hand immer in der Hand Gottes liegen. Bedenken wir: Zwei Drittel der Menschheit geht es schlecht, weil sie zu wenig zum Essen hat. Dem übrigen Drittel geht es schlecht, weil es zu viel isst.
Erlass uns unsere Sünden
Judas Iskariot verriet Jesus und lud Schuld auf sich. Er sah sich verloren und erhängte sich. So groß die Schuld auch sein mag, Gott ist grenzenlos barmherzig. Wir haben das Recht zu hoffen und alles von Gott zu erwarten. Der Vater kommt dem verlorenen Sohn entgegen. Er behandelt ihn mit außergewöhnlicher Güte.
Führe uns nicht in Versuchung
Der heilige Augustinus erzählt von einem Ehemann, der immer fremd ging. Gute Freunde wollten helfen und warnten ihn. Einmal in der Nacht lauerten ihm Männer aus der Verwandtschaft auf und verprügelten ihn. Blau geschlagen kam er nach Hause. Bei jenem fremden Haus wurde er nie wieder gesehen. Der Knüppel hat es fertig gebracht, was der Wille nicht konnte.
Jesus hat seinen Jüngern das Beten gelehrt. Sie haben im "Vater unser" eine Auflistung der Grundanliegen erhalten. Die Unterweisung hat sicher Früchte gezeitigt. Für uns gilt: Wer dieses Gebet mit der Kraft des Herzens betet, geht einen sicheren Weg in der Nachfolge Christi.
12. September 2004
Mariä Namen
Der Tag der Geburt Mariens und der ihres Namensfestes liegen im Kalender nahe beisammen. In feierlicher Form spricht das Evangelium in der Stunde der Verkündigung über diese Frau aus Nazaret: "... der Name der Jungfrau war Maria."
Seit der frühen Zeit des Christentums wird ihr Name von Täuflingen übernommen. Unzählige Frauen haben sich gefreut, dass ihnen dieser Name gegeben wurde. Es gibt auch eine eigene Gattung der Literatur, die sich "Mariendichtung" nennt. Ihr Bild in der darstellenden Kunst ist in seiner Vielfalt kaum aufzuzählen. Was der Prophet Jesaja dem ganzen Volk Israel zugerufen hat, gilt in besonderer Weise für das Mädchen aus Nazaret: "Fürchte dich nicht, denn ich erhöre dich und rufe dich beim Namen, mein bist du."
Nach einer Überlieferung aus alter Zeit wurde den Eltern Joachim und Anna in ihrem Stadthaus in Jerusalem das Töchterchen Maria geboren. Heut steht an dieser Stelle die Sankt Anna - Kirche.
So wie bei Jesus nach der Geburt die Namensgebung folgte, so finden wir diesen jüdischen Brauch auch bei Maria. Der heilige Hieronymus schreibt über diese Ereignis: "Der erhabene Name Maria, welcher der Gottesmutter erteilt wurde, war weder auf Erden erfunden noch von Menschen gegeben und gewählt. Er kam vom Himmel herab und war ihr auf Befehl des Herrn erteilt."
Sprachforscher führen den Namen "Maria" zurück auf das hebräische Wort "Miriam". Es gibt einige Dutzend Erklärungsversuche für den Ursprung des Namens. Manche meinen, er habe seine Wurzel in den Begriffen: Frau, Herrin, Fürstin. Stern des Meeres wird sie genannt, weil ihre Tugenden leuchten wie ein Stern über den Wellen.
Sankt Bernhard schreibt: "Man kann dich, o große, o barmherzige, o liebenswürdige Maria nicht nennen, ohne von einer heiligen Freude und innerlicher Fröhlichkeit ergriffen zu werden..." Beim Konzil von Ephesus (431) erhielt sie zu ihrem Namen den Titel "Gottesmutter". Keiner der Titel kann ihr größeren Glanz verleihen.
Der französische Schriftsteller Charles Péguy (+1914) schreibt, dass er eine Zeitlang das Wort des Vaterunsers "Dein Wille geschehe" nicht aussprechen konnte. Belastende Probleme hatten sein Leben verdüstert. Er war mit Gottes Wille nicht einverstanden. "So betete ich also zur Jungfrau Maria. Die Gebete an Maria sind Stoßgebete. Es gibt nicht eines in der ganzen Liturgie, hörst du, nicht eines, das der elendeste Sünder nicht wahrhaftig sagen könnte. Im Heilsgefüge ist das Avemaria die letzte Rettung. Mit ihm kann man nicht zugrunde gehen... Unsere Liebe Frau hat mich vor der Verzweiflung gerettet."
Unzählige Mädchen und auch Männer tragen den Namen "Maria". Die Namensgebung will das junge, neue Menschenleben unter den Schutz der Heiligen stellen und zuweilen auch die Erinnerung an gütige Vorfahren unvergesslich machen. Eine Veränderung bahnt sich in unseren Tagen an. Nicht nur Maria ist es, die im Verzeichnis der Taufnamen nur noch selten vorkommt, die Namen der christlichen Heiligen verschwinden allmählich.
Womit hängt diese Änderung zusammen? Eine Veränderung zeigt sich auch, wenn Namenstage zugunsten der Geburtstage gestrichen werden. Zweifellos, Geburtstage haben ihren Stellenwert. In ihnen steckt der Dank dafür, dass es den Gefeierten gibt, dass er in unserer Mitte lebt. Es ist nicht notwendig, dass wir unsere Namenstage verschwinden lassen. Wenn ein Heiliger gefeiert wird, wollen wir doch die Freunde Gottes im Himmel anrufen, dass sie den Menschen gute Beschützer seien.
Wenn wir Marias Geburt und ihren Namenstag feiern, verbirgt sich darin wahrhaftig viel Grund zur Freude, Freude, weil wir zu denen gehören, die die Seligpreisung der Geschlechter, entsprechend dem Magnifikat, durch alle Geschlechter weiter tragen.
31. Oktober 2004
31. Sonntag im Jahreskreis
Fest aller Heiligen
Wenn ein Haus aufgerichtet wird, bildet die Hebefeier des Dachstuhles den festlichen und gelungenen Abschluss. Fast könnte man sagen, dem Neubau wird in dieser Stunde die Krone aufgesetzt. Die Handwerker freuen sich mit dem Bauherrn, sie feiern. Ähnlich ist es mit dem Menschenleben. Über Jahrzehnte wird an der Vervollkommnung gearbeitet. Manches misslingt. Am Lebensende schließen wir das Werk ab. Das Sterben soll eine Hebefeier sein für ein gelungenes Leben. Das Ende auf dieser Welt ist erreicht. Ganz deutlich wird der festliche Abschluss, wenn ein Heiliger - ob später heiliggesprochen oder nicht - in die Herrlichkeit des Himmels aufgenommen wird. "Die Natur macht keine Sprünge, aber wenn ein echter Heiliger auftaucht, macht sie einen Freudensprung."
Wer wenig Verbindung hat zur Kirche meint irrtümlicherweise, die Heiligen werden nach einem vorgegebenen Muster gewirkt. Heilige sind keine blutarme und schwächliche Menschen, sie sind in großer Konsequenz den Weg Jesu Christi gegangen, den Weg auch ihres Gewissens. Johannes vom Kreuz sagte, man soll sich niemals einen Heiligen als Modell nehmen. Man könnte sonst an Fügsamkeit verlieren und der Eingebung des Geistes untreu werden, der ja seine Macht und Wesenheit gerade in der Vielfalt seiner Werke und der Vollendung seiner Menschwerdung bei jedem seiner Werkzeuge kundtut. Es war Bruder Johannes, der in der Gemeinschaft mit Franziskus lebte, und ein überaus großer Bewunderer seines Meisters war. Freilich, seine Einfalt wurde auch rasch festgestellt. Um in den Augen Gottes eben so groß zu werden wie sein Vorbild, kopierte er in seinem Tun alles, was er von Franziskus abschaute. Die Mitbrüder waren der Meinung, dass damit die Grenze zum Lächerlichen überschritten sei.
Wenn in unseren Tagen Mutter Teresa und Pater Pio einen so hohen Bekanntheitsgrad besitzen, dann liegt der Grund darin, dass sie außergewöhnlich transparent, durchsichtig wurden für das Göttliche. Die vielen Seligen und Heiligen sind liebenswürdige und vollkommene Anschauungsbilder der neuen Schöpfung, der vollendeten Menschheit. Sie sind der volkstümliche Beleg für das Christentum. Die unfassbare und große Schöpfung wird durch Forscher im Großen und im Kleinen offengelegt. Wir sprechen von der Herrlichkeit Gottes. "Die Himmel verkünden Gottes Ehre." Die Heiligen sind die Offenbarung des Erlöser-Gottes. Sie verkünden über alle Kontinente die Macht und Gnade dessen, der sie geschaffen und von der Schuld befreit hat.
Kardinal Newman (+1890) stellte fest: "Menschen dieser Welt, fleischliche, ungläubige Menschen, können es gar nicht glauben, dass man die Versuchungen, die sie selbst erfahren und denen sie nachgeben, überwinden könne; sie reden sich in die Vorstellung hinein, Sünde sei ganz natürlich und also nicht ihre Schuld, mit anderen Worten, sie leugnen die Wirklichkeit der Sünde. Und wenn sie nun etwas von Heiligen oder ganz allgemein von frommen Menschen lesen, so schließen sie entweder, die Betreffenden hätten keinerlei Versuchung erlebt oder auch, sie hätten sie gar nicht überwunden." Heilige sind uns die Anregung, um das Evangelium in das Leben umzusetzen. Zugleich dürfen wir die Macht ihrer Fürbitte nicht übersehen. Von der seligen Anna Schäffer aus Mindelstetten wird berichtet, dass eine Frau sie kurz vor dem Sterben noch einmal aufsuchte. Sie kam oft zu ihr, um über ihre Sorgen zu sprechen. Die Besucherin bedauerte den baldigen Abschied der Seligen von dieser Welt. Beider ahnten den nahenden Tod. Anna Schäffer meinte: "Geh nur an mein Grab, ich versteh' dich schon." In der Tat, die Heiligen verstehen uns ohne viel Worte, sie wissen um die Sorgen und das Kreuz der Menschen. Gehen wir zu ihnen! Das Fest Allerheiligen ist eng verknüpft mit dem Allerseelentag. Diese gegenseitige Nähe können wir nur begrüßen. In den Gräbern unserer Friedhöfe ruhen unzählige vorbildliche Christen.
19.Dezember 20044. Adventsonntag
Der Unsichtbare wird sichtbar
18Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, daß sie ein Kind erwartete - durch das Wirken des Heiligen Geistes.19 Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloß, sich in aller Stille von ihr zu trennen. 20 Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. 21 Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. 22 Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: 23 Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott ist mit uns. 24 Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. Mt 1,18-24
Die Schwangerschaft Marias, des Mädchen aus Nazaret, hat für Aufregung gesorgt. Ihrer Mutter Anna ist die Veränderung, die mit ihrer Tochter geschah, sicher nicht lange verborgen geblieben.
Es ist anzunehmen, dass Maria nach der Verkündigung durch den Engel sehr bald das Erlebnis ihrer Mutter kund getan hat. Schwierig war es, dem Verlobten, Josef, in das Geschehen einzuweihen.
Wird er es verstehen, wird er sich von ihr trennen? Die Sitten unter den frommen Juden von damals waren streng. In der kleinen Ortschaft wie Nazaret durfte es keine Skandalgeschichten geben. Schon mit der Verlobung, die bereits einen Heiratsvertrag einschloss, ist Maria Gattin ihres Bräutigams Josef geworden. Mit der Überführung der Braut in das Haus des Bräutigams nahm eine eheliche Gemeinschaft ihren Anfang. Wenn sich die Braut nach der Verlobung mit einem anderen Mann einließ, galt dies bereits als Ehebruch. Das Gesetz forderte hier die Steinigung. Josef weiß um Marias Schwangerschaft, ist aber nicht gewillt, seine Verlobte bloß zu stellen, sie in Verruf zu bringen. Der Engel des Herrn hat ihn einbezogen in die Botschaft, die wir Verkündigung nennen. Seine Bedenken konnten ausgeräumt werden. Ohne Josef als Beschützer, hätte Jesus sehr wahrscheinlich seine Kindheit nicht überlebt, er wäre den Schergen des Herodes zum Opfer gefallen.
Wenn der Name des Kindes bereits vor seiner Geburt genannt wird, hat dies eine besondere Bedeutung. "Jesus" soll er heißen. Übersetzt bedeutet dies: "Gott ist Hilfe", das Kind wird als Erlöser seines Volkes, ja, der ganzen Menschheit vorgestellt. Das ganze Lebensprogramm Jesu ist in seinem Namen zusammengefasst. Die schwierige Grenze zwischen Diesseits und Jenseits wird mit dieser Menschwerdung überwunden. Gott gibt uns ein Zeichen. Ein Beispiel mag dies veranschaulichen.
Ein Gelehrter durchstreifte in Nordafrika die Wüste. Als Begleiter hatte er sich einige Araber mitgenommen. Beim Sonnenuntergang breiteten diese Moslems ihre Teppiche am Boden aus und beteten.
"Was macht ihr da?", fragte der Europäer."Ich bete zu Allah."
"Hast du ihn jemals gesehen, betastet und gefühlt?"
"Nein".
"Dann bist du ein Narr!"
Am nächsten Morgen, als der Gelehrte aus seinem Zelt kriecht, sagt er zu dem Araber: "Hier ist heute Nacht ein Kamel gewesen!"
Spöttisch fragte ihn der Moslem: "Haben sie es gesehen, betastet und gefühlt?"
"Nein"
"Dann sind sie aber ein sonderbarer Gelehrter."
"Aber man sieht doch rings um das Zelt die Fußspuren!"
Bei diesem Gespräch ging die Sonne auf in all ihrer Pracht. Der Araber wies hin auf den anbrechenden Tag und sagte: "Da, sehen Sie, die Fußspuren Gottes!"
Der Name des verkündeten Messias lautet: Gott ist mit uns. Wenn unsere letzte Stunde schlägt, wird es unsere unsagbare große Freude sein, den zu sehen, von dem wir auf Erden nur Spuren erkennen können.
Auf die Engel, die Boten Gottes, weist die Bibel hin. Sie sind beauftragt, die Botschaft des großen und heiligen Gottes den Menschen zu überbringen. In unseren Tagen scheint die Existenz der Engel wieder neu ins Bewusstsein gerückt zu werden. Das Wort: "Ich hab' einen Schutzengel gehabt" ist für viele keine leere Formel. Eine uralte Erfahrung verbirgt sich darin, eine Hinweis vom jenseitigen Gott, dass er uns durch sie ein Leben lang begleitet.
Jesus hat uns bei seinen Abschiedsworten vor der Himmelfahrt unverbrüchlich seine Nähe zugesagt: "Seid gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt." Doch wir sinnenhaften Menschen leiden darunter, Gott in dieser Zeit nicht schauen zu können. Ist es gar so, dass Gott sein Antlitz von uns abgewendet hat. Verbirgt er sich vor uns, damit wir ihn suchen? Wir aber können ihn nicht finden, weil wir nicht auf die Suche gehen.
5. Sonntag im Jahreskreis
Licht in dieser Welt
Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. Mt 5,13-16
Es gibt noch Länder, in denen der Transport von Gütern und Menschen in altertümlicher Weise mit Karawanen erfolgt. Kamele und andere Lasttiere folgen dem Anführer. In einsamen Gegenden, in der Wüste, erfolgt die Orientierung durch Sterne am Himmel. Karawanenführer wissen darum Bescheid, sie können sich orientieren an der Konstellation der Sterne. Angenommen, eines der Gestirne würde erlöschen, eine große Irritation wäre die Folge. Es genügt das Fehlen eines Sternes, damit eine Karawane in der Wüste die Richtung verliert. Nicht nur die Reisenden auf abgelegenen Wegen oder die Passagiere auf den Schiffen der Meere bedürfen der orientierenden Leuchten. Wir alle sind darauf angewiesen. Jesus Christus ist gekommen, um Licht in unser Leben zu bringen, uns den Weg zu zeigen.
Das Epiphaniefest liegt erste einige Wochen zurück. Die Evangelien berichteten, wie die Sterndeuter einem hellen folgten und hin fanden zum Sohne Gottes. Mit Gaben sind sie gekommen, als von Gott beschenkte kehrten sie in ihre Heimat zurück. Sicherlich waren sie von diesem Tag an Botschafter des Lichtes, das sie erkennen durften. "Denn siehe Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker, doch über dir geht leuchtend der Herr auf, seine Herrlichkeit erscheint über dir. Völker wandern zu deinem Licht und Könige zu deinem strahlenden Glanz". (Jes 60)
Jeder Christ ist aufgerufen, ein Kind des Lichtes zu sein, im Lichte Gottes seinen Lebensweg zu gehen. "Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht an das Licht".
Von der heiligen Edith Stein stammt ein wegweisendes Wort: "Du sollst sein wie ein Fenster, durch das Gottes Liebe in die Welt hineinleuchten will. Die Scheibe darf nicht stumpf und schmutzig sein, sonst verhinderst du das Leuchten Gottes in der Welt".
Heilige, zu denen auch Edith Stein zählt, sind die großen Leuchten in unserer Welt. Wenn Papst Johannes Paul II ihr Zahl so ausgeweitet hat, dann bedeutet dies, dass er bei allen Völkern der Erde hinweisen will auf jene, die als Leuchttürme der Christenheit jeder Brandung widerstehen konnten.
Einige der bekanntesten Gestalten aus der neueren Kirchengeschichte seien hier aufgeführt.Der Kapuzinerheilige Pater Pio ist in allen Kontinenten rund um den Globus bekannt. Seine Lebensdaten sind leicht überschaubar. Er ist aus seiner süditalienischen Heimat nicht herausgekommen und hat die meiste Zeit damit verbracht, dass er von unzähligen Menschen die Beichte entgegen nahm. Gott hatte ihm besondere Charismen geschenkt. Es war etwas besonderes, dass er mit den Wundmalen des gekreuzigten Jesus gezeichnet war. Sie wurden ihm genommen, als er von dieser Erde ging. Pater Pio war ein leuchtendes Zeichen, das Gott der Welt geschenkt hat.
Als anderes Vorbild in unseren Tagen gilt die Selige Mutter Teresa. Sie sah ihre Berufung im Dienst an den vielen verlassenen und ausgestoßenen Menschen in Kalkutta. Mit der Liebe zu den Sterbenden in einem Hindu-Tempel begann ihr Werk. In der Zwischenzeit kamen hunderte von Frauen, die zu der nämlichen hingebenden Liebe bereit waren. Mit dem Tod der Seligen Mutter Teresa wurde das Werk fortgeführt durch die "Missionare der Nächstenliebe". Im Evangelium benützt Jesus auch den Vergleich mit dem Salz der Erde. Wenn das Salz schal und damit unbrauchbar wird, findet es keine Beachtung mehr. Es wird weggeworfen. Für uns steckt darin ein Warnung. Wir Christen werden ermahnt unsere Berufung nicht leichtfertig zu verlieren. Unser Licht muss vor den Menschen leuchten.
P. Karl Kleiner20. März 2005
Palmsonntag
In vergangenen Zeiten war es etwas besonderes, wenn ein großer Zeitgenosse durch ein Reiterdenkmal vor der Vergessenheit bewahrt werden sollte. Um Beispiele zu nennen: ein Standbild aus Bronze entstand zum Andenken an den römischen Kaiser Mark Aurel, prächtig ist das der heiligen Johanna von Orleans, in München ist das des König Ludwig I nicht zu übersehen. Zuweilen war die Uniform oder eine Rüstung eine weitere schmückende Zugabe.
Etwas ganz anderes ereignete sich vor zweitausend Jahren für einen Mann, dem kein Reiterdenkmal gesetzt wurde, für Jesus Christus. In der einfachen Kleidung eines Zimmermanns aus Nazaret bestieg er für seinen Einzug in Jesusalem einen geliehenen Esel. Wie es bei Pilgergruppen üblich war, setzte sich der Zug für den Einzug in die heilige Stadt Jerusalem ein Betfage in Bewegung, um dann durch das Goldene Tor am Ziel einzuziehen. In den Tagen vor Ostern hielten sich dermaßen viel Menschen in Jerusalem auf, dass dieses Grüppchen aus Galiläa kaum auffiel. Der Messias erscheint ohne irdisches Gepränge. Gottes Sohn hat es nicht nötig, sich mit irdischen Dingen herauszuputzen, er hat es nicht notwendig auf irdische Macht zu setzen. Jesus steht auf der Seite der Habenichts, er liebt die Armen. Offensichtlich gab es in Jerusalem noch eine Reihe Leute, die Jesus kannten, ihm etwas zu verdanken hatten und an ihm als den Messias festhielten. Sie taten ihre Verehrung kund, wenn sie Kleidungsstück auf den Weg legten und ihm mit Palmzweigen zuwinkten. Die Palme war von jeher das Symbol der politischen Unabhängigkeit Israels.
Aus den bösen Zeiten des Nationalsozialismus ist ein Text auf uns gekommen, der von einem Juden im Warschauer Ghetto stammt, er könnte auch beim Einzug Jesu in Jerusalem entstanden sein. "Ich glaube, ich glaube, ich glaube, ehrlich, unerschütterlich und fromm, dass der Messias kommt. An den Messias glaube ich. Und wenn er auf sich warten lässt, glaub' ich darum nicht weniger fest. Selbst wenn er länger auch zögert, doch an den Messias glaube ich .Ich glaube, ich glaube, ich glaube! Wenn der Glaube nicht wär an Gott - gelobt sei er - wozu taugt alles, was immer ich jetzt tu'? Hätte ich kein Hoffen auf die Erlösung, würde es nichts geben, um dafür zu leben."
Die Absicht Jesu war es mit seinem Einzug in Jerusalem im Mittelpunkt des Landes seine Botschaft zu verkünden. Unter den Leuten von Jerusalem verbreitete sich die Nachricht: Der Prophet aus Nazaret kommt! Es wird im Evangelium eigens vermerkt:"Die ganze Stadt geriet in Aufregung."
Jesus war sich im klaren, dass die Bevölkerung von einer politisch gefärbten Erwartung getragen war. Und nun kommt er mit den Kennzeichen eines gewaltlosen Friedensstifters! Die Tempelbehörde war bereits informiert, sah aber, das bei der großen Ansammlung des Volkes nichts zu erreichen war.
Tags darauf sprach Jesus wieder vor den Leuten im Tempel. Mit dem Einzug in Jerusalem war Jesus keine unbedeutende Randfigur mehr. Die Behörden kamen an ihm nicht mehr vorbei. Sie lehnten ihn ab, trotz all seiner Worte, trotz aller Wunder, von denen sie zuverlässige informiert worden waren. Ihre Ablehnung wurde durch das Todesurteil besiegelt.
Die Kirche lädt ein zu Prozession am Palmsonntag, sie lädt dazu die ganze Gemeinde ein - nicht nur die Kinder-. Solche gemeinsame Wege sind immer auch ein Bekenntnis des Glaubens, ein Ja zu Jesus Christus, dem Messias. Unser Hosanna gilt dem Sohne Davids, der bei uns sein will bis zum Ende der Zeiten. Hand in Hand mit der Palmprozession muss unser Bekenntnis zu Jesus im alltäglichen Leben gehen.
Der Einzug in Jerusalem ging auf dem Weg über den Ölberg vorbei am Garten Gethsemane, jenem Stück Erde, auf dem er sehr bald aus Angst mit dem Blutschweiß überdeckt sein wird. Es ist das Stück Erde, an dem er gefangen genommen, zur Passion und zur Kreuzigung abgeführt werden wird. Wie eng liegen am Palmsonntag Jubelruf und der Kuss des Verrates beieinander! Der Herr geht seinen Weg, angefangen am Palmsonntag bis hin zum Ostertag.
1. Mai 2005
6. Ostersonntag
Sind wir überfordert?
In den Tagen des Heiles sprach Jesus: Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch. Nur noch kurze Zeit, und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und weil auch ihr leben werdet. An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch. Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren. Joh 14,15-21
Wenn es im Evangelium heißt, dass wir Gott lieben sollen, erhebt sich da nicht die Frage, ob wir von dieser Einladung nicht überfordert? Die Liebe unter Menschen geht davon aus, dass die Sinne Eindrücke gewinnen über Auge und Ohr, gemeint ist die Wahrnehmung insgesamt, das ein plötzliches oder allmähliches verliebt sein hervorruft. Gefühle können im Bereich der Liebe eine Rolle spielen, oft spielt sie eine überdimensionale, die auf die Dauer nicht zu halten ist. Es gibt auch die Erfahrung, dass Gefühle auch fehlen können, wenn von der Liebe die Rede ist. Gibt es nicht auch eine Liebe, die in dankbarer Verbundenheit ihren Ursprung hat?
Gott, den wir unter den Bedingungen des Irdischen nicht sehen können, ist dennoch der, den wir von Herzen lieben können. Vergessen wir nicht, das er uns zum Leben erwachen ließ. Durch seinen Willen wurden wir wunderbar geschaffen und durch den Erlöser Jesus Christus noch wundervoller erlöst. Nicht umsonst dürfen wir den unbegreiflich großen Gott unseren Vater nennen, nicht umsonst nennen wir Jesus Christus in Dankbarkeit unseren Erlöser. Gott wird in unserem Leben in dem Maß verstanden, im dem er geliebt wird.
Manche Menschen wollen Gott mit den Augen ansehen, und wollen Gott lieben, wie sie eine Kuh lieben, meint Meister Ekkehart, der Mönch von St. Gallen. Sie wird wegen der Milch und dem Käse geliebt, der für den Menschen nahrhaft ist. Ähnlich ist es auch bei jenen, die Gott um des äußeren Reichtums oder um des inneren Trostes willen lieben. Sie lieben Gott, weil er ihnen nützlich ist.
Die Tatsache, dass Gott uns erschaffen hat, dass er uns erhält und liebt, macht den Wert aus, den Jeder Mensch in sich trägt. In den Evangelien erfahren wir bei Jesus eine Theologie der Zärtlichkeit. Es ist doch wundervoll, wie er mit den Kranken, den Sündern, den Ausgestoßenen umgeht! Dieses Wirken müsste in uns doch eigentlich als Echo die Gegenliebe aus lösen. Der Filmautor Wim Wenders bekannte einmal: "Das Christentum enthält eine absolut revolutionäre, befreiende Botschaft, dass Gott wirklicher ist als die Welt, dass alles Leben und Sein von ihm kommt, und dass er uns liebt. Dass es deswegen unsere große, wenn nicht einzige Aufgabe ist, seine Liebe anzunehmen und weiterzugeben."
Wenn wir die Orden der Kirche betrachten, dann
fällt auf, dass die praktizierte Gottesliebe immer auch zur Nächstenliebe führt. Diese Beobachtung gilt auch umgekehrt: wahre Nächstenliebe führt auch zur Gottesliebe.Vom preußischen Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I wird die Anekdote erzählt, er habe bei einer Truppenparade seine Soldaten gefragt: "Soldaten, fürchtet oder liebt ihr mich?" Auf die ehrerbietige Antwort:"Wir fürchten Eure Majestät untertänigst!" habe er auf die "langen Kerle" wütend mit einer Reitpeitsche eingedroschen und geschrien: "Lieben sollt ihr mich!" Gott ist kein Soldatenkönig. Er lädt uns ein, seinen Spuren in den Geboten zu folgen. Dabei lässt er uns die Entscheidungsfreiheit. Freilich, wir müssen uns dabei aller Konsequenzen bewusst sein.
Im Johannesevangelium finden wir die Wort. "Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt." Diese Aufforderung klingt sehr nüchtern. Jesus hat an den Zehn Geboten, die dem Volk Israel gegeben wurden, festgehalten. In seiner Botschaft erfahren wir dann auch, wo er seine besondere Akzente gesetzt hat, was er für wichtig fand. Von Theresia von Lisieux stammt das Wort: "Unser Herr ist in Todesängsten am Kreuz gestorben. Es war der schönste Liebestod, der einzige, den man je gesehen hat."
12. Juni 2005
11. Sonntag im Jahreskreis
Sendung in göttlichem Auftrag
Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden. Dann rief er seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen. Die Namen der zwölf Apostel sind: an erster Stelle Simon, genannt Petrus, und sein Bruder Andreas, dann Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und sein Bruder Johannes, Philippus und Bartholomäus, Thomas und Matthäus, der Zöllner, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus, Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn später verraten hat. Diese Zwölf sandte Jesus aus und gebot ihnen: Geht nicht zu den Heiden, und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Mt 9,36-10,8
Wir halten es für selbstverständlich, dass Jesus bei seinem Weg auf den Straßen Israels von Jüngern umgeben und begleitet war. Angenommen, Jesus wäre ganz allein zu den Menschen gegangen, ohne seine Begleiter, wäre seine Wirkung nicht reduziert worden? Wäre seine Botschaft mit dem überraschenden Tod am Kreuz nicht allmählich verstummt? Wo wären die Zeugen gewesen für das Wunder der Auferstehung aus dem Grab? Jesus wusste, was er tat, als er am See entlangging und seine künftigen zwölf Begleiter angesprochen hat. Dass es zwölf sind, die für die engere Jüngerschaft ausgewählt wurden, liegt wohl bei der Zwölferzahl der Stämme Israels. Jeder ist dazu bestimmt gleichsam eine dieser Ursprungsfamilien zu vertreten.
Israel gilt als der bevorzugte Adressat für die Frohe Botschaft des Gottessohnes. Erst als die Ablehnung zunimmt und es zu seiner Hinrichtung kommt, wird die Brücke geschlagen zu den Nichtjuden. Das auserwählte Volk Gottes der Juden soll nicht eine Ausrede finden, als hätte sie Jesus ja gar nicht gemeint.
Zu den Zuhörern Jesu zählte nicht die Schicht der Reichen, der Arroganten, der Wohlhabenden und Gesättigten. Wenn von Müden und Erschöpften die Rede isst, dann sind wohl jene gemeint, die zur unteren sozialen Schicht gehören. Und solche gab es genug. Im Alten Testament wird öfter die Erfahrung eines Nomadenvolkes vom Hirten und seinen Schafen gebraucht. In der Zeit Jesu hat man diesen Vergleich noch sehr wohl verstanden und auch benützt.
An die Jünger adressiert spricht der Herr von einer großen Ernte, die möglicherweise eingebracht werden könnte. Doch es fehlt an Mitarbeitern; ihre Zahl ist zu gering. Es wird auch der Weg aufgezeigt, wie die Zahl der Arbeiter vergrößert werden könnte. Es ist das Gebet. Gott ist der Herr der Ernte, an ihn müssen wir uns bittend wenden. Wenn wir in unseren Tagen in der Kirche Umschau halten, dann stellen wir in unseren Ländern immer noch einen Mangel an beauftragten Arbeitern fest.
Gott ist es, der die Berufe gibt. Jesus spricht ganz deutlich von der Anrufung Gottes. Gott erhört die Gebete, wenn auch nicht immer so, wie wir es uns zurechtlegen. Der Herr der Ernte kann möglicherweise weit entfernte Diözesen oder unscheinbare Orden bevorzugen, in denen der Boden bereitet ist für das Aufsprießen einer Saat, wo auch junge Menschen hellhörig sind für den Anruf Gottes.
In einer Kirche Roms, in S. Luigi die Francesi, hängt ein bekanntes Bild von Caravaggio: die Berufung des Apostels Matthäus. Wer es einmal näher betrachtet hat, wird das Erstaunen des Apostels, wie es dort dargestellt wird, kaum vergessen. Verblüfft und fassungslos weist er mit dem Finger auf sich zurück, so als wollte er sich vergewissern, ob es tatsächlich ernst gemeint ist , ob nicht irrtümlich eine Verwechslung oder ein Missverständnis vorliegt. Der Ruf Jesu kommt dem Angesprochenen ganz unwahrscheinlich vor. Ich, gerade ich, warum? Es mag ein gutes Zeichen sein für die Echtheit einer Berufung, wenn solche Zweifel auftauchen.
Von seiner Berufung erzählt der Theologe Romano Guardini. Zuerst plante er ein Studium der Chemie, wechselte dann über zur Nationalökonomie. Doch er findet nicht, was er sucht. In Berlin besucht er am Sonntag die Dominikanerkirche. Ein Bruder ging bei der Messfeier mit dem Klingelbeutel durch die Reihen und Guardini war beeindruckt von dem ruhigen Gesicht des Mannes. Er fragte sich, ob er nicht auch Dominikanerbruder werden sollte? Schließlich dachte er daran, den Weg zum Priestertum zu gehen. Er schreibt: "Und da war es, als ob alles ruhig und klar wurde. Ich ging mit einem Glücksgefühl nach Hause, wie ich es seit langem nicht mehr empfunden hatte."
Die Arbeiter, die Gott sucht, müssen für einen hohen Einsatz bereit sein. Die Zwölf, ausgenommen Judas Iskariot, sind uns in ihrer Biografie nur teilweise bekannt. Die kirchliche Überlieferung spricht von den meisten von ihnen und erwähnt ihren mutigen Einsatz, ja, von der Hingabe ihres Lebens.
Die Apostel sind Zeugen Jesu Christi geworden ohne irgendeinen Abstrich.
24. Juli 2005
17. Sonntag im Jahreskreis
Zu uns komme dein Reich
Wenn vom Reich Gottes die Rede ist im Evangelium, dann setzt bei Christen und Nichtchristen häufig ein Rätselraten ein, was denn wohl darin zu verstehen ist. Ist damit die Kirche gemeint? Das wäre zu wenig! Kirche kann als Werkzeug bezeichnet werden, durch ihren Einsatz kann das Reich Gottes auf den Weg kommen.
Wir haben immer in unseren Vorstellungen gespeichert, dass es sich bei einem Reich notwendigerweise immer um ein Stück Land handelt, dass zu einem Reich auch immer Herrschaftsstrukturen gehören. Beim Reich Gottes geht es darum, dass Gott in allem das entscheidende Kriterium wird, dass das menschliche Zusammenleben von Gerechtigkeit und Friede bestimmt wird. Wenn wir in die Weltgeschichte der vergangenen zweitausend Jahre hineinschauen, müssen wir zugeben, dass die Menschen noch weit von dem entfernt sind, was "Reich Gottes" genannt werden kann. Wir sehen nur ein paar strahlende Sterne in den Heiligen.
Jesus sagt deutlich: Sucht zuerst das Reich Gottes, alles andere wird dem untergeordnet. Er selbst lebte die Güte und Liebe, die im Wollen Gottes liegt. Wir müssen genau hinschauen, was es bedeutet, wenn der Messias die Kranken heilt, sich nicht scheut, mit Ausgegrenzten und Sündern bei Tisch zu sitzen, die Wünsche von Heiden zu erfüllen. Gott ist ein Gott der Liebe. Für uns gilt der Auftrag, in unserer engeren und weiteren Umgebung die Güte als Maßstab anzulegen. Die Maßstäbe Gottes sind gemeint, wenn wir beten: "Dein Reich komme!" Wir können auch mithelfen, das das Gebet in die Wirklichkeit umgesetzt wird. Gott wartet darauf, dass wir in unserem Alltag Antwort geben auf seinen Anruf. Ein Blick in unsere Zeit bestätigt uns: die Kluft zwischen den kleinen Anfängen und dem großen, vollendeten Gottesreich ist noch recht beachtlich.
Der anschauliche Vergleich Jesu mit einem winzigen Senfkorn und der ausgewachsenen Staude ist zutreffend. Jesus veranschaulicht es auch mit dem Beispiel vom Sauerteig, der das Mehl durchsäuert, dem Salz, das Geschmack geben soll, und dem Licht, das seine Leuchtkraft immer weiter ausdehnen muss.
Vor einigen Jahrzehnten pflügte in der Gegend von Augsburg ein Bauer, der ein paar Tagewerk Ackerland besaß, seinen Boden. Die Ochsen blieben stehen, etwas Großes, Hartes lag im Erdreich. Es sah aus wie ein Topf und war mit verkrusteter Erde verklebt. Der Bauer warf das rätselhafte Ding auf den Acker seines Nachbarn, mit dem er im Streit lebte. Der wiederum nahm es bei nächster Gelegenheit und warf es zurück. Der ursprüngliche Finder nahm nun den Topf mit nach Hause. Dort stellte er fest, wenn man etwas daran kratzte, dann glänzte er ein wenig golden. Ein Händler kam ins Dorf und suchte alte Dinge, die er aufkaufte. Fünf Mark gab er dem Bauern. Es stellte sich heraus, dass der Gegenstand ein goldener Helm war aus der Zeit, da die Kelten im Land siedelten (etwa 500 vor Chr.) Das britische Museum in London kaufte den Helm für 80 000 Mark. Als der Finder davon hörte, war er maßlos verärgert. Der Vergleich Jesu vom Schatz im Acker wurde der schwäbischen Gemeinde recht anschaulich vor Augen geführt.
Die Kirche ist nicht das Reich Gottes. Sie ist, trotz aller menschlichen Schwächen, ein Zeichen und eine Mittlerin des Reiches Gottes. Sie soll helfen, dass für Gott Platz gemacht wird in dieser Welt.
