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Predigten von P. Prof. Dr.Stefan Knobloch






18. 03. 2001

Zweifelnd, fragend, hoffend...
Lk 13,1-9

Zu dieser Zeit kamen einige Leute zu Jesus und berichteten ihm von den Galiläern, die Pilatus beim Opfern umbringen ließ, so daß sich ihr Blut mit dem ihrer Opfertiere vermischte. 2 Da sagte er zu ihnen: Meint ihr, daß nur diese Galiläer Sünder waren, weil das mit ihnen geschehen ist, alle anderen Galiläer aber nicht? 3 Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt. 4 Oder jene achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turms von Schiloach erschlagen wurden - meint ihr, daß nur sie Schuld auf sich geladen hatten, alle anderen Einwohner von Jerusalem aber nicht? 5 Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt. 6 Und er erzählte ihnen dieses Gleich-nis: Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum; und als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine. 7 Da sagte er zu seinem Weingärtner: Jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts. Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen? 8 Der Weingärtner erwiderte: Herr, laß ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. 9 Vielleicht trägt er doch noch Früchte; wenn nicht, dann laß ihn umhauen.

Haben Sie die Kraft aufgebracht, diesen Evangelientext bis zum Ende durchzulesen? Ohne vorher aufzugeben? Ich hätte Verständnis, wenn Sie, des Lesens überdrüssig, irgendwo abgebrochen hätten.

Leicht macht es uns der Text in der Tat nicht. Ich habe den Eindruck, Jesus muß einen rabenschwarzen Tag gehabt haben, ihm muß eine Laus über die Leber gelaufen sein, daß er so agieren konnte, wie er es nach diesem Text tat. Leute kommen zu ihm, die offenbar unter dem Schock eines Ereignisses stehen, mit dem sie nicht fertig wurden. Sie mochten schon vieles erlebt haben, aber so etwas noch nicht. Pilatus, der Gauner von Kaisers Gnaden, hatte aus welchen Gründen auch immer unter Leuten, die gerade ihr Tieropfer darbrachten, ein Blutbad angerichtet. Hatte sie hingemetzelt. Wir wissen nicht, wo wann wieviele. Die Leute kamen damit nicht zurecht. Sie mußten es verarbeiten. Und wo meinten sie, fänden sie einen, der sie verstünde? Der ihre seelischen Wunden bearbeitete, heilte? In Jesus!

Doch weit gefehlt. Statt einer einfühlsamen, sympathischen, mitfühlenden Reaktion holt Jesus gewissermaßen "den großen Hammer" heraus, dessen Schlag uns noch heute zu treffen vermag. Für Jesus verkürzt sich das Problem des Blutbades auf die Stichworte "Sünde", "Sünder". Weil das den Pilatusopfern widerfahren sei, seien sie keine größeren Sünder gewesen als alle! Was für eine unerträgliche Verlagerung der Fragestellung! Man stelle sich vor, wir würden heute so umgehen mit den Erdbebenopfern von Indien oder El Salvador oder mit den unvergessenen Opfern der Brandkatastrophe am Kitzstein-horn vom November letzten Jahres. Es fiele uns nicht ein! Und deswegen befremdet uns Jesu Reaktion.

Er aber scheint bei seinem Thema zu sein. Er setzt noch eines drauf. Während die Leute die Pilatusgeschichte von sich aus vorbrachten, erinnert er an den Einsturz eines Turmes am Schiloach in Jerusalem, der achtzehn Menschenleben gefordert hatte. Ein Stadtgespräch muß es damals gewesen sein, über lange Wochen. Ursachenforschung dürfte ein Thema gewesen sein. Hatten die Architekten geschludert? Hatten sie in die eigene Tasche gewirtschaftet und einen Turm hingestellt, der niemals hätte abgenommen werden dürfen? Das alles waren nicht die Fragen, die Jesus mit diesem Turmeinsturz verband. Für ihn ging es um die Frage der Schuld, der Sünde der Opfer. Und zugleich war es exakt nicht diese Frage, sondern ging es ihm um ihre Verlagerung auf das Leben seiner Hörer: Denkt nicht über die mögliche Schuld der besagten Opfer nach, sondern denkt über eure Schuld, über euer Lebensversagen nach. "Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt."

Ich kann mir nicht denken, daß diesem Jesus, der so kompro-mittierend mit den Leuten umging, die Leute scharenweise nachliefen. Sie dürften doch keine Masochisten gewesen sein, die ihre Freude daran gehabt hätten, wenn man sie mit Drohungen und Vorwürfen überzogen hätte.

Irgendwie geht die Szene nicht auf. Irgendwie befremdet sie dermaßen, daß ich den Grund für Jesu Agieren nur in ihm selbst finden kann. Und in der Tat, das Gleichnis, das Jesus anschließt, bringt uns auf die richtige Spur, auf eine Spur, die uns diesen verbohrten, brüskierenden "Bußprediger" Jesus menschlich wieder näherbringen kann. Meine These ist: Im Gleichnis vom Feigenbaum im Weinberg bzw. vom Wein-gärt-ner spricht Jesus von keinem anderen als von sich selbst und von seiner eigenen Situation. Ich nehme hier gewisserma-ßen einen "autobiographischen Leseschlüssel" zu Hilfe, der uns etwas über die Befindlichkeit Jesu und über sein eigenes Lebensringen sagt.

Jesus beginnt sein Gleichnis mit: "Ein Mann..." Die Exegeten machen uns darauf aufmerksam, daß mit dieser Formel immer Gott, der Vater, gemeint ist. Jesus bringt hier Gott, seinen Vater, ins Spiel. Wer aber ist dann der Mitspieler in Gestalt des Weingärtners? Kein anderer als Jesus selbst. Das Gleichnis handelt von Gott, dem Vater, und von Jesus, dem Sohn. Aber wie nun? Es ist wie in unseren Träumen, in denen wir unsere eigenen Probleme in stets wechselnden Rollen und Bildern träumen. So ist Jesus in diesem Gleichnis nicht nur der Wein-gärtner, sondern auch der Feigenbaum. Ich will es nicht auf die Spitze treiben, aber verwunderlich ist es schon, was überhaupt ein Feigenbaum in einem Weinberg zu suchen hat. Der stört doch nur. Der gehört gewissermaßen von vornherein beseitigt. Nur: so radikal ist das Gleichnis nicht angelegt. "Der Mann", also Gott, der Vater, sieht, daß der Feigenbaum "kei-ne Früchte trug". Wessen Fruchtlosigkeit, wessen Erfolglosigkeit ist hier thematisiert, wenn nicht die Erfolglosigkeit Jesu?

Unser Text ist im Aufbau des Lk-Evangeliums ungefähr in der Mitte zwischen der zweiten und dritten Leidensankündigung Jesu plaziert (Lk 9,43b-45; 18,31-34). Jesus konnte sich längst an allen fünf Fingern abzählen, daß er - menschlich gesprochen - mit seiner Sendung scheitern würde. Zwar wurde ihm im Ereignis der "Verklärung", bei der es sich in Wirklichkeit um eine Klärung, um eine Bestätigung handelte, daß er auf dem richtigen Weg sei (Lk 9, 28-36), vorübergehend neue Klarheit zuteil. Aber sie hielt nicht auf Dauer. Die Zweifel und Anfechtungen waren nicht totzukriegen, übrigens bis in den Garten Getsemani hinein nicht. Jesus selbst war der Feigen-baum, der keine Früchte trug. Und das schon "drei Jahre". Das ist nicht als exakte Zeitangabe zu verstehen, sondern im Sinne eines Hinweises darauf, daß die vorgesehene, die für seinen Auftrag vorgesehene Zeit erfüllt sei. "Hau ihn um!" Bitte noch ein weiteres Jahr. Bitte gib dem Feigenbaum noch eine weitere Chance. Wenn auch sie nichts bringt - gut, dann soll er fallen.

Das Gleichnis erzählt - autobiographisch gelesen - eine existentielle Krise Jesu. Die Zeit läuft ihm weg. Die Leute laufen ihm weg. Wohin führt das Ganze? Und da kommen diese Leute und liegen ihm mit solchen Querelen wie dem Pilatusblutbad in den Ohren! Sie haben nichts begriffen. Sie haben nicht begriffen, was die Stunde geschlagen hat. Andrängende Ungeduld, ein letztes Aufbäumen, doch noch Erfolg zu haben, läßt Jesus diese harten Worte finden: Kehrt um, sonst werdet ihr alle umkommen wie diese Pilatusopfer und wie die Opfer beim Einsturz des Turmes.

Was nehmen wir mit aus der Begegnung mit diesem Text? Ich denke nicht, einfach den Appell zur Umkehr. Der dürfte bei uns schon so oft verhallt sein. Warum sollte es ihm diesmal anders ergehen? Nein, etwas Wichtigeres können wir mitnehmen, etwas, was unser Leben nach vorne bringt: Jesus kannte Zweifel und Anfechtungen in seinem Leben. Er machte die Erfahrung, daß bei ihm nicht alles rund lief. Er kannte die Ups and Downs des Lebens - nicht anders als wir. Aber er ver-kroch sich damit nicht in sich. Er nahm sie nicht zum Anlaß, sich ein für allemal von Gott, seinem Vater, abzukoppeln. Zweifelnd, fragend, hoffend suchte er die Nähe Gottes, des Vaters. Vielleicht ist das auch die uns mögliche Form, Gott zweifelnd, fragend und hoffend immer wieder zu suchen. Vielleicht ist das die Art, wie wir uns bekehren sollten...


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24. 05. 2001
Er verließ sie...?
Predigt zu Christi Himmelfahrt

Jesus sagte zu seinen Jüngern: So steht es in der Schrift: Der Messias wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen, und in seinem Namen wird man allen Völkern, angefangen in Jerusalem, verkünden, sie sollen umkehren, damit ihre Sünden vergeben werden. Ihr seid Zeugen dafür. Und ich werde die Gabe, die mein Vater verheißen hat, zu euch herabsenden. Bleibt in der Stadt, bis ihr mit der Kraft aus der Höhe erfüllt werdet."

Dann führte er sie hinaus in die Nähe von Betanien. Dort erhob er seine Hände und segnete sie. Und während er sie segnete, verließ er sie (und wurde zum Himmel emporgehoben; sie aber fielen vor ihm nieder). Dann kehrten sie in großer Freude nach Jerusalem zurück. Und sie waren immer im Tempel und priesen Gott.

"In illo tempore...", "in jener Zeit...", so beginnen die meisten unserer Evangelien. Und wir werden uns kaum bewusst, um welch fahrlässige Zeitangabe es sich in dieser Formel handelt. "In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern..." Irgendwann damals also. Noch unbefriedigender ist es, wenn ein Text, wie das heutige Evangelium, ohne jede zeitliche wie örtliche Einordnung beginnt: "Jesus sagte zu seinen Jüngern..." Als wüssten wir als Hörer bzw. Leser, um welche Situation, um welchen Redeort es sich handle. Heute, am Fest Christi Himmelfahrt, ist es besonders aufschlussreich, genauer auf die Zeit und den Ort zu achten, an dem Jesus zu seinen Jüngern sprach. Es handelt sich um den Abend "des ersten Tages der Woche", um den Abend des Tages seiner Auferstehung. Der Tag hatte dramatisch begonnen. Die Leiche war weg. Zwei Männer erklären den Frauen, dass Jesus, der Gekreuzigte, nicht unter den Toten, sondern unter den Lebenden zu suchen sei. Die Frauen melden das den Aposteln, doch die halten das für Weibergeschwätz. Nichts drauf zu geben! Zwei von den Jüngern gehen - alles "am gleichen Tag" (Lk 24,13) - nach Emmaus und begegnen unterwegs dem Auferstandenen. "Noch in derselben Stunde" (Lk 24,33) kehren sie nach Jerusalem zurück und erfahren aus dem Kreis der Jünger, dass sich auch ihnen, den Zuhausegebliebenen, der Auferstandene gezeigt habe: "Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen" (Lk 24,34)

Die dramatischen Ereignisse des Tages boten Stoff genug, noch einmal der Reihe nach durchgegangen zu werden. Und dahinein passiert es: "Während sie noch darüber redeten", also am Abend dieses aufregenden und ereignisreichen Tages, "trat Jesus selbst in ihre Mitte" (Lk 24,36).

Zu dieser Szene gehören also die Sätze, die wir im Evangelium gehört haben. Sätze, Ereignisse am Abend des Tages der Auferstehung. Jesus erklärt den Jüngern den Sinn seines Sterbens, fordert sie auf, seine Zeugen zu sein, und geht mit ihnen "hinaus in die Nähe von Betanien". Hier segnete er sie und verließ sie und wurde zum Himmel emporgehoben (Lk 24,50;51).

Wie bitte? Das alles an ein und demselben Tag? Himmelfahrt am Tag der Auferstehung? Nach dem Lk-Evangelium? Das kennen wir doch anders. Wir feiern Himmelfahrt fünfeinhalb Wochen nach Ostern. Wie geht das zusammen? Wie sollen wir das verstehen?

Es kommt noch bunter. Nach einigen alten Lesarten des Lk-Evangeliums heißt es in unserem Text einfach: "Dort (in der Nähe von Betanien) erhob er seine Hände und segnete sie (die Jünger). Und während er sie segnete, verließ er sie. Die Jünger aber kehrten in großer Freude nach Jerusalem zurück. Und sie waren immer im Tempel und priesen Gott." Nichts also von einer "Himmelfahrt". Nichts davon, dass die Jünger ergriffen auf die Knie gefallen wären. "Er verließ sie", und zwar am Abend des Tages der Auferstehung.

Das irritiert unsere Vorstellungen, die wir von Jesu Himmelfahrt haben. Das irritiert unsere Vorstellung, dass Jesus sich als Auferstandener, immer von irgendwo her, nur noch nicht vom Himmel her kommend, als lebend erwies und vor den Jüngern um den Glauben an ihn als Auferstandenen warb. Und eines Tages, eben mit seiner Himmelfahrt, habe er dann von seinen Erscheinungen abgelassen und sich ganz in den Himmel zurückgezogen.

Gegen die Vorstellung einer solchen Ereignisfolge von Auferstehung, Auferstehungserscheinungen und schließlich Himmelfahrt lädt uns das Lk-Evangelium ein, Auferstehung und Himmelfahrt als ein und dasselbe Ereignis anzunehmen, das an ein und demselben Tage spielt. In der Tat, was wir Auferstehung und Himmelfahrt nennen und was wir als Ereignisfolge über den Zeitraum von fünfeinhalb Wochen ausdehnen, das ist in Wirklichkeit ein und dasselbe: das gnadenhafte, gottgewirkte Ankommen des Gekreuzigt-Hingerichteten bei Gott, beim Gott des Lebens, der für seinen Sohn Leben vorhält, wo es nach menschlichem Ermessen nichts als Tod, endgültigen Tod, endgültiges Ende gibt.

Das ist der Kern dessen, was wir zu glauben haben und was zu glauben schwer genug fällt. Es fiel auch den Jüngern schwer. Sie hielten es für Weibergeschwätz, dass der am Kreuz elend Verendete, den man noch rasch vor Anbruch der großen Passah-Feierlichkeiten "entsorgte" (damit das Fest beginnen konnte), dass ausgerechnet der in Gott leben sollte, Leben haben sollte und zur Quelle des Lebens werden sollte. Was für die Jünger ein langsamer und schwieriger Glaubensweg war, den sie in der Tat nicht an einem Tag, innerhalb weniger Stunden erfolgreich abschlossen, sondern der eine lange Zeit des Reifens und Zweifelns in Anspruch nahm, das wird vom Lk-Evangelium in den Ablauf eines einzigen Tages gedrängt. Es handelt sich dabei um ein dichterisches Stilmittel, durch das der erfolgreiche Wandel der Gemütslage der Jünger von Angst über Kopfschütteln, Abwehr, Aufregung und Diskutieren bis hin zur aufbrechenden Freude über das gänzlich Unerwartete festgehalten werden soll.

Jesus hatte mit seinem Tod die Bühne dieser Welt verlassen, die Welt unserer Wahrnehmungen und Erfahrungen. "Er verließ sie...", um sich in anderer, ganz unerwartet neuer Weise als dennoch anwesend und gegenwärtig zu zeigen. Über des Auferstandenen neue Gegenwart meint das Lk-Evangelium paradoxerweise am treffendsten und wahrsten in der Weise sprechen zu können, sie in Worte fassen zu können, indem es sagt: "Er verließ sie..."

Es könnte sehr zum Schaden ausfallen, wenn wir der "Himmelfahrt" eine Deutung gäben, wonach wir uns durch sie von Jesus verlassen fühlten. Bildhaft vorgestellt, könnte die "Himmelfahrt" tatsächlich das Gefühl räumlicher Distanz zwischen Jesus und uns erzeugen. Das aber wäre das allerletzte, was das Lk-Evangelium in uns hervorrufen wollte. Nicht auf Distanz ist das Ganze angelegt, sondern auf Nähe, auf Gegenwart, ja auf die Gleichzeitigkeit des Auferstandenen mit unserem Leben.

Von daher spricht man gerne davon, dass Jesus in unsere Gemeinden, in die Kirche auferstanden sei. Dass er da sei, wo wir im Gottesdienst die heiligen Schriften lesen und sein Brot brechen.

Wahrscheinlich wünschten wir uns das Ganze augenfälliger, überzeugender, beinhärter, begreiflicher. Wir wünschten uns, dass uns der Auferstandene ebenso leibhaft-sichtbar begegnete, wie es bei den Jüngern der Fall zu sein schien: "Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht" (Lk 24, 39). Doch ob wir da nicht einem Irrtum aufsitzen? Das, wie den Jüngern durch Gott die Erfahrung des Auferstandenen zuteil wurde, ist das eine. Dieses Unsagbare aussagbar zu machen, es in Worte zu fassen, ist das andere. Die Ostererzählungen sind nicht das unaussagbare, nicht mehr in menschliche Worte fassbare Ereignis der Auferstehung selbst, sie sind Erzählungen, die das wirklich Geschehene und Erfahrene beim besten Willen nicht fotographisch abbilden, sondern nur erzählerisch wiedergeben können. Die Unerreichbarkeit der Auferstehung Jesu blieb auch für die Jünger bestehen. Und wir sind ihnen in der Unerreichbarkeit des Auferstandenen näher, als wir wohl gemeinhin meinen. Ihrem Glauben aber an den Auferstandenen dürften wir weit ferner sein, als wir uns eingestehen.

Himmelfahrt ist nicht das Fest einer "Auffahrt", sondern ein Glaubensfest, das wir mit den Aposteln teilen sollen. Es ist das Glaubensfest, dass Jesus bei Gott und in unseren Gemeinden lebt, lebendig ist. Die Jünger schöpften daraus Freude und priesen Gott. Schöpfen auch wir daraus Lebenszuversicht und Lebenshoffnung, Freude am Leben und Freude an Gott - über alle Anfechtungen und Zweifel hinweg.


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05. 08. 2001
18. Sonntag im Jahreskreis
Da ist mehr drin...

Lk 12,13-21

13 Einer aus der Volksmenge bat Jesus: Meister, sag meinem Bruder, er soll das Erbe mit mir teilen. 14 Er erwiderte ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Schlichter bei euch gemacht? 15 Dann sagte er zu den Leuten: Gebt acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, daß ein Mensch aufgrund seines Vermögens im Überfluß lebt. 16 Und er erzählte ihnen folgendes Beispiel: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte. 17 Da überlegte er hin und her: Was soll ich tun? Ich weiß nicht, wo ich meine Ernte unterbringen soll. 18 Schließlich sagte er: So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen. 19 Dann kann ich zu mir selber sagen: Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iß und trink, und freu dich des Lebens! 20 Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft hast? 24 So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott nicht reich ist.

Kein Zweifel, Jesus war im Laufe seines öffentlichen Wirkens mit vielen Fragen und Problemen konfrontiert worden. Die Menschen drängten sich zu ihm in ihren Krankheiten und Leiden, in ihren Schmerzen und in ihrem Kummer. Und er hatte für sie ein Herz. Das aber war ihm noch nicht untergekommen: Da bittet ihn einer, er möge sich für ihn in einer Erbsache engagieren. Der Bittsteller mochte schon viel von Jesus gehört haben, daß er dachte, ich versuche es auch einmal mit meinem Problem.

Es mag ja irgendeine Unregelmäßigkeit vorgelegen haben, daß ein Erbe zwischen zwei Brüdern nicht ordentlich geregelt war. Erbsachen sind heikle Sachen und über ihnen sind schon manche familiäre Bande für immer zu Bruch geganhgen. Doch danach, daß hier einer von seinem Bruder derart übervorteilt worden wäre, daß er geradezu in Existenznot geraten wäre, danach sieht es hier nicht aus. Hier war eher Habgier im Spiel, das Interesse, den eigenen Besitzstand zu mehren, als sei das das Einzige, was dem Leben Halt und Sicherheit gibt. Sollte der Bittstelller tatsächlich in dieser Haltung an Jesus herangetreten sein, dann war er in der Tat bei ihm so was von an der falschen Adresse, daß es falscher gar nicht mehr ging. Und das konnte Jesus nicht auf sich beruhen lassen. Der Sinn des Lebens bestehe doch nicht darin, im Überfluß zu leben.

Das muß man sich tatsächlich noch einmal auf der Zunge zergehen lassen: Da wird Jesus, der landauf landab sich über das Reich Gottes gewissermaßen den Mund fransig redete, der daran schuftet und sich dabei nicht schont, den Menschen die wahren Zusammenhänge des Lebens aufzuzeigen, der ihnen das Reich Gottes als Lebensraum erschloß, den Gott, der Vater, in seiner bedingungslosen Liebe den Menschen anbot - da wird dieser Jesus mit einer Erbsache belästigt! Das war gewissermaßen ein Schlag ins Kontor! Und Jesus muß - situationsbezogen und personbezogen wie er sich immer verhielt - die Dinge gleich zurechtrücken. Er greift, wie so oft, zu einem Beispiel, zu einem Gleichnis; eine geschickte Methode, weil sie es leichter zuließ, auf der durch ein Bespiel eingezogenen Handlungsebene Erkenntnisse zu gewinnen, die auf der realen Lebensebene wesentlich schwerer zu gewinnen waren.

Da sieht einer einer überreichen Ernte entgegen. "Toll, nun habe ich bald ausgesorgt. Das lege ich mir so an, daß ich davon auf Dauer bis an mein Lebensende gut, ja bestens leben kann." Die Vorräte müssen untergebracht werden. Dazu braucht es größere Hallen. "Die stelle ich mir einfach hin!" Dann heißt es im Text: "Dann kann ich zu mir sagen", es reicht für viele Jahre. Im griechischen Text heißt es hier wörtlich: "Dann werde ich zu meiner 'Psyche', zu meiner Seele, sagen..." Psyche bezeichnet nicht das, was der Mensch besitzt, sondern was er ist. Bei diesem Mann aber scheint sie sich in das aufzulösen, was er besitzt. Die Gefahr dazu lag insofern nicht ganz fern, als Psyche nicht eine körperlose Existenzform außerhalb des Körpers meinte, sondern die Person, den Menschen in seiner leiblichen Erscheinung. Man kann sich förmlich vorstellen, wie der Mann, faul und feist in seinem bequemen Sessel lehnend, sich auf seinen body schlug und sich mit ihm - mit seiner "Psyche" - unterhielt: "Uns beiden geht es in Zukunft gut. Da brennt nichts mehr an!"

"Ruh dich aus, iß und trink und freu dich des Lebens!" Man muß das im richtigen Zusammenhang sehen. Man sollte nicht heraushören, hier spreche aus Jesus eine lebensfeindliche Einstellung. Er schien in der Tat - und offensichtlich nicht nur den scheel auf ihn gerichteten Blicken - kein Kostverächter zu sein. Man schimpfte ihn "Fresser und Säufer", was sicher maßlos übertrieben war, aber zumindest daran anknüpfen konnte, daß er viel auf Festen war und zu Tische lag, vor allem bei gesellschaftlich Marginalisierten, wie den Zöllnern und Dirnen, aber auch bei gesellschaftlich Arrivierten wie dem Pharisäer Simon (vgl Lk 7,36-50). Und daß es Jesus um das Gelingen des Lebens ging, allerdings im richtig verstandenen Sinn, das war ja gerade die Triebfeder seines öffentlichen Wirkens.

Um Lichtjahre anders aber war das, was Jesus hier an der Einstellung des Mannes im Gleichnis kritisierte: sich auszuruhen, zu essen, zu trinken, das Leben zu genießen, als sei das alles, was einem zum Sinn des Lebens einfallen kann. Hier verkürzt sich das Leben, hier verkrümmt es sich in sich selbst, hier gibt es sich in paradoxerweise selbstherrlich und merkt nicht, daß es sich um seine besten Chancen bringt.

Im menschlichen Leben ist mehr drin, als Schätze zu sammeln, nämlich "reich vor Gott zu sein". Hier stocke ich allerdings, weil es sich hier um eine sehr mißverständliche, geradezu zu einer falschen Auslegung verführende Übersetzung des griechischen Textes handelt. Dort nämlich heißt es, "auf Gott hin reich zu sein". So kann man das im Deutschen natürlich nicht sagen. Aber es deutet sich an, was gemeint ist, und was nicht. "Auf Gott hin" heißt, aus der Relation, aus der Beziehung zu Gott hin wird das Leben reich. Das ist aber nicht eine Beziehung, die von uns ausginge, deren Konstrukteure wir wären, sondern es ist eine Beziehung, die von Gott ausgeht, die von ihm her vorgängig ist. Gemeint ist damit das, worum sich Jesus in seinem öffentlichen Wirken so bemühte, nämlich die Menschen dafür zu gewinnen, daß sie an die Wirklichkeit des bedingungslos auf sie zukommenden Gottes glaubten, daß sie das Reich Gottes gewissermaßen als für sie eröffneten Raum des Lebens betreten. Das Reich Gottes sollte in der Tat zur inneren Achse unseres Lebens werden, um die sich unser Leben dreht. Das "auf Gott hin", insofern wir gemeint sind, hat also sekundären Charakter; wir klinken uns ein in das, wie Gott auf uns zukommt. Es ist also ein Reichsein gemeint, das in Gottes bedingungslosem Zugehen auf uns begründet liegt.

Es geht um kein Reichsein, das ich mir vor Gott erwerben könnte, womöglich aus der fixen Idee heraus - die genau so "fix" wäre wie die Idee des Scheunenbauens! -, selber dem eigenen Leben durch meine Verdienste einen Wert zu geben, den es in sich gar nicht hätte. Das Reichsein vor Gott läuft schnell Gefahr, zu einem "Reichsein vor mir" zu verkommen. Dann hätte Jesus den nächsten Anlaß, uns gegenüber in einem weiteren Gleichnis die Dinge zurechtzurücken. Aber hat er das nicht eigentlich schon getan, im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner nämlich (Lk 18,9-14)?

Richten wir unseren Blick also auf das Wichtige, auf Gott und sein Reich, wie es Jesus uns verkündete. Schöpfen wir daraus unsere Lebenszuversicht, und nicht aus dem, was wir leisten: seien es nun Scheunen oder gute Werke. Seien wir keine Narren!

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14. 10. 2001
28. Sonntag im Jahreskreis
Glaube, wo keiner damit rechnet...

Evangelium nach Lukas (Lk 17,11-19)

11 Auf dem Weg nach Jerusalem zog Jesus durch das Grenzgebiet vom Samarien und Galiläa. 12 Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen 13 und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns! 14 Als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! Und während sie zu den Priestern gingen, wurden sie rein. 15 Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme. 16 Er warf sich vor den Füßen Jesu zu Boden und dankte ihm. Dieser Mann war aus Samarien. 17 Da sagte Jesus: Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun? 18 Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden? 19 Und er sagte zu ihm: Steh auf und geh! Dein Glaube hat dir geholfen.

Uns mögen die Zusammenhänge auf den ersten Blick wenig sagen. Was bei uns - wenn überhaupt - haften geblieben sein mag, dürfte sein, dass Jesus irgendwo zwischen Galiläa und Jerusalem eine Zufallsbegegnung mit zehn Aussätzigen machte. Sie ahnen ihre Chance, wenden sich an Jesus, und er empfiehlt ihnen, sich an die Priester zu halten, die darüber befinden sollten, ob ihr Aussatzleiden noch da sei oder nicht. Unterwegs tritt die Heilung ein - und einer weiß, was er jetzt zu tun hat: nicht den von Priestern vorzunehmenden Reinigungsritus für vom Aussatz Geheilte über sich ergehen zu lassen, sondern sich dorthin zu wenden, woher die Heilung kam, an Jesus.

Schön für ihn, schön für alle Zehn, die daraufhin wieder ein normales Leben, jenseits sozialer quarantänehafter Isolation, führen konnten. Schön für sie. Doch was hat das mit uns zu tun? Warum wird uns ihre Heilung und ihr Verhalten, insbesondere das des einen, heute vor Augen gestellt? Geht es darum, aus dem Evangelium den allgemeinen Appell zur Dankbarkeit zu vernehmen? Geht es darum, uns an die bei uns gebräuchliche Redensart zu erinnern, dass "Undank der Welt Lohn" sei, und wir uns also allgemein in welchen Lebenssituationen auch immer um mehr Dankbarkeit bemühen sollten? Gewiss, das wäre nicht gering zu achten und könnte unser Leben unter Umständen wesentlich verändern. Im Ganzen aber, denke ich, geht es in diesem Evangelium als Botschaft an uns um mehr, um etwas anderes als um den Appell zur Dankbarkeit.

Worum also geht es? Im Evangelium schwingt Mehrfaches mit, das wir gar nicht alles für uns aufdröseln und in unser Leben einzeichnen müssen. Das wichtigste Signal gibt das Evangelium durch seine Topographie. Jesus ist (vgl. Lk 9,51; 10,38; 13,22) auf dem Weg nach Jerusalem. Das macht ja die Grundstruktur des gesamten Lk-Evangeliums aus. Aus dem Norden kommend zieht Jesus nach Jerusalem, in das Zentrum des jüdischen Lebens und Glaubens, um sich auch dort mit seiner Botschaft vom nahen Kommen des Reiches Gottes vernehmbar zu machen. Jesus ist unterwegs - und zwar durch Samarien. Das mag sich für uns zunächst nur nach einer beliebigen Landschaftsangabe anhören, die wir ohnehin kaum in unsere Kartographie des Heiligen Landes einordnen können. Samarien aber figuriert hier für mehr als eine Landschaftsangabe. Beim Stichwort "Samarien" schrillten für gläubige Juden die Alarmglocken. Es galt als der Raum der Gottlosigkeit, des gottlosen Heidentums, als ein Raum, den man zu meiden hatte, da bei ihm die Gefahr der Kontamination, der Verunreinigung, zu groß war. Das hatte lange zurückreichende Gründe. Samarien hatte sich nie um den Tempelberg in Jerusalem geschart, sondern auf dem Berg Garizim sein eigenes Kultzentrum beansprucht, bis dieses im 2. Jahrhundert vor Christus zerstört wurde. Samarien anerkannte darüber hinaus nur die ersten fünf Bücher des Mose, den sogenannten Pentateuch, als Heilige Schrift an, alle übrigen Teile der Schrift nicht. Das alles wirkte gesellschaftshistorisch tief nach und prägte auch die spannungsreiche Beziehung der Juden zur Bevölkerung Samariens zur Zeit Jesu. Selbst Jesus scheint nicht einfach außerhalb dieser Vorbehalte gegenüber dem Land und den Leuten Samariens gestanden zu haben.

Er musste diesen Landstreifen passieren - auf dem Weg nach Jerusalem, das war nicht zu umgehen. Andererseits war wohl auch in diese Gegend bereits sein Ruf gedrungen, so dass die zehn Aussätzigen ihre Chancen nutzen wollten, von diesem Mann etwas abzubekommen. Ich will es nicht falsch interpretieren, aber Jesus zeigt sich den Zehn gegenüber auffällig verhalten. Nicht, dass er sich verweigerte, aber es kam zu keiner wirklichen Begegnung, schon gar zu keiner heilenden Berührung. Er verwies sie lediglich auf die Vorschrift des Buches Levitikus, sich den Priestern zu zeigen. Die sollten über das Vorhandensein oder Nichtmehrvorhandensein des Aussatzes befinden. Die Zehn gehen. In den Vorgang scheint Jesus selbst nicht sehr engagiert gewesen zu sein. Schwingt hier indirekt sein eigener Vorbehalt gegen Samarien und dessen Bevölkerung mit? Denn zu ihnen wusste sich Jesus nicht gesandt und er gab auch den Jüngern den ausdrücklichen Befehl, Samarien gewissermaßen auszusparen.

Die Zehn stellen unterwegs fest, dass der Aussatz sie verlassen hat. Einer von ihnen nimmt das zum Anlass, um auf der Stelle umzukehren. Er tut das in einer Weise, die Jesus nachdenklich gemacht, ja überrascht haben dürfte. Der eine preist Gott mit lauter Stimme und wirft sich Jesus dankbar zu Füßen. Dieser Gestus hat eine andere Qualität, hat eine andere Tiefe als der vorausgegangene Ruf der Zehn um Erbarmen. Dieser Gestus bringt zum Ausdruck, dass dieser eine - wenn man so sagen darf - Jesus in Verbindung mit Gott bringt, dass er in Jesus jemanden sieht, in dem Gott sich dem Leben der Menschen zuwendet. Dieser eine hat etwas für Samarien Unerwartetes "begriffen"; begriffen ist vielleicht zu viel gesagt, ist zu hoch gegriffen; aber er hat begonnen zu ahnen, in welchen Dimensionen der Nähe zu Gott dieser Jesus zu verorten ist. Und er war ein Bewohner Samariens, ein Samariter! Ich denke nicht, dass gesagt sein soll, nur der eine sei Samariter gewesen, die anderen neun aber nicht. Nein, alle waren wohl Samariter, nur in dem einen ist das gewissermaßen Unerwartete aufgeplatzt, dass in diesem Jesus mehr im Spiel ist, mehr an Gottes Nähe und Zuwendung greifbar wird als in allen synagogalen Riten und Gepflogenheiten zusammengenommen. Er gab Gott die Ehre - indem er Jesus die Ehre gab.

Jesus muss überrascht gewesen sein und kleidete seine Überraschung in eine dialektisch angelegte Frage: "Die anderen neun haben das nicht begriffen?" Gewissermaßen: "Wenn du das mit mir begriffen hast - was mich überrascht -, warum haben es die anderen neun nicht begriffen? Nicht begriffen, wer ich bin, wem sie in mir begegnet sind?" So mutiert die Heilungsgeschichte zu einer Erschließungs- und Glaubensgeschichte, die dem einen die Augen geöffnet hat. Nur dem einen? Kann es nicht sein, dass diese Geschichte auch Jesus die Augen öffnete dafür, dass in diesem auch von ihm eher als ungläubig eingestuften Lebensraum Samarien Glaube da sein, wachsen und reifen konnte? "Dein Glaube hat dir geholfen" - ich höre darin mitschwingen, dass darin auch Jesus selbst etwas für sich gelernt hat: "Dein Glaube hat auch mir geholfen, die Menschen hier in Samarien in einem anderen Licht vor Gott zu sehen."

Vielleicht nehmen sich diese Überlegungen für manchen wie eine willkürliche Verdrehung der doch offensichtlich ganz anders gemeinten Zusammenhänge dieses Evangeliums aus. Ich weiß es nicht. Zumindest als Hintergrundfolie scheinen diese Überlegungen mir am Evangelium durchaus erkennbar zu sein. Dass es jedenfalls um mehr geht als um Dankbarkeit, nämlich - um es nun so zu sagen - um den Glauben an Jesus, in einer Situation, in der es Jesus nicht erwartet hatte.

Vielleicht ist das der Punkt, der für uns bedeutsam werden kann. Weniger um die Andeutung geht es dabei - die gewiss in sich auch wichtig ist -, dass Jesus bezüglich seiner Einschätzung der Samaritaner etwas hinzugelernt hat. Vielmehr geht es um uns und um unsere Einschätzung anderer bezüglich ihrer Lebens- und Glaubenssituation. Da kann mehr drin sein an geglückter Lebens- und Glaubenspraxis, als wir von außen ansehen mögen. Das gilt schon im engen Rahmen unserer Familien, wo manche Familienteile glaubensmäßig aus dem Ruder gelaufen zu sein scheinen, es aber möglicherweise, wenn man sich mit ihnen genauer auseinandersetzen würde, gar nicht sind. Das gilt im Raum unserer Gemeinden. Zur Gemeinde zählen nicht nur die, die nach einer herkömmlichen und sehr problematischen Sprachregelung zu ihrem "Kern" zählen. Zu ihr gehören auch die, die weniger manifest als Teilnehmende auffallen, die sich bei Veranstaltungen bedeckt halten, die fernbleiben. Das sagt noch wenig über ihre Situation vor Gott, über ihren Glauben aus. Und schließlich gilt das auch - gerade nach dem schrecklichen 11. September, dem Tag des Terroranschlags auf Amerika, müssen wir darauf zu sprechen kommen -, das gilt auch für die Angehörigen anderer Hautfarbe, anderer Kulturen und anderer Religion. Wir müssen auf allen Ebenen des Lebens füreinander mehr Interesse zeigen, Vorurteile abbauen, Fremdheit überwinden, um vielleicht aus der Nähe der Begegnungen auch bei den uns "Fremden", ja bei den geradezu manchmal unter unserem Verdacht Stehenden, dieselbe Lauterkeit und Aufrichtigkeit, dieselbe Sehnsucht nach Heil und ungefährdetem Leben, aber auch dieselbe Gebrochenheit und Fragmenthaftigkeit des Lebens zu finden wie bei uns selbst.

"Dein Glaube hat dir geholfen". Ob nicht dieser "Glaube" - als Ausfluss letztlich des Glaubens daran, dass Gott in der Tat mit allen Menschen ist - unser Leben verändern kann, gerade auch in jenen Teilen, in denen wir noch nicht lauter, aufrichtig, redlich, offen und ohne Arg sind?



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23. Dezember 2001
4. Adventsonntag
Gott greift nach uns

Mt 1,18-24

18 Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, daß sie ein Kind erwartete - durch das Wirken des Heiligen Geistes. 19 Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloß, sich in aller Stille von ihr zu trennen. 20 Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. 21 Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. 22 Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllt, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: 23 Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott ist mit uns. 24 Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.

Am heutigen 4. Adventssonntag scheint es, als könne die Kirche das ausstehende Weihnachtsfest gar nicht mehr erwarten, als müsse sie heute schon die Geburt Jesu vorwegnehmen: "Mit der Geburt Jesu war es so ..." Mit diesem Evangelium haben wir einen heiklen Text vor uns, der alles darauf anzulegen scheint, uns auf eine falsche Fährte zu locken; auf die Fährte der Frage nämlich, ob sich wirklich alles so verhielt, wie es das Evangelium nahezulegen scheint. Paradoxerweise ist es so, daß wir mit der Frage, ob das alles so war, wie es hier berichtet wird, oder eben nicht ganz anders, den Kern der Botschaft, die uns erreichen will, exakt verfehlen. Die Erzählung des Evangeliums konnte und wollte die Menschen damals an den Kern der Botschaft heranführen, daß nämlich in Jesu Geburt und in seiner Existenz in der Tat Gott sich als "Gott mit uns", als Immanuel, als Gott auf unserer Seite, als menschlicher Gott erwiesen hat. Für uns wird das aus dieser Erzählung nicht mehr so ohne weiteres klar. Wir dürften eher über manches an ihr stolpern, dürften manchem Detail eine Bedeutung beimessen, die es gar nicht hat und nie haben wollte.

Uns legt sich wahrscheinlich rasch die Frage nahe, sofern wir an einen solchen Evangelientext überhaupt noch Fragen stellen, wie Josef als "gerecht" bezeichnet werden konnte, wo er sich doch mit dem Gedanken trug, Maria "geheim" zu entlassen? Und wie sollte das überhaupt gehen, eine schwangere, junge Frau "geheim" zu entlassen? So etwas wird doch immer irgendwie publik, zumindest im unmittelbaren Verwandten- und Bekanntenkreis.

Wie verhielt es sich mit der Geburt Jesu? Bleiben wir für einen Augenblick einmal auf der Ebene der Erzählung. Bei genauerem Hinsehen erschließt sie sich nämlich aus inneren Gründen selbst als nicht reale Erzählung. Da heißt es von Maria, daß sich zeigte, "daß sie ein Kind erwartete - durch das Wirken des Heiligen Geistes." Hätte sich dieser Zusammenhang tatsächlich für Josef "gezeigt", wäre also für ihn klar gewesen, daß es sich bei Maria um eine ganz besondere, ungewöhnliche Schwangerschaft handelte, daß hier Gott unmittelbar wirkend im Spiel war - wie hätte er dann als gerechter und frommer Mann auf den Gedanken kommen können, sich von Maria zu trennen? Ihm zeigte sich eben nichts, ihm zeigte sich nicht, daß das von Maria erwartete Kind "vom Heiligen Geist" sei. Er konnte also nicht anders empfinden, als jeder Mann in ähnlicher Situation empfunden hätte: Meine Verlobte hat mich betrogen. Es ist noch nicht zu spät. Ich werde mich von ihr trennen.

Um diese Erzählung in ihren Hintergründen zu verstehen, müssen wir uns die damaligen Gepflogenheiten von Verlobung und Vermählung vor Augen halten. Eine Verlobung, die geradezu nahtlos in die Vermählung überging, kam in der Regel dadurch zustande, daß ein Bräutigam dem Vater der Braut eine Geldsumme entrichtete. Nicht, um sich auf diese Weise die Frau zu "kaufen", sondern um den wirtschaftlich-ökonomischen Schaden zu egalisieren, der durch den Weggang der jungen Frau für die zurückbleibende Familie entstand. Vor diesem Hintergrund kann nun deutlich werden, was gemeint ist, wenn von Josef gesagt wird, er sei "gerecht" gewesen und habe deshalb seine Braut bzw. seine Frau "geheim", ohne großes Aufsehen offenbar, entlassen wollen. Das spielt offensichtlich darauf an, daß er mit keinem Gedanken daran dachte, seine finanzielle Investition, die er in die Familie der Braut entrichtet hatte, wieder zurückzufordern.

Wir merken es wohl selbst: Je länger wir uns auf dieser Ebene mit der Erzählung der Geburt Jesu befassen, uns in ihr gewissermaßen festbeißen, um so mehr nehmen wir wie bei einem Irrgarten die falsche Spur auf. Auf ihr ist nichts zu holen.

Josef bekommt den wahren Zusammenhang im Traum aufgezeigt. Und hier nähern wir uns dem Kern. Im Traum wird ihm deutlich, daß es sich mit der Schwangerschaft seiner Braut ganz anders verhält. Daß es nicht um die Frage der Treue oder Untreue seiner Verlobten geht, sondern um die ganz andere Aussage der bevorstehenden Geburt eines Menschen, der mit seiner Existenz, in Person, dafür steht und dafür leben wird, daß "Gott mit uns" ist. "Du sollst ihm den Namen Jesus geben." Dann wird der ausdrückliche Bezug zu einer alttestamentlichen Stelle bei Jesaja gesucht, die eben das angekündigt hat, was hier und jetzt an Maria geschieht: "Eine junge Frau wird schwanger werden, sie wird einen Sohn gebären und sie wird ihm den Namen Immanuel, Gott mit uns, geben."

Wenn wir am heutigen 4. Adventssonntag unsere Aufmerksamkeit auf das Richtige lenken, dann müssen wir die Erzählebene verlassen und uns die Glaubensgewißheit dahinter zu eigen machen, daß Gott in der Person Jesu etwas unüberbietbar Einmaliges an uns getan hat. Was das war, hat das Evangelium des 3. Adventssonntags in lebensnahen Sätzen nahezubringen versucht, daß Blinde sehen, Lahme gehen konnten, Aussätzige rein wurden, Taube hörten, Tote auferstanden. Ein Horizont der Hoffnung tut sich in diesem einen auf. Denselben Horizont deutet das heutige Evangelium in der abstrakteren Formel an, die uns möglicherweise weniger anspricht, daß Jesus sein Volk "von den Sünden erlösen" sollte.

Was erreicht uns also an diesem 4. Advent als Botschaft? Nicht die Einzelheiten einer Schwangerschafts- und Geburtsgeschichte, sondern die Gewißheit darüber, daß in diesem einen Gott nach uns gegriffen hat. Das brach sich in Jesus vollends Bahn, als er sich von Johannes im Jordan taufen ließ. Da durchzuckte ihn förmlich wie ein Blitz die Einsicht, die sein Leben veränderte: "Du bist mein geliebter Sohn." Aus dieser Einsicht lebte er fortan sein Leben und wurde so zum Hoffnungsträger einer in Gott geborgenen Welt - bei allen Problemen, die nach wie vor auf ihr und auf uns lasten mögen.

Was also kann uns der 4. Adventssonntag bedeuten? Er will nicht die Schwierigkeiten eskalieren lassen, die wir eventuell mit einer "Jungfrauengeburt" haben. Darum geht es nicht. Er will uns vielmehr den Blick dafür öffnen, daß Gott mitten im Leben an unsere Seite getreten ist, daß er da sein kann in Schwangerschaft und Geburt, in Abgang und Abtreibung, in den verheerenden gesellschaftlichen Erfahrungen unserer Zeit: in Afghanistan, in Mazedonien und anderswo. Fast wagen wir es nur mit vorgehaltener Hand weiterzusagen: Gott geht seinen Weg mit uns, mit jedem und mit jeder von uns. Dafür stehen wir als Christen. Das sollte den Horizont unseres Lebens wieder neu öffnen - was immer uns belastet, was immer uns das Leben schwermacht, was immer uns niederdrückt und uns manchmal die Luft zu nehmen droht. Unsere Aufmerksamkeit für das Richtige sieht mehr. Sie sieht tiefer: Gott läßt nicht von uns, nicht von unseren Fragen, nicht von unseren Tagen. Gott sei Dank. Es ist Advent.



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27. 01. 2002
3. Sonntag im Jahreskreis
Geduld bringt Rosen - und das Himmelreich

Mt 4,12-17

12 Als Jesus hörte, daß man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, zog er sich nach Galiläa zurück. 13 Er verließ Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See liegt, im Gebiet von Sebulon und Naftali. 14 Denn es sollte sich erfüllen, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist: 15 Das Land Sebulon und das Land Naftali, die Straße am Meer, das Gebiet jenseits des Jordan, das heidnische Galiläa: das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen. 17 Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.

Da fliegen uns die Ortsnamen nur so um die Ohren. Die einen kennen wir besser, die anderen weniger: Nazaret, Kafarnaum; das geht noch. Aber dann Sebulon und Naftali? Ja, mit einiger Mühe können wir mit Nazaret und Kafarnaum Stationen des Lebens Jesu verbinden. In Nazaret muß er wohl aufgewachsen sein. Warum aber dann sein Umzug, sein Ortswechsel nach Kafarnaum? Und wo liegt das eigentlich? Unser Evangelium deutet das Umzugsmotiv Jesu an. Herodes Antipas, der Tetrach von Galiläa, hatte Johannes den Täufer gefangengenommen. Jesus scheint daraus auch für sich eine Gefahr ausgerechnet zu haben und hielt es für klüger, sich vor Herodes in die nördliche Region Galiläas abzusetzen, nach Kafarnaum eben. Eine nachvollziehbare Entscheidung, die im Grunde nicht aus Jesus selber kam, sondern zu der er sich aufgrund äußerer Umstände veranlaßt sah.

Bereits das ist ein am Leben Jesu interessanter Nebenaspekt. Er plante sein Leben und die Stationen seines Lebens nicht am Reißbrett, sondern sah sich veranlaßt, aus Entwicklungen, auf die er keinen Einfluß hatte, das Beste zu machen. Lief es nicht in vielen Biographien unserer Tage, der Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg, ganz ähnlich? Viele flohen damals aus den deutschen Ostgebieten vor der heranrückenden Front oder wurden später vertrieben, und ihr Leben nahm nicht vorhersehbare, unerwartete Verläufe. Nicht anders bei Jesus. Er findet sich plötzlich in Kafarnaum, oben am Nordufer des Sees von Gennesaret, wieder.

Was das Mt-Evangelium daraus macht, ist freilich auch wieder interessant. Der eigentlich durch Herodes Antipas bedingte Ortswechsel Jesu von Nazaret nach Kafarnaum erfährt nachträglich eine theologische Deutung. Da hat das Mt-Evangelium eine Textstelle bei Jesaja ausgegraben, die von einem Gebiet von Sebulon und Naftali behauptet, dort, in diesem Gebiet, werde ein großes Licht erscheinen. Und eben in diesem Gebiet lag Kafarnaum. So konnte das Mt-Evangelium eine hinreißende theologische Begründung dafür liefern, warum Jesus seine öffentlichen Auftritte ausgerechnet im Nordraum Galiläas begann: "Das Land Sebulon und das Land Naftali, die Straße am Meer (Meer steht hier für den See Gennesaret), das Gebiet jenseits des Jordan, das heidnische Galiläa: das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen."

Das alles ist bei Mt wie ein Vorspiel, wie eine geradezu umständliche Ortsangabe zu lesen zu dem, was nun im Zentrum steht: Jesu Auftreten und seine Botschaft. Doch die fällt so knapp aus, so ohne alle Ausmalung, daß sie uns geradezu dürftig erscheinen mag, und wir über sie enttäuscht sein könnten. Es heißt, von da an bzw. dort begann Jesus zu verkünden: "Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe." Das war's dann auch schon. Hätte Jesus sich nicht mehr Mühe geben können, deutlicher zu werden, worum es ihm gehe? Wozu er die Menschen auffordere, einlade? Das kann offenbar nur unsere Anfrage an die Jesusbotschaft sein.

Den Leuten damals wäre eine solche Anfrage offensichtlich nicht in den Sinn gekommen. Denn sie verstanden Jesus, verstanden jedenfalls, wovon er sprach. Es war ja nicht so, daß er als erster aufgetreten wäre und vom Himmelreich gesprochen hätte. Schon Johannes hatte das vor ihm getan. Und beide taten es nicht in der Weise, daß sie sagten: "Leute, hört, wir haben euch etwas ganz Neues zu sagen: Es gibt das Himmelreich." Ihre in der Akzentsetzung freilich unterschiedliche Botschaft lautete vielmehr, das Himmelreich sei nahe. Und das ist eine ganz andere Aussage als die, es gäbe ein Himmelreich.

Gleichwohl mag es uns Mühe machen, zu dem vorzudringen, ja dafür Aufmerksamkeit freizusetzen, um was es bei dem nahegekommenen Himmelreich eigentlich ging. Versuchen wir's trotzdem. Klar dürfte sein, daß Jesus nicht einfach mit dem einen Satz, ihn gebetsmühlenartig wiederholend, durch die Lande gezogen ist: "Kehrt um! Das Himmelreich ist nahe." Hätte er tatsächlich nur das getan, man hätte auf ihn nicht gehört, bzw. er wäre eines Tages aller Wahrscheinlichkeit nach in der Klappsmühle gelandet. Der Umkehrruf, wie ihn uns das Mt-Evangelium übermittelt, ist so etwas wie die verdichtete Kurzform der gesamten Verkündigung Jesu, ähnlich wie das andere Wort vom "Evangelium vom Gottesreich" eine solche Verdichtung darstellt. Wenn wir sie aufzubrechen versuchen, was zeigt sich uns dann?

Warum hat Jesus gerade vom Himmelreich, und zwar vom nahegekommenen Himmelreich gesprochen? Den plausibelsten Grund dafür dürfte die Tatsache liefern, daß er in seinem eigenen Leben selber die umstürzende Erfahrung des Zugriffs Gottes "von oben" gemacht hatte, bei der Taufe am Jordan; daß er "von oben" heimgesucht worden war und erfahren hatte, daß sich Gott seines Lebens bemächtigt hatte. Eben das ist das Charakteristische seiner Rede vom Himmelreich, daß sie sagt, daß etwas "von oben", vom Himmel, von Gott komme, auf das die Menschen von sich aus keinen Einfluß hätten; etwas, das sie als Geschenk von oben überkomme. Wenn das so ist, wird auch deutlich, daß im Begriff des Himmelreiches nicht der Aspekt des Reiches im Sinne eines Herrschaftsgebietes im Vordergrund steht, als werde nun alles herrschaftsmäßig neu, aber doch wieder nach alten Mustern geordnet, sondern daß es exakt um die geschenkte Bewegung Gottes von oben auf den Menschen hin gehe.

Der Umkehrruf Jesu scheint paradoxerweise zu höchster Aktivität aufzurufen. "Tut etwas! Legt los!" Dabei wären wir mit dieser Deutung der denkbar schlechtesten und unpassendsten Deutung zum Opfer gefallen. Es wird häufig übersehen, daß die Botschaft vom Himmelreich bzw. vom Reich Gottes nicht sagen will: "Im Grunde kennt ihr sie. In etwa entspricht sie ohnehin euren Vorstellungen. Nun legt mal kräftig Hand an!" So darf das Himmelreich exakt nicht verstanden werden. Vielmehr kommt in ihr etwas entgegen, das allem Gegenwärtigen und Irdischen und Jetzigen entgegengesetzt ist. Insofern können wir uns auch an dieses Himmelreich, als hätten wir es ohnehin längst verstanden, nicht aus eigener Kraft heranrobben. Wozu uns der Umkehrruf in allererster Linie auffordert, ist, Geduld zu haben!

Das Gottesreich kommt, aber es kommt ohne unser Zutun. Es kommt, auch wenn es gar nicht danach aussieht. Der Begriff "Geduld" ist für das uns im Umkehrruf Abverlangte geradezu noch zu schwach. Wir, die Ungeduldigen, müssen uns mit Ausdauer wappnen. Ich weiß, das hört sich für uns widersprüchlich an, und dieser Widerspruch mag uns unerträglicher erscheinen als den Menschen zur Zeit Jesu. Da spricht Jesus auf der einen Seite davon, das Himmelreich sei nahe, und dann passiert nichts. Es kommt nichts. Und was bleibt, ist die Aufforderung an uns, Geduld zu haben. Das erinnert fast an manche Form schlechter "Ankündigungspolitik" heutiger Politiker, die sagen, alles werde besser, anders. Aber zu sehen ist davon nichts. Hat es also mit dem Himmelreich in Wahrheit gar nichts auf sich? So fragen wir heute aus unserer Ungeduld heraus. Die Worte des Apostels Paulus aus dem 1 Thess 5,8 könnten hier sehr aktuell uns gelten: "Wir wollen nüchtern sein und uns rüsten mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil." Diesen Geist sollten wir nicht auslöschen (vgl. 1 Thess 5,19).

Die eigentliche Aufforderung des Umkehrrufes Jesu an uns ist also die Einladung zur Geduld, zur Geduld im Glauben an das nahekommende Himmelreich. Wie schwer fällt uns Heutigen diese Geduld! Wir wollen immer alles gleich und jetzt haben. Wir wollen die Regie über unser Leben in der eigenen Hand haben, von der Wiege bis zur Bahre. Ja, schon im perinatalen Bereich des Lebens, wie die aktuelle Diskussion um die Bioethik, um Stammzellenforschung, therapeutisches und reproduktives Klonen, künstliche Befruchtung in der Petrischale und vieles andere mehr anzeigt. Die Beschleunigung des gegenwärtigen Lebens verlangt nach einer Entschleunigung, nicht verstanden als ethischer Leistung des Menschen, alles auch langsamer angehen zu können, sondern verstanden als Vertrauens- und Glaubenserweis, als Erweis gläubiger Geduld, daß das Kommen des Reiches Gottes in Gottes verläßlicher Hand liegt und sicher ist ñ was immer da komme. Jesu Umkehrruf ist ein Angebot zur Sedierung, zur Beruhigung unseres Lebens. In der Tat, das Himmelreich, das ohne unser Zutun kommt, es will für uns ein wirkliches Lebens-Mittel sein. Genießen wir es in den homöopathischen Dosen, in denen es sich uns bereits anbietet.

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5. Mai 2002
6. Sonntag der Osterzeit
"Es ist geöffnet ..."

Joh 14,15-21

15 Jesus sagte zu seinen Jüngern: Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. 16 Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. 17 Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. 18 Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch. 19 Nur noch kurze Zeit, und die Welt sieht mich nicht mehr, ihr aber seht mich, weil ich lebe und weil auch ihr leben werdet. 20 An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir, und ich bin in euch. 21 Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt, wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden, und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.

Für unsere Ohren fängt das heutige Evangelium nicht interesseheischend an. Da war von Geboten die Rede, vielleicht haben wir es noch im Ohr; "Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten." Der so spricht, ist Jesus. Es könnte sein, daß wir diesen Satz anders herum hören als er gesagt ist. Es könnte sein, daß wir hören: Wenn ihr meine Gebote haltet, dann ist das für mich ein Zeichen, daß ihr mich liebt. Als stünden also die Gebote im Mittelpunkt - welche eigentlich:" könnte man da gleich nachfragen -, als läge es also im Interesse Jesu, den Jüngern. bzw. uns die Gebote nahezubringen. Und in der Tat, gegen Ende unseres Evangeliums lautet ja der Satz so: "Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt." Also geht es hier doch um die Gebote? Und ist der Verweis darauf, daß der, der die Gebote hält, dann auch in der Liebe lebt,

nur garnierendes Beiwerk, damit wir das mit den Geboten leichter schlucken und davor nicht scheuen?

