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Predigten von P.Dr.Othmar Noggler ofm.cap.

Predigten von
P. Dr. Othmar Noggler, München






04. 02. 2001

Der "fremde Nächste"

Es war ein ganz alltäglicher Ratsch, den da zwei ältere Rentnerinnen auf dem Marktplatz einer oberpfälzischen Kleinstadt hielten. Beim Austausch der Neuigkeiten fiel der Name einer etwa gleichaltrigen, gemeinsamen Bekannten. Diese, so glaubte die eine, gehöre zu einer alteingesessenen Familie. Sie wurde jedoch gleich eines Besseren belehrt. Von alteingesessen konnte kaum die Rede sein, hatte doch erst ihr Großvater sich in dem Ort eingekauft. In Jahreszahlen ausgedrückt: Der Kauf war etwa um 1880 getätigt worden. Das Langzeitgedächtnis der ortsansässigen Gesellschaft hat also den "Einkauf" des Fremden vor 120 Jahren geradezu in die jüngste Gegenwart verlegt und damit einer Familie, die in der vierten Generation in der Stadt lebt, immer noch eine gewissen Fremdheit bescheinigt.

Was sich da zufällig in der Oberpfalz abgespielt hat, läßt sich vermutlich in jeder Kleinstadt und erst recht in jedem Dorf beobachten, d. h. in Gesellschaften, in denen die Einzelnen noch einen Namen, eine Geschichte, wenigstens ein bekanntes Gesicht haben und nicht in der großstädtischen Namens- und Gesichtslosigkeit untergegangen sind.

Dieses zufällig mitgehörte Gespräch erlaubt natürlich keine näheren Rückschlüsse. Es könnte gut sein, daß sich diese Familie selbst immer abseits gehalten hat, sich für etwas besseres hielt oder aus dem Rahmen fiel, in dem sich "anständige Bürger" erwartungsgemäß zu bewegen

haben. Daran ändert dann die räumliche Nähe nichts, im Gegenteil. Die unmittelbare Nachbarschaft dann verstärkt bei jeder Begegnung das Befremden, macht aus einem Nächsten den fremden Nächsten.

Das Fremde ist jedoch nicht nur etwas, das gefährlich erscheint, es übt auch eine geheimnisvolle Anziehungskraft aus, weckt die Neugierde. Fremden Menschen begegnen wir oft mit einer eigenartigen Mischung aus versteckter bis offener Bewunderung zugleich einer gewissen Vorsicht bis Ablehnung. Schließlich scheint ein fremder Mensch den sicheren Boden der eigenen Kultur, der Beurteilung der Welt, der eigenen Wertevorstellung in Frage zu stellen. Einfach gesagt, Fremde leben uns vor, es geht auch ganz anders, als wir es gewohnt sind.

Fremd ist zunächst das Ungewohnte. Das kann bei der äußeren Erscheinung beginnen, bei der Hautfarbe, dem Körperbau, bei Haartracht und Kleidung, der Sprache und der Art und Weise sich auszudrücken und es reicht bis hin bis zu den erkennbaren oder geäußerten Wertvorstellungen eines Menschen, nicht zuletzt auch seiner Religion. Weicht er darin als Einzelner oder als Gruppe vom örtlich Altgewohnten und Hergebrachten ab, empfinden wir das wie einen Zaun, gar wie eine Mauer, hinter der wir geradezu instinktiv Geheimnisvolles und nicht selten Bedrohliches vermuten.

Gleichzeitig möchten wir, und das scheint uns auch angeboren, hinter diese Mauer schauen, wollen das Anderssein ergründen und sind oft genug geradezu fasziniert von dem Fremden.

Es dem Fremden gleichzutun, ihn nachzuahmen vermittelt ein Gefühl innerer Freiheit. Nicht selten wird daraus ein Nachäffen. Zum Beweis von Selbstbestimmung dienen dann- um ein Beispiel aus einem ganz nebensächlichen Bereich anzuführen, zerschlissene und zerrissene Hosen- aber bitte sehr, nur Jeans, zerrissene Hosen anderer Machart gelten weiterhin als Zeichen der Verlotterung oder schlimmer Armut.

Wir machen es in unserer jeweiligen Kultur Fremden nicht leicht, uns ihrerseits nicht als Fremde zu verstehen. Das gilt besonders dann, wenn wir aus verschiedenen Kulturkreisen kommen und einen unterschiedlichen religiösen Hintergrund haben. Am Arbeitsplatz sind wir vielleicht Kolleginnen und Kollegen, wohnen unter Umständen sogar Tür an Tür, wären einander nächste Nächste und sind uns trotz solch physischer Nähe Fremde geblieben.

Aber auch Menschen, die einander einmal sehr nahe standen, können sich völlig fremd werden Das erfahren die Älteren unter uns häufig auf recht schmerzliche Weise. Weil sie z.B. den Kindern das Schicksal von Scheidungswaisen ersparen wollten, haben sie unter großen Opfern, Leid und Demütigungen in einer Ehe durchgehalten, die diesen Namen schon lange nicht mehr verdient hat. Sie haben das Versprechen: "In guten und in schlechten Tagen, bis der Tod euch scheidet" sehr ernst genommen. Nicht nur kirchlich getraute Paare, die nach der alten Formel, dieses Versprechen "vor Gottes Angesicht" abgelegt haben. Und nun müssen solche Eltern erfahren, sie konnten ihre Wertvorstellungen nicht weitergeben. Ihre Kinder haben sich auf "Lebensabschnittsgefährten" und –Gefährtinnen eingestellt. Falls Kinder da sind, werden diesen wechselnde Onkeln und Tanten, bzw., Stiefväter und –Mütter zugemutet. Die eigenen erwachsenen Kinder, einmal die allernächsten Nächsten, werden so zu Fremden, die sie nicht mehr verstehen. Zugleich drängt sich ihnen die bohrende Frage auf: Was haben wir falsch gemacht?, und, nicht minder drängend: " War es das Opfer wert? Es geht offensichtlich auch anders!" Ob es tatsächlich anders geht, wird die Zukunft weisen. Die Vorzeichen stehen nicht günstig.

Es verlangt Anstrengung, sich in befremdendes Verhalten hineinzudenken, auch nur die schlichte Gewohnheit aufzugeben, von der Kleidung auf die soziale Lage eines Menschen oder seinen Charakter zu schließen, darüber hinweg oder hindurch zu sehen, um dem Menschen hinter der fremden bis befremdlichen Staffage zu begegnen, ihm Nächster werden zu können.

Diese Anstrengung verlangt Jesus von denen, die sich ihm anschließen, seine Art der Gottesverehrung und der Menschenliebe zum Maßstab für ihr eigenes Leben machen wollen. In dem berühmten Gleichnis vom barmherzigen Samariter stellt Jesus die Frage: " Wer von den Dreien- Priester, Levit oder Samariter- ist dem unter die Räuber Gefallenen zum Nächsten geworden"( Lk 10,25 ff)? Für ein paar Sekunden der Neugier, vielleicht auch der Angst und Hilflosigkeit, sind Priester und Levit dem Verletzten nahegekommen, sind ihm aber Fremde geblieben, wollten oder wagten es nicht, Nächste zu werden.

Daß Jesus den erstaunten Zuhörern ausgerechnet einen Samariter als Vorbild hinstellt, einen also, der in unserer Sprache einem verachteten Volk angehört und zudem den falschen Katechismus hat, zeigt wie radikal Jesus die künftige Jüngergemeinde als Bruch mit der hergebrachten sozialen Hackordnung und als Modell einer neuen Gemeinschaft der Menschen versteht. Die dem Herrn (Jesus) gehörende Gemeinde- nichts anderes heißt unser deutsches Wort "Kirche"- wird sich daran messen lassen müssen, wieweit es ihr gelingt, diesem Ideal nahezukommen. Wer will, wird viel Positives aufzeigen können: Die Hilfsbereitschaft gegenüber Menschen in fernen Ländern und in großer Not, die organisierte Hilfe vor Ort, nicht zuletzt die kirchliche Pionierarbeit auf nahezu allen Gebieten der Fürsorge. Bei uns hat sie inzwischen weitgehend der Staat übernommen. In den meisten Ländern des Südens ist es immer noch die Kirche, wird es auf lange Sicht noch sein, die organisierte Hilfe für Menschen in Not bietet. Die Gefahr, es beim Ruf nach Experten der organisierten Nächstenliebe bewenden zu lassen, ist gegeben. Menschen, die bei uns leben, jeweils nur auf das für sie zuständige Amt zu verweisen, reicht für beide Teile nicht aus, um Nächste zu werden. Weil wir Christen alle die Kirche sind, nicht nur diejenigen, die ein besonderes Amt innehaben, sind wir alle zur Gewissenserforschung aufgerufen, wie wir es mit dem Nächsten halten, der uns fremd geblieben oder geworden ist.

Wie einander Fremdbleiben und – werden, so ist auch das Sichkennen- und Verstehenlernen kein geradliniger Prozeß. Da gibt es Zeiten der Offenheit und des Wachstums, auch des Stillstands und der Abwehr.

Manche sind schlicht unfähig oder weigern sich jemand zum Nächsten, zur Nächsten zu werden. Dafür mag es im Leben Einzelner verständliche Gründe geben: Eine entsprechende Veranlagung, vielleicht auch bittere Erfahrungen. Es gibt aber auch schuldhaftes Sich -Verweigern. Das reicht dann von persönlicher Verachtung gegenüber anderen Menschen, über Standesdünkel bis hin zur "abscheulichen Sünde des Rassismus" (Joh. Paul II). Solches Verhalten darf in der Gemeinde Jesu keinen Platz haben. Da gilt dann die Regel: Wer da nicht bereit ist umzudenken, gelte in der Gemeinde wie ein Heide oder Zöllner (vgl. Mt 18,17). In der Zeit Jesu hieß das: mit solchen Menschen pflegt man keinen Kontakt. Es besteht die Gefahr, tatsächlich selbst nicht nur kultisch, sondern vor allem geistig "unrein" zu werden. s

Da gegenseitiges Sichkennen- und Verstehenlernen guten Willen und echte Anstrengung voraussetzt, gibt es auch Grenzen des Erfolges. Sie sollten nicht von Menschen gezogen werden, die sich als Christen verstehen. Schließlich gehört es zur Befreiung des Menschen, die uns Jesus verkündet hat, daß wir nicht am gesellschaftlich anerkannten Erfolg gemessen werden, sondern an unserer Bereitschaft, in allen Menschen seine Schwestern und Brüder und unsere Schwestern und Brüder zu erkennen, ganz gleich wie "mühselig und beladen" (vgl. Mt 11,28) sie oder auch wir sind.

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08. 04. 2001

Gedanken zum Palmsonntag

Sie kreisen um die drei Lesungen:
Lk 19, 28 - 40
Jes 50, 4 - 7
Phil 2, 6 - 11

in der heutigen Liturgie sind uns drei Lesungen vorgegeben: Aus dem Lukasevangelium der Einzug Jesu in Jerusalem, ein Wort des Propheten Jesaja und der Christushymnus im Philipperbrief. Die folgenden Gedanken kreisen um diese drei Lesungen.

Schwestern und Brüder in Christus,

wir kennen sie, die 30-Sekunden-Berichte aus den Fernsehnachrichten: Ein lange halbe Minute werden uns Glatzköpfe mit verbissenen Gesichtszügen vorgeführt, wildentschlossene Gruppen, die sich stark fühlen im Haufen und die alle, die anders sind als sie verachten, die im Haufen und zuhauf und deshalb ungestraft auf Wehrlose einprügeln können. Fanatiker also, denen neben der notwendigen Tapferkeit auch noch der Wirklichkeitssinn fehlt.

Wer käme mit einem Funken Wirklichkeitssinn auf den Gedanken, der Zufall, in Europa, gar in Deutschland, geboren zu sein und deutsche Eltern zu haben, sei nicht ein unverschämtes Glück, sondern ein Qualitätsmerkmal an sich, ganz gleich wie beschränkt oder verkommen der einzelne geraten sein mag. Wir kennen andere Fanatiker, die wegen eines Fußballspiels alles kurz und klein schlagen, andere halbtot prügeln oder gar umbringen. Sie bezeichnen sich selber als Fanatiker, das besagt jedenfalls die englische Kurzform "fans".

Wieder andere nehmen aus lauter Sorge um die Gesundheit, atomaren Strahlen die Arbeit vorweg- und ab, indem sie Menschen an Leib und Leben schaden.

Die gefährlichste Gattung von Fanatikern ist jedoch vermutlich so alt wie die Religionen: Dabei handelt es sich um Menschen, die Gott oder den Göttern helfen wollen, die vermeintliche Ordnung aufrecht zu erhalten, wieder herzustellen oder die Wahrheit zu verteidigen; es sind Menschen, die sich berufen fühlen, selbst eingreifen müssen. Um die Sprache der Bibel zu benützen, sind sie bereit, das Ebenbild Gottes zu schänden oder zu vernichten, nachdem die Götter hilflos und der Unbegreifliche so unbegreiflich langmütig oder säumig erscheint.

Da fehlt es auch an der notwendigen Tapferkeit in sich selbst hineinzuhorchen, die eigene Wichtigkeit oder Nichtigkeit zu ergründen, um nüchtern festzustellen, wir sind, wie alle anderen auch, zu beschränkt, um das Maß aller Dinge zu sein. Es sein zu wollen, ist dumme Anmaßung. Vielleicht brächte solche Tapferkeit auch zu Tage, daß keiner und keine auswechselbar sind und daher eine eigene, von anderen unabhängige Würde haben, wir also niemand brauchen, auf den wir hinab schauen können.

Glaube als Befreiung

Sie werden fragen, was hat das mit dem Palmsonntag zu tun? Vielleicht doch einiges. Dem Rabbi aus Nazareth sind zu seinen Lebzeiten Scharen von Menschen nachgelaufen. In den Augen der Ordnungsmacht hat er aufrührerische Reden geführt und mit seinem engsten Kreis, nach heutigem Sprachgebrauch, so etwas wie eine "kriminelle Vereinigung" geschaffen. Sein Programm, in der heimatlichen Synagoge vorgetragen, ließ aufhorchen, klingt und ist heute noch revolutionär und dennoch nichts für Fanatiker. Jesus weiß sich gesandt, damit er den Armen eine gute Nachricht bringt, Gefangenen Freiheit, Blinden die Augen öffnet und so ein Jahr der Güte Gottes verkündet (Vgl. Lk 4, 18 -19). Dann geht er hinaus in die Dörfer und Städte und sagt den Kleinen und Kleingehaltenen, daß sie eine unaufgebbare Würde haben, die kein geringerer als Gott selbst garantiert, und daß sie auch in ihrem mühseligen Alltag auf eine bessere Zeit hoffen dürfen, wenn sie seinem "neuen Gebot" folgen wollen.

Für diese Zukunft stellt er ihnen den barmherzigen Samariter als Beispiel hin: Einen Mann mit unreinem Stammbaum und sozusagen falschem Katechismus, der zudem als Fremder im Land der Reinrassigen und Rechtgläubigen nichts zu suchen hat. Ausgerechnet ihn läßt Jesus das einzig Richtige tun, stellt ihn als den richtigen Mann vor, der die Liebe zu Gott und zu den Menschen in die Waage bringt und so den Menschen von damals wie uns heute eine Ahnung von der neuen Gemeinschaft aufkommen läßt, die in ihm begründet ist.

Denen, die auf ihre Rechtgläubigkeit und daher geschuldete Auserwählung pochen, sagt der Prophet aus Nazareth: Weil Gott der Gott aller ist, kann und wird er überall angebetet werden, nicht nur im jüdischen Stammesheiligtum zu Jerusalem. Er wird angebetet werden aus freien Stücken, aus innerem Staunen und tiefer Zuneigung, vergleichbar der Liebe eines Kindes zum eigenen Vater, falls der eher seltene Glücksfall den Vergleich überhaupt zuläßt..

Solche Haltung schließt Fanatismus aus. Jesus duldet ihn nicht; auch nicht unter denen, die wohlmeinend Feuer und Schwefel vom Himmel rufen wollen, sobald man ihren Meister beleidigt. Dazu nimmt er auch noch Frauen und Männer aus unterschiedlichsten Schichten in seinen engeren Kreis auf. Sie dürfen teilhaben an seinem Denken und er läßt sie erahnen, was seine Beziehung zum Vater für ihn und für sie bedeutet. So wirkt es ganz normal, wenn sie den Meister beim Einzug in Jerusalem hochleben lassen, noch schnell ein Stück eigener Kleidung als Satteldecke unterschieben und ihm, der vermutlich von Kindsbeinen an auf Eseln geritten, höflich beim Aufsteigen helfen. Daß dann Leute ihre Umhänge auf den Weg breiten, damit der "Prophet" darüber reitet, ist sozusagen landesüblich und unter bestimmten Umständen nicht einmal hierzulande undenkbar.

Bedingung für das Reich Gottes

Was hier übrigens in allen vier Evangelien beschrieben ist, ist mehr als ein Bericht. Zeitgenossen Jesu und Kenner der Bibel erinnern sich an die angekündigte Zeit des Messias. Steht doch beim Propheten Sacharja: " Juble laut, Tochter Zion,! Jauchze Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin" (Sach. 9,9). Mit dem Einzug Jesu in Jerusalem scheint diese Vision Wirklichkeit zu werden. Sie wird es, freilich auf ganz andere Weise, als es sich sogar die Männer in seinem engsten Kreis erträumt hatten. Ihren Streit, wer von ihnen der wichtigste sei, nimmt Jesus zum Anlaß, seine Vorstellung vom Zusammenleben der Menschen, die ihm nachfolgen, ein für alle mal klarzustellen: "Die Könige herrschen über ihre Völker, und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch aber soll es nicht so sein" (Lk 22, 25, 2), sagt er ihnen. Diese Haltung ist Bedingung und Aufforderung zugleich. Nur so kann eine neue geschwisterliche Gesellschaft geschaffen werden, die, weil letztlich in Gott verankert, von Jesus Reich Gottes genannt wird. Dazu braucht es Menschen, die sein Werben begriffen haben und die bereit sind, ihr Verhältnis zum Mitmenschen, zum nahen und fernen Nächsten, nach seinem Maßstab zu gestalten. Die junge Gemeinde in Jerusalem wird deshalb den radikalen Versuch machen, eine der wesentlichen Quellen menschlichen Haders, Hasses und Leides auszutrocknen, nämlich die Besitz- und Raffgier. Dafür wird sie die ungeahnte Bereicherung erfahren dürfen, was es bedeutet, für kurze Zeit wenigstens, " ein Herz und eine Seele" zu sein.

Jüngerschaft als Modell

In der Folge und durch die Jahrhunderte wird wenigstens die Sehnsucht bleiben nach dem, was Jesus mit Reich Gottes umschrieben hat. In jeder und jedem von uns eingesenkt, kann es aufbrechen, wenn wir es dem Meister nachzumachen versuchen, uns als seine Jüngerinnen und Jünger begreifen. Nicht umsonst heißt es im Sendungswort bei Matthäus: "Macht alle Völker zu Jüngern"; und Paulus wird später, in heutige Sprache übersetzt, der Gemeinde sagen: Aus der Sicht Jesu und wenn ihr euch auf sein Denken einlaßt, seid ihr alle zusammen in ihm nur noch "einer", ihr alle, die sonst Herkunft, Sprache, Nationalität, Hautfarbe oder Geschlecht trennen mögen (vgl. Gal 3, 26-28). Die Kraft dazu wird erbetenes Geschenk Gottes sein. Ein halbes Jahrtausend vor Paulus bekennt der Prophet, der vom leidenden Gottesknecht spricht: Gott weckt jeden Morgen sein Ohr, "damit ich auf ihn höre wie ein Jünger" und: "Gott, der Herr gab mir die Zunge eines Jüngers, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort" (Jes 50, 4-7).

Gute Nachricht für alle

Es ist Programm, das aufmunternde Wort, heißt deshalb "Gute Nachricht", Evangelium für die Geschlagenen, Verzweifelten, in sich Gefangenen und Alleingelassenen und will sagen: Vertrau auf deinen Schöpfer, in seinen Augen bist du einmalig, wertvoll und sogar dein Tod wird zur Geburt in ein neues Leben werden. Das aufmunternde Wort wird am Weltjugendtag wiederum tausende junger Menschen erreichen und Orientierung für einen wichtigen Lebensabschnitt, vielleicht für das ganze Leben geben. Das aufmunternde Wort könnte auch zum Hilfsprogramm werden für die armen Fanatiker aller Sorten. Sie müßten auf niemand mehr hinabschauen, um vor sich bestehen zu können und ihren eigenen Wert zu erkennen. Vielleicht lassen sie sich einladen, nehmen das aufmunternde Wort an, hinaufzuschauen auf ihn, der geradezu gottgleich war, davon aber keinen Gebrauch machte, einer von uns wurde und sich in letzter Konsequenz nicht einmal der schändlichsten Hinrichtung entzog, die das Altertum kannte. Damit hat er sich nach der Theologie des Philipperbriefes bei Gott einen unübertrefflichen Namen gemacht, an dem letztlich niemand vorbeikommt und der zum Bekenntnis führen soll: " Christus ist der Herr und kein anderer, und zwar zur Ehre Gottes seines und unseren Vaters.(vgl. Phil. 2,11).

Die Prozession am heutigen Palmsonntag könnte damit mehr werden als nur historische Erinnerung; sie könnte als liturgisches Rollenspiel wirken, das uns hilft, unser Verhältnis zu Gott, zum Mitmenschen und zu uns selbst neu zu beleben und so die kommende Woche tatsächlich als "Heilige Woche" zu erfahren.


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27. 05. 2001
"Alle sollen eins sein"
Gedanken zum 7. Ostersonntag, Lesejahr C

Das Evangelium nach Johannes (Joh 17, 20-26)

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20 Aber ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. 21 Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. 22 Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind, 23 ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich. 24 Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor der Erschaffung der Welt. 25 Gerechter Vater, die Welt hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt, und sie haben erkannt, dass du mich gesandt hast. 26 Ich habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht und werde ihn bekannt machen, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und damit ich in ihnen bin.