"Das Reich Gottes ist nichts anderes, als dass die Menschen die Ordnung des Schöpfers und Gesetzgebers verwirklichen. Damit erkennen sie Gott als Herrn und königlichen Regenten an. Böse ist alles, was diese Ordnung stört, was sich gegen Gott und den Gesetzgeber richtet." (Klaus Berger)
P. Karl Kleiner04. September 2005
23. Sonntag im Jahreskreis
Unter vier Augen
Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit, denn jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner. Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein. Weiter sage ich euch: Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Mt 18,15-20
Es kann einem Christen nicht gleichgültig sein, wenn er sieht, dass ein Mitmensch sich auf Abwegen befindet oder vielleicht immer mehr auf ungute Dinge zusteuert. Jesus will nicht, dass wir nur Zuschauer sind, wenn andere sich von Gottes Weisungen entfernen. Er fordert uns auf, Stellung zu beziehen. Dies kann zu allererst einmal geschehen mit einem Gespräch unter vier Augen. Zeigt sich der Betreffende unzugänglich, dann ist es angebracht andere Zeugen hinzuzuziehen. Die Zahl derer, die eine Änderung herbeiführen, kann sich ausweiten. Wer für andere Sorge trägt, hat dabei auch für sich Sorge getragen.
In der Apsis der romanischen Kirche im spanischen Tahull blickt ein majestätischer Christus als König auf die versammelte Gemeinde. Verlässt der Besucher die Kirche, dann begegnet ihm vor der Tür auf einem anderen Fresko der arme Lazarus, dessen Geschwüre die Hunde lecken. Der elende Lazarus hat das gleiche Gesicht wie der herrschende Christus in der Apsis. Der Künstler hat in der Gleichgestaltung der Gesichter die Mitte unseres christlichen Glaubens zum Ausdruck gebracht:
In den Ausgestoßenen begegnen wir Christus. Haben wir in dem, der auf Abwegen ist nicht auch einen armen Lazarus vor uns, einen der sich selbst in eine Not gebracht hat? Die Not ist da, auch wenn sie von anderer Art ist. Es gilt nicht nur, für das Wohlergehen des Leibes zu sorgen, sondern auch für das Wohlergehen der Seele. Jeder Mensch trägt etwas vom Antlitz Christi an sich. Hier darf es keine Verzerrungen geben.
Wenn eine Perle ganz von Schmutz verklebt ist, wird sie deshalb nicht minderwertiger, sie hat immer den nämlichen Wert. Wir sind aufgerufen, die Perle vom Schmutz zu befreien, ihren Glanz wieder zum Strahlen zu bringen. Im Glauben an Jesus Christus finden wir die Kraft, das Dunkel der Schuld durchzustehen, den Weg der Umkehr zu gehen, und dem Leben neu zu dienen. Der Heroinsüchtige meint, sein Glück sei in einer Dosis Gift zu finden. Aber gerade darin zerstört er sich im wahrsten Sinne des Wortes. Auf den sündigen Abwegen bricht der Mensch den Dialog mit Gott ab, er setzt sich selbst sein Ziel, das er vermeint aus eigener Kraft zu erreichen. Jede Sünde ist ein Anschlag auf das eigene Heil, das eigene Glück, die eigene Vollendung. In der Sünde greift der Mensch immer zu kurz. Sicher, er kann in der Sünde auch ein Stück seines Lebens finden; auch gerade sündigend will das Geschöpf sich Glück und Heil verschaffen. Dieses selbst gemachte Heil schenkt nie die erwünschte Zufriedenheit. "Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht." Es gehört ein Stück Mut dazu, auf den anderen zuzugehen, und ihn auf einen krummen Weg aufmerksam zu machen. Nicht jeder kann sich problemlos zu dieser Aufgabe durchringen. Viele bleiben gleichgültig mit der Ausrede: "Das muss der Sünder selbst tragen und verantworten!" Die Anrede unter vier Augen muss von einem geschwisterlichen Ton und von echter Nächstenliebe getragen sein.
Der heilige Pater Pio stand ganz im Dienst der Heimholung der Sünder. Der Arzt seines Ortes suchte ihn durch viele Jahre mit allen Mitteln lächerlich zu machen. Der Spötter wurde krebskrank. Als die Umgebung glaubte, dass das Ende nahe sei, verlangte er nach Pater Pio. Er vermutete zwar, dass der Kapuziner nach dem, was vorgefallen war, von ihm nichts mehr wissen wollte. Aber kaum hatte der Priester den Wunsch vernommen, eilte er an das Krankenbett und begrüßte den Arzt mit großer Herzlichkeit. Gegen alle Erwartung wurde dem Patienten die Gesundheit der Seele und auch die des Leibes geschenkt. Von da an war der Arzt ein überzeugter Verteidiger des Kapuziners.
"Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen." Jeder Mensch trägt Verantwortung für seinen Nachbarn, für den, der nach ihm ruft. Die Rettung kann davon abhängen, dass er rechtzeitig in sorgender Liebe gewarnt wird.
16. Oktober 2005
29. Sonntag im Jahreskreis
Kirchweihfest
Haus Gottes und Pforte des Himmels
Der Glaube unserer Vorfahren hatte die Kraft, in unseren Städten und Dörfern Kirchen zu erbauen. Allein schon wegen deren künstlerischen Reichtums können wir stolz sein auf unsere Kirchen und Kapellen. Ein Stück Erde wurde reserviert, um es Gott zu übergeben, diesem großen und heiligen Gott, aus dessen Händen die Erde hervorgegangen ist.
Unsere Kirchen sind eine steinerne Predigt, und diese Predigt muss wahrgenommen werden. Gott ist es, den sie verkünden und nicht das künstlerische Schaffen unserer Väter. Kirchen drängen sich nicht auf, sie stehen nicht mit einem Werbeprospekt an jeder Ecke. Sie sprechen die Gleichgültigen an, die Zweifelnden, die Suchenden und diejenigen, die im Glauben fest verankert sind. Wir brauchen keinen Dolmetscher und keinen Fremdenführer, um ihre Aussage zu verstehen. Wenn wir unter ihren Türmen stehen, erkennen wir die eigene geschöpfliche Niedrigkeit. Es ist etwas Stärkendes spürbar, wenn wir mit unserer Hand die Fundamente eines heiligen Hauses berühren.
Papst Johannes Paul II war noch Bischof in Krakau als im Stadtteil Nova Huta ein großes Eisenhüttenwerk mit vielen Wohnblöcken entstand. Die kommunistischen Machthaber verfügten, dass dies eine Siedlung ohne Kirche und ohne Gott werden sollte. Das Volk dieser Siedlung mit ihrem kampfbereiten Bischof bestanden darauf, dass sie eine Kirche bauen durften. Sie setzten trotz großen Widerstandes ihr Bauvorhaben durch. Die Arbeiter wollten keine Stadt ohne Gott, ohne Gottesgegenwart.
In unseren Tagen wird in Deutschland darüber nachgedacht, ob Kirchen verkauft oder abgerissen werden sollen. Für Kirchen ist kein Geld mehr vorhanden und die Zahl der Kirchenbesucher schrumpft immer mehr. Deutschland: Quo vadis? Nach einer Statistik sind 81% der Jugendlichen der Ansicht, dass man gläubig sein kann, ohne einer bestimmten Religionsgemeinschaft anzugehören. Soziologen aber wissen, dass Religion ohne Bindung sich im Sand des Unverbindlichen verläuft, sich in subjektive Vorstellungen verirrt und schließlich ihr transzendentes Fundament verliert. Sache der Kirche ist es - religionssoziologisch gesprochen - die Kommunikation mit Gott zu fördern. Wenn die Kirche Gebet und Gottesdienst Raum bietet, wird sie am ehesten von der Gesellschaft angenommen.
Gott wollte und will dauerhaft bei den Menschen wohnen. Er will denen, die in der Kirche sind, bei sich Heimat geben, und er will auch im Herzen des Menschen Heimat finden. Weil es nicht nur um die Bekehrung geht, sondern um ein Wohnen auf Dauer, um ein Bleiben unter den Menschen, aus diesem Grund gibt es die Kirche. Der Theologe Eugen Biser sagt: "Die Kirche mag sich in den Augen vieler noch so enttäuschungsvoll darstellen, so ist und bleibt sie doch die letgitime Stiftung Jesu Christi. Und das heißt umgekehrt, dass jedem, dem an Jesus gelegen ist, auch die Kirche bedeutsam sein muss. Er muss an ihr festhalten, um bei Jesus zu sein. Eine Jesusbeziehung ohne Kirche verläuft über kurz oder lang in Abstraktionen, um nicht zu sagen im Sand."
Jesus spricht davon, dass er Feuer auf die Erde werfen wird. Von dem Feuer sind in unserem Land noch einige glühende Kohlen übrig geblieben. Wir haben unsere Zukunft verloren, wenn wir aus diesen Kohlen und den Funken, die über diesem Erdteil knistern, keine Flamme mehr hervorbringen, eine Flamme, die auch missionarisch auf andere übergreift.
27. November 2005
1. Adventsonntag
Ausschau halten nach Gott
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern. Seht euch also vor, und bleibt wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. Es ist wie mit einem Mann, der sein Haus verließ, um auf Reisen zu gehen: Er übertrug alle Verantwortung seinen Dienern, jedem eine bestimmte Aufgabe; dem Türhüter befahl er, wachsam zu sein. Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt, ob am Abend oder um Mitternacht, ob beim Hahnenschrei oder erst am Morgen. Er soll euch, wenn er plötzlich kommt, nicht schlafend antreffen. Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Seid wachsam! Mk 13,33-37
Es ist weithin in Vergessenheit geraten, dass der Beginn eines neuen Jahres beim ersten Sonntag im Advent seinen angestammten Platz hat. Später hat der Silvesterabend und der darauf folgende Tag die Oberhand gewonnen. Mit dem ersten Adventsonntag werden über das Jahr hin alle bedeutsamen Geschehnisse der Heilsgeschichte in prägnanter Form zusammengefasst. Wir erfahren von Gottes Erwählung des Volkes Israel, von der Vorbereitung des Kommens des Erlösers, von seiner Menschwerdung und von seiner Botschaft, die er an die Menschen ausrichtet. Die Anwesenheit Gottes in Jesus Christus erreicht ihren Höhepunkt im Kreuzestod und in der Auferstehung von den Toten. Seine Jüngergemeinde lebt in der Kraft des Heiligen Geistes weiter. Sie verkündet die Nachricht von der Anwesenheit Gottes auf dieser Erde durch alle nachfolgenden Jahrhunderte.
Im Evangelium des Ersten Adventes werden wir aufgerufen zur Wachsamkeit. Für jeden Menschen gibt es die wichtige Stunde der Gottesbegegnung, den Ruf zum Letzten Gericht. Jesus vergleicht die Situation, in der wir uns befinden mit einem Dieb und einem Hausbesitzer. Einbrechen und Stehlen war vor zweitausend Jahren offensichtlich nicht unbekannt. So überraschend wie ein Dieb kommt er zum unbekannten Tag und zur unbekannten Nachtzeit, so überraschend wird der Mensch vor Gottes Antlitz gerufen. Der plötzliche und unvorhergesehene Tod war in früheren Zeiten eine ungute Sache, die es zu verhindern galt. Hier hat sich auch heute die Einstellung nicht geändert. Andererseits können hochbetagte Leute in einen langen Siechtum oft nicht daran glauben, dass das Leben hier auf Erden zu Ende geht.
Für den einzelnen Menschen zeichnet sich ein Endtermin ab, und für die ganze Erde gibt es ein Ereignis, das wir Weltuntergang nennen. Beides fällt offensichtlich in den allermeisten Fällen nicht zusammen. Die Posaunen des individuellen Jüngsten Gerichtes können bereits im Alarmruf eines Martinhorns erklingen. Unter Leuten einzelner Sekten wird immer wieder ein Zeitpunkt genannt, der das Ende der Welt anzeigen soll. Die Verkünder werden nicht verlegen, wenn es darum geht, Ausreden zu finden, die das Verstreichen der angegebenen Termine begründet. Sie verstehen es immer wieder, den Aufschub zu deuten. Diese Bewegungen haben das Wort Jesu vergessen oder übersehen, wo es heißt, dass Gott der Herr selbst festlegt wann der Schlusspunkt herannaht. Keinem geschaffenen Wesen steht es zu, diesen Termin zu wissen. Von der Endzeit spricht man sogar im Buddhismus. Dort erwartet man das Kommen eines Buddha, den sie Maitreya nennen und der das Ende der Welt beginnen lässt.
Wie gut es der Schöpfer mit uns Menschen meint, ist auch ersichtlich aus der Tatsache, dass wir das letzte Stündlein unseres Lebens und der Erde nicht kennen. Angenommen, jeder Mensch bekäme mit seiner Geburt auch die Zahl seiner Atemzüge mitgeteilt, die Menschheit würde in unvorstellbarer Weise verrückt spielen. Wir können es uns kaum ausmalen, was geschehen würde, wenn hier der Schleier des Verborgenen nicht vorgezogen wäre. Die Weisheit Gottes können wir auch hier wiederum nur preisen.
Wenn Physiker zu diesem Thema befragt werden, dann nennen sie ein Reihe von Möglichkeiten, die eintreten könnten. Es könnte ein Riesenbrocken, der vom Himmel auf die Erde fällt alles verfinstern und alles Leben gewaltig verändern. Die Sonne kann sich eines Tages aufblähen, so dass es auf unserem Planeten so heiß wird, dass wir mit Sack und Pack aufbrechen und uns eine andere Erde suchen müssen. Doch weitaus wichtiger ist die Warnung, unseren Planeten nicht unbewohnbar zu machen. Wir sind munter dabei, unsere Erde so zu schädigen, dass unsere Nachfahren eine beachtliche Zeit brauchen, diese Schäden wieder auszubessern.
Aus Australien kam die Meldung von einer "Siedlung zum Weltuntergang". Ein tüchtiger Geschäftsmann fand heraus, dass es eine Atomkatastrophe geben werde. Statt zum Gebet, zur Umkehr und zur Buße einzuladen, kam sein Angebot, in einem seiner sicheren Atombunker Zuflucht zu suchen. Es heißt, dass noch Plätze frei sind.
Theresia von Lisieux, die bereits in jungen Jahren gestorben ist, hat gegen Ende ihres Lebens das Wort gesprochen: "Nicht der Tod wird mich holen, sondern der gute Gott." In diesem Wort können wir uns getröstet sehen über alle Ängste und Zweifel hinweg.
P. Karl Kleiner06. Januar 2006
Epiphanie - Drei König
Der Stern zog vor ihnen her
Im Evangelium werden die Männer, die nach Bethlehem kamen "Sterndeuter" genannt. Wahrscheinlich trifft dieses Wort die Wirklichkeit besser als unser geläufiger Ausdruck von den drei Königen. Alles deutet darauf hin, dass sie aus Babylonien stammten, dem heutigen Irak. Sie hatten sich in den dortigen Astrologieschulen ihr Wissen erworben, sie hatten gelernt, gewisse Konstellationen der Sterne zu berechnen. Im Jahr 1923 hat ein deutscher Archäologe kleine Tontäfelchen im Irak gefunden, auf ihnen standen Berechnungen, die von Astronomen stammen. Sie waren bereits vor der Geburt Christi angefertigt worden und belegen glänzende Kenntnisse über die Sternbilder. Aus der Sicht der Sterndeuter sollte im Jahr 6 vor Christus dreimal ein heller Stern erscheinen, westlich, über Israel. Da bei unserer heutigen Kalenderberechung ein Irrtum von etwa sechs Jahren vorliegt, dürfte die Berechnung zutreffen für die Geburt Jesu Christi. Im Zweistromland von Euphrat und Tigris lebten auch Juden unter der einheimischen Bevölkerung. Die Hoffnung des jüdischen Volkes, dass der Messias kommen werde, war durchaus bekannt.
Die Sterndeuter sind fremde Menschen, Ausländer, Heiden. Sie suchen den neugeborenen König, der von Gestirnen angezeigt wurde. Sterne haben ihnen den Weg gewiesen. Sie sind überrascht, dass man im Königreich des Herodes für solche Berechnungen nichts übrig hat. In Jerusalem gibt es Schriftgelehrte, die sich in den Texten der Schriftrollen gut auskennen. Sie sind in der Lage, dem König Herodes Auskunft zu geben. Doch die Wirkung, die sie mit dieser Information hervorrufen, ist alles andere als erfreulich. Der König setzt seine Soldaten an zum Kindermord von Bethlehem. So wie man Ungeziefer am Boden zertritt, so will er auch dafür sorgen, dass von einem künftigen König Israels nichts mehr übrig bleibt.
In den Augen des israelitischen Volkes - zumindest was deren Großteil anging - konnte es doch nicht wahr sein, dass Gott beim Kommen des Messias diesen Weg wählt, der hier vorgezeichnet ist: Ein Mädchen aus dem vergessenen Dorf Nazaret soll seine Mutter werden, und in einem Stall zu Bethlehem soll das Kind zur Welt kommen! Tiefer konnte Gott wohl gar nicht heruntersteigen bei der Ankunft eines Erlösers.
Auf der andern Seite benutzt Gott die Gestirne des Himmels, um diese Männer, Fachleute in der Sterndeutung zu benachrichtigen. Durch die Forschung der letzten Jahre wurde uns gezeigt, wie unfassbar groß all das ist, was wir am nächtlichen Himmel sehen oder auch wegen der unvorstellbaren Entfernungen nicht sehen können. Nicht nur das Volk Israel ist von Gott berufen, es sind alle Menschen, die Gottes Botschaft hören. Alle Völker der Erde sind zum Heil berufen, das uns das Kind von Bethlehem gebracht hat.
Das Evangelium erwähnt die drei Gaben: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Es handelt sich dabei um sprechende Sinnbilder. Gold für den König der Welt. Ihm dürfen die Menschen nur das Kostbarste anbieten. Weihrauch für den, den wir anbeten. Dieses Kind ist der menschgewordene Gottessohn, dem wir huldigen und an den wir uns in unseren Gebeten wenden. Das Geschenk der Myrrhe bringt Bitterkeit in dieses Leben und deutet hin auf die Passion, die der Erlöser erdulden wird.
Mit den drei sprechenden Sinnbildern sind alle Generationen der Christen angesprochen. Jesus ist unser König und Herr, vor ihm knien wir nieder. Er soll der Herr unseres Herzens sein. Nicht irgendwelche Götzen dürfen seinen Platz einnehmen. Im Zeichen des Weihrauchs steckt die Aufforderung zur Anbetung. Der heilige Pfarrer von Ars kam einmal in seine Dorfkirche und fand dort einen Mann vor dem Tabernakel, ohne Gebetbuch, ohne Rosenkranz, ohne überhaupt die Lippen zu bewegen. Etwas neugierig fragte der Pfarrer: "Was machst du da?" Er bekam die Antwort: "Ich schaue ihn an und ER schaut mich an." In diesen Worten steckt eine einfache und praktikable Form einer Gebetsschule. Das Zeichen der Myrrhe erinnert uns an das Leid im Menschenleben. Dietrich Bonhoeffer erinnert uns daran: "Das Kreuz Jesu ist das endgültige Ende des Erfolgdenkens." Die Sterndeuter sind gekommen, um diesem Kind zu huldigen. Wir sind eingeladen in ihre Fußstapfen einzusteigen.
26. Februar 2006
8. Sonntag im Jahreskreis
Habt Freude im Herzen!
Von Friedrich Nietzsche stammt der Spruch: "Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben könnte. Erlöster müssten mir seine Jünger aussehen." Ein Institut, dass Meinungsforschung betreibt stellte nach einer ausgiebigen Umfrage fest, dass bei Katholiken die Kirche nicht deckungsgleich ist mit Lebensfreude. Menschen, die der Kirche besonders nahe stehen, sehen besonders unglücklich aus. Aufgeteilt in Katholiken und Protestanten zeigen Katholiken weit weniger Frohsinn. Eine Ausnahme machen lediglich jene, die jünger sind als dreissig Jahre. Es scheint wirklich so zu sein, als ob die Christenheit das Lachen nicht gerade zu ihrem Grundsatz erhoben hat. Gar nicht zu sprechen ist hier von den todernsten Weltverbesserern, die von Grund auf an der Welt und am Leben leiden. Sie erzählen alle schlimmen Dinge, die es auf Erden gibt, und daran bleiben sie kleben. Für sie gibt es nur das Düstere. Haben hier nicht ich auch die vielen Depressionen ihren Stammplatz, die von den Psychotherapeuten immer wieder auskuriert werden müssen?
Ich erinnere mich an einen Priester, der in einer der "Hochburgen" der Narren an diesem Sonntag seine Predigt in Versen zusammengefügt hatte und seine Hörer auf eine fröhlich, dabei aber sehr eindrucksvollen Art die "Frohe Botschaft" zu erschließen suchte. Freilich, er fand nicht bei allen Zustimmung. Dies war zu erwarten. Nicht alle sind bei einer Predigt auf Heiterkeit programmiert.
Wenn wir im Evangelium blättern, im Buch der "Frohen Botschaft", dann müssen wir feststellen, dass uns die große Freude angesagt wird, die allem Volk zuteil werden soll: "Ich verkünde euch eine große Freude!" Der Engel lud die Hirten ein nach Betlehem zu gehen, zum Mensch gewordenen Gottes Sohn.
Von der Freude des göttlichen Hirten ist die Rede, wenn er bei der Suche nach dem verlorenen Sünder fündig wird. Im Gleichnis wird das Bild vom verlorenen Schaf benützt, das der Hirte aufhebt, auf seine Schultern legt und hierbei mit großer Freude erfüllt wird.
Die Freude der Bibel erfasst Leib und Seele. Der Verfasser des Johannesevangeliums muß so etwas verspürt haben, wenn er Jesu öffentliches Wirken damit beginnen lässt, dass er eine Hochzeit mitfeiert und den Mut hat, dem, der für die Tafel sorgt und den ahnungslosen Gästen die Krüge zu füllen. Heute melden sich Kritiker dieses Berichtes. Es wurde nachgerechnet, dass man mit der Weinmenge in den Krügen ein ganzes Dorf betrunken machen könnte. Wäre es nicht besser, sich von der unkomplizierten Fröhlichkeit der Feiernden anstecken zu lassen? Jesus hat ihnen die Freude nicht verdorben und den Hochzeitsleuten und Gästen zeichenhaft gesagt, wie in der Herrlichkeit des Himmels der Mensch ganz und gar mit Freude angesteckt wird. Die Seele, der ganze Mensch ernährt sich von dem, woran er Freude hat. Die Freude ist das Herz des Evangeliums.
Als Professor schrieb Papst Benedikt XVI : "Zur barocken Liturgie gehörte einst der Risus paschalis, das österliche Lachen. Die Osterpredigt mußte eine Geschichte enthalten, die zum Lachen reizte, so dass die Kirche vom fröhlichen Gelächter widerhallte. Das mag eine etwas oberflächliche und vordergründige Form christlicher Freude sein. Aber es es nicht eigentlich doch etwas sehr Schönes und Angemessenes, dass Lachen zum liturgischen Symbol geworden war?"
Freude entsteht dort, wo ein Mensch dem Schönen, dem Guten und Wertvollem begegnet. Das können materielle Güter sein, eine erfreuliche Erfahrung, vor allem aber ein geliebtes Du. Es gibt vielerlei Gründe zur Freude, oft aber werden die Anlässe nicht erkannt. Die Menschen stehen davor und sehen sie nicht, sie hören davon, und begreifen das Angebot nicht.
Wir müssten wohl das Lächeln und das Lachen wieder lernen, und die Welt mit unserer Freude anstecken. Die selige Mutter Teresa meinte: "Wir werden nie wissen, wieviel Gutes ein einfaches Lächeln vollbringen kann."
Diese Zeit des Faschings erscheint manchmal wie ein vorweggenommenes Ostergelächter, sie erscheint wie eine Zeit der unbeschwerten Erlösten. Muss nicht auch Gott ein Optimist sein, wenn er diese Welt schuf, wie sie ist? Er will sie trotzdem in seine vollendete Seligkeit hineinnehmen.
Für den Christen ist die Freude und das Lachen etwas, was Gott uns zugedacht hat.
16. April 2006
Ostersonntag
Der Beginn eines neuen Lebens
Es gibt Gegner der Auferstehungsbotschaft Jesu Christi, die keine Mühen scheuen, um das Geschehen jenes Ostertages nach dem Karfreitag unglaubwürdig zu machen. Alle, die den Tod Jesu besorgt haben, waren eilig bestrebt sich seiner in einer Nacht- und Nebelaktion zu entledigen. Die Grablege, die für Jesus von einem Freund zur Verfügung gestellt wurde, war ganz nahe bei Golgota. Es gab keinen auffälligen Leichenzug durch die Stadt oder an der Stadt vorbei. Ein jüdischer Professor, dem die Stadt Jerusalem in ihrer Geschichte durch alle Eochen wohl vertraut ist, bekennt ganz offen: "Die Botschaft von der Auferstehung Jesu hätte sich in Jerusalem keinen Tag lang halten können, wenn nicht tatsächlich ein leeres Grab Jesu gezeigt worden wäre."
Der Christenglaube bezieht sich auf die Auferstehung Jesu, die Kreuzigung war für alle, die an Golgota vorübergingen eine Tatsache, die mit den Sinnen feststellbar war. Der Glaube bezieht sich auf die Auferstehung aus dem Grab. Es gibt dafür keine unmittelbaren Zeugen. Die Kategorien des Menschen sind an Raum und Zeit gebunden, und diese Kategorien reichen für die Auferstehung Jesu nicht aus. Gott verfügt in seiner Allmacht über mehr Dimensionen als der Mensch.
In Bayern gab es in früherer Zeit den Spruch: "Am Ostersonntag geht die Sonne mit drei Freudensprüngen auf." Nicht nur der Mensch freut sich an diesem Tag, es freut sich auch die große, gewaltige Schöpfung über dieses Ereignis. Wenn wir die Evangelien näher anschauen, dann stellen wir fest, dass der Auferstandene von den einen erkannt wird und von den anderen wiederum nicht. Die ihn wenige Tage vor der Kreuzigung noch gesehen und erlebt haben, konnte er ein Fremder bleiben. Hier sei an Maria Magdalena erinnert und ihre Verwechslung mit dem Gärtner, an die Jünger von Emmaus oder an den Apostel Thomas. Dort wo Jesus das Sehen gibt, dort wird er gesehen und erkannt.
In der Ostkirche ist das Osterfest der Höhepunkt im Ablauf des Kirchenjahres. Entsprechend festlich wird es begangen, entsprechend freut sich das Herz eines gläubigen Christen. Hier hat eine jahrzehntelange Verfolgung den Glauben nicht auslöschen können. Eine Frau, die in Moskau in das Gefängnis der Geheimpolizei gesteckt worden war, erzählte ein Erlebnis. " An einem Abend flüsterte mir eine junge Mitgefangene ins Ohr: Weißt du, was morgen für ein Tag ist? Morgen ist Ostern! Ich war überrascht, denn wir lebten ohne jeglichen Kalender, wir waren ausgeschlossen von diesem hohen Fest. Am nächsten Morgen durchbrach plötzlich ein Schrei die Gefängnisstille. Die junge Gefangene rief aus Leibeskräften: Christus ist auferstanden! Alle wußten, dass derlei Bekenntnis außerordentlich gewagt war. Meine Mitgefangene wagte es. Ihre großen Augen leuchteten. Zur Überraschung kam aus den Zellen der freudige Gegengruß: Er ist wahrhaft auferstanden!
Die Polizisten waren sprachlos. Solche Frechheit war ihnen noch nie untergekommen. Sie stürzten sich auf das junge Mädchen und schleppten es weg. Nach vier Tagen kehrte sie in meine Zelle zurück. Sie war in elendem Zustand und sah abgemagert aus. Die Wärter hatten sie über die Ostertage in eine ungeheizte Strafzelle hungern und frieren lassen. Sie sah mich an und sagte: "Ich habe doch nur die Osterbotschaft im Gefängnis verkündet. Alles andere ist ja gar nicht wichtig."
Ostern ist kein Tag, an dem wir nur die Betrachter eines außergewöhnlichen Geschehens sind, ein Geschehens, das sich vor zweitausend Jahren in Jerusalem wie auf eine Bühne zugetragen hat. Ein jeder, der zu Jesus Christus gehören will, ist einbezogen in die Verwandlung. Gott hat ein neues Ja zu uns irdischen Geschöpfen gesagt, er, der uns geschaffen hat, er will uns erneuern. Ostern ist der Anfang einer allumfassenden neuen Schöpfung.
Die Gestalt des Apostel Thomas, des Zweiflers ist uns wohl bekannt. Jesus weiß um seine Probleme, er geht als Aufestandener auf ihn zu, damit seine Zweifel ausgeräumt werden. Stellvertretend für alle Zweifler darf Thomas den Herrn in seiner neuen Existenz sehen und berühren. Thomas kann allen Zweiflern eine Hilfe sein.
04. Juni 2006
Pfingstsonntag
Komm, Schöpfer Geist!
Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, daß sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. Joh 20,19-23
Komm, Schöpfer Geist!
Was die Jünger Jesu nach der Gefangennahme ihres Herrn fortlaufend erlebt haben, muß für sie wie ein Schock gewesen sein. Mit dem Tod am Kreuz schienen alle Hoffnungen ausgelöscht zu sein, die Auferstehung aus dem Grab widersprach allem Herkömmlichen. Mit der Herabkunft des Heiligen Geistes am Pfingsttag zeigte sich ein neuer Aufbruch und eine neue Anforderung.
"Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren, und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab."
Jesus hat seine Jünger zusammengerufen am Ölberg und ihnen vor seinem Weggehen den Auftrag gegeben, das Evangelium zu verkünden, das heißt, all das, was sie gesehen und gehört hatten als Begleiter Jesu. In der Taufe soll die Glaubensentscheidung besiegelt werden. Im Heiligen Geist beginnt ein neuer Abschnitt der Anwesenheit Gottes unter den Menschen. Der Gekreuzigte und Aufestandene ist heimgekehrt in Gottes Herrlichkeit. Von nun an wohnt Gottes Geist in den Getauften, er erfüllt die ganze Kirche und schafft die wundervolle Gemeinschaft der Christen. Gott sendet seinen Geist, damit die Gemeinschaft der Kirche in der Verkündigung des Wortes und in der Feier der Sakramente das Heilswerk seines Sohnes weiterführen und vollenden kann. Der Heilige Geist ist zum Lebensprinzip der Kirche geworden, der nämliche Geist, der am Pfingstfest auf das Volk Gottes herabkam.
Der Evangelist Johannes überliefert uns die Zusicherung Jesu: "Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen. Denn er wird nicht aus sich selbst reden, sondern er wird sagen, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird. Er wird mich verherrlichen, denn er wird von dem, was mein ist nehmen und es euch verkünden." Bei einer Reihe von Heiligen finden wir eine besondere Verehrung des Heiligen Geistes. Die heilige Kreszentia Höss (+1744) von Kaufbeuren hat ihre Erlebnisse für die Nachwelt niedergeschrieben. Darin schildert sie, wie ihr der Geist Gottes erschienen ist in der Gestalt eines überaus schönen Jünglings in einem schneeweißen Gewand und einem leuchtenden Mantel, mit lockigem Haar und mit sieben um das Haupt schwebenden Flammen oder feurigen Zungen. Kreszentia fügte vorsichtshalber noch hinzu, dass es sich bei einer göttlichen Person weder um einen Mann noch um eine Frau handeln könne, weil sich Gott nicht nach menschlichen Kriterien bestimmen lasse. Trotz kirchlicher Bedenken über diese Beschreibung, fand die visionäre Darstellung weite Verbreitung bei den Künstlern der damaligen Zeit.
In der Vergangenheit wurden viele Spitäler, in denen Kranke und Behinderte betreut werden, nach dem Heiligen Geist benannt. Die Liebe zum Nächsten, die von Jesus ausgeht und von den Menschen verwirklicht werden soll, fand in diesen Häusern eine erstaunliche Verwirklichung.
Eine Statistik hat 21 757 Kliniken, Krankenstationen, Hospize oder Lepra-Stationen aufgeführt, dievon katholischen Gemeinschaften ins Leben gerufen und dann weitergeführt wurden.
Vinzenz von Paul (+1660) schreibt in seinen Erinnerungen: "Ich war damals Pfarrer in einer kleinen Stadt in der Nähe von Lyon. Eines Sonntags, als ich mich gerade zur Heiligen Messe ankleidete, kam jemand zu mir und meldete, in einem abseits gelegenen Haus, etwa eine Viertelstunde entfernt, herrsche große Not. Alle darin seien krank, keiner könne dem anderen helfen. Bei der Predigt kam ich darauf zu sprechen. Als ich selbst dorthin ging, waren so viele Menschen unterwegs, dass man fast von einer Prozesssion reden konnte.
Der Heilige Geist ist die Quelle, die uns zur Gottes- und Nächstenliebe anleitet. Im Gebet rufen wir: "Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Glaubenden!"
Karl Kleiner23. Juli 2006
16. Sonntag im Jahreskreis
Wer zeigt uns den Weg?
Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein Aber man sah sie abfahren, und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an. Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange. Mk 6,30 - 34
Was hatten die Jünger Jesu wohl alles zu erzählen, als sie von ihrer Aussendung zurückkehrten und dem Meister Bericht erstatteten! Durch Monate waren sie mit dem Rabbi aus Nazaret durch die Dörfer und Städte gezogen, waren fasziniert von seinen Worten und von seinen Taten. All dies prägte sich in ihr Gedächtnis ein und auch in ihr Herz. Sie haben gesehen, wie er mit den Armen, Kranken, Leidenden und Sündern umging. Sie wurden von ihm als ihrem Vorbild regelrecht angesteckt.
Jesus wollte nicht einzeln dastehen im Weltgeschehen und nur für einen kurzen Augenblick in der Welt aufleuchten. Das, was er der Welt gebracht und verkündet hat, sollte unters Volk gebracht und verkündet werden. Er berief die Jünger, damit sie seiner Botschaft breite Wirkung geben. Sie erhielten von ihrem Rabbi Jesus den Auftrag in die Dörfer und Städte Israels zu gehen, und seine Botschaft weiterzutragen.
Überraschend ist bei der Lesung des Evangeliums, dass Jesus die Jünger zum Ausruhen einlädt. Solche Pausen haben offensichtlich ihre Berechtigung. Die Saat ist ausgestreut und in aller Stille soll sie bei den Menschen zu sprießen beginnen. Überraschend ist es auch, dass die Leute Jesus und seinen Jüngern nacheilen. Ihre Worte und ihr Wirken hatte es ihnen angetan. Ein vergleichendes Bild benützt der Herr. Als das Volk bei ihm ankam spricht er von Schafen, die keinen Hirten haben. In unserer Zeit bestehe eine unterschwellige Abwehr gegen einen Vergleich aus der Tierwelt. Bei allen Ressentiments, der Mensch bedarf eines Leitbildes, das vorausgeht und den Weg aufzeigt.
Aus der jüdischen Glaubenswelt ist uns eine anschauliche Geschichte überliefert. Der Mann hieß David, und er liebte es in seiner Kinderzeit, Verstecken zu spielen. Einmal verbarg er sich und wartete lange in seinem Versteck auf den Sucher. Er war der Meinung, dass ihn sein Freund an einer ganz anderen Ecke suche und ihn deshalb nicht entdecken könne. Doch nach einiger Zeit merkte er, dass ihn kein Mensch suchte. Er lief weinend zum Großvater und klagte ihm: "Ich habe mich versteckt und mein Freund Mosche hat mich nicht gesucht!" Nachdem der mittlerweile alt gewordene David die Geschichte wieder erzählte, kamen ihm die Tränen. Er sagte: "So klagt Gott über die Menschheit. Er hat sein Antlitz von uns abgewendet und sich vor uns verborgen. Er wartet darauf, dass wir auf die Suche gehen, um ihn zu finden - wir aber suchen ihn nicht!" In der Tat, Gott existiert, der Hirte der Menschen. Die ganze Schöpfung ruft es uns zu.
Im Evangelium ist davon die Rede, dass die Leute dem Boot, in dem sich Jesus befand, nacheilten. Sie wollten seine Worte hören. Jesus und seine Begleiter fanden nur einen einzigen Ausweg, sie suchten einen abgelegenen Ort. Doch was geschah, die Suchenden gaben nicht auf, sie erreichten das vermeintliche Abseits noch vor den Booten.
Neben denen, die auf der Suche nach der Gottes sind, gibt es Menschen, die offen bekennen: "Ich brauche Gott nicht!" Ja, sie brauchen Gott nicht, dafür aber gehören reichlich Tabletten und Getränke in ihr Leben. "Von der Sehnsucht blieb die Sucht, von der Liebe die Gier, von der Politik die Intrige, von der Macht die Gewalt, von der Autorität der Zwang, von der Technik die Angst, vom Reichtum der Streit, vom Glauben das Brauchtum; selig der Mensch, der Gott braucht!" (Martin Gutl)
Hier ist auch zu bedenken, dass Gott nicht etwas ist, vergleichbar den Dingen, die uns umgeben und die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können. Gott ist nicht wie ein verlorener Knopf, den man suchen muss und finden kann. Gott ist der ewig Unauffindbare, das ewig Unaussprechliche. Vor ihm müssen unsere Sprachen und unsere Grammatiken versagen. In den Büchern des Alten Testamentes finden wir eine große Ehrfurcht, wenn es um Gott geht. Der Name Gottes "Jahwe" gilt als so heilig, dass er immer mit einer Umschreibung genannt werden musste.
