Bayerische Kapuzinerprovinz





Predigten von Br.Marinus Parzinger

Predigten von Br. Marinus Parzinger, Altötting






29. 04. 2001

Zeuge für Christus sein

Lesung: Apg 5,27b - 32.40b - 41

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27bIn jenen Tagen verhörte der Hohepriester die Apostel 28 und sagte: Wir haben euch streng verboten, in diesem Namen zu lehren; ihr aber habt Jerusalem mit eurer Lehre erfüllt; ihr wollt das Blut dieses Menschen über uns bringen. 29 Petrus und die Apostel antworteten: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. 30 Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ans Holz gehängt und ermordet habt. 31 Ihn hat Gott als Herrscher und Retter an seine rechte Seite erhoben, um Israel die Umkehr und Vergebung der Sünden zu schenken. 32 Zeugen dieser Ereignisse sind wir und der Heilige Geist, den Gott allen verliehen hat, die ihm gehorchen. 40b Dann verboten sie den Apostel, im Namen Jesu zu predigen, und ließen sie frei. 41 Sie aber gingen weg vom Hohen Rat und freuten sich, dass sie gewürdigt worden waren, für seinen Namen Schmach zu erleiden.

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Nichts als die Wahrheit!

Waren Sie schon einmal als Zeuge vors Gericht geladen? Keine angenehme Sache - kann ich mir vorstellen. Ich selbst war lediglich als Zuschauer Zeuge einer Verhandlung. Als Zeuge, beispielsweise eines Unfalls, kann man beitragen, den Hergang aufzuklären. Da muss man halt die "Scherereien" in Kauf nehmen. Als "Zeuge" soll man durch sein Wort dazu beitragen, eine offene Frage zu entscheiden. Die Rolle des Zeugen ist auf alle Fälle der des Angeklagten vorzuziehen. Und doch fällt die Rolle des Zeugen, wenn es um den Glauben geht, uns nicht leicht.

"Wir können unmöglich schweigen..."

Nach der Kreuzigung Jesu sind dessen Anhänger nicht verstummt. Die Apostelgeschichte berichtet von der Heilung des Gelähmten im Tempel und einer Rede, die Petrus auf dem Tempelplatz (Apg 3) hält. Seine Botschaft ist klar:

"Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt!"

Es kommt zur Verhaftung. Petrus und Johannes werden vor den Hohen Rat gebracht und nutzen die Gelegenheit, ihren Glauben an Jesus Christus, den Auferstandenen, zu bezeugen. Sie zeigen Mut. Immerhin löst ihre Rede Verwunderung aus. Geradezu hilflos muss der Hohepriester zugeben, wie wirkungsvoll die Verkündigung der Apostel ist: "Ihr habt ganz Jerusalem mit eurer Lehre erfüllt." Nach einer Beratung wird den Jünger verboten, "jemals wieder im Namen Jesu zu predigen und zu lehren". Aber schon die Reaktion zeigt, dass hier das letzte Wort noch nicht gesprochen wurde: "Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben." Die Jünger berufen sich auf die Autorität Gottes, sie lassen sich nicht einschüchtern. Jeder darf und soll es wissen: Wir glauben: Gott hat Jesus auferweckt. Jesus lebt.

So geht die Predigt weiter - Zeichen und Wunder bestätigen die Worte - mehr und mehr Menschen kommen zum Glauben - die Botschaft von Christus breitet sich aus und findet den Weg zu den Menschen. Das Zeugnis der Jünger weckt Glauben. Zugleich rührt sich Widerstand.

Die Urgemeinde erfährt, dass sie ihren Glauben bekennen muss vor den Mächtigen der Welt. Dabei erinnern sich die Anhänger Jesu an sein Wort, sie sollten allen Menschen die frohe Botschaft verkünden, sie in seinem Namen lehren und taufen. Auch ein anderes Wort bewahrheitet sich: Sie werden euch um meinetwillen verfolgen, selbst vor Mord nicht zurückschrecken. In diesem Fall Zeuge zu sein ist keine erstrebenswerte Rolle.

Christ sein - Zeugnis geben

Die deutschen Bischöfe haben im November vergangenen Jahres ein Schreiben veröffentlicht mit dem Titel:

"Zeit der Aussaat - missionarisch Kirche sein!"

Darin wird gesagt: Christen sollen Zeugnis geben. Damit helfen sie anderen Gott zu begegnen. Die Bischöfe meinen, es sei mehr als bedenklich, wenn eine Gemeinschaft nicht mehr wachsen wolle. Ist es nicht selbstverständlich als Christ zu zeigen und anzubieten, wovon wir überzeugt sind? Zeugnis geben vom christlichen Glauben geht in einzelnen Schritten: Das Zeugnis des Lebens legt die Grund. Das gelebte Zeugnis weckt den Wunsch, mehr von diesem Glauben zu erfahren. Bevor es zu einem Gespräch kommt, spricht das Leben. Aus dem Verhalten lassen sich Haltungen ablesen: Ehrfurcht und Staunen, Selbstbegrenzung und Maß, Mitleid und Fürsorge, Offenheit und Gastfreundschaft. Nimmt ein Christ seinen Glauben ernst und lässt er das sehen, dann wird er vielleicht gefragt:

  • Warum machst Du das so?
  • Musst Du das tun? Oder machst Du das freiwillig?
  • Jetzt kommt das Zeugnis des Wortes hinzu. Sie müssen sich nicht in eine Fußgängerzone stellen und predigen oder eine kirchliche Zeitschrift anpreisen - wie es Zeugen Jehovas tun. Das ist nicht gemeint. Was dann?

    In Gesprächen höre ich Eltern klagen: Wenn ich sage "Geht doch am Sonntag in die Kirche!" gibt es Streit. Also sag´ ich nichts. - Wenn das Gespräch über die eigenen Überzeugungen in den Familien schon problematisch ist, wie ist das dann bei Fremden?

    Ich frage mich, warum das so ist. Warum wollen viele in der namenlosen Masse anonym bleiben? Zur persönlichen Verteidigung lassen sich viele Gründe anführen:

  • die einen fühlen sich nicht fähig, von Jesus Christus Zeugnis abzulegen. Sie sagen, sie hätten das nicht studiert, sie seien gehemmt und könnten ihren Glauben nicht so recht in verständliche Worte fassen. Darum sagen sie lieber nichts.
  • Andere haben den Standpunkt, man dürfe mit seinem Christuszeugnis nicht mit der Tür ins Haus fallen, sondern müsse erst die passende Zeit abwarten. Eine persönliche Glaubensüberzeugung pflanzt man nicht mit Gewalt ein.
  • Wer will sich schon als religiöser "Spinner" bezeichnen lassen? Ausgelacht und nicht ernst genommen werden?
  • Mag ja sein, dass das Zeugnis des Wortes scheitert, weil es schwer fällt, die rechten Worte zu finden. Es überfordert schlicht viele. Das zu ändern ist möglich.

    Etwa dann, wenn jemand mit gutem Beispiel vorangeht und dabei hofft, Nachahmer zu finden. Das ist ein guter Anfang. Dann braucht es das deutende, eindeutige Wort. Vorausgesetzt die Fähigkeit, sich auszudrücken und mitzuteilen. Das kann man lernen. Wirklich überzeugend werden die Worte sein - das erfahren Eltern und Pädagogen - wenn sie zusammenstimmen mit dem, was vorgelebt wird.

    Das Zeugnis des Lebens und des Wortes ermöglicht es, dass ein Mensch innerlich - mit dem Herzen - zustimmt. Es kann sogenannte Schlüsselereignisse geben, die den Zugang zu neuen Erfahrung erschließen können. Wie ein Aha-Erlebnis: Ja, so ist das. Jetzt ist der Groschen gefallen, jetzt hat das vorgelebte und gesprochene Zeugnis überzeugt, dann ist die Botschaft angekommen. Und das bleibt nicht folgenlos. Denn was einen innerlich bewegt, das drückt sich aus. Nach dem Sprichwort: Wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über!

    Wer wird mich überzeugen?

    (Wir) Christen haben nicht die Rolle des neutralen Beobachters inne. (Wir) Christen sollen und können Zeugen sein.

    Ein Lehrer kann Schüler motivieren, wenn er selber von einer Sache überzeugt ist. Alles andere bleibt äußerlich. Nur wer selber überzeugt ist, kann andere überzeugen, so habe ich schon oft gehört. Soweit so gut. Aber, so müssen wir fragen: Wie gewinne ich Überzeugung? Wer wird mich überzeugen? Der bloße Appell, doch etwas überzeugter und hoffnungsvoller sein Christsein zu leben, hilft nicht weiter. Das setzt keine Kräfte frei, sondern verstärkt zunächst nur das schlechte Gewissen.

    (Wir) Christen gewinnen die Kraft zu einem frohen und überzeugenden Glauben, indem sie das Zeugnis der Apostel annehmen. Überprüfbare Beweise gibt es dabei nicht!

    Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Sie können sich selbst von dessen Brauchbarkeit überzeugen. Gehen Sie davon aus, dass Jesus wirklich auferstanden ist, wie es die Heilige Schrift bezeugt. Lassen Sie dieses Glaubens-Zeugnis einfach für Sie gelten. Sie werden sehen, dass Sie mit dieser Annahme neue Erfahrungen machen können. Durch ein dem entsprechendes Handeln kommen wir zu einer Gewissheit, die wir bezeugen können. Wir haben es dann selbst erfahren.

    Wie gesagt: Ein Vorschlag. Sie können ihn annehmen oder sein lassen. Sie können skeptisch sich jeder Herausforderung verweigern. Sie können behaupten, dass das eh nichts bringt. Sie können nüchtern feststellen, dass Sie das alles schon wissen.

    Oder: Sie können sich von einem Wort aus dem Römerbrief locken lassen:

    "Wenn du mit deinem Mund bekennst: `Jesus ist der Herr´ und in deinem Herzen glaubst: `Gott hat ihn von den Toten auferweckt´, so wirst du gerettet werden." (Röm 10,9)

    Wir wollen beten um den Mut zum Glaubenszeugnis:

    Hilf uns glauben, Herr!
    Lass uns dein Wort hören,
    es soll uns anrühren.
    Entfache in uns eine Sehnsucht,
    die uns weiterträgt auf unserem Weg.
    Begleite unsere Suche,
    lass uns Antwort finden auf unsere Fragen.
    Stelle uns Menschen an die Seite,
    von denen wir die Haltung
    des rechten Glaubens kennen lernen können.
    Gib uns Entschlusskraft, wenn es darum geht, mit dem Herzen ja zu sagen und hilf uns auch die Konsequenzen dieser Entscheidung zu tragen.
    Lass uns dich, den Auferstandenen,
    in unserem Leben bezeugen.
    Amen.

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    01. 07. 2001
    13. Sonntag im Jahreskreis

    Freundlich, aber bestimmt

    Evangelium nach Lukas

    Lk 9,51 - 62

    Auf dem Weg nach Jerusalem: 9,51 - 19,27
    Die ungastlichen Samariter: 9,51-56

    51 Als die Zeit herankam, in der er (in den Himmel) aufgenommen werden sollte, entschloss sich Jesus, nach Jerusalem zu gehen. 52 Und er schickte Boten vor sich her. Diese kamen in ein samaritisches Dorf und wollten eine Unterkunft für ihn besorgen. Aber man nahm ihn nicht auf, weil er auf dem Weg nach Jerusalem war. 54 Als die Jünger Jakobus und Johannes das sahen, sagten sie: Herr, sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet? 55 Da wandte er sich um und wies sie zurecht. 56 Und sie gingen zusammen in ein anderes Dorf.
    Von der Nachfolge: 9,57-62
    57 Als sie auf ihrem Weg weiterzogen, redete ein Mann Jesus an und sagte: Ich will dir folgen, wohin du auch gehst. 58 Jesus antwortete ihm: Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann. 59 Zu einem anderen sagte er: Folge mir nach! Der erwiderte: Las mich zuerst heimgehen und meinen Vater begraben. 60 Jesus sagte zu ihm: Las die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes! 61 Wieder ein anderer sagte: Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber las mich von meiner Familie Abschied nehmen. 62 Jesus erwiderte ihm: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.

    Nicht ein bisschen, sondern ganz - radikal

    Herr Pater, ich meine es wirklich ernst. Ich möchte Jesus mein Leben zur Verfügung stellen, ganz radikal, so wie Franziskus.

    Das höre ich ab und zu in Gesprächen mit jungen, suchenden Menschen. Und jedes Mal bin ich tief berührt von der Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit solcher Worte. Mutig, denke ich mir.

    Ich spüre,

  • dass hier ein Mensch seinen ureigenen Weg sucht und bereit ist, sich ganz zu investieren.
  • Dass er nicht nach dem Maßstab einer Wohlfühlmentalität lebt: Her mit allem, was gut tut; aber tu´ mir nicht weh und verlang´ nichts von mir.
  • Dass er sich auf keine halben Sachen einlassen will: Nicht nur ein bisschen, ein Stück weit, sondern ganz und gar, radikal. Mir wird bewusst,
  • dass mir im Gespräch großes Vertrauen entgegengebracht wird. Mit vielen - auch Christen - lässt sich darüber nicht reden: Sie meinen und sagen: Du spinnst doch. Übertreib mal nicht. Ich ahne,
  • dass mein Gesprächspartner etwas entdeckt hat, einen "Schatz", der alles bisherige in den Schatten stellt.
  • Dass er frei werden will, indem er sich an Jesus und sein Wort bindet. Und ich zweifle nicht, dass die Wort ernst gemeint sind. Aber: Ich bin auch aufmerksam für die leisen Untertöne, die ich mithöre. Und ich formuliere, was mir durch den Kopf geht.
  • Kann es sein, dass der Wunsch nach einer radikalen Entscheidung daher kommt, dass bisher ein Zickzack-Kurs gesteuert wurde? Mal dies, mal das. Von allem etwas. Und nun will ich es wissen, endlich Klarheit schaffen.
  • Kann es sein, dass mit einer radikalen Entscheidung ein Sprung nach vorne getan werden soll und damit der Ballast der vergangenen Zeit abgeschüttelt werden soll?
  • Könnte es sein, dass "radikal" manchmal ein Synonym für "fanatisch" ist? So und nicht anders.

    Im Gespräch kommt dann auch zur Sprache, dass mit dem Wunsch nach einer klaren Entscheidung auch Sorge und Angst mitschwingen: Werde ich das fertig bringen? Ist mir das nicht einer Nummer zu groß? Was werden meine Eltern und Freunde sagen?

    Als ich mir zu dieser Predigt Gedanken machte und das Evangelium genauer anschaute, war ich zunächst unschlüssig, auf welchen der zwei Teile ich besonders zugehen möchte. Ich habe mich entschieden, beide Teile im Blick zu behalten.

    Jesus unterwegs

    Es beginnt der lukanische Reisebericht. Jesus und seine Jünger sind auf dem Weg nach Jerusalem, wo sich Jesu Weg vollenden wird. Erst nach und nach begreifen die Jünger, welchen Weg sie mit ihrem Herrn und Meister gehen.

    Eine Einzelerfahrung zeigt, wie schwer es ihnen doch fällt, Jesu Gangart mitzugehen. Boten sollen eine Unterkunft besorgen, werden aber abgelehnt. Das ist nicht verwunderlich, denn Jesus und seine Jünger sind unterwegs zum Konkurrenzheiligtum. Jakobus und Johannes, die wegen ihres Temperaments auch Donnersöhne genannt werden, sind wütend, sie ärgern sich über die Abfuhr. Am liebsten würden sie diese schlechte Erfahrung durch Feuer vom Himmel aus ihrer Erinnerung löschen: Das klingt radikal. Ist aber zerstörerisch und unbarmherzig und ganz und gar nicht Jesu Art. Jesus weist sie zurecht.

    Der Blick auf das Ziel klärt das Verhalten

    Eine momentane Gemütsregung, wie Ärger oder Freude, bewegen uns schnell zum Handeln. Es macht Sinn, auf das Ziel vorauszublicken. Wohin will ich denn? Fragen wir uns: Was wäre möglicherweise die Konsequenz gewesen, wenn die Jünger ihrem leidenschaftlichen Ärger gefolgt wären?

  • Sie hätten ein Exempel statuiert und damit Angst verbreitet. Das hätte sich herumgesprochen und man wäre ihnen aus dem Weg gegangen. Wer hätte Jesus seine Botschaft von der Liebe Gottes dann noch geglaubt?
  • Es hätte auch so kommen können: Die Jünger nehmen zunächst die Zurechtweisung Jesu an. Aber in ihrem Herzen sind sie nachtragend und können nicht vergessen, wie sie behandelt wurden. Und als sie nach der Auferstehung Jesu Christi beauftragt werden, seine Botschaft zu allen Menschen zu tragen, machen sie um Samaria einen großen Bogen. Damit wäre Jesu Botschaft kaum glaubwürdig. Unversöhnlichkeit verewigt eine Momentaufnahme der Vergangenheit, verallgemeinert eine schlechte Erfahrung. Eine neue, gute Erfahrung hat keine Chance mehr.

    Jesus will nicht vernichten, sondern retten. Er will nicht überfordern, sondern befreien. Er ist Bote und Botschaft zugleich. Und diesen Auftrag nimmt er radikal ernst. Davon lässt er sich nicht abbringen. Durch ihn sollten alle Menschen hören und spüren: Ihr Menschen alle seid von Gott angenommen und bejaht. Habt Vertrauen, fürchtet euch nicht. Wendet euch hin zum Ursprung des Lebens, zum Gott des Erbarmens.

    Nachfolge ohne Wenn und Aber

    Der zweite Teil des Evangeliums bringt deutliche Worte zu Berufung und Nachfolge. Dieser Abschnitt ist - etwas salopp gesagt - knallhart, keine leichte Kost. Warum sollte ich diese Aussagen schön reden oder abschwächen? Um jemanden zu ködern? Ich bin überzeugt, dass es heilsam ist, klar und deutlich Jesu Einladung zur Nachfolge auszusprechen. Alles andere trägt nicht und wäre Etikettenschwindel.

    Hier fällt mir der heilige Franziskus ein, dessen Leben sich radikal wandelte, nachdem er das Evangelium Jesu Christi als Leitfaden für sein Leben angenommen hatte. Ja, Franz von Assisi ist geradezu ein Musterbeispiel für konsequente, radikale Nachfolge. Seine Brüder mahnt er, sie sollten die Worte Jesu Christi nur ja nicht abschwächen durch Kommentare und Deutungen - sine glossa, ohne Randbemerkungen. Die bisherige Spur hat er verlassen, mit den Karriereplänen seines Vaters gebrochen, auf sein Erbe verzichtet, ja sogar die Kleider, die er am Leib trug, dem Vater zurückgegeben. Er wurde "ver-rückt", seine Lebensspur läuft von da an in der Spur Jesu.

    Wovon ist nun im Evangelium die Rede?

    Auf das Bekenntnis eines Mannes, er wolle Jesus folgen, wohin er auch gehe, nennt Jesus als Konsequenz das Unterwegssein. Mach dich darauf gefasst, dass du dein Leben nicht geruhsam im Lehnsessel verbringst. Rechne nicht damit, dass deine Bedürfnisse und Erwartungen sämtlich erfüllt werden.

    Dann wieder spricht Jesus souverän einen Menschen an und fordert ihn auf: Folge mir nach! Der Angesprochene entgegnet: Er müsse zuerst seinen Vater begraben. Immerhin ist das eine familiäre Pflicht ersten Ranges. Jesus aber lässt diesen Einwand nicht gelten. Wer den Ruf vernimmt, hat augenblicklich, ohne Wenn und Aber zu folgen. Jesus gebraucht ein Bild aus der Landwirtschaft: Wer beim Pflügen zurückblickt, bringt die Pflugschar aus der Ackerfurche, er pflügt krumm. Er muss nach vorn schauen und sich lösen von dem, was hinter ihm liegt.

    Was kann das heute für mich, für dich, für Sie heißen.

  • Nachfolge Christi kann Pflichten mit sich bringen, die mit allgemein menschlichen Pflichten kollidieren. Der Anspruch Jesu ist radikal und lässt sich nicht einordnen neben anderen.
  • Wer den Spuren Jesu folgt, muss damit rechnen, unverstanden zu bleiben, ja, allein zu stehen. Denn Jesus ruft heraus aus der Masse, er spricht nicht allgemein, sondern konkret: Dich meine ich. Komm!
  • Jesus erhebt mit dem Ruf zur Nachfolge einen Anspruch, der über eine Grenze hinwegführt, der an die Wurzel geht, radikaler ist als erwünscht.

    Unmenschlich - unmöglich?

    Wer sich Christ nennt, der beruft sich auf Jesus Christus. Dürfen wir uns einen "Jesus Christus" zurechtstutzen, wie er uns passt? Nein! Michael Grünwald stellte vor gut 25 Jahren als Domprediger in Regensburg die Frage: Besteht nicht die Gefahr, dass in einem einseitig menschlich verstandenen Christentum Christus sich um den Menschen dreht, statt der Mensch um Christus? Ich halte diese Frage auch heute noch für berechtigt. Jesus bestätigt keine Bedürfnisse, er ist keine Glücksdroge, die man sich "reinzieht". Er lässt im entscheidenden Augenblick keine Rücksichten mehr gelten, sondern verlangt den Totaleinsatz.

    Warum verlangt er das?

    Weil hier der tragende Grund, das Fundament, die Wurzel christlichen Lebens sichtbar wird. Gott hat sich für uns entschieden in Jesus Christus. Er hat zu uns bedingungslos ja gesagt. Er hat sich selbst uns geschenkt. Und seine Gabe an uns Menschen wird zur Aufgabe, zur Anfrage: Wie stehst Du dazu?

    Wie gesagt: Ich bin berührt, wenn ich Menschen begegnen darf, die ihren Weg suchen und sich von Jesus einen Weg weisen lassen wollen. Manchmal sage ich dann einen Satz, den ich selber "geschenkt" bekommen habe von einem Minoriten:

    "Wer durchs Leben kommen und gehen will,
    der muss sich binden,
    denn Leben verträgt keine Flatterformen."

    Zum Thema: Gedanken von Elmar Gruber

    "Ich will dir folgen, wohin du auch gehst." Schau nicht um!

    Elmar Gruber, Sonntagsgedanken, Lj. C

    Lukas schildert heute drei Szenen, die alles beinhalten, was Nachfolge Jesu bedeutet.

    1)

    Ein Mann spricht Jesus an. Er will Jesus nachfolgen überall hin, "wohin du auch gehst". Jesus zeigt ihm am Beispiel der Füchse und Vögel, was das für Konsequenzen hat. Alles hat in der Welt seinen festen Platz und ein geregeltes, berechenbares Dasein. Wer Jesus nachfolgt, verzichtet auf eine letzte Beheimatung in der Welt mit ihrem geordneten Regelverhalten. Der Menschensohn ist immer unterwegs; er hat keinen Ort, keine feste irdische Heimat. Er ist überall und nirgends "daheim"; er ist dort daheim, wo er gerade ist; denn er ist ganz bei Gott daheim; er hat seine Heimat in sich; er ist bei sich selbst daheim. Die Bindung an Christus fordert Verzicht; sie schenkt andererseits die Freiheit von allen irdischen, "normalen" Bedürfnissen und Forderungen. Sie eröffnet mir die ganze Welt als Heimat und macht alle Geschöpfe zu meinen Geschwistern.

    Die Bindung an Christus macht mich fähig, irdische Bindungen einzugehen, die nicht einengen und fesseln, sondern Halt geben und befreiend wirken. Ein Ehe- oder Weiheversprechen oder ein Gelübde kann mir helfen, die befreiende Bindung an Christus in dieser vergänglichen Welt für mich und andere segensreich zu verwirklichen. Durch solche Regelungen können die Charismen des Einzelnen mit allen und für ale bestmögliche Verwirklichung finden.

    2)

    Der Nächste wird von Jesus angesprochen: "Folge mir nach!" Doch dieser hat vorher noch familiäre Pflichten zu erfüllen. Jesus verbietet ihm das: Es mag hart klingen. Aber die Nachfolge Christi kann Pflichten mit sich bringen, die mit irdischen oder allgemein menschlichen Pflichten kollidieren. Die Nachfolge Christi - gleichgültig in welcher Lebensform und in welchem Beruf - lässt sich manchmal nicht mehr einordnen in den Bereich des irdisch Gewohnten und allgemein Üblichen. Wer Jesus nachfolgt, muss damit rechnen, dass er von der Allgemeinheit nicht verstanden wird und keine Bestätigung erfährt. Oft sind es Nahestehende oder Leute, "die es eigentlich wissen müssten", die sich enttäuscht von uns abwenden, weil sie unsere Gewissensentscheidungen, die der Bindung an Christus entspringen, nicht mehr nachvollziehen können. Wenn ich Christus angehören will, muss ich immer damit rechnen, dass ich mit ihm ganz alleine bin - auch in der Gemeinschaft der Kirche.

    3)

    Der Dritte spricht wieder Jesus an: "Ich will dir nachfolgen, ... aber ...!" Er will zuerst und zuvor seine gewiss berechtigten Bedürfnisse und Pflichten erfüllen: Abschied nehmen, - das wird man doch noch dürfen! Aber auch hier erfolgt die klare Absage von Jesus im Bildwort vom Pflug. Wer den Ruf Jesu im Augenblick der Berufung vernimmt, muss dem Ruf "augenblicklich" ohne Wenn und Aber folgen. Wer Jesus nachfolgt, - jeder Mensch, der aus dem Glauben lebt - blickt immer nach vorne. Jeder Rückblick bringt die Pflugschar aus der Bahn. Jeder Fortschritt ist mit Abschied verbunden.

    In der Regel wird die Nachfolge Christi keine so extremen Forderungen stellen, wie sie in diesem Evangelium geschildert werden. Aber es gibt Situation im Leben, in denen uns die Nachfolge Christi mit kompromisslosen Forderungen konfrontiert. Nur in der Kraft der Liebe werde ich diese Über-forderungen erfüllen können.

    Herr, ich will dir folgen, wohin du auch gehst. Führe mich in die wahre Freiheit und gib mir Mut zum Abschied.


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    09. 09. 2001
    23. Sonntag im Jahreskreis
    Vom Ernst der Nachfolge: Lk 14,25-33

    Das Evangelium nach Lukas

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    Viele Menschen begleiteten ihn; da wandte er sich an sie und sagte: 26 Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein. 27 Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. 28 Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? 29 Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertig stellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten 30 und sa-gen: Der da hat einen Bau begonnen und konnte ihn nicht zu En-de führen. 31 Oder wenn ein König gegen einen anderen in den Krieg zieht, setzt er sich dann nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegenstellen kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt? 32 Kann er es nicht, dann schickt er eine Gesandtschaft, solange der andere noch weit weg ist, und bittet um Frieden. 33 Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet. Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, kann nicht mein Jünger sein

    Wiederholte Übung prägt Verhalten. Was ich tagtäglich, oder zumindest oft und regelmäßige tue, das geht mir in Fleisch und Blut über. Das kann so weit gehen, dass durch berufliche Tätig-keit sogar der Charakter geformt wird. Ich will niemand in Schubladen stecken, aber man merkt es ei-nem Menschen doch an, womit er sich hauptsächlich beschäftigt.

    Woran erkennt man den Christen?

    Zur Zeit Jesu gab es Gesetzes-Lehrer, die Schüler aufnahmen. Der Schüler suchte sich einen Lehrer. Lehrer und Schüler lebten dann in enger Lebensgemeinschaft. Die Schüler wurden von ih-rem Meister geprägt. Es war eine Ehre, sich auf einen angesehe-nen Meister berufen zu können.

    Bei Jesus war es anders:

    Nicht die Schüler haben ihn gesucht. Er hat sich seine Schüler selbst ausgewählt. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt... Und Jesus hat sie mitgenommen auf seinen Weg und an seinem Leben teilhaben lassen.

    Der Ruf zur Nachfolge gilt jedem Christen.

    Die Aussagen des heutigen Evangeliums sind zunächst an den engsten Kreis der Jünger gerichtet. Sie sind unmissverständlich klar, radikal und fordernd. Eher ab-schreckend als anziehend. Der Evangelist Lukas hat mehrere Aussagen zusammengefasst und sie für seinen Leser- bzw. Hörerkreis verallgemeinert. Jesus spricht also zu den Vielen, die ihn begleiten. Ich möchte mich auf eine zentrale Aussage - die Einladung zur Kreuzesnachfolge - beschränken. Sie lautet:
    Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.

    Für Menschen, die häufiger in die Kirche gehen oder zuhause in der Bibel lesen, wird dieser Satz nicht neu sein. Er klingt fast selbstverständlich. Christsein hat mit Kreuz zu tun. Jesus trug das Kreuz und er starb am Kreuz. Das Kreuz gehört zum Christsein. Jesus hat es für uns getragen. Es ist Zeichen seiner Liebe, Zei-chen unserer Erlösung. Daran lassen wir uns erinnern. Darum hängt das Kreuz in vielen Wohnungen. Dabei ist das Kreuz keine christliche Erfindung. Schon in vor-christlicher Zeit war es ein weit verbreitetes Heilszeichen. Zur Zeit Jesu war die Kreuzigung die grausamste Hinrichtungsart und wird darum "Galgen der römischen Antike" genannt.

    Viele haben heute ihre Not mit dem Kreuz - in vielfacher Hin-sicht. Die Jünger Jesu und die Evangelisten hatten es - vermute ich - nicht minder schwer damit. Wie sollten sie ihren Zeitgenos-sen klar machen, dass es sich lohnt, Jesu Weg nachzugehen. Er starb doch am Kreuz. Und der Tod am Kreuz galt als Zeichen der Verwerfung durch Gott. Ja, für Juden war das Kreuz ein empörendes Ärgernis (vgl. 1 Kor 1,23). Das Wort vom Kreuz ist seit dem Urchristentum ein Skandal, ein Reizwort und Auslöser heftiger Diskussionen. Für die Berufenen aber - so formuliert Paulus - ist es Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

    Es ist falsch, weil zu eng, sich nur auf die Passion und das Kreuz zu fixieren. Es ist gut, diese Fixierung aufzubrechen und das gan-ze Leben Jesu anzuschauen. Dann zeigt sich, dass das Ärgernis bereits mit seiner Geburt begonnen hat.
    · Denn armselig kam er zur Welt, der Gottessohn;
    · angewiesen war er wie jeder Mensch.
    · Hinabgebeugt hat er sich in den Staub dieser Erde.
    · Erniedrigt hat er sich und war gehorsam bis zum Tod. (vgl. Philipperbrief)
    Für die Leser des Lukas-Evangeliums ist die Aufforderung zur Kreuzesnachfolge voll schauerlicher Aktualität. Ihnen drohte tat-sächlich der Tod, weil sie Christen waren. "Wenn die Welt euch hasst, dann wisst, dass sie mich schon vor euch gehasst hat. ... Weil ihr nicht von dieser Welt stammt, sondern weil ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt." (Joh 15,18)

    Was könnte Kreuzesnachfolge für uns heißen.

    Dass jeder sein Kreuz tragen müsse, ist für uns eine Redensart und meint:
    jeder muss sein Packerl tragen,
    jeder hat so seine Last im Leben, die ihm keiner abnimmt.

    Das ist schon richtig. Aber diese Redensart ist mitunter ein dum-mer Spruch, der die Not eines anderen Menschen nicht ernst nimmt. Vielleicht ist er auch Ausdruck von Hilflosigkeit. Für viele steht das Kreuz für grässliches Leid und Unrecht, das Menschen einander antun, für Gewalt und Gegengewalt, Verbit-terung und tödlichen Hass. Dass Jesus sein Kreuz getragen hat, ist Zeichen seiner Liebe! Er hat damit die Spirale von Gewalt und Vergeltung durchbrochen. Es ist eine ohnmächtige, gewaltlose Liebe. "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage." (Joh 15,13)

    Woran erkennt man den Christen?

    Wohl weniger an äußerlich auffälligen Merkmalen, wie einer bestimmten Kleidung oder einem Kettchen mit Kreuz. Mehr doch an seiner inneren Haltung, die im Verhalten, im Handeln sichtbar wird.

    Wir könnten so sagen:

    der Christ geht unter das Kreuz! Dort wird seine Vergangenheit geheilt und neues Leben ge-schenkt. Da können Wunden heilen, da wird Angst überwunden und gelingt der Schritt auf den anderen zu. Der Christ geht unter das Kreuz und kann dort von Jesus lernen:
    · Angst ist erlaubt, wenn ich mir den Weg nicht mehr zutraue, der vor mir liegt. Jesus hatte Angst als er im Ölgarten betete.
    · Zweifel und Fragen sind erlaubt: Jesus ruft, mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen: sein Ruf geht nicht ins Leere, sondern in das Ohr Gottes. Am Ende siegt sein Vertrauen.
    · Gefährtenschaft und Solidarität sind erlaubt: nicht Einzel-kämpfer sollen wir sein, sondern Teil der Gemeinde Jesu Christi. Kein Kreuz passt für einen allein, sie sind alle zu groß. Kein Kreuz ist gedacht nur für einen. Es ist gedacht für Träger und Mitträger, es soll geteilt werden. Denn es gilt: Ei-ner trage des anderen Last.

    Für die Berufenen ist das Kreuz zum Baum des Lebens gewor-den. Wir brauchen nicht fliehen
    vor unseren Mängeln,
    vor unseren Beschwernissen,
    vor unseren Leiden,
    vor uns selbst.
    Wir dürfen im Schatten des Kreuzes ausruhen: "Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt; ich werde euch Ruhe verschaffen." (Mt 11,28)

    Das heutige Evangelium ist ein aufrüttelnder Appell, die Freundschaft mit Jesus ernst zu nehmen!

    Herr Jesus Christus, obwohl du als Helfer der Menschen, als Versöhner der Völker, als Retter der Welt auf diese Erde gekommen bist, wurdest du verfolgt, missachtet und gekreuzigt. Zur Erinnerung an deine Liebe ist auf vielen Bergen, an vielen Straßen, an vielen Orten dein Kreuz aufgerichtet.
    Uns stört dieses Kreuz wenig. Wir übersehen es, gehen gedankenlos vorbei.
    Lass uns in diesem Kreuz deine Liebe zu uns Menschen erkennen. Und nach deinem Beispiel handeln.

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    18. 11. 2001
    33. Sonntag im Jahreskreis
    Ende gut, alles gut!

    Das Evangelium nach Lukas (Lk 21, 5-19)

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    21.5 Als einige darüber sprachen, daß der Tempel mit schönen Steinen und Weihegeschenken geschmückt sei, sagte Jesus: 6 Es wird eine Zeit kommen, da wird von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleiben; alles wird niedergerissen werden. Sie fragten ihn: Meister, wann wird das geschehen, und an welchem Zeichen wird man erkennen, dass es beginnt? 8 Er antwortete: Gebt acht, dass man euch nicht irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es!, und: Die Zeit ist da. - Lauft ihnen nicht nach! 9 Und wenn ihr von Kriegen und Unruhen hört, lasst euch dadurch nicht erschrecken! Denn das muss als erstes geschehen; aber das Ende kommt noch nicht sofort. 10 Dann sagte er zu ihnen: Ein Volk wird sich gegen das andere erheben und ein Reich gegen das andere. 11 Es wird gewaltige Erdbeben und an vielen Orten Seuchen und Hungersnöte geben; schreckliche Dinge werden geschehen, und am Himmel wird man gewaltige Zeichen sehen. 12 Aber bevor das alles geschieht, wird man euch festnehmen und euch verfolgen. Man wird euch um meines Namens willen den Gerichten der Synagogen übergeben, ins Gefängnis werfen und vor Könige und Statthalter bringen. 13 Dann werdet ihr Zeugnis ablegen können. 14 Nehmt euch fest vor, nicht im voraus für eure Verteidigung zu sorgen; 15 denn ich werde euch die Worte und die Weisheit eingeben, so dass alle eure Gegner nicht dagegen ankommen und nichts dagegen sagen können. 16 Sogar eure Eltern und Geschwister, eure Verwandten und Freunde werden euch ausliefern, und manche von euch wird man töten. 17 Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden. 18 Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden. 19 Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.

    Seit kurzem bin ich in Altötting und erlebe die bunte Vielfalt an diesem Wallfahrtsort. Neulich spricht mich eine Frau an: Wenn sich die Menschen nicht bekehren, meinte sie, wird es einen Flächenbrand geben. Ich frage zurück, woher sie diese Offenbarung hätte. Die Antwort ließ mich stutzen: Steht doch in der Bibel, sagte sie. Das Gespräch ging noch weiter. Ehrlich gesagt, konnte ich die düstere Sicht der Zukunft nicht aufhellen.

    Die Sicht der Zukunft bestimmt das Heute! Es macht schon Sinn das Ende im Blick zu haben, z. B: die Militäraktion in Afghanistan - was kommt danach? Oder: das laufende Schuljahr bringt für manche den Abschluss - wie geht es dann weiter? Aus dem Stand kann das oft nicht entschieden werden. Bei der Entscheidung kommt die Vergangenheit ins Spiel, mit ihrer Erfahrung, ihrem angesammelten Wissen vom Gelingen und Scheitern. Mir hilft im Blick auf die Zukunft folgende Frage: · Was gibt mir für heute aus der Vergangenheit Zukunft?

    Geschäft mit der Angst

    Wird dieser allgemeine Satz angewandt, muss ich aus dem Vergangenen - sei es meine eigene Lebensgeschichte oder die meiner Familie oder der Glaubensgemeinschaft - das herausgreifen, was mir weiterhilft. Die Geschichte der Kirche bestätigt, dass mit der Keule der Angst kaum ein Mensch dauerhaft auf die Spur des Lebens zu bringen ist. Der Evangelienabschnitt aus dem Lukasevangelium (21. Kapitel, Verse 5 - 19) ließe sich wohl gut ausschlachten, um Druck zu machen. Aber das Geschäft mit der Angst mag ich nicht. Ich mag es nicht, weil ich überzeugt bin, dass Angstmache nicht zum Besseren führt.

    Auch Lukas will nicht erschrecken mit seiner Botschaft. Er will "die Sinne schärfen", Nachlässigkeit nach innen und zu große Anpassung nach außen abwehren; er will Hoffnung wecken, damit daraus die Kraft wächst, die Last der gegenwärtigen Zeit auszuhalten. Weil die unmittelbar erwartete Wiederkunft Christi ausgeblieben ist, muss der Ausblick auf die Zukunft geschärft werden. Was kommt? Wie sollen wir uns verhalten?

    Immer wieder - auch heute - gab und gibt es Menschen, die glauben, Jesus habe mit der Rede von seiner Wiederkunft eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes vorhergesagt. Doch ging es Jesus in seinen Bildern nicht um das Ausmalen einer Katastrophe kosmischen Ausmaßes, wie es Unglückspropheten damals und heute tun, oder wie es Endzeitfilme (End of Days, Deep Impact, Independenz Day) zeigen.

    Jesus sagt: Das Ende der Welt ist eine freie und souveräne Tat Gottes. Mit anderen Worten: Die Welt ist, weil Gott sie wollte; deshalb hört sie auf, wenn er es will. Das Ende der Weltgeschichte liegt also im Geheimnis Gottes verborgen.

    Und keiner kann sagen, wie das Ende aussehen wird. Die Bilder, in denen die Bibel davon spricht, entstammen der Vorstellungswelt damaliger Zeit. Die Erschütterung aller irdischen Mächte (die aus diesen Bildern spricht) will vor allem dies sagen: Herr der Weltgeschichte ist nicht der Mensch, sondern Gott allein. Durch seine Macht wird am Ende der Zeit eine ganz neue Welt hervortreten.

    Ende gut, alles gut!

    Mir ist ein Sprichwort eingefallen:

    Ende gut, alles gut! Dieser Satz kann trösten über manch bittere Zeit hinweg. Es wird schon gut gehen. Das Ende kann noch gut werden und dann ist ja alles gut.

    Wie geht Ihnen, wenn "etwas" zu Ende geht? Bei einem Buch, das ich ausgelesen habe, geht es mir so: Ich freue mich, dass ich durch bin. Und zugleich möchte bald wissen, welches Buch ich als nächstes lesen werde. Die Entscheidung wie ich weitermache liegt bei mir. Der letzte Eindruck bestimmt oft den Gesamteindruck, der bleibt. Mag ein Fußballspiel gut gelaufen sein, am Ende zählen die Tore. Ende gut, alles gut!