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Wir haben soeben die letzten Sätze des Gebetes Jesu im Johannesevangelium gehört. Als Gebet eignet es sich eigentlich nicht zum Vorlesen. Es fehlt die Atmosphäre, in die das Gebet in diesem Evangelium eingebettet ist: Jesus ist mit seinen Jüngern beim letzten Mahl zusammen. Er hat ihnen die Füße gewaschen, spricht vom Verrat des Judas, weist auf die kommende Zeit der Bedrängnis, aber auch auf den verheißenen Beistand hin und versucht sein Gebot: "Liebt einander, wie ich euch geliebt habe" wörtlich und in immer neuen Umschreibungen in ihnen bleibend zu verankern. Dieses Gebet steht unmittelbar vor seinem Aufbruch in Gefangenschaft und Tod auch als sein Vermächtnis. Vor diesem Hintergrund sollte das Gebet Wort für Wort meditiert und ausgekostet werden.

Greifen wir die Bitte um die Einheit der Seinen heraus: Sie hat in diesem Gebet einen besonderen Stellenwert. Sie wird nicht nur wiederholt ausgesprochen, sondern auch noch in der Anrede Gottes besonders betont. Nur diese Bitte beginnt Jesus mit "Heiliger Vater". Das klingt feierlich und beschwörend zugleich und ist die tiefste und ehrfurchtsvollste Anrede Gottes, die alttestamentliche Beter kennen. Gott ist der unnahbar Heilige, neben dem alles un-heilig zu nennen ist, gleich ob Schöpfung, Mensch oder Engel. Nur eine geschenkte Nähe zu Gott kann Geschaffenes wie einen Ort, eine Zeit oder einen Menschen heiligen. Diese Nähe zum Vater erbittet Jesus für seine Jünger: "Heilige sie in der Wahrheit" (Joh 17,17).

Das "Heiliger Vater" erinnert an die Berufungsvision des Propheten Jesaja: Er durfte, wie er sich ausdrückt, den "Herrn" schauen: Eine überwältigende Gestalt auf einem hohen und erhabenen Thron. Schon allein der Saum seines Gewandes erfüllt den ganzen Tempel und der himmlische Hofstaat, die Seraphim, rufen einander zu: "Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt! (Jes 6,3)"

Dieses Bild einer menschlich noch irgendwie vorstellbaren Erhabenheit und Größe Gottes schwingt im Gebet Jesu mit und läßt uns den Ernst seiner Bitte um die Einheit der Seinen und unsere Verpflichtung zur Einheit erahnen: Denn alle sollen eins sein, nicht nur die kleine Gruppe, mit der er das Mahl feiert, sondern auch die vielen, die durch deren Wort an ihn glauben werden. Ihre Einheit soll der Welt als Kennzeichen dafür dienen, daß Gott die Menschen auf göttliche, damit unfaßbare Weise, liebt.

Trotzdem konnten es viele, die sich Christen nannten und nennen, nicht lassen, andere selbstgerecht und selbstmächtig als von dieser für ausgeschlossen zu erklären. Die jeweils selbsternannten Gerechten, Rechtgläubigen und "wahrhaftige Christen" sperrten andere aus der Gemeinschaft aus oder kehrten der Kirche den Rücken. Der Spaltpilz in der "Vom Herrn herausgerufenen Gemeinde" - nichts anderes heißt ursprünglich unser deutsches Wort "Kirche"- , der Spaltpilz hat in dieser Kirche mächtig um sich gegriffen.

Erst heute, so scheint es, empfinden viele Christen die Spaltungen wieder als das, was sie sind, als Schande, besonders wenn wir das Gebet Jesu ernst nehmen.

Wachsende Ökumene

Offensichtlich ist die Zeit reif, begreifen wir heute eher als unsere Altvorderen , daß die im Gebet Jesu beschworene Einheit mit einer ganzen Bandbreite von Formen der Jüngerschaft einher gehen, ja Ausdruck des Wirkens des Geistes, den uns Jesus versprochen hat, sein kann. Daß Einheit keineswegs Uniformität meint, diese Einsicht trägt Früchte.

Vor gut einem Monat (22. April 2001) haben uns die Bischofskonferenzen Europas und die im Ökumenischen Rat der Kirchen verbundenen evangelischen Kirchen "Leitlinien für die wachsende Zusammenarbeit unter den Kirchen in Europa", in die Hand gegeben. In der "Charta oecumenica", wie sie diese Leitlinien nennen, steht einleitend: "Wir danken unserm Dreieinigen Gott, dass er durch seinen Heiligen Geist unsere Schritte zu einer immer intensiveren Gemeinschaft führt. Vielfältige Formen der ökumenischen Zusammenarbeit haben sich bereits bewährt. In Treue zu dem Gebet Christi: ‚Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, sollen auch sie eins sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast'(Joh 17,21), dürfen wir jedoch bei dem jetzigen Zustand nicht stehen bleiben. Im Bewußtsein unserer Schuld und zur Umkehr bereit, müssen wir uns bemühen, die unter uns noch bestehenden Spaltungen zu überwinden, damit wir gemeinsam die Botschaft des Evangeliums unter den Völkern glaubwürdig verkündigen."

Die Charta will auf allen Ebenen kirchlichen Lebens einen verbindlichen Maßstab und eine ökumenische Kultur des Dialogs und der Zusammenarbeit schaffen. Dazu werden nicht nur Grundsätze, sondern ausdrücklich Verpflichtungen formuliert.

Nach dem Brauch der alten Kirchenversammlungen beginnen die Leitlinien mit dem gemeinsamen Glaubensbekenntnis, wie es auf dem Konzil von Nizäa und Konstantinopel (381) - also noch vor den großen Kirchenspaltungen - formuliert wurde. Wir kennen und beten es im Gottesdienst noch heute als das "große Glaubensbekenntnis". Darin ist von der "einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche" die Rede, die uns als Ausgangspunkt und als Ziel in der Charta oecumenica vor Augen gestellt wird. "Katholisch" ist dabei im ursprünglichen Sinn des Wortes als weltumspannend und nicht nur als "römisch-katholisch" verstanden. Im Namen unserer, also der römisch-katholischen Kirche, hat der tschechische Kardinal Miroslav Vlk als Vorsitzender der europäischen Bischofskonferenzen Bekenntnis und Verpflichtungen unterschrieben, die uns aufhorchen lassen sollten.

Im ersten Teil zum gemeinsamen Glauben steht "Wir verpflichten uns:"

  • in der Kraft des Heiligen Geistes auf die sichtbare Einheit der Kirche Jesu Christi in dem einen Glauben hinzuwirken, die ihren Ausdruck in der gegenseitig anerkannten Taufe und in der eucharistischen Gemeinschaft findet sowie im gemeinsamen Zeugnis und Dienst.
  • Über unsere Initiativen zur Evangelisierung mit den anderen Kirchen zu sprechen, darüber Vereinbarungen zu treffen und so die schädliche Konkurrenz sowie die Gefahr neuer Spaltungen zu vermeiden;
  • Selbstgenügsamkeit zu überwinden und Vorurteile zu beseitigen, die Begegnung miteinander zu suchen und füreinander da zu sein.

    Im zweiten Teil unter dem Titel "Auf dem Weg zur sichtbaren Gemeinschaft der Kirchen in Europa" heißt es :"Wir verpflichten uns:"

  • Ökumenische Offenheit und Zusammenarbeit in der christlichen Erziehung, in der theologischen Aus - und Fortbildung, sowie in der Forschung zu fördern.
  • Auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens gemeinsam zu handeln, wo die Voraussetzungen dafür gegeben sind und nicht Gründe des Glaubens oder größere Zweckmäßigkeit dem entgegenstehen;
  • die Rechte von Minderheiten zu verteidigen und zu helfen, Missverständnisse und Vorurteile zwischen Mehrheits- und Minderheitskirchen in unseren Ländern abzubauen.
  • Füreinander und für die christliche Einheit zu beten;
  • die Gottesdienste und die weiteren Formen des geistlichen Lebens anderer Kirchen kennen und schätzen zu lernen;
  • dem Ziel der eucharistischen Gemeinschaft entgegenzugehen;
  • Den Dialog zwischen unseren Kirchen auf den verschiedenen kirchlichen Ebenen gewissenhaft und intensiv fortzusetzen sowie zu prüfen, was zu den Dialogergebnissen kirchenamtlich verbindlich erklärt werden kann und soll;
  • bei Kontroversen, besonders wenn bei Fragen des Glaubens und der Ethik eine Spaltung droht, das Gespräch zu suchen und diese Fragen gemeinsam im Licht des Evangeliums zu erörtern.

    In einem dritten Teil lesen wir unter der Überschrift : "Unsere gemeinsame Verantwortung in Europa": "Wir verpflichten uns:"

  • Uns über Inhalte und Ziele unserer sozialen Verantwortung miteinander zu verständigen und die Anliegen und Visionen der Kirchen gegenüber den säkularen europäischen Institutionen möglichst gemeinsam zu vertreten;
  • die Grundwerte gegenüber allen Eingriffen zu verteidigen;
  • jedem Versuch zu widerstehen, Religion und Kirche für ethnische oder nationalistische Zwecke zu missbrauchen.
  • Jeder Form von Nationalismus entgegenzutreten, die zur Unterdrückung anderer Völker und nationaler Minderheiten führt und uns für gewaltfreie Lösungen einzusetzen;
  • die Stellung und Gleichberechtigung der Frauen in allen Lebensbereichen zu stärken sowie die gerechte Gemeinschaft von Frauen und Männern in Kirche und Gesellschaft zu fördern;
  • einen Lebensstil weiter zu entwickeln, bei dem wir gegen die Herrschaft von ökonomischen Zwängen und von Konsumzwängen auf verantwortbare und nachhaltige Lebensqualität Wert leben;
  • die kirchlichen Umweltorganisationen und ökumenischen Netzwerke bei ihrer Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung zu unterstützen;
  • allen Formen von Antisemitismus und Antijudaismus in Kirche und Gesellschaft entgegenzutreten;
  • auf allen Ebenen den Dialog mit unseren jüdischen Geschwistern zu suchen und zu intensivieren;
  • den Muslimen mit Wertschätzung zu begegnen;
  • bei gemeinsamen Anliegen mit Muslimen zusammenzuarbeiten;
  • die Religions- und Gewissensfreiheit von Menschen und Gemeinschaften anzuerkennen und dafür einzutreten, dass sie individuell und gemeinschaftlich, privat und öffentlich ihre Religion oder Weltanschauung im Rahmen des geltenden Rechtes praktizieren dürfen;
  • für das Gespräch mit allen Menschen guten Willens offen zu sein, gemeinsame Anliegen mit ihnen zu verfolgen und ihnen den christlichen Glauben zu bezeugen."

    Seit wir Katholiken die Kirche wieder als Volk Gottes unterwegs verstehen, wissen wir auch, daß es an uns allen liegt, nicht nur an Amtsträgern, die "Zeichen der Zeit" aufzugreifen, die uns mit unübersehbarer Nachdrücklichkeit zur notwendigen Einheit der einen Kirche Jesu drängen. Nur so kann die "vom Herrn herausgerufene Gemeinschaft"- Kirche- ihren Auftrag erfüllen, glaubwürdiger Hinweis auf die Zuneigung Gottes zu uns Menschen zu sein. Darüber hinaus hat uns, ebenfalls in unseren Tagen, Johannes Paul II. mit seinem Besuch der El Aksa Moschee nochmals eindrücklich vorgemacht, daß es über die kirchliche Ökumene hinaus noch die größere Ökumene gibt, die alle Menschen des Erdkreises umfängt, zu denen sich Jesus vom "Heiligen Vater-Gott" gesandt wusste.

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    12. 08. 2001
    19. Sonntag im Jahreskreis
    Wir Utopisten

    Es klingt ein wenig nach Mitleid, oft schwingt auch Verachtung mit bei der Bezeichnung: Weltverbesserer. Zugegeben, den so Bezeichneten haftet nicht selten ein erheblicher Schuß Fanatismus an. Dabei täte Weltverbesserung auf vielen Gebieten not, sollte aber nicht mit technischem Fortschritt verwechselt werden, der zwar für eine Minderheit ein Mehr an Bequemlichkeit, Freizeit und Freizügigkeit bringt, zugleich die große Mehrheit der Menschen, inzwischen auch dem größten Teil der Natur, dafür die Zeche bezahlen läßt. Mehr "Lebensqualität" besteht noch heute wie vor Jahrtausenden in geglückten Beziehungen und nicht in Ersatzstücken. "Realisten" sprechen gerne von Sachzwängen, Marktgesetzen, die sie für gleich unumstößlich wie das Gesetz der Schwerkraft halten, von sozialpsychologischen Gesetzmäßigkeiten, die eine Gesellschaft steuerbar machen und zur Steuerung geradezu verpflichten, und zwar dank Fortschritt bis hinein in den letzen Urwaldwinkel.

    Kaum weniger belächelt wird die Gruppe, die mit der Etikette "Utopisten" versehen wird. Zu ihnen gehören wir Christen. Denn auch wir glauben an etwas, das zwar nirgends - an keinem Ort: U-topos - vollgültig verwirklicht ist, aber als Zielvorgabe unser Denken und Handeln bestimmt oder doch bestimmen soll.

    Wir, die Jesus von Nazareth und seine Botschaft zu unserem Maßstab gemacht haben, streben nach so einer Utopie.

    Das zeigen uns die Lesungen des heutigen Sonntags auf ganz unterschiedliche Weise.

    I. Lesung

    Da heißt es im alttestamentlichen Buch der Weisheit von den versklavten Israeliten: "Sie verpflichteten sich einmütig auf das göttliche Gesetz, daß die Heiligen in gleicher Weise Güter wie Gefahren teilen sollten." Aus der bitteren Erfahrung, als Ware eingeschätzt und behandelt zu werden, begreifen sie es als ein im Bauplan der menschlichen Gemeinschaft angelegtes und damit "göttliches Gesetz", daß Menschen, die Gott gehören - und das besagt das biblische "Heilige" - nur als Gemeinschaft und in einer Gemeinschaft überleben können, in der Gerechtigkeit herrscht. Auch das biblische Volk Gottes wird nur so überleben und vor allem seiner Bestimmung nach anderen Völkern begreiflich machen können, daß der Gott Israels der Lebendige ist, der mit seinem und mit jedem Volk ist. Der, wenn es schon Götter geben sollte, diese vor seinen Richterstuhl zitiert, wie es anschaulich im Psalm heißt: "Gott steht auf inmitten der Götter, im Kreis der Götter hält er Gericht" (Ps. 82,1).

    II. Lesung

    Der Hebräerbrief will Christen aus dem Judentum, welche die Geschichte ihres Volkes als eine besondere Geschichte Gottes mit seinem erwählten Volk kennen und verstehen, eindringlich die Utopie vom Reich Gottes nahebringen. Wie in einer Katechismusformel heißt es da einleitend: "Glaube ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht" (Hebr 11,1). Abraham und Sara haben sich als Träger der Utopie in der Glaubensgeschichte bewährt. Auf Gottes Geheiß macht sich Abraham auf den Weg in ein fremdes Land, hat die Vision einer sicheren Stadt, die ihm Jahwe sozusagen bezugsfertig bereiten will, dabei wird er zeitlebens als von den Städtern verachteter Nomade in Zelten wohnen. Mit dem Beispiel von Sara, die noch Mutter wird, mit einem einzigen Kind sogar Stammutter für ein ganzes Volk, so "zahlreich wie die Sterne am Himmel", wie es in der phantasievollen Sprache des Orients heißt, mit diesem Vorbild will der Hebräerbrief beweisen, daß Gott notfalls eingreift, um die Ahnung vom Reich Gottes, von dem Jesus gesprochen hat, nicht ersterben zu lassen.

    Was Sara und Abraham gelernt haben in ihrem Leben voll Hoffnung wider alle Hoffnung: Auch sie als besonders begnadete Menschen, sind nur "Fremde und Gäste auf Erden", ihre endgültige Heimat muß also irgendwo jenseits irdischen Lebens liegen.

    Das Evangelium

    Verweist uns der Hebräerbrief eindringlich auf die "bessere, himmlische Heimat", so ist das Wort Jesu im Lukasevangelium sozusagen irdischer. Unsere Rolle als Utopisten wird uns im ersten Satz ins Gedächtnis gerufen: "Fürchte dich nicht du kleine Herde, denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben"( Lk 12, 32). Dies ist einem kleinen Häufchen Gleichgesinnter, Bekehrter, gesagt, die auf dem üblichen Weg des Raffens und Machtstrebens umgekehrt sind, die begriffen hatten, wie fesselnd im Doppelsinn des Wortes Besitz sein kann. Das galt schon für Zeiten, in denen höchstens Diebe, Motte, Rost oder Wurm (vgl. Mt 6, 19-20) irdische Kostbarkeiten bedrohten und es gilt nicht minder, seit elektronische Würmer und Börsenhysterie Reichtümer in Sekundenschnelle vernichten können.

    Wer begriffen hat, eine Investition in Arme, und damit in Gerechtigkeit, ist letztlich lohnender als Besitz, den niemand mitnehmen kann, über den sich zudem die sprichwörtlich "lachenden Erben" oft genug tödlich verfeinden, wer dies begriffen hat, wird sich von drohender Besessenheit freihalten können und fähig werden, der Utopie des Reiches Gottes als eines "Reiches der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens" (vgl. Christkönigspräfation) dienen. Die tatsächliche, allgemeine Erfahrung ist allerdings auch vor drei Jahrtausenden eine andere: Jesus beschreibt sie im Bild des Verwalters, der langsam in übelster Herrenmanier vergißt wo er herkommt, wer er wirklich ist und der dazu noch gewalttätig wird. Solches Verhalten mag in unseren Breiten meist die allgemeine Rechtsordnung verhindern. Daß es noch nicht ausgestorben ist, können wir oft genug in der Zeitung nachlesen.

    Im Weltmaßstab ist jedenfalls jegliche Naivität unangebracht. Zudem sind wir in den westlichen Industrienationen sozusagen kollektiv eher in der Rolle des Verwalters. Schließlich leben wir auch auf Kosten von Abermillionen von Menschen, denen wir außer Bildern über unseren zivilisatorischen Wohlstand und einem damit geweckten Verlangen danach, kaum mehr bieten als die Zerstörung ihrer natürlichen Lebensgrundlagen.

    Sind es nicht häßliche, die menschliche Würde zutiefst verletzende Wunden, die wir schlagen, wenn es uns kaum oder gar nicht kümmert, daß Menschen, die kaum Technik besitzen, zusehen müssen, wie ihre Heimat langsam im Meer versinkt, weil es einer Minderheit im Weltmaßstab, zu der auch wir uns rechnen müssen, gleichgültig ist, was mit ihren nicht wahrgenommenen Geschwistern geschieht? Die philippinische Franziskanerin Dorothy Ortega, Delegierte auf dem Klimagipfel 1997 in Kyoto, schreibt: " Die Entwicklungsländer, besonders die kleinen Inselstaaten, suchten keinen Wohlstand. Sie schrien ums Überleben, aber ihre Stimmen wurden im Geschrei der mächtigen, entwickelten Staaten ertränkt!"

    Im Gleichnis Jesu wird dem Verwalter ein böses Erwachen aus seinem Lebens- und Machtrausch vorausgesagt. In Stücke gehauen, sollen nicht einmal seine Reste zur Gemeinde gerechnet werden, weil er trotz und wider besseres Wissen die Utopie vom Reich Gottes, als einem Reich der Gerechtigkeit für alle, verraten hat.

    Natürlich sind wir Christen nicht als Monopolfall, wohl aber als Modellfall für ein mögliches, geschwisterliches Miteinander auf dieser Welt gedacht, als Ahnung dessen, was Jesus mit dem Reich Gottes umschrieben hat, das bereits "in euch" (Lk 17,21) ist, wie er sagt, und das über die Spanne Lebenszeit eines Menschen hinaus reicht. Ein Modellfall, der allerdings stets selbst Gefahr läuft, die Utopie aus den Augen zu verlieren und in die gängigen Maßstäbe der Welt zurückzufallen und damit unfähig wird, den anvertrauten Schatz zu teilen.



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    28. Oktober 2001
    30. Sonntag im Jahreskreis. Weltmissionssonntag
    Frieden lernen

    Lesung am 30. Sonntag des Jahreskreises Lesejahr C

    Aus dem Buch Jesus Sirach (Sir 35, 15b-17.20-22a)

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    15b Der Herr ist der Gott des Rechts, bei ihm gibt es keine Begünstigung. 16 Er ist nicht parteiisch gegen den Armen, das Flehen des Bedrängten hört er. 17 Er missachtet nicht das Schreien der Waise und der Witwe, die viel zu klagen hat. 20 Wer Gott wohlgefällig dient, der wird angenommen, und sein Bittruf erreicht die Wolken. 21 Das Flehen des Armen dringt durch die Wolken, es ruht nicht, bis es am Ziel ist. Es weicht nicht, bis Gott eingreift 22a und Recht schafft als gerechter Richter.

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    Evangelium am 30. Sonntag des Jahreskreises Lesejahr C

    Das Evangelium nach Lukas (Lk 18, 9-14)

    Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Beispiel: 10 Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stellte sich hin und sprach leise dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens. 13 Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

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    Frieden lernen

    "Frieden lernen", treffender könnte das Leitwort nach dem 11. September zum Monat und Sonntag der Weltmission nicht lauten! Das Plakat dazu weist uns gleichzeitig auf eine der scheußlichsten Verirrungen Erwachsener hin, auf den Mißbrauch von Kindern zum Morden. Der Fortschritt hat es möglich gemacht. War einst ein Schwert für einen Elf- bis Vierzehnjährigen zu schwer, der Rückstoß des alten Karabiners zu heftig, so sind die modernen Waffen tatsächlich "kinderleicht". Sie zählen nach Tausenden, die Buben, die in eine National - oder Befreiungsarmee gezwungen wurden und werden. Dabei sind beide Armeen oft kaum mehr als ein Haufen marodierender Desperados, selbst Menschen ohne Ziel und ohne Zukunft, die der Krieg wenigstens ernähren soll.