Die Israeliten riefen ihn an mit den Eigenschaften, die sie an ihm erlebten.
Gott suchen und seinen heiligen Sohn Jesus Christus, ist uns als Aufgabe gegeben, die unser ganzes Leben ausmacht.
10. September 2006
23. Sontag im Jahreskreis Maria, gesegnet vor allen Frauen
Dieser Sonntag im Jahreskreis ist eingerahmt von zwei Marienfesten. Wie ein prächtiger Rahmen ein Bild umgibt, so schmücken die Feste "Mariä Geburt" und "Mariä Namen" den Tag des Herrn, den Tag, der als Tag seiner Auferstehung von den Toten im Kalender Eingang gefunden hat.
Mariä Geburt
Joachim und Anna benennt die Überlieferung, die bereits aus dem Jahr 150 stammt, die Eltern Mariens. Auch wenn viel Legendäres diesen beiden Namen hinzugefügt wurde, so steht doch fest, dass beide aus der einfachen Schicht des Volkes Israel stammten. Gott, der die Macht hat, die Auswahl zu treffen aus allen Völkern und auch aus allen Jahrhunderten der Weltgeschichte, um eine Mutter zu wählen: aus der Ehe von Joachim und Anna kommt das Mädchen, das dem Heiland der Welt eine menschliche Natur schenken durfte. Gibt es etwas Größeres für ein Mädchen, das zur Zeit der Verkündigung etwa vierzehn Jahre alt war, als Mutter Gottes zu werden? Sie war die Auserwählte, die Braut des Heiligen Geistes.
Wenn es heißt, dass Maria ohne Makel der Erbsünde im Schoß ihrer Mutter Anna herangewachsen ist, dann bedeutet dies, dass vom ersten Augenblick ihrer Existenz alles Böse und Diabolische ferngehalten wurde. Die Kirche spricht davon, dass sie die Vor-Erlöste der Menschheit ist. Bei Gott spielt offensichtlich der Faktor "Zeit" nicht die Rolle wie dies bei uns Menschen der Fall ist.
In Lourdes war es, wo sich Unsere Liebe Frau dem Mädchen Bernadette vorgestellt hat als die, die ohne Makel der Erbsünde empfangen wurde. Für viele Leute ist diese Aussage schwer zu verstehen. In diesem Titel halten wir fest, dass Maria vom ersten Augenblick ihrer Existenz an nicht vom Bösen berührt wurde. Vereinfacht bedeutet dies: dort wo Gott in seinem Sohn Jesus Christus Platz greifen wollte, durfte der Einfluss Satans nicht das Feld beherrschen. Dort wo Gott wohnt, kann in keiner Weise der Satan Platz greifen. In einem Lobpreis, den der heilige Cyrill (+444) verfasst hat, heisst es: " Sei gegrüßt, Maria, Gottesgebärerin, Jungfrau und Mutter, die du uns das Licht gebracht hast. Sei gegrüßt, du Mutter und Magd, Kleinod unserer Erde und stets brennende Leuchte. Aus dir ist die Sonne der Gerechtigkeit hervorgegangen. Sei gegrüßt, Maria. Du bist die Wohnung dessen, den Himmel und Erde nicht fassen können. Durch dich ist uns unaussprechliche Gnade zuteil geworden. Durch dich ist uns das wahre Licht aufgegangen, Jesus Christus unser Herr! Durch dich erhielten wir den, der Hölle und Tod besiegt hat! Durch dich sind alle gerettet worden. Sei deshalb immerdar gepriesen von allen, denen dein Sohn Heil erworben hat."
Mariä Namen
In unseren Tagen ist der Name "Maria" wieder häufiger in den Taufregistern anzutreffen. Die Hinwendung zu diesem Namen, der oft als altmodisch bezeichnet wurde, vor allem dann, wenn er in lieblos verkürzter Form über die Lippen gekommen ist, ist erfreulich. Der heilige Hieronymus (+419) nahm Bezug auf den Namen Mariens und schrieb: "Der erhabene Name Maria, der der Muttergottes zuteil wurde, war weder auf der Erde erfunden noch von Menschen ausgewählt und gegeben. Er kam vom Himmel herab und war ihr auf Befehl des Herrn erteilt."
Dutzendfach haben Menschen versucht, diesen Namen von seinem Ursprung her zu erläutern. Vieles davon mag stimmen, anderes wiederum nicht. Im Grunde liegt darin nicht das Entscheidende.
Wie oft wird der Name "Maria" genannt im Gebet, wie oft in den Liedern. Unser Zählen reicht hier kaum aus. Wie oft tritt Maria uns entgegen in Bildern der Kunst! Wie oft können wir sie erkennen in Darstellungen, die keineswegs den Anspruch erheben, hohe Kunst zu sein. Der heilige Bernhard schreibt: "Man kann dich, o große, o barmherzige, o liebenswürdige Maria nicht nennen, ohne von einer heiligen Freude und von einer innerlichen Fröhlichkeit ergriffen zu sein."
In der bekannten Anrufung "O Maria hilf!" wird Unsere Liebe Frau in größter Not angegangen. Und in den unzähligen Votivtafeln lesen wir "Maria hat geholfen!" diesem Ruf werden zumeist Worte des Dankes hinzugefügt.
Vom Franzosen Paul Claudel stammen liebevolle Worte, die an die Muttergottes gerichtet sind: "Mitten am Tag. Ich sehe die Kirche offen. So trete ich ein. Du Mutter unseres Herrn, ich komme nicht zu beten. Nichts habe ich anzubieten, nichts auch zu erflehen. Ich kommen nur, Mutter, um dich anzusehen, dich anzuschauen, zu weinen vor Glück, denn ich weiß, dass ich dein Sohn bin, und du bist mit mir, ganz leise, und während alles innehält, eine kleine Frist - Mittag - bei dir weilen darf, Maria, da, wo du bist. Einfach weil du da bist, einfach weil du bist, so sei dir Dank gesagt, Mutter unseres Herrn Jesus Christus.
29. Oktober 2006
30. Sontag im Jahreskreis
Er konnte wieder sehen
Sie kamen nach Jericho. Als er mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich. Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. Und Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können. Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg. Mk 10,46-52
Eine Gruppe von Jugendlichen wollte in eigener Person erleben, was es heißt, blind zu sein. Sie verbanden sich einen Tag lang die Augen. Nur einer von ihnen war ausgenommen. Er sollte das ungewohnte Verhalten der Freunde überwachen. Nach vierundzwanzig Stunden war das Experiment zu Ende. Die Jugendlichen hatte neu entdeckt, was es heißt, Licht, Sonne, Farben und Dinge zu sehen. Sie meinten, dieser Tag habe sie gelehrt, die Welt neu und intensiver zu sehen.
Nach Albrecht Dürer, dem bedeutsamen Meister der Malkunst, ist das Sehen "der alleredelste Sinn des Menschen". Es ist zu wenig, wenn wir unser flüchtiges Bedauern äußern bei der Begegnung mit blinden Menschen. Wichtiger ist es, uns zu freuen, Gott zu danken für das Augenlicht, das uns geschenkt wurde.
Im Sonntagsevangelium erfahren wir, wie Jesus einem Blinden begegnet. Der Weg führte Jesus durch das Jordantal nach Jericho. Hier kreuzen sich die Straßen und ein Weg führt durch die Wüste hinauf nach Jerusalem. Nach der Zeitangabe des Evangeliums war dies der letzte Weg, den Jesus vor seiner Hinrichtung ging. Ein Bettler sitzt am Wegrand, er erkennt den Herrn und schreit, dass er ihm helfe. Der Bettler ist blind. Sein Anliegen ist es, dass ihm das Augenlicht wieder geschenkt wird. Als Bettler am Straßenrand versteht er es, seine Stimme einzusetzen und um Hilfe zu schreien. Das Evangelium nennt diesen Mann mit seinem Namen, er ist kein unbekannter, er heißt Bartimäus.
Nach der Schilderung geht Jesus mit vielen Begleitern durch die Stadt. Sie finden dieses Geschrei lästig und machen sich daran den Aufdringlichen ruhig zu stellen. Der Blinde benennt Jesus als den Sohn Davids. Dies bedeutet, dass er an den glaubt, von dem in den Schriften des Alten Testamentes die Rede ist, den Messias, der aus dem Hause David stammt. Der Glaube und das Vertrauen sind offensichtlich maßgebend. Jesus gibt Anweisung, dass der Blinde zu ihm vorgelassen wird. Er kommt, und der Herr stellt die Frage, was er sich von ihm wünscht. Eigentlich eine überflüssige Frage bei einem der blind ist. Jesus will, dass der Blinde sein Anliegen zur Sprache bringt, dass er es mit eigenen Worten formuliert. Und dann geschieht es, um selben Augenblick wird er sehend.
Bei diesem Erlebnis fragen wir, warum Jesus dem Bartimäus das Augenlicht wieder schenkte, bevor er hinaufging nach Jerusalem, um dort den Kreuzestod zu sterben? Es gibt neben der Blindheit des Leibes auch die des Geistes. Sehen, und doch nicht sehen! Das Volk Israel hat trotz der vielen Zeichen des Himmels, ihn, den Menschensohn nicht erkannt, oder nicht erkenne wollen. Sein Kommen entsprach nicht den vorgeformten Erwartungen. "Er kam in sein Eigentum, aber die Seinigen nahmen ihn nicht auf." Wie die Hand, die vor die Augen gehalten wird, den größten Berg verdecken kann, so verdeckt das kleine irdische Leben den Blick für die ungeheuren Lichter und Geheimnisse, deren die Welt voll ist. Wer die Hand wegnimmt, der sieht das große Leuchten.
Ein frommer Mann bekannte: "Meine Augen, Herr, sind blind, sie sehen nur, was sie sehen wollen.
Meine Ohren, Herr, sind taub. Sie hören nur, was sie hören wollen. Herr, öffne mir Augen, Ohren, Hände und Herz, dass ich ein Mensch nach deinem Bild werde."
Viele Menschen haben in unseren Tagen das Sehen verlernt durch zuviel sehen. Es gibt einen optischen Lärm, der nicht anders ist als der akustische. Auf diese Weise wird eine tiefergehende, deutliche Wahrnehmung unmöglich gemacht. Und jeder Mensch, der das sinnenhaft Wahrnehmbare überschreiten will, der Gott sucht und seinen menschgewordenen Sohn Jesus Christus, der kann nicht billig an der Oberfläche verweilen. Ein gangbarer Weg zu Gott ist der, dass es still wird in unserem Leben, optisch und akustisch. Auf diese Weise finden wir in einer ersten Stufe zu uns selbst. Ein Wort des Propheten lautet: "Ich will sie in die Wüste führen und dort zu ihrer Seele sprechen."
Es scheint ein Geheimnis zu sein, dass so viele Menschen auf dem Jakobusweg zum spanischen Santiago unterwegs sind. Für manche ist es ein sportliches Unternehmen, doch viele sind auf der Suche nach Gott und nach dem Sinn des Lebens. "Jeder Pilgerweg ist eine Art Übergangsritus vom Profanen zu Heiligen, vom Illusorischen zur Realität, von der zeitlichen Begrenzung zur Ewigkeit." In den großen Wallfahrtsgruppen, die in jährlicher Regelmäßigkeit nach Altötting pilgern, zeigt sich ein Heimweh nach dem Himmel, nach Gott. An solchen Stätten begegnen sich die sichtbare und die unsichtbare Welt.
Der Blinde von Jericho, Bartimäus, rief: Herr, mache, dass ich sehend werde!" Könnte dies nicht auch unser Gebet werden?
17. Dezember 2006
3. Adventsonntag Der Täufer am Jordan
Johannes, der Buß- und Umkehrprediger vom Jordan wird von jedem der vier Evangelisten bestätigt. Es wird bestätigt, dass er als Vorläufer das Auftreten Jesu eingeleitet hat. Nur bei Lukas erfahren wir mehr von ihm. Lukas hält daran fest, dass Jesus und Johannes blutsverwandt waren. Der Vater Zacharias war der Nachkomme eines Priesters. Nach der Babylonischen Gefangenschaft wurde der Vorfahre des Zacharias der Klasse von Abija zugezählt. Auch Elisabet, die "Tochter Aarons" entstammte einer priesterlichen Familie. Zacharias und Elisabet, beide waren geprägt von echter irsaelitischer Frömmigkeit: "Sie waren beide gerecht vor Gott und wandelten untadelig in allen Geboten und Satzungen des Herrn."
Der Evangelist Lukas spricht bei Elisabet und Maria als von "Verwandte". Auch Maria mußte nach damaliger Familienordnung die Tochter eines Priesters gewesen sein. Der Text des Evangelium lässt darauf schließen, dass sich beide Frauen gut gekannt hatten. Dies lässt auf enge verwandtschaftliche Verbindung schließen. Und dies trotz der örtlichen Entfernung. Nazaret ist von Ain Karim etwa einhundert Kilometer entfernt. Die vornehmen Priester der Juden hatten in Jerusalem ihren Wohnsitzt, die tiefer getellten Klassen lebten verstreut ringsum im Land.
Ohne nähere Angaben ist im Evangelium davon die Rede, dass sich Johannes, der Sohn des Zacharias und der Elisabet am Ufer des Jordanflusses aufgehalten hat. Die geschichtliche Überlieferung spricht von der Taufstelle des Johannes am Unterlauf des Jordans, kurz vor der Mündung in das Tote Meer. Die Leute, die ihn hören wollten, kamen aus Jerusalem und den umliegenden Dörfern. In seiner Predigt ist er mit seinen Forderungen nicht zimperlich. Die Zuhörer fühlen sich offensichtlich teilweise sehr angesprochen. Mit seiner ganzen Existenz ist dieser Mann eine Botschaft. Den Reichen und Eitlen empfiehlt er, von ihren vielen Kleidern und dem Luxus etwas abzugeben. Es kamen viele, denen die Armut an der dürftigen Kleidung anzusehen war. Die Zöllner der damaligen Zeit hatten das Privileg, nach Belieben einen Gewinn für sich selbst zur gesetzlichen Vorgabe aufzuschlagen. Johannes sagt zu den Reumütigen: "Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist!" Aus den Garnisonen kamen Soldaten und bekamen bei Johannes ein schlechtes Gewissen. Sie wollten sich bessern. Zu ihnen sagte der Wüstenprediger: "Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold!"
Johannes war keine weltfremder Prediger am Jordan. Er wußte recht gut, wo ein neuer Ansatz zum Guten angebracht ist. Treffsicher hat er auf die Fragen geantwortet. Das Hinabsteigen in das Wasser und das Untertauchen waren symbolische Handlungen. So wie der Schmutz des Körpers abgewaschen wird, so soll im Inneren des Menschen das Herz rein werden. Das Bad für rituelle Reinigung war beim jüdischen Volk nichts Unbekanntes. Dieses Hinabsteigen in das Wasser geschah bei frommen Leuten täglich. Der Täufer gab eine Erläuterung zum Untertauchen in das Wasser. "Ich taufe euch nur mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen."
Der Dominikaner Johannes Tauler fragte seine Zuhörer einmal: "Warum seid ihr noch nicht heilig?" Und er antwortete: "Weil ihr noch nicht umgekehrt seid!" Es eine Weisheit der Menschen, dass die längste Reise, die Reise nach innen ist. Jeder, der über den Zustand der Welt jammert, und ihr eine Besserung wünscht, könnte viel erreichen in der Qualitätsverbesserung, wenn er bei sich selbst anfangen würde. Ändern sollen sich immer nur die anderern.
Johannes, der Täufer vom Jordan, ist nicht nur eine Randerscheinung der Heilsgeschichte. Würde er in unseren Tagen auftreten, er würde gar nicht fertig, all das aufzuzählen, wo eine Umkehr dringend angebracht wäre. Die Welt und wir selbst brauchen Stimmen, die die Sünde beim Namen nennen, die allen Ernstes dazu aufrufen, im Leben ein gutes Stück besser zu werden. Sicher, wenn eine solche Stimme ertönt, werde wir schnell abdrehen. Hörer und Zuschauer suchen einen anderen Sender, einen der vergnüglicher ist.
P. Karl Kleiner02. Februar 2007
Darstellung des Herrn
Zum Haus des Vaters
In der Zeit, in der Jesus lebte, gab es ringsum eine Reihe von Königreichen. Oft waren dies nur Zwergstaaten. Israel fällt hier aus der Reihe. Die Israeliten wollten keinen König. Allerdings, für einige Zeitabschnitte galt dies nicht. Das Volk der Juden hatte es nicht vergessen, dass in der Zeit des Mose Gott mit ihnen einen Bund geschlossen hatte, sein Volk sollten sie sein, und er wollte ihr Gott und König sein. Im Gesetz war es Vorschrift, Erstlinge bei Früchten und Tieren, vor allem aber männliche Erstgeburten dem Herrn zu weihen. Diese Erstlinge galten als Gottes Eigentum. Um ein Eigenleben führen zu können, wurden sie losgekauft. Im Evangelium ist von Tauben die Rede, die für arme Leute als Lösegeld angeboten wurden. Bei der Darstellung Jesu war der Loskauf etwas Äußerliches. Im Letzten blieb dieses Kind der Erstgeborene des Vaters und war so sein Eigentum. Er wird nicht losgekauft. Jesus wird andere loskaufen. Das Lösegeld ist das Blut seines Herzens.
Dieser vorgeschriebene Brauch der Dastellung im Tempel hätte in Israel kaum besondere Aufmerksamkeit hervorgerufen als Jesus, Maria und Josef das Heiligtum betraten. Ein Mann namens Simeon kam auf die Familie zu, und grüßte mit ungwohnten Worten das Kind. Simeon gehörte nicht der Priesterkaste an, er war ein einfacher Mann von tiefer Frömmigkeit. Es wird erwähnt, dass er auf den Messias wartete, auf den Trost Israels. Gottes heiliger Geist führte ihn in dieser Stunde zum Tempel. In ihm lebte die Überzeugung, dass er vor seinem Tod noch die Ankunft des Erlösers erleben werde. In dieser Stunde der Begegnung sagte er: "Jetzt lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel". Simeon sieht den Abend seines Lebens heraufziehen. Das Sterben ist für ihn ein Gehen zu Gott. Zeit seines Lebens war sein Herz auf dieses Ziel gerichtet. "Meine Augen haben dein Heil gesehen". Seine Augen sehen den, der Heil und Heiligkeit zur Erde bringt. Jesus ist der Heilende, der Heilige Gottes. Simeon mag in seinem Leben viel Unheil und Unheiliges gesehen haben, jetzt blickt er in die Augen des Erlösers.
Die Erlösungsbedürftigkeit ist bei Simeon nicht eingegrenzt auf Israel, er spricht von der Erleuchtung der Heiden, von der Erleuchtung aller Menschen dieser Erde, die guten Willens sind. Es gibt keine Eingrenzung des Heils auf die zwölf Stämme Israels. In der großen Freude seines Herzens stimmt Simeon ein Loblied an auf den neugeborenen Messias.
Der fromme Simeon wendet sich an Maria. Seine Worte klingen nun hart: Zum Fall und zur Auferstehung vieler wird dieses Kind werden, es wird ein willkommenes Zeichen sein, und ein Zeichen dem widersprohen wird. Die Ablehung soll keine Überraschung sein. Der Christenglaube ist ein Moment der wichtigen Entscheidung. Es gibt ein gläubiges Ja, das ein Ausrichten des Lebens nach diesem Evangelium beinhaltet, und es gibt ein Nein, das von Gott und dem Erlöser Jesus Christus nichts wissen will. An Jesus Christus scheiden sich die Geister. Zu Maria sagt Simeon: "Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen." Das Schwert wird der Widerspruch sein, den ihr Sohn erfährt. Schon kurz nach der Geburt des Erlösers zeigt sich Maria als die "Schmerzhafte Mutter". Bald wird sie unter dem Kreuz ihres Sohnes stehen. Sein, von der Lanze durchbohrtes Herz, und das von Simeon ihr zugesprochenes, wird zu einem großen Opfer der Liebe werden.
Zum greisen Simeon kommt die fromme Anna hinzu. Sie ist auch eine Botin, die den Juden von der Ankunft des Messias berichtet. Die beiden Personen, die zur Darstellung im Tempel stoßen, werden im Evangelium zu Botschafter für die ganze Welt.
Wenn das Evangelium davon berichtet, dass sich Maria und Josef wunderten über alles, was sie im Tempel bei der Darstellung des Erstgeborenen vernommen haben, bedeutet dies, dass sie keineswegs über alles im klaren waren, dass auch sie nach dem Weg abtasteten, den Gott ihnen weisen wollte. Immer wieder neu wurde ihnen ein Ja abgefordert.
Bei diesem Bericht von der Darstellung im Tempel könnte der Eindruck entstehen, dass der Erlöser vorwiegend für alte Leute gekommen ist. Simeon und Anna werden getröstet. Doch die Glaubensreife, die sich bei diesen beiden zeigt, gilt für alle Lebensalter, für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren. Von Kardinal Newman stammt das Wort: "Der wahre Christ ist ein Mensch der mit Christus lebt und den wiederkommenden Herrn sehnsüchtig erwartet."
26. März 2007
Fest Mariä Verkündigung
Der Engel des Herrn
Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria. Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine Herrschaft wird kein Ende haben.
Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. Auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat. Denn für Gott ist nichts unmöglich. Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel. Lk 1,26-38
Die Franziskaner im Heiligen Land haben das große Verdienst, die Stätte der Verkündigung an Maria mit einem würdigen und schönen Kirchenbau geschmückt zu haben. Von 1960 bis 1969 wurde an der Basilika gebaut und dabei auch mit großer Sorgfalt der Untergrund erforscht. Seit dem 2. Jahrhundert kam es über alle Turbulenzen der Geschichte fünfmal zu einem Kirchenbau über diesem denkwürdigen und geheiligten Platz. Das Herz der Basilika bildet der von Natursteinen geformte Raum, in dem sich nach der Überlieferung Maria aufgehalten hat in der Stunde der Verkündigung. Am Fuß des dortigen Altares stehen die Worte: "Hier ist das Wort Fleisch geworden". Auch wenn die Stürme, die über Nazaret hinzogen, dem Platz sehr zugesetzt haben, so ist der Pilger angesichts der erhaltenen Spuren doch beeindruckt von diesem gewöhnlichen und unbedeutenden Haus der Eltern Marias, der heiligen Joachim und Anna.
Maria, ein junges, unbekanntes Mädchen ist die Erwählte Gottes. Viele aus dem Hause Israel fragen sich noch heute, warum Gottes Wahl nicht auf eine Tochter aus reichem und angesehenem Haus in Jerusalem fiel. Warum fiel die Wahl Gottes ausgerechnet auf Maria aus Nazaret? Unter dem Volk der Juden gab es viele, die den Namen "Maria" trugen. Eine Mutterschaft im Leib Marias wäre ohne Gleichklang mit ihrer Seele nicht denkbar gewesen. Sie konnte Mutter dieses Sohnes, der mit keinem anderen Menschen zu vergleichen ist, nur werden, wenn sie es in ganzer Person war. Maria lebte ein Leben, wie es bei ihren Altersgenossinen gleichermaßen anzutreffen war. Sie war verlobt mit Josef. Die Eltern trafen jeweils die Wahl für Braut und Bräutigam. Nazaret hatte noch lange nach dem Leben Marias den Ruf, dass dort die jüdischen Sitten streng beobachtet wurden. Die Botschaft des Engels weckte in ihr die Überlegung, ob Gott möglicherweise will, dass sie sogleich die Ehe mit Josef einginge.
Alle Worte des Dialogs zwischen Maria und dem Boten Gottes sind von Bedeutung. Maria ist eine Frau, die Gnade gefunden hat vor Gott. Wir übersehen allzu leicht, dass jede Gnade etwas ist, das wir als Geschenk bekommen. Hier liegt kein menschliches Verdienst zu Grunde. Ewas besonderes ist es, wenn die Gnade von Gott kommt und nicht von irgendeiner menschlichen Instanz.
In dieser Stunde der Verkündigung geschieht es, dass sich die zweite Person der heiligen Dreifaltigkeit der Erde zuwendet und im Schoß des Mädchens aus Nazaret eine menschliche Natur annimmt. Der Mensch besteht aus Leib und Seele. Maria wird einem Sohn das Leben schenken. Es ist keineswegs nebensächlich, dass der Engel auch bereits seinen Namen kundtut, "Jesus" bedeutet "Gott ist Heil", er ist der Heilsbringer für die Menschen, er ist der Heiland.
Jesus wird nicht nur ein Bote, ein Prophet Gottes sein. "Sohn des Höchsten" nennt ihn der Engel. Diese Benennung kommt vom Vater im Himmel. Gott tut kund, um wen es sich bei diesem Menschenkind handelt. Der Vater gibt allen Suchenden und Fragenden darin eine Antwort.
Tausend Jahre zuvor gab es den großen König David, einen hochverdienten Herrscher. Maria und Josef können ihre Herkunft an diesen König anknüpfen. Freilich, alle königliche Pacht ist verschwunden, man könnte von verarmten Adeligen sprechen. Der Glanz des davidischen Königtums strahlt neu auf in Jesus. Doch der Glanz ist von ganz anderer Art. Die Lebenszeit und die Regierungsjahre Davids waren begrenz (+ 965 v. Chr.). Die Zeiten des Messias werden in andere Dimensionen reichen; es von einer Fortsetzung hinein in die Ewigkeit die Rede. Sein Reich wird kein Ende haben.
Maria will den Willen Gottes erkennen. Sie ist sich ihrer eigenen Situation bewusst und fragt, was sie tun soll. Die Ehe mit Josef war noch nicht geschlossen. Einen anderen Weg kann sich die Braut des Heiligen Geistes nicht vorstellen. Der Bote Gottes gibt ihr die Antwort, er spricht vom Geiste Gottes, dem göttlichen Schöpfungsprinzip, von dem bereits die Rede ist im Bericht der Bibel, wenn von der Erschaffung des Himmels und der Erde die Rede ist. Wenn die Kraft des Allerhöchsten Maria überschattet, dann wird bildhaft von einer Wolke geredet, die einen Schatten wirft. Hier wird von der verborgenen, geheimnisvoll aber besonderen Gegenwart Gottes geredet. "Darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Sohn Gottes heißen."
Maria erhält vom Himmel her ein Zeichen, das ihr Gewissheit gibt für all das, was sich in der Stunde der Verkündigung ereignet hat. Ihre Base Elisabet, die kinderlose, erwartet in fortgeschrittenem Alter noch ein Kind. Zugleich ist diese Base, die Frau gewesen, mit der Maria über all das reden konnte, was in Gottes Plänen stand. Nach diesem großen Ereignis in Nazaret, gibt Maria dem Boten Gottes ihr Wort, ihre Zustimmung: "Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort." Maria nennt sich "Magd" und ist sich in diesem Wort des Abstandes bewusst, der zwischen Gott und dem Menschen besteht. Der große und heilige Gott ist es, der sie erwählt und begnadet hat.
Für den gläubigen Christen beginnt mit dem Wort "Mir geschehe" das wichtigste Ereignis der Erdgeschichte.
13. Mai 2007
6. Sonntag der Osterzeit
Ostern ist der Schlüssel zur Taufe
Die Feier der Osternacht ist in den Pfarreien verknüpft mit der Weihe des Taufwassers und zuweilen auch mit der Taufe eines Kindes. Hier wird die Frage gestellt: was hat die Taufe mit Ostern zu tun? Papst Benedikt XVI. wurde an einem Karsamstag getauft. In damaliger Zeit war die Weihe des Taufwassers für die Morgenstunden des Karsamstags festgelegt. Der Heilige Vater sieht in dieser Verbindung ein Geschenk, das ihn beglückt.
Der von Toten auferstandene Jesus kam zu seinen Jüngern und gab ihnen einen Auftrag: "Geht zu allen Völkern und macht all Menschen zu meinen Jüngern.Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt." Vom Propheten Jesaija kommt das befreiende Wort, das Gott ihm kundgetan hat: "Wären eure Sünden auch rot wie Scharlach, sie sollen weiß werden wie Wolle." Die Taufe tilgt alle Sünden, sie ist das Ereignis, das unser Leben mit dem des Erlösers verknüpft. Bei einem erwachsenen Menschen, der zu Taufe kommt, mag das Rot des Scharlachs zutreffend sein. Wie ist es mit einem neugeborenen Kind? Die Kirche spricht von der Erbschuld, die auch das Herz eines Kindes verdunkelt. Erlösung bedeutet auch Erlösung von der Erbsünde. Freilich der Begriff "Sünde" kann in diesem Zusammenhang nur analog verwendet werden.
Einer der Ratsherren der Juden, Nikodemus, kam unbeobachtet in der Nacht zu Jesus. Er wollte mit dem Mann aus Nazaret ein Gespräch führen. Jesus sprach von der neuen Geburt, die gefordert ist. "Amen, amen ich sage dir: wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch, was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist." Die Stunde und der Tag der Geburt eines Menschenkindes sind so bedeutsam, dass sie im Register einer Gemeinde festgehalten werden. In der Taufe wird dem Leben, das im Geburtsregister verzeichnet ist, ein zweites Leben hinzugegeben. Es ist das Leben, das uns der Schöpfer durch den auferstandenen Jesus Christus schenken will. In einem Vergleich für dieses zweite Leben spricht Jesus vom Zweig, der dem Stamm aufgepfropft wird. Auf diese Weise mit neues Leben mitgeteilt. "Wie die Rebe nicht aus sich, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, Frucht bringt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt."
Zuweilen treffen wir auf Paten und Eltern, die das Sakrament der Taufe vorwiegend als eine Handlung sehen, durch die das neue Leben vor Unheil und Schaden beschützt werden soll. Ein Gebet dieser Art ist sicher berechtigt, doch es ist zweitrangig. Jesus ist auch der Beschützer.
Nachdem bei der Spendung der Taufe das geweihte Wasser über das Haupt des Täuflings gegossen wurde, zeichnet der Priester auf die Stirn des Kindes ein Kreuzzeichen mit heiligem Chrisam. Mit dem geweihten Salböl wird auf einen unsichtbaren geistigen Vorgang hingewiesen. Wir finden dieses Chrisam auch bei der Weihe von Bischöfen und Priestern und auch bei der liturgischen Feier einer Königskrönung. Für diesen Brauch gilt das Wort des Apostels Petrus: "Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis ins sein wunderbares Licht gerufen hat."
In frühen Jahrhunderten kamen ganze Familien, um in der Osternacht das Sakrament zu empfangen. Sie waren angetan mit weißen Kleidern. Dieses besondere Gewand trugen sie eine Woche lang während der Feier des Gottesdienstes. Der Sonntag nach Ostern erhielt seinen Namen "Weißer Sonntag" weil an diesem Tag die Festgewänder wieder abgelegt wurden. In der Liturgie spricht der Priester die Worte:"Dieses weiße Kleid soll dir ein Zeichen dafür sein, dass du in der Taufe neue geschaffen worden bist und - wie die Schrift sagt - Christus angezogen hast. Bewahre diese Würde für das ewige Leben."
Es gilt immer auch als etwas besonderes, wenn das Licht der Kerze brennt. Bei der Taufe wird eine Kerze angezündet. Ausgangspunkt ist die Osterkerze, das Symbol für Christus, der uns das Leben und die Auferstehung schenkt. Der Getaufte ist berufen, Licht Christi zu sein in dieser Welt. Die Taufkerze birgt eine weitere Botschaft, die sie uns still und wortlos verkündet. Sie brennt und verbrennt, sie wird immer geringer und ist für diesen ihren Dienst bereit zum Verlöschen. Ihre Botschaft lautet: Wer festhält, der verliert, wer loslässt wird frei, wer geizig ist wird ärmer, wer hergibt, der wird reicher.
01. Juli 2007
13. Sonntag im Jahreskreis
Mariä Heimsuchung
Zwei Frauen begegnen sich
Nach einigen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth. Als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabeth vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ. Da sagte Maria: Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig. Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig. Und Maria blieb etwa drei Monate bei ihr; dann kehrte sie nach Hause zurück. Lk 1,39-56
Am Beginn des Monats Juli treffen wir auf ein Marienfest, das den Titel trägt "Mariä Heimsuchung". Diese Überschrift mag etwas in die Irre führen. Die Übersetzung des lateinischen Titels für dieses Fest scheint nicht ganz geglückt zu sein. In unserem heutigen Sprachgebrauch verwenden wir das Wort "Heimsuchung" für eine Sache, die nichts gutes bedeutet. Heimgesucht wird der Mensch von unglücklichen Dingen. Bei diesem Fest aber handelt es sich um ein beglückendes Ereignis. Nach der Stunde der Verkündigung macht sich Maria auf den Weg, um ihre Base Elisabeth zu besuchen. Der Engel deutet hin auf diese Frau, die in fortgeschrittenem Alter noch den langersehnten Sohn erwartet. Er soll den Namen "Johannes" tragen.
Elisabeth gilt bei den Kirchenvätern als Frau, die das Volk Israel vertritt. Sie entstammt einer priesterlichen Familie, sie ist kinderlos, und wird durch das Eingreifen Gottes mit einem Kind beschenkt. Maria gilt als das Gegenstück. Sie ist die Frau des Neubeginns, die Vertreterin der Kirche, sie ist jung, jungfräulich und wird durch das Einwirken Gottes zur Mutter des Messias.
Hier treffen zwei Frauen aufeinander, deren Mutterschaft weltgeschichtliche Bedeutung erhalten soll.
Das erwählte Mädchen aus Nazareth ist vom Wunsch beseelt, jemand zu finden, mit dem sie über ihre Erwählung sprechen kann.
Geht es nicht vielen Menschen ähnlich, wenn sie nach einem besonderen Erlebnis auf die Suche gehen und Ausschau halten nach einer Person, die für sie Verständnis hat, vor der sie Glück oder Unglück ausbreiten können und Gehör finden? Der Engel der Verkündigung weist hin auf Elisabeth. Bei ihrem Besuch sieht es Maria als Selbstverständlichkeit an, dass sie der werdenden Mutter in ihren häuslichen Aufgaben hilft. Sie hält sich mehrere Monate in Ain Karim auf, dem Dorf in der Nähe Jerusalems, im Bergland von Judäa. Die beiden Frauen sind eins, wenn es darum geht einen Lobpreis anzustimmen auf das göttliche Wirken.
Das Evangelium fügt hinzu, dass Maria "eilends" aufgebrochen ist. Sie ist eine junge Frau, die alle Bedenken und Abwägungen zur Seite schiebt, wenn es um einen Hinweis Gottes geht. Die Wegstrecke nach Jerusalem nahm drei Tage in Anspruch. Es war üblich, bei solchen Reisen sich einer Gruppe anzuschließen. Dies gab Sicherheit. Maria war ein Mädchen von etwa vierzehn Jahren.
Die Begrüßung der beiden Erwählten übertraf sicher die gewohnte Herzlichkeit. Die Worte Marias bewirken, dass Elisabeth und damit auch das Kind, dass sie in ihrem Schoß trug, in eine natürliche und zugleich vom Heiligen Geist angeregte Begeisterung geriet.. Über Elisabeths Lippen kam ein kurzer Satz, der im "Ave Maria" seinen Niederschlag gefunden hat und seither von Millionen von Christen wiederholt wird: "Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes." Der erste Teil dieses Gebetes wurde vom Engel gesprochen, der nachfolgende ist den Begrüßungsworten Elisabeths entnommen. Die Frucht des Leibes der Jungfrau Maria ist die Ursache dieser Anrufung. Maria wurde hervorgehoben vor allen Frauen der Welt. In ihrer Mutterschaft verbirgt sich das Geheimnis ihrer Größe. In ihrem Kind Jesus liegt auch der Ausgangspunkt für ihre Verehrung. Das "Ave Maria" ist in der Bibel grundgelegt und unser Glaube ruht auf diesem Fundament.
Der Evangelist hat noch ein Wort in seinen Text geschrieben, das nicht übersehen werden darf. Dort heißt es: "Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?" Mit Maria gab es nicht nur einen gewohnten Verwandtenbesuch, es ist etwas besonderes, wenn eine hochgestellte Person das Haus betritt und darin verweilt. "Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort!" So sprach der Hauptmann, als er um die Gesundung seines Knechtes bettelte. Von dieser nämlichen Ehrfurcht war Elisabeth erfüllt. Diesem Kind unter dem Herzen Marias kommt die Ehre zu, Herr aller Menschen zu sein. Er ist auch der Herr Elisabeths, er ist der Herr des kommenden Vorläufers Johannes.
Das Heil der Menschen geht von Gott aus. Doch das Geschöpf ist aufgefordert, das Jawort seiner Glaubensbereitschaft zu sprechen. Gott verlangt das Mitwirken des einzelnen, wenn es um dessen Heil geht. Im lebendigen Glauben, der sich im Jawort ausdrückt und in Werken, die der Forderung Gottes entsprechen, liegt das Heil.