Im ersten Augenblick könnte es so aussehen. Aber es verhält sich anders. Das Leitwort unseres Textes ist die Liebe aber wieder nicht im Sinn der Forderung an uns: "Zeigt endlich mehr Liebe; es muß doch auch anders in euerem Leben, in euren Beziehungen gehen", als würde Jesus gewissermaßen wie aus heiterem Himmel diesen Liebesappell ergehen lassen. Wiewohl, mit dem heiteren Himmel liegen wir gar nicht so verkehrt. Denn aus einem wirklich heiteren Himmel kam uns in Jesus in einem unerhörten Ereignis die Gottesliebe entgegen. Sie schuf eine neue Wirklichkeit, eine neue Weltlage, in der es nicht mehr darum geht, Gottes Liebe durch Leistung und Engagement zu verdienen, sondern darum, Gottes real geschenkte, voraussetzungslos vorgehaltene Liebe anzunehmen, für bare Münze zu nehmen.

Die Annahme dieser voraussetzungslosen Liebe Gottes zu uns - das soll unser neues Lebensgesetz, gewissermaßen unser zentrales Gebot sein. Mit anderen Worten: Jesus hätte genauso gut sagen können: "Wenn ihr mit eurem Leben das unerhörte Ereignis der Liebe Gottes zu euch und eurem Leben betretet, wenn ihr diese Liebe zu eurem Lebensinhalt und Lebensraum macht, wenn ihr euer Dasein also ganz auf Gottes Liebe gründet, wenn ihr euch an ihn haltet mit all eurer Zuversicht - dann, ja dann liebt ihr Gott und liebt ihr mich." So wäre unsere Liebe nicht ein durch uns erzeugtes Produkt, nicht eine menschliche Leistung, auf die wir uns noch etwas einbilden könnten. Sie wäre unser Hineingenommensein in einen Raum, den Gott längst vorgegeben hat: der Raum seiner Liebe zu uns.

Wie konnte Jesus - wenn er mit Liebe den von Gott vorgehaltenen Raum unseres Lebens meinte -, wie konnte er da nur auf den irreführenden und so leicht mißverständlichen Gedanken kommen, das Gemeinte im Wort 'Gebot", noch dazu im Plural, im Wort "Gebote" auszudrücken? Das hatte seine guten Gründe, auch wenn wir uns damit schwer tun, sie einzusehen. Gebote beherrschen nun einmal unser Leben; besonders im Spätjudentum war dies der Fall, wo das Leben von einer Vielzahl von Vorschriften und Regeln gewissermaßen wie "umzingelt` war. Richtig leben hieß so viel wie nach den Geboten zu leben. Nun aber wollte Jesus in seiner Botschaft von Gott deutlich machen, wie richtig leben gehe, nämlich durch das Betreten des Raumes der Liebe, den Gott den Menschen eröffnet hatte. Wie sollte er also anders als mit der Vokabel "Gebot" auf diesen Lebensraum der Liebe hinweisen? Vor diesem Hintergrund, von dieser Voraussetzung her verstehen wir auch sein Hauptgebot der Liebe: Gott zu lieben und den Nächsten zu lieben. Das waren wohlfeile, wohlbekannte alttestamentliche Vorschriften, die nicht neu waren. Neu aber war bei Jesus die Ausschließlichkeit, mit der er dieses Liebesgebot propagierte, und zwar aus keinem anderen Grund als dem, daß in ihm, in Jesus, offenbar geworden war, daß Gott dem Menschen im Raum der Liebe begegnet, und daß deshalb Liebe auch die dominierende Perspektive unseres Lebens zu sein hat, in allen Dimension des Lebens, bezüglich Gott, bezüglich des Nächsten, bezüglich unserer selbst.

Nicht also um eine Gebotseinschärfung im Sinne der alten Gebotsforderungen geht es bei Jesus. Andererseits muß man freilich sagen - damit das Kind, kaum hat es den einen Straßengraben gemieden, nicht in den anderen fällt! -, daß es bei Jesus nicht um die Außerkraftsetzung der Gebote geht, als hätten sie nun alle überhaupt keine Bedeutung mehr. Sie behalten ihre relative Bedeutung, ja werden im Betreten des Raumes der Liebe Gottes wahrer und innerlicher beobachtet denn als "bloße Gebote". Diesen Raum der Liebe, der von Gott eröffnet ist, zu betreten, ist nicht leicht. Es stellt gewissermaßen alle unseren menschlichen Maßstäbe auf den Kopf. Das ist der Grund, weshalb der Herr den Jüngern und uns als Beistand den Geist der Wahrheit verheißt. Wieder geht es bei ihm um mehr als darum, uns zu verpflichten, der Wahrheit gemäß, wahrhaftigkeitsorientiert zu leben, zu sittlich hochstehenden Menschen zu werden. Der verheißene Geist der Wahrheit zielt auf etwas anderes, und zwar auf nichts anderes als auf die Annahme der geoffenbarten Wirklichkeit der bedingungslosen Liebe Gottes zu uns. Das exakt ist das Wahrheitsverständnis der Bibel, nämlich daß wir fähig werden, die angebotene Liebe Gottes als den Raum des gelingenden Lebens zu betreten. Dem steht menschlicherseits eine ganze Menge entgegen, zum Beispiel unser Mißtrauen gegenüber Gott, unsere Haltung, es mit Gott doch lieber nicht so ausdrücklich zu tun bekommen zu wollen, unsere Gottvergessenheit und unsere Selbstbezogenheit, in der wir meinen, wir könnten uns in unserem Leben ganz ordentlich und gut einrichten ohne Inanspruchnahme dieses großen Hintergrundes der göttlichen Liebe zu uns.

Unser Text deutet es an: Bestimmte Voraussetzungen in der Welt machen es der Welt fast unmöglich, sich vom Geist der Wahrheit im beschriebenen Sinn leiten und führen zu lassen. Das ist durchaus auch eine kritische Frage an uns, aber eben in der Zuspitzung darauf, ob der lebenschaffende Raum der Liebe Gottes zu uns uns real etwas bedeutet, oder eben nicht. Da spielt ein anderes Wort Jesu (aus dem Joh-Evangelium) herein, das heute oft in den Mund genommen wird: "Die Wahrheit wird euch frei machen" ach 8,32). So sehr dieses Wort auch auf der Ebene der Wahrhaftigkeit, der Lebensredlichkeit usw. seine Bedeutung hat so zielt seine eigentliche Aussage auf einen anderen Zusammenhang: auf die Wahrheit der Liebe Gottes zu uns, in die wir glaubend eintreten sollen und in der wir die Freiheit des Lebens gewinnen.

Schließlich spricht Jesus den Jüngern gegenüber noch von dem, was unmittelbar bevorstehe. Er werde nur noch kurze Zeit da sein, und dann werde ihn die Welt nicht mehr sehen. Anders die jünger und -wenn ich das so sagen darf - anders wir. Ihr, sagt Jesus zu den Jüngern, seht mich, "weil ich lebe .- An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir, und ich bin in euch." jener Tag, an dem das große Sehen anfing, auch für uns, das Sehen, daß Jesus lebt, in seinem Vater: Jener Tag liegt hinter uns. Wir haben ihn zu Ostern gefeiert. Da fingen die Jünger an zu glauben, und bezogen auf diese und ihr Zeugnis fingen auch wir an, an den Lebensraum der Liebe beim Vater und an den Auferstandenen bei ihm zu glauben.

Am Ende also zeigt sich wieder: In unserem Glauben an den Auferstandenen geht es nicht um den Glauben an so etwas wie ein einmaliges, in sich stehendes Faktum, daß der Tote lebt. So ein Faktum könnten wir, wenn es nichts als dieses Faktum wäre, straflos ignorieren. Aber es verhält sich anders. In der Auferstehung erkennen und glauben wir wie in einem Brennpunkt, daß, wie Jesus sagt er in seinem Vater, wir in ihm und er in uns ist. So nah rückt uns Gott in seiner Liebe. Weichen wir vor ihr nicht aus.



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14. Juli 2002
15. Sonntag im Jahreskreis
Boden gewinnen

Mt 13,1-23

1 An jenem Tag verließ Jesus das Haus und setzte sich an das Ufer des Sees. 2 Da versammelte sich eine große Menschenmenge um ihn. Er stieg deshalb in ein Boot und setzte sich; die Leute aber standen am Ufer. 3 Und er sprach lange zu ihnen in Form von Gleichnissen. Er sagte: Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen. 4 Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg, und die Vögel kamen und fraßen sie. 5 Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war; 6 als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte. 7 Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen, und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat. 8 Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach. 9 Wer Ohren hat, der höre! 10 Da kamen die Jünger zu ihm und sagten: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? 11 Er antwortete: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu erkennen; ihnen aber ist es nicht gegeben. 12 Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluß haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. 13 Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen, weil sie hören und doch nicht hören und nichts verstehen. 14 An ihnen erfüllt sich die Weissagung Jesajas: Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen; sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen. Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden, und mit ihren Ohren hören sie nur schwer, und ihre Augen halten sie geschlossen, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören, damit sie mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen, damit sie sich nicht bekehren und ich sie nicht heile. 16 Ihr aber seid selig, denn eure Augen sehen und eure Ohren hören. 17 Amen, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben sich danach gesehnt zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört. 18 Hört also, was das Gleichnis vom Sämann bedeutet. 19 Immer wenn ein Mensch das Wort vom Reich hört und es nicht versteht, kommt der Böse und nimmt alles weg, was diesem Menschen ins Herz gesät wurde; hier ist der Samen auf den Weg gefallen. 20 Auf felsigen Boden ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört und sofort freudig aufnimmt, 21 aber keine Wurzeln hat, sondern unbeständig ist; sobald er um des Wortes willen bedrängt oder verfolgt wird, kommt er zu Fall. 22 In die Dornen ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort zwar hört, aber dann ersticken es die Sorgen dieser Welt und der trügerische Reichtum, und es bringt keine Frucht. 23 Auf guten Boden ist der Samen bei dem gesät, der das Wort hört und es auch versteht; er bringt dann Frucht, hundertfach oder sechzigfach oder dreißigfach.

Eine merkwürdige Stimmung liegt über diesem Evangelium. Jesus hat sich "wohl um sich auszuruhen" an das Ufer des Sees Gennesaret begeben, vielleicht um die Füße im Wasser baumeln zu lassen, um zu relaxen. Aber da sind sofort die Menschen wieder da, viele, die ihn offenbar hören wollen. Und von einem Boot aus spricht er zu ihnen. Nur, er scheint es mit angezogener Handbremse zu tun. Er spricht in einem Gleichnis zu ihnen, das indirekt widerspiegelt, wie sich Jesus in seiner Situation fühlt. Es geht ihm offensichtlich nicht gut. Denn die größeren Anteile des Samens, den er ausstreut -Jesus selbst sieht sich hier als Sämann- verkommen, führen zu nichts. Nicht nur diese pessimistischen Aussagen machen das Gleichnis so makaber, sondern erst recht die nachgereichte Begründung, warum er in Gleichnissen zu den Leuten spreche: Es habe mit ihnen im Grunde keinen Sinn, sie verstünden ja doch nichts.

Eine in sich deutlich widerstreitende Szene. Auf der einen Seite die vielen Leute, die ja offensichtlich ein Interesse an Jesus hatten. Oder sollte gewissermaßen nur das Fernsehprogramm auf allen Kanälen so miserabel gewesen sein, daß sie nichts Besseres zu tun wußten, als Jesus wie einem Pfarrer Fliege zuzuhören? Auf der einen Seite also die vielen Leute, auf der anderen Seite Jesus, der in seinem Gleichnis seine Vorbehalte verpackt gegenüber der Art und Weise, wie die Leute mit seiner Botschaft umgingen: es bringe in den allermeisten Fällen nichts.

Das Gleichnis selbst dürfte für die Leute so lebensnah gewesen sein, daß man geradezu zweifeln möchte, daß sie ausgerechnet dieses Gleichnis nicht verstanden haben sollten, daß ihnen gerade dieses "leichte" Gleichnis solche Verstehensschwierigkeiten bereitet haben sollte. Anders ist es bei uns. Wir dürften von einem zum anderen Mal durcheinanderwerfen und verwechseln, wohin nun der Samen genau gefallen sei und welches Schicksal ihm beschieden war. Da fällt einiges auf den Weg; so ist das immer. Und die Vögel danken es dem Himmel; ähnlich wie sie es ihm danken, wenn sie hinter der Pflugschar herfliegen und aus dem frisch gepflügten Boden die Würmer picken. Der auf den Weg gestreute Samen ist also etwas für die Vögel. Dann fällt manches dahin, wo Steine liegen, wo der Humus dünn ist. Hier kann sich nichts entwickeln. Anderes fällt unter Dornen. Man möchte sich beinahe fragen, auf welch miserabel vorbereitetes Ackerland der Sämann da sein Saatgut ausbringt, wenn es da von Steinen und Dornen nur so wimmelt. Die Dornen wachsen schneller, und die Saat verdorrt darunter. Endlich jener Teil der Saat, der dahin fällt, wohin er fallen soll, in den Ackerboden, in dem die Saat aufgehen kann und gedeiht, hundertfach, sechzigfach, dreißigfach, wie es heißt.

Jesus schiebt noch einen Appell nach, zu hören: Wer Ohren hat, höre. Aber er weiß, er wird nicht verstanden. Das war's dann für alle. Das Weitere spielt im kleineren Rahmen, im Gespräch mit den Jüngern. "Herr, warum sprichst du eigentlich in Gleichnissen zu den Leuten?" Und da kommt die resignative Antwort Jesu: "Sie verstehen die Gleichnisse des Gottesreiches nicht. Bei euch, meinen Jüngern, ist das anders. Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen. Ihr wachst immer mehr hinein. Doch bei den Leuten "da ist Hopfen und Malz verloren."

In der Tat, Jesus gibt sich keinen Illusionen hin, ja, man meint geradezu, er habe zu früh resigniert. Statt jetzt die Chance beim Schopfe zu fassen und sich in seinem Anliegen bei den vielen Leuten, die da sind, verständlich zu machen, philosophiert er resigniert darüber nach, daß das mit ihnen gar keinen Sinn mache. Sie sehen und sehen nichts, sie hören und hören nichts, sie verstehen nicht. Es wird noch makabrer, wenn hier wie zur Begründung dieser unerträglichen Situation auf eine Jesajastelle zurückgegriffen wird: "Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen; sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen. Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden, mit ihren Ohren hören sie nur schwer, und ihre Augen halten sie geschlossen, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören, damit sie mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen, damit sie sich nicht bekehren und ich sie nicht heile."

Ein hoffnungsloser Fall, eine hoffnungslose Situation also. Hat Jesus die andere Erfahrung, daß wenigstens die Kleinen und die Unmündigen auf ihn hörten, mit Bausch und Bogen verworfen? Der Gegensatz lautet nun: "Ihr, meine Jünger, selig seid ihr, denn eure Augen sehen und eure Ohren hören." Propheten und Gerechte wollten das erleben, und haben es nicht erlebt. Darin meldet sich wieder der unerschütterliche Anspruch zu Wort, den sich Jesus nie hatte nehmen lassen, daß sich mit ihm in der Tat Gottes Reich anbahnt, auch wenn das die meisten nicht verstanden.

Es folgt gegenüber den Jüngern die Erklärung des Gleichnisses. Eigentlich handelt es sich gar nicht um eine nachgereichte Erklärung, sondern gesagt ist wörtlich: "Ihr hört das Gleichnis vom Sämann", ihr hört es wirklich, ihr versteht es "im Unterschied zu den anderen. Und dann wird gewissermaßen entfaltet, was sie längst verstanden haben. Es geht um die Botschaft vom Reich Gottes "um nichts anderes; um das "Wort vom Reich", wie es wörtlich heißt. Und dann werden in identischer Reihenfolge wie vorher die einzelnen Erklärungen gegeben, was der auf den Weg, was der auf den steinigen Boden, was der unter die Dornen gefallene Samen bedeutet. Wir müssen das nicht noch einmal durchgehen, weil wir die Aussage längst verstanden haben.

Nur, wie sie uns ganz konkret betrifft, darüber wäre noch nachzudenken. Zuerst hätten wir uns des Grundthemas zu vergewissern, um das es hier überhaupt geht. Es geht nämlich nicht irgendwie um unseren Glauben, ob wir ihn intensiver oder nachlässiger leben. Es geht vielmehr präzise um die Dauerfrage an uns, ob wir mit der Botschaft vom Reich Gottes als Realität rechnen oder nicht. Das ist das eigentlich Entscheidende. Das ist ungleich wichtiger als darüber nachzudenken, welchem Samenschicksal wir uns zurechnen würden. Ja, wir können die Fehlwürfe des Sämanns überspringen und gleich zur wichtigsten Aussage des Gleichnisses kommen. Sie lautet: Dort, wo die Botschaft vom Reich Gottes als dem realen Untergrund und dem Fundament unseres Lebens von uns angenommen wird, dort exakt "und sonst nicht "explodiert unser Leben gewissermaßen hundertfach, sechzigfach oder dreißigfach. Grübeln wir also nicht lange über die steinigen und dornigen Gründe unseres Lebens nach! Orientieren wir uns vielmehr am Reich Gottes, an der Zusage Gottes als der verläßlichen Basis unseres Lebens "und unser Leben müßte sich lichten und an Fahrt gewinnen!



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25. August 2002
21. Sonntag im Jahreskreis
Schlüsselübergabe

Mt 16,13-20

13 Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn? 14 Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten. 15 Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? 16 Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes! 17 Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. 18 Ich aber sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. 19 Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein. 20 Dann befahl er den Jüngern, niemand zu sagen, daß er der Messias sei.

Obwohl uns dieses Evangelium vielleicht als eines der bekannteren Evangelien vorkommen mag, mit dem wir auf den ersten Blick keine größeren Schwierigkeiten und Probleme verbinden, hagelt es hier nur so von Problemen. Man kann wohl nur Spekulationen darüber anstellen, was diesem Text - gewissermaßen als Bodensatz - als eigentliches Ereignis zugrundelag, also das, was real in der Gegend von Cäsarea Philippi, im Norden nahe den Jordanquellen, gespielt hat. Ausgangspunkt war wohl wieder einmal die Frage Jesu, wie es um das Werk seiner Sendung stehe. Die Front seiner Gegner, die Front der Pharisäer und Sadduzäer, so sehr sie es auch sonst nicht gut miteinander konnten - gegen Jesus trat sie gemeinsam auf, um ihn auf die Probe zu stellen (vgl. Mt 16,1). Jesus "ließ sie stehen", wie man jemand stehen läßt, über den man sich ärgert. Er ging weg. Aber die Front seiner Gegner verfolgte ihn, bis in seine Gedanken: "Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer" (Mt 16,6). Wie also stand es um Jesus, um seine Sache? Er mag sich bei den Jüngern nach der Einschätzung erkundigt haben, was die Leute von ihm hielten, wie sie ihn wahrnähmen, wie sie ihn einordneten.

Mit dieser Frage erreichen wir, wie mir scheint, bereits das Äußerste, was sich als historischer Bodensatz des realen Vorgangs damals zwischen Jesus und den Jüngern vermuten läßt. Irgendwie mag Petrus eine Antwort gegeben haben, die zeigte, daß die Jünger in ihrem Verständnis von Jesus bereits viel weiter waren bzw. im Begriff waren, weiter zu sein als viele andere. Das war es dann wohl auch schon.

Was uns darüber in der heutigen Textfassung begegnet, kann wohl nur als gemeindliche Nachbearbeitung der ursprünglichen Szene aus dem nachösterlichen Glauben an den Auferstandenen verstanden werden; eine Nachbearbeitung, die nichts verfälscht, sondern die die in der ursprünglichen Szene grundgelegten Züge besser, klarer und wahrer benennen kann. Daß es sich so verhält, geht schon aus der Frageform hervor, in der hier - nach unserem Text - Jesus seine Jünger nach sich fragt: "Für wen halten die Leute den Menschensohn?" Das ist hier die Startfrage, die den Eindruck erweckt, als habe Jesus längst von sich als Menschensohn gesprochen, und als sei das den Jüngern und auch weiten Teilen der Leute nichts Neues gewesen. Was interessierte war, was die Leute darüber hinaus über Jesus dächten. Ich weiß nicht sicher, ob die Diskussion darüber, ob sich Jesus selbst als Menschensohn bezeichnet hat oder nicht, letztlich schon entschieden ist. Viele sind mit Recht der Meinung, daß man davon ausgehen müsse, daß er sich selbst nie als Menschensohn bezeichnet habe. Da sei erst eine von alttestamentlichen Vorgaben, vor allem vom Danielbuch, beeinflußte Bezeichnung gewesen, die sich erst in der nachösterlichen Zeit ausgebildet habe. So konnte man Bezug nehmen auf Dan 7,13-14, wo es heißt: "Da kam mit den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn geführt. Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen müssen ihm dienen. Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Sein Reich geht niemals unter."

Das Ringen um die Beurteilung des irdischen Jesus, seiner Person und seiner Sendung hallt wider in den Antworten, die auf seine Frage gegeben werden. "Die Leute halten dich für Johannes den Täufer." Der war in der Tat noch nicht vergessen; er war noch in aller Munde. "Andere halten dich für Elija oder für Jeremia"; zwei herausragende Prophetengestalten, mit deren Wiederkommen man in der messianischen Heilszeit rechnete. Und andere wollten sich nicht festlegen. "Sie halten dich für einen Propheten." "Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" Diese an Petrus gerichtete Frage oszilliert mit der Frage an die nachösterliche Gemeinde: Für wen haltet ihr mich? Ja, sie wird zur Frage an uns: Für wen halten wir ihn?

Simon Petrus wird ein Bekenntnis in den Mund gelegt, das er allenfalls in ersten dunklen Ansätzen in der Realszene von Cäsarea Philippi geäußert haben mag, das ihm aber in der ausformulierten Form, wie sie in unserem Text vorliegt, erst die nachösterliche Gemeinde in den Mund gelegt haben kann: "Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes." Eigentlich eine Verkoppelung von zwei Bekenntnisaussagen: Du bist Christus, der erwartete Messias. Und du bist als Messias der Sohn Gottes.

Dieses klare Bekenntnis des Petrus habe ihm, so sagt Jesus, der Vater im Himmel in den Mund gelegt. Es ist das leitende Bekenntnis der nachösterlichen Gemeinde geworden. Das weitere ist dann auf Petrus zentriert, allerdings nicht in der Ausschließlichkeit, die man hier gerne heraushört. Denn das Binden und Lösen, das Petrus hier in Aussicht gestellt wird, wird in Mt 18,18 allen übertragen: "Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein; und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein." Was aber ist damit ausgesagt, hier auf Petrus bezogen, einschließlich des vorausgehenden Satzes: "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen"? Es klingt Gewißheit durch, ja klarste Entschiedenheit: Das, was Jesus in seiner Sendung begonnen hat, wird nicht mit ihm ins Grab sinken, es wird weitergehen in den Jüngern, weitergehen in der an Jesus und seine Botschaft vom Reich Gottes glaubenden Gemeinde. Es wird weitergetragen nicht aus deren Kraft, sondern aus der Kraft Gottes, an der sich die Mächte des Bösen die Zähne ausbeißen werden. "Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs übergeben": Dieser Satz stellt für uns scheinbar kein Problem dar, da wir von vielen Darstellungen Petrus mit dem Schlüssel kennen. Und überhaupt ist Schlüsselübergabe ein fester Topos in unserer Gesellschaft; nicht nur an den närrischen Tagen, wenn die OBs vor der Narrenschar resignieren; nein, auch wenn große Bauprojekte abgeschlossen sind ("abgeschlossen": da steckt schon wieder der "Schlüssel" drin!), und die feierliche Schlüsselübergabe erfolgt; oder wenn im Bauherrenmodell Häuser "schlüsselfertig" hingestellt werden. Und wir kennen die Panik, wenn plötzlich der Autoschlüssel, der Hausschlüssel, der Büroschlüssel oder welcher Schlüssel auch immer weg ist. Schlüssel ist also geradezu ein "Schlüsselwort" unseres Lebens.

Was hat es also mit dem Petrusschlüssel auf sich? Man kann die Aussage auf den Petrus zentriert sehen, man kann sie aber auch auf die Jünger, auf die nachösterliche Gemeinde erweitert sehen. Sie bedeutet: Petrus bzw. dieses Heilsvolk - um die nachösterliche Gemeinde einmal so zu nennen - stehen dafür, daß mit der Botschaft Jesu vom Reich Gottes dieses Reich in der Tat eröffnet, aufgetan ist, daß der Zugang zu ihm offen ist - aber nicht auf Wegen, die die Pharisäer und Sadduzäer eingeschlagen hatten, sondern auf dem Weg der Nachfolge Jesu. Personalisiert steht dafür Petrus, kollektiv genommen steht dafür die nachösterliche Gemeinde.

Am Ende stehen für uns nicht Fragen, was da in der Realszene in Cäsarea Philippi genau geschehen sein mag zwischen Jesus und den Jüngern, auch nicht, warum Jesus das Verbot verhängte, jemand zu sagen, daß er der Messias sei. Am Ende steht für uns die wichtigere Frage, ob wir uns mit unserem Leben und mit unserem Glauben in dieses Bekenntnis der nachösterlichen Gemeinde einklinken, daß Jesus der Christus bzw. - wie wir schon als Eigenname sagen -, daß Jesus Christus der Sohn Gottes ist. Was soll es da noch zu bekennen geben, könnten wir denken? Wir gehen mit diesem Bekenntnis doch längst wie mit der größten Selbstverständlichkeit um: Jesus Christus. Es ist längst zur gewohnten Gebetsanrede geworden. Das ist einerseits gut, andererseits liegt aber gerade darin das Problem. Liegt nicht die Gefahr nahe, daß wir uns in dem formelhaften Gebrauch das eigentliche Bekenntnis gewissermaßen vom Leibe halten? Klinken wir uns also ein in das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus, dem Sohn Gottes und Botschafter seines Reiches. Er wird es uns nicht verbieten! Im Gegenteil, er dürfte uns dazu ermuntern.


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1.November 2002
Allerheiligen

Als Predigthörer ist es mir mehr als einmal passiert, daß Kurzansprachen oder Predigten am Fest Allerheiligen so begannen: "Allerheiligen ist das Fest aller Heiligen." Darauf wä-re wohl keiner der Predigthörerinnen und -hörer von sich aus gekommen! Zudem wird mit einem solchen Satz eine Selbstverständlichkeit und zweifelsfreie Klarheit eines Sach-verhalts vorgespiegelt, die im Grunde gar nicht gegeben ist.

Fest "aller Heiligen" - woran ist denn da zu denken? Nur an die in einem förmlichen Hei-ligsprechungsprozeß "Heiliggesprochenen", so daß schon die Seligen bzw. Seliggespro-chenen nicht mehr dazugehörten? Nein, wir ziehen natürlich zu Recht den Kreisbogen weiter und beziehen auch die Seligen in das Gedenken des Tages ein. Ja, richtig verstan-den müssen wir den Kreisbogen noch weiter schlagen und haben wir an die sogenannte "Communio sanctorum" insgesamt zu denken, an die "Gemeinschaft der Heiligen", das heißt, an die Gemeinschaft aller Gläubigen der Kirche, ob sie nun leben oder verstorben sind. Dieses Verständnis, uns selbst als Heilige zu sehen, ist uns abhanden gekommen. Dabei ist es in den Schriften des Neuen Testamentes oft genug bezeugt. So sendet Paulus am Ende seines Römerbriefes seine Grüße an "alle Heiligen", das heißt, an alle Mitglieder der römischen Gemeinde. Im selben Brief spricht er davon, daß der Geist Gottes "für die Heiligen" eintritt (Röm 8,27). Und der nachpaulinische Epheserbrief ermahnt die Mitglie-der, "zusammen mit allen Heiligen dazu fähig zu sein, die Länge und Breite, die Höhe und die Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt" (Eph 3,18-19). In der Tat bemessen wir die Höhe und Tiefe und die Liebe Christi zu uns falsch, wenn wir den Begriff "Heiliger/Heilige" für einen patentierten und geschützten Titel halten, den gewissermaßen nur der Papst in Rom vergeben darf, wovon der gegen-wärtige Papst allerdings in einem Übermaß Gebrauch macht.

Nichts gegen die Anerkenntnis von vor Gott besonders vollendeten Menschen, und inso-fern nichts gegen diesen Aspekt des Festes Allerheiligen. Nur werden wir zu Opfern eines falschen Kirchenverständnisses, eines falschen ekklesiologischen Verständnisses von Kir-che also, wenn wir die "kanonisierten" Heiligen "in den Himmel" bzw. "zur Ehre der Al-täre" erheben, für uns aber dabei nicht mehr bliebe als das Nachsehen, daß wir es eben nicht so weit gebracht haben. Das Gemeinsame zwischen den "heiliggesprochenen" Hei-ligen und uns ist größer als das uns von ihnen Unterscheidende. Das Gemeinsame beruht auf der Tatsache der uns gemeinsam zuteil gewordenen gnadenhaften Berufung durch Gott, Christ zu sein, Kirche zu sein. Mit den Worten der Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils Lumen gentium gesprochen: "Wir alle, die wir Kinder Gottes sind und eine Familie in Christus bilden, entsprechen der inneren Berufung der Kirche, ...., wofern wir in gegenseitiger Liebe ... miteinander Gemeinschaft haben" (LG Art. 51).

Wir sollten die Heiligen also nicht zu sehr idealisieren und sie gewissermaßen von ihren realen Lebensverhältnissen und Lebenserfahrungen abtrennen. Auch bei den heiliggespro-chenen Heiligen hat nicht alles einfach geklappt, auch sie haben nicht aus eigener Kraft, in ausschließlich heroischen Akten, ihr Leben vollendet, so daß da nichts mehr offen, un-vollständig und fragmentarisch geblieben wäre. Sie haben mit ihren menschlichen Schwä-chen gelebt, haben sie an sich zugelassen und angenommen, haben sich mit ihnen von Gott ausgestattet gesehen, so daß sie damit versöhnt vor Gott zu leben versuchten. Sie waren in aller Regel keine absoluten Heroen, denen menschliche Schwächen unbekannt geblieben wären. Indem wir sie durch die Art unserer Verehrung und vielleicht auch durch die Art der heute geübten Heiligsprechungen zu sehr erhöhen und von den Niederungen des Lebens abtrennen, tun wir im Grunde weder ihnen noch uns einen Gefallen. Mehr ha-ben wir von ihnen, wenn wir sie in ihrem Ringen und in ihrem Versagen zu sehen lernen, und somit in einer größeren Nähe zu uns und zum Auf und Ab unseres eigenen Lebens.

Von da aus sollten wir auch keinen großen Graben ausheben zwischen Allerheiligen und Allerseelen, so als sei Allerheiligen das Fest des Schwelgens über das vor Gott gelungene Leben einiger weniger Glücklicher, Allerseelen aber der Tag der bangen Sorge um das Schicksal der vielen anderen vor Gott, besonders der uns nahen verstorbenen Angehöri-gen, Bekannten und Freunde. Im Grunde sind die Heiligen, die die Kirche verehrt, nichts anderes als Verstorbene - Verstorbene, von denen die Gemeinschaft der Glaubenden überzeugt ist, daß sie in Gottes Herrlichkeit und Vollendung sind. Von derselben Hoff-nung sollte auch unsere Beziehung zu unseren Verstorbenen, zu den "armen Seelen", wie wir sagen, bestimmt sein. Inwiefern sind sie denn "arm"? Hier herrscht weithin die An-sicht vor, die "armen Seelen" seien arm, weil sie von sich aus nichts mehr zur Verbesse-rung ihrer Lage vor Gott tun könnten. Sie seien auf Gedeih und Verderb auf unser fürbit-tendes Gebet angewiesen.

Ist diese Meinung haltbar? Bedenken wir, was wir damit implizit über Gott aussagen? Be-sagt das nicht, daß wir als Hinterbliebene den Verstorbenen gefühlsmäßig und gedanklich näher und inniger zugetan sind, als Gott es ihnen gegenüber wäre? Hieße das nicht, unser Interesse und unsere Sorge um die Verstorbenen seien größer als das Interesse Gottes an ihnen? Von solcher Vorstellung müssen wir ein für allemal lassen. Hier können wir ge-trost darauf setzen, daß sich Gott in seiner Liebe und Nähe zu unseren Verstorbenen von unserer bescheidenen menschlichen Liebe und Nähe zu ihnen nicht übertreffen läßt. Beten wir also im Gebet für die Verstorbenen im Grunde nicht gegen Gott an, sondern klinken wir uns auf allerdings sehr unvollständige und schwächliche Weise in die verläßliche Nä-he und Liebe Gottes zu den Verstorbenen ein. In diesem Sinn ist es gut, für die armen Seelen zu beten.

Alle, Lebende und Verstorbene, Heiliggesprochene und Nichtkanonisierte, sind umfangen vom liebenden Blick und der Zuneigung Gottes. Wenn diese Überzeugung heute, am Fest Allerheiligen und beim Gedenken der Toten, in uns an Substanz gewinnen würde, wenn sie in uns zu schwingen begänne, dann hätten wir Allerheiligen gut und richtig gefeiert. Dann hätten wir Allerheiligen als ein Fest der Hoffnung und nicht unsers Kleinmuts und unserer Selbstunterschätzung vor Gott gefeiert. Dazu will uns die Präfation des Allerheili-genfestes einladen, wenn es in ihr heißt: "Dort (im himmlischen Jerusalem) loben dich auf ewig die verherrlichten Glieder der Kirche, unsere Brüder und Schwestern, die schon zur Vollendung gelangt sind." Nehmen wir unter dieser Perspektive unser Leben gläubig neu in die Hand - was immer bisher gewesen sei, was immer kommen mag - , unser Leben würde so einen neuen Satz machen.

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Untitled 01. Januar 2003
Hochfest der Gottesmutter Maria
Es braucht Zeit ...

Lk 2,16-21

16 Die Hirten eilten nach Betlehem und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. 17 Als sie es sahen, erzählten sie, was ihnen über dieses Kind gesagt worden war. 18 Und alle, die es hörten, staunten über die Worte der Hirten. 19 Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach. 20 Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für das, was sie gehört und gesehen hatten; denn alles war so gewesen, wie es ihnen gesagt worden war. 21 Als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus, den der Engel genannt hatte, noch ehe das Kind im Schoß seiner Mutter empfangen wurde.

1. Januar - ein entscheidendes Datum, so empfinden wir. Etwas Neues hat begonnen, wobei wir freilich viel Altes in das Neue mithineinnehmen. So ein Jahreswechsel greift gefühlsmäßig nach uns. Wir stellen Fragen, haben Wünsche, hegen Hoffnungen. Bei all dem scheint uns der liturgisch-kirchliche Charakter dieses Tages im Stich zu lassen. Er hat einen Akzent gesetzt, der den meisten von uns gar nicht bewußt sein dürfte. Der 1. Januar wird als Hochfest der Gottesmutter Maria begangen. Das erklärt auch das weihnachtliche Evangelium, das Evangelium von den Hirten an der Krippe, die Gott rühmten und priesen. Unter dem Eindruck des Jahreswechsels scheint für uns Weihnachten schon wieder ein Stück zurückgetreten zu sein. Von Weihnachten sind wir eher nicht mehr erfüllt. Wie um dies auf ihre Weise zu belegen, fangen unsere Christbäume zu Hause auch schon an, die ersten Nadeln zu verlieren; "weihnachtlicher Haarausfall" sozusagen.

Weihnachten aber, so will uns heute - auch am 1. Januar - gesagt sein, ist nicht schon einfach passé, so daß wir darauf keine Aufmerksamkeit mehr verschwenden müßten. Es kann nämlich durchaus sein, daß wir - wenn wir uns dem heutigen Evangelientext zuwenden - zu unserer Überraschung Antworten und Auskünfte auf unsere Fragen erhalten, wie wir das Neue Jahr am besten beginnen, wie wir das Beste aus ihm machen können. So daß also beides - hier die Erinnerung an Weihnachten, dort der Beginn des Neuen Jahres - gar nicht gegeneinander stehen muß. Vielleicht verschränkt es sich sogar.

Worauf zuerst unser Blick fallen sollte, ist die Rolle der Hirten, die zur Krippe kommen. Das könnte uns deshalb etwas schwerfallen, weil wir die Rolle der Hirten doch schon gut zu kennen meinen. Und wir bauen sie ja auch in unsere häuslichen Krippen ein - sofern wir eine solche haben -, wo sie dann auf weichem Moos knien und andächtig dem Kind ihre Aufwartung machen. Ganz so, als hätten sie keine andere tragende Rolle, als seien sie lediglich Statisten, auf die man ebensogut verzichten könnte.

Das Evangelium scheint uns aufzufordern, diese Vorstellung, wenn sie denn unsere wäre, zu korrigieren, ja gründlich zu korrigieren.

Die Hirten eilten zur Krippe, sie fanden Maria und Josef und das Kind und - so denken wir meist - knieten andächtig nieder. Was hätten sie auch anderes tun sollen? Alle Krippenspiele, die wir kennen, zwängen die Hirten in diese Rolle, hinzuknien und ein paar Geschenke zu übergeben, gegen die erste Not. Nichts davon aber sagt das Evangelium! Es setzt einen ganz anderen Schwerpunkt. Als sie das Kind sahen, "erzählten sie, was ihnen über dieses Kind gesagt worden war". Sie hatten offenbar etwas Neues von außen zu bringen, was den unmittelbar Betroffenen, Maria und Josef mit ihrem Neugeborenen, vordergründig noch nicht deutlich zu Bewußtsein gekommen zu sein schien. Die Hirten kamen von außen mit der Neuigkeit, die sie von den Engeln erfahren hatten, daß in diesem Kind der Messias, der Retter der Welt, geboren worden sei. "Und alle, die es hörten", heißt es weiter, "staunten über die Worte der Hirten." Es bleibt irgendwie offen, wer die "alle" waren, die Ohrenzeugen der Worte der Hirten wurden. Auf jeden Fall fielen darunter auch Maria und Josef. Auch sie staunten über das, was die Hirten ihnen kundtaten. Wir sollten die Szene nicht so deuten, als hätten Maria und Josef den Hirten kumpelhaft mit den Augen zugezwinkert, um ihr Erstaunen zu signalisieren: "Was, ihr wißt es auch schon, wer hier geboren wurde? Na, schön für euch, wir aber wissen das schon länger. Wir wissen das schon eine ganze Schwangerschaft lang." Nein, die Worte der Hirten richteten sich nicht an das Off der Zuschauer, also derer, die im Szenario der Krippe nicht zu sehen sind. Nein, sie richten sich offensichtlich an Maria und Josef. "In eurem Kind ist der Retter geboren."

Das war - nur so kann man unseren Evangelientext deuten - für die beiden, für Maria und Josef, nicht schon längst gegessen, das war für sie nicht Schnee von gestern. In ihnen mochten immer wieder Fragen aufgekommen sein, Zweifel gar, ob es mit dieser Geburt wirklich etwas Besonderes auf sich habe, ob das nun wirklich die Stunde sei, in der Gott rettend nach seinem Volke griff. Das war sicher auch für Josef und Maria nicht in jedem Moment einfach zweifelsfrei klar. Da mag es stille Zweifel gegeben haben, ob sich das Unglaubliche von Gott her ausgerechnet in ihrem Leben ereignen sollte. Denn wer waren sie denn schon? Sie fühlten sich nicht herausgehoben. Sie fühlten sich wie jedermann. "Sie staunten über die Worte der Hirten." Noch einmal, darin zeigt sich anderes an als das banale Signal an die Hirten. "Ach, ihr wißt darüber Bescheid, was wir als Geheimnis schon seit neun Monaten mit uns herumtragen."

Nein, das war ein notwendiger, ein von außen, von den Hirten kommender Impuls, das anzunehmen, das für Wirklichkeit zu halten, was Maria und Josef schon lange ahnten, womit sie schon lange ahnend umgingen. Sie staunten. Es klingt fast nach einem ungläubigen Staunen. Denn es dauert, bis der Groschen fällt. Er fiel nicht sogleich, jedenfalls nicht bei Maria. Sie brauchte offensichtlich Zeit, um das alles auf die Reihe zu bekommen, um das alles zu ordnen, um damit zurechtzukommen, was hier über ihr Kind gesagt worden war. Sie bewahrte alles in ihrem Herzen, sie dachte nach. So beschreibt man nicht stille Gewißheit, stilles Glück, stilles Überzeugtsein. So beschreibt man eine Wegstrecke, die man noch nicht ganz zurückgelegt hat.

Wäre es anders gewesen, wäre Maria gewissermaßen bei voller Einsicht gewesen, hätte dann aus ihr nicht der überschäumende Jubel und Lobpreis auf Gott nur so hervorquellen müssen? Das Glück nach der Geburt! Das unfaßbare Glück nach der Geburt dieses Kindes! Nichts davon. Sie dachte nach, sie bewahrte alles in ihrem Herzen. Sie war noch nicht durch und fertig. Den Jubel und den Lobpreis auf Gott nehmen ihr andere ab, die Hirten, die offensichtlich schon weiter waren als sie, Maria. Sie rühmten und priesen Gott für das, was sie gehört und gesehen hatten. So endet unsere Szene genauso wie am Ende die Verkündigung an die Hirten. Dort war es ein großes himmlisches Heer, das Gott pries und sprach: "Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade." Hier sind es die Hirten.

Inwiefern soll das alles nun in die Nähe unserer Gefühlslage beim Eintritt in das Neue Jahr zu bringen sein? Können hier mehr als nur künstlich gesuchte Parallelen herauskommen? Ich denke schon.

Wir haben in unserem Evangelium gewissermaßen zwei Rollentypen vor uns, den Rollentyp, den hier Maria und Josef repräsentieren, und den Rollentyp, den die Hirten darstellen. Um mit den Letzteren zu beginnen: Sie, die Hirten, galten als die Ungebildeten, als die Unwissenden, als die abhängig Beschäftigten, einfachgestrickte Leute. Mit Schwielen an den Händen, und manche Pulle Schnaps mochte schon durch ihre Kehle geflossen sein. Ganz abgesehen davon, daß sie im alten Israel als unzuverlässig, ja als Schwerenöter galten, da sie sich auf ihren weiten Wegen durch die karge Landschaft auch schon mal an ihren Herden vergriffen und in die eigene Tasche wirtschafteten. Wer merkte es denn schon. Diese grobgestrickten Leute - wenn ich so sagen darf - werden nun nicht nur die ersten Adressaten der Weihnachtsbotschaft, sondern - und das ist das bedeutend Wichtigere - haben offensichtlich nicht die geringste Schwierigkeit, an diese Weihnachtsbotschaft zu glauben. Sie zögern nicht lange, sie hampeln nicht lange herum. Sie gehen, erzählen, glauben und loben und preisen Gott. So einfach ist das bei ihnen.

Mir scheint, diesen Rollentyp gibt es auch bei uns im Bereich des Übertritts in das Neue Jahr. Da ist ein gesundes Urvertrauen da. Es ist bis jetzt im großen und ganzen gutgegangen, also wird es 2003 nicht anders sein. Ein gutes Neues Jahr, auch wenn man nicht durchschaut, von welchen Bedingungen das im einzelnen abhängt, daß es ein gutes Jahr werde. Und man hat um Mitternacht kräftig darauf getrunken, daß es ein gutes Jahr werde. Dabei ist das bei ihnen nicht etwas an der Oberfläche. Ihre positive Grundeinstellung gründet im Wissen und im Vertrauen, daß dieses Neue Jahr mit Gott begonnen werde und bei ihm in guten Händen sei.

Der andere Rollentyp - im Evangelium repräsentiert durch die Nachdenklichkeit und Verhaltenheit von Maria und Josef - überschreitet die Schwelle zum Neuen Jahr verhaltener, zögerlicher, nachdenklicher. Nicht, weil er nicht gläubig wäre! Das zu unterstellen verbietet sich allein schon deshalb, weil wir hier in Maria und Josef die Vertreter dieses Rollentyps sehen. Sie sind nachdenklicher, sei brauchen mehr Zeit, sie mögen auch stiller sein. Ihnen gelingt es nicht so leicht, alte Ungewißheiten und offene Fragen, vor die man sich durch den Jahreswechsel gestellt sieht, einfach über Bord, einfach abzuwerfen, nach dem Motto: "Mit meinem Gott überspringe ich Mauern." Dieser Rollentyp braucht länger. Und das ist kein Anzeichen seines mangelnden Glaubens, seines mangelnden Vertrauens in Gott. Es ist deren Art, die Art dieser Menschen, ihr Vertrauen in Gott zu zeigen.

Maria bewahrte alles in ihrem Herzen und dachte nach. Vieles mitzunehmen vom alten Jahr und ihm im Neuen Jahr wieder zu begegnen, das kann schon nachdenklich machen. Aber es ist ein Nachdenken, das auf seine Weise nicht anders als der erste Rollentyp, nur auf andere Weise, die eigenen Lebenswege in Gott festmachen will. Besser, es ist ein Nachdenken, das weiß, daß die Lebenswege in Gott festgemacht sind.

Die Hirten priesen und lobten Gott. Maria und Josef schwiegen dazu. Vielleicht gelingt es uns auf allen Seiten - welchem der Rollentypen wir auch angehören mögen -, Gott am Beginn dieses Jahres zu loben und zu preisen und uns ihm anzuvertrauen. Denn auch 2003 ist ein Anfang, den er uns geschenkt hat.



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20. April 2003
Ostersonntag
Leinenbinden, Schweißtuch? Oder mehr?

Joh 20,1-9

1 Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. 2 Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen, und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat. 3 Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab; 4 sie liefen beide zusammen dorthin, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als erster ans Grab. 5 Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging aber nicht hinein. 6 Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen 7 und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle. 8 Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. 9 Denn sie wussten noch nicht aus der Schrift, dass er von den Toten auferstehen musste.

"Gelobt sei Gott im höchsten Thron samt seinem eingebornen Sohn, der für uns hat genug getan. Halleluja", so singen wir in einem unserer schönsten Osterlieder. Und dann empfinden wir gewissermaßen nach, wie es war: "Der Herr erstand ohn' alle Klag." Ein Engel liefert die Deutung dazu: "Er ist erstanden von dem Tod, hat überwunden alle Not. Kommt, seht, wo er gelegen hat. Halleluja." Und unsere Reaktion darauf verdichtet sich in der Bitte: "Nun bitten wir dich, Jesu Christ, weil du vom Tod erstanden bist: Verleihe, was uns selig ist. Halleluja."

Wer hätte am Morgen des ersten Tages der Woche damals, also am ersten Ostermorgen, dieses Lied mit uns gesungen? Wer von den drei Personen, die uns heute im Evangelium begegnen? Maria von Magdala? Simon Petrus? Oder der Jünger, "den Jesus liebte"? Ein einziger von ihnen hätte mit uns mitgesungen, hätte im Glauben an den auferstandenen Herrn in das österliche Halleluja eingestimmt: der eine Jünger, dessen Namen wir nicht kennen, der für uns nur als Jünger bekannt ist, "den Jesus liebte". Die anderen beiden, sowohl Simon Petrus wie Maria von Magdala, hätten nicht eingestimmt. Ihnen war an diesem Morgen nicht zum Halleluja-Singen zu Mute. Sie hatten, besonders Maria von Magdala, das heulende Elend.

Im Grunde muss es uns jedes Jahr von neuem auffallen, wie schwer sich nach dem Zeugnis der Evangelien die Jünger, die Männer aus der Nähe um Jesus, aber auch die Frauen, die ihm gefolgt waren, mit dem Glauben an die Auferstehung Jesu taten. Mit seinem Tod war für sie alles wie zusammengebrochen, sie waren am Boden. Sie verkrochen sich in ihre Trauer und in ihr Nichtverstehen. Schließlich waren ihre Lebens- und Karrierepläne - für eine so gute Sache, ja, für die beste, die es gab, für das Reich Gottes - mit dem Tode Jesu wie eine Seifenblase geplatzt. Sie waren wie gelähmt, wie versteinert.

Nur einer offensichtlich nicht, der Jünger nämlich, der nicht zum Kreis der Zwölf zählte, der die intimste Nähe zu Jesus gepflegt hatte und der beim Abendmahl an der Seite Jesu lag (Joh 13,23) - er als einziger scheint ohne langes Bedenken und ohne großes Zögern am Ostermorgen zum Glauben an den Auferstandenen gefunden zu haben.

Maria von Magdala geht am frühen Morgen zum Grab. Es musste ja vor dem Paschafest nach der Kreuzabnahme des Leichnams alles in großer Eile gehen, es war mehr eine provisorische als eine endgültige Bestattung. Dieses und jenes musste am ersten Tag der Woche noch nachgeholt werden. Da sieht Maria von Magdala, dass das Grab aufgebrochen ist. Der Stein war vom Grab weggenommen. Dies ist für sie Indiz genug: Man hat den Herrn weggenommen. Sie läuft zu Simon Petrus und zu dem anderen Jünger, "den Jesus liebte". An diesem Morgen schien alles in Eile gegangen zu sein, mit Blaulicht gewissermaßen, es war nicht die Stunde gemessenen Schreitens. Auch Simon Petrus und der andere Jünger haben es eilig. Sie brechen sofort auf. Der eine ist sogar schneller, er ist früher am Grab, noch vor Simon Petrus. Er wirft nur einen Blick hinein, betritt aber das Grab nicht.

Was hat dieses sein Schneller-Sein, sein Früher-am-Grabe-Sein zu bedeuten? Und wer ist der "andere Jünger" überhaupt, dessen Name im Evangelium nicht überliefert ist, der einfach nur als der Jünger bezeichnet wird, "den Jesus liebte"? Solche Fragen können nur wir stellen. Für die johanneische Gemeinde bzw. für die Leser des Joh-Evangeliums wären sie undenkbar gewesen. Denn sie kannten den Jünger, "den Jesus liebte", so genau, er war ihnen so vertraut, dass es sich für sie vollkommen erübrigt hatte, ihn noch durch die Nennung seines eigentlichen Namens kenntlich zu machen. Er konnte gar nicht mehr kenntlicher gemacht werden als durch die Bezeichnung: der Jünger, "den Jesus liebte". Er hatte - obwohl nicht zum Kreis der Zwölf zählend - eine größere Nähe zu Jesus als alle anderen Jünger in der Nachfolge Jesu. Dass wir ihn beim Abendmahl an der Seite Jesu finden, besagt, dass das Abendmahl nicht eine exklusive Veranstaltung Jesu nur mit den Zwölf war. Da waren auch andere zugegen, unter ihnen eben auch der Jünger, "den Jesus liebte". Nur ihm, nicht den Zwölf, deutete Jesus an, wer ihn verraten werde. Er war es auch, der Simon Petrus in den Hof des hohepriesterlichen Palastes mitnahm, als es zum Verhör Jesu kam. Denn er kannte wohl den Hohenpriester gut. Also wurde er in dieser Nacht auch Zeuge des Verrats des Herrn durch Simon Petrus. Und schließlich war er es auch - die Zwölf hatten sich in ihre Mauselöcher verkrochen -, der unter dem Kreuz Jesu stand. "Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von dieser Stunde an nahm der Jünger sie zu sich" (Joh 19,26-27).

Dieser Jünger also ist an diesem Ostermorgen früher, schneller am Grab Jesu. Er ist den anderen voraus, wie er ihnen voraus war in der Intensität seiner Beziehung und seiner Nähe zu Jesus. Und eben deshalb, so will uns hier wohl gesagt sein, begreift er auch früher und schneller die Botschaft des Grabes, die besagt, dass der Herr auferstanden ist.

Simon Petrus ging zwar als erster hinein, er sieht Leinenbinden und das Schweißtuch, mit dem der Kopf des Toten bedeckt war. Es ist zusammengelegt, als würde es nicht mehr gebraucht. Das sieht Petrus, mehr erfasst er nicht, mehr bekommt er nicht zu sehen. Anders der "andere Jünger", der in einer tiefen Beziehung zu Jesus stand. Er ging in das Grab hinein, sah "und glaubte." In diesem Augenblick war er der einzige, der zum Glauben an den Auferstandenen gekommen war. Nicht der Fall war dies bei Simon Petrus und nicht der Fall war dies bei Maria von Magdala, die vor dem Grabe saß - und heulte. Heulen und Trostlosigkeit sind keine Indizien für den Glauben an den Auferstandenen und an die Auferstehung. Der einzige also, der demnach an diesem ersten Ostermorgen mit uns in das österliche Halleluja eingestimmt hätte, wäre der Jünger gewesen, "den Jesus liebte": "Gelobt sei Gott im höchsten Thron samt seinem eingebornen Sohn ..."

Was aber bedeutet das alles für uns an diesem Ostertag? Worauf sollen wir aufmerksam werden? Es ist ein Mehrfaches. Das wichtigste, denke ich, ist für uns zuerst die Gestalt des "anderen Jüngers", des Jüngers, "den Jesus liebte". Schade, wenn er für uns der große Unbekannte bliebe, und unser Interesse nur Simon Petrus und Maria von Magdala gelten würde. Der "andere Jünger" ist nämlich derjenige, der aufgrund seiner einzigartigen Nähe zu Jesus und der ungebrochenen Klarheit seiner Nachfolge bis unter das Kreuz die beste Voraussetzung mitbrachte, an das Geheimnis der Auferstehung Jesu glauben zu können.

Gewiss, wir sind nicht dieser "andere Jünger", den Jesus liebte, aber etwas kann uns an ihm aufgehen: auch unser Glaube an die Auferstehung Jesu wird in dem Maße sicherer und stabiler, wird an Klarheit und Entschiedenheit gewinnen und damit auch Einfluss auf unsere eigene Lebensdeutung haben, je mehr uns eine persönliche Beziehung zu Jesus am Herzen liegt. Das mag manchem zu fromm klingen, aber für unser christliches Leben sollte nicht als Obersatz gelten, nur nicht aufzufallen, sich nur nicht im Glauben irgendwie besonders hervorzutun, im Glauben nur ja keinen Schritt über das Normale hinaus zu tun. Nein, umgekehrt kommt es - ich sage es vorsichtig genug - auf so etwas an wie eine eigene Beziehung zu Jesus, um die wir uns bemühen sollten, ohne das gleich an die große Glocke zu hängen. In dem Maß also, in dem wir uns darum bemühen, könnte unser Glaube an den Auferstandenen und damit an unsere Hoffnung auf unsere eigene Auferstehung stabiler, unangefochtener und zweifelsfreier werden.

Das ist das eine. Es ist aber auch gut, dass wir an diesem Ostertag auch Simon Petrus und Maria von Magdala vor Augen gestellt bekommen, die noch nicht so weit sind, mit uns das österliche Halleluja anzustimmen. Der eine sah lediglich Leinenbinden und ein Schweißtuch, sonst nichts, die andere saß vor dem Grab und hatte das heulende Elend. Es ist eben auf der anderen Seite alles andere als eine Selbstverständlichkeit, an die Auferstehung Jesu zu glauben, sie wirklich in unser Leben so aufzunehmen, dass nicht der Hauch eines Zweifels aufkommen könnte. Denken wir nur an den Verlust eines vertrauten Menschen, wenn wir vor einem offenen Grab stehen, wenn ein Leben zu Ende gegangen ist, das irgendwie vollendet und abgeschlossen, aber immer zugleich auch offen und unabgerundet war. Wenn wir in ein offenes Grab blicken und da hinein einen Teil von uns verloren haben, wenn wir auf den Sarg Erde nachwerfen - werfen wir da nicht mit jedem Schaufelwurf auch unsere stillen Zweifel mit, ob es Auferstehung wirklich gibt? Simon Petrus und Maria von Magdala stehen am heutigen Ostersonntag für die, die erst langsam begreifen, die noch nicht so weit sind. Sie stehen auch für die Anteile in uns, die noch nicht so weit sind, die zweifeln. Mag sein, dass wir heute am Ostersonntag jubelnd das Halleluja singen und den "anderen Jünger" fest an unserer Seite haben. Aber wenn wir wieder an einem offenen Grab stehen, schnürt es uns wieder die Kehle zu und verstummen wir, wie Simon Petrus und Maria von Magdala.

Seien wir dankbar, dass uns das Osterevangelium heute beide Erfahrungen vor Augen stellt: den Glauben wie das anhaltende Nichtverstehen der Auferstehung. Beides mag in uns da sein, aber auf Dauer möge sich in unserem Leben die Glaubensüberzeugung als stärker erweisen, die uns heute im Osterlied singen lässt: "Gelobt sei Gott im höchsten Thron samt seinem eingebornen Sohn, der für uns hat genug getan. Halleluja."



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24. August 2003
21. Sonntag im Jahreskreis
Worte des Lebens

Joh 6,60-69

60 Viele seiner Jünger, die Jesus zuhörten, sagten: Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören? 61 Jesus erkannte, daß seine Jünger darüber murrten, und fragte sie: Daran nehmt ihr Anstoß? 62 Was werdet ihr sagen, wenn ihr den Menschensohn hinaufsteigen seht, dorthin, wo er vorher war? 63 Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben. 64 Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben. Jesus wußte nämlich von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde. 65 Und er sagte: Deshalb habe ich zu euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist. 66 Daraufhin zogen sich viele Jünger zurück und wanderten nicht mehr mit ihm umher. 67 Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt auch ihr weggehen? 68 Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. 69 Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes.