    Wenn das Ende kommt wie eine Sturzflut, unerwartet, erdrückend, dann ist schwer damit zurecht zu kommen. Denn ich habe es nicht in der Hand. Dann geht es mir so, wie es der Prophet Jesaja bildreich und treffend ausdrückt (Jes 38):
    "Meine Hütte bricht man über mir ab,
    man schafft sie weg
    wie das Zelt eines Hirten.
    Wie ein Weber hast du mein Leben zu Ende gewoben,
    du schneidest mich ab
    wie ein fertig gewobenes Tuch."

    Wer bestimmt, was am Ende zählt? Wer vollendet mich und mein Leben? Wer macht das Ende gut?

    Ich habe behauptet, das Ende der Welt ist eine freie und souveräne Tat Gottes. Darum dürfen wir fragen: Was ist das für ein Gott, der das Ende bestimmt? Kann ich ihm vertrauen?

    Lasst euch nicht täuschen!
    Mir kommt es so vor, dass wir Menschen allzu gern in die Zukunft blicken und dabei Gewissheit haben wollen. Manche meinen, sie könnten aus den Vorzeichen das Ende berechnen. Nein! Wann das Ende kommt, ist Gottes freie Entscheidung. Über Zeit und Art zu spekulieren halte ich für vertane Zeit.
    Für nützlich halte ich, sich selber auf die Suche zu machen und zu fragen:
    · Auf welchem Grund habe ich mein Lebenshaus gebaut?
    · Was bringe ich mit aus der Vergangenheit, das mich jetzt in die Zukunft gehen lässt?
    · Was trägt mich und was schenkt mir Kraft?
    Dabei ist der Blick auf den Ursprung zugleich ein Blick auf das Ziel. Aus den Wurzeln wächst der Stamm und die Äste, aus den Wurzeln kommt auch die Kraft, die schließlich Frucht bringt.

    Heinrich Spaemann schrieb:
    "In unserer Welt wird auf Entwicklung gesetzt; sie wird mit allen Mächten der Intelligenz und des Geldes vorangetrieben.
    Die Bibel sagt: Es geht für den Menschen, der sich von seinem Ursprung, von dem lebendigen Gott, abwandte, zuallererst um Bekehrung, nicht um Entwicklung; Entwicklung ohne Bekehrung führt in den Untergang.
    Das Verlassen des Ursprungs führt zum Ende allen Lebens. Die Bibel kennt im Grunde nur dieses eine Thema: Entweder-Oder, von dem Heil oder Unheil abhängt: der Verlust Gottes und damit des Lebens, oder die Heimkehr!"
    Am Ende dürfen wir heimkehren.

    Wenn ihr standhaft bleibt ... Für Zeit bis dahin ist immer noch gültig, was Lukas seinen Lesern auf den Weg mitgibt: · Hilfreich wird sein eine nüchterne Sicht der Dinge, Beharrlichkeit und Ausdauer. · Hilfreich wird sein, zu lernen, zu sich und seiner Überzeugung zu stehen, ihr treu zu sein. · Hilfreich wird sein die Bereitschaft, sich einzulassen auf den Lebensfluss, der Veränderung bringt. · Hilfreich wird sein, sich helfen zu lassen, wenn die eigenen Mittel nicht mehr ausreichen.

    Wir haben zwar keine Gewissheit, was den Zeitpunkt des Endes angeht. Aber in Jesus haben wir einen vertrauenswürdigen Freund und Begleiter auf dem Weg zum Ziel. Er wird nicht müde seine Botschaft zu wiederholen:

    "Gott liebt diese Welt. Er wird wiederkommen, wann es ihm gefällt, nicht nur für die Frommen, nein, für alle Welt." (GL 297 / 7)



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    13. 01. 2002
    Fest Taufe Jesu bzw. 1. So. im Jahreskreis
    Den Bund nicht brechen - das Licht nicht löschen

    Das erste Lied vom Gottesknecht:
    Lesung aus dem Buch Jesaja: Jes 42, 1 - 7

    1 Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Völkern das Recht. 2 Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen. 3 Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht. 4 Er wird nicht müde und bricht nicht zusammen, bis er auf der Erde das Recht begründet hat. Auf sein Gesetz warten die Inseln. 5 So spricht Gott, der Herr, der den Himmel erschaffen und ausgespannt hat, der die Erde gemacht hat und alles, was auf ihr wächst, der den Menschen auf der Erde den Atem verleiht und allen, die auf ihr leben, den Geist: 6 Ich, der Herr, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein: 7 blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien.

    DANK für die TAUFE GL 50,2:

    Ich danke dir, Vater im Himmel, dass ich aus Wasser und Geist neu geboren wurde in der Taufe. Ich darf mich dein Kind nennen, denn du hast mich aus Schuld und Tod gerufen und mir Anteil an deinem Leben geschenkt.

    Ich danke dir, Jesus Christus, Sohn des Vaters, für deinen Tod und deine Auferstehung. Wie die Rebe mit dem Weinstock, so bin ich mit dir verbunden; ich bin Glied an deinem Leib, aufgenommen in das heilige Volk zum Lob der Herrlichkeit des Vaters.

    Ich danke dir, Heiliger Geist, dass deine Liebe ausgegossen ist in unsere Herzen. Du lebst in mir und willst mich führen zu einem Leben, das Gott bezeugt und den Schwestern und Brüdern dient. So kann ich einst mit allen Heiligen das Erbe empfangen, das denen bereitet ist, die Gott lieben.

    Wir feiern das Fest der Taufe Jesu: Ein entscheidendes Ereignis im Leben Jesu. Taufe Jesu erinnert uns an die eigene Erwählung und Berufung zur Gotteskindschaft.

    Wir sind getauft, liebe Schwestern und Brüder! Und damit in enger Gemeinschaft mit Gott verbunden! Wir sind erwählt und beschenkt mit seinem lebendigmachenden Geist. Und wir dürfen Boten seiner Liebe sein.

    Wer glaubt und sich taufen lässt, gehört in die Gemeinschaft der Glaubenden, zur Kirche. - so lesen wir im Neuen Testament. Das ist Auftrag der Kirche: Die Botschaft Jesu vom Reich Gottes allen zu verkünden und so Menschen mit Jesus in Kontakt zu bringen.

    Der älteste Taufbericht - beim Evangelisten Markus - spricht davon, dass nur Jesus allein den Zuspruch des Himmels zu hören bekam. Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden. Es ist die Antwort des Himmels auf eine Frage, die für Jesus wichtig war und die sich jedem Menschen stellt: Wer bin ich? und: Was soll ich tun? Gott will sein Reich herbeiführen. Dafür hat Jesus gelebt und dafür ist er gestorben. Jesus hat den Herzenswillen Gottes erfüllt. Darum ist er der geliebte Sohn. Weil Jesus wollte, dass sein Weg von anderen mitgegangen und fortgesetzt würde, hat er seine Botschaft den Jüngern anvertraut; das ist sein Vermächtnis, sein Testament an uns.

    Liebe Schwestern und Brüder! Jesu Leben kann uns Beispiel sein, an dem wir für unser Leben etwas ablesen können. Die alttestamentliche Lesung - ich möchte sie mit Ihnen betrachten - spricht vom Gottesknecht. Diese Aussagen wurden und werden von der Kirche auf Jesus bezogen:

  • das erste Gottesknechtslied, um 550 v. Chr.
  • Situation: Jerusalem liegt in Trümmern,
  • die meisten Bewohner sind im Exil,
  • sie gleichen glimmenden Dochten und geknickten Rohren.
  • Dem "Rest des Hauses Israel" (Jes 46,3) wird Rettung und Heil angesagt.
  • Der Prophet tröstet und weckt neue Hoffnung mit folgenden Worten:

    Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Völkern das Recht.

    Es ist die Rede von

  • einem, der von Gott erwählt, geist-gesalbt und geführt ist, d. h. er lebt in einer besonders innigen Nähe zu Gott.
  • einem der bestellt ist, allen Menschen Rettung und Heil zu verschaffen, d. h. er lebt zugleich in unmittelbarer Nähe zu den Menschen. Der "Knecht Gottes", der den Völker das Recht bringt, ist Gott und Menschen nah!

    Schon das Wort "Knecht" ist uns fremd, wir können nicht viel damit anfangen: Wir können es durch "Sohn" ersetzen. Gemeint ist einer, der von Gott mit einer besonderen Aufgabe betraut wurde, z. B. einer wie Mose, David oder Elija. Erwählt wird einer, weil es Gott so gefällt.

    Der "Erwählte", bringt den Völkern das Recht. Das hebräische Wort "mispat" ist hier Schlüsselbegriff: er kommt mehrmals vor, (Verse 1b.3b.4b): im vorausgehenden Kapitel ist die Rede von einer Gerichtsverhandlung zwischen Jahwe und den Völkern. Dabei wird die Nichtigkeit der fremden Götter festgestellt. Im Gegensatz dazu glänzt der Gott Israels: In der hoffnungslosen Situation des Exils ergreift er die Initiative und bietet seinem Volk eine neue Heilschance an.

  • Jahwe rettet, er richtet auf,
  • er hilft den Armen und läßt die Bedrängten aufatmen,
  • ja, er macht es recht.

    Gott bringt, was uns unmöglich ist! Unter der schönen Oberfläche zeigt sich unaus-rottbar Unrecht. Wir Menschen können einander nicht gerecht werden. Und hier kommt der "Erwählte" zum Zug. Jesaja beschreibt nun wie er das tut. Zuvor aber, die negative Abgrenzung - was er nicht tut: Er schreit nicht und lärmt nicht und läßt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen. Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht. Er wird nicht müde und bricht nicht zusammen, bis er auf der Erde das Recht begründet hat.

    An der Ernsthaftigkeit dieser Zusage wird kein Zweifel gelassen. Es ist Gott selber, der mit und in seinem Knecht das Gute wirkt. Dieses erste Gottesknechtslied wurde - wie schon gesagt - sehr bald auf Jesus hin gedeutet: Der Evangelist Matthäus (Mt 12,15 - 21) zitiert daraus. Jesus ist der, welcher unauffällig und in aller Stille heilend und helfend seinen Auftrag erfüllt.

  • Äußeres Gepränge und Getue entspricht ihm nicht.
  • Keine Flüsterpropaganda,
  • keine marktschreierische Reklame.
  • In Hektik und Trubel der Massenveranstal-tungen ist er nicht zu finden.
  • Dieser Mann Gottes zieht keine Schau ab.
  • Er spielt sich nicht auf.
  • Er ist ganz nach dem Willen Gottes.

    Matthäus charakterisiert Jesu Art mit den Worten des Jesaja. Darin kommen die Bildworte vom Rohr und vom Docht vor: Das Rohr war Material von geringem Wert, es war leicht zerbrechlich. Der Docht verliert an Leuchtkraft, wenn das Öl ausgeht. Er glimmt nur mehr schwach, er braucht Öl. Vermutlich haben wir es mit Bildworten aus dem Gerichtswesen zu tun: die Betroffenen sind dem Tod überantwortet, über sie wurde der Stab gebrochen. Der Knecht Gottes aber wird sie nicht dem Tod überantworten.

    Den Angeschlagenen gibt er nicht noch den Rest, sondern kümmert sich liebevoll (vgl. das Gleichnis vom verlorenen Schaf) um die gescheiterten Existenzen, um die Randsiedler der Gesellschaft, die er nicht noch mehr an die Wand drängt. Kunstvoll ist das ausgedrückt in der Übersetzung von Martin Buber (die gleiche Wurzel der Wort wird sichtbar): Er selber verglimmt nicht und knickt nicht ein! Damit ist einerseits eine enge Beziehung und andererseits ein großer Unterschied zwischen dem Knecht und seinen Adressaten formuliert.

  • Der Knecht ist stark und kraftvoll, er bringt wirklich das Recht.
  • Mit Behutsamkeit und Festigkeit setzt er sich durch, weil Gott selber hinter ihm steht.
  • Er wird nicht müde, er gibt niemand auf: Der gewaltlose Weg zur Gerechtigkeit verlangt den Willen, nicht aufzugeben, sich nicht entmutigen zu lassen.

    Liebe Mitchristen! Jahwe ist der Bundesgott, der treu zu seinem Wort steht. Der Bund wird nicht zerbrechen - das Licht seiner Gegenwart wird nicht ausgelöscht! Der Knecht / Sohn soll sein: Bund für das Volk, Licht für die Völker, so will es Gott. Ich, der Herr, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein; blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien.

    Der Knecht soll vermitteln. Er soll vorleben, wie Gott sich das Leben seiner Erwählten vorstellt. Er soll Gottes Willen mitteilen, die Augen öffnen für das, was getan werden soll. Von der Blindheit der Verbannten ist häufig die Rede! Sie müssen wieder ein Auge für ihren Gott bekommen, ihn im Blick haben. Alle Menschen sollen aus dem Dunkel der Gottesferne in das Licht der Gemeinschaft mit Gott geführt werden, sollen hinfinden zum Quell des Lebens.

    Schwestern und Brüder! So ist der geliebte Sohn, an dem Gott Wohlgefallen gefunden hat. Diese "Stellenbeschreibung" des Gottesknechtes ist ein Lebensprogramm für uns! Wir sind geliebte Töchter und Söhne des himmlischen Vaters. Als Schwestern und Brüder Jesu Christi sind wir Botinnen und Boten des Herzenswillens Gottes. Wer unter den Willen Gottes tritt, der geht in den Fußspuren Jesu und hat Gemeinschaft mit ihm. (Wer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist mir ...)

    Die Zusage am Fest Taufe des Herrn birgt eine klare Aufgabe, nämlich dem Beispiel Jesu zu folgen:

  • das geknickte Rohr nicht zu zerbrechen
  • den glimmenden Docht nicht auszulöschen.
  • behutsam und zärtlich einander begegnen,
  • einer brutalen und angeknacksten Weltordnung wiederstehen.
  • andere aufatmen lassen und aufrichten.
  • Kranke besuchen, Fremde beherbergen Trauernde trösten.
  • Denen, die uns beleidigen, verzeihen.
  • Die uns lästig sind, geduldig ertragen.

    Liebe Mitchristen! In den kommenden Sonntagen wird uns Stück um Stück das Leben Jesu vor Augen geführt. Warum?

  • damit wir in seinem Lebensentwurf ein Angebot für unser Leben entdecken.
  • Damit wir in seiner Würde unsere Würde erkennen und die jedes anderen Menschen.
  • Damit wir verstehen, warum wir seinen Namen tragen und uns Christen nennen.



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    31. März 2002
    Ostersonntag
    Auferstanden von den Toten...

    Tag der Auferstehung

    Weil Gott in der Auferweckung Jesu angefangen hat, uns Menschen und mit uns seine ganze Schöpfung aus dem Tod zu holen, feiern wir den Sonntag als den ersten Tag der Woche. Wir versammeln uns und danken Gott für das, was er getan hat. Wir erinnern uns an die Hoffnung, in der wir leben dürfen. Wir suchen die Nähe Jesu in Wort und Sakrament, um mit ihm leben und sterben zu können. Die Sonntagsruhe besteht nicht nur darin, dass wir die Arbeit liegen lassen. Wir dürfen uns ollen in dem Glauben zur Ruhe kommen, dass von Gott her wirklich alles gut wird und dass wir ihm die Vollendung überlassen dürfen und sollen. Einmal im Jahr, an Ostern, feiern wir das nach vierzigtägiger Vorbereitung in besonderer Weise. In unsere Nacht lassen wir das Licht des sieghaften Lebens Jesu hineintragen. Wir lassen uns erneut zusagen, was uns in der Taufe geschenkt wurde: dass wir Schwestern und Brüder Jesu sind und dass wir, wenn wir mit ihm leben und sterben, auch mit ihm von Gott, seinem Vater, gehalten sind und einmal endgültig in sein Leben gerettet sein sollen.

    Dieter Emeis

    Biblische Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther: 1 Kor 15,1 - 20:

    Ich erinnere euch, Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht. Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet, wenn ihr an dem Wortlaut festhaltet, den ich euch verkündet habe. Oder habt ihr den Glauben vielleicht unüberlegt angenommen? Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Als letztem von allen erschien er auch mir, dem Unerwarteten, der "Missgeburt". Denn ich bin der geringste von den Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben. Mehrmals sie alle habe ich mich abgemüht - nicht ich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir. Ob nun ich verkündige oder die anderen: das ist unsere Botschaft, und das ist der Glaube, den ihr angenommen habt. Wenn aber verkündigt wird, dass Christus von den Toten auferweckt worden ist, wie können dann einige von euch sagen: Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht? Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos. Wir werden dann auch als falsche Zeugen Gottes entlarvt, weil wir im Widerspruch zu Gott das Zeugnis abgelegt haben: Er hat Christus auferweckt. Er hat ihn eben nicht auferweckt, wenn Tote nicht auferweckt werden. Denn wenn Tote nicht auferweckt werden, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos, und ihr seid immer noch in euren Sünden, und auch die in Christus Entschlafenen sind dann verloren. Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen. Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen.

    Auferstanden von den Toten ...

    Die Kernbotschaft des christlichen Glaubens
    1 Kor 15, 1 - 20

    Haben Sie Lust auf Ostern?

    Ich lade Sie ein die "reizende" Botschaft von der Auferstehung an sich heranzulassen. Grundlage dieser Betrachtung ist der Brief des Paulus an die Christen in Korinth (1 Kor 15, 1 - 20). Paulus hat diesen Brief geschrieben, um die (wenigen) Christen in Korinth zu ermutigen. Er musste diesen Brief schreiben, weil manche die Auferstehung anzweifelten. Es gab Streit und Verunsicherung. Manche meinten, sie hätten die entscheidende Verwandlung schon hinter sich und dann wäre es egal wie sie jetzt lebten.

    Die junge Gemeinde ist unsicher geworden. Ob das mit der Auferstehung stimmt? Darum sagt Paulus: Ich erinnere euch!

    Paulus erinnert an das Evangelium (= Botschaft von Tod und Auferstehung), das er verkündet hat. Das Evangelium, die Frohe Botschaft ist die Botschaft der Auferstehung Jesu Christi. Paulus beruft sich dabei auf Zeugen - er hat empfangen. Es geht ihm nicht um Anerkennung oder persönlichen Erfolg. Es ist völlig egal, wer verkündet. Entscheidend ist die Botschaft, die zu sagen ist. Und da gibt es eben keine andere, die Leben schenkt.

    Heute glauben selbst Christen nicht mehr selbstverständlich an Jesu Auferstehung. Vage Hoffnungen haben sie - laut Umfragen - nämlich dass sie irgendwie weiterleben. Viele machen sich Gedanken über die Unsterblichkeit der Seele, über Wiedergeburt und Seelenwanderung. Daran glauben auch 23 % der Katholiken in Deutschland.

    Bei dem vorangestellten Briefabschnitt ist jedes Wort wichtig:

    Christus ist für unsere Sünden gestorben,
    gemäß der Schrift
    und ist begraben worden.
    Er ist am dritten Tag auferweckt worden
    gemäß der Schrift
    und erschien dem Kephas, dann den Zwölf.

    Wie ein Auferstehungslied müssen wir uns das vorstellen. Ein Kantor singt vor (Christus ist für unsere Sünden gestorben), alle wiederholen den Kehrvers (gemäß der Schrift). Paulus erinnert: Das habt ihr doch schon alle gesungen. Das kennt ihr doch! Paulus wendet sich gegen die Zweifler und wird deutlich: Ohne österliche Botschaft kann man das ganze Christentum vergessen.

    Ein "österliches" Erlebnis

    Ich möchte ein persönliches Erlebnis (Osterdienstag 1995, Name verändert) erzählen, das mir an Ostern immer wieder in den Sinn kommt. Nach der 8 Uhr Messe, kam der Vater von Boris völlig außer sich zu mir und sagte, Boris sei tot, ich solle gleich kommen.

    Boris war 9 Monate alt, das dritte Kind. Ich kannte die Familie vom Kleinkindergottesdienst. In der Wohnung waren Notärzte und Sanitäter um das Kind bemüht - Reanimation. Erfolglos. Diagnose: Plötzlicher Kindstod. Die Ärzte sagten: Sie hätten daneben stehen können, und doch nichts tun. Machen sie sich keine Vorwürfe, sie haben keine Schuld daran - so versuchten die Ärzte zu beruhigen. Der Rettungsdienst rückte ab, zurück blieb eine Frau von der Krisenintervention und versuchte zu trösten und verwies auf eine Selbsthilfegruppe. Ich blieb. Es wurde sehr ruhig in der Wohnung; eine Frau war mit den beiden anderen Kindern spazieren. Zum ersten Mal war ich mit dem Tod eines kleinen Kindes konfrontiert. Für mich war das ganz anders, als die Nachricht vom Tod eines alten, kranken Menschen. Da ist man irgendwie gefasst und sagt: Ein langes und erfülltes Leben!

    Die Eltern waren verzweifelt, wir müssen in der Firma Bescheid geben, aber wir können doch nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Unser Kind ist tot. Mal hielt der Vater das Kind im Arm, mal die Mutter. Wir sprachen miteinander, beteten. Es war mir als bliebe die Zeit stehen. Alles andere verliert an Bedeutung. Dann kam die Kripo und stellte ihre Fragen. Schließlich traf ein Mann vom Bestattungsdienst mit einem Kindersarg ein. Die Eltern brachten ihr totes Kind selbst zum Auto des Bestattungsdienstes hinunter.... Obduktion!

    Am Freitag in der Osterwoche war die Beerdigung unter Anteilnahme vieler junger Menschen. (Lesung - Offb 21; Lied: Tears in Heaven, jede/r konnte eine Blume ins Grab legen, ...)

    Mir ging das sehr nahe. Gerade erst hatten wir Ostern gefeiert. Nach den Feiertagen hoffte ich, etwas verschnaufen zu können. Nichts. Grausam kann der Tod zufassen und uns Menschen unsere ganze Ohnmacht spüren lassen. Uns den bitteren Geschmack des Todes zu kosten geben! Den tiefen Abgrund der Sinnlosigkeit ahnen lassen, der sich auftut, wenn einem der Boden unter den Füßen schwindet.

    Fragen ohne Antwort? Was kann ich als Seelsorger sagen und tun? Das war damals und ist heute meine Frage. Mein persönlicher Glaube war in Frage gestellt. Am Sonntag nach Ostern konnte ich nicht anders als vom Tod und der Hoffnung auf Auferstehung zu predigen. Ich wollte die Ereignisse der Woche ansprechen und auf diesem Hintergrund fragen, was der Glaube dazu zu sagen hat.

    Sonntag für Sonntag feiern wir den Tod und die Auferstehung Jesu Christi, das Geheimnis unserer Erlösung. Muss man da noch betonen, dass der Glaube an die Auferstehung das Herzstück unseres Glaubens ist? Ich vermute ja, denn für viele ist "Auferstehung" eine unbewiesene und unbeweisbare Behauptung. Paulus spricht zu Gläubigen, die unsicher geworden sind. Er versucht nicht, mit geschliffenen Argumenten zu überzeugen. Dass Gott unser Leben bewahrt über den Tod hinaus, das kann nur im Horizont des Glaubens vernommen werden.

    Hat Paulus mit seiner Argumentation nicht recht? Wenn es keine Auferstehung von den Toten gibt, sind wir wirklich erbärmlich dran, weil dann allem, was wir denken, wollen und tun, der Keim des Todes und des Vergeblichen anhaftet.

    Weil dann kein anderer Ausweg mehr bleibt, als sich in dieses Leben hineinzustürzen und ihm atemlos und mit hängender Zunge nachzulaufen, in der steten Angst, etwas zu versäumen. Was bleibt? Ein Leben, das man auspresst und auskosten will in einer krankhaften und krankmachenden Lebensgier. "Ich habe nur dieses eine Leben, und es ist kurz, zu kurz für all das, wovon ich träume."

    Wo Gott ist, da ist alles anders, als wir es gewohnt sind. Auferstehung ist nicht beweisbar mit naturwissenschaftlichen Mitteln. Es braucht dabei einen gläubigen Blick, um zu verstehen.

  • Wenn jemand sagt: "Ich glaube nur, was ich sehe" und dabei auf das Sichtbare und Greifbare fixiert bleibt; wer nur dem Augenschein traut, der neigt dazu, dem Tod das letzte Wort zu lassen. Damit wird dem Menschenleben am Ende der Stempel der Trostlosigkeit aufgedrückt.

  • Es ist mehr zu erwarten als das Sichtbare und Greifbare!

    Das ist vorauszusetzen, wenn wir Auferstehung glauben wollen. Diesen inneren, ungewohnte Schritt müssen wir tun.

    Damit der Glaube eine Stütze habe, hat Gott an Ostern Jesus sichtbar gemacht, ihn zur Erscheinung gebracht. Die Erfahrung mit Jesus, der gekreuzigt wurde, aber dann auferweckt worden ist, formt eine Erzählgemeinschaft: Wir haben den Herrn gesehen! Die Auferstehungszeugen treten mit ihrem Leben für diesen Glauben ein. Mehr haben wir nicht.

    Ich will Sie fragen: Ist "Tod und Auferstehung" für Sie ein Thema, über das sie sprechen? Sind wir Christen eine Erzählgemeinschaft von Menschen, die sich gegenseitig stützen?

    Auferstehung oder Reinkarnation

    Vermutlich hören Sie eher von Reinkarnation. Ich setze dagegen: ein zweites (dritten...) Leben würde am Tod nichts ändern! Ich möchte mit Ihnen die für viele plausible Vorstellung der Reinkarnation kritisch anschauen.

  • Unter den Katholiken Deutschlands stimmen etwa 23 % der Reinkarnationslehre zu. Es wird gesagt: Wenn ich noch einmal leben dürfte, neu anfangen dürfte, wüsste ich, wie ich es richtig machen würde. Das klingt nach viel gutem Willen, sich Mühe zu geben, sich zu ändern. Viele, zunehmend mehr behaupten mit fester Stimme: Wir sind nicht nur einmal auf Erden. Ich leugne nicht, dass diese Sicht des Lebens und Sterbens sympathisch erscheint.

  • Manche sagen, dass die Hoffnung auf Wiedergeburt uns mehr Gelassenheit bringen könnte? Denn dann hätten wir nochmals eine Chance. Aber wenn ich mir vorstelle, dass mein Leben sich in irgendeiner Weise wiederholen könnte, und das vielleicht mehrmals, dann können diese Leben genauso hektisch verlaufen, wie das jetzige. Der eigentliche Grund für unser krankmachendes Verständnis von Zeit würde nicht beseitigt. Es gibt so viele Möglichkeiten, das Leben ist so vielfältig und wir können nur wenig umsetzen und nutzen. Wir müssen uns immer wieder für einen Weg entscheiden. Und möchten doch viel mehr, möchten alles.

    Christlich müsste es heißen:

    Weil jedes Leben einmalig ist und weil es so schnell vorbeigeht, gerade darum ist es so kostbar, so schützenswert.

  • Die Idee der Wiedergeburt ist alt; sie geht zurück ins 8. Jh. vor Christus. (erste schriftliche Zeugnisse). Sie taucht später bei den Griechen wieder auf. Dabei wird an eine Aufspaltung zwischen Leib und Seele gedacht. Der Leib gilt als Gefängnis bzw. Grab der Seele. Im Leben sind beide eine untrennbare Einheit, im Tod zerfällt diese Einheit.

    Auf die Frage: Woher das Lebensprinzip kommt? geben Religionen und Weltanschauungen unterschiedliche Antworten.

    Nach der jüdischen Tradition ist das Leben eine kostbare geliehene Gabe Gottes. Im Augenblick des Todes wird Gott sie als sein Eigentum wieder zurückfordern.

    Die indischen Religionen - Hinduismus, Buddhismus - haben keinen persönlichen Gott. Für sie wird die Welt ohne Anfang und ohne Ende gedacht, im Lebensprozess tauchen Existenzen auf, verändern sich und verschwinden wieder. (Kreislauf) Der zentrale Glaubenssatz ist der von der Vergeltung. Diese erfolgt nach einem ewigen und streng unabänderlichen Gesetz.

  • Jedes getane Unrecht muss eine Seele durch Reinkarnation abbüßen; sie wir von neuem in einen Leib versetzt und muss mit ihm zusammen von Anfang bis Ende ein neues Menschenleben durchmachen, durchleiden.

  • Jedes erlittene Unrecht gilt als Buße für getanes Unrecht in einem früheren Leben.

  • Reinkarnation bedeutet, dass die menschliche Geistseele zur Strafe und Läuterung zurück muss in ein anderes leibliches Leben. Solange bis die Seele frei ist von allem Begehren, kein neues Karma mehr produziert und ins Nirwana eingehen kann. Dieser Kreislauf wird als Strafe (Vergeltung) erfahren.

  • In Europa gilt der Kreislauf der Wiedergeburten als Heilsweg, als Weg eines nach oben gerichteten Aufstiegs, der den Einzelnen immer näher zu Vollkommenheit führt.

  • In der Neuzeit lebt der Gedanke der Reinkarnation wieder auf.

    Die Sicht des christlichen Glaubens

  • Christliche Philosophie: Schwerwiegende Gründe gegen die Reinkarnationslehre! Sie geht aus von der Frage: Was ist Seele, was ist Leib?

  • Der Mensch ist ein ganzer aus Leib und Seele. Der menschliche Leib ist durchgeistigter, geistgeprägter Leib. Miteinander, ineinander vermählt, werden Leib und Seele im Lauf eines Menschenlebens zu etwas, das einmalig und unverwechselbar ist, sie werden: Ich. So entsteht im Lauf eines Lebens Identität eines Menschen.

  • Die Reinkarnationslehre zerreißt diese Einheit. Das Eigentliche ist der Geist, wird behauptet. Wir Christen sagen: Die Seele ist auf den Leib hinorientiert.

  • Der Glaubende kann - was Tod und Auferstehung angeht - vielfach keine konkreten Antworten geben, weil er die Vollendung Gott allein überlassen muss.

    Das sind aber nicht die schlagenden Gründe, warum die Lehre von der Wiedergeburt nicht trägt. Die entscheidenden Gründe liegen in der Gottesoffenbarung:

  • Unser Gott ist ein persönlicher Gott. Er hat von Ewigkeit her von jedem einzelnen Menschen ein ganz bestimmtes Bild vor Augen, das sich dann in dessen Leben verwirklichen soll.

  • Wer ist Gott für mich? - ist die entscheidende Frage.

  • Kann ich auf ihn zählen? Traue ich ihm zu, dass er mich rettet? Habe ich dadurch einen Halt, Hoffnung über den Tod hinaus, Kraft in dunklen Stunden?

  • Der heilige Franziskus hat um den rechten Glauben gebetet. Von seiner Glaubenserfahrung können wir lernen:

  • Er gewinnt in Gott das große Ohr, in das hinein er und ein jeder von uns alles ungeschminkt unterbringen kann. Mein ganzes Leben darf ich ihm bringen. Wer so glaubt, weiß, wohin mit seiner Not.

  • Wer so glaubt, entdeckt einen Gott, der sich anbietet als der lange Atem, lang genug, um Leben auszuhalten: Da kann ich aufatmen. Gott trägt und erträgt uns. (s. Jes 46, 4: "Ich bleibe derselbe, so alt ihr auch werdet, bis ihr grau werdet, will ich euch tragen. Ich habe es getan, und ich werde euch weiterhin tragen, ich werde euch schleppen und retten.")

  • Dieser Gott ist der Gott mit dem guten Blick, der uns ansieht, bei dem wir Ansehen haben. Der an uns das Gute entdeckt. Er selbst hat es gewollt. Alles, was ist, ist gegründet durch ihn selber. Wir Menschen können nicht herausfallen aus seiner Liebe.

  • Gott stellt sich dar als Gott mit dem entschlossenen Schritt - auf uns zu - der darin nicht nachlässt, ja geradezu aufdringlich und zudringlich wird.

  • Gott stellt sich dar als Gott mit der ausgestreckten Hand. So als wollte er sagen: Da hast du meine Hand drauf. Schlag ein! Auf mich kannst du dich verlassen.

    Jesus verbürgt diese Botschaft.

    Ja, Jesus ist diese Botschaft, die Gott uns Menschen sagen will. Und weil er auferstanden ist, haben wir Hoffnung, mit ihm zu leben.



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    2. Juni 2002
    9. Sonntag im Lesejahr A
    Konsequent denken und handeln

    Textstelle: Mt 7, 21 - 27

    21 Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt. Jak 1,22; 1 Joh 2,17; Lk 6,46 22 Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten, und haben wir nicht mit deinem Namen Dämonen ausgetrieben und mit deinem Namen viele Wunder vollbracht? (22-23) Lk 13,25-27 23 Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Übertreter des Gesetzes! 25,12; Ps 6,9 G 24Vom Haus auf dem Felsen: 7,24-27 Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute. (24-27) Lk 6,47-49 25 Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut. 26 Wer aber meine Worte hört und nicht danach handelt, ist wie ein unvernünftiger Mann, der sein Haus auf Sand baute. 27 Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es ein und wurde völlig zerstört.

    Wie schön, wenn Verstehen und Handeln zusammen kommen. Manches Gespräch strapaziert meine Nerven. Vor allem deswegen, weil meine Zeit meist knapp ist und ich wie auf Kohlen sitze, wenn mein Gegenüber um den heißen Brei herumredet. Ich möchte rufen: Bitte, kommen Sie doch zur Sache.

    Eine andere Situation lässt mich unzufrieden, ja traurig zurück: Da hat jemand sein Problem klar vor Augen, erzählt von sich und formuliert sogar mögliche Schritte, die dazu führen, dass es besser würde. Aber er bleibt im Denken und Reden stecken. Er schafft den Schritt zum Handeln nicht. Das macht mich traurig, weil ich merke, dass es mit dem Reden eben nicht getan ist. Mir ist schon klar, dass die Umsetzung manchmal dauert und erst ein zweiter oder dritter Anlauf einen Schritt voran bringt.

    Da möchte ich rufen: Mensch, tu, was Du begriffen hast. Trau Dich doch, den ersten Schritt zu tun. Es ist als ob eine undurchdringliche Glaswand einen trennt, den entscheidenden Schritt zu tun. Man sieht schon hinüber, das erste Etappenziel ist zum Greifen nah, und doch geht es nicht voran.

    Natürlich gibt es auch den Menschentyp, der alles besser weiß, gute Ratschläge gibt, aber sich selber nicht dran hält. Solche sind keine wirksamen Vorbilder, sie sind unglaubwürdig. Verstehen ist kein Vorgang in den Gehirnwindungen allein. Wer recht versteht, der lebt konsequent und handelt entsprechend.

    Ein Beispiel: Wenn mir meine Gesundheit wertvoll ist, werde ich es lassen, wenn ich auf einer Packung Zigaretten lese: "Rauchen gefährdet ihre Gesundheit".

    Wer tut, was Gott will ...

    Jesus fasziniert mich, weil er stimmig ist im Denken und Handeln. Ebenso fasziniert mich ein Franz von Assisi, der konsequent umsetzt, wovon er überzeugt ist. Unser Textabschnitt aus dem Matthäus-Evangelium steht am Ende der Bergpredigt. Da wird sehr zugespitzt formuliert. Zunächst wird eine goldene Regel vorgestellt (nicht im Abschnitt des Evangeliums vom 9. Sonntag im Jahreskreis), die sich leicht merken lässt: "Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen!" Diese Regel steht einige Sätze weiter vorher. Unmittelbar nach dem Abschnitt folgt der Schlusssatz der Bergpredigt: "Als Jesus diese Rede beendet hatte, war die Menge sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten."

    Nicht nur vom guten Wollen reden - bringt weiter, sondern der Schritt ins Handeln. Das macht den Unterschied aus: ob mein Lebenshaus auf Sand oder auf Fels gebaut ist. "Nicht Jeder, der zu mir sagt. Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt. (Mt 7,2 1)

    Geredet wird ja viel, vor Kameras, medienwirksam, gleichgültig ob es Vertreter von Parteien, Gewerkschafter oder auch der Kirchen sind. Natürlich ist es ihre Aufgabe, Sachverhalte zu benennen, gedanklich einen Weg aufzuzeigen, eine Perspektive zu entwickeln usw.

    Eine gute Rede, die Menschen bewegt, zur Einsicht und zum Handeln bringt. Wunderbar! Aber wie oft werden Worthülsen gedroschen, und die Zeit wäre sinnvoller verwandt, hätte man geschwiegen und zugehört.
    Gelegentlich wird in Kirchenkreisen - ein wenig selbstkritisch - von Logorithis - von Wortdurchfall -gesprochen.
    Sich selbstkritisch prüfen, kann nicht schaden.
    - Wie rede ich?
    - Wie ernst nehme ich, was ich sage?
    - Passt mein Tun zusammen mit meinem Denken und Reden? Wer die Hände fromm zum Beten faltet, mag sie dann auch wieder öffnen zum Handeln.

    Politiker, ebenso wie Vertreter der Kirche werden nicht an ihren Worten gemessen, sondern an ihren Taten. Wenn den Worten keine Taten folgen, dann steht unser Lebenshaus auf wackeligem Grund. Worauf ich mein Leben baue, das zeigt mir der ehrliche Blick auf meine Wirklichkeit. Jeder, der etwas vom Bauen versteht, weiß, dass es mit den Fundamenten losgeht. Sie müssen tragen.

    "So baut denn eurer Ehe Haus ......"

    Mir fällt ein, dass anlässlich einer kirchlichen Trauung sich das Brautpaar genau dieses Evangelium ausgesucht hatte. Miteinander hatten sie sich auf dieses Evangelium geeinigt. Sie zeigten damit auch, auf welchen Boden sie ihr Lebenshaus stellen wollten.

    Schon beim Polterabend wurde ihnen das Modell eines Hauses geschenkt mit allem, was man zum Wohlfühlen braucht.
    Auf nette Weise wurden Fragen angestoßen:
    - Wer legt den Grund?
    - Wer trägt, wenn eigene Kraft nichts mehr vermag?
    - Worauf baut ihr euer bergendes Zuhause?
    - Wie tief seid ihr bereit zu graben, damit das Fundament eures Hauses auf festem Boden steht? Das Fundament verschwindet ja im Boden, man sieht nur das schöne Haus. Aber es ist unerlässlich.

    Im Evangelium gilt als klug, wer auf Jesu Wort hört und sie befolgt. Wer sich so verhält, der ist wie einer, der sein Haus auf Fels baut. Er hat den besten Grund gelegt, den er nur legen konnte. Was er mit eigener Anstrengung aufbaut, gelingt und bleibt. Sein Lebenswerk hat bestand, denn es ruht auf der Liebe und Treue Jesu.

    Wähle selbst! Meine Überzeugung ist, dass es sich "leichter" lebt, wenn man seine Ziele kennt und sich klar entscheidet.

    Keiner kommt auf die Dauer an Entscheidungen vorbei. Ja, es gibt, wie ein Buchtitel sagt, einen "Zwang zur Häresie":

    Wir sind geradezu gezwungen zu wählen aus einer Fülle von Möglichkeiten. Das eine kann ich ergreifen, das andere muss ich sein lassen.

    Jesus bietet seine Botschaft an, dass wir sie hören und befolgen. So gehen wir in seiner Nachfolge und so wird unser Weg konsequent, ja einladen für andere, ihn mit uns zu gehen.

    Weil der Vorgang des Entscheidens - meiner Erfahrung nach - eher schwer fällt, noch ein Wort zum Nachdenken von Paul Roth-.

    "Man kann sich nicht ein Leben lang
    die Türen alle offenhalten,
    um keine Chance zu verpassen.
    Auch wer durch keine Türe geht
    und keinen Schritt nach vorne wagt,
    dem fallen Jahr für Jahr
    die Türen eine nach der andern zu.

    Wer selber leben will,
    der muss entscheiden,
    mit Ja oder Nein im großen und im kleinen.

    Wer sich entscheidet, wertet, wählt
    und das bedeutet auch Verzicht.
    Denn jede Tür, durch die er geht,
    verschließt ihm viele andere.

    Man darf nicht mogeln
    und so tun,
    als könne man errechnen und beweisen,
    was hinter jeder Tür geschehen wird.
    Ein jedes Ja -
    auch überdacht, geprüft -
    ist doch ein Wagnis
    und verlangt ein Ziel.
    Das ist die erste aller Fragen:
    Wie heißt das Ziel,
    an dem ich messe Ja und Nein?
    Und: Wofür will ich leben?"



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    20. Oktober 2002
    Kirchweih
    29. Sonntag im Jahreskreis
    BITTE NICHT STÖREN!