19. August 2007
20. Sonntag im Jahreskreis
Die Entscheidung im Glauben
In jener Zeit sprach Jesus
Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen! Ich muss mit einer Taufe getauft werden, und ich bin sehr bedrückt, solange sie noch nicht vollzogen ist. Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Spaltung. Denn von nun an wird es so sein: Wenn fünf Menschen im gleichen Haus leben, wird Zwietracht herrschen: Drei werden gegen zwei stehen und zwei gegen drei, der Vater gegen den Sohn und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen ihre Schwiegertochter und die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter. Lk 12,490-53
Im Sonntagsevangelium erfahren wir, dass Jesus auf dem Weg nach Jerusalem ist. Er geht also in jene Stadt, in der sich die Annahme seiner Person oder die Ablehnung entscheiden wird. Er kommt in sein Eigentum, doch es sieht nicht danach aus, dass die Seinen ihn aufnehmen. Es scheiden sich die Geister; es ist von Feuer und von der Spaltung die Rede. Bei den Menschen aller Jahrhunderte treffen wir die Situation an, dass die einen glaubenslos sind, dass sie in tiefen Zweifeln stecken, und schließlich jene, von denen man sagen kann, dass sie feststehen im Glauben.
Der Glaubenslose
Ein kritischer Journalist schrieb: "Wer sich wundert, warum gerade im Osten Deutschlands bei tausenden jungen Männern jeder Anflug von schlechtem Gewissen fehlt, wenn sie "Nigger" klatschen oder "Penner", der kommt kaum an der Tatsache vorbei, dass in den neuen Bundesländern 70% der Bevölkerung keiner Religionsgemeinschaft angehören und die Jungen oft schlicht nicht mehr wissen, was das Wort "Christliche Werte" bedeutet." Ein Volk ohne metaphysische Bindung, ohne Bindung an Gott, kann weder regiert werden, noch kann es auf die Dauer blühen. Der Glaube eines Christen steht nicht im Widerspruch zum Verstand. Er ist von seinem Ursprung her ein denkender Glaube, der Fragen nicht nur zulässt, sondern sie auch nicht zu fürchten braucht. Aus dem Mund eines jungen Mannes hörte ich seine Situationsbeschreibung: "Mir geht`s gut. Ich brauche nichts, woran ich glauben müsste."
Der Zweifler
Das Kreuz, das viele Menschen tragen müssen, ist schwer. Sie suchen zuweilen im Gebet Zuflucht bei Gott und den Heiligen. Wenn das Gebet mit der Bemerkung endet: "Vielleicht hilft es", scheint das Gottvertrauen nicht sonderlich hoch angesiedelt zu sein. Jesus fordert starkes Vertrauen, wenn Menschen zu ihm kommen mit ihren Anliegen. Der britische Schauspieler Alec Guinness berichtet von einem Schlüsselerlebnis, das ihn zum Glauben führte. Sein Sohn war an Kinderlähmung erkrankt. Eher zufällig gelangte der völlig verzweifelte Vater in eine kleine katholische Kirche, kniete nieder und betete zu Gott - an den er ursprünglich nicht geglaubt hatte - für die Heilung seines Sohnes. Sechs Monate später konnte der Junge laufen, und Alec Guinness wurde tiefgläubiger Katholik. Er sagte: "Ich hatte das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein - und zum ersten Mal meinen Platz gefunden zu haben."
Wer nie betet, nicht nach Gott sucht, der kann auch keine Glaubenserfahrung erwarten. Es reicht nicht aus, nur Geld zu verdienen und Karriere zu machen. Die Öffentlichkeit ist in unsren Tagen an der Ausblendung von Glaubenswissen ausgerichtet. Das wirkt sich aus auf die Glaubenspraxis. Kindergärten der Kirche und über ein Jahrzehnt Religionsunterricht reichen nicht aus, dies zu verändern.
Der Gläubige
Im Hebräerbrief stehen die Worte: "Glaube ist Feststehen in dem, was man erhofft, überzeugt sein von Dingen, die man nicht sieht." Augustinus fügt hinzu: "Der Lohn für unseren Glauben wird sein, dass wir schauen, was wir glauben."
Im jüdischen Gesetz waren alle Bilder verboten. Pontius Pilatus beschloss, im Tempel zu Jerusalem die Statuen der römischen Kaiser aufzustellen. Der Protest des jüdischen Volkes war überaus groß. Pilatus beschloss die jüdischen Männer in die Rennbahn von Cäsarea einzuladen. Dann gab er seinen Soldaten den Befehl, die Versammelten, die in großer Zahl gekommen waren und eine Rücknahme der Aufstellung erhofften, augenblicklich niederzumetzeln. Die Juden warfen sich zu Boden, entblößten ihren Hals und erklärten, wie wollten lieber sterben, als etwas geschehen lassen, das dem Gesetz widerspräche. Pilatus gab sich geschlagen, ließ von seinen grausamen Plänen ab und gab den Befehl, die Kaiserbilder aus Jerusalem zu entfernen.
Die Reihe der Christen, die bereit waren für ihren Glauben das Leben hinzugeben, die tatsächlich auch für den Christenglauben gestorben sind, ist groß. Nur eine geringfügige Zahl ist aufgezeichnet in der Kirchengeschichte.
Der Mensch lebt in einer großen Freiheit, die Entscheidung fordert. Er kann Gott ignorieren und sich als Atheist oder Agnostiker benennen, er kann versuchen zu glauben und unterliegt immer wieder der eigenen Wankelmütigkeit, und er kann auch aus ganzem Herzen zu Gott "Ja" sagen.
Der bescheidene heilige Benedikt Labre wurde von einem Pfarrer in überlegenem Ton gefragt: "Was verstehst du ungebildeter Mensch vom Geheimnis der Dreifaltigkeit?" Benedikt antwortete: "Ich verstehe nichts davon, aber ich bin hingerissen."
07. Oktober 2007
27. Sonntag im Jahreskreis
Wie steht es um den Glauben?
Die Apostel baten den Herrn: Stärke unseren Glauben! Der Herr erwiderte: Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, würdet ihr zu dem Maulbeerbaum hier sagen: Heb dich samt deinen Wurzeln aus dem Boden, und verpflanz dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen. Wenn einer von euch einen Sklaven hat, der pflügt oder das Vieh hütet, wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen: Nimm gleich Platz zum Essen? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Mach mir etwas zu essen, gürte dich, und bediene mich; wenn ich gegessen und getrunken habe, kannst auch du essen und trinken. Bedankt er sich etwa bei dem Sklaven, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde? So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan. Lk 17,5-10
Jünger, die Jesus nahe standen, sprechen es aus, was das Herz vieler Menschen bewegt: "Herr, stärke unseren Glauben!" Unser Leben bewegt sich weitgehend im sichtbaren Bereich der Schöpfung. So verwundert es nicht, dass zuweilen die Meinung vertreten wird: Nur das, was ich mit meinen Sinnen wahrnehmen kann, das glaube ich.
Bei solchen Bekenntnissen wird übersehen, dass es sich ja gar nicht mehr um den Glaubensbereich handelt. Wenn ich etwas hören, sehen und wahrnehmen kann, dann ist jeglicher Glaube überflüssig. Glaube bezieht sich auf das, was jenseits des Erfahrungsbereiches liegt, was nicht mit Tasten, Sehen und Hören registriert werden kann, und was dennoch vorhanden ist. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von Transzendenz, von Grenzüberschreitung. Wenn wir etwas glauben, beruht das Unsichtbare auf Indizien und auf Worten, die Gott zu uns Menschen gesprochen hat. Indizien weisen hin auf Jenseitiges. Viele wahrnehmbare Dinge sind bei näherem Zusehen Hinweise auf das Unsichtbare.
Wenn Jesus davon spricht, dass ein Glaube, der winzig klein ist wie ein Senfkorn ausreicht für den Anfang des Glaubens, dann will er uns Mut machen. Das Senfkorn wächst zu einer hohen Staude heran. Wie man mit Samenkörnern umgeht, kann bei den Gärtnern abgeschaut werden. Das Ausgesäte bedarf der Pflege, der günstigen Temperatur und vor allem auch der Feuchtigkeit. Jesus erinnert daran, dass ein Samenkorn auf steinigen, ausgetrockneten Boden fallen kann. Die Chancen für das Gedeihen sind dann gering. Vergessen wir nicht: Das Wachstum unseres Glaubens darf nicht vernachlässigt werden.
In den Evangelien wird von Ereignissen berichtet, in denen der dürftige Glaube der Jünger zum Vorschein kommt. Die Apostel waren in der Nacht auf den See hinausgefahren. Jesus blieb zurück, offensichtlich auf dem Berg der Brotvermehrung. Gegen drei Uhr morgens zeigten sich für die Jünger Probleme. Sie mussten stark gegen die Wellen ankämpfen, der starke Gegenwind wühlte das Wasser auf. Plötzlich kommt der Herr schreitend über die Wellen auf sie zu. Sie erschrecken und geben dies durch lautes Schreien kund. Jesus redet sie beruhigend an. Petrus steigt aus dem Boot und geht auf den Herrn zu. Er versinkt und schreit um Hilfe. Jesus reicht ihm die Hand und zieht ihn herauf. Wie beide das Boot besteigen, legt sich der Wind. Die Jünger werfen sich nieder zu Jesu Füßen. Der Evangelist Markus bemerkt am Schluss: " Sie waren nicht zur Einsicht gekommen, als das mit den Broten geschah; ihr Herz war verstockt".
Ein anderes Zeichen geschah ebenso am See Genezareth. Offensichtlich waren die Jünger, die mit dem Leben am See vertraut waren, auf diese Weise besonders sensibel und ansprechbar. In ihrem Beruf als Fischer merkten Sie sehr rasch, wann die Grenzen des Gewöhnlichen überschritten wurden. Es war windig und die Nacht war angebrochen. Jesus legte sich an den rückwärtigen Teil, um zu schlafen. Der Wind wurde bald sehr stark und die Wellen schlugen ins Boot. Die Begleiter hatten Scheu, Jesus zu wecken. Petrus war es, der den Herrn wachrüttelte. Die Antwort Jesu bestand in einem Tadel, wegen ihres Kleinmutes, er vermisst das Vertrauen auf seine Anwesenheit. Dann breitet er die Hände aus, der Wind und die Wellen legten sich. Der Evangelist überlieferte die Reaktion der Jünger: "Wer ist wohl dieser, dass selbst Winde und die See ihm gehorchen?".
Die Männer in Jesu Umgebung hatten Schwierigkeiten, all das Erlebte auf die Reihe zu bringen. Hier stand in ihrer Mitte der Sohn des großen und heiligen Gottes, der zugleich Mensch war und mit ihnen Umgang pflegte, als wäre er ein Mensch aus ihrer alltäglichen Umgebung.
Ein Franzose unsrer Tage berichtet, wie er zum Glauben fand. Mit 24 Jahren war er nicht nur ein Zweifelnder, sondern vollkommen atheistisch. Gott, Religion, Jesus, erschien ihm als Erfindung der Menschen. Die Welt war leer. Eines Tages sah er vom Himmel fallende Schneeflocken und angesichts der Vollkommenheit dieser Kristallsterne, so verschieden, so zerbrechlich, waren sie ihm ein Zeichen einer höheren Intelligenz und einer vollendeten Schönheit. Es war, als riefe die Natur: Über mir ist der, der wirklich existiert. Ohne zu wissen, dass er betete, sagte er: Gott, wenn du wirklich existierst, lass mich dich erkennen! Der Franzose bemerkte: "Diese Erfahrung hab ich nie vergessen, sie hat meinen Blick verwandelt und mich geprägt, stärker als all das Schlechte um mich herum…."
25. November 2007
34. Sonntag im Jahreskreis
Sonntag Christkönig
"Ja, ich bin ein König!"
In einer Nacht- und Nebelaktion wurde Jesus im Garten Getsemani verhaftet. Judas Iskariot hatt eine zuverlässige Ortsangabe geliefert. Er zeigte den Weg und - damit jede Verwechslung ausgeschlossen ist - küsst er den Betreffenden. Der Hohe Rat der Juden wartete am frühen Morgen des Karfreitags darauf, dass ihnen der Häftling vorgeführt wird. Wie er nun vor ihnen steht, stellen sie Frage: "Bist du der Sohn Gottes?" Sie erhielten eine eindeutige Antwort: "Ihr sagt es. Ich bin es." Dies genügte fürs erste.
In großer Eile bemühten sie sich nun, bei Pontius Pilatus eine Audienz zu bekommen. Bei ihm, dem römischen Statthalter, lag die Macht, ein offizielles Todesurteil auszusprechen oder extreme Strafen über den Angeklagten zu verhängen. Ihr Vorwurf lautete: er gibt sich als Messiaskönig aus. Damit hoffen sie, den gefährlichen Verdacht zu erwecken, dass für die Römer ein politischer Rivale zu befürchten sei. Pilatus fragte Jesus: "Du bist der König der Juden?" Der Gefragte antwortete: "Du sagst es." Beim römischen Statthalter erweckte Jesus nicht den Eindruck, besonders gefährlich zu sein. Anarchisten treten anders auf. Zudem wusste er, dass das jüdische Volk ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Königen aus ihren eigenen Reihen hatte. Für das Volk Israel gab es nur einen Herrn, und das war Gott, der Allmächtige. Jede andere Obrigkeit lehnten sie ab. Für kurze Epochen gab es bei ihnen Könige, doch sie kehrten rasch wieder zurück zum Herrn des Himmels und der Erde.
Vor Pilatus stand der Sohn Gottes, Gott, der eine Menschennatur angenommen hat. So ist er das Haupt der Schöpfung. Kein irdischer Regent kann hier einen Vergleich bestehen. Jesus ist ein Sträfling geworden. Die Bewacher hatten sich einen großen Spaß daraus gemacht, und setzen alles daran diesen "König" zu verspotten. Sie hatten gesehen, dass Könige und Kaiser prächtige Kleider tragen. Sie hängen dem Gefangene einen Spottmantel um die Schulter. Zu einem König gehört auch eine Krone, womöglich eine aus Gold und Edelsteinen. Die Soldaten flechten eine Krone aus Dornen, setzen sie ihm aufs Haupt, und sorgen mit ihren Stocken dafür, dass die Dornen für einen festen Halt sorgen. "O, Haupt voll Blut und Wunden!" Den fälligen Verehrungskuss ersetzen sie durch ihre Spucke. Das Schilfrohr wird zu einem Szepter. Der Spott für einen König kann kaum noch überboten werden. So geht die Menschheit mit Gott um!
Die Tafel über dem Haupt des Gekreuzigten weist ihn als König der Juden aus. Der Protest bei den Juden war durch solche Formulierung vorprogrammiert. Sie verlangen, dass es sich bei diesem König um eine Aussage des Hingerichteten handelt. Von Kierkegaard (+1855) stammt die Überlegung: "Käme Christus jetzt zur Welt, würde er doch vielleicht nicht totgeschlagen, sondern ausgelacht werden. Dies ist das Martyrium in der Zeit des Verstandes, in der Zeit der Gefühle und der Leidenschaft wird man totgeschlagen." Über Jesus Christus, den König der Welt, zu lachen und zu spotten, haben inzwischen einzelne Sparten der Medien auf ihre Fahne geschrieben.
Jesus hält trotz der Erniedrigung an seiner Größe fest. Trotz seiner großen Ohnmacht, macht er seinen Machtanspruch geltend.
Der Wunsch des jüdischen Volkes war es, dass eine Messiaskönig die Leute für seine politischen Pläne begeistert und im Zusammenwirken aller Kräfte, das Land von der römischen Herrschaft befreit. Hier muß er sie enttäuschen. Gottes Befreiung endet nicht in einer politischen Aktion , sie greift tiefer. Erlösung muß ansetzen bei der Sünde, beim grundlegenden Übel in dieser Welt, bei der Mißachtung der Gebote Gottes. Die Königsherrschaft Gottes auf dieser Erde is
t dann vollends aufgerichtet, wenn sie im Einklang steht mit dem Himmel. "Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden."Aus Spanien wird ein Ereignis berichtet, das sich im Jahr 1937 zutrug, in der Zeit des Spanischen Bürgerkrieges. Die Festung von Toledo wurde von Oberst Mocado verteidigt. Die Revolutionäre hatten die Truppen eingeschlossen. Der Oberst wurde ans Telefon gerufen. Dort wurde ihm mitgeteilt: "Ihr 18-jähriger Sohn ist als Gefangener in unserer Hand. Er wird mit ihnen kurz sprechen. Wenn sie unsere Aufforderung nicht erfüllen und die Festung übergeben, werden wir ihren Sohn sofort erschießen." Kurz darauf hörte der Oberst die Stimme seines Sohnes: "Vater, ich bin es. Was willst du, dass ich tun soll?" Der Oberst antwortete: "Ich befehle dir im Namen Gottes, sag deinen Bewachern klar und deutlich: Es lebe Spanien, es lebe Christus, der König! Ich bitte dich, sei bereit zu sterben. Dein Vater wird sich niemals ergeben." Unmittelbar darauf, konnte der Oberst noch hören, wie sein Sohn durch Gewehrschüsse getötet wurde.
Mit dem Bekenntnis seines Glaubens an Christus, den Messiaskönig, ist der junge Mann gestorben.
1. Sonntag im Jahreskreis
Taufe des Herrn
Jesus am Jordan
In jener Zeit kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. Johannes aber wollte es nicht zulassen und sagte zu ihm: Ich müßte von dir getauft werden, und du kommst zu mir? Jesus antwortete ihm: Laß es nur zu! Denn nur so können wir die Gerechtigkeit, die Gott fordert, ganz erfüllen. Da gab Johannes nach. Kaum war Jesus getauft und aus dem Wasser gestiegen, da öffnete sich der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe. Matthäus 3,13 17
Jesus von Nazaret kam zu Johannes an den Jordan. Der Täufer stand am Flussufer und rief die Leute dazu auf, ihr Leben zu ändern, sich zu Gott zu bekehren. Schließlich wollten alle einmal bei Gott im Himmelreich gut ankommen. Wer neben Gott bestehen will, muss zuweilen ein großes Defizit in seinem Leben ausgleichen. In der anschaulichen Sprache des Johannes heißt dies: Berge und Täler sollen zu einer ebenen Straße werden, die wir für Gott zu bereiten haben. Der Täufer war nicht zimperlich in seiner Sprache. Hier sei die Vermutung eingefügt, dass in der Vergangenheit wohl viele Prediger bei Johannes in die Schule gegangen sind.
Und dann geschieht es am Jordan, dass die Bußfertigen in das Wasser hinabsteigen, ihre Sünden bekennen, und den Willen kundtun, ihr Leben zu ändern. Ohne großes Aufsehen zu erregen, kam Jesus zu Johannes. Er mischte sich unter die Leute und reihte sich ein bei den Bußfertigen, er der Sündelose. Als Johannes ihn sah, weigerte er sich, ihn zu taufen. Ja, er wollte den Auftrag umkehren und von Jesus getauft werden.
Die Ansammlung der Leute dort an dieser Stelle des Jordan war groß. "Die Leute von Jerusalem und ganz Judäa und aus der ganzen Jordangegend zogen zu ihm hinaus." Gott im Himmel tat in dieser Stunde die Ankunft seines Sohnes dem Volke Israel kund. Er stellte ihn der Menschheit vor. Dabei geschah es, dass sich der Himmel auftat und eine Stimme ihn als Gottes geliebten Sohn bezeichnete.
Der geschichtliche Mensch Jesus ist der Sohn Gottes, und der Sohn Gottes ist der Mensch Jesus. Mit seiner Taufe lud er die Sünden aller auf sich. In seiner Schwachheit erschien Jesus aus Nazaret als Mensch, in seinen Wundern als Gott; mächtig zeigte er sich, wenn der die Dämonen beherrschte, gütig und barmherzig, wenn er sich der Sünder annahm. Menschlich war sein Hungern, göttlich die Vermehrung der Brote; menschlich sein Schlaf im Boot der Fischer, göttlich sein Befehl an den Sturm des Meeres. Menschlich war sein Sterben, göttlich war es, wenn er die Toten zum Leben zurückrief.
Jesus geht zu Johannes und lässt sich im Jordan taufen. Er selbst wird vor seiner Himmelfahrt den wichtigen Auftrag der Verkündigung und der Taufe an seine Jünger übergeben. Worin liegt der Unterschied zwischen der Jordantaufe und der Taufe der Christen? Johannes antwortet ganz deutlich: "Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen." Die Taufe des Johannes kann als letztes Angebot an das Volk Israel bezeichnet werden. Der Größere und Mächtigere wird bereits angekündigt, auf den Namen Jesu geschieht der neue Ritus. Die christliche Taufe schöpft ihre Kraft aus dem Tod und der Auferstehung Jesu, Gottes Heiliger Geist wird wirksam. Die Heilige Schrift überliefert uns die bestimmenden Worte Jesu vor seiner Himmelfahrt: "Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe."
In der Urkirche kamen vor allem Erwachsene, ganze Familien und Sippen zur Taufe. Zur Einführung entstand das Katechumenat, eine Einführung in das Evangelium. Bei der Kindertaufe sind es die Paten und Eltern, die dem Kind eine grundlegende Einweisung in das Christentum geben. Viele bedeutsame Christen haben sich geäußert, dass die Unterweisung durch die Mutter sehr prägend gewesen sei.
Das Wasser ist Symbol der Reinheit und des Lebens. Entsprechend wird der Täufling von jeglicher Sünde gereinigt und erhält eine neue Stufe seines Lebens. Zuweilen taucht die Frage auf: Was geschieht mit jenen Menschen, die nie etwas von Jesus Christus gehört haben, die nie zur Taufe gelangen konnten? Ein Mensch, der nach seinem Gewissen lebt und den Willen Gottes so erfüllt, wie er ihn konkret erkennt, kann auf diesem Weg das Heil erlangen.
Mit der Taufe wurde von jeher ein Mensch in eine Gemeinschaft aufgenommen, die wir "Kirche" nennen. Der Täufling wird durch das Sakrament mit Christus verbunden, aber auch mit allen anderen Getauften. Es entsteht das Volk Gottes, das alle natürlichen Grenzen der Völker, Kulturen, Klassen und Rassen überschreitet. Der Apostel Paulus bestätigt dies: "Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie, und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt."
Jesus hat sich nicht nur der Wassertaufe am Jordan unterworfen, er hat auch die Bluttaufe auf Golgota empfangen. Paulus deutet das Geschehen: "Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben."
Papst Benedikt wurde an einem Karsamstag geboren un sogleich am Morgen mit dem eben geweihten Wasser getauft. Dieses Ereignis, das er der erste Täufling des neuen Wassers sein durfte, hat er selbst in seinen Erinnerungen im Glauben gedeutet: " Dass mein Leben so von Anfang an auf diese Weise ins Ostergeheimnis eingetaucht war, hat mich immer mit Dankbarkeit erfüllt, denn das konnte nur ein Zeichen des Segens sein."
>2. März 2008
4. Fastensonntags
Wer zählt zu den Blinden?
In jener Zeit sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Ober haben seine Eltern gesündigt, so dass er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden. Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Schiloach heißt übersetzt: Der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen. Die Nachbarn und andere, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte? Einige sagten: Er ist es. Andere meinten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich. Er selbst aber sagte: Ich bin es. Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen geöffnet worden? Er antwortete: Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen und sagte zu mir: Geh zum Schiloach, und wasch dich! Ich ging hin, wusch mich und konnte wieder sehen. Sie fragten ihn: Wo ist er? Er sagte: Ich weiß es nicht. Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern. Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte. Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden sei. Der Mann antwortete ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen; dann wusch ich mich, und jetzt kann ich sehen. Einige der Pharisäer meinten: Dieser Mensch kann nicht von Gott sein, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sagten: Wie kann ein Sünder solche Zeichen tun? So entstand eine Spaltung unter ihnen. Da fragten sie den Blinden noch einmal: Was sagst du selbst über ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet. Der Mann antwortete: Er ist ein Prophet.8 Die Juden aber wollten nicht glauben, dass er blind gewesen und sehend geworden war. Daher riefen sie die Eltern des Geheilten und fragten sie: Ist das euer Sohn, von dem ihr behauptet, dass er blind geboren wurde? Wie kommt es, dass er jetzt sehen kann? Seine Eltern antworteten: Wir wissen, dass er unser Sohn ist und dass er blind geboren wurde. Wie es kommt, dass er jetzt sehen kann, das wissen wir nicht. Und wer seine Augen geöffnet hat, das wissen wir auch nicht. Fragt doch ihn selbst, er ist alt genug und kann selbst für sich sprechen. Das sagten seine Eltern, weil sie sich vor den Juden fürchteten; denn die Juden hatten schon beschlossen, jeden, der ihn als den Messias bekenne, aus der Synagoge auszustoßen. Deswegen sagten seine Eltern: Er ist alt genug, fragt doch ihn selbst. Da riefen die Pharisäer den Mann, der blind gewesen war, zum zweiten Mal und sagten zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist. Er antwortete: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehen kann. Sie fragten ihn: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet? Er antwortete ihnen: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht gehört. Warum wollt ihr es noch einmal hören? Wollt auch ihr seine Jünger werden? Da beschimpften sie ihn: Du bist ein Jünger dieses Menschen; wir aber sind Jünger des Mose. Wir wissen, dass zu Mose Gott gesprochen hat; aber von dem da wissen wir nicht, woher er kommt. Der Mann antwortete ihnen: Darin liegt ja das Erstaunliche, dass ihr nicht wisst, woher er kommt; dabei hat er doch meine Augen geöffnet. Wir wissen, dass Gott einen Sünder nicht erhört; wer aber Gott fürchtet und seinen Willen tut, den erhört er. Noch nie hat man gehört, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat. Wenn dieser Mensch nicht von Gott wäre, dann hätte er gewiss nichts ausrichten können. Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren, und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus. Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn? Der Mann antwortete: Wer ist das, Herr? (Sag es mir,) damit ich an ihn glaube. Jesus sagte zu ihm: Du siehst ihn vor dir; er, der mit dir redet, ist es. Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder. Da sprach Jesus: Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden. Einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten dies. Und sie fragten ihn: Sind etwa auch wir blind? Jesus antwortete ihnen: Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde. Joh 9,1-41
Jesus, umgeben vom Kreis seiner Jünger, trifft auf einen Mann, der von Geburt an blind ist. Viele mit dem Geschenk eines gesunden Augenlichtes können sich nicht hineindenken was es bedeutet, niemals im Leben das Licht der Sonne gesehen zu haben und all die Dinge nicht schauen zu können, die vom Licht erhellt werden.
Zur Zeit Jesu waren die Behinderten auf Almosen angewiesen oder auf Verwandte. In vielen Ländern der Erde ist eine solche soziale Struktur noch heute anzutreffen. Behinderung und Armut gehen hier eine enge Verbindung ein.
Wenn ein Mensch von Blindheit geschlagen ist oder an einer anderen Behinderung leidet, kommt im Stillen der Verdacht auf, dass der betreffende Mensch oder jemand aus seiner Ahnenreihe schwer gesündigt haben könnte. Behinderung und Krankheit wird als Fluch gedeutet. Auch die Jünger Jesus waren von dieser Sichtweise nicht frei. Doch Jesus bezieht eindeutig dagegen Stellung: " Weder er noch seine Eltern haben gesündigt." Diese Aussage bedeutet nicht, dass hier eine absolute Sündenlosigkeit vorliegt. Die Fehler des Alltags bleiben dennoch.
Ungewohnt ist die Art, wie Jesus dem Mann hilft. Mit seinem Speichel und etwas Erde fertigt er einen Teig, und er bestreicht damit die Augen des Blinden. Dann schickt er ihn an eine besondere Wasserstelle in Jerusalem, die den Namen "Schiloach" trägt. Übersetzt heißt dieses Wort "Gesandter" oder "Messias". Auf solche geheimnisvolle Weise wollte Jesus kundtun, mit wem sie es zu tun haben.
Der Aufruf "Wasche dich!" gilt etwas später auch für einen anderen Vorgang, nämlich die Taufe. Dem Getauften wird ein neues Licht angezündet, eine neue Sonne.
Es entstand eine große Aufregung bei den religiösen Führern Israels. Die Heilung geschah an einem Sabbat. Nach dem Gesetz ist an diesem Tag jede Tätigkeit auf ein Mindesmaß beschränkt. Am Sabbat, dem siebten Tag ruhte Gott. Doch hier ist mehr als eine Vorschrift des Gesetzes mit einer nahezu unüberschaubaren Auslegung, hier handelt Gott selbst. Für die maßgebenden Pharisäer des Tempels galt: Wer das Sabbatgesetz bricht ist eklatant ein Sünder. Die Folgerung daraus lautete: Jesus von Nazaret steht nicht im Dienste Gottes.
Andere zweifelten daran, ob der Geheilte wirklich von Geburt an blind war. Sie erkundigten sich bei seinen Eltern. Doch diese wollten sich in die Sache nicht einmischen. Sie verwiesen auf die Aussagen ihres Sohnes. Die aufdringliche Nachforschung reizte den Geheilten zu der Frage, die er an die Pharisäer richtete: "Wollt auch ihr seine Jünger werden?" Das Ergebnis war, dass er aus der Synagoge ausgestoßen wurde. Die Tür zur jüdischen Gemeinschaft war damit verschlossen, die Tür zum Menschsohn Jesus Christus tat sich auf. Der Herr ist gekommen, "damit die Blinden sehend werden und die Sehenden blind".
Was bedeutet die Heilung des Blinden für uns? Es geht um den Glauben in unserer Zeit, es geht um die Blinden und die Sehenden. In unserer Öffentlichkeit ist fast alles darauf ausgerichtet jegliches Glaubenswissen und jegliche Glaubenspraxist auszuschließen. An den Folgen dieses Ausblendens vermögen auch Kindergärten in christlicher Trägerschaft und dreizehn Jahre Religionsunterricht wenig zu ändern. Die Eltern sind zumeist überfordert, wenn sie auf Glaubensfragen eine Antwort geben sollen. Predigten werden kaum noch wahrgenommen.
Birgitta von Schweden (+1373) schrieb: "Die Sonne ist nicht verschwunden, weil die Blinden sie nicht sehen." Gott ist anwesend, auch wenn wir vor ihm die Augen verschlossen haben. Der Verfall des Glaubens und des Vertrauens hat die das gleiche Ausmaß erreicht wie der Verfall der Liebe zu den Menschen.
Von einem Mann, der viele Jahre in der einstigen DDR lebte, stammen folgende Zeilen: "Als mein Bruder sich das Leben nahm, war er 24 Jahre alt. Ich war zwei Jahre älter als er. Nichts hatte auf dieses kommende Drama hingewiesen: Er hatte einen Beruf und war bei seinem Kollegen sehr angesehen; er war jung, gutaussehend, sportlich, nahm an vielen Jugendlagern teil,.... war sehr ernsthaft und zuvorkommend. Der tiefe Grund seines Selbstmordes: Er litt an derselben Krankheit wie ich und viele andere Zeitgenossen, vor allem unter den Jugendlichen: Wir stammten beide aus einer ungläubigen Umgebung und waren vollkommen atheistisch. Er hatte keine Ahnung von Gott."
Treffen wir im heutigen Deutschland nicht zuweilen auf Menschen, denen es ähnlich ergeht?
Jesus, der auch in zeichenhaften Handlungen zu uns spricht, ist auf Blinde zugegangen um die Sehenden aufzurütteln. Alfred Delp (+1944) schrieb kurz vor seiner Hinrichtung: "Das eine ist mit so klar und spürbar wie selten: die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind....
20.April 2008
5. Ostersonntag
Wir feiern Bruder Konrad
Wallfahrer haben in Altötting als Erstes die Gnadenkapelle im Visier. Sie suchen Zugang zu finden zum Innersten des Heiligtums, hin zum Bild der ehrwürdigen Muttergottes Maria, die den Sohn Gottes auf ihrem Arm trägt. Das Herz jeden Wallfahrers wird angerührt, wenn er hier sein Lob, seine Bitten und seinen Dank Unserer Lieben Frau vorträgt. Nicht zu übersehen ist in der Gnadenkapelle die eindrucksvolle Silberstatue des heiligen Bruder Konrad auf der linken Seite. Sein Blick und seine Hände sind emporgerichtet zum Bild Mariens. Hier wurde nichts Gekünsteltes erfunden. In unzähligen Stunden hat Konrad am Altar zur Messe gedient, und in unzähligen Stunden hat er in diesem kleinen Heiligtum seine Gebete emporgeschickt zu Gott und zu unserer großen Fürsprecherin Maria.
Die Kirche und das Kloster des heiligen Bruder Konrad ist nur wenige Meter von der Gnadenkapelle entfernt. Heilige sind Menschen, auf die wir mit Bewunderung schauen. Doch Bewunderung allein genügt nicht. Heilige wollen uns Anregungen geben, wie wir konkret das Evangelium Jesu Christi in unserem Leben verwirklichen können.
Konrad und die Güter dieser Welt
Mit Recht sind die Bauern des niederbayerischen Rottal stolz auf ihre Höfe, die in ihrer Anlage zuweilen an kleine Festungen erinnern. Grund und Boden sind fruchtbar, und die Pferde, die dort gezüchtet werden, haben weithin einen guten Ruf. Johann Birndorfer - so hieß Bruder Konrad vor seinem Ordenseintritt - bekam das Angebot von seinen Geschwistern, den Venushof in Parzham zu übernehmen. Es war ein Hof mit 125 Tagewerk an Äckern und Wiesen. Mit Recht war jeder Besitzer stolz darauf. Johann verzichtete auf dieses Erbe. Die Entscheidung wurde von vielen nicht verstanden. Er wollte in ein Kloster eintreten und die Gelübde der Armut, des Gehorsams und der ehelosen Keuschheit ablegen. Nun wurde der Besitz unter den Geschwistern aufgeteilt. Nachdem bei Johann der Entschluss gefallen war, zu den Kapuzinern zu gehen, verteilte er seinen Anteil. Er gab einen Teil für die Erweiterung des Friedhofes in Weng, einen Teil für die Mission und den Rest für die Diaspora. Johann Birndorfer hat alles weggegeben, um Platz und Zeit zu haben für Gott.
"Reich ist man nicht durch das, was man besitzt, sondern mehr noch durch das, was man mit Würde zu entbehren weiß. Und es könnte sein, dass die Menschheit reicher wird, indem sie ärmer wird, dass sie gewinnt, indem sie verliert." (I.Kant) Eine Zukunftsprognose für Deutschland lautet, dass es im kommenden Jahrzehnt ein Land der Erben sein wird. Milliardenvermögen werden den Besitzer wechseln. Dies bringt nicht nur viel Freude sondern auch viel Streit.
Bruder Konrad hat verzichtet, um Größeres zu gewinnen. Unsere Zeit ist außergewöhnlich gierig nach Geld. Und es zeigt sich, dass der Hunger nach Wertpapieren unersättlich ist. Genügend Geld zu haben macht glücklich, doch mehr als genug zu haben, ist unheilvoll.
Konrad und die Liebe
Johannes Birndorfer war kein Mann,dem die Liebe unbekannt gewesen wäre. Wenn von ihm berichtet wird, dass er das Gebet und den Gottesdienst überaus schätzte, dann bedeutet dies, dass dabei in seinem Herzen, in seinem Innersten die Musik Gottes zum Klingen gebracht wurde. Man kann sie auch "Liebe" nennen. "Nicht wir haben die Liebe erfunden. Sie hat ihre eigene Ordnung, ihr eigenes Gesetz, Gott ist ihr Herr. Er ist nicht der Herr der Liebe, er ist die Liebe selbst." (G. Bernanos) Von den ersten Christen berichten zuverlässige Quellen, dass bei ihnen nicht Lehren oder Kulte das Ausschlaggebende waren, sondern, dass sie anderes lebten, dass bei ihnen die Liebe gespürt wurde. Für Bruder Konrad gilt eine Geschichte,die vom heiligen Pfarrer von Ars erzählt wird. In seiner Kirche traf er immer wieder auf einen Mann, der vor dem Tabernakel kniete, ohne Gebetbuch, ohne Rosenkranz, ohne überhaupt die Lippen zu bewegen. Der Pfarrer ging dann einmal auf ihn zu und fragte neugierig: "Was machst du da?" Er antwortete: "Ich schaue ihn an, und er schaut mich an." Der Blick Konrads war bei jeder Gelegenheit auf Gott im heiligen Brot ausgerichtet. Gott will bei uns sein in unserem tiefsten Innern. Doch zumeist sind wir mit all unseren fünf Sinnen ausgegangen, wird sind nicht daheim. Bruder Konrad wusste, dass Gottesliebe und die Lieben zum Nächsten unzertrennlich sind. Er hatte bei seinem Klostereintritt gehofft, in einer stillen Ecke, im Gebet versunken, immerfort nur bei Gott zu sein. Diese Pläne gingen nicht in Erfüllung. Die Ordensoberen haben ihn an die Pforte gestellt, wo er von Früh bis Spät für unzählige Menschen da sein musste. "Der Mensch kann ohne Liebe holzhaken, aber er kann nicht ohne Liebe mit Menschen umgehen." Von Bruder Konrad ging - bei aller Zurückhaltung - eine Wärme aus, die Menschen in seiner Nähe das Gefühl des Wohlbefindens gab. Im Alltag des Pförtners gab es oft Anlässe, die ihn zu harten Worten hätten führen können. Nichts dergleichen kam über seine Lippen.
Bruder Konrad zählt mit den vielen Heiligen zu den liebenswürdigen und vollkommenen Anschauungsbildern der neuen Schöpfung; in den Heiligen lieben und loben wir Gott, unseren Herrn.