Ein fünftes und letztes Mal ist unser Evangelium - über vier Sonntage geht es nun schon - der Jesusrede über das Brot des Lebens, über das vom Himmel gekommene Brot, entnommen. Heute fällt der Blick auf die Reaktionen, die seine Rede auslöst, und darauf, wie Jesus mit den Reaktionen umgeht. Eines fällt gleich zu Beginn auf: Die bisherigen Gesprächspartner, die Juden, scheinen wie vergessen. Sie kommen nicht mehr vor, als hätten sie sich schon während der Rede, die sie nicht mehr aushielten, aus dem Staub gemacht. Es ist nur noch von den "Jüngern" die Rede, das waren nicht nur die Zwölf, sondern Leute, die eine gewisse Nähe zu Jesus gefunden hatten.

Vielen von ihnen waren die Worte Jesu zu hart. Ihnen fehlte ganz offensichtlich der Tiefenblick, die Rede wirklich zu verstehen. Sie gerieten in die gleiche Falle wie vorher schon die "Juden". Das könne man ja nicht anhören, meinen sie, das mit dem Fleischessen und Bluttrinken. "Daran nehmt ihr schon Anstoß?" Man hätte sich eigentlich einen erneuten Vorstoß Jesu vorstellen können, den Leuten deutlich zu machen, wovon er gesprochen hatte und wovon nicht. Es mag überraschen: Jesus macht diesen zweiten Versuch einer Klärung nicht. "Daran nehmt ihr Anstoß?" Wir können ergänzen: "Den Sinn meiner Worte habt ihr nicht verstanden? Wie groß wird dann erst euer Unverständnis sein, wenn ich dorthin aufsteigen werde, wo ich vorher war?" Hier drückt sich im Joh-Evangelium wieder einmal der Erhöhungsgedanke Jesu aus, allerdings unter der Perspektive, daß er nicht verstanden werde.

Dann aber macht Jesus doch einen zweiten Klärungsversuch. Nichts anderes ist es doch, wenn er sagt: "Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und Leben." Es ist, als würde er sagen: "Was verfallt ihr mir auf den Trichter, das Fleischessen und Bluttrinken wörtlich zu nehmen? Seid ihr nicht dümmer? Versteht ihr tatsächlich nicht, wovon ich in dem Bild vom Brot des Lebens gesprochen habe? Versteht ihr nicht, wovon ich gesprochen habe, wenn ich sagte, daß Gott, der Vater, jeden von euch an sich zieht? Daß in ihm für euch das Leben, das wahre Leben liegt? Was verhakt ihr euch so unerquicklich am Fleischessen und Bluttrinken?" Es ist, als wenn Jesus seine Jünger einzeln schütteln wollte, um ihnen die Augen dafür zu öffnen, wovon er gesprochen hatte und wovon nicht. "Der Geist macht lebendig. Wenn ihr mich in meiner Grundaussage nicht verstanden habt, dann kann ich euch nicht helfen. Wenn ihr meine Worte banal wörtlich nehmt, dann ist euch nicht zu helfen!" Dafür steht der Satz: "Das Fleisch nützt nichts." Und dann wird Jesus so ausdrücklich, daß er ausdrücklicher gar nicht mehr werden kann: "Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und Leben." Gewissermaßen: "Ich habe vom wahren Leben zu euch gesprochen, das mit Gott steht und fällt. Davon habe ich gesprochen. Und davon, daß Gott euch zu sich zieht, daß er Sehnsucht nach euch hat, daß bei ihm der Quell eures Lebens ist. Das wollte ich euch klarmachen. Es ist mir offenbar nicht gelungen."

Es ist wohl notwendig, Jesu Gedanken einmal in dieser Weise zu paraphrasieren, denn erst solche Paraphrasierung erschließt uns, was Jesus den Jüngern sagen wollte. Den Grund, warum er nicht verstanden wurde, sieht er im Unglauben: "Es gibt unter euch einige, die nicht glauben." Worin aber liegt der Grund ihres Unglaubens? Es sei ihnen vom Vater nicht gegeben, zu glauben. Dieser Satz steht in einem gewissen Gegensatz, zumindest in einer gewissen Spannung zu der Aussage, den wir vor zwei Sonntagen gehört hatten, wonach der Vater die Menschen an sich zieht. Erfährt das hier eine Relativierung?

Dann wendet sich Jesus den Zwölfen zu mit der Frage, ob auch sie mit ihm am Ende seien. "Wollt auch ihr weggehen?" Eine einfache und zugleich sehr aufschlußreiche Frage. Vielleicht hätten wir erwartet, daß Jesus gefragt hätte, ob sie noch an ihn glauben, ob sie noch zu ihm halten. Stattdessen fragte er, ob sie weggehen wollen. Daraus kann gefolgert werden, daß an Jesus zu glauben ein Gehen, ein Mit-Gehen, ein Die-richtigen-Lebensschritte-Machen ist. Es ist die richtige, an Jesus orientierte Lebenspraxis und handelt sich nicht um ein Glaubenstheoriegebäude, das man immer wieder auf seine innere Stimmigkeit zu überprüfen hat, damit es Bestand habe. "Wollt auch ihr gehen?" Simon zeigt in seiner Antwort, daß er und die Elf begriffen haben, mit wem sie es in Jesus zu tun hatten: "Gehen? Zu wem sollen wir gehen?"

Schon in dieser ersten Antwort wird deutlich, daß ihr Glaube an Jesus auf einer persönlichen Beziehung zu Jesus beruht. Es geht für Simon in diesem Augenblick nicht um die Abwägung, welches "System" über die größere Wahrscheinlichkeitsvermutung verfügt, das richtige zu sein, das Glaubenssystem der Schriftgelehrten und Pharisäer oder das neue System Jesu. Es geht nicht um eine Entscheidung zwischen Systemen, es geht um die Nähe zur Person Jesu. "Zu wem sollen wir gehen?"

Und dann sagt Simon etwas, was anzeigt, daß er die Rede Jesu ohne jede Einschränkung verstanden hatte: "Du hast Worte des ewigen Lebens." Er liefert damit die absolut stimmige Überschrift über die Rede Jesu. Gewissermaßen: "Du hast Worte gesprochen, die das Leben betreffen, unser Leben. Ja, du hast sie nicht nur gesprochen, du bist das Wort des Lebens in Person, du bist in Person das ewige Leben. Von dir können wir uns im Interesse unseres eigenen Lebens nicht mehr trennen." "Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes."

Man hat den Eindruck, daß mit dem letzten - umgewandelt in die Form der direkten Anrede - eine christologische Bekenntnisformel der johanneischen Gemeinde aufgegriffen wurde, die älter sein könnte als das Evangelium selbst. Für uns mag diese Formel "der Heilige Gottes" distanziert klingen. Wir haben Jesus wohl noch nie so angesprochen. "Heiliger Gottes", das klingt wie eine sträfliche Unterbestimmung Jesu. Aber man muß das hier anders sehen. Es fungiert hier als die legitimierende Abschlußformel, die erklärt und plausibel macht, warum Jesus überhaupt über die Worte des Lebens verfügen kann, ja in Person das Wort des Lebens ist: weil er von Gott kommt, weil er in einmaliger Weise Gott zum Vater hat und in diesem Sinn "der Heilige Gottes" ist. Nicht aber auf dieses Bekenntnis läuft redaktionell die ganze Rede Jesu hinaus, als sei sie nur darauf angelegt, in diesem Bekenntnis zu gipfeln. Dieses Bekenntnis ist rückzubeziehen auf die vorausgehende Rede Jesu und will ihr den letzten Gültigkeitsstempel geben: Jesus ist das Brot des Himmels, das Brot, das vom Himmel gekommen ist. In ihm gewinnen wir das Leben.

Für uns entscheidet sich auch an diesem Sonntag - ähnlich wie schon vor einer Woche - wieder alles daran, daß wir die Rede Jesu ablösen von ihrem scheinbar zwingenden Bezug auf die eucharistischen Gaben von Brot und Wein. Gewiß schwingt dieser Bezug für uns mit, und wir müssen ihn uns auch nicht generell verbieten. Aber diesen Bezug meint unser Evangelium nicht, und in diesem Bezug erschöpft es sich also nicht. Das Fleischessen, jetzt im Sinn des Kommunionempfangs verstanden, zieht keine automatisch-mechanischen Konsequenzen bezüglich unserer Heilssicherung vor Gott nach sich. Hier gibt es keinen Automatismus. Unser Genuß der Eucharistie, der hier in gar keiner Weise abgewertet werden soll - damit das ja nicht einer so versteht! - wird erst dann zu einem heilbringenden Vollzug, wenn wir, wie Simon, in Jesus die Instanz suchen, die Worte des Lebens hat und Worte des Lebens spricht, jenes Lebens, das durch Gott Bestand hat, auch wenn wir schon längst im Grabe liegen. Insofern teilen wir auf der einen Seite das Schicksal derer, die in der Wüste das Manna gegessen hatten und gestorben sind. Auf der anderen Seite aber leben wir schon jetzt in einer von Gott geschenkten Lebenswirklichkeit, die durch den Tod nicht unterzukriegen ist. "Du hast Worte des Lebens."

Suchen wir nicht ein Leben lang Leute, die Worte des Lebens haben? In Jesus haben wir ihn. Machen wir mehr daraus!



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14. Dezember 2003
3.Adventsonntag
Vernichtendes Feuer?

Lk 3,10-18

10 In jener Zeit fragten die Leute Johannes den Täufer: Was sollen wir also tun? 11 Er antwortete ihnen: Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso. 12 Es kamen auch Zöllner zu ihm, um sich taufen zu lassen, und fragten: Meister, was sollen wir tun? 13 Er sagte zu ihnen: Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist. 14 Auch Soldaten fragten ihn: Was sollen denn wir tun? Und er sagte zu ihnen: Mißhandelt niemand, erpreßt niemand, begnügt euch mit eurem Sold! 15 Das Volk war voll Erwartung, und alle überlegten im stillen, ob Johannes nicht vielleicht selbst der Messias sei. 16 Doch Johannes gab ihnen allen zur Antwort: Ich taufe euch nur mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. l7 Schon hält er die Schaufel in der Hand, um die Spreu vom Weizen zu trennen und den Weizen in seine Scheune zu bringen; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen. 18 Mit diesen und vielen anderen Worten ermahnte er das Volk in seiner Predigt.

Johannes der Täufer kam bei den Leuten gut an. Sonst hätte es nicht um seine Person eine solche Bewegung gegeben. Noch einmal fällt heute am 3. Adventssonntag - wie schon vor einer Woche - unser Blick auf ihn. Dabei kann es sein, daß wir von den verschiedenen Teilen des heutigen Evangeliums unterschiedlich berührt werden. Das eine mag eher unser Ohr finden, ich meine, die Begegnung des Johannes mit Leuten aus dem Volk, mit Zöllnern und Soldaten. Das andere aber, wenn er von der Schaufel spricht, die die Spreu vom Weizen trennt, mag uns eher befremdlich vorkommen.

Aufgetreten war Johannes mit der Ansage des bevorstehenden endzeitlichen Kommens Gottes. Diese Botschaft war bei den Leuten angekommen und hatte ihr Ohr gefunden. Den Leuten war klar, daß sie daraus Folgerungen für ihr Leben ziehen mußten. Nur welche? Sollten sie häufiger in den Tempel gehen und dort Opfer bringen? Sollten sie mehr beten? Vielleicht auch das, aber die Antworten des Johannes an die Leute, die ihn fragten, gehen in eine andere Richtung. "Schaut euch um, wie es dem geht, der neben euch lebt. Ihn und seine Not und Bedürftigkeit dürft ihr nicht übersehen, weil ihr meint, ihr müßtet euren Blick ganz auf Gott konzentrieren."

Es ist in der Tat so, wie ein Pastoralplan einer süddeutschen Diözese vor einigen Jahren formuliert hat: "Wer bei Gott eintaucht, taucht in der Nähe der Menschen wieder auf." "Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat," sagt dafür das Evangelium. "Solidarität" sagen wir heute dafür. Sie ist mittlerweile zu einem arg strapazierten Begriff geworden. Solidarität unter den Bedingungen der Globalisierung, das stellt heute eine weitreichende Herausforderung dar. Wahrscheinlich würde Johannes der Täufer, träte er heute auf, sehr politisch auftreten. Er würde die Finger auf die Wunden legen, wo heute zwar von Solidarität geredet, aber kaum nach ihren Prinzipien gehandelt wird. "Wer zu essen hat, gebe dem, der nicht zu essen hat." Das klingt so einfach und ist so schwer umzusetzen.

Vielleicht bekommen diese sozialen Appelle, die dabei alles andere als bloße soziale Appelle sind, denn sie sind verankert und abhängig von der Zusage des endzeitlichen Kommens Gottes - vielleicht bekommen sie heute in der Zeit massiver Einsparungen im Bereich der sozialen Sicherungssysteme eine stärkere Ausrichtung auf unsere privaten Hilfemöglichkeiten.

Was sollen wir tun? Die Antworten, die Johannes der Täufer damals gab, klingen säkular, sie haben so gar kein fromm-religiöses "Geschmäckle". Zöllner kommen zu ihm. Allein, daß sie zu ihm kommen, sagt viel. In den Augen des religiösen Establishments in Jerusalem waren sie notorische Sünder vor Gott, in der Botschaft des Johannes aber wittern sie ihre Chance vor Gott. Alle Menschen würden das Heil schauen, das von Gott kommt, hieß es am letzten Sonntag. Was also sollten sie tun, um dieser Erwartung gemäß zu leben? Johannes sagt nicht, da komme nur die Berufsaufgabe in Frage. Er verweist sie viel-mehr auf die Solidarität, die in ihrem Fall die Gestalt der Gerechtigkeit annehmen sollte, nicht in die eigene Tasche einzutreiben, den Leuten nicht das letzte Hemd auszuziehen. Nicht anders ist seine Antwort an die Soldaten, die sich an ihn gewandt hatten. Er warnt sie vor Miß-handlungen, vor exzessiver Gewaltanwendung, und sie sollten mit ihrem Sold zufrieden sein. Ein Pazifist war Johannes nicht, der gefor-dert hätte, die Waffen niederzulegen und einem zivilen Beruf nachzu-gehen.

In allen drei Fällen - bei den Leuten, bei den Zöllnem und bei den Soldaten - macht Johannes deutlich, daß es um menschenschonendes, besser um menschenwürdiges und die Menschen achtendes ethisches Verhalten geht, durch das andere nicht zu Schaden kommen, sondern ihren Nutzen und ihre Anerkennung haben. Es ist die im Glauben umgesetzte Verwirklichung dessen, was im endzeitlichen Kommen des Herrn zur Vollendung kommen soll, nämlich daß alle Menschen das Heil schauen, das von Gott kommt. Es wird deutlich, daß es sich dabei um kein abstraktes, blutleeres, jenseitiges Heil handelt, sondern um eines, das sich darin zeigt, daß die Menschen in ihren Alltagsbezügen achtsamer und menschenwürdiger miteinander umgehen.

Soweit ist uns das Auftreten des Johannes wohl durchaus sympa-thisch, soweit können wir es - nach einem ersten Erstaunen darüber, daß er so säkulare Akzente setzte - gut nachvollziehen. Doch dann dürfte es schwieriger werden. Er nimmt Sätze und Drohworte in den Mund, die bei uns weniger verfangen dürften. Dem geht noch voraus, daß die Leute sich zu Johannes ihre Gedanken machten und dabei schnell ihre Lösung hatten: Wer so auftritt wie er, könne eigentlich nur der Messias sein. Es sprach sich herum. Es wurde nicht offen an sein Ohr herangetragen, aber er spürte es, daß die Leute so dachten. Da wird nun Johannes deutlich. Mit solcher Identifikation will er - so unser Evangelium - nichts zu tun haben. Er taufe mit Wasser, ein Stärkerer, ein Größerer aber als er werde mit Heiligem Geist und mit Feuer taufen.

Wir sehen es dieser Formulierung vielleicht nicht an, aber mit ihr bedient sich Johannes überkommener Bilder, mit denen das endzeitli-che eschatologische Gericht beschrieben wurde. Er spricht von einer Feuertaufe, die die Schlacken menschlicher Unvollkommenheit und menschlichen Versagens - gewissermaßen die Rückstände des menschlichen Lebens - im Endgericht ausscheidet. Es wird bei Johannes nicht ganz eindeutig, welcher Akzent damit für ihn im Gericht vorherrscht, der der befreienden Rettung oder der des vernichtenden Untergangs. Wir haben das hier nicht zu entscheiden.

Ohne Frage stand Johannes in der langen alttestamentlichen Tradition, nach der das Feuer auch für das vernichtende Eingreifen Gottes stehen konnte. So hatte die Vernichtung von Sodom und Gomorrha durch Schwefel und Feuer (Gen 19,24) alle späteren Vorstellungen maßgebend beeinflußt. Und auch die Propheten sahen im Feuer ein Strafmittel Gottes. So, wenn Gott bei Amos davon spricht, Feuer gegen Juda zu schicken, daß es die Paläste Jerusalems fresse (Am 2,5). Oder wenn es bei Hosea heißt: Ich sende Feuer in Israels Städte, "es soll seine Paläste zerstören' (Hos 8,14). Nur handelte es sich in diesen Fällen um die Vernichtung von Palästen und um vom Menschen Geschaffenes, nicht aber um die Vernichtung der Menschen selbst. Gleichwohl sollte nach den damaligen Vorstellungen im eschatologischen Drama das Feuer eine Rolle spielen, sowohl im Sinn der Reinigung, des Austilgens der unbewährten Lebensrückstände, als auch in manchen Strängen die sich dabei außerisraelitischer Anschauungen aus nachexilischer Zeit verdankten - im Sinn der Vernichtung des Menschen.

Wichtiger ist, daß Johannes mit dem Verweis auf den Stärkeren, der mit Heiligem Geist und mit Feuer taufen werde, unumstößlich die eschatologische Endzeit angesagt hatte, die mit ihm, mit Johannes, allerdings noch nicht angebrochen war. Das war der fundamentale Unterschied zu dem, der nach ihm komme: Mit diesem erst werde sich das endzeitliche Heil für die Menschen erfüllen. Um auf dieses Heil hinzuweisen, bedient sich Johannes weiterer eschatologisch-endzeitlicher Bilder, die die Endzeit ansagten, ohne eine Aussage darüber zu treffen, daß und wie viele in diesem Gericht nicht bestehen würden. Bilder werden bemüht, die aus der Landwirtschaft, dem Acker- und Weinbau genommen sind. Daß in der Tenne die Spreu vom Weizen getrennt wird und die Spreu eben verbrannt werde. Ähnliches lesen wir im Mt-Evangelium, daß das Unkraut verbrannt werde (Mt 13,40), oder im Joh-Evangelium, daß die unfruchtbaren Reben dem Feuer anheimfallen (Joh 15,6).

Johannes ist wohl bei den Leuten nicht deshalb so angekommen, weil er in erster Linie den allgemeinen Untergang angesagt hätte. Zu Recht steht am Ende der Satz, daß Johannes nicht das Volk ermahnte wie es in unserer Einheitsübersetzung heißt -, sondern daß er die Frohe Botschaft verkündete. "Euangelizomai" steht hier im griechischen Text als terminus technicus, und dieser Terminus setzt einen anderen Akzent als bevorstehende Katastrophe und Untergang.

Wir müssen offenbar einiges wegräumen, um aus diesem Evangelium des 3. Adventssonntags die aufbauende und ermutigende Botschaft Gottes zu vernehmen, daß allen Gottes Heil zuteil werde. Nur, wie und wann? Das ist weiter unsere skeptische Frage. Sie muß offenbleiben, ohne daß damit offenbleibt, was uns auch in diesem Advent wieder verbindlich zugesagt wird: Der Herr ist mit uns, mit seiner Menschheit und mit jedem einzelnen von uns. Wir sind - auch wenn es manchmal nicht danach aussieht - in seinen guten Händen. Darauf sollten wir bauen.



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07. März 2004
2. Fastensonntag
Klärungen

Lk 9,28b-36

28 Jesus nahm Petrus, Johannes und Jakobus beiseite und stieg mit ihnen auf einen Berg, um zu beten. 29 Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes, und sein Gewand wurde leuchtend weiß. 30 Und plötzlich redeten zwei Männer mit ihm. Es waren Mose und Elija; 31 sie erschienen in strahlendem Licht und sprachen von seinem Ende, das sich in Jerusalem erfüllen sollte. 32 Petrus und seine Begleiter aber waren eingeschlafen, wurden jedoch wach und sahen Jesus in strahlendem Licht und die zwei Männer, die bei ihm standen. 33 Als die beiden sich von ihm trennen wollten, sagte Petrus zu Jesus: Meister, es ist gut, daß wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wußte aber nicht, was er sagte. 34 Während er noch redete, kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie. Sie gerieten in die Wolke hinein und bekamen Angst. 35 Da rief eine Stimme aus der Wolke: Das ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören. 36 Als aber die Stimme erklang, war Jesus wieder allein. Die Jünger schwiegen jedoch über das, was sie gesehen hatten, und erzählten in jenen Tagen niemand davon.

Da haben wir es erst am letzten Sonntag mit einem von märchenhaften Elementen durchsetzten Evangelium zu tun gehabt - mit der Versuchung Jesu -, und nun geht es uns heute schon wieder nicht anders. Von einer merkwürdigen Veränderung des Aussehens Jesu, von Strahlungseffekten seines Gewandes ist die Rede, von der unvermittelten Erscheinung der großen alttestamentlichen Gestalten des Mose und des Elija.

Soll das alles so gewesen sein? Mit einer solchen Frage lägen wir falsch. Wieder geht es auch heute nicht um einen Tatsachenbericht, sondern um eine künstlerisch-literarisch gestaltete Komposition, die entscheidende, auch für uns entscheidende, theologische Aussagen transportiert. Die Absicht also, wichtige theologische, wichtige Glaubensaussagen zu formulieren, führte dem Autor des Lk-Evangeliums die Feder.

Jesus steigt - so will es die Erzählkomposition - mit einigen wenigen Jüngern, mit Petrus, Johannes und Jakobus, auf einen Berg, um zu beten. Das dürfte an Vorgänge anknüpfen, die sich oft wiederholt haben dürften. Diese reale Basis wird nun zum Ausgangspunkt genommen, um darüber ein aus theologischen Motiven begründetes Erzählszenario zu entfalten, das wir die "Verklärung" Jesu nennen. Wichtiger als die Erzählelemente, daß sich Jesu Aussehen und Jesu Kleidung veränderten, ist jenes Element, daß wie aus dem Nichts Mose und Elija zugegen waren. So ganz aus dem Nichts kamen sie aber nicht.

Nach einer spätjüdischen Tradition galten Mose und Elija als die zwei Vorläufer des Messias. Mit der Wiederkehr dieser beiden verband sich die Erwartung der Endzeit. Wir befinden uns damit in der Welt der jüdischen bzw. spätjüdischen Traditionen, so daß wir uns fragen könnten, weshalb Lukas diese Tradition aufnimmt, wo er doch für Leser schreibt, die mehrheitlich der hellenistischen Welt angehören und in der spätjüdischen Welt kaum zu Hause waren. Das erklärt sich daraus, daß Lukas Mose und Elija in der Verklärungserzählung des Mt- und des Mk-Evangeliums vorfand und er sie deshalb beim besten Willen nicht unterschlagen konnte. Noch dazu, wo sie in einer doppelten Rolle figurierten. Denn es ging nicht nur um den durch sie markierten Anbruch der Endzeit. Eher noch wichtiger war das zweite, daß beide auch als Leidensgestalten der Endzeit galten, die hier die Aufgabe hatten, Jesus auf sein eigenes, in Jerusalem bevorstehendes Leiden einzuschwören.

Wir müssen bedenken, daß unmittelbar voraus im Lk-Evangelium Jesus seinen Jüngern gegenüber erstmals von der Möglichkeit seines Leidens gesprochen hatte. Damit hatte er ein Thema angeschnitten, das nicht nur den Jüngern nicht ins Konzept paßte, sondern das auch für Jesus selbst ein existentielles Problem darstellte. Exakt dieses Thema - des in Jerusalem bevorstehenden Leidens Jesu - wird in der Szene mit Mose und Elija angestoßen. Und zwar bei Lukas deutlicher als bei Matthäus und Markus. Hier, bei Lukas, heißt es ausdrücklich, sie, Mose und Elija, sprachen von Jesu Ende, "das sich in Jerusalem erfüllen sollte." Dieses Moment des Endes Jesu wird dadurch noch deutlicher, daß die Jünger - in der Situation eigentlich völlig unmotiviert und unbegreiflich - das gleiche Verhalten an den Tag legen, wie später im Garten Getsemani: Sie schlafen. Das ist ein darstellerisches Element, das sich nur in der lukanischen Verklärungsszene findet. Es verstärkt den Akzent auf dem Leiden, insofern die Verklärungsszene gewissermaßen mit der Ölbergsszene verfließt.

Theologisch gesehen geht es also darum, daß Jesus in Jerusalem gewaltsam aus dem Leben scheiden werde. Da das hier vom Evangelium Jahrzehnte nach Jesu Tod und Auferstehung formuliert wurde, ist daraus auch die Absicht des Evangelisten zu erkennen, kundzutun, daß Jesu Tod in der Linie alttestamentlicher Ankündigungen - hier symbolisch vertreten durch Mose und Elija - lag.

Petrus und seine Begleiter, zuerst eingeschlafen, werden wach, und werden augenblicklich zu Gegenspielern der durch Mose und Elija an Jesus vermittelten Erkenntnis, daß er eines gewaltsamen Todes sterben werde. Sie orientieren sich an etwas anderem, nämlich an dem vordergründig alles so überstrahlenden wunderbaren Augenblick. An diesem Augenblick wollen sie festhalten. Sie verweigern sich der Vorstellung des Leidens des Herrn. Den Augenblick festzuhalten, diesen Höhepunkt zu verewigen, was hätte ihnen Schöneres widerfahren können? Eben das steckt in dem Vorschlag des Petrus, drei Hütten zu bauen, Jesus eine, Mose eine, Elija eine. Dieser Vorschlag mißdeutete die Anwesenheit von Mose und Elija. Er deutete sie als Zeichen anhaltender himmlischer Seligkeit. Da war für einen gewaltsamen Tod Jesu kein Platz. In der Tat, Petrus verstand nichts von dem, worum es eigentlich ging.

Erzählerisch setzt dann eine zweite Szene ein, in der Mose und Elija keine Rolle mehr spielen. Sie sind mit einem Mal nicht mehr da. Jesus und die Jünger geraten in eine Wolke und in den Schatten der Anwesenheit Gottes. "Sie gerieten in die Wolke hinein," heißt es, "und bekamen Angst." Die Wolke und ihr Schatten sind ein Bild, das uns von vielen Stellen des Alten Testamentes her vertraut sein dürfte, nicht nur vom rettenden Durchzug durch das Meer. Die Jünger befällt Angst, denn vor der ahnenden Begegnung des Menschen mit Gott sind Angst, das Bewußtsein der eigenen Nichtigkeit die einzig angemessene Reaktion.

Und dann wiederholt sich, was schon bei der Taufe Jesu geschehen war. Eine Stimme rief aus der Wolke, es ist die Stimme Gottes: "Das ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören." Daß die Stimme in dieser Situation ertönt, damit hat es eine mehrfache Bewandtnis. Zuerst dürfen wir annehmen, daß sie sich in erster Linie - obwohl sie sich an die Jünger zu richten scheint - an Jesus selbst richtet. Sie bestätigt ihm, daß weiterhin gilt, was ihm bei der Taufe am Jordan zugesprochen worden war, daß er Gottes geliebter Sohn und als solcher mit der Verkündigung des Reiches Gottes beauftragt sei. Das gelte weiter, auch wenn sein Lebensweg in die menschliche Katastrophe führen werde. Jesus bezieht aus der Stimme des Vaters für sich neue Gewißheit, so schwer, ja geradezu unzumutbar der weitere Lebensweg auch vor ihm liegt. Der andere Adressat sind die Jünger, Petrus, Johannes und Jakobus.

Wenn sie schon die Szene zwischen Jesus, Mose und Elija mißverstanden hatten und exakt die falschen Folgerungen aus ihr zogen, nämlich in diesem alles überstrahlendem Augenblick verharren zu wollen, so soll sie nun die verläßliche Botschaft erreichen, daß ihr Meister wirklich und tatsächlich der geliebte einzige Sohn des Vaters ist und bleibt, auch wenn sein Leben - menschlich gesprochen - der Katastrophe zutreibt. "Auf hin sollt ihr hören."

Wieder klingt hier die zweite Zeitebene an, in der Lukas schreibt, die Zeitebene der jungen Gemeinden. An sie gibt er die Aufforderung weiter, auf den Hingerichteten und Auferstandenen zu hören. Über diese Ebene erreicht diese Aufforderung auch uns: "Auf ihn sollt ihr hören."

Die Jünger schwiegen über das Erlebte, sie erzählten in jenen Tagen niemandem etwas davon. Man hat den Eindruck, daß sie darüber nichts sagen konnten, da sie sich auf Jesus noch keinen klaren Reim gemacht hatten. Sie begannen allenfalls zu ahnen und sich auszumalen, welches Ende er nehmen werde. Sie vermochten das nicht mehr ganz wegzudrücken. Aber es verschlug ihnen darüber nach wie vor die Stimme. Etwas anders ist das im Mt- und Mk-Evangelium angelegt. Dort verbietet der Herr den Jüngern ausdrücklich, über das Erlebte zu sprechen. Aber offenbar aus dem gleichen Grund: Sie waren noch nicht reif, das Erfahrene und das Jesus Bevorstehende einzuordnen.

Auf ihn sollt ihr hören, das dringt bis zu uns herüber, bis in diese Stunde. Wie soll das gehen, auf Jesus zu hören? Damit es keine leere Worthülse bleibe? Vielleicht knüpfen wir da noch einmal bei den schlafenden Jüngern an. Sicher sind wir weit davon entfernt, auf Jesus zu hören, wenn wir schläfrig und matten Blicks durch unser Leben gehen. Auf Jesus zu hören, heißt wohl, uns den Anforderungen, die wir aus unserem Leben vernehmen, zu stellen. Es wird wohl nie so sein, daß sich Jesus zweifelsfrei im Originalton meldet: "Bitte, hier spricht Jesus. Hörst du mich?" Und ich denke, wir sollten jenen Leuten und jenen religiösen Bewegungen mißtrauen, die auf so billig-direkte Weise meinen, Jesus vorführen zu können. Wir haben indirekter mit ihm zu tun. Und diese Weisen wieder zu entdecken, stellt sich uns als Aufgabe in dieser Fastenzeit: Indem wir in uns gehen (manche sagen dann, da seien sie schon gewesen, und da sei nichts los!). Indem wir um die richtigen Lebensentscheidungen ringen, uns mit anderen beraten, im Gebet um Klarheit und Mut zu einer Entscheidung bitten. Auf ihn hören, das kann auch heißen - wir haben ja gerade das Jahr der Bibel hinter uns -, die Bibel zur Hand zur nehmen und die Evangelien zu lesen, nach Matthäus, nach Markus, nach Lukas, nach Johannes. Vielleicht sprechen uns bestimmte Texte und Stellen an, aus denen wir seine Stimme vernehmen.

Die Jünger schwiegen damals, weil sie noch nichts verstanden hatten. Wir sollten hören und reden - und uns in den Erfahrungen und Bewährungen unseres Glaubens austauschen.



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16. Mai 2004
6. Sonntag der Osterzeit
Magischer Sound

Joh 14,23-29

23 Jesus sprach zu seinen Jüngern: Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen. 24 Wer mich nicht liebt, hält an meinen Worten nicht fest. Und das Wort, das ihr hört, stammt nicht von mir, sondern vom Vater, der mich gesandt hat. 25 Das habe ich zu euch gesagt, während ich noch bei euch bin. 26 Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. 27 Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht. 28 Ihr habt gehört, daß ich zu euch sagte: Ich gehe fort und komme wieder zu euch zurück. Wenn ihr mich lieb hättet, würdet ihr euch freuen, daß ich zum Vater gehe; denn der Vater ist größer als ich. 29 Jetzt schon habe ich es euch gesagt, bevor es geschieht, damit ihr, wenn es geschieht, zum Glauben kommt.

Es ist, als hätte es am letzten Sonntag noch nicht gereicht, das Thema, bei dem wir ohnehin leicht überdrüssig reagieren, weil die Worte hier so verbraucht sind: das Thema der Liebe. "Liebt einander, wie ich euch geliebt habe," hieß es letzten Sonntag. Und heute scheint es schon wieder um dasselbe Thema zu gehen.

"Wenn jemand mich liebt..." - in solchen Dimensionen trauen wir uns von unserem Glauben gar nicht zu denken. Also nicht nur zu sagen, daß wir glauben - was wir uns ohnehin unter den heutigen Verhältnissen gewöhnlich schon hoch anrechnen -, sondern zu sagen, daß wir Gott und Jesus im Glauben lieben. Letzteres kommt uns nur schwer über die Lippen, wenn überhaupt. Unser hat sich eine Nüchternheit bemächtigt, die beharrlich die Gegenfrage stellt, ob das denn unbedingt zum Glauben dazugehöre, Gott zu lieben? Geht es nicht auch anders, gewissermaßen weniger emotional? Und Gott könnte gleichwohl mit unserem Glauben - etwas salopp gesagt - zufrieden sein? Ich denke mir, daß sich uns schnell solche Überlegungen in den Weg stellen, die uns daran hindern, den Sätzen des Evangeliums wirklich zu begegnen. Können wir unsere Bedenken zurückstellen, um uns dem zu öffnen, was uns heute im Evangelium gesagt sein will? Es geht nämlich um mehr als um eine - immer leicht in Verdacht geratende - frömmelnde Liebe zu Gott, die die Augen verdreht und den Kopf schief hält.

"Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten." Kaprizieren wir uns einmal nicht auf das Wort lieben, auf das, was in ihm anklingt und was nicht, sondern wenden wir uns dem Nachsatz zu, "... wird er an meinem Wort festhalten." Dieser Satz will uns nicht in Verlegenheit bringen, zu fragen, welches Wort Jesu denn gemeint sein könnte, an dem wir festhalten sollen. Es geht nicht um Einzelworte, auch nicht um das von Jesus bekräftigte Hauptgebot der Gottes- und Nächstenliebe. Es geht um ihn, um Jesus selbst. Es geht darum, an ihm festzuhalten als dem Wort Gottes. "Logos" steht hier im Griechischen. Es bezeichnet im Joh-Evangelium die geschichtlich-konkrete Erscheinung Gottes in der Gestalt Jesu. Das "Wort", an dem wir festhalten sollen, ist er selbst in seinem Sohnsein.

Nicht also darum geht es, Worte Jesu im Gedächtnis zu behalten, sondern an ihm selbst, an seinem Sohnsein, festzuhalten. Wir sollen in ihm mehr sehen als lediglich den Übermittler der Botschaft Gottes. Übermittler dieser Botschaft waren auch die Apostel und in ihrer Nachfolge eine unzählbare Reihe von Menschen. In Jesus aber treffen wir - so will uns das Evangelium sagen - nicht nur auf den Übermittler der Botschaft Gottes, sondern auf den Sohn. Fast möchte ich den Eingangssatz des Evangeliums umdrehen, ohne ihm dabei Unrecht zu tun: Wenn wir an Jesus als Sohn Gottes festhalten, dann lieben wir ihn. Wenn wir am Sohn festhalten, dann wird Gott, der Vater, uns lieben und - heißt es von ihm und Jesus weiter -: "Wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen."

Vielleicht ist das schon wieder so eine Aussage, die uns emotional zu nahe auf den Leib rückt. So nahe soll uns, bitte schön, Gott gar nicht kommen. Doch Jesu Ansage hat einen anderen als einen bedrängenden Fokus. Gewiß ist hier eine unglaubliche Nähe Gottes zu uns ausgesagt, aber es ist eine, die uns nicht ängstigen soll, eine, die in uns nicht Unwohlsein hervorbringen will. Es ist zwar von dem Bleiben Gottes und Jesu in uns die Rede. Das ist unglaublich genug. Aber das meint keinen ekstatischen Zustand, der uns vorübergehend befiele, so daß uns gleichsam himmlische Flügel wüchsen. Es meint einen Dauerzustand der Einwohnung Gottes in uns. Schwierig, uns das vorzustellen. Jedenfalls wäre es zu wenig, uns Gott und seinen Sohn gewissermaßen als unsere Untermieter vorzustellen. Unbestritten ist die Tatsache, daß wir von dieser Einwohnung ganz individuell betroffen sind. Hier können wir uns nicht hinter anderen verstecken. In der Tat eine unglaubliche, unfaßbare Nähe Gottes!

Und das Wort, an dem wir festhalten (festhalten sollen), hat nicht nur die Qualität gesprochener Worte. In Jesus fallen seine Existenz, seine Worte und Taten in eins zusammen. An ihm als Wort festzuhalten, bedeutet deshalb, nicht nur tatenlos und folgenlos "gläubig zu sein", sondern aus diesem Glauben unser Leben zu gestalten, privat, beruflich, öffentlich.

Das, was vom Vater und Sohn gesagt wird, wird noch auf eine andere Ebene gehoben, die inhaltlich nichts Neues sagt, aber das bisher Dargelegte noch deutlicher und einprägsamer macht. Vom Beistand des Heiligen Geistes ist die Rede, der uns lehren und erinnern wird, was uns Jesus gesagt hat. Mit diesem Hinweis auf den Heiligen Geist klingt nun nicht wiederum gewissermaßen ein magischer Sound an, der uns verwirren könnte. Vielleicht ist der Begriff "Sound" gar nicht so schlecht, denn mit ihm können wir so etwas wie eine charakteristische Klangfarbe assoziieren. Wir sollten uns in der Tat als Christinnen und Christen, und zwar in unserer eigenen Person, in einer charakteristischen Klangfarbe vernehmen, nämlich in der, daß uns der Heilige Geist gegeben ist, nicht als totes Kapital, sondern als Sound, der unser Leben durchzieht.

Machen wir uns das Gemeinte anschaulich, indem wir einen Satz aus dem 1. Johannesbrief heranziehen. Dort ist gesagt - und stoßen wir uns nicht an der Sprache -: "Die Salbung," - sie steht hier für die Einwohnung des Heiligen Geistes - "die ihr empfangen habt, bleibt in euch, und ihr braucht euch von niemand belehren zu lassen" (1 Joh 2,27). Das ist dasselbe, was das heutige Evangelium so umschreibt: "Er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern." Fast möchte man hier einen Automatismus heraushören: Der Heilige Geist, der macht das schon. Und wir scheinen ja in der Tat im Johannesbrief ausdrücklich dazu ermuntert zu werden, den Sound des Heiligen Geistes in uns zu vernehmen und zum Klingen zu bringen. Sogar zu einer vom Geist geleiteten Selbständigkeit des Urteils und der Meinungsbildung werden wir hier aufgefordert und eingeladen. "Ihr braucht euch von niemand belehren zu lassen."

Das ist eine Devise, die wir in der Kirche über lange Zeiträume hinweg nicht ernstgenommen haben. Hier sind wir in unserer ganz persönlichen Glaubenskompetenz angesprochen, aus der Kraft des Heiligen Geistes zu leben. Wir dürfen und müssen uns nicht verstecken hinter den Meinungen anderer. Unsere persönlich gemachten Glaubens- und Lebenserfahrungen dürfen wir als Ort ansehen, an dem uns der Heilige Geist berührt und belehrt. Wir sollten also unsere persönlich gemachten Glaubens- und Lebenserfahrungen nicht geringschätzen. Wir sollten sie nicht verstecken, sondern sollten sie zusammentragen, um so aneinander das vielfältige Wirken des Heiligen Geistes wahrzunehmen.

Freilich waltet hier kein Automatismus. Das Ganze hängt entscheidend an der Vorbedingung - bei deren Zustandekommen uns freilich der Heilige Geist entscheidend stützt und leitet -, daß wir, wie eingangs gesagt, an Jesus als der geschichtlich-konkreten Erscheinung Gottes und an seinem Sohnsein festhalten und daß wir unseren Glauben zu einem tätigen Glauben machen. Das keimt langsam und es ist nicht auf einmal da. Aber es kann anders herum auch einschlafen und absterben. So sehr uns der Heilige Geist bleibend zugesagt ist, müssen wir mit der Möglichkeit rechnen, von der Apostel Paulus im 1. Thessalonicherbrief spricht: "Löscht den Geist nicht aus" (1 Thess 5,19). Er rechnet mit der Möglichkeit, daß wir es schaffen, den Geist Gottes in uns gewissermaßen zu mumifizieren, ihn auszulöschen und unser Leben wieder nach den alten Regeln anzulegen, in denen wir, und nicht Gott und unsere Orientierung an Gott, das Sagen haben.

Ohne diese Orientierung an Gott aber bleiben wir außerhalb des Horizontes des Friedens, den uns Jesus eröffnet hat. Es ist der eschatologische, der endzeitlich verheißene und erwartete Frieden, der in ihm in die Welt kam. Ein - um es so auszudrücken - um Lichtjahre anderer Frieden, als wir ihn uns geben können. Aus dieser deutlichen Unterscheidung beider Friedensarten darf freilich nicht der Schluß gezogen werden, der "himmlische Frieden", der mit Jesus gekommen ist, genüge sich selbst, er komme ohne Folgewirkungen für den Frieden unter uns aus. Nein, schon die Botschaft der Engel über Betlehem charakterisierte den Frieden des Neugeborenen als "Frieden auf Erden". Dieser Friede soll in unserem realen Leben Platz greifen, in den Konflikten und Krisen zwischen Völkern, Kulturen und Religionen. "Löscht den Geist nicht aus."

Mit welcher Nachdrücklichkeit setzte sich deshalb zurecht - um daran zu erinnern - Papst Johannes Paul II. vor und in den Tagen und Wochen des Irakkrieges des letzten Jahres für den Frieden ein! Auf der Basis des Glaubens, daß uns in Jesus der Frieden hinterlassen, eröffnet worden ist Unser Evangelium klingt aus - nachdem Jesus erklärt, daß er zum Vater zurückkehren und wiederkommen werde - in dem Hinweis, daß er das alles ins Wort gebracht habe, "damit ihr, wenn es geschieht, zum Glauben kommt." Es ist längst geschehen. Ein Zeitraum von zweitausend Jahren trennt uns von Jesu Tod und Auferstehung. Und über diesen Zeitraum hinweg sind Menschen immer wieder zum Glauben an ihn gekommen und haben aus diesem Glauben ihr Leben gestaltet. Heute richtet sich diese Aufforderung an uns, daß wir zum Glauben kommen, zu einem alltagsnahen, wirklichkeitsnahen Glauben, der sich in unseren heutigen privaten wie gesellschaftlichen Herausforderungen bewährt. Dieser Glaube - er soll zum Sound unseres Lebens werden.



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04. Juli 2004
14. Sontag im Jahreskreis
Unser Name ist im Himmel verzeichnet

Lk 10,1-12.17-20

In jener Zeit suchte der Herr zweiundsiebzig andere aus und sandte sie zu zweit voraus in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte. Er sagte zu ihnen: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden. Geht! Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. } Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe! Grüßt niemand unterwegs! Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als erstes: Friede diesem Haus! Und wenn dort ein Mann des Friedens wohnt, wird der Friede, den ihr ihm wünscht, auf ihm ruhen; andernfalls wird er zu euch zurückkehren.. Bleibt in diesem Haus, esst und trinkt, was man euch anbietet; denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn. Zieht nicht von einem Haus in ein anderes! Wenn ihr in eine Stadt kommt und man euch aufnimmt, so esst, was man euch vorsetzt. Heilt die Kranken, die dort sind, und sagt den Leuten: Das Reich Gottes ist euch nahe. Wenn ihr aber in eine Stadt kommt, in der man euch nicht aufnimmt, dann stellt euch auf die Straße und ruft: Selbst den Staub eurer Stadt, der an unseren Füßen klebt, lassen wir euch zurück; doch das sollt ihr wissen: Das Reich Gottes ist nahe. Ich sage euch: Sodom wird es an jenem Tag nicht so schlimm ergehen wie dieser Stadt. Die Zweiundsiebzig kehrten zurück und berichteten voll Freude: Herr, sogar die Dämonen gehorchen uns, wenn wir deinen Namen aussprechen. Da sagte er zu ihnen: Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen. Seht, ich habe euch die Vollmacht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten und die ganze Macht des Feindes zu überwinden. Nichts wird euch schaden können. Doch freut euch nicht darüber, dass euch die Geister gehorchen, sondern freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind.

Es gibt Evangelien, deren Abstand zu uns von vornherein so groß, so unüberwindbar groß ist, dass man sich fragen möchte, warum sie uns überhaupt verkündet werden. Das heutige Evangelium scheint mir so ein Text zu sein. Es hat zwar einerseits einen gewissen Reiz, so dass man schon zuhören und bei dem einen oder anderen hängen bleiben kann. Aber wenn wir fragen wollten: "und, was bleibt?", dann stehen wir doch ziemlich ratlos da.

Nach dem Aufbau zu schließen, läuft unser heutiges Evangelium auf das Ende wie auf einen Höhepunkt zu: Jesus weist die Jünger, die von einem erfolgreichen Ausschwärmen in die benachbarten Städte und Dörfer zurück gekehrt sind, auf das eigentlich Wichtige und Entscheidende hin. Sie sollen sich freuen, dass ihre Namen im Himmel verzeichnet seien. Dieser so positiv gemeinte Satz kann von uns, so vermute ich einmal, eher negativ konnotiert werden. Von irgendwelchen Namenslisten erfasst zu sein, in irgendwelche Karteien eingetragen zu sein, das findet in der Regel kaum unser Gefallen. Das gilt nicht nur von der Verkehrssünderkartei in Flensburg, das gilt auch im Bereich der Diskussion um den genetischen Fingerabdruck, um den "gläsernen Menschen", wo wir befürchten, in jeder Hinsicht kontrolliert und erfasst zu sein und der Sphäre der Intimität beraubt zu werden.

"Eure Namen sind im Himmel verzeichnet". Wir hören diesen Satz mit unseren Ohren und auf dem Hintergrund unserer Erfahrungen und manchmal auch unserer Ängste. Und da meldet sich dann leicht unsere Befürchtung - die in diesem Fall allerdings gänzlich unangemessen wäre - , auch hier müssten wir unseren Namen, unsere unvertretbare Einmaligkeit, unsere Unverwechselbarkeit an die Anonymität eines Verzeichnisses im Himmel hergeben. Dann aber hätten wir dem Evangelium vollkommen Unrecht getan. Denn es will unserer Befürchtung gerade entgegenwirken und es versichert uns, dass im Reich Gottes - hier heißt es "im Himmel" - anders mit uns umgegangen wird. Im Reich Gottes gehe es exakt um unsere Person, um unsere unverwechselbare einmalige Existenz, um unsere Individualität und Sozialität, mit einem Wort, um unser reales Leben. Das alles ist gebündelt im Begriff des " Namens". Unser Name - also wir mit unser gesamten Existenz - ist bei Gott aufgehoben. Ein Satz, der sich gegen alle Tendenzen richtet, die uns zu Nummern machen und uns unserer Personalität entkleiden

Mit diesem Satz will Jesus den Jüngern - und damit uns - Sicherheit geben, dass unser Leben in Gottes guten Händen ist. Der Satz drückt das in einer Form aus, die in der Schrift immer wieder begegnet, vor allem in der Verwendung des Bildes vom "Buch des Lebens". So zählt Paulus im Philipperbrief seine Mitarbeiter, die sich für das Evangelium einsetzen, zu denen, deren " Namen im Buch des Lebens stehen" (Phil 4,3). Ähnlich spricht der Hebräerbrief die Gläubigen als die Gemeinschaft der Erstgeborenen an, "die im Himmel verzeichnet sind" (Hebr 12,23). Die Vorstellung vom Buch des Lebens ist auch an vielen Stellen des Alten Testaments anzutreffen. So bittet der Psalm 69 darum, dass die Ungerechten aus dem Buch des Lebens getilgt werden und nicht bei den Gerechten verzeichnet sein sollen (Ps 69,29). Und Mose bittet im Buch Exodus angesichts der Untreue des Volkes gegenüber Jahwe sogar darum, ihn, Mose, aus dem Buch des Lebens zu streichen (vgl. Ex 32,32). Umgekehrt verheißt Jesaja dem treuen Rest der Bewohner Jerusalems, die nicht von Jahwe abgefallen waren, dass sie in das Verzeichnis derer eingetragen seien, die am Leben blieben (vgl. Jes 4,3).

Darauf also läuft das heutige Evangelium hinaus, die Jünger damals und uns heute für den Glauben zu gewinnen, dass unsere Namen im Himmel verzeichnet sind. Vielleicht können wir das doch ein wenig positiver zu sehen lernen und begreifen, was uns da gesagt ist. Bedenken wir folgendes: Wir pflegen gewöhnlich die Namen unserer Verstorbenen, bewahren ihnen unser ehrendes Andenken. Ihre Bilder schlummern meist nicht vergessen in dicken Fotoalben, wir hängen sie in unseren Wohnungen auf, weisen ihnen einen Ehrenplatz zu. Wir tragen ihre Namen also gewissermaßen in unser Leben ein, in unser dabei so flüchtiges Leben. Wobei mitunter auffällt - um das hier nur am Rande zu erwähnen - , wie unachtsam, gedankenlos und manchmal auch würdelos wir im Alltag des Lebens miteinander umgehen, im Bereich der Familie, des Berufs, der Alltagskontakte, um erst angesichts der Gräber trauernd und auf das zurückzublicken, was wir hätten besser machen können. Von solchen späten Einsichten werden ja auch unsere Motive des Gedenkens beeinflusst.

Was wir - im einzelnen in unterschiedlichen Äußerungen - da tun, das spiegelt im Grunde unsere Überzeugung wider, dass an der Aussage des Evangeliums etwas sein muss, dass unsere Namen im Himmel verzeichnet sind.

Dabei spitzt das Evangelium diese Aussage zu, aber diese Zuspitzung läuft nicht auf einen Ausschluss von irgend jemand hinaus. Das Evangelium spitzt diese Aussage zu, indem es die Gewissheit, dass unsere Namen im Himmel verzeichnet sind, in der Tat aus der Erfahrung des Auftretens und Wirkens Jesu erwachsen lässt. Durch Jesu Auftreten wurde den Menschen bewusst, dass ihr Leben in den Augen Gottes zählt und wertvoll ist, eine Einsicht, die sich dabei nicht nur auf ihr jenseitiges Leben nach dem Tode bezog, sondern die vor allem deutlich werden ließ, dass für Gott das Leben jedes einzelnen Menschen im Hier und Jetzt wichtig ist.

Wir denken also zu gering vom Leben unserer Angehörigen, unserer verstorbenen Angehörigen, wenn wir meinen, nur wir halten dieses Leben in Erinnerung, indem wir es in vergänglichen Familienlisten und auf Totentafeln festhalten. Nein, ihre Namen sind im Himmel verzeichnet. Das entbehrt jeden vertröstenden Charakters, vielmehr will diese Gewissheit eine unser Leben dynamisierende Kraft entfalten. Und eben diese Gewissheit unter die Leute zu bringen, war der Sinn der Aussendung der 70 oder - nach einer anderen Lesart - der 72 Jünger, die Jesus vorausschickte, damit sie auf ihn und sein Kommen hinwiesen.

Die mit dieser Aussendung verbundenen Details mögen uns nur am Rande interessieren. Es ist auch schwierig, sie in ihrer Bedeutung in unsere Tage herüberzuheben. Vielleicht nur so viel: Die Jünger sollten das Reich Gottes verkünden in den Städten, in den Dörfern, in den Häusern. "Das Reich Gottes ist euch nahe!" Sie sollten ein erstes Aufhorchen, eine erste Aufmerksamkeit bei den Leuten wecken, bevor Jesus selber kam. Als seine Vorboten sollten sie offenbar nicht viele Worte machen, sondern die Kranken heilen und in die staunende Erfahrung der Leute hinein ausrichten, dass das Reich Gottes nahe sei.

Die Modalitäten des Sendungsauftrags durch Jesus mögen manche Frage aufgeben. Schon allein, dass sie als Boten so schlecht ausgestattet waren, ohne Geld, ohne Vorrat, ohne Schuhe. Und dann noch dazu - so könnte man im ersten Moment meinen - , dass sie so unfreundlich auftreten sollten. Sie sollten unterwegs niemand grüßen. Das erklärt sich wohl so, dass sie, durch nichts abgelenkt, Jesu Botschaft vom Reich Gottes ausrichten sollten. Damit hing auch zusammen, dass sich alles andere, was zum Leben gehörte, wie Geld, Verpflegung, Unterkunft, schon von selbst regeln sollte. Priorität vor allem anderen sollte die Ansage des nahen Reiches Gottes haben.

Interessant ist auch, dass ihre Sendung gleichzeitig - wie in einem inneren Widerspruch - gesehen wird als eine Sendung von Schafen unter Wölfe. Das will wohl darauf hinweisen, dass ihre Botschaft es schwer hat, gehört zu werden, dass sie Gefahr läuft, "zerrissen" zu werden. Vielleicht dürfen wir daraus auch einen Gegensatz des Auftretens der Jünger gegenüber dem Auftreten der Schriftgelehrten und Pharisäer herauslesen. Sie, die Jünger, sollten sich wie Schafe unter die Wölfe wagen, sie sollten sich vom Versteckspiel der Pharisäer als Wölfe in Schafskleidern (vgl. Mt 7,15) fernhalten. Selbst da, wo sie überhaupt nicht gehört würden, sollten sie nicht nur den Staub von den Füßen schütteln, gewissermaßen, um diesen Staub des Unglaubens nicht anderswohin zu tragen. Nein, sie sollten gleichwohl ihre Ansage ausrichten, dass das Reich Gottes nahe sei

Die bescheidene Ausstattung der Jünger, nämlich mit gar nichts, außer mit der Vollmacht versehen zu sein, das Reich Gottes anzusagen, ist in sich nicht negativ, sondern positiv zu sehen. Das wird im Licht einer anderen Stelle des Lk-Evangeliums deutlich, an der Jesus dazu auffordert: "Verkauft eure Habe und gebt den Erlös den Armen. Macht euch Geldbeutel, die nicht zerreiß en. Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, droben im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst, Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz" (Lk 12,33-34). Die Botschaft vom Reich Gottes stellt einen Schatz dar, und wer diesen Schatz angenommen hat, der hat in ihm alles gewonnen. An das heranzukommen, fällt uns sicher schwer. Es fällt uns schwer, uns gewissermaßen so zu entblößen und alles auf die Karte der Zusage Jesu zu setzen, dass unsere Namen im Himmel verzeichnet sind. Das scheint für uns ein zu großer Brocken zu sein. Das kommt so abgehoben und so lebensfern einher, dass es uns nicht wirklich trifft und berührt. Und doch sollten wir uns in diese Ansage, dass unsere Namen im Himmel verzeichnet sind, einfühlen. Denn in ihrem Licht könnte sich manches Klammern, manche Verbohrtheit und Verbissenheit unseres Lebens lösen. Unser Leben hat einen verlässlicheren Grund als den, den wir selber legen. Gut, dass es so ist. Unser Leben, unser Name ist verzeichnet im Himmel.

Wenn Gott so groß von uns denkt, warum denken wir dann manchmal so geringschätzig von uns? Vom eigenen Leben und vom Leben anderer?



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07. November 2004
32. Sonntag im Jahreskreis
Tot oder lebendig?

Lk 20,27-38 27

Von den Sadduzäern, die die Auferstehung leugnen, kamen einige zu Jesus und fragten ihn: 28 Meister, Mose hat uns vorgeschrieben: Wenn ein Mann, der einen Bruder hat, stirbt und eine Frau hinterlässt, ohne Kinder zu haben, dann soll sein Bruder die Frau heiraten und seinem Bruder Nachkommen verschaffen. 29 Nun lebten einmal sieben Brüder. Der erste nahm sich eine Frau, starb aber kinderlos. 30 Da nahm sie der zweite, 31 danach der dritte, und ebenso die anderen bis zum siebten; sie alle hinterließen keine Kinder, als sie starben. 32 Schließlich starb auch die Frau. 33 Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt. 34 Da sagte Jesus zu ihnen: Nur in dieser Welt heiraten die Menschen. 35 Die aber, die Gott für würdig hält, an jener Welt und an der Auferstehung von den Toten teilzuhaben, werden dann nicht mehr heiraten. 36 Sie können auch nicht mehr sterben, weil sie den Engeln gleich und durch die Auferstehung zu Söhnen Gottes geworden sind. 37 Dass aber die Toten auferstehen, hat schon Mose in der Geschichte vom Dornbusch angedeutet, in der er den Herrn den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs nennt. 38 Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn sind alle lebendig.

Hätten wir heute - die Leseordnung bricht vorher ab - einen Satz im Evangelium weitergelesen, wären wir auf den Satz gestoßen, dass einige Schriftgelehrte die Antwort Jesu zur Auferstehung der Toten ganz großartig fanden. "Da sagten einige der Schriftgelehrten: Meister, du hast gut geantwortet." Ob wir für uns auch diesen Eindruck teilen? Oder bleibt uns Jesu Argumentation eher fremd? Wie überhaupt die ganze Szene? Da ist von Sadduzäern die Rede, die Jesus mit einer mosaischen Gesetzesvorschrift konfrontieren, mit der Vorschrift der sogenannten Leviratsehe.