    Kindersoldaten gelten als besonders gutes Menschenmaterial. Sie sind genügsamer im Unterhalt, leidensfähiger und vertrauensseliger als Erwachsene und aufgrund ihres Alters noch vom Gewissen ihrer Führer abhängig. Auf Befehl laufen sie durch Minenfelder, töten militärische Gegner und morden Zivilisten, Frauen und Kinder. Mädchen im gleichen Alter werden in den Troß gezwungen und zudem noch sexuell mißbraucht. Die sog. zivilisierte Welt hat diesem Verbrechen nicht Einhalt geboten, ist den Verbrechern nicht in den Arm gefallen, weil sie sich einst antikommunistisch gebärdeten, weil ihr Land strategisch wichtig erscheint oder die Geschäfte u.a. mit Waffen oder Öl allemal vorgehen. Zur Erinnerung an unsere eigene Geschichte: Die "Deutsche Wochenschau" hat es für die Nachwelt festgehalten: Der senile Führer zeichnet in den letzten Kriegstagen Buben aus, tätschelt einen großväterlich, der dann, mit dem ganzen Stolz eines Heranwachsenden bereit sein wird, für "Führer, Volk und Vaterland", wie die Formel hieß, sein junges Leben dranzugeben und jeden getroffenen Feind als persönlichen Endsieg zu feiern. An die Tausende Namenlosen und namenlos Gefallenen der Hitlerjugendverbände erinnert nicht einmal ein Birkenkreuz.

    Das Wort Jesu dazu ist uns bekannt: "Wer einem von diese Kleinen ...zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde (Mt 18,6). Wir alle sind Amerikaner Kindersoldaten sind leider nur ein Kapitel aus der erschreckenden Gegenwart des von Menschen verursachten Leidens.

    Als vor über einem Jahr das Leitwort "Frieden lernen" zum Sonntag der Weltmission 2001 formuliert wurde, gab es bereits einen 11. September. Es war der Tag des blutigen Militärputsches von General Pinochet in Chile im Jahre 1976. Sein Antikommunismus schien damals Morde und Unterdrückung zu rechtfertigen. Erst heute und spät genug, schützt ihn erklärter Altersschwachsinn vor dem Gefängnis. Der 11. September 2001 dagegen hat die Welt erschüttert und unsere scheinbar friedliche westliche Welt auf den Boden der Wirklichkeit zurückgeholt. Sie hat Politiker veranlaßt zu erklären: "Wir alle sind Amerikaner".

    Dieses Wort, zunächst aus tiefer Betroffenheit gesprochen, wollte auch in Erinnerung an John F. Kennedy's Ausspruch: "Ich bin ein Berliner", Solidarität und Entschlossenheit ausdrücken, solch kriminellem Tun die Stirn zu bieten. Schließlich geschah das Attentat auf das Welthandelszentrum und die militärische Kommandozentrale der USA "mitten in tiefstem Frieden". So war noch vor 14 Tagen in einer Münchener Zeitung in einem offiziellen Kommentar zu lesen.

    Als das Missionswerk unserer Kirche, Missio, das Leitwort zum Monat der Weltmission prägte, angeregt vom Wort unserer Bischöfe vom "gerechten Frieden", konnte jedenfalls weltweit von "tiefstem Frieden" keine Rede sein. Nur, kein politisch Verantwortlicher hätte damals formuliert: "Wir alle sind Sudanesen, Angolaner, Kongolesen, Guatemalteken, Kolumbianer, Tschetschenen, Makedonier, Palästinenser" usw. Geht es dort nicht um Menschenleben, das uns Christen allemal heilig sein müßte, um Opfer von Terror, gleichgültig ob staatlich organisiert oder nicht, steht dort nicht die ganze menschliche Zivilisation auf dem Prüfstand? In den genannten Ländern wachsen ganze Generationen heran, die nicht mehr wissen, was Friede ist.

    Sonntag der Weltmission - ein Tag des Lernens

    Das Schicksal dieser Menschen sollte am Sonntag der Weltmission unser Denken und unser Beten bestimmen und uns einmal mehr daran erinnern, was Paulus im Bild von der Kirche als Leib Christi sagt: "Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit" (1 Kor 12, 26) und wir könnten fortfahren: Deshalb sind alle zum Frieden verpflichtet, müssen alle Frieden lernen. Frieden lernen heißt zuerst: Die Augen aufmachen, hinschauen, dem Anblick des Elends standhalten; zugleich nach den Ursachen fragen und sie auf dem Hintergrund des Maßstabes, den uns Jesus gegeben, beurteilen.

    Was bedeutet es, wenn erwachsene Männer freiwillig in den Tod gehen und Tausenden ein grauenhaftes Sterben bereiten, fest davon überzeugt, damit zur moralischen Rettung der Menschheit beizutragen? Sie werden abschätzig "Fundamentalisten" genannt. Amerikanische, protestantische Christen haben sich einst stolz sogenannt. Sie wollten Anfang des 20. Jahrhunderts die amerikanische Gesellschaft wieder zur Besinnung bringen, sie wieder auf die Fundamente ihrer religiösen Überzeugung, "Gottes eigenes Land" zu sein, verpflichten, nachdem ein zügelloser, menschenverachtender Kapitalismus die Gesellschaft zu zerfressen drohte.

    Rückkehr zu den Fundamenten des eigenen Glaubens scheint für viele gläubige Moslems die Rettung vor Verachtung, Elend und einem westlichen Kapitalismus zu sein, der alles verkauft, was zu Geld zu machen ist, und sei es die eigene Verkommenheit, anschaulich über Satellit in die letzte Unterkunft geliefert. Frieden lernen, hieße auch noch hinter dem Verbrechen vom 11. September und seiner Rechtfertigung den Not- und Hilfeschrei von Millionen zu hören, die sich als Opfer einer aus den Fugen geratenen Welt verstehen, die zusammen mit der Führungsmacht zudem immer noch irrtümlich als "christlich" begriffen wird. Mit dem leichtfertigen Vorwurf von Fundamentalismus wird, nach dem Worte der Bischöfe "oft von schwerwiegenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen abgelenkt, die hinter fundamentalistischen Bewegungen und der mit ihnen einhergehenden Gewaltbereitschaft sichtbar werden" ( "Gerechter Friede",191).

    Dabei müssen wir zu unserem Erschrecken feststellen, daß wir selbst oft genug Opfer von Propaganda sind, ausgeliefert den gefilterten bis bewußt gefälschten Informationen, die nur dem Erhalt der himmelschreienden Unordnung in unserer Welt dienen. Frieden lernen hieße also genau hinhören, und inständig um den Heiligen Geist bitten, daß er uns die Geister unterscheiden lehrt. Frieden lernen heißt aber auch sich entschieden für Gerechtigkeit und zwar weltweit einsetzen. Ohne Gerechtigkeit gibt es keine Versöhnung und erst recht keinen Frieden. Zeugen der Gerechtigkeit

    --Es war der Einsatz für Gerechtigkeit, der den Träger des diesjährigen Internationalen Menschenrechtspreises der Stadt Nürnberg, Bischof Samuel Ruiz aus Mexiko und den Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel, beide einst als Kommunisten verschrieen, im Gefängnis zusammenführte.

    --Es war die Dokumentation über die Verbrechen der guatemaltekischen Regierung, die Bischof Gerardi das Leben kostete.

    --Es war aber die Gerechtigkeit von Häftlingen, die dem zwangsrekrutierten und noch minderjährigen SS-Mann aus Mittelfranken bei der Befreiung des KZs Dachau das Leben rettete und ihn nicht für die Verbrechen der feige geflohenen Erwachsenen büßen ließ.

    Propheten der Gerechtigkeit

    Wir sind immer in Gefahr, uns auf die Seite der Stärkeren zu schlagen und damit unsere Berufung als Christen, für eine geschwisterliche Welt zu streiten, zu verraten. Das weiß auch die Kirche. Im Schreiben vom gerechten Frieden heißt es deshalb: "Mitten in einer Welt voll Krieg und Gewalt kann die Kirche nicht als Sakrament des Friedens wirken, wenn sie sich anpaßt. Diese Welt braucht keine Verdoppelung ihres Unfriedens durch eine Religion, die zu allem Ja und Amen sagt". Es gehört zur Berufung des Volkes Gottes, " Widerstand gegen den Unfrieden und die Mächte des Todes dieser Welt," zu leisten ( 162). Und weil auch das Volk Gottes oft genug zu faulen Kompromissen bereit ist, wird es immer wieder von Menschen aufgeschreckt, von "Störenfrieden", die wir später Heilige nennen und die ihm zeigen, wie "Kirche und Welt aussehen könnten, nähme in ihnen der gerechte Friede Gestalt an (164). Frieden lernen hieße dann Solidarität üben mit den Armgemachten, in Armut Gehaltenen, mit den erzwungenen Analphabeten in einer von Informationen überschwemmten Viertelwelt. Frieden lernen hieße nicht zuletzt den Christen und ihren Kirchen in den Spannungsgebieten zu helfen, ihren Dienst am Nächsten zu leisten, der nach dem Wort Jesu das überzeugendste Argument für die Richtigkeit seiner Botschaft ist.

    Ein Tag zum Umdenken

    Am Sonntag der Weltmission halten Katholiken in der ganzen Welt inne und fragen sich, wie ernst sie die Botschaft Jesu von der Geschwisterlichkeit aller Menschen genommen und damit dem Frieden gedient haben. An diesem Sonntag tragen Katholiken in der ganzen Welt, - auch in Afrika, Asien und Lateinamerika- ihr Scherflein bei, um den Solidaritätsfonds der Kirche zu füllen. Und unser Beitrag sollte, gemessen an unserem Vermögen, kein beleidigendes Almosen sein.

    Nur mit der Hilfe aller kann die Kirche vor Ort in den Krisengebieten ihre Aufgabe erfüllen und so einer gottverlassenen Gesellschaft vorleben, was gottgefällig und menschenwürdig wäre: Die Würde des Menschen achten, gegen Ungerechtigkeit ankämpfen, Kindern eine menschliche Zukunft sichern und die schrecklichen Wunden heilen helfen, die ihnen verbrecherische Erwachsene geschlagen haben.

    Das Plakat zum Sonntag der Weltmission zeigt einen afrikanischen Kindersoldaten. Er steht stellvertretend für Tausende, die auf ein Umdenken der Erwachsenen und deren Einsatz für eine gerechtere Welt warten. Der Sonntag der Weltmission ist dazu ein Aufruf.

    Im Südsudan, in der Diözese Wau, kümmern sich die indische Franziskanerin Sr. Gracy Adichiriayil und der Inder Pater Albert Saminedi um 350 Kindersoldaten. P. Albert schreibt: "Nur durch Erziehung und unsere persönliche Zuwendung können wir sie verändern und sie in wirklich menschliche Wesen umformen. Jeder von ihnen hat der Welt eine schlimme Geschichte zu erzählen, die mich bewegt und mich aufschreien läßt. Da ist eine tiefaufrüttelnde Frage in mir, wenn ich auf diese unschuldigen Kleinen schaue: Warum und nochmals warum kann ein Kind als Soldat mißbraucht werden, um ein Gewehr zu tragen und andere umzubringen? Es weiß noch nicht einmal daß Morden eine Sünde ist, aber schon wird es als Waffe benützt. Gott rette diese Welt ! Brief vom Juni 2001.

    In Kenya ist es die deutsche Strahlfelder Dominikanerin, Sr. A. Luise Radlmeier, die sich ehemaliger Kindersoldaten annimmt, die "ihre Jugend und Kindheit im Kampf verbrachten und jegliche Schulbildung versäumt haben. Jetzt betteln sie inständig um eine Chance etwas zu lernen bevor sie zu alt werden. Sie werden fragen, warum sind sie nicht im Flüchtlingslager Kakuma und lernen dort etwas? Tatsache ist, daß diese ehemaligen Kindersoldaten davongelaufen sind, als ein Kommandeur namens Keribino Bol umgebracht wurde. Andere Kommandeure, die das Lager häufig aufsuchen, kennen sie und zwingen diejenigen, die schon im Kampf waren, zurückzukehren. Falls sie das ablehnen, werden sie umgebracht oder entführt. Sie verstecken sie sich rund um Nairobi in der Hoffnung, doch eines Tages eine Ausbildung zu bekommen. Wir haben eine sehr gute Einrichtung für Berufe unter der Leitung italienischer Missionare. Die geistigen Werte, die sie in diesen ehemaligen Soldaten grund legen, machen tatsächlich aus wilden, rohen Burschen umgängliche und nette junge Männer. Diese sichtbare Veränderung ermutigt uns weiterzumachen, um den Sudanesen zu einer Ausbildung zu verhelfen. Das wird ihnen ihre Würde wiedergeben, denn die geforderten Kenntnisse werden ihnen helfen, sich selbst zu ernähren. Wenn eines Tages der Krieg vorbei ist und sie heim können, werden sie bedeutende Aktivposten beim Aufbau ihres Landes sein." Brief vom August 2001.

    Unter der Überschrift: "Die Schrecken des Krieges vergessen" mit dem Bild des elfjährigen Antony aus Burma, ist in einem MISSIO - Brief vom September zu lesen: "Antony (11) war einer von über 7000 Buben und Mädchen, die in den Rebellenarmeen der Karen, Shan und Mon um mehr Freiheit und Mitsprache für die ethnischen Minderheiten Burmas kämpfen.

    Anfang des Jahres hat man ihn ‚ausgemustert', weil ihn Schlaflosigkeit plagte und er die Bilder von einem Massaker nicht mehr aus dem Kopf bekam. Bischof Sotero von Loikaw, im Südosten Burmans: ‚ Wir haben den kleinen Jungen in eines unserer Waisenhäuser am Stadtrand aufgenommen. Eine befreundete Psychologin wird sich seiner in den nächsten Monaten annehmen."

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    24. Dezember 2001
    Predigt zur Weihnacht (Christmette)

    Das Evangelium nach Lukas (Lk 1, 1 - 14)

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    In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. 2 Dies geschah zum erstenmal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. 3 Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. 4 So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. 5 Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. 6 Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, 7 und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. 8 In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. 9 Da trat der Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr, 10 der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: 11 Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr. 12 Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt. 13 Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: 14 Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.

    Sie hat ein besonderes Gewicht diese Nacht, die wir als einzige die "heilige" nennen. In dieser Nacht scheint alles doppelt zu wiegen, das Gute wie das Ungute. Nie, so scheint es, sehnen wir uns so intensiv im eigentlichen Sinn des Wortes nach einer "heilen Welt", empfinden wir Unheil als Beleidigung unserer Würde.

    Einsamkeit wirkt, weil zutiefst gegen unsere Natur, noch unerträglicher als sonst, eigene Friedlosigkeit scheint noch tiefer zu sitzen, Gewalt, Krieg und Terror werden noch verbrecherischer und widersinniger, und Verachtung und Haß gegenüber Menschen, nur weil sie anders aussehen, eine andere Sprache sprechen, noch verwerflicher.

    Irgendwie steckt tief drinnen in uns die Ahnung, daß wir in dieser Nacht, in der wir die Geburt Jesu feiern, auf eine ganz besonders bewegende Weise mit dem Göttlichen in Berührung kommen. Nicht mit dem All-Mächtigen, vor dem Götter und Menschen zittern, von dem vor fast 3000 Jahren der Psalmensänger sagt: " Berge zerschmelzen vor dem Antlitz des Herrn der Welten" (Ps. 97,5); auch nicht mit dem "Höheren Wesen", das wir uns als schöpferische Macht im Universum und als Kraft in allem, was lebt, denken. Wir ahnen, daß wir dem Göttlichen begegnen, das heilt.

    In den uralten Texten der heutigen Liturgie erfahren wir auf faßbare Weise von Gottes unfaßbarer Liebe zu uns Menschen, von Gottes Macht, eingefangen in die bezaubernde Macht eines Neugeborenen. "Weil in der Herberge kein Platz für sie war", so haben wir im Evangelium gehört, muß die obdachlose Mutter allein ihr Kind zur Welt bringen. Sie teilt das Schicksal ungezählter Mütter, die, noch dazu auf der Flucht vor wildgewordenen Männerhorden, vor Bombenterror, der gar der Gerechtigkeit dienen soll, vor zermalmender militärischer Übermacht, vor der sie niemand zu schützen vermag.

    Das Evangelium mit dem Bericht über die Geburt Jesu bereitet uns gleich am Anfang darauf vor, daß wir Gott, wenn überhaupt, zuerst im Geringsten wirklich begegnen können. Und was ist geringer als ein hilfloses Neugeborenes, das uns gleichzeitig das Wunder und den Wert des jeglichen Lebens erahnen läßt?

    Wir haben die vertrauten Worte des Propheten Jesaja gehört, die im Rückblick aus dem Glauben keinem anderen so auf den Leib geschrieben sind wie Jesus von Nazareth: Ein Kind ist uns geboren, auf dessen Schulter die Herrschaft ruht, sie werden ihn Friedensfürst nennen. Das Licht, das dieses Kind in unser Dunkel zu bringen vermag, wird bewirken, wenn wir ihm nur folgen, " daß jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft und jeder Mantel, der mit Blut befleckt ist, im Feuer verbrannt wird." Nicht ein Fetzen Uniform, der an Krieg erinnert, soll übrigbleiben, um Menschen nicht zum Machtmißbrauch zu verführen, der in jeder Uniform steckt.

    Der erwachsene Jesus wird den gleichen Propheten Jesaja in Anspruch nehmen für seine Berufung. Der staunenden Gemeinde in der Synagoge seiner Heimatstadt wird er erklären, mit ihm und heute hat sich dessen Wort erfüllt: "Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe" (Lk 4, 18 -19).

    Den Jüngern, die noch in der alten Hackordnung denken und über ihren künftigen Rang streiten, wird der Meister sagen: "Die Könige herrschen über ihre Völker und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch soll es nicht so sein" (Lk 22,25 - 26). Ein neues Miteinander wird hier grundgelegt und denen, die ihm glauben und an ihn glauben, wird die Kraft zuwachsen, einander wie Geschwister anzunehmen, zusammenzustehen und auch einander zu vergeben, wenn es sein muß, zum x-ten Male.

    Denen, die ihm vertrauen, wird er auch seinen Frieden schenken. Nicht erzwungenen Kirchhoffrieden, auch nicht einen faulen Frieden des klein Beigebens aus der Erkenntnis der eigenen Ohnmacht, sondern einen Frieden, der aus der Gerechtigkeit wächst.

    Jesus spricht deshalb von einer neuen, größeren Gerechtigkeit, bereits im Wissen, daß ihn die herkömmliche Gesetzesgerechtigkeit an Kreuz schlagen wird.

    Um uns eine Ahnung zu geben, wie die Zukunft, die er mit dem Reich Gottes umschreibt, aussehen wird, sagt er in der Bergpredigt, was für Menschen es dazu braucht: Solche, die keine Gewalt anwenden, friedfertige und Frieden stiftende, Menschen, die weder Reichtum noch Macht verfallen. Weil sie um ihre Würde wissen und deshalb diese Krücken nicht brauchen; Menschen, für die Gerechtigkeit ebenso lebensnotwendig ist wie essen und trinken.

    Darin, daß dies menschenmöglich ist und immer wieder auch gelebt wird, zeigt sich die Herrlichkeit Gottes, die uns, im Retter Jesus Christus greifbar geworden ist, wie es in der zweiten Lesung in dieser Heiligen Nacht heißt.

    Wer sich vom Wort der Schrift dieser Nacht leiten und tragen läßt, wird vor Gottes Größe nicht verstummen, sondern seine Liebe zu uns Menschen besingen können, die uns im Kind von Bethlehem so unbegreiflich greifbar geworden ist, damit Gott verherrlicht werde in der Höhe und bei den Menschen auf Erden - endlich -Friede werde.


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    03. 03. 2002
    3. Fastensonntag
    Ist der Herr in unserer Mitte oder nicht?

    Ex 17, 3-7
    Röm 5,1 -2;5-8
    Joh 4,5 - 42

    "Haderwasser" heißt der Ort in einer guten Übersetzung, an den uns die erste Lesung dieses Sonntags führt. Ein paar hundert Familien sind mit Kind und Kegel auf der Flucht in die Freiheit aus der Sklaverei Ägyptens, und sind nun mitten in der Wüste dem Verdursten nahe. Sie fragen sich: "Sind wir Mose und Aaron aufgesessen? Gibt es ihn gar nicht, den mächtigen Gott, dem sich sogar Ägypten beugen mußte, dessen Name sein soll: ,Ich bin bei euch`. Und wenn es ihn gibt, wenn er mitten unter uns sein soll, warum tut er nichts, läßt uns hier elendiglich zugrunde gehen"? Eine Frage, die millionenfach abgewandelt und in höchster Not hinausgeschrieen, nicht einmal mit dem Blick auf das Kreuz wirklich beantwortet werden kann.

    Die Probe Gottes

    Den Ausgang der Geschichte bei den Haderwassern kennen wir: Mose schlägt mit seinem Stab an einen Felsen, öffnet damit eine Wasserkaverne und Mensch und Vieh sind gerettet. Ausdrücklich wird die Geschichte als Probe Gottes bezeichnet, als Antwort auf die Frage: "Ist der Herr in unserer Mitte oder nicht?" Er ist es; er hat die Probe bei Massa und Meriba bestanden, aber das Volk nicht. Ihm fehlt zunächst das Vertrauen darauf, daß Gott tatsächlich in seiner Mitte ist, dann aber die Erkenntnis, daß es ihm nur gut gehen kann - "auf daß du lange lebest" wie es in der bekannten Formel heißt - wenn es die Grundregeln menschlichen Zusammenlebens einhalten wird, wie sie in den zehn Geboten zusammengefaßt sind. Ohne diesen seinen Teil zu erbringen, wird Gott nicht spürbar in seiner Mitte sein.

    Diese Erfahrung gibt ein anderer Bericht aus der frühen Geschichte des Volkes Israel wieder (vgl. 1 Sam 4 ff): Nach mehreren militärischen Niederlagen will es endlich einen Sieg über die Philister erzwingen. Dazu führt es die Bundeslade, das heilige, sichtbare Zeichen der Anwesenheit Jahwes, mit in den Kampf . Es wird eine vernichtende Niederlage; denn Tausende fallen und die Bundeslade wird zur Beute des Feindes. Und es wird eine bittere Lektion: Gott läßt sich nicht benützen, schon gar nicht nach dem Schema: Wir sind die Guten, die anderen sind nur eine Ausgeburt des Bösen und deshalb dürfen sie mit allen Mitteln der Macht auch der Niedertracht und Gewalt unterdrückt, ausgebeutet, vertrieben und schließlich vernichtet werden.