08. Juni 2008
10.Sonntag im Jahreskreis
Er geht zu Sündern
Als Jesus weiterging, sah er einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Da stand Matthäus auf und folgte ihm. Nur das Matthäusevangelium identifiziert den bekehrten Beamten der Zollstelle von Kafarnaum mit Matthäus, dem Mitglied des Zwölferkreises und späteren Apostel (vgl. auch 10,3: "Matthäus, der Zöllner"). Bei Markus und Lukas fehlen diese Hinweise; bei ihnen hieß der Zöllner Levi (vgl. die Einführung zum Matthäusevangelium). Und als Jesus in seinem Haus beim Essen war, kamen viele Zöllner und Sünder und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern. in seinem Haus: entweder im Haus des Matthäus oder im Haus Jesu. Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen? Er hörte es und sagte: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Darum lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten. Mt 9, 9-13
Die Aufregung unter den frommen Juden war groß, als sie sahen, dass Jesus auf Leute von schlechtem Ruf zuging und sich von ihnen noch zu Tisch laden ließ. Er geht zu Matthäus, der von Beruf Zöllner war. Zu Zeit Jesu waren die Zöllner Steuereintreiber. Bei ihrer Arbeit waren sie nicht zimperlich. Sie konnten Geld eintreiben soviel sie wollten, es kam nur darauf an, dass sie beim Staat oder den Behörden den gewünschten Teil ablieferten. Jesus spricht davon, dass er gekommen ist, um Sünder zu berufen. Die Erwartungen der Juden lagen ganz anders. Sie meinten, der Messias dürfe sich nur zu den Guten und Frommen gesellen.
In einem anderen Kapitel des Evangeliums erzählt der Herr ein Gleichnis, und spricht von zwei Männern, von denen der eine Pharisäer war. Er steht im Tempel ganz vorne, und zählt vor Gott all seine guten Taten auf. Ganz rückwärts kommt ein Zöllner und klopft an seine Brust mit der Bitte, Gott möge ihm gnädig sein. Vom Zöllner sagte Jesus, dass er gerechtfertigt nach Hause ging, Gott hat ihm verziehen. Bei diesen Kapiteln dürfen wir nicht übersehen, dass der Herr alle böse Taten verurteilt, Schwindel und Betrug. Sein Erbarmen gilt den Menschen, die ihre Fehler einsehen und zugleich bereit sind einen Weg zum Guten einzuschlagen. Wir haben keinen Grund, uns über andere Leute mit schlechtem Leumund zu erheben. Der Verrat an Gott ist uns allen furchtbar nahe.
Das besondere Geschenk
Eine Legende, von der manche meinen, dass sie zum Weihnachtsfest passt, sei hier angeführt, weil sie zeitlose Gültigkeit besitzt. Die Hirten von Bethlehem kamen zum Stall des Christkindes. Unter ihnen war auch der kleine Jonathan. Er hatte Tränen in den Augen. Das Jesuskind fragte ihn: "Warum weinst du?" "Ich bin traurig, weil ich dir nichts schenken kann." Es fielen ihm nur seine bedeutungslosen Spielsachen ein. Das Christkind antwortete: "Schenk mir nur deine letzte Klassenarbeit." Der kleine Jonathan erschrak. Er erinnerte sich daran, dass der Klassenlehrer darunter geschrieben hatte: "Ungenügend". Jesus sagte:"Du sollst mir immer nur das bringen, wo "Ungenügend" darunter steht. Bring mir nun deinen Milchbecher." Jonathan antwortete: "Aber den habe ich doch heute morgen zerschlagen." " Und noch etwas möchte ich", sagte Jesus, "bring mir die Antwort deiner Mutter, als sie die Scherben sah." Jonathan gestand: "Ich sagte, der Becher sei vom Tisch gefallen, obwohl ich ihn im Zorn vom Tisch geschubst hatte." Der Junge weinte. Jesus sagte: "Bring mir all deine Lügen und deinen Trotz, und wenn du damit zu mir kommst, will ich dir vergeben und dir helfen. Ich will dich davon frei machen und dich in deiner Schwäche annehmen.
Willst du, dass ich dich damit beschenke?" Das Herz des kleinen Jonathan war glücklich und voll Freude. Erwachsenen wird es nicht schwer fallen, hier die Übersetzung in das eigene Leben zu finden.
Gott liebt den Menschen
Jesus wusste, als er beim Zöllner einkehrte, dass selbst im bösesten Herzen gleichsam noch ein Brückenkopf vorhanden ist, der zu Gott führt. Und auch im gütigsten Herzen gibt es eine Stelle, wo das Böse eine Türe findet. Der heilige Paulus schreibt: "Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, dann bin nicht mehr ich es, der so handelt, sondern die in mir wohnende Sünde." In der Osternacht ist von der glückbringenden Schuld des Adam die Rede, die uns einen so großartigen Erlöser geschenkt hat. Wenn ein Mensch ganz untern steht, dann verschwindet die Arroganz, die auf einen anderen herabblickt und ihm voller Überheblichkeit begegnet.
Es war in Berlin, als Mutter Teresa der Einladung folgte und zum Katholikentag kam. Überraschend ging eine junge Frau auf sie zu, fiel ihr zu Füßen und bekannte weinend: "Ich habe mein Kind abtreiben lassen, ich kann nicht mehr leben!" Mutter Teresa hob sie auf und sagte: "Jesus liebt dich. Suche nun ein Waisenkind, so alt wie dein Kind, und schenke ihm deine Liebe." Die Frau tat, was ihr gesagt wurde und empfand einen tiefen Trost.
Gott ist ein Gott des Erbarmens. Freilich, seine Vergebung kann nur in dem Menschen wirksam werden, der selbst fähig ist, der eigenen Umgebung zu vergeben.
27. Juli 2008
17.Sonntag im Jahreskreis
Sucht den verborgenen Schatz!
Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte den Acker. Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte sie. Mt 13,44-46
Zuweilen liest man in der Zeitung, dass zur großen Überraschung im Erdboden ein kostbarer Fund gemacht wurde. Gefäße und Schmuck aus vergangen Jahrhunderten wurden entdeckt. Münzen in Silber und Gold steigern die Entdeckerfreude.Für den Finder bedeudet dies eine freudige Überraschung. In Zeiten, in denen es keine Panzerschränke und Tresore gab und die Schatztruhen ohne große Anstrengung zu knacken waren, haben vermögende Besitzer eine Ecke ihres Grundstücks ausgemacht, in dem sie die Kostbarkeiten vergruben. Wenn Kriegszüge über das Land zogen und die einstigen Besitzer zu den Toten zählten, gerieten auch vergrabene Dinge in Vergessenheit.
Jesus weiß um den Menschen
Jesus kannte die Sorgen der reichen Leute, wenn es um ihren großen Besitz ging. Für alle leicht verständlich spricht er gleichnishaft vom Reich Gottes als verborgenen Schatz im Acker. Eine Grundvoraussetzung für die Auffindung des Gottesreiches ist die vorausgehende Suche nach Gott, dem Herrn selbst. Der Sucher wollte jeden Konkurrenten ausschließen und erwarb nach seiner Endeckung den ganzen Acker. So konnte ihm keiner den Fund streitig machen.
Wenige Meter entfernt von Kapuzinerkloster Sankt Anton in München liegt der bedeutsame Chemiker Justus von Liebig begraben. Aus seinem Mund kam folgendes Bekenntnis: "Die Größe und unendliche Weisheit des Schöpfers wird nur derjenige wirklich erkennen, der sich bestrebt, aus dem gewaltigen Buch, das wir Natur nennen, seine Gedanken herauszulesen." Gerne möchte der Mensch Gott in seine Gewalt bringen, ihn so festhalten, wie er es haben möchte. Er entzieht sich immer unserem Zugriff. Er lässt sich nicht einfangen in Regeln, Systeme und Methoden. Ein humorvoller Journalist bemerkte einmal: "Im Flugzeug gibt es bei starken Turbulenzen keine Atheisten. Alle rechnen mit Gottes Hilfe."
Bei frommen Juden wird eine Geschichte erzählt: In seinen Kinderjahren liebte es David "Verstecken" zu spielen. Einmals wartete er lange in seinem Versteck. Er meinte, seine Freund suche ihn und könne ihn nicht finden. Er täuschte sich. Der Freund suchte ihn gar nicht. David lief nun weinend zu seinem Großvater und klagte: "Ich habe mich versteckt und der feige Moshe hat mich nicht gesucht!" Dem frommen Großvater standen plötzlich die Tränen in d en Augen. Der Enkel war überrascht. Dann sagte er: "Schau, so klagt Gott auch! Er hat sein Antlitz von uns abgewendet und sich vor uns verborgen, dass wir ihn suchen und irgendwann finden. Wir aber suchen ihn nicht."
Der Zustand der Menschen
Der gegenwärtige Mensch ist in eine Verfassung geraten, in der er Gottes unfähig ist. Es findet eine Verkümmerung bestimmter Seiten seines Inneren statt. Deshalb geht er nicht mehr auf die Suche nach Gott. Wer nichts sucht, der entdeckt auch nichts. So konnte man unsere Verhalten Gott gegenüber bezeichnen. Freilich, es steht fest: wir winzigen Menschen können Gott nicht begreifen. Sobald du ihn begreifst, ist dies nicht Gott. Gott ist immer größer als das Bild, das wir uns von ihm machen. Von einem Kardinal stammt das Wort: "Ich glaube an die Sonne, auch wenn Nacht und Nebel die Erde bedecken." Der ehemalige Präsident der USA, Ronal Regean, bemerkte einmal bei einem Gespräch über Gott: "Ich habe seit langem den Wunsch, einige Atheisten zum Dinner einzuladen, ihnen die vortrefflichsten Gourmet-Gerichte vorzusetzen, und sie nach dem Essen zu fragen: Was meinen Sie, gibt es einen Koch?
Gott zu finden erfüllt den Menschen mit Gück und Freude. Wer Gott findet, bei dem verblassen die unechten Werte. Auf einer Häuserwand in Aachen wurde in großen Buchstaben nachts geschrieben: "Es muß etwas geben, das mich glücklich macht!" Die Freude im Menschenleben hat mit Gott zu tun. Nur in Gott ist der Mensch voll lebensfähig. Ohne ihn ist er auf die Dauer krank. Diese Krankheit ergreift auch die Freude und die Fähigkeit zur Freude.
P. Karl Kleiner14. September 2008
24.Sonntag im Jahreskreis
Fest Kreuzerhöhung
Das Kreuz des Herrn
Die Henkersknechte haben dem gegeißelten und zum Tod verurteilten Jesus das Hinrichtungsholz auf die Schulter geladen, er soll es hinaufschleppen nach Golgota. Für jeden am Straßenrand war dies eine makabre Grausamkeit. Der Verurteilte wurde an das Kreuz genagelt und sein Sterben wurde überwacht. Die Evangelien berichten uns von der Abnahme vom Kreuz und von der eiligen Grablegung.
Was geschah mit dem Holz der Hinrichtung. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde es in eine Grube geworfen. Hinrichtungshölzer mit Blutspuren durften von Juden nicht berührt werden, geschah es dennoch, dann zählte der Betreffende eine Zeit lang zu den Unreinen.
Auf der Suche
Kaiser Konstantin und seine Mutter gingen dreihundert Jahre später in Jerusalem den Spuren Jesu nach. Christliche Familien aus Jerusalem wußten sicher Bescheid, sie konnten Auskunft geben und wußten, wo Kaiser Hadrian das Gelände bei Golgota zuschütten ließ. Hadrian wollte jedes Andenken an Jesus auslöschen. Die Grabungen hatten Erfolg. Es stellte sich heraus, dass das Zuschütten zur Konservierung beigetragen hat. Die Heilung einer Kranken bestätigte die Echtheit des gesuchten Kreuzes. Kaiser Konstantin ließ über Golgota und Grab Christi eine große Basilika bauen. Am 14. September 335, einen Tag nach der Kirchweihe, wurde die Reliquie des Kreuzes vorgestellt, das Kreuz wurde erhöht zur Verehrung.
Winzige Teile der bedeutsamen Reliquie wurden an viele Kirchen gegeben. Zuweilen geschah es, dass die Christen bereits mit einem Splitter zufrieden waren, der an der Reliquie berührt worden war. Aber immer ging es darum, dem Gekreuzigten selbst die Verehrung zukommen zu lassen. Jesu Sterben ist der Brennpunkt seiner Liebe. "So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn dahingab."Das Kreuz ist zum Erkennungszeichen der Christen geworden. Seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert gehen die Gegner des Christentum daran, überall das Kreuz zu beseitigen.
Das Kreuz an der Wand
Was das Kreuz im Leben einer Familie bedeuten kann, erzählt ein tatsächlicher Vorfall.
In einer Bauersfamilie kam 1914 die Nachricht vom Ausbruch des Krieges. Der älteste der drei Söhne erhielt rasch einen Einberufungsbefehl. Einen Monat später kam die Nachricht vom seinem Tod. Der Bauer hob seine geballte Faus gegen den Himmel. Seine Frau redete ihm hart zu. Der Pfarrer meinte: mit dem Blut ihrer Söhne müssen Väter und Mütter für die Sünden der Welt bezahlen. Die Familie glaubte nun quitt zu sein mit Gott. Im zweiten Kriegsjahr kam für den zweiten Sohn der Einberufungsbefehl. Nach einigen Monaten blieb jedes Lebenszeichen aus. Der Postbote brachte einen Brief. Der Bauer zerfetzte den Umschlag. Der zweite Sohn war fürs Vaterland gestorben. Der Vater hob beide Fäuste schimpfend zum Himmel. Die Mutter suchte ihn zu besänftigen. Nun glaubten sie ganz entsühnt zu sein. Im dritten Kriegsjahr wurde der letzte Sohn einberufen. Der Vater begleitete ihn ein Stück des Weges. Dann kehrte er zurück und ging in die Scheune. Am nächsten Morgen fand ihn seine Frau: er lag unter der vielzackigen Egge, er hatte sich damit getötet.
Nach dem Begräbnis stellte sich die Bäuerin vor das Kreuz in der Stube und machte einen Pakt mit dem Gekreuzigten. An einem Dezembertag kam der Postbote. Die Mutter öffnete den Brief von fremder Handschrift nicht, sie wußte, was darinnen stand. Mit ihren Fäusten schlug sie auf den Gekreuzigten ein. Sie riss das Kreuz von der Wand und warf es ins Feuer. Sie sah zu, bis der Gekreuzigte zu Asche zerfiel. Ihre Kleider fingen Feuer. Sie lief zum Hoftor, singend, lichterloh brennend. Sie hatte sich gerächt, das bereitete ihr Freude. Als die Helfer eintrafen, schlugen die Flammen aus Haus und Hof. Die gemarterte Mutter war wie der verbrannte Christus ein Häuflein Asche.
Ein jüdischer Philosoph äußerte einmal die Meinung: der Glaube an einen allmächtigen und gütigen Gott könne nach dem Konzentrationslager von Auschwitz nicht mehr aufrecht erhalten werden. Hier äußerte er sich genau zu dem , was der gekreuzigte Jesus auch durchlitten hat und mit dem Wort kundtat: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Der Gottmensch Jesus fühlte sich von der Allmacht und Barmherzigkeit Gottes im Stich gelassen. Jesus hatte Anteil an der harten und zuweilen auch unfassbaren Erfahrung, die Menschen mit Gott machen. Er konnte die Nähe seines Vaters im Dunkel des Sterbens nicht mehr spüren, sondern in einem Notschrei nur noch einklagen und erflehen. Im Leben des heiligen Bruder Konrad galt das Wort: "Das Kreuz ist mein Buch." In der Tat, es ist eine reiche Botschaft, die der Herr uns vermittelt hat.
01. November 2008
Das Fest Allerheiligen
Wenn wir uns in diesen Tagen umschauen, dann stellen wir fest, dass ein Großteil der katholischen Christen weniger an die Heiligen des Himmels denkt, als vielmehr an die toten Angehörigen, an deren Gräber und an den recht Grabschmuck. Der Nachmittag des Allerheiligentages ist an vielen Orten den Verstorbenen gewidmet. Es gibt keine Einwände gegen den Friedhofbesuch, doch das Fest der Heiligen sollte nicht untergehen. Die Heiligen lebten auf dieser Erde, und sind oft mit unglaublicher Konsequenz den Weg gegangen, den Gott ihnen durch seinen Heiligen Geist gewiesen hat. Die Kirche kennt Selige und Heilige und zuweilen taucht die Frage auf, wo zwischen beiden der Unterschied liegt? Es gibt Stufen der Verehrung. Die untere kommt den Seligen zu, die eine begrenzte Verehrung erfahren, die höhere Stufe gilt den Heiligen. Ihre Verehrung steht für die ganze katholische Welt offen.
Wir schauen auf zu Vorbildern.
Zu den ersten Verehrern des heiligen Franziskus zählte Bruder Johannes. Er wollte ganz so werden, wie er es bei seinem Vorbild sah. In nahezu einfältiger Weise kopierte er den Heiligen und wollte auf diese Weise das Wohlgefallen Gottes finden. Seine Umgebung hat darüber sicher geschmunzelt. Gott will nicht, dass wir zu Kopien eines anderen werden. Jeder Mensch hat einen eigenen Weg zu gehen. Die Anregung und die Kraft, um den Auftrag Gottes im Leben erfüllen zu können, kann von den Heiligen kommen. Nach solchen Anregungen sollen wir Ausschau halten. Kaum einer liest die Biografie eines Heiligen ohne davon angerührt zu sein.Wen wir die Vielfalt der Glocken mit ihrem Klang von den Kirchtürmen hören, stellen wir fest, jede ist in ihrem Klang verschieden.Bei den Heiligen erleben wir dies ähnlich. Die Spannbreite ihres Lebens und der Klang der davon ausgeht umfasst die ganze Spannbreite menschlichen Lebens. Es fällt nicht schwer, eine ganze Reihe von heiligen Personen aufzuzählen, die in ihrer Art unterschiedlicher nicht sein könnten.
Ein Mädchen in der Schule wurde gefragt, woran man die Heiligen erkenne? Ihre Antwort lautete: „Die Heiligen sind durchlässig für das Licht.“ Sie hatte in der Kirche oft die bunten Glausfenster betrachtet und die Personen, die in ihnen abgebildet sind. In der Tat, die Heiligen leuchten im Lichte Gottes.
Die heilige Bernadette von Lourdes machte einmal die Bemerkung: „Wir sollten auch die Fehler der Heiligen zur Kenntnis nehmen. Das würde uns Mut machen.“ Die Reihe der Heiligen ist umfangreich, wenn wir Ausschau halten nach denen, die im Leben eine Bekehrung, eine Wende durchlebt haben. Die Folge war, dass sie sich in totaler Konsequenz auf das Wort Gottes eingelassen haben. Die Forschungsarbeit der Theologen soll nicht gering geschätzt werden, aber was die Welt braucht, das sind in erster Linie heilige Vorbilder. An ihrer Seite wirken die Worte der Gelehrten oft abstrakt und blass.
Wir suchen Helfer in der Not.
Die Wallfahrtsorte künden mit ihren Votivtafeln, oft in unübersehbarer Zahl, wie sehr Heilige angegangen wurden, um durch ihre Fürbitte bei Gott in irdischen Anliegen zu helfen. Die Beter haben ihren Grund, warum sie sich erkenntlich zeigen wollen. Die Heiligen anzurufen oder nach Lourdes zu pilgern bedeutet nicht, dass ein Wunsch garantiert in Erfüllung geht. Von Jesus in Getsemani können wir die rechte Einstellung in unserem Beten lernen, seine Wort sind überliefert: „Vater, nimm diesen Kelch von mir; aber nicht mein Wille geschehe sondern der deine.“ Unsere Pläne sind nicht immer deckungsgleich mit denen des großen und heiligen Gottes. „Gott ist kein Automat, bei dem man oben ein Gebet einwirft, und unten kommt das Gewünschte heraus“, so wollte ein Prediger die Sache richtig stellen.
Überraschend oft sind es Angehörige, die die Heiligen angehen, damit jemand aus der Familie wieder den rechten Weg findet, damit in großer Not die Gesundheit wieder zurückkehrt. Dieses liebevolle Beten für andere gehört auch zu den Werken der Nächstenliebe.
Allerheiligen bedeutet zumal in Altötting, dass wir die Königin der Heiligen nicht übersehen. Maria ist dem Sohn Gottes in unvergleichlicher Weise nahe gestanden. Ihre Fürsprache ist von besonderer Bedeutung. Das älteste Mariengebet aus dem 3. Jahrhundert beginnt mit den Worten: „Unter den Schutz deiner mütterlichen Barmherzigkeit flüchten wir uns, Gottesgebärerin, verschmähe nicht unsere flehentlichen Hilferufe in dieser Not.“
21. Dezember 2008
4. Adventsonntag
Zu Betlehem geboren
Ein Mann mit angeschlagener Gesundheit suchte Erholung in den Bergen der Schweiz. Er erzählte von einem besonderem Erlebnis. "Im Kanton Wallis durfte ich auf einer hochgelegenen Hütte übernachten. Am späten Abend hörte ich das laute Singen eines Hirten hinweg über Berg und Tal. Was er sang war lateinisch und stammte aus dem Johannesevangelium, ich konnte es verstehen: ... et verbum caro factum est - das Wort ist Fleisch geworden. Ich habe diesen Abend nie vergessen." Die Botschaft von der Menschwerdung des Gottessohnes soll in der Tat über Berge und Täler klingen.Das Ereignis ist so groß und bedeutsam für die Menschheit, dass es nicht untergehen darf in den ausschmückenden Elementen eines Festtages.
Im Spiegel einer Geschichte
Eine Parabel kann dies deutlich machen. Einmal diskutierten die Tiere über das Weihnachtsfest. Sie wollten herausfinden, was am bedeutsamsten sei an diesem Tag. Der Fuchs sagte: "Na klar, Gänsebraten, was wäre Weihnachten ohne Gänsebraten!" Der Eisbär meinte: "Viel Schnee an diesem Tag wäre schöne. Weiße Weihnacht!" Das Reh aber meinte: "Ich brauche einen Tannenbaum, sonst kann ich nicht Weihnachten feiern." "Aber nicht so viele Kerzen", meinte die Eule, "schön schummrig und gemütlich muß es sein. Stimmung ist die Hauptsache." "Aber mein neues Kleid muß man sehen", sagte der Pfau, "wenn ich kein neues Kleid kriege, ist für mich kein Weihnachten". "Und Schmuck", krächzte die Elster," bei jeder Weihnacht bekomme ich etwas: "einen Ring, ein Armband, eine Brosche oder Kette. Das ist für mich das Allerschönste an Weihnachten." "Na, aber bitte den Stollen nicht vergessen", brummte der Bär, "das ist doch die Hauptsache. Wenn es den nicht gibt und all die süßen Sachen, verzichte ich auf Weihnachten." "Mach's wie ich", sagte der Dachs, "pennen, pennen, das ist das Wahre. Am Festtag will ich einmal richtig pennen." "Und saufen", ergänzte der Ochs, "mal richtig einen saufen und dann pennen!" Da versetzte der Esel dem Ochsen einen ungewohnten Tritt und meinte: "Du Ochse, denkst du denn nicht an das Kind?" Da senkte der Ochse beschämt den Kopf und sagte: "Das Kind, ja das Kind, das ist doch die Hauptsache." Voller Zweifel fragte dann der Esel: "Wissen das eigentlich auch die Menschen?"
Ein Weltereignis
Beginnend in der Krippe von Betlehem hat sich Gott uns gezeigt. Er war da mit Fleisch und Blut, mit einem Gesicht, das man schauen konnte, und einer Stimme, der man zuhören konnte. Der Sohn Gottes wollt die ganze Entwicklung eines menschlichen Wesens durchmachen und als Kind beginnen. Seine Kindheit war ihm ebenso wichtig wie sein Leben als Mann, seine Unmündigkeit so bedeutungsvoll wie seine Reife. Dieser Erlöser der Welt wird draußen vor den Toren, in einem Stall geboren. Bald wird er auf der Flucht sein. Er ist der Allmächtige, der sich trotz seiner Allmachdt mit Schwachheit umgeben und sich zum Gefangenen seiner eigenen Geschöpfe machen kann. Er besitzt die unbegreifliche Macht, sich machtlos zu machen. Jesus Christus ist die ausgestreckte Hand Gottes, die aus dem Licht in das Dunkel gereicht wird. Gott hält in Jesus uns Menschen seine Hand hin, daamit wir einschlagen und uns heimziehen lassen in das Vaterhaus. Überall dort, wo der Glaube an diesen Gottessohn zu sprießen und zu wachsen begann, blühte auch die Güte auf, das Zugehen auf die Schwachen und die Leidenden. Von Betlehem her zieht sich eine Lichtspur, eine Spur der Liebe durch die Zeiten.
Es war im Jahr1952 als der Priester Schnütgen Weihnachten in Betlehem verbrachte.Während die Glocken und die festliche Musik durch den Lautsprecher die Christen zum Gottesdienst einluden, mußte er mitansehen, wie ein Vater sein verhungertes Kind vor dem Flüchtlingszelt im Morast vergrub. Dass ein Kind in unmittelbarer Nähe des Ortes, wo Gottes Liebe Mensch wurde, verhungern mußte, hat ihn so erschüttert, dass er spantan, wenn auch in ganz bescheidem Umfeld ein Baby-Hospital in Betlehem gründete.Daraus ist im Lauf der Jahre eine moderen Kinderklinik geworden. Die achtzig Bettchen und Brutkästen sind dauernd belegt. Viele Spender halfen ihm beim Aufbau und beim Unterhalt seines Werkes. Weihnachten bedeutet, dass es Tag wird mitten in der Nacht, denn der Erlöser ist als kleines Kind zur Welt gekommen. P. Karl Kleiner
5. Sonntag im Jahreskreis
Das Programm des Herrn
Sie verließen die Synagoge und gingen zusammen mit Jakobus und Johannes gleich in das Haus des Simon und Andreas. Die Schwiegermutter des Simon lag mit Fieber im Bett. Sie sprachen mit Jesus über sie, und er ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr, und sie sorgte für sie. Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus. Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt, und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Und er verbot den Dämonen zu reden; denn sie wussten, wer er war. In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten. Simon und seine Begleiter eilten ihm nach, und als sie ihn fanden, sagten sie zu ihm: Alle suchen dich. Er antwortete: Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen. Und er zog durch ganz Galiläa, predigte in den Synagogen und trieb die Dämonen aus. Mk 1,29-39
Die Erwähnung der Schwiegermutter des Simon Petrus im Evangelium des heiligen Markus mag bei manchem Hörer oder Leser zu einem leichten Lächeln geführt haben. Hat man doch diese Frauen im Lauf der Zeit in eine absonderliche Ecke gestellt. Die Herrschsucht eines kleinen Teiles dieser Schwiegermütter wurde ungerechterweise verallgemeinert und allen als Etikette aufgeklebt.
Der Abschnitt des Markusevangeliums besagt weitaus mehr als nur die Heilung einer Schwiegermutter. Wir entdecken darin alles Wesentliche, das für den Alltag des Herrn bestimmend war. Seine Jünger lernten daraus.
Wunder der Heilung
In unserer Sprache wird Jesus auch der liebevolle Titel "Heiland" zugeordnet. Er ist Mensch geworden, um die Geschöpfe zu heilen, gesund zu machen an Leib und Seele. Und noch mehr! Dass er über die entsprechende Macht verfügt zeigt er deutlich bei einem anderen Geschehen. Man brachte zu ihm einen Gelähmten und bat ihn um Heilung. Ringsum waren die Leute überrascht als er zum Kranken sagte: "Sei getrost mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!" Der Gelähmte wollte doch nur gesund werden, von Sünde und deren Vergebung war doch nicht die Rede. Jesus las ihnen ihre Fragen von den Augen ab und erwiderte: "Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Macht hat, Sünden zu vergeben, steh auf, nimm dein Bett und geh nach Haus!... Jener erhob sich und ging nach Hause."
Jesus wusste, dass die Heilung eines Menschen in vielen Fällen viel tiefer angesetzt werden muß, ihr Anfang liegt in der Seele. Die Heilung der Schwiegermutter hatte sich rasch herumgesprochen. Eine große Gruppe von Kranken kam vor das Haus des Petrus. Auffallend ist, dass Jesus ihnen nicht samt und sonders die Gesundheit gibt, der Evangelist schreibt: " Er heilte viele". Offensichtlich gab es begründete Voraussetzungen für eine Heilung.
Die Nähe zum Vater
"In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten." Das Beten Jesu unterschied sich von dem, was Menschen darunter verstehen. Bei ihm war es eher ein Zwiegespräch des Schweigens. Worte waren nicht am Platz. Sein Auge spricht zum Auge des Vaters, sein Herz zum Herzen des Vaters. Es handelt sich um ein Gespräch von Liebenden.
Als der zwölfjährige Jesus von Maria und Josef im Tempel von Jerusalem wieder gefunden wurde, lautete seine Antwort: "Wusstet ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?" Es gab in der Geschichte immer wieder Menschen, die zu einer Höchstform des Gebetes aufgestiegen sind. Vom Pfarrer von Ars wird berichtet, dass er in seiner Dorfkirche einen Mann vor dem Tabernakel vorfand, der kein Gebetbuch aufschlug, keinen Rosenkranz um eine Hände geschlungen hatte und auch die Lippen nicht bewegt. Etwas neugierig fragte ihn der Pfarrer: "Was machst du da?" Er antwortete: "Ich schaue ihn an und er schaut mich an." Hier gab es Momente, wo Worte nicht ausreichten. In der schweigenden Anwesenheit wurde alles gesagt. Ob wir laut oder leise beten, das Herz soll schreien. Es kann jemand sehr viel wissen über den Glauben, wer aber nicht betet, in dem lebt der Glaube nicht.
Das Wort seiner Botschaft
"Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen." Charakteristisch für die Predigt Jesu sind seine Gleichnisse, die von Gott und seiner Herrschaft in bildhaften Annäherungen sprechen. In den Geschehnissen des Alltags will der Herr den Willen Gottes verdeutlichen. In den Seligpreisungen, in denen er auf die Armen, Hungernden und Weinenden hinweist, führt er jene vor Augen, denen ein menschenwürdiges Leben verweigert wird. Ihnen versichert er die Teilhabe am Reiche Gottes. Die Forderung der Feindesliebe und das Verbot der Vergeltung bilden einen Höhepunkt in der Predigt Jesu. In seinen Exorzismen gibt er den geschlagenen Menschen im Namen Gottes ihre Würde zurück.
Die Geschehnisse des Evangeliums bei Markus sind einem bestimmten Ort zugeordnet. Das Haus des Simon Petrus in Kafarnaum wird Zeuge des wundervollen Tuns. Franziskaner haben Nachforschungen angestellt und das Haus des Petrus gefunden. Es gibt Zeugnisse, die auf die Zeit Jesu zurückreichen. Kritzelinschriften wurden entdeckt, die dem "Herrn" und "Christus" gelten. Überraschend für alle Besucher ist es zu sehen, in welch bescheidenen Häuser die Leute lebten. Eine neue Kirche überwölbt auf Stelzen die Reste des Petrushauses. An diesem historischen Ort zu stehen beeindruckt alle, die auf der Suche nach den Spuren Jesu sind.
29. März 2009
5. Fastensonntag
Jesus finden
Auch einige Griechen waren anwesend - sie gehörten zu den Pilgern, die beim Fest Gott anbeten wollten. Sie traten an Philippus heran, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und sagten zu ihm: Herr, wir möchten Jesus sehen. Philippus ging und sagte es Andreas; Andreas und Philippus gingen und sagten es Jesus. Jesus aber antwortete ihnen: Die Stunde ist gekommen, daß der Menschensohn verherrlicht wird. Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben. Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren. Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn schon verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen. Die Menge, die dabeistand und das hörte, sagte: Es hat gedonnert. Andere sagten: Ein Engel hat zu ihm geredet. Jesus antwortete und sagte: Nicht mir galt diese Stimme, sondern euch. Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen. Das sagte er, um anzudeuten, auf welche Weise er sterben werde.
Der heilige Simeon (+ 1022), der in der heutigen Türkei lebte, berichtet in einer seiner vielen Schriften,die uns erhalten geblieben sind, von einer Vision. Er war sich gewiss, in dieser Schau Gott selbst gesehen zu haben. Er war sich sicher, dass es nichts Größere und Strahlenderes geben könne als das, was ihm vor seinen inneren Auge erschienen war. Er meinte, dass es ihm vollauf genügen könne, wenn dies nach dem Tod auf ihn zukäme. Er meinte, darin die ganze Herrlichkeit Gottes erfahren zu haben. Doch Gott der Herr redete ihn an und sagte: „Du bist wirklich sehr armselig, wenn du dich mit diesen Gütern begnügst. Im Verhältnis zu den kommenden Gütern sind diese geschauten wie ein auf Papier gemalter Himmel. Der wirkliche Himmel ist in seiner Größe kaum zu fassen.“
Jesus schauen
Im Evangelium wird uns berichtet, wie fromme Halbjuden auf Philippus und Andreas zugingen, damit diese ihnen einen Zugang zu Jesus besorgten. Sie wollten Jesus, diesen Mann, von dem vielerorts die Rede war, wenigstens einmal gesehen haben. Die Begegnung findet statt. Für sie wird diese Stunde unvergesslich geblieben sein. Ähnliches erfahren wir nach der Auferstehung des Herrn. Thomas, der Apostel war am Ostertag nicht zugegen als der Auferstandene trotz verschlossener Türen plötzlich im Kreis der Jünger stand. Thomas konnte bei seiner Rückkehr eine Woche später nicht fassen, dass ein Gekreuzigter und Begrabener wieder ins Leben zurückkehrt. Er wollte seine Finger in die Wundmale legen und sich auf diesem Weg Sicherheit verschaffen. Nun erlebt Thomas und die anderen wiederum das Kommen des Auferstandenen. Er macht dem Zweifler sogleich das Angebot, seine Wundmale mit den Fingern zu berühren. Die Antwort des Thomas beschreibt das Evangelium nur kurz:er glaubte.
„Wir möchten Jesus sehen“, so lautet der Wunsch vieler auch in unseren Tagen. Doch Jesus ist verborgen. Oder zeigt er sich doch auf geheimnisvolle Weise? Viele schauen auf die Spuren des Grabtuches von Turin. Eine große Zahl von Indizien sprechen dafür, dass uns der Menschensohn zwischen Tod und Auferstehung diese Umrisse zurückgelassen hat. Hier begegnen wir dem Antlitz des Herrn in einer Ausstrahlung, vor der sich die allermeisten Darstellungen von Künstlern verbergen müssen. Es gab Heilige, die Jesus in ihren Visionen schauen durften und anderen glaubhaft davon berichteten.
Den Weizen säen
Recht anschaulich für die Zuhörer war der Vergleich mit dem Weizenkorn. Körner waren eine alltägliche Erfahrung für die Leute. Das Wunder des Lebens zeigt in den Keimen seine Gesetzmäßigkeit. Wenn der Weizen nicht zu Mehl gemahlen wird oder als Samen Verwendung fndet, dann verdorrt es. Wird es ins fruchtbare Erdreich versenkt, dann ruht es dort für eine kurze Zeit und spießt als neues Leben empor bis hin zur gereiften Ähre. Das Sterben kann ein fruchtbarer Vorgang sein.
Jeder Mensch auf dieser Erde gleicht einem Samenkorn. Jesus macht darauf aufmerksam, wer in den Dingen dieser Welt aufgeht, kann seine Fruchtbarkeit für das ewige Leben verlieren. Die Märyrer der frühen Kirche haben sich als Weizenkorn begriffen, das zermahlen wird und auf diesem Weg seine besondere Fruchtbarkeit erhält. Sie haben ihr Leben im Glauben und in der Liebe hingegeben. Was bedeutet Sterben? „Unbeschreibliches Licht wird jeden Leib erfüllen, aus dem die Spuren des Todes und alle Begrenzung vertrieben sind. Jesu eigener Leib wird hier zum Zeichen der Verlässlichkeit siner Botschaft“. (K. Berger)
Jesus selbst ist das Weizenkorn, das in die Erde gefallen ist. Er hat das Sterben auf sich genommen unter den grausamsten Umständen. Weil er sich hingab, aus diesem Grund können wir das Leben haben. Wer sich hingibt, der gewinnt.
Wenn wir in den nächsten Tagen in besonderer Weise auf das Leiden und Sterben des Gottessohnes schauen, dann wird uns ein Weg gewiesen, der uns eine wichtige Antwort sein kann.
P. Karl Kleiner17.Mai 2009
6. Ostersonntag
Beten und Bitten
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird. Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. Dies trage ich euch auf: Liebt einander! Joh 15,9-17
In der kommenden Woche begegnen wir im kirchlichen Kalender den Bittagen. Für viele ist dieses Wort vom Bitten und Beten fremd geworden. Teilweise liegt der Ursprung dieser Tage im betenden Umgang um die Felder. In der Zeit des Sprossens und Wachsens wird Gottes Segen herabgerufen auf die Früchte der Erde. Männer und Frauen, die in der Landwirtschaft tätig sind, wissen, wie sehr wir abhängig sind vom rechten Gedeihen auf unseren Feldern. Es wird unser wieder bewußt, dass wir Geschöpfe Gottes sind. Wir sind nicht Herr über all das, was uns in dieser Welt begegnet. Das Gebet eines frommen Bauern lautete: "Gott, was ich gearbeitet habe, segne du; was ich liebte, beschütze du; was ich wollte, vollende du; was ich versäumte, ergänze du!"
Jesus ermuntert uns.