Die Konstruktion des Falles einer Frau, die nacheinander von sieben Männern geheiratet wird, gut, das können wir uns - auch von heutigen Erfahrungen her - noch am ehesten vorstellen. Aber das Ganze dürfte uns doch sehr fremd bleiben, sehr kalt lassen, die Tatsache, dass es da eine Gruppe gab, die sich Sadduzäer nannte. Und diese merkwürdige Vorschrift im mosaischen Gesetz. Uns sagen allenfalls die Pharisäer etwas, weil sie immer wieder in den Evangelien vorkommen.

Aber die Gruppe der Sadduzäer? Was sollen das für Leute gewesen sein? Man hat den Eindruck, dass schon die synoptischen Evangelien nicht mehr so genau Bescheid wussten bzw. wissen wollten, was die Sadduzäer betraf. Für die jungen christlichen Gemeinden stellten sie keine herausfordernde Gruppe dar, da sie - als eine auf Jerusalem zentrierte Gruppe - mit der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 fast allen Einfluss verloren hatte. Die Gruppe der Pharisäer hingegen erfuhr - interessanterweise gerade in Folge des Ausfalls des Tempels - einen Bedeutungszuwachs über das ganze Land hin. Exakt in der Zeit, als sich auch die christlichen Gemeinden über das Land ausbreiteten. Hier aber, im heutigen Evangelium, haben wir es mit ihnen zu tun. Was war das für eine Gruppe? Und was war daran, dass sie die Auferstehung der Toten leugneten?

Hier müsste man länger ausholen. Sie stellten in Jerusalem eine einflussreiche Gruppe in der Führung des Judentums dar. Dass sie die Auferstehung der Toten leugneten, hing damit zusammen, dass sie sich in Jerusalem als Bollwerk der überkommenen jüdischen Tradition verstanden. Dieser Tradition aber war die Auferstehung der Toten unbekannt. So etwas wie eine jenseitige Auferstehungshoffnung am Ende der Tage gab es nicht. Gewiss gab es vereinzelt davon abweichende Meinungen, etwa bei Ezechiel (Ez 31,1-14) und bei Deuterojesaja (Jes 53-10) und anderswo, die eine allgemeine Auferstehungshoffnung vertraten. Das änderte sich erst, als besonders seit dem 2. Jahrhundert vor Christus hellenistisches, altorientalisches und iranisches Gedankengut in den Raum der jüdischen Diaspora eindrang - aber eben nicht in Jerusalem selbst -, das eine jenseitige Auferstehung favorisierte. Da die Sadduzäer die Reinerhaltung der ursprünglichen Tradition auf ihre Fahnen geschrieben hatten, waren sie die natürlichen Gegner dieser neuen jenseitigen Auferstehungshoffnung. Es hatte übrigens auch mit dieser Reinerhaltung des Gesetzes zu tun, dass sie den gesamten Auslegungsballast, den die Pharisäer allmählich um das Gesetz aufgebaut hatten, ablehnten. Hinzukommt, dass sie in gewisser Weise ein deistisches Gottesbild vertraten, wonach Gott weder in die Gesamtgeschichte noch in die Biographie eines einzelnen Menschen eingreife. Aus heutiger Perspektive geurteilt sprachen aus ihrer Gedankenwelt gewissermaßen atheisierende Tendenzen, welche Einschätzung die Sadduzäer freilich weit von sich gewiesen hätten, da sie sich doch als die wahren Lordsiegelbewahrer des mosaischen Gesetzes verstanden.

Da Jesus nun in Jerusalem angekommen war, konnte es nicht ausbleiben, dass er sich mit ihnen als den Repräsentanten der offiziellen Theologie Jerusalems auseinandersetzte. Bezeichnenderweise ging es dabei exakt um die Frage der eschatologisch-jenseitigen Auferstehung der Toten. Wie die Sadduzäer ihre Frage an Jesus formulieren, das mag uns umständlich und konstruiert vorkommen. Aber sie argumentierten auf der Basis des mosaischen Gesetzes, wenn auch in bewusst überzogener Form. Das Gesetz sah vor, dass ein Mann die Frau seines Bruders heiraten sollte, wenn dieser kinderlos verstorben war. Der zweite Mann sollte in der Ehe für Nachkommenschaft sorgen, die dann nicht als seine, sondern als die Nachkommenschaft des verstorbenen Bruders galt. Vor diesem Hintergrund konstruieren die Sadduzäer ihren Fragefall. Welchem Mann gehöre nun die Frau in der Ewigkeit? Die Frage wollte darauf hinaus, dass Ewigkeit eigentlich Quatsch sei, und sich die Vorstellung eines Weiterlebens nach dem Tod ad absurdum führe. Jesus macht deutlich, dass die Ewigkeitsvorstellung nur dann absurden Charakter annehme, wenn man sie als bloße Verlängerung der irdischen Lebensverhältnisse ansehe. In der Ewigkeit werde nicht mehr geheiratet und nicht mehr gestorben. In der Ewigkeit seien die Verstorbenen - um es so zu sagen - in einer von Gott ermöglichten transzendenten Seinsweise. Wenn es hierbei heißt, "die aber, die Gott für würdig hält, an jener Welt und an der Auferstehung der Toten teilzuhaben", dann bedarf das wohl einer Erläuterung. Das will wohl nicht besagen, hier walte eine willkürliche göttliche Selektion.

Das bedeutet richtiger, dass die Auferstehung im Jenseits eben nicht das Werk der Menschen, sondern ausschließlich das Werk Gottes sei. Nach diesem ersten Argumentationsgang setzt Jesus noch zu einem zweiten an. Mose habe von Gott als dem "Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs" gesprochen, als dem Gott der Urväter. Und er habe von ihnen nicht als Toten, sondern als Lebenden gesprochen. "Denn für ihn sind alle lebendig." Man könnte auch sagen, in ihm leben alle. Ob Jesus die Fragesteller damit überzeugt hat? Wohl nicht. Denn in einem rabbinischen Traktat um 90 nach Christus begegnen wir wiederum einem Streitgespräch, und zwar zwischen Sadduzäern und einem Rabbi namens Rabban Gamaliel II.: "Die Sadduzäer fragten Rabban Gamaliel, woher sich beweisen lasse, dass der Heilige - gepriesen sei er - die Toten wieder lebendig mache. Er sagte zu ihnen: Aus dem Gesetz, den Propheten und den Hagiographen! Sie aber nahmen es nicht von ihm an." Zurück zur Antwort Jesu. Wer sie gut fand, das waren einige anwesende Schriftgelehrte. Denn sie hatten keine Zweifel an der Auferstehung der Toten in der Ewigkeit.

Damit sind wir bei uns. Es mag sein, dass wir um diese Zeit des Kirchenjahres nicht mit der Frage nach der Auferstehung gerechnet haben. Sie hat für uns ihren Platz in der österlichen Zeit. Andererseits haben wir in diesen Tagen den November erreicht, den wir ja auch den Totenmonat nennen. In diesem Monat also tritt die Frage nach unserem Glauben an die Auferstehung an uns heran. Es ist eine Frage, der heute manche - bis in die Gottesdienstgemeinde hinein - nicht mehr viel abgewinnen. Um so weniger dürfen wir sagen, das sei halt so. An diesem Punkt weiche eben die Meinung vieler Menschen von den kirchlichen Glaubensvorgaben ab. Es fällt schwer, sich ein klares Bild darüber zu machen, was die Menschen heute so scharenweise von der christlichen Auferstehungshoffnung abrücken lässt. Vielleicht sind es die Vorstellungen, die sie mit den Begriffen "Himmel", "Hölle", "Fegfeuer", "Gericht" usw. verbinden. Das passe nicht mehr zu den heutigen Lebenskonzepten. Damit scheint aber die Dynamik der Frage, was nach dem Tode sei, ja, was der Sinn des Lebens sei, nicht erledigt. Sie scheint sich auf andere Bereiche zu verlagern, auf die Neuentdeckung des Körperlichen als vermeintlich letzter haltgebender Identität des Menschen; auf Phantasien, die sich auf lebenserhaltende Maßnahmen der Biomedizin beziehen; auf ein unpersönliches Weiterleben im All-Einen; auf Wiedergeburtsphantasien und dergleichen.

Das alles deutet darauf hin, dass wir an dieser entscheidenden Frage unserer Existenz nicht ruhig zu stellen sind. In diese Situation hinein müsste die Botschaft der Auferstehung neu auszurichten sein. Dabei müssen wir uns aller vermeintlich genau gewussten Details enthalten. Der erste, der unter dem Eindruck der Auferstehung Jesu eine Antwort auf die Frage gab, was uns nach dem Tode erwarte, war Paulus. Er formulierte es so: "Gesät wird in Sterblichkeit, auferweckt in Unsterblichkeit" (1 Kor 15,42). Das ist das früheste, uns schriftlich überkommene Zeugnis des Glaubens an die Auferstehung, früher als alle Auferstehungserzählungen der Evangelien. Ein sehr bestimmtes, aber in der Angabe der Modalitäten der Auferstehung eher zurückhaltendes, ja geradezu enthaltsames Bekenntnis. Wir verfügen nicht über das, wie es exakt mit uns sein wird, nach unserem Tod. Nur haben wir im Licht der Botschaft Jesu und im Licht seiner Auferstehung allen Grund, anzunehmen, dass Gottes Ja zu uns, dem wir unser Leben verdanken, auch in unsrem Tod Gültigkeit behält. Nicht wir können von uns her sterbend etwas vorhalten vor Gott. Aber Gott kann uns und wird uns in seinen guten Händen ankommen lassen - mit unserer gesamten Lebensgeschichte. Nach einem Gedanken aus dem ersten Johannesbrief gehen wir nicht erst in unserem Tod zum Leben über, zum ewigen Leben, sondern "wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben" (1 Joh 3,14). In unserer gelebten Liebe gehen wir ins Leben über. Das Wie also - wie es nach unserem Tod sein wird - entzieht sich uns. Aber dass uns Gott in seinen guten Händen ankommen lässt - darauf sollten wir blind vertrauen.

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Untitled 27. Februar 2005
3. Fastensonntag
Unsere wahre Lebensquelle

In jener Zeit kam Jesus zu einem Ort in Samarien, der Sychar hieß und nahe bei dem Grundstück lag, das Jakob seinem Sohn Josef vermacht hatte. Dort befand sich der Jakobsbrunnen. Jesus war müde von der Reise und setzte sich daher an den Brunnen; es war um die sechste Stunde. Da kam eine samaritische Frau, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagte zu ihr: Gib mir zu trinken! Seine Jünger waren nämlich in den Ort gegangen, um etwas zum Essen zu kaufen. Die samaritische Frau sagte zu ihm: Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten? Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern. Jesus antwortete ihr: Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben. Sie sagte zu ihm: Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief; woher hast du also das lebendige Wasser? Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben und selbst daraus getrunken hat, wie seine Söhne und seine Her-den? Jesus antwortete ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekom-men; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt. Da sagte die Frau zu ihm: Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hier-her kommen muss, um Wasser zu schöpfen. Er sagte zu ihr: Geh, ruf deinen Mann, und komm wieder her! Die Frau antwortete: Ich habe keinen Mann. Jesus sagte zu ihr: Du hast richtig gesagt: Ich habe keinen Mann. Denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Damit hast du die Wahrheit gesagt. Die Frau sagte zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berg Gott angebetet; ihr aber sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten muss. Jesus sprach zu ihr: Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Ju-den. Aber die Stunde kommt, und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Va-ter anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden. Gott ist Geist, und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahr-heit anbeten. Die Frau sagte zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, das ist: der Gesalbte (Christus). Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden. Da sagte Jesus zu ihr: Ich bin es, ich, der mit dir spricht.

Inzwischen waren seine Jünger zurückgekommen. Sie wunderten sich, dass er mit einer Frau sprach, aber keiner sagte: Was willst du?, oder: Was redest du mit ihr? Da ließ die Frau ihren Wasserkrug stehen, eilte in den Ort und sagte zu den Leuten: Kommt her, seht, da ist ein Mann, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe: Ist er vielleicht der Messias? Da liefen sie hinaus aus dem Ort und gingen zu Jesus.

Viele Samariter aus jenem Ort kamen zum Glauben an Jesus auf das Wort der Frau hin, die bezeugt hatte: Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe. Als die Samariter zu ihm kamen, baten sie ihn, bei ihnen zu bleiben; und er blieb dort zwei Tage. Und noch viel mehr Leute kamen zum Glauben an ihn aufgrund seiner eigenen Worte. Und zu der Frau sagten sie: Nicht mehr aufgrund deiner Aussage glauben wir, son-dern weil wir ihn selbst gehört haben und nun wissen: Er ist wirklich der Retter der Welt. Joh 4,5-30; 39-42

Es könnte sein, dass dieses lange Evangelium für uns nur an einer Stelle eine ge-wisse Spannung erzeugt hat, nämlich an der Stelle, als Jesus - nach unserem Ein-druck - unvermittelt die Frau nach ihren Männern fragt. Männergeschichten oder Frauengeschichten - die sind ja immer interessant. Jetzt scheint es peinlich zu wer-den. Nun scheint das schöne unverbindliche Wortgeplänkel zwischen Jesus und der Frau vorbei. Aber nein, es mag uns enttäuschen: Es geht ganz anders weiter. Und wie, dafür reichte möglicherweise unsere punktuelle Aufmerksamkeit schon nicht mehr aus.

Auf die richtige Fährte kommen wir, wenn wir registrieren, dass sich Jesus hier an den sogenannten Jakobsbrunnen gesetzt hat, an einen Brunnen, der im Griechi-schen mit einem Wort umschrieben ist, das - im Gegensatz zu unserer Brunnenvor-stellung - nicht an eingefasstenten Brunnen, sondern eher an fließendes Wasser, an eine Quelle denken lässt, aus der Bäche, ja Flüsse hervorgehen. Noch bevor also überhaupt ein Wort gewechselt wird zwischen Jesus und der Frau, deutet das Joh-Evangelium bereits symbolisch an, dass Jesus - an diesem Brunnen sitzend - nichts anderes ist als die lebendige Quelle, als das lebendige Wasser in Person. Dann erst kommt die Frau dazu, die Wasser schöpfen will.

Zwischen ihnen entwickelt sich einer der für das Joh-Evangelium typischen Dialoge, die in manchem der Doppelbödigkeit der Dialoge auf Bauerntheaterbühnen ähneln. Doch ernsthaft: Jesus hat Durst und bittet um Wasser. Die Frau wundert sich, von Jesus, einem Juden, angesprochen zu werden, und gibt ihrer Verwunderung Aus-druck. Mit der Antwort Jesu beginnt die Doppelbödigkeit des Dialogs; sie macht ihn, den Dialog, für uns in gewisser Weise amüsant. Denn wir sind dem Verstehen und den Antworten der Frau natürlich um eine ganze Elle voraus. Wir wissen schließlich schon, mit wem sie spricht; sie aber nicht. "Wenn du wüsstest, wer zu dir gesagt hat, gib mir zu trinken!" Sie weiß es eben nicht. "Du hättest ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben." Das will der Frau nicht in den Kopf: Erst selber um Wasser bitten und dann behaupten, man hätte selber Zugang zum lebendigen Was-ser? Ohne Schöpfgefäß? Wie soll das gehen?

Jesus hat die Frau gewissermaßen in ein sokratisches Frage- und Antwortspiel ver-wickelt. Ihre "Denke" ist angesprungen. Sie kommt ins Fragen. Für einen Moment entfernt sie sich tatsächlich von der Tiefe des realen Brunnens, als finge sie bereits an, Jesus zu verstehen: "Bist du größer als unser Vater Jakob?" Aber dann kehrt sie augenblicklich wieder zum realen Brunnen zurück. Jesus macht einen erneuten An-lauf: Wer aus diesem Brunnen trinkt, der wird wiederkommen müssen, um seinen Durst zu löschen und um Wasser zuschöpfen. "Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe," - hier spricht Jesus zum ersten Mal in der Ich-Form - "wird niemals mehr Durst haben." Der wird selbst zu einer Wasserquelle, zur Quelle sprudelnden Lebens. Vergeblich: Die Frau begreift nicht. Sie begreift nur im Horizont ihrer Erwar-tungen: Ja, das wäre schön, dann könnte ich mir in Zukunft den Weg hierher erspa-ren und hätte immer Wasser zu Hause.

Nach diesem beharrlichen Missverstehen ändert Jesus seine Gesprächstaktik. "Schau mal dein Leben an, wie viel ungestillte Lebenssehnsucht aus deinem Leben spricht! Deine Männergeschichten, merkst du es nicht selbst, sie können deinen Le-benshunger und deinen Lebensdurst nicht wirklich sättigen und nicht stillen." Nicht um Männergeschichten geht es hier, sondern um das Bemühen Jesu, dass die Frau erkenne, dass sich in ihrem Leben ungestillter Hunger und ungestillter Durst melden. Und das nicht zu knapp. Sie scheint zu begreifen. Der Lebenssinn ist angesprochen, und auf der Stelle verhandelt sie diese Frage als "religiöse" Frage. Sie tut dies, indem sie die Frage aufwirft, wo und wie man eigentlich Gott richtig anbeten solle. Darin folgt sie keinem taktischen Ausweichmanöver vor eher persönlich-peinlichen Fragen Jesu. Im Gegenteil: Ihr Gesprächsverhalten macht auf etwas Wichtigeres aufmerk-sam: Wenn sie offensichtlich in diesem Mann schon so etwas wie einen "Propheten" vor sich hat, dann liegt es doch nahe, sich mit ihm über religiöse Sachverhalte zu unterhalten. Und dabei schien ihr ihr eigenes Leben keinen geeigneten Stoff, keinen Erfahrungsstoff, zu liefern. Das Religiöse - das war für sie ein Bereich außerhalb ihres Lebens.

Von diesem falschen Blick auf ihr Leben versucht Jesus sie wegzuführen, und es scheint ihm halbwegs zu gelingen. Es komme nicht darauf an, wo man Gott anbete, ob auf dem Berg Garizim oder auf dem Berg Zion, es komme darauf an, dass es "im Geist und in der Wahrheit" geschehe. Ungebildet und uninteressiert war also diese Frau offensichtlich nicht. Denn sie litt wie viele ihrer Mitbewohner daran, dass die religiöse Elite in Jerusalem den Jahwekult auf dem Berg Garizim gewaltsam unter-bunden hatte, indem sie das dortige dem Jahwe geweihte Heiligtum dem Erdboden gleichmachte.

Die Antwort Jesu, es komme darauf an, Gott "im Geist und in der Wahrheit" anzube-ten, möchte ich so deuten, dass es darum gehe, die Suche nach Gott aus den Erfah-rungen des eigenen Lebens zu speisen, gewissermaßen mit dem Leben geerdet zu Gott zu beten. Die Suche nach Gott müsse von der Erfahrung des Lebens als der Wahrheit des Lebens getragen sein. In dem Moment scheint die Frau begriffen zu haben. Sie formuliert eine erstaunliche Vermutung, die Jesus gewissermaßen nur noch zu bestätigen hat. Ob nicht der Messias, wenn er komme, genau über solche Dinge reden werde? Genau diese Einsichten den Menschen erschließen werde? Je-sus kann das nur direkt bestätigen: "Ich bin es, ich, der mit dir spricht."

Wir können das Weitere außer acht lassen, weil das bisher Bedachte schon genug zu denken gibt. Jesus erscheint in diesem Evangelium als Quelle des Lebens. Seine Gabe stillt das Lebensverlangen, sie bringt im Menschen das Leben hervor. Haben wir das je schon einmal in unserem Leben erfahren? Noch deutlicher: Sind wir schon einmal in die Nähe der Erfahrung gekommen, dass aus uns aufgrund unserer Nach-folge Jesu sein Leben sprudelt?

Sagen wir nicht, solche Zumutungen seien nichts für uns. So fromm wollen wir uns nicht machen. Wo kämen wir denn da hin, uns - angesteckt von Jesus - als spru-delnde Quelle zu verstehen? Wir sollten unsere diesbezügliche Reserviertheit aufge-ben. Schon bei Jesaja ergeht die Aufforderung an uns: "Auf, ihr Durstigen, kommt alle zum Wasser" (Jes 55,1). Wenn wir mehr die Nähe Jesu suchten, wenn wir ihn als Quelle unseres Lebens suchten - wir würden, etwas respektlos gesagt, nicht "ba-den gehen", sondern mehr unter die Strömung jenes Satzes geraten, den wir später im Joh-Evangelium lesen: "Wer an mich glaubt, aus dem werden Ströme lebendigen Wassers fließen" (Joh 7,38).

Unser Leben kann lebendiger werden, will lebendiger werden. Es wird nicht blasser, fahler, farbloser, je mehr wir als Christinnen und Christen zu leben versuchen. Viel-leicht wirkte es auf uns schon belebend, wenn wir die Aussage Jesu von der spru-delnden Quelle als wahre und gültige Aussage über unser Leben akzeptieren wür-den, wenn wir von ihr her unser Leben deuten würden. In uns, in mir sprudeln Quel-len des Lebens, die nicht von mir kommen, die nicht von mir gespeist sind. Nehmen wir unser Leben einmal bedächtig ins Visier. Werden wir dann nicht da und dort tat-sächlich gewahr, dass das Reiche, das Wichtige, das Wertvolle in unserem Leben uns immer wie ein Geschenk zukam und zukommt? Dass es sich nicht unserer eige-nen, manchmal verkrampften Anstrengung verdankt?

Schütteln wir also an diesem 3. Fastensonntag, bildhaft gesprochen, das Wasser des Lebens nicht wie nasse Pudel von uns ab. Lassen wir es in uns eindringen und dann aus uns heraustreten. Die Frau am Jakobsbrunnen hat das offensichtlich richtig ge-macht. Sie wurde - in der realen Belastetheit ihres Lebens - zum Überbringer der Jesusbotschaft. Tun wir es ihr gleich.

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07. August 2005
19. Sonntag im Jahreskreis
Der Griff zur Hand

Gleich darauf forderte er die Jünger auf, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken. Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten. Spät am Abend war er immer noch allein auf dem Berg. Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Ge-genwind. In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen; er ging auf dem See. Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrieen vor Angst. Doch Jesus begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! Darauf erwiderte ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme. Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Je-sus zu. Als er aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. Er schrie: Herr, rette mich! Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind. Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn. Mt 14,22-33

Was für eine Geschichte! So könnten wir im ersten Moment meinen. Was fällt denn Jesus noch alles an Überraschungen ein. Erst - so könnte man empfinden - die Speisung der Fünftausend, und jetzt der Gang auf dem Wasser. Soll das alles noch etwas mit dem zu tun haben, was seine Sendung war? Nämlich das Reich Gottes zu verkünden und in den Menschen das Vertrauen auf Gott aufzubauen?

Wir sprechen gewöhnlich vom Gang Jesu über das Wasser. Aber tun wir uns damit eigentlich einen Gefallen? So lautet freilich auch die Überschrift zu unserem Text in der deutschen Einheitsübersetzung: "Der Gang Jesu auf dem Wasser." Ist das sehr geschickt? Wohl kaum. Denn diese Überschrift erweckt den Eindruck, als sei es bei dem, wovon da gesprochen wird, um ein Naturwunder gegangen, gewissermaßen um ein weiteres Mirakel Jesu. Und manche tun sich dann verständlicherweise schwer, das alles noch sehr ernstzunehmen und winken ab. Nicht umsonst kursieren Witze darüber, wie man übers Wasser gehen kann - man müsse nur wissen, wo die Steine liegen.

Mit der Fixierung auf ein Naturwunder, auf ein Mirakel kommen wir hier nicht weiter, auch wenn wir persönlich damit vielleicht keine Schwierigkeiten hätten. Es geht um etwas ganz anderes. Es geht um kein Naturwunder.

Die Erzählung - wir sprechen besser von der "Komposition bei Mt - stützt sich auf Vorbilder im Alten Testament, die uns auf die richtige Fährte bringen.. Es handelt sich gewiss um keine Vorbilder, die unmittel-bar vom Gehen über Wasser sprechen, aber sie sprechen - und das ist im Hintergrund das Wichtigere - vom Vorübergang des Herrn, vom Vor-übergang Jahwes. So ist in Ex 34 davon die Rede, dass der Herr auf dem Berg Sinai an Mose vorüberging. Ein interessantes Stilmittel der Begegnung: Gott geht vorüber. "Der Herr ging an Mose vorüber und rief: Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue" (Ex 34,6). Ähnlich war es bei Elija am Berg Horeb. Da lesen wir: "Der Herr sagte zu Elija: Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den Herrn! Da zog der Herr vorüber" (1 Kön 19,11). Erst kam ein hef-tiger Sturm, dann ein Beben, dann Feuer. In all dem war der Herr nicht. "Nach dem Feuer aber kam ein sanftes, leises Säuseln. Als Elija das hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel und stellte sich an den Ein-gang der Höhle" (1 Kön 19,12-13).

Der Herr also begegnet im Vorübergehen, und zwar nicht in angsterregender, erschreckender Weise, so dass er eine Spur des Unheils und der Verwüstung hinterließe, sondern in einem sanften Säuseln, bzw. in der ausdrücklichen Ansage, dass er barmherzig, gnädig, langmütig, reich an Huld und Treue sei.

Diese biblischen Reminiszenzen liefern Mt ein Motiv für seine Komposi-tion der heutigen Erzählung. Was das Element des Wassers angeht, lagen ebenso alttestamentliche Vorbilder vor. Zunächst darf uns da sofort der rettende Durchzug der Israeliten durch das Schilfmeer einfallen, eine Grunderfahrung, die in einer ganzen Reihe von Psalmen festgehalten blieb. So zum Beispiel in Psalm 77: "Durch das Meer ging dein Weg, dein Pfad durch gewaltige Wasser. Doch niemand sah deine Spuren" (Ps 77,20). Oder man denke an das Buch Ijob, wo von Gott gesagt wird: "Er spannt allein den Himmel aus und schreitet einher auf den Höhen des Meeres" (Ijob 9,8).

Angesichts dieser Rückbezüge auf das Alte Testament könnten wir es mit einem Problem zu tun bekommen. Denn das sind dort doch alles Aussagen, die sich ausschließlich auf Gott, den Herrn, auf Jahwe, beziehen. Und hier hätte Jesus diese Aussagen in einer gewissen Nonchalance einfach auf sich übertragen? So mir nichts dir nichts? Nein, es spricht alles dafür, dass eine solche Übertragung der göttlichen Epiphanie- und Erscheinungsgesten auf Jesus erst - unter dem Eindruck seines Todes und seiner Auferstehung - von der nachösterlichen Gemeinde vollzogen wurde. Erst die Erfahrung der Auferstehung bereitete den Boden, eine solche Erzählkomposition, wie wir sie im heutigen Evangelium vorliegen haben, zu schaffen.

Dann aber rückt der - fälschlicherweise - sogenannte Gang Jesu auf dem Wasser in eine ganze andere Perspektive. Er wird zu einer Erscheinungs- und Beziehungsgeschichte. "Erscheinungsgeschichte" al-lerdings nicht im Sinn eines Mirakels, im Sinn eines gespenstischen Vorgangs, der uns kalte Schauer über den Rücken jagt, auch wenn die Er-zählung im ersten Augenblick ganz darauf angelegt zu sein scheint. Denn die Jünger im Boot meinen, ein Gespenst zu sehen. Sie schreien vor Angst. Doch das Blatt wendet sich augenblicklich, indem Jesus sie anredet. Noch bevor er sagt, "Ich bin es," sagt er: "Habt Vertrauen!" Ganz offensichtlich ein wichtige Detail. Es geht nicht um eine mirakelhafte Erscheinung des Herrn, bei der er sich gewissermaßen den Jüngern zur Bewunderung freigegeben hätte. Weder Angst noch Bewunderung sind am Platz, sondern Vertrauen, ja begründete Furchtlosigkeit.

"Ich bin es." Die Szene ist so komponiert - die Jünger im Boot, in der Dunkelheit, vielleicht bei Fallwinden, die ihnen das Leben schwer machten -, dass ihnen bange war. Und da erscheint Jesus als der Löser der Angst, als der, der die See beruhigt, der rundherum Vertrauen schafft - eben als der Herr.

Ist das nicht, gewiss im Rahmen des gegebenen Szenarios, inhaltlich dann doch wieder die eine und gleiche Aussage, die den Kern seiner Reich-Gottes-Botschaft ausmachte? Nämlich dass unser Leben in Got-tes guten Händen geborgen ist, auch wenn es gar nicht danach aus-sieht? Dass er Rettung bringt und unser Leben beruhigt?

Hier oszilliert die Erscheinungsgeschichte mit einer Beziehungsgeschichte, ja mit einer Glaubensgeschichte. Die Jünger fassen Mut. Petrus zu-mal fasst in einer Weise Mut - nein, Mut ist der falsche Ausdruck; er zeigt Glauben an den Herrn -, dass es uns den Atem verschlägt. "Wenn du es bist..." - ein leichtes Zögern ist noch herauszuhören -, "wenn du es bist, dann befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme." Von außen gesehen, bodenloser Leichtsinn. Nicht aber auf der Basis des gefunde-nen, wenn auch immer noch angefochtenen Vertrauens in Jesus. Es ist das Vertrauen in seine Person und in alles, wofür er steht: Es ist das Vertrauen in die von ihm verkündete Botschaft vom Reich Gottes.

Den Rest kennen wir. Es droht schiefzugehen. Den Petrus verlässt - nein, nicht der Mut, sondern - das Vertrauen, der Glaube. Und die Hand Jesu rettet ihn. "Du Kleingläubiger" - dieser Vorwurf bezieht sich in der Tat auf etwas anderes als darauf, dass Petrus nur daran hätte glauben müssen, dass auch er über Wasser laufen könne. Nein, um Wasser und um das Gehen auf dem Wasser geht es hier überhaupt nicht, weder bei Jesus noch bei Petrus. Es geht, wie der überraschende Schluss zeigt, um den Glauben an Jesus als den Sohn Gottes.

Dieser Schluss kommt allerdings etwas überfallartig, abrupt. Er trifft uns unvorbereitet. Er fällt irgendwie fast wie vom Himmel. Und in der Tat hat die Mt-Komposition nicht in diesem Schlussbekenntnis ihre Pointe, sondern eben im Glauben, im immer gefährdeten und angefochtenen Glauben an den Auferstandenen und an die von ihm gebrachte Botschaft vom Reich Gottes.

Und da sind wir dann bei uns. Glaube an das Reich Gottes, Glaube an den Auferstandenen. Wie oft reden wir davon! Und wer weiß, ob es uns überhaupt noch erreicht. Angesichts der erdrückenden und vielfach ängstigenden Probleme unserer Tage. Man denke nur an London vor vier Wochen oder an die Sorgen so vieler um den Erhalt des Lebens-standards, des Arbeitsplatzes, der Gesundheit. In dieser Situation sagt uns das heutige Evangelium, dass uns, die wie Petrus Sinkenden, die rettende Hand Jesu erreicht. Auch in unserem Hin und Her zwischen Glauben und Schwanken lässt er uns nicht aus der Hand. Das klingt zuletzt zu einfach, zu abgehoben, zu fromm. Irgendwie an der Sache vorbei. Und doch ist auf ihn Verlass. Es wäre den Versuch wert, es wie Petrus zu wagen.

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18. Dezember 2005
4. Adventsonntag
Begnadet?

Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria. Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine Herrschaft wird kein Ende haben. Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. Auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat. Denn für Gott ist nichts unmöglich. Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel. Lk 1,26-38

Das, was wir in diesem Evangelium eben gehört haben, dürfte uns auf eine bestimmte Weise sehr vertraut sein. Auf eine andere Weise aber auch unvertraut und rätselhaft vorkommen. Daß uns der 4. Adventssonntag heute dieses Evangelium präsentiert, daran dürften wir wohl eine Woche vor Weihnachten, vor der Feier der Geburt des Herrn, nichts Besonderes finden. Nur, trotz allem: Was fangen wir mit diesem Text an? Können wir ihn für uns aufbrechen? So daß wir mehr von ihm haben und damit mehr für uns haben? Versuchen wir's.

"Im sechsten Monat", so hieß es, wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt. Welche Zeitzählung setzt hier eigentlich ein? Die Antwort ergibt sich aus dem Vorausgehenden. Die hochbetagte Elisabet, die Frau des Priesters Zacharias, war schwanger geworden, in einer Schwangerschaft, die, ähnlich wie bei Maria, der Engel Gabriel dem Zacharias angekündigt hatte. Elisabet war mit Johannes schwanger, im sechsten Monat. In dieser Zeit wird Gabriel von Gott zu einer anderen Frau gesandt, zu einer sehr jungen Frau, zu einem Mädchen in Nazaret. Ihr Name bleibt zunächst ungenannt. Sie wird über ihren Mann identifiziert, über Joseph aus dem Haus David, mit dem sie verlobt war.

Diese erzählerische Einführung der jungen Frau über ihren Mann entsprach den damaligen gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Frauen bezogen- und dies lange herauf bis in unsere Ggegenwart - ihre Identität über ihre Männer. Der Name der Frau wird gewissermaßen nachgeschoben. "Der Name der Jungfrau war Maria." Es ist nicht so, als würde der Satz auf diesen Schluß wie auf seinen Höhepunkt zulaufen. Dieser Schluß wirkt eher wie ein Nachschlag.

Dann setzt die eigentliche Handlung ein, die wir in einer vermeintlich vertrauten Weise die "Verkündigungsszene" nennen. Wahrscheinlich nehmen wir die Erzählung wie eine fotographische, etwas wie im Maßstab eins zu eins ablichtende Szene. Doch darum handelt es sich nicht. Das Evangelium ist vielmehr eine bewußt gestaltete kunstvolle Komposition.

"Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir." Hier fällt sofort auf, daß etwas Wesentliches fehlt: der Name der Angeredeten. Wir haben ihn in unserem Ave Maria längst ergänzt: "Gegrüßet seist du, Maria." "Maria erschrak," heißt es dann. Worüber erschrak sie denn? Sie erschrak "über die Anrede und dachte nach, was dieser Gruß zu bedeuten habe." Man möchte sich fragen: Erschrak sie denn nicht auch über den Engel? Über die Tatsache, daß da plötzlich eine himmlische Erscheinung in ihr junges Leben eingebrochen war? Erschrak sie "nur" über seinen Gruß? Das deutet bereits an, daß es sich bei dieser Erzählung um eine bewußt konstruierte, bestimmte Akzente setzende Erzählkomposition handelt, die wir nicht so verstehen dürfen, als hätten wir hier im wörtlichen Sinn Einzelschritte eines Handlungsablaufs vor uns.

Gabriel fällt ohne große psychologische Einfühlung und ohne Maria auf das vorzubereiten, was er ihr auszurichten hat, mit der Tür ins Haus: "Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden." Hier wird Maria erstmals mit ihrem Namen angesprochen. "Fürchte dich nicht..." Inhaltlich ist damit nicht mehr und nichts anderes gesagt, als schon bei der Begrüßung gesagt worden war: Du Begnadete, der Herr ist mit dir. Es handelt sich um die Verdoppelung ein und desselben Gedankens, wodurch seine Gültigkeit und Verläßlichkeit unterstrichen werden soll.

Dann erst wird eine inhaltlich neue Aussage gemacht: "Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben." Hier liegt eine deutliche Anspielung auf Gen 17,19 vor, wo Gott dem hundertjährigen Abraham sagte, daß seine neunzigjährige Frau ein Kind bekommen werde. Mit ähnlichen Worten wird hier für Maria eine Schwangerschaft angesagt, noch dazu nicht irgendeine, sondern eine ganz besondere: Ihr Kind "wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben."

Da prasselt es nur so auf die junge Frau ein. Nicht nur eine bevorstehende Schwangerschaft wird ihr angekündigt; allein das schon ein unglaubliches Ereignis im Leben einer jungen Frau! Nein, ihr wird auch noch unglaublich bedeutendes Kind in Aussicht gestellt!

Mit welcher Reaktion möchte man, ja muß man fast bei ihr rechnen, bei ihr, der jungen Frau, die mit Joseph verlobt ist? Mit Adrenalinausstößen, mit rasendem Puls! "Ich soll schwanger werden? Ich kann's nicht fassen! Ich soll ein bedeutendes Kind zur Welt bringen!" Ob sie nicht -um es einmal so zu sehen - dem Engel am liebsten um den Hals gefallen wäre, die junge Frau? Schwangerschaft, Gründung einer Familie, das lag doch ohnehin in ihrer Lebensplanung!

Manchmal frage ich mich, ob an der Stelle das Evangelium nicht hätte abbrechen können. Denn eigentlich ist alles schon mit letzter Deutlichkeit gesagt: Du wirst schwanger, wirst Jesus gebären, der über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen wird und dessen Herrschaft kein Ende hat. "Ach, was bin ich dankbar und aufgeregt. Ich könnte die ganze Welt umarmen."

Statt dessen kommt es zu einer vermeintlichen Bruchstelle in der Komposition. Maria gibt eine Antwort, die überhaupt nicht zu ihrem Lebensentwurf paßt, sie, die doch mit Joseph verlobt ist. "Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?" Dieser Satz liegt zu allem Bisherigen quer. Sie hat doch einen Mann. Warum dann so dieser Gedanke, diese Antwort?

Hier werden wir, denke ich, deutlich auf die eigentliche Struktur und Intention unseres Textes gestoßen: Das Evangelium kreist nicht um Maria, sondern um den, der da angekündigt wird: um Jesus, und zwar um ihn als "Sohn des Höchsten", wie es zuerst heißt, bzw. als "Sohn des Vaters David", wie es dann heißt. "Sohn des Höchsten", "Sohn des Vaters David", das ist der Kulminationspunkt, den das Evangelium meint noch einmal ausbreiten und ausarbeiten zu müssen, damit es gewissermaßen jeder versteht. Und so setzt es noch einmal neu an. Marias Frage bildet die Brücke, über die das jenseits der Brücke Gesagte erreicht wird: "Der Heilige Geist wird dich überkommen, die Kraft des Höchsten." "Das Kind wird heilig und Sohn Gottes genannt werden." Das alles war inhaltlich auch bisher schon gesagt worden. Die Sätze wiederholen sich, sie sagen nichts anderes, als was bereits gesagt war. Sie sagen es lediglich anders. Marias Frage, die zuerst wie eine Bruchstelle erscheint, eröffnet in Wirklichkeit die Möglichkeit der Verdoppelung der schon getroffenen Aussagen, damit ihre Bedeutung bei jedem ankommt. Und es gehört zur Abrundung dazu, daß sich Maria freudig und glücklich auf das Angesagte einläßt: "Mir geschehe, wie du gesagt hast."

Was will uns dieser Text am 4. Adventssonntag sagen? Was kann, was will er mit uns zu tun haben? Hier mag zunächst jeder und jede ohnehin schon Anregungen und Anstöße heraushören, die in einem wie von selbst zum Klingen kommen. Aber eine Lese- bzw. Hörhilfe will ich noch bieten.

Die Anrede des Engels an Maria, "Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir," ist eine Anrede, die nicht nur Maria gilt. Gewiß, sie galt ihr in herausragender Weise, aber sie gilt dennoch nicht allein ihr. Diese Anrede gilt in einem wahren und wörtlichen Sinn jedem Menschen. Es ist so, daß wir in der Verkündigung an Maria erkennen sollen, wie nah Gott jedem Menschen ist. Von jedem Menschen, und nicht erst von den Gläubigen und Getauften, dürfen wir sagen, daß sein Leben durch Gott in einer wahren Weise begnadet ist. Oft genug singen wir doch in einer bekannten Liedstrophe: "... durch Gottes Gnad ein jeder Mensch sein Leben hat." Und die berühmte Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils "Gaudium et spes" spricht davon, daß nicht nur die Gläubigen "dem österlichen Geheimnis verbunden und dem Tod Christi gleichgestaltet" (GS 22) sind, sondern daß das für alle Menschen gilt, "in deren Herzen die Gnade unsichtbar wirkt" (GS 22). Der Heilige Geist bietet allen die Möglichkeit an, "dem österlichen Geheimnis in einer Gott bekannten Weise verbunden zu sein" (GS 22). Gott ist es, sagt ein anderer Text aus "Gaudium et spes", "der jeden Menschen erleuchtet, damit er schließlich das Leben habe" (GS 22).

Das mag sich sehr abstrakt, blutleer und blaß anhören. Es mag den Eindruck erwecken, als verfingen solche Sätze heute nicht mehr, als hätten sie mit dem Leben der Menschen von heute - wenn wir einmal für einen Augenblick von uns als Gläubigen absehen wollten - nichts zu tun. Doch es ist - jenseits unseres Eindrucks - von Gott her anders. Durch Gottes Gnad ein jeder Mensch sein Leben hat: Stehen wir auf dem Boden dieses Glaubens? Dieser Überzeugung? Zunächst existentiell für uns selbst? Und dann in der Einschätzung der Leben anderer? In diesen letzten Adventstagen sollten wir entschiedener diesen Boden zu betreten versuchen. Auch in der Feier des Weihnachtsfestes in wenigen Tagen. So könnte unser Leben aufgehen, aufblühen, wie es in Maria aufging und aufblühte: "Mir geschehe, wie du gesagt hast." Wir sind begnadet. Leben wir als Begnadete, als Beschenkte.

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07. Mai 2006
4.Sonntag der Osterzeit
Seine Stimme hören

In jener Zeit sprach Jesus: Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe. Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, lässt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander. Er flieht, weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt. Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen, und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten. Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.

Ich kann mich täuschen und will auch niemandem mit meiner Einschätzung zu nahe treten, aber ich vermute, dass der Eingangssatz des heutigen Evangeliums in uns nicht gerade einen Adrenalinstoß ausgelöst hat, wenn wir - zum wie vielen Mal? - die Worte Jesu hören: "Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben für die Schafe." Ein Satz, der möglicherweise wie ein ausgeleiertes Gummiband alle Spannung verloren hat. Wir müssen uns die Spannung, die Lebensbedeutung dieses Satzes neu erarbeiten. Joh 10,11-18

Uns dürfte das Szenario der bildstarken Rede Jesu fremd geworden sein. Wer von uns hat heute schon mit Herden zu tun? Wem ist der Beruf des Hirten vertraut?

Wenn wir aber die Hürde der Unvertrautheit dieses Bildes überwinden, kann sich uns das Bild des Hirten als ein archaisches und archetypisches Bild erschließen, das wir in unserem Leben in uns tragen. Uns sind Erfahrungen und Lebensereignisse nicht fremd, ja es dürften Erfahrungen des verdichteten Lebens gewesen sein, in denen uns zum Beispiel in einer Krisensituation überraschend Hilfe von außen zukam, in denen uns einer in einer schweren persönlichen oder in einer Beziehungskrise Mut zusprach und Wege aufzeigte, in denen uns ein Arzt in einer lebensbedrohlichen Situation durch eine gelungene Operation wieder zum Leben verhalf, in denen uns am Arbeitsplatz ein Kollege beisprang, wenn wir von anderen gemobbt wurden. So ließen sich viele Beispiele nennen.

Wenn wir vor diesem Erfahrungshintergrund das Wort Jesu vernehmen, "Ich bin der gute Hirt", dann kann uns deutlich werden., welches Gewicht sein Wort für uns haben will. Noch deutlicher gesagt, welches Gewicht sich Jesus mit diesem Wort für unser Leben gibt. Er drückt sein Interesse, seine Nähe zu uns aus, die sich nicht schont. Er gibt sein Leben hin. Und in der Tat, er hat es hingegeben, in einer Weise, die uns immer dunkel bleiben wird, die immer wieder die Frage auslösen mag, ob sein so schrecklicher Tod wirklich so hatte sein müssen. Wobei wir diese Frage nicht an Gott, den Vater, richten sollten, als hätte er das alles so gefügt, gar ausdrücklich gewollt. Menschen waren es, die Jesus diesen Tod bereiteten, Menschen, die bis heute so abgründig schreckliche Taten vollbringen. Denken wir nur an die fast alltäglichen Schreckensbilder der Selbstmordattentate im Irak und an die in diesen Tagen wieder aufflammenden Gewaltakte der Taliban in Afghanistan.

Wir haben den unser Leben behütenden guten Hirten nötig.

Daß Jesus damals mit dem Hirtenbild eine alttestamentliche Jahwebezeichnung auf sich übertrug, war den Menschen bewusst. Bei Ezechiel bezeichnete sich Gott als der Hirte seines Volkes. "Jetzt will ich meine Schafe selber suchen und mich um sie kümmern. Wie ein Hirt sich um die Tiere seiner Herde kümmert, ... so kümmere ich mich um meine Schafe" (Ez 34,11-12). Mit dieser Übernahme des Hirtenbildes auf sich selbst wollte Jesus anzeigen, wie er sich selber sah, nämlich als der in der Aura Gottes Lebende, als der von Gott Gesandte oder, wie es das Joahnnes-Evangelium ausdrückt, als der bei Gott Erhöhte, dessen Erhöhung bereits sein ganzes irdisches Leben überstrahlt.

Aus eben dieser Sendung resultiert sein Innenverhältnis zu den Menschen, sein Innenverhältnis zu den Schafen, die ihm folgen. "Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich." Dieses gegenseitige Vertrauensverhältnis zwischen Hirte und Schafen wagt Jesus sogar kühn zu vergleichen mit dem gegenseitigen Verhältnis zwischen ihm und dem Vater. "... wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne." Diese Sätze verströmen eine unglaubliche Beziehungsdichte und Wärme, die auf unser Leben überströmen. Für diese Nähe findet Jesus die richtigen Worte, findet er eine einfache Sprache, die an Einfachheit und Tiefe nicht zu übertreffen ist und die wir bei uns ankommen lassen sollen.

"Ich kenne die Meinen", das heißt eben nicht, wie es bei uns zunächst ankommen könnte, "ich kenne meine Pappenheimer", so dass wir befürchten müssten, da stehe es schlecht um uns, wenn uns Jesus so genau kennt. Ich meine manchmal, wir haben keinen Sinn mehr dafür, dass Jesu Blick auf uns in uns erst die Schönheit unseres Lebens hineinsieht, so wie der Blick der Liebe den Geliebten, die Geliebte erst wirklich schön macht. Jesus, der sich zuerst den guten Hirten genannt hat, kommt uns hier unendlich nahe, weit über das Bild des guten Hirten hinaus, und er will durch seine Nähe unserem Leben die wahren Lebensmöglichkeiten eröffnen. "Ich kenne die Meinen."

Wir sollten bei diesem Satz lange verweilen, ihn bei uns wirklich ankommen lassen. Und zwar in der richtigen Weise. Wir sollten ihn nicht sofort in der Art und Weise hören, die sozusagen in der kirchlichen Verkündigung Tradition hat, nämlich als Aufforderung an uns, dass nun auch wir umgekehrt Jesus kennen sollten. Natürlich sollen wir ihn kennen, aber das ist eben nicht zuerst eine Frage unserer Initiativen und unserer Lebensaktivitäten. Aufgefordert wurden wir dazu im Grunde wohl schon zu oft, und dies mit fraglichem Erfolg. Nein, lassen wir uns demgegenüber fürs erste auf das Wichtigere ein, das uns heute als das Wichtigste gesagt ist: "Ich kennen die Meinen." Gott sei Dank, so sollten wir sagen, dass es so ist. Denn die Tatsache, dass er uns kennt, ja Sehnsucht nach uns hat und nach uns bedürftig ist, macht unser Leben wertvoll, gibt unserem Leben Bestand und eröffnet ihm Freiheit.

"Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen." Was meint dieser Satz? Worauf zielt er ab? Wir können ihn auf zweifache Weise verstehen. Einmal auf der unmittelbaren Zeitebene Jesu. Schon damals war es nicht so, dass ihm die Leute nur so zugeflogen wären, dass sie von seinem Auftreten und seiner Botschaft so begeistert gewesen wären, dass sie von ihm nicht mehr hätten lassen können. Wir können diesen Satz aber auch auf eine spätere Zeitebene hin deuten, in der wir jetzt leben. Wir können ihn auf uns deuten, als kritische Anfrage an uns, ob wir - trotz unseres Getauftseins und unserer Zugehörigkeit zur Kirche - wirklich auf Jesus hören. Ob wir in ihm wirklich den Begleiter und guten Hirten unseres Lebens sehen.

Alle Zeiträume übergreifend geht es ihm um die eine Herde und den einen Hirten.. "Deshalb liebt mich der Vater," weil es diese eine Herde gibt. Und noch einmal spricht Jesus davon, dass er sein Leben hingibt, und er fügt an, "um es wieder zu nehmen ... Ich habe die Macht, es hinzugeben, und ich habe die Macht, es wieder zu nehmen." Das mag für unser Ohr ungewohnt klingen, da wir eher gewohnt sind, im Vater das Subjekt und den Handlungsträger der Auferweckung bzw. Auferstehung Jesu zu sehen. Hier aber deutet Jesus seine eigene Macht an, sein Leben hinzugeben, aber auch, es sich als Erhöhter wieder zu nehmen.

Was mit dem Bild vom guten Hirten anfängt - richtig übersetzt eigentlich vom "schönen" Hirten; denn "kalos" steht da im Griechischen -, das endet bei der Macht des Erhöhten. Bei ihr handelt es sich um keine kühle, kalte, ängstigende Macht, vor der uns das Fürchten kommen müsste. Bei ihr handelt es sich um die Macht der Liebe, die Benedikt XVI. uns in seiner ersten Enzyklika "Deus caritas est" (Gott ist die Liebe) nahegebracht hat. Wenn nur die Rede von der "Macht der Liebe" nicht so abgenutzt und verbraucht wäre! Aber es ist die Macht Gottes, der uns aus Liebe zu uns Lebensmacht und Würde verliehen hat, der in uns die Schönheit hineinsieht, an der wir uns erfreuen sollen. Und zugleich bleibt seine Lebensmacht eine uns geheimnishaft verborgene, uns nicht letztlich zugängliche, von uns nicht zu durchschauende Macht, die wir nicht an uns reißen können, die wir nicht knacken können wie einen Jackpot. Eine Spannung bleibt also, die wir nicht auflösen können - wie wir überhaupt in unserem Leben mit Spannungen leben, die wir nicht auflösen, mit denen wir aber in all unserer Fragmentarität von Gott angenommen sind.

Wir täten gut daran, uns mehr um das Verlangen, um die Sehnsucht des guten Hirten nach uns zu scharen, als ihm die kalte Schulter zu zeigen oder uns vor ihm zu verstecken und zu verkriechen. Wir sollten seine Stimme hören, die in unser Leben Farbe, Klangfarbe Orientierung, Bewegung, mit einem Wort, Leben, bringt.

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1. Oktober 2006
26. Sontag im Jahreskreis
Entschieden leben Mk 9,38-43.45.47-48

Da sagte Johannes zu ihm: Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb; und wir versuchten, ihn daran zu hindern, weil er uns nicht nachfolgt. Jesus erwiderte: Hindert ihn nicht! Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden. Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört - amen, ich sage euch: er wird nicht um seinen Lohn kommen. Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde. Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen, in das nie erlöschende Feuer. Und wenn dich dein Fuß zum Bösen verführt, dann hau ihn ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Füßen in die Hölle geworfen zu werden. Und wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus; es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes zu kommen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt.

Wer hat da eben diese Sätze zu uns gesprochen? Sätze von einer unmenschlichen Radikalität, die an das finstere Mittelalter erinnern? Sätze, bei denen wir an die religiöse Rechtsprechung des Islam, an die Scharia, denken mögen. Haben wir uns heute verlaufen? Sind wir wirklich in einem katholischen Gottesdienst angekommen?

Solche Fragen können sich melden angesichts des heutigen Evangeliums. Und von ihm sollen wir etwas für unser Leben mitnehmen?

In der Tat, das heutige Evangelium ist schwierig. Beim bloßen Hören sehen wir ihm kaum an, daß es sich um eine kunstvolle Komposition handelt, die eine innere Struktur aufweist, die bereits eine erste Verstehenshilfe liefern kann. Es handelt sich um eine lose Aneinanderreihung von Jesusworten, die zunächst, je für sich gesehen, keinen Bezug zueinander haben und die erst vom Markusevangelium in einen Zusammenhang gebracht worden sind.

Ingesamt handelt es sich um zweimal drei Sätze, von denen die ersten drei mit einem "wer nämlich ..." und die zweiten drei Sätze mit einem "wenn dich ..." eingeleitet werden. Das mag auf den ersten Blick nicht weiter interessant erscheinen, ist es aber doch. Das Markusevangelium überlieferte die Jesusworte also in einer von ihm selbst neu zusammengestellten Ordnung. Ausgelöst wird der erste Satz Jesu, "wer nämlich...", durch eine Frage der Jünger, die Johannes vortrug. Sie hatten beobachtet, wie einer im Namen Jesu Wunder tat, Dämonen austrieb, ohne zur Gruppe der Jünger zu zählen. Das irritierte sie. Das mußte geklärt bzw. unterbunden werden. Jesus aber zeigt in seiner Antwort, daß dagegen nichts einzuwenden sei. Wenn einer in seinem Namen Dämonen austreibe, dann werde er nicht im selben Augenblick seine Sache schmähen und in den Schmutz ziehen können. Und dann spricht Jesus das erste "wer nämlich": "Wer nämlich nicht gegen uns ist, der ist für uns." Hier hatten die Zwölf noch zu lernen. Sie hatten zu lernen, daß die Front nicht zwischen ihnen und denen verlief, die ihm Namen Jesu Wunder taten, ohne ihnen anzugehören. Sie verlief zwischen ihnen und den Schriftgelehrten und Pharisäern, die sozusagen überhaupt nichts von Jesus hielten, die durch Jesus moderne Gottlosigkeit sich ausbreiten sahen. Und je länger dies so währte, um so mehr erklärten sie ihn zu ihrem verhaßten Feind. Und dies tragischerweise im Namen des wahren orthodoxen jüdischen Glaubens.

"Wer nämlich nicht gegen uns ist, der ist für uns." Das ist ein Satz, den wir sogleich für uns bedenken wollen, über dessen Bedeutung wir nachzudenken haben. Die Zeiten, in denen in der sogenannten geschlossenen Gesellschaft sich widersprechende Weltanschauungsblöcke scharf konturiert gegeneinanderstanden und aufeinandertrafen, sind vorbei. Nicht nur Weltanschauungsblöcke standen sich schroff gegenüber, wie zum Beispiel die marxistisch-leninistische Ideologie und der christliche Glaube. Nicht weniger schroff standen sich auch die Konfessionsblöcke der Protestanten und der Katholiken gegenüber. Dieses für geschlossene Gesellschaften typische Phänomen ist weitgehend verschwunden. Heute leben wir in einer offenen Gesellschaft mit eher randunscharfen ideologischen Gegensätzen. In einer solchen Situation offener Gesellschaftsverhältnisse erhält der Satz Jesu, "wer nicht gegen uns ist, der ist für uns", eine neue Bedeutung. Er kann uns die Augen dafür öffnen, daß heute Menschen für Fragen nach der Botschaft Jesu offen sind, bei denen wir es nicht vermuten würden. Es gibt Grauzonen - aber was heißt hier schon "Grauzone - des Lebens, in denen Menschen in unvermuteten Zusammenhängen in der Botschaft Jesu Antworten auf ihre Fragen entdecken, ohne daß sie deshalb gleich manifest mit den kirchlichen Gemeinden mitleben müssen und mitleben wollen. Sie organisieren ihr Leben, auch in den tieferen Sinnfragen des Lebens, in eigener Regie, ohne daß sie deshalb etwas gegen die Kirche, gar gegen die Botschaft des Evangeliums hätten. Wahrscheinlich tragen wir selbst Teile einer solchen Einstellung in uns oder wir kennen eine Reihe von Menschen, auf die das paßt. Sie alle dürfen wir also im Licht des Satzes Jesu sehen. "Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns."

Der zweite Satz Jesu, "wer nämlich ...", spricht einen ganz anderen Sachverhalt an, der gleichwohl bei genauerem Hinsehen so anders auch wieder nicht ist. Wer den Jüngern Jesu einen Becher Wasser reicht, weil sie Jünger sind, der wird seinen Lohn erhalten. Jesus unterstreicht diese Aussage: "Amen, ich sage euch, der bekommt seinen Lohn." Das heißt im Grunde doch wieder, daß nicht alles einzig und allein davon abhängig ist, selbst ein Jünger Jesu zu sein, sondern daß es unter Umständen ausreicht, die Sache, die die Jünger vertreten, für die sie stehen, für gut und unterstützenswert zu halten. Symbolisch gesprochen, ihnen einen Becher Wasser zu reichen.

Auch hier sei eine Aktualisierung gewagt. Es gibt nicht wenige, die froh sind, daß es uns hier als Gemeinde gibt, daß hier eine Kirche in unserem Ort steht, die gehegt und gepflegt wird, die zum Ortsbild zählt, in der Gottesdienste gefeiert werden usw. Es gibt nicht wenige, die das nicht nur gerne sehen, sondern das auch wohlwollend unterstützen, ohne wiederum als lebendige Gemeindeglieder angesehen werden zu wollen. Sie haben ihren eigenen Weg gefunden. Und so lange ihnen bei uns alle Türen offenstehen, ist eigentlich nichts zu beklagen.