    Aus dem ersten Petrusbrief (1 Petr 2,4 - 9)
    Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist. Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen. Denn es heißt in der Schrift: Seht her, ich lege in Zion einen auserwählten Stein, einen Eckstein, den ich in Ehren halte; wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde. Euch, die ihr glaubt, gilt diese Ehre. Für jene aber, die nicht glauben, ist dieser Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Eckstein geworden, zum Stein, an den man anstößt, und zum Felsen, an dem man zu Fall kommt. Sie stoßen sich an ihm, weil sie dem Wort nicht gehorchen; doch dazu sind sie bestimmt. Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.

    Wissen´s Herr Pater, ich geh nicht jeden Sonntag in die Kirch´. Beim Wandern im Wald oder auf einem Berg fühl ich mich Gott näher. - so höre ich gelegentlich im Beichtstuhl. Sicherlich kann ein schönes Naturerlebnis erhebend und aufbauend sein. Aber eine einladend schöne Kirche und in ihr eine festliche Liturgie möchte ich dafür nicht eintauschen.

    An diesem Sonntag ist der sog. Kirchweihsonntag. All jene Kirchen, die das Datum ihrer Kirchweihe nicht kennen, feiern an diesem Sonntag das Gedächtnis ihrer Kirchweih.

    Als erstes fällt mir das Lied "Ein Haus voll Glorie schauet" ein, das ich mit Kirchweih verbinde: feierlich und selbstbewusst klingt es mir im Ohr.

    Als nächstes taucht in mir das Bild der St.-Anna-Basilika in Altötting auf. In dieser Kirche empfing ich die Priesterweihe. Und vor einer Woche hatte die Basilika ihren 90. Weihetag. Das war Anlass, einige Bilder und Texte aus dem Archiv des Klosters in der Kirche auszustellen.

    Welch eine Leistung, diese Kirche in 2 Jahren zu bauen. Heute sagen Fachleute, man bräuchte wohl 6 Jahre, um eine Kirche dieser Größe zu bauen. Viele haben ihren Beitrag geleistet - sei es ihr Gebet oder finanzielles Opfer -, damit für die Wallfahrer eine neue große Kirche entsteht. Ihnen gebührt Dank.

    Zunächst ist da das Gebäude aus Stein. Notwendig, um den Wallfahrern einen Raum für den Gottesdienst zu bieten. Glaube spielt sich nicht allein im stillen Kämmerlein ab. Er braucht das Miteinander im Feiern des Glaubens: Die Liturgie drückt aus, was wir glauben. In Lieder und Gebeten wird Glaube erlebbar. Zeigen und bezeugen Christen, was die Mitte ihres Lebens ist.

    Nochmals zurück zur Basilika: Am 28. August 1910 wurde der Grundstein sichtbar eingemauert. Er trägt in goldenen Buchstaben die Aufschrift: "Lapis angularis". Christus selbst ist der Grundstein der Kirche. Auf ihn baut die Glaubensgemeinschaft.

    Am 13. Oktober 1912, dem Weihetag der neuen St. Anna-Kirche, sagte Diözesanbischof Sigismund Felix in seiner Predigt: "Mit dieser Kirche, die wir eben eingeweiht haben, hat gleichsam die hl. Mutter Anna ihrer Tochter Maria ein Haus gebaut. .... Es sollen gesegnet sein die, welche dich erbaut haben." Gesegnet, wer mitbaut an der Kirche, am Haus Gottes, wer selber ein Baustein ist darin.

    Mir kommt der hl. Franziskus in den Sinn, der nach einem langen Weg des Suchens, seine Berufung findet. Vom Kreuzbild in San Damiano her hört er die Stimme Jesu Christi zu ihm sagen: Franziskus, siehst du nicht, wie mein Haus zerfällt. Geh, stell es wieder her.

    Das nahm Franziskus wörtlich, fängt gleich an, das Kirchlein wiederaufzubauen. Nach und nach begreift er, dass es um lebendige Steine geht. Junge Männer aus verschiedenen Gesellschaftsschichten und mit unterschiedlichen Berufen schließen sich ihm an. Was sie verbindet, woran sie sich halten ist das Evangelium.

    So bilden sie eine Gemeinschaft: geformt vom Wort Gottes, geschliffen vom Leben, dem sie sich nicht entziehen, an ihren je eigenen Platz gestellt durch Gottes Fügung, von anderen gehalten und wieder Halt gebend. Ihre Mitte ist Jesu Wort und Beispiel.

    Sie haben Recht, das ist lange her. Wo ist die anfängliche Begeisterung für das Evangelium in der "alten" Kirche mit ihren gewachsenen Strukturen und Glaubenssätzen.

    Ich frage nicht nach x-beliebigen anderen, sondern ich frage Sie, frage Dich. Was gilt die Bitte "Herr, baue deine Kirche auf und fange bei mir an!" ?

    Gott sei Dank, dass er längst schon angefangen hat, an mir zu "bauen". Dank sei ihm, dass er es nicht längst satt hat, immer wieder mit mir anzufangen. Bei meiner Firmung und danach wurde mir langsam klar, dass mein Christsein nicht ein lästiges Erbe ist, das ich mit mir trage. Ich habe mich gefragt, was es mir bedeutet, getauft und gefirmt zu sein. Ich wollte wissen, wo mein Platz ist: in den hinteren Reihen oder vorn im Altarraum? Ich bin dankbar für die Gemeinschaft der Kirche, zu der ich gehöre.

    Noch etwas fällt mir ein zum Kirchweihfest.

    Obwohl Franziskus nichts sein eigen nennen wollte, legte er seinen Brüdern nahe, Portiunkula - die kleine Kirche "Maria von den Engeln" - nicht aufzugeben. Hier hatte er ein Stück Heimat gefunden. Hier gab er sein Leben Gott zurück. Mariens Glaube und Gehorsam imponieren ihm, sie ist Mutter der Glaubenden: sie wird für ihn Königin und Mutter... Durch die konkrete Kirche betrachtet Franziskus Maria und durch Maria die Kirche.

    Er fordert seine Brüder auf, Gottes Wort - Jesus Christus - aufzunehmen, im Herzen zu tragen und in die Welt hineinzugebären. "Christi Mütter sind wir, wenn wir ihn durch die Liebe und ein reines und lauteres Gewissen in unserm Herzen und Leibe tragen und ihn gebären durch ein heiligen Wirken, das andern als Vorbild leuchten soll."

    Hier entdecke ich die mütterliche, bergende Seite der Kirche. Nicht abweisend und hart, sondern empfänglich und weich, gilt es zu sein, damit "Gottes Hand" uns Menschen formen kann zu einem Gefäß, zu einer Wohnung, die Raum hat für die Vielfalt und Fülle des Lebens.

    Abschließend soll nochmals Franziskus mit dem Gruß an die selige Jungfrau Maria zu Wort kommen:

    "Sei gegrüßt, Herrin, heilige Königin, heilige Gottesmutter Maria, die du bist Jungfrau, zur Kirche geworden und erwählt vom Heiligsten Vater im Himmel, die er geweiht hat mit seinem heiligsten geliebten Sohn und dem Heiligen Geiste, dem Tröster; in der war und ist alle Fülle der Gnade und jegliches Gute.

    Sei gegrüßt, du sein Palast.
    Sei gegrüßt, du sein Gezelt.
    Sei gegrüßt, du sein Haus.
    Sei gegrüßt, du sein Gewand.
    Sei gegrüßt, du seine Magd.
    Sei gegrüßt, du seine Mutter.

    Und seid gegrüßt ihr heiligen Tugenden alle, die durch die Gnade und die Erleuchtung des Heiligen Geistes in die Herzen der Gläubigen eingegossen werden, um aus Ungläubigen Gott getreue Menschen zu machen."



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    22. Dezember 2002
    4. Adventssonntag
    Die Verheißung der Geburt Jesu

    Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret 27 zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria. 28 Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. 29 Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. 30 Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. 31 Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben. 32 Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. 33 Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine Herrschaft wird kein 26Ende haben. 34 Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? 35 Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden.. 36 Auch Elisabeth, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat. 37 Denn für Gott ist nichts unmöglich. 38 Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel.

    Kurz vor der Entbindung

    Der Advent - so könnten wir sagen - schickt sich an, in die Zielgerade einzuschwenken. Die vierte Kerze brennt. Es dauert es nicht mehr lange. Bald ist es soweit. Bald wird das Kind zur Welt kommen. Das ist es doch, worauf wir im Advent warten.

    Mütter, die ein neues Leben unter ihrem Herzen tragen, tragen auf ihrem Gesicht einen stillen Glanz. Gegen Ende der Schwangerschaft wird der Gang schon mühsam und schwer, die sonst gekannte Leichtfüßigkeit schwindet unter dem Gewicht des sich wölbenden Leibes. Da ist die leise Sorge, ob alles gut gehen wird. Da ist Vorfreude bis es da ist, das neue Leben.

    Wie mag es Maria gegangen sein?

    Maria, hochschwanger - wartet auf das Kommen des Kindes. Sie ist - buchstäblich - ganz erfüllt. Das Kind hat sie innerlich erfüllt. Es braucht Platz, es will getragen werden, ausgetragen und schließlich zur Welt kommen.

    Warum dieses Evangelium am vierten Advent?

    Wenn Sie das Evangelium des Vierten Adventssonntags gelesen haben, wundern Sie sich vielleicht, dass dieser Abschnitt aus dem Lukasevangelium so kurz vor Weihnachten ausgewählt wurde. Wir kennen diese Botschaft, wir kennen wohl auch Bilder, die diese Szene eingefangen haben. Der Engel Gabriel kommt zu Maria und verkündet ihr, dass sie die Mutter des Messias werden soll. Was hat sie - diese uns vertraute Verkündigungserzählung - zu sagen?

    Das Geschehen wir zeitlich bestimmt durch die Ansage: "im sechsten Monat". Gemeint ist die Schwangerschaft der Elisabeth, der Frau des Zacharias. Sie erwartet ein Kind, das den Namen Johannes bekommen wird. Im für Elisabeth sechsten Monat wird der Bote Gottes namens Gabriel nach Nazaret gesandt, zu einer jungen Frau. Ihr Name bleibt zunächst ungenannt, was nach damaliger Gepflogenheit nicht ungewöhnlich ist. Eigenartig wie der Engel Maria anspricht. "Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir."

    Maria erschrickt. Jedoch nicht, weil plötzlich ein Engel vor ihr steht. Sie erschrickt über die Anrede. Das ist von Lukas, aus dessen Evangelium dieser Abschnitt genommen ist, so gewollt. Bewusst und geradewegs kunstvoll ist diese Erzählung komponiert.

    Was im weiteren Gespräch vom Engel gesagt wird, ist eigentlich die Wiederholung - und damit Verstärkung - des schon Gehörten.

    "Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden." Schritt um Schritt - um nicht zu sagen - Schlag auf Schlag legt der Engel offen, was Gott mit Maria vorhat.

    "Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben."

    Nicht Maria, sondern Jesus

    Für uns ist kaum zu begreifen, was da vor sich geht. Wir können es uns nicht vorstellen, was diese Worte in Maria ausgelöst haben müssen. Was uns interessieren würde, darüber schweigt der Evangelist. Das ist für ihn nicht zentral. Der Text kreist nicht um Maria, sondern um Jesus. Er wird angekündigt und vorgestellt. Und es wird noch einmal zugelegt:

    "Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten." Und Maria lässt sich ein: "Mir geschehe, wie du gesagt hast."

    Mit diesem Satz wird Maria gern zitiert und als Vorbild dargestellt. Zurecht darf man ihr Ja nicht klein reden. Doch gilt es auch zu sehen, dass Gott die Initiative ergriffen hat.

    Ich möchte mit Ihnen nochmals zurückschauen auf den ersten Satz, den der Engel sprach. Er bildet mit der Antwort Mariens "Mir geschehe, wie du gesagt hast." die Klammer des Textabschnittes.

    "Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir." Das gilt nicht exklusiv nur für Maria, es gilt uns allen. Dieser Satz muss wohl lange "gekaut" werden, damit er in seinem ganzen Gehalt ausgekostet werden kann.

    Mir geschehe

    Maria war weder taub, noch abweisend. Sie hat "Gottes Wort" angenommen, durch sie hat Gottes Sohn Fleisch angenommen und unter uns gewohnt. Bei uns sucht Jesus Herberge, bei uns will er wohnen. Wir können dieses Wort in die nächsten Tage hinein mitnehmen. So werden wir von Gott erfüllt und Gott-voll sein. Lassen wir es geschehen!

    Eine jüdische Erzählung

    Ein Rabbi war bei frommen Gelehrten zu Gast. Er überraschte sie mit der Frage: "Wo wohnt Gott?"
    Sie lachten über ihn und sagten: "Was redest du! Die ganze Welt ist doch voll von seiner Herrlichkeit."
    Der Rabbi beantwortete seine eigene Frage so: "Gott wohnt dort, wo man ihn einlässt."

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    Predigten von Br.Marinus Parzinger 30. März 2003
    4. Fastensonntag
    "So sehr hat Gott die Welt geliebt..."

    Ein kostbarer Edelstein

    Jeder (?) hat seine Lieblingsstelle in der Bibel. Ein Vers, der einem zu Herzen gegangen ist, der eine Lebenssituation getroffen hat, der ermutigt und aufgerichtet hat, der einem zugesagt wurde...

    Wie ein kostbarer Edelstein ist für mich der Satz: "Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat." (Joh 3,16).

    Dieser Satz macht mich nachdenklich. Wenn ich auf mich schaue und merke, dass ich manchmal aus der Haut fahren könnte, dass ich nahe dran bin zu sagen: Rutsch mir doch den Buckel runter. Hau ab, ich will dich nicht mehr sehen. Reizvoll, tief und gewichtig ist diese Aussage Jesu, zugleich aber ist sie sperrig, nicht leicht zu verstehen. Ich kann diesen Satz nicht wie eine Nuss knacken. Mit Gewalt geht da gar nichts.

    Nikodemus im Gespräch mit Jesus

    Dieser Abschnitt aus dem Johannesevangelium gehört zu den einprägsamsten Texten des Neuen Testaments. Es ist der Abschluss des Gesprächs zwischen Nikodemus und Jesus. Nikodemus ist verstummt, Jesus denkt quasi laut über seine Sendung nach. Hier begegnet uns eine verdichtete Glaubenserfahrung, eine Bekenntnisformel mit kraftvollen und nachhaltigen Worten. Diese sind Frucht langer Meditation und verlangen auf der Seite des Leser bzw. Hörers ebenso eine meditative Haltung, damit sie sich erschließen.

    Der Form nach haben wir es mit einer Rede Jesu zu tun. Darin wird erstmals im Johannesevangelium vom Ewigen Leben und vom Gerettet-werden gesprochen. Jesus deckt auf, was ihm am Herzen liegt: wir Menschen sind es, glücklich will er uns machen.

    Das Leben - Gabe Gottes

    Die Rede vom ewigen Leben ist für unsere Ohren nicht neu, nicht überraschend, eher alt und gewohnt. Für den Verfasser des Johannesevangeliums ist "Leben" eine Wirklichkeit, die ganz und gar von Gott kommt. Nicht wir Menschen geben uns das Leben. Unser Leben ist uns geschenkt. Aber, so könnten wir fragen: Was ist dieses Geschenk denn wert, wenn wir doch alle sterben müssen? Das hat Johannes in seiner Frohen Botschaft nicht ausgeblendet. Schon im kreatürlichen Leben ist das unzerstörbare, bleibende Leben angelegt. Denn unser Ursprung liegt in Gott, dem lebendigen. Er will, nicht unseren Tod, sondern dass wir leben.

    Jesus will uns die Augen öffnen für die Gabe Gottes.

    Allerdings geht das nur mit einem Vorschuss an Vertrauen. So wie bei dem Gespräch zwischen Nikodemus und Jesus. Wäre Nikodemus zu Jesus gegangen, wenn er nicht eine Antwort auf seine Fragen erwartet hätte? Hätte er Jesus zugehört, wenn er schon eine unumstößliche eigene Meinung in der Frage des Lebens gehabt hätte? Er war auf der Suche und hoffte bei Jesus zu finden.

    Gott sucht sehnsüchtig den Menschen

    Wo wir Menschen suchen und fragen, kommt uns Gott von sich aus entgegen. Er ist voller Sehnsucht nach uns. Wenn Sie fragen, woher ich diese Behauptung nehme, darf ich auf den Kernsatz verweisen: "Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat." (Joh 3,16).

    Wie kann diese Glaubensaussage zu meiner Überzeugung und Gewissheit werden? Ich kann keine vollständige Antwort geben, nur ein paar Denkhilfen. Ist es nicht eigenartig: Je mehr man sich mit einer Sache oder mit einem Menschen beschäftigt, desto mehr werden sie zum Geheimnis. Nach einer gefundenen Antwort tauchen weitere Fragen auf und das Suchen geht weiter. Wer auf einem Fachgebiet viel weiß, steht vor immer neuen Fragen. Aus "neutralem" Abstand erscheint mir ein Sachverhalt recht klar. Aber je näher ich komme, umso mehr geht mich die Sache oder Person an, beschäftigt und beeinflusst mich.

    "Letzter Rettungsversuch"

    Gott drängt es zu uns Menschen hin. Er hat einen Zug in die Tiefe menschlichen Lebens und menschlicher Geschichte. Er will uns nahe sein. Davon erzählt die biblische Geschichte. Schließlich unternimmt Gott quasi einen letzten Versuch, indem er seinen Sohn sendet. Der Sohn legt offen, dass er Sehnsucht hat, sich mit uns zu freuen und bereit ist, mit uns zu leiden, dass es ihm daran liegt, uns teilnehmen zu lassen an seinem Leben, seiner innigen Gemeinschaft mit Gott.

    Es tut schon weh, wenn ich einen Menschen mag, ihm nahe stehe und dann doch wieder erlebe, dass wir uns nicht verstehen, aneinander vorbeileben. Den Schmerz, der aus dem Nicht-verstanden-sein kommt, kannte auch Jesus.

    Hören - verstehen - handeln

    Ein auffallender Satz im Evangelium: "Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht." Dieser Satz mag zum Verständnis des heutigen Evangeliums helfen. Er ist sicher kein Gegensatz zum vorher Gesagten: nämlich dass sich der Sinn der Botschaft nur dem erschließt, der mit einer meditativen, hörenden Haltung herangeht. Hier geht es nicht darum, dass ein hohes Maß an Aktivität die Erkenntnis steigern könnte (Machermentalität fördert keine Erkenntnis). Um voranzukommen auf dem Weg, braucht es die enge Verbindung vom Erkennen und Tun der Wahrheit.

    "Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht."

    Das heißt für mich:
  • Dass ich zur Einsicht, zum Durchblick, zur Freude und zum Licht gelange, wenn ich tue, was ich als gut und wahr erkannt habe.
  • Dass ein Wort, das ich im Gottesdienst lieb gewonnen habe, danach verlangt, in meinem Leben wahr zu werden. Das geschieht, wenn ich darauf vertraue und entsprechend handle.
  • Dass ich gerufen bin Jesus zu folgen. Er sagt: "Wer mir nachfolgt, wandelt nicht in Finsternis, sondern hat das Licht des Lebens." Denn er ist selbst die Wahrheit, die befreit zu einem frohen, erfüllten Leben.
  • Gott spielt mit offenen Karten

    Mit dem 4. Fastensonntag haben wir etwa die Mitte der österlichen Bußzeit erreicht. Diese Zeit dient der Vorbereitung auf die Feier des Leidens, Sterbens und der Auferstehung Jesu Christi. Die biblischen Texte, die an den Fastensonntagen verkündet werden, wollen unser Vertrauen stärken und zu größerer Klarheit im Glauben verhelfen.

    Gott spielt mit offenen Karten. Er deckt sein Handlungsmotiv auf: es ist die Liebe zu uns Menschen. In Jesus macht er uns ein Angebot: Wer zu ihm aufschaut, der wird leben. Wir haben also die Wahl zwischen Licht und Finsternis, zwischen Glauben und Unglauben.



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    20. Juli 2003
    16. Sonntag im Jahreskreis
    Von Jesus können wir Lebenskunst lernen

    Mk 6,30 - 34

    Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Aber man sah sie abfahren, und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an. Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange.

    Jede Zeit hat ihre Eigenheit

    Jede Zeit hat ihre Besonderheiten und Auffälligkeiten. Wir, die wir selber im Strom der Zeit stehen, nehmen vieles als "normal" zur Kenntnis. Erst in kurzen Momenten der Besinnung nehmen wir Veränderungen deutlicher wahr. Da sind Pendelschläge nach der einen Seite, die ergänzt werden durch Pendelschläge nach der anderen Seite hin. Das rechte Maß dabei zu finden, scheint - so kommt es mir vor - oftmals Glücksache zu sein.

    Nicht anders ist es, wenn wir versuchen uns ein Bild zu machen, wer Jesus war und was er für uns heute bedeuten könnte. Schon allein die Buchtitel der Jesusliteratur belegen, wie immer wieder einzelne Bereiche hervorgehoben werden, andere dafür fast untergehen. Ein stimmiges, ausgewogenes "Bild" ist kaum zu haben. Auch hier fällt offensichtlich schwer, das rechte Maß zu finden. Mal sind wir - im Bild des Weges gesprochen - zu weit links, mal zu weit rechts. So reagieren wir - der Logik der Psyche folgend - auf Einseitigkeiten, suchen Ausgleich und Ergänzung, um ins seelische Gleichgewicht zu kommen.

    Mach mal Pause!

    Von Jesu Wort: "Kommt mit an einen einsamen Ort und ruht ein wenig aus!" fühle ich mich angesprochen. Wohl deshalb, weil es zeitlich eng, fast pausenlos dahingeht.

    Jesus hat seinen Jüngern eine Tür geöffnet, damit sie aus Lärm und Aktivität heraustreten, zur Ruhe, zu sich selber, zu Gott und zu neuer Inspiration kommen. Das will er auch uns schenken.

    Die Jünger, die Jesus ausgesandt hatte, müssen reden über das, was sie unterwegs erlebt haben. Sie müssen das Erlebte verarbeiten und sich untereinander austauschen und dadurch gegenseitig bereichern. Dazu brauchen die Jüngern um sich herum Ruhe, damit die innere Bewegung spürbar wird. Sie brauchen eine Auszeit, damit sie sich neu ausrichten und motivieren können.

    Runter vom Gas

    Die Einladung Jesu, auszuruhen, tut meiner Seele wohl. Sie hilft mir, mich abzugrenzen gegen ein Übermaß an Erwartungen, gegen den inneren Impuls diese oder jene Arbeit doch noch tun zu müssen. Unsere menschlichen Kräfte sind nun mal begrenzt, ebenso die Zeit, die wir zur Verfügung haben.

    Ist es nicht sinnvoll, wenn ich mir, statt mich mit einem schlechten Gewissen abzufinden, Zeit nehme für Ehepartner, Kinder, Freunde und auch für mich selbst? Ist es nicht Ausdruck einer gesunden Selbstliebe (Dank an Gott für das Geschenk meines Lebens), wenn ich mir als Christ - neben vielen anderen Zusagen Jesu - eben auch das Wort zu Herzen nehme: Komm mit und ruhe dich ein wenig aus?

    Wer mit Vollgas in die Kurve geht, riskiert, aus der Bahn geworfen zu werden. Das Auto braucht, um lenkbar zu sein die Bremse. Gleichzeitig bremsen und lenken ist schlecht. Also: Erst verlangsamen, dann die Richtung ändern. Wer an seinem Lebensweg etwas korrigieren will, der sollte das nicht mit Höchstgeschwindigkeit. Zeiten der Ruhe sollen Zeiten der Aktivität ergänzen.

    Die Seele baumeln lassen...

    An jedem Sonntag wird uns aus dem Reichtum des biblischen Zeugnisses ein Stück angeboten. Uns selber ist überlassen, was wir damit anfangen. Ihnen ist es überlassen, sich die nötige Zeit zum Ausruhen, zum Gespräch usw. zu nehmen. Von meiner Seite möchte ich noch eine verbale Motivation dazugeben, wie ich sie in einem Liedtext von Siegfried Fietz gefunden habe:

    "Tu deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen!"

    und:

    "Die Seele baumeln lassen tut so gut,
    Gott schenkt uns wieder neuen Lebensmut.
    Nimm Zeit für deine Seele,
    nimm Zeit für deine Seele."



    02. November 2003
    31. Sonntag im Jahreskreis, Allerseelen
    Mitten im Leben vom Tod umfangen, mitten im Tod zum Leben erweckt.

    Wir tun so als ginge uns das alles nichts an. Wir leben. Und je mehr wir im Leben verwurzelt sind, umso weniger denken wir ans Sterben. Wir erleben, wie kurz für manchen die Lebensspanne sein kann (der Blick in die Zeitung macht es deutlich), und greifen danach, das Leben auszukosten. Keiner weiß, wann es ihn trifft: das unausweichliche Geschick, der Tod. Christen feiern den Allerseelentag: sie besuchen den Friedhof und gehen zu den Gräbern ihrer Angehörigen. Um Allerheiligen und Allerseelen sind die Friedhöfe voller Leben, die Gräber schön geschmückt. Was in den Köpfen und Herzen der Menschen vor sich geht, vermag ich nicht zu erraten; darüber will ich nicht spekulieren. Mag sein, dass viele um ihre Verstorbenen trauern und den Kontakt suchen, weil sie ihnen fehlen, weil das Leben zu früh endete, weil Chancen verschenkt wurden oder Hoffnungen zerbrochen sind.

    Ich habe den Eindruck, dass wir uns nicht gerade leicht tun, mit all dem, was das Stichwort Tod benennt. Mich regt das Fest Allerseelen zum Nachdenken über (mein) Leben und Sterben an. Vom Leben verstehen wir mehr, so scheint es mir. Wir sind darauf aus, gut zu leben, unser Dasein abzusichern, unser Kräfte einzusetzen für die Werte und Ziele, die wir anstreben. Oft genug ist der Lebensweg beschwerlich wie ein steiler Bergaufstieg. Langsam geht es Schritt für Schritt voran, aber wohin letztendlich? Wenn am Ende des Aufstiegs, also am Gipfel, der Zusammenbruch in Gestalt des Todes uns erwartet, wozu dann all die Mühe?

    An dieser Grenzerfahrung findet Religion einen Anhalts-Punkt, hier kann sie einhaken. Sie antwortet auf die Frage: Woher komme ich und wohin gehe ich? Eine allgemeine, noch nicht spezifisch christliche Antwort, sagt: Wir kommen nicht aus uns selbst, nicht aus eigenem Wollen und Vermögen. Und wir werden an diesen Ursprung zurückkehren.

    Wir Christen finden den Ursprung näher bestimmt durch das Leben und die Botschaft Jesu Christi. An seiner Art des Umgangs mit ausgegrenzten Menschen, seien sie Kranke oder Sünder gewesen, zeigt er uns, wie Gott, sein und unser Vater, zu uns Menschen ist. Diesen Gott brauchen wir nicht zu fürchten, denn er ist kein Tyrann, kein unberechenbarer Richter. Diesen Gott können wir lieben, denn er hat angefangen, uns liebevoll zu begegnen.

    Diese Liebe ist stärker als der Tod. Sie trägt über den Abgrund des Todes hinweg. So ist unser Verhältnis zum Tod von unserem Gottesbild bestimmt. Wo ich glauben kann, dass mein Leben aus Gottes Liebe kommt und dort auch sein Ziel haben wird, ist der Tod die Tür zu dieser Qualität des Lebens. Der Tod ist Übergang zu einem Leben, das aus der Kraft des Ursprungs kommt.

    Auch ein Höchstmaß an Leistung im Denken und Handeln kann diesen Übergang begreifen, in der Hand haben. Das Reisegepäck auf diesem Wegstück ist das Vertrauen auf Gott. Er nimmt an, was von ihm ausgegangen ist. Alles wird bei ihm aufgehoben (im Doppelsinn des Wortes): beendet und zugleich auf einer höheren Ebene bewahrt. Ich wünsche Ihnen, liebe Schwester, lieber Bruder, dass Sie mitten im Leben den Tod nicht fürchten, denn Sie sind mitten im Sterben zum Leben bestimmt.

    Fasziniert bin ich vom Leben einer Mutter Teresa. Sie hat sich den Sterbenden gewidmet und ihnen ein menschenwürdiges Sterben ermöglicht: Papst Johannes Paul II hat sie am 19. Okt. seliggesprochen. Von ihr stammt folgender Satz:

    Wir brauchen den Tod nicht zu fürchten, denn er ist nur ein Heimgehen zu Gott.



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    25. April 2004
    3. Ostersonntag
    Ein Hauch von Auferstehung

    Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christuskind, sondern auch Ostern: die Feier von Tod und Auferstehung des Herrn. Mag vielen Weihnachten emotional näher sein, so ist doch Ostern das Herzstück unsers Glaubens. Wiedermal soll und darf ich zu Ostern predigen. Was fällt mir dazu ein? Ich möchte Sie anregen, ihren eigenen österlichen Erfahrungen und Gedanken nachzugehen. Als Anstoß biete ich Ihnen an, was mich heuer einen Hauch von Auferstehung verspüren hat lassen.

    Stehen bleiben - aufstehen - auferstehen

    In der österlichen Bußzeit kam der geistliche Autor Pierre Stutz zu einem Vortrag. Sein Thema: Der Christ von Morgen - ein Mystiker. Gleich am Anfang war ich hellwach und interessiert, was nun kommt. Denn der Referent stellte sich hin, sprach ruhig ein paar Worte, war wieder still und schaute lächelnd in den Zuhörerkreis. Fast hätte man glauben können, er weiß nicht recht weiter. Aber nein, es war Absicht. Er wollte die Worte wirken lassen, ihnen einen Raum geben, in dem sie gehört werden.

    Mir blieb die Frage im Gedächtnis: was wäre, wenn immer mehr Menschen stehen bleiben und nicht dem ewig alten Trott und dem Gehetze folgen würden? Stehen bleiben - aufstehen - auferstehen - zu sich stehen - seinen Standpunkt beziehen - etwas durchstehen... Das nehme ich mir als Anstoß mit: Stehen bleiben und den Leer-raum des Lebens füllen lassen von Christus, der für uns starb und auferstand. Ein Hauch von Auferstehung.

    Die Nacht wird hell wie der Tag

    Manchmal fühle ich mich kraftlos und müde und muss mir eingestehen: für heute geht nichts mehr. Ich wünsche mir nur noch, die Bettdecke über mich zu ziehen und im Dunkel der Nacht ruhen zu dürfen.

    Wir sind uns sicher, dass jede Nacht von einem neuen Morgen abgelöst wird, dass die aufgehene Sonne das Dunkel der Nacht vertreibt. Wenn morgens die ersten Sonnenstrahlen mein Zimmer ereichen, möchte ich nicht liegen bleiben. Die länger werdenden Tage und das Gezwitscher der Vögel tun mir gut. Ein Hauch von Auferstehung.

    Die Feier der Osternacht "spielt" mit dem zarten Licht der Osterkerze, die am Osterfeuer entzündet wird. Das Osterlicht - der auferstandene Christus - wird im Exsultet besungen. Die Atmosphäre in der dunklen, nur von Kerzenlicht erfüllten Kirche hat mir gut getan. Ein Hauch von Auferstehung.

    Das Schöne verkosten

    Die Tage vor Ostern gingen hin wie im Flug. Der Terminkalender war gefüllt. Wichtige Gespräche, die vor- und dann nachbereitet werden sollten. Beichten, Gottesdienste, Predigten... Kein Grund zu jammern, denn es war wirklich viel Schönes darunter, aber es blieb kaum Zeit, "das Schöne" zu verkosten.

    Ostern haben wir gefeiert und feiern wir noch bis Pfingsten, nicht so glanzvoll wie in der Osternacht, eher alltäglich. Für die Begegnungen mit Wallfahrern, die nach Altötting kommen, bin ich dankbar. Ihre innere Haltung ist österlich: aufbrechen, dem Leben trauen, Gott geht mit. Ein Hauch von Auferstehung.

    Augen auf und Ohren auf...

    Es ist fast 15 Jahre her, dass ich während des Studiums ein Buch las. Der Titel hatte mich neugierig gemacht. Der Inhalt ist mir in Teilen noch sehr gegenwärtig. Was da stand, hat mich provoziert und etwas in mir wachgerufen, das bislang schlummerte: Wie ein Kehrvers war mehrmals zu lesen: Augen auf und Ohren auf, und wenn es sein muss auch mal die Klappe... Der Satz ist mir lange nachgegangen.

    Ich erlebe - leider nicht selten - Menschen, die schon viel zu lange geschluckt haben, was ihnen von anderen zugemutet wurde. Sie sind davon krank und traurig geworden. Dann höre ich einen Menschen innerlich aufstehen und sagen: Ich lasse mir nichts mehr gefallen. Ich schlucke nichts mehr. Das Haferl innen drin ist voll. Ich will mehr für mich sorgen, damit es mir gut geht. Das zu hören hat mir gut getan. Ein Hauch von Auferstehung.

    Liebst du mich?

    Petrus wird in der Begegnung mit Jesus nach seiner Liebe gefragt. Er will es von ihm selber hören, wie er zu ihm steht. Erst dann kann er ihm die Hirtensorge für die Menschen anvertrauen. Aus der Kraft tiefer Liebe soll die Kirche leben. Aus Liebe gab Jesus sein Leben, für uns, damit wir das Leben haben.

    Die Frage Jesu - auch an mich - steht im krassen Kontrast zum Haß, der in Terror und Terrordrohungen aufscheint. Wie groß muss Liebe sein, die diesem Hass standhalten kann, die trotzdem fähig ist zu verzeihen.

    Gott sei Dank, dass Jesus lebt und ich glauben kann: Liebe ist stärker als Haß. Mehr als ein Hauch von Auferstehung.

    Ich wünsche Ihnen, dass Sie in allem Schönen, das Ihnen widerfährt, einen Hauch der Auferstehung erahnen, die göttliche Kraft, die Tod in Leben, Trauer in Freude, Haß in Liebe wandeln kann.



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    22. August 2004
    21. Sontag im Jahreskreis

    Mit allen Kräften durch die enge Tür

    Textstelle: Lk 13, 22 - 30

    Geld ist knapp, die Spielräume für Investitionen sind eng geworden, viele müssen sparen, ob einzelne, ob Familien, die öffentliche Hand oder die Kirche. Wo es eng geworden ist, da ist das Vorankommen mühsam, da sind Einschränkungen auszuhalten. Kreaitivität und inhaltliche Auseinandersetzung wird gelegentlich im Keim erstickt, wenn als erste Aussage kommt: Wir haben kein Geld.

    Die Weite des Denkens und Weitsicht in Entscheidungen wäre mir lieber. Manche hoffen ja, dass es nach dem finanziellen Engpass wieder weiter wird. Kenner der Lage geben ihnen nicht Recht. Sie sagen: Wir müssen mit weniger zurecht kommen. Wir sollten uns deutlich für diesen Weg entscheiden und aufhören zu jammern. Das freilich verlangt Umkehr, Aufbruch und mutige Schritte.

    Jesus spricht von der engen Tür, durch die unserer Weg führt. Enge macht Angst. Warum soll ich mich mit allen Kräften durch die enge Tür zwängen, warum nicht die breitere nehmen? Andersherum gesehen: Die enge Tür nimmt mich ernst. Da stolpere ich nicht hinein. Da bin ich gefragt. Da zählt meine Entscheidung

    Sie haben wohl alle schon mehr oder weniger dunkle, enge Weg-strecken in ihrem Leben hinter sich gebracht. Und ich vermute, daß sie auch erfahren haben, daß nach einer dunklen Lebens-phase sich der Blick für die eigene Lebenssituation weitet und aufhellt.

    Eine Tür ist mehr als ein Mauer-Durchbruch. Jede Tür hat Aufforderungscharakter, nämlich: Tritt ein, komm herein! Tu einen Schritt auf mich zu! Bei einer solchen (nonverbalen) Einladung möchte ich schon wissen, was mich hinter der Tür erwartet; wenn es mich nicht lockt, dann bleibe ich eben draußen. Die Tür, von der Jesus spricht, führt zum Leben, zur Gemeinschaft mit Gott.

    Als Hintergrund dürfen wir uns das Bild vom Weg vorstellen: Wir sind wie Pilger, wandernd, suchend, unersättlich, unterwegs mit der Frage: Wo ist für mich die Tür zum Leben, zur erfrischenden Quelle, zum sättigenden Brot, zu den Not wendenden, heilenden Lebens-Mitteln, die wir nicht herstellen, aber uns schenken lassen können? Allzuleicht fallen wir auf Scheintüren mit verlockender Lichtreklame herein. Wir umschwirren sie wie Nachtschmetterlinge.

    Verehrte Mitchristen!

    Es ist wohl nicht ganz leicht, durch die enge Tür zu kommen. Manche fürchten, auf die Verliererseite zu geraten. Auf die Frage, ob nur wenige gerettet würden, gibt Jesus keine Antwort. Bemüht euch mit allen Kräften!

    Weil wir Menschen verschieden sind, nehmen wir dieses Wort Jesu unterschiedlich auf. Was für die einen eine Riesenherausforderung darstellt, ist für einen anderen eine Nebensache. Jesu mahnendes Wort will uns nicht verschrecken oder ängstigen. Aber doch aufwecken, damit wir unsere Chancen ergreifen. Selbst die Zeitgenossen Jesu dürfen sich nicht in Sicherheit wiegen, nur weil sie sich zum auserwählten jüdischen Volk zählen.

    Der Evangelist Lukas hat Jesu Mahnung für seine Zeitgenossen, letztlich auch für uns aufgeschrieben: er meint: Der Blick in die Geschichte kann unsere Verantwortung schärfen. Die Mahnung hat im Hintergrund eine Weissagung, die sich bereits erfüllt hat. (Die Verheißung ist von den Juden auf die Heiden übergegangen: Letzte gibt es, die erste sein werden, und Erste gibt es, die Letzte sein werden.) Angeboten ist die Gemeinschaft mit Gott jedem Menschen (nicht nur Juden, auch die Kirche hat es nicht für sich gepachtet). Gott lädt alle ein. Der Taufschein allein ist allerdings keine Garantie, dass wir die enge Tür durchschreiten.

    Und: Irgendwann wird die Tür zu sein, dann ist es zu spät, sich zu entscheiden. Dann haben auch Beteuerungen, wie: Wir sind doch Christen, haben dein Evangelium gehört, Gottesdienste mitgefeiert, gepredigt... keine Wirkungen mehr. Der Hausherr wird sagen: Ich kenne euch nicht! Woher seid ihr? Ihr habt euch bei aller Religiosität immer fein rausgehalten mit eurer ständigen Rücksichtnahme auf das Gerede der anderen, auf Einfluß und Geld, auf Ansehen und Bequem-lichkeit. Den entscheidenden Schritt habt ihr nicht getan!

    Ich frage mich: Wie kann der entscheidende Schritt für mich aussehen? Der Zugang zum Leben bei Gott ist nicht verwehrt, weil kein Platz mehr wäre. Der Zugang ist für mich verbaut, es gibt kein Wachsen und Vorankommen für mich, wenn in mir Vorurteile, alte Wunden, schlechte Erfahrungen, Angst meine Lebenskräfte lähmen. Was hilft mir eine offene Tür, eine Einladung, wenn ich dem nicht traue, der mich an der Tür erwartet.

    Wenn ich die gegenteilige Haltung einnehme, bin ich noch lange nicht leichtgläubig, naiv oder unselbständig. Ich habe vielleicht weniger Enttäuschungen erlebt als andere, ich hatte vielleicht zur rechten Zeit Vorbilder und Hilfen, die mich weitergebracht haben. Das ist nicht mein Verdienst.

    Ich glaube, dass die Tür zum Leben, auch wenn sie eng ist, doch sperrangelweit offen ist für mich und dich und jeden. Ich glaube, dass Jesus mich erwartet. Ich ahne, dass es Mut braucht über die Schwelle zu treten. Ent-schiedenheit für diesen Schritt. Da kann ich mich nicht vorbeimogeln.

    Schwestern und Brüder!

    Ich bin mir sicher: Gott will niemand aussperren; er will sich aber auch niemandem aufdrängen. Darum gilt: Gottes Maß bestimmt sich nach meinem Vertrauen!