Die Jünger waren tief beeindruckt, wenn sie Zeugen waren beim Gebet des Herrn. Sein Gebet war ein ganz anderes als das der gewöhnlichen Menschen. Die Jünger wollten in Sache "Gebet" bei Jesus in die Schule gehen. Er lehrte sie das Vaterunser. Von dieser Stunde an, hatten sie ein Gebet, das alles wichtige im Leben anspricht. Das Vaterunser klingt durch die Jahrhunderte. Die Bitte um das tägliche Brot nimmt ganz deutlich seinen Platz ein. Doch unser Gebet kann darüber hinaus alle Bereiche des Lebens ansprechen und einschließen. Der Beter darf bei Gott anklopfen, auch dann, wenn es nach unserem Ermessen aussichtslos erscheint.
Ist unsere Bitte vergeblich?
Wir müssen uns dessen bewußt sein, dass Gott kein billiger Automat ist, bei dem man oben ein kurzes Gebet einwirft, und dann kommt unten das Gewünschte heraus. Die Klage ist öfter zu hören, bei der es heißt: ich habe gebetet und meine Wünsche sind nicht in Erfüllung gegangen. Haben wir bei derlei Klagen schon einmal darüber nachgedacht, woran der Mangel liegt? Jesus sichert uns zu, dass kein ernsthaftes Gebet unerhört bleibt. Eine Erhörung kann auf verschiedene Weise erfolgen. Es kann dazu beitragen, dass uns Dinge geschenkt werden, die wir in den Augen Gottes weitaus notwendiger brauchen. Vergessen wir nicht, der Bereich des Unsichtbaren ist uns verborgen. Im Psalm 94 beten wir:"Der das Ohr geschaffen hat, sollte der nicht hören? Der das Auge geschaffen hat, sollte der nicht sehen?"
Von Gott erhört.
Die vielen Votivtafeln an den Wallfahrtskirchen verkünden unzählige Male, dass Beter von Gott in ihrem Anliegen erhört worden sind. Eine ungewohnte Gebetserhörung wird aus Israel berichtet. Der Frauenarzt J.A. Hatte neun Jahre lang gehofft, dass ihm in seiner Ehe Kinder geschenkt würden. Das Paar ging zur Klagemauer von Jerusalem und hinterließ in einer der Steinfugen einen Zettel mit der Bitte um ein Kind. Gott hat die Bitte erhört. Auf den Tag genau nach neun Monaten gebar die Frau einen Jungen. Nach sechs Jahren vergeblichen Wartens, ging das Paar ein weiteres Mal zur Klagemauer, um Gott anzurufen. Sie wollten ein weiteres Kind haben. Der Mann und die Frau schrieben getrennt ihren Bittbrief an Gott. Neun Monate später gebar die Frau Zwillinge. Ein Sportler, der lebensgefährlich erkrankt war, bemerkte einmal: "Immer wieder habe ich erfahren, wenn ich Gott in mein Leben lasse, ihn im Gebet bitte mein Leben zu führen, hatte er den richtigen Weg für mich - auch wenn das, um was ich gebetet habe, nicht immer eintraf, sondern etwas ganz anderes kam. Im Nachhinein was es doch besser für mich."
Viele Menschen haben es nie gelernt oder auch wieder vergessen, wie man betet. Erst im Gebet entfaltet sich aber die Religion und wird der Glaube lebendig. Es kann jemand sehr viel wissen über den Glauben, wer aber nicht betet, in dem lebt der Glaube nicht.Das Gebet, das als letzte Hingabe an Gott verwirklicht wird, macht still und vereinfacht viele komplizierte Dinge. Es gibt keine Verzweiflung, keine traurige Bitterkeit für den Menschen, in dessen Leben das Gebet einen Platz einnimmt.
2.Juli / 5.Juli 2009
Mariä Heimsuchung / 14. Sonntag im Jahreskreis
Zur Base Elisabeth
Nach einigen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth. Als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabeth vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ. Da sagte Maria: Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig. Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig. Und Maria blieb etwa drei Monate bei ihr; dann kehrte sie nach Hause zurück. Lk 1,39-56
Nach der großen Stunde der Verkündigung in Nazaret bricht in Maria der Wunsch auf, mit einer anderen Frau, einer Gleichgesinnten zu reden. Elisabet, ihre Base, kennt das Leben und hat Erfahrung im Glauben. Sie ist im fortgeschrittenen Alter, und auf sie hatte der Bote Gottes hingedeutet als er Maria die Botschaft überbrachte. Maria geht nach dem Süden, in die Nähe von Jerusalem. Ain Karim wird in der Tradition der Bewohner des Heiligen Landes genannt, ein Ort, der etwa einhundert Kilometer von Nazaret entfernt ist. Der Weg dorthin war nicht ungefährlich, zumal für Frauen. So schloss sich immer eine Gruppe zusammen, die gemeinsam den Weg nach Jerusalem einschlug. In Ain Karim begegnen sich in Maria und Elisabet zwei Frauen, deren Mutterschaft von weltgeschichtlicher Bedeutung wurde. Beide haben das Wunder eines neuen Lebens in ihrem Schoß. Die Base preist Maria und sagt: "Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes."
Marias Herz ist erfüllt von Freude. Elisabet hat Worte gesprochen, die Maria in ihrem Glauben bestätigen. Marias Gebet des "Magnificat" preist Gott in drei Stufen:
Mein Geist jubelt über Gott.
Kardinal Meisner aus Köln sagte einmal: "Freude an Gott ist unsere Stärke. Die Geschmacklosigkeit an Gott und die Appetitlosigkeit auf Gott macht das ganze Elende aus." In der Tat, Heiterkeit und Freude sind kostbare Gaben des Heiligen Geistes. Die Seele ernährt sich von dem, an dem sie sich freut. Menschen neigen dazu, ihre Freude bei den "Spielsachen" dieser Welt zu suchen und dabei hängen zu bleiben. Wir sollen auf den Ursprung der Freude zurückschauen und auf sie zugehen. Dieser Ursprung heißt Gott.
Der heilige Philipp Neri wurde eines Tages von seinem Freund Zenobius zurechtgewiesen, weil er beim Lesen eines Buches laut aufgelacht hatte. "Ein Priester darf nicht so lachen", sagte Bruder Zenobius voller Tadel. "Aber der Herr ist doch gut", gab Philipp zurück, "warum soll er nicht haben wollen, dass seine Kinder lachen? Es ist die Traurigkeit, die uns den Kopf senken und uns nicht zum Himmel aufblicken lässt. Man muß daher die Traurigkeit bekämpfen und nicht die Freude."
Gott erhöht die Niedrigen.
Die Erwartung des jüdischen Volkes vom Kommen des Messias zur Erde war immer damit verbunden, dass alle auf die vornehmen und reichen Familien schauten; dort, so glauben sie noch heute, müsse er zur Welt kommen. Doch zur Überraschung zeigte sich, dass Gott Maria aus Nazaret erwählte hat, um die Mutter des Messias zu werden. Gott hat ein bedeutungsloses, ohnmächtiges Menschenkind auserwählt. Die Geschichte Israels zeigt immer wieder Berufungen, bei denen die bedeutungslosen Vorrang haben. So ging das Wort des Herrn an Jeremias und der Angeprochene antwortete: "Ach, mein Gott und Herr, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so junge". Und die Antwort des Herrn lautete: "Geh"!
Gott nimmt sich seines Volkes an.
Gott hat einen Bund geschlossen mit Mose und seinem Volk am Berge Sinai. Dieser Bund erwies sich auf Israels Seite nicht sehr stabil. Der Messias ist verheißen, um zu heilen. Vorrangiger Adressat ist das Volk der Juden, es muß gut gemacht werden wodurch der Bund Schaden erlitten hat. Die Skala dessen, wovon der Messias seinem Volk Befreiung schenkt reicht von der Befreiung von Dämonen und der Macht des Teufels bis hin zur Befreiung von Angst, Unfrieden und Jammer. Maria von Nazaret wurde erwählt, um diesem Messias als Mutter eine menschliche Natur zu schenken.
Wenn bei frommen Juden ein Kind zur Welt kommt, dann sprechen ihm die Angehörigen einen guten Wunsch zu mit den Worten: "Mögest du die Tage des Messias erleben". Bis in unsere Tage hält das Volk Israel Ausschau nach dem Kommen dessen, der ihnen verheissen ist. Ein Teil des Volkes hat dieses Kind erkannt, zu ihnen zählt Elisabet und Zacharias. Ein paar Monate später kommt der greise Simeon auf das Kind Jesus zu und freut sich mit den Worten: "Nun lässt du Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel."
23.August 2009
21. Sonntag im Jahreskreis
Zum Glauben finden
Viele seiner Jünger, die ihm zuhörten, sagten: Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören? Jesus erkannte, dass seine Jünger darüber murrten, und fragte sie: Daran nehmt ihr Anstoß? Was werdet ihr sagen, wenn ihr den Menschensohn hinaufsteigen seht, dorthin, wo er vorher war? Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben. Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben. Jesus wusste nämlich von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde. Und er sagte: Deshalb habe ich zu euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist. Daraufhin zogen sich viele Jünger zurück und wanderten nicht mehr mit ihm umher. Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt auch ihr weggehen? Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes. Joh 6,60-69
Zum besseren Verständnis des Sonntagsevangeliums ist es notwendig, sich daran zu erinnern, dass Jesus zuvor in der Synagoge von Kafarnaum davon redet, dass er sein Fleisch als Speise geben werde und sein Blut als Trank. Seine Worte haben bei vielen ein Entsetzen hervorgerufen. Die konkrete Vorstellung, dass Menschenfleisch als Mahl dargeboten wird, stößt verständlicherweise auf Ablehnung. Nahrung dieser Art gilt als unterste Stufe menschlicher Kultur, ja es kann sogar zu den kriminellen Vergehen gerechnet werden. Nur weil Jesus um seine Auferstehung von den Toten weiss, kann er diese Worte benützen.
Der Zweifler
Die Reaktion auf seine Ankündigung ist, dass ihn viele seiner Freunde verlassen. Sie haben kein Vertrauen mehr. J.W. von Goethe schrieb einmal über die Zweifler: "Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern; was ihr nicht fasst, das fehlte euch ganz und gar; was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr; was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht; was ihr nicht münzt, das meint ihr, gelte nicht." Gott hat es so gewollt, dass wir in der Mathematik durch strenge Beweisführung Gewissheit erlangen können, bei unserer religiösen Suche aber nur durch die Anhäufung von Wahrscheinlichkeiten zum Ergebnis kommen. Alles kann ein Mensch unter Zwang tun, nur glauben kann er einzig aus der Freiheit des Herzens. Gott will in seinem Dienst nur Freiwillige.
In diesen Tagen stand ein Sektenprediger an einer belebten Straßenecke und wollte alle Vorübergehenden mit seinen Werbeblättern versorgen. Dort, wo er Ablehung fand, begann er über die Passanten zu schimpfen und mit kräftigen Worten ihnen die Hölle mit der ewigen Verdammnis anzudrohen. Rasch gingen die Vorübergehenden diesem Höllenprediger aus dem Weg.
Die Freiheit des Menschen
Ganz anders verhält es sich bei Jesus. Er stellt es völlig frei, wer bei ihm bleiben will oder nicht, wer dieses Brot vom Himmel bejahen will oder nicht. Vom Vinzenz von Paul, dem großen Caritasapostel, wird berichtet, dass er für längere Zeit Glaubenszweifel durchzustehen hatte. Er suchte nach einer Hilfe. Schließlich schrieb er das Apostolische Glaubensbekenntnis auf einen Zettel und nähte es in sein Gewand. Sooft sich bei ihm Zweifel einstellten, drückte er dieses Papier an sein Herz, um so ganz schlicht den Glauben zu bekennen. Es war ihm eine Hilfe. Jesus gibt sein Fleisch und Blut dahin. Durch seine Auferstehung ist seine Menschheit in eine andere Daseinsebene gehoben worden.
Jesu Leib und Blut
Das Essen des Leibes Jesu wird für seine Jünger die Vereinigung mit dem lebendigen Auferstandenen. Sein Vermächtnis im Abendmahlsaal ist bestimmt vom Wort: "Tut dies zu meinem Gedächtnis." Es bedeutet die Vorwegnahme seines Todes am Kreuz. Wir hätten Schwierigkeiten das Geschehen vom Karfreitag zu verstehen, wenn dieser geistige Vollzug nicht vorausgegangen wäre. Beim Abendmahl und bei jeder Eucharistiefeier teilt Jesus sich selbst aus. Das Brot wird zerteilt, gebrochen oder zerrissen wie in der Stunde seiner Passion. Das Blut verrinnt. Wenn Jesus uns seinen heiligen Leib reicht, dann will er unsere Umwandlung. Mit ihm, unserem Herrn sollen wir "ein Leib und ein Geist" werden.
Simon Petrus ist es, der das Wort ergreift und Jesus eine Antwort gibt. "Du hast Worte des ewigen Lebens". Petrus wusste keineswegs etwas vom kommenden Geheimnis des Abendmahles. Für ihn war Jesus der Gottgesandte, dem ganz und gar zu vertrauen ist.
Das Bekenntnis des Vertrauens wie wir es bei Simon Petrus wahrnehmen, soll auch aus unserem Herzen und unserem Munde kommen.
11.Oktober 2009
28. Sonntag im Jahreskreis
Jesus weist den Weg
Als sich Jesus wieder auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen. Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter! Er erwiderte ihm: Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt. Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach! Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen. Da sah Jesus seine Jünger an und sagte zu ihnen: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! Die Jünger waren über seine Worte bestürzt. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Sie aber erschraken noch mehr und sagten zueinander: Wer kann dann noch gerettet werden? Jesus sah sie an und sagte: Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich. Da sagte Petrus zu ihm: Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Jesus antwortete: Amen, ich sage euch: Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen: Jetzt in dieser Zeit wird er Häuser, Brüder, Schwestern, Mütter, Kinder und Äcker erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben. Mk 10,17-30
Ein junger Mann, der offensichtlich sehr ideal gesinnt ist, geht auf Jesus zu. Es bewegt ihn die Frage, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, um zum ewigen Leben zu kommen. Jesus antwortet ihm damit, dass er ihn an die zehn Gebote erinnert. Sehr vollmundig erwiderte der Fragesteller, dass Gottes Gebote bereits einen festen Platz in seinem Leben haben. Doch er möchte eine Stufe höher emporsteigen. Der Herr macht den Vorschlag, dass er sein beachtliches Vermögen verschenken soll. Diese Einladung zum Verzicht und zur Nachfolge überforderte ihn.
Du kennst die Gebote.
Die Beobachtung der Zehn Gebote, die Gott den Menschen gegeben hat, gehört zum Standard in jedem Menschenleben. Der Grund für menschenverachtende Exzesse ist darin begründet, dass es keine verbindliche Ethik mehr gibt und keine moralische Prinzipien, die dem Handeln Grenzen setzen. Der Mensch ohne eine Bindung an Gott ist eben seinem eigenen Größenwahn ausgeliefert und offen für jede Manipulation. Die Menschenwürde muß in Gott gründen, sonst ist sie beliebig verschiebbar und nichts anderes als eine leere Hülse, in die jeder hineinstopfen kann, was er will. Die Wertmaßstäbe der jüdisch-christlichen Religion sind wie ein Kompass, der dazu verhilft, auf dem rechten Weg zu bleiben. Für alle gilt die Aufforderung, die zehn Gebote zu halten als fundamentaler Aufruf.
Eines fehlt dir noch.
Das Angebot Jesu an den Mann, der mehr tun will, fordert den Verzicht auf allen Besitz. Damit entsteht ein leerer Raum, der für Gott offenstehen kann. Franz von Assisi erbat sich von der Abtei der Benediktiner ein kleine, ärmliche Kapelle, die er Portiunkula nannte. Er wollte sie nur geliehen haben, nicht aber zu seinem Eigentum erklären. Der Name Portiunkula bedeutet eine kleine Portion, ein kleines Stück Land. Für Franz und seine Brüder galt das Psalmwort, in dem von Stamme Levi die Rede ist. Dieser Sippe gehörte kein Teil des Gelobten Landes, ihr Land war Gott selbst: "Du, Herr, bist mein Anteil und mein Erbe, ja, mein Erbe gefällt mir wohl."
Der unvergessene Theologe Romano Guardini hat sich zu Beginn seines Studiums an der Unversität eingeschrieben für Chemie und Nationalökonomie. Bald spürte er, dass dies nicht sein Weg sei. An einem Sonntag ging er in Berlin in die Dominikanerkirche und dort sah er, wie ein Laienbruder zur Kollekte mit dem Klingelbeutel durch die Reihen ging. Das ruhige Gesicht dieses Mannes fiel Guardini auf. Er beneidete ihn wegen dieser Ausgeglichenheit. Plötzlich kam ihm der Gedanke: Könntest du nicht auch wie er das Gleiche tun, dann hättes du Ruhe. Dann wanderten seine Gedanken sofort weiter. Nein, Laienbruder nicht, aber du könntes Priester werden. Und da war es, als ob alles ruhig und klar würde. Er ging mit einem Glücksgefühl nach Hause. Es mußte feststellen, dass er so etwas seit langem nicht mehr empfunden hatte.
Herr, warum ich?
In einer Kirche Roms hängt ein bekanntes Bild vom Maler Caravaggio (+1610), das die Berufung des Apostels Matthäus zeigt. Eine Darstellung dieser Art war bis dahin ungewohnt. Jesus zeigt auf Matthäus, den Zöllner, und der Berufene ist verblüfft und fassungslos. Ausgerechnet auf ihn fiel die Wahl des Herrn. Er zeigt mit dem Finger fragend auf sich. Er wollte sich vergewissern, ob er denn keinem Missverständnis unterlegen sei. Die Wahl kommt ihm so unwahrscheinlich vor, dass er fragen will: Ich? Warum gerade ich?
Hier dürfen wir nicht dem Irrtum verfallen und meinen, dass der Besitz eines vermögenden Menchen grundsätzlich böse sei. Der Kirchenlehrer Cyrill (+350) schreibt: "Reichtum, Gold und Silber gehören nicht, wie einige glauben, zur Herrschaft des Teufels. Geh damit nur richtig um, dann ist es nicht zu tadeln. Den zeitlichen Gütern kann es einer sogar verdanken, dass er gerecht ist. Denn es steht - offenbar von zeitlichen Gütern - geschrieben: "Ich war hungrig und ihr habt mir essen gegeben." Dies sage ich der Irrlehre wegen, die Geld und Gut und Leiblichkeit verdammen. Du sollst den irdischen Schätzen nicht dienen, du sollst sie aber auch nicht als Feinde ansehen."
Zu Beginn des Sonntagsevangelium steht die Bemerkung, dass der fragestellende Mann vor Jesus auf Knie fiel. Hier muß etwas Ungewohntes geschehen sein. Ein unsichtbarer Glanz des Gottessohnes hat ihn auf die Knie gezwungen.
29.November 20091. Adventsonntag
Das Ende der Welt
Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen, und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres. Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf einer Wolke kommen sehen. Wenn all das beginnt, dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe. Nehmt euch in acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren und dass jener Tag euch nicht plötzlich überrascht, so wie man in eine Falle gerät; denn er wird über alle Bewohner der ganzen Erde hereinbrechen. Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt. Lk 21,25-28.34-36
Jesus redet vom Ende der Welt, vom Sterben und vom irdischen Untergang. Wir hören diese Dinge nicht gern, auch wenn damit ein Stück unserer Neugierde befriedigt wird. Das Ende der Welt hat wie eine Medaille zwei Seiten. Die eine Seite sagt, dass alles Dagewesene eine gewaltige Veränderung erfährt, und die andere, dass Gott in Jesus Christus auf uns zukommen wird. Die Jünger des Herrn waren Zeugen, als er als der Auferstandene von dieser Erde wegging. Die letzte Generation der Menschheitsgeschichte wird Zeuge sein und es erfahren, wie er wiederkommt.
Wir haben uns gut eingerichtet.
Die Wissenschaftler unserer Tage haben den Anfang der Schöpfung errechnet und auch den Anfang der Menschheit. Der Kosmos und das Menschengeschlecht haben eine unvorstellbare Wegstrecke zurückgelegt. Wir fragen uns im Stillen, kann der Welt nicht noch eine ähnliche Wegstrecke zurücklegen? Wir haben uns doch gut eingerichtet. Im Lukasevangelium spricht Jesus vom reichen Mann, der seine Scheune erweitern will. Er sagt sich: Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus! Iss und trink, und freue dich des Lebens! Da sprach Gott zu ihm: Du Narr, noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir fordern.
Wenn Gott über so unvorstellbare Größen an Raum und Zeit verfügt, soll das Ende ausgerechnet jetzt, am Beginn des dritten Jahrtausend anbrechen? Aber bedenken wir, die Posaunen des Letzten Gerichtes können ganz persönlich zu jeder Stunde ertönen, dann, wenn unsere Sterbestunde schlägt.
Das genaue Datum
Es gibt Sekten und andere Gruppierungen, die im lauten und vernehmlichen Ton verkünden, dass sie den Zeitpunkt für das Ende der Welt gefunden haben. Es ist peinlich, wenn sie ihren Kalender immer wieder korrigieren müssen. Sie bauen sichere Siedlungen für den Weltuntergang und nehmen an, dass sie darin alle Geschehnisse überstehen. Es war am Abend des 30 Oktober 1938, da strahlte die American Broadcasting Corporation das Hörspiel des Orson Welles vom "Krieg der Welten" aus. Das Ende der Welt wurde so realistisch in das Spiel eingebracht, dass die Hörer in große Panik verfielen. Im Textbuch wurde ein Angriff von Marsbewohnern in die Nähe der nordwestlichen Stadt New Jersey verlegt. Überaus groß war die Aufregung in der dortigen Gegend. Die meisten Hörer meinten, das Ende der Welt sei wirklich angebrochen. Deutlich spricht Jesus vom Geheimnis der letzen Tage: "Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater. Seht euch also vor, und bleibt wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist."
Was wird geschehen?
Es ist verborgen, auf welche Weise das Ende verursacht wird. Vielleicht fällt ein Riesenbrocken vom Himmel auf die Erde, dann verfinstert sich alles. Oder es ist die Sonne, die eines Tages sich aufbläht mit der Wirkung, dass es zu heiß wird für ein Leben auf Erden. Aber weitaus wahrscheinlicher ist es, dass wir Menschen mit unserem wunderschönen Planeten so umgehen, dass er nicht mehr bewohnbar sein wird. Wir sind gerade dabei, die Erde so zu schädigen, dass es lange dauern wird, bis unser Raumschiff wieder repariert wird. Sind wir nicht mit allem Eifer dabei, uns selbst ein Grab zu schaufeln? Am Ende der Zeit wissen wir nicht, was auf uns zukommt, wir wissen aber, wer auf uns zukommt, es ist der Erlöser Jesus Christus.
Der Evangelist Lukas hat Jesu Gleichnis vom klugen Verwalter niedergeschrieben. Es handelt von einem betrügerischen Mann. Als seine Unehrlichkeit bekannt wird, sorgt er auf kriminelle Weise um seinen Vorteil. Jesus will sagen, dass wir die nämliche Energie, die wir für die Sünde aufwenden, auch dem Guten zukommen lassen sollen. Reinhold Schneider schreibt: "Wir kennen die Zukunft nicht, aber wir kennen, was viel wichtiger ist als sie: das Ziel. Und in Bezug auf das Ziel sind wir unabänderlich verpflichtet.
17. Januar 2010
2. Sonntag im Jahreskreis
Es geschah bei einer Hochzeit
Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt, und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut!
Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungsvorschrift der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt, und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist. Sie brachten es ihm. Er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zuviel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn. Joh 2,1-11
Zur Zeit Jesu war die Ortschaft Kana in Galiläa ein kleines Dorf, nicht weit entfernt von Nazaret. Die Feier einer Hochzeit gehörte zu den großen Ereignissen in dieser kleinen, überschaubaren Welt. Der Bericht des Evangelisten legt es nahe, dass Jesus mit einigen seiner Jünger erst ankam, als die Hochzeitsfeierlichkeiten schon im Gang waren. Eine Woche lang wurde gefeiert. Hochzeiten begannen traditionsgemäß an einem Dienstag, der eigentliche Höhepunkt fand statt, wenn die Braut aus ihrem Elternhaus in das Haus des Bräutigams geleitet wurde. Dies geschah am Vorabend der Feier. Freundinnen der Braut gingen dem Bräutigam entgegen und gaben ihm ein festliches Geleit. Mit brennenden Fackeln ging dann der Zug mitsamt der geschmückten Braut in das neue Heim. Die Leitung der Festlichkeit lag in den Händen eines Freundes des Bräutigams. Täglich kamen und gingen neue Gäste. Maria, die Mutter Jesu gehörte zu den Geladenen.
Wein in den Krügen
Bei einer Feier von sieben Tagen war es nicht verwunderlich, wenn der Wein zu Ende ging. Der Evangelist Johannes schildert in knappen Sätzen den Vorgang, der den Brautleuten aus der Verlegenheit half. Die Krüge für den Wein waren leer. Jesus gibt den Auftrag sechs steinerne Krüge, die für das Reinigungswasser bestimmt waren, neu aufzufüllen und zwar mit Wasser. Die Diener rätselten sicher herum, was das zu bedeuten habe. Maria ermunterte sie, auf Jesus zu hören. Nun stellte sich heraus, dass sich Wasser in Wein verwandelt hatte. Kenner der jüdischen Bräuche haben ausgerechnet, dass es etwa 600 Liter waren, die in den Krügen angeboten wurden. Der Evangelist sieht im ganzen Geschehen einen tieferen Sinn, ein besonderes Zeichen. Es geht ihm nicht nur um ein konkretes Wunder, um eine wundervolle Hilfe für die in Verlegenheit geratene Hochzeitsgesellschaft, es geht ihm um das Offenbarwerden einer neuen Wirklichkeit. Das ganze Dorf Kana wurde Zeuge dieses Geschehens, ebenso Maria, seine Mutter, die Jünger und die vielen Versammelten im Haus der Hochzeit.
Eine Hochzeit
Jesus war nicht verheiratet mit einer Frau. Seine Gegner bemühen sich immer wieder ihm allerlei anzudichten. Ihre Fantasie scheint grenzenlos zu sein. Doch warum geschieht sein erstes Zeichen ausgerechnet bei einer Hochzeit? Jesus war ähnlich einer Ehe verbunden mit dem Volk Gottes. Das alte Bild von Gott als Ehemann und Israel als Ehefrau ist nicht verloschen. Das Weintrinken bei der Hochzeit fügt zusammen zu einer Gemeinschaft, es schenkt messianische Freude. Das Bild von einem Hochzeitsmahl verwendet Jesus auch, wenn er vom Endziel, vom Himmel spricht: "Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der die Hochzeit seines Sohnes vorbereitete". Das Wunder von Kana weist auch hin auf die Hingabe seines Leibes und Blutes. Jesus ist der Wein des Lebens, sein Blut wird zum Trank für ewiges Leben. In Kana wurden der Umgebung Jesu die Augen geöffnet für das Geheimnis seiner Person.
Vom Weinstock
Aus der Zeit der frühen Kirche gibt es eine Legende über den Weinstock. Zum Verständnis sei bemerkt, alle Legenden sind von großartiger Symbolik erfüllt. Es heißt dort: "Ein Engel war es, der Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb. Adam und Eva weinten. Mitleidig lehnte sich der Engel an seinen Stab. Die Tränen, die der Engel aus Mitleid mit Adam und Eva vergoss, fielen beim Stab zu Boden. Der Stab trieb Wurzeln und die Früchte waren süß wie die Tränen des Engels. Das war der erste Weinstock." Der Wein ist kein Grundgetränk wie Wasser und Bier, es ist immer etwas Besonderes. Es wird zumeist dort zum Weinglas gegriffen, wo es ein Fest zu feiern gibt. Jeder Weinberg bedarf das ganze Jahr hindurch einer besonderen Pflege und. braucht eine schützende Eingrenzung. Der Weinberg ist ein Symbol für Israel und der Wein selbst die äußerste Verdichtung der messianischen Freude.
Das Weinwunder von Kana zeigt, dass Gott durch seinen Sohn Jesus in reicher Fülle die Menschen beschenkt. Es wird auch vermerkt, dass der gute Wein bis zuletzt aufgespart wurde, Die menschliche Praxis kredenzt den besten Wein am Anfang. Jesus verheißt, dass das Beste bis zum Ende aufgespart wird, wenn wir die Herrlichkeit Gottes schauen dürfen.
28. Februar 2010
2. Fastensonntag
Auf dem Berg der Verklärung
Etwa acht Tage nach diesen Reden nahm Jesus Petrus, Johannes und Jakobus beiseite und stieg mit ihnen auf einen Berg, um zu beten. Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes, und sein Gewand wurde leuchtend weiß.
Und plötzlich redeten zwei Männer mit ihm. Es waren Mose und Elija; sie erschienen in strahlendem Licht und sprachen von seinem Ende, das sich in Jerusalem erfüllen sollte.
Petrus und seine Begleiter aber waren eingeschlafen, wurden jedoch wach und sahen Jesus in strahlendem Licht und die zwei Männer, die bei ihm standen.
Als die beiden sich von ihm trennen wollten, sagte Petrus zu Jesus: Meister, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wusste aber nicht, was er sagte. Während er noch redete, kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie. Sie gerieten in die Wolke hinein und bekamen Angst.
Da rief eine Stimme aus der Wolke: Das ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.
Als aber die Stimme erklang, war Jesus wieder allein. Die Jünger schwiegen jedoch über das, was sie gesehen hatten, und erzählten in jenen Tagen niemand davon.
Lk 9,28-36
Das Ereignis der Verklärung des Herrn hat seit früher Zeit seinen Platz auf dem Berg Tabor. In den Evangelien ist nur von einem hohen Berg die Rede. Alle, die mit den biblischen Stätten und ihrer Geschichte vertraut sind, stimmen dieser Bestimmung des Berges zu. Der Berg Tabor überragt im Umfeld von Nazaret alle anderen Hügel. Im Jahr 570 wurde zur Erinnerung bereits auf der obersten Anhöhe eine Kirche gebaut. Stürmische Zeiten gingen über das Land hinweg. Im Jahr 1631 waren es die Brüder des heiligen Franziskus, die eine Niederlassung und eine Kirche errichteten. Bis in unsere Tage hüten sie diesen Platz für Christen..
Die drei Zeugen
Jesus geht hinauf auf den Berg mit drei seiner Jünger, mit Petrus, Jakobus und Johannes. Wir begegnen den Namen wieder bei der Todesangst im Garten Getsemani. Sollten diese drei die Verklärung des Herrn erleben, damit sie bald darauf die tiefste Erniedrigung ertragen können?
Der Evangelist Lukas berichtet uns, dass sie oben auf der Anhöhe mit Jesus gebetet haben und dabei eingeschlafen sind. Offensichtlich waren sie müde geworden vom langen und unwegsamen Aufstieg. Für manchen Beter in unseren Tagen mag dies eine tröstliche Zwischenbemerkung sein, die das eigene Ermüden entschuldigt. Im Garten Getsemani ist wiederum von den schlafenden Jüngern die Rede.
Die drei Jünger werden aus ihrem müden Schlummer gerissen. Jesus steht vor ihnen in leuchtender Gestalt. Dies ist kein Traum. Jesu Gewand übertrifft an Strahlkraft alle gewohnte Helligkeit. Neben Jesus stehen Mose und Elija. Sie reden mit dem Herrn über seine grausame Hinrichtung. Mose ist der große Anführer des Volkes Israel, Elija ist einer der bedeutsamsten Propheten. Jesus befindet sich in ihrer Mitte. Er ist es, der das ganz Volk zur Erlösung führt.
Ein Blick in die Zukunft
Die Verklärung Jesu Christi gilt als Demonstration für das, was alle Christen einmal erwartet. Die Stunde kommt, in der unbeschreibliches Licht jeden Leib erfüllen wird. Die Spuren des Todes und alle Begrenzung werden aufgehoben. Jesus verklärter Leib wird zum Garant seiner Botschaft vom neuen, ewigen Leben nach der Stunde des Todes auf Erden. Gottes Licht und Gottes Liebe wird alles erfüllen und verwandeln. Im Licht der Ostersonne bekommen die Geheimnisse der Erde ein anderes Aussehen. Die Auferstehung von den Toten wird ein kosmisches Ereignis sein, die ganze Schöpfung tritt ein in ihren Lichtglanz.
An Jesus glauben heisst: diesem Jesus trauen, sich auf ihn einlassen, sich auf ihn verlassen. Die Geheimnisse des Glaubens sind wie die Sonne. Hineinschauen kann man nicht, aber in ihrem Licht sehen wir alles andere.
Gott spricht.
Der Höhepunkt der Verklärung liegt ohne Zweifel in der Aussage, dass Jesus, der von Gott Erwählte ist. Seine Worte sind von großer Bedeutung für die Menschen. Mose und Elija sind einzig Diener des großen Gottes. Auf dem Berg Tabor begegnet den drei Jüngern die Wirklichkeit Gottes in der Person Jesu Christi. Er ist der geliebte Sohn, der der Menschheit etwas Wichtiges zu sagen und vorzuleben hat. Der allmächtige Vater bestätigt seinen Sohn bei der Taufe am Jordan und bei der Verklärung auf dem Tabor. Er will, dass wir unser Ohr und unser Herz öffnen für seine Botschaft. Seine Botschaft kann die Erde verwandeln. Es ist das Feuer, das Paulus vom Pferd warf und den späteren Kirchenvater Augustinus aus seiner Karriere. Es ist die brennende Liebe, die Franziskus zu den Aussätzigen und zum Sultan gehen ließ, und bekennende Christen den Mut gab zum Martyrium. Von Theresia von Lisieux (+ 1897) stammt das Bekenntnis: "Das Evangelium beschäftigt mich mehr als alles andere bei meinen Gebeten. Aus ihm schöpfe ich alles, was meine arme Seele braucht. Ich finde immer neues Licht und verborgenen Sinn."
Bei Betreten der heutigen Kirche auf dem Berg Tabor führt eine breite Treppe hinab zu offenen Krypta. Hier ist die Apsis und der Altar aus frühschristlicher Zeit noch erhalten. Die Mosaikbilder, die den den Raum ausschmücken, nehmen Bezug auf das Wort "Verwandlung". Eine solche fand statt in der Menschwerdung Christi, in den Gaben von Brot und Wein und in der Auferstehung Jesu am Ostermorgen. Bei der Messfeier können Pilger erfahren, wie uns der Herr begegnet unter dem Schleier des Brotes.
11. April 2010
Es ist der Herr
Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt, und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Ursprünglich Schlusswort des Johannesevangeliums. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen. Joh 20, 19-31
Der Evangelist berichtet uns vom Tag der Auferstehung, dem ersten Ostertag. Eine Woche später gibt Jesus dem zweifelnden Thomas eine Antwort, die ihn in die Knie sinken lässt. Ostern ist getragen vom unfassbaren Geschehen der Auferstehung Jesu Christi, unseres Herrn.
Von einem bedeutsamen Philosophen Russlands, von Wladimir Solowjew (+1900) wurde ein außergewöhnliches Ereignis aufgezeichnet. Es war an einem Ostersonntag, da erblickte Solowjew den Satan. Er war dabei zu Tode erschrocken. Schließlich raffte er sich auf und stellte eine Frage: "Und du, weißt du, dass Christus auferstanden ist?" Als Antwort stürzte sich der Teufel auf Solowjew. Nach einiger Zeit wurde der Gelehrte bewusstlos auf dem Boden liegend gefunden. Was will dieses Erlebnis kundtun? Die Welt des Bösen gerät in Wut über Jesu Tod und seine Auferstehung. Sie gerät auch in Wut, wenn einer im Glauben hinfindet an dieses elementare Ereignis.
Der Auferstandene steht mitten unter ihnen.
Was in unserer Welt als ganz selbstverständlich angesehen wird, nämlich die Türe abzuschließen, erhält bei den verschreckten Jüngern Jesu ein besonderes Gewicht. Die Versammelten haben Angst als Jünger des Hingerichteten Jesus. Können die nämlichen Soldaten, die den Herrn am Ölberg verhaftet haben, nicht plötzlich an ihrer Türe anklopfen, sie abführen und zum Tod verurteilen? Simon Petrus wurde in große Angst versetzt, als beim nächtlichen Feuer eine Magd die Frage stellte, ob nicht er auch ein Galiläer sei? Zugleich geben die verschlossenen Türen einen Hinweis darauf, dass Jesus der Auferstandene über Raum und Zeit erhaben ist. Er verfügt über Dimensionen, die uns Irdischen nicht zur Verfügung stehen. Im Gruß wünscht Jesus allen Anwesenden den Frieden. Ist dieses Grußwort bei uns nicht ausgeleiert und nichtssagende geworden? Die Erfahrung zeigt, dass Kain und Abel so ziemlich den ganzen Inhalt der Weltgeschichte bilden. Echter Friede bezieht sich auf Gott und die Mitmenschen. Ein Friedenskämpfer hat gesagt: "Die Menschen haben gelernt zu schwimmen wie die Fische und zu fliegen wie die Vögel, aber wie Brüder zusammenzuleben haben sie nicht gelernt." Der Friede muss in unserem Herzen seinen Ursprung haben.