Dem folgt der dritte Satz: "wer nämlich". Er beginnt mit "und wer". Die Rede ist von der Verführung der Kleinen, die an Jesus glauben. Man darf das wohl in einem ganz weiten Sinn verstehen, sowohl von den wirklich Kleinen, den Kindern, die auf die Erwachsenen angewiesen sind, wie auch von den sozial kleinen Lebensverhältnissen, von manchen Hartz IV- Empfängern, von Alleinerziehenden und anderen. Mit ihnen nicht gut umzugehen, mißbräuchlich, ausnützerisch, ihnen zu schaden, sie um die Möglichkeiten ihres Lebens zu bringen, das ist in den Augen Jesu schamlos und so indiskutabel, daß Jesus vor dem Bild des Mühlsteins nicht zurückschreckt.

Dann folgen die drei "wenn dich"-Sätze. "Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab." Mit diesem Satz wollte Jesus sicher keiner rigorosen Verstümmelungspraxis das Wort reden. Denn würden wir diesen Satz wörtlich nehmen, säßen hier wohl überwiegend verstümmelte Leute herum - und das wäre dann wahrhaftig kein sprechendes Hoffnungszeichen für das Reich Gottes! Nein, es geht um unseren Ernst, mit dem wir nach dem greifen sollen, was uns Jesus als seine Botschaft, als Botschaft des Lebens, vor Augen gestellt hat. Danach nicht zu greifen bzw. davor wegzulaufen ("wenn dich dein Fuß verführt") oder die Augen zu verschließen ("wenn dich dein Auge verführt"), bedeutet Gefahr zu laufen, daß wir mit dem Reich Gottes letzten Endes nichts zu tun haben könnten.

Vom Eingehen in das Reich Gottes ist am Ende unseres Evangelium die Rede. Darauf zielt der ganze heutige Evangelienabschnitt. Dieses Eingehen zu verfehlen, wird in so eindrücklichen Bildern beschrieben, daß sie sich uns womöglich nachhaltiger einprägen als die Einladung in das Reich Gottes selbst. Um die aber geht es. Da ist das Bild vom Wurm, der nicht stirbt, und vom Feuer, das nicht erlischt. Dieser Satz ist hergeholt aus dem Abschluß des Jesajabuches, das mit dem Satz endet:" Denn der Wurm in ihnen wird nicht sterben, und das Feuer in ihnen wird niemals erlöschen, ein Ekel sind sie für die Welt" (Jes 66,24).

Mit all diesen uns sehr befremdlichen Sätzen will Jesus in uns das Feuer, das Interesse, die Wachsamkeit wachrufen, den richtigen Weg des Lebens zu gehen. Die Bilder der Hand, des Fußes und des Auges zielen dabei weniger auf unsere sittlich-moralischen Verfehlungen - eine Vorstellung, die sich allerdings bei uns wohl als erstes einstellen dürfte. Sie meinen jene grundsätzliche Verfehlung, die darin bestehen könnte, sich im eigenen Leben nicht auf die Wirklichkeit des Reiches Gottes eingestellt zu haben. Auf jene Wirklichkeit also, die Gott als unseren Lebensraum uns eröffnet hat. Dem zu mißtrauen, dem nicht zu glauben, das für nichts zu halten - und das kann man auch als sonntäglicher Gottesdienstbesucher! -, das bedeutet mit Hand, Fuß und Auge die falsche Lebensrichtung einzuschlagen, die im Fiasko enden kann.

Verlegen wir uns also darauf, uns Jesus anzuvertrauen, auch und gerade angesichts der Tatsache, daß wir im Laufe unseres Lebens mit Hand, Fuß und Auge allerhand verbocken ...

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8.04.2007
Ostersonntag
Halleluja oder Zweifel? Joh 20,1-9

Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen, und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat. Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab; sie liefen beide zusammen dorthin, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als erster ans Grab. Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging aber nicht hinein. Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle. Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. Denn sie wussten noch nicht aus der Schrift, dass er von den Toten auferstehen musste.

Ostern, das strahlendste Fest des Kirchenjahres. Das strahlende Fest des Lebens. So sehen wir es und so versuchen wir es zu feiern. Und die schönen zu Herzen gehenden Osterlieder beflügeln uns dabei innerlich: "Gelobt sei Gott im höchsten Thron samt seinem eingebornen Sohn, der für uns hat genug getan. Halleluja."

Was uns allenfalls in unserem österlichen Schwung bremsen, was uns stören könnte, das ist die so verhaltene, so zögerlich einherkommende Osterbotschaft, die uns heute verkündet wird. In ihr begegnet uns kein Jubel, kein Frohlocken, sondern Aufregung, Chaos, Kopfschütteln, ja Kleinmut. Maria von Magdala war bis ins Mark von Jesu Tod getroffen. Wie um einen Geliebten trauerte sie um ihn, der ihr Leben von schweren Belastungen - von sieben Dämonen, sagt das Lukasevangelium (vgl Lk 8,2) - befreit hatte. Sie eilt zu seinem Grab, wie Hinterbliebene, die um ihre Angehörigen trauern. Der Stein, der die Grabhöhle verschloss, war beiseite genommen. Durch den Schleier ihrer Tränen meint sie sofort klar zu sehen, was Sache ist: Der Leichnam des Herrn ist nicht mehr da.

Man hat ihn aus dem Grab weggenommen, überbringt sie die Schreckensnachricht an Simon Petrus und an einen anderen Jünger. "Und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat."

Ein Satz, in dem uns das Evangelium einen ersten Hinweis geben will, das Ganze in einem tieferen Sinn zu verstehen. Nicht nur in dem Sinn: Er ist nicht mehr da. Sondern: "Wir wissen überhaupt nicht mehr, woran wir mit ihm sind. Wir sind überfordert. Was sollen wir davon halten, was mit ihm, dem Verstorbenen, Hingerichteten und Bestatteten geschehen ist?" In diesem Satz schwingt nicht nur die Sprachlosigkeit der Jünger mit. In ihm deutet sich auch an, dass mit dem Bestatteten etwas geschehen ist, das alle menschlichen Vorstellungen sprengt. Etwas, das nicht mehr in menschliche Worte zu fassen ist. Etwas, das die Handschrift Gottes trägt?

Dieses Nicht-Wissen, dieses Nicht-Verstehen durchzieht wie ein basso continuo die österliche Botschaft. Wie in einem schlechten Schüleraufsatz spielen Nebensächlichkeiten eine Rolle, auf die es gar nicht ankommt. Das Johannesevangelium hat diesen Stil wohl mit Bedacht gewählt, um auf diese Weise die Verwirrtheit, die Sprachlosigkeit der Jünger zum Ausdruck zu bringen. Da ist zu meinen das Element, dass die beiden Jünger unterschiedlich schnell unterwegs sind. Der eine, der früher am Grab ist, beugt sich lediglich vor, betritt aber die Grabhöhle nicht. Erst Simon Petrus tut das. Und was er detektivisch festhält, bringt ihn in der Ermittlung keinen Schritt weiter: Leinenbinden liegen da und ein Schweißtuch, zusammengebunden. Eine äußerst unbefriedigende Spurensuche.

Dann geht auch der andere Jünger hinein. Und von ihm heißt es: "Er sah und glaubte." Er sah auch nicht mehr als die Details, die Simon Petrus registriert hatte. Sein Glauben - obwohl möglicherweise doppelsinnig - will wohl in erster Linie nur sagen: Er sah und glaubte Maria Magdala, dass sie recht hatte: Man hatte den Herrn aus dem Grab weggenommen. Oder soll es bei ihm mehr gewesen sein? Eine Ahnung, dass hier mehr, Größeres im Spiel war? Wohl nicht. Denn beiden Jüngern wird deutlich ins Stammbuch geschrieben: "Sie wussten (noch) nicht, dass der Herr von den Toten auferstehen musste."

Das klingt plausibel. Denn wir haben zu bedenken, dass es im Johannesevangelium keine dreimalige Leidensansage des Herrn und keine deutliche Ansage gibt, dass er nach einem gewaltsamen Tod auferstehen werde. Was es gibt, sind allenfalls Andeutungen, die aber der letzten Klarheit entbehren. So hat gewiss Maria - nicht die von Magdala, sondern Maria, die Schwester von Marta - eine böse Vorahnung und salbt Jesus die Füße mit Nardenöl. Auf das Erstaunen der Jünger, zumal des Judas, sagt Jesus: "Sie tut es für den Tag meines Begräbnisses" (Joh 12,7). Und in den Abschiedsreden sagt Jesus zu seinem Vater: "Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt und ich gehe zu dir" (Joh 17,11). Und an die Jünger gewandt sagt er: "Wohin ich gehe - den Weg kennt ihr" (Joh 14,4). Worauf Thomas prompt einwendet: Wir haben keine Ahnung, wohin du gehst.

Dies alles bildet den Hintergrund des Satzes: "Sie wussten noch nicht, dass er von den Toten auferstehen musste." Und hätte der heutige Evangelienabschnitt nur die zwei weiteren Sätze mit hinzugenommen, die im Evangelium folgen, dann wäre alles noch ersichtlicher geworden: Der Ostermorgen war für die Jünger und für Maria von Magdala ein Tag des Schreckens, des Grauens, der Verlassenheit und nicht - noch nicht - ein Tag der Freude und des Jubels. Denn es heißt: "Da kehrten die Jünger wieder nach Hause zurück" - offensichtlich belämmert, bedrückt, ratlos. Anders kann man diesen Satz nicht lesen. Und der weitere bestätigt das: "Maria stand draußen vor dem Grab und weinte."

In der Tat, da herrscht keine ausgelassene Fröhlichkeit, an diesem ersten Ostermorgen. Und sie herrscht bis heute nicht in dem Evangelienabschnitt dieses Ostersonntags.

Müssen wir das bedauern? Sollen wir uns darüber gar empören? Sollten wir gar sagen, im Zuge der "Bibel in gerechter Sprache", einem Übersetzungsversuch, der im letzten Herbst erschien, hätte man die Osterberichte heller, freundlicher, gläubiger umschreiben sollen?

Ein abstruser Gedanke! Seien wir froh, dass die Osterevangelien so sind, wie sie sind. Sie sind ein einziger sprechender Hinweis darauf, wie zäh die Jünger angesichts des Todes Jesu in den Banden ihrer Zweifel verhaftet waren. Wie sollten sie auch das Geheimnis der Auferstehung, das alle menschlichen Vorstellungen durchbricht, mir nichts dir nichts mit leichter Schulter und in beliebiger Selbstverständlichkeit auf sich genommen haben? Das dauerte. Das brauchte Zeit. Aber es durchdrang schließlich ihr ganzes Leben, so dass sie ihr Leben nur noch im hellen Licht dieser Osterbotschaft leben konnten, auch bis in die Dunkelheit ihres eigenen gewaltsamen Todes hinein.

Ich denke, wir müssen den ersten Zeugen der Auferstehung dankbar sein, dass sie solche Mühe damit hatten. Aber auch dankbar dafür, dass sie letztlich konsequente Zeugen der Auferstehung wurden.

Und da sind wir bei uns. Es mag leicht sein, an einem schönen Ostersonntagmorgen in der Stimmung dieses Tages schöne Osterlieder zu singen. Und sie sind auch nicht ohne Belang. Denn an ihnen entlang können wir uns unseres Oster- und Auferstehungsglaubens vergewissern. Und das ist nötig. Denn andere Erfahrungen widerstreiten diesem Glauben. Wenn wir an den Klinikbetten unserer todkranken Angehörigen stehen, wenn wir mit ansehen müssen, wie sie verfallen, wie der Tod nach ihnen greift! Wenn wir an offenen Gräbern stehen und Blumen und eine Schaufel mit Sand den Särgen in die modrige Tiefe nachwerfen! Dann soll sich unsere Hoffnung auf die Auferstehung bewähren. Dann dürfen wir auch Zweifel haben, müssen diese nicht verdrängen; wir dürfen sie haben, wie die Jünger sie hatten. Nur, die Jünger haben sie überwunden, in einem Glauben, in welchem sie sich, wie Jesus selbst, in die lebensbergenden Hände Gottes, des Vaters, fallen lassen konnten.

Diesen Glauben will das Osterfest auch in uns Glauben stärken. Jedes Jahr wieder. Und vielleicht jedes Jahr ein Stück mehr. Lassen wir deshalb vom Sog dieses Ostertages erfassen - jenseits bestehen bleibender Zweifel. Denn es ist wahr: "Seit dass er erstanden ist, so freut sich alles, was da ist. Halleluja!"

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3. Juni 2007
Dreifaltigkeitssonntag
Einheit in Differenz, Differenz in Einheit
Joh 16,12-15

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird sagen, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird. Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden. Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden.

Der eine oder andere Prediger wäre am heutigen Dreifaltigkeitssonntag wahrscheinlich dankbar und froh, wenn ihm ein Bischofswort, egal über welches Thema, heute die Predigt über die heiligste Dreifaltigkeit abnähme. Die Heiligste Dreifaltigkeit - in der Tat ein schwieriges Thema, ein zu schwieriges Thema, könnte man meinen. Und natürlich hat man damit recht.

Auf der anderen Seite müssen wir uns fragen, ob wir uns die Schwierigkeiten nicht irgendwie selbst schaffen. Damit sei nicht in Abrede gestellt, dass der dreieine Gott - die Formel klingt so einfach - ein für uns ganz und gar unlösbares Geheimnis ist. Aber indem wir uns darauf fixieren, deuten wir indirekt unsere Erwartung an, dass Gott für uns doch, nach ergangener Offenbarung, im Grunde ein "lösbares" Geheimnis sein sollte. Denn die Offenbarung habe es doch darauf angelegt, uns das Geheimnis Gottes zu erschließen. Indem wir uns darauf fixieren, verbauen wir uns beinahe alles, um uns Gott zu nähern, uns seiner Geheimnishaftigkeit zu nähern, die wir im Begriff der Dreifaltigkeit benennen, ohne sicher zu sein, was wir damit eigentlich benennen.

Bezüglich Gott und seiner Dreifaltigkeit schwimmen wir irgendwie. Das heutige Evangelium deutet das gewissermaßen selbst an. Jesus habe uns noch vieles zu sagen, was uns - mit anderen Worten - nicht zugänglich ist. Noch nicht. Dabei ist es uns nicht gänzlich unzugänglich. Der Geist der Wahrheit, der Heilige Geist, werde uns in die Wahrheit, in die ganze Wahrheit führen. Damit ist zumindest ein Prozess angedeutet, den der Heilige Geist bei uns anstößt, in dessen Verlauf Gott uns, bei aller prinzipiellen Unergründlichkeit, näher kommt und vertrauter wird.

Gott, der dreiene - müssen wir davor ewig scheuen? Sollen wir zwar immer wieder das Kreuzzeichen machen, "im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes" sprechen, gelegentlich auch das "Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist" beten oder singen, aber ansonsten keinen weiteren Gedanken darauf verschwenden, was wir da sagen und beten?

Gott als Ereignis

Ich erinnere mich meines Theologiestudiums und voraus des Philosophiestudiums, bei dem uns Gott als das "ens absolutum", als das absolute Sein nähergebracht wurde. Gott, bar jeder Veränderung, jeder Bewegung, weil eine in Gott gedachte Bewegung ihn des absoluten Seins beraubt hätte. Gott, der "unbewegte Beweger", so hieß die klassische Formel. Und ich assoziierte damit so etwas wie die tödliche Starre einer Vulkanlandschaft, wie sie mir später in Gestalt des Teide auf Teneriffa begegnete, der um sich herum eine gigantische Landschaft tödlicher Starre ausgeworfen hat. Gott, der unbewegte Beweger?

Obwohl in dem Begriff ja etwas Gegensätzliches, etwas geradezu Paradoxes enthalten war. Der Unbewegte - er sollte Ursprung und Ausgangspunkt aller Bewegung des Lebens sein? Wie sollte, wie konnte er der Unbewegte sein? Sozusagen als Garantie seines Gotteseins? Der unbewegte Beweger?

In der Theologie lernte ich dann etwas über die innertrinitarischen Relationen und Hervorgänge in Gott, die gewissermaßen Bewegung in den unbewegten Gott zu bringen schienen. Aber es waren Hervorgänge, die seiner Unbewegtheit nichts anhaben konnten, die allenfalls erklärbar machen wollten, dass es Gott als Dreifaltigen gebe, dem aber die Bleischwere der Bewegungslosigkeit weiter zu eigen war.

Wir taten uns im systemischen Denken von damals schwer, uns Gott als Lebendigen, als vor innerer Dynamik Sprühenden, als sich selbst in gegenseitiger Bezogenheit ständig ins Leben Setzenden vorzustellen. Wir waren fixiert auf die Frage nach seinem Wesen, griechisch nach seiner "ousia", und dachten ihn kaum unter der Perspektive des Ereignisses. Gott als Ereignis.

Wir sollten Gott nicht so sehr als Wesen, sondern als Ereignis, als Geschehen denken, in dem gerade sein Wesen liegt. Aber das ist kein unbewegtes Wesen mehr, sondern ein Geschehens-Wesen, ein Ereignis-Wesen, das in sich - wie soll man das ausdrücken, ohne dass es peinlich und banal klingt? - brodelt, vor Leben schäumt und kocht. Ein Ereignis-Wesen, das aus sich selbst hervortritt und sich selbst dreifach entfaltet, ohne dabei in dreierlei auseinander zu fallen, wo dann jedes einzelne den anderen feindlich und fremd beäugen würde. Gott, das dreifaltige Ereignis-Wesen, wird nicht von sinnlos eruptiver Gewalt zerrissen und selbstzerstört, er ist ein Ereignis-Wesen, das aus purer Liebe lebt und agiert und in einer Liebe gründet, die ein Dreifaches eins und Eines dreifach sein lässt.

Gott Einheit und Differenz

Wenn wir diese hilflosen Sprechversuche auf ihre Konsequenzen hin bedenken, dann rücken uns die Konsequenzen ziemlich nah auf den Leib. Auf den Punkt gebracht lautet die Konsequenz: In Gott ist Einheit und Differenz.

In ihm wird nicht alles in einer Einheit verschlungen, so dass für Differenz kein Raum mehr wäre. Ja, hier zeigt sich wohl die eigentliche Form der Differenz, die sich nicht als totaler Unterschied, als total Anderes positioniert, sondern die bei aller Unterschiedlichkeit die Verbindung mit der Einheit nicht löst. Als totale Einheit, so dass alles nur Einheit wäre, dürfen wir uns also den dreifaltigen und dreieinen Gott nicht denken. Mit dem "dreifaltig" benennen wir dabei die innergöttliche Differenz, mit dem "dreieinig" die innergöttliche Einheit.

Daraus leiten sich Konsequenzen und Einsichten in unsere Lebenswirklichkeit ab, die wir meist noch nicht hinreichend bedacht haben, die uns aber heute am Fest der Heiligsten Dreifaltigkeit in den Sinn kommen können.

Konsequenzen und Einsichten

Die Differenzerfahrung gehört zu unserem Leben, zu unserem Glauben, geradezu als inneres Strukturelement unseres Glaubens, in dem sich gewissermaßen die innertrinitarische Differenz analog abbildet. Eine Differenzerfahrung, die dabei keinen Mangel anzeigt, der schnellstmöglich zu beheben wäre. Wir versuchen, einerseits zu glauben, und werden dabei vom Heiligen Geist im Glauben gehalten, auf der anderen Seite reiben wir uns ein Leben lang an den differenten Erfahrungen unseres Glaubensmangels. Ganz so, wie es im Evangelium steht: "Herr, ich glaube; hilf meinem Unglauben" (Mk 9,23). "Ihr könnt es jetzt noch nicht tragen", lautet dazu der Satz im heutigen Evangelium.

Oder denken wir an die Differenzen und Richtungsstreite und Richtungskämpfe allein innerhalb der Kirche, innerhalb der katholischen Kirche. Da gibt es konservative und progressive Gruppen, charismatisch-marianische und sozial-diakonische Gruppen. Da gibt es - wenn wir an Lateinamerika denken, wo sich in diesen Tagen in Aparecida in Brasilien die lateinamerikanische Bischofskonferenz zu ihrer fünften Generalversammlung getroffen hat - traditional-konservative Interessen auf der einen Seite und auf der anderen weiterwirkende befreiungstheologische Impulse. Zwischen all diesen Differenzen darf es kein Hauen und Stechen geben. Vielmehr kommt es auf die Anerkennung der Differenzen auf der Basis der Einheit an, einer Einheit, die keine Seite für sich allein reklamieren darf. Denn noch ist der Geist der Wahrheit erst dabei, wie wir gehört haben, uns in die ganze Wahrheit zu führen. Und er weht obendrein, wo er will. Und manchmal meinen einzelne Gruppen und ihre Repräsentanten, sie könnten die Richtung des Wehens des Geistes allein orten, wenn nicht gar lenken und bestimmen.

Die Bedeutung der Differenz wird auch erkennbar an der vom Zweiten Vatikanischen Konzil behaupteten Autonomie der irdischen Wirklichkeiten. Damit hatte das Konzil die Differenz zwischen sich, zwischen der Kirche und den irdischen Wirklichkeiten konstituiert. Letztere entwickeln und entfalten sich nach eigenen autonomen Gesetzlichkeiten. Die Kirche beansprucht nicht mehr das alleinige Sagen über sie. Dem widerstreitet freilich nicht, dass dasselbe Konzil die Kirche als "Kirche in der Welt" definierte, das heißt, als Kirche an der Seite der Sorgen der Menschheit. Am Fest der inneren Differenz im dreifaltig-einen Gott können wir lernen, die vom Konzil erhobene Differenz zwischen Kirche und irdischen Wirklichkeiten im Licht des dreifaltigen Gottes zu sehen.

Ein weiteres Mal schlägt die Differenz in der Unterscheidung zwischen Staat und Kirche, ja in der Trennung von Staat und Kirche, zu Buche. Im Abendland haben wir hier einen langen und schmerzhaften Prozess der gegenseitigen Inbesitznahme hinter uns, sowohl des Staates durch die Kirche wie der Kirche durch den Staat. Heute sind wir - zumindest in unserem Bereich der Welt - so weit, in der Differenz von Staat und Kirche und ihrer gegenseitigen Wertschätzung den angemessenen Weg zu erkennen, auf dem sie ihr Verhältnis unter dem Aspekt der Einheit und der Differenz immer wieder neu auszutarieren haben.

All diese Differenzen sollen mit der Heiligsten Dreifaltigkeit zu tun haben? In der Ta, ja. Und zwar dann, wenn sie sich an beiden Prinzipien der Heiligsten Dreifaltigkeit orientieren, an ihrer Einheit wie an ihrer Differenz, genauer gesagt, an ihrer Einheit in der Differenz. Lange Zeit schlug in der Wahrnehmung der Heiligsten Dreifaltigkeit der Pegel nach der Seite ihrer Einheit aus, man dachte von ihr eher monistisch-einheitlich. Heute schlägt der Pegel mit Recht nach der Seite der Differenz aus, weil wir dabei sind, die Differenz in der Einheit in Gott neu zu entdecken. Im Aushalten der Differenzen kommen wir nicht weniger auf den Geschmack Gottes als in der bisherigen Orientierung an seiner Einheit.

Bitten wir Gott, den dreifaltigen und dreieinen, dass er uns in allen Bereichen des Lebens leite, Einheit in Differenz als Grunderfahrung des Lebens anzunehmen und sie in Liebe zu gestalten.

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2. September 2007
22. Sonntag im Jahreskreis
Ein verstecktes Gleichnis

Als Jesus an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen kam, beobachtete man ihn genau. Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, nahm er das zum Anlass, ihnen eine Lehre zu erteilen. Er sagte zu ihnen: Wenn du zu einer Hochzeit eingeladen bist, such dir nicht den Ehrenplatz aus. Denn es könnte ein anderer eingeladen sein, der vornehmer ist als du, und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen. Wenn du also eingeladen bist, setz dich lieber, wenn du hinkommst, auf den untersten Platz; dann wird der Gastgeber zu dir kommen und sagen: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. Dann sagte er zu dem Gastgeber: Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, so lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich ein, und damit ist dir wieder alles vergolten. Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein. Du wirst selig sein, denn sie können es dir nicht vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.
Lk 14,1.7-14

Manchmal scheint es uns Jesus schwer zu machen, ihn zu verstehen. Manchmal scheint er es darauf anzulegen, ihn miss zu verstehen. So im heutigen Evangelium. Man könnte den Eindruck haben, da lasse er es sich bei einem angesehenen Pharisäer gut gehen, bekomme endlich mal was Gutes zu essen und könne mal für einige Stunden abschalten. Aber offenbar nicht so ganz. Er macht den Eindruck, als stehe er der Tafelrunde mit kritischer Distanz gegenüber, als Beobachter sozusagen. Und prompt fällt ihm etwas auf, was ihm missfällt: nämlich, wie sich die Leute platzieren. Alle drängen zu den besten Plätzen. Und da ziehe Jesus nun gewissermaßen die moralische Schublade und hole den Knigge heraus: Leute, so gehe das nicht!

In der Tat, das Szenario verleitet uns geradezu, nichts anderes aus der Szene heraus zu hören als Anstandsregeln, die Jesus hier gebe. Ein Knigge-Meister gewissermaßen. Und die deutsche Textfassung dieses Evangeliums tut alles, um uns in diesem Missverständnis zu bestärken. Denn es hieß eben: Als Jesus bemerkte, wie die Leute sich die Ehrenplätze aussuchten, da nahm er das zum Anlass, ihnen "eine Lehre zu erteilen". Nach unserem Sprachempfinden kann man sich kaum moralischer verhalten, als wenn man einem anderen "eine Lehre erteilt". Und schon hat es den Anschein, als agiere Jesus hier als Moralapostel, den an der Gesellschaft, in der er sich gerade befindet, etwas stört.

In Wirklichkeit verhält es sich anders. Es ist zwar am Text kaum zu erkennen, aber Jesus spricht hier gleichnishaft. Es handelt sich um eine Parabel, um ein Gleichnis. "parabolé" steht hier im Griechischen. Es geht Jesus nicht wirklich darum, dass sich die Gäste um die ersten Plätze drängeln, und dass er dies für unanständig hält. Vielmehr macht er an ihrem peinlichen Gedränge um die ersten Plätze eine neu zu erfassende Wahrheit des Reiches Gottes anschaulich. Im Reich Gottes, so will Jesus sagen, führt das Drängeln um die ersten Plätze zu nichts. Ja, da geht es überhaupt nicht zuerst ums eigene Anstrengen und ums eigene Bemühen, auch nicht in der Form der peinlich genauen Erfüllung des Gesetzes, um so gewissermaßen die sicherste Garantie des Zutritts zum Reich Gottes zu haben. Im Reich Gottes gelte ein anderes Prinzip: das Prinzip des Beschenktwerdens durch Gott, des Beschenktwerdens mit leeren Händen. Und das Prinzip, sich darauf einzulassen.

Es ist die gerade Umkehrung der pharisäischen Prinzipien, nach denen vor Gott die eigene Leistung zählt, und sonst nichts. Dieses pharisäische Denken umzupolen gelingt - das weiß Jesus - nicht in langen Diskussionen. Es gelingt eher mit Hilfe einer bildhaften Gleichnisrede, in der Jesus an dem konkreten Drängeln um die ersten Plätze anknüpft und darauf hinweist, dass solch selbstgewisses Verhalten auf der Ebene des Reiches Gottes gänzlich fehl am Platze sei. Solches Verhalten habe vom Reich Gottes nichts verstanden.

Dass die Gäste Jesu Worte in dem Sinn verstehen können - und sie nicht als Anstandsbelehrung missverstehen -, dazu baut er ihnen eine goldene Brücke. Er spricht von einer "Hochzeit". Das Wort "Hochzeit" wirkte wie ein Signalwort. Alle erinnerten sich bei diesem Wort sofort an den Bundschluss Jahwes mit Israel am Sinai, der als Jahwes Hochzeit mit Israel gepriesen wurde. Zumal das erwartete messianische Reich Gottes, zu dem sich das Gottesvolk eingeladen wusste, wurde im Bild des großen Hochzeitsmahles ersehnt.

Von nichts anderem also sprach Jesu in seiner Gleichnisrede, die wir allerdings fälschlich als moralische Ermahnung deuten könnten. Die Pharisäer wussten damit besser umzugehen. Sie verstanden sofort, was Jesus meinte. Ob dies allerdings bei ihnen ankam, das ist eine andere Frage. Denn so leicht lässt sich ein Mensch, zumal in religiösen Belangen, nicht umpolen.

Jesus bringt die richtige Sicht bzw. das richtige Verhalten bezüglich des Reiches Gottes auf die einprägsame Formel, die sich auch uns eingeprägt hat: "Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden." Er konnte dabei an Ezechiel 21,31 anknüpfen: "Das Niedrige wird hoch, das Hohe wird niedrig." Seine Aufforderung in der Gleichnisrede, "Freund, rücke höher hinauf!", müssen wir deshalb so deuten, dass nicht eigene Leistung, nicht eigenes Verdienst im Reich Gottes Ausschlag gebend sind, sondern das zugesprochene Wort von außen. Ein Wort - so will Jesus verstanden werden und so positioniert er seine gesamte Botschaft vom Reich Gottes -, das Gott zum Menschen spricht und das dieser annehmen soll, da auf es Verlass ist. Alles selbstsichere sich vor Gott in die Brust Werfen - und in diesem Sinn alles sich selbst Erhöhen - führt auf Abwege, aber nicht ins Reich Gottes.

Das aber war in der damaligen Gesellschaft das Problem. Die ungebildeten Leute auf dem Land, die vom Gesetz Gottes kaum eine Ahnung hatten, galten eben deshalb in den Augen des religiösen Establishments sozusagen vor Gott als chancenlos, als niedrig, ja geradezu als im Namen Gottes verachtenswert. Dagegen wollte Jesus in der durchaus angesehenen und ehrenwerten und sittlich strebsamen Gruppe der Pharisäer angehen. Nicht in erster Linie mit dem Ziel, dass sie mit den kleinen Leuten anders umgingen, sondern vor allem mit dem Ziel, dass sie lernen und zur Einsicht kommen sollten, dass gerade diese ungebildeten kleinen Leute die Erstberufenen in das Reich Gottes waren.

Deshalb rät Jesus seinem Gastgeber, sein Gastgeberverhalten zu ändern. Nicht die Honoratioren und die angesehenen Leute in sein Haus einzuladen, sondern die zu kurz Gekommenen, Arme, Krüppel, Lahme und Blinde. So würde er als Gastgeber ein Zeichen setzen, dass diese Leute im Reich Gottes die bevorzugte Aufmerksamkeit Gottes erführen. Dann wirst du, sagt Jesus, selig sein. Denn dann hast du dich selbst klein gemacht, hast dich erniedrigt. Dann hast du dich mit ihnen solidarisiert. Ja, nicht nur mit ihnen, sondern mit Gott, der die Armen, die Krüppel, die Lahmen und Blinden in sein Herz geschlossen hat.

Inwiefern kann sich das alles auch an uns richten? Wenn wir dieses Evangelium eben nicht als moralischen Appell verstehen, was es genau nicht sein will? Ich denke, wir dürfen als erstes heraushören, das Gott uns in unserem Kleinsein, in unserer vielfachen Gebrochenheit, im Stückwerk unseres Lebens bedingungslos annimmt. Das zu behaupten ist leichter, als daraus zu leben. Denn es gibt sehr viel Unversöhntheit mit dem eigenen Leben, viele Verwundungen und Verletzungen durch andere, Erfahrungen, die uns gewissermaßen klein halten. Was wäre möglicherweise aus uns geworden, so träumen wir manchmal, wenn uns andere nicht im Weg gewesen wären, nicht Knüppel zwischen die Beine geworfen hätten? Daran mag etwas sein. Aber entscheidend ist, uns von Gott inmitten der manchmal harten Realitäten unseres Lebens, in unserer Gebrochenheit, in unserer Blindheit, in unserem Lahmen bedingungslos angenommen zu wissen. Das wäre dann der erste Schritt, um uns in unseren Fähigkeiten und Gaben zu entfalten.

Noch etwas anderes können wir aus diesem Evangelium heraushören, nämlich, dass alle Menschen, zumal die, von denen wir es vielleicht am allerwenigsten annehmen, eine Chance vor Gott haben. Innerkirchlich setzen wir bisweilen den Zirkelschlag zu eng an, mit welchen Menschen es Gott zu tun habe und mit welchen nicht. Es ist in der Tat so, wie Artikel 16 der Kirchenkonstitution Lumen gentium sagt, dass sich Gott auch "in Schatten und Bildern" finden lasse. Gilt das nicht mittlerweile bis tief in unsere Gemeinden hinein?

Vielleicht möchte uns das heutige Evangelium "die Lehre erteilen", dass Gottes Liebe und Zuneigung, seine Menschenfreundlichkeit ungleich größer sind als unser Vertrauen auf sie. Wir sollten dieses Vertrauen erhöhen und würden damit unser Leben nicht erniedrigen, sondern erhöhen.

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28. Oktober 2007
30. Sonntag im Jahreskreis

Moral greift zu kurz

Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Beispiel: Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stellte sich hin und sprach leise dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens. Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden. Lk 18,9-14

Es ist eine der bekannten Gleichnisreden Jesu, die vom Pharisäer und Zöllner im Tempel. Jesus erzählt sie so, dass man meinen könnte, das Erzählte habe sich so zugetragen. Aber es ist nur eine Gleichnisrede, ausgelöst durch Leute, die sich für besonders gerecht und gottesfürchtig und für Lieblinge Gottes hielten und die meinten, vom hohen Ross ihrer Frömmigkeit und Rechtgläubigkeit auf andere herabschauen zu dürfen. In den Augen Jesu war in deren Frömmigkeit einiges, oder besser, alles verrutscht, und zwar in einem Maße, dass sie am Ende nicht mehr als gerecht dastehen, im Unterscheid zum Zöllner, der Ausgeburt damaliger gesellschaftlicher Verfemtheit, der mit Gott seinen Frieden macht. Nein, so dürfen wir eigentlich nicht sagen. Denn der Zöllner der Gleichnisrede tut eigentlich von sich aus gar nichts. Er bittet vielmehr, dass Gott an ihm handle. Er übergibt sich seiner Barmherzigkeit.

Aus diesen wenigen Sätzen wird bereits deutlich, worum es in diesem Gleichnis geht, und worum nicht. Nicht geht es in ihm darum, einen selbstgerechten Hagestolz zu geißeln, moralische Überheblichkeit an den Pranger zu stellen und dies in der Figur eines schuldbeladenen Menschen zu konterkarieren, der letztlich – aber warum eigentlich? – mit Gott seinen Frieden hat.

Wir müssen, um das Gleichnis zu verstehen, eine moralische Auslegung ganz beiseite lassen. Jesus hat nämlich keines seiner Gleichnisse lediglich in moralischer Absicht erzählt. Auch dieses nicht. Er war kein Moralapostel, kein Humanist, kein Philosoph. Er wusste sich vielmehr seiner Botschaft vom Reich Gottes verpflichtet, der Botschaft, dass in ihm Gott auf die Menschen zukomme, bedingungslos und vorbehaltlos. Ja, das ist eher noch zu wenig gesagt. Zukomme in einer unüberbietbaren Offenheit und Liebe, ja Sehnsucht nach dem einzelnen Menschen. Sich auf dieses Entgegenkommen einzulassen, sich ihm anzuvertrauen, darauf das Leben zu gründen, auf den Grund, der Gott selbst ist in seiner Liebe, und sich nicht abhängig zu machen von der eigenen Lebensleistung, in der der Mensch letztlich immer noch nur um sich selbst kreist und die Sorge des Lebens noch nicht in die Hände Gottes gelegt hat – darauf zielt Jesu Botschaft. Daraufhin entwirft er seine Gleichnisse.

Mit der harschen Gleichnisrede vom Pharisäer und Zöllner hat Jesus einiges riskiert. Freunde hat er sich damit nicht gemacht. Jedenfalls nicht unter den Pharisäern. Freilich muss man bedenken: Sie waren nicht die Mächtigen im Lande. Das waren die Sadduzäer, die das Synedrium in Jerusalem beherrschten. Von denen ging die größere Gefahr aus. Überhaupt mag man sich wundern, warum Jesus hier zu so einer die Pharisäer bloßstellenden Gleichnisrede seine Zuflucht nahm. Denn wenn auch bei den Synoptikern, also bei Mt, Mk und Lk, die Pharisäer als Gegenfront Jesu erscheinen, so gibt es dort auch freundschaftliche Kontakte zwischen ihm und ihnen, vielleicht sogar so etwas wie gegenseitige Wertschätzung. Nach Lk hat Jesus wiederholt mit ihnen Tischgemeinschaft gehalten. Einmal haben sie ihm so geraten, sich vor Herodes aus dem Staub zu machen, der ihm nachstelle (vgl. Lk 13,31). Das deutet alles nicht auf Feindschaft hin.

Unsere Gleichnisrede überzeichnet Jesu Verhältnis zu den Pharisäern ins Negative. Es war nicht nur negativ. Aber scharf und konturiert konnte es werden, wenn Jesus an den Pharisäern ein Wesenszug auffiel, der seiner Botschaft vom Reich Gottes diametral widersprach: nämlich die pharisäische Gesetzesfrömmigkeit. Das lag daran, dass diese ihren Fixpunkt und ihre gebündelte Aufmerksamkeit allein in der Erfüllung des Gesetzes hatte. Das war ihr Bezugspunkt. Davon unterschied sich Jesu Gesetzesverständnis fundamental. Er war dabei nicht gekommen, das Gesetz aufzuheben. Er war gekommen, es in einer verschärfenden Interpretation auf Gottes Liebe zu den Menschen und auf deren Liebe zu Gott und zum Nächsten zu öffnen.

In unserem Gleichnis wird das sehr deutlich: Der Pharisäer im Tempel betet eigentlich in sich hinein, betet zu sich. „Pros heauton“, heißt es im Griechischen. Daraus darf man mehr heraushören als lediglich, er habe „still“ gebetet. Nein, sein Gebet richtet sich zwar formal an Gott, tatsächlich aber kreist es um seine eigene Person, um den hohen Grad seiner Frömmigkeit und Gesetzeserfüllung, die ihn auf andere herabschauen lässt. Nicht also nur, dass er Gott gar nicht wirklich meint. Hinzukommt noch, dass ihm das auch die Beziehung zu den anderen verdirbt. Im Grunde ist bei ihm weder für die Gottes-, noch für die Nächstenliebe Platz. Wenn das aber als Ergebnis der Frömmigkeit herauskommt, muss Jesus die Reißleine ziehen. Denn da ist der größte nur denkbare Gegensatz zum Inhalt seiner Botschaft vom Reich Gottes gegeben. Deshalb seine rücksichtslose Schärfe dieser Gleichnisrede.

Etwas die Pharisäer Schonendes und ihre Aufmerksamkeit Heischendes hat sie gleichwohl an sich. Sie ist vom Genus her eben nur eine Gleichnisrede! Das Ganze hat nicht auf der Realebene gehandelt. Jesus behauptet nicht, dass die Pharisäer durch die Bank so sind. Und so will er sie gewissermaßen kritisch zu eine besseren Sicht auf ihre Gesetzespraxis führen.

Den Gegenpol, der dem Ganzen zusätzlich Nachdruck verleiht, bildet der Zöllner. Ein wirklicher Gegenpol im damaligen realen Leben. Steuern erhoben, Zölle eingefordert zu bekommen war ja nun wohl zu keiner Zeit eine gesellschaftlich hochgeschätzt Erfahrung. Auch heute könnten sich viele – gewiss kurzsichtig und egoistisch gedacht – ein Leben ohne Mehrwert-, Einkommens-, Kirchen- und Erbschaftssteuer vorstellen. Doch damals war es noch einmal anders. Palästina war damals römische Provinz und stand unter römischer Verwaltung. Wer hier in den Diensten – wie es empfunden wurde - der Besatzungsmacht stand, galt als gesellschaftlich verfemt, galt sogar als vor Gott und dem Gesetz unrein. Und zwar er und seine ganze Familie. Wir können uns das kaum vorstellen. Heute würde in einem solchen Fall das Antidiskriminisierungsgesetz greifen.

Einen solchen Menschen stellt Jesus dem Pharisäer gegenüber. Und wie er das macht! Wir haben es eben gehört. Der Zöllner bittet im Gebet lediglich um das Erbarmen Gottes. Er macht sich ganz von Gott abhängig und lässt so alles gut sein bzw. gut werden. Das ist die Haltung des Vertrauens in Gott. Das ist die Haltung, die ins Reich Gottes führt. Denn: Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selber erniedrigt, wird erhöht werden.

Am Ende laufen wir wohl kaum noch Gefahr, diesen Satz aus Jesu Gleichnisrede lediglich moralisch zu verstehen, was bedeuten würde, ihn miss zu verstehen. Er gehört einer ganz anderen Ordnung an: der Ordnung der Botschaft vom Reich Gottes.

Was für Gedanken gehen uns nun durch den Kopf? Es mögen viele sein. Und jeder mag sie mit sich ausmachen, wenn wir dabei nur die moralische Interpretation dieses Satzes hinter uns lassen.

Eines sei noch angefügt, eine Interpretation, die gewissermaßen autobiographisch auf Jesus zielt. Er kann mit dem Satz, wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden, auch sein eigenes Leben gemeint haben. Denn er erniedrigte sich nicht nur in seiner Menschwerdung, sondern auf dramatische Weise auch in seinem Tod am Kreuz, und wurde erhöht in dem, was wir die Auferstehung nennen. Und damit sind wir zuletzt auf geheimnisvolle Weise bei uns: In der Taufe wurden wir in seinen Tod hineingenommen und gewissermaßen erniedrigt, und werden so auch an seiner Erhöhung Anteil haben. Sofern wir nur unser Leben nicht wieder auf uns selbst zurückverlagern und um die Achse unserer eigenen Lebensleistung kreisen lassen, wie es der Pharisäer der Gleichnisrede tat.

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Untitled 27. Januar 2008
3. Sonntag im Jahreskreis
Gottes gewiss

Mt 4,12-23

Als Jesus hörte, dass man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, zog er sich nach Galiläa zurück. Er verließ Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See liegt, im Gebiet von Sebulon und Naftali. Denn es sollte sich erfüllen, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist: Das Land Sebulon und das Land Naftali, die Straße am Meer, das Gebiet jenseits des Jordan, das heidnische Galiläa: das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein heiles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht er-schienen. Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. I Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er zwei Brüder, Simon, genannt Petrus, und seinen Bruder Andreas; sie warfen gerade ihr Netz in den See, denn sie waren Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm. Als er weiterging, sah er zwei andere Bruder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren mit ihrem Vater Zebedäus im Boot und richteten ihre Netze her. Er rief sie, und sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten Jesus.
Er zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden.

Ich frage mich immer wieder: Können die Sonntagsevangelien, die uns Sonntag für Sonntag vorgetragen werden, wenn wir denn dabei sind, können sie unser Ohr finden? Das ist doch offensichtlich angezielt, sonst würden sie uns nicht vorgetragen.

Die Sache ist von grundsätzlicher Schwierigkeit, und nicht bloß von einer Schwierigkeit, die wir zu verantworten hätten aufgrund unserer Unaufmerksamkeit, unserer Zerstreutheit, unseres Besetztseins von Gedanken, die uns so durch den Kopf gehen.

Die Schwierigkeit ist grundsätzlicher Art. Sie ist in der Hauptsache - und beinahe hätte ich gesagt, allein - dadurch bedingt, dass die Evangelien das Ziel verfolgen, uns die Person, das Wirken und die Bedeutung Jesu nahe zu bringen, eine Aufgabe, der sich die Evangelien ge-wissermaßen selber nur schwer gewachsen fühlen. Wie sollen sie von Jesus reden, wie sollen sie seine Sache "rüberbringen", in einer Weise, die sich sowohl den Menschen um die Wende des ersten zum zweiten Jahrhundert als auch uns heute vermittelt? Eine schier unlösbare Aufgabe. Dabei ist es nicht in erster Linie der zeitliche Abstand, der das Problem ausmacht, es ist die Aufgabe selbst, Jesus gerecht zu werden, ihn so rüberzubringen, dass er in uns etwas trifft, in uns etwas in Schwingung bringt, oder, mit dem Bild des heutigen Evangeliums gesagt, dass er wie Licht in unser Leben einfällt, von dem wir nicht mehr lassen können. Ein Licht, das nicht wir entzünden, sondern in dem er sich uns schenkt. Ein Licht, das die dunklen Seiten unseres Lebens nicht grell ausleuchtet, wie bei manchen Verhörmethoden Verhöropfer grell geblendet werden, so dass sie ganz verwirrt werden. Sein Licht möchte unser Leben mit Licht und Wärme erfüllen.

Dieser Effekt kann schwerlich durch ein einziges Evangelium, durch einen einzigen Evange-lienabschnitt ausgelöst werden. Es kann nicht alles gleich in einem einzigen Satz gesagt wer-den. Und so mag es sein, dass uns manches nichtssagend vorkommt, von Belanglosigkeiten, von fremden Namen und Orten zu handeln scheint, die für uns ohne Belang sind.

Vielleicht gelingt uns gleichwohl eine gewisse Aufmerksamkeit, dann nämlich, wenn wir uns nicht, wenn ich so sagen darf, an das Kleingedruckte verlieren, sondern beim Großgedruckten bleiben, wenn wir also, bildlich gesprochen, bestimmte Textstellen mit dem Textmarker mar-kieren und optisch herausheben. Und da hebe ich heute nicht die Begriffe Galiläa, Nazaret, Kafarnaum, Sebulon und Naftali heraus, so wichtig sie sind; und der Evangelist könnte uns sagen: Schade! Gerade sie seien wichtig!

Ich möchte etwas anderes herausheben und unterstreichen, das uns im ersten Moment ebenso wenig unterstreichenswert erscheinen könnte, weil es in unseren Ohren schon so verbraucht und abgenutzt ist, die Aufforderung Jesu nämlich: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. Wir könnten verwundert darüber sein, warum dieses Wort die Menschen damals so elektri-siert haben soll, warum es ihnen so lebenserhellend, so zukunftsfroh vorkam, warum sie es als Licht in ihr Leben empfanden. Wir müssen dabei zunächst bedenken, dass dieser Satz selbst-verständlich eine komprimierte Kurzformel darstellt, die das gesamte Wirken Jesu wie in ei-nem Punkt bündelt. Nicht dass also Jesus gewissermaßen nur mit diesem einen Satz durch die Lande gezogen sei. Da hätten ihm die Menschen sicherlich alsbald die kalte Schulter gezeigt.

Nein, Jesus brachte in seiner Person, in seinem Auftreten eine neue Perspektive in das Leben der Menschen, für die sie staunend dankbar waren. Sie sollten ihr Leben neu sehen, neu deu-ten und neu leben, in einer Perspektive, die hier auf die Formel "nahes Himmelsreich" ge-bracht ist. Wie können wir uns diese Perspektive erschließen, die sich damals den Menschen offensichtlich wie von selbst erschloss?

Ich möchte die jüngste Enzyklika Benedikt XVI. "Spe salvi" zu Hilfe nehmen, um uns zu erschließen, was mit dem nahen Himmelreich und mit der entsprechenden Hinkehr auf es gemeint ist.

Durch Jesu Auftreten sind die Menschen damals und sind wir "Gottes gewiss geworden" (Nr. 26).So einfach lässt es sich sagen. Wir sind Gottes gewiss geworden. Und das zielt auf mehr als auf eine bloß theoretische Gewissheit, die wir lebensfern in einer Schublade ablegen, die wir nie ziehen, weil wir ihren Inhalt nie brauchen. Es ist eine Gewissheit, die "performativ" (Nr. 10) ist, die in unserem Leben zur Geltung kommen und zur Geltung gebracht werden will. Eine Gewissheit, die unser Leben durchformt. Sie "gibt dem Leben eine neue Basis, ei-nen neuen Grund, auf dem der Mensch steht, und damit wird der gewöhnliche Grund, eben die Verlässlichkeit des materiellen Einkommens relativiert. Es entsteht eine neue Freiheit ge-genüber diesem scheinbar tragenden Lebensgrund" (Nr. 8), dessen Bedeutung die Enzyklika "Spe salvi" deshalb noch lange nicht leugnet.

Es entsteht eine Gewissheit, die uns bis in die letzte Tiefe unseres Menschseins anspricht. Auf der Basis, die uns Jesus vermitteln wollte, nämlich, Gottes gewiss zu sein. Andere Gewiss-heitskonzepte betreffen zwar berechtigte Teilaspekte des Lebens und artikulieren diese Teil-aspekte, aber sie befriedigen den Menschen nicht in der Tiefe. So liefert die ökonomische Gewissheit keine den Menschen wirklich innerlich stillstellende Gewissheit. "Der Mensch ist eben nicht nur Produkt der ökonomischen Zustände, und man kann ihn allein von außen her, durch das Schaffen günstiger ökonomischer Bedingungen, nicht heilen" (Nr. 21). Ebenso we-nig kann man ihn bis in die Tiefe zufrieden stellen, wenn man ihn von der in Jesus gewonne-nen Gottesgewissheit weglotst in eine menschlich konstruierte Gewissheit, und mag man die-se auch mit Reich Gottes ähnlichen Begriffen schmücken.

Kehrt um - das mag an dieser Stelle als zentrale Überlegung reichen - soll also für uns hei-ßen, Gottes gewiss zu werden, nicht indem wir nun diese Worthülse wie eine Luftblase vor uns hertragen (und uns um "Rechtgläubigkeit" streiten bzw. sie einander aberkennen), son-dern indem wir diesen Gewissheitsgrund betreten und mit dieser Gewissheit unser Leben durchformen. In kleinen Schritten, gewiss. So, wie wir es vermögen, so, wie es uns die Le-benssituationen abverlangen. Und selbst wenn wir gar keinen Zugang zu dieser Lebensge-wissheit haben sollten, die ja keine psychologische, sondern eine existentielle Gewissheit ist, dann lassen wir selbst diese Ungewissheit noch umschlossen sein von der größeren Gewiss-heit Gottes. So, wie sich Jesus in der letzten Dunkelheit seines qualvollen und von Gott ver-lassenen Sterbens - mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? - eben an diesen seinen Vater wandte.

Übergeben wir also unsere Ungewissheit immer wieder in die Gewissheit Gottes, in der Gott zu unserem Leben steht. Dann schaffen wir es vielleicht, dem Paulus die Worte nachzuspre-chen: "Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zu-künftiges, weder Gewalten der Höhe oder der Tiefe, noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn" (Röm 8,38-39).

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16. März
Palmsonntag
"Wer ist dieser?"

Als sich Jesus mit seinen Begleitern Jerusalem näherte und nach Betfage am Ölberg kam, schickte er zwei Jünger voraus und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt; dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet sie los, und bringt sie zu mir! Und wenn euch jemand zur Rede stellt, dann sagt: Der Herr braucht sie, er lässt sie aber bald zurückbringen. Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig, und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers. Die Jünger gingen und taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte. Sie brachten die Eselin und das Fohlen, legten ihre Kleider auf sie, und er setzte sich darauf. Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe! Als er in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Aufregung, und man fragte: Wer ist das? Die Leute sagten: Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa. Mt 21,1-11

Wir nennen diesen Tag zwar Palmsonntag, in Erinnerung an den so genannten Einzug Jesu in Jerusalem, mit diesem Einzug aber scheint heute die Leidensgeschichte des Herrn, seine Passion, zu konkurrieren, die wir eben gehört haben und die dem Einzug irgendwie den Rang abläuft. Das wäre schade, weil ihm so, schon von der Zeit her, nicht die Beachtung zukommt, die ihm gebührt.

Was passierte damals eigentlich bei dem, was wir Jesu Einzug in Jerusalem nennen? Und was möglicherweise nicht? Inszenieren wir mit unserer Prozession am Palmsonntag und mit unseren Hosanna-Rufen etwas, was sich als historisches Ereignis so abgespielt hat? Vielleicht kann uns das Evangelium Antwort geben.

Jesus war mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem in Bethfage, einem winzigen Ort an der Ostseite des Ölbergs, angekommen. Da ergeht von ihm selbst der Auftrag an zwei seiner Jünger, in das Dorf hineinzugehen, um eine Eselin und ein Jungtier zu holen. Allein an diesem einleitenden Erzählelement ist unschwer, was immer sich damals tatsächlich abgespielt haben mag, die theologische Absicht, die Absicht einer Glaubens- und einer Bekenntnisaussage bezüglich Jesus zu erkennen.

Was für uns so beliebig, so zufällig und wie nebensächlich erscheint, dass da eine Eselin und ein Jungtier ins Spiel kommen, ist in Wirklichkeit voller sich mehrfach überlagernder Rückbezüge auf das Alte Testament.

Da schwingt zum einen eine Anspielung auf eine Szene mit Mose mit - und wir haben zu bedenken, dass im Matthäusevangelium Jesus als der zweite, wahre Mose erscheint. Von Mose aber heißt es im Buch Exodus, "er holte seine Frau und seine Söhne, setzte sie auf einen Esel und trat den Rückweg nach Ägypten an. Den Gottesstab hielt er in der Hand" (Ex 4,20). Einschlägig ist auch ein Grundakkord aus dem ersten Buch der Könige. König David hatte beschlossen, dass Salomo sein Nachfolger werden sollte. Und er trug seinen Leuten auf: "Setzt meinen Sohn Salomo auf mein eigenes Maultier, und der Priester Zadok und der Prophet Natan sollen ihn zum König von Israel salben" (1 Kön 1,33-34).

Im Licht dieser Stelle erscheint Jesus auf dem Rücken des Esels als der Nachfahre Davids, als der königliche Davidssohn. Das Königsmotiv beherrscht auch die Szene der Berufung des Königs Jehu (841-813) im Nordreich Israel, der von einem Abgesandten des Propheten Elischa gesalbt wird: "Ich salbe dich zum König über Israel. Und sogleich nahmen alle ihre Kleider, legten sie ihm zu Füßen auf die bloßen Stufen, stießen in das Horn und riefen: Jehu ist König" (2 Kön 9,12-13). Von daher stammt das Motiv der ausgebreiteten Kleider!

Am unmittelbarsten allerdings dürfte die matthäische Darstellung des Einzugs Jesu von der Verheißung des kommenden Friedenskönigs durch den Propheten Sacharja beeinflusst sein: "Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin" (Sach 9,9).

Man hat den Eindruck, dass die Jünger diese Hintergrundbezüge der Inszenierung des Einzugs Jesu nicht durchschauten. Das lässt nämlich die Tatsache vermuten, dass Jesus selbst eine Frage ins Spiel bringt. Wenn euch jemand fragt, wozu ihr die Eselin und das Jungtier braucht, sagt einfach, der Herr braucht sie. In der Tat, Jesus selbst oder die Komposition des Evangeliums brauchte diese Tiere, um zeichenhaft die Bedeutung Jesu als König und Retter Israels in Szene zu setzen.

Und wie von einer sich selbst inszenierenden Dynamik erfasst setzen die Jünger Jesus auf das Jungtier, auf dem noch niemand gesessen hatte, hatten vorher ihre Kleider über das Tier und auf den Weg gebreitet, hatten - was den Ölberg entlang ein Leichtes war - Zweige von den Bäumen gebrochen und dem Herrn zugejubelt. Und sie jubeln ihm zu - so will es das Matthäusevangelium -, indem sie den Text von Sacharja aufnehmen: Jerusalem, Tochter Zion, sieh dein König kommt zu dir, er ist sanftmütig und sitzt auf einem Jungtier. Und weiter jubeln sie, Hosanna dem Sohne Davids, Hosanna in der Höhe.

Für uns ist in diesem Jubel leicht versteckt die von Sacharja übernommene Charakteristik Jesu als des Sanftmütigen. In diesem einen Wort ballt sich gewissermaßen die gesamte Offenbarung Jesu: Er ist als Mensch der Vermittler Gottes an uns, Gottes des Vaters, der mit Liebe und Sehnsucht an uns hängt, der uns nicht bedrängend und ängstigend übermächtigt, sondern voll der Einfühlung und des Verständnisses ist, voll der Sanftmut eben.

Die gesamte Einzugsszene läuft dann auf eine dichte Frage hinaus, und das Matthäusevangelium erweckt den Eindruck, als hätte ganz Jerusalem diese Frage gestellt; dabei wird's nicht so schlimm gewesen sein. "Wer ist denn das? Wer ist dieser?" Und die den Einzug begleitenden und ihn inszenierenden Leute geben eine Antwort, die uns enttäuschen könnte: "Das ist der Prophet Jesus, er kommt aus Nazaret in Galiläa".

Was für uns nach einer Unterbestimmung Jesu klingt, von ihm lediglich als Prophet zu sprechen, das nimmt in Wahrheit alle Elemente auf und bündelt sie, die in der Inszenierung seines Einzugs in Jerusalem angelegt sind: Er ist der wahre Mose, der Sohn Davids, der erwartete Friedenskönig, mit einem Wort, er ist der Messias. Und zugleich ist die Einzugsszene so angelegt, dass am Schluss die Frage auch als Frage bleibt, wer er sei.

Daraus spricht eine deutliche Spannung. Die einen haben offenbar schon eine Antwort, für andere aber bleibt alles eine Frage.