    Ich möchte ermutigen zu einem Vertrauen, das im entscheidenden Augenblick alles in die Waagschale wirft. Dazu habe ich eine kurze Geschichte gefunden. Ich ging als Bettler von Tür zu Tür die Dorfstraße entlang. Da er-schien in der Ferne ein goldener Wagen wie ein schimmernder Traum, und ich fragte mich, wer dieser König der Könige sei. Hoff-nung stieg in mir auf: Die schlimmen Tage schienen vorüber; ich erwartete Almosen, die geboten wurden, ohne daß man um sie bat, und Reichtümer, die in den Sand gestreut wurden. Der Wagen hielt an, wo ich stand. Dein Blick fiel auf mich und mit einem Lächeln stiegst du aus. Endlich fühlte ich mein Lebensglück kommen.

    Dann strecktest du plötzlich die rechte Hand aus und sagtest: "Was hast du mir zu schenken?" Welch königlicher Scherz war das, bei einem Bettler zu betteln! Ich war verlegen, stand unentschlossen da, nahm schließlich aus mei-nem Beutel ein winziges Reiskorn und gab es dir. Doch wie groß war mein Erstaunen, als ich am Abend meinen Beutel umdrehte und zwischen dem wertlosen Plunder das kleine Korn wiederfand - zu Gold verwandelt. Da habe ich bitterlich geweint, und es tat mir leid, daß ich nicht den Mut gefunden hatte, dir mein Alles zu geben.

    Gottes Maß bestimmt sich nach meinem Vertrauen!



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    26. Dezember 2004
    Heilige Familie
    Familie - Heile Welt?

    Kol 3,12-21:

    Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen.
    Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen,
    mit Güte, Demut, Milde, Geduld!
    Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander,
    wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat.
    Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
    Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band,
    das alles zusammenhält und vollkommen macht.
    In eurem Herzen herrsche der Friede Christi;
    dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Seid dankbar!
    Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch.
    Belehrt und ermahnt einander in aller Weisheit!
    Singt Gott in eurem Herzen Psalmen, Hymnen und Lieder,
    wie sie der Geist eingibt, denn ihr seid in Gottes Gnade.
    Alles, was ihr in Worten und Werken tut,
    geschehe im Namen Jesu, des Herrn.
    Durch ihn dankt Gott, dem Vater!
    Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter,
    wie es sich im Herrn geziemt.
    Ihr Männer, liebt eure Frauen,
    und seid nicht aufgebracht gegen sie!
    Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem;
    denn so ist es gut und recht im Herrn.
    Ihr Väter, schüchtert eure Kinder nicht ein,
    damit sie nicht mutlos werden.

    Reise nach Kerala – Familie: Heile Welt?

    Eine kurze Reise in den Süden Indiens, nach Kerala, vermittelte mir schöne Eindrücke des Landes (es wird werbewirksam „Gods own Country“ genannt) und der Menschen. Ein junger indischer Kapuziner zeigte mir seine Heimat und nahm mich mit zu seinen Geschwistern und ihren Familien.

    Herzlich war der Empfang bei den Familien. Ein Europäer kommt nicht jeden Tag zu Besuch. Beim Abschied wurde ich in den Gebetsraum des Hauses geführt und aufgefordert, ein Gebet zu sprechen und die Familie zu segnen.

    Br. James erzählte, dass abends Eltern und Kinder zusammen beten. Ich bin überzeugt, dass darin u. a. ein Grund für die vielen Berufungen in Kerala liegt.

    Wenn jemand krank wird oder sonst Hilfe braucht, hält die Familie zusammen. Muss jemand ins Krankenhaus, dann begleitet ihn ein Verwandter und sorgt für ihn.

    Das ist auch bei Kapuzinern so.

    Damit will ich ganz und gar nicht sagen, es gäbe in den Familien Keralas keine Probleme. Die Kinderzahl nimmt ab, gute Ausbildung führt junge Menschen ins Ausland, die Eltern bleiben zurück. Das soziale Gefüge verändert sich.


    Das Fest der Heiligen Familie soll nicht zum moralischen Zeigefinger werden, der von einer idealisierten Familiensituation – Maria, Josef, Jesus – ausgeht und kritisch erhoben wird angesichts der heutigen, oft beklagten Situation der Familien in unserem Land. Die Familie war, ist und bleibt ein Sorgenkind. Sie verdient unsere Sorge, weil sie so wichtig ist. Denn in den Familien werden Grundlagen des Zusammenlebens gelegt. Was hier versäumt wird, kann später nur schwer nachgeholt werden. Das ist kaum strittig.

    Trotz des Hinweises in einer Hilfe zur Vorbereitung der Liturgie, man solle bei der Lesung den letzten Teil weglassen, weil das Thema „Unterordnung der Frau“ den Zugang zum Rest des Textes blockieren könnte, habe ich diese Lesung aus dem Kolosserbrief gewählt.

    In ihr ist eine Christusmeditation mit einer Haustafel verbunden. Mit Erbarmen, Güte, Demut, Milde und Geduld werden am Beginn der Lesung Eigenschaften angesprochen, die die Bewegung Gottes zu den Menschen hin beschreiben. Diese Eigenschaften sollen die Begegnung des Christen zu seinen Mitmenschen prägen. Was wir empfangen und uns geschenkt ist, das dürfen wir weitergeben. Die Zuwendung Gottes zu uns ist der Maßstab für unsere Umgangsweise miteinander.

    Es schadet bestimmt nicht, wenn wir nachdenken,wie gerade diese Haltungen das Familienleben fördern können, wie sie als Bausteine eines guten Miteinander dienen können.

    Mehr als Traumbild...

    Die Umfrage-Ergebnisse der Shellstudie 2002 decken die Spannung zwischen Wunsch und Realität auf.

    • Gefragt, was für sie bei der Lebensgestaltung wichtig ist, nannten die Jugendlichen mit 85 % die Familie.

    • Fast 90 % der Befragten im Alter von 12 – 25 Jahren reden gut von ihrer eigenen Familie.

    • Für 75 % ist Treue ganz oben auf der Werteskala.

    ... und die harte Wirklichkeit

    Die Wirklichkeit sieht anders aus:

    • Im Jahr 2002 wurden 197 500 Scheidungen ausgesprochen, Tendenz steigend.

    • Geben dann die Umfragen nur ein Wunschbild wieder, eine unerreichbare Utopie?

    Ich glaube, dass wir auf einem Auge schlechter sehen als auf dem anderen. Deutlich sehen wir Schwächen und Probleme, noch schärfer bei anderen als bei uns selber. Die Beispiele gelungenen Lebens, die es auch gibt, sehen wir weniger gut; wir hören auch selten davon in den Medien. Als wäre es fast nicht zu glauben, dass es überhaupt noch gesunde Familien und zufriedene Menschen gibt. Mag sein, dass ich jetzt etwas überzeichne. Ich tue es, um eines deutlich zu machen: Lassen wir uns den Blick auf das Gute nicht verstellen durch die Angst vor dem möglichen Scheitern.

    Faktum ist: Je mehr eine Familie aus dem Glauben und in der Kirche lebt, desto mehr hält sie zusammen. Ein Grundvertrauen in Gott führt zu einem wachsenden Vertrauen zueinander.

    Wer ja sagt zu einem Menschen und eine christliche Partnerschaft eingeht, die lebenslang dauern soll, den Partner als ganzen Menschen annimmt und offen ist für Kinder, wer das bejaht, der geht ein Wagnis ein. Ganz bestimmt!

    Dabei darf man getrost (sich) erinnern: Wer wagt, gewinnt! Wer dagegen Fehler fürchtet, lockt sie geradezu noch an. Nicht wenige junge Leute gehen in die Ehe mit einer gewissen Angst vor dem Scheitern. Cicero schreibt: „In Fehler führt die Furcht vor Fehlern!“

    Etwas möchte ich noch anführen, das mich angesprochen hat, weil hier das Wagnis nicht kleingeredet wird. Zugleich wird die nötige Hilfe angeboten: Gestalte Dein Leben im Vertrauen auf Gott, der dich liebt.

    Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen.
    Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen,
    mit Güte, Demut, Milde, Geduld!
    Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander,
    wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat.

    Ein US-amerikanischer Rabbiner, Harald Kushner, berichtet:

    Eines Abends kam auf meine Bitte ein junges Paar zu mir, das ich in einigen Wochen trauen sollte. Im Laufe des Gesprächs sagte der junge Mann zu mir:

    Rabbi, hätten Sie etwas gegen eine kleine Veränderung bei der Hochzeitszeremonie?

    Könnten Sie, statt uns für Mann und Frau erklären, bis der Tod uns scheidet, uns vielleicht für Mann und Frau erklären, solange unsere Liebe dauert?

    Falls einmal der Tag kommt, an dem wir uns nicht mehr lieben, ist es moralisch nicht richtig, wenn wir aneinander gefesselt sind.

    Ich antwortete:

    Ja, ich habe etwas dagegen und werde nichts verändern. Sie und ich wissen, dass heutzutage viele Ehen nicht so lange dauern, bis einer der Partner stirbt. Aber ich will Ihnen mal etwas sagen:

    Wenn Sie an die Ehe mit dieser Einstellung herangehen: Wenn es nicht klappt, dann trennen wir uns wieder, wenn Sie nicht bereit sind. ihre Koffer endgültig auszupacken, sobald sie die gemeinsame Wohnung beziehen, dann kann ich Ihnen fast garantieren, dass es bei Ihnen nicht klappen wird.

    Ich weiß ihre Ehrlichkeit zu schätzen, aber Sie müssen verstehen, dass es beim Ehegelöbnis nicht bloß um die beiderseitige Bereitschaft geht, miteinander zu schlafen,
    sondern um das Versprechen, die Frustrationen und Enttäuschungen zu akzeptieren, die unvermeidlich damit verbunden sind, dass zwei unvollkommene Menschen zusammenleben.

    Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammen hält.
    Unsere Familien müssen es uns wert sein, dass wir uns um sie sorgen.
    Sie sind Lernort für Leben und Glauben.

    lebt ein Kind inmitten von Zwietracht,
    lernt es zu hassen.

    Lebt ein Kind inmitten von Angst,
    lernt es, sich zu fürchten.

    Lebt ein Kind inmitten von Mitleid,
    lernt es zu nehmen.

    Lebt ein Kind inmitten von Liebe,
    lernt es zu lieben.

    Lebt ein Kind inmitten der Achtung,
    lernt es, sich ein Ziel zu setzen.

    Lebt ein Kind inmitten einer Familie,
    lernt es das Leben.

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    Predigten von Br.Marinus Parzinger 10. April 2005
    3. Ostersonntag


    Grundlage:
    Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Petrus: 1 Petr 1 , 17 - 21

    Und wenn ihr den als Vater anruft, der jeden ohne Ansehen der Person nach seinem Tun beurteilt, dann führt auch, solange ihr in der Fremde seid, ein Leben in Gottesfurcht. Ihr wisst, dass ihr aus eurer sinnlosen, von den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, nicht um Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel. Er war schon vor der Erschaffung der Welt dazu ausersehen und euretwegen ist er am Ende der Zeiten erschienen. Durch ihn seid ihr zum Glauben an Gott gekommen, der ihn von den Toten auferweckt und ihm die Herrlichkeit gegeben hat, sodass ihr an Gott glauben und auf ihn hoffen könnt. Durch Jesus Christus seid ihr zum Glauben an Gott gekommen, so dass ihr an Gott glauben und auf ihn hoffen könnte. Am Ende eines Beichtgesprächs (in einem der neuen Beichtzimmer in St. Magdalena, Altötting) sagte eine Frau: das war jetzt schön! Das nehme ich zum Teil als ein Kompliment, aber viel mehr als Ausdruck einer inneren Freude, einer guten Erfahrung. Die Zusage: Ich spreche dich los. Der Glaube: Gott schenkt mir einen neuen Anfang. Die Hoffnung: ich bin herausgehoben aus den alten, engen Gleisen meiner Gewohnheiten, ich darf neu beginnen. Ich bin losgekauft, bin frei. Das ist wirklich schön und frohmachend.

    Die zweite Lesung am 3. Ostersonntag ist Teil einer Mahnrede des Petrus über den Stifter des Glaubens. Sie spricht von Loskauf und dem Preis, den Jesus dafür "bezahlt" hat. Die Aussagen sind aus urchristlichen Bekenntnisüberlieferungen entnommen. Wir können sie mit Karl Rahner als "Kurzformeln des Glaubens" ansehen.

    Zugegeben, die Ausdrucksweise ist uns fremd. "Ihr wisst, dass ihr aus eurer sinnlosen, von den Vätern ererbten Lebensweise … losgekauft wurdet". Für die Adressaten des Briefes war klar, worauf hier angespielt wird: Für sie war das antike Sklavenrecht ein Teil ihres sozialen Lebens. "Loskauf" bezeichnet die Befreiung eines Menschen aus der Abhängigkeit, bedeutet: fortan selbst bestimmt leben können, frei und erlöst sein. Gott hat an uns Menschen gehandelt, zu unserem Heil; darum wenden wir uns an ihn, ehrfürchtig und dankbar. Der Preis für unsere Erlösung ist nicht zu überbieten. Und die so gewonnene Freiheit zum Guten soll nicht aufs Spiel gesetzt werden.

    Was vor diesem "Loskauf" war, wird als sinnlose, von den Väter (und Müttern) ererbte Lebensweise beschrieben. Das ist kein schlechtes Urteil über unsere Eltern. Nein! Das Handeln Gottes durch Jesus wird als umstürzendes Ereignis qualifiziert. Alles, was vorher menschenmöglich war, führte ins Leere, hatte keinen Sinn. Es war gegründet auf eigenes Vermögen, auf Gesundheit und Begabung, auf Ansehen und die Ausnutzung aller Mittel (wenn sie nur dem Zweck dienen).

    Keine noch so große Leistung von uns wäre in der Lage, Erlösung zu schaffen. Erlösung können wir uns nicht erarbeiten. Sie ist gratis, ganz und gar Geschenk. Sage einer nicht: Was nichts kostet, ist nichts wert. Jesus musste sterben, um uns zu loszukaufen aus Sünde und Tod, aus Gottferne und Vergänglichkeit. Losgekauft und befreit sind wir aus der sinnlosen Lebensweise durch Jesu Liebestat, durch seine Hingabe an uns Menschen und an den Vater im Himmel. Dieses umstürzende Ereignis eröffnet uns und jedem Menschen eine sinnvolle Lebensweise, nämlich zu leben wie er: für andere. Niemand hat eine größere Liebe, als wer sein Leben gibt für seine Freunde.

    Wir sind losgekauft. Die geschenkte Freiheit ermöglicht uns eine neue Orientierung und Ausrichtung. Im Bereich des Machbaren sollen wir tun, was uns möglich ist, und dabei wissen, dass das Wesentliche im Bereich des Geschenkhaften, Gnadenhaften liegt. Glaube und Hoffnung haben ihren Grund in der Auferstehung Jesu. Sein Lebensweg und sein Vertrauen auf Gott sind bestätigt durch die Auferweckung. Daran will der Verfasser des Briefes erinnern.

    Mit Jesus, dem Auferstandenen, ist der Anfang gemacht, ein Teil der Schöpfung schon ans Ziel gelangt. Die Botschaft vom Gott des Lebens ist in Jesus verbürgt. So verwandelt Ostern jedes Gefühl von "Sinnlosigkeit". Dem Gott, der so an uns und für uns gehandelt hat, können wir Vertrauen und Hoffnung entgegenbringen.

    Durch Jesus Christus seid ihr zum Glauben an Gott gekommen, so dass ihr an Gott glauben und auf ihn hoffen könnte.

    Wie kann ich glauben, wenn (wie ich aus Gesprächen und eigenem Erleben erfahre)…

  • Menschen in Angst leben müssen
  • von Depressionen gepeinigt werden
  • an Krankheiten und Schmerzen leiden
  • aufgrund von seelischen Verletzungen ihre Hoffnung verlieren und dem Leben ein Ende setzen wollen.
  • nach bitteren Enttäuschungen den Partner verlassen …

    Wie geschieht es, dass Jesus in mir den Glauben weckt? Was sehe ich an ihm, was höre ich von ihm, das in mir Vertrauen wachruft?

    Ich sehe an Jesus…

  • wie er sich Menschen zuwendet, die von anderen links liegen gelassen werden.
  • wie er seinen Jüngern die Füße wäscht und so ein Zeichen des Dienens gibt.
  • wie er sich mit anderen an einen Tisch setzt und Malgemeinschaft stiftet.
  • wie er für seine Jünger sorgt und sie auffordert, auszuruhen.
  • wie er einen Menschen in den Mittelpunkt stellt und sich nicht darum kümmert, dass andere das als Verstoß gegen das Sabbatgebot ansehen. Der Mensch ist ihm wichtiger.

    Ich höre von Jesus:

  • Selig, die arm sind vor Gott.
  • Dein Glaube hat dir geholfen.
  • Was ihr dem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.
  • Ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung der Welt.
  • Das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium.
  • Nicht wie ich will, sondern wie du willst!
  • Vater, in deine Hände lege ich mein Leben.

    Durch Jesu Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen ist ein Licht aufgestrahlt, das einleuchtet in jede Grabkammer unserer Existenz. Durch ihn können wir auf Gott zugehen voll Glauben und Hoffnung. Mit ihm will ich mich aufmachen, gläubig und hoffend meine Wege gehen.

    "Wenn ich den ganzen, den alles andere bezwingenden Osterglauben hätte! Dann würde ich spüren, dass ich gar nicht falle, wenn ich krampfhaft gewaltsame innere Angst um mich und den Erfolg meiner Sendung aufgäbe, gar nicht verzweifelt bin, wenn ich endlich verzweifelt wäre an mir und meiner Kraft. Dann würde ich plötzlich - wie durch ein Wunder, das täglich neu geschehen muss - merken, dass Er bei mir ist.
    Er, der Auferstandene. Dann würde ich innewerden, dass ich Ihn gar nicht erst im Himmel suchen muss, weil Er in mir lebt und Er in mir seinen Heimgang zum Vater lebt. Dann würde ich erfahren, dass ich nicht genug lebe (obwohl ich es könnte) aus der schon gewandelten Mitte meines Herzens, dass ich - nicht Er - mir ferne bin. Wenn ich den ganzen Osterglauben hätte! Warum sollte ich Ihn nicht haben!
    Ich habe Ihn, denn Seine Gnade ist in mir, weil ich getauft und geweiht bin. In der Taufe bin ich mit Ihm gestorben und auferstanden. In der Weihe habe ich Seinen Geist empfangen, um den Sieg der Ostern in Wort und Tat auszustrahlen in Seine Welt. Ich will mich darum aufmachen, diesen Glauben zu leben."

    (Karl Rahner)

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    18. September 2005
    25. Sonntag im Jahreskreis
    Vergebung annehmen und geben

    Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja 55, 6 - 9

    Sucht den Herrn, solange er sich finden lässt, ruft ihn an, solange er nahe ist. Der Ruchlose soll seinen Weg verlassen, der Frevler seine Pläne. Er kehre um zum Herrn, damit er Erbarmen hat mit ihm, und zu unserem Gott; denn er ist groß im Verzeihen. Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege - Spruch des Herrn. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.

    Evangelium nach Matthäus: Mt 20, 1 - 16a

    In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis: Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen sein Haus verließ, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg.

    Um die dritte Stunde ging er wieder auf den Markt und sah andere dastehen, die keine Arbeit hatten. Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich wer-de euch geben, was recht ist. Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder auf den Markt und machte es ebenso.

    Als er um die elfte Stunde noch einmal hinging, traf er wieder einige, die dort he-rumstanden. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum? Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter, und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den letz-ten, bis hin zu den ersten. Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder er-hielt einen Denar.

    Als dann die ersten an der Reihe waren, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten nur einen Denar. Da begannen sie, über den Gutsherrn zu murren, und sagten: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt; wir aber haben den ganzen Tag über die Last der Arbeit und die Hitze ertragen. Da erwiderte er einem von ihnen: Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem letzten ebensoviel geben wie dir.

    Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich (zu anderen) gütig bin? So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.

    Wählen - bestimmen, wie es weitergeht

    Wir - die Bürger sind aufgerufen, unsere Stimme abzugeben. Wir haben die Wahl und sollen unseren Wählerwillen kundtun.

    Schon Wochen vor der Wahl wird durch Umfragen der Wahlforscher in etwa klar, wohin die Reise geht. Wobei die bis zuletzt Unentschiedenen schwer einzuschätzen sind. Die Wählerstimmen ergeben die Zahl der Abgeordnetensitze der einzelnen Parteien. Das lässt sich durch die Wahl bestimmen.

    Was danach von den Wahlversprechen in konkrete Politik umgesetzt wird, das hängt nicht nur an der Bereitschaft der Parteien, gegebene Versprechen auch einzulösen. Wie schnell kann sich die Situation verändern und ein völlig anderes Handeln erfordern? So mag mancher sich fragen, was denn seine Stimme wert ist.

    "Der Mensch denkt, und Gott lenkt."

    Dieses Wort passt, wenn es anders kommt als erwartet. Wer so redet, der hat sich damit abgefunden, dass die Welt nicht nach seinem Kopf geht. Er hat wohl die Erfahrung gemacht, dass es oft anders kommt, als wir es uns ausdenken, dass unsere Pläne durchkreuzt werden, ja dass Gott ganz andere Wege mit uns geht. Im dem Moment, da wir den Widerstand spüren, stemmen wir uns dagegen und versu-chen unseren Weg fortzusetzen. Im Nachhinein merken wir, dass die Auseinandersetzung uns nicht geschadet hat, dass wir unseren Weg eben anders fortgesetzt haben. Trotzdem sollten wir nicht den Schluss ziehen und das Denken aufgeben, wenn ohnehin Gott alles lenkt.

    Pläne des Heils

    Die Bibel ist keine Anleitung für politisches Handeln. Auch wenn sie manchmal sogar von Politikern zitiert wird. Die Bibel ist das Glaubensbuch, das Lebensperspektiven aufzeigt und Hoffnung auf ein erfülltes Leben weckt. Es sprengt unseren engen Horizont und macht die Unbegreiflichkeit Gottes spürbar.

    Keine Frage: Damit Leben funktioniert, braucht es Konzepte, Pläne und Programme. Das reduziert die menschliche Unsicherheit und Angst. Schließlich wollen wir wissen, was geschieht, was wir tun können, wie es weitergeht. Je klarer und praktischer, umso größer ist die Akzeptanz. Religiöse Botschaften, wie sie uns in der Bibel überliefert sind, erscheinen demgegenüber manchen als total abgehoben und wenig tauglich fürs konkrete Leben.

    Zündstoff neuer Hoffnung

    Der Prophet Jesaja öffnet seinen Zuhörern einen neuen Zugang zum Gott der Väter. Er lässt sich nicht fassen mit unseren Worten und Bildern, er geht nicht auf in unseren Gedanken. Er lässt sich nicht einpassen in die Weg, die wir planen. Er sagt:

    Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege.

    Damit reißt er nicht eine unüberbrückbare Kluft zwischen Gott und Menschen auf. Damit beginnt er auch keine Ratespiel: Was meinst du wohl, was ich mir gerade denke. Gott lässt uns staunen, denn - so sagt der Prophet - er lässt sich finden, er macht sich erfahrbar im Verzeihen. Darin ist er groß. Gute Gedanken hat er für uns, heilvolle Weg eröffnet er uns.

    Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege. Das ist Zündstoff neuer Hoffnung!

    Betrachten wir den Hintergrund dieser prophetischen Rede. Ein Teil des kleinen Volkes Israel lebt im Exil in Babylon. Wie geht es weiter? Worauf können diese Menschen hoffen? Im Vergleich mit der Kultur und Wissenschaft des neuen Landes muss sich Israel klein und minderwertig vorkommen. Ja, es taucht die Frage auf: Hat Gott uns verlassen? Was wir auch tun, es ist sinnlos.

    "So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken."

    Wir dürfen und müssen umkehren - angefangen beim Denken, um die Wegweiser Gottes zu entdecken und seine Wege zu gehen. Wir dürfen und müssen umkehren und uns wandeln, nämlich Gott mehr vertrauen. Wir sind nicht selten hart und unnachgiebig. Gott selber, der groß ist im Verzeihen, setzt das Maß. Ihm zu vertrauen, dazu ruft der Prophet auf.

    Eine neue Ordnung

    Schenken wir nun dem Evangelium unser Aufmerksamkeit. Unser gesundes Empfinden von Gerechtigkeit wird mit dieser Textstelle aufs Äußerste provoziert. Eine echte Zumutung.

    Es gibt wohl kein Gleichnis, das unserem Alltag, unserer buchhalterischen Vernunft, unse-rer Weltklugheit mehr zuwiderläuft, als das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Will nicht Jesus genau diesen (Denk-) Anstoß geben? Jesus bringt uns damit in unserem Alltagstrott aus dem Rhythmus. Er bewegt uns in eine neue Richtung - ja, er erzählt ein sehr heilsames Gleichnis.

    Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege. Das gilt auch hier.

    Jesus erzählt eine Geschichte, in der er der scheinbar rechten Ordnung (von Leistung und Lohn) eine andere gegenüberstellt, die diese aufhebt und überbietet.

  • er reagiert auf die Kritik seitens der Pharisäer an seinem Umgang mit Sündern.
  • er möchte den Zuhörern eine Spiegel vorhalten und sie zum Nachdenken bringen.
  • Jesus kämpft gegen ein falsches Gottesbild, das Gott zum Handelspartner des Menschen macht - nach der Weise: ich habe etwas geleistet, dafür will ich meinen Lohn haben.
  • Jesus spricht mit Autorität. Er beansprucht für sich im Auftrag Gottes zu handeln.
  • Im Reich Gottes gelten nicht die Gesetze des Alltags, sondern die des Sonntags.
  • Der Sonntag schafft eine barmherzige Distanz zu den Zwängen des Alltags.

    Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege.

    Im Herrschaftsbereich Gottes ist das Leistungs- und Vergeltungsprinzip außer Kraft ge-setzt. Da herrscht die Ordnung der Güte, des Schenkens, der Großzügigkeit. Für die, welche religiös wenig vorzuweisen hatten in den Augen der frommen Juden, ge-nau für sie ist Jesu Wort eine wirklich froh machende Botschaft: Gott bezahlt nicht - er schenkt.

    Damit taten sich die Zeitgenossen Jesu schwer, und ich glaube, auch unser Gerechtig-keitssinn rebelliert. Viele Stunden harte Arbeit im Weinberg - bringt einen Denar. Eine Stunde Arbeit - bringt ebenfalls einen Denar. Welche Ungerechtigkeit!

    Die Ersten werden Letzte und Letzte werden Erste sein. Radikaler Umsturz! Für die einen ein gern gehörter Satz, für die anderen eine ernste Bedrohung. Die Ersten werden Letzte deshalb, weil sie im Vergleich zu den Arbeitern der letzten Stun-de, für sich mehr erwartet haben. Sie fühlen sich zurückgesetzt, obwohl sie doch den ver-einbarten Lohn erhalten.

    Dieses Gleichnis stellt unser Leistungsdenken und -streben auf den Kopf. Gerade auch unser religiöses Leistungsdenken. Mein Wunsch: dass uns dieses Evangelium nicht so schnell wieder loslässt und uns eine heilsame Unruhe geschenkt wird. Mit Jesus an unserer Seite lernen wir, selbst gemachte Sicherheiten loszulassen. Jesu Botschaft wird zum Weg, der uns trägt.

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    12. Februar 2006
    6. Sonntag im Jahreskreis
    Mensch, lass dir helfen

    Evangelium nach Markus 1,40 - 45 In jener Zeit kam ein Aussätziger zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde. Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es - werde rein! Im gleichen Augenblick verschwand der Aussatz und der Mann war rein. Jesus schickte ihn weg und schärfte ihm ein: Nimm dich in Acht! Erzähl niemand etwas davon, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring das Reinigungsopfer dar, das Mose angeordnet hat. Das soll für sie ein Beweis (meiner Gesetzestreue) sein. Der Mann aber ging weg und erzählte bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die ganze Geschichte, sodass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte; er hielt sich nur noch außerhalb der Städte an einsamen Orten auf. Dennoch kamen die Leute von überallher zu ihm.

    Im Sprechzimmer beim Arzt kann ein jeder etwas erzählen von seinen Beschwerden und Leiden und wie er oder sie damit umgehen. Es gibt kaum jemand, der noch nie krank war. Jeder kann aus eigener Erfahrung erzählen und mitreden.

    Es muss ja nichts schlimmes sein: Fieber, Kopfschmerz, eine Erkältung, die uns nicht mehr gut schlafen lässt. Wir können die Arbeit, die wir gewohnt sind zu tun, nicht mehr leisten. Wir sind schnell müde und erschöpft. Wir sind krank. Das geht vorüber - sagt die Erfahrung. Ein Hausmittel oder ein Medikament aus der Apotheke, etwas Ruhe und bald wird es wieder besser.

    Der französische Schriftsteller André Gide schrieb: "Ich glaube, dass die Krankheiten Schlüssel sind, die uns gewisse Tore öffnen können. Ich glaube, es gibt gewisse Tore, die einzig die Krankheit öffnen kann."

    Krank sein heißt: ich bin an eine Grenze gekommen, ich muss nachgeben, mich schonen, um wieder Kräfte zu sammeln, muss mir helfen lassen, weil ich allein nicht kann wie ich will. Krank zu sein ist um so schwerer anzunehmen und auszuhalten, je mehr wir heute Gesundheit vergöttern. Wie oft höre ich: "Bleibn´s gsund. Des is Hauptsach!" Den Wunsch gesund zu bleiben, schätze ich wohl. Ich nehme ihn gern an und erwidere ihn. Gesundheit ist ein hohes Gut. Aber ist das Leben nicht mehr? Ich bin überzeugt, dass ein zeitweises Kranksein uns reifer werden lässt. Es muss nicht Krankheit sein, die uns die Augen öffnet für ein bewußteres Leben. Wir können gern auf diese Lektion verzichten. Nur, ein Leben ganz ohne Krankheit gibt es halt nicht.

    Solange Hoffnung besteht, wieder gesund zu werden, mag man diese positive Sicht von Krankheit teilen. Anders ist es, wenn eine Krankheit unheilbar ist und zum Tod führt.

    Der Aussätzige, der Jesus begegnet, lebt im Schatten des Todes. Für ihn gibt es - menschlich gesprochen - keine Aussicht auf Heilung. Er gleicht einem Haus das langsam zerfällt. Die Krankheit zerfrisst nicht nur den Leib, sondern auch die Seele. Zudem galt ein Aussätziger damals als Sünder, der von Gott gezeichnet war und vom Gottesdienst, ja von der Gesellschaft ausgeschlossen war. Aus Angst vor Ansteckung war festgelegt, dass der Erkrankte niemand zu nahe kommen darf. Im Evangelium überschreitet der Kranke diese gebotene Grenze. Der Überlebenswille und tiefe Verzweiflung lassen ihn die Bannmeile des Todes durchbrechen. Er will Leben und bittet Jesus: "Wenn du willst, kannst du mich rein machen." Er fällt auf die Knie und zeigt damit, dass er an Gottes Liebe und Kraft in Jesus glaubt.

    Jesus - Gottes ausgestreckte Hand für uns Menschen

    Auch Jesus durchbricht die gebotene Grenze. Er hätte den Aussätzigen fortjagen und mit Steinen nach ihm werfen müssen. Jesus aber streckt seine Hand aus, berührt den "Toten" und schenkt ihm neues Leben. Die Begegnung mit Jesus heilt den ganzen Menschen, seinen Leib und seine Seele. Damit ist für ihn ein neuer Weg zum Leben eröffnet. Hätte der Aussätzige sich korrekt verhalten, so wie es damals vorgeschrieben war, dann wäre er in seiner Isolation geblieben. So aber wurde er von Jesus berührt und geheilt. Jesus ist die fleischgewordene Liebe Gottes.

    Das Erleiden von Krankheit und Not kann wie eine Tür sein, durch die hindurch uns Gott ganz besonders nahe kommt. Dem Geheilten schärft Jesus ein, er solle für sich behalten, was ihm Gott geschenkt hat. Denn Jesus will nicht als Wunderheiler mißverstanden werden. Seine Botschaft geht tiefer und weiter: Kehrt um und glaubt an das Evangelium.

    Als Beispiel für eine ähnliche Verwandlung fällt mir der hl. Franziskus ein. An ihm sehen wir, was die Konfrontation mit menschlicher Not bewirken kann. Sein Leben nahm eine entscheidende Wendung, als er selber im Krieg mit der Nachbarstadt Perugia in Gefangenschaft geriet und im Kerker saß. Er wurde ernsthaft krank. Nur langsam kam er wieder zu Kräften. Seine bisherige, selbst gemachte Sicherheit war zerbrochen. Er suchte neuen Halt und langsam wuchs sein Vertrauen auf Gott. Er bekam einen wachen Blick für die Bedürftigen und ein mitfühlendes Herz für die Armen seiner Zeit. Als er einem Aussätzigen begegnet steigt er vom Pferd und umarmt ihn herzlich.

    Jahre später deutet er in seinem Testament die Begegnung mit dem Aussätzigen. Er sieht darin die entscheidende Wende auf seinem Lebensweg: "Als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit des Leibes verwandelt."

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    2. April 2006
    5. Fastensonntag
    Ich werde alle zu mir ziehen

    Verträge werden geschlossen und gebrochen. Vertrauen wird enttäuscht, sicher geglaubter Halt erweist sich als nichtig. Wer so enttäuscht wird, der leidet und trauert, dessen Vertrauen und Hoffnung sind angefochten. Wo es für uns ums Ganze geht, um Leben und Tod, auf wen können wir bauen? In der Bibel, dem Glaubensbuch, finden wir eine Hoffnungsspur - für jeden.

    Zunächst hält der Prophet Jeremia den Menschen seiner Zeit vor, dass sie den Bund gebrochen, dass sie die Aufgabe, Vorbild und Segen für andere Völker zu sein, nicht erfüllt haben. Als die Babylonier Juda eroberten und Jerusalem mitsamt dem Tempel zerstört hatten, war die Frage da: Hat Gott uns verlassen, ist der Bund aufgelöst? Gibt es noch eine Zukunft oder ist alles zu Ende?

    Jeremia sieht weiter, er kann Hoffnung wecken. Er spricht vom neuen und ewigen Bund. Nicht ein menschlicher Kraftakt, sondern Gott selber heilt die Haltlosigkeit, indem er den Bund erneuert. "Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz." Was Gott mit den Menschen vorhat ist nichts äußerliches, es geht hinein in die Personmitte und ergreift den ganzen Menschen. Der Glaube als die Antwort auf Gottes Zuwendung zu uns Menschen meint: credo - cor dare - ich gebe mein Herz.

    Bevor das möglich ist, muss erst der Beziehungsbruch geheilt und der trennende Graben überwunden werden. Einer muss die Brücke zwischen Gott und den Menschen schlagen. Das geht nicht per Dekrete. Vom Gottesknecht wird gesagt: "Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein." (Jes 42,6) Die Verheißung erfüllt sich in Jesus Christus. Er lebt ganz hingewandt zu Gott. Er ist der lebendige Bund, der gilt für alle Menschen und für alle Zeit. Im Gebet der Messe beten wir: Gott, dein Sohn hat sich aus Liebe zur Welt dem Tod überliefert. Laß uns in seiner Liebe bleiben und mit deiner Gnade aus ihr leben.

    Ein gutes Sterben dauert das ganze Leben. Jeder Mensch, ob er es wahr haben will oder nicht, muß sterben und den Tod erleiden. Jesus zeigt uns seine Art, damit umzugehen. Er hat für sich die Frage geklärt, was bedeutet der Tod für mich. Er ist in Gottes Liebe beheimatet. Darum muss er sich nicht betäuben in sinnloser Hetze, nicht die Zeit totschlagen im Rausch der Arbeit oder des Vergnügens. Jesus hat sein Leben von Gott angenommen. Er kann offen reden über seinen Tod und deutet ihn als Stunde seiner Verherrlichung.

    "Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben."

    Diese Worte stehen im Johannesevangelium und beschließen das allgemeine Wirken Jesu. Es ist die letzte öffentliche Rede. Das Wort vom Weizenkorn meint: aus dem Tod Jesu wird das Leben entbunden, und zwar nicht nur für ihn selbst, sondern für alle, die ihm nachfolgen und dienen. Drum sei ein Weizenkorn in seiner Hand.
    Laß dich fallen in das, was dich trägt.
    Senke dich ein in das, was dich nährt.
    Laß dich erweichen von den Tränen der Welt.
    Schieb´ weg alles Dunkle und streck´ dich zum Licht.
    Keime neu und werde Hoffnung für andere.

    Mag sein, dass solche Worte trösten. Aber damit nicht genug. Jesus will mehr. Er will uns, seinen Hörern zum Glauben verhelfen. Er lädt ein: "Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wir auch mein Diener sein." Bleiben wir darum nicht auf Sicherheitsabstand, überlassen wir uns nicht dem Misstrauen, halten wir uns nicht vorsichtig zurück, sondern nehmen wir Jesu Wort in unser Herz hinein und binden wir uns an ihn, den neuen und ewigen Bund. Dann wird Jesu Tod fruchtbar für uns, dann trägt das Weizenkorn seine Frucht, dann kann in jedem Sterben neue Hoffnung keimen und Glaube wachsen.

    "Der Glaube zeigt uns den Gott, der seinen Sohn für uns hingegeben hat, und gibt uns so die überwältigende Gewissheit, dass es wahr ist: Gott ist Liebe! Auf diese Weise verwandelt er unsere Ungeduld und unsere Zweifel in Hoffnungsgewissheit, dass Gott die Welt in Händen hält und dass er trotz allen Dunkels siegt…. Der Glaube, das Innewerden der Liebe Gottes, die sich im durchbohrten Herzen Jesu am Kreuz offenbart hat, erzeugt seinerseits die Liebe. Sie ist das Licht - letztlich das einzige -, das eine dunkle Welt immer wieder erhellt und uns den Mut zum Leben und zum Handeln gibt. Die Liebe ist möglich, und wir können sie tun, weil wir nach Gottes Bild geschaffen sind." - Deus Caritas est - Benedikt XVI.

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    21. Mai 2006
    6.Sonntag der Osterzeit
    Freundschaft und Liebe

    Liebe Brüder, wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott, und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist die Liebe. Die Liebe Gottes wurde unter uns dadurch offenbart, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben. Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat. 1 Joh 4,7-10

    Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in sei-ner Liebe bleibe. Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird. Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Lie-be, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. Dies trage ich euch auf: Liebt einander! Joh 15,9-17

    Wenn das keine Freude ist!

    In der Einleitung zu seiner ersten Enzyklika "Deus Caritas est" schreibt Papst Benedikt XVI:

    "Die Liebe ist nun dadurch, dass Gott uns zuerst geliebt hat, nicht mehr nur ein `Gebot´, sondern Antwort auf das Geschenk des Geliebtseins, mit dem Gott uns entgegengeht. In einer Welt, in der mit dem Namen Gottes bisweilen die Rache oder gar die Pflicht zu Hass und Gewalt verbunden wird, ist dies eine Botschaft von hoher Aktualität und von ganz praktischer Bedeutung. Deswegen möchte ich in meiner ersten Enzyklika von der Liebe sprechen, mit der Gott uns beschenkt und die von uns weitergegeben werden soll." Um Liebe, Freude und Freundschaft kreist das Evangelium des 6. Ostersonntags. Diese drei Worte sind für jeden Menschen - mehr oder weniger - mit Erfahrung gefüllt und lassen Leben glücken. Tiefe Freude und dauerhafte Freundschaft erwachsen aus der Liebe. Gott hat den Anfang gemacht und den ersten Schritt auf uns Menschen zu getan. Er hat uns zuerst geliebt. Jedoch bleibt die frohe Botschaft nicht bei dieser Feststellung stehen, sondern geht konsequent weiter und fordert dazu auf: Liebt einander! Darin findet Gottes Liebe zu uns ihre Antwort.

    Freilich lässt sich Liebe nicht verordnen und befehlen. Aber wer die liebende Zuneigung eines Menschen erfahren hat, der kann Liebe auch weitergeben. Jesu Aufforderung - "Liebt einander!" - ist gut begründet in der Liebe, die Jesus uns erwiesen hat. Weil Gott uns zuerst geliebt hat, können wir Menschen wieder lieben.