    Eine ähnliche Lektion wie das alte Volk Israel mit der Bundeslade mußte auch das christliche Abendland mit dem heiligen Zeichen des Kreuzes lernen. Dieses Zeichen der Hingabe und Treue Jesu an den Vater und Zeichen seiner Liebe zu uns Menschen wurde in den Kreuzzügen für diejenigen, die dem auf Standarten und Rüstungen aufgestickten Kreuz begegnen mußten, zum Symbol für Greuel und Vernichtung. Der Herr der Geschichte hat, wie wir wissen, gegen die Kreuzfahrer trotz des heiligen Zeichens, das viele zwar vor sich her, aber nicht in sich trugen, entschieden. Das "Gott mit uns" auf den Koppelschlössern der Deutschen Wehrmacht, aber auch das "In God we trust"- auf Gott vertrauen wir-, das auf jeder Dollarmünze zu lesen ist, sind mehr eine Gotteslästerung, als Zeichen von Gottvertrauen. Mit dem Vatergott, zu dessen Liebe zu allen Menschen uns Jesus von Nazareth hinführen wollte, hat der Gott der Schlachten und der Geldmacht nichts gemein, schon eher mit dem Götzen Moloch, dem Menschen zu Tausenden geopfert wurden oder dem Götzen Mammon, dem heute noch alles in den Rachen geworfen wird, was heilig ist, vom Kind bis zum eigenen Verstand.

    Die Probe des Menschen

    Ob wir Gott lästern, wenn wir seinen Namen nennen oder nicht, zeigt sich in unserem Umgang mit den Menschen. Johannes sagt uns, wer behauptet Gott zu lieben, aber seinen Bruder haßt, der ist ein Lügner (vgl. 1 Joh 2,4). Die Frage ist, wollen wir Gott ehren, indem wir uns sozusagen an die Betriebsanleitung für das Geschöpfes Mensch halten, die uns in den zehn Geboten gegeben ist, wollen wir den Menschen als unseren Geschwistern und kostbaren Ebenbildern Gottes begegnen oder wollen wir auch noch Gott benützen, um unsere Macht zu stärken, Gottes Autorität mißbrauchen für unseren eigenen Triumph über die Schwachen? Jesus wußte um unsere Gefährdung, es der Welt gleichzutun, als Einzelne, Gemeinde und Volk nur darauf zu schauen auf der Hackleiter möglichst weit nach oben zu kommen und dafür buchstäblich über Leichen zu gehen. Er fordert deshalb von denen, die ihm nachfolgen nachdrücklich ein Umdenken. Umdenken zu können ist allerdings ein Geschenk, Gnade, wie Paulus uns in seinem Brief an die Gemeinde in Rom sagt, eine Gnade, die allen angeboten ist durch Jesus Christus, unabhängig davon, ob jemand davon weiß oder nicht,: d. h. in der alten Sprache der Bibel zu den "Heiden" gehört. Auch sie wird Gott richten durch Jesus Christus aber aufgrund ihres Gewissens, das, so meint Paulus, von den zehn Geboten geprägt ist.

    Der Herr in unser aller Mitte

    Das heißt, der Herr ist in unser aller Mitte durch seinen Heiligen Geist, denn" die Gegenwart und das Handeln des Geistes berühren nicht nur einzelne Menschen, sondern auch die Gesellschaft und die Geschichte, die Völker, Kulturen und Religionen", wie Johannes Paul II. nicht müde wird zu betonen. (Johannes Paul lI, Redemptoris missio, No 28). So kann sich niemand darauf hinausreden, er habe nicht gewußt, was ein Menschenleben wert ist. Wer blindlings geistigen Rattenfängern nachläuft, die Tod und Verderben zur eigenen Glorie speien, hört sicher nicht auf sein Gewissen.

    Damit wird die Frage, ob der Herr in unserer Mitte erfahrbar ist oder nicht, zur Frage an uns selbst: Lassen wir ihn in der Mitte aller sein, unabhängig von Klasse, Rasse oder Religion oder halten wir uns jeweils für die Auserwählten, die allein Anspruch auf seine Liebe haben, die wir im Evangelium gehört haben? Mag sein, daß wir Christen im Vorteil sind gegenüber anderen gläubigen Menschen, ähnlich wie die Juden im heutigen Evangelium gegenüber den Samaritern , weil wir Gott kennen als liebende Beziehung zwischen Personen und dieses Wissen der Wirklichkeit Gottes näher ist als jede andere Vorstellung. Mag sein, daß andere anbeten, was sie nicht kennen; aber auch sie beten im Geist an, weil Gottes Heiliger Geist das Gute in ihnen wirkt. Johannes Paul II. konnte deshalb schon vor 16 Jahren in einer ähnlich kritischen weltpolitischen Situation wie gegenwärtig, die Vertreter der Religionen an das Grab des heiligen Franz nach Assisi einladen, der wie kein anderer von Menschen anderer Religionen gekannt und sogar verehrt wird. Seine Art der Jesusnachfolge unter Verzicht auf jegliche Macht, hat viele Menschen überzeugt. Der Papst lud die Vertreter der Religionen ein, auf den Geist Gottes bauend, der auch in ihnen wirksam ist, um für den Frieden zu beten und um den Frieden zu ringen. Am gegenseitigen Respekt vor dem, was dieser Geist Gottes in den Einzelnen, in Völkern und Religionen bewirkt hat, an der Anstrengung, gegen Menschenverachtung und Haß, auch gegen ein zerstörerisches Sendungsbewußtsein, das über Gewissen und Leichen geht, wird für alle Welt abzulesen sein, ob und wie weit wir dem Herrn Raum geben, ob und wieweit der Herr unter uns ist oder nicht.

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    9. Mai 2002
    Christi Himmelfahrt 2002
    Damit ihr Ihn erkennt

    Eph 1, 17-23

    17 Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt. 18 Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt 19 und wie überragend groß seine Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist durch das Wirken seiner Kraft und Stärke. 20 Er hat sie an Christus erwiesen, den er von den Toten auferweckt und im Himmel auf den Platz zu seiner Rechten erhoben hat, Ps 110,1 21 hoch über alle Fürsten und Gewalten, Mächte und Herrschaften und über jeden Namen, der nicht nur in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen genannt wird. Kol 1,16 22 Alles hat er ihm zu Füßen gelegt und ihn, der als Haupt alles überragt, über die Kirche gesetzt. Ps 8,7; Hebr 8,6; Kol 1,18 23 Sie ist sein Leib und wird von ihm erfüllt, der das All ganz und gar beherrscht.

    Der gestirnte Himmel über ihm und die Stimme des Gewissens in ihm, waren für den großen Philosophen Immanuel Kant Hinweis genug, auf ein "höchstes Wesen", dem alles sein Dasein verdankt, und das wir in unserer Alltagssprache wie in unserer religiösen Sprache "Gott" nennen.

    Der Philosoph hat auf seine Weise eine Antwort gegeben, die seinem forschenden Geist nach dem Woher und Wohin des gesamten Kosmos, des Menschengeschlechtes und auch seines eigenen Lebens, einleuchtend und vernünftig genug schien; eine Antwort, die zu suchen er sich selbst schuldig war.

    Schon vor Jahrtausenden hat es der Mensch nicht ertragen, auf die wesentlichen Fragen ohne Antwort zu sein. Er mußte für seinen fragenden und nicht selten quälenden Geist hinreichende Erklärungen finden.

    Ob er sich nun den Himmel voller Götter als Abbild seiner eigenen Verwandtschaft als Ausgangspunkt vorstellte, einen großen Geist über den Göttern, oder ob er bereits ohne die Vorstellung einer Götterfamilie auskam, gar ein schöpferisches, ordnendes Wesen denkbar war, der Mensch fand dabei immer einen mehr oder weniger befriedigenden gesuchten Sinn für sein Dasein. Und sei es, wie bei den alten Maya-Völkern Amerikas, daß die Götter es leid waren, selbst für ihre Speise, den Mais zu sorgen. Sie erfanden deshalb den Menschen, machten ihn aber gleichzeitig sterblich, damit er ihnen nicht gefährlich werde.

    Unser Wissen über die Welt und den Menschen ist ein anderes. Wissenschaftlicher verfolgen die Entwicklung des gesamten Kosmos bis zurück zum sogenannten "Urknall", bis zu den ersten Sekunden des Universums, über Millionen von Jahren hinweg und sie sind dabei, die Bausteine des Lebens zu entziffern.

    Wir wissen vom Anfang, mit dem sich alles entwickelt hat, bis hin zum denkenden Menschen, den dennoch immer die gleichen Fragen nach dem Woher und Wohin quälen, wie seine Urahnen und Vorfahren. Anders, als diese fragen wir uns, ob dieser Entwicklung seit dem Urknall nicht ein Bauplan zugrunde liegt und " in der Logik unseres Denkens " damit auch ein Baumeister dahinter stehen muß.

    Für die Menschen ihrer Entstehungszeit beantwortet z.B. die Bibel die Fragen nach dem Woher mit dem "Schöpfungsbericht": "Gott sprach: es werde... und es ward..." Er ordnete das Chaos , schuf den Menschen aus den gleichen Elementen, wie sein Name: "Adam"- von der Erde genommen- besagt, schuf ihn aber schöpferisch- kreativ als sein Ebenbild. Die Sterblichkeit verdankt der Mensch aber nach Auffassung der Bibel seiner Maßlosigkeit: Er wollte sein wie Gott.

    Paulus wird in Jesus Christus, dem "neuen Adam", einen neuen Anfang für das Menschengeschlecht sehen, das nun, unabhängig von seiner näheren Abstammung, ihm seine Nähe zum Schöpfer verdankt, vorausgesetzt, es ist bereit, die Botschaft vom liebenden Vater -Gott anzunehmen. Diese Botschaft besagt nicht weniger, als daß der Mensch seine letzte Erfüllung bei dem findet, der ihn erdacht hat.

    Damit die Gemeinde von Ephesus- und natürlich auch wir- dies annehmen können, lautet die Bitte: " Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt" ( Eph 1,17). Den Geist der Weisheit, damit wir, angesichts neuester Vorstellungen und Erkenntnisse, nicht dem Wahn verfallen, wir wären wie Gott. Den Geist der Offenbarung, der uns ihn, den Schöpfer aller Dinge, den Vater der Herrlichkeit erkennen und annehmen läßt.

    Von ihm, dem Vater der Herrlichkeit Kunde zu bringen, verbunden mit der guten Nachricht vom ewigen Leben in Fülle bei ihm, das sieht Jesus als seine Sendung und Aufgabe. Um dieses Glück zu beschreiben, hilft einmal das Bild von einem Hochzeitsmahl. Für viele ist es der Gipfel von Ehre und Freude; einmal Gast statt immer nur Zaungast zu sein, wird zur erträumten Ehre, die ein Leben lang vorhalten, ein Glücksgefühl, das sich in der Erinnerung vertiefen und verklären wird.

    Ein andermal, bei denen, die in der Schule des Meisters tiefer in dessen Denken und damit in das Geheimnis Gottes eingeführt waren, braucht es solche Bilder nicht mehr. Ewiges Leben heißt dann: "ihn, den einzigen, wahren Gott zu erkennen und Jesus Christus, den er gesandt hat" (Joh 17, 3).

    Um dies zu begreifen, dies zulassen zu können, muß Gottes Geist uns erst noch die "Augen des Herzens" öffnen. Nur dann werden wir die Hoffnung erahnen, die sich uns auftut im Vertrauen auf Gottes Kraft und Stärke, die auch uns gilt. Wir dürfen sie am Schicksal Jesu nach den Worten der heutigen Lesung ablesen: " Er hat sie an Christus erwiesen, den er von den Toten auferweckt und im Himmel auf den Platz zu seiner Rechten erhoben hat.."

    Im Himmel und dazu auf den Ehrenplatz erhoben, das ist auch, ausgedrückt in der bildhaften Sprache der Bibel, unsere Zukunft, unsere "Himmelfahrt". Dabei gilt das Wort des Paulus aus dem 1. Brief an die Gemeinde von Korinth: "Stückwerk ist unser Erkennen... jetzt schauen wir in einem Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht" (1 Kor 13, 9;12), wie unser Bruder und Herr Jesus Christus.



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    21. Juli 2002
    16. Sonntag im Jahreskreis
    Nichts neues unter der Sonne

    Weil du über Stärke verfügst, richtest du in Milde und behandelst uns mit großer Nachsicht (Weish. 12, 18)

    Wie Stärke, vor allem militärische Stärke, blind machen kann, haben wir in diesen Wochen auf der politischen Weltbühne erfahren müssen.

    Nichts neues unter der Sonne

    Da maßt sich ein Präsident an, genau zu wissen, wo die Achse des Bösen verläuft und setzt voraus, er und seine ganze Nation stünden frag- und ausnahmslos auf der Seite des Guten. Wie der Regen auf Gerechte und Ungerechte fällt, so fallen in seinem Auftrag geächtete Splitterbomben vielleicht auf Schuldige, nachweislich aber mehr auf Unschuldige, auf wehrlose Kinder, Frauen und alte Menschen, ab und zu auf eine Hochzeitsgesellschaft. Im Feldzug gegen das Böse werden diese Opfer zu bedauerlichen, aber unvermeidlichen Nebeneffekten herabgewürdigt, Dem entsetzten Rest der zivilisierten Welt mag es zwar nicht einleuchten, daß Soldaten - auch im Dienst des Guten - bei etwaigen Verbrechen straffrei bleiben sollen. Es gehört leider zur bitteren Erfahrung der Menschheit, daß auch Soldaten im Dienst einer guten Sache zu Verbrechen werden können. Das Bewußtsein einer besonderen Sendung verbunden mit militärischer Stärke verführen allzu leicht dazu, Menschen wie Ungeziefer zu behandeln. Diese Erfahrung hindert den mächtigsten Staat der Welt nicht daran, das Recht des Stärkeren auszuspielen und ausschließlich für sich in Anspruch zu nehmen. So haben die Mächtigen seit jeher gehandelt und gedacht. Je mehr sie zudem davon überzeugt waren, im Namen der Götter, im Namen Gottes oder der "guten Sache" zu handeln, um so unbarmherziger waren sie.

    Der starke Gott

    Anders das Handeln Gottes; daran erinnern uns die Lesungen zum heutigen Sonntag. Im Buch der Weisheit, im Brief des Apostels Paulus an die Römer und im Gleichnis vom Unkraut im Weizen im Matthäusevangelium, begegnen wir der weisen Geduld Gottes, die ausdrücklich mit seiner Stärke erklärt wird. Gottes Volk wird dabei aufgefordert, ein Gleiches zu tun.

    Die Menschen, die Jesus zuhörten, kannten Unkrautvertilgungsmittel ebensowenig wie industriell betriebene Landwirtschaft. Jedes Jahr und bei jedem Feld stellte sich die Frage, was der kommenden Ernte mehr schadet, das Unkraut oder der beim Jäten zertrampelte Weizen. Mit diesem Gleichnis für das Reich Gottes werden wir zur Geduld gemahnt, denn der Eifer für das Gute, finstere Entschlossenheit, das Böse ausrotten zu wollen, wird, dem Gleichnis zufolge, nur noch mehr Unheil anrichten Im Reich Gottes ebenso wie in Politik und Kirche.

    Die Gedanken aus dem Römerbrief machen uns darauf aufmerksam, wie beschränkt, von allen möglichen, bewußten und unbewußten Motiven gedrängt, wir letztendlich sind: Wir wissen nicht einmal, worum wir in rechter Weise beten sollen". Wir könnten weiterfahren: geschweige denn in allen anderen Bereichen. Zum Trost gibt es Gottes Geist, der sich unserer Schwachheit annimmt und uns davor bewahrt, die eigene Stärke im Vergänglichen zu suchen, sie zu überschätzen; ihr zu erliegen und selbstgerecht, Unrecht zu tun.

    Unser Stärke in Gott

    Unsere Stärke liegt auf einer anderen Ebene. Wer glauben kann, daß hinter dem, was wir heute "Evolution" nennen, ein Plan und damit ein Baumeister steckt, Leben, auch menschliches, nicht das Ergebnis zufällig entstandener und zusammengewürfelter Bausteine ist; wer glauben kann, aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen und in dieser Hand letztendlich geborgen zu sein, weiß um die eigene Würde und besitzt eine Stärke, an die weder Henker und noch Bürokraten heranreichen. . Unser Glaube sagt uns, wir sind es wert, daß Gott uns in Jesus Christus nahe gekommen, uns Menschen gleich geworden ist, auch in der Möglichkeit im Namen irgendeines Gesetzes zertreten zu werden. Deshalb dürfen wir mit Jesus den "großen, starken, unsterblichen Gott", wie wir in der Karliturgie beten, kindlich als Abba, Vater anreden.

    Wer aus dem Glauben weiß und aus gelebtem Glauben erfahren hat, daß mir als Einzelne ganz persönlich gemeint, gerufen und angenommen sind, nicht im Energiekreis des Universums aufgehen, sondern Ihm begegnen werden, der uns erdacht und getragen hat, wird stark sein können Das Urvertrauen auf den Spender allen Lebens wird uns ohne überheblich zu werden, weise sein lassen: Menschlich beschränkt, aber dennoch den Vater - Gott nachzuahmen und aus dieser Stärke heraus, Milde und Nachsicht walten lassen zu können gegenüber den Mitmenschen und auch gegenüber sich selbst. Aus dieser Stärke heraus wird es uns möglich sein, uns bescheiden in die Schar derer einzureiben, die mit Paulus bekennen müssen, daß sie zu ihrer Schande für dieses oder jenes zu schwach waren oder sind. Diese Einsicht und dieses Eingeständnis wird uns gegenüber der Versuchung zur Selbstgerechtigkeit gefeit machen. Als solche dürfen wir auf Gottes und der Mitmenschen Nachsicht und Verzeihung bauen, wie der Zöllner im Gleichnis, der nach dem Urteil Jesu gerechtfertigt nach Hause ging, weil er seine Unzulänglichkeit und seine Schuld erkannt und bekannt hatte.

    Geh hin und tu desgleichen

    Solchermaßen zu Gerechten erklärt, nicht durch eigene Fehleinschätzung, sondern durch Gottes Stärke, Milde und Nachsicht, dürfen wir, ohne pharisäische Selbstüberheblichkeit, dem Beispiel Gottes folgen, der durch sein Handeln sein Volk gelehrt hat, "daß der Gerechte menschenfreundlich sein muß" ( Weish. 12, 19). Was Menschenfreundlichkeit bedeutet, auch das hat uns Gott in Jesus Christus vorgemacht, der, obwohl er Gott gleich war, wie es im Philipperbrief (Phil 2,6ff) heißt, nicht daran festhielt, wie Gott in seiner Macht und Stärke zu sein, sondern sich entäußerte, gar wie ein Sklave aus der völlig rechtlosen Schicht der Gesellschaft, der "Handelsware Mensch" gleich wurde. Eine Menschenfreundlichkeit also, die im Wissen um ihre Verankerung in Gottes Stärke, Milde und Nachsicht üben kann. Mit den Worten Jesu: gegenüber Zöllnern und Sünder, Mühseligen und Beladenen, verbunden mit der Aufforderung an diejenigen, die ihm nachfolgen wollen: "Geh hin und tu desgleichen." Das heißt: richte in Milde, behandle alle Menschen, ob mächtig oder schwach, angesehen oder verachtet, mit großer Nachsicht aus der Stärke deines Glaubens, in Gott verankert zu sein und deshalb kein weiteres Zeichen von hinfälliger, irdischer Macht zu brauchen, um Deiner Würde sicher zu sein.



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    24. November 2002
    34. Sonntag im Jahreskreis
    Christkönig

    "Gott allein ist groß, auch Könige müssen sterben!" So beginnt der berühmte Hofprediger Bossuet die Leichenrede auf Ludwig den XIV. von Frankreich. In die Geschichte ist dieser als der "Sonnenkönig" eingegangen und zum Inbegriff eines absoluten Monarchen geworden, der sein Leben nach allen Regeln der Kunst ausgekostet hat.

    Die Geschichte von unten, das Los der sog. kleinen Leute, mit deren Schweiß, Not, Blut und Tränen solch ein Leben auf der Sonnenseite erst möglich wird, schien kaum erwähnenswert. Was sich im Laufe der langen Menschheitsgeschichte König oder Königin nennt, entspricht selten dem Bild, das sich die Menschen seit Urzeiten in ihrer Sehnsucht erträumen: Macht nach außen und Gerechtigkeit nach innen als Garanten für Frieden, gepaart mit Weisheit, Mitleid, Hoheit und Schönheit; dazu die Bereitschaft, das eigene Leben aus Liebe zum Volk dran zugeben. Wir feiern im Laufe eines liturgischen Jahres eine ganze Reihe von sog. "Herrenfesten", die uns an Ereignisse im Leben Jesu erinnern. Seit alters her gedenken wir so der Verkündigung, der Geburt, der Beschneidung und der Taufe, der Verklärung; wir feiern den Tod, die Auferstehung und die Himmelfahrt. Über Jahrhunderte haben wir das Kirchenjahr jeweils mit der Wiederkunft des Herrn in Macht und Herrlichkeit, oder, wie wir landläufig sagen, mit dem jüngsten Gericht, beendet und begonnen.

    Erst in jüngster Zeit steht das Christkönigsfest am Ende des liturgischen Jahres. Bis zum Jahr 1925 fehlte dieses Herrenfest. Das ist auf den ersten Blick verwunderlich, ist doch in der hl. Schrift häufig vom Christuskönig die Rede.

    In wenigen Tagen werden wir in der Liturgie wieder aus der Vision des Jesaja hören: "Ein Kind ist uns geboren, auf dessen Schultern die Weltherrschaft ruht." Im Stammbaum im Matthäus-Evangelium wird die Abstammung Jesu vom König Israels schlechthin, von David, festgeschriebe. In der Verkündigung im Lukas-Evangelium heißt es ausdrücklich: "Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben" (Lk 1,32). Wiederum bei Matthäus fragen die Weisen aus dem Morgenland "nach dem neugeborenen König der Juden" (Mt 2,2); beim feierlichen Einzug Jesu in Jerusalem wird dem Sohn Davids Hosanna zugerufen und Pilatus erhält auf die Frage, ob Jesus denn ein König sei, die Antwort: "Du sagst es" und der römische Gouverneur wird seinen Schuldspruch am Kreuz mit "König der Juden" begründen. Allerdings ist sein Reich, wie Jesus betont, nicht von dieser Welt. Deshalb feiern wir auch Kreuzerhöhung als eigenes Fest, weil er "unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen (hat), damit wir tot seien für die Sünden und für die Gerechtigkeit leben", wie es im ersten Petrusbrief heißt( 1 Petr. 2,24).