Thomas, der Zweifler
Die Erkennungszeichen des Auferstandenen sind die Wundmale an Herz, Händen und an den Füßen. Sie künden für alle Zeiten die Liebe Gottes zu den Menschen. Niemand hat eine größere Liebe zu seinen Freunden, als der, der für sie sein Leben hingibt. Wenn christusverbundene Menschen mit den Stigmen des Erlösers gezeichnet werden, dann birgt dieser Vorgang eine erneute Erinnerung an das Leiden am Kreuz, an die Heilstat des Erlösers.
Thomas, einer der Apostel war am Ostertag nicht im Kreis der Jünger. Wir wissen nicht, warum er abwesend war. War er enttäuscht von Jerusalem weggegangen, womöglich aus dem nämlichen Beweggrund wie die Jünger von Emmaus? Eine Woche später befindet sich Thomas erneut bei den Jüngern. Die Türen sind wiederum fest verschlossen. Die Angst hat kein Ende gefunden. Plötzlich steht der auferstandene Jesus in ihrer Mitte, geht auf Thomas zu und bietet ihm an, dass er seine Wunden berühre. In großen Tönen hat der Apostel gefordert, die Wundmal des Herrn berühren zu wollen. Blitzartig wird aus dem ungläubigen Thomas ein Glaubender.
Der Kirchenlehrer Augustinus schreibt: "Es ist nichts Besonderes zu glauben, dass Christus gestorben ist, das glauben auch die Heiden, die Juden und alle Verdammten. Alle glauben, dass er gestorben ist. Der Glaube der Christen aber ist die Auferstehung Christi und das ist in der Tat etwas Besonderes zu glauben, dass er auferstanden ist.
Der jüdische Professor Schubert vertrat seine Überzeugung in den Worten: "Die Botschaft von der Auferstehung Jesu hätte sich in Jerusalem keinen Tag lang halten können, wenn nicht tatsächlich ein leeres Grab Jesu gezeigt worden wäre". Ostern sagt uns, dass es keinen Tod und keine Toten gibt. Gott ist kein Gott der Toten, sondern der Lebenden, alles ist Leben. Die Auferstehung des Fleisches ist ein frohmachende Aussage unseres Glaubens. Die Unsterblichkeit der Seele allein ist zu wenig für den Christen.
23. Mai 2010
Pfingstsonntag
Komm, Heiliger Geist!
Mit Bedauern müssen wir die Erfahrung machen, dass selbst bei getauften Christen zuweilen festzustellen ist, dass der Inhalt des Pfingstfestes und das, was wir an diesem Tag feiern in Vergessenheit geraten ist. Gottes heiliger Geist ist es, der an diesem Tag im Mittelpunkt steht.
Was ist geschehen?
Die Apostelgeschichte berichtet, dass die Jünger vom Herrn den Auftrag erhielten, nach seiner Himmelfahrt in Jerusalem zu bleiben. Er hatte ihnen das Herabkommen des Heiligen Geistes versprochen. Sie blieben in der Stadt und versammelten sich täglich an neun Tagen zum Gebet. In der jüdischen Tradition war der Pfingsttag ein erstes Erntedankfest, bei dem viele nach Jerusalem kamen, um Gott zu ehren und ihm zu danken in seinem heiligen Tempel. Am Morgen dieses Tages geschah es nun, dass der Heilige Geist auf die Jünger herabkam. Sie sahen Feuerzungen auf den Häuptern der Versammelten. Es erhob sich ein Sturmesbrausen, das durch Wetterbedingungen keine Erklärung fand. Schließlich trat Petrus vor das versammelte Volk und erklärte, was sich in der nämlichen Stunde zutrug. Zu gleicher Zeit verkündete er ihnen, was mit Jesus, dem Messias geschehen war. - Seine Worte wurden von allen verstanden, auch von denen, die dieser Sprache nicht mächtig waren.
Dem Auge verborgen
Wenn wir das Wort „Geist“ gebrauchen, denken wir an etwas Unsichtbares, an Dinge, die wir mit unseren Sinnen nicht in Erfahrung bringen können. Wenn sich Gottes Geist für uns Menschen kundtut, dann benützt er Zeichen, mit denen wir seine Eigenart, die Eigenart des Unsichtbaren erahnen können. Feuerflammen und Sturmesbrausen benützt er gleichsam als seine Sprache. Im Geist Gottes finden wir Eigenschaften, die dem Feuer der Erde gleichen. Eine ruhige Atmosphäre gerät durch den Sturm in Turbulenzen. Der Geist will den Menschen wecken und die Aufmerksamkeit wachrufen. „Der Heilige Geist ist die große, unheimliche Störung aller persönlichen und erst recht aller kirchlichen Selbstsicherheit, er ist der Angriff Gottes auf unsere Unlebendigkeit und Selbstgenügsamkeit, er hat keinen Respekt vor aller verfestigten Institution, vor äußerer Ordnung, wenn sie zum Selbstzweck geworden ist. „ ( W. Stählin)
Die Begegnung
In den Sakramenten erfahren wir in vorzüglicher Weise das Wirken des Heiligen Geistes. In der Taufe knüpft er die Lebensgemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott und in der Firmung, beim Eintritt in das Erwachsenenalter, bekräftigt er diese Verbindung. Im Gespräch mit Nikodemus sagt Jesus: „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch, was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind weht, wo er will, du hörst sein Brausen, weisst aber nicht, woher der kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.“ In unserem Beten sind wir eingeladen, den Geist Gottes auf unser Leben und unser Wirken herabzurufen. Er kommt dorthin, wo er erwartet wird, wo er ein offenes Herz findet. Der Geist ist es auch, der das Band der Liebe zwischen Erde und Himmel knnüpft. Jesus bleibt durch den Heiligen Geist bei den Seinen und leitet durch ihn die Kirche. Es ist kein Zufall, dass seit dem Mittelalter viele Krankenhäuser und Spitäler den Namen des Heiligen Geistes tragen. Sie erinnern daran, dass durch den Dienst am Nächsten das christliche Leben eine Bewährung durchläuft. Im Heiligen Geist ist Jesus in unserer Mitte.
In der Sixtinischen Kapelle in Rom hat Michelangelo die Erschaffung Adams dargestellt. Gottvater trägt in sich die Fülle des Lebens. Er nähert sich Adam und die Berührung mit dem Finger reicht aus, um in der Kraft des Heiligen Geistes das Leben gleich einem elektrischen Funken überspringen zu lassen.
Kardinal Newman ruft in einem Gebet die dritte Person des dreifaltigen Gottes an mit den Worten: „Beglücke mich mit der Schönheit deines Antlitzes, erleuchte mich mit deinem unerschaffenem Glanz, reinige mich mit dem Hauch deiner unerschaffenen Heiligkeit, tauche mich ein in dich und gib mir zu trinken, soviel ein Sterblicher begehren kann, von den Quellen der Gnade, die ausströmen von Vater und Sohn, von der Gnade deiner wesenhaften, ewigen Liebe.
04.07.2010
14. Sonntag im Jahreskreis
Die Wegbereiter des Herrn
(Lk 10,1-9)
In jener Zeit suchte der Herr zweiundsiebzig andere aus und sandte sie zu zweit voraus in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte. Er sagte zu ihnen: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden. Geht! Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe! Grüßt niemand unterwegs! Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als erstes: Friede diesem Haus! Und wenn dort ein Mann des Friedens wohnt, wird der Friede, den ihr ihm wünscht, auf ihm ruhen; andernfalls wird er zu euch zurückkehren. Bleibt in diesem Haus, esst und trinkt, was man euch anbietet; denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn. Zieht nicht von einem Haus in ein anderes! Wenn ihr in eine Stadt kommt und man euch aufnimmt, so esst, was man euch vorsetzt. Heilt die Kranken, die dort sind, und sagt den Leuten: Das Reich Gottes ist euch nahe.
Lk 10,1-9
Aus der Welt des Sportes und der Technik kennen wir das Wort vom "Probelauf". Es geht um die Einübung und zugleich um die erste Erfahrung, bei der die positiven und negativen Auswirkungen gegeneinander abgewogen werden. So berichtet der Evangelist, dass Jesus neben den Zwölf noch zweiundsiebzig andere Jünger gerufen und in die Städte und Dörfer geschickt hat, damit sie sein Kommen ankündigen, und den Hörern erzählen, wie sie ihn und seine außergewöhnlichen Taten bereits erlebt hatten. In diesem Zusammenhang wird auch das bekannte Wort eingebracht: "Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter". Die Zahl derer, die bereit sind die Botschaft Gottes durch die Jahrhunderte und die Kontinente weiterzutragen, ist nach Jesu Aussage leider begrenzt.
Der Auftrag
Es handelt sich um kein Wort, das fröhlich stimmt, wenn Jesus davon redet, dass die Jünger sich wie Schafe unter den Wölfen erfahren werden. Dazu kommt, sie sollen auf Geld und Vorrat verzichten. Überraschend ist die Anweisung vom Verzicht auf den Gruß, wenn sie unterwegs sind. Sie sollen klar auf ihre Ortschaft zustreben ohne große Verzögerung durch Gruß und Gespräch. Im Jahr 1996 wurden im algerischen Tibhirine sieben Zisterzienser ermordet. Unter ihnen war Luc Dochier. Zweiundachtzig Jahre war er alt und im letzten Weltkrieg diente er als Sanitäter. Täglich brachten die Algerier zu ihm dutzende von Kranken. Für einen Arztbesuch waren die Beduinen zu arm. Er nahm sich ihrer liebevoll an. Durch seine Hilfsbereitschaft fassten viele Muslime Vertrauen zu den französischen Mönchen. Die sieben Zisterzienser wurden heimlich ermordet. Mit ihnen wurde ein strahlendes Licht in Algerien ausgelöscht. Die Mönche kannten das Wort Jesu: "Geht! Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe".
Die Ausstattung
Die Boten des Herrn sollen schlicht und einfach zu den Menschen gehen, ohne viel Drum und Dran, ohne besondere Aufmachung und Ausstattung. Sie sind ganz einfach nur Gottes Werkzeug. Am Rand der Stadt Assisi steht eine kleine Kapelle, die mit einer großen Basilika umkleidet wurde. Sie trägt den Namen "Portiunkula". Übersetzt heisst dies "Die kleine Portion" oder "Das kleine Stück Land". Franziskus wollte Portiunkula von den Benediktinern nur geliehen haben. Für ihn und seine Brüder galt das Wort eines Psalmes in dem vom Stamme Levi die Rede ist. Ihnen sollte kein Land gehören, ihr Land war Gott selbst:"Du, Herr, bist mein Anteil und mein Glück bist du allein." Bei allen Anweisungen hat Jesus nicht übersehen, dass seine Gesandten auch der Nahrung des Leibes bedürfen: "Esst und trinkt, was man euch anbietet, denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn."
Das Schicksal
Die Botschafter Jesu mussten auch mit einer radikalen Ablehung rechnen. Es sind harte Worte, die Jesus fürdie verneinenden Städte bereit hält: "Sodom wird es an jenem Tag nicht so schlimm ergehen wie dieser Stadt". Der spanische Franziskanermissionar Petrus wurde im Februar 1597 vom japanischen Kaiser mit 18 weiteren Christen zum Tod am Kreuz verurteilt. Auf dem Weg zur Hinrichtung in der Stadt Nagasaki schrieb er einen letzten Brief: "Wir sind unterwegs in diesem reichlich kalten Wintermonat, begleitet von einer großen Wachmannschaft. Wir sind tief getröstet im Herrn. Wir gehen in des Freude des Herrn unseren Weg, weil wir verurteilt sind, dafür gekreuzigt zu werden, dass wir gegen den Befehl des Kaisers das Gesetz Gottes verkündigt haben". In unseren Tagen geschieht es öfter, dass ein Mensch religiös Feuer fängt, begeistert ist, aber nach ein paar Wochen ist alles wieder aus, er hat keine Lust mehr. Das was ihm Lust bereitet, steht im Vordergrund: die eigene Annehmlichkeit, nicht aber Gott.
Die ausgesandten Jünger Jesu kehren zurück. Sie sind erfüllt von Freude. Sie durften die machtvollen Taten ihres Herrn übernehmen und sie zur Wirklichkeit werden lassen. Sie erlebten Kraft und Fähigkeiten, die so stark waren, dass sie nur vom Himmel her erklärt werden können. "Der missionarische Geist der Kirche ist nichts anderes als der Drang, die Freude mitzuteilen, die uns geschenkt wurde". ( Papst Benedikt XVI.)
15. August 2010
Fest Mariä Himmelfahrt
Aufgenommen in den Himmel
von P. Karl Kleiner, KapuzinerDas Sterben eines Menschen wird gewöhnlich mit großer Trauer begleitet. Beim Tod Mariens, der Mutter Jesu, begegnen wir einer Trauer, die rasch umschlägt in Freude. Maria wird mit Leib und Seele aufgenommen in die Herrlichkeit des Himmels. In unserem Denken hier auf Erden gibt es den Fahrplan, dass nach dem Leben das Sterben kommt. Der christliche Fahrplan lautet anders: Sterben und dann Leben. Wir sterben hinein in das Leben. Ein russischer Bischof, der im Bürgerkrieg nach der Revolution von 1917 von den Truppen der Roten Armee erschossen wurde, rief der Exekutionstruppe entgegen: "Lebt wohl, ihr Toten! Ich gehe ins Leben!"
Mariens Weggang
Maria, die Mutter Jesu erwähnt das Neue Testament zum letzten Mal bei der Geistsendung am Pfingstfest. Über ihren Tod lesen wir etwas in den apokryphen Evangelien, in den frühen Schriften, die nicht in das Neue Testament aufgenommen wurden. Bei einer häufigen bildlichen Darstellung des Heimgangs Mariens ist sie in der Sterbestunde, umgeben von den Aposteln und im Hintergrund steht Christus, der ihre Seele in der Gestalt einer "kleinen Maria" auf dem Arm trägt. Die Apostel trugen den Leichnam Marias zum Tal Josaphat, das der Herr ihnen benannt hatte. Sie legten ihn in eine neue Grabstätte. Dann schoben sie einen Stein davor. Ihre Seele wird zuerst unabhängig vom Leib entrückt, doch dann sind Leib und Seele in der himmlischen Herrlichkeit wieder vereint. In Jerusalem kommt der Pilger an das Mariengrab, wenn er die 47 Stufen hinabgeht in die kleine Kapelle am Ölberg. Unter einer Glasscheibe befindet sich die Felsbank, auf der nach alter Überlieferung der Leichnam Mariens gelegen hatte.
Aufgenommen in den Himmel
Die Christen haben sich seit früher Zeit mit der Frage beschäftigt, wie der Weg Mariens, der Mutter des Gottessohnes, aus dieser Erdenzeit hinausführte. In der Galubensaussage und Dogmatisierung von 1950 wird festgelegt: "Wir verkünden, erklären und definieren als göttlich geoffenbarte Glaubenswahrheit: Die allerseligste Gottesmutter und Jungfrau Maria ist nach Vollendung ihres irdischen Laufes mit Leib und Seele in die himmlische Glorie aufgenommen worden." Diese bedeutsame Aussage der Kirche bezieht sich auf die sofortige und totale Verherrlichung nach dem Ende ihres Erdendaseins. In der innigen Verbindung Mariens mit dem Leib Jesus Christi liegt das bedeutsame Argument dafür, dass ihr Leib dem Jesusleib angeglichen wurde und von jeder Verwesung frei blieb. "Wenn Christus seinen Heiligen das ganze Himmelreich gegeben und mit einem Wort dem Schächer das Paradies geöffnet hat, mit wieviel mehr Grund dann auch diejenige, die er selbst geschaffen hat und aus der er Fleisch annahm." (Theoteknos von Livias. 5. Jahrhundert)
Vorausgegangen in die Vollendung
Was an Maria geschehen ist, hat Bedeutung für alle. Sie hat den Zustand der letzten Vollendung bereits erreicht. Ein Theologe spricht vom Anker, der mit Maria in das Reich der Vollendung bereits geworfen wurde. Wenn vom Sterben die Rede ist, wird der Begriff von der "ewigen Ruhe" häufig gebraucht. Nicht Ruhe kommt auf den Vestorbenen zu, sondern ungeheures und atemberaubendes Leben. Ein Sturm von Glück erfasst den Menschen, der ihn immer tiefer in die Liebe und die Seligkeit Gottes hineinreisst. Alles Menschliche will Dauer, Ruhe und Verbleiben. Gott aber will die Verwandlung.
Maria ist die Frau, für die Jesus Christus, der Sohn Gottes und unser Erlöser, zum Inhalt ihres Lebens wurde. Hier geht es um eine Sache, die - flüchtig gesehen - einfach ist, und dennoch alle irdischen Maßstäbe übersteigt. Sie läuft parallel mit der Menschwerdung Gottes selbst.
Maria wurde mit Leibe und Seele in den Himmel aufgenommen, sie ist eins mit jenem Jesus Christus, der mit Leib und Seele auferstanden ist; völlig eins, ohne alle Trennende; und deswegen völlig aufgenommen zu Gott.
26. September 2010
26. Sonntag im Jahreskreis
Der Reiche und der Arme
In jener Zeit sprach Jesus: Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte. Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war. Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Statt dessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. Als nun der Arme starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß. Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir, und schick Lazarus zu mir; er soll wenigstens die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer. Abraham erwiderte: Mein Kind, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber musst leiden. Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, so dass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte. Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters! Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen. Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören. Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, nur wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren. Darauf sagte Abraham: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht. Lk 16,19-31
Jesus erzählt seinen Zuhörern eine Parabel. Es ist die Geschichte vom reichen Mann und dem armseligen Habenichts. Dichter der Weltliteratur haben dieses Thema vielfach aufgegriffen und mit einigen Varianten nacherzählt. Sie waren offensichtlich beeindruckt von der Parabel Jesu. Es geschieht durch alle Jahrhunderte, dass Reiche und Arme sich in unliebsamer Weise begegnen. Das kirchliche Hilfswerk MISEREOR hat festgestellt, dass in unseren Tagen ein Drittel der Menschheit etwa so ernährt wird, wie die Insassen des Konzentrationslagers Auschwitz. Die Bilder der ausgemergelten und nahezu verhungerten Menschen haben sich unserem Gedächtnis eingeprägt.
Die Güter der Erde
Alles, was uns die Erde schenkt ist für alle da, nicht nur für jene, die es verstehen immer größeren Reichtum anzusammeln. Armut ist ein Übel, das den Menschen beleidigt und das Gott nicht will. Auch der Reichtum kann ein Übel sein, das den Menschen entmenschlicht, und das Gott nicht will. Für jeden taucht eine Erkenntnis vor allem dann auf, wenn er hinausgeht aus diesem Erdenleben. Vom armen Lazarus heißt es, dass er in dem Schoß Abrahams eine himmlische Geborgenheit erfahren hat. Für die Juden war dies eine Umschreibung der seligen Erfüllung bei Gott. Der Reiche leidet große Qual. Mit diesen Worten umschreibt Jesus den Ausschluss aus der beglückenden Nähe Gottes. Nach irdischer Berechnung könnte doch Lazarus als Helfer einspringen, damit die Qualen gemindert werden oder zu einem Ende kommen. Doch die Zeit, die uns auf Erden gegeben ist, ist zu ihrem Ende gekommen. Jesus spricht von der unüberbrückbaren Kluft, die zwischen den beiden Orten des Verweilens besteht.
Was muss ich tun?
Der Evangelist Matthäus berichtet von einer Begegnung Jesu, bei der ihm ein Mann die Frage stellt: Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Die Antwort des Herrn ist kurz und deutlich: "Halte die Gebote!" Der Fragesteller war damit nicht zufrieden, er wollte eine besondere Leistung erbringen. Jesus gibt ihm den Rat: "Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben." Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg, denn er hatte ein großes Vermögen. Vom heiligen Laurentius, dem Diakon in der Stadt Rom, wird berichtet, dass ihm im Jahr 257 vom Stadtpräfekten die Aufforderung zuging, alle Kirchenschätze herauszugeben. Der Diakon nannte ihm einen bestimmten Tag, an dem er diesen Wunsch erfüllen werde. Schließlich führte er ihn am vereinbarten Zeitpunkt zum Vorhof seiner Kirche, dort stand eine Schar von bettelarmen Leuten, an die Laurentius das ganze Vermögen der Kirche verteilt hatte. Er wies auf sie hin und sagte: "Schau, das sind die Schätze der Christengemeinde!"
Vergebliche Versuche
Der reiche Mann in der Parabel äußert den Wunsch, dass seine Brüder gewarnt werden, damit sie nicht das nämliche schreckliche Schicksal ereilt. Sie haben noch Zeit, ihr Leben zu ändern. Der Vater Abraham wies hin auf die Propheten und die vielen Botschafter, die immer wieder die Botschaft des Himmels laut verkünden. Wenn ein Verstorbener erscheint und sie warnt, wird die Wirkung nicht größer sein. Abraham winkt ab. Wenn Gottes Boten nicht gehört werden, dann wird auch ein Verstorbener durch seine Erscheinung nichts ausrichten.
Angesichts der großen Gefahr, die im Reichtum steckt, erhebt sich die Frage, ob es notwendig ist, auf alles zu verzichten? Besitz, der gerecht auf einen Menschen zukommt und in nämlich getreuer Weise verwaltet wird, hat seine Berechtigung. Die wichtige Forderung lautet: Teile dein Brot! Die Spende eines Reichen kann vielen Armen eine Hilfe sein. Eine große Gefahr liegt in der Unersättlichkeit des Herzens. Ein Sprichwort sagt: "Reichtum macht ein Herz schneller hart als kochendes Wasser ein Ei."
Alexander der Große verfasste für den Fall seines Todes die Verfügung, dass er als Leiche und bei der Aufbahrung so gezeigt werden, dass alle sehen, der große Alexander hält nichts in seinen Händen, er muss alles zurücklassen. Das ewige Leben beginnt nicht erst drüben. Wer sich der Tyrannei des Ichs entzieht, der wird noch vor seinem Tod auf Erden teilhaben an der Auferstehung.
07. November 2010
32. Sonntag im Jahreskreis
Gott liebt das Leben
Von den Sadduzäern, die die Auferstehung leugnen, kamen einige zu Jesus und fragten ihn: Meister, Mose hat uns vorgeschrieben: Wenn ein Mann, der einen Bruder hat, stirbt und eine Frau hinterlässt, ohne Kinder zu haben, dann soll sein Bruder die Frau heiraten und seinem Bruder Nachkommen verschaffen. Nun lebten einmal sieben Brüder. Der erste nahm sich eine Frau, starb aber kinderlos. Da nahm sie der zweite, danach der dritte, und ebenso die anderen bis zum siebten; sie alle hinterließen keine Kinder, als sie starben. Schließlich starb auch die Frau. Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt. Da sagte Jesus zu ihnen: Nur in dieser Welt heiraten die Menschen. Wörtlich: Nur in dieser Welt heiraten sie und werden geheiratet. Die aber, die Gott für würdig hält, an jener Welt und an der Auferstehung von den Toten teilzuhaben, werden dann nicht mehr heiraten. Sie können auch nicht mehr sterben, weil sie den Engeln gleich und durch die Auferstehung zu Söhnen Gottes geworden sind. Dass aber die Toten auferstehen, hat schon Mose in der Geschichte vom Dornbusch angedeutet, in der er den Herrn den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs nennt. Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn sind alle lebendi Lk 20,27-38
Steckt nicht eine große Einfalt hinter dem Versuch der Sadduzäer, wenn sie sich bemühen, Jesus in eine Falle zu locken? Sie konsturierten eine Geschichte, von der sie glaubten, dass Jesus sie nicht lösen könne, dass sie ihn in große Verlegenheit brächten. Sie erzählten von einer Frau, die rechtmäßig mit sieben Männern verheiratet war. Welchem der Angetrauten wird sie wohl in der Ewigkeit gehören?
Gibt es ein Leben nach dem Tod?
In unseren Tagen taucht oft die Frage auf, ob es wohl ein Leben nach dem Tod gibt? Der gefeierte Maler Pablo Picasso hat nach dem, was uns die Biografin berichtet, mit aller Kraft versucht, den Tod zu verdrängen und bis zuletzt die Fassade des vollen Lebens aufrecht zu erhalten. Er zwang seine Freunde, rings um ihn herum eine Party zu feiern, und so zu tun, als verlaufe das Leben wie gewohnt.
Es gibt eine eigenartige Habgier nach dem Leben auf Erden, so als ob das augenblickliche Leben das einzige wäre, das ich überhaupt haben kann. Wenn es so wäre, müsste ich natürlich schauen, dass ich soviel heraushole und zusammenraffe wie nur irgendwie möglich. Ich kann dann auch auf den Mitmenschen keine Rücksicht mehr nehmen.
Eine Umfrage hat erkunden wollen, ob es nach Meinung der Befragten ein Leben nach dem Tode gibt. Von etwa einhundert Befragten antwortete die Hälft mit Ja, es gibt ein ewiges Leben, die andere Hälfte verneinte es. Wer entscheidet wohl diese Frage?
Der Glaube gibt eine Antwort.
Als Aloisius von Gonzaga (1568-1591) nicht mehr der angesehene Prinz aus herzoglichem Hause war, sondern nur ein einfacher Jesuiten-Novize am Collegio in Rom, pflegte man dort in den Vorlesungspausen im Hof Ball zu spielen. Aloisius zeigte bei diesem Spiel solche Leidenschaft, dass der Novizenmeister eines Tages es für geboten fand, ein Wort der Mahnung zu sagen. Er ging auf die Spieler zu, und unterbrach sie mit der Frage: "Was würdet ihr denn tun, wenn jeder von euch plötzlich erführe, dass er innerhalb kürstester Zeit sterben müsse?" "Ich würde in die Kirche gehen und beten", sagte der erste Novize. "Ich würde einen Beichtvater suchen", sagte ein anderer. Schließlich wurde Aloisius gefragt, und er gab zu Antwort: "Ich würde weiterspielen".
Der Tod ist nicht das Ende, sondern ein Anfang. Er ist nicht Zerstörung und Nicht-mehr-sein, sondern Neubeginn und Leben. Der griechische Philosoph Aristoteles (+ 322 vor Chr.) schreibt: "Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele hat sich bei den Menschen ohne Unterbrechung von jeher vorgefunden."
Jesus gibt die Antwort.
Jesus Christus hat den Menschen eine Antwort gegeben zur Frage: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Wir erfahren seine Botschaft, wenn wir auf seine Worte hören und sein Erdenleben ins Auge fassen. In der Verklärung auf dem Berg Tabor verbirgt sich eine Antwort: Unbescheibliches Licht wird jeden Leib erfüllen. Die Spuren des Todes und alle Begrenzung sind ausgelöscht. Jesu eigener Leib bei der Verklärung wird hier zum Zeichen der Verlässlichkeit seiner Botschaft.
Auf dem Friedhof Père Lachais in Paris ist auf den Grabsteinen unzählige Male der Satz zu lesen: "Gemietet für immer". Der Tod wird damit als Sieger verkündigt. Auf dem Berg Athos, dem Berg der Mönche, mietet man ein Grab nur für drei Jahre, dann werden die Gebeine in einer Kapelle abgelegt. Es gibt nicht ein Reich der Toten und daneben das Reich der Lebenden. Es gibt nur das Reich Gottes. Ob wir leben oder sterben, wir gehören dem Herrn.Vom gelehrten Theologen Karl Rahner ist ein Gebet überliefert, das in seiner Einfachheit die Herzen anrührt. "Herr, lass dein Kreuz aufgerichtet sein an meinem Sterbebett. Und dein Mund soll auch zu mir sprechen: Wahrlich ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein." Der große Gott des Anfangs ist auch der Gott der am Ende steht. Er ist der Schöpfer der Welt und der Menschen. Er ist auch ihr Vollender.
19. Dezember 2010
4. Adventssonntag
Sankt Josef, der Beschützer
von P. Karl Kleiner, Kapuziner
Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete - durch das Wirken des Heiligen Geistes. Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott ist mit uns. Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich Mt 1,18-24
Es gibt in den Evangelien wenig Stellen, die auf den heiligen Josef Bezug nehmen. Der Evangelist Matthäus berichtet von einem wichtigen Abschnitt im Leben des Zimmermanns aus Nazaret.
Verlobt mit Maria erfährt er von ihrer Schwangerschaft, von einem Kind, dessen leiblicher Vater er nicht ist. Dass der Lenker der Geschicke ausgerechnet Josef als Bräutigam Marias erwählt hat, wirft ein Licht auf den vorzüglichen Charakter dieses Mannes. Nach der Verlobung pflegte die Braut noch ein Jahr bei ihren Eltern zu bleiben. Dass Verlobte von Anfang an zusammenlebten, verstieß gegen die gute Sitte und war undenkbar in einem kleinen jüdischen Dorf. Nazaret war in damaliger Zeit leicht überschaubar. Josef war ratlos, als er erfuhr, dass Maria ein Kind erwartete. Er erhält vom Himmel die Antwort: "Das Kind ist vom Heiligen Geist." Der Bräutigam entschließt sich, zu seiner Verlobung zu stehen.
Er steht vor Problemen
Der Evangelist spricht von keinerlei Zweifel, die Josef möglicherweise bewegt haben. Er glaubt und er handelt. Er ist ein Mann, der in dieser Situation nicht lärmend auf sich aufmerksam machen will. Er gibt seiner angelobten Braut Maria keinen Scheidungsbrief, wie es in solchen Fällen üblich war.
Ohne die gesetzliche Ehe hätte Jesus als uneheliches Kind gegolten und hätte damit bei den Juden von Anbeginn seines Auftretens Misstrauen hervorgerufen. Für sein Wirken hätte sich dies als Hindernis erwiesen. Josef galt bei den Leuten als natürlicher Vater Jesu. Er war gleichsam der Schatten des Vaters im Himmel. Josef war auch der Erwählte, der Maria vor einem üblen Ruf bewahrte. Er sorgte dafür, dass Jesus und Maria vor Entbehrung und Not geschützt waren.
Maria war ihrem Gemahl in herzlicher Zuneigung verbunden. Sie umsorgte ihn, wie dies eine gute Ehefrau tut. "Weil Josef mit der seligen Jungfrau durch das Band der Ehe verbunden war, reichte er deshalb an jene erhabene Würde näher heran als irgend ein anderes Geschöpf."
Er nimmt den Auftrag an
Bei der Niederkunft Marias standen für Josef neue Aufgaben an. In einzelnen Bereichen hatte er kaum Erfahrung; doch ein Handwerker kommt selten in Verlegenheit. Mit Ruhe und Umsicht hat er das Notwendige besorgt, das in dieser Situation anstand. Josef liebte das Kind nicht nur als den ihm anvertrauten Sohn, sondern auch in aller Unbegreiflichkeit als seinen Gott und Erlöser.
Bald kam die Stunde, in der er den Soldaten des Herodes in aller Eile entkommen musste. Vielleicht war für Maria und Josef das Schreien der Kinder und Mütter bereits zu hören, in denen die Jüngsten ermordet wurden. Es war Nacht. Josef stand sogleich auf, nahm das Kind und seine Mutter und zog weg in Richtung Ägypten. Josef folgte der Aufforderung des Himmels. Für ihn gab es kein Wenn und Aber. Er war gezwungen sein Heimatland zu verlassen und in eine ungewisse Zukunft zu gehen.
Wie viele Erdenjahre dem heiligen Josef geschenkt waren, entzieht sich unserer Kenntnis. Nach dem angstvollen Erlebnis mit dem Zwölfjährigen in Jerusalem wird sein Name in den Evangelien nicht mehr erwähnt. Still und unauffällig, wie er gelebt hat, wird er in der Stunde seines Sterbens aus dieser Welt gegangen sein. Nach einer Überlieferung waren Maria und Jesus in seiner Todesstunde anwesend. Dies hat viele Christen dazu geführt, ihn als Fürsprecher anzurufen, wenn es um den himmlischen Beistand in der Todesstunde geht.
02. Februar 2011
Mariä Lichtmess
Eine Begegnung im Tempel
Nach der Geburt Jesu machten sich einige Wochen später Maria und Josef auf den Weg nach Jerusalem. Das Gesetz der Juden kannte die Vorschrift, nach der jeder erstgeborene Sohn als Eigentum Gottes angesehen wird. Durch eine Opfergabe konnte der Freikauf erfolgen. Gut situierte Juden brachten ein Lamm, weniger Wohlhabende begnügten sich mit ein paar Tauben. Erst nach dem Loskauf konnte er Neugeborene sein Eigenleben führen. Eine Mutter war duch die Geburt eines Kindes „unrein“ geworden. In der Berührung mit Blut lag die Begründung. Nach Ablauf einer bestimmten Frist und einer Opfergabe für den Tempel konnte sie wieder als „rein“ bezeichnet werden. Reinheitsgesetze dieser Art lösen in unseren Tagen großes Befremden aus. Maria hat sich diesem jüdischen Brauch gebeugt, sie kam nicht mit umstürzlerischen Absichten nach Jerusalem.
Das Heiligtum des Tempels
Der Tempel von Jerusalem galt für den gläubigen Juden als das große, zentrale Heiligtum. Er war das Ziel der Wallfahrten. Jesus bezeichnet den Tempel als das Haus des himmlischen Vaters. Als Zwöfljähriger tat er diesen Ausspruch, nachdem seine Eltern ihn dort wiedergefunden hatten. Die Evangelisten berichten auch davon, dass die Händler in großem Ausmaß den Tempel als ihren Platz für ihre Verkäufe beanspruchten. Der Raum für Lehre, Gebet und Opfer wurde zum Kaufladen. In großem Zorn vertrieb Jesus die Geschäftsleute. Er bestätigte wiederum den Tempel als das Haus des Vaters im Himmel. Synagogen, die es allerorts gibt, nehmen keinesweg diese besondere Stellung ein. Es handelt sich dabei um Räume, die der Zusammenkunft der Gemeinde dienen. König Herodes hatte dem Tempel in Jerusalem einen besonderen Glanz verliehen. Er übertraf damit selbst den König Salomon. Es ging ihm darum, die Sympathie des Volkes zu gewinnen. Im Jahr 70 nach Christus warfen römische Soldaten bei der Belagerung der Stadt ihre brennenden Fackeln über die Mauer und alles brannte nieder. Als „Klagemauer“ ist nur noch ein Teil des Fundamentes übrig geblieben.
Die Begegnung
Im prachtvollen Tempel fand eine Begegnung der besonderen Art statt mit der heiligen Familie und Simeon, einem älteren Mann und mit Hanna einer ebenfalls betagten Frau. Wenn Simeon als gerecht und gottesfürchtig beschrieben wird, dann gilt das im Sprachgebrauch der Juden als Ausdruck für eine hohe Qualität. Beide Personen waren geführt von Geist Gottes, sie erkennen innerlich erleuchtet in diesem Kind den Messias. Simeon formuliert ein Dankgebet: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast in Frieden scheiden. Denn meine Augen habe das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“ Für Simeon war der Abend eines langen Lebens angebrochen. Seine Augen haben Heiliges und und Unheiliges gesehen, nun begegnen seine Blicke dem Heil, das in diesem Kind der Welt geschenkt wurde. Das Licht, das in Jesus erschienen ist, beschränkt sich nicht auf das Volk Israel. Die nationale Enge wird aufgesprengt. Die Völker der Erde werden auf Jesus zukommen und seine Botschaft hören.
Die Worte Simeons sind auch an die Mutter Maria gerichtet, wenn er von einem Zeichen spricht, das Widerspruch erfährt. Für Maria wird der Widerspruch, die Ablehnung des Messias zum großen Schmerz ihres Lebens. Hart sind bereits diese ersten Tage des Kindes und hart werden die Stunden sein, in denen sie als die Schmerzensreiche unter dem Kreuze steht. Marias Herz wird gleichsam durchbohrt als Jesu Herz den Lanzenstich erfährt. Dem greisen Simeon schließt sich die betagte Hanna an. In ihnen haben die Männer und Frauen Israels ihre Vertretung gefunden. Der Evangelist vermerkt in seinem Bericht, dass Josef und Maria sich sehr verwunderten über das, was ihnen gesagt worden war. Sie mussten Jesu Leben Schritt für Schritt entdecken und es bejahen.
An der Wand eines Kellers in Köln, in dem sich einige Juden vor den Hitlerschergen versteckt hielten, fand sich folgender Satz: „Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint. Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht fühle. Ich glaube an Gott, auch wenn er schweigt.“
In der Ostkirche wird Lichtmess als „Fest der Begegnung“ gefeiert. Der Messias begegnet dem Volk des Alten Bundes. Simeon und Hanna sind seine Vertreter. Von Gott erleuchtet erfüllen sie ihren Auftrag.
13. März 2011
1. Fastensonntag
Vom Satan versucht
Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt; dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt werden. Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger. Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird. Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt. Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. 10 Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen. Darauf ließ der Teufel von ihm ab, und es kamen Engel und dienten ihm. Mt 4,1-11
In der Frühzeit der Kirche waren es vorwiegend erwachsene Männer und Frauen, die das Sakrament der Taufe empfingen. In der festlichen Stunde der Taufe, vor dem Sprechen des Glaubensbekenntinisses, wurde die Frage gestellt: Widersagst du dem Satan, und all seiner Bosheit und all seinen Verlockungen? Die Antwort lautete: „Ich widersage!“ Nach diesen Worten geschah etwas Überraschendes. Der Täufling spuckte auf den Boden in westlicher Himmelsrichtung, dort im Westen vermutete man den Satan. Ihm sollte alle Verachtung gelten. . Der Evangelist Matthäus berichtet von einer Versuchung durch den Satan bei der Jesus der Zielpunkt war. Jesus kämpft mit der Macht seiner Worte gegen die Angebote, die ihm der Versucher vorlegt. In diesen Worten lag mehr Kraft als im verächtlichen Spucken auf die Erde.