    Wie mich der Vater geliebt hat…

    Jesus eröffnet das Innerste seiner Beziehung, nämlich die Liebe zu Gott. Er lässt uns Menschen daran teilnehmen. Das gilt es zu erkennen und gläubig festzuhalten. Erst dann folgt der Auftrag zur Weitergabe. Dies ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.

    Damit erklingt gleichsam das Vermächtnis Jesu, das Grundgesetz des Neuen Bundes. Es geht nicht - nur - um Gerechtigkeit unter Volksgenossen, die dem gleichen Stamm oder Volk angehören. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksgruppe ist kein Privileg, das uns vor Gott liebenswerter macht. Die entscheidende Bedingung ist der Glaube: Wer glaubt, wird gerettet.

    Ihr seid meine Freunde

    Schon das Alte Testament kennt für einige wenige Personen, wie z. B. Abraham, Mose und die Propheten, den Titel: Freund Gottes. Wir sind es gewohnt in Lieder und Gebeten, die Heiligen als Freunde Gottes anzurufen mit der Bitte, dass sie für uns Fürsprache einlegen. Das freundschaftliche Verhältnis weitet Jesus aus auf alle, die auf ihn hören, zu ihm gehören und sein Wort befolgen.

    Er hat seinen Freunden alles mitgeteilt, was er von seinem Vater gehört hat. Er hat sie in diese enge und innige Beziehung aufgenommen. Er hat sie zu seinen Freunden erwählt. Die Christen der frühen Kirche waren sehr berührt von der Zusage Jesu: Ihr seid meine Freunde. Man sah es als Ziel an, ein Freund Jesu und ein Freund Gottes zu werden. Weil aber die Anrede "Freund" von den Gnostikern besetzt war, hat sie sich bei den Christen nicht durchsetzen können. Darum war die übliche Anrede: "Brüder".

    Wert und Gefährdung der Freundschaft

    Freunde stehen auf gleicher Ebene. Sie kennen kein Oben und Unten. Sie begegnen einander auf Augenhöhe. Echte Freundschaft ist ein wirk-liches Glück: Sie bereichert und verbindet, und das trotz verschiedener Lebenswege und Charaktere und den dadurch gegebenen Unterschieden. Die Freundschaft zwischen Menschen schafft die Voraussetzung für eine größere Gemeinschaft.

    Es ist nicht selbstverständlich, dass Freundschaft - unter Menschen ge-nauso wie zwischen Mensch und Gott - gelingt. Gefahr droht ihr durch Langeweile, die sich breit macht, und durch Gewohnheit, die sich einstellt. Nach und nach wird der Kontakt dünner. Man hat sich nicht mehr viel zu sagen.

    Eine andere Gefahr ist Betriebsamkeit. Wer darin gefangen ist, findet keine Zeit mehr für seine Freunde. Es ist einfach zu viel los. Es fehlt an der Zeit, um zuzuhören und sich tiefer aufeinander einzulassen.

    Freundschaft aber heißt: über sich hinauswachsen, den anderen sehen und lieben und in kleinen Zeichen die Zuneigung die Freundschaft lebendig erhalten.

    Was die Freundschaft mit Jesus bedeuten kann, erkennen wir im Blick auf das Kreuz: "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt." (Joh 15,13) Diese Liebe ist die Mitte in der Feier der Eucharistie. Diese Liebe schüttet trennende Gräben zu, schenkt Frieden und verbindet Menschen zu einer geistlichen Gemeinschaft. Aus dieser Liebe heraus empfängt christliches Leben seine Kraft und wird fruchtbar für andere.

    Noch einmal Papst Benedikt: "So wird Nächstenliebe in dem von der Bibel, von Jesus verkündigten Sinn möglich. Sie besteht ja darin, dass ich auch den Mitmenschen, den ich zunächst gar nicht mag oder nicht einmal kenne, von Gott her liebe. Das ist nur möglich aus der inneren Begegnung mit Gott heraus, die Willensgemeinschaft geworden ist und bis ins Gefühl hineinreicht. Dann lerne ich, diesen anderen nicht mehr bloß mit meinen Augen und Gefühlen anzusehen, sondern aus der Perspekti-ve Jesu Christi heraus. Sein Freund ist mein Freund. Ich sehe durch das Äußere hindurch sein inneres Warten auf einen Gestus der Liebe - auf Zuwendung… Ich sehe mit Christus und kann dem anderen mehr geben als die äußerlich notwendigen Dinge: den Blick der Liebe, den er braucht." (Deus Caritas est, Nr. 18)

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    9. Juli 2006
    14. Sonntag im Jahreskreis
    Ablehnung lähmt

    Aus dem hl. Evangelium nach Markus, 6, 1 - 6 Von dort brach Jesus auf und kam in seine Heimatstadt; seine Jünger begleiteten ihn. Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, staunten und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen! Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab. Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie. Und er konnte dort kein Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie. Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Und Jesus zog durch die benachbarten Dörfer und lehrte dort.

    Fast nicht zu glauben

    Eine Riesenstimmung im Stadion. Menschen aus vielen verschiedenen Nationen feiern ausgelassen miteinander. Sie zeigen, aus welchem Land sie kommen, indem sie Fahnen ihrer Heimat schwenken. Zugleich scheinen sie interessiert am anderen. Die Fremdheit ist kein unüberwindliches Hindernis. Meist in Englisch kann man sich untereinander verständigen. Das gemeinsame Interesse hat die Menschen hier zusammen geführt. Selbst als der Bundespräsident das Wort ergreift, wird er öfter durch Applaus unterbrochen. Lao-la-Wellen laufen durch die Zuschauerränge.

    Ich spreche nicht von der Eröffnung der Fußballweltmeisterschaft, sondern vom Eröffnungsgottesdienst des Weltjugendtages in Köln im Rhein-Energie-Stadion in Köln im vergangenen Jahr.

    Eine ähnliche Atmosphäre kennzeichnet die Fußballweltmeisterschaft. So dass manche schon sagen: So viele Nationen treffen sich im Frieden und feiern miteinander - wunderbar. Schade nur, dass die Fußballweltmeisterschaft schon wieder zu Ende geht.

    Die großen Ereignisse des letzten Jahres - der Tod von Papst Johannes Paul II, die Wahl des neuen Papstes Benedikt XVI, der Weltjugendtag in Köln - ebenso die Fußballweltmeisterschaft 2006 in unserem Land - zeigen, dass Menschen sich durchaus begeistern lassen, Interesse aneinander zeigen, Menschen anderer Ländern und Kulturen kennen lernen wollen.

    Jesus wunderte sich über ihren Unglauben

    Was im Großen so einfach scheint, wird kontrastiert durch unsere Alltagserfahrung. Ehepartner, Verwandte und Freunde finden keinen Zugang zueinander. Manchmal ist eine eisige Mauer der Ablehnung spürbar. Mit Worten und im Verhalten wird sichtbar: ich verstehe dich nicht, ich akzeptiere dich so nicht, und mir ist auch egal, was du willst.

    Ablehnung tut weh

    Jesus erfährt Ablehnung - das, was er in seiner Heimat rüberbringen will, wird nicht angenommen. Da ist ein fertiges Bild, eine vorgefasste Meinung, die den Weg zueinander verstellt.

    Abgelehnt zu werden, ist eine bittere Erfahrung.

    Besonders bitter ist es, in der Heimat nicht anerkannt zu werden, dort wo man aufgewachsen ist und gelebt hat und wohin man von Zeit zu Zeit zurückkehren möchte.

    Jesu Landsleute fragen: "Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen! Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns?" (Mk 6,3) Und damit haben sie ihn samt seiner Botschaft eingeordnet und in eine Schublade ihres Denkens gesteckt. Da ist kein Interesse am andern, keine innere Bewegung auf den andern zu.

    Es werden keine Antworten gesucht, es ist kein Interesse da. Was soll der uns schon zu sagen haben. Er ist wie wir, nur ein Mensch. Was sie über ihn gehört haben, wollen sie nicht glauben; sie sagen sich: wir kennen ihn doch, wir wissen Bescheid. Jede weitere Beschäftigung erübrigt sich. "Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab."

    Ablehnung lähmt

    Von Jesus heißt es: "Und er konnte dort kein Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie." Wo Menschen sich in sich verschließen, verlieren sie das Gespür für die Zuneigung anderer. Sie lassen niemand an sich heran. Und so bleiben sie isoliert, spüren nicht die tröstende Nähe, sehen nicht die zum Helfen ausgestreckte Hand.

    Die Folge ist: Seine Worte erreichen nicht die Herzen der Menschen. Er kann kein Wunder tun, er kann keine Verwandlung bewirken, weil die Menschen - ohne Interesse, ohne Offenheit und Vertrauen - ihn nicht an sich heranlassen.

    Diese Haltung, die dem andern keine Chance lässt, macht mich traurig. Das Vorurteil "Ach der!" oder "Ach die!" lässt dem andern keine Chance, sich zu zeigen in seiner Einmaligkeit, wie Gott ihn geschaffen hat, und mit seiner Berufung, die der Gemeinschaft dienen soll.

    Sprichwörtlich heißt es bis heute: "Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie."

    Vielleicht bleibt etwas von der Begeisterung und dem Schwung dieser Tage, jenseits von kommerziellen und medialen Aktionen. Ich wünsche es mir. Von allein geschieht das sicher nicht. Es braucht unsere je eigene Entscheidung. Und dazu die Gabe von oben.

    Jesus hat uns seinen Geist geschenkt, der uns aus der Enge herausruft, der uns ermutigt und be-geist-ert und zu einer wahrhaft menschlichen Gemeinschaft formt.

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    27. August 2006
    21. Sontag im Jahreskreis
    Was glaubst du? Wofür lebst du? Was kannst du geben?

    Viele seiner Jünger, die ihm zuhörten, sagten: Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören? Jesus erkannte, dass seine Jünger darüber murrten, und fragte sie: Daran nehmt ihr Anstoß? Was werdet ihr sagen, wenn ihr den Menschensohn hinaufsteigen seht, dorthin, wo er vorher war? Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben. Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben. Jesus wusste nämlich von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde. Und er sagte: Deshalb habe ich zu euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist. Daraufhin zogen sich viele Jünger zurück und wanderten nicht mehr mit ihm umher. Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt auch ihr weggehen? Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes. (Joh 6,60-69)

    Vom verstorbenen Papst Johannes Paul II wollte über eine Million Menschen persönlich Abschied nehmen. Sie nahmen weite Wege und lange Wartezeiten in Kauf, um dabei zu sein. Die Papstmesse zum Abschluss des Weltjugendtages in Köln 2005 mit Papst Benedikt XVI. war der größte Gottesdienst in der bisherigen Geschichte unseres Landes. Zu den Eucharistiefeiern mit Papst Benedikt während des Besuchs in Bayern werden 100.000-tausende kommen.

    Das darf uns nicht darüber hinwegtäuschen, was Realität ist in unserem Land: die Zahl der Gottesdienstbesucher geht zurück. Die durchschnittliche Zahl ist in den vergangenen 50 Jahren von über 50 % Katholiken auf etwas über 10 % zurückgegangen. Viele nehmen nur noch sporadisch oder gar nicht mehr am kirchlichen Leben teil. Und nicht wenige Getaufte treten aus der Kirche aus. Großeltern sprechen von ihrer Sorge um Kinder und Enkel, die nicht mehr oder nicht mehr regelmäßig zur Kirche gehen. Es hat sich viel verändert. Wo führt das hin? Und wie geht es uns damit, die wir dageblieben sind?

    Wundern wir uns nicht, denn bereits in der sog. Brotrede im 6. Kapitel des Johannesevangeliums wird eine deutliche Krise beschrieben. Jesus erregt Anstoß mit seinen Worten: "Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben." (Joh 6,51) Viele Anhänger und Jünger haben Jesus verlassen, weil er ihre Erwartungen enttäuscht hat. Dabei korrigierte Jesus nur die falschen Erwartungen, die bei vielen Zuhörern aufgekommen waren.

    Wo die Menschen von ihm ein Paradies auf Erden erwarteten, verweist Christus auf den tieferen Sinn seiner Sendung. Wo sie sich einen politischen Messias erdachten, der mit militärischen Mitteln die Macht ergreift, kündet er von der Macht der Liebe und spricht davon, dass er sein Leben gibt für die Welt. Jesus will sich verzehren lassen in seiner Liebe, will zum Brot werden für andere. Das empfanden viele Zuhörer als unerträglich. Interessant und hilfreich für uns ist die Art und Weise wie Jesus mit dieser Situation umgeht: Dass viele ihn verlassen, ist für ihn kein Grund, irgendetwas von dem Gesagten zurückzunehmen. Er bettelt die nicht an, die sich abwenden wollen. Er schwächt seine Botschaft nicht dahingehend ab, dass sie den Erwartungen der Mehrheit entsprochen hätte.

    So würde der freie Markt reagieren: wenn eine Ware nicht gut geht, muss man etwas anderes auf den Markt bringen, um im Geschäft zu bleiben, oder die Ware muss billiger werden. Jesus bietet sein Botschaft nicht zu Schleuderpreisen an. Er verlangt eine klare Entscheidung, eine Glaubensentscheidung. Dazu ist uns von Gott die Freiheit gegeben, uns für ihn, für seine Liebe und Gerechtigkeit zu entscheiden.

    Petrus, der auch sonst das Wort führt, gibt die Antwort auf die Entscheidungsfrage Jesu: "Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes." Mit diesen Worten beschreibt Petrus, was Jesus für ihn bedeutet und welche Wirkung er für ihn hat.

    Die Frage, die Jesus seinen Jünger gestellt hat, ist auch an uns gerichtet. Wie sieht unsere Antwort aus? Wir können noch weiterfragen.

    Was glaubst du? Wofür lebst du? Was kannst du geben? Mit diesen Fragen möchte Missio - das Internationale Katholische Missionswerk - Antworten für den Papst sammeln. Die Hoffnung, die uns anvertraut ist, soll nicht bei uns bleiben. In der Verantwortung füreinander und vor anderen wollen wir unsere Hoffnung teilen. Du hat Worte des ewigen Lebens!

    Das gilt es zu entdecken und gläubig anzunehmen: Jesus ist das lebendige Wort, das uns zum Glauben und zum ewigen Leben führen kann.

    Der hl. Augustinus, dessen die Kirche am 28. August gedenkt, ist durch eine Bekehrung Christ geworden.

    Er erzählt uns von seiner Suche, dass er eines Tages sich von seinem Freund Alipius losreißt, um allein im Garten zu sein mit seiner Not, mit seiner Angefochtenheit und seiner inneren Zerrissenheit. In diesem Augenblick glaubt er eine Kinderstimme zu hören, die mehrmals hintereinander ruft: Tolle, lege - Nimm und lies! In jener Stunde hat Augustinus das Evangelium entdeckt - Jesus Christus, das Wort des Lebens.

    Papst Benedikt XVI. hat sich als Theologe intensiv mit diesem Kirchenlehrer beschäftigt. "Für Augustinus ist die Entdeckung des Gotteswortes, die die Entscheidung seines Lebens wurde, zugleich die Entscheidung für das Unsichtbare gewesen.

    Bis dahin hat ihn das Sichtbare mit all seinen Kräften und Mächten so völlig in Händen gehabt, dass er den Sprung auf das Unsichtbare hin nicht wagte. In jenem Augenblick hat er erkannt, dass das Unsichtbare das eigentlich Tragende und Wirkliche ist. (…) Und wenn wir uns manchmal einbilden, wir seine gescheiter und weiser geworden, weil wir nur noch das Sichtbare ernst nehmen, werden wir doch erkennen müssen, dass es in Wahrheit ein Nachlassen der Sehkraft unseres Herzen ist, dass wir nicht mehr hindurchschauen können auf das Unsichtbare und Ewige, ohne das alles Sichtbare nicht bestehen könnte. So sollte wiederum auch uns diese Stunde eine Aufforderung sein, dem Unsichtbaren zu trauen, in ihm das eigentlich Wirkliche und Tragende zu erkennen."

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    15. Oktober 2006
    28. Sontag im Jahreskreis
    Für Gott ist alles möglich Mk 10, 17 - 30

    Als sich Jesus wieder auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen. Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter!
    Er erwiderte ihm: Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt. Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!
    Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.
    Da sah Jesus seine Jünger an und sagte zu ihnen: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen!
    Die Jünger waren über seine Worte bestürzt. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen!
    Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Sie aber erschraken noch mehr und sagten zueinander: Wer kann dann noch gerettet werden? Jesus sah sie an und sagte: Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich.
    Da sagte Petrus zu ihm: Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Jesus antwortete: Amen, ich sage euch: Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen: Jetzt in dieser Zeit wird er Häuser, Brüder, Schwestern, Mütter, Kinder und Äcker erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben.

    Vom Loslassen und Nachfolgen

    "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt." Dieses Wort Jesu ist zum geflügelten Wort geworden. Die Jünger sind darüber erschrocken, viele heute ratlos gegenüber diesem Wort. Nicht zum ersten Mal warnt Jesus vor der Haltung, die materiellen Besitz zum ausschließlichen Lebensinhalt macht. Wer sich fast nur darum kümmert, seinen Besitz zu bewahren und zu vermehren, der kann es zu etwas bringen. Aber andere Fähigkeiten verkümmern, der Sinn für Gott stumpft ab. In diesem Zusammenhang fällt mir ein Wort von Papst Benedikt ein:

    "Es gibt eine Schwerhörigkeit Gott gegenüber, an der wir gerade in dieser Zeit leiden. Wir können ihn einfach nicht mehr hören - zu viele andere Frequenzen haben wir im Ohr. Was über ihn gesagt wird, erscheint vorwissenschaftlich, nicht mehr in unsere Zeit passend. Mit der Schwerhörigkeit oder gar Taubheit Gott gegenüber verliert sich natürlich auch unsere Fähigkeit, mit ihm und zu ihm zu sprechen. Auf diese Weise aber fehlt uns eine entscheidende Wahrnehmung. Unsere inneren Sinne drohen abzusterben. Mit diesem Verlust an Wahrnehmung wird der Radius unserer Beziehung zur Wirklichkeit überhaupt drastisch und gefährlich eingeschränkt. Der Raum unseres Lebens wird in bedrohlicher Weise reduziert."

    Ohne Vertrauen geht es nicht

    Wer Haus und Hof, Mutter und Kind verlassen hat, um Jesus nachzufolgen, der hat gezeigt, dass ihm ernst ist. Was bisher wichtig war, tritt zurück, weil Jesus und seine Botschaft in den Mittelpunkt gerückt sind. Besitz oder Familie sind nicht mehr der tragende Grund des Lebens. Sie bleiben wichtig, aber sie sind vorläufig. Wer Jesus zur Mitte seines Lebens macht, hat einen Positionswechsel vollzogen und findet all das wieder, was er zurückgelassen hat: eine solidarische und versöhnte Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, die sich zu Christus bekennen.

    Niemandem kann das Loslassen befohlen werden, es muss ein freiwillig gewählter Schritt sein. Mit diesem Schritt sind eine Reihe von Fragen verbunden: Was trägt mein Leben? Wozu bin ich da? Worauf läuft mein Leben hinaus? Angst kann das Loslassen und den Schritt im Vertrauen blockieren.

    Dabei gewinnt, wer loslässt. Er gewinnt eine größere Freiheit und lässt andere frei, sich zu entfalten und zu leben. Er gewinnt Gelassenheit, weil er nicht ständig um den Erhalt seines Besitzes kämpfen muss. Er kann sich fallen lassen in die Arme Christi, der ihn auffängt und trägt. Die entscheidende Frage ist nicht: Was muss ICH tun, damit mein Leben gelingt? Die Begegnung mit Jesus lässt entdecken: Gott ist gut. Er ist mit uns gut. ER macht alles gut.

    Und weil er ihn liebte

    Die Einladung Jesu an den jungen Mann, einen bleibenden Schatz zu erwerben und ihm nachzufolgen, wird eingeleitet mit der Bemerkung: "Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebt, sagte er".

    Bei solch einem Wort Jesu müssen wir innehalten. Das ist ein Wort, das ins Herz treffen kann. Das ist es ja, was uns trägt und halten kann, wovon wir wirklich leben und was uns niemals genommen wird.

    Das Gute ist da, längst bevor wir ans Werk gehen. Es kommt nicht aus uns, sondern zu uns. Es ist uns von Gott geschenkt.

    Das Leben ist anders, je nachdem ob einer von Angst beherrscht ist oder Vertrauen empfangen und schenken kann. Es ist eine mörderische Sache, wenn man Angst davor hat, auf etwas anderes zu vertrauen als auf das eigene Tun. Das Leben ist nicht zu haben ohne Vertrauen. Ohne Gott geht es nicht.

    Was uns Menschen tief innen angeht, ganz persönlich, das lässt sich nur schwer in Wort fassen. Dann hilft vielleicht eine Geschichte.

    Ein weiser Mann hatte nach mühsamer Wanderung den Dorfrand erreicht und ließ sich unter einem Baum nieder, um dort die Nacht zu verbringen. Da kam ein Dorfbewohner angerannt: "Gib mir den Stein. Gib mir den kostbaren Stein!" - "Welchen Stein?", fragte der Weise. "Letzte Nacht hatte ich einen Traum", sagte der Dörfler, "bei Einbruch der Dunkelheit werde ich am Dorfrand auf einen Weisen treffen, der mir einen kostbaren Stein geben würde, so dass ich für immer reich wäre."

    Der Weise durchwühlte seinen Rucksack und zog einen Stein heraus. "Wahrscheinlich geht es um diesen hier", sagte er und gab dem Mann den Stein. "Ich fand ihn vor wenigen Tagen auf einem Waldweg. Er scheint dir bestimmt zu sein, also sollst du ihn haben." Staunend betrachtete der Mann den Stein. Es war ein Diamant, ein ungeheuer großer und kostbarer Diamant. Er nahm ihn und ging heim.

    Die ganze Nacht wälzte sich der Mann in seinem Bett und konnte nicht schlafen. Am nächsten Morgen stand er auf, nahm den Stein und brachte ihn dem Weisen zurück: "Nimm den Stein wieder an dich. Aber, bitte, gib mir stattdessen den Reichtum, der es dir ermöglicht hat, mir zuvor diesen Stein so leichten Herzens zu geben."

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    03. Dezember 2006
    1. Adventsonntag
    Richtet euch auf!

    "Seht, es werden Tage kommen - Spruch des Herrn - da erfülle ich das Heilswort, das ich über das Haus Israel und über das Haus Juda gesprochen habe." (Jer. 33,14) Mit dieser verheißungsvollen Zusage beginnt der Advent, die Zeit der Erwartung. Als diese Worte gesprochen und aufgeschrieben wurden, galten sie den armen, bedrückten Menschen, die im Räderwerk der Mächtigen nicht auf Geld, Macht oder Beziehungen bauen konnten. Ihnen blieb - nur - die Hoffnung, dass Gott auf sie schaut und seine Zusage erfüllen wird, indem er den Retter schickt, der für Recht und Gerechtigkeit eintritt.

    Heute gilt uns dieses Wort. Es ist uns zugesprochen. Das lebendige Wort Gottes will in unserem Herzen wohnen, mit uns gehen und so auch zu anderen Menschen gelangen.

    Es fordert uns auf, mit wachen Sinnen wahrzunehmen, wo sich diese Verwandlung abzeichnet, wo Menschen befreit und erlöst werden aus Bedrohungen und Ängsten. Die Sehnsucht nach dem Befreier ist alt und nicht auszurotten. Im Judentum vor und zur Zeit Jesu sollte der Menschensohn die Wende bringen. So sehr die einen sein Kommen erflehen, so sehr erschrecken die Mächtigen vor diesem Tag des Gerichts. Plötzlich und unerwartet wird dieser Tag kommen, überraschend wie eine Falle, die zuschnappt. Müssen wir Angst davor haben? Nein!

    Der Evangelist überliefert uns ein tröstendes Wort: Wenn das beginnt, dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe. (Lk 21,28) Jesus schließt diesen Teil seiner Rede mit der Feststellung: "Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber nicht." (Lk 21,33). Leider ist dieser wichtige Satz im Sonntagsevangelium ausgelassen.

    Kopf hoch

    Manchem Menschen drückt die Last seines Lebens so schwer, dass man es ihm ansieht. Gebeugt und mit hängendem Kopf geht er seinen Weg. Er wagt nicht den Kopf zu erheben und nach vorn, in die Zukunft zu schauen. Hoffnungslos! Jesus spricht gleichsam zu jedem Menschen: Du, schau mich an. Ich meine Dich. Lass den Kopf nicht hängen. Wo Menschen ihr Haupt erheben, zeigen sie leibhaftig ihre Hoffnung. Niemand soll sich minderwertig und überflüssig vorkommen, niemand braucht sich klein machen, damit er ja nicht auffällt. Jeder Mensch darf sein Haupt erheben und in seine Zukunft schauen. Gott ist uns nahe. Das weckt tiefe Freude und schenkt Kraft. In einem alten Messbuch heißt es: "Gewinnt Kraft, ihr ermüdeten Hände, stärkt euch, ihr Verzagten, seid fröhlich und habt keine Angst, erhebt eure Hände zu Gott und lasst eure Herzen aufwachen, denn seht, unsere Erlösung ist nah."

    Wer stillt den Hunger, wer reicht das Brot?

    Mit dem ersten Advent beginnt in der Diözese Passau das Jahr der geistlichen Berufungen. Andere Diözesen haben ähnliches schon angestoßen. Die Not ist groß, und geht uns alle an. Wir wollen uns nicht in uns selbst zurückziehen und resigniert aufgeben. Vielmehr wollen wir Jesu Aufforderung annehmen: "Die Ernte ist groß, aber der Arbeiter sind wenige. Bittet daher den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden"

    Papst Benedikt hat bei seiner Bayernreise von dieser Not gesprochen: Wir wissen: Der Herr sucht Arbeiter für seine Ernte. Er selber hat es gesagt: "Die Ernte ist groß", sagt der Herr. Und wenn er sagt: "ist groß", dann meint er es nicht nur für den Augenblick, in dem er auf dem Boden Palästinas dieser Erde stand, dann gilt es immer "Die Ernte ist groß", auch heute.

    Das heißt, in den Herzen der Menschen wächst Ernte, das heißt noch einmal, in ihnen ist das Warten auf Gott da: das Warten auf eine Weisung, die Licht ist, die den Weg zeigt; das Warten auf ein Wort, das mehr als Wort ist; das Hoffen, das Warten auf die Liebe, die über den Augenblick hinaus uns ewig trägt und empfängt.

    Die Ernte ist groß und wartet in allen Generationen auf Ernteleute, und auch immer in allen Generationen gilt unterschiedlicher Weise: Der Arbeiter sind wenige. Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter sendet. Das heißt, die Ernte ist da, aber Gott will sich der Menschen bedienen, damit sie eingebracht werde. Gott braucht Menschen. Er braucht solche, die sagen: "Ja ich bin bereit, dein Erntearbeiter zu werden, zu helfen, dass diese Ernte, die in den Menschen reift, wirklich in die Scheunen der Ewigkeit eingehen und Gottes ewige Gemeinschaft der Freude und der Liebe werden kann.

    Die erste Phase des Jahres für geistliche Berufungen setzt freilich am Fundament an, nämlich bei der Berufung zum Mensch sein. Damit werden wir nie ganz fertig. Einander sollen wir helfen, die Freiheit zu ergreifen und die Würde zu entdecken, die uns geschenkt ist, weil wir Kinder Gottes sind.

    Jesus selber setzt das Maß. Aus Liebe zu uns ist er Mensch geworden. Er will uns nahe sein, uns begegnen. Die Zeit des Advents ist wieder eine Chance dazu, unsererseits umzukehren, um Jesus Christus näher zu kommen. Dabei gilt: wer Gott näher kommt, der nähert sich auch dem Mitmenschen. Darum: Richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe.

    Möge es so sein, dass für uns der Advent eine Zeit erfüllender Sehnsucht wird, uns in einem Raum der Hoffnung stehen und im Licht göttlicher Verheißung sein lässt. So können wir unser Haupt erheben und die heilende, stärkende Nähe unseres Gottes erahnen.

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    21. Januar 2007
    3. Sonntag im Jahreskreis
    So hat noch keiner zu mir gesprochen

    In jedem Anfang wohnt ein Zauber inne! Das gilt auch für den Anfang der öffentlichen Verkündigung Jesu. Es ist eine Schlüsselszene, mit der uns der Evangelist Lukas konfrontiert. Die Erwartungen der Zuhörer sind hoch. Was wird er sagen in seiner "Regierungserklärung"?

    Jesus ist längst kein Unbekannter mehr: er lehrt in den Synagogen und wird von vielen gepriesen. In seiner Heimatstadt Nazaret wird er mit Spannung erwartet. Der Evangelist Lukas legt am Beginn seine Absicht offen und begründet in den ersten Versen seines Evangeliums, wie er seine Arbeit versteht. Weil er mit seinem Evangelium in der Öffentlichkeit ge-hört werden will, schreibt er ein Vorwort. Andere haben die Ereignisse um Jesus schon aufgeschrieben. Warum also noch einmal ein Evangeli-um schreiben?

    Lukas beruft sich auf Augenzeugen. Er beruft sich weiter auf die Diener des Wortes, die von Jesus beauftragt sind, seine Botschaft weiterzusagen. Wie ein Wissenschaftler hat der Evangelist das Quel-lenmaterial gesammelt und gesichtet und der Reihe nach niedergeschrieben. Es ist ihm fern, mit schö-nen Worten zu betören. Lukas will, daß der Hörer des Wortes - wir selbst - die Zuverlässigkeit und Sicherheit seiner Botschaft feststellen können. Er will, daß unser Glaube auf einem soliden Fundament steht. Er will uns die Worte und Taten Jesu von damals nahe bringen, so nahe, daß sie uns gegenwärtig werden.

    In unserer Zeit haben es Prediger nicht leicht, ein offenes Ohr zu finden und das Interesse der Zuhörer zu gewinnen. Die Konkurrenz von Film und Computer ist groß. Da ist einfach mehr los, da ist Ab-wechslung. Der Inhalt ist nicht so wichtig. Wann immer in der Liturgie das Wort Gottes verkündet wird, ist es so, als würde der Herr selbst zu uns sprechen durch sein Evangelium. Das sollte uns bewusst sein. Unsere Hörgewohnheiten sind jedoch so, dass wir nur begrenzt aufnehmen können, was an unser Ohr dringt. Auch wählen wir gern aus, denn nicht jedes Wort in der Schrift paßt uns; manches erscheint uns schwer verständlich. So werden einzelne Teile aus dem Zusammenhang herausgerissen und ver-fälschen das Bild.

    Bisweilen sind wir auch skeptisch und bezweifeln die Bedeutung und den Wert der Frohen Botschaft überhaupt. Woozu sich damit abmühen? Die meisten dieser Worte klingen so normal und alltäglich, gar nicht nach Gottes Wort.

    Mag sich jeder selber fragen: Was erwarte ich vom Wort Gottes? Wie müßte es klingen, daß es mich überzeugt?

    Für mich persönlich ist entscheidend, wer zu mir spricht und ob ich ihm vertrauen kann. Das bloße Wort gewinnt Kraft durch den, der es sagt. Darum muss ich ihn kennen, mich bemühen, ihn kennen-zulernen. Jesus Christus ist für mich der, dem ich vertraue. Sein Wort will ich ernstnehmen. Er ist die vernehmbare Stimme Gottes für uns.

    Heute hat sich das Schriftwort erfüllt!

    Erinnern wir uns an das, was Lukas uns in seinem Evangelium zusagt: Die Zeit Jesu hat begonnen. Heute! Die Zeit der Erfüllung, die Zeit der Gnade, die Zeit der Befreiung ist angebrochen.

    Die Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja, kommentiert Jesus in der wohl kürzestes Predigt:

    Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt. Eine ungeheure Behauptung und zugleich eine tröstliche Zusage. Wie kann er das behaupten? Was hat sich denn erfüllt? - so werden manche fragen.

    Sind die Armen froh geworden, kamen die Blinden wieder zum Sehen, sind die Niedergedrückten frei geworden? Wurden die Gefangenen begnadigt? Nein, das Paradies auf Erden ist nicht angebrochen. Aber die Liebe wurde von Gott zum Motiv des Handelns bestimmt. Gott selbst ist Liebe. Jesus hat es uns vorgelebt. Das will sagen: Jeder Mensch ist Gott unendlich klostbar, auch und gerade die Verarmten, die Gefan-genen, die Blinden und Verblendeten, die Hoffnungslosen. Jesus erweckt neue Hoffnung, er macht einen neuen Anfang. Und jeder Christ steht in seiner Sendung: in der Kraft des Heiligen Geistes das Gute zu erkennen und zu tun.

    Wer ist Jesus Christus?

    Da schließt sich die nicht mehr neue Frage an: Wer ist Jesus Christus? Immer schon hat es die Tendenz gegeben, Christus mit dem Gewand der eigenen Epoche oder der eigenen Ideologie zu bekleiden. Ob idealistisch, romantisch, liberal, sozialistisch oder revolutionär.

    War es einmal der historische Jesus, der von den kirchlichen Dogmen befreit werden sollte, gehen manche heute so weit, dass sie Jesus sogar von der Heiligen Schrift und vom Evanglium loslösen. Dann müssen freilich andere Quellen gefunden werden, um etwas sagen zu können. Folgen wir dem Beispiel des Petrus, der bekennt: Du Herr hast Worte ewigen Lebens.

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    11. März 2007
    3. Fastensonntag
    Ich bin dein Gott, der dich herausgeführt hat

    Zu dieser Zeit kamen einige Leute zu Jesus und berichteten ihm von den Galiläern, die Pilatus beim Opfern umbringen ließ, so dass sich ihr Blut mit dem ihrer Opfertiere vermischte. Da sagte er zu ihnen: Meint ihr, dass nur diese Galiläer Sünder waren, weil das mit ihnen geschehen ist, alle anderen Galiläer aber nicht? Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet ge-nauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt. Oder jene achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turms von Schiloach erschlagen wur-den - meint ihr, dass nur sie Schuld auf sich geladen hatten, alle anderen Einwohner von Jerusalem aber nicht? Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt. Und er erzählte ihnen dieses Gleichnis: Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigen-baum; und als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine. Da sagte er zu seinem Weingärtner: Jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts. Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen? Der Weingärtner erwiderte: Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er doch noch Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen. Lk 13,1-9

    Dürfen wir immer wieder mit einer neuen Chance rechnen bei Gott? Oder wird er, Gott, einmal zu uns sagen: Jetzt ist es genug. Du hattest deine Möglichkeiten, du hast sie nicht genutzt? Gemeinsam haben wir im Zeichen der Asche die vierzig Tage der Buße und Umkehr begonnen. Wir gehen dem Osterfest entgegen. Umkehren heißt eine größere Freiheit erstreben, ein neues Denken und Handeln zulassen. Dazu braucht es die Gabe der Unterscheidung. Der Blick geht auf Jesus Christus, den Anführer im Glauben.

    Die Frohe Botschaft am 3. Fastensonntag ist Einladung zur Umkehr, gesprochen zu den Volksscharen, die Jesus folgen. Auslöser ist die Nach-richt, dass der römische Statthalter Pilatus im Tempel von Jerusalem Pilger aus Galiläa bei der Opferhandlung niedermachen ließ. Dabei hat sich ihr Blut vermischt mit dem der Opfertiere. Etwas Schlimmeres ist nach jüdischer Auffassung kaum vorstellbar. Die Menschen sind schockiert.

    Wie konnte Gott das zulassen?

    Auf dieses berichtete Ereignis reagiert Jesus mit der Bemerkung, dass diese Pilger keine besondere Schuld auf sich geladen haben. So war und ist vielfach heute noch der erste Gedanke: Je größer das Unglück, umso größer ist die begangene Schuld. Das erlittene Unglück wird als Strafe gedeutet im Sinn der Vergeltung. Aber der Tod ist keine Gott ge-wollte Strafe. Jeden könnte ein Unglück treffen, denn alle sind schuldig. Und Jesus fordert auf, dieses "Zeichen" als Anlass zur Umkehr zu neh-men. Keiner ist unschuldig, also bedarf jeder der Umkehr.

    Wo ich mich verrannt oder verfahren habe, da hilft nichts anderes: ich muss umkehren, zurück auf den richtigen Weg.

    Vielleicht trägt er doch noch Früchte!

    Dies ist nicht die einzige Aufforderung zur Umkehr, in der Jesus vom Ernst der Nachfolge spricht. Wie die Zuhörer damit umgegangen sind, wird nicht berichtet. Jesus macht deutlich: Es ist höchste Zeit! Und diese Aufforderung verstärkt er noch durch das Gleichnis vom Feigenbaum.

    Hätten die Zuhörer damals und wir heute den Eindruck: Es ist ohnehin zu spät und jede Mühe vergeblich, dann wäre unser Weg hier bereits zu Ende. Gott aber führt heraus, er befreit zu neuem Denken, zu neuem Handeln, zu neuem Leben. Jesus ist ein Meister der bildhaften Sprache. Er versteht es die Men-schen anzusprechen, indem er die Botschaft vom Leben mit Gott in an-schauliche Gleichnisse kleidet. Ein hartes Gerichtswort würde wohl eher lähmen und blockieren. Jesu Worte aber nähren die Hoffnung und ermutigen, die Verantwortung für das eigene Leben anzunehmen. Der Feigenbaum ist Symbol für Israel. Und diesen Menschen wird ge-sagt: Es ist noch nicht zu spät. Nutze die Gelegenheit zur Umkehr. Be-ginne heute damit. Die Bibel erzählt Weggeschichten und beschreibt Umwege und Abwege, auf die Menschen geraten können. Sie spricht auch von der Umkehr und Heimkehr der Menschen, die den Segen Gottes erfahren.

    Nur dem, der glaubt, erschließt sich diese Welt, in der Menschen Gottes Wege gehen. Ein anderer wird skeptisch einwenden: wer weiß, ob das alles stimmt. Ich bin dein Gott, der dich herausgeführt hat. Damit erinnert Gott an sein rettendes Handeln zugunsten der geknechteten Menschen. Was dem Volk der Israeliten als Gotteserfahrung geschenkt wurde, ist uns Hoff-nungszeichen. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!

    Wer die schützende Mauer, die zum Gefängnis werden kann, niederlegt und sich herausführen lässt, der geht ein höheres Wagnis ein, findet zugleich aber eine größere Weite und Tiefe. Ein mitfühlendes und weites Herz ist die Frucht der Umkehr. Dieser Weg lässt uns Schritt für Schritt barmherziger werden.

    Jesus setzt niemandem das Messer an die Brust. Jedoch, liebe Schwes-tern und Brüder, es ist ihm ernst mit seinem Angebot: Wähle das Leben! Denn er, Christus, hat dafür das seine eingesetzt. (Was die Umkehrpredigt Jesu bewirkt hat, wissen wir nicht. Ich glaube, dass die Menschen erschüttert waren und nachdenklich wurden. Es geht ja nicht darum, genau zu wissen, was die Menschen damals getan ha-ben. Es geht um uns. Gottes Wort ist gegenwärtig, es will gehört und be-antwortet werden durch Werke der Liebe. Bin ich bereit, meinen Lebens-stil zu überdenken, meine Haltungen am Beispiel Jesu zu prüfen und dann zu korrigieren, wo es Not tut? Wie viel Platz haben andere Men-schen in meinem Denken und Handeln? Manchem wird bei solchen Fra-gen unwohl!) (Aber,) was ist schöner, als angefragt zu werden, wählen zu dürfen, neu anfangen zu können und einen heilvolle Zukunft in Aussicht zu haben? Wie sieht meine Antwort aus? Von der Verantwortung des Christen sprach Papst Benedikt XVI. in der Messe auf dem Islinger Feld:

    "Der Glaube will uns nicht angst machen, aber er will uns zur Verantwor-tung rufen. Wir dürfen unser Leben nicht verschleudern, nicht missbrau-chen, es nicht einfach für uns selber nehmen; Unrecht darf uns nicht gleichgültig lassen, wir dürfen nicht seine Mitläufer oder sogar Mittäter werden. Wir müssen unsere Sendung in der Geschichte wahrnehmen und versuchen, dieser unserer Sendung zu entsprechen. Nicht Angst, aber Verantwortung - Verantwortung und Sorge um unser Heil, um das Heil der ganzen Welt ist notwendig, jeder muss sein Teil dafür beitra-gen."

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    29. April 2007
    4. Sonntag der Osterzeit

    Du aber wähle das Leben!