    Vielleicht wollte und musste die Kirche so lange warten, bis 1925, bis es keinen irdischen König mit Herrschergewalt mehr gab, um uns und das Bild von Jesus Christus nicht mir falschen Vorstellungen zu belasten.

    Ausgegangen ist der Wunsch nach einem eigenen Christkönigsfest von Frankreich. In einer Zeit schlimmster sozialer Ungerechtigkeit und Spannungen, besinnen sich Katholiken um 1870 ihrer besonderen sozialen Verantwortung und rufen dazu in Paray le Monial die "Societé du règne social de Jesus Christ" ins Leben. Übertragen in unseren Sprachgebrauch bedeutet das: Menschen finden sich zusammen, um die Maßstäbe des Reiches Gottes und seiner sozialen Gerechtigkeit, wie sie Jesus verkündet hat, endlich zum Durchbruch zu verhelfen. Konkret: Hungernden zu essen, Durstigen zu trinken, Fremden und Obdachlosen Herberge zu geben, Nackte zu bekleiden, Kranke besuchen und Gefangene aufzusuchen. Auch damals, im Frankreich von 1870 war es das, was fälschlicherweise "Gesellschaftsordnung" genannt wird und tausendfach unverschuldetes Elend hervorgebracht hat. Während zur gleichen Zeit andere sich um gesteigerten Reichtum und ständig raffinierteren Lebensgenuss kümmern konnten.

    "Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, alles andere wird euch dazugegeben (Mt 6,33) werden", sagt Jesus den Kleinmütigen, die meinen, es lasse sich doch nichts ändern. Die französischen Katholiken wollten ihm folgen im Vertrauen darauf, dann werde die kranke Gesellschaft gesunden. Gesunden, weil sich Menschen befreit fühlen von der unersättlichen und alles beherrschenden Gier nach Macht und Besitz, von dem Wahn rücksichtsloser Selbstverwirklichung zu Lasten anderer. Gesunden auch, weil Menschen einander als Geschwister erkennen und wissen, Gottesdienst kann in Gotteslästerung umschlagen, wenn er mit Menschenverachtung und Gleichgültigkeit einher geht. Die Kraft dazu, gegen die vermeintlich unabänderlichen Gesetze dieser Weit anzugehen, werden sie aus ihrem Glauben an Christus schöpfen, dem sie im Bild des Christuskönigs treue Gefolgsleute sein wollten. Die Situation ist vergleichbar mit unserer derzeitigen Globalisierungsversessenheit, die alles und jedes, ob Menschenleben, Tier oder Pflanzen, letztendlich den ganzen Globus, der kurzfristigen und kurzsichtigen Anhäufung von Macht und Reichtum Weniger opfert, über den wirtschaftlichen Interessen alles andere zu vergessen scheint. Die Alten sahen darin den Götzen Mammon am Werk. Schließlich fordert dieser nimmersatte Moloch nicht nur seinerseits Opfer an Menschenleben. In der geradezu zynischen Logik derer, die nicht unmittelbar betroffen sind, gelten solche Opfer geradezu als unvermeidlich.

    Dieser Irrlehre gilt es die Maske vom Gesicht zu reißen, hinter der nichts als die höhnische Fratze zum Vorschein kommt: Versucht es nur, euch an der Sonnenseite festzukrallen, euch einzuspinnen wie eine Raupe in ihren Konkon, undurchlässig für alles, was nicht ihrer eigenen Entwicklung dient. Und wenn für kurze Zeit ein bunter Schmetterling hervorkäme, auch Sonnenkinder und Sonnenkönig müssen sterben.

    Uns, die in eine Zeit geboren sind, in der Könige kaum für mehr als für Illustriertengeschichten taugen, mag das Bild des Christuskönigs nicht mehr so liegen, wie den Initiatoren des Christkönigsfestes. Das Anliegen dahinter ist das gleiche: Uns selbst und einer widerwilligen Welt deutlich zu machen durch unser Leben als Einzelne und als Gemeinschaft, dass wir als Christinnen und Christen uns gerufen wissen, mitzuwirken am Reich Gottes, als einem Reich "der Wahrheit und des Lebens", "der Heiligkeit und der Gnade", "der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens". So werden wir in der Präfation zum heutigen Fest hören.

    Dazu ist Christus, der König, in die Welt gekommen und dafür hat er sich, der Welt ein unerträgliches Ärgernis, ans Kreuz schlagen lassen. Gott aber hat ihn erhöht über alle, damit alle Mächte im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen, wie das vor Königen der Fall war, und jede Zunge bekennt: "Herr ist Jesus Christus zur Ehre Gottes des Vaters", wie es im Hymnus des Philipperbriefes heißt ( Phil 2,9 11).

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    Predigten von P.Dr.Othmar Noggler ofm.cap. 12. Januar 2003
    2. Sonntag nach Weihnachten
    Die Taufe Jesu

    9Die Taufe Jesu: 1,9-11
    In jenen Tagen kam Jesus aus Nazaret in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen. 10 Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, daß der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. 11 Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.

    Propheten sind unbequeme, weil unangepaßte Zeitgenossen. Sie stören die eingefahrenen Kreise, in denen sich die jeweilige Gesellschaft, wenn nicht gedankenlos, so doch oft genug hilflos, bewegt. Sie sind mehr als Querdenker, Abweichler vom offiziellen Kurs, wiewohl sie mit diesen manches gemeinsam haben. Propheten in der Tradition des alten Volkes Israel wissen sich von Gott persönlich gerufen. Bei Jeremia ist das eindrucksvoll beschrieben: "Das Wort des Herrn erging an mich: Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich Dich bestimmt" ( Jer 1, 4-5). Für die Echtheit solche Berufung gibt es Kriterien: Wie Jeremia haben sich die Propheten weder selbst ernannt und schon gar nicht in diese undankbare Rolle gedrängt. Wiederum bei Jeremia wird sie so umschrieben: "Sieh her, am heutigen Tag setze ich dich über Völker und Reiche; du sollst ausreißen und niederreißen, vernichten und einreißen, aufbauen und einpflanzen" (Jer 1,10). Es geht um nicht weniger, als Denken und Verhalten der gesamten Gesellschaft, in der großen Politik wie im täglichen Leben, Könige, Beamte, Priester und Volk (vgl. Jer 1,18) wieder auf die rechte Bahn zurückzuführen, die sozusagen zum Wohl des Menschen von dessen Erfinder und Schöpfer vorgegeben ist. Propheten scheiden die Geister, zwingen zur Entscheidung.

    Der Prophet Johannes

    In Johannes, dem Sohn de Priesters Zacharias und der Elisabeth begegnet uns solch ein Prophet. Nach Auskunft der Evangelien hat er außerordentlichen Erfolg. Menschen aus der ganzen Gegend und sogar aus der Hauptstadt machen sich auf und ziehen an den Jordan. Offensichtlich begreifen sie, Umdenken, Umkehr ist notwendig. Der ganze in Jahren und Jahrzehnten aufgehäufte innere Schmutz soll in der archaischen Geste des Sich-taufen-lassens abgewaschen werden. Der Gotterfahrene aus der Wüste hat recht. Statt Gott zu lieben aus ganzem Herzen, laufen die Menschen den Götzen der Zeit nach; statt die Nächsten zu lieben wie sich selbst, üben Kleine wie Große Macht über sie aus, halten sich jeweils für die Wichtigeren, Bedeutenderen, Auserwählteren, die das Recht haben, auf denen, die unter ihnen sind, herumzutrampeln.

    Der Prophet aus Nazareth

    Unter den Tausenden von Einsichtig-Reuigen, die sich taufen lassen, wird einer sein wie er, Johannes, und andere vor ihm, deren Namen das Volk kennt: Jesaja, Jeremia, Amos, Elija.. Und es wird einer sein, der um so viel stärker ist als er selbst, daß er sich bei ihn nicht einmal auf die Stufe eines persönlichen Dieners zu stellen wagt.

    Er, Johannes, wird Zeuge der Berufung Jesu, des Propheten aus Nazareth, werden. Dessen Stärke wird nicht in noch härterer Lebensweise, noch treffenderer Redegewalt liegen. Der Prophet aus Nazareth wird auch nicht mit den geheiligten Wassern des Jordan taufen, um den Schmutz der Vergangenheit abzuwaschen. Jesus wird, mit Heiligem Geist taufend, das Innerste der Getauften verändern, sie in eine besondere Nähe zu Gott bringen, die sie befähigt, das Reich Gottes und seine Ordnung zu begreifen.

    Das Reich Gottes und seine Ordnung.

    Zu ihr gehört, daß nicht länger die Schlächter ganzer Völker als "groß" vor der Geschichte gelten und zu Helden erklärt werden, denn er wird sagen: Bei euch soll es nicht so sein, wie üblich, wo die Mächtigen oder die jeweils Stärkeren die Schwachen und Hilflosen unterdrücken. Deutlicher und verbindlicher läßt sich das nicht ausdrücken, als es Jesus tut hinsichtlich der Schwächsten, der Kinder, wenn er feststellt: "Wer so ein Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat" (Mk 9, 37). Jesus wird die Menschen lehren, zuerst nach dem eigenen Versagen, nach der eigenen Schuld zu fragen, er wird die Vergebung von Schuld an die eigene Bereitschaft knüpfen, anderen zu vergeben. Dieser Gedanke ist so zentral für ihn, daß er ihn in das Gebet aufnimmt, das zum Grundbestand aller Christen geworden ist: Vater, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir denen vergeben, die an uns schuldig geworden sind.

    Er wird von den Seinen eine Gerechtigkeit fordern, die tiefer und radikaler begriffen werden muß, als bei seinen Zeitgenossen, auch den Frommen, üblich. Jesus wird lehren, auch Opfer sind wertlos, wenn sie von Unversöhnten gebracht werden. Wie Johannes wird auch der Prophet aus Nazareth, wie ihn die Leute nennen, die Menschen zum Umdenken, zur Umkehr aufrufen. Dabei wird er zu kämpfen haben wider die engstirnige, heute würden wir sagen fundamentalistische, Vorstellung, es genüge Sohn oder Tochter Abrahams zu sein, um sozusagen Gott und mit ihm alles Recht auf seiner Seite zu haben.

    Er wird Mühe kosten, in den Köpfen der Jünger mit der Vorstellung aufzuräumen, er sei gekommen um Erez Israel, das unabhängige Groß-Israel der Zeit König Salomos, wieder herzustellen; es wird besondere Mühe kosten verständlich zu machen, daß das von ihm verkündete Reich Gottes in den Menschen ist und wächst und natürlich greifbare Früchte in ihrem Zusammenleben bringen wird und muß. Möglicherweise ergeht es uns wie den Menschen damals, die Jesus zuhörten. Von ihnen heißt es ein paar Zeilen weiter zum heutigen Abschnitt des Evangeliums: " Die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre" (Mk 1,21).

    "Den Alten wurde gesagt.. Ich aber sage euch .." (vgl. Mt 5,33)

    Alle, die sie ernst nehmen, werden das verachtende Gelächter derer vernehmen, die weiterhin von archaischen Instinkten der Macht geleitet, nicht begreifen wollen oder können, daß dabei schon das alte "Aug' für Auge und Zahn für Zahn" ein Riesenfortschritt in der Kultur der Menschheit wäre. Besagt diese Regel doch: Der Stärkere soll seine Überlegenheit nicht soweit ausnützen, daß er dem Schwächeren größeren Schaden zufügt, als er selbst erlitten hat. Wiederum in der Sprache unserer Zeit hieße das, die Verhältnismäßigkeit der Mittel beachten. Jesus geht darüber kompromißlos hinaus: "Den Alten wurde gesagt... Ich aber sage euch"

    Schon die genannte alttestamentliche Selbstbeschränkung und Selbstbeherrschung mag im landläufigen Denken nur als bemitleidenswerte Schwäche ausgelegt werden. Ab und zu und zwar im Nachhinein, zeigt sich die Stärke, die in dem Maßstab liegt, den Jesus uns in der Bergpredigt gegeben hat. Ein Beispiel unserer Tage.

    Dieser Tage wurde Jimmy Carter mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Er macht kein Hehl daraus, daß sein Christusglaube bestimmend für sein Leben ist. Auf dem Gipfel menschlicher Macht, als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, hatte er, in politischer Umsetzung der Bergpredigt, Menschenwürde und Menschenrecht zur Grundlage seiner Innen- und Außenpolitik gemacht. Auch damals galt solches Denken als wirklichkeitsfremd und kostete ihm folglich eine zweite Amtszeit. Inzwischen wird er zu den Krisenherden der Welt als Vermittler gerufen und angenommen. Ohne Macht und die Möglichkeit mit militärischer Stärke zu drohen, streitende Parteien mit der Aussicht auf Blut und Elend gefügig zu machen, setzt er auf den Sinn für Gerechtigkeit, die Kraft der Versöhnung und guten Willen. Darin ur-christliches und dennoch wirksames Handeln zu erkennen, dazu braucht es grundlegendes Umdenken als Frucht der Taufe mit Heiligem Geist; bedarf es des achtsamen Hinhörens auf ihn, der in allen Menschen und Kulturen wirkt, und ist das Vertrauen in das Wort Jesu notwendig, mit dem er im heutigen Evangelium sein öffentliches Wirken beginnt: " Kehrt um und glaubt an das Evangelium" (Mk 1,14-15).



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    18. Mai 2003
    5. Ostersonntag
    Gott weiß alles, er ist größer als unser Herz

    1 Joh. 3, 18 - 24

    Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit. Daran werden wir erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind, und werden unser Herz in seiner Gegenwart beruhigen. Denn wenn das Herz uns auch verurteilt - Gott ist größer als unser Herz, und er weiß alles. Liebe Brüder, wenn das Herz uns aber nicht verurteilt, haben wir gegenüber Gott Zuversicht; alles, was wir erbitten, empfangen wir von ihm, weil wir seine Gebote halten und tun, was ihm gefällt. Und das ist sein Gebot: Wir sollen an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben, wie es seinem Gebot entspricht. Wer seine Gebote hält, bleibt in Gott und Gott in ihm. Und dass er in uns bleibt, erkennen wir an dem Geist, den er uns gegeben hat.

    Gott weiß alles, er ist größer als unser Herz

    Wie schon lange nicht mehr ist unsere Welt heute voll von selbsternannten Propheten; Menschen, die im Namen Gottes und geradezu an Gottes statt glauben handeln zu müssen, um Ordnung zu schaffen und das verdorbene Menschengeschlecht wieder auf den rechten Weg zu bringen.

    Doch so, wie nicht alle, die "Herr, Herr" sagen, schon deshalb nach dem Wort Jesu im Reich Gottes Platz finden, sondern an den dazugehörigen Taten zu messen sind, so werden auch nicht alle, die im Namen Gottes auftreten, tatsächlich vom Geist Gottes bestimmt, sind eher Opfer eigener Selbstüberschätzung. Diese Art von selbsternannten Propheten finden wir unter islamistischen Gotteskriegern, die im Namen Allah's, dem Allbarmherzigen, wie jede Gebetsformel eines Moslem beginnt, glauben, unbarmherzig Menschenleben vernichten zu dürfen und dabei noch eine gottgefällige Tat zu vollbringen.

    Diese Haltung erinnert an das Wort Jesu im Johannesevangelium: "... es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten." Die entscheidende Begründung Jesu dafür lautet: "Das werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich erkannt haben" (Joh 16, 2-3). Wer mordet, Menschenleben vernichtet, kann sich weder auf den barmherzigen Vater im Himmel, von dem uns Jesus Kunde gebracht hat, noch auf Allah, den Allbarmherzigen, berufen und sollte eigentlich wissen, sich an Menschenleben zu vergreifen gehört zu den Verbrechen, die um Rache zum Himmel schreien.

    Auch unter den Fundamentalisten in den USA finden wir selbsternannte Wächter für Gottes Ordnung und selbsternannte Rächer im Namen Gottes, die sich " in Gottes eigenem Land" wähnen und sich berufen fühlen, den Rest der Welt nach ihrem Muster zu gestalten.

    Der Überfall auf den Irak hat das deutlich gemacht. Offensichtlich haben nur wenige sich darüber Gedanken gemacht, was es nach dem Maßstab Jesu bedeutet, auf den sich Christen doch berufen, dass gegnerische Soldaten durch eine überlegene Waffentechnik zu Tausenden wie Ungeziefer vernichtet wurden und die Opfer unter der doppelt geschlagenen Zivilbevölkerung zum bedauerlichen "Nebeneffekt" degradiert wurden.

    - Wer diese Feststellung für übertrieben hält, möge sich vor Augen halten: Auf Seiten der Alliierten werden ca. 60 Todesopfer beklagt, davon nur eine Handvoll durch Feindeinwirkung, jedoch sind einige tausend irakische, letztendlich wehrlose Soldaten und eine hohe, bis heute nicht näher bezifferte Anzahl von Opfern unter der Bevölkerung zu beklagen. - Den als Waisen zurückgelassenen, verwundeten oder grausam verstümmelten Kindern wird es schwer fallen, in ihrem Schicksal ein notwendiges Opfer für die Befreiung ihres Landes zu erkennen.

    Wenn wir schon andere dem Maßstab Jesu unterwerfen, um zu erkennen, ob der Geist Gottes oder Selbstverblendung am Werk sind, dürfen wir uns selbst und auch unsere Kirche nicht vergessen. Immer wieder müssen wir erleben, wie im Streit dürre, von Menschen gemachte Paragraphen hervorgeholt werden, um angeblich diese Kirche zu retten, statt auf das Wort Jesu zu bauen: "Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe" (Mt 5,23-24). Das gilt für uns alle, gleich ob wir nun ein Dienstsamt in dieser Kirche wahrzunehmen haben oder nicht.

    Die eigene Erfahrung zeigt uns allerdings, die Bereitschaft zur Versöhnung, die Jesus fordert, ist kein leichtes Unterfangen, sie verlangt ein tiefes und ehrliches Hineinhorchen in das eigene Herz. Manchmal mögen wir dabei erschrecken, wie viel Machtgelüste, Kälte, sogar Hass sich dort entwickeln konnten und so unser Denken und Handeln bestimmen. Deshalb bitten wir um den Geist Gottes der Weisheit und des Verstandes, des Rates und nicht zuletzt der Stärke, um die Kraft zu finden, die Mitmenschen mit dem Maßstab Jesu und nicht nach dem eigenen zu messen.

    Deshalb beginnen wir auch jede Eucharistiefeier mit dem eigenen Schuldbekenntnis und bitten einzeln die "Schwestern und Brüder, für mich zu beten bei Gott, unserm Herrn". Die anderen, die uns ertragen müssen, sollen bei ihm, der uns erdacht hat, sozusagen ein gutes Wort einlegen, weil er weiß, sie schwer es uns fällt nicht in die alte Falle zu tappen, die uns die Paradiesesgeschichte erzählt: "Ihr werdet sein wie Gott". Zu leicht halten wir uns naiv für unabhängig und mächtig, sind versucht, uns selbst zum Maß aller Dinge aufzuschwingen oder Gott auf unser menschlich beschränktes Maß herabzuziehen. Zu leicht halten wir ihn für Unseresgleichen, von dem es im Antwortpsalm in der heutigen Liturgie heißt: "Vor ihm allein sollen niederfallen, die Mächtigen der Erde, vor ihm sich - sogar - alle niederwerfen, die in der Erde ruhen" (Ps 22, 30 ab); zu leicht vergessen darüber, dass Gott größer ist als unser beklemmtes, kleinmütiges auch verwundetes, von vielen Narben entstelltes Herz, entstellt von Narben, die uns wir selbst und andere beigebracht haben.

    Deshalb bitten wir um den Heiligen Geist, dass er uns in aller Bescheidenheit mit Petrus bekennen lässt: "Herr, du weißt alles, auch dass ich dich liebe" und der uns die Kraft gibt, das Gebot Jesu zu erfüllen, das von uns fordert, in jedem Menschen und sei er noch so verachtet, ihm selbst zu begegnen.

    Um das Bild vom heutigen Evangelium zu würdigen: wir brauchen die Lebenskraft aus dem Weinstock, um als Reben überhaupt leben und entsprechende Frucht aus dem Geist bringen zu können. Wie diese Frucht aussieht, dafür gibt uns Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Galatien den entsprechenden Hinweis: "Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.. wir wollen nicht prahlen, nicht miteinander streiten und einander nichts nachtragen" (Gal 5, 22-26).

    Im Vertrauen auf die Großherzigkeit des barmherzigen Vaters bitten wir, unserer Schuld und unserer Verpflichtung bewusst: Vater, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir denen vergeben, die an uns schuldig geworden sind.



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    21. Dezember 2003
    4.Adventsonntag
    >Beten, Fasten, Almosengeben

    Ein Fest, zumal ein religiöses, das den ganzen Menschen bewegt, braucht eine Zeit der Vorbereitung. Sie bietet die Möglichkeit in sich selbst hineinzuhorchen: Wieder hellhörig zu werden für leise Regungen des Gewissens, stumme Hilferufe aus seiner nächsten Umgebung, für die Not der Mitmenschen und der Kreatur. Solche Zeiten der Vorbereitung sind seit alters her bestimmt vom Dreiklang: Beten, Fasten und Almosengeben.

    Zuerst vom Beten, das uns unser spezifisches Gewicht wieder ins Gedächtnis ruft: Auf das kosmische Geschehen bezogen, sind wir kaum mehr als Eintagsfliegen. Auch ohne unser heutiges Wissen über Millionen von Sonnen, wusste der Mensch um seine Begrenztheit und Hinfälligkeit, so er nicht heillos verblendet war. Petrus greift in seinem ersten Brief an die Gemeinden diese Erfahrung auf und zitiert dabei den Propheten Jesaja " Alles Sterbliche ist wie Gras, und all seine Schönheit ist wie die Blume im Gras. Das Gras verdorrt und die Blume verwelkt; doch das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit" (Jes. 40, 6.8), Der Prophet wie der Apostel weisen uns aber gleichzeitig auf den hin, der all dies -auch uns Menschen - erdacht hat, den wir mit unseren Worten "Schöpfer" nennen und der noch ewiger gedacht werden muss als sein Wort: "Es werde!"

    Zur Wahrnehmung unseres spezifischen Gewichts gehört aber ebenso wesentlich wie Endlichkeit und kosmische Bedeutungslosigkeit das Wissen, nach Gottes Bild und Gleichnis gestaltet zu sein und damit aber ein Leben zu verfügen, das nicht mit den Molekülen zerfällt in ein Leben, das in den Augen des Schöpfers so viel wert ist, dass wir, selbst schon in der Schrift Söhne und Töchter Gottes genannt, im einmalig Sohn Gottes Genannten, einen neuen, ungeahnten Zugang zum Schöpfer- und Vatergott mit seinem mütterlichen Herzen erfahren.