Wer ist der Satan?
Die höchste Raffinesse des Teufel steckt darin, dass er versucht den Menschen einzureden, dass es ihn gar nicht gibt. In Wirklichkeit handelt es sich bei ihm um ein abgefallenes Geschöpf. Der Satan ist kein Prinzip und keine Urmacht, er ist ein Geschöpf, das gegen Gott aufgetreten ist und seine Versuche weiter fortsetzt. Er will Unordnung schaffen, Hass und Zwist. Seine Macht reicht soweit, wie die Sünde des Menschen. J.W.v. Goethe legt dem Mephisto, das knappe Bekenntnis in den Mund: „So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, mein eigentliches Element.“ Dass der Dämon zuweilen in mehreren Personen auftritt, dass er sich in der Mehrzahl kundtut, gilt als Erfahrung, die mit Macht und Mächten zusammenhängt. In einem Rituale der Kirche steht folgende Bitte: „Gott, du hast deinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt, um den brüllenden Löwen zu vernichten... Jage Schrecken ein dem Untier, das deinen Weinberg verwüstet. Gib denen, die an dich glauben Zuversicht, damit sie mutig gegen den bösen Drachen kämpfen.“
Satan hat den Messias im Visier.
Jesus zieht sich in die Einsamkeit zurück für eine Zeit des Fastens und des Betens. Hier erfährt er die Nähe Satans und nicht die seines himmlischen Vaters. Er spürt den Hunger. Hier liegt der Anknüpfungspunkt. Wenn Jesus schon Gott ist, wie es bei der Taufe am Jordan geoffenbart wurde, dann ist es für ihn ein Leichtes, den Hunger mit einem mächtigem Wort zu stillen. Der Herr weist den Satan ab. Es wird allerdings die Stunde kommen, in der er Tausende mit Brot sättigen wird. Es kommt zur Überlegung: wenn Jesus für alle fortan Brot bereitstellen würde, wäre es nicht ein Leichtes das Volk so von seiner Macht zu überzeugen und sie zum Glauben zu führen?
Doch ein anderes teuflisches Angebot kommt auf Jesus zu. Wie wäre es, wenn sich der Messias von der Zinne des mächtigen Tempels hinabstürzen würde? Es wäre beeindruckend für eine große versammelte Volksmenge. Wäre die Bekehrung zum Messias auf diese Weise nicht garantiert? Jesus lehnt es ab. Er weiß, wie wenig wundersame Ereignisse die Welt bekehren. Es gibt immer eine Ausrede und eine Menge von Bedenken. Zum Wunder gehören zwei, auf der einen Seite steht der, der es vollbringen kann und auf der anderen Seite der, der es entgegennimmt. Das Wunder ist überflüssig, wenn keiner da ist, der fähig wäre, es zu sehen und zu erkennen.
Schließlich versucht es der Satan noch einmal. Vielleicht liegt in der Hartnäckigkeit ein Erfolg. In einer visionäre Schau zeigt er dem Herrn alle Reiche der Erde und ihren Glanz. Ist es also der Versucher, der die Reiche der Welt und ihren Glanz vergeben kann? In schroffer Weise erhält der Satan eine Abfuhr. Er begreift, dass er Jesus nicht von Teufels Gnaden präsentieren kann.
Die Versuchung dauert an.
Unter den Heiligengestalten der Jahrhunderte ragt der Einsiedler Antonius (+356) besonders hervor wenn es um die Versuchung eines Christenmenschen geht. Gebet und Fasten eines Frommen hält den Satan nicht davon ab, Versuchungen in die Wege zu leiten. Von Versuchungen bleibt kein Mensch verschont. Der Sieg des Satans ist dort gegeben, wo sich ein Mensch grenzenlos dem Bösen ausgeliefert hat. Der heilige Franz von Sales gibt den guten Rat: „Wenn eine Versuchung an dich herankommt und du sie wahrnimmst, dann mache es wie die kleinen Kinder, wenn sie ein böses Tier, einen großen Hund herankommen sehen: Sie flüchten sich in die Arme des Vaters oder der Mutter oder rufen sie zu Hilfe. So nimm auch du deine Zuflucht zu Gott und rufe seine barmherzige Hilfe an. Auf dieses Heilmittel verweist uns Jesus selbst: ' Betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet.'
Kaum hatte Satan von der Versuchung in der Wüste abgelassen, da kamen die Mächte des Guten,die Engel, und dienten dem Herrn. Engel sind auch unsere Begleiter auf dem Weg durch das Leben. Sie wissen, was Gott von uns verlangt. An sie richten wir unsere Bitten. Sie können uns eine Hilfe sein.
01. Mai 2011
2.Sonntag der Osterzeit
Sie werden Zeugen.
19 Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. 21 Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! 23 Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. 24 Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.
26 Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt, und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! 27 Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. 30 Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. 31 Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen. Joh 20,19-31
Nach all dem, was sich an Ostern in Jerusalem zugetragen hat, ist es unmöglich, wenige Tage später wieder zur Ordnung des Alltags überzugehen. Das Grab, in das Jesu Leichnam gelegt wurde, ist leer. Nur ein paar Tücher sind noch aufzufinden. Jesus ist von den Toten auferstanden, er hat den Tod besiegt. Die Frauen, die am frühen Morgen zum Grab kamen, überbringen die Osterbotschaft den Jüngern. Wenige Stunden geschieht es, dass der Herr trotz verrammelter Türen mitten unter ihnen steht. Sie sehen, Jesus ist anderer und dennoch der Nämliche. Die Wundmale sind seine Erkennungszeichen. Spät in der Nacht des Ostertages treffen die beiden Jünger ein, die nach Emmaus unterwegs waren. Sie berichten überstürzt von dem, was sie erlebt haben.
Einer von den Elf fehlt am Ostertag, es ist dies Thomas. Ihm wird bei seiner Rückkehr alles berichtet, was sich an Ostern ereignet hat. Wir täuschen uns, wenn wir erwarten, dass Thomas die Botschaft von Jesu Auferstehung freudig entgegennehmen würde. Ganz offensichtlich war er ein sehr kritischer Mann, der nicht alles sogleich bejahte, was ihm vorgetragen wurde.
Der ungläubige Thomas
Die Apostel im Kollegium kannten einander, sie wussten um die Stärken und Schwächen des Einzelnen. Dem zurückgekehrten Thomas galt es unglaubwürdig, wenn die Rede davon war, dass ein Gemarterter und Gekreuzigter wieder ins Leben zurückgekehrt sei. Für den Augenblick der Auferstehung konnte es keine Zeugen geben. Mit unseren an Raum und Zeit gebundenen Kategorien ist das Ereignis nicht zu fassen. Die Jünger sind versammelt und da ereignet sich etwas Unfassbares: Jesus steht trotz verschlossener Türen wiederum in ihrer Mitte. Es ist kein Totengeist. Thomas ist diesmal anwesend. Thomas darf trotz seiner kritischen Einstellung den Herrn erleben. Sein Bekenntnis ist kurz und knapp: "Mein Herr und mein Gott!" Alle übrigen Reden bleiben ihm im Hals stecken.
Thomas ist nach der Herabkunft des Heiligen Geistes von Jerusalem weggegangen, um die Botschaft Jesu in die Welt zu tragen. Er war einst Zeuge seines Todes und seiner Auferstehung, der Begleiter des Herrn bei all dem, was uns die Evangelisten aufgezeichnet haben. Er hat sich auf den Weg gemacht zu den Parthern, die sich im heutigen Iran aufhielten. Weiter kam er zu Menschen in Südindien. Dort erlitt er den Martertod. Er ist für die Botschaft gestorben.
Von Thomas lernen
Der zweifelnde Thomas war ein Mann, der durch die Mitteilung der anderen Jünger erfahren sollte, dass Jesus der Sieger über den Tod geworden ist. Er hat den einstmals Gekreuzigten erlebt, der in eine neue Daseinsweise eingetreten war. Es fiel ihm schwer, die unfassbare Botschaft anzunehmen. Ist er so nicht ein Beispiel geworden für viele Menschen, die es nicht fertig bringen jene Tatsache anzunehmen, die mit Jesu Tod und Auferstehung geschehen ist. Doch die Erfahrung zeigt: Wer Gott in sein Leben einlässt, der wird hier auch eine Antwort bekommen. Eigentlich ist der Bericht von Jesu Tod nichts besonderes. Die Schar derer, die unschuldig verurteilt und hingerichtet werden ist groß. Das Besondere und die frohes Botschaft ist seine Auferstehung. Jesus verfügt über eine neue Dimension, er ist in das Leben zurückgekehrt. Bei den Bergbewohnern ist es üblich, dass man Pflöcke einrammt bevor der Schnee fällt. So wird der Weg im Winter gesichert. Wenn es dann reichlich geschneit hat und kein Weg mehr erkenntlich ist, sind die Pflöcke, die Wegkreuze und Kapellen wichtige Orientierungshilfen. Für jeden Zweifler kann Thomas wie einer der Pflöcke sein. Er ist ein Apostel durch den man den eigenen Pfad erkennen kann.
Der französische Mitbegründer der Arbeiterpriester, Jacques Loew, schrieb die nüchterne Geschichte seiner Bekehrung nieder. "Mit 24 Jahren war ich nicht nur ein Zweifelnder, sondern vollkommen atheistisch. Gott, Religion, Jesus: all das erschien mir eine Erfindung der Menschen zu sein, um ihre Unwissenheit zu verschleiern. Die Welt war leer. Eines Tages hatte ich eine Erkenntnis. Ich sah den vom Himmel fallenden Schneeflocken zu, und angesichts der Vollkommenheit dieser Kristallsterne, so verschieden, so zerbrechlich, waren sie mir Zeichen einer höheren Intelligenz und einer vollendeten Schönheit. Es war, als rief die Natur: über mir ist der, der wirklich existiert. Ohne zu wissen, dass ich betete, sagte ich: Gott, wenn du wirklich existierst, lass mich dich erkennen.
Diese ursprüngliche Erfahrung habe ich nie vergessen, sie hat meinen Blick verwandelt und mich geprägt, stärker als das Schlechte um mich herum ..."
Die auf dem Zion versammelten Jünger hatten die Türen verrammelt. Angst hatte ihr Leben bestimmt. Angst ist es auch, die schuld ist, dass zu vielen Herzen die Türe nicht offen ist. Hier gilt es, etwas zu ändern.
19. Juni 2011
Dreifaltigkeitssonntag
Kommt, lasset uns anbeten!
Christen bezeichnen sich häufig in der Form des Kreuzes und rufen dabei den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes an. Zuweilen möchte man die Frage stellen, ob sich die Menschen dieses Vorgangs bewusst sind. Wissen sie welche Worte sie sprechen und wen sie anrufen? Es besteht die Gefahr der Gedankenlosigkeit. Im Jahr 230 starb die heilige Cäcilia in Rom den Martertod um ihres christlichen Glaubens willen. Jahrhunderte später wurde ihr Sarg geöffnet und die Zeugen waren verwundert darüber, was sie sahen. Deutlich erkennbar war die rechte Hand des Mädchens und die drei Finger, die sie ausgestreckt hielt. Bis hinein in den Tod hatte sie sich bewusst zum dreifaltigen Gott bekannt. Vor seinem Heimgang zum Vater im Himmel, gab der auferstandene Jesus den Auftrag: "Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern, tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes." Jesus ist es, der deutlich vom Vater, vom Sohn und dem Heiligen Geist spricht.
Gott, der Vater
Wir Menschen sind so geschaffen, dass wir die Dinge der Erde und noch ein Stück darüber hinaus mit unseren Sinnen und den geistigen Fähigkeiten erkennen können. Doch das Forschen stößt an Grenzen, kommt gleichsam an bei einer undurchdringlichen Wand. Die Welt ist bruchstückhaft durchsichtig auf den, der sie geschaffen hat. Für den Schöpfer ist das Kleinste nicht zu klein und das Größte nicht zu groß. Der Vater im Himmel ist der, der die Schöpfung erdacht hat und der in seiner Macht alles ins Dasein setzen konnte. Ein Prediger hat den Schöpfergott einmal verglichen mit einer sprudelnden Quelle.
Eine Anzahl von Menschen bemüht sich an Gottvater, den Schöpfer des Himmels und der Erde, vorbeizukommen. Für sie gibt es keinen Gott. In einem Vergleich wird ihr Verhalten pararell gesetzt mit einer großen Druckerei, in der nach altem Brauch die einzelnen Buchstaben in Kästschen geordnet sind. Angenommen es käme zu einer großen Explosion und alle Buchstaben würden durcheinandergeraten, und nun kommt einer, der behauptet, daraus ist von selbst ein großes, kluges Lexikon entstanden. Die Erschaffung von Himmel und Erde wäre nach Meinung der Gottesleugner auf ähnliche Weise zu deuten.
Gott, der Sohn
Ein Jünger wollte, dass Jesus ihm den Vater im Himmel zeige. Jesu Antwort war: "Philippus, wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen." Mit schlichten Worten versuchen wir Jesus zu deuten: Die zweite Person des dreifaltigen Gottes ist aus der himmlischen Herrlichkeit herausgetreten und nahm aus Maria ein menschliche Natur an. Jesus aus Nazareth ist Gott und Mensch zugleich. Als er von der Erde wegging als der von den Toten Erstandene, kehrte er als Gottmensch zurück in die dreifaltige Herrlichkeit. In ihm hat sich Gott leibhaftig mitgeteilt.
"Wir kennen das Leben und den Tod nur durch Jesus Christus. Außer Jesus Christus wissen wir nicht, was unser Leben ist, nicht was unser Tod, nicht was Gott, nicht was wirselbst sind... Jesus Christus ist der Inhalt von allem und der Mittelpunkt, wohin alles zielt. Wer ihn kennt, der versteht den Grund aller Dinge." (Blaise Pascal)
Gott, Heiliger Geist
Ein Bild Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle in Rom findet immer reichlich Bewunderung. Es ist die Erschaffung Adams. Gottvater nähert sich mit dem Finger der rechten Hand einer regunslosen Lehmfigur, die indiesem Augenblick zu einem lebendigen Wesen wird. Gottes Geist springt über, um das Leben zu geben. Gottes Geist ist es, der in unserer Gegenwart das Evangelium zum Leben bringt. Die Menschheit erfährt in ihn die Wirkkraft Gottes. Gottes Geist wirkt dort, wo er eingelassen wird.
Von Benedikt Labre wird berichtet, dass ihn einmal ein hochgebildeter Theologe anredete und abschätzig meinte: "Was verstehst denn du von der Dreifaltigkeit Gottes!" Benedikt antwortete: "Es stimmt. Ich verstehe nichts davon, aber ich von ihr hingerissen."
07. August 2011
19. Sonntag im Jahreskreis
Eine ungewohnte Begegnung
22 Nachdem Jesus die Menge gespeist hatte, forderte er die Jünger auf, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken.
23 Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten. Spät am Abend war er immer noch allein auf dem Berg.
24 Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind.
25 In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen; er ging auf dem See.
26 Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst.
27 Doch Jesus begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!
28 Darauf erwiderte ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme.
29 Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu.
30 Als er aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. Er schrie: Herr, rette mich!
31 Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?
32 Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind.
33 Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn.
Mt 14,22-33
Der Mittelpunkt des Auftretens Jesu war das Gebiet um den See Genesaret. Er vertauschte seinen Heimatort Nazaret mit Kafarnaum, einer belebten Kleinstadt am nordlichen Ufer des Sees. Das Gebiet entlang des Ufers gehörte zur Zeit Jesu zu den am dichtest besiedelten Landstrich.Der Fischreichtum des Sees war lange Zeit berühmt. Es ist keine Überraschung, wenn einige der Jünger Jesu ihren Lebensunterhalt durch den Fischfang sicherten. Es sind überaus eindrucksvolle Begebenheiten, die mit dem See und Jesu Auftreten in Verbindung stehen.
Erwähnt sei noch die ungewohnte Thermik, die sich über dem See verdichtet. Hohe Temperaturen fallen zusammen mit kalten Luftströmungen und verursachen ganz plötzlich ein stürmisches Wetter.
Diese Wetterkonstellation ist gefürchtet bei den Fischern.Noch heute kann man erleben, dass die Fischer bei ihrer Arbeit innehalten und lauschen, ob der Wind nicht schon in der Höhe vernehmbar ist, ehe er auf die Erde herabfällt.
Jesus nähert sich den Jüngern.
Das Evangelium berichtet, wie sich Jesus abgesondert hat, während die Jünger in nächtlicher Stunde im Boot ihr Ziel ansteuerten. Sie werden von heftigem Gegenwind überrascht und sie wissen wie gefährlich die Situation für sie sein kann. Da geschieht es nun, dass eine lichtvolle Gestalt auf den Wogen schreitend auf sie zukommt. Sie erkennen den Herrn. Simon Petrus fasst Mut und verlässt das Boot; er will auf Jesus zugehen. Als ihn die Angst befällt, beginnt er in die Tiefe abzusinken. Für ihn gibt es nur einen Helfer, es ist dies Jesus. Tatsächlich, er kommt auf ihn zu und zieht ihn hoch. Den Vorwurf eines geringen Glaubens erspart er ihm nicht. Die Jünger waren Zeugen dieses Ereignisses und fielen auf die Knie als Jesus und Simon Petrus wieder auf den Brettern des Bootes standen.
Die Kirche im Sturm
Nachdem der auferstandene Herr in den Himmel weggegangen war, kamen die ersten Christen zur Erkenntnis, dass Jesu Wandel auf dem See Genesaret über den Tag des Erlebens hinaus noch eine weitere Botschaft in sich birgt.
Wenn vom Schiff die Rede ist, auf dem Simon Petrus eine führende Rolle einnimmt - vermutlich war es sogar sein Eigentum - wird dies als die Kirche gesehen, die auch " Schifflein Petri" genannt wird.
In den ersten Jahrzehnten erlebte die Kirche Jesu Christi überaus stürmische Zeiten. Die Erfahrung zeigte: wer redikal zu Gott gehört, den kann die Welt nicht ertragen. Ignatius von Antiochien ( + 117) schrieb folgende Zeilen als er zur Hinrichtung nach Rom gebracht wurde: "Lasst mich den wilden Tieren zum Fraß werden, um zu Gott zu gelangen. Gottes Weizen bin ich und durch die Zähne der wilden Tiere muß ich gemahlen werden, um so als reines Brot Christi erfunden zu werden." Die verfolgten Christen waren sich dessen bewusst, dass beim Schiffbruch Gott immer der Ozean isst, von dem sie liebevoll aufgenommen werden.
Die Verfolgung der Christen zieht sich herein bis in unsere Tage. Der Priester Petras Rauda hatte dreizehn Jahre im sowetischen Lager GULAG verbracht. Als er entlassen wurde, war er vor Hunger aufgedunsen, hatte die Zähne verloren und war fas erblindet. Er wusste, dass er an Magenkrebs erkrankt war und sein Sterben bevorstand. Seine einstigen Schüler bedauerten ihn. Er aber lächelte und meinte: "Freut euch doch, und vergießt keine Tränen. Ich schicke mich an, zu dem besten Vater von uns allen zu gehen. Weint nicht, sondern freut euch!"
Der Jünger Simon Petrus war sicher betroffen, als Jesus ihm seine geringen Glauben vorwarf. Doch Petrus war nicht der Einzige, dem ein wankelmütiger Glaube zugesagt werden muß. Der Glaube ist ein Geschenk Gottes, das uns über die Straße des Gebetes erreicht.
Niemand glaubt an Gott, weil der Herr der Schöpfung bewiesen wurde, sondern weil Gottes Sein sich in ihm ereignet hat, weil Gott sein Auge auf ihn geworfen hat. Die Jünger Jesu waren überwältigt vom Erlebnis auf dem See Genesaret. Sie sinken in die Knie, sie verehren den, der sich in seinen Zeichen wiederholt geoffenbart hat.
25.09.2011
26. Sonntag im Jahreskreis
Ein neuer Anfang
28Das Gleichnis von den ungleichen Söhnen: 21,28-32
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
28 Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Sohn, geh und arbeite heute im Weinberg!
29 Er antwortete: Ja, Herr!, ging aber nicht.
30 Da wandte er sich an den zweiten Sohn und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn, und er ging doch.
31 Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der zweite. Da sagte Jesus zu ihnen: Amen, das sage ich euch: Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.
32 Denn Johannes ist gekommen, um euch den Weg der Gerechtigkeit zu zeigen, und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen, und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt.
Mt 21,28-3
Brüder können recht verschieden voneinander geprägt sein. Es gibt keine einheitliche Schablone. Dem Gleichnis von den Söhnen die auf den Auftrag des Vaters keineswegs einheitlich reagieren, liegt eine bedeutsame menschliche Erfahrung zugrunde. Der eine bejaht lautstark den Auftrag des Vaters, führt ihn aber nicht aus. Der zweite Sohn sagt ganz widerspenstig sein Nein, doch später fängt er an, sich eines besseren zu besinnen.
Gott ist es, der jedem eine Lebensaufgabe zuteilt. Zumeist sind es alltägliche Aufgaben, die er für jeden einzelnen bereithält. Vom heiligen Bruder Konrad berichten Zeugen, dass er tagtäglich nichts außerordentliches an der Pforte zu tun hatte, aber diese Aufgabe mit vielen Menschen jeden Tag umzugehen, geschah bei ihm mit großer Hingabe und Sorgfalt. Dabei kann sein Verhalten keineswegs in die Pedanterie aufgeschoben werden. Ursprünglich hatte sich Bruder Konrad gewünscht, in stiller Abgeschiedenheit betend und arbeitend im Kloster zu leben. Doch der Auftrag ,der auf ihn zukam war ein anderer.
Die wichtige Entscheidung
Jesus lädt die Zuhörer ein, den Weg zu gehen, den er aufzeigt. Ein Teil der Versammlung ist von seinen Worten angetan und überzeugt. Doch bald sehen sie sich überfordert und kehren zurück zu ihrem bisherigen Lebensprogramm. Von Martin Luther stammt ein bildreiches Wort: "Ich wollte den alten Menschen in mir ersäufen. Doch der Kerl konnte schwimmen." Die Reise nach Innen stellt die höchsten Anforderungen. Vielen ist der Weg zu weit. Der Hang alles beim alten zu lassen, steckt im Menschen so tief, dass eine Entscheidung, die grundlegend ist, nur unter dem Aspekt des ewigen Lebens getroffen werden kann. Ein Mensch fängt religiös Feuer, ist begeistert, nach einigen Monaten ist alles wieder aus. Er hat keine Lust mehr. Das, was Spaß macht steht im Vordergrund, und der Spaß ist verknüpft mit der eigenen Bequemlichkeit, nicht aber mit Gott.
Jesus hat erfahren, wie viele seiner Zuhörer weggingen und von Anfang an mit seiner Botschaft nichts anzufangen wussten. Irgendwann trat ein Umschwung ein und sie folgten seinen Worten. Bischof Klaus Hemmerle wurde einmal gefragt, wie seine Diözese im Glauben erneuert werden könne. Seine Antwort lautete: "Als Bischof muss ich auf der Stelle heilig werden. Und wenn sie sich als Ordensoberer fragen, wie ihre Gemeinschaft erneuert werden soll, dann muss ich ihnen sagen: Sie, als Ordensoberer, müssen auf der Stelle heilig werden!"
Eine späte Bekehrung
Eine späte Bekehrung und eine späte Berufung sind in der Kirche keine fremden Begriffe. Der Apostel Paulus steht in der ersten Reihe derer, die als Spätberufene bezeichnet werden können. Er selbst nannte sich eine "Fehlgeburt". Paulus erbte vom Vater die streng pharisäische Familientradition und auch das römische Bürgerrecht. Als Beruf übte er das Handwerk eines Zeltmachers aus. In Jerusalem wurde er als Rabbiner ausgebildet. Die Folge war, dass er sich um Fanatiker der jüdischen Gesetze und zum Todfeind der jungen christlichen Gemeinde entwickelte. Entschlossen wollte er in Damaskus die dortigen Christen ausrotten. Vor den Toren der Stadt erschien ihm in hellem Lichtglanz Jesus Christus. Paulus stürzte vom Pferd. Dies war die Stunde seiner Bekehrung. In Damaskus spendete ihm Ananias die Taufe. Nach einer Begegnung mit den Aposteln in Jerusalem machte er unter hohen Anforderungen seine großen Reisen der Verkündigung. Er ging nicht nur zu den Juden. Nationalitäten spielten keine Rolle. Der römische Kaiser Nero trachtete ihm nach dem Leben. Vor den Mauern Roms wurde er enthauptet und seine Gebeine fanden in der Basilika seines Namens die letzte Ruhestätte. Die Briefe dieses Apostels wurden weitergereicht und wurden zu einem Dokument ersten Ranges.
In jeder Messfeier bekennt der Mitfeierende seine Bereitschaft zur Bekehrung, die Bereitschaft, seine Leben in Ordnung zu bringen. Der Priester hat die Vollmacht im Sakrament die Sündenvergebung auszusprechen. Die Kirche kennt die österliche Bußzeit, in der sie die Christen zur Umkehr aufruft und zur Bereitung auf das Osterfest. Umkehr und Heimkehr zu Gott befreit den Menschen. Die Erfahrung zeigt, dass auch ganz persönliche Erlebnisse außerhalb der Bußzeit zur Umkehr führen können.
13. November 2011
33. Sonntag im Jahreskreis
Der gute Verwalter
In jener Zeit erzählte Jesus folgendes Gleichnis. 14 Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der auf Reisen ging: Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an. 15 Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste er ab. Sofort 16 begann der Diener, der fünf Talente erhalten hatte, mit ihnen zu wirtschaften, und er gewann noch fünf dazu. 17 Ebenso gewann der, der zwei erhalten hatte, noch zwei dazu. 18 Der aber, der das eine Talent erhalten hatte, ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn. 19 Nach langer Zeit kehrte der Herr zurück, um von den Dienern Rechenschaft zu verlangen. 20 Da kam der, der die fünf Talente erhalten hatte, brachte fünf weitere und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; sieh her, ich habe noch fünf dazu gewonnen. 21 Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn! 22 Dann kam der Diener, der zwei Talente erhalten hatte, und sagte: Herr, du hast mir zwei Talente gegeben; sieh her, ich habe noch zwei dazu gewonnen. 23 Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn! 24 Zuletzt kam auch der Diener, der das eine Talent erhalten hatte, und sagte: Herr, ich wusste, dass du ein strenger Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; 25 weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Hier hast du es wieder. 26 Sein Herr antwortete ihm: Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du hast doch gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe. 27 Hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank gebracht, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten. 28 Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! 29 Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. 30 Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen. Mt 25,14-30
In einem Lied, das den Sänger immer sehr nachdenklich stimmt, heißt es: "Es ist alles nur geliehen". Wir werden in diesen Worten daran erinnert, dass wir so viele Dinge unseres Lebens als unser ewiges Eigentum ansehen, über das wir ganz willkürlich verfügen können. Dabei vergessen wir, dass wir mit leeren Taschen einmal aus dieser Welt hinausgehen. So viele Dinge sind uns nur zum Verwalten gegeben. Der Richter der Menschen am Ende der Tage ist kein Henker, der über die Situation des Menschen von außen hinweg spricht. Der Richter ist der von den Toten erweckte Gekreuzigte, der die Situation von Versäumnis und Sünde von innen her kennt. In seiner Erwartung liegt es, dass wir alle gegebenen Talente aus eigener Kraft vermehren. Unser Lohn wird nach dem eigenen Bemühen bemessen werden. Gott verlangt nichts über unsre Kräfte hinaus, er verlangt jedoch das Äußerste, das in unseren Kräften steht.
Unsere irdischen Güter
"Die Hauptsache ist, dass wir gesund sind!" Diesen Ausspruch kann man oft hören. Gesundheit des Leibes ist ohne Zweifel ein hohes Gut, ob es aber das höchste ist, daran darf man zweifeln. Das Leben ist Gnade, ein reines, unersetzliches, nicht machbares Geschenk und dazu noch ein wundervolles Werk.
In einem saarländischen Dorf begrüßt die Katholische Gemeinde jedes neugeborene Kind mit Glockengläut. Geläutet wird, wenn es die Eltern wünschen. Der Jesuit Alfred Delp, ermordet von den Nationalsozialisten, schreibt: "Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt".
Es gilt für uns der Auftrag, auf die Gesundheit des Lebens zu schauen und dafür etwas zu tun. Groß ist die Zahl der Menschen geworden, die in jungen Jahren durch Drogen ihr Leben vergiften oder ihm gar ein Ende gesetzt haben. Das Leben darf keineswegs in Abwegen münden, nicht in der Kriminalität. Es gilt die Talente zu entdecken, die jeder im Leben mitbekommt, und diese Talente zu entwickeln und zu fördern. Die Eltern eines Kindes haben den Auftrag hier bereitwillig Hilfe zu leisten. Dem Menschen wurde auch unsere Erde anvertraut, der blaue Planet. Wir sind berufen die Schöpfung weiterzuführen. Vom heiligen Franziskaner Bonaventura stammt das Wort: "Wer durch den Glanz der geschaffenen Dinge nicht erleuchtet wird, ist blind; wer von ihrem lauten Rufen nicht aufwacht, ist taub; wer ob all dieser Schöpfungen Gott nicht lobt, ist stumm; wer auf Grund dieser Zeugnisse den ersten Ursprung nicht erkennt, ist ein Tor." Gott hat uns die Sonne, den Mond und die Sterne geschenkt, die Erde mit ihren Wäldern und Bergen, die Meere und alles, was sich darin bewegt und lebt. Gott hat alles, was blüht und Frucht bringt vor uns hingelegt. Es stellt sich uns die Frage: wollen wir mit unserem törichten "Fortschritt" alles vernichten?
Die geistigen Güter
Das Wort "Seele" bezeichnet die zentrale Ordnung, die Mitte bei einem Wesen. Seele ist das Lebendige im Menschen, das aus sich selbst Lebende und Lebenverursachende. Es ist uns aufgetragen, mehr an Liebe und Güte in die Welt zu bringen, mehr an Licht und Wahrheit. Kardinal Joseph Ratzinger sagte einmal: "Die zunehmende Macht der Droge ist Zeichen für eine seelische Leere, der nach dem Verlust der ideologischen Verheißungen nichts geblieben ist. Das Leben ist langweilig und nichtig geworden. Auf der anderen Seite ist der Übergang der Gewalttätigkeit in kriminelle Organisationen zu beobachten, die keiner Ideologie mehr bedürfen."
Einen Fortschritt im Leben gibt es, wenn wir nicht danach fragen, sondern ein Leben so gestalten, wie man es leben soll: sein Tagewerk getreu erfüllen, Menschen lieben, Gutes tun in vieler Form und die Erde lieben und ihren Schöpfer, dann erfahren wir ganz von selbst, dass das Leben einen Sinn hat, auch wenn wir diesen Sinn nicht beim Namen nennen können, sondern nur in unserem Empfinden wahrnehmen. Durch die Liebe kommt der Himmel auf die Erde und ein Stück Erde wird zum Himmel.
Gute Verwalter sollen wir alle sein auf dieser Erde. Wir müssen Rechenschaft ablegen über unser Leben, darüber wie wir Umgang pflegten mit den irdischen und geistigen Güter. Wie ein Film werden die Ereignisse des Lebens in einem kurzen Augenblick vor einer inneren Schau abrollen, wenn wir vor Christus, dem Richter erscheinen. Wir werden über diese Einsicht einmal staunen.
1. Januar 2012
Neujahrstag
Gruß dir, Mutter, in Gottes Herrlichkeit!
Bevor die Melodien von Weihnachten verklingen, wird am Neujahrstag die Mutter des göttlichen Kindes in das Licht eines Festes gerückt. Das Erstaunen über die Geburt des Christkindes ist groß. Doch übersehen wir die Mutter nicht, die dem Neugeborenen seine Menschheit schenken durfte. Von der Mutter geht im Menschenleben die erste entscheidende Prägung aus. Die sündelose Mutter Maria war nicht nur die Frau, die das leibliche Leben gab, sie konnte durchaus neben ihrem Sohn Jesus leben. Maria ist ein Mensch, der in innerster Gemeinschaft mit Gott lebte, ohne alles Trennende. Maria ist zur Wohnung dessen geworden, den Himmel und Erde nicht fassen können.
Maria, Mutter des Herrn
Die Tatsache, dass der Messias in einem Stall nahe Betlehem zur Welt kam, verwundert die Leser des Evangeliums noch nach zweitausend Jahren.Im damaligen Betlehem wurden natürliche und künstliche Höhlen als Ställe und Lagerräume benützt. Eine Frau, die einen Sohn gebar galt laut dem Buch Levitikus des Moses vierzig Tage lang als kultisch unrein und dazu alles, was mit ihr in Berührung kam. Eine schwangere Frau hätte kultische Unreinheit in das Haus gebracht. Dies wäre von den Bewohnern des Ortes mit Entsetzen registriert worden.
Die Geburtsgrotte, der Ort der ersten Weihnacht ist über die Zeiten hin nicht in Vergessenheit geraten. Jusstin der Martyrer, ein gebürtiger Palästinenser, schreibt schon im Jahr 135 von dieser Höhle, die ganz in der Nähe von Betlehem liegt. Die Bewohner des Ortes hielten an der Überlieferung so sehr fest, dass der römische Kaiser Hadrian im Jahr 135 die Verehrung dieses Platzes beenden wollte. Er pflanzte das Bild des heidnischen Gottes Adonis an die allseites bekannte Stelle. Die Kaiserin Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, ließ diesen Götterkult beseitigen und errichtete eine Kirche, eine Kirche die zum großen Teil bis heute erhalten geblieben ist.
Die Ikone der Ostkirche zeigt Maria mit den drei Sternen, zwei an der Schulter und einen auf der Stirn. Die Ikone will hinweisen auf Marias Jungfräulichkeit und von dem Wunder der Menschwerdung Gottes. Der Evangelist Lukas schreibt: "Maria aber bewahrte alles, was geschehen war in ihrem Herzen und dachte darüber nach."
Maria, Mutter der Christenheit
Am Beginn des neuen Jahres begrüßen wir Maria im festlichen Gottesdienst. Sie ist zur Mutter der Christenheit geworden. Wir bitten, dass sie uns ein leuchtender Stern sei auf unseren Wegen und eine mächtige Fürsprecherin bei Gott. Romano Guardini schreibt: "Maria ist die, für welche Jesus Christus, Gottes Sohn und unser Erlöser zum Inhalt ihres Frauenlebens wurde. Eine Tatsache, so einfach und zugleich so sehr alle irdischen Maßstäbe übersteigend, wie Gottes Menschwerdung selbst." Die Kirche verehrt Maria von frühester Zeit an als das Urbild unseres Glaubens. Aus dem Heiligen Geisst hat sie ihre Mutterschaft empfangen. Wenn Maria als die Frau benannt wird, die vom ersten Augenblick ihres Daseins von jeder Sünde bewahrt blieb, dann bedeutet dies die verwandelnde Kraft des Geistes Gottes. Christus hat sich mit der an Maria vorausgenommenen Erlösungstat den menschlich-mütterlichen Raum für seine Menschwerdung in einer ihm angemessenen Weise zubereitet. Dazu wurde Maria die Ersterlöste.
Die Schar derer, die Maria anrufen, um ihre fürbittende Hilfe zu erfahren, ist zu allen Jahrhunderten groß. Wallfahrtsorte führen zu einem verstärkten Vertrauen auf ihre Hilfe. Von den vielen erstaunlichen Berichten sei ein Geschehen aus dem Marienwallfahrtsort Lourdes angeführt. Der junge Spanier Pedro Arrupe, ein Medizinstudent, wurde Zeuge, als ein durch Kinderlähmung verkrüppelter junger Mann beim Segen mit dem Allerheiligsten von einem Augenblick auf den anderen geheilt wurde. Weil Arrupe als Medizinstudent eine Spezialerlaubnis hatte, konnte er bei der anschließenden Untersuchung mit dabei sein und sich von Authentizität des Ereignisses überzeugen. Ein Ereignis, das sein ganzes Leben veränderte. "Der Herr hat ihn wirklich geheilt... Ich freue mich grenzenlos. Als ich auf diese Weise seiner Allmacht gewahr wurde, erschien die Welt um mich herum ganz klein. Ich kehrte nach Madrid zurück, die Bücher fielen mir aus der Hand... Ja, ich war tatsächlich außer mir, dachte ich doch nur noch an die zum Segen erhobene Hostie und an den gelähmten jungen Menschen, der aus dem Rollstuhl sprang. Drei Monate später trat ich ins Noviziat der Gesellschaft Jesu ein." Etliche Jahre später wurde Arrupe zum Ordensgeneral seiner Gemeinschaft bestellt.
Wundervoll ist Gott auch in bevorzugter Weise dort, wo er durch Maria einen besonderen Platz geschaffen hat. Das Pilgern zu Maria birgt in sich das Heimweh nach dem Paradies. Wir finden es für Momente dort, wo sich sichtbare und unsichtbare Welt begegnen.