Vielleicht ist das auch unsere Spannung, die wir gegenüber Jesus in uns tragen. Auf der einen Seite sagen wir, deutlicher, als es dem Evangelium möglich war, er ist der Sohn Gottes. Auf der anderen Seite aber schleppen wir durch unser ganzes Leben, auch durch unser Glaubensleben, die Frage, wer er wirklich für uns ist. Ist er wirklich so entscheidend für uns?

Diese Frage verstummt nicht so einfach und so schnell ein für allemal. Lassen wir sie in dieser Heiligen Woche, die wir mit dem Palmsonntag beginnen, zurücktreten. Geben wir Ihm Raum, der auf so oft übersehene Weise in der Tat das Fundament und der Grund unseres Lebens ist - als sanftmütiger Vermittler Gottes.

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11. Mai 2008
Pfingstsonntag
Feuer! Notruf 112?

Pfingsten ist ein sehr bilderreiches Fest, ein sehr von bildhaften Eindrücken geprägtes Fest. Wir meinen förmlich die Feuerzungen zu sehen, die sich da von oben herab auf die Jünger niederlassen. Wir meinen das Brausen des Sturmes zu vernehmen. Wir teilen die Verwunderung über das so genannte Sprachenwunder. Und wir singen an diesem Tag gern vom Kommen des Geistes in Sturm und Feuersgluten. Ein weiteres Bild scheint daneben nur schwer bestehen zu können, das auch zu diesem Tag gehört, das Bild, wie Jesus als Auferstandener die Jünger anhauchte, ihnen sein Leben einhauchte und sagte: Empfangt den Heiligen Geist.

In all diesen so unterschiedlichen Bildern, den mal laut tosenden wie den stilleren, geht es um ein und dasselbe: um die Gabe des göttlichen Geistes an die Jünger, ja, an die Menschheit.

Bilder haben es manchmal an sich, dass sie uns so faszinieren, dass das mit ihnen Gemeinte dahinter geradezu zurücktritt und verblasst. Wir laufen Gefahr, sowohl die Bilder der pfingstlichen Lesung wie des Evangeliums in ihrer inhaltlichen Aussage zu überhören, also zu überhören, wofür sie stehen. Denn in der Lesung ist nicht von einem tatsächlichen Brausen, nicht von einem tatsächlichen Sturm die Rede, sondern lediglich von etwas wie einem Sturm. Und nicht von tatsächlichem Feuer und von tatsächlichen Feuerzungen, sondern von etwas wie von Feuerzungen. Und das Evangelium verwendet das Bild des Anhauchens.

Biblische Bilder sind damit aufgerufen, die öfters begegnen. Um mit dem auf den ersten Blick weniger intensiven Bild des Anhauchens zu beginnen: Im zweiten biblischen Schöpfungsbericht heißt es in Gen 2,7: "Gott formte den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen." Damit ist nicht nur, wie wir gerne sagen, der natürliche Lebensatem gemeint, das rein natürliche Schöpfungsgeschenk Gottes an uns, sondern es meint von Anfang an in einem umfassenden Sinn - gewissermaßen Schöpfungswirklichkeit und Offenbarungswirklichkeit umfassend - den göttlichen Atem, der uns belebt. Das wird deutlicher in Ezechiels Vision vom Totenfeld, wo der Prophet den Auftrag Gottes bekommt, den Geist Gottes anzurufen, dass er die Erschlagenen, die zuhauf ein Totenfeld übersäen, anhauche. "Hauch die Erschlagenen an, damit sie lebendig werden. Da sprach ich als Prophet, wie er mir befohlen hatte, und es kam Geist in sie. Sie wurden lebendig und standen auf" (Ez 37,9-10). Wenn Jesus als Auferstandener die Jünger anhaucht, dann ist das ein Bild dafür, dass in diesem Hauch sein Geist, der Geist Gottes, auf sie übergeht, sie erfüllt.

Dasselbe will das Bild des Feuers sagen, das Bild der Feuerzungen. Die Jünger bekommen es mit der Wirklichkeit Gottes zu tun, so wie Mose es in seiner Berufungsvision mit Jahwe im brennenden Dornbusch zu tun hatte (Ex 3,2) oder wie in der Wüste Gott dem Volk in der Feuersäule voranging (Ex 13, 21). Es ist jenes selbe Feuer Gottes, von dem Jesus im Lukasevangelium sagt: "Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen" (Lk 2, 49). Es ist das Feuer Gottes, von dem sich die Menschen ergreifen, erfassen lassen sollen, so dass sie gewissermaßen Feuer und Flamme werden für das, was von Gott kommt.

Von Feuerzungen spricht die Lesung. Es ist ein Feuer, das die Zungen der Jünger lösen soll, ja, tatsächlich löst, so dass die Menschen ihre Worte verstehen. Wieder ist nicht das das Wunder, dass sich hier Menschen über Sprachgrenzen hinweg verstehen. Das Wunder besteht vielmehr darin, dass für sie alle die Botschaft vernehmbar wird, die Botschaft nämlich, dass Gott in Jesus, dem Auferstandenen, mit den Menschen seinen Frieden gemacht hat.

So möchte man das im ersten Moment nennen dürfen. Aber dann hätten wir uns eines falschen Zungenschlags bedient, eines Zungenschlags, der dann noch nicht vom Feuer des Geistes getroffen wäre. Denn es ist nicht so, dass Gott in Jesus Christus mit uns Frieden gemacht hätte, als hätte er sich vorher, wer weiß wie lange, beleidigt und grollend zurückgezogen, als hätte er am liebsten über der Menschheit den Stab gebrochen. Gott hat seine Liebe zu seiner Schöpfung, seine Liebe zu uns Menschen, sogar zu jedem einzelnen von uns, nie eine Sekunde lang - wenn man menschlich so sprechen darf - zurückgenommen. Sie hatte und hat immer Bestand, weil Liebe sein Wesen ist. Und für diese seine Liebe wollte er uns in seinem Sohn neu gewinnen.

Von dieser Liebe, die nicht flach und launisch, die unbegreiflich und unauslotbar und insofern für uns schwer verständlich ist, von dieser Liebe spricht Jesus im heutigen Evangelium im Bild des Friedens: Friede sei mit euch! Es ist jener Frieden, in den wir wie in einen Raum, wie in unseren von ihm neu eröffneten Lebensraum eintreten sollen. Es ist der in der Auferstehung Jesu neu bekräftigte Friede, in dem wir die Spur seiner Liebe aufnehmen sollen. Jesus haucht seine Jünger an. Er appelliert nicht nur mit bloßen Worten an eine gewissermaßen menschlich leistbare Friedfertigkeit, sozusagen nach dem Motto: Spuckt nur kräftig in die Hände, dann geht das schon! Der Auferstandene macht keine leeren Worte, er gibt sich in seinem Hauch, in seinem Geist, in seiner Person in das Leben der Jünger, ja, in unser Leben hinein. Deshalb heißt es auch zurecht: Da stand er in ihrer Mitte, mitten in ihrem Leben.

Die Sätze, die dann folgen, "wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert," diese Sätze dürfen wir nicht aus dem Zusammenhang des Friedens herauslösen, in dem sie stehen. Mit anderen Worten, sie zielen auf das Heilswerk Gottes, das in Jesu Leben, Tod und Auferstehung neu und ein für alle Mal bestätigt wurde und in dessen Horizont wir unser Leben leben und deuten sollen. Diese Sätze sind viel viel mehr als lediglich so etwas - wie wir das manchmal hören mögen oder gehört haben mögen - wie eine Anspielung auf die Beichte, so etwas wie der Nachweis der Einsetzung des Bußsakramentes durch den Auferstandenen. Woraus man dann ableitete, dass die Priester darüber zu entscheiden hätten, wo etwas zu vergeben sei und wo die Vergebung verweigert werden müsse. Als hätte es Jesus der Kirche gewissermaßen in gleicher Weise anheim gestellt, zu vergeben oder nicht zu vergeben!

Wir müssen diese Sätze ganz anders und grundsätzlicher im Sinn unserer vom Geist Gottes und seinem Frieden erfüllten Lebenswirklichkeit lesen: Sein Geist des Friedens ist uns gegeben. In ihm sollen wir unser Leben gestalten. Das ist übrigens nebenbei auch so ein Punkt, ein Punkt, in dem wir gewissermaßen mit Gott noch nicht unseren Frieden gemacht hätten, wenn wir Pfingsten jedes Jahr so feierten, als sei uns Gottes Geist nicht schon längst geschenkt, als müssten wir erst jedes Jahr um sein Kommen beten. Anders herum wird, wenn ich so sagen darf, ein Schuh daraus: Wir feiern Pfingsten, weil der Geist Gottes über uns gekommen ist! Pfingsten - und nicht bloß Pfingsten - will uns an die unglaubliche Möglichkeit erinnern, dass wir Gottes Geist in uns auslöschen können, wovor Paulus im ersten Thessalonicherbrief warnt: Löscht den Geist nicht aus!

Der Geist des Friedens ist uns gegeben. In diesem Geist sollen wir einander begegnen. Das heißt, miteinander umsichtig und nachsichtig umgehen. Wir sollen uns nicht unsere Schwächen und Abgründe immer wieder, wo möglich ein Leben lang, vorrechnen und vorwerfen. So binden wir andere, und binden andere uns an ihre bzw. unsere Schuld. So aber geht nichts weiter, so lösen wir nichts, so ahmen wir nicht Gottes Umgang mit uns nach. So betreten wir nicht den Raum des Friedens, den uns Gott eröffnet hat. So kommt es zu keiner Lösung, so bleibt alles beim alten. Mit Jesu Worten gesagt: Wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.

Es geht also um die Öffnung unseres Lebens auf die Dynamik hin, die der pfingstliche Geist Gottes in unser Leben längst gebracht hat. Öffnen wir ihm unsere Kammern und Schleusen, die Kammern unserer Lebens- und Daseinsängste; die Ängste, im Leben zu kurz zu kommen, wo möglich durch andere, die auf der vermeintlichen Woge des persönlichen, familiären und beruflichen Erfolges oder auf welcher Erfolgswoge auch immer schwimmen und weiter gekommen sind als wir. Lassen wir den Geist Gottes in unserem realen Leben zum Zuge kommen. Dass etwas von seinem Feuer in uns spürbar wird, spürbarer als bisher, da es vielleicht am Erlöschen ist oder bereits erloschen ist, und wir bemerken es nicht einmal, in all unserer Sorge um uns, auch in all unserer Sorge um unser religiöses Leben, von dem wir manchmal in unkritischer Distanz sagen oder denken mögen, es sei doch gar nicht so schlecht.

Dabei sollten wir nicht nur an unsere kleine eigene Welt denken. Unser Blick soll sich auch weiten auf die Fragen und Probleme unserer Zeit, auf das Hoffen und Bangen der Menschheit. Eine Weite, die das Tagesgebet so zum Ausdruck gebracht hat: "Erfülle die ganze Welt mit den Gaben des Heiligen Geistes, und was deine Liebe am Anfang der Kirche gewirkt hat, das bewirke sie heute in den Herzen aller."

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10. August 2008
19.Sonntag im Jahreskreis
Ein das Leben tragendes Bekenntnis

Gleich darauf forderte er die Jünger auf, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken. Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten. Spät am Abend war er immer noch allein auf dem Berg. Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind. In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen; er ging auf dem See. Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst. Doch Jesus begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! Darauf erwiderte ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so befiehl, daß ich auf dem Wasser zu dir komme. Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu. Als er aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. Er schrie: Herr, rette mich! Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind. Mt 14,22-33

Eine wundersame Geschichte! Hat sie sich so zugetragen? Sollen wir sie so glauben, wie sie uns im Mt-Evangelium geschildert wird, der so genannte Wandel Jesu über den See? Interessanterweise sprechen wir vom Wandel Jesu, nicht vom Gang über den See. Von Gang zu sprechen, klänge zu prosaisch, das passte irgendwie nicht, das wäre der Sache nicht angemessen. Aber was ist hier eigentlich die Sache?

Die Erzählung als Schilderung eines realen Ablaufs zu verstehen, das geht schon aus textimmanenten Gründen nicht. Jesus schickt seine Jünger am Abend eines ereignisreichen Tages weg, sie sollen ans andere Ufer vorausfahren. Warum bleibt er zurück? Und wie will er nachkommen, ohne sie, ohne Boot, in der Nacht? Er schickt die Leute nach Hause und zieht sich, ohne erkennbare Eile, sich wieder den Jüngern zuzugesellen, in die Einsamkeit des Gebetes zurück. Währenddessen haben es die Jünger auf dem See schwer. Wind, ja, Sturm ist aufgekommen, und sie sind längst vom Lande ab und können offensichtlich, wie bei Fischern häufig, nicht schwimmen. Und dann ist Jesus doch da, auf dem See. Hatte er es sich anders überlegt? Ihr Erschrecken ist maßlos, ein Erschrecken, wie es gestandenen Männern schlecht zu Gesicht steht. Und dann der unbedachte Simon Petrus, der in einer Art Nachahmungstrieb das Risiko liebt? Er wagt den Gang auf dem Wasser. Es geht schief. Die Hand des Herrn rettet ihn vor dem Ertrinken. Und zuletzt das gänzlich Überraschende: Im Boot, das über den See tänzelt, werfen sich alle vor Jesus auf die Knie und bekennen: Du bist wahrhaftig der Sohn Gottes.

Der Ablauf der Erzählung ist voller Ungereimtheiten, so dass uns die Geschichte geradezu selbst entgegenruft: Bitte, versteht mich nicht wörtlich! Wer mich wörtlich versteht, der versteht mich falsch!

Wie also dann? Natürlich sind in sie reale Erinnerungen der Jünger an Jesus eingeflossen, aber sie hat - unter dem prägenden Eindruck seiner Auferstehung - eine entscheidende nachösterliche Übermalung erfahren. Sie wurde transformiert. Sie wurde, was immer sich in ihr an realer Erinnerung ablagerte, zu einer Glaubens- und Bekenntnisgeschichte geformt. Deshalb endet ihr letzter Satz: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn! Ein Bekenntnis, das im Mt-Evangelium dreimal vorkommt. Das erste Mal in dieser Szene im Boot, das zweite Mal als Bekenntnis allein des Simon Petrus: "Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes" (Mt 16,16). Und Jesus fügt dort an, dass er auf ihn, den Fels, seine Kirche bauen werde. Und, als habe sich Simon Petrus durch die Verleugnung des Herrn als Träger dieses Bekenntnisses selbst desavouiert, selbst unglaubwürdig gemacht, legt das Mt-Evangelium es am Ende dem Hauptmann unter dem Kreuz in den Mund, einem gänzlich unverfänglichen Zeugen. Wahrhaftig, sagt er nach Jesu Tod, das war Gottes Sohn (Mt 27,54).

Die Tatsache des Bekenntnisses bringt uns auf die richtige Fährte, das heutige Evangelium zu verstehen. Es geht um das Bekenntnis zu Jesus als dem Sohn Gottes, zu Jesus als dem Vermittler und Überbringer der Botschaft Gottes, des Vaters, der von uns nicht lässt. Es geht um das Bekenntnis zum Menschen Jesus Christus als dem einen Mittler zwischen Gott und den Menschen (vgl. 1 Tim 2.5).

Aber was bedeutet es, dieses Bekenntnis zu übernehmen? Ist es damit getan, dass wir es in den Mund nehmen: Jesus, du bist der Sohn Gottes? Man könnte es beinahe meinen, wenn man eine Stelle aus dem Römerbrief oberflächlich liest: "Wenn du mit dem Munde bekennst: ‚Jesus ist der Herr' und in deinem Herzen glaubst: ‚Gott hat ihn von den Toten auferweckt', so wirst du gerettet werden" (Röm 10,9). Dass hier sehr viel mehr als ein Lippenbekenntnis, dass hier das ganze Leben ins Spiel kommen muss, das will uns das heutige Evangelium sagen.

Es ist dabei so angelegt, dass eigentlich nichts Gutes herauskommen kann, am allerwenigsten ein vom Leben geformtes und dieses Leben tragendes Bekenntnis zu Jesus als dem Sohn Gottes. Wobei wir feststellen müssen, dass dieses Bekenntnis der Jünger keineswegs hieb und stichfest war. Auf sie sollten Bewährungen warten, die sie nicht bestanden.

Aber der Reihe nach. Da ist das Erzählmoment, dass Jesus sie losschickt, nicht zu einem Fußmarsch, bei dem man immerhin Boden unter den Füßen hat, auch wenn manches dabei strapaziös sein mag (wie mancher heutige Pilger des Jakobsweges weiß). Nein, er schickt sie auf den See, auf das Wasser. Das lag gewiss für Fischer nahe und war für sie nichts Ungewöhnliches. Aber er schickt sie auf trügerisches Wasser, auf Wasser, in dem sie alsbald - ohne ihn - ums Überleben kämpfen und unterzugehen drohen. Sein plötzliches Hinzukommen macht nichts besser, es macht die Situation noch undurchschaubarer. Ihre Angst, ihr Schrecken nehmen zu, sie schreien um ihr Leben. Man hat den Eindruck, es beschleiche sie in dem Moment der Verdacht, die Sache mit Jesus sei gespenstisch, sei eine gespenstische Imagination, der sie anheim gefallen sind, und die ihr Leben nun zu verschlingen droht.

Um hier innezuhalten. Solche Erfahrungen, solche Anfechtungen erleben wir doch auch, woran immer wir da denken mögen. Da verliert einer bei laufenden Belastungen über Nacht seinen Arbeitsplatz, da kommt eine Familie auf der Basis von Hartz IV nicht mehr auf die Beine, da reißt der Tod einen lieben Menschen, über den wir unser Leben definieren, von unserer Seite, da trennt sich einer von uns in einem Akt der Untreue, die wir ihm nie zugetraut hätten, und die unser Leben beinahe so verletzt wie ein physischer Tod. Oder denken wir an heutige gesellschaftliche Herausforderungen, die Ängste und Befürchtungen auslösen, der Energiemarkt, der Klimawandel, die Vorstellung von Massenvernichtungswaffen in den Händen von Terroristen und ähnliche Szenarien. Es sind diese Szenarien, die wir im Bild der Jünger im Boot eingefangen sehen dürfen. Wie gehen wir mit diesen Szenarien als Christen auf der Basis unseres Glaubens um?

Simon Petrus zeigt uns, wie es nicht geht. Er hat am ehesten den Schock der Angst überwunden. In einer die Schwerfälligkeit seines Lebenshintergrundes überspielenden und dieses Leben ausblendenden Weise will auch er über das Wasser gehen, auf Jesus zu. Hinter dem Triumph der ersten Schritte ahnt man schon die Ausweglosigkeit. Er wird untergehen. Was sagt uns das? Was kann uns das sagen? Unser Bekenntnis zu Jesus ist nicht viel wert, wenn wir dabei unsere Lebenswelt dahinter ausblenden. Wenn es gewissermaßen lediglich die Qualität eines schmallippigen Bekenntnisses hat. Petrus erntet den Vorwurf der Kleingläubigkeit. Ein treffendes Wort. Es scheint jene Art von Gläubigkeit, von Glauben zu bezeichnen, die uns nur tangential bzw. die nur Regionen unseres Lebens erfasst, sagen wir, nur die religiösen Regionen unseres Lebens. Das wäre zu wenig, das reicht nicht. Es trägt den Stempel der Kleingläubigkeit.

Diese Kleingläubigkeit hat Petrus nicht schon durch den Kniefall und sein Bekenntnis zu Jesus, mit den anderen im Boot, abgelegt. Nun hätten er und die anderen voll hinter Jesus gestanden. Mit der Kritik der Kleingläubigkeit erwartet Jesus von uns nicht ein bis ins Letzte und alle Lebenslagen durchtragendes Bekenntnis zu ihm als Sohn Gottes. Dazu kennt er uns zu gut, um zu wissen, dass wir dazu nicht in der Lage sind. Wozu uns aber seine Kritik einlädt, ja, auffordert, ist unsere Bereitschaft, ihn im Auf und Ab unseres Lebens, inmitten unserer realen Lebenswelt, zu suchen, mit ihm als existentielle Frage unseres Lebens zu ringen, ob er nicht doch in der Tat der Mittler zwischen Gott und uns ist. Ob wir das dann bis in das ausdrückliche Bekenntnis vorantreiben werden, dass er der Sohn Gottes ist, das ist eine andere Frage.

In diesem Suchen und vielleicht doch schon auf der anfanghaft eingenommenen Basis dieses Bekenntnisses sollen wir unser Leben in die Hand nehmen, die privaten Aufgaben ebenso wie die gesellschaftlichen Aufgaben unserer Zeit. Denn mit unserer Suche nach dem Glauben und erst recht mit unserem Bekenntnis zu Jesus verträgt sich keine schläfrige Lebensträgheit und Lebensfaulheit. Dabei sollen wir die Probleme und Aufgaben nicht allein aufgrund eigenen Bemühens und in eigener Verantwortung lösen wollen. Wir dürfen uns dabei getragen wissen - aber eben anders als der ungestüme Simon Petrus - von der zarten, manchmal kaum zu spürenden Gegenwart Gottes, die uns wie sanftes, leises Säuseln umspielt (vgl. 1 Kön 19,14). Seine kaum zu spürende Gegenwart öffnet vielleicht eines Tages auch unseren Mund zu dem ausdrücklichen Bekenntnis: Wahrhaftig, Herr Jesus, du bist der Mittler zwischen Gott und uns, du bist der Sohn Gottes.

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05 Oktober 2008
27.Sonntag im Jahreskreis
Frucht bringen Mt 21,33-44

33 Hört noch ein anderes Gleichnis: Es war ein Gutsbesitzer, der legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land. 34 Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seinen Anteil an den Früchten holen zu lassen. 35 Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den andern brachten sie um, einen dritten steinigten sie. 36 Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erstemal; mit ihnen machten sie es genauso. 37 Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben. 38 Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn töten, damit wir seinen Besitz erben. 39 Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um. 40 Wenn nun der Besitzer des Weinbergs kommt: Was wird er mit solchen Winzern tun? 41 Sie sagten zu ihm: Er wird diesen bösen Menschen ein böses Ende bereiten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist. 42 Und Jesus sagte zu ihnen: Habt ihr nie in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; das hat der Herr vollbracht, vor unseren Augen geschah dieses Wunder? 44 Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen; auf wen der Stein aber fällt, den wird er zermalmen. 43 Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt.

In diesem Gleichnis geht es zu wie "im wirklichen Leben", wie im rabiaten, menschenverachtenden, über Leichen gehenden Leben. Wir können das von den verprügelten, gefolterten, gesteinigten und umgebrachten Knechten kaum hören, erst nur eine Handvoll, dann eine größere Zahl, zuletzt die geplante Ermordung des Erbes des Weinberges, des Sohnes. Wir können das alles kaum hören, ohne nicht an die reale Brutalität unserer Tage zu denken. Wir retten uns schnell ins Vergessen, weil wir uns ein angenehmeres Bild des Lebens erhalten wollen. Wer denkt noch an die Tage des Krieges in Südossetien und Abchasien und an die massive militärische Gewalt, mit der dort Russland, wie man dann so schön verbrämend sagt, "für Ordnung" sorgte? Wobei gewiss immer zwei Seiten zu solcher Eskalierung beitragen. Leichen auf den Straßen, zerstörte Straßenzüge, niedergewalzte Häuser. Dort ging es offensichtlich nicht um die Abwendung eines Genozids, sondern um die politisch-strategische Einflussnahme auf Gebiete, die interessant sind aufgrund ihrer Bodenschätze und anderer strategischer Überlegungen.

Im Gleichnis Jesu ist das brutal mörderische Szenario nicht als solches die Wirklichkeit, sondern es dient als Gleichnis, und zwar als Gleichnis für das Reich Gottes. Nicht freilich für das Reich Gottes in dem Sinn, dass auch dort wieder das Morden und Hinschlachten weitergeht. Es ist ein - allerdings an Schärfe und Deutlichkeit kaum noch zu übertreffendes - Bild, wie die Menschen damals, zumal die religiöse Klasse der Hohenpriester und Pharisäer, mit der Reich Gottesbotschaft Jesu umgegangen sind, wie sie auf sie und auf ihn reagierten. Leider hat unsere Perikopenordnung den letzten Satz nicht mehr mitaufgenommen, der deutlich macht, dass die religiöse Klasse sofort verstand, dass Jesus sie mit seinen Gleichnissen meinte: "Als die Hohenpriester und Pharisäer seine Gleichnisse hörten, merkten sie, dass er von ihnen sprach. Sie hätten ihn gern verhaften lassen; aber sie fürchteten sich vor den Leuten, weil alle ihn für einen Propheten hielten" (Mt 21,45-46).

Sie legen ein unglaubliches hasserfülltes Verhalten an den Tag, das für uns gern so in den Vordergrund tritt, dass wir das im Gleichnis eigentlich Ausgesagte schnell aus dem Auge verlieren: Die Art und Weise nämlich, wie sich der Gutsbesitzer ins Zeug geworfen hat! Er hat alles nur Denkbare getan. Er hat sich nicht wie heutige renditehungrige und hochbezahlte Investmentbanker verhalten, hat nicht auf Spekulationsobjekte gesetzt, sondern hat die grundsolidesten Voraussetzungen geschaffen, damit der Weinberg Früchte trägt. Er errichtete einen Zaun, eine Mauer, hob sogar eine Kelter aus, damit die Erträge alle gleich an Ort und Stelle verarbeitet werden konnten, und obendrein sorgte er noch für einen Turm. Mehr Sorgfalt, mehr Obhut, mehr Sicherheit geht nicht.

Das alles sind intensive Bilder, mit denen Jesus die Hohenpriester und Pharisäer und alle seine Hörer davon überzeugen will, dass und wie sich Gott in ihr reales Leben hinein mitgeteilt hat. Er hat sich ihrem Leben gewissermaßen an die Brust geworfen, zuletzt in seinem Sohn. Und genau das ist das Reich Gottes: diese unvorstellbare Nähe Gottes zu ihrem Leben. Sie aber zeigen ihm die kalte Schulter, ja, noch schlimmer, sie tragen sich mit Mordgedanken. Sie meinen, sie seien es doch schließlich, die etwas davon verstehen, wie es sich mit Gott verhält! Darin halten sie sich für Profis! Sie, das religiöse Establishment in Jerusalem! Was will da so ein selbsternannter dahergelaufener Autodidakt aus Nazaret oder aus Betlehem, oder woher er immer kommen mag. Sie sind es doch, die darin kundig sind und die als Hohepriester und Pharisäer ihr Wissen weitergeben, wie und wo Gott die Ecksteine seiner Offenbarung gesetzt hat. Sie sind es doch, die wissen, wie man vor Gott rechtschaffen lebt, und die sich fraglos redliche Mühe geben, nicht nur von Gott und seinem Willen und Gesetz zu reden, sondern auch danach zu leben.

Und sie konfrontiert nun Jesus, nachdem er sie die Lehre aus dem Gleichnis selbst hat ziehen lassen, nämlich: Weg mit solchen Schurken, die den Sohn des Gutsbesitzers töten!, sie konfrontiert nun Jesus mit einem Wort aus dem Psalm 118: "Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; das hat der Herr vollbracht."

Diese Konfrontation muss ihnen den Boden entzogen haben. Sie müssen augenblicklich den Zusammenhang begriffen haben zwischen den Pächtern des Weinbergs und den Bauleuten des Psalms, die das wichtigste Baumaterial achtlos beiseite werfen. Sie erkannten sich in beiden Bildern, wobei sie die Erkenntnis aus dem Psalm noch tiefer getroffen haben muss als das Gleichnis. Denn Gleichnisse erzählen, das konnte sozusagen jeder, aber in der Auslegung der Psalmen da waren sie Meister! Jesus machte ihnen klar, dass sie, im Bild des Psalms gesprochen, schlechte Bauleute Gottes waren, wenn sie nicht erkannten, dass er der Eckstein, das heißt der Schlussstein und der Grundstein des offenbarenden Handelns Gottes war. Noch schlimmer, wenn sie meinten, ihn im Namen Gottes um der Rechtgläubigkeit willen töten zu sollen. Sie waren wie vernagelt und reagieren exakt wie die Winzer im Gleichnis, mit Tötungsgedanken.

Dass Gott ausgerechnet in Jesus den entscheidenden Spielzug seiner Offenbarung tat, dass er ihn zum Eckstein der Offenbarung gemacht hatte, wie der Psalm sagt, "das hat der Herr vollbracht," das erschloss sich ihnen tragischerweise nicht. Sie nahmen seine Hoheitsaussage, Eckstein und Schlussstein der Offenbarung zu sein, für Hohn, für blanke Gotteslästerung. Die Dramatik, mit der hier die Dinge aufeinanderprallen, ist zu greifen. Und Jesus steigert sie noch. Er reizt seine Gegenüber gewissermaßen, nicht um sie zu reizen, sondern um sie zur Vernunft zu bringen: Euch wird das Reich Gottes genommen. Es wird denen gegeben, die die erwarteten Früchte bringen.

Damit lässt er sie gewissermaßen stehen, und damit können wir diese Szene, soweit sie sich auf die Hohenpriester und Pharisäer bezieht, ebenfalls stehen lassen. Wo aber stehen wir? Ist das Reich Gottes von ihnen weg auf uns gekommen? Sind wir in seinem Besitz? Sind wir in seinem Possess? So dass uns keiner kann?

Die entscheidende Frage, die sich hier stellt, ist die, ob wir die erwarteten Früchte bringen. Es ist leicht einzusehen, dass im Bild von den erwarteten Früchten das Gleichnis vom Weinberg und seinen Erträgen nachwirkt. Welche Früchte sind es aber, die von uns erwartet werden? Das Gleichnis selbst weist uns hier die Richtung. Der Gutsbesitzer tat seinerseits alles, damit der Weinberg Früchte trage. Er umhegte den Weinberg, hob eine Kelter aus und legte einen Beobachtungsturm an. Es kommt nicht zuerst darauf an, dass wir gewissermaßen die Ärmel hochkrempeln, dass wir sozusagen unseren Lebenserfolg von uns abhängig machen, sondern dass wir wahrnehmen, was Gott immer schon an uns getan hat und tut. Und das wahrzunehmen, fällt uns durchaus schwer, es fällt uns nicht einfach in den Schoß.

Wenn wir von Gottes Liebe sprechen und an seine Liebe zu glauben versuchen, dann haben wir von seiner Liebe nicht das intensive Bild, wie diese Liebe tatsächlich ist, sondern wir haben ein schwaches, ein gewissermaßen geschwärztes Bild. Wir trauen Ihm die Liebe nicht zu, mit der er uns liebt und auf uns zugeht, ja, mit der er uns ins Leben gerufen hat. Seiner Liebe verdanken wir unser Leben. So vom Grund unseres Lebens zu denken, ist kein religiöser Romantizismus, so von unserem Leben zu denken, trifft den Grund unseres Lebens. Deshalb hatte Benedikt XVI. recht, uns in seiner ersten Enzyklika "Deus caritas est" Gott als die Liebe zu erschließen. Wir erfassen mit unserer menschlich begrenzten Vernunft die Unbedingtheit seiner Liebe zu uns nur gebrochen. Die Legion unserer Einwendungen gegen seine Liebe übertönt unseren Glauben an sie. So vieles läuft im Leben schief. So vieles entsetzt uns, wo wir dann als gläubige Menschen fragen, wie Gott das in seiner Liebe zulassen kann. Der jüdische Publizist Henryk M. Broder sprach vor wenigen Wochen in seiner Dankesrede für den ihm verliehenen diesjährigen Hildegard-von-Bingen-Preis vom offenbar zynischen Gott, der keinen Finger rühre, um schreckliche Katastrophen und menschenverursachtes Unheil zu verhindern. Wie soll man da noch von seiner Liebe sprechen? Wie an seine Liebe glauben?

Die Hohenpriester und Pharisäer hatten mit Jesus ein vergleichbar fundamentales Problem, und das heutige Evangelium sagt uns, dass sie daran gescheitert sind. Wenn wir aufgefordert sind, Früchte zu bringen, heißt das vom heutigen Gleichnis her, daran zu glauben, dass Gott in der Tat jenseits unseres Tunnelblicks, der ihm die Liebe abspricht, Liebe ist, an die wir glauben. An eine Liebe, die das Fundament ist, auf dem unser Leben ruht, komme, was da wolle. Wenn diese Frucht in uns reift, werden auch wir zu mehr Liebe fähig, in der sich unser Leben entfaltet.

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Untitled 12. April 2009
Ostersonntag
Vom heulenden Elend zur Gewissheit
Joh 20,1-18

Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, daß der Stein vom Grab weggenommen war. Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen, und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat. Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab; sie liefen beide zusammen dorthin, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als erster ans Grab. Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging aber nicht hinein. Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle. Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. Joh 20,1-8

Heute feiern wir ein Fest des Lebens! Ein Fest des Lebens, der Freude, der Zuversicht! Ein Ruck geht ge-wissermaßen durch uns, wir sollen uns von der Dynamik dieses Festes anstecken, mitnehmen lassen. Heute, wo so vieles bergab geht, wo schwere Sorgen auf unserem Land und auf unserer Gesellschaft liegen, wo sich die Aussichten auf die Zukunft massiv eingetrübt haben.

Ein Fest des Lebens feiern wir heute. Wir fliehen nicht in einen schönen Traum, ähnlich der verflossenen Bankerträume vom schnellen Geld, von Aktiengewinnen, von unbegrenztem Wohlstand. Alles Träume, die geplatzt sind und die unser Lebensgefühl in ein Loch hineingerissen haben, vergleichbar der Wunde, die der U-Bahnbau in Köln in die St. Severinstraße gerissen hat. Nein, wir fliehen nicht in einen schönen Traum des Lebens, wenn wir zu Ostern das Leben feiern. Wir begehen ein Fest, an dem uns an der Paradoxie des Kreuzestodes Jesu ahnend aufgehen kann, mit welcher Intensität Gott an unserem Leben hängt.

Nur, wie soll man das benennen, was wir heute feiern? Unser menschlicher Erfahrungshorizont, unsere menschliche Sprache reichen nicht aus, das auf einen präzisen Begriff zu bringen, was uns heute - beinahe hätte ich gesagt - zu feiern zugemutet wird. Es liegt außerhalb und jenseits unserer menschlichen Vorstel-lungen und Möglichkeiten, so dass in uns in der Tat ein Gefühl der Zumutung aufkommen kann. Wo doch Gott etwas ganz anderes im Schilde führte! Unsere Ermutigung, unser Vertrauen in ihn, unsere Zuversicht ins Leben, zu dem er uns berufen hat.

Von Auferstehung spricht die Schrift. Von der Auferstehung des Hingerichteten und elend am Kreuze Ver-endeten. Sie spricht davon in einer Weise, der man ansieht, wie schwer es ihr fällt, das glaubhaft zu vermit-teln, was sie vermitteln will, nämlich die neue Seinsweise des Hingerichteten bei Gott, die es als Tat Gottes an sich hat, nicht mehr mit Händen betastbar und begreifbar zu sein, und doch von unserem Herzen, von un-serem Verstand, von unserem Glauben begriffen werden soll.

Dieser schwierigen Hängepartie, etwas für uns begreiflich zu machen, unsere Überzeugung für etwas zu ge-winnen, was wir mit unseren Sinnen nicht begreifen, berühren, betasten, nicht mehr wahrnehmen können, dieser schwierigen Hängepartie sehen sich die Ostererzählungen ausgesetzt. Sicher hätten wir lieber eine klarere Eindeutigkeit, knapp und kurz, so wie eins und eins vier ist. Wir wüssten dann, woran wir sind. Aber exakt das leisten die Ostererzählungen nicht. Das können sie nicht leisten, weil sie etwas in Sprache umset-zen, wofür unsere Sprache nicht mehr adäquat ausreicht. Das aber macht andererseits den Reiz, den Charme der Ostererzählungen aus, auch der Ostererzählung des heutigen Ostersonntags.

Maria von Magdala ist die Leitfigur, sie bildet die Klammer um die ganze Erzählung. Sie ist am frühen Morgen nach dem Paschafest zum Grab geeilt. Ihr Herz hing an Jesus. Sein grässlicher Tod, damit kam sie nicht zurecht. Sie wollte sich an seinem Grab ausheulen. Aber dazu kommt es nicht. Etwas ist verändert. Der Stein zur Grabhöhle ist weg. Messerscharf schließt sie: Da ist etwas passiert. Nichts wie hin zu Simon Petrus und zu dem "anderen Jünger" - eine Person, die für die Leser des Johannesevangeliums so bekannt war, dass sein Name gar nicht genannt werden musste. Einer, der beim Abendmahl an der Seite Jesu lag (Joh 13,23). Sofort machen sie sich zum Grab auf. Dass der andere Jünger dabei schneller ist als Simon Petrus - es ist vielleicht eine Anspielung darauf, dass ihm die Liebe zu Jesus gewissermaßen Flügel verlieh. Simon Petrus inspiziert die Lage und sieht, ohne zu sehen und ohne zu verstehen. Er registriert Binden, die um den Toten geschlagen worden waren. Er registriert das Schweißtuch, das man über das Gesicht des Toten gelegt hatte. Dass so auffällig davon die Rede ist, dass es an einer anderen Stelle als die Binden lag und zusam-mengefaltet bzw. zusammengebunden dalag, mag man als leisen Hinweis darauf verstehen, dass es nicht mehr gebraucht werde. Hier ist kein Toter mehr.

Simon Petrus ist noch nicht so weit, diesen Hinweis zu verstehen. Und der andere Jünger offensichtlich auch nicht. Denn ich möchte das "er sah und glaubte" so deuten, dass er in Augenschein nahm und sich davon überzeugte, dass Maria von Magdala sie beide richtig informiert hatte. Eine andere Deutung verbietet sich eigentlich aufgrund des nachfolgenden Satzes: Sie wussten noch nicht - aus der Schrift! -, dass er von den Toten auferstehen musste. Und entsprechend gehen sie wieder nach Hause, schweren Herzens, ohne sich einen Reim auf das Ganze zu machen.

Schon bis dahin wird aus der Erzählung deutlich, wie schwer vermittelbar die Auferstehung des Toten an die Jünger war. Auf uns übertragen: Wie schwer es auch für uns ist, heute in der Glaubensgewissheit des Lebens des Toten das Osterfest als Fest des Lebens zu feiern.

Die Erzählung geht weiter. Sie geht weiter mit dem heulenden Elend Maria von Magdala. Sie wagt einen Blick in die Grabkammer und erblickt nun etwas anderes als Binden und das Schweißtuch. Nämlich zwei Engelsgestalten. Damit bekommt die Erzählung eine neue Qualität. Die Engel bilden die Brücke zu einer tieferen, zu einer angemessenen Deutung dessen, was hier Sache ist. Warum weinst du? Diese Frage eröffnet einen Dialog. Man hat meinen Herrn weggenommen. Und Maria von Magdala wendet sich um. Das bedeu-tet, sie ist in ihrem Denken, in ihrer Aufmerksamkeit mental noch nach rückwärts gewandt, sie ist beim To-ten. Etwas anderes zu denken ist ihr verwehrt. Sie sieht Jesus, und sieht ihn gleichzeitig nicht. Der, den sie für den Gärtner hält, fragt sie: Warum weinst du? Das Heulen, die Tränen ziehen sich nicht wie ein Rinnsal, sondern gewissermaßen wie ein Strom durch unsere Ostererzählung.

Erst die vertraute Anrede "Maria" bringt den Durchbruch, öffnet ihr die Augen für das Unglaubliche, das völlig Unerwartete. "Rabbuni!", "Meister!" In diesem Moment ist Maria viel weiter als Simon Petrus und der andere Jünger. Sie sitzen zu Hause rum. Hier aber ist der Durchbruch geschehen, im Rahmen der persönlichen Begegnung. Bei ihr bahnt sich das ganze Begreifen an. "Nein, bitte, halte mich nicht fest." Das heißt, mit den Händen festzuhalten gibt es beim Auferstandenen nichts. Er gehört, in der Welt anwesend, der unbegreiflichen Wirklichkeit Gottes, des Vaters, an.

Und exakt das ist die Botschaft, die Maria von Magdala den Jüngern, den "Brüdern" heißt es sogar, ausrich-ten soll: "Ich gehe zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott." Maria kommt diesem Auftrag nach. Und ihre Botschaft fiel offensichtlich bei den Jüngern auf fruchtbaren Boden, so dass in ihnen der Glaube an die Auferstehung des Toten allmählich reifen und wachsen konnte.

Es geht heute an Ostern, am Fest des Lebens, am Fest einer ganz neuen Dimension des Lebens, nicht ohne Geschichten, nicht ohne Erzählungen. Sie sind der einzige Weg, auf dem uns das grundstürzende Ereignis der Auferstehung des Toten zugänglich gemacht werden kann. Einer Auferstehung, die als Schlüsselwort, als pass par tout, über unserem Leben, ja, über dem gesellschaftlichen Auf und Ab unserer Tag steht.

Feiern wir heute, singen wir die Osterlieder, essen und trinken wir heute gut! Um uns so in die Großtat Got-tes für uns, ja, für die Menschheit insgesamt, einzufühlen. Und stellen wir unseren Glauben an den Aufer-standenen, einen Glauben, der vielleicht immer wieder mal wie ein welkendes Pflänzchen den Kopf hängen lässt, gegen die Widerwärtigkeiten unseres Lebens. Stellen wir ihn gegen unseren Kleinmut, gegen alle Ver-zagtheiten und Ausweglosigkeiten. Denn dazu haben wir allen Grund.

Einen Grund, wie es keinen besseren gibt: die Großtat Gottes an Jesus, dem hingerichteten Toten, in dessen Auferstehung auch unsere Auferstehung, ja, unser Leben gründet.

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07.Juni 2009
Dreifaltigkeitssonntag
Gott ist anders

Es fällt ein wenig schwer, sich am heutigen Fest gewissermaßen innerlich zu erwärmen. Der Begriff "heiligste Dreifaltigkeit" klingt fast wie eine Verlegenheitsformel, zumindest wie eine Formel, die uns leicht in Verlegenheit bringt. Sie öffnet nichts, vor ihr verschließen wir uns eher, so dass wir den heutigen Sonntag eher in der Haltung begehen, ihn hinter uns zu bringen.

Diese Stimmung - es ist vor allem eine Stimmung - scheint der Begriff "heiligste Dreifaltigkeit" auszulösen. Und dies erst recht in einer Zeit, in der viele, auch viele Gläubige, Schwierigkeiten mit Gott haben. Wer das eigentlich sei, den uns Jesus in seiner Lebensbotschaft nahe bringen wollte? Gott, der - wenn man es denn gut mit ihm meint - auf eine so abwesende Art anwesend ist? Und kompensieren sich unsere Schwierigkeiten mit ihm nicht noch ins Unermessliche, wenn wir ihn unter der Formel der heiligsten Dreifaltigkeit ermessen sollen? Wird Gott dann nicht in der Tat zum ganz Unermesslichen?

Da tröstet uns dann zunächst kaum, dass Jesus im heutigen Evangelium, es bildet das Ende des gesamten Matthäusevangeliums, vom Vater, vom Sohn und vom Heiligen Geist spricht. Immerhin aber will damit offensichtlich etwas Wichtiges gesagt sein, sonst würde es nicht den Schlusspunkt des gesamten Evangeliums bilden. Das an diese Sätze gekoppelte weitere Problem, nämlich die Aufforderung, in die Welt hinauszugehen und Zeugnis für Jesus Christus und seine Botschaft zu geben, also an eine weltumfassende christliche Mission zu denken, und dies heutzutage, wo sich die verschiedenen Weltreligionen aufgrund der modernen Mobilität und der heutigen Globalisierungsprozesse räumlich so nahe gekommen sind wie noch nie - dieses eigene Problem dürfen wir heute zurückstellen, um uns dem zuzuwenden, was uns der heutige Sonntag vor die Füße legt: die heiligste Dreifaltigkeit.

Soll sie wirklich ein Problem sein? Eine Stolperstufe unseres Glaubens, an der wir uns wunde Knie holen? Vielleicht sollen wir uns von der Fixierung auf den Begriff "heiligste Dreifaltigkeit" frei machen und uns über das Evangelium und über die heutige Lesung dem nähern, womit bzw. mit wem wir es in Gott eigentlich zu tun haben.

Paulus behauptet in der Lesung aus dem Römerbrief so leichthin, dass die, die sich vom Geist Gottes leiten lassen, Söhne Gottes sind. Mit Recht könnte man da sogleich fragen, noch bevor man sich näher mit der inhaltlichen Seite der Aussage beschäftigt: Und wo bleiben da die Töchter? Werden sie unterschlagen, wie so oft in der Kirche? Paulus dachte und argumentierte im Referenzrahmen seiner Zeit. Wir können seinen Satz heute exakt auch so formulieren - und würden damit auch wiederum Verwunderung hervorrufen: Die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Töchter Gottes. So oder so, der Satz kommt abgehoben, wirklichkeitsfremd und wirklichkeitsleer einher. So dass man Paulus fragen möchte: Und woran zeigt sich das Tochter- bzw. Sohn-Gottes-Sein? Paulus drückt sich nicht um die Antwort. Es bestehe darin, um es in freieren Worten zu sagen, dass ihr euch in euerem Leben nicht wie geknechtet, wie kleingemacht, wie gemobbt, wie unterdrückt fühlt. Dass ihr weder von euch selbst klein denkt, euch für null und nichtig erachtet noch auch mit anderen so umgeht, sie also klein haltet, sie nicht hochkommen lasst. Dass wir Söhne und Töchter Gottes sind, zeigt sich nach Paulus daran, dass wir ohne Angst sind.

Wieder so ein großes Wort! Zu groß angesichts der Querschläge und Bedrückungen unseres Lebens! Ohne Angst, ohne Furcht zu sein, wie soll das gehen? Klar, dass wir in bestimmten Situationen des Lebens zu einem armseligen Bündel der Angst und Verzweiflung werden können. Denken wir nur an die angstvolle Folter des berüchtigten "waterboarding", bei dem Guantanamo-Häftlinge meinten, ertränkt zu werden. Das ist hier nicht gemeint. Nein, Paulus meint eine grundsätzliche existentielle Weise des Freiseins von Angst, in der unser Leben gründet. Und worin sollte sie gründen? Nicht in einem antrainierten psychischen Vermögen, keine Schwäche zu zeigen, den Starken, die Starke zu spielen. Nein, darin ist sie nicht begründet. Sondern in der Überzeugung, dass sich Gott unserem Leben zugewendet hat. Gott haut nicht gewissermaßen auf unser Leben drauf, er hat sich uns mitgeteilt, auch wenn wir vielleicht sogleich irritiert fragen wollen, wo das bei mir der Fall gewesen sein soll.

Gott hat sich uns mitgeteilt, sagt Paulus, indem er uns den Geist mitgegeben hat, seine Töchter, seine Söhne zu sein. Und das ist etwas anderes als die Redensart aus meiner Kindheit, wenn wir sagten: Ja, im Geiste! Und das sollte heißen: Nur geblufft, an der Sache ist nichts! Vielleicht damals schon in der lange zurückliegenden Kindheit ein Hinweis darauf, wie wenig die Sprache des Glaubens, der Heiligen Schrift inhaltlich bei uns verfing. Sie schien sich schon damals zu verfangen in einem Netz bloßer Bedeutungslosigkeit. Um so mehr gilt es dem näher zu treten, dass Gottes Geist kein unverbindliches, kaum der Rede wertes Geschenk an uns ist, nach dem Motto, da habt ihr etwas von mir und nun lasst mich bitte in Frieden! Nein, in diesem Geist, seine Töchter, seine Söhne zu sein, kommt er bei uns selber an. Nistet er sich in unser Leben ein, allerdings nicht wie ein Parasit. Sondern er kommt bei uns an, dass wir mit ihm eines Geistes sind, wie eine Familie, so dass wir zu ihm "Papa" sagen dürfen. In dem aramäischen Wort "abba" schwingt eine väterlich-mütterliche Zärtlichkeit mit, die nicht mehr zu übertreffen ist.

Vielleicht merken wir, obwohl das immer noch alles irgendwie abstrakt erscheinen mag, dass uns Gott in seinem uns mitgeteilten Geist wirklich nahe sein will, ganz im Gegensatz zu unserer Gottvergessenheit, in der wir häufig leben. Allerdings schätzen wir unsere "Gottvergessenheit" bisweilen auch falsch ein, vor allem auch gerne die "Gottvergessenheit" anderer. Darin kultivieren wir dann möglicherweise schon wieder die Angst und die Furcht, von der uns Paulus befreit sehen möchte. In dem Zusammenhang zeigt ein Satz aus der Kirchenkonstitution Lumen gentium etwas ganz Entscheidendes auf. Er besagt, dass Gott auch denen nahe ist, die ihn "in Schatten und Bildern" suchen, also ihn gar nicht unter der ausdrücklichen Formel, Gott zu suchen, suchen. Denn er gibt allen Leben und Atem und alles.

Wenn wir uns an diese Nähe Gottes und seines Geistes zu uns herantasten, dann mag unsere Scheu vor dem großen Wort der "heiligsten Dreifaltigkeit" ein wenig abnehmen. Sie mag weichen einem positiven, vielleicht auch schon wieder ungläubigen Staunen darüber, dass Gott es so mit uns, mit mir "hat". So, wie wir von zwei Menschen, die zueinander finden, sagen, sie "haben" es miteinander. Wobei im Falle Gottes unser ungläubiges Staunen, wie bei Thomas, der Weg zu unserem gläubigen Staunen sein kann.

Paulus wird noch direkter: Er will uns in der Tat für dieses Staunen über die Nähe Gottes gewinnen. Er sagt etwas wirklich Erstaunliches: Der Geist Gottes arbeitet mit uns, mit unserem Geist, mit unserem geistigen Vermögen zusammen. So erwächst, kann erwachsen, eine gemeinsame Bezeugungskraft, so erwächst unsere Überzeugung, dass wir in der Tat Söhne und Töchter Gottes sind. Und als solche, wie in der schönsten irdischen Erbschaftsfolge, auch Erben Gottes, Miterben Christi sind. Da taucht zuletzt die dritte Person in Gott auf, neben Gott, dem Vater, und Gott, dem Heiligen Geist, Gott, der Sohn. In ihm als Miterben entsteht uns kein Mitkonkurrent, er ist es letztlich, der uns die Nähe Gottes offenbart und bezeugt hat. Was Paulus uns nahe bringen will, mag sich weiter zäh anfühlen, aber doch anders, als der abstrakte Begriff der heiligsten Dreifaltigkeit. Es dürfte eher in uns Seiten ansprechen, es dürfte uns eher berühren und unsere Existenzangst um unser Leben in Frage stellen vor dem größeren Horizont Gottes.

Das verlangt uns Glauben ab, einen angstfreien Glauben, was, wie gesagt, nicht bedeutet, keine Angst mehr kennen zu dürfen. Aber wir sollten lernen, in einer tiefen Geborgenheit zu gründen, die uns geschenkt ist und die wir in unserem Leben und Glauben mehr und mehr einholen sollen.

Vor diesem Hintergrund sollen wir und können wir das "Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist" beten. Es ist ein Gebet, das mit unserem Leben zu tun hat. Ganz so, wie der Auferstandene im Schlusssatz des Evangeliums sagt: Seid gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.

Feiern wir also diesen Sonntag, dieses Fest des dreieinen Gottes. Er hat sich mit unserem Leben verbündet.

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06.September 2009
23. Sonntag im Jahreskreis

Jesus verließ das Gebiet von Tyrus wieder und kam über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Gebiet der Dekapolis. Da brachte man einen Taubstummen zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren. Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Taubstummen: Effata!, das heißt: Öffne dich! Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit, und er konnte richtig reden. Jesus verbot ihnen, jemand davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr machten sie es bekannt. Außer sich vor Staunen sagten sie: Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen. Mk 7, 31-37

Jesus muss ein guter Wanderer gewesen sein, gewiss, wie viele Menschen damals. Notgedrungen. Eben war er noch im südlichen Libanon, wie wir heute sagen würden, in Tyrus und Sidon, und nun ist er im Gebiet der zehn Städte, in der Dekapolis, einer Region östlich des Jordans, die sich breit von Süden nach Norden ausdehnte, im heutigen Jordanien und sich nicht nur, wie wir meinen könnten, auf einen schmalen Streifen am See Gennesaret bezog.

Wir könnten fragen: Was wollte Jesus dort? Dieses Gebiet war, mindestens seit Alexander d. Gr. nicht jüdisch, sondern griechisch geprägt. Nicht der jüdische Jahweglaube, sondern die griechische Philosophie und die griechische Lebensart hatten hier das Sagen. Jesus war nicht das erste Mal hier. Markus berichtet im 5. Kapitel seines Evangeliums von einer Aufsehen erregenden Heilung eines Besessenen durch Jesus, bei der die Dämonen in eine Schweineherde fuhren, die sich im See ertränkte. Von zweitausend Tieren spricht das Evangelium! Und Jesus forderte den Geheilten auf, nach Hause zu gehen und von seiner Heilung zu erzählen. Und die ganze Dekapolis staunte (Mk 5,1-20). Dass Jesus jetzt wieder die Dekapolis aufsucht, lässt sich wohl so interpretieren, dass er sich sehr früh schon nicht nur zu den Juden gesandt wusste, sondern in ihm die Einsicht in die Universalität seiner Sendung gereift war.

Dort also, in dieser mehrheitlich griechisch, nicht jüdisch geprägten Gegend bringt man ihm einen Taubstummen, und sie bitten Jesus, dass er ihm die Hand auflege. Gewissermaßen an ihm ein Zeichen der tröstenden Stärkung setze. Denn wie sollte ihm wirklich geholfen werden können? Taubstumm, sagen wir, und empfinden das als ein einziges Wort. Im Griechischen wird deutlicher, dass es zweierlei, gewiss kausal das eine vom anderen abhängige Ausfälle sind, die das Leben beeinträchtigen: der Mann war taub und konnte nur lallende Laute ausstoßen. Bei ihm lief die Wahrnehmung der Wirklichkeit über den Filter der Augen und über den taktilen Filter der Berührungen. Ein armer Schlucker sozusagen. Eine Handauflegung sollte ihm gut tun, dachten die Leute.

Doch Jesus nimmt ihn beiseite, er macht mehr daraus. Er drückt ihm die Finger, wohl die Zeigefinger, in die Ohrgänge, vielleicht in einer energischen Bewegung. Dann wird er noch intimer. Er berührt die Zunge des Taubstummen mit seinem, Jesu, eigenem Speichel. Und stöhnt unter einem Blick zum Himmel. Ihn überkam in diesem Augenblick das ganze Elend dieses Menschen. Und er wollte ihm helfen. Das war kein theatralisches Stöhnen, als gehörte sich das an dieser Stelle. Es war ein betroffenes, schweres Stöhnen darüber, mit wie viel menschlichem Leid es Jesus zu tun hatte. Ja, vielleicht dürfen wir es weiter fassen: mit wie viel Leid die Menschen in ihrem Leben konfrontiert waren.

"Effata! Öffne dich!" Jesus spricht es energisch. Und tatsächlich, die Gehörgänge des Taubstummen öffneten sich und die Fessel der Zunge löste sich. Er konnte sprechen, richtig sprechen und nicht nur, wie bisher, unartikulierte Laute herausstoßen. Welch ein Segen! Ihn aber entlässt Jesus nicht wie den geheilten Besessenen mit der Aufforderung: Nun, mach's bekannt! Zeig dich den Leuten! Es soll mir recht sein. Nein, er verbot den Leuten, das Ereignis zu verbreiten. Warum wohl? Wohl deshalb, weil es in dieser griechisch geprägtem Umwelt, ohne die Verkündigung Jesu zu kennen, irgendwie nicht deutbar und nicht zu verstehen war. Und bevor die Leute falschen Deutungen aufsaßen, sollten sie lieber ganz die Finger davon lassen. Auf der Ebene des erzählten Evangeliums aber gibt Lukas dem Ganzen eine klare Deutung. Er erinnert an einen Text bei Jesaja: Taube hören, Stumme sprechen. Mit anderen Worten: In Jesus ist die messianische Zeit gekommen.

Es kam wohl nicht von ungefähr, dass die Heilung des Taubstummen in der Dekapolis spielte, in der griechisch dominierten Welt, die sich, wenn's darauf ankam, höher, elitärer, intellektueller dünkte als die jüdische Welt. Sie gab sich zivilisiert, kulturell hochstehend, philosophisch ausgewiesen. Und längst war ja auch in Ansätzen in der Weisheitsliteratur griechisches Denken mit jüdischem Denken verschmolzen, hatten sich beide Welten vermischt. Aber wirklich aufgetan, wirklich geöffnet hatte sich die griechische Welt dem jüdischen Jahweglauben und dem Juden Jesus nicht, der mit reformerischen Impulsen und einer neuen religiösen Sprache durchs Land zog. Das "Öffne dich", dem Taubstummen gesagt und bei ihm Wirkung zeigend, können wir durchaus als Appell des Lukasevangeliums nicht nur an die Dekapolis, sondern an alle Menschen und Kulturen deuten, bis herauf zu uns, auf Jesus und seine Botschaft zu hören.