    Du aber wähle das Leben! Dieses Wort aus dem ersten Testament (Dtn 30,19) steht heuer über dem Weltgebetstag für geistliche Berufe. Für mich klingt dieser Satz wie eine werbende Einladung. Wähle das Leben, frage nach Gott und suche, was Sinn schenkt. Die Situation, in die hinein dieses Wort gesprochen wurde, ist der heutigen nicht unähnlich. Neben dem Gott Israels gab es andere Alternativen, verlockende Möglichkeiten. Wir erleben heute eine Vielfalt scheinbar gleich-gültiger religiöser Überzeugungen. Manchmal höre ich die Frage: "Herr Pater, wie entdecke ich, wozu Gott mich berufen hat? Ich tue mich schwer, eine Entscheidung zu treffen." Die Wahlfreiheit wird zur Last, wird gemieden und führt nicht zu größerer Freiheit.

    Für Jesus war Glaube nicht Last, sondern ein kostbarer Schatz. Der persönliche Glaube lässt Freiheit und Lebenssinn wachsen. Da ist ein Gott, der beruft Und da sind hoffentlich Menschen, die darauf antworten. Es gilt einem jeden die Verheißung: Dein Leben sei gesegnet! Berufung wird als Geschenk, als Aufgabe und als Lebensmöglichkeit angesehen, die mir von Gott eröffnet wird. Weil Segen von Gott kommt, hat die Wahl des Lebens mit ihm zu tun. Darum die Frage: was bringt in mir mehr Leben hervor, was stärkt meine Verbindung zu Gott?

    Wider die Entscheidungslosigkeit oder: Dem Ruf Gottes eine Chance geben.

    Was willst Du? - darauf kann ich nicht immer gleich antworten. Doch mag ich diese Frage. Denn: Ich bin gemeint und trage Verantwortung. Ich kann die Entscheidung für mein Leben nicht an andere abschieben. Und diese Frage kommt im Tiefsten von Gott. Sie stellt sich in der Realität meines Lebens. Männer und Frauen, die ganz im Leben stehen, Menschen, die in der Welt zuhause sind und zugleich doch ganz und gar im Evangelium verwurzelt, sie sollen Zeugen des Glaubens mitten im Leben sein.

    Wem die Last der Entscheidung schwer erscheint, der kann sich selber fragen, was denn wird, wenn ich mich verweigere, mich passiv und interesselos verhalte? Die Einladung "Wähle das Leben!" ist keine rhetorische Frage. Sie ist eine echte Frage und eine attraktive Frage: Wer sein Leben nicht aufschieben, abwarten, verfehlen oder verpassen will, dem gilt diese Einladung.

    Wähle aus und entscheide dich, nimm Stellung und setze dich ein. Scheue das Risiko nicht. Als einen Grundzug unserer Zeit sieht der Kapuziner Br. Paulus die Entscheidungslosigkeit an: "Im Alter zwischen 20 und 30 verstehen sich immer mehr Menschen als Jugendliche, die immer noch etwas zu suchen haben. Dabei verpassen sie es, sich in die Tiefe hinein auszubilden... Manche werden zu spät wach und sehen, dass die Zukunft, von der sie dachten, sie liege vor ihnen, plötzlich hinter ihnen liegt."

    Es gibt Zeiten und Situationen im Leben, die fordern uns heraus, uns selbst zu ergreifen. Es gibt diese besonderen Zeiten im Leben, die kommen nie wieder und entscheiden doch über unsere ganze Zukunft. Manch einer muss erst wachgerüttelt werden, damit er entdeckt, dass in ihm ein Ruf Gottes schlummert, der wachsen möchte. Zugegeben: Heute eine Entscheidung zu treffen, ist nicht leicht.

    Eine ganze Gesellschaft lebt uns vor, dass der Mensch sehr gut ohne Gott und Glaube auskommt, ja dass das gute Leben ganz wo anders zu finden ist. Am besten hält man sich immer eine Tür offen. Es könnte ja noch etwas Besseres kommen.

    Herr, ich will nach deinem Willen fragen

    Berufung meint eine Lebensmöglichkeit, die mir von Gott eröffnet wird. Folgender Liedtext von Kathi Stimmer weist den Weg und richtet unseren Blick auf Jesus Christus: "Herr, ich will nach deinem Willen fragen, denn Du bist mein Leben und mein Ziel. Du willst mich auf meinem Weg begleiten und den Blick mir immer wieder weiten, weil Du mich erlöst hast überreich, weil Du mich erlöst hast überreich."

    Sei gesegnet!

    Wer das glaubt und sein Leben auf Gott ausrichtet, der wird sich seines Weges sicherer, sein Herz wird dankbar, der Blick offen für das überreiche Geschenk der Erlösung. Wer die Nähe Gottes sucht - und am Weinstock bleibt - der erfährt Tiefe und Weite des christlichen Lebens.

    Im Prozess hin zu einer Entscheidung wird der Gottsucher bestärkt. Er verspürt Trost, Freude, Gelöstheit und Liebe zu Gott. In der ganz und gar persönlichen Wahl des Lebens gewinnt der Mensch ein "Mehr" an Lebensfreude. Jedoch nicht für sich allein. Denn das gesegnete Leben bezieht die Mitmenschen ein. Nach der Wahl des Lebens ist der Mensch zugleich mehr mit Gott wie auch mit den Menschen verbunden.

    "Gott, Du hast ein Recht auf meine Treue, denn Du hast mit Liebe mich gemacht. Diese Liebe will ich weitertragen, meine Hoffnung will ich weitersagen, weil Du mich erlöst hast überreich, weil Du mich erlöst hast überreich." (Kathi Stimmer)

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    05. August 2007
    Die falsche Selbstsicherheit des Reichen Evangelium: Lk 12, 13 - 21

    Das Beispiel von der falschen Selbstsicherheit des reichen Mannes Einer aus der Volksmenge bat Jesus: Meister, sag meinem Bruder, er soll das Erbe mit mir teilen. Er erwiderte ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Schlichter bei euch gemacht? Dann sagte er zu den Leuten: Gebt Acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluss lebt. Und er erzählte ihnen folgendes Beispiel: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte. Da überlegte er hin und her: Was soll ich tun? Ich weiß nicht, wo ich meine Ernte unterbringen soll. Schließlich sagte er: So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen. Dann kann ich zu mir selber sagen: Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink und freu dich des Lebens! Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft hast? So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott nicht reich ist.

    Aufs Ganze gehen

    Der Soziologe P. L. Berger hat vom "Zwang zur Häresie" gesprochen. Er meint damit, vereinfacht gesagt, dass jeder Mensch gezwungen ist, auszuwählen aus einer Fülle von Möglichkeiten. Jeder muss sich entscheiden. Er wählt das eine und muss das andere lassen. Da geht es uns allen gleich. Wir sehen uns vielen Möglichkeiten gegenüber. Wonach greifen wir, welchen Weg wählen wir, von wem lassen wir uns etwas sagen und wen möchten wir an unserer Seite haben? Jede "Wahl" ist konkret, und doch streben wir nach dem Ganzen, wollen unser Glück.

    In der religiösen Orientierung und christlichen Lebensgestaltung handeln viele heute nicht weniger "häretisch". Sie wählen, wie im Supermarkt aus dem Regal der angebotenen Möglichkeiten aus. Wo das Ganze aus dem Blick gerät, wird der eigene Standpunkt zum Maß. Jesus will unseren Horizont weiten. Wir brauchen diesen Weitblick.

    Immer mehr haben wollen

    Hinter dem Streit um das Erbe verbergen sich oft ganz andere Probleme. Das sind enttäuschte Erwartungen, das Gefühl zu kurz zu kommen, ausgenutzt worden zu sein… Es geht eben nicht nur ums Materielle.

    Im Gleichnis warnt Jesus eindringlich davor, Lebenssinn mit Lebenserfolg, also Reichtum gleich zu setzen. Der Hunger nach Mehr-Haben-Wollen lenkt vom Eigentlichen ab und hindert den Menschen, zu sich und zu Gott zu finden.

    Was passiert? Das Verlangen nach mehr, die Habgier treibt einen Menschen ins Leere. Der Mensch, von dem Jesus im Gleichnis spricht, ist fixiert auf seinen wachsenden Reichtum, er hat seine Urteilskraft und den Zugang zu seiner Wesenstiefe verloren. Er läuft Täuschungen nach. Erst als er mit dem Tod konfrontiert wird, dem Tod, der für jeden unausweichlich ist, beginnt er zu fragen.

    "Wer den Tod aus dem Bewusstsein ausklammert, verdrängt die sicherste Gewissheit seines Lebens. Wer glaubt, über sein Leben verfügen zu können, kann weder sich, noch seinen Nächsten, noch Gott ernst nehmen. Wer sein Leben auf Besitzen und Mehr-haben-Wollen, auf Gebrauchen und Genießen reduziert, dem wird im Tod alles genommen." (Peter Köster SJ)

    Alle Körper und aller Geist zusammen …

    Das Kriterium für sein Handeln findet ein Christ bei Jesus, der gekommen ist zu retten, was verloren ist.

    Das Kriterium für einen Christen ist benannt im Hauptgebot der Gottes- und Nächstenliebe. Dazu hat der französische Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal einen hilfreichen Gedanken formuliert. Er spricht von drei Ordnungen in der Welt: Die unterste Ordnung ist das Materielle. Jeder Sammler kennt das, wie viel einem Briefmarken, Münzen, Autos und was immer bedeuten können und Zeit kosten.

    Die zweite Ordnung sind die des Geistes. Dazu gehören beispielsweise große Ideen, denen man sich verschreiben kann - wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, oder auch Wissen und Erkenntnis.

    Unvergleichlich größer ist die Ordnung der Liebe. Bestürzt von dieser Einsicht formulierte Pascal: "Alle Körper und aller Geist zusammen wiegen nicht die kleinste Regung von Liebe auf." Die Träne, die eine Mutter ihrem Kind von der Wange wischt. Der Schweiß, den ein Angehöriger einem Sterbenden von der Stirn nimmt. Oder die Zeit, die man einem andern schenkt. Das ist unendlich größer und dem Göttlichen näher als Besitz, ja selbst als geistvolle Gedanken, Literatur und Philosophie. (Literaturempfehlung: Bernhard Meuser, Christ sein für Einsteiger, Pattloch, 2007)

    Damit ist kein Werturteil gesprochen über die Dinge, die wir zum Leben brauchen und die uns etwas bedeuten. Auch wird geistige Arbeit damit nicht obsolet. Es ist eine Ordnung beschrieben, die uns als Ziel die Liebe zeigt. Ohne Liebe ist alles anderes nichts.

    Jesus warnt: werdet nicht zu Narren, die die Freiheit verspielen, weil sie falsche Prioritäten setzen. Jesus tröstet: Sorgt euch nicht! Der Leib ist mehr als die Kleider, das Leben mehr als Essen und Trinken, das Heute mehr als das Morgen.

    Der Jesuit Peter Köster hat im Blick auf den Mann, der in falscher Selbstsicherheit sein Leben gestaltet folgendes Gebet formuliert:
    "Herr, ich weiß, dass ich das Ufer,
    an dem ich lebe, eines Tages verlassen muss.
    Ich weiß, dass mich dann niemand begleiten kann.
    Meinem Tod muss ich allein entgegen gehen.

    Dann wird jedes Gerede aufhören
    und jede Ausrede verstummen.
    In diese Einsamkeit kann ich nichts mitnehmen als mich selbst -
    so wie ich bin: arm, nackt und machtlos.
    Es gibt Augenblicke in meinem Leben,
    wo der Schatten des Todes mich berührt wie eine kalte Hand,
    wo ich auf einem spüre: Ich werde sterben.
    Mein Leben verweht wie Spuren im Sand.

    Es gibt Augenblicke in meinem Leben,
    wo Du mich daran erinnerst,
    dass ich von Deinem An-hauch lebe,
    wo bis ins innerste Mark ich spüre:
    solange es Dir gefällt.

    Herr, ich soll reich werden - mit leeren Händen,
    Schätze sammeln - mit freigebigem Herzen,
    denn noch in dieser Nacht kannst Du mich rufen."

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    23. September 2007
    25. Sonntag im Jahreskreis
    Man lernt nie aus! oder: Der Freche siegt

    Das Gleichnis vom klugen Verwalter Lk 16, 1 - 13 1 Jesus sagte zu den Jüngern: Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Diesen beschuldigte man bei ihm, er verschleudere sein Vermögen. 2 Darauf ließ er ihn rufen und sagte zu ihm: Was höre ich über dich? Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung! Du kannst nicht länger mein Verwalter sein. 3 Da überlegte der Verwalter: Mein Herr entzieht mir die Verwaltung. Was soll ich jetzt tun? Zu schwerer Arbeit tauge ich nicht, und zu betteln schäme ich mich. 4 Doch - ich weiß, was ich tun muss, damit mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich als Verwalter abgesetzt bin. 5 Und er ließ die Schuldner seines Herrn, einen nach dem andern, zu sich kommen und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? 6 Er antwortete: Hundert Fass Öl. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich gleich hin und schreib "fünfzig". 7 Dann fragte er einen andern: Wie viel bist du schuldig? Der antwortete: Hundert Sack Weizen. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib "achtzig". 8 Und der Herr lobte die Klugheit des unehrlichen Verwalters und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes. 9 Ich sage euch: Macht euch Freunde mit Hilfe des ungerechten Mammons, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es (mit euch) zu Ende geht. 10 Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen. 11 Wenn ihr im Umgang mit dem ungerechten Reichtum nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen? 12 Und wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann euer (wahres) Eigentum geben? 13 Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben, oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.

    Man lernt nie aus! oder: Der Freche siegt

    "Du kannst nicht länger mein Verwalter sein." - dieses Wort des Herrn klingt im Ohr des Verwalters nach. Er steckt in einer Problemsituation, aus der er sich auf geschickte Weise zu befreien versteht. Er weiß damit umzugehen.

    Die Schuldscheinfälschergeschichte, die Jesus erzählt, möchte aufrütteln. Ein Verwalter wird zur Rechenschaft gezogen. Es sieht nicht gut für ihn aus. Man hat ihn verdächtigt, ruinös zu wirtschaften. Der Verdacht scheint begründet. Mit Scharfsinn geht er ans Werk, umsichtig, zielbewusst und tatkräftig. Er macht die Schuldner seines Herrn zu Komplizen seiner Skrupellosigkeit und so zu seinen Schuldnern. Er gewinnt ein neues Verhältnis zu allen Schuldnern.

    Frechheit siegt

    Der "kluge" Verwalter erweist sich als lebenstüchtig, er kauft sich seine Leute. Buchstäblich im letzten Moment fällt ihm der rettende Ausweg ein, heil davon zukommen. Der Verwalter in der "Schuldscheinfälschergeschichte" ist bewundernswert schlau, können wir schönfärbend sagen. Im Grunde ist es eine Skandalgeschichte. Hier siegt die Frechheit. Das allgemein Gültige wird missachtet.

    In einer Extremsituation handelt der Verwalter überlegt und ruhig. Er hat erkannt, was die Stunde geschlagen hat. Er handelt klug, nützt seine Chance und gewinnt eine neue Existenz. Er weiß: Bislang gab es noch für jedes Problem eine Lösung. Diese Einsicht hilft ihm, die Situation klar zu erfassen und innerlich anzunehmen.

    Seine erste Frage geht an ihn selbst: Was muss ich tun? Niemand kann sie ihm beantworten, er selbst muss Verantwortung übernehmen. Dabei beweist er einen ausgeprägten Realitätssinn. Schuldscheine sind verhasst. Zu seinem eigenen Vorteil wechselt der Verwalter gleichsam die Seite und fälscht die Schuldverschreibungen. Damit ist ihm die Sympathie der Pächter sicher.

    Seine Selbsteinschätzung ist treffend. Kräftemäßig traut er sich die schwere Arbeit nicht zu, die ihm droht, und zu betteln schämt er sich. Also besinnt er sich - nach den Regeln dieser Welt - auf seine Klugheit. Er ist bereit, entschlossen zu handeln. Er spielt seine Möglichkeiten durch und wählt, was er für tauglich hält. Er fälscht die Bücher. Damit gewinnt er die Dankbarkeit der Schuldner und macht sie zu seinen Mitwissern. (er könnte sie später erpressen). Dieser Mann ist - ohne Frage - ein Betrüger. Aber Jesus nennt ihn klug, weil er durchblickt und entschlossen handelt. Er denkt weiter, er sorgt für seine Zukunft vor.

    Es mag uns sauer aufstoßen, dass hier Jesus die Klugheit des unehrlichen Verwalters lobt. Was Jesus in diesem Fall als Beispiel mit Lehrgehalt herausstellt, betrifft Weltklugheit. Der Egoist betrügt, wo und wie es nur geht, um für sich einen Vorteil zu erlangen. Er sorgt für seine Zukunft. Genau hier liegt der springende Punkt: der Verwalter tut für seine Zukunft das Richtige.

    Jesus will uns bestimmt nicht zum Betrug anstiften. Hier liegt die Differenz im Gleichnis Jesu.

    Jesus erzählt dieses Gleichnis, damit seine Zuhörer daraus etwas lernen. Die Kinder der Welt, zu denen der Verwalter als typisches Beispiel gehört, denken an das Übermorgen in ihrem vergänglichen Leben, und sie stiften zweifelhafte Freundschaften. Die Kinder des Lichts aber, und das seid ihr, die Christen, stiften mit ihrem Geld Freundschaften, die bis in den Himmel reichen. Da steckt der deutliche "Ortswechsel" drin: vom alten zum neuen Menschen, von der Finsternis zum Licht, vom Fremden zum Hausgenossen und Erben. Jesus spricht seine Jünger, die die alte Familie aufgegeben haben, als Freunde an, ein sprachliches Bild für Kirche.

    Was können wir lernen?

    Handelt in eurer Situation ebenso klug und entschlossen wie der Verwalter, solange ihr dazu noch Gelegenheit habt. Sonst verliert ihr alles.

    Es sind die Wendepunkte unseres Lebens, wo wir entschieden handeln müssen, weil es sonst nicht mehr weitergeht, weil wir in einen Engpass geraten sind, aus dem wir nur herauskommen, wenn wir ihn selbst durchschreiten. Wer seine leiblichen und seelischen Grenzen missachtet und auch seinen spirituellen Haushalt überzogen hat, der kann schnell und unverhofft an einem Wendepunkt stehen.

    Klug ist, wer sich ein Gespür bewahrt für den eigenen Lebensstrom und mit der Sinn-Orientierung, die tief in seinem Leben eingestiftet ist, verbunden bleibt. Klug ist, wer zur rechten Zeit erkennt, dass ein Wechsel im Leben ansteht, angestoßen in der Tiefe seines Wesens und nicht von äußeren Sachzwängen diktiert. Klug ist, wer aus allen Dingen und Situationen zu lernen vermag und die Botschaft Jesu als froh machende und befreiende Weisung für sein Leben annimmt.

    Wir sollen klug handeln, um das Leben zu gewinnen.

  • Wir alle werden einmal vor Gott Rechenschaft ablegen müssen. Irdisch betrachtet können wir aus eigenem Vermögen nicht bestehen.
  • Wir verbinden uns mit den Schuldnern, die wie wir auf Gnade angewiesen sind.
  • Wir vergeben ihnen. Wir streichen den Schuldschein durch. Wir geben sozusagen Gottes Erbarmen weiter.
  • Das ist sein "Vermögen", das uns anvertraut ist. Das sollen wir nicht veruntreuen, sondern barmherzig schenken.

    Handelt in eurer Situation ebenso klug und entschlossen wie der Verwalter, solange ihr dazu noch Gelegenheit habt. Sonst verliert ihr alles.

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    11. November 2007
    32. Sonntag im Jahreskreis
    Die Frage nach der Auferstehung der Toten

    Evangelium nach Lukas: 20,27 – 38
    Von den Sadduzäern, die die Auferstehung leugnen, kamen einige zu Jesus und fragten ihn: Meister, Mose hat uns vorgeschrieben: Wenn ein Mann, der einen Bruder hat, stirbt und eine Frau hinterlässt, ohne Kinder zu haben, dann soll sein Bruder die Frau heiraten und seinem Bruder Nachkommen verschaffen. Nun lebten einmal sieben Brüder. Der erste nahm sich eine Frau, starb aber kinderlos. Da nahm sie der zweite, danach der dritte und ebenso die anderen bis zum siebten; sie alle hinterließen keine Kinder, als sie starben.Schließlich starb auch die Frau. Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt. Da sagte Jesus zu ihnen: Nur in dieser Welt heiraten die Menschen. Die aber, die Gott für würdig hält, an jener Welt und an der Auferstehung von den Toten teilzuhaben, werden dann nicht mehr heiraten. Sie können auch nicht mehr sterben, weil sie den Engeln gleich und durch die Auferstehung zu Söhnen Gottes geworden sind. Dass aber die Toten auferstehen, hat schon Mose in der Geschichte vom Dornbusch angedeutet, in der er den Herrn den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs nennt. Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn sind alle lebendig.

    Er ist doch ein Gott der Lebenden

    „Das Schlimme ist, dass es für die meisten kein Jenseits mehr gibt. Dass sie das diesseitige Leben nicht mehr in einem größeren Zusammenhang verstehen und alles für sie nur einen Sinn hat, soweit es sich im Diesseits erfüllt. Ver­weigert das Diesseits ihnen diese Erfüllung, verliert das Leben restlos seinen Sinn.“ Das schreibt Abtprimas Notger Wolf in seinem jüngsten Buch über die Kunst, Menschen zu führen. Er erzählt die Erfahrung eines Benediktiners, der eine Gruppe verwaister Eltern begleitet hat. Also Eltern, die ein Kind durch Suizid oder Unfall verloren haben. Der Seelsorger erlebte dabei, dass viele für Trost unerreichbar waren.

    Uns allen blüht der Tod.

    Wenn das Leben vor dem Tod alles ist, dann wird es schließlich zur "letzten Gelegenheit". Dann heißt es: Ja nichts verpassen, alles jetzt! Tempo, Tempo! Die Uhr tickt, die Zeit läuft. Diese Einstellung bringt Lebenssucht und Todesangst, Hektik und Überforderung hervor.

    Wer auf diese Weise – auf eigene Faust – versucht, sich zu verewigen und dem Tod zu entkommen, der verfällt ihm umso sicherer. Nur die Liebe kann uns daraus befreien. „All das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat“ (Röm 8,37). Ist das nun Vertröstung auf das Jenseits? Nein. Aber Vorsicht, denn die Vertröstung mit dem Diesseits ist nicht weniger fatal.

    Entdecke in Jesus Christus die Liebe Gottes

    Lehrer ermuntern Schüler zum Fragen: Es gibt keine dummen Fragen. Aber es gibt unsinnige Fragen. Die Frage der Sadduzäer an Jesus mit dem konstruierten Bespiel ist so eine. Damit sollte die Botschaft Jesu von der Auferstehung lächerlich gemacht werden. Bewundernswert ist, was Jesus daraus machte. Wer sich im Beispiel auf die eine Frau und die sieben Brüder fixiert, wer das Leben der kommenden Welt nur als eine Verlängerung des gegenwärtigen denkt, der ist auf dem Holzweg. Jesus argumentiert anders.

    Gott ist ein Gott der Lebenden. Er gab sich dem Mose am brennenden Dornbusch zu erkennen als der „Ich-bin-da“. Er sorgt für uns Menschen, er geht alle Wege mit, er ist treu. Er ist der Lebendige, der uns teilhaben lässt an seiner Lebensfülle. Dafür hat Jesus gelebt. An ihm lesen wir ab und entdecken wir die Liebe Gottes. Wo die Hoffnung auf ewiges Leben erlahmt ist, da ist auch der Glaube an den lebendigen Gott gelähmt. Im Römerbrief erinnert Paulus an das Sterben Christi für uns: Gott „hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (8,32).

    Freilich: Wer an Jesus glaubt und lebt mit einer Hoffnung, über dieses Leben hinaus, für den verschwinden nicht die bedrängenden, schmerzvollen und, menschlich gesprochen, aussichtslosen Ereignisse. Aber im Glauben findet er die Kraft, die Hoffnung und damit die Motivation, sich ihnen auszusetzen und sie zu bewältigen.

    Das letzte Wort hat die Liebe.

    Unsere Vorstellungskraft scheitert, wenn wir heute versuchen uns vorzustellen, wie es mit einem Leben über den Tod hinaus ist. Im Hinschauen auf den Sohn – Jesus Christus – enthüllt sich die Liebe des Vaters. Aus der Frage nach Gott nährt sich die Auferstehungshoffnung.

    Ich wüsste nicht, von welcher Hoffnung ich leben sollte, wenn ich dessen nicht gewiss wäre. Ich wüsste nicht, wofür ich leben und arbeiten sollte, wenn ich nicht darauf vertraute. Meine ganze Lebenshoffnung ist darin versammelt, dass ich der Liebe Gottes glauben darf.

    Wer jetzt nicht alles haben muss, weil ihm das Beste immer noch bevorsteht, verliert die Angst, zu kurz zu kommen. Er hat Zeit, sich anderen zuzuwenden, besonders denen, die keinen Menschen haben. Er kann gelassen ans Werk gehen. „Gott ist nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebenden“.

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    30. Dezember 2007
    Sonntag nach Weihnachten
    Heilige Familie

    Ein Jahr geht zu Ende, ein neues beginnt. Viele Ereignisse - im großen Weltgesche-hen - sind es wert, sich daran zu erinnern. Auch persönliche Erlebnisse gehen mir nach.

  • Papst Benedikt feierte seinen 80. Geburtstag, und viele haben ihm gratuliert.
  • Das Jesus-Buch des Papstes erschien und wurde zum Bestseller. Die Blick-richtung geht auf Jesus Christus. ("Alles entscheidet sich daran, ob es gelingt, ein persönliches Verhältnis zu Jesus Christus zu entfalten.")
  • "Auf Christus schauen" - unter diesem Motto stand der Papstbesuch in Öster-reich Anfang September. Der Papstbesuch sollte den Katholiken Mut machen: "Wo Gott ist, da ist Zukunft!" Ein anderes Thema war die Kultur des Sonntags!
  • Anlässlich der Brasilienreise besucht der Heilige Vater eine "Farm der Hoffnung", eine Einrichtung für suchtabhängige Jugendliche von einem deutschen Franziskaner gegründet. Im Blick auf Mission wurde festgestellt: "Es bleibt noch viel zu tun!" Unverkennbar sollte damit Mut gemacht werden.
  • Erstmals besuchte Papst Benedikt die umbrische Stadt Assisi. Dabei deutete er die Bekehrung des hl. Franziskus als Öffnung für alle Menschen. Bei dieser Gelegenheit konnten die in Assisi lebenden deutschen Schwestern den Papst treffen. Er nannte sie "seine" bayerischen Kapuzinerinnen.
  • Die Tridentinische Liturgie wurde zugelassen als außerordentliche Form des einen römischen Ritus. Von den einen stürmisch begrüßt, von anderen mit Zurückhaltung aufgenommen.
  • Der Wallfahrtsort Fatima gedachte der Botschaft von vor 90 Jahren. Der Auf-trag - für den Frieden in der Welt zu beten - bleibt.
  • Franz Jägerstätter aus Radegund wurde am 26. Oktober in Linz seliggesprochen. "Er hatte Kraft zur Versöhnung."
  • Sterbehilfe nicht nur in der Schweiz - Bischöfe fordern den Schutz des Lebens vom Anfang bis zum Ende.
  • Die Verhandlungen zwischen der Bahn und der Gewerkschaft der Lokführer liefen zäh. Streiks strapazieren die Nerven der Pendler und bedeuten Millio-neneinbußen für die Wirtschaft.
  • Zwischen Israelis und Palästinensern wurden endlich wieder Friedensver-handlungen aufgenommen.
  • Die Diskussion um Kinderbetreuung wurde in den Formulierungen teilweise sehr scharf geführt. Vom Wohl der Kinder und den Familien insgesamt war wenig die Rede.
  • Erschütternd waren und sind die Nachrichten über Kinder, die vernachlässigt, misshandelt oder gar getötet werden. Der Ruf nach Hilfe wird laut. Dabei tritt in den Hintergrund der tagtägliche Einsatz der Eltern für ihre Kinder. Deren "Leistung" wird vielfach für selbstverständlich genommen.
  • Immer wieder wurden der Klimawandel und dessen Folgen thematisiert. Hier-von sind alle Menschen betroffen und von allen ist ein deutliches Umdenken und Handeln verlangt.
  • Überschwemmung trifft die Menschen in Bangladesch.
  • Terroranschläge im Irak gehörten fast zur Tagesordnung und auch deutsche Opfer in Afghanistan waren zu beklagen. Die menschliche Tragödie in Darfur wurde kaum gehört. Ganz zu schweigen von den Spätfolgen der Kriege, die Invaliden, Waisen, traumatisierte Kinder und Frauen zurücklassen.

    Mit dem Fest der heiligen Familie, 1921 eingeführt, wollte man die Bedeutung der Familie für die Kirche und für die Gesellschaft betonen. Das Fest zu feiern, kann nicht bedeuten, sich zurückzuziehen und die Sorgen der Menschen zu überhören. Das Mitsein Christi verpflichtet uns für die anderen. Die Liebe Gottes zeigt sich in der Verantwortung dem andern gegenüber. Hoffnung im christlichen Sinn ist immer auch Hoffnung für die anderen, ist aktive Hoffnung. - so Papst Benedikt in seiner zweiten Enzyklika.

    Auch wenn sich seit 1921 die Zeiten wesentlich verändert haben, so hat dieses Fest heute an Brisanz nichts eingebüßt, ja im Gegenteil, das Thema Familie hat hohe Ak-tualität. Das Weihnachtsfest ist ein Fest der Familie. Kein anderes Fest ist aufgrund seines Ursprungs, nämlich der Geburt des Sohnes Gottes, durch seine Menschwer-dung, durch sein kommen in eine Familie, das Familienfest schlechthin. Ich höre gelegentlich, dass mir Ehepartner zur Geburt ihres ersten Kindes sagen: Jetzt sind wir eine richtige Familie.

    Gott befreit aus Enge und Angst

    Schauen wir auf die biblische Botschaft, die am Fest der Familie verkündet wird. Oft und oft bildlich dargestellt ist die Flucht nach Ägypten ein Teil der Weihnachts- und Kindheitsgeschichte Jesu. Sie ist scheinbar eine kurze Episode, die hinüberleitet zum späteren Leben des Messias. In Wirklichkeit aber ist sie eine weitere Weih-nachtsgeschichte ganz eigener Art. Es geht darum, wie Menschen sich zu Jesus, dem Christus, verhalten, ob sie ihn aufnehmen oder ablehnen. Herodes vertritt jene, die ihn ablehnen, ja ihn sogar verfolgen.

    Der Gegenspieler ist Josef, der Mann Marias, der hier erstmals als Hauptfigur in Er-scheinung tritt. In künstlerischen Darstellungen wird er sonst als abseits stehender, fassungsloser Mann gezeigt, den Kopf auf die Hand gestützt nachdenklich, ja passiv. So als wollte man sagen: er kann mit dem Kopf das göttliche Wunder nicht begreifen.

    Umso bedeutsamer ist, dass er, um das Kind zu retten, dreimal tätig wird. Es ist nicht Angst, die ihn treibt. Er ist ein Hörender, er lässt sich etwas sagen. In seinem Inneren ist er Gott nahe und vernimmt ihm Traum, was zu tun ist. Und er lässt sich führen. Josef traut der Eingebung Gottes, der Stimme seines Gefühls in seiner Seele. Er bringt das Kind und seine Mutter in Sicherheit. Weit weg von diesem machtgierigen König (eng, angsterfüllt). So entdecken wir an Josef eine gute, väterliche Autorität, die wachsen lässt. Und den anvertrauten Menschen nicht klein hält

    .

    Josef ist der Gegenspieler des Herodes. Beide treffen Entscheidungen. Angesichts des Neugeborenen reagieren sie verschieden. Herodes wird misstrauisch und mordet. Josef dagegen hört die Stimme und vertraut der Botschaft.

    Irgendwann gerät jeder Mensch vor die Alternative Josef oder Herodes: Wie reagiere ich auf das göttliche Geschenk, das Gott mir mit Weihnachten macht? An Weihnachten wird uns gesagt, was jeder Mensch zum Leben braucht:

  • Gott will unbedingt, dass ich bin.
  • Ich darf sein, so, wie ich bin.
  • Ich muß mir mein Leben nicht verdienen.
  • Ich bin frei und mir geschenkt.
  • Auch für mich ist er Mensch geworden.

    Haben Sie das schon einmal gesagt bekommen? Schön, dass Du da bist! Können Sie das annehmen, glauben und sich darüber freuen? Oder sind Ihre Erfah-rungen so, dass sie eher vorsichtig, misstrauisch und ängstlich sind?

    Für Judenchristen steckt in der Erzählung von der Flucht nach Ägypten die Erinne-rung an den Auszug aus Ägypten. Gott hat sein Volk befreit aus Enge und Angst, aus bedrückender Herrschaft. Er hat sein Volk in die Freiheit entlassen. Die Flucht der Heiligen Familie und die Rückkehr aus Ägypten meint: Jesus hat persönlich das Geschick seines Volkes auf sich genommen. Er ist der von Gott gesandte Retter, Jeshua. Uns sagt die Geschichte von der Flucht, wie wir frei werden: nämlich indem wir Gott vertrauen und uns von ihm führen lassen wie Josef.

    Familie als Lernort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe

    Dieses Vertrauen fällt nicht einfach vom Himmel, es erreicht den Menschen nicht im luftleeren Raum. Vertrauen wird vermittelt durch Menschen, die durch Zuwendung und Verlässlichkeit sich Vertrauen erwerben. Darum verdient die Familie unsere gan-ze Aufmerksamkeit.

    In seiner zweiten Enzyklika, die von der christlichen Hoffnung handelt, spricht Papst Benedikt

  • Lern- und Übungsorte der Hoffnung
  • an. Neben dem Einsatz und Tun so-wie im Leiden und Scheitern des Menschen, wie auch dem Gericht (als Bild der Ver-antwortung) nennt der Papst an erster Stelle das Gebet. Miteinander sprechen, aufeinander hören, das Leben betend vor Gott bringen - das lernt ein Mensch vorrangig in der Familie.

    Papst Benedikt wird nicht müde die Bedeutung der Familie zu bekräftigen: "Die Familie ist der Kernbereich, in dem eine Person zuallererst menschliche Liebe kennen lernt und Tugenden wie Verantwortung, Großzügigkeit und brüderliche An-teilnahme entwickelt."

    Eine herzliche Einladung sprach Papst Benedikt während seiner Bayernreise in Mün-chen vor Erstkommunionkindern und deren Eltern aus:

    "Liebe Eltern! Ich möchte Euch herzlich einladen, Euren Kindern glauben zu helfen und sie auf ihrem Weg zur ersten Kommunion, der danach ja weiter geht, auf ihrem Weg zu Jesus und mit Jesus zu begleiten. Bitte, geht mit Euren Kindern in die Kirche zur sonntäglichen Eucharistiefeier. Ihr werdet sehen: Das ist keine verlorene Zeit, das hält die Familie richtig zusammen und gibt ihr ihren Mittelpunkt. Der Sonntag wird schöner, die ganze Woche wird schöner, wenn Ihr gemeinsam den Gottesdienst besucht. Und bitte, betet auch zu Hause miteinander: beim Essen, vor dem Schla-fengehen. Das Beten führt uns nicht nur zu Gott, sondern auch zueinander. Es ist eine Kraft des Friedens und der Freude. Das Leben in der Familie wird festlicher und größer, wenn Gott dabei ist und seine Nähe im Gebet erlebt wird."

    Predigten von Br.Marinus Parzinger
    17.Februar
    2.Fastensonntag
    Hilf uns glauben wie Abraham

    Der Herr sprach zu Abram: Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. In der Berufung Abrahams und der Segenszusage an ihn setzt Gott dem seit der ersten Sünde anwachsenden Fluch den Segen entgegen. Wie der Fluch sich auf die ganze Menschheit auswirkte, so soll nun der Segen die ganze Menschheit erreichen. Zum Mittler des Segens wird Abraham erwählt. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. Ich will segnen, die dich segnen; wer dich verwünscht, den will ich verfluchen. Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen. Da zog Abram weg, wie der Herr ihm gesagt hatte. Gen 12,1-4a

    In jener Zeit nahm Jesus Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg. Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht. Da erschienen plötzlich vor ihren Augen Mose und Elija und redeten mit Jesus. Und Petrus sagte zu ihm: Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Noch während er redete, warf eine leuchtende Wolke ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören. Als die Jünger das hörten, bekamen sie große Angst und warfen sich mit dem Gesicht zu Boden. Da trat Jesus zu ihnen, fasste sie an und sagte: Steht auf, habt keine Angst! Und als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus. Während sie den Berg hinabstiegen, gebot ihnen Jesus: Erzählt niemand von dem, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist. Mit 17,1-9

    Zu Recht sagen wir von Abraham, er sei der Vater aller Glaubenden. Ein Lied unserer Tage bittet: Hilf uns glauben wie Abraham. Das Zeugnis seines Lebens, wie es die Heilige Schrift uns überliefert, rechtfertigt diese Zuschreibung. Wenn Hoffnung ein Zentralwort des biblischen Glaubens ist, wie Papst Benedikt in seiner zweiten Enzyklika "Spe salvi" (Auf Hoffnung hin sind wir gerettet) schreibt, dürfen wir von Abraham sagen: er ist auch Vater der Hoffenden.

    Weder Glaube noch Hoffnung entspringen menschlicher Leistung. Wir bewundern Abraham nicht wegen einer Höchstleistung, die wir einzig ihm als Mensch zuschreiben und die für andere unerreichbar wäre. Glaube und Hoffnung entspringen der Freundschaft Gottes. Abraham ist ein Freund Gottes.

    Wie Abraham berufen wurde, aufzubrechen, das Wagnis des Glaubens einzugehen und auf die Erfüllung der göttlichen Zusage zu hoffen, so sind auch wir auf Vertrauen hin angesprochen. Der Ruf in die Nachfolge ist für jeden Menschen Einladung zum Vertrauen. Wir werden einen Weg geführt, den wir nicht aus eigener Kraft bestehen können. Gott schenkt uns dieses Zutrauen. Wie Abraham dürfen auch wir die Zusage hören: Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein.

    Diese Berufung beinhaltet zugleich auch die Sendung, durch ein gläubiges Leben für andere Menschen zum Segen zu werden. Das Vorbild eines glaubenden und hoffenden Menschen - eines Abraham - weckt diese Kräfte auch in anderen.

    Üben, üben, üben

    Sportler und Musiker wissen was gemeint ist, wenn der Trainer oder Lehrer vom Üben spricht. Nur beständiges Üben macht den Meister. Das gilt auch im religiösen Bereich, ohne schon wieder ins Leistungsdenken zu rutschen. Auch Hoffnung muss eingeübt werden. Papst Benedikt spricht von Lernorten der Hoffnung. Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Christen sagen, dass Hoffnung eine von Gott geschenkte göttliche Tugend ist. Trotzdem muss auch sie eingeübt werden. Hoffnung hat mit Beziehung zu tun. Und diese können eingeübt werden.

    Hoffnung ist das Produkt, der Ausfluss, die Frucht und die Konsequenz von guten, geglückten Beziehungen. Sie umfasst das ganze menschliche Leben, alle Fassetten und Zeiten.

    Der hl. Augustinus beschreibt Hoffnung so: "Hoffen heißt, an das Abenteuer der Liebe glauben." Und weiter stellt er fest: "Vertrauen zu den Menschen haben, den Sprung ins Ungewisse tun und sich ganz Gott überlassen, das ist Hoffnung". Glaube und Hoffnung erwachsen nicht aus menschlicher Kraftanstrengung. Gott weckt sie in uns. Dabei wählt er Menschen, wie Dich und mich, Menschen, die eigene Wege gehen und oft genug nicht hören und nicht tun, was Gott will. Es gibt kein Wachsen im Glauben, kein Vorankommen, ohne das Wechselspiel, dass Gott uns lockt und wir ihm trauen. Wir werden angesprochen auf Vertrauen hin und in Anspruch genommen. So wird jeder, der wie Abraham glaubt, zum Segen. Die Zusagen an den Gerufenen - du sollst ein Segen sein - erfahren andere, weil der Glaubende sein Gottvertrauen und seine Hoffnung mit anderen teilt. Er muss nicht ängstlich alles für sich behalten. Die Liebe Gottes zeigt sich in der Verantwortung dem andern gegenüber.