    So sehr hat er uns nach dem Wort Jesu bei Johannes geliebt (vgl. Joh 3 16), dass er seinen Einziggeborenen in die Weit hingegeben hat: An einen historischen Ort und zu einem historischen Zeitpunkt.

    Nach dem Wort der Schrift beim Propheten Micha, das wir heute gehört haben, steht Bethlehem als Geburtsort des verheißenen Messias, also des Gesalbten des Herrn, fest. Für gläubige Juden ,steht aber seine Ankunft noch aus. Für uns, die wir uns nach dem "Gesalbten des Herrn", griechisch Christös, "Christen" nennen, war die Zeit in jenen Tagen des Kaisers Augustus erfüllt.

    Mit den Augen eines Menschen, der im jüdischen Glauben erzogen und zugleich mit denen eines Jüngers Jesu, liest der Verfasser des Hebräerbriefes den Psalm 40 als Schriftbeweis dafür, dass Jesus der verheißene Messias ist. Er kann deshalb schreiben: "Christus spricht bei seinem Eintritt bereitetet, Brand-und Sündopfer forderst du nicht.

    In diese Gedankenwelt kann man nicht unvorbereitet aus der Geschäftigkeit der Zeit hineinstolpern, Ihr muss eine Zeit der Einstimmung, der gedanklichen und körperlichen Entschlackung vorausgehen, Deshalb ist entsprechend der uralten Erfahrung der Menschheit auch in der Kirche der Advent als Zeit der Besinnung und des Fastens dem Geburtsfest Jesu als eine Zeit der Besinnung und des Fastens vorgeschaltet.

    Allerdings ist uns seit den Tagen des Propheten gesagt, religiöses Fasten hat nur dann seinen Wort, wenn es sich auch auf unser Verhalten dem Mitmenschen gegenüber auswirkt, Er lässt Gott sprechen:-" Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen im Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen." (Jes. 58, 6-7). In seiner Bergpredigt wird Jesus dieses Wort Gottes aufnehmen und zum Ärger all jener noch verdeutlichen, die glauben, ihrem Leben Erfüllung zu geben mit der Devise-. "Macht ist alles" oder "Geiz ist geil". Um die ganz andere Lebensphilosophie des Jesus aus Nazareth zu begreifen, gar noch als Befreiung und Freiheit, als Weg zu Gerechtigkeit und Frieden, bedarf es des vertieften Nach-und Umdenkens. Nützen wir die verbliebenen Tage bis zum Fest der Geburt dessen, Von dem der Prophet Micha uns heute gesagt hat-, "Er wird der Friede sein".

    Othmar Noggler

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    21. März 2004
    4. Fastensonntag
    Uns ist der Dienst an der Versöhnung aufgetragen

    2 Kor 5, 18

    "Uns ist der Dienst an der Versöhnung aufgetragen" schreibt Paulus an die Gemeinde von Korinth, wie wir heute gehört haben.

    Diese Gemeinde lebt in einem im ganzen Altertum verrufenen Umfeld; "korintheln", sich benehmen wie in Korinth, war ein gängiger Ausdruck des Abscheus sog. Rechtschaffener außerhalb dieser Stadt. Es fehlte auch damals nicht an Menschen, die diesen Sumpf menschlicher Verkommenheit mit Stumpf und Stil, Feuer und Schwert auszurotten bereit gewesen wären, bestimmt von dem Wahn, im Sinne eines gerechten Gottes, gar in dessen Namen zu handeln, weil sie sich ohne den geringsten Zweifel auf der Seite des Guten wähnten.

    Dass ein solcher Gott nicht der sein kann, den Jesus seinen und unseren Vater nennt, müsste allen klar sein, die sich Christen nennen.

    Dieser Vater, wie ihn uns Jesus schildert, ist nicht der "liebe Gott", der beliebig für die eigenen Interessen eingespannt werden kann, als letzter Hammer zur Rechtfertigung eigener Rechthaberei bis einschließlich eigener Verbrechen, natürlich im Namen einer "guten Sache". Was wäre das denn auch für ein Gott, der "Menschenrechte" nur dann absegnet, wenn sie uns passen oder in der Verfassung stehen; ein Gott, der sich austricksen ließe, etwa mit der Behauptung, Menschenwürde und Menschenrechte hätten nur auf dem eigenen Territorium, gegenüber den eigenen Landsleuten, gar nur gegenüber Menschen gleichen Blutes ihre Geltung?

    Selbstverständlich sind die erklärten Menschenrechte ein wichtiges Bemühen, die ständige Verletzung der Würde des Menschen, wie sie ihm vom Schöpfer gegeben ist, abzuwehren, wenigstens mit den schwachen, menschlich-armseligen Mitteln der Justiz.

    Armselig deshalb, weil wir tagtäglich erfahren müssen, wie weltweit und auch im eigenen Land, Recht gebeugt, im Dienste der Macht missbraucht wird, Richtende oft genug "im Namen des Volkes" ein Urteil sprechen, das dieses Volk - und damit wir selbst - nicht begreifen können, weil es unserem Empfinden von Gerechtigkeit zuwiderläuft.

    Dieses unheilvolle, für einzelne Betroffene schlimme bis tödliche Auseinanderklaffen von Gerechtigkeit, Gerechtigkeitsempfinden und Rechtsprechung, ist allerdings so alt wie die Institution Justiz.

    Der Prophet Micha formuliert vor mehr als 2700 Jahren sozusagen seinen "Bericht zur Lage der Nation" folgendermaßen: "Verschwunden sind die Treuen im Land, kein redlicher ist mehr unter den Menschen. Sie trachten nach bösem Gewinn, und lassen sich's gut gehen. Die hohen Beamten fordern Geschenke, die Richter sind für Geld zu haben, und die Großen entscheiden nach ihrer Habgier, so drehen sie das Recht." ( Mich 7, 2-3). Diese harte Anklage trifft selbstverständlich nicht jeweils alle, aber erfahrungsgemäß immer und überall einige.

    Jesus, den seine Zeitgenossen zunächst für "einen der Propheten" hielten, musste allerdings auch denen, die ihm zuhörten, sogar denen, die ihm nachfolgten, sagen: "Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist, als die der Schriftgelehrten und Pharisäer"(Mt 5, 2). Dabei waren diese dafür bekannt und geachtet, dass sie nach dem Buchstaben des Gesetzes lebten, jedoch gerade deshalb auch oft den Sinn verfehlten, ihn mit ihrer Buchstabentreue geradezu verfälschten. Gerechtigkeit, wie Jesus sie versteht, hat er wieder einmal in eine für viele anstößige Parabel gekleidet, nämlich in die des verlorenen Sohnes, oder besser: des barmherzigen Vaters. Da stimmt gar nichts überein mit dem herkömmlichen Denken von Gerechtigkeit.

    - Der "verlorene Sohn" ist nicht verloren. Es hat sich offensichtlich sein Grundvertrauen in den Vater auf all seinen Irrwegen bewahrt, hatte im Gegensatz zu vielen Menschen das Glück, einen liebenden Vater und nicht nur einen mehr oder weniger zufälligen und widerwilligen Erzeuger zu haben. Er weiß, der Vater wird ihn nicht verstoßen, ist bereit zur Versöhnung, weil er auch seinen Teil mitbringt: Die Erkenntnis und das Bekenntnis seiner Schuld und die Bereitschaft wieder gut zumachen: "Vater, ich habe gegen Gott im Himmel und gegen dich gesündigt. Ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen: mach mich zu einem deiner Taglöhner" (Lk 15, 18-19). - Im Gleichnis ist auch der Vater nicht das gefühllose Oberhaupt der Familie, das diese mehr fürchtet als liebt. Seine verletzte Liebe hindert ihn nicht, die Bitte um Vergebung anzunehmen und sich mit dem gestrauchelten Sohn zu versöhnen. Seine Gerechtigkeit ist größer als die der Schriftgelehrten und Pharisäer.

    - Die des Daheimgebliebenen ist es offensichtlich nicht. Er rechnet auf, fühlt sich als der Zukurzgekommene, fast möchte man meinen, es steckt auch ein wenig Neid auf die Weltläufigkeit des Bruders dahinter und die Angst, das Erbe nochmals teilen zu müssen. Obwohl ihm der Vater gut zuredet, kann und will er die beiden nicht verstehen, den Bruder nicht und auch den Vater nicht. Statt sich der Wiedersehensfreude hinzugeben, verstockt und verstummt er. Den Kern der ansprechenden Parabel macht die Bereitschaft des Schuldiggewordenen aus, das eigene Unrecht erkennen und sühnen zu wollen und die Großherzigkeit des Vaters, die Bitte um Vergebung anzunehmen und damit Versöhnung wachsen zu lassen.

    Wachsen zu lassen deshalb, weil Versöhnung nicht durch einen gerichtlichen Vergleich, einen rechtskräftigen Verzicht auf beleidigende Äußerungen, auf die Verpflichtung zur Wiedergutmachung allein geschieht. Versöhnung setzt einen Prozess im Denken der Betroffenen voraus. Ihnen dabei zu helfen, das nötige Umfeld zu schaffen, ist Aufgabe der Gemeinde. Jedenfalls hat Jesus seine Jüngerschaft so gesehen, als Sauerteig in der herkömmlichen Gesellschaft, eingeleitet mit dem Wort: "Ihr wißt … bei euch soll es nicht so sein" (vgl. Mt 20, 24 - 26). So eindringlich muss Jesus dies wiederholt haben, dass dieser Gedanke in allen vier Evangelien festgehalten ist. Der gelernte Pharisäer und Theologe Paulus erinnert die Gemeinde in Korinth daran, dass das nicht nur eine zusätzliche neue Haltung ist, die es zu pflegen gilt, sondern dass sie als Christen mit dieser Einstellung geradezu eine neue Schöpfung sind: versöhnt mit Gott durch den Bruder und Herrn Jesus Christus und beauftragt dessen Dienst an der Versöhnung in der jeweiligen Gesellschaft und Gemeinschaft weiter zu tragen.

    Die Fastenzeit sollte uns helfen, diesen Dienst ernst zu nehmen, dazu unser eigenes Denken zu prüfen und wenn nötig, unseren Lebenskompass wieder zu justieren, um den Dienst der Versöhnung an den Geschwistern, gleich wer sie sind, wo sie sind und woher sie kommen, auch leisten zu können. Schließlich ist uns der Dienst an der Versöhnung aufgetragen und die Welt wartet mehr denn je auf überzeugende Modelle geglückter Versöhnung, nachdem sie tagtäglich erfahren muss, wie selbstgesatztes Recht nur Not und Tod hervorbringt.



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    1. August 2004
    18. Sontag im Jahreskreis
    Der Narr

    Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch. Denn es kommt vor, daß ein Mensch, dessen Besitz durch Wissen, Können und Erfolg erworben wurde, ihn einem andern, der sich nicht dafür angestrengt hat, als dessen Anteil überlassen muß. Auch das ist Windhauch und etwas Schlimmes, das häufig vorkommt. Was erhält der Mensch dann durch seinen ganzen Besitz und durch das Gespinst seines Geistes, für die er sich unter der Sonne anstrengt? Alle Tage besteht sein Geschäft nur aus Sorge und Ärger, und selbst in der Nacht kommt sein Geist nicht zur Ruhe. Auch das ist Windhauch. Koh 1,2;2,21-23

    Einer aus der Volksmenge bat Jesus: Meister, sag meinem Bruder, er soll das Erbe mit mir teilen. Er erwiderte ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Schlichter bei euch gemacht? Dann sagte er zu den Leuten: Gebt acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, daß ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluß lebt. Und er erzählte ihnen folgendes Beispiel: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte. Da überlegte er hin und her: Was soll ich tun? Ich weiß nicht, wo ich meine Ernte unterbringen soll. Schließlich sagte er: So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen. Dann kann ich zu mir selber sagen: Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iß und trink, und freu dich des Lebens! Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft hast? So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott nicht reich ist. Lk 12,13-21

    Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern.

    Selten treffen die Lesungen eines beliebigen Sonntags im Kirchenjahr so punktgenau auf einen Zustand, der augenblicklich die so genannte Volksseele kochen lässt und dabei eine beklagenswerte Entwicklung in unserer Gesellschaft bloßstellt, wie dies an diesem ersten Sonntag im August der Fall ist.

    Zunächst kommt der Prediger des gleichnamigen Buches des Alten Testaments zu Wort. Da ist die Rede von einem der sich anstrengt, der mit Können und vermutlich auch mit Risikobereitschaft und etwas Glück, es zu nennenswerten Reichtum gebracht hat.

    Kinder, die es einmal besser haben sollen, deren Zukunft jede Anstrengung und jedes Opfer wert sind nach Überzeugung der meisten Eltern, sind beim Prediger offensichtlich nicht vorhanden. Einem anderen, der kaum eine Beziehung zum Erblasser hat, sich vor allem dafür nicht angestrengt hat, fällt dann die Erbschaft in den Schoß. Eine bittere Erfahrung, die heutzutage nicht wenige alte Menschen machen. Selbst kinderlos, habe sie ein beachtliches Vermögen zusammengespart, das sie Verwandten hinterlassen, die oft genug keine Zeit gefunden hatten für einen Brief, ein Telefonat oder gar einen Besuch. Vermutlich spricht ihnen der Prediger aus der Seele, wenn er rückschauend die ganze Plackerei eines Lebens und ihr Ergebnis mit einem bitteren "Windhauch", einem resignierenden "Ph": "Was soll's?" abtut.

    Auch darin hat der Prediger recht, wenn er meint: "Es gibt nichts neues unter der Sonne" (Prd 1,9). Natürlich geht es heute nicht mehr darum, Feld an Feld, Haus an Haus, zu reihen, bis keiner mehr Platz findet, wie das der Prophet Jesaja noch beklagt. Heute werden Aktien gehandelt, finden feindliche Übernahmen statt und bereichern sich diejenigen, die vom Schweiß der Arbeiterschaft leben. Ob die schlaflosen Nächte der Männer und Frauen aus den Führungsetagen, die für das Wohl der Aktionäre geradestehen müssen, bedrängender und damit hunderttausendfach verdienstvoller sind, als die der Menschen, die sich fragen müssen, wie sie mit dem mageren Einkommen ihre Miete bezahlen, die Kosten für die Kinder aufbringen, eine Zugeh-Person vergüten sollen, die ihnen ihre Hilflosigkeit nach einem harten Arbeitsleben erleichtert?

    Man ist versucht glauben, hinter der maßlosen Gier nach mehr, unvorstellbar viel mehr, findet sich so etwas wie der einst im dialektischen Materialismus gedachte Sprung von der Quantität zur Qualität. Einfacher gesagt, verbirgt sich hinter solchem Drang die Vorstellung, es könnte aus Reichtum in astronomischem Ausmaß, der Quantität, doch noch so etwas wie kosmisch-ewiges Leben, also eine neue Qualität, erwachsen?

    Paulus erinnert die Christen in Kolossä daran, sie haben das Ringen ums Über-Leben schon gewonnen, sind sie doch mit Christus in ein neues Leben eingetreten und haben den hoffnungslos veralteten Menschen wie ein aus der Mode gekommenes Kleidungsstück abgelegt, der trotz gegenteiliger Erfahrung der ganzen Menschheit, darauf setzt, sein Eintagsfliegendasein doch noch zu überwinden, und sei es auf Kosten aller anderen und alles anderen.

    Aus der Sicht des "neuen Menschen", der wieder weiß, was er nüchterner- und ehrlicherweise dem gemeinsamen Schöpfer, den Mitmenschen und den Mitgeschöpfen schuldet, gelten die trennenden Unterschiede, die allemal als Begründung für Rassedünkel, Pflege der sozialen Hackleiter und Zerstörung im Namen des Fortschritts herhalten müssen, überwunden, gilt ein Menschenleben wieder als heilig, weil vom gleichen Schöpfer und wieder als ge-heiligt im Bruder Jesus Christus.

    Solches Denken ist, weil im Glauben begründet, sicher vielen nicht oder nicht mehr zugänglich. Da scheint das Gleichnis im heutigen Evangelium einfacher, weil es sich sozusagen nur an den gesunden Menschenverstand wendet, gleichzeitig aber ein Gespür für Ethik - ein Verhalten, das einsichtig und des Menschen würdig ist - weckt.

    Niederreißen und Vergrößern in der Annahme, es komme der nimmer endende Tag, an dem man sich, eingesponnen in seine eigene Welt, des Lebens freuen kann, zeigt sich als Sackgasse, in die man irrtümlich oder eben als Narr einfährt, falls man weiter will.

    Die Ethik sagt uns, gesammelten Reichtum zu genießen, ohne sich Gedanken zu machen, wer alles an der guten Ernte mitgewirkt hat, deren Früchte in maßloser Selbstüberschätzung als alleiniges und eigenes Verdienst in Anspruch zu nehmen, ist wider die Natur des Menschen. Ein Wesen, das nur in der Gemeinschaft zum Leben kommt, leben, und für eine gewisse Zeit überleben kann mit ihrer Hilfe, wird, ob als Einzelnes oder als Gesellschaft zunächst als "seelenlos" eingestuft , die Seele und dann das Leben selbst verlieren. Davor wird uns dann aber niemand schützen können, kein Militär, kein Geheimdienst, auch keine planenden Wirtschaftsweisen, wenn wir nicht umdenken, uns unserer Abhängigkeit von der menschlichen Gemeinschaft und unserer Verpflichtung für sie und zwar weltweit, bewusst bleiben oder wieder werden.

    Weil solches Denken zugleich zum Maßstab für die Wahrhaftigkeit unseres Glaubens gehört, steht damit für Christen nicht weniger als die Zukunft auf dem Spiel, die Paulus unter dem Bild vom "neuen Menschen" für gegeben hält. Die Lesungen des heutigen Sonntags, könnten als Gewissenserforschung und als Ansporn dienen, unser Lebens als Einzelne wie als Gesellschaft zu überprüfen. Es neu auszurichten, scheint um unserer selbst willen, unumgänglich.



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    21. November 2004
    34. Sonntag im Jahreskreis
    Christkönig - Totensonntag

    Was ist das, was heute noch die Augen von Menschen aller Generationen zum Leuchten bringt, wenn sie auch nur einen kurzen Blick auf einen leibhaftigen König, eine leibhaftige Königin, erhaschen dürfen? Heute noch, d.h. in einer Zeit, in der gekrönte Häupter kaum mehr zu sagen haben als etwa ein demokratisch und auf Zeit gewählter Bundespräsident?

    Offensichtlich hat sich in der Menschheit der Wunsch nach Vorbildern und - trotz aller gegenteiligen Erfahrung - auch die Sehnsucht nach Herrschern erhalten, die gerecht und gütig, entschlossen und weise, gnädig und mächtig zugleich sind, auch bereit, für das Wohl des Volkes das eigene Leben in die Waagschale zu werfen. Zwar ohne Macht und Einfluss auf die Gesetzgebung und damit auf das politische Geschick eines Landes, sind Könige oder Königinnen immer noch Leitfiguren für ganze Nationen und dienen deren innerem Zusammenhalt. Das lässt sich nicht nur am japanischen Kaiserhaus, sogar noch an skandalträchtigen europäischen Königshäusern erkennen. Ein gekröntes Haupt gilt, so scheint es, seit unvordenklichen Zeiten auch als Urbild eines vollkommenen Menschen.

    An solche Vorstellungen und Sehnsüchte können wir beim Fest Christus-König anknüpfen. Dabei wissen wir, auch dieses Christus-Bild ist begrenzt, es umfasst nicht den ganzen Christus unseres Glaubens und hat vielleicht mit unserem persönlich gelebten Christusglauben kaum etwas zu tun.

    Wenn wir fragen, was Jesus der Christus für uns bedeutet, dann werden sich die wenigsten von uns als Gefolgsleute des Christus-König, als " Soldaten Christi" verstehen. Zu Zeiten, als Könige unumschränkte Macht hatten und ihre Größe an Eroberungen gemessen wurde, war das natürlich anders. Der junge Möchtegern Ritter, Franz von Assisi, sah sich vor die Frage gestellt, ob er einem irdisch-sterblichen König für seine blutigen Eroberungen dienen sollte oder dem allmächtigen, ewigen, um dessen Reich auszubreiten, das statt Krieg und Leid, Frieden verheißt. Noch kompromissloser forderte der ehemalige Soldat, Ignatius von Loyola, die Entscheidung, welcher Fahne der einzelne folgen will, der Fahne Christi oder des Bösen.

    Diejenigen, die sich an der Vorstellung eines vollkommenen Menschen messen, werden in Christus -Jesus vor allem den Erlöser sehen, der den Schuldschein der Menschheit und auch unseren persönlichen ans Kreuz geheftet hat; unseren Anwalt vor Gottes Richterstuhl, wie Johannes ihn nennt. Auf ihn berufen wir uns mit der gesamten Kirche ausdrücklich und abschließend bei jedem offiziellen Gebet mit dem Schluss: "Durch unsern Herrn Jesus Christus."

    Anderen ist Christus näher als der göttliche Bruder, der uns auf besondere und unausweichliche Weise zu Geschwistern werden lässt und damit die Voraussetzung schafft, für ein friedliches Miteinander und eine mögliche Ahnung vom Reich Gottes. Dazu verlangt er, dass die seit den ersten Tagen der Menschheitsgeschichte ererbten Ab- und Ausgrenzungen, wie Rasse, Klasse, Geschlecht, sogar Religion, überwunden werden. Es ist gut zu wissen, dass in seinem Reich die tatsächliche Liebe zu Gott am Einsatz für Gerechtigkeit und Menschenwürde gemessen wird.

    Dies darf all denen zum Trost gesagt werden, denen Mystik ein Fremdwort ist und zeitlebens bleiben wird, denen aber der irdische Jesus einen Sinn für ihr Leben gibt, der auch vor dem Ewigen Bestand hat, begründet in seinem prophetischen: "Wenn euere Gerechtigkeit nicht größer ist …" und in dem Wort des Weltenrichters "Kommt ihr Gesegneten, denn ich war fremd, obdachlos, nackt und gefangen (Vgl. Math 25, 34 ff).