So gesehen, will das "Öffne dich" uns ansprechen in unserer Beziehung zu Gott. Hier mag jeder in verschiedener Richtung und aus verschiedenen Gründen seine Ohren manchmal eher auf "Zu" gestellt haben. Dann sollten wir darüber nachdenken, ob das so sein und so bleiben muss und ob es nicht auch anders geht.

Aber das "Öffne dich" kann uns über die Schiene des Glaubens noch in ganz anderer Weise treffen. Wie oft zum Beispiel "machen wir zu", werden wir das Opfer unserer Verhärtungen und Verletzungen, denen wir nicht entkommen, ja, manchmal über große Zeiträume nicht entkommen wollen! Sie verfestigen sich, schränken unseren Handlungsspielraum ein, engen unser Leben ein. Wie befreiend wäre hier ein "Öffne dich", ein sich Anvertrauen. Es könnte wie ein neuer Schlüssel zum Leben sein, etwa in der Ehe, zwischen Lebenspartnern, und wo sonst überall. Freilich dürfen wir auch an Situationen und Zusammenhänge denken, in denen ein "Öffne dich" scheinbar zwangsläufig in die soziale Diskriminierung führt. Etwa bei einer pädophilen Anlage, wo ein Mensch erkennt, dass sich sein sexuelles Interesse wie aus einem inneren Zwang heraus auf Kinder und Minderjährige richtet. Aber ist es nicht selbst da ein Schritt in die Freiheit, sich anderen mitzuteilen? Um aus dem Mitwissen der anderen einen größeren Schutzraum vor der zerstörerischen Spur der eigenen Veranlagung zu gewinnen?

Das "Öffne dich", dieses Jesuswort an den Taubstummen, dürfen wir nicht, jedenfalls nicht zuerst, als moralischen Appell an uns verstehen, sondern als ein Wort mit Zusagecharakter. Es ist uns möglich, uns zu öffnen aufgrund der Gewissheit, dass wir alle von Gott angenommen und getragen sind, mit all unseren Verwerfungen und unseren "Leichen im Keller". "Öffne dich!" Wo also steht es bei uns an?

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01.November 2009
Allerheiligen
Wo das Reich Gottes präsent ist
Mt 5,1-12a

Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie. Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen. Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Mt 5,1-12a

Im Mittelpunkt des heutigen Festes steht ohne Zweifel das Evangelium nach Matthäus, mit den so genannten Seligpreisungen. Freilich, allein schon das Wort Seligpreisungen könnte unser Unbehagen auslösen. Seligpreisung. Ein Sprachspiel, das in unserem Lebenskontext sonst nicht vorkommt. Es hebt in höhere Regionen ab, in Regionen, mit denen Heilige zu tun gehabt haben mögen, mit denen aber wir nicht zu tun haben. Und schon könnte sich unser Vorurteil verfestigen, dass es am heutigen Fest um die Heiligen, aber nicht um uns geht. Von einem solchen Vorurteil sollten wir uns frei machen. Und zwar gerade aufgrund des Evangeliums von den Seligpreisungen.

Was uns wie ein ermüdender, den Bezug zu den Realitäten des Lebens längst verloren habender idealistischer Gleichklang erscheinen mag, ein Gleichklang, der achtmal ansetzt, versteht sich nicht als Gleichklang. Denn die acht Seligpreisungen bewegen sich auf unterschiedlichen Zeitebenen. Die erste und achte Seligpreisung sprechen von etwas Gegenwärtigem und Präsentem. Sie schlagen Pflöcke ein, die gelten. Sie reden nicht von etwas, was sein wird, sondern von etwas, was ist, was jetzt Wirklichkeit ist. Nämlich - nehmen wir im Moment einmal die sprachliche Hürde, die die erste Seligpreisung für uns darstellt -, dass die Armen im Geiste bzw. die Armen vor Gott selig sind; denn sie sind im Besitz des Reiches Gottes. Und ähnlich die achte Seligpreisung: Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn sie sind im Besitz des Reiches Gottes.

Damit ist bei aller Unklarheit, die beide Seligpreisungen für uns haben mögen, eine klare Aussage getroffen, ist etwas als präsent und gegenwärtig behauptet, was wir nur zu gern von vornherein auf eine weit ausstehende Zukunftsebene zu schieben versucht sind, was einmal sein soll oder sein wird. Von dieser Präsenz, die sagt, was schon da ist, und nicht, was erst einmal sein wird, von dieser Präsenz werden die sechs Seligpreisungen gerahmt, die nun in der Tat als Zukunftsaussagen formuliert sind. Allerdings nicht so, dass sie sich erst auf eine reine, noch gänzlich ausstehende Zukunft beziehen würden, die eines Tages hereinbrechen werde. Sie beziehen sich auf eine Zukunft, die schon begonnen hat, so sehr ihre letzte Erfüllung noch aussteht. Sie beziehen sich auf eine Zukunft, die schon jetzt unsere Gegenwart durchwirkt.

Was aber sagen die erste und achte Seligpreisung inhaltlich? Die erste scheint große Schwierigkeiten zu machen, was sich schlecht mit ihrem Anspruch verträgt, zu wissen, dass bestimmte Leute schon im Besitz des Reiches Gottes sind. Wer sind diese Leute? Von wem spricht die erste Seligpreisung? Im Ohr haben wir wahrscheinlich die ältere Übersetzung von den "Armen im Geiste". Eine Übersetzung, die ratlos macht. Jetzt lautet sie: Selig, die arm sind vor Gott. Wer ist damit gemeint? Woran ist damit gedacht?

Um das zu beantworten, müssen wir uns in die Zeit des Auftretens Jesu zurückversetzen. Es war eine stark religiös geprägte Zeit. Aber sie galt nicht für alle Bevölkerungsschichten. Manche Schichten der Bevölkerung galten in den Augen der religiös gebildeten Oberschicht nicht nur als ungebildet in unserem heutigen Verständnis, sondern als religiös unwissend, und damit als notorisch gesetzesunkundig und als vor Gott chancenlos. Das waren die einfachen Leute. Bei ihnen schwang so etwas wie "Armut im Geiste" mit, allerdings in einer Bedeutung, die sich uns heute nur noch schwer erschließt. Jesus jedenfalls wollte nicht einfach geistige Armut selig preisen. Er hatte ein Mindersein und eine Bildungsarmut vor Augen, die man damals zu Unrecht als religiös unterbelichtet und deshalb als vor Gott chancenlos ansah. Solchen Menschen sagt Jesus: Anders herum wird ein Schuh daraus. Selig seid ihr, ihr seid im Besitz des Reiches Gottes! Das war eine Provokation, eine Umpolung der Bemessungskriterien, wer vor Gott gerecht sei und wer nicht. Und diese Menschen, sagt Jesus, sind nicht im Besitz des Reiches Gottes, weil sie besondere religiöse Leistungen erbracht hätten, sondern weil sie, bar solcher Leistungen, von Gott angenommen sind. So gesehen trifft die Rede von den "Armen vor Gott" den Sachverhalt ganz gut. Dass darüber hinaus ihre Armut damals auch eine soziale und materielle Armut mit einschloss, davon dürfen wir ausgehen.

Wen aber können die "Armen vor Gott" heute meinen? Die im Besitz des Reiches Gottes sind? Heute, wo viele besorgt sind, dass der christliche Glaube schwinde, dass die Glaubensweitergabe abbreche, gar dass unser lange christlich geprägter Kulturraum von anderen Religionen unterwandert und eines Tages von ihnen gar majorisiert werde? Ich bürste hier etwas gegen den Strich. Ich wage die These, dass heute jene unter die Kategorie der "Armen vor Gott" fallen, zumindest fallen können, und also im Besitz des Reiches Gottes sind, die, wie damals, wieder nicht auf der ausdrücklichen Suche nach Gott sind, Gott gar nicht direkt im Visier ihrer Lebensentwürfe und Lebensentscheidungen haben. Ich meine jene, von denen die Dogmatische Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, Lumen gentium, sagt, dass sie den unbekannten Gott in Schatten und Bildern suchen, und ihnen dabei Gott nicht ferne ist, da er allen Leben und Atem und alles gibt (vgl. LG 16).

Das mag als eine Umpolung unserer bisherigen Vorstellungen erscheinen. Im Besitz des Reiches Gottes wären demnach jene, denen wir das nach den überkommenen Bemessungskriterien eher nicht zutrauen? Warum sollte es nicht so sein, wo Gott doch will, dass alle Menschen gerettet werden (vgl. 1 Tim 2,4)? Da nimmt das Fest Allerheiligen mit einem Mal einen ganzen anderen Geschmack an. Da feiern wir dann nicht nur die, die von der Kirche für heilig erklärt und zur Ehre der Altäre erhoben worden sind. Sondern auch und zuvorderst jene vor Gott Armen, die Jesus zu Besitzern des Reiches Gottes erklärt. Das aber dürfen wir dann nicht nur auf die anonymen Gottsucher hin verstehen, die den unbekannten Gott in Schatten und Bildern suchen, sondern sozusagen auf uns alle hin, die wir in unserer Zeit um unseren Glauben immer wieder ringen und zumindest häufig in dem Sinn glaubensarm vor Gott sind, in dem der Vater eines besessenen Jungen vor Jesus bekannt hatte: Herr, ich glaube; hilf meinem Unglauben (vgl. Mk 9,23).

Mit anderen Worten: Die erste Seligpreisung öffnet den Horizont auf uns alle und nimmt uns alle in die Zusage herein, dass uns das Reich Gottes gehört.

Die achte Seligpreisung spricht von denen, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Sie seien im Besitz des Reiches Gottes. Um welche Gerechtigkeit geht es da? Und warum werden sie verfolgt? Mit Gerechtigkeit ist hier offensichtlich das mit dem Willen Gottes übereinstimmende rechte Verhalten des Menschen gemeint. Und dies ist wiederum nicht davon abhängig, dass es ausdrücklich Gott als Gott bekennt oder gar seinen Willen benennen könnte. Das rechte Verhalten aber - eine Erfahrung des Lebens! - führt oft zur Verfolgung, es zieht den Kürzeren, es wird übers Ohr gehauen, es kommt unter die Räder. Solche Menschen sind es, die im Besitz des Reiches Gottes sind.

Das ist dann keine Leeformel, sondern soll zur Gewissheit werden, aus der heraus wir an der Verwirklichung der anderen sechs Seligpreisungen arbeiten. Anfanghaft, und im Blick auf die von Jesus zugesagte zukünftige Erfüllung. Dass Trauernde unsere Solidarität und Anteilnahme erfahren. Dass wir Freundlichkeit und Lebensmilde nicht als naiv belächeln. Dass Lebenshunger gestillt werde. Dass Barmherzigkeit einen positiven Klang erhalte. Dass Lebenslauterkeit Raum bekomme. Dass Friede eine Chance habe. Und dies nicht alles bloß auf der Basis eines bloßen Appells an unser menschliche Ethos, sondern aus der Gewissheit heraus, dass das Reich Gottes schon unter uns ist - unter den vielen Heiligen, den lebenden und den verstorbenen.

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Untitled 31. Januar 2010
4. Sonntag im Jahreskreis
Eine Panne! - Eine Panne?
Zu Lk 4,21-30

Es war eine entscheidende Stunde, eine Stunde, in der sich etwas verdichtete, in der Synagoge von Nazaret, dem Heimatort Jesu. Er hatte das Wort genommen, wie es jeder konnte, und eine Stelle aus dem Propheten Jesaja vorgetragen und sie auf überraschende Weise auf sich bezogen. Jetzt, in diesem Augenblick, hätten sich in ihm die Prophetenworte erfüllt. Arme würden bessere Tage erleben, Gefangene kämen frei, Blinde könnten sehen, physisch und psychisch Geschlagene erhielten neuen Auftrieb. Mit einem Wort: Gott greife lebensfördernd und Leben schonend in das Leben der Menschen ein. Lukas verrät leider nicht, mit welchen Worten Jesus diese Botschaft auf sich hin auslegte. Schließlich war Lukas ja auch nicht dabei. Aber er übermittelt die Wirkung, die sie bei den Menschen in der Synagoge auslösten. Sie waren überrascht, ja, einen Moment lang sprachlos. Nicht eigentlich darüber, wie begnadet Jesus gesprochen hatte. Das vielleicht auch. Aber weit mehr über den Inhalt seiner Worte. Und sogleich mischten sich in die Überraschtheit der Leute der Zweifel, eine Verwunderung, in der sie die Sprache wieder fanden und sagten: Moment mal. Da stimmt doch etwas nicht. Wie kann er so sprechen? Was nimmt der sich da heraus? Der Sohn des Josef, einer von uns? Einer aus Nazaret?

Und schon war es passiert. Die Botschaft Jesu hatte sie nicht erreicht. Sie war an ihnen abgeprallt. Es konnte in ihren Augen nicht sein, dass einer von ihnen so sprach. So, wie sie sofort heraushörten, so messianisch, so dass er wie der erwartete messianische Prophet auftrat. Das ging zu weit. Das grenzte an lästerlichen Umgang mit den heiligsten Gefühlen und Hoffnungen der Menschen. Das grenzte an Gotteslästerung.

In diesem Augenblick stand der Auftritt Jesu auf des Messers Schneide. Nicht, dass ihn das nicht berührt hätte. Nicht, dass ihm das egal gewesen wäre und er sozusagen noch eins drauflegen wollte, um die Menschen erst recht zu reizen. Nein, dazu stand für Jesus zu viel auf dem Spiel. Nach Reizen war ihm nicht zu Mute. Vielmehr versuchte er den Menschen in der Synagoge eine goldene Brücke zu bauen. Er erinnerte an zwei historische Vorfälle der Propheten Elija und Elischa. Dem schickte Jesus voraus, dass an der Erfahrung, ein Prophet gelte nichts in seiner Heimatstadt, etwas sei, aber dass diese Erfahrung in keiner Weise gegen ihren prophetischen Anspruch und ihre Sendung spreche, sondern gerade für sie, wie Elija und Elischa zeigten. Denn das waren von der Nachwelt geschätzte und verehrte Gestalten. Elija brachte man geradezu in Verbindung mit der messianischen Zeit. Er würde neben Mose auftreten, wenn der Messias komme.

Dass also Jesus in der kritischen Situation in der Synagoge von Nazaret den Blick der Leute auf Elija richtet, ist ein weiterer Versuch, über die Bezugnahme auf den Jesajatext hinaus, ihn, Jesus selbst, nicht nur in einem prophetischen, sondern im messianischen Horizont zu sehen. Der Prophet Elija hatte einer Witwe in der Nähe von Sidon, dem heutigen Saida im Libanon, geholfen, weit weg von Jerusalem, wohl, weil er dort nicht das unbedingte Vertauen der Menschen fand. Ähnliches wurde von Elischa berichtet.

Jesus baut damit den Menschen in Nazaret eine Brücke. Nicht, weil es ihm darum gegangen wäre, sie zu besänftigen, sondern weil er ihnen den Zugang zu seiner Person und zu seiner Botschaft eröffnen wollte. Um nicht weniger ging es. Sie aber scheinen Taten zu verlangen. Gewissermaßen: Weise dich aus. Dann lässt sich darüber reden, ob wir dich und deine Worte wirklich ernst nehmen können. Mit anderen Worten: Die Leute waren weit weg, Jesu Worte gehört zu haben, sich von ihnen innerlich bewegen zu lassen und zu verstehen, dass mit dem Sohn Josefs eine Sternstunde angebrochen war. Stattdessen greift ein anderer Mechanismus. Es ist bei ihnen nicht einfach Wut, es ist religiös begründete Wut, es ist das religiös motivierte Entsetzen, dass hier einer von ihnen mit den heiligsten Wünschen und Hoffnungen seinen Spott treibt. Heute hätten sich in ihm die göttlichen Verheißungen erfüllt. Das ist Gotteslästerung. Darauf steht der Tod. Greifen wir zur Lynchjustiz! Sie wollen Jesus den Abhang hinunter zu Tode stürzen.

Wenn das das Ergebnis von Jesu - wie man in einer Art Verfremdung gesagt hat - "Primizpredigt" war, von seinem ersten öffentlichen Auftreten in seiner neuen Rolle in Nazaret, wie mag es dann mit ihm weitergehen? Lukas führt uns in seinem Evangelium frühzeitig an diese Frage heran: Wird Jesus scheitern? Aber da nimmt der Ablauf eine unerwartete Wende: Der vom Tode Bedrohte schreitet mitten durch die Reihen hindurch und geht weg. Das bedeutet Zweierlei: Zum einen, mit "Scheitern" wird sein Leben nicht zu fassen sein. Und wenn es schließlich zum Scheitern kommen wird, am Kreuz, läuft eine andere Handlungsenergie mit, Gottes Leben bewahrende Hand, die den schmachvoll Hingerichteten und Entehrten in die Auferstehung erhebt. Zum anderen setzt Jesus mit seinem Weggehen dann doch noch ein Tatzeichen, nach dem sie ja verlangt hatten. Er lehnt es nicht gänzlich ab. Und vielleicht, oder wahrscheinlich sicher, machte es viele nachdenklich, so dass sie die zweite Chance, seine Botschaft zu verstehen, nutzten, obgleich die Hürde, es mit dem Sohn Josefs zu tun zu haben, nach wie vor bestand.

Wie gehen wir für uns mit diesem Evangelium um? Wäre es nicht schicklicher gewesen, Lukas hätte diese Begebenheit nicht in sein Evangelium aufgenommen? Diese beinahe totale Panne des Auftretens Jesu? Es gibt für uns wohl einen besseren Deutungszugang als diese Frage. Nämlich: So ist das Leben! So ist unser Glauben! So ist unser Umgang mit Jesus und seiner Botschaft! Da schleppen wir tausend Einwände gegen ihn und seine Botschaft in unserem Leben mit uns herum. Manchmal mag sogar der Gedanke aufkommen, ihm ganz den Abschied zu geben, ihn den Abhang hinabzustürzen. Und wenn schon nicht ihn selbst, so doch, was allerdings etwas ganz anderes wäre, seine Kirche. Ihr den Abschied zu geben, "auszutreten", wie wir dann sagen. In dieser Situation sagt uns das Evangelium, dass Jesus um uns, um unseren Glauben ringt. Dass er uns für sich und für das von ihm gesetzte Heil gewinnen will. Und dass dies bei uns - wie bei den Menschen in Nazaret - oft auf taube Ohren stößt. Um unsere Ohren zu öffnen, bedarf es manchmal eines Knalls, wie den "Knaller", indem Jesus mitten durch die Menge hindurch schritt und weg ging, … um anzukommen.

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14. März 2010
Der verlorene Sohn bleibt Sohn
Lk 15,1-3.11-32

In jener Zeit kamen alle alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen.
Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte:
Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land, und es ging ihm sehr schlecht. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.
Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner. Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.
Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an. Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern. Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet. Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.

Es gibt kaum ein zweites Gleichnis in den Evangelien, das so bekannt ist wie das vom verlorenen Sohn. Aber kennen wir es wirklich, bis in seine Feinheiten hinein? Und treffen wir eigentlich seinen Kern, wenn wir es das Gleichnis vom verlorenen Sohn nennen? Denn am Ende ist er alles andere als der verloren Gegangene, als der im Leben Gescheiterte, als der, der sein Leben verspielt hat.

Und das lag nicht allein am Vater, der den nach Jahren zerlumpt und halb verhungert Heimgekehrten mit offenen Armen aufnimmt, in einer Weise, die nicht zu der Art passt, wie wir in einer solchen Situation gehandelt hätten. Nein, das Gleichnis ist so angelegt, dass man auch am verlorenen Sohn selbst erkennt, dass er sich nicht verloren geben wollte. Hintergründig spielen hier Vater und Sohn - bei aller Trennung über die Jahre - zusammen.

Um zunächst beim Sohn zu bleiben: Indem er sich sein Erbteil aushändigen ließ und in den Freiraum seines jungen Lebens zog, tat er nichts Ehrenrühriges, nichts das Leben Gefährdendes. Aber gerade im Streben, vom Leben möglichst viel, möglichst alles mitzubekommen, geriet er auf die schiefe Bahn, verlor er das Maß. Dann kam eine Hungersnot hinzu. Und er ließ sich etwas einfallen, um zu überleben, wenngleich er seine Ansprüche sehr herabgeschraubt hatte: er wurde Schweinehirt. Hauptsache, er hatte etwas zum Fressen. Aber das hatte er exakt nicht. Wir hören vielleicht das Doppelbödige seiner Situation, sich als Schweinhirt über Wasser zu halten, nicht gleich heraus. Auf der einen Seite wollte er überleben, auf der anderen war er bei Schweinen, dem Inbegriff kultischer Unreinheit, gelandet. Da hatte er in der Tat beinahe endgültig abgewirtschaftet, war er am Ende, war er verloren.

Aber eben auch wieder nicht. Ihm fielen die Lebensverhältnisse bei seinem Vater ein. Wie gut es da die Angestellten und Knechte hätten. Er spielte in Gedanken die Begegnung mit dem Vater durch. Nein; den Status des Sohnes, den hatte er verspielt, so beurteilte er seine Situation, das war ein für alle Mal vorbei. Aber den Status eines Knechtes, den könnte ihm der Vater einräumen. Und so macht er sich auf.

Und nun setzt die Rolle des Vaters ein. Er geht dem Heimkehrenden entgegen. Ist voller Mitleid, schließt ihn in seine Armen und küsst ihn. Das verändert auf der Stelle die innere Verfassung des Sohnes. Er kann gerade noch sagen, dass er es nicht mehr wert sei, sein Sohn zu sein. Dazu, dass er sich lediglich als Knecht verdingen wolle, kommt es nicht mehr. Die Umarmung des Vaters hat ihn wortlos, allein durch die Geste, in den Status des Sohnes eingesetzt. Er, der sich selber nie ganz verloren gegeben hatte, er wird nicht nur irgendwie am Leben gehalten, er ist und bleibt Sohn. Und das muss gefeiert werden, überschwänglich und in der Art von tausend und einer Nacht.

Jesus hat das als Gleichnis erzählt, als ein Gleichnis, das von keinem anderen handelt als von Gott, dem Vater. "Ein Mann hatte zwei Söhne…" Immer wenn Gleichnisse so beginnen, … ein Mann …, dann spricht Jesus von Gott, seinem und unserem Vater. Warum spricht er eigentlich in Gleichnissen? Warum nicht direkt? Weil es Gleichnisse an sich haben, durch die Folie der Verfremdung in ihrer unglaublichen Aussage eher angenommen, eher verstanden und akzeptiert zu werden als ohne diese Verfremdung.

Das Gleichnis sagt das Unglaubliche: So wie der Vater, so ist Gott. So wie der Vater den verlorenen Sohn aufnimmt, so geht Gott mit dem Menschen um.

Plötzlich sind wir in dieses Gleichnis involviert. Plötzlich sind wir gefragt, ob wir unsere Situation vor Gott so einschätzen, dass wir allen Grund haben, dankbar ein Fest zu feiern, das Fest unseres Lebens, auch wenn wir noch so viel verbockt haben, auch wenn wir alles andere als eine reine Weste haben. Zu diesem Vertrauen in Gott will uns das Gleichnis herauslocken. Lassen wir uns locken? Oder leiden wir an den Blockaden des älteren Sohnes, der auch noch ins Spiel kommt?

Der versteht die Welt nicht mehr, als er erfährt, was sich auf dem Hof zu Hause abspielt. Zorn packt ihn. Ungerecht behandelt fühlt er sich vom Vater. Er lässt sogar eine Bemerkung fallen, von der bisher im Gleichnis nicht die Rede war: mit Dirnen habe es der Bruder getrieben. Und jetzt dieses Fest! Der Vater versucht ihn umzustimmen. Ob es ihm gelungen ist? Das Gleichnis lässt es offen. Und gibt damit denen zu denken, die sich gewissermaßen in der Rolle des älteren Bruders dünken, in der Rolle der eigentlich nie vom Wege Abgekommenen, derer, bei denen alles immer richtig lief.

Hier öffnet das Gleichnis einen Blick in den Abgrund. Es deutet ihn nur an: Am Ende könnte der ältere Bruder in die fatale Rolle des verlorenen Sohnes geraten, weil er mit dem Vater und seiner Liebe und Barmherzigkeit hadert. Weil er sich weigert, ins Haus zu kommen und zu feiern.

Wo sehen wir uns? Wir mögen Anteile beider Söhne haben. Dann müssen wir darauf achten, nicht in die Falle des älteren Sohnes zu geraten.

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25. April 2010
4. Ostersonntag

Zum Leben berufen!

von P. Dr. Stefan Knobloch, Kapuziner

Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir. Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreißen. Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle, und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen. Ich und der Vater sind eins. Joh 10,27-30

Da begehen wir den vierten Ostersonntag, und schon scheint es der liturgischen Leseordnung an Osterevangelien zu ermangeln. Seit dem Ostersonntag hören wir in den Sonntagsevangelien ausschließlich Auferstehungstexte. Und heute nicht mehr? Stehen wir nicht immer noch mitten in der Osterzeit? Wo bleiben da heute und an den folgenden Sonntagen die Auferstehungstexte?

Eine durchaus ernstgemeinte Frage. Und sie verschärft sich noch, wenn wir den 4. Ostersonntag sozusagen vom Welttag für geistliche Berufe zugedeckt sein lassen. Geht das wirklich in Ordnung, dass wir, nur weil das Evangelium von den Schafen spricht und Jesus sich voraus als Hirte bezeichnet hat, heute nur an die geistlichen Berufe, an den Priester- und Ordensnachwuchs denken? Und darüber Ostern und den Auferstandenen sozusagen vergessen? So dass an diesem Sonntag rasch ein depressiver Unterton aufkommen könnte, noch dazu angesichts der in diesen Tagen und Wochen immer neuen Enthüllungen über sexuellen Missbrauch? Nicht wenige sind es, die aufgrund dieser Enthüllungen der Kirche den Rücken kehren.

Umso wichtiger ist es, in diesen Tagen, also auch konkret am heutigen Sonntag, nicht vordergründig bei den geistlichen Berufen und damit bei einer kircheninstitutionellen Frage stehen zu bleiben, sondern statt dessen den Kopf und den Blick dafür frei zu bekommen, dass auch das heutige Evangelium nicht aus dem Rahmen fällt und Ostern und den Auferstandenen keineswegs aus dem Auge verloren hat. Denn es handelt von nichts anderem als dem Leben, das Gott uns in Jesus und seiner Auferstehung ununterbrochen anbietet. Auch und gerade in den Abgrund menschlicher Schuld, verschwiegener, zurückgehaltener, nicht öffentlich gemachter vertuschter Missbrauchsfälle hinein, die Gott ebenso ein Gräuel sind wie uns. Aber Gott bietet uns unirritiert Leben an! Und zwar nicht nur den Schafen, die auf seine Stimme hören. "Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen, und sie werden auf meine Stimme hören" (Joh 10,16). Daraus spricht eine Unbeirrbarkeit Jesu, die auch vor dem Sumpf der Schuld nicht zurückschreckt, sei es persönlicher, sei es struktureller Schuld.

Es sind merkwürdige Sätze, die im heutigen Evangelium an unser Ohr dringen. Niemand werde die, so sagt Jesus, denen er das Leben gibt, seiner Hand entreißen. Man stellt sich dabei beinahe zwangsläufig eine gewaltsame Szene vor. Jesus lässt sie nicht aus seiner Hand. Und, wie um dem noch mehr Nachdruck und mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen, fügt er hinzu, dass auch niemand sie der Hand seines Vaters entreißen werde. Voraus geht der Satz, den man richtiger so wiedergibt: "Was mir mein Vater gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann es der Hand meines Vaters entreißen."

Was ist dieses Größere als alles? Wovon spricht hier Jesus, womit er bewusst aufhorchen lassen will?

Er spricht vom Leben, das Gott uns gegeben hat und gibt! Nach dem Johannes-Evangelium ist unser Leben nicht etwas, was uns die Eltern geschenkt haben. Das war's dann. Mehr sei dahinter nicht zu vermuten. Nein. Schon unser sogenanntes natürliches Leben ist ein Geschenk Gottes, das wir freilich in den Dreck der Sünde, der Schuld, der Missbrauchsfälle hineinziehen. Und wie verhält sich dem Jesus gegenüber? Er bleibt demgegenüber "der Urheber des Lebens" (Apg 3,15). Er ist gekommen, damit wir das Leben haben und es in Fülle haben (vgl. Joh 10,10).

Da leuchtet die österliche Botschaft auf! Er, der tot war, lebt! Das ist die Osterbotschaft und das Kernstück des christlichen Kerygmas! Und dieses Leben, das über den Tod hinausreicht, wird uns niemand entreißen. Das lassen Vater und Sohn nicht zu. Denn darin sind sich Vater und Sohn völlig eins. Ich denke, dass die Aussage, "Ich und der Vater sind eins", hier nicht als abstrakt theologisch-philosophische Aussage zu lesen ist, sondern als klare Ansage ihres gemeinsamen Willens, dass keine Instanz der Welt ihnen das Leben der Menschen entreißen wird. Ein Leben, das wie bei Jesus über den Tod hinausreicht.

"Es ist der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass ich keinen von denen, die er mir gegeben hat, zugrunde gehen lasse, sondern dass ich sie auferwecke am Letzten Tag" (Joh 6,29). Ähnliches lesen wir in Joh 5,25. Gott und Jesus sind die Garanten unserer Auferstehung und unseres Lebens. "Ich bin die Auferstehung und das Leben". Deshalb fährt er fort: "Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt" (Joh 11,25). Wer glaubt, "ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen" (Joh 5, 24b).

Leben! Leben in Fülle!, so schallt es uns aus den wenigen Sätzen des heutigen Evangeliums entgegen. Das sollte bei uns ankommen! Das sollte uns durchdringen! Das hat Gott mit uns vor. Nichts anderes. Das zu hören und anzunehmen, ist unsere geistliche Berufung!

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06. Juni 2010
10. Sonntag im Jahreskreis

Vom Leben zum Leben!

In jener Zeit ging Jesus in eine Stadt namens Naïn; seine Jünger und eine große Menschenmenge folgten ihm. Als er in die Nähe des Stadttors kam, trug man gerade einen Toten heraus. Es war der einzige Sohn seiner Mutter, einer Witwe. Und viele Leute aus der Stadt begleiteten sie. Als der Herr die Frau sah, hatte er Mitleid mit ihr und sagte zu ihr: Weine nicht! Dann ging er zu der Bahre hin und faßte sie an. Die Träger blieben stehen, und er sagte: Ich befehle dir, junger Mann: Steh auf! Da richtete sich der Tote auf und begann zu sprechen, und Jesus gab ihn seiner Mutter zurück. Alle wurden von Furcht ergriffen; sie priesen Gott und sagten: Ein großer Prophet ist unter uns aufgetreten: Gott hat sich seines Volkes angenommen. Und die Kunde davon verbreitete sich überall in Judäa und im ganzen Gebiet ringsum. Lk 7,11-17

Mit diesem Sonntag nehmen wir wieder die Sonntage im Jahreskreis auf, der "unterbrochen" wurde von der Fasten- und Osterzeit und vom Dreifaltigkeitssonntag. Und schon wieder geht es um Tod und Leben. Ich sage bewusst, nicht um Leben und Tod, sondern um Tod und Leben. Denn im heutigen Evangelium dominiert das Leben über den Tod, hat das Leben das letzte Wort, und nicht der Tod. Dabei geht es nicht einfach - aber was bedeutete es schon, bei einer Rückholung ins Leben von einfach zu reden! - um die Auferweckung eines Jugendlichen, der vielleicht sogar noch Kind war. Die Platzierung dieser Erweckung im Lukasevangelium ist interessant. Sie weist über die hier erzählte Erweckung hinaus auf jene Auferweckung bzw. Auferstehung, die wir zu Ostern und in den 6 Wochen der Osterzeit gefeiert haben. Lukas platziert nämlich in seinem Evangelium die Erweckung von Nain exakt als die siebte der Macht- und Heilstaten Jesu, und diese exakt als erste Totenerweckung. Und über weitere sechs Heilungen bzw. eine Erweckung stoßen wir im Aufbau des Evangeliums auf Platz 14 - also zweimal 7 - auf die Wundertat der Auferstehung Jesu!

Dieses Zahlenspiel, diese Zahlenkomposition mag uns wenig sagen, aber das Lukasevangelium will uns damit sagen: Lasst euch von der Erweckung in Nain hinführen zur ganz anderen österlichen Auferstehung. Mit anderen Worten: Wir haben zwar den Osterfestkreis abgeschlossen, aber das Thema, das er transportiert, begleitet uns weiter. Das Jahr über. Es begleitet uns weiter, unseren Glauben, unser Leben, unsere Zweifel.

Lukas entwirft eine plastische Schilderung. Am Stadttor von Nain begegnen sich, an einer Engstelle gewissermaßen, an der ein Zug warten muss, zwei Züge: ein Leichenzug, ein Trauerzug, der hinaus will, ein Zug einer unbeschreiblichen Tragik. Eine Mutter, eine Witwe, alleinstehend hat ihren einzigen Sohn verloren. Er muss zu Grabe getragen werden. Ein Motiv, das ähnlich im ersten Buch der Könige beim Propheten Elija begegnet (1 Kön 17, 17-24), an das sich Lukas hier offensichtlich anlehnt. Und der andere Zug ist ein Zug des Lebens, ein Zug, dem der Ruf vorauseilt und nachfolgt, dass Jesus Leben und Befreiung bringt, wo Hoffnungslosigkeit, Besessenheit, Ausweglosigkeit und Verwirrung herrschen. Wo man den Lebensmut verloren hat. Nicht nur die Jünger, eine große Menschenmenge begleiten diesen Zug.

Die Züge ziehen nicht aneinander vorbei, als gingen sie sich nichts an. Der Trauerzug von Nain nimmt nicht den schrecklichen, sprachlos machenden, uns Heutige lähmenden Verlauf der Züge nach Auschwitz. Der Trauerzug von Nain wird von Jesus angehalten. Jesus sieht, was hier los ist. Es greift ihm ans Herz. Er hat Mitleid mit der Mutter. Er demonstriert an diesem Todeszug, dass das Leben das letzte Wort hat. Weine nicht, sagt er der Mutter. Er hält den Zug an und spricht ein machtvolles Lebenswort: Steh auf! Und der Tote richtet sich auf und nimmt von einer Sekunde auf die andere am vollen Leben teil.

Er begann zu reden. Ein merkwürdiges Detail. Er begann zu reden. Vielleicht haben wir das so zu deuten, dass seine Rückholung ins Leben "zu reden begann", dass sie von sich reden machte. Ohne dabei nur sich zu meinen, sondern um als Hinweis verstanden zu werden, dass der Tod, hier bekundet durch Jesu Tat, nicht das letzte Wort hat. Was sich später an Jesus selbst kundtut in seiner Auferstehung, die für uns alle von Bedeutung ist, die wir auf seinen Tod getauft sind. Eine Auferstehung, die freilich etwas unerreichbar Anderes ist als die Rückholung ins Leben, ins dann doch hinfällige, verwesliche, dem Ende unterworfene Leben.

Jesus gibt den ins Leben Zurückgeholten seiner Mutter. Und alle sind sprachlos, selig, können es nicht fassen. Und brechen in Worte aus, mit denen sie das Erlebte nicht einfangen können: "Ein großer Prophet ist unter auf aufgetreten." Sie wissen, dass sie damit seine Rolle nicht wirklich beschreiben, dass ihre Worte zu kurz greifen, dass sie nicht wirklich an ihn herankommen. Diese Kunde verbreiten sie von ihm. Und bereiten damit, ohne es zu ahnen, ohne es zu wissen, den Boden für die ungleich größere, den Tod endgültig bezwingende Botschaft seiner, Jesu, Auferstehung.

Jesus gab den Jungen seiner Mutter zurück. Mitten hinein in sein reales Leben, mit seinen jugendlichen Träumen, Phantasien, Glückserfahrungen, Aufgaben, Sorgen und Nöten. Er sollte ganz in seinem Leben aufgehen. Das ist auch unsere Aufgabe, in unserem Leben aufzugehen, in den realen Beziehungen des Lebens, in Verantwortung und Liebe. Und dies in der Glaubensgewissheit, dass Gott eben diesem unserem gelebten Leben den Stempel der Ewigkeit aufdrücken wird.

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18.07.2010
16. Sonntag im Jahreskreis

Frauen als Glaubensgestalten

von P. Dr. Stefan Knobloch, Kapuziner

Sie zogen zusammen weiter, und er kam in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn freundlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden Lk 10,38-42

Wenn man das Evangelium von Marta und Maria hört und dabei registriert, welche Rolle darin Jesus spielt, könnte man dazu neigen zu sagen: So sind halt die Männer! Von Haushalt keine Ahnung! Da macht Jesus offenbar keine Ausnahme! Er hat keinen Blick dafür, wie Marta herumwuselt und sich die Hacken abrennt, damit etwas auf dem Tisch steht. Während es sich ihre Schwester an der Seite Jesu bequem macht. Marta lässt ihrem Unmut freien Lauf. Jesus, bitte, sprich ein Machtwort. So, wie Maria alles mir überlässt, so geht das nicht.

Die Antwort Jesu ist von kompromittierender Eindeutigkeit. Jesus hat nicht nur keine Einwände gegen Marias Verhalten, er stellt klar, dass sie das einzig Richtige macht. Sie hört seinen Worten zu! Dabei geht es freilich nicht um small talk, wie der Fußmarsch hierher mit den Jüngern war, ob alles so weit in Ordnung sei. Ach, schön, dass du wieder mal bei uns bist. Small talk müssen wir uns hier abschminken. Das Lukas-Evangelium will sagen, dass Maria ganz Ohr für die Botschaft Jesu war. Und davor hat alles andere zurückzutreten. Maria liefert hier - obwohl die Situation eine ganz andere ist - ein ähnlich kompromittierendes Zeichen wie die so genannte Sündern in Lk 7,36-50, die in die Männerrunde eines Pharisäers eingedrungen war, in der Jesus zu Gast war. Jesus hatte in der Art, wie er von Gott und von den Menschen sprach, die Frau längst ins Herz getroffen. Sie muss ihr verkorkstes Leben darüber wie befreit empfunden und als Geschenk neu entgegen genommen haben. Nun musste sie ihren Dank dafür loswerden. Es gab für sie kein Halten, herkömmliche Konventionen zählten nicht mehr. Genauso wie hier bei Maria. Maria saß Jesus zu Füßen.

Maria nahm seine Botschaft gierig auf. Eine Frau, die verstanden hatte, worum es Jesus ging. Er traf ihr Herz, ihr Leben. So wurde sie zum Vorbild, zum Vorbild des Glaubens. Zum Vorbild, wie man Jesu Botschaft aufnehmen soll. Dass also Glaube nicht als Wissenskategorie, gar als katechismusartiges Wissen zu deuten ist, sondern als existentielle Kategorie, in der man den Lebensort selbstverliebter Selbstbezüglichkeit verlässt und den Wechsel vollzieht zu einer beglückten, verlässlichen Hingabe an Gott in Jesus Christus. Zu einer Hingabe, die das Leben nicht einfach aufgehen lässt, es nicht aller Sorgen und Probleme enthebt, aber auch das Dunkel und die Abstürze des Lebens von Gottes Liebe noch umfasst und umhegt weiß.

Das Lukas-Evangelium will uns Maria, Martas Schwester, als eine solche Glaubensgestalt präsentieren, und zwar als Frau! Und sie ist dabei nicht die einzige Frau in den Evangelien, die als Glaubensgestalt und in dem Sinn als Jüngerin Jesu herausgestellt wird. An den Knotenpunkten der Evangelien sind es Frauen, nicht Männer, die hervortreten. So stehen Frauen unter dem Kreuz Jesu bzw. in seiner Nähe. Sie werden die Zeuginnen seines Todes (Mt 27,56). Frauen sind die Überbringerinnen der Auferstehungsbotschaft an die Jünger (Mt 28,1-8; Lk 24,1-10). Im Johannes-Evangelium ist es Marta, die noch vor dem Todesleiden Jesu ein klares Bekenntnis zu Jesus als Messias ablegt. Nicht nur das. Frauen nehmen im Neuen Testament herausragende Rollen in den Gemeinden ein. Zum Beispiel Priska und Junia in Rom (vgl. Röm 16,3 und 7), wobei spätere Lesarten aus der Frau Junia einen Man namens Junias gemacht haben. Oder Lydia in Philippi (Apg 16,14) und Tabita, eine Jüngerin in Joppe (Apg 9,36).

Das sind deutliche Signale, die wir aus den Evangelien zu vernehmen verlernt haben. Wir konzentrieren uns meist auf Männer und vergessen dabei, dass die Evangelien diese Betonung der Frau durchhielten, angesichts der patriarchalisch geprägten Umwelt! Das will etwas heißen. Selbst unser Einwand, aber Maria, die Gottesmutter, mache doch gewissermaßen alles wett. An ihr werde doch deutlich, welche Wertschätzung unser Glaube für die Frau hat. Auch der verfängt nicht. Denn er übersieht, dass die Marienfrömmigkeit aus Maria vielfach aus einem Subjekt des Glaubens ein Objekt des Glaubens gemacht hat.

Was also tut Not? Wir sollen, sowohl als Männer wie als Frauen, zu den Frauengestalten der Bibel als Gestalten des Glaubens zurückfinden. Wir sollen uns die konsequente Entschiedenheit der Maria zum Vorbild nehmen. Sie hatte begriffen, worauf es ankommt, und was sekundär oder tertiär im Leben ist. Erlauben wir uns - wie sie - immer wieder einmal den Ausstieg aus dem alltäglichen Trott, treten wir einen Schritt zurück, schauen wir aus der Perspektive des Glaubens auf unser Leben und justieren wir es so neu ein. Um uns dann entschieden den Verpflichtungen unseres Lebens zu stellen.

Und schließlich: Braucht es nicht heute in der Kirche Frauen - mit den Abstrichen und Kratzern, wie sie auch Männer haben - auch im Bereich des kirchlichen Amtes? Was würde Maria dazu sagen? Wahrscheinlich würde sie verwundert fragen. Wie, das kennt ihr nicht? Gibt es bei euch keine Lydia? Keine Tabita? Keine Priska? Keine Junia? Glaubt ihr denn nicht an die befreiende Botschaft Jesu?

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29. August 2010

22. Sonntag im Jahreskreis

Der Atem des Reiches Gottes

Als Jesus an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen kam, beobachtete man ihn genau. Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, nahm er das zum Anlass, ihnen eine Lehre zu erteilen. Er sagte zu ihnen: Wenn du zu einer Hochzeit eingeladen bist, such dir nicht den Ehrenplatz aus. Denn es könnte ein anderer eingeladen sein, der vornehmer ist als du, und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen. Wenn du also eingeladen bist, setz dich lieber, wenn du hinkommst, auf den untersten Platz; dann wird der Gastgeber zu dir kommen und sagen: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.
Dann sagte er zu dem Gastgeber: Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, so lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich ein, und damit ist dir wieder alles vergolten. Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein. Du wirst selig sein, denn sie können es dir nicht vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten. Lk 14,1.7-14

Jesus ist zu einem größeren Sabbatmahl in das Haus eines führenden Pharisäers geladen. Sabbatmahl bedeutet ein nach strengem Ritual ablaufendes häusliches Mahl am Sabbatvorabend. „Vorabend“ nur nach unserem Empfinden, denn der Sabbat begann und beginnt mit dem Sonnenuntergang und dauert bis zum Abend des nächsten Tages. Das Mahl war und ist eine familiäre, kultisch ausgerichtete religiöse Feier.

„Missbraucht“ Jesus diese Feier, um – gewiss aus gegebenem Anlass – als Moralapostel aufzutreten und sich bei den eingeladenen Gästen unbeliebt zu machen? Zieht Jesus hier plötzlich ganz andere Register, wie es sonst nicht seine Art war? Um eine allgemeine ethische Belehrung loszulassen?

Im ersten Moment sieht es ganz danach aus, als gefalle er sich in der Rolle eines Moralapostels. Als mache es ihm Spaß, einmal zweckfrei und ohne Zusammenhang mit seiner Reich Gottes Botschaft vom Leder zu ziehen. Aber es verhält sich anders. Jesus spricht in seiner Beispielerzählung nicht von ungefähr von einer Hochzeit. Für uns mag das nicht viel heißen, wohl aber für Jesus. Wenn er das Bild der Hochzeit wählte, schwang bei ihm sogleich der Gedanke an das himmlische Hochzeitsmahl mit, von dem in der Tat im unmittelbaren Anschluss die Rede ist (vgl. Lk 14,15-24; Mt 22, 1-14). Dort lehnen die Menschen die Einladung zur Hochzeit aus allen möglichen Gründen ab. Vielleicht, weil sie sich zu gut waren. Vielleicht, weil sie die Nase zu hoch trugen. „Wer sich selbst erhöht …“

Dass Jesus im Bild der Hochzeit das himmlische Hochzeitsmahl im Blick hat, ergibt sich vom Ende unseres Textes, wo Jesus von der Auferstehung, von der Auferstehung der Gerechten spricht. Beide Begriffe, Hochzeit bzw. himmlisches Hochzeitsmahl und Auferstehung bilden die gemeinsame Klammer um unseren Evangelienabschnitt. Daraus wird deutlich, dass Jesus hier nicht als Moralapostel auftrat, weil es ihm gerade mal danach war. Und er wird noch deutlicher: Wenn du, sagt Jesus seinem Gastgeber, Leute zu dir einlädst, dann bitte nicht deine Freunde, auch nicht deine Brüder, nicht deine Verwandten, nicht die Nachbarschaft. Denn die Dynamik solcher Einladungen verpufft im wechselseitigen Abgleich. Nein, dann denke lieber an die Armen, die Habenichtse, die zu kurz Gekommenen, die auf der Schattenseite des Lebens. Denn in solcher Geste machst du etwas vom Reich Gottes, von der Logik des himmlischen Hochzeitsmahles deutlich. An ihm haben alle teil, ja, zuallererst die Habenichtse, die im Leben Erfolglosen, die gesellschaftlich Marginalisierten. Die, die nichts vorzuweisen haben, die weder Ansehen noch eine reine Westen haben. Die in der Gosse gelandet sind, im Alkohol, im Drogenkonsum.

Wenn wir das so konkret in unseren Alltag herein buchstabieren, dann ergreift uns vielleicht leichter Schwindel. Dann mögen wir mit dem Kopf schütteln und fragen: Wie? Diese Personengruppen liegen Gott besonders am Herzen? Für sie hat sich Jesus besonders eingesetzt? Offensichtlich ja! Und zwar nicht aus moralisch-ethischen Erwägungen, sondern aus der Logik und Dynamik des Reiches Gottes heraus. Wenn du das ebenso machst, sagt Jesus seinem Gastgeber, dann hast du das Reich Gottes verstanden. Dann wirst du mit der Auferstehung beschenkt.

Es mag uns beunruhigen, dass Jesus hier den Akzent so stark auf das Leben, auf die Bewältigung schwieriger Lebensverhältnisse legt, und nicht auf das „fromme“ Leben. Das mag uns ganz konkret jedes Mal persönlich beunruhigen, wenn wir im Alltag Bettlern begegnen und nicht wissen, wie wir uns da verhalten sollen. Hinzu kommt, dass es organisierte Bettlerbanden gibt, deren gedemütigtes und ausgenutztes Opfer der einzelne Bettler ist, der im Schmutz der Straße uns die Hände entgegenstreckt.

Wir müssen unser Denken und unser Empfinden umpolen. Wir müssen mehr Interesse dafür aufbringen, wie die Gesellschaft, wie die Politik mit den Armen umgehen, wie an ihnen gespart wird, in Sparprogrammen, die empfindlich deren Möglichkeit beschneiden, am sozialen Leben der Gesellschaft teilzunehmen.

Interessant ist und bleibt aber, dass heute, bei dem rapiden Glaubwürdigkeitsverlust, den die Kirchen zurzeit erleiden, ihre karitativen und diakonischen Leistungen hoch geschätzt werden und Ansehen genießen. Darin rühren die Menschen bereits an mehr als nur an die Anerkennung der kirchlichen sozialen Leistungen. Damit erspüren sie bereits den Atem des Reiches Gottes. Einen Atem, der nicht auf das „Jenseits“ vertröstet, sondern der die Lungen nicht nur der im Leben Zurückgebliebenen und Marginalisierten, sondern aller Menschen mit dem Sauerstoff des Reiches Gottes füllt.

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10. Oktober 2010

28. Sonntag im Jahreskreis

Der Eine? Oder die Neun?

von P. Dr. Stefan Knobloch, Kapuziner

Auf dem Weg nach Jerusalem zog Jesus durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa. Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns! Als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! Und während sie zu den Priestern gingen, wurden sie rein. Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme. Er warf sich vor den Füßen Jesu zu Boden und dankte ihm. Dieser Mann war aus Samarien. Da sagte Jesus: Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun? Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden? Und er sagte zu ihm: Steh auf und geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Lk 17,11-19

Ein gar nicht so unbekanntes Evangelium, obwohl es nur bei Lukas vorkommt, zum, wie man dann sagt, "lukanischen Sondergut" zählt: das Evangelium von den zehn Aussätzigen, die durch Jesus geheilt werden. Nicht uninteressant ist der Ort des Geschehens. Die Szene spielt irgendwo zwischen Galiläa und Samarien. Das mag für uns nicht viel heißen, beinahe so, als hätte sie auch in Buxtehude spielen können. Aber sie spielt im Gebiet von Galiläa und Samarien, einem Gebiet, das historisch einige Schicksale über sich hatte ergehen lassen müssen. Sie lagen weit zurück. Um das Jahr 730 v. Chr. war die Bevölkerung Samariens vom assyrischen König in die assyriche Gefangenschaft verschleppt worden, weit weg, bis in die Gegend des Kaspischen Meeres. Und in einem Gegenzug waren Menschen von dort in das entvölkerte Samarien umgesiedelt worden. Wir sind vergesslich: Etwas ganz Ähnliches geschah bei uns nach dem 2. Weltkrieg, als Hunderttausende aus ihren Wohngebieten vertrieben wurden und an ihrer Stelle Menschen aus Ostpolen in das heute polnische Schlesien zwangsumgesiedelt wurden. In Samarien wuchs von daher über die Jahrhunderte eine multikulturelle und multireligiöse Mischbevölkerung heran, die in den anderen Landesteilen, insbesondere in Jerusalem, längst nicht mehr für gläubig gehalten wurde. Das war die Situation, in der Jesus in der Nähe eines Dorfes dort auf zehn Aussätzige trifft. Ihre Lebensbedingungen waren erbärmlich, sie waren sozial abgeschrieben. Eine Lebenslage, in der man nach jedem Strohhalm greift. In Jesus, von dem sie wohl schon etwas gehört haben mochten, sehen sie einen solchen Strohhalm. Meister, kannst du uns helfen? Erbarm dich unseres Elends.

Jesu Verhalten überrascht. Er traut ihnen etwas zu. Er traut ihnen Restbestände religiösen Wissens und religiösen Verhaltnes zu. Und dies im kulturell-religiösen Schmelztiegel Samariens! Er verweist sie auf eine Vorschrift aus dem Buch Levitikus, nach der jemand, der meinte, von der Last des Aussatzes befreit zu sein, sich ein priesterliches Attest ausstellen lassen musste, das ihn rein erklärte. Ein behördliches Dokument des Gesundheitsamtes gewissermaßen. Jesus traut ihnen zu, dass sie diesen Weg einschlagen, auch wenn sie vom orthodoxen Glauben an Jahwe weit entfernt gewesen sein mochten. Und die Zehn lassen sich tatsächlich darauf ein.

Vielleicht muss man hier bereits unterbrechen und darf man das darin Angezeigte auf unsere Verhältnisse übertragen. Vor einigen Monaten legte die Deutsche Bischofskonferenz die neuesten Eckdaten des kirchlichen Lebens in unserem Lande vor. Danach sank die Katholikenzahl 2009 erstmals unter die 25 Millionen Grenze. Die Zahl der Bestattungen lag um 75.000 höher als die der Taufen. Auf historisch niedrigem Niveau verharrte die Zahl der kirchlichen Trauungen. Und nur 13 Prozent der nominellen Katholiken gehen am Sonntag in die Kirche. Was aber soll das mit den zehn Aussätzigen des Evangeliums zu tun haben? Vielleicht dies: Jesus traute ihnen einen gewissen religiösen (vielleicht verschütteten) Bodensatz zu. Er traute ihnen deshalb den im Buch Levitikus vorgeschriebenen Gang zu den Priestern zu. Das sollte uns nachdenklich machen. Wir sollten angesichts der heutigen religiösen Verhältnisse nicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und in ein depressives Lamento verfallen. Sondern - wie Jesus bei den Zehn - auch bei unseren Zeitgenossen mit einem religiösen Bodensatz rechnen. Sie haben ihre Antennen für das Religiöse vielfach eingezogen, aber sie haben sie. Auch wenn das nicht in der Teilnahme am Gemeindeleben deutlich wird. Traut die amtliche Kirche den Suchbewegungen der Menschen, ihren Suchbewegungen nach Lebenssinn noch etwas zu? Trifft sie vor allem den Ton, der die Menschen anspricht?

Das ist gewiss nach dem Evangelium noch nicht alles. Alle Zehn wurden geheilt. Einer, der das merkte, kehrte direkt um. Er war wie alle anderen ein Bewohner Samariens. Er wusste, was die Stunde geschlagen hatte. Die anderen Neun offenbar nicht. Sie waren froh, geheilt zu sein. Das reichte ihnen. Dem einen aber reichte das nicht. Seine Heilung war für ihn der Durchbruch, um Gott zu danken, um sich bei Jesus zu bedanken und auf einen neuen, so von ihm noch nie begangenen Weg zu gelangen: auf den Weg des Glaubens. "Dein Glaube hat dir geholfen."

Wir für unsere Person mögen "Grenzgänger" sein. Einmal sind wir so wie der Eine, einmal so wie die anderen Neun. Wenn es so wäre oder ist, sollten wir unserem religiösen Bodensatz vertrauen. In ihm haben wir längst mit Gott Berührung. Vielleicht steigt dann unser religiöser Pegel allmählich bis zur Pegelmarke "Glaube" an. "Dein Glaube hat dir geholfen." Diese Erfahrung haben wir sicher schon auf die eine oder andere Weise gemacht. Auch wenn wir es zurzeit eher mit den Neun halten sollten - als "Grenzgänger" eben.

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21. November 2010

34. Sonntag im Jahreskreis, Christkönigssonntag

Durchkreuzte Gottesherrschaft

von P. Dr. Stefan Knobloch, Kapuziner

Lk 23,35-43

Die Leute standen dabei und schauten zu; auch die führenden Männer des Volkes verlachten ihn und sagten: Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen, wenn er der erwählte Messias Gottes ist. Auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten vor ihn hin, reichten ihm Essig und sagten: Wenn du der König der Juden bist, dann hilf dir selbst! Über ihm war eine Tafel angebracht; auf ihr stand: Das ist der König der Juden. Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, verhöhnte ihn: Bist du denn nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und auch uns! Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst. Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.

Christkönigsfest sagten wir früher. Heute sprechen wir bescheidener vom Christkönigssonntag. Im Christkönigsfest schwang zu viel kirchlicher Triumphalismus mit. Er drohte das zu verfehlen oder zumindest zu verdunkeln, worum es dem Fest ging bzw. dem Christkönigssonntag heute geht. Das Lukasevangelium (Lk 23,35-43) lenkt unseren Blick in die richtige Richtung und verlangt uns dabei einiges ab. Da stoßen zwei Begriffsfelder hart aufeinander, zwei Aspekte, die für unsere Begriffe, besser, für unser Empfinden, für unser Fühlen nicht zusammenpassen: das Begriffsfeld König und das Begriffsfeld Kreuz. Widersprüchlicher, enttäuschender geht es nicht mehr. Und das Lukasevangelium treibt diese Widersprüchlichkeit bis an die Schmerzgrenze.

Der, der da unvorstellbare Qualen am Kreuz aushalten muss, in völliger Nacktheit, die uns unsere Kreuzesdarstellungen nicht zuzumuten wagen, ein Elend, anzuschauen, dass einem die Tränen kommen und es einem den Magen umdreht - eben der wird mit Spott überschüttet, wird ausgelacht, fertiggemacht. Tiefer, schlimmer, menschenverachtender geht es nicht mehr. Sie verspotten ihn als den Messias Gottes, als den König der Juden. Nichts ist dran, davon sind sie überzeugt. In solchem Elend verendet kein Messias, kein König der Juden. Und lenken dabei unseren Blick auf den entscheidenden Punkt: In dieser letzten Absurdität seines Sterbens, genau in diesem Abgrund an Grauen rühren sie, ohne es zu wissen, ohne es zu ahnen, an den Knackpunkt seines Königtums, an die Wahrheit seines Reiches. Königtum, Reich - die Begriffe sind für uns abgenutzt, um das, was in ihnen auf uns eindrängt, bei uns ankommen zu lassen.

Ermessen wir eigentlich den Skandal, an den wir glauben? Paulus könnte uns helfen, den Skandal des Kreuzes, der für uns längst keiner mehr ist, neu zu empfinden, ihn mit Erschütterung wahrzunehmen. Gott geht in seinem Sohn den Weg des Skandals, den Skandal eines Gekreuzigten, der für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine unzumutbare Torheit ist (vgl. 1 Kor 1,23). In einem so Hingerichteten kann nichts mitschwingen, kann nichts anzutreffen sein von Gott, von seiner Herrschaft, von seinem Reich. Im Gegenteil: Dieser Tod macht alles zunichte, er durchkreuzt alles.