    Es ist gut, dass wir hier sind

    Petrus, Jakobus und Johannes hat Jesus mitgenommen auf den Berg. Dort wird er vor ihren Augen verklärt, sie haben ein Gipfelerlebnis; nicht weil sie einen Berg bezwungen haben und nun den Lohn ihrer Anstrengung genießen können, sondern weil Jesus ihnen ihm Glanz seiner Herrlichkeit gezeigt wird und durch die Stimme aus dem Himmel als Sohn Gottes verkündet. Dies ist Botschaft nicht nur für die drei Jünger, sondern für alle Menschen: Jesus ist der von Gott gesandte Befreier.

    Aus lauter Verantwortungsgefühl oder weil die alltäglichen Pflichten uns allzu sehr binden, fehlen uns die "Taborstunden", die Momente, die uns über uns hinaus auf Gott verweisen. Wir sind allzu sehr mit uns selbst beschäftigt und überhören die wegweisende Stimme, die uns sagt, auf wen wir hören sollen. Momente des Glücks, in denen wir wünschten, den Augenblick festhalten zu können, werden bald wieder abgelöst von der Wirklichkeit des Alltags mit ihren Aufgaben und Bedrängnissen. Beides gehört zum Glück.

    Es ist gut, dass wir hier sind, sagt Petrus. Diese Aussage des Petrus und seine Absicht, drei Hütten zu bauen, angesichts von Mose, Elija und Jesus, wird leicht missverstanden, wenn wir sagen: er wolle einfach den Glücksmoment festhalten und es sich bequem machen. Mit den drei Hütten, an die Petrus denkt, stellt er Mose, Elija und Christus als drei Lehrautoritäten nebeneinander.

    Die Stimme aus dem Himmel aber erklärt Jesus zum einzigen Lehrer. Auf ihn sollen die Jünger hören. Hier wird hörbar ein sehr altes Anliegen des frühesten Christentums, nämlich Jesus als den Sohn in Kontrast zu den Propheten darzustellen. Auf Jesus, den Christus, sollen wir hören und mit ihm in Beziehung bleiben. Sein Wort soll uns prägen. Nach seinem Wort sollen wir handeln.

    "Die Beziehung zu Jesus aber ist Beziehung zu dem, der sich für uns alle hingegeben hat. Das Mitsein mit Jesus Christus nimmt uns in sein "Für alle" hinein, macht es zu unserer Seinsweise. Es verpflichtet uns für die anderen, aber im Mitsein mit ihm wird es auch überhaupt erst möglich, wirklich für die anderen, fürs Ganze da zu sein." (Spe Salvi, 28)

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    06.April
    3.Ostersonntag
    Lebenshunger

    Danach offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal. Es war am See von Tiberias, und er offenbarte sich in folgender Weise. Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus (Zwilling), Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen. Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es. Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See. Dann kamen die anderen Jünger mit dem Boot - sie waren nämlich nicht weit vom Land entfernt, nur etwa zweihundert Ellen - und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her. Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot. Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt. Da ging Simon Petrus und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht. Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch. Dies war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war. Joh 21,1-14

    Der Griff nach der Unsterblichkeit!

    Sind wir nicht alle lebenshungrig? Ich meine: ja. Verschieden sind aber die Wege, die wir gehen, um unseren Hunger zu stillen. Den Jüngern, die in ihre Heimat zurückgekehrt waren und wieder ihrem Beruf nachgingen, begegnet der auferstandene Herr mitten im Alltag. Er steht am Ufer des Sees.

    Und er lädt sie ein: Kommt her und esst, und so werden ihre Seelen gesättigt. Zuvor schickt er sie hinaus, damit sie die Netze auswerfen. Und sie erfahren: Was sie auf sein Wort hin unternehmen, lässt die Kirche wachsen. Ihre Netze sind übervoll. Die Mühe hat sich gelohnt.

    "Gesundheit - höchstes Gut?"

    So lautet das Motto der "Woche für das Leben", die vom 5. - 12. April stattfindet. In einem Grußwort dazu heißt es: "Für die meisten Menschen scheint es unstrittig zu sein, dass Lebensqualität und körperliche Gesundheit identisch sind. Man kann sogar noch weitergehen und sagen: Die Sorge um die eigene Gesundheit ist heute ähnlich stark ausgeprägt wie in früheren Jahrhunderten die Sorge um das Seelenheil."

    Und noch etwas schärfer formuliert: "Der früheren Hoffnung auf die Erlösung über den Tod hinaus entspricht heute die Hoffnung auf die Erhaltung der Gesundheit und die Heilung von Krankheiten." Trägt diese Hoffnung? Was ist das für ein Osterglaube?

    In unserer Zeit werden Grenzen überschritten, wird der Mensch zum Material und zum Objekt der Forschung. Auf der anderen Seite haben wir Mühe, die grundlegendsten menschlichen Vollzüge zu bewältigen: mitfühlend und liebevoll umzugehen mit kranken und behinderten, mit seelisch bedrückten und sterbenden Menschen.

    Unsere Zeit sucht den neuen Menschen, meint aber nicht den, der in der Taufe zu neuem Leben geborenen wird, der sein Leben von Gott empfängt und selbstbewusst nach seiner Berufung fragt.

    In der Neuzeit wurde das Bild vom neuen Menschen aus seinem religiösen Zusammenhang herausgerissen und hat sich verselbständigt. Der neue Mensch kommt nicht von Gott, er wird herstellbar, züchtbar - als wären die Schrecken der Vergangenheit vergessen.

    Ein oft schwaches Selbstwertgefühl einerseits und ein unersättlicher Lebenshunger treiben uns dazu, uns neu zu erfinden und neu zu schaffen, und sei es mit Skalpell und Silikon. Doch nur Liebe und Solidarität können uns aus diesem Zwang befreien.

    Stark wie der Tod ist die Liebe

    In Homers Ilias wird anrührend von Odysseus erzählt, dem die Nymphe Kalypso die Unsterblichkeit anbot. Doch Odysseus lehnte ab. Er zog es vor, an der Seite seiner Frau Penelope alt zu werden. Er scheut nicht das Alter, die Krankheit und die Schmerzen. Liebe und Solidarität sind stark wie der Tod. Um zu uns selbst zu finden und die menschlichen Grenzen zu bejahen, brauchen wir Menschen, die unsere Hoffnungen und unser Leiden teilen. Die diesjährige Woche für das Leben ist eingebunden in einen Dreijahreszyklus, der unter dem Wort steht: "Gesund oder krank - wir sind von Gott geliebt"

    Es ist notwendig, dass wir hierzulande nachdenken über Gesundheit und Krankheit, über Lebensqualität und Zukunftshoffnung. Die Antworten bleiben dürftig, wenn sie nur auf Menschenmögliches bauen. Ostern eröffnet wirklich eine neue Perspektive. Ostern ist nicht Menschenwerk, sondern einzig und allein Tat Gottes. Mit ihm überspringen wir den Abgrund des Todes. Christus lebt, er ist auferstanden! Das ist keine bloße Information, sondern eine gute Nachricht, die unser Leben verändert. Wir alle sind aus Adams Geschlecht und somit auf dem Weg vom Leben zum Tod. Aber das ist nicht alles! In unserem Leben steckt mehr drin, als wir von Adam und Eva her in den Knochen haben. Durch die Taufe sind wir mit Christus begraben worden, um mit ihm auch zum Leben aufzuerstehen. Der Weg Christi ist uns gleichsam eingezeichnet, der Weg vom Tod zum Leben.

    Ob gesund oder krank - wir sind von Gott geliebt!

    Gott setzt neu ein, er begründet ein neues Geschlecht. Die Auferweckung Jesu Christi ist keine Wiederbelebung. Es werden nicht nur die Pferde gewechselt, und dann weiter im alten Trott.

    Gott setzt mit Ostern neu ein. Durch Todesschmerzen hindurch kommt der neue Mensch zur Welt.

    Ostern ist tröstliche Botschaft für uns, hier und heute. Wir dürfen wissen: Ob gesund oder krank - wir sind von Gott geliebt! Wir dürfen bitten: Herr, lass uns österliche Menschen werden!

    Unser Teil ist es, uns dem auferstandenen Christus zuzuwenden. So hat es Papst Benedikt in der Osternacht gesagt: "´Conversi ad Dominum` - wendet euch nun auf den Herrn zu." Bei diesem Ruf ging es "um die Conversio, um die Wendung unserer Seele auf Jesus Christus und so auf den lebendigen Gott hin, auf das wahre Licht."

    Dann kommt in der Messe der Ruf "erhebt die Herzen"; "das Herz nach oben, heraus aus allen Verquerungen in unsere Sorgen, in unser Begehren, in unsere Ängste, in unsere Gedankenlosigkeit - das Herz, euer Innerstes in die Höhe!" Es wird zur Erneuerung unserer Taufe aufgefordert. Die Hinwendung zum Herrn brauchen wir immer wieder neu. "Immer wieder müssen wir uns herauswenden aus den verkehrten Richtungen, in die wir so oft mit unserem Denken und Handeln gehen. Immer neu müssen wir uns hinwenden zu ihm, der Weg, Wahrheit und Leben ist. Immer neu müssen wir Bekehrte werden, mit dem ganzen Leben auf den Herrn zugewandt. Und immer neu müssen wir unser Herz aus der Schwerkraft, die nach unten zieht, herausholen lassen und inwendig nach oben heben: in die Wahrheit und in die Liebe hinein."

    Marinus Parzinger

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    25. Mai 2008
    8.Sonntag im Jahreskreis
    Sorgt euch nicht um morgen!

    Lesung: Jes 49,14 - 15; 1 Kor 4,1 - 5, Mt 6,24 - 34

    Seht euch die Vögel des Himmels an und lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen. - Macht euch keine Sorgen! - Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. Euch muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen.

    Dieses Wort der Heiligen Schrift ist hoch aktuell. Viel hat sich zwar verändert, jedoch nicht der Mensch. Er ist von Sorge geplagt. Darum trifft das Wort auch nach 2000 Jahren auf den Punkt. Jesus staunt über die Fürsorge Gottes, die er sogar den Vögeln schenkt. Und noch viel mehr kümmert er sich die Menschen. Für die Jünger, die im Auftrag Jesu die Botschaft vom Reich Gottes verkünden, sind die Worte Jesu wirklich Trost in Angst und Verzagtheit. Macht euch keine Sorgen!

    Zuerst das Reich Gottes!

    Zurück zu den Quellen war eine "Richtungsangabe" früherer Zeit. Jesus weist seine Jünger an, alles auf eine Karte zu setzen, nämlich das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit zu suchen. Um dafür frei zu sein, müssen sie vom Sorgen entlastet werden. Aber das geht gegen den Strich, gegen die elementare Lebensregung, sich zu kümmern und vorzusorgen für die Zukunft. Jesus fordert uns auf, dass wir uns ums Heute kümmern. Der gestrige Tag ist vorbei, der morgige noch nicht gekommen. Einer hat einmal geschrieben: "Um zwei Tage in der Woche brauchst du dich nicht zu sorgen: weder um gestern noch um morgen." Aber genau damit sind wir beschäftigt: was wir gestern versäumt haben und was wir für morgen planen. Kümmert euch um den heutigen Tag und überlasst alles andere Gott. Das ist die Botschaft Jesu. Sie schafft uns Freiheit und lehrt uns das Loslassen.

    Ist es nicht so? Wir befassen uns mit vielen nutzlosen Dingen, wir vergeuden damit unsere Zeit. Wir wollen Vorgänge kontrollieren und in der Hand behalten, die nicht in unserer Macht liegen. Übermäßige Sorge macht uns krank. Von Jesus lernen wir das Loslassen. Erst dann sind Herz und Hände offen, empfänglich, um sich von Gott beschenken zu lassen. Erst dann haben wir die Hände frei, um für das Reich Gottes zu arbeiten.

    Hast du was, dann bist du was.

    Die Wirklichkeit Gottes und sein Anspruch an uns Menschen werden vielfach überlagert von Dingen, die uns binden. "Hast du was, dann bist du was." ist häufig Maßstab menschlichen Handelns. Mit materiellen Gütern wollen wir unser Leben absichern. Mit Statussymbolen wollen wir unser Selbstwertgefühl aufbessern. Wir meinen, ohne sie nicht leben zu können. Jesus öffnet uns die Augen für Gottes Wirken in dieser Welt und in unserem Leben. Er will uns gewinnen als Mitarbeiter in seinem Reich.

    Arm und frei - Franz von Assisi

    Einer, der gerade dieses Stück Evangelium gut verstand, ist Franz von Assisi. Der reiche Kaufmannssohn gab alles her bis hin zur letzten Faser seiner Kleidung. Er wollte nackt dem nackten Christus folgen. Sein Beispiel hat eine Bewegung angestoßen, die die frohe Botschaft vom Reich Gottes damals aufleuchten ließ. Um den Schwachen zu helfen und Gerechtigkeit zu schaffen, braucht es Menschen, die dem andern zur Schwester und zum Bruder werden.

    Das Beispiel des Franziskus zeigt, dass jeder Mensch mithelfen kann, den Schwachen zu helfen und Gerechtigkeit zu schaffen. Wenn wir zu teilen beginnen, schwindet unser Egoismus und wächst unser Selbstwertgefühl. Auf diesem Weg und in dieser Haltung erkennen wir, was zählt und erfüllt. Das lässt sich nicht in Cent und Euro ausdrücken.

    Auf Dich kommt es an!

    Franziskus lebte vor 800 Jahren. Noch heute ist er für viele ein Vorbild. Aber es genügt nicht, sich auf ihn zu berufen. Wir sind gefragt. Unser Denken und Handeln hat Vorbildcharakter. Wo wir uns von Jesu Wort leiten lassen und entsprechend handeln, verwandelt sich mit uns auch ein Stück Welt. Unser Verhalten färbt ab.

    Wer wie Franz von Assisi "nackt dem nackten Christus folgen" will, der lässt sich auf das Abenteuer mit Gott ein. Viele werden das nicht verstehen können und dieser Einladung nicht folgen. Doch muss jeder Mensch sich einmal entscheiden, auf wen er sein Leben baut. Denn: Niemand kann zwei Herren dienen!

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    13. Juli 2008
    15.Sonntag im Jahreskreis
    Die Rede über das Himmelreich

    : Mt 13,1-9
    An jenem Tag verließ Jesus das Haus und setzte sich an das Ufer des Sees. Da versammelte sich eine große Menschenmenge um ihn. Er stieg deshalb in ein Boot und setzte sich; die Leute aber standen am Ufer. Und er sprach lange zu ihnen in Form von Gleichnissen. Er sagte: Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen. Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg, und die Vögel kamen und fraßen sie. Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war; als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte. Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen, und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat. Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach. Wer Ohren hat, der höre!

    Tu, was Du kannst, - und vertrau auf Gott

    Einfach nur traurig, wenn so viel Aufwand und Mühe scheinbar für die Katz waren. So empfinden und denken ehrenamtliche Helfer in Erstkommunion- oder Firmgruppen, die sich redlich mühen, ihren persönlichen Glauben und Glaubensinhalte weiterzugeben. Ungezählte Versuche - anschaulicher, altersgerechter und vor allem nachhaltiger Glaubensvermittlung - werden heute unternommen. Aber was kommt dabei heraus? Bisweilen eine Überraschung: die Saat geht auf, ein junger Mensch entscheidet sich für den Glauben. Und daran wird sichtbar: Ein anderer lässt wachsen und erfüllt das Leben der "Säleute" mit Sinn.

    Jesus lag daran, dass seine Zuhörer die "Geheimnisse des Himmelreiches erkennen." Er spricht in Form von Gleichnissen. Er war aber kein Märchenerzähler. Er offenbart in seiner Person, durch sein Leben und Wort, wer Gott ist. Jesus erzählt das Gleichnis von der bedrohten Aussaat und der erstaunlich guten Ernte. Er warnt vor religiösem Leistungsdenken und Selbstüberschätzung. Und er sucht Menschen, die wie er die Botschaft des Lebens aussäen, vorleben und vermitteln.

    Er hat zu allen Zeiten Menschen gefunden, durch die er sein Wort sprechen und seinen Samen ausstreuen konnte, und der Same ist aufgegangen - nicht überall, aber auf gutem Boden brachte er Frucht. Und in den Früchten reift neuer Samen.

    Mit dem Geben fängt alles an!

    Wer kennt diese Fragen nicht. Lohnt sich eigentlich mein Leben? Lohnt sich, soviel Aufwand und Mühe? Was kommt am Ende heraus, was bleibt? Solche Fragen sind nicht nur wirtschaftlicher Art, sie fragen nicht allein nach Gewinn und Rendite. Auch als Glaubende sind wir von Fragen und Zweifel umstellt: besonders dann, wenn Gebete keine Erhörung finden, wenn Eltern das Gefühl haben, mit der religiösen Erziehung ihrer Kinder Fehler gemacht zu haben, wenn sich das Gefühl einstellt, von Gott verlassen zu sein, wenn der Glaube seine Kraft verliert, wenn die Kirchen trotz großer Anstrengungen immer leerer werden.

    Unser Urteil gewinnen wir, weil wir die gewohnten Maßstäbe an unser Leben anlegen. Der Einsatz muss sich rentieren, zu etwas nutze sein, ein gutes Ergebnis, sprich Erfolg, bringen. Das ist die wirtschaftliche Grundregel. Wer kann es sich leisten, unwirtschaftlich zu sein. Das leuchtet ein und ist logisch. Das Verhältnis muss stimmen, zwischen dem, was ich aussäe und dem, was ich ernte, zwischen der aufgewendeten Arbeit und dem erzielten Ertrag, zwischen persönlichem Einsatz und sichtbarem Erfolg.

    Man muss kein Bauer sein, um zu verstehen, was Jesus mit dem Gleichnis sagen will. Mit dem Geben fängt alles an. Alle, die ihr Saatgut ängstlich zurückhalten, brauchen sich nicht zu wundern, wenn nichts wächst. Vielleicht wissen wir nicht einmal um die kostbaren Saatgüter, die sie in die Herzen der Menschen streuen könnten. Wie kann Liebe wachsen, wenn ich sie für mich behalte? Wie kann Freundschaft entstehen, wenn ich sie keinem anbiete?

    Wer reichlich sät, wird reichlich ernten

    Der Apostel Paulus ist Prototyp des Missionars, wie Erzbischof Ludwig Schick in seinem Hirtenwort zum Paulusjahr schreibt. Der Völkerapostel Paulus nennt als innerste Triebkraft seines Lebens: "Ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat" (Gal 2,20) Aus dieser Überzeugung lebte er, ohne nach oberflächlicher Harmonie zu suchen. Er verkündete das Evangelium Gottes trotz harter Kämpfe freimütig und furchtlos. Er versuchte nicht mit Worten zu schmeicheln, die Botschaft den Hörern anzupassen. "Die Wahrheit war ihm zu groß, als dass er bereit gewesen wäre, sie für den äußeren Erfolg zu opfern. Die Wahrheit, die er in der Begegnung mit dem Auferstandenen erfahren hatte, war ihm des Streites, der Verfolgung, des Leidens wert." (Papst Benedikt, 28. Juni 08)

    Jeder Mensch möchte etwas zuwege bringen, etwas Bleibendes aufbauen oder zum Guten verändern. Jesus stärkt in uns die Überzeugung, im kleinen, unscheinbaren Anfang schon das Große zu erkennen, das daraus erwachsen kann. Diese starke Zuversicht ist ein Herzstück der Verkündigung Jesu: Gottes Stunde kommt. Sie ist schon im Anbruch. Kehrt um und glaubt an das Evangelium.

    Auch wenn alles dagegen spricht, Jesus lässt sich nicht beirren: In diesem "Dennoch" liegt etwas Paradoxes und Unbeweisbares beschlossen und zugleich ist es Bekenntnis einer persönlichen Überzeugung und Hoffnung. Das Paradoxe (z. B. wenn ich schwach bin, bin ich stark) liegt uns nicht besonders. Das versteht nur der, der gelernt hat, mit dem Herzen zu sehen, zu glauben.

    Medien sind voll von dem, was in dieser Welt danebengeht. Das ist jedoch nicht das Ganze. Es geht nicht alles daneben. Lassen wir uns davon nicht bange machen. Lassen wir uns vielmehr anstecken von der Zuversicht Jesu. Lassen wir uns nicht blind machen vom Vordergründigen. Folgen wir den Fußspuren Jesu und vertrauen wir seinem Wort.

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    Angesichts des Erbarmens Gottes

    Manches Wort der Bibel kommt im Stundengebet und bei der Messfeier häufig vor und prägt sich dadurch ein. Eine solche Stelle ist im Römerbrief der Beginn des 12. Kapitels. Kurz, aber voller inhaltlicher Sprengkraft. Diese wenigen Worte geben mir immer wieder neu zu denken.

    Paulus verkündet: In Christus ist allen Menschen Gottes rettende Liebe begegnet. Daraus zieht er die Konsequenz und formuliert seinen Zuspruch, eine auferbauende Mahnung und Bitte. Paulus beruft sich auf das, was Gott zuvor für die Menschen getan hat. Die Bitte des Apostels erhält daher ihre Kraft: Angesichts des Erbarmens Gottes.

    Lebendiges Opfer sein

    Vom Opferbringen wollen viele nichts hören. Das tut weh. Das heißt Verzicht. Das erinnert mich an Advent und Fastenzeit, an die großen Sammelaktionen der Kirche. Sich selbst als Opfer darbringen - ist ganz und ganz unverständlich. Auch im Religiösen stößt das Wort "Opfer" auf Unverständnis und Widerspruch. Manche denken an Tier- oder gar Menschenopfer in archaischer Zeit, an Blut und Tod. Mit dem dargebrachten Opfer sollten die Götter gnädig gestimmt und Schuld vergeben werden. Das Lebensopfer Jesu am Kreuz bringen viele nicht so leicht zusammen mit dem Glauben an einen barmherzigen Gott. Aber Opfer im biblischen Sinn hat nichts zu tun mit sinnloser Gewalt.

    Die Bibel meint mit Opfer jede sichtbare Ehrung Gottes. Nicht Gott braucht Ehre von uns. Vielmehr hilft es uns, wenn wir Gott ehren. Damit wird deutlich, wer Gott ist und wer wir sind. In einer Präfation der Messe beten wir: "In Wahrheit ist es würdig und recht dir zu danken." Gott zu ehren, ihn zu lieben, ihm zu danken ist schlicht "gerecht".

    Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt. (Röm 12,1)

    Ein angemessenes Opfer sind nicht tote Tiere. Gott will nicht Brand- und Sündopfer, er fordert die Bereitschaft, seinen Willen zu tun. Meine Speise ist es, den Willen meines Vaters zu tun, sagt Jesus. Wie Jesus den Willen Gottes erfüllt, soll unser Opferdienst die Erfüllung der Gebote Gottes sein. Uns selbst sollen wir einbringen ins Leben vor Gott. Wir sind lebendig durch die Taufe, in der uns neues Leben von Gott geschenkt wurde. Gott will, dass wir unsere Talente einsetzen und für andere leben. Mit Jesus, seinem Tod und seiner Auferstehung, ist eine neue Wirklichkeit angebrochen. Wir haben die Wahl, ob wir weitermachen wie bisher, oder ob wir das Angebot Gottes annehmen.

    Hier setzen die Mahnungen des Paulus ein: Passt euch nicht an. Erneuert euch, sucht das neue Leben, sucht den Willen Gottes zu erkennen.

    Wie leicht passen wir uns den gängigen Meinungen und den Zeitströmungen an. Wir möchten dazugehören und machen mit. Wir wollen nicht am Rand stehen und verleugnen unsere Meinung. Obwohl Paulus zu Christen spricht, also zu Bekehrten, verlangt er doch, dass sie sich erneuern. Er setzt am Wendepunkt des Lebens an, als die Menschen zum Glauben an Jesus gekommen waren. Dieser Weg soll fortgesetzt werden. Hier darf es keinen Stillstand geben.

    "Verändert euch, nicht indem ihr euch dieser Welt anpasst, sondern indem ihr in eurem Denken neu werdet: lernt zu unterscheiden, was Gott will und was nicht." - so übersetzt Klaus Berger. Nicht einfach mitmachen, sondern die Vernunft gebrauchen, Nachdenken und prüfen, was dem Willen Gottes entspricht, was gut und vollkommen ist - das ist gemeint.

    Verlieren und doch gewinnen

    Das Heil, die Rettung des Lebens liegt - so sagt Jesus - nicht dort, wo wir es vermuten. Die Ankündigung seines Leidens löst den Widerspruch des Petrus aus: Das darf nicht mit dir geschehen. Dann legt Jesus dar, was er von einem Jünger erwartet, nämlich: loslassen, um zu gewinnen. "Wer sein Leben retten will, wird es verlieren, wer aber sei Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen." (Mt 16, 25) Wer sich ins Leben verkrallt, der kann es nicht festhalten. Dieser Satz steht dem ausgeprägten Sicherheitsdenken unserer Tage entgegen. Was tun wir nicht alles, um selber heil davon zu kommen. Christ ist, wer Jesu Wegweisung annimmt. Jesus ist unser Weg.

    Sich verschenken um Jesu willen

    Wer liebt, versteht den Satz: Du findest dein Glück, indem du andere glücklich machst. Du gewinnst, indem du dich gibst. Wer liebt, setzt sein Leben ein für andere - so lehrt uns das Beispiel Jesu. Gott liebt und schenkt uns Leben. Und das Geheimnis jeder Liebe heißt Auferstehung.

    Oscar Romero, der Erzbischof von San Salvador, sagte kurz vor seiner Ermordung am 24. März 1980: "Es ist zwecklos, sich selbst zu lieben, sich vor den Gefahren des Lebens zu hüten. Die Geschichte stellt die Menschen in diese Gefahren, und wer ihnen ausweichen will, verliert sein Leben. Wer sich hingegen aus Liebe zu Christus in den Dienst der anderen stellt, wird leben wie das Weizenkorn, das stirbt, aber nur dem Schein nach. Stirbt es nicht, so bleibt es allein. Die Ernte setzt das Sterben voraus. Nur was sich auflöst, trägt Frucht."

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    19. Oktober 2008
    29.Sonntag im Jahreskreis
    Kirchweihsonntag
    Wir feiern heut' ein Fest

    Damals kamen die Pharisäer zusammen und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen. Sie veranlassten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, daß du immer die Wahrheit sagst und wirklich den Weg Gottes lehrst, ohne auf jemand Rücksicht zu nehmen; denn du siehst nicht auf die Person. Sag uns also: Ist es nach deiner Meinung erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? Jesus aber erkannte ihre böse Absicht und sagte: Ihr Heuchler, warum stellt ihr mir eine Falle? Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt! Da hielten sie ihm einen Denar hin. Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie antworteten: Des Kaisers. Darauf sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört! Mt 22,15-21

    Wir feiern heut' ein Fest

    "Jetzt haben wir Gott ganz nahe bei uns gefühlt." So bedankten sich zwei Frauen, deren Mutter ich zuvor in der Aufwachstation der Intensivstation eines Münchner Krankenhauses die Krankensalbung gespendet hatte. Ich war erstaunt über diese Aussage, zumal die beiden Frauen - wie sie selber erzählten - keine aktiven Christen, sprich Kirchgänger, waren. Aber hier ging es um ihre kranke Mutter, um die Hoffnung auf Genesung und die eigene Hilflosigkeit. Das machte sie empfänglich für die Zeichen und Worte des Krankensakramentes. So hat das Zeichen der Nähe Gottes sie berührt. Ich musste an Jesu Wort denken: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. - Eine persönliche Erfahrung von Kirche. Eine Erfahrung anderer Art kann einem geschenkt werden, wenn man eine gotische Kathedrale besucht, und die himmelstürmende Architektur einen in ihren Bann zieht.

    Wie haben die das damals gebaut, ohne moderne Maschinen? Wie haben die Baumeister die Statik berechnet? Die Kirche als Bauwerk eröffnet einen Raum für Besucher und Beter. Sie ist Haus Gottes, mehr noch, sie ist ein Ort für die Begegnung zwischen Gott und Mensch.

    Unberührt von solchen Erwägungen stellt mancher Zeitgenosse die praktischen Fragen: Wie hoch ist das Gewölbe, wie viele Menschen passen in diese Kirche, was kostet der Unterhalt im Jahr? Größer, schneller, …

    Es liegt in uns Menschen der Drang, etwas Großes zu schaffen und dadurch jemand zu sein; etwas zu tun, was wir uns zuschreiben können und womit wir uns von anderen unterscheiden. Egal, ob im Bereich der Musik, des Sports, der Wissenschaft usw. Wir staunen darüber, was menschenmöglich ist, und freuen uns daran, was andern oder uns gelungen ist. Wir treten zu Wettkämpfen an, messen unsere Kräfte und ermitteln den Sieger. Im Lauf der Jahrhunderte wurden Kirchen gebaut als sichtbare Zeichen des Glaubens. Die einen waren bewusst schlicht gestaltet, ohne großen Prunk. So spiegelt manche Klosterkirche die asketische Haltung der Mönche wieder und ihre Konzentration auf das Wesentliche.

    An anderen Kirchen lässt sich die Entwicklung neuer Baustile erkennen und der Wunsch, etwas Großartiges zu schaffen. An den prächtigen Domen und großen Kathedralen der Gotik beispielsweise haben Baumeister und Künstler ihr Können unter Beweis gestellt und die Menschen ihrer Zeit staunen lassen. Jenseits des Machbaren entdeckt, wer glaubt und mit dem Herzen sieht - denn das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar - was uns geschenkt ist. Seien wir froh, dass wir in unserer Heimat so schöne Kirchen haben, dass unsere Gotteshäuser meist auch offen sind und zum Gebet einladen, dass darin Menschen sich begegnen und ihren Glauben feiern.

    Heute werden mitunter Kirchen geschlossen, abgerissen oder anderweitig - nicht mehr für den Gottesdienst - genutzt. Den davon betroffenen Christen tut das in der Seele weh. Aber wie soll es gehen. Die Zahl der Kirchgänger und Christen in unserem geht zurück.

    Wir feiern Kirchweih!

    Die Heilige Schrift bezeugt auf vielfache Weise, wie es Gott zu den Menschen hindrängt, wie Sehnsucht ihn zu den Menschen treibt und die Liebe in bewegt, sie zu retten, zu heilen und zu erlösen. Ein Familienkatechismus erinnert, dass Kirche mehr ist als das sichtbare Gebäude aus Steinen. "Die KIRCHE ist das Volk Gottes, der Leib Christi, der Tempel des Heiligen Geistes. Kirche ist Zeichen und Werkzeug des Heiles: Durch sie wirkt Christus. Die Kirche ist heilig trotz aller menschlichen Schwäche und Bosheit, weil Gottes Geist in ihr lebt. Sie ist als ´Spurenelement‚ überall vorhanden, wo Gottes Gnade in den Menschen Gutes bewirkt. Sie soll allen Völkern die Frohe Botschaft bringen."

    Damit ist gesagt, wozu es Kirche gibt, sowohl die aus Steinen erbaute als auch die aus Menschen. Kirche - (griechisch) die dem Herrn gehören, (lateinisch) die Schar der Herausgerufenen - ist die Gemeinschaft derer, die sich vom Herrn haben rufen lassen, sich unter seine Herrschaft stellen und sein Wort befolgen. Kirche steht für den Vorrang Gottes in unserer Welt, und damit zugleich für den Vorrang des Menschen, der als Gottes Ebenbild eine besondere Stellung in der Welt hat.

    Jedes Mitglied der Kirche soll sein wie ein Wegweiser für suchende Menschen, die nach Sinn in ihrem Leben fragen. Sie sind eine Einladung, sich der Botschaft Gottes zu stellen und schließlich selber Boten für Gott zu werden. Die Botschaft Jesu im Evangelium ist eindeutig: Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört. Was sich gehört, was nicht einfach nur mir gehört, darüber lässt sich heute munter streiten. Wenn unser Ego sich aufplustert und wir unseren Willen durchsetzen wollen, als wären wir die letzte, alles bestimmende Instanz. Ja, dass ich mir nicht selbst gehöre, sondern mich einem anderen verdanke, das lässt mich staunen und dankbar werden. Eine grundlegende Botschaft durchzieht die Bibel wie einen roten Faden: der Mensch lebt auf Gott hin, er versteht sich nur recht von Gott her.

    Er lebt mit der Zusage, dass Gott für ihn helfend da ist,
    Er lebt mit der Verheißung: ich will euer Gott sein, ihr sollt mein Volk sein.
    Er lebt mit dem Trost: Fürchtet euch nicht. Ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung der Welt.
    Gäbe es die Kirche nicht als Gemeinschaft der Glaubenden, und gäbe es die Kirchen nicht als sichtbare Wohnstätten Gottes bei den Menschen, wären wir arm, ja sehr arm.

    Drum feiern wir Kirchweih! Jedes Kirchweihfest erinnert uns daran, dass wir zu Gott gehören und so frei sind. Gott zu geben, was Gott gehört, schafft uns eine kritische Distanz und relativiert irdische Herrschaftsverhältnisse. Wer Gott gibt, was ihm gehört, räumt nicht nur Gott den Vorrang ein in seinem Leben, sondern verschreibt sich zugleich den Menschen, die Unrecht leiden und Rettung ersehnen. Wem fallen da nicht Worte Jesu ein, mit denen er das Reich Gottes verkündet hat: Das Reich Gottes ist nahe, kehrt um und glaubt an das Evangelium - sorgt euch nicht um euer Leben, noch was ihr Essen oder Anziehen sollt - euch muss es zuerst um das Reich Gottes gehen, alles andere wird euch dazugegeben werden.

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    07. Dezember 2008
    2. Adventsonntag
    Was hilft uns weiter?

    Sind es die Ermahnung, dass wir uns endlich zusammenreißen sollen und unsere schlechten Gewohnheiten aufgeben? Ist es die Androhung: Wenn du das nicht machst, dann sind wir geschiedene Leute. Dann kannst du nicht mehr mit mir rechnen. Sind es kluge Ratschläge, wie: Ich habe es dir doch schon immer gesagt, aber du hörst ja nicht auf mich. Oder sind es negativ Prognosen: Das wird nie was. Das geht schief. Lass es sein. Ich meine, um wirklich leben zu können brauchen wir Trost und Ermutigung. Dadurch lernen wir uns selbst zu schätzen und zugleich die Eigenart anderer Menschen bejahen.

    Die adventliche Botschaft des Jesaja tröstet und bestärkt uns genau darin. Gott wird seine Zusage einlösen. "Tröstet, tröstet mein Volk. Der Frondienst ist zu Ende. Die Schuld ist beglichen. Die Strafe ist erlitten. Seht, Gott, der Herr, kommt mit Macht. Wie ein Hirt führt er seine Herde zur Weide."

    Seine Predigt ist keine Schlagzeile, die am nächsten Tag von einer neuen abgelöst wird. Seine Botschaft überdauert die Zeit. Sie redet von einer Zukunft, die sicher kommt; denn der ewige Gott führt diese Zukunft herauf. Er kommt, um die Menschen zu sammeln und zu heilen. Seine Ankunft wandelt die Unheilsgeschichte seines Volkes in eine Heilsgeschichte. Für diese Botschaft steht der Prophet.

    Was brauchen wir zum Leben?

    Hinter dieser Frage steckt die Aussage, dass uns das Leben geschenkt wurde. Advent ist die Zeit, da wir den Geschenkcharakter unserer Existenz neu und wieder stärker erfahren können. Wir erwarten den, der von Gott kommt und sich uns schenkt. Wir erwarten den, der Licht bringt in unser Leben.

    Wie gestalten wir selber den Advent? Wollen wir es ruhig und meditativ haben, bei Kerzenschein mit Punsch und Plätzchen? Es ist in Ordnung, wenn wir dem Lärm und der Hektik entfliehen und einer Welt voll Unruhe und Überaktivität kritisch gegenübertreten. Advent ist aber mehr! Nämlich Einüben, gelassen zu warten und zu hoffen, damit wir uns selbst und Gott näher kommen. Und dabei alles loslassen, was den Weg zu Gott verstellt.

    Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich

    Johannes der Täufer, der Rufer in der Wüste, versteht die Situation, er kennt die religiöse Erwartung der Menschen und benennt sie. Er versteht sich als Vorläufer. Er geht einem andern voraus. Er bekennt: "Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich." Dieser Glaube entlastet ihn. Er kann sich in seiner Schwäche annehmen und auf den Stärkeren, auf Christus, sein Leben bauen. Johannes rechnet mit Jesus. Er will Jesus stark machen und nimmt sich zurück. Fragen wir uns: Worauf habe ich mein Leben gebaut, wem habe ich mich anvertraut? Und sind wir als Glieder der Kirche nicht auch Wegbereiter auf Christus hin?

    Johannes verlangt von seinen Zuhörern, die sich taufen lassen Zeichen der Umkehr. Sie sollen sich bereit machen für die Ankunft des Retters. Bereitet dem Herrn den Weg, macht gerade seine Pfade. Die Predigt des Johannes hat die Menschen nicht veranlasst, Kerzen anzuzünden oder Glühwein zu trinken und dazu Plätzchen zu essen.

    Sie erwarteten das Kommen des Herrn. Sie erhofften die Wende durch Gottes heilvolles Handeln. Nur Gott kann Licht bringen ins Dunkel. In dieser Hoffnung wollen wir den Advent gestalten. Wir können beispielsweise auf andere Menschen zugehen, das Gespräch mit dem Nachbarn suchen, mit Kindern, Enkeln, Großeltern etwas unternehmen, Zeit für sie haben, oder auch das tun, was sonst oft zu kurz kommt. Dabei mag der Weg durch den Advent für jeden anders aussehen.

    Im Advent haben wir an unserer Seite hilfreiche Begleiter, wie Maria, Elisabeth oder eben Johannes den Täufer. Er verkörpert eine Vision. Was er sagt, kauft man ihm ab. Seine ganze Kraft, sein Wort und sein Leben sind auf ein klares Ziel hin ausgerichtet. Vom Ziel her empfängt er seinen Mut und seine Beharrlichkeit. Diesem Ziel ordnet er alles andere unter.

    Wer seine Stimme hört und seine Erscheinung erblickt, weiß, dass es Johannes um das Ganze geht. Sein Ruf "Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen" - lässt keine Kompromisse zu. Seine Botschaft ist richtungsweisend. Sein Blick richtet sich auf das Kommen des Messias. Durch diese Ausrichtung empfängt sein Leben einen Sinn. Er kann zurücktreten und sein Tun als etwas Vorläufiges akzeptieren. Der Täufer verkörpert den Menschen, der ein klares Ziel vor sich hat und deshalb gelegen und ungelegen von dem erzählt, was sein Herz und seinen Sinn erfüllt. Das macht ihn so groß im Advent. Bei aller Brüchigkeit seines Lebens verzweifelt er nicht, denn er sieht sich in einem größeren Ganzen aufgehoben. Greifen wir doch seine Vision und seinen Glauben auf!

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    Predigten von Br.Marinus Parzinger 25. Januar 2009
    3. Sonntag im Jahreskreis
    Unser Gott ist barmherzig

    Lesung aus dem Buch Jona, 3,1-5.10 Das Wort des Herrn erging zum zweiten Mal an Jona: Mach dich auf den Weg und geh nach Ninive, in die große Stadt, und droh ihr all das an, was ich dir sagen werde. Jona machte sich auf den Weg und ging nach Ninive, wie der Herr es ihm befohlen hatte. Ninive war eine große Stadt vor Gott; man brauchte drei Tage, um sie zu durchqueren. Jona begann, in die Stadt hineinzugehen; er ging einen Tag lang und rief: Noch vier-zig Tage und Ninive ist zerstört! Und die Leute von Ninive glaubten Gott. Sie riefen ein Fasten aus und alle, Groß und Klein, zogen Bußgewänder an. Und Gott sah ihr Verhalten; er sah, dass sie umkehrten und sich von ihren bösen Taten abwandten. Da reute Gott das Unheil, das er ihnen angedroht hatte, und er führte die Drohung nicht aus.

    Es gibt Menschen, die haben die ganze Bibel - von vorn bis hinten - gelesen. Manche sogar mehrmals. Andere sagen: Ich kann das nicht lesen, weil ich manches nicht verstehe und manche Abschnitte verstörend grausam sind. Es braucht jemand, der die Freude an Gottes Wort vermitteln kann.