    Wieder andere finden das, was ihnen Jesus der Christus bedeutet, eingefangen und zusammengefasst in der Verehrung des Herzens Jesu. Ihnen ist unser Christkönigsfest zu verdanken. Es bildet den Abschluss des (Kirchen-) Jahres. Vor 130 Jahren, als Monarchen in Europa noch persönlich über Krieg und Frieden, Wohl und Wehe ihrer Völker entschieden, begann in Frankreich die Herz-Jesu-Verehrung. Damit folgerichtig die Betonung des Königtums Christi. Königen und Herrschern gegenüber, die sich zwar von Gottes Gnaden dünkten, aber keiner irdischen Macht mehr verantwortlich wussten, musste das ganz andere Königtum Christi betont werden. Seit den Tagen der frühen Kirche, als mächtige römische Kaiser von ihren Untertanen bei Todesstrafe göttliche Verehrung forderten, beten und singen wir Christen: "Du allein bist der Heilige, Du allein der Herr, Du allen der Höchste, Jesus Christus, in der Herrlichkeit Gottes des Vaters".

    Was wir aus dem Brief an die griechische Gemeinde in Kolossä, heute in der Türkei gelegen, gehört haben, ist für alle geschrieben, die an Jesus Christus glauben, gehört so zum Vermächtnis der frühen Gemeinden und ist uns zur Weitergabe anvertraut. Es ist die Beschreibung mit anderen Worten, was wir im Glaubensbekenntnis beten: Für uns Menschen und für unser Heil ist er vom Himmel herabgestiegen und ist Mensch geworden Wie jede Eucharistie-Feier eine Gedächtnisfeier, "bis er wiederkommt" ist, so kann uns auch das heutige Fest unter dem Bild des Christus-Köinig erinnernd feiern lassen, wer dieser Jesus Christus für uns ist: Das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, in dem der Unbegreiflich- Unendliche für uns menschliches Maß angenommen hat, und uns als "Erstgeborener der ganzen Schöpfung" und in seiner letztmöglichen Hingabe an den Vater-Gott als Urbild des Menschen Versöhnung gestiftet hat.

    Das Christ-Königsfest bildet den Abschluss des (Kirchen-) Jahres. Im bürgerlichen Kalender steht der Totensonntag. Zunächst dem Gedächtnis der Millionen gefallener Soldaten im Ersten Weltkrieg eingeführt, der noch von Kaisern und Königen von Gottes Gnaden vom Zaun gebrochen worden war. Im zweiten Weltkrieg ist eine vielfache Zahl von Opfern, diesmal auch von Frauen und Kindern, dazugekommen. Verursacht war dieses grauenhafte Morden von einem, der sich zwar von der Vorsehung besonders berufen wähnte, folgerichtig aber in der Gemeinde Jesu eine tödliche Bedrohung seines Größen - und Rassenwahns sehen musste.

    Der Totensonntag mahnt uns also misstrauisch und wachsam zu sein gegenüber allen Mächtigen, die zwar den Namen Gottes im Munde führen, gleichzeitig die Grundsäulen des Glaubens missachten und missbrauchen. Wer sich dabei auf Christus beruft, müsste wissen, er hat nach Kräften mitzuwirken am künftigen Reich Gottes: "dem Reich der Wahrheit und des Lebens, dem Reich der Heiligkeit und der Gnade, dem Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens, wie es heute in der feierlichen Einleitung zum Hochgebet heißt.

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    Predigten von P.Dr.Othmar Noggler ofm.cap. 03. April 2005
    Weißer Sonntag

    Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit

    Die UNO hat es vorgemacht: Sie versteht sich als verantwortliche Vertretung der Völkergemeinschaft. Deshalb weist sie mit einem besonderen Gedenktag, mit Gedenkjahren, gar mit einem ganzen Jahrzehnt, auf besondere Probleme, Unrechtssituationen und Bedrohungen hin. So gibt es einen Welttag der Frauen, um weltweit auf deren oft unmenschliche Lebensumstände hinzuweisen; 2004 lief z.B. ein ganzes Jahrzehnt aus, das der Bedrohung der ursprünglichen Völker gewidmet war: in Amerika, Australien, Neuseeland und Indien - um nur einige Lebensräume der insgesamt 300 Millionen Menschen zu nennen, die meist fälschlich als Ureinwohner bezeichnet werden.

    Die Kirche, die sich gemäß der Botschaft Jesu ebenfalls für alle Menschen mit verantwortlich weiß, hat diese Gepflogenheit übernommen. Über den liturgischen Kalender hinaus, der seine Akzente setzt, werden an bestimmten Tagen, für Wochen und Jahre - der Ökumenische Rat der Kirchen hat eine Dekade gegen Gewalt eingeläutet - unsere Aufmerksamkeit und unsere Verantwortung jeweils auf ein besonders Problem gelenkt.

    So ist der 1. Januar, der Tag, an dem noch ein ganzes Jahr vor uns liegt, zum Welttag des Friedens geworden. Es ist aller Anstrengung wert, Frieden zu halten, zu gestalten und mitzuhelfen, über den schon epidemisch bedrohten Weltfrieden und die Ursachen dafür auch in uns selber nachzudenken; Fürbitte für die Opfer des Unfriedens zu leisten und für die Umkehr der Henker in Staatsrobe, in Generalsuniform oder in der Jakobinertracht des 21. Jahrhunderts zu erbitten. Friede fällt niemand in den Schoß, er muss geistig erarbeitet, mit Anstrengung bewahrt und gegen Gewalttäter und politische Hitzköpfe mit Ausdauer und Stärke durchgesetzt werden.

    Hinter uns liegt eine ganze Woche, in der wir aufgerufen waren, unser Beten und Trachten auf die Einheit der Christen auszurichten. Diese Einheit will erlitten, erstritten und gemeinsam erbetet werden. Da braucht es neben dem Vertrauen in den Geist Gottes auch den erklärten und festen Willen zur Einheit, der gleichsam unaufhörlich in die Glut bläst, damit die aufwändige Veranstaltung nicht zu einem Herumstochern in der Asche verglühter Glaubensformeln wird.

    Der heutige Weiße Sonntag hat ebenfalls einen neuen Schwerpunkt erhalten. Er gilt fortan auch als Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit. Offensichtlich besteht Anlass dazu. Wir vernehmen von gewalttätigen Buddhisten, Hindus, die brandschatzen und morden. Wir hören von Juden, die ihren gewalttätigen Anspruch auf ganz Palästina mit der Bibel begründen, von Moslems, denen ein Selbstmordattentat gottgefällig erscheint, und wir müssen feststellen, auch Christen scheinen ein weiteres Mal bereit, wenn auch nicht mehr für den wahren Gottesglauben, so doch für die "wahre Zivilisation" Kriege mit all ihren Schrecken zu führen.

    In jeder der genannten Religionen gilt menschliches Leben als gottgegeben und damit eigentlich als unantastbar. Dennoch wächst offensichtlich die Zahl derer, die sich berufen fühlen, ihre Art des Gottesglaubens mit Gewalt durchzusetzen. Für diese erschreckende Entwicklung hat man den Namen "Fundamentalismus" gefunden.

    Im Jahr 2009 wird es genau 100 Jahre her sein, dass in den USA das 12 bändige Werk über die Fundamente der christlichen Glaubens protestantischer Prägung herausgegeben wurde. . Dieses umfangreiche Werk sollte helfen, in einer Gesellschaft, die zusehends rücksichtsloser und kapitalistischer zu werden drohte, wieder zu den Fundamenten des Glaubens und der Ethik zurückzufinden.

    Fundamentalist zu sein, hieß also, aus Glaubensüberzeugung den Tanz ums goldene Kalb nicht mitzumachen und die Gesellschaft von dem eingeschlagenen Irrweg wieder abbringen zu wollen. Allerdings wurde schon damals im zwar bibelgläubigen, aber recht alttestamentlich ausgerichteten Amerika, für das Gesamtwerk eine nicht ungefährliche Überschrift gefunden. Sie stammt vom Propheten Jesaja und heißt: "Lehre und Warnung: wer nicht so denkt, für den gibt es kein Morgenrot" (Jes. 8, 20).

    Das ist - dichterisch in der Sprache des Propheten ausgedrückt - eine Todesdrohung. Mit ihr ist unversehens die Frohbotschaft, der das 12 -bändige Werk dienen sollte, zur Drohbotschaft geworden. Und so - als Bedrohung all derer, die nicht so denken - wird Fundamentalismus heute verstanden.

    Die religiösen Fundamentalisten halten sich selbst für "gottesfürchtig" und tragen dennoch das Bild eines fürchterlichen Gottes in sich herum, das langsam schon im Alten Testament, endgültig durch Jesus korrigiert wurde.

    Dennoch gibt es unter Christen nicht wenige, die voller Ungeduld, wie einst die beiden Jünger Jesu, Jakobus und Johannes, die Beleidigung Jesu durch die Bewohner eines samaritischen Dorfes rächen wollten und in ihrem Übereifer die Frage stellten: "Herr, sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet?" Die Antwort Jesu: " Da wandte er sich um und wies sie zurecht" (Lk 9, 54 -55). Er kündet vom barmherzigen Vater, der um unser armseliges Denken, unsere verwundete Seele, unsere kranke Gesellschaft weiß, aber ebenso um die verborgene Sehnsucht nach mehr Menschlichkeit und Geschwisterlichkeit, für deren Fehlen eine ganze Reihe von zerstörerischen Süchten herhalten muss.

    Da werden nicht nur in der programmatischen Bergpredigt die Barmherzigen selig gepriesen, wird das Gottesbild zurecht gerückt mit dem Wort bei Lukas; "Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist" (Lk 6, 36). In allen drei Evangelien wird festgehalten: Mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird auch euch zugemessen werden (vgl. Mt 7,2; Mk 4,24; Lk 6,38). Im Gleichnis vom barmherzigen Vater - besser bekannt als Gleichnis vom verlorenen Sohn - und im Gleichnis vom barmherzigen Samariter, nach damaliger Auffassung der Juden ein Ketzer, macht Jesus deutlich, was er im Matthäusevangelium ausdrücklich unterstreicht: "Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Darum lernt, was es heißt, Barmherzigkeit will ich nicht Opfer" (Mt 9, 12-13). Dabei gehörten Speise- Trank- und Tieropfer zu den religiösen Verpflichtungen des jüdischen Volkes.

    Menschen, die Jesus als Maßstab für ihr Leben gefunden haben, wissen, sie können Gott nur im Mitmenschen dienen. Gottesfurcht gründet auf der Ehrfurcht vor dem Leben, das allemal auf Barmherzigkeit angewiesen ist. Ein Wissen, das wir Christen mit anderen Religionen teilen und das uns mit Juden und Muslimen gemeinsam zum barmherzigen, gnädigen Gott, zum Allerbarmer beten lässt, der seine Barmherzigkeit weitergegeben wissen will zum Wohl seiner Geschöpfe. Dem Fundamentalismus verfallen zu sein, erinnert an die Versuchungsgeschichte im Schöpfungsbericht: "Ihr werdet sein wie Gott" - allwissend und allmächtig. Anders als dem ersten Menschpaar gehen Fundamentalisten offensichtlich die Augen nicht auf und deshalb ist ihnen von uns mit Barmherzigkeit zu begegnen.

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    15. August 2005
    Fest Maria Himmelfahrt
    Die Fürsprecherin

    Glaube will gelebt werden, lässt sich deshalb nur bedingt in toten Buchstaben ausdrücken. Das Gerippe an Glaubensorientierung, das wir in der Volksschule im "Kleinen", später im "Grossen Katechismus" mitbekommen haben, mag hilfreich sein, wenn wir z.B. gefragt werden, ob es denn wahr sei, dass wir Katholiken Maria "anbeten". Wir können dann aus unserem Katechismuswissen antworten, dass auch wir Gott allein anbeten, die Mutter Jesu hoch verehren und ihre Fürsprache bei Gott bitten. .

    Einfacher und überzeugender für Menschen, die diese Frage stellen, darunter auch Christen anderer Konfessionen, ist der Hinweis auf unser Beten:

    Maria, die Hochverehrte

    In den Litaneien, gleich welcher Art, rufen wir zunächst Gott um sein Erbarmen an und fahren dann fort: "Heilige Mutter, Heilige Maria, bitte für uns". Jedes Ave-Maria schließen wir mit: "Bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes". Im Rosenkranz, dem schlichten Betrachtungsgebet, das gleichzeitig um die Kernaussagen des Glaubens kreist, hat Maria ihren festen Platz.

    Im freudenreichen Rosenkranz betrachten wir die uns in der heiligen Schrift überlieferten Stationen ihres Lebens: Empfängnis, Besuch bei Elisabeth, die Geburt Jesu, seine Weihe als Erstgeborener im Tempel und die ersten Sorgen der Mutter mit dem Heranwachsenden, der auf der Wallfahrt nach Jerusalem ohne Wissen der Eltern im Tempel zurückbleibt. Die durchgestandene Not der Eltern drückt sich in dem Wort Marias aus. "Kind, wie konntest du uns das antun?"( Lk 2,48). Dass die junge Mutter einen harten Lebensweg vor sich haben wird, sagt ihr der alte Simeon voraus. Sie wird es mittragen müssen, wenn ihr Sohn zum Zeichen des Widerspruchs wird, sie wird es treffen wie ein Schwert, das die eigene Seele durchdringt (Lk 2,38). Im glorreichen Rosenkranz schließlich wird uns die Vollendung der Mutter vor Augen geführt, die wir am heutigen Fest feiern: "Jesus, der dich in den Himmel aufgenommen, der dich im Himmel gekrönt hat".

    Die "himmlische Frau"

    Viele Gemeinden feiern heute ihr Patrozinium, d. h. sie haben sich unter den Schutz der in den Himmel Aufgenommenen gestellt. Noch öfter haben Handwerker wie hochbegabte Künstler versucht, sich dieses Geschehen auszumalen: Mit einem offenen Himmel, in den der Sohn seine Mutter, umgeben von einem ganzen, himmlisch gedachten Hofstaat, heimholt. Oft sind es kostbare Gemälde oder Figuren, die ausdrücken wollen, was wir in der Lauretanischen Litanei beten: "Du Königin, aufgenommen in den Himmel, bitte für uns."

    Bildlich und menschlich - vielleicht zu menschlich, aber deshalb begreiflich - wird am Leben der Mutter Maria dargestellt, was unser aller erhofftes Schicksal sein wird: Hineingenommenwerden in ein Leben in Fülle, eingebettet in die Liebe dessen, der uns erdacht hat.

    Dafür steht auch heute noch in unserem Denken das Wort "Himmel", trotz unseres Wissens um Evolution und der Vorstellung von einem Urknall als deren Beginn. Weil unsere Vorstellungskraft nicht ausreicht, brauchen wir einen Ort, an dem wir uns dieses "Leben in Fülle" vorstellen können, von dem Paulus sagt er verkündige mit dem Evangelium: "Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Grosse, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben" (1Kor 2,9).

    Fülle des Lebens nach Maßgabe der Liebe

    Aus eigener Erfahrung wissen wir, wie die Liebe zu einem Menschen, kann auch unsere Liebe zu Gott ihr Auf und Ab haben.

    Sie kann kindlich sein, jugendlich ungestüm, erwachsen und dabei alles, unser Denken und Fühlen bestimmen wie im Frühling einer bräutlichen Liebe; sie kann aber auch kindisch sein, langsam austrocknen, sich gerade noch in Pflichttreue zeigen oder ganz ersterben. Die Mutter Jesu hat tiefer und inniger als jedes andere menschliche Wesen Gott geliebt, so glauben wir. Entsprechend großartig musste das Grosse, das Gott ihr bereitet hat, ausfallen. Unsere Altvorderen, Mütter und Väter im Glauben, gaben deshalb der Mutter Maria -betend - den Titel: "Königin der Apostel". Obwohl diese eine Sonderstellung im Himmel einnehmen, selbst auf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten (vgl. Lk 22,30) musste - um im Bild zu bleiben - die Mutter Jesu über ihnen thronen. Die Apostel hatten sich diese Auszeichnung mit ihrer Treue zum Meister bis in den Tod verdient. Der Überlieferung nach bildet nur Johannes eine Ausnahme, der auf seine Weise als hilfloser Zeuge der Hinrichtung Jesu Todesqualen erlitten haben mag. Die kaum auch nur zu erahnenden seelischen Qualen der Mutter unter dem Kreuz machen sie für uns auch zur "Königin der Martyrer".

    Maria - Mutter der Kirche

    Weil ungezählte Mütter in vielfältiger, sogar in ähnlicher Not um ihre Kinder, Trost und Kraft im Vertrauen auf die Fürbitte Marias gefunden haben, ist sie durch ihr Schicksal ganz von selbst zur "Trösterin der Betrübten und zur "Mutter der Kirche" geworden und lange bevor Theologen einen Zusammenhang erahnten zwischen dem Leib des irdischen Jesus und dem geistigen Leib der Kirche, dessen Haupt Christus ist.

    Wir erkennen in Maria die endgültig Vollendete, sehen in ihr "Die in den Himmel Aufgenommene". Wir verstehen sie als die höchst Vollendete, die sie in unserer Verehrung zur Königin der Apostel und der Blutzeugen macht. Wir verehren sie als die Mutter Christi, der uns den Frieden mit Gott und Kraft zum Friedenhalten geschenkt hat. Und wie ungezählte vor uns suchen auch wir für unsere zerstrittene Welt ihre Fürbitte: Du Endvollendete, Königin des Friedens - bitte für uns.

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    20. November 2005
    34. Sonntag im Jahreskreis
    Christkönig

    "Gott allein ist groß, auch Könige müssen sterben!" So beginnt der berühmte Hofprediger Bossuet die Leichenrede auf Ludwig den XIV. von Frankreich. In die Geschichte ist dieser als der "Sonnenkönig" eingegangen und zum Inbegriff eines absoluten Monarchen geworden, der sein Leben nach allen Regeln der Kunst ausgekostet hat.

    Die Geschichte von unten, das Los der sog. kleinen Leute, mit deren Schweiß, Not, Blut und Tränen solch ein Leben auf der Sonnenseite erst möglich wird, schien kaum erwähnenswert. Was sich im Laufe der langen Menschheitsgeschichte König oder Königin nennt, entspricht selten dem Bild, das sich die Menschen seit Urzeiten in ihrer Sehnsucht erträumen: Macht nach außen und Gerechtigkeit nach innen als Garanten für Frieden, gepaart mit Weisheit, Mitleid, Hoheit und Schönheit; dazu die Bereitschaft, das eigene Leben aus Liebe zum Volk dran zugeben. Wir feiern im Laufe eines liturgischen Jahres eine ganze Reihe von sog. "Herrenfesten", die uns an Ereignisse im Leben Jesu erinnern. Seit alters her gedenken wir so der Verkündigung, der Geburt, der Beschneidung und der Taufe, der Verklärung; wir feiern den Tod, die Auferstehung und die Himmelfahrt. Ober Jahrhunderte haben wir das Kirchenjahr jeweils mit der Wiederkunft des Herrn in Macht und Herrlichkeit, oder, wie wir landläufig sagen, mit dem jüngsten Gericht, beendet und begonnen.

    Erst in jüngster Zeit steht das Christkönigsfest am Ende des liturgischen Jahres. Bis zum Jahr 1925 fehlte dieses Herrenfest, Das ist auf den ersten Blick verwunderlich, ist doch in der hl. Schrift häufig vom Christuskönig die Rede. In wenigen Tagen werden wir in der Liturgie wieder aus der Vision des Jesaja hören: "Ein Kind ist uns geboren auf dessen Schultern die Weltherrschaft ruht."

    Im Stammbaum im Matthäus Evangelium wird die Abstammung Jesu vom König Israels schlechthin, von David, festgeschrieben, In der Verkündigung im Lukas Evangelium heißt es ausdrücklich: "Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben" (Lk 1,32). Wiederum bei Matthäus fragen die Weisen aus dem Morgenland "nach dem neugeborenen König der Juden" (Mt 2,2); beim feierlichen Einzug Jesu in Jerusalem wird dem Sohn Davids Hosanna zugerufen und Pilatus erhält auf die Frage, ob Jesus denn ein König sei, die Antwort: "Du sagst es" und der römische Gouverneur wird seinen Schuldspruch am Kreuz mit "König der Juden" begründen. Allerdings ist sein Reich ist, wie Jesus betont, nicht von dieser Welt. Deshalb feiern wir auch Kreuzerhöhung als eigenes Fest, weil er "unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen (hat), damit wir tot seien für die Sünden und für die Gerechtigkeit leben", wie es im ersten Petrusbrief heißt( 1 Petr. 2,24). Vielleicht wollte und musste die Kirche so lange warten bis 1925 bis es keinen irdischen König mit Herrschergewalt mehr gab, um uns und das Bild von Jesus Christus nicht mir falschen Vorstellungen zu belasten.

    Ausgegangen ist der Wunsch nach einem eigenen Christkönigsfest von Frankreich. In einer Zeit schlimmster sozialer Ungerechtigkeit und Spannungen, besinnen sich Katholiken um 1870 ihrer besonderen sozialen Verantwortung und rufen dazu in Paray le Monial die "Societé du régne social de Jesus Christ" ins Leben. Übertragen in unseren Sprachgebrauch bedeutet das: Menschen finden sich zusammen, um die Maßstäbe des Reiches Gottes und seiner sozialen Gerechtigkeit, wie sie Jesus verkündet hat, endlich zum Durchbruch zu verhelfen. Konkret: Hungernden zu essen, Durstigen zu trinken, Fremden und Obdachlosen Herberge zu geben, Nackte zu bekleiden, Kranke besuchen und Gefangene aufzusuchen. Auch damals, im Frankreich von 1870 war es das, was fälschlicherweise "Gesellschaftsordnung" genannt wird und tausendfach unverschuldetes Elend hervorgebracht hat. Während zur gleichen Zeit andere sich um gesteigerten Reichtum und ständig raffinierterem Lebensgenuss kümmern konnten.