Dabei hatte der Lebende doch so eindringlich von Gottes Herrschaft Zeugnis abgelegt. Nicht, indem er viel von Gott gesprochen hätte. Das gerade nicht. In seinen Gleichnissen sprach er überhaupt nicht von Gott, sondern vom Leben, vom Leben der Leute, um gerade am alltäglichen Leben die Nähe Gottes zur Anschauung zu bringen.. Er wusste darum, dass die Menschen Herrschaftszusammenhängen ausgeliefert waren, unter denen sie litten, die ihr Leben verdarben. Jetzt aber, so Jesus, ist es anders. "Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und wollten hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört" (Lk 10, 24). Er wirbelt die Verhältnisse durcheinander, er legt eine Freiheit an den Tag, dass die Leute irritiert, hingerissen, sprachlos und was sonst alles sind: "Da erschraken alle, und einer fragte den anderen: Was hat das zu bedeuten? Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet" (Mk 1,27). Jesu Auftreten war ein umwerfendes Zeugnis der Nähe Gottes. Bildlich gesprochen - in den Bildern, die Jesus verwendete - ging es nicht mehr darum, nur ein Stück neues Tuch auf ein altes Kleid zu nähen oder neuen Wein in alte Schläuche zu gießen. Nein, "neue Schläuche" mussten her. Die Menschen sollten radikal an die Nähe Gottes in ihrem Leben glauben, an die Präsenz seiner Gottesherrschaft.

Und nun hatte alles im Skandal des Kreuzes geendet. Im ätzenden Spott, im Hohn, im Kopfschütteln. Am Gerede von der Gottesherrschaft war nichts dran. Oder doch? Wäre der Todesschrei des Gekreuzigten, "mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mk 1,34), tatsächlich das letzte Wort des Evangeliums gewesen - es hätte kein Evangelium gegeben! Aber es gab die Evangelien. Nicht, weil einer starb, sondern weil sich an seinem Tod das gänzlich Unvorstellbare, Unerwartete zeigte, dass Gott in die Gottverlassenheit des Sterbenden, des Todes, sein eigenes ewiges Leben investierte. Die Evangelien bezeugen den Tod Jesu als jenes Ereignis, in dem Gott sich mit dem Tod identifiziert, mit dem achtlos und verspottet Weggeworfenen, mit dem, wovor man sich ekelnd abwendet. Eine Vorstellung, die auch für uns kaum nachvollziehbar ist. Gott investiert sein Leben in einen von Menschen Abgeurteilten, in einen Aus- und Verstoßenen. Gott verbindet sich mit seinem Scheitern. Er durchkreuzt so das Kreuz.

Um es allgemeiner und nicht weniger wahr zu sagen: Gott ist mitten in den schlimmsten, ausweglosesten Situationen des Lebens präsent. "Auferweckung" nennen das die Evangelien. Sie gilt nicht nur dem Einen, dem Erstgeborenen von den Toten, sondern allen, die menschliches Antlitz tragen. Eine Auferweckung, die nicht erst im Jenseits beginnt, sondern die, wie das die Botschaft Jesu zeigt, bereits im Leben greift. In seiner Zuwendung zu den Bedrängten, zu den zu kurz Gekommenen, zu den Armen und Kleinen, zu allen, die schwer am Leben tragen.

So herrscht Gott. In der Umkehrung aller Herrschaftsvorstellungen dieser Welt. Daran will uns der Christkönigssonntag erinnern. Gott hat sich in seines Sohnes Leben, er hat sich in unser Leben investiert. Leben wir daraus, nehmen wir seine Dynamik auf. Es ist die Dynamik, die aus dem oft zitierten Anfangssätzen der Pastoralkonstitution Gaudium et spes spricht: "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände."

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02. Januar 2011

2. Sonntag nach Weihnachten

Aus Gott geboren

Joh 1,1-5.9-14

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. 2 Im Anfang war es bei Gott. 3 Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst. 9 Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. 10 Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. 11 Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12 Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. 14 Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.

Das Neue Jahr hat begonnen, hoffentlich gut begonnen. Die Feiertage haben sich gehäuft, wenn es diesmal auch etwas anders als sonst war: am 2. Weihnachtstag musste der heilige Stephanus dem Fest der Heiligen Familie weichen. Das mag aufgefallen sein. Und heute mag dem ein oder anderen auffallen, dass wir dasselbe Evangelium wie am 1. Weihnachtstag hören: den Prolog des Johannesevangeliums. Ein feierlicher Text, dem man vor lauter Feierlichkeit nur schüchtern näher tritt: „Im Anfang war des Wort …“

Ein sozusagen philosophischer Text, der nicht unbedingt jedem liegt. „Im Anfang war das Wort.“ In welchem Anfang, können wir da fragen, wenn uns überhaupt nach Fragen zumute ist. Der Prolog nimmt jenen Anfang auf, mit dem das Alte Testament beginnt: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde…“ An diesem Anfang vor aller Zeit „war das Wort“, war es bei Gott. Es ist, als taste sich der Prolog hier an das Geheimnis der Dreifaltigkeit Gottes heran. Kaum aber tut er das, wechselt die Szenerie. Das Wort wird zum Schöpfer des Alls. „Alles ist durch das Wort geworden.“ Nicht mehr Gott in sich ist das Thema, sondern seine Initiative als Schöpfer, seine Initiative in die Welt hinein. Er brachte Leben auf die Welt. Er brachte menschliches Leben hervor und leuchtete ihm als Licht. Der Prolog macht nur Andeutungen. Nicht mehr. Andeutungen, dass das Leben der Menschen von Anfang an nicht auf sich gestellt war. Ihnen leuchtete Gottes Licht. Aber sie hielten nicht viel von ihm. Sie fühlten sich eher im Dunkel, in der Finsternis des Lebens wohl. Da tat Gott, der Schöpfer, einen zweiten Schritt: er kam in die Welt, in die hinein er immer schon sein Licht hatte strahlen lassen. Und bis heute strahlen lässt. Er kam in die Welt, aber die Welt nahm ihn wieder nicht wahr. Wobei es doch seine Welt war, sein Eigentum! Er blieb den meisten fremd.

Ausgenommen jene, die ihn „aufnahmen“. Jene, die vorher schon für sein Licht dankbar waren, weil sie spürten, dass es ihrer Finsternis Orientierung gab. Die nahmen ihn auf. Sie erkannten die Bedeutung, die er für ihr Leben hatte. Ihr Leben bekam größere Klarheit. Sie erkannten, worin ihr Leben gründete. Sie verstanden sich als Kinder Gottes. Und dies nicht exklusiv nur für sich selbst. Sie erkannten, dass dazu alle Menschen berufen waren. Die Pastoralkonstitution Gaudium et spes bekundet dasselbe, wenn sie vom Geheimnis des Lebens, des Todes und der Auferstehung Jesu sagt, dass dieses nicht nur für Christgläubige gelte, „sondern für alle Menschen guten Willens, in deren Herzen die Gnade unsichtbar wirkt. Da nämlich Christus für alle gestorben ist und da es in Wahrheit nur eine letzte Berufung des Menschen gibt, die göttliche, müssen wir festhalten, dass der Heilige Geist allen die Möglichkeit anbietet, diesem österlichen Geheimnis in einer Gott bekannten Weise verbunden zu sein.“

Dabei bedient sich der Prolog des Johannesevangeliums einer Übertreibung. Er stellt den aus Gott geborenen Menschen in einem harten Kontrast jene gegenüber, die „aus dem Blut“, „aus dem Willen des Fleisches“ „aus dem Willen des Mannes“ geboren sind. Nur sind das keine sich ausschließenden Gegensätze. Jede und jeder von uns ist, nach den biologischen Gesetzen des Lebens, im Blut geboren. Nur: Wer sein Leben ausschließlich von diesen biologischen Gegebenheiten her deutet, auch wenn diese mit den Jahren soziale und geistige Dimensionen annehmen, wer sich aber nur von ihnen her versteht und kein Gespür, keine Wahrnehmung für den transzendenten Horizont seines Lebens entwickelt, dem sagt der Prolog: Du übersiehst die wichtigste Komponente deines Lebens, nämlich, dass du „aus Gott geboren“ bist.

Dabei treten wir freilich in diesen Horizont Gottes nicht erst in dem Moment ein, in dem wir Gott ausdrücklich in den Mund nehmen. Die Pastoralkonstitution Gaudium et spes macht uns darauf aufmerksam, dass Gott uns in einer nur ihm bekannten Weise verbunden sein kann. Diese Verbundenheit muss vom einzelnen nicht bewusst wahrgenommen und nach außen sichtbar werden. Denken wir an die Gerichtsrede im Matthäusevangelium. Da gehen die in das Reich Gottes ein, die in Wahrheit dem Menschensohn in hungernden Menschen zu essen gegeben, ihm in Verdurstenden zu trinken gereicht, ihn in Obdachlosen und Fremden beherbergt, ihn in Nackten bekleidet, ihn in Gefangenen besucht haben. Und auf ihre erstaunte Frage, wann sie ihm das alles getan hätten, macht er ihnen klar, dass er ihnen in diesen Menschen begegnet sei. So erwirkten sie ihr Heil.

Was heißt das für uns? Es reicht nicht, glaubend zu bekennen, dass wir aus Gott geboren sind. Wir sollen einen sozial wachen Blick für die Nöte und Bedürfnisse der anderen haben, wie das Matthäusevangelium uns vor Augen stellt. Das könnte ein gutes Motto für das Neue Jahr werden. Denn, wie uns noch einmal die Pastoralkonstitution einschärft, für gläubige Menschen gibt es nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.


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13. Februar 2011
6. Sonntag im Jahreskreis

„Ich aber sage euch…“

17 Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. 18 Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. 19 Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich. 20 Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. 21 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein. 22 Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du (gottloser) Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein. 23 Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, 24 so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe. 25 Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, solange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist. Sonst wird dich dein Gegner vor den Richter bringen, und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben, und du wirst ins Gefängnis geworfen. 26 Amen, das sage ich dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast. 27 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. 28 Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. 29 Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verlorengeht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird. 30 Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verlorengeht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle kommt. 31 Ferner ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt, muss ihr eine Scheidungsurkunde geben. 32 Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch. 33 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast. 34 Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, 35 noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel für seine Füße, noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs. 36 Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören; denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen. 37 Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen. Mt 5,17-37

Da reden wir immer vollmundig von der Frohen Botschaft Jesu, und dabei droht er uns heute dreimal die Hölle an! Und vom lieben Gott kein Ton! Merkwürdige Sätze sind es. Jesus bedient sich einer Sprachform, zu der auch wir gelegentlich neigen: zu Übertreibungen. Nur zielen unsere Übertreibungen auf uns selbst. Was wir alles erlebt haben, das mache uns so schnell keiner nach! In diese Art von Übertreibungen reiht sich Jesus nicht ein. Er setzt Pointen, er überspitzt, um uns Grundzusammenhänge unseres Lebens aufzuzeigen.

Nach wenigen Einleitungssätzen kommt er zum Punkt: Tötungsdelikte liegen nicht erst vor, wenn es passiert ist. Wenn eine Frau vor den Augen ihrer Kinder den Mann und Vater erschießt. Wenn Selbstmordattentäter wahllos Menschen mit sich in den Tod reißen. Tötungsdelikte beginnen schleichend, in Gedanken und Worten. Sie sind gewissermaßen nur die Spitze eines vor Eiseskälte erstarrten Eisberges, die Spitze menschlicher Katastrophen. Es beginnt mit zornigem Hass, der sich über Jahre aufbaut, man wünscht jemandem den Tod. Man erklärt einen oder ganze Menschengruppen für verrückt, für nicht lebenswert. Man denke an die Diskussion um die Präimplantationsdiagnostik (PID), man bricht die Kommunikation ab. So wird das Leben zur Hölle. Wenn wir deshalb – allein schon im privaten Bereich – jemandem schwer zugesetzt, ihn übel verleumdet haben, ihn übers Ohr gehauen, hintergangen, ihm schweren Schaden zugefügt haben, dann ist unser Leben belastet, dann ist Besinnung, dann ist Versöhnungsbereitschaft angesagt Damit es nicht zu Prozessen und Richtersprüchen kommt.

So ungefähr muss Jesus gesprochen haben. Kein Wort von Gott. Dafür markige Pointen, wie wahnsinnig wir uns verrennen können. Auch in der Beziehung von Mann und Frau. Wobei das, was Jesus sagt, wechselseitig gilt, von Mann und Frau. Ein begehrender Blick. Die oder den, die hätte ich gern. Mit der oder dem könnte ich es mir vorstellen. Jesus greift zu einer kaum noch zu ertragenden Übertreibung, die wir nicht für bare Münze nehmen dürfen: Auge raus, Hand ab! Die Scharia des Korans hat er sich dabei nicht zum Vorbild genommen. Er will nur sagen: Wehret den Anfängen! Wie vorhin beim Töten. Und er sagt noch, wer aus einer Ehe geht, die Ehe verlässt und wieder heiratet, der hat eine zerbrochene Ehe hinter sich. Mit Scherben und Tränen auf vielen Seiten, und nicht selten mit einem sozialen Absturz in die Hartz-IV-Welt.

Und noch ein Drittes zieht Jesus heran: Wir sollen nicht schwören. Und zwar überhaupt nicht. Nicht beim Himmel; denn über den verfügen wir nicht. Er ist der Thron Gottes; da kommt übrigens das einzige Mal Gott vor. Nicht bei der Erde, sie ist sein Fußschemel. Nicht bei Jerusalem, nicht bei unserem Haupt. Über all das verfügen wir nicht. All das ist nicht wirklich unser. Nein, sagt Jesus, solche Ausgriff- und Absicherungsversuche, um unseren Worten einen beschwörenden Nachdruck zu verleihen, sind Hilfskonstruktionen, deren es nicht bedarf. Euer Ja sei einfach Ja, eurer Nein einfach Nein. Alles andere taugt nichts.

Wir könnten angesichts solcher Sätze einen entscheidenden Fehler begehen. Wir könnten sagen: Gut, dass Jesus einmal darüber gesprochen hat! Aber, es bleibt selbstverständlich alles beim Alten. Nein, Jesus befasst sich mit unserem Leben, mit dem, was uns unterschwellig antreibt und drängt. Was uns auf Abwege führt, auch wenn nach außen alles in Ordnung zu sein scheint. Bis sich die zerstörerische Dynamik durchsetzt. Jesus fordert uns auf, uns um einen selbstkritischen Blick auf unser Leben zu bemühen. Allerdings tut er das in maßloser Übertreibung, aber eben, um uns zur Vernunft zu bringen.

Dabei dürfen wir seine Rede nicht für eine moralische Rede halten. Nach dem Motto: Reißt euch am Riemen, dann geht das schon! Dann wären wir auf seine Übertreibungen gewissermaßen hereingefallen. Seiner Rede geht als Überschrift der Satz voraus: Unsere Gerechtigkeit soll größer sein als die der Schriftgelehrten und Pharisäer. Damit will Jesus nicht den Stand der Schriftgelehrten und Pharisäer beleidigen, noch sollen wir uns dadurch zu einem scheelen Blick auf orthodoxe Juden heute berechtigt sehen. Unsere Gerechtigkeitsvorstellungen sollen anders als bei ihnen begründet sein. Unser Bemühen, richtig zu leben, soll in dem Vertrauen gründen, dass Gott auf der Seite unseres Lebens und nicht gegen uns steht. Soll darin gründen, dass nicht wir unserem Leben Sinn geben müssen, sondern dass es diesen Sinn längst von Gott her hat. Mit anderen Worten: Wir dürfen leben im Raum der Geborgenheit, der Annahme, der Liebe durch Gott. Im Raum der Freiheit der Kinder Gottes. In diesem Raum sollen wir unser Leben gestalten.

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10.04.2011
4. Fastensonntag

Mit offenen Augen

1 Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. 2 Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Ober haben seine Eltern gesündigt, so dass er blind geboren wurde? 3 Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden. 4 Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann. 5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. 6 Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen 7 und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Schiloach heißt übersetzt: Der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen. 8 Die Nachbarn und andere, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte? 9 Einige sagten: Er ist es. Andere meinten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich. Er selbst aber sagte: Ich bin es. 10 Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen geöffnet worden? 11 Er antwortete: Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen und sagte zu mir: Geh zum Schiloach, und wasch dich! Ich ging hin, wusch mich und konnte wieder sehen. 12 Sie fragten ihn: Wo ist er? Er sagte: Ich weiß es nicht. 13 Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern. 14 Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte. 15 Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden sei. Der Mann antwortete ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen; dann wusch ich mich, und jetzt kann ich sehen. 16 Einige der Pharisäer meinten: Dieser Mensch kann nicht von Gott sein, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sagten: Wie kann ein Sünder solche Zeichen tun? So entstand eine Spaltung unter ihnen. 17 Da fragten sie den Blinden noch einmal: Was sagst du selbst über ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet. Der Mann antwortete: Er ist ein Prophet. 18 Die Juden aber wollten nicht glauben, dass er blind gewesen und sehend geworden war. Daher riefen sie die Eltern des Geheilten 19 und fragten sie: Ist das euer Sohn, von dem ihr behauptet, dass er blind geboren wurde? Wie kommt es, dass er jetzt sehen kann? 20 Seine Eltern antworteten: Wir wissen, dass er unser Sohn ist und dass er blind geboren wurde. 21 Wie es kommt, dass er jetzt sehen kann, das wissen wir nicht. Und wer seine Augen geöffnet hat, das wissen wir auch nicht. Fragt doch ihn selbst, er ist alt genug und kann selbst für sich sprechen. 22 Das sagten seine Eltern, weil sie sich vor den Juden fürchteten; denn die Juden hatten schon beschlossen, jeden, der ihn als den Messias bekenne, aus der Synagoge auszustoßen. 23 Deswegen sagten seine Eltern: Er ist alt genug, fragt doch ihn selbst. 24 Da riefen die Pharisäer den Mann, der blind gewesen war, zum zweitenmal und sagten zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist. 25 Er antwortete: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehen kann. 26 Sie fragten ihn: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet? 27 Er antwortete ihnen: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht gehört. Warum wollt ihr es noch einmal hören? Wollt auch ihr seine Jünger werden? 28 Da beschimpften sie ihn: Du bist ein Jünger dieses Menschen; wir aber sind Jünger des Mose. 29 Wir wissen, dass zu Mose Gott gesprochen hat; aber von dem da wissen wir nicht, woher er kommt. 30 Der Mann antwortete ihnen: Darin liegt ja das Erstaunliche, dass ihr nicht wisst, woher er kommt; dabei hat er doch meine Augen geöffnet. 31 Wir wissen, dass Gott einen Sünder nicht erhört; wer aber Gott fürchtet und seinen Willen tut, den erhört er. 32 Noch nie hat man gehört, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat. 33 Wenn dieser Mensch nicht von Gott wäre, dann hätte er gewiss nichts ausrichten können. 34 Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren, und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus. 35 Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn? 36 Der Mann antwortete: Wer ist das, Herr? (Sag es mir,) damit ich an ihn glaube. 37 Jesus sagte zu ihm: Du siehst ihn vor dir; er, der mit dir redet, ist es. 38 Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder. 39 Da sprach Jesus: Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden. 40 Einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten dies. Und sie fragten ihn: Sind etwa auch wir blind? 41 Jesus antwortete ihnen: Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.

Eine spannende Geschichte mutet uns der vierte Fastensonntag zu. Eine Geschichte, für die wir uns in ihrer ganzen Länge Zeit nehmen sollten. Sie nichts für eilige Leser. Als Steinbruch dieses oder jenen Satzes eignet sie sich nicht. Ein Bühnendrama wird uns vorgeführt, dessen Zuschauer wir sind. Ein Drama mit zwei gegenläufigen Bewegungen, die auf Höhepunkte zusteuern, die gegensätzlicher nicht sein könnten.

Die Hauptperson tritt am Anfang und am Ende auf, bleibt aber die ganze Zeit über das Thema: Jesus. Nur, wie er gesehen wird, wie unterschiedlich er eingestuft wird, anders vom geheilten Blinden und anders von einer Gruppe von Pharisäern, das macht die Dramatik aus. Da ist einer von seiner Blindheit geheilt worden. Er hat keine Ahnung, wer das war, dem er seine Heilung verdankt. Jesus hieß er, das wusste er. Mehr nicht. Genaueres konnte er nur zum Heilungsvorgang sagen, in allen Einzelheiten. Und man löcherte ihn ja auch danach, vor allem die Gruppe der Pharisäer. Der Mann, der dich heilte, kann kein guter Mensch sein, denn er heilte dich am Sabbat. Da tut man das nicht, das ist gegen das Gesetz. In dem Maße, in dem die Pharisäer Jesus in ein schlechtes Licht rücken, in eben dem Maße wächst beim Geheilten die Gewissheit, dass Jesus ein ganz besonderer Mensch sein muss. In seinen Augen ist er ein Prophet. Sogar innerhalb der Gruppe der Pharisäer bröckelt die Einheitsfront.

Vielleicht ist an Jesus tatsächlich etwas Besonders, denken die einen. Man kann ja nie wissen. Umso mehr verhärtet sich der Rest der Gruppe, die an Jesus kein gutes Haar lässt. Jesus sei ein topgefährlicher Mensch, er stifte Unruhe und bringe die Leute vom Glauben ab. Deshalb: Wer in ihm gar den Messias sieht, der wird exkommuniziert, aus unserer Synagogengemeinschaft hinausgeworfen. Das kam der Aberkennung aller zivilen Rechte gleich.

Jesus, sagen die Pharisäer, ist ein Sünder. Den Eindruck habe ich nicht, entgegnet der Geheilte. Sie wiederholen ihre Frage: Wie hat er dich denn geheilt? Wollt ihr es noch einmal hören? Fangt ihr an, an Jesus Interesse zu haben? Das war zuviel für ihre Ohren. Wir, und diesem Jesus nachlaufen? Nie und nimmer. Wir sind Jünger des Mose, der absoluten Autorität unseres Glaubens. Da geht nichts drüber. Aber bitte, so der Geheilte, ihr wisst doch, dass Gott einen Sünder nicht solche Heilungswunder tun lässt. Jesus ist für mich von Gott. Dieses Bekenntnis schmerzt in ihren Ohren, und sie werfen ihn hinaus, sie exkommunizieren ihn aus der Gemeinschaft der Rechtgläubigen.

Mit dem Hinauswurf ist das Drama nicht beendet, für beide Seiten nicht. Jesus tritt auf und konfrontiert den Exkommunizierten mit einer Frage: Glaubst du an den Menschensohn? Der Puls des Angesprochenen schlägt höher. Ja, und wer ist das? Der, den du siehst, der mit dir spricht, der ist es. Da kommt kein Debattieren auf. Wie? Menschensohn? Noch nie gehört. Was soll das heißen? Das sagt mir nichts. Stattdessen: Ja! Ja! Nichts als ein Ja kommt aus seinem Mund. Ja, ich glaube. Damit ist der eine Höhepunkt der Handlung erreicht. Aber es gibt noch die andere Seite, die Gruppe der Pharisäer. Sie haben die Bemerkung Jesu aufgeschnappt, dass die Blinden Sehende werden, und die Sehenden blind. Das kostet sie ein müdes arrogantes Lächeln. Nicht doch! Willst du sagen, wir blind? Nein, sagt Jesus, bei euch verhält es sich schlimmer. Wäret ihr einfach blind, wäre das kein Problem. Aber ihr bezeichnet euch als sehend, als wissend. Ihr wollt nicht sehen. Das macht eure Sünde aus. Darin erreicht die zweite Spielhandlung ihren Höhepunkt, besser gesagt, ihren Tiefpunkt. Da der Glaube an Jesus, dort, wider besseres Wissen, nichts als blanke Ablehnung.

Was fangen wir mit dieser dramatischen Spielhandlung und ihren unterschiedlichen „Höhepunkten“ an? Wir sollten uns am geheilten Blinden orientieren. Das sagt uns das Evangelium allein schon von seiner ganzen Anlage her. Aber was heißt das, uns am Geheilten zu orientieren? Es heißt, darauf aufmerksam zu werden, dass Glauben ein Prozess ist, der Zeit in Anspruch nimmt, auch wenn unser Evangelium diesen Prozess auf wenige Stunden zusammendrängt. Im realen Leben dauert dieser Prozess ein Leben lang. Beim Geheilten war das ein geradliniger Prozess, der ihn vom flüchtig gekannten Namen Jesu zum uneingeschränkten Glauben an ihn führte. Damit wird uns eine Zielgerade vor Augen gestellt, auf der wir uns fortbewegen sollen, im Auf und Ab unseres Lebens, auch wenn sich immer wieder Schwierigkeiten in den Weg stellen. Die Frage Jesu „Glaubst du an mich“ stellt sich uns nicht anders als beim Geheilten. Sie stellt sich aus dem Stoff, aus den Widerfahrnissen und Erfahrungen unseres Lebens. Wir müssen nur unsere Augen aufmachen.

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22. Mai 2011
5.Sonntag der Osterzeit

Gründonnerstagstöne

1 In jener Zeit sprach Jesus: Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott, und glaubt an mich! 2 Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? 3 Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. 4 Und wohin ich gehe - den Weg dorthin kennt ihr. 5 Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin die gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen? 6 Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich. 7 Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen. 8 Philippus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns. 9 Jesus antwortete ihm: Schon so lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater? 10 Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke. 11 Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, glaubt wenigstens aufgrund der Werke! 12 Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater.

Man vergisst es zu leicht, weil man denkt, Leiden und Passion Jesu, das sei längst vorbei. Jetzt sei Osterzeit, Zeit der Auferstehung. Aber der johanneische Jesus spricht die Worte in Joh 14,1-12 beim Abschiedsmahl mit seinen Jüngern, beim Abendmahl vor seinem Leiden. Jesus weiß, dass sein Jünger es nötig haben, aufgebaut, gestärkt zu werden, angesichts dessen, was die nächsten Stunden, der nächste Tag bringen werde: seine Hinrichtung, seinen Tod, den das Johannesevangelium allerdings in kühner Überhöhung als „Erhöhung“ darstellt.

Und in kühner Überhöhung, die so gar nicht zur Situation des Abends des Gründonnerstags zu passen scheint, schwingen die Sätze Jesu weiter. Die Jünger sollen sich nicht irre machen lassen, sie sollen an Gott, den Vater, und an ihn glauben. Er werde gehen – so spricht Jesus von seinem bevorstehenden Sterben! -, um ihnen beim Vater eine Bleibe, einen Ort einzurichten. Und er werde wiederkommen, um sie dorthin zu holen, wo er sei. Den Jüngern kommen die Worte Jesu rätselhaft vor. Das geht ihnen alles zu schnell. Thomas gibt zu verstehen: Herr, wir verstehen gar nichts mehr. Ich bin, antwortet Jesus, der Weg, die Wahrheit, das Leben. Ich bin der Weg zum Vater. Wenn ihr mich seht, seht ihr den Vater. Nun geht es Philippus zu schnell: Wie? Wenn wir dich sehen, sehen wir den Vater? Bitte, zeig uns den Vater! Philippus, antwortet Jesus daraufhin, wer mich sieht, sieht den Vater. Es ist so, wie ich eben gesagt habe. Und wenn euch das zu schnell geht, sage ich das Gleiche anders: Ich bin im Vater, und der Vater ist in mir. Wenn ich mit euch rede, dann sind das nicht meine Worte, sondern dann setzt in ihnen mein Vater eine neue Wirklichkeit. Wenn es euch schwer fällt, meinen Worten zu glauben, so haltet euch an die neue Wirklichkeit, die der Vater durch mich gesetzt hat. Aber das ist erst der Anfang: Wer an mich glaubt, wird an dieser neuen Wirklichkeit weiter weben, sie wird größer, wird wachsen, wird sich ausbreiten, während ich beim Vater bin.

Es sind unglaublich dichte Worte, die Jesus hier spricht, in der Situation des Gründonnerstags. Hohe, wie man meinen könnte, überhöhte Worte, von einem gesprochen, der sich kurz vorher klein gemacht hatte und den Jüngern die Füße gewaschen und ihnen gesagt hatte, im Bild der Fußwaschung sollten sie ihren Dienst in seiner Nachfolge auf sich nehmen, während er zum Vater gehe, das heißt, einen qualvollen Tod auf sich nehme.

Es mag sein, dass wir in diesen Tagen vor dem Fest Christi Himmelfahrt die Worte Jesu vom Weggehen auf seine Himmelfahrt beziehen. Ja, es mag sein, dass die liturgische Leseordnung Joh 14,1-12 unter Bezug auf das Fest Christi Himmelfahrt ausgewählt hat. Aber so bewirkt die Leseordnung eine Überfremdung, die dem Text, die den im Abendmahlssaal gesprochenen Worten Jesu nicht zugrunde liegt. Es geht um Jesu bevorstehenden Tod und um die Deutung der neuen Lage, die sein Tod für die Jünger mit sich bringt. Aus jedem einzelnen Wort spricht Jesu Gewissheit, dass mit seinem Tod sein Leben nicht einfach ins Nichts versinkt. Sein Ende führe zur Erhöhung beim Vater. Und vor diesem Ende will er den Jüngern die Augen dafür öffnen, in welcher Unmittelbarkeit mit Gott, seinem Vater, er sein Leben gelebt hat. Und in welcher Unmittelbarkeit der Vater mit ihm lebt.

Das konnte in der Situation des Gründonnerstags bei den Jüngern nicht ankommen. Das war zu viel für sie. Man hört nichts von Begeisterung, nichts von innerem Jubel, nichts von heiligem Erschrecken, wie nah ihnen Gott, der Vater, in Jesus gekommen war. Das brauchte Zeit, das brauchte die Bewältigung des Todes Jesu, das brauchte die Erfahrung seiner Auferstehung, damit sie in diese dichte Beziehung Jesu zu Gott, seinem Vater, und des Vaters zu Jesus hineinwachsen konnten.

Den Jüngern ging es nicht anders als uns, bzw. uns geht es nicht anders als den Jüngern. Auch wir stehen immer wieder erst am Anfang, am Anfang unseres Glaubens, Jesus in dieser dichten Beziehung zu Gott, seinem und unserem Vater, zu sehen. Ja, nicht bloß zu „sehen“, als ginge es lediglich um einen denkerischen Akt der Bewältigung dieser Beziehung. Es geht darum, auf dieser Beziehung unser Leben aufzubauen – als gläubige und freilich im Glauben auch immer wieder strauchelnde Menschen.

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10. Juli 2011

15. Sonntag im Jahreskreis

Es ist gesät

Mt 13,1-23

1 An jenem Tag verließ Jesus das Haus und setzte sich an das Ufer des Sees. 2 Da versammelte sich eine große Menschenmenge um ihn. Er stieg deshalb in ein Boot und setzte sich; die Leute aber standen am Ufer. 3 Und er sprach lange zu ihnen in Form von Gleichnissen. Er sagte: Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen. 4 Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg, und die Vögel kamen und fraßen sie. 5 Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war; 6 als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte. 7 Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen, und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat. 8 Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach. 9 Wer Ohren hat, der höre! 10 Da kamen die Jünger zu ihm und sagten: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? 11 Er antwortete: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu erkennen; ihnen aber ist es nicht gegeben. 12 Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. 13 Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen, weil sie hören und doch nicht hören und nichts verstehen. 14 An ihnen erfüllt sich die Weissagung Jesajas: Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen; sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen. 15 Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden, und mit ihren Ohren hören sie nur schwer, und ihre Augen halten sie geschlossen, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören, damit sie mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen, damit sie sich nicht bekehren und ich sie nicht heile. 16 Ihr aber seid selig, denn eure Augen sehen und eure Ohren hören. 17 Amen, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben sich danach gesehnt zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört. 18 Hört also, was das Gleichnis vom Sämann bedeutet. 19 Immer wenn ein Mensch das Wort vom Reich hört und es nicht versteht, kommt der Böse und nimmt alles weg, was diesem Menschen ins Herz gesät wurde; hier ist der Samen auf den Weg gefallen. 20 Auf felsigen Boden ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört und sofort freudig aufnimmt, 21 aber keine Wurzeln hat, sondern unbeständig ist; sobald er um des Wortes willen bedrängt oder verfolgt wird, kommt er zu Fall. 22 In die Dornen ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort zwar hört, aber dann ersticken es die Sorgen dieser Welt und der trügerische Reichtum, und es bringt keine Frucht. 23 Auf guten Boden ist der Samen bei dem gesät, der das Wort hört und es auch versteht; er bringt dann Frucht, hundertfach oder sechzigfach oder dreißigfach. Mt 13,1-23

Das heutige Evangelium wirft aufgrund seiner Komposition Fragen auf. Einerseits ist es leicht verständlich. Das Gleichnis vom Sämann meinen wir all gut zu verstehen. Dass da beim Aussäen nicht alles aufgeht, ist eigentlich klar. Jesus zeigt sich dabei als begnadeter Erzähler, der Bilder entwirft, die man sofort versteht, die man klar vor Augen hat. Alles klar, möchte man meinen.

Doch da wird die Harmonie seiner Bilder durch einen schrillen Missakkord gestört, der das Gleichnis nicht nur unterbricht, sondern den Sinn des Gleichniserzählens überhaupt in Frage stellt. Warum sprichst du eigentlich in Gleichnissen, fragen die Jünger. Sie fallen Jesus gewissermaßen mit ihrer Frage ins Wort, noch bevor er sein Gleichnis überhaupt zu Ende erzählt hat. Eine merkwürdige Bruchstelle, der man ansieht, dass es sich bei ihr wirklich um einen Bruch handelt. Er passt nicht hierher, ja, er steht im Widerspruch zu der Tatsache, dass Jesus mit seiner Deutung des Gleichnisses weiter fährt, als sei nichts gewesen.

Ich denke, in diesem Bruch, den das Matthäusevangelium in Kauf nimmt, ja, den es selbst produziert hat, spiegelt sich die Erfahrung der Urgemeinde, der ersten Christen wider, dass sie mit der Botschaft Jesu, des Auferstandenen, auf Unverständnis, auf taube Ohren, auf Desinteresse und Abwehr stießen. Sie, die sich auf den Weg Gottes gemacht hatten (vgl. Apg 18,26), waren mit Eifer dabei, die Botschaft des Auferstandenen weiter zu sagen, sie in ihrer Umgebung zu bezeugen, und machten dabei die Erfahrung, dass sie bei den Leuten abprallte und wie beim Ping-Pong-Spiel auf sie selbst zurückfiel.

In dieser Erfahrung fanden sie Trost in einem Wort des Propheten Jesaja, der gesagt hatte, dass Leute zwar hören, zum Beispiel etwas von Gott hören, aber dabei nicht hinhören; dass sie irgendwie wahrnehmen, was man ihnen bietet, in Wirklichkeit aber keinen Blick darauf verschwenden. Ihr Herz hart, die Ohren zu, die Augen geschlossen.

Der deprimierende Einschub passt nicht zum Duktus des Gleichnisses Jesu vom Sämann. Das gibt einen Einblick frei, wie neutestamentliche Texte entstanden sind, mit welcher Freizügigkeit, um es so zu nennen, die biblischen Autoren - unter der Führung des Heiligen Geistes - mit den Erinnerungen an Jesus und an seine Worte umgegangen sind. Sie konnten und wollten die Erfahrungen ihres Lebens und ihres Glaubens mit in die biblischen Texte aufnehmen und sie dort thematisieren. Dabei taten sie dem Gleichnis vom Sämann in gewisser Weise Gewalt an. Denn nach ihm fiel zwar einiges auf den Weg, auf steinigen Boden und unter Dornen, aber entscheidend waren die Samenkörner, die aufgingen, die Frucht brachten, und zwar, im Stil von tausendundeiner Nacht, hundertfach, sechzigfach und dreißigfach.

Auf diesem guten Ende liegt das Gewicht des Gleichnisses! Auf dieses Ende sollten auch wir den Blick richten. So relativiert sich unsere gewöhnliche Lesart des Gleichnisses. Es kommt nach ihm nicht darauf an, wo die Saat hingefallen ist. Das kann auch ganz ungünstiger Boden gewesen sein. Entscheidend ist, was dabei herauskommt.

Und damit sind wir bei uns. Wir könnten unter dem Eindruck des Gleichnisses auf den Gedanken kommen zu sagen: Bei dem Elternhaus, aus dem ich stamme, bei den Bedingungen, unter denen ich groß geworden bin, vielleicht als Scheidungswaise, herumgereicht, herumgeschoben - wie soll da mein Leben religiöse Tiefe haben können? Wie soll ich da vor Gott hundertfach oder sechzigfach oder dreißigfach Frucht bringen? Wir hadern nicht selten mit uns. Sehen eher, dass wir schlechte Startchancen ins Leben hatten. Andere hatten da weit bessere, meinen wir. Und so denken wir, wir können (und müssen) uns in unserem Leben, auch auf dem Feld der Religion, des Glaubens, nicht so entwickeln, wie es anderen gelingt.

Ginge uns das durch den Kopf, dann will uns das Gleichnis eine Hilfe sein, uns andersherum die Augen zu öffnen. Jeder von uns hat auch guten Boden, auf dem die Saat Gottes, auf dem unser Leben vor Gott aufgehen kann. Keiner hat nur Dornen, Disteln und steinigen Boden. Keiner hat auch nur guten Boden. Uns am Bild der hundertfachen, sechzigfachen und dreißigfachen Frucht zu orientieren und auf diesem Bild unser Leben aufzubauen, dazu will uns das Gleichnis anstoßen. Denn: Jeder hat guten Boden!

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28. August 2011
22. Sonntag im Jahreskreis

Gottes Wille?

Mt 16,21-27

In jenen Tagen begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären, er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten vieles erleiden; er werde getötet werden, aber am dritten Tag werde er auferstehen. Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe; er sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen! Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. Darauf sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen? Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommen und jedem Menschen vergelten, wie es seine Taten verdienen. Mt 16,21-27

Mitten in der schönsten Urlaubszeit - auch wenn sie langsam zu Ende geht und uns das Wetter nicht verwöhnt hat -, mitten in dieser Zeit die Ankündigung Jesu von seinem bevorstehenden Leiden und Tod und seiner Auferstehung? Das erwischt uns irgendwie kalt. Und das auch noch aus einem weiteren Grund: Exakt vor einer Woche, im Evangelium des letzten Sonntags (Mt 16,13-20), steht Petrus als strahlender Held da, der ein glasklares Bekenntnis zu Jesus abgibt: "Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes." Und auf ihm sollen die Säulen der Kirche ruhen.

Und heute der Crash. Jesus selbst ist es, der das Thema anschneidet. Er begann damit wahrscheinlich mit aller Vorsicht, weil er wusste, was er damit seinen Jüngern zumutete. Er begann von seinem Leiden, von seinem gewaltsamen Ende in Jerusalem zu sprechen. Da konnte er bei den Jüngern nur auf Ablehnung, auf helle Empörung stoßen, auch wenn Jesus sie mit aller Vorsicht an das Thema heranführte. Für sie passte das nicht zusammen: Sohn des lebendigen Gottes und gewaltsamer Tod durch das religiöse Establishment in Jerusalem. Jesus muss "von da an", nach dem Petrusbekenntnis, mehrfach angesetzt haben, von seinem Leiden zu reden. Er "begann" damit. Und Petrus begann ebenso, dem Herrn diese Vorstellung auszureden. Nein, das wird nicht so kommen. Gott, der dich beschützt und behütet, lässt das nicht zu.

Das Mt- Evangelium drängt dies alles in eine einzige Szene, die zum Crash führt: Aus meinen Augen, Satan, fährt Jesus Petrus an. Der, auf dem die Säulen der Kirche ruhen sollen, wird zum Satan, zum Widerpart? Der arme Petrus? Nein, es ist Petrus, der sich mit den anderen Jüngern Gedanken über ihre Zukunft mit Jesus macht. Mit Jesus, der, so viel haben sie begriffen, die dichteste und verlässliche Zusage Gottes an ihr Leben, ja, an ihre Zeit ist. Petrus, du bist für mich zum Skandal geworden! Du denkst nicht die Gedanken Gottes, sondern die Gedanken von Menschen.

Die deutsche Übersetzung sagt an der Stelle: "Petrus, du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen." Das ist keine gute Übersetzung, denn von Gottes Wille ist im biblischen Text nicht die Rede. Es ist nicht davon die Rede, dass Gott, der Vater, es wolle, sozusagen darauf bestehe, dass Jesus einen schrecklichen Tod sterbe. Um so, wie wir dann schlicht folgern, durch den Tod des Sohnes mit uns versöhnt zu werden. Es ist anders. Nicht Gott musste mit uns versöhnt werden, sondern "Gott hat die Welt mit sich versöhnt, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete " (2 Kor 5,19).

Wer Essig in den Wein der Versöhnung goss, wer die Botschaft des nie untreu gewordenen göttlichen Vaters, des "abba", nicht annahm, wer sich ihr verschloss und auf wessen Kappe der Tod Jesu ging: das waren die Menschen seiner Zeit. Und darauf ließen sich Jesus und mit ihm Gott, der Vater, in einer nicht mehr überbietbaren Erniedrigung ein (vgl. Phil 2,5-11). So wurde Jesus zum Offenbarer eines Gottes, der Juden ein Skandal und Heiden eine Narretei war (vgl. 1 Kor 1,23-24), den an Jesus Glaubenden aber ein Lichtblitz auf die Wirklichkeit des menschlichen Lebens: Im tiefsten Sumpf, in der letzten Sinnlosigkeit und Ausweglosigkeit des Lebens, in den tiefsten Abstürzen ist der sich in seinem Sohn erniedrigende Gott an unserer Seite.

Irgendwie will das nicht in unseren Kopf. Wozu soll das gut sein, wenn sich dabei nichts tut?

Wenn wir uns von solchen Gedanken lösen, beginnen wir vielleicht zu ahnen, dass da viel mehr dahinter ist. Gott hält in den tiefsten Abstürzen und herbsten Enttäuschungen zu uns, in einer Weise, die wir nicht mehr nachvollziehen können. Unsere Abstürze, unsere Ausweglosigkeiten erreichen einen nicht vorstellbaren, aber im Glauben geglaubten Zielpunkt: unsere Auferstehung, so wie Jesus in seine Auferstehung einging.

Per aspera ad astra - sagt eine alte Weisheit. Durch die Rauheit des Lebens zu den Sternen. Der wirkliche Stern unseres Lebens ist unsere

16.10.2011 29. Sonntag im Jahreskreis

Kirchweih - Fest der Herausforderung

Am Kirchweihfest lassen uns die Evangelien im Stich. Es gibt kein passendes Evangelium zum Fest. Weder das Christusbekenntnis des Petrus in Mt 16,13-19 noch die Berufung des Zöllners Zachäus in Lk 19,1-10, weder die Vertreibung der Händler aus dem Tempel in Joh 2,13-22 noch das Gespräch Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen in Joh 4,19-24 fügen sich so recht in das Kirchweihfest ein.

Das sollte uns nicht wundern. Die Entstehungszeit des Neuen Testaments kannte keine Kirchen, und also auch keine Einweihung von Kirchen. Die Christen versammelten sich, in allmählicher Ablösung vom Tempel, am ersten Tag der Woche, am Tag der Auferstehung Jesu, in ihren Häusern, vornehmlich in den Häusern jener, die Platz boten. Auch in den von Paulus gegründeten Gemeinden gab es keine Kirchen, sondern passende Versammlungsorte, ähnlich wie heute Vereine und Gruppen ihre Versammlungsorte haben. Bei Gemeinde, bei Kirche ging es nicht um Gebäude aus Ziegel und Stein. Es ging um Menschen, die sich im Glauben an den Auferstandenen versammelten. Schon von Anfang an aber geschah das nicht immer in reinster Harmonie. Die sozialen Schichtungen und Parteiungen des Lebens wirkten sich bis in die christlichen Gemeinden hinein aus, machten sich in der Feier der Versammlung bemerkbar, worüber Paulus im ersten Korintherbrief laut Klage führt (1 Kor 11,20-22).

Dass wir heute am Kirchweihfest an unsere Kirchen denken, die meist unsere Vorfahren vor langer Zeit gebaut haben und die zum Bild unserer Städte und Dörfer gehören, ist das eine. Und nach wie vor nicht Unwichtige. Dass wir aber bei Kirche, bei Gemeinde biblisch und theologisch eigentlich zuerst an die Menschen zu denken haben, ist das andere und Wichtigere. Das wollte das Zweite Vatikanische Konzil neu in unser Bewusstsein heben. Die Kirchenkonstitution Lumen gentium spricht davon, dass die Kirche in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschen ist (LG 1). Damit meint sie die Menschen, die glauben, die sich Gottes Offenbarung und seiner Präsenz in den Zeichen der Zeit öffnen.

Damit ist etwas sehr Wichtiges berührt. Der Glaube besteht nicht eigentlich in einer feststehenden Glaubensdoktrin, geschehe um sie herum, was immer es sei: Relativismus, Säkularisierung, Materialismus, Gottesvergessenheit. Das Konzil machte deutlich, dass die Kirche, dass die Gläubigen von der Welt, von den Einflüssen einer Zeit, einer Gesellschaft mitgeformt werden und von ihnen gewissermaßen als Gläubige geformt und geschliffen werden. Die Kirche, die Gläubigen sind kein heiliger Schrein hinter Sicherheitsglas und Alarmanlage. Sie werden von der Welt und den Menschen mitgeformt, "die in Christus geeint, vom Heiligen Geist auf ihrer Pilgerschaft zum Reich des Vaters geleitet werden." GS 1). Die Gemeinschaft der Gläubigen "erfährt … sich mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens verbunden" (GS 1).

Das ist nicht als moralische Verbundenheit zu verstehen, in der sich die Kirche, die Gläubigen gewissermaßen aus sicherem Abstand huldvoll zu den Querelen der Welt hinabbeugen. Diese Verbundenheit ist ein Grundprinzip der Kirche, ohne das die Gläubigen nicht wirklich Kirche, nicht wirklich Gläubige, nicht wirklich "Sakrament in Christus" sind. Aus der Verbundenheit mit der Menschheit gewinnen sie den aktuellen Zugang zu Gottes Offenbarung, zu seiner Sprache in den Zeichen der Zeit.

Das Kirchweihfest zu feiern heißt vor diesem Hintergrund, über unsere geschätzten Kirchenräume hinauszublicken und die jeweils aktuelle Situation als Gottes Wort an uns zu vernehmen, als Einladung und Herausforderung an uns, über das vermeintlich Konstante und Feststehende hinaus, Gott im Neuen zu begegnen. Das könnte am Ende an Zachäus erinnern, der ebenso zu ganz Neuem berufen wurde und diesem Ruf folgte.

Feiern wir das Kirchweihfest als Gläubige, die darauf vertrauen, dass das eigentlich Neue mit Gott immer erst vor uns liegt.

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04. Dezember 2011
2. Adventsonntag

Von Anfang an

1Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes: 2 Es begann, wie es bei dem Propheten Jesaja steht: Ich sende meinen Boten vor dir her; er soll den Weg für dich bahnen. 3 Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! 4 So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf und verkündigte Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden. 5 Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen. 6 Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften, und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig. 7 Er verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren. 8 Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen. Mk 1,1-8

Es ist merkwürdig genug: Der Evangelist Markus beginnt das Evangelium von Jesus Christus - mit Johannes, dem Täufer. Der Täufer steht am Anfang, und zwar als einer, der im Grunde keine "eigene" Sendung hat. Das Evangelium charakterisiert ihn als Vorläufer, als Wegbereiter für einen anderen, für einen Größeren, der nach ihm komme. Dieser Aufgabe gibt sich Johannes ganz hin. Damit macht er sich kleiner, als er wirklich war, nur, damit der größer herauskomme, der nach ihm kommt: Jesus Christus.

So stellt Markus, ähnlich wie es das Matthäus- und Lukasevangelium durch das Stilmittel der Kindheitsgeschichte Jesu getan haben, die einmalige Größe und Sendung Jesu heraus. Diese Ziel verfolgt Markus mit seiner "Täufer-Ouvertüre". An den, auf den der Täufer hinweist, knüpft sich eine neue Erkenntnis, an ihm kann den Menschen ein Licht aufgehen, das zwar nicht neu ist, den Menschen aber wie neu vorkommt.

Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, Gott habe sich über die Jahrhunderte vor der Menschwerdung seines Sohnes gewissermaßen zurückgehalten und zurückgezogen. Womöglich aus Groll über die Untreue und Schuld der Menschen. Wir dürfen Gottes immer gleiche Haltung der Liebe und Nähe zur Welt und zu den Menschen aller Zeiten nicht in Fragmente zerstückeln und sie so gewissermaßen in Frage stellen. Als lägen Jahrmillionen bzw. Jahrhunderte im kalten Schatten entzogener Gottesliebe. Erst habe Gott die Welt erschaffen, dann habe er ein "auserwähltes Volk" berufen, dann über Jahrhunderte hinweg Gottesmänner und Propheten gesandt, bis es schließlich zur Menschwerdung des Gottessohnes kam. Nein, das alles müssen wir als einen einzigen Akt sehen, in dem Gott seine liebende Beziehung zu uns Menschen kundtut. Die vor der Zeit Jesu lebenden Menschen waren, so gesehen, vor Gott nicht ärmer dran als die in den letzten zwei Jahrtausenden nach Christus Geborenen.

Darauf verweist uns schon, von uns meist überlesen bzw. überhört, der Satz aus dem zweiten eucharistischen Hochgebet: "… damit uns das ewige Leben zuteil wird … mit allen, die bei dir Gnade gefunden haben von Anbeginn der Welt." Von Anbeginn der Welt! Vielleicht fällt uns diese Sicht auf die durchgängig gleichbleibende Beziehung Gottes zu den Menschen aller Zeiten und Räume leichter, wenn wir den ersten Satz aus der Genesis, "im Anfang schuf Gott Himmel und Erde", und den ersten Satz des Markusevangeliums, "Anfang des Evangeliums von Jesus Christus" ineinander zu lesen lernen. Mit anderen Worten: Dem Markusevangelium geht es an diesem 2. Advent nicht um Johannes, den Täufer, sondern um unser Augenmerk auf den Größeren, auf Jesus Christus, der längst gekommen ist. In dem sich die von Gott immer durchgehaltene und ungebrochene Liebe zu uns unüberbietbar gezeigt hat.

Markus weiß aber um die Schwerhörigkeit der Menschen gegenüber Gott. Deshalb greift er die Bewegung, die Johannes, der Täufer, als Bußprediger damals ausgelöst hat, als Motiv auf, damit wir uns für die Botschaft von Gottes Präsenz in der Welt und unserem Leben öffnen. Das deutet sich im heutigen Evangelium wohl darin an, dass es die Johannestaufe auffällig relativiert. Johannes taufe mit Wasser; beinahe könnte man heraushören, er koche nur mit Wasser. Das Eigentliche bringe der Kommende, der Größere. Er hat sich uns gezeigt. Wir sollen durch die Taufe mit dem Heiligen Geist auf den Geschmack kommen, wie sehr uns Gott liebt.

In keinem Menschen ist die Nähe Gottes dichter geworden als in Jesus, mit dem Gott war (Apg 10,38), und der seinerseits aus dieser Nähe zu Gott lebte. Sie war für ihn wie eine Taufe, die sein ganzes Leben, bis in den Tod hinein, bestimmte, bis in einen Tod, der von letzter Grausamkeit war, unter der Gott, der Vater, selbst mitlitt. Den er aber verwandelte in Auferstehung und Leben. Damit stehen wir nicht mehr am Anfang, sondern am Ende des Evangeliums unseres Herrn Jesus Christus - eines Anfangs und eines Endes, von dem her wir unser Leben deuten sollen. Gerade jetzt in der Adventszeit.

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22. Januar 2012

3. Sonntag im Jahreskreis

Umkehr - wohin?

Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium! Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihr Netz auswarfen; sie waren nämlich Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm. Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her. Sofort rief er sie, und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach. Mk 1,14-20

Die Johannes-Ouvertüre des Markusevangeliums, in der Jesus aus Nazaret den "basso continuo" übernimmt, indem er sich - wie viele andere - von Johannes taufen lässt, endet bei Markus abrupt mit der Inhaftierung des Täufers. Der gerät hinter Schloss und Riegel. Kaum fällt hinter ihm die Gefängnistür krachend in Schloss, beginnt bei Markus das Jesusdrama. In Galiläa, woher Jesus kam. Markus legt dabei ein hohes Tempo vor, wie im Zeitraffer. Für eine Feinzeichnung im Detail hat er keine Zeit. Er liefert Paukenschläge, die die Aufmerksamkeit darauf lenken sollen, was alles kommen werde, was von diesem Jesus aus Nazaret alles zu erwarten sei. Bei Markus fackelt er nicht lange, sondern gibt Fanfarenstöße von sich: Er verkündet eine frohe Botschaft. Welche, sagt Markus nicht genau. Markus belässt es dabei zu sagen, die Zeit verdichte sich mit Jesus, mit ihm sei das Reich Gottes greifbar nahe.

Diese plakative Redeweise, wie im Stenogramm, auf der einen Seite herausfordernd, auf der anderen wie um Geduld bittend, es werde alles noch deutlicher, was Jesus alles "im Gepäck" habe, diese lediglich andeutende Redeweise bei Markus könnte uns enttäuschen. Wir hätten es lieber, wäre Markus von Anfang an deutlicher geworden. Aber er wurde es nicht. Nicht deshalb, weil er einen zu flinken Griffel geführt hätte, sondern weil das, was mit Jesus kam, nur in einem länger angelegten Prozess und demnach auch in einem länger angelegten Schreibprozess zu bewältigen und zu übermitteln war.

"Kehrt um und glaubt an das Evangelium." Da kommt Markus etwas in die Bredouille. Man soll an das glauben, was gerade erst unter seiner Hand schriftlich im Entstehen ist! Etwas, was erst Jahre später in den festen Begriff eines "Evangeliums" münden wird. Was zeitlich nacheinander im Entstehen ist, erst bei Markus, dann bei Matthäus, dann bei Lukas und dann bei Johannes. Markus jedenfalls ist in Eile, in einer gewichtigen Eile, die in der Botschaft Jesu selbst begründet ist.

Kaum ist das bei ihm gesagt, dass das Reich Gottes nahe sei, eilt Markus an einen anderen Ort, an den See von Galiläa. Dorthin, wo Fischer ihrem Beruf nachgehen. Und es ist wie im Vorübergehen. Ein Blick auf zwei Fischer, auf Simon und Andreas, ein aufforderndes Wort, und schon lassen sie ihre Netze zurück und folgen Jesus. Sie lassen ihren Beruf, ihr Umfeld zurück, mit dem sie "vernetzt" waren. Mit den Netzen ist viel mehr gemeint als nur die sich bei jedem Fischfang verknäuelnden und wieder zu entknäuelnden Reusen. Gemeint ist ihr, der Fischer, gesamtes Umfeld. Und das sollen sie auf einen Blick, auf eine einzige Aufforderung hin aufgegeben haben? Einfach so? Nein, bei Markus ist das ein stilistisches Mittel, mit dem er die Bedeutung der Sache Jesu herausstellt. Ein stilistisches Mittel also und kein wörtlicher Bericht über einen realen Ablauf. Und es wiederholt sich, nach wenigen Schritten, bei Jakobus und Johannes. Auch sie Fischer, zusammen mit ihrem Vater, der sogar namentlich genannt wird - so viel Zeit muss sein, denkt man sich da -, Netze ausbessernd. Die Beiden verlassen diesmal nicht bloß die Netze, sondern den Vater und alle die Tagelöhner, die mit dem Fischfang beschäftigt sind.

Das war's, das ist es fürs erste, was uns das Evangelium heute übermittelt. Das Wichtigste steht dabei nicht auf den Zeilen, sondern zwischen den Zeilen. Oftmals ist das ja bei der Begegnung mit der Heiligen Schrift unser Problem: Wir bleiben beim wörtlichen Text stehen, grübeln über ihn nach und verheddern uns bei im Text nicht Gesagtem. Das droht auch dem Fanfarenstoß: Die Zeit sei erfüllt. Das Reich Gottes sei nahe! Würden wir das so verstehen, als sei damit gesagt, Gott habe sich nach einer langen Trennung eines Besseren besonnen und kündige nun in Jesus seinen baldigen Auftritt, seine Rückkehr gewissermaßen, an, dann hätten wir den Fanfarenstoß gründlich missverstanden.

Gott ist nahe! Das verkündet Jesus. Gott ist präsent. Es ist, als würde Jesus sagen: Warum überseht ihr das dauernd in eurem Leben? Er ist nahe. Macht eure Augen, macht eure Herzen, macht euer Leben auf! Das ist die "Umkehr", zu der Jesus auffordert. Nicht also um eine schnellere, aber um eine tiefere Gangart in unserem Leben geht es. Wir sollen uns darauf verlassen und davon getragen wissen, dass Gott inmitten der Wirklichkeit unseres Lebens präsent ist. Simon, Andreas, Jakobus und Johannes haben sich davon in Jesus anstecken lassen. Nicht schlagartig, nicht ein für alle Mal, eher zögerlich, mit Rückschlägen, manchmal mit einem zweifelnden Blick. Aber sie hatten mit der Umkehr begonnen. Tun wir es ihnen nach!

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