    Die Bibel ist ein Schatz voll mit Erfahrungen, die suchende und glaubende Menschen mit ihrem Gott gemacht haben. Besonders mag ich das kleine Buch des Propheten Jona. Wer kennt ihn nicht, den Propheten Jona, den Mann im Fisch. Oberflächlich betrachtet klingt die Jonaerzählung ein wenig wie ein Märchen. Wer aber genauer liest, der kann einiges entdecken. Man muss fast schmunzeln, wie dieser Jona - eigen-willig und engstirnig - sich abmüht und mit sich und mit Gott ringt. Nichts läuft nach Plan. Was er will, lässt sich nicht erreichen. Und auch Gott mutet ihm einiges zu. Die Jona-Erzählung knüpft an den Propheten Jona an, der im 8. Jh. vor Christus gelebt hat. Die Erzählung ist erst viel später geschrieben und hat einen lehrhaften Charakter. Darin steckt viel Liebe zum Detail. Hintergründiges lässt sich entdecken von dem, der aufmerksam liest.

    Ninive war seit dem 8. Jahrhundert vor Christus die Hauptstadt Assurs und wurde 612 vor Christus von den Babyloniern und Medern zerstört. Ninive steht noch lange danach als Symbol für Gottlosigkeit und Selbstbezogenheit. Da wird einer von Gott berufen, um Umkehr und Buße zu predigen in einer Stadt, die als verdorben und gottlos galt. Weil ihm dieser Auftrag nicht schmeckt, flüchtet er. Lieber fährt er mit heidnischen Schiffsleuten ans Ende der Welt als dass er sich auf Gottes Plan einlässt. In der dunklen Höhle des Fisches, in den dunklen Tiefen des Meeres muss er sich Gott stellen.

    Zum Davonlaufen

    Wer hat das noch nie gesagt - in einer schier unerträglichen Situation, in größter Sorge und Ratlosig-keit. Am liebsten auf und davon. Ausreden gibt es genug, um sich nicht stellen zu müssen. Was geht es mich an? Ich kann ohnehin nichts tun! Wenn ich nicht mag, dann finde ich auch einen Weg, um dem Problem oder einem Menschen aus dem Weg zu gehen. Ich lenke mich durch reichlich Arbeit ab. Ich schweige tot, was endlich gesagt werden sollte. Ich trinke einen über den Durst usw. "Fang mich doch", so sagen Kinder beim Fangenspielen. "Du erwischt mich nicht!" Ja, man kann auch Gott davonlaufen. Wir sehen nur uns und unsere Welt, was wir erreichen möchten und tun, wie wir leben und uns sorgen. Wir haben keinen "Empfang" für Gott. Das Leben ist ja schon kompliziert genug ohne Gott, sagen manche. Und fürchten, dass es mit ihm noch schwieriger wird.

    Was Jona zugemutet wird

    Zurück zu Jona. Letztlich kann er Gott nicht davonlaufen. Nach erneutem Auftrag erfüllt er ihn. Die Menschen dieser Stadt erhalten eine Chance, wenn sie sich bekehren. Die Bewohner der Stadt fasten und wenden sich Gott zu. Sie ändern ihr Leben. In einer als gottlos titulierten Stadt bricht eine religiöse Stimmung auf. Menschen, die sonst nur sich und ihren Vorteil gesucht haben, sind plötzlich empfänglich für Gottes Wort. Gott zeigt sich als ein vergebungsbereiter und sich erbarmender Gott. Er setzt die Logik von Schuld und Strafe, die menschliches Denken so sehr prägt, außer Kraft. Das gilt nicht nur für besondere ethnische Gruppen oder Völker, das gilt für alle.

    Solches zu begreifen, ist für Jona, den Gottes-Gelehrten aus Israel, nicht einfach. Gott lässt ihm Zeit und nimmt ihn ernst. Gott ist barmherzig. Seine Liebe gilt allen Menschen. Das dürfen wir entdecken und glauben und durch unser Leben verkünden. Dazu sind wir berufen.

    Christus braucht unsere Füße, um heute zu den Menschen zu gehen.
    Christus braucht unsere Hände, um heute die Menschen zu heilen.
    Christus braucht unseren Mund, um heute Frieden zu stiften.
    Christus braucht unser Gesicht, um heute Hoffnung zu geben.
    Christus braucht unser Herz, um heute die Menschen zu lieben.
    Wir sind das Brot, das er heute verteilt.
    Wir sind das Evangelium, das er heute verkündet.
    Wir sind die Bibel, die die Welt heute liest.
    Herr, lebe in uns! Handle in uns! Liebe in uns!

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    15. März 2009
    3. Fastensonntag
    Frei und darum verantwortlich

    Das Vertrauen in Fachleute ist seit der Banken- und Finanzkrise erschüttert. Aktuell scheint der gesunde Hausverstand weiter zu tragen als manche Prognose eines Forschungsinstituts. Worauf können wir uns verlassen? Ich habe den Eindruck, dass wir Menschen uns nicht gern von anderen belehren lassen. Denn dabei fühlen wir uns klein und angewiesen. Die Meinung einer Einzelperson mit sympathischer Ausstrahlung wird noch eher angenommen als die Aussage einer anonymen Institution, deren Strukturen rätselhaft sind.

    Wer will mir Vorschriften machen? - Bin ich nicht ein freier Mensch! Wer will mir etwas sagen? Jesus als Retter und Befreier hat eine wegweisende Botschaft für Dich und mich.

    Gott erhebt einen Anspruch an uns! Jesus stellt sich über die Propheten. Er übt Kritik an einer veräußerlichten religiösen Haltung, die sich mit Opfern gleichsam freikauft. Er stellt den Tempel als Kultzentrum in Frage. Er selbst ist der Heilsbringer über alle Grenzen hinweg.

    Er spricht jedem Menschen große Würde und Verantwortung zu, indem er ihn selbst zu einem Ort der Gegenwart Gottes erklärt: "Wisst ihr nicht, dass ihr Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt ...? Gottes Tempel ist heilig, und das seid ihr." (1 Kor 3,16)

    Für ein gelungenes Menschenleben

    Die Zehn Gebote sind ein Thema, das immer wieder aufgegriffen wird. Jüngste Neuerscheinungen belegen das. Manche können die Gebote der Reihe nach aufsagen und können sie auch deuten. Sie kennen sie aus dem Beichtspiegel und nutzen sie als Orientierung für ihr Leben. Andere wissen nichts damit anzufangen.

    In den Büchern wird sorgsam erklärt, dass diese Lebensregeln, die Gott den Menschen gab, uns nicht die Freiheit nehmen, sondern zu einer freien Entscheidung rufen. Die Gebote sind die Eckpfeiler, sie lassen uns in Gottes Freiheit leben. Sie rufen uns zu einem vor Gott verantworteten Leben.

    Kürzlich wurde eifrig diskutiert als eine Studie offenlegte, dass für viele Bundesbürger Schwarzarbeit kein schlechtes Gewissen macht. Die Löhne seien zu hoch, das können viele nicht bezahlen, man hätte keine Wahl. Im Einzelfall haben wir schnell eine Ausrede parat, wenn es darum geht unser Verhalten zu rechtfertigen. Mitunter fehlt aber auch das Verständnis für den größeren Zusammenhang. Wenn man weiterdenken würde, käme rasch die Einsicht, dass das nicht gut gehen kann, wenn mein Beispiel Schule macht.

    Der Ursprung der Gebote liegt in der Gotteserfahrung des Volkes Israel begründet, in der Befreiung aus der Sklaverei. Gott hat sein Volk erwählt und befreit. Er führt es, gibt ihm Nahrung und Zukunft. Gott begründet seinen Anspruch: "Ich bin der Herr, dein Gott, der dich herausgeführt hat aus Ägypten, aus dem Sklavenhaus."

    Gott selbst reißt die Mauern eines fremdbestimmten Sklavendaseins nieder und stellt sich an die Spitze des Weges, der in die Freiheit führt - damals und heute. So gesehen trifft die Formulierung des Franziskaners P. Helmut Schlegel den Kern. Er nennt den Dekalog die "Zehn Freiheiten Gottes für ein gelungenes Menschenleben".

    In den Geboten haben wir ein Korrektiv zum überspannten Individualismus. Dem anderen und sei er arm, fremd und ganz anders als man selbst, gerade ihm gelten die gleichen Rechte. Die 10 Gebote wurden zur ethischen Grundlage der menschlichen Zivilisation. Die Magna Charta des Lebens ist ein Angebot zur Lebensgestaltung für alle Menschen.

    Jesus Christus in die Mitte rücken

    Keinen Strich der Weisungen Gottes hebt Jesus auf, vielmehr erfüllt er, der gehorsame Sohn, die Gebote Gottes. So hat er seine Sendung verstanden. Wir dürfen "auf Christus schauen" und ihn als die Mitte des Glaubens annehmen. In Mariazell (8. Sept. 2007) sagte Papst Benedikt: "`Auf Christus schauen!´ Wenn wir das tun, dann sehen wir, dass das Christentum mehr und etwas anderes ist als ein Moralsystem, als eine Serie von Forderungen und von Gesetzen.

    Es ist das Geschenk einer Freundschaft, die im Leben und im Sterben trägt: `Nicht mehr Knechte nenne ich euch, sondern Freunde´, sagt der Herr zu den Seinen. Dieser Freundschaft vertrauen wir uns an. Aber gerade weil das Christentum mehr ist als Moral, eben das Geschenk einer Freundschaft, darum trägt es in sich auch eine große moralische Kraft, deren wir angesichts der Herausforderungen unserer Zeit so sehr bedürfen."

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    03.Mai 2009
    4. Ostersonntag
    Im Umbruch die Hoffnung bewahren

    In einem Pfarrbrief einer Münchner Pfarrei las ich zum aktuellen geistlichen Prozess und den neuen pastoralen Strukturen in der Erzdiözese München-Freising: Die Katholische Kirche in Deutschland befindet sich in einem radikalen Umbruch. Volkskirchliche Strukturen zerbrechen, auch bei uns. Be-reits jetzt haben mehr als die Hälft der Pfarreien in der Erzdiözese keinen eigenen Pfarrer mehr. Aber es gibt auch einen "Gläubigenmangel": von 1995 bis 2005 ist die Zahl der Katholiken um über 10 % zurückgegangen, die Zahl der Gottesdienstbesucher in den letzten 30 Jahren sogar um 53,5 %. Die Anpassung äußerer Strukturen allein wird den Weg in die Zukunft nicht eröffnen. Wichtig ist eine geistliche Neuorientierung. Mut machend sagt Erzbischof Reinhard Marx: "Es gibt kein Naturgesetz, dass sich immer weniger Menschen für das Evangelium Jesu Christi interessieren." oder: "Die Sozial-gestalt der Kirche verändert sich, die Kirche stirbt aber nicht."

    Was lösen diese Worte bei uns aus? Nehmen wir die Situation an und lesen wir sie als Zeichen der Zeit? Was immer uns an-geht, uns in Frage stellt und verunsichert, wir dürfen damit zu Jesus kommen. Indem wir uns mit unserer Lebenslast ihm zuwenden, nehmen wir ihn an als guten Hirten, der die Sei-nen kennt und für sie sorgt. In ihm sind wir erkannt, d. h. geliebt. In ihm finden wir Leben in Fülle. Wir entdecken, dass er uns anschaut, wirklich uns meint, mit uns geht und Geduld hat, weil er an uns glaubt. Wir überwinden Angst und Einsamkeit, durchbrechen die Kette aus Niederlagen und Enttäu-schung. Jesus Christus ist die Tür! Durch ihn finden wir den Weg hinaus ins Weite, finden auch den Zugang zu unserm Inneren, zu bislang verschlossenen Bereichen des Lebens, zu anderen Menschen und zu Gott. Jesus Christus wird für uns dann zur Tür, wenn wir bereit sind, einzutreten.

    Dein Platz in Gottes Plan

    Am Weltgebetstag für geistliche Berufe mit dem Motto "Hier bin ich. Sende mich." sind wir eingela-den, ja zu sagen zum Ruf in die Nachfolge Jesu, und für Menschen zu beten, die noch nicht recht wis-sen, wohin es in ihrem Leben gehen soll. Es geht dabei um die sehr persönliche Entscheidung für je meinen Weg. "Gott, du hast mich berufen, jemand zu sein und etwas zu tun, wozu kein anderer beru-fen ist. Ich habe einen Platz in Gottes Plan, auf Gottes Erde, den kein anderer hat." (John Henry New-man)

    Ich lade Sie ein, über ihre Berufung nachzudenken. Die Bibel bezeugt: Jeder, auch Du bist ein von Gott Gesuchter! Gott hat ein Wort für dich. Er ergreift die Initiative. Meist ganz unspektakulär. Aber wie weiß ein Mensch, dass es Gott ist, der ihn berührt, und nicht seine Träume und Phantasien? Es ist ein "Gefühl", dass sich "der Himmel öffnet", eine Erfahrung von Fülle: plötzlich tun sich größere Zusammenhänge auf, Fragen werden beantwortet, Stärken können genutzt werden. Diese Erfahrung der Fülle macht sich fest an Situationen, Orten und Personen. Wer solches erlebt, erschrickt, fühlt sich erkannt, ahnt die Konsequenzen; die Bibel benennt ohne Scheu die Reak-tion des so angesprochenen: deutliche Einwände! - Das kann doch nicht wahr sein! Ich bin ja ver-rückt! Was sollen die anderen denken?

    Wie kann ich sicher sein, dass Gott mich meint? Ich bin doch nicht besser als die andern. Ich bin "un-würdig", mein Leben ist nicht heil, und heilig bin ich schon gar nicht. Diese Einwände heilt Gott. Er weiß um uns Menschen und er nimmt uns an wie wir sind. Gerade Schwäche kann so zur Stärke wer-den. Gott zeigt darin seine heilende und vergebende Liebe. Hier bin ich! Sende mich!

    Der Prophet Jesaja wird gefragt und erwählt: "Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen?" Und Die Frage richtet sich an einen, der zum Volk gehört und dessen Auftrag den anderen gilt. Durch den einzelnen will Gott zum Volk sprechen. Da gehört schon Mut dazu, wie Jesaja zu antworten: "Hier bin ich! Sende mich!"

    Noch etwas muss erwähnt werden. Die Einladung Gottes zur Nachfolge gilt mir persönlich. Aber ich bleibe damit nicht allein. Andere gehen mit mir mit. Denn auch sie sind heraus-gerufen und erfüllen ihre Sendung an dem Platz, an dem sie leben. Es ist unsere Aufgabe einander zu helfen, den Ort zu finden, an dem wir sagen können: "Hier bin ich! Sende mich!" Der hl. Franziskus lässt in seinem Testament schreiben: "Glorreicher Gott, wir sagen Dir größten Dank für die verschiedenen Gnadengaben, die wir von Dir, unserem freigebigen Spender, dem Vater der Erbarmungen, empfangen haben und noch täglich empfangen.

    Besonderen Dank sagen wir Dir für unsere Berufung, denn sie ist groß: Jesus selbst, Dein Sohn, ist unser Weg geworden. Herr, Du hast uns aufgestellt als Beispiel und Spie-gel füreinander und für die Menschen, die uns in der Welt begegnen. Aufgabe unseres Lebens ist, dass Menschen sich spiegeln können in uns und selbst werden zu Spiegeln und Beispielen für andere. Groß ist diese Berufung, Herr, und so preisen wir Dich mit großem Lob. Wir bitten Dich um die Kraft, dass wir das Gute, das wir tun sollen, auch tun können." (frei übertragen von Helmut Schlegel ofm)

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    21.Juni 2009
    12. Sonntag im Jahreskreis
    Wir sitzen in einem Boot! Mk 4, 35 - 41

    Am Abend dieses Tages sagte er zu ihnen: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren. Sie schickten die Leute fort und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg; einige andere Boote begleiteten ihn. Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass es sich mit Wasser zu füllen begann. Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen? Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich und es trat völlige Stille ein. Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? Da ergriff sie große Furcht und sie sagten zueinander: Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen?

    Wer das sagt, der gesteht sich vor anderen ein: Wir haben mit der gleichen Situation zu tun, wir kämpfen mit den gleichen Problemen. Was uns zusetzt, geht uns miteinander an. Die Konsequenz heißt: lasst uns gemeinsam einen Weg suchen, der uns weiterbringt.

    Das klingt für mich schon wie der erste Schritt auf dem Weg zur Lösung. Hier sagt nicht jeder "Ich, ich bin wichtig, ich will haben, ich habe Recht".

    Die Not der Zeit (nicht erst heute) braucht das gemeinschaftliche Wir. Wer meint, allein für sich sein Schäfchen ins Trockene bringen zu können, der irrt. Die großen Herausforderungen, wie etwas der Klimaschutz, sind nicht im Kleinen zu bewältigen, sie gehen über Grenzen hinweg.

    Wir wollen hinüberfahren…

    Die Jünger handeln nach dem Wort Jesu und brechen auf. Der Evangelist Markus sieht in den Jüngern das Bild der Kirche unter den Heiden - eine Kirche aus armseligen, ängstlichen und verständnislosen Menschen. Die Kirche ist vielfältig bedroht. Die größte Gefahr ist Angst aus Unglauben. Bestand hat sie nur, wenn sie sich von Jesus die Richtung bestimmen lässt und darauf vertraut, dass er mit ihr das andere Ufer erreicht. Und: Kirche muss immer wieder ins Ungewisse aufbrechen. Dabei hören wir die Zusage: Ihr könnt euch auf den Herrn und seine Hilfe verlassen, er wird euch helfen wie damals auch.

    Plötzlich bricht der Sturm los. Es schlagen Wellen ins Boot. Der Sturm und die aufgewühlte See sind im biblischen Verständnis eine symbolische Aussage für die elementare Anfechtung im Glauben. Die Jünger bekommen furchtbare Angst um sich selbst, um den Bestand ihrer Gemeinschaft. Sie se-hen sich am Ende ihrer Möglichkeiten. Wie der Herr so ruhig bleiben kann, wirkt auf die erschöpften und verzweifelten Jünger befremdend. Daher der fragende Vorwurf: "Kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?" Jesus droht dem Sturm, und es tritt große Stille ein. Ein Bild für den Frieden Gottes, der die Jünger erfasst und alles Begreifen übersteigt. In diese Stille hinein wird Jesu Frage laut: Was seid ihr so fei-ge? Habt ihr noch keinen Glauben? Wo ist Euer Vertrauen auf den Herrn, der euch Hilfe bringt? Wo ist Eure Zuversicht, dass ihr nicht zugrunde gehen werdet?

    Herausgerissen aus Gott-Vergessenheit

    Die Jünger sind von der Erfahrung überwältigt, dass Jesus er seine Vollmacht zeigt und wie Gott han-delt. Jesus ist Herr über das Chaos, auch Herr über den Tod. Die Jünger haben sich wie Menschen verhalten, in deren Leben Gott nicht mehr vorkommt. Sie wur-den jäh aus ihrer Gott-Vergessenheit herausgerissen. Wie darf ich das verstehen? Den einen erschrecken der Umbruch und das Tempo der Veränderung in Gesellschaft und Kirche. Manchen scheint der Halt unter den Füßen zu schwinden. Angst macht sich breit. Sie schneidet uns vom Lebensstrom ab. Der Beter bekennt von Gott: Du führst mich hinaus ins Weite.

    Er kümmert sich um euch

    Die biblische Erzählung vom Sturm auf dem See darf auch auf den einzelnen bezogen werden. Der Weg durch unser Leben ist wie das Überqueren eines Sees. Wie schnell zieht da ein Unwetter auf, in der Familie oder in meinem Herzen. Ein Unwetter, durch das mein Lebensschiff ins Wanken gerät, sich mit Wasser füllt und ich mich ganz allein gelassen fühle. Solche Unwetter können sein, eine a-larmierende Diagnose des Arztes, Sorgen um ein Kind, die Trennung vom Partner, ein finanzieller Rückschlag oder Arbeitslosigkeit. Jesus hat in solchen Unwettersituationen nicht das Patentrezept. Er fordert Glaube und Vertrauen. Er will, dass wir die Fahrt beginnen. Er selbst ist ja mit im Boot. Er ist bei uns, er ist der Mittelpunkt unseres Lebens, unserer Familie, unseres Glaubens. "Werft all eure Sorge auf ihn, denn er kümmert sich um euch" (1 Petr 5,7).

    Durch unruhige Gewässer

    Leben und Glauben ereignen sich ganz konkret. Leben und Glauben verlangen von uns, dass wir Ver-trautes loslassen, ins Ungewisse aufbrechen und mit der ganzen Kraft des Herzens Neues wagen. Vertraute Bindungen und Beziehungen wandeln sich, wir lösen uns aus überkommenen Lebens- und Glaubensformen, wir wachsen innerlich und entwickeln uns weiter. Auf dem Weg durch unruhige Gewässer hin zum rettenden Ufer können verdrängte und wenig beachtete Kräfte der Seele uns mit Wucht bedrohen. Wer den Weg nicht wagt, dem bleibt das Ziel verschlossen. Nur so können wir wachsen. Was uns bedrängt und erschüttert, bringt uns mit dem tieferen, tragenden Grund des Lebens in Berührung, verlebendigt, bringt uns mit Gott in Berührung.

    Dann kann es uns ergehen wie den Jüngern, dass die Erfahrung Gottes uns überwältigt und wir be-kennen: Gott, du bist uns näher als wir uns selbst. Du bist unser Retter und Herr. Dir vertrauen wir uns an und wagen den Aufbruch auf dein Wort hin.

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    09.August 2009
    19. Sonntag im Jahreskreis

    Lesung aus dem Brief an die Epheser: 4,30 - 5,2
    Schwestern und Brüder!
    Beleidigt nicht den Heiligen Geist Gottes, dessen Siegel ihr tragt für den Tag der Erlösung. Jede Art von Bitterkeit, Wut, Zorn, Geschrei und Lästerung und alles Böse verbannt aus eurer Mitte! Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus verge-ben hat. Ahmt Gott nach als seine geliebten Kinder, und liebt einander weil auch Christus uns geliebt und sich für uns hingegeben hat als Gabe und als Opfer, das Gott gefällt.

    Glauben ist schön

    So lautet der Titel eines Familienkatechismus. Ich teile diese Aussage bedingungslos. Ja, Glauben ist schön! Auch wenn nicht jeder dieser Meinung zustimmen wird. Glauben ist schön, aber nicht immer einfach. Der Apostel Paulus ermahnt die Christen in Ephesus: "Beleidigt nicht den Heiligen Geist Gottes… Vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat… ahmt Gott nach". Wie soll das gehen? Setzt das nicht voraus, dass wir "Gott" gut kennen, mit ihm in Verbindung sind, ihn lieben?

    Ein Buch, das in den USA und darüber hinaus Kreise zieht - Die Hütte. Ein Wochenende mit Gott - erzählt eine fiktive Geschichte. Über das Buch wird gesprochen, es rührt Herzen an, erfährt aber auch Kritik.

    Worum geht es? Der als Kind von seinem alkoholkranken Vater schwer misshandelte Mackenzie (kurz Mack) hat es zu einem typischen Mittelschicht-Familienvater gebracht. Bei einem Campingaus-flug wird seine jüngste Tochter entführt und ermordet. Der Täter wird nicht gefasst, das blutige Kleid des Kindes in einer Berghütte in Oregon gefunden. Mack fühlt sich schuldig. Letztlich gibt er Gott die Schuld. In der Familie breitet sich eine "große Traurigkeit" (Depression) aus. Jahre später findet er einen Brief im Briefkasten, Absender Gott. Mack lässt sich darauf ein. Und was er erlebt, ist jenseits seiner Vorstellung. Gott ist eine mütterliche Afroamerikanerin, Jesus ein palästinensischer Zimmermann, der Heilige Geist eine ätherische Asiatin. Gott drängt sich nicht auf, er müht sich sehr geduldig um Mack. Eingepackt in diese Geschichte sind viele Dialoge, Fragen und Antworten, welche die großen Themen des Menschen berühren. Besonders die Darstellung des Heiligen Geistes hat mich sehr zum Nachdenken angeregt. Gott bricht alle menschlichen Vorstellungen auf, er passt in kein Schema.

    Was geschieht, erscheint ein wenig chaotisch und kommt doch zum Ziel. Oft wird in diesem Buch betont, wie Gott Beziehung ist und Beziehung schafft, wie er Menschen seine Liebe zusagt, sie befreit und verwandelt. Und das immer in dem Tempo und Maß, wie es der Mensch annehmen und bejahen kann. Gott zwingt nicht. Der Heilige Geist ist Freude.

    Bei der Firmung spricht der Bischof den Namen des Firmlings und sagt dann: sei besiegelt durch die Gabe Gottes, den Heiligen Geist. Gott hat sein Siegel schon gesetzt.

    Wir sind von ihm gezeichnet, bestärkt und bestätigt. In unserem Leben soll sichtbar werden, dass wir von seiner Art sind. Paulus ermahnt eindringlich zum Guten und geißelt das Fehlverhalten. Wir dürfen Streitigkeiten und Spannungen einzelner Gruppen vermuten, die den Charakter der christlichen Gemeinschaft gefährdet haben. Ein Christ, der von Gott mit seinem Geist besiegelt wurde, soll die in Christus erfahrene Liebe nachahmen. Wer glaubt, ist eingeladen an Gott Maß zu nehmen, sich von seiner Lebenskraft erfüllen zu lassen, sich für andere zu öffnen, über sich hinaus zu gehen, und dabei anderen Menschen gütig und barmherzig zu begegnen.

    "Jede Art von Bitterkeit, Wut, Zorn, Geschrei und Lästerung und alles Böse verbannt aus eurer Mitte! Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat." Frust und Grant sind keine Zeichen für das Wirken des Geistes Gottes. Der Heilige Geist ist Freude. Wer sich freut, ist außer sich und teilt seine Freude mit. Die Freude trägt über Hindernisse hinweg. Der Geist, dessen Frucht die Freude ist, schiebt uns an wie Rückenwind. Wie ein Siegel ist der Geist auf uns gelegt. Wir tragen ihn für den Tag der Erlösung. Ein Siegel schützt den Inhalt des Briefes vor Verändung. Der versiegelte Fußboden nimmt nichts an, was ihn beschädigen oder in seiner Qualität verändern könnte. Das Siegel des Geistes schützt den Christen vor der Verführung zum Abfall.

    Noch mehr: es stärkt uns im Guten. Dass wir an Jesus Christus glauben, darf nicht folgenlos bleiben. "Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat." Wie bei der Vergebungsbitte im Vaterunser geht auch im Epheserbrief die Vergebung Gottes dem Vergeben der Christen voran. Die Reihenfolge ist wichtig. Wir sind beschenkt und dann antworten wir auf diese kostbare Gabe. Wir sind angenommen wie Kinder und können unser Leben führen ohne die Angst, fallen gelassen zu werden.

    Wer das recht versteht, der erfährt seinen Glauben als befreiend, nicht bedrückend. Wer so das Wir-ken Gottes annimmt, dem wird eine große Last von den Schultern genommen. Er muss nämlich sein Leben nicht selber tragen, weil Gott ihn trägt. Er ist nicht allein, weil Gott für ihn eintritt und zu ihm hält.

    Der Heilige Geist schenkt Freude. Er bewahrt uns vor jeglicher Bitterkeit, Wut, Zorn, Geschrei und Lästerung, die aus enttäuschter Liebe, und angstvoller Ohnmacht erwachsen. Der Heilige Geist wandelt uns zu versöhnten Menschen. Im Pfingsthymnus betet die Kirche:

    "Komm, Heilger Geist, der Leben schafft, erfülle uns mit deiner Kraft. Dein Schöpferwort rief uns zum Sein: nun hauch uns Gottes Odem ein. Komm Tröster, der die Herzen lenkt, du Beistand, den der Vater schenkt; aus dir strömt Leben, Licht und Glut, du gibst uns Schwachen Kraft und Mut."

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    27.September 2009
    26. Sonntag im Jahreskreis
    Wer macht mit?

    Aus dem heiligen Evangelium nach Markus, Mk 9,38 - 43.45.47-48 Da sagte Johannes zu ihm: Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dä-monen austrieb; und wir versuchten, ihn daran zu hindern, weil er uns nicht nachfolgt. Jesus erwiderte: Hindert ihn nicht! Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden. Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns. Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört - amen, ich sage euch: er wird nicht um seinen Lohn kommen. Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde. Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau´ sie ab; es ist besser für dich, ver-stümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen, in das nie erlöschende Feuer. Und wenn dich dein Fuß zum Bösen verführt, dann hau ihn ab; es ist besser für dich, ver-stümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Füßen in die Hölle geworfen zu werden. Und wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus; es ist besser für dich, ein-äugig in das Reich Gottes zu kommen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt.

    Wer macht mit? Diese Frage wird bei vielen Aktivitäten in Vereinen ebenso wie in Pfarrgemeinden immer wieder ge-stellt. Wer macht mit? Wer setzt sich ein, wenn es gilt zuzupacken? Wer hat Ausdauer, wenn es nicht gut läuft? Wenn nur wenige mitmachen, kommt leicht Resignation auf: Dann mag ich auch nicht mehr. Das hat alles keinen Sinn. Dann lassen wir es eben. Und haben sich einige Helfer gefunden, kann das nächste Problem drohen, nämlich unterschiedliche Sichtweisen und Charaktere, die Spannungen verursachen.

    Sein Revier abstecken

    Wer sich auf Jesus beruft, aber dem Jüngerkreis bzw. der Kirche nicht zugehören will, der ist verdäch-tig. Der tut etwas, wozu die Jünger von Jesus beauftragt und ermächtigt worden sind. Der mischt sich in unsere Angelegenheit ein, könnten die Jünger sagen. Ist das nicht unverschämt? Menschlich kann ich verstehen, dass auch die Jünger ihr Revier abstecken. Ist es nicht notwendig und hilfreich, Berei-che abzugrenzen und festzulegen, wer was zu tun hat und wem etwas zusteht? Wenn das klar ist, gibt es weniger Reibungspunkte und Ärger.

    Jesus hat kein Problem, das Tun eines Menschen wert zu schätzen, der in seinem Namen auftritt, ohne sich dem Jüngerkreis anzuschließen. Wo und durch wen sich das Reich Gottes sich Bahn bricht, ist für Jesus nicht entscheidend. Jesus bleibt gelassen, er reagiert großzügig. Schön, wer das kann: andern den Erfolg gönnen; sich freu-en, wenn andere wachsen und gut zurecht kommen. Gelassen und großzügig kann sein, wer darauf vertraut, dass andere ihm nichts wegnehmen werden, wer aus Erfahrung weiß, dass er der Situation gewachsen ist, wer gern mit anderen zusammenarbeitet und sie nicht als Konkurrenten sieht, wer er-lebt hat, dass das Gute zu einem zurückkommt.

    Jesus hatte einen Namen - anders ist es nicht zu erklären, dass Menschen sich auf ihn beriefen. Die Jünger taten sich schwer damit.

    In unserer Zeit erleben wir, dass sich Menschen in unterschiedlicher Weise zu Jesus bekennen. Die einen leben ihr Christsein im Zentrum der Gemeinde, gestalten mit, sind fast überall dabei, wenn in der Kirche etwas los ist. Andere kommen nur selten, bleiben am Rand und beanspruchen trotzdem für sich, Christen zu sein.

    Wer nicht gegen mich ist, ist für mich!

    Jesus kann damit umgehen, wenn andere in seinem Namen Gutes tun. Er kritisiert deutlich, wenn sich jemand eine Autorität anmaßt, dabei nicht den andern Menschen und nicht das Gute im Blick hat, sondern nur Macht ausüben will. Die Jünger wollen festlegen, wer was tun darf. Das Machtstreben verbaut anderen den Weg in die Gemeinschaft.

    Die Jünger versuchen, den fremden Wundertäter an seinem Tun zu hindern, weil er ihnen nicht nach-folgt. Er integriert sich nicht, er lässt sich nicht einbinden, …. Doch Jesus rückt das Kriterium zurecht: Nicht ihnen soll er nachfolgen, sondern ihm. Wir können nicht entscheiden, wer mit uns zusammen Christ sein darf, sondern Christus selbst gibt es uns vor.

    Niemand darf aus unseren Gemeinden fern gehalten werden, weil er nicht intelligent oder nicht bür-gerlich genug, zu fortschrittlich oder zu konservativ ist oder unseren Erwartungen auf andere Weise nicht entspricht. Der Versuch, jemanden am Glauben zu hindern, der unseren eignen Maßstäben nicht genügt, aber an Christus glaubt, wird hier mit drastischen Worten gerügt. Dabei dürfen wir nicht ü-bersehen: Niemand ist vollkommen. Da sind Schwestern und Brüdern mit uns unterwegs als Pilger, mit uns in der Kirche, die schweres Leid und Enttäuschungen erlitten haben… Wir dürfen sie nicht als Ungläubig abstempeln. Jeder kann durch Not und Krankheit aus der Bahn geworfen werden, sozial absteigen, in Glaubenszweifel geraten. Wem es so ergeht, der braucht Verständnis, nicht ein hartes Urteil. Er braucht Menschen, die ihn trotzdem annehmen.

    Seid nicht so eng! und: Gebt kein Ärgernis!

    Jesu Botschaft lautet nach außen: Seid nicht so eng! Nach innen: Gebt kein Ärgernis! Jesus spricht von den "Kleinen", die ihm am Herzen liegen, die suchenden, die Anfänger auf dem Glaubensweg. Die Bilder, die Jesus gebraucht, sind zu verstehen auf dem Hintergrund der orientalischen Bilderwelt. In grellen Farben wird ein Bild entworfen und damit eine Botschaft vermittelt. Angesagt ist entschlossener Widerstand gegen alle Versuchung, einfache Jesus-Gläubige ins Stolpern zu bringen oder abzustoßen.

    Jesus greift auf ein Wort aus den Weisheitssprüchen zurück: "Sechs Dinge sind dem Herrn verhasst, sieben sind ihm ein Gräuel: Stolze Augen, eine falsche Zunge, Hände, die unschuldiges Blut vergießen, ein Herz, das finstere Pläne hegt, Füße, die schnell dem Bö-sen nachlaufen, ein falscher Zeuge, der Lügen zuflüstert, und wer Streit entfacht in der Gemeinde." (Spr 6,16 - 19) Das klingt übertrieben, ist aber ernst gemeint. Die radikalen Formulierungen weisen darauf hin, dass es hier nicht um eine Bagatelle geht. Jesus will nicht zur Selbstverstümmelung aufrufen. Wir kennen das aus dem Garten: Was wir dort nicht haben wollen, reißen wir aus; Bäume und Sträu-cher werden geschnitten und gepflegt, damit sie besser wachsen und Frucht bringen.

    Besser tot sein als anderen ihren Glauben rauben. Besser verstümmelt sein, als auf Abwege geraten. Die Vorschläge zur Körperverstümmelung sind bildlich gemeint. Es soll kein Blut fließen. Im Gegenteil: wir sollen alles dafür tun, dass unsere Seele nicht zugrunde geht und unser Herz nicht verletzt wird. Entschiedenheit wurzelt in Entscheidungen; diese bedeuten immer auch Verzicht, um etwas Größeres zu erlangen. Jesus gibt uns ein Beispiel, er lebt vor, was er uns zutraut: dass wir tolerant und gelassen andern gegenüber sind, zugleich klar und entschieden, damit wir den "Kleinen" ein gutes Beispiel geben können.

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    15.November 2009
    33. Sonntag im Jahreskreis Was ist heute dran?

    Vom Kommen des Menschensohnes: Aber in jenen Tagen, nach der großen Not, wird sich die Sonne verfinstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen. Und er wird die Engel aussenden und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels. Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, wißt ihr, daß der Sommer nahe ist. Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr (all) das geschehen seht, daß das Ende vor der Tür steht. Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles eintrifft. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater. Mk 13,24-32

    Vielleicht wäre es uns am liebsten, der Lauf der Dinge ginge immer so weiter, wie wir es bisher gewohnt waren. Dann nämlich müssten wir uns nicht ändern. Aber wir wissen, dass das nicht der Wirklichkeit entspricht. Denn Dinge wandeln sich, äußere Bedingungen verändern sich. Wir müssen darauf reagieren, um gerade das zu bewahren, was uns kostbar ist. Unsere Zeit - so wird gesagt - sei schnelllebig, der Pro-zess der Verändung gehe rasant vor sich. Vielen fällt es schwer, am Geschehen der Zeit dran zu bleiben. Wir ertrinken fast in einer Flut von Informationen. Was aber ist wichtig? Im Umbruch gerät vieles in Bewegung, der sicher geglaubte Boden wankt und nicht wenige haben Angst vor dem, was kommen könnte.

    Von den Zeichen der Zeit

    Von Zeichen der Zeit ist immer dann die Rede, wenn es gilt, wach auf Veränderungen zu reagieren. Was steht an? Wie geht es weiter? Was will Gott uns damit sagen?

    Zeichen der Zeit sind typisch und bezeichnend für die Zeit. Manchen scheinen sie unbedeutsam. Sie können auch übersehen werden. Ereignisse und Entwicklungen werden darauf hin befragt, was sie zu bedeuten haben. Wir Christen tun das im Licht des Evangeliums. Derlei Zeichen der Zeit werden besonders früh und intensiv von denen wahrgenommen, die darunter leiden oder aus ihnen Hoffnung schöpfen.

    Auch Jesu Kommen am Ende der Zeit wird durch Zeichen angekündigt werden. Zugleich ist die Zeit seines Kommens aber nur dem Vater bekannt. So geht es nicht um Berechnungen über das Ende, sondern um Treue zum Wort Jesu, das seine sinnstiftende Kraft und Gültigkeit behält auch in den Wehen der Endzeit. Nicht wir sind auf dem Weg zu Gott, sondern Gott ist auf dem Weg zu uns. Jesus wirbt im Gleichnis vom Feigenbaum dafür, dass wir ihn erwarten und mit ihm rechnen, dass wir ihm im Vertrauen auf Gott nachfolgen.

    Gericht und Hoffnung

    Die Rede vom Gericht hat in der Bibel ein doppeltes Gesicht. Da ist die Hoffnung der Gerechten, dass ein Richter kommt und die Welt zurechtrückt. Und da wirkt die biblische Botschaft bedrohlich für jene, die auf Kosten anderer leben. Denn sie werden sich vor Gott verantworten müssen. Für mich stellt sich immer dann, wenn es um das Ende geht, die Frage nach dem Anfang, nach Gott. Diese Frage führt in die Mitte. Wer ist Gott für mich, der doch all das letztlich in der Hand hat, letztlich auch verantwortlich ist? Welche Zukunft steht mir bevor?

    Der Evangelist Markus ermutigt, die Hoffnung zu bewahren: Denn Gott steht zu seinem Wort, das er in Jesus Christus gesprochen hat. Gott verfügt das Ende; wir müssen uns nicht sorgen und ängstigen, denn wir sind in guten Händen. Mit der Parabel vom sprossenden Feigenbaum: Verdeutlicht er seine Botschaft und schlägt dabei optimistische, befreiende Töne an;

    "Wenn es so weit ist, daß er junge Triebe ansetzt und Blätter treibt, dann wißt ihr: Bald ist es Sommer. Ebenso sollt ihr, wenn ihr seht, daß dieses geschieht, wissen: Er steht vor der Tür!" Im Winter verliert der Feigenbaum seine Blätter; kahl, wie abgestorben steht er da. Aber im Frühjahr ergrünt er und versinnbildet Leben, das den Tod überwindet. "Jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, ... nur der Vater." Vertrauen wir Jesus und folgen ihm, halten wir uns an sein Wort und leben wir zielgerichtet auf seine Wiederkunft hin. Besinnen wir uns auf die Quelle und den Anfang des Lebens, auf Gott. Denn dort liegt auch unser Ziel.

    Heinrich Spaemann meint: "In unserer Welt wird auf Entwicklung gesetzt; sie wird mit allen Mächten der Intelligenz u des Geldes vorangetrieben. Die Bibel sagt: Es geht für den Menschen, der sich von seinem Ursprung, von dem lebendigen Gott, abwandte, zuallererst um Bekehrung, nicht um Entwicklung; Entwicklung ohne Bekehrung führt in den Untergang. Das Verlassen des Ursprungs führt zum Ende allen Lebens. Die Bibel kennt im Grunde nur dieses eine Thema: Entweder-Oder, von dem Heil oder Unheil abhängt: der Verlust Gottes und damit des Lebens, oder die Heimkehr!"

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