    "Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, alles andere wird euch dazugegeben Mt 6,33) werden", sagt Jesus den Kleinmütigen, die meinen, es lasse sich doch nichts ändern. Die französischen Katholiken wollten ihm folgen im Vertrauen darauf, dann werde die kranke Gesellschaft gesunden. Gesunden, weil sich Menschen befreit fühlen von der unersättlichen und alles beherrschenden Gier nach Macht und Besitz, von dem Wahn rücksichtsloser Selbstverwirklichung zu Lasten anderer. Gesunden auch, weil Menschen einander als Geschwister erkennen und wissen, Gottesdienst kann in Gotteslästerung umschlagen, wenn er mit Menschenverachtung und Gleichgültigkeit einher geht. Die Kraft dazu, gegen die vermeintlich unabänderlichen Gesetze dieser Weit anzugeben, werden sie aus ihren Glauben an Christus schöpfen, dem sie im Bild des Christuskönigs treue Gefolgsleute sein wollten. Die Situation ist vergleichbar mit unserer derzeitigen Globalisierungsversessenheit, die alles und jedes, ob Menschenleben, Tier oder Pflanzen, letztendlich den ganzen Globus, der kurzfristigen und kurzsichtigen Anhäufung von Macht und Reichtum Weniger opfert, über den wirtschaftlichen Interessen alles andere zu vergessen scheint. Die Alten sahen darin den Götzen Mammon am Werk Schließlich fordert dieser nimmersatte Moloch nicht nur seinerseits Opfer an Menschenleben. In der geradezu zynischen Logik derer, die nicht unmittelbar betroffen sind, gelten solche Opfer geradezu als unvermeidlich.

    Dieser Irrlehre gilt es die Maske vom Gesicht zu reißen, hinter der nichts als die höhnische Fratze zum Vorschein kommt: Versucht es nur, euch an der Sonnenseite festzukrallen, euch einzuspinnen wie eine Raupe in ihren Konkon, undurchlässig für alles, was nicht ihrer eigenen Entwicklung dient. Und wenn für kurze Zeit ein bunter Schmetterling hervorkäme, auch Sonnenkinder und Sonnenkönig müssen sterben.

    Uns, die in eine Zeit geboren sind, in der Könige kaum für mehr als für Illustriertengeschichten taugen, mag das Bild des Christuskönigs nicht mehr so liegen, wie den Initiatoren des Christkönigsfestes. Das Anliegen dahinter ist das gleiche: Uns selbst und einer widerwilligen Welt deutlich zu Machen durch unser Lebens Einzelne und als Gemeinschaft, dass wir als Christinnen und Christen uns gerufen wissen, mitzuwirken am Reich Gottes, als einem Reich "der Wahrheit und des Lebens"." der Heiligkeit und der Gnade", " der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens". So werden wir in der Präfation zum heutigen Fest hören.

    Dazu ist Christus, der König, in die Welt gekommen und dafür hat er sich, der Welt ein unerträgliches Ärgernis, ans Kreuz schlagen lassen. Gott aber hat ihn erhöht über alle, damit alle Mächte im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen, wie das vor Königen der Fall war, und jede Zunge bekennt: "Herr ist Jesus Christus zur Ehre Gottes des Vaters", wie es im Hymnus des Philipperbriefes heißt ( Phil 2,9 11).

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    22. Januar 2006
    3. Sonntag im Jahreskreis
    Ein Gnadenjahr des Herrn

    Es ist gerade ein paar Tage her, dass unsere uralte Erde einen kaum messbaren, und wir, als kosmische Eintagsfliegen, einen bedeutenden Jahresring begonnen haben. Weil Wohlwollen wohl tut, wünschten wir einander ein gutes, oft ein "gesegnetes neues Jahr". Gesegnet von ihm, den wir Gott nennen, den nach unserem Glauben das All und uns selbst auf den Weg gebracht hat, ausgestattet mit einem Funken seines Lebens und seines Geistes, so dass wir auch ihn in etwa erahnen können und begreifen, um unser Menschsein gelingen zu lassen, haben wir uns an die Grundregeln menschlicher Existenz zu halten. Diese Grundregeln sind, mit etwas gutem Willen, in den uns geläufigen zehn Geboten erkennbar. Da steht an erster Stelle das Eingeständnis unserer Begrenztheit. Langes Leben, viel längeres Leben mag möglich sein, ewiges nicht, denn auch unser Lebensraum Erde ist endlich. Wir werden nie sein "wie Gott", wie die Schlange im Schöpfungsbericht verheißt, auch dann nicht, wenn wir einst die Bausteine des Lebens zusammenfügen können. Wir werden uns nie selbst genügen, weil wir nicht nur auf die Urkraft allen Seins, sondern von der Wiege bis zur Bahre auch auf die Güte, Barmherzigkeit und Liebe anderer Menschen angewiesen sind. Unsere gegenwärtige Gesellschaft scheint aber dieses Wissen immer mehr zu verdrängen zu wollen. Natur- Umwelt- Bau- und persönliche Katastrophen müssten uns eigentlich davor bewahren, uns als die Alles-Macher, Alles-Könner zu verstehen. Zu kurz ist dazu unsere Zeitspanne, zu gering unser Gewicht als Einzelne, auch als Nation und sogar als Menschheit.

    Große Beter im alten Israel haben dieses Wissen in wunderbaren Psalmversen ausgedrückt und Propheten sollten es den Herrschenden, den Priestern und dem Volk immer wieder nahe bringen.

    So heißt es etwa beim Propheten Ezechiel: "Das Wort des Herrn erging an mich: Menschensohn sprich als Prophet gegen die Hirten Israels, sprich als Prophet, und sag ihnen: So spricht Gott der Herr: Weh den Hirten Israels, die nur sich selbst weiden. Müssen die Hirten nicht die Herde weiden? Ihr Trinkt die Milch, nehmt die Wolle für euere Kleidung und schlachtet die fetten Tiere; aber die Herde führt ihr nicht auf die Weide. Die schwachen Tiere stärkt ihr nicht, die kranken heilt ihr nicht, die verscheuchten holt ihr nicht zurück, die verirrten sucht ihr nicht, und die starken misshandelt ihr."( Ez., 34, 1-4).

    Der prophetischen Mahnung entgehen auch die Priester nicht, denen Maleachi im Namen Gottes sagt: "Jetzt ergeht über euch dieser Beschluss, ihr Priester: Wenn ihr nicht hört, und nicht von Herzen darauf bedacht seid, meinen Namen in Ehren zu halten, - spricht der Herr der Heere- dann schleudere ich meinen Fluch gegen euch und verfluche den Segen, der auf euch ruht" (Mal. 2, 1-2).

    Schließlich muss sich auch das Volk anhören, wie weit es von einer Gemeinschaft entfernt ist, die dem "auserwählten Volk" entspräche: "Weh euch, die ihr Haus an Haus reiht, und Feld an Feld fügt, bis kein Platz mehr da ist und ihr allein im Lande ansässig seid (Jes 5, 8).In unserer Sprache hieße das, die Volksgemeinschaft ist zerbrochen, in der auch die Armen ihr Auskommen haben, in Würde leben können und auf ihr Recht vertrauen dürfen. Der Prophet aus Nazareth, wie die Zeitgenossen Jesus zunächst sehen, wird Jahrhunderte später auch sein "Wehe euch" rufen gegen die blinden Führer des Volkes, er wird aber mit seiner Antrittrede in der heimatlichen Synagoge den Anfang setzen, der unter uns Menschen eine Ahnung aufkeimen lässt, was es hieße, wenn Gottes Ordnung - das Reich Gottes in uns - wachsen dürfte. Denn es ist in uns, das Reich Gottes, wie Jesus betont.

    Auf ihn, auf dem der Geist Gottes in Fülle ruht, der ihn gesalbt und gesandt hat Armen eine gute Nachricht zu bringen, berufen wir uns als Christen. Dass sie, die gesellschaftlich Namen- und Rechtlosen, vor Gott zählen, eine unantastbare Würde besitzen und dass sie es sind, die als erste begreifen, welche umwälzende Kraft zum Leben auch im nur erahnten "Reich Gottes" steckt, durfte die ganze Kirche in den Basisgemeinschaften in den letzen Jahrzehnten neu erleben. Aus der Kraft der Nachfolge Jesu und im Vertrauen auf die Gemeinschaft konnten sie es wagen, "prophetisch" zu reden und zu handeln: Unrecht beim Namen nennen und es ohne Gewalt, aber mit Beharrlichkeit lindern, wenn möglich beenden, ist Dienst am Menschen und Gottesdienst im besten Sinn des Wortes. Solcher Dienst konnte und kann nicht ohne Konflikte gehen, konnte nicht einmal ohne Morde an Propheten geschehen, wie die lange Märtyrertafel Lateinamerikas beweist.

    Als Jesus in seiner Rede in der Synagoge darauf hinweist, sein angekündigtes Gnadenjahr wird Nichtjuden, wie einst in den Dürrejahren zur Zeit des Propheten Elija , die Witwe von Sarepta und Naaman den Syrer nicht ausschließen, ist es mit der Bewunderung seiner Landsleute vorbei. Sie wollten ihn daraufhin über einen Felsen ihrer Stadt stoßen, wie von Lukas ein paar Zeilen weiter berichtet wird. Gefangenen Entlassung verkünden, Zerschlagene in Freiheit setzen, ist gute Nachricht, solange es um Opfer des eigenen Volkes geht. Wer zum "Nichtvolk" gerechnet wird, ist in den Augen der Eliten, der Auserwählten, weder eines göttlichen Gnadenjahrs würdig und sollte schon gar nicht Gnade von Menschen erwarten. Das müssen wir zu unser aller Erschrecken in der jüngsten Gegenwart erfahren.

    Um das zu verteidigen, was unsere westliche Gesellschaft als "Werte" vertritt und als Freiheit bezeichnet, scheint jeder Rückgriff in das politische, wirtschaftliche und militärische Arsenal der Barbarei gerechtfertigt. Wenn im Irak laut UNO-Bericht, 100 000de von Kindern dem Embargo zum Opfer fielen, in Guantánamo Menschen ohne Rechtsbeistand über Jahre wie Tiere in Käfigen gehalten werden und werden dürfen, weil dieser us-amerikanische Stützpunkt kubanisches Staatsgebiet sei, und folglich Menschenrechte dort nicht beachtet werden müssen; wenn sich deutsche "rechtstaatlich gebundene" Beamte bei gefolterten Gefangenen in regelrechten Folterstaaten kundig machen dürfen, ob da nicht nach Jahren auch für unsere Geheimdienste Brauchbares zu holen wäre…

    Ein prophetisches Wort von uns Christen tut Not. Es muss verführten jungen Talibankriegern gerecht werden, helfen, die unheilvolle Kette: "Wie mir, so ich dir umso schlimmer" zu durchbrechen, Recht und Gerechtigkeit für die Ungehörten und Stimmlosen auch gegenüber befreundeten Regierungen einzufordern, damit nicht die Jugend ganzer Völker zu Amokläufern wird. Wagen wir ein prophetisches Wort, das den Kern trifft, das die Position der Armen, Armgemachten, der stimmlosen Ungehörten und der Gefolterten hörbar macht und das zugleich uns wieder mehr Gemeinde Jesu werden lässt, der uns sagte: Was ihr dem geringsten meiner Geschwister getan habt, habt ihr mir getan. In diesem Sinn könnte ein Jahr, in dem wir uns für Menschenwürde und -Rechte einsetzen, tatsächlich auch für uns ein Gnadenjahr des Herrn werden.

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    18. Juni 2006
    11. Sonntag im Jahreskreis
    Als Glaubende - in der Fremde leben wir.

    Die Zeiten, in denen die Bevölkerung unseres Landes sich vom christlichen Glauben gleitet wusste, ist offensichtlich längst vorbei. Langsam kommen wir wieder dahin, wo die ersten Christen waren, eine Minderheit, über die sich die übrige Gesellschaft lustig machen kann. Wenn in den Kartagen ein Plakat veröffentlicht werden darf, das in seinem dramatischen Hintergrund an das Kreuzigungsgemälde von Matthias Grünewald erinnert, dann aber einen ähnlich gemarterten und mit der Dornenkrone versehenen, vom Kreuz herabgestiegenen lachenden Jesus zeigt, dazu der Schriftzug: "Lachen, nicht rumhängen", dann sind wir wieder dort, wo die Christen der Katakomben waren, die es sich gefallen lassen mussten, dass der Gekreuzigte mit einem Eselskopf dargestellt wurde. Viel deutlicher kann man uns Christen nicht zeigen, dass wir als Glaubende in der Fremde leben.

    Wahrscheinlich war es ein falscher Traum, davon auszugehen, dass einst nicht nur die ganze Menschheit sich zu Christus bekehren wird, sondern auch dass einmal christlich gewordene Völker und Gesellschaften für immer sich zum christlichen Glauben bekennen werden. Der Lauf der Kirchengeschichte zeigt es uns deutlich genug. Es gab Zeiten großer Lauheit und Gleichgültigkeit neben Epochen besonderer religiöser Tiefe. Also "Nichts Neues unter der Sonne" wie schon der Prediger des Alten Testamentes gesagt hat. Dennoch suchen wir unsere Ehre darin, ihm, Christus zu gefallen. Wie das geschehen kann, hat er uns deutlich genug gesagt und das gilt unabhängig davon, ob wir uns in der Situation einer Minderheit befinden oder eine so genannte gestaltende Mehrheit ausmachen.

    Noch immer ist die von Jesus geforderte Nächstenliebe das herausragende Kennzeichen für seine Nachfolge potenziert um die Feindesliebe. Denn auch derjenige, den wir als unseren Feind ausmachen oder als solchen von Politikern vorgestellt bekommen, etwa im Falle eines Krieges, auch derjenige ist Geschöpf Gottes und gehört damit zu unseren Geschwistern. Auch er hat eine Würde, die nicht angetastet werden darf und letztlich auch nicht kann, weder von einem Henker noch von einem Bürokraten, weil sie Gott-gegeben ist.

    Damit ist uns Christen allerdings eine schwere Bürde aufgetragen: Um glaubwürdig zu sein, muss unser Umgang untereinander für jeden Außenstehenden erkennbar werden lassen, dass wir das Wort Jesu in die Tat umsetzen: "Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein" (Mt.20, 25). Die Versuchung, sich als mächtig zu fühlen ist, wie uns die Erfahrung lehrt, leider sehr groß. Da genügt das stärkere Auto, eine Uniform, ein Posten in einer Verwaltungsbehörde, das Richteramt oder die richtige Hautfarbe. Hier ist uns Christen eine Modellfunktion für die ganze Menschheit für ein respektvolles Miteinander, trotz aller sozialen, kulturellen und religiösen Unterschiede, aufgetragen. Schließlich gibt es im Volk Gottes, wie schon zu Zeiten des Apostel Paulus, weder Juden noch Griechen, Sklaven und Freie, Barbaren, weil alle eins sind in Christus, eingeladen zum eucharistischen Mahl, das uns eint und stärkt.

    Gleichzeitig ist uns - und nicht nur für uns - aufgetragen, das politische Leben mitzugestalten: Also dafür zu sorgen, dass die Würde eines jeden Menschen unangetastet bleibt. Das gilt für die Gefangenen in Guantánamo genauso wie für so genannte Abschiebehäftlinge bei uns. Um den 20. Juli werden wir wieder Reden hören vom besseren Deutschland, vom Aufstand des Gewissens, gleichzeitig wird einer Gemeinde nicht zugestanden ebenfalls einen Aufstand des Gewissens zu machen, wenn sie - oft genug einmütig in der politischen wie der Kirchengemeinde - einer Familie aus besserer Sachkenntnis und Menschlichkeit Kirchenasyl gewährt.

    Dieser Tage wurde Frau Knobloch zur Vorsitzenden des Zentralrates der Juden gewählt. Sie verdankt ihr Leben nach Auskunft des Bayerischen Rundfunks einer Frau, die das Mädchen als ihre uneheliche Tochter ausgab. Das zu einer Zeit, in der sie selbst mit KZ rechnen musste und in der Gesellschaft mehr oder weniger gebrandmarkt dastand. Die "Alleinerziehende" war nicht erfunden. Ob diese Frau in Jad washem, dem Denkmal in Israel vermerkt ist, auf dem die Namen der "Gerechten der Völker" stehen, die jüdischen Menschen in ihrer höchsten Not unter eigener Lebensgefahr geholfen haben, ist mir nicht bekannt. Diese Frau jedenfalls hat es uns vorgemacht, was Nächstenliebe bedeuten kann. Als Glaubende war sie im besten Sinn des Wortes eine Fremde in einer Welt von Verbrechern, Mitläufern und Schwachen. Vermutlich hätte der Herr, auf die Frage, wie wir uns verhalten sollen, auf diese Frau gezeigt und gesagt: "Handle danach, und du wirst leben" ( Lk 10, 28).

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    12. November 2006
    32. Sontag im Jahreskreis
    Gott liebt uns - auch ohne unsere Leistung

    In jenen Tagen machte sich der Prophet Elias auf und ging nach Sarepta. Als er an das Stadttor kam, traf er dort eine Witwe, die Holz auflas. Er bat sie: Bring mir in einem Gefäß ein wenig Wasser zum Trinken! Als sie wegging, um es zu holen, rief er ihr nach: Bring mir auch einen Bissen Brot mit Doch sie sagte: So wahr der Herr, dein Gott, lebt: Ich habe nichts mehr vorrätig als eine Handvoll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug. Ich lese hier ein paar Stücke Holz auf und gehe dann heim, um für mich und meinen Sohn etwas zuzubereiten. Das wollen wir noch essen und dann sterben. Elija entgegnete ihr: Fürchte dich nicht! Geh heim, und tu, was du gesagt hast. Nur mache zuerst für mich ein kleines Gebäck, und bring es zu mir heraus! Danach kannst du für dich und deinen Sohn etwas zubereiten; denn so spricht der Herr, der Gott Israels: Der Mehltopf wird nicht leer werden und der Ölkrug nicht versiegen bis zu dem Tag, an dem der Herr wieder Regen auf den Erdboden sendet. Sie ging und tat, was Elija gesagt hatte. So hatte sie mit ihm und ihrem Sohn viele Tage zu essen. Der Mehltopf wurde nicht leer, und der Ölkrug versiegte nicht, wie der Herr durch Elija versprochen hatte. 1 Röm 17,10-16

    Christus ist nicht in ein von Menschenhand errichtetes Heiligtum hineingegangen, in ein Abbild des wirklichen, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor Gottes Angesicht zu erscheinen; auch nicht, um sich selbst viele Male zu opfern, (denn er ist nicht) wie der Hohepriester, der jedes Jahr mit fremdem Blut in das Heiligtum hineingeht; sonst hätte er viele Male seit der Erschaffung der Welt leiden müssen. Jetzt aber ist er am Ende der Zeiten ein einziges Mal erschienen, um durch sein Opfer die Sünde zu tilgen. Und wie es dem Menschen bestimmt ist, ein einziges Mal zu sterben, worauf dann das Gericht folgt, so wurde auch Christus ein einziges Mal geopfert, um die Sünden vieler hinwegzunehmen; beim zweitenmal wird er nicht wegen der Sünde erscheinen, sondern um die zu retten, die ihn erwarten. Hebr 9,24-28

    Als Jesus einmal dem Opferkasten gegenübersaß, sah er zu, wie die Leute Geld in den Kasten warfen. Viele Reiche kamen und gaben viel. Da kam auch eine arme Witwe und warf zwei kleine Münzen hinein. Er rief seine Jünger zu sich und sagte: Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle andern. Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluß hergegeben; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt. Mk 12,41-44

    Liebe Gemeinde,

    beim Versuch, die drei Lesungen des 32. Sonntages, auch inhaltlich zusammenzubinden, so dass sie für uns hier bei unserem Gottesdienst zu einem Wort der Weisung werden können, bieten sich drei Gedanken an.

    Zunächst: So wichtig es war für das alte Volk Israel, Abraham zum STAMMVATER ZU HABEN; UM DEM AUSERWÄHLTEN Volk anzugehören, so falsch war es anzunehmen, alle anderen Menschen stünden außerhalb des Wohlwollens und der Liebe Gottes. Ein zweiter Gedanke, Gottes Liebe zu uns Menschen ist nicht von unserer Leistungsfähigkeit abhängig.

    Und schließlich; Die "Leistung" hat Jesus Christus nach dem Hebräerbrief ein für alle Mal und für alle erbracht.

    Zum schlagenden Beweis dafür, dass Gottes Liebe zum Menschen nicht an seine Abstammung von Abraham gebunden ist, steht schon, sozusagen als eine Art historischer Beweis, dass der größte der Propheten, Elija zu einer heidnischen Witwe geschickt wurde, um sein Überleben während der großen Hungersnot zu sichern.

    Bei der Auseinandersetzung in der Synagoge von Nazareth um seine Berufung, bei der Jesus selbst die alte Erfahrung machen muss, dass kein Prophet in seiner Vaterstadt willkommen ist, verweist Jesus auf diese Tatsache. Im Lukasevangelium heißt es wörtlich: " Wahrhaftig das sage ich euch: viele Witwen gab es in den Tagen des Elija in Israel, als der Himmel drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und grosse Hungersnot über das ganze Land kam, doch zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt ausser zu einer Witwe nach Sarepta im Lande Sidon" ( Lk 4, 25- 26).

    Im Evangelium ist ebenfalls von einer Witwe die Rede, ebenfalls von einer armen Person, die ihre zwei letzten Münzen in den Opferkasten des Tempels wirft. Jesus lobt sie wegen ihrer Gesinnung, macht seine Zuhörer damals und uns heute wieder darauf aufmerksam, dass jede Gabe, jedes Geschenk über den materiellen Wert hinaus auch einen geistigen und oft auch geistlichen besitzt. Für den Unterhalt des Tempels, des Opferdienstes der Priester und Bediensteten waren die beiden Münzen nicht der Rede wert, dafür brauchte es schon die Tempelsteuer. Für die geistige und geistliche Einstellung einer Gesellschaft ist die Haltung der Witwe dennoch wichtig, damit die Ehre eines Menschen nicht letztlich an seinen materiellen Möglichkeiten, zählbarer Leistung, sondern an seiner lauteren Gesinnung festgemacht wird, die davor bewahrt, einschließlich Gottes Wohlwollen durch Leistung zu erkaufen.

    Wenn hier von Leistung die Rede sein kann, dann hat sie, wie wir in der II. Lesung im Hebräerbrief gehört haben, Jesus Christus für alle und ein für alle Mal erbracht. Was im alten Tempelritus der Hohe Priester Jahr für Jahr und immer wieder zur eigenen Entsündigung und der des ganzen Volkes zu tun hatte, nämlich ein blutiges Opfer darzubringen, ist auf Golgatha ein für alle Mal geschehen. Künftig wird Entsündigung gewährt und Vergebung gefeiert im Opfer nach der Ordnung des Mechisedek mit Brot und Wein als Jesu und unsere Gabe an den Vater.